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Tina Asmussen

Scientia Kircheriana

Die Fabrikation von Wissen bei Athanasius Kircher

Band 2 der »Kulturgeschichten. Studien zur Frühen Neuzeit«,

herausgegeben von Arndt Brendecke, Peter Burschel, Ulrike Gleixner und Daniela Hacke

Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

© 2016 by Didymos-Verlag, Affalterbach

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Coverabbildung: Zweihändig schreibender Gelehrter. Detail (geringfügig verändert) aus dem Frontispiz von: Gioseffo Petrucci, Prodomo Apologetico alli Studi Chircheriani, Amsterdam 1677. Universität Basel Hauptbibliothek, Ji III 17

Gestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Satz: Böckmanns Medienproduktion, Waiblingen

ISBN 978-3-939020-43-1 (Buch)

ISBN 978-3-939020-91-2 (E-Book)

Einleitung

Forschungskontext und methodische Prämissen

Quellengrundlage und Aufbau der Arbeit

Rom: Städtische Bühne und Welttheater

Rom und die Wissenschaften

Das Collegio Romano: Schaltstelle des Jesuitenordens

Domus Kircheriana: Das Museum

Athanasius Kircher, Kustos des Museums

Wissen und Herrschaftsraum: Kircher und das pamphilische Repräsentationstheater

Wissen im Dienste der päpstlichen Politik: Die Ankunft der schwedischen Königin in Rom

Wissen im Dienste des päpstlichen Kulturprogramms

Athanasius Kirchers Korrespondenz im Kontext des jesuitischen Kommunikationswesens

Agieren auf dem Buchmarkt: Wissensproduktion und Koordination von Ressourcen

Korrespondenz- und Buchwege: Rom – Köln – Amsterdam

Katholische Vermittler in Kirchers Buchgeschäften nördlich der Alpen

Caspar Schott (1608–1666)

Barthold Nihus (1590–1657) und Jodocus Kedd (1597–1657)

Wissenstransformatoren am Hof

Wissen als Instrument der Konfessions- und Machtpolitik

3. Zeigen und verdecken – Geheimnis und Offenbarung: Funktionsprinzipien der Scientia Kircheriana

Kirchers Naturphilosophie zwischen Empirie, Geheimnis und Wunder

Überzeugende Geheimnisse im Scrutinium physico-medicum

Visualisierung von Geheimnissen: Kirchers Bild-Rhetorik

Imaginationsfluchtpunkt und Emblem der Scientia Kircheriana

Die Kircher-Figur

4. Athanasius Kircher S.J. – von der Produktivkraft eines Namens

Die Fabrikation und Kommodifizierung des Autors

Das »Label« Kircher

Die soziale Produktivität des Namens in gelehrten Debatten

6. Dank

7. Appendix

Schreiben von Joannes Jansson van Waesberge und Elisé van Weyerstraet an Kircher, Amsterdam, 28. Juli 1661

Antwort von Kircher an Johannes Jansson van Waesberge, Rom, 27. August 1661

Kapitelwidmungen des Oedipus Aegyptiacus

Ungedruckte Quellen

Gedruckte Quellen

Literatur

1 Ein »Phantast« oder ein »Weiser und Enzyklopädist«?2 Die Meinungen über Athanasius Kircher (1602–1680) sind so vielfältig wie die Themengebiete seiner Publikationen. Bereits die Zeitgenossen waren sich uneins in ihrer Bewertung der Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen Leistung des Jesuiten. René Descartes hielt ihn für einen Scharlatan, während Georg Philipp Harsdörffer in ihm einen der größten Gelehrten seiner Zeit sah und ihn verehrend »Germanus incredibilis« nannte.3 Mal wurde er auf eine Ebene mit Galileo Galilei gestellt, mal als Vielschreiber und »Windbeutel« abgestempelt.4 Ab dem frühen 18. Jahrhundert nahmen Kritik, Ablehnung und Invektiven zu. Für Johann Burckard Mencke etwa gehörte Kircher in die Reihe der gelehrten Betrüger, die er in seiner vielgelesenen Schrift De Charlataneria Eruditorum (1715 u.ö.) beschreibt.5 Das Spektrum der ihm angelasteten wissenschaftlichen und moralischen Verfehlungen – wie etwa Plagiatsvorwürfe, mangelnde Sprachkenntnisse, Leichtgläubigkeit und Geltungssucht – zeigt, dass sich Kirchers theologisch fundierte und enzyklopädisch ausgerichtete Epistemologie immer schwerer mit dem zeitgenössischen Wissenschaftsverständnis vereinbaren ließ. Der überwiegend negative Blick auf den Universalgelehrten dominierte bis weit ins 20. Jahrhundert die wissenschaftshistorische Forschung. So urteilte der Biologe Harry Beal Torreys noch 1938: »Father Kircher appears to have been foremost neither in time nor significance. He was preceded by discoveries that he never surpassed, and by methods that he never used or understood«.6 Eine positivere Neubewertung des Jesuiten vermochte sich erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu etablieren. Seit den 1950er Jahren nahm das Interesse an Kircher und seinem Wissen kontinuierlich zu. 1980, zu Kirchers 300. Todestag, veranstaltete der Germanist John Fletcher in Wolfenbüttel die erste internationale Kircher-Tagung. Es folgten 1981 eine Ausstellung in Karlsruhe und eine in Rastatt. In Rom wurde 1985 die Konferenz Athanasius Kircher nel Collegio Romano tra Wunderkammer e Museo Scientifico abgehalten.7 Nicht zuletzt diesen Veranstaltungen verdankte sich eine gesteigerte Aufmerksamkeit in der historischen Forschung wie auch bei populärwissenschaftlichen und esoterischen Buchautoren. Um die Jahrtausendwende schien das Interesse an Kircher in eine regelrechte Begeisterung zu münden, wovon die zahlreichen Aktivitäten zeugen, die sich dem barocken Universalgelehrten anlässlich seines 400. Geburtstags im Jahr 2002 und auch in den darauffolgenden Jahren in den USA, Italien, Spanien, Deutschland und der Schweiz widmeten.8 Der aus dem thüringischen Geisa stammende Jesuitenpater war plötzlich in aller Munde. Aus der Randfigur, die lange Zeit allenfalls als Beispiel für einen zeittypischen, aber wissenschaftlich irrelevanten Polyhistorismus diente, wurde ein »dude of wonders«, »cultural hero«, »intellectual daredevil« oder »the first scholar with global reputation«.9

Dieser kursorische Überblick über die Konjunkturen der Kircher-Rezeption mag verdeutlichen, wie unterschiedlich das Bild von Athanasius Kircher zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten jeweils war.10 Jede Kircher-Rezeption, das lassen diese Beispiele erkennen, ist somit immer auch eine Produktion eines bestimmten Kircher-Bildes: Neben den bereits genannten Rollen als großer Geist, Scharlatan und Vielschreiber taucht Kircher in der Forschung seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch als Gründervater moderner Wissenschaftsdisziplinen auf.11 Eine gegenwärtig häufig vertretene Perspektive betrachtet Kircher als Repräsentanten einer Gelehrtenkultur, in der das Spektakel zu den sozialen und wissenschaftlichen Praktiken gehörte.12 Als Mann des Wunders, der wissenschaftlichen Schaustellerei und gelehrten Unterhaltungskultur verweist dieser Kircher auf eine Zeit vor dem wissenschaftlichen Spezialistentum des 19. Jahrhunderts.

Die hier greifbaren Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse werfen ein Licht auf die sozialen und kulturellen Bedingungen von Bedeutungsstiftung und die Konstruktionsweisen von Sinnzusammenhängen in Bezug auf eine historische Person, und gerade dies ist es, was mich an der Figur Kircher interessiert. Die bereits zu seinen Lebzeiten einsetzende und auch später von erheblichen Wandlungen geprägte Rezeption zeigt auf anschauliche Art und Weise, wie abhängig das Bild des Gelehrten von den jeweiligen Interessen und Absichten seines Publikums ist. Eben auf diese Rezeptionsvorgänge, die die Heterogenität und Wandelbarkeit des Kircher-Bildes begründen, richtet sich der zentrale Fokus dieses Buches. Sein Ziel besteht also nicht darin, das Leben von Athanasius Kircher zu rekonstruieren oder die Bedeutung seines Wissens im Kontext der Wissenschaften des 17. Jahrhunderts zu bestimmen. Im Zentrum des Interesses steht vielmehr das Zusammenspiel von unterschiedlichen Diskursen und Wissenspraktiken, Imaginationen und Bildern, aus dem die Persona des Universalgelehrten hervorgeht. Es sind dies Prozesse der Bedeutungszuschreibung und -transformation, die erst durch die Rückbindung an ihren jeweiligen historischen Kontext wirklich verständlich werden.

Forschungskontext und methodische Prämissen

Die neuere Kircher-Forschung lässt sich unter dem Schlagwort »Kircher in context« subsumieren und ist in besonderem Maße einer vom social und cultural turn geprägten, interdisziplinär ausgerichteten Wissens- und Wissenschaftsgeschichte verpflichtet.13 Kircher erscheint eingebettet in eine spezifisch römische Wissenschaftskultur, in lokale und translokale Patronage-Strukturen und als Akteur im globalen Netzwerk der Jesuiten sowie der respublica literaria.14 Wesentliche Impulse zur soziokulturellen Kontextualisierung von Kircher, seiner Wissenschaft und seiner Sammlungstätigkeit sind von den zahlreichen Arbeiten Paula Findlens ausgegangen.15 Pointiert argumentiert sie: »To understand only Kircher’s failures is to miss his success. To study Kircher only as a singular personality or to consider a single work by him without understanding its relationship to the whole is to remove him, quite artificially, from the world that brought him into existence.«16 Findlen geht über wissenschaftsinternalistische Ansätze hinaus, deren Interesse auf die Wissenserzeugung und auf das Handeln der spezifischen Wissenschaftler- oder Expertengemeinschaft sowie auf deren Produktion wissenschaftlicher Tatsachen ausgerichtet ist.17 Ausgehend von einer sozial- und kulturhistorisch ausgerichteten Forschungstradition betrachtet sie Wissenskulturen als Kulturen von Wissenskontexten.18 Durch den methodischen Anspruch, die kulturelle Situiertheit von Wissen zu betrachten, wie sie sich in sozialen, geographischen und institutionellen Kontexten manifestiert, tritt die Pluralität von Wissensformen an die Stelle eines Bildes von der Einheit der Wissenschaften. Nicht nur Findlens Arbeiten, sondern die überwiegende Zahl der neueren Publikationen zu Kircher lässt sich hinsichtlich ihres methodischen Ansatzes in diesem Feld einer sozial- und kulturhistorisch orientierten Wissensgeschichte verorten. Größtenteils werden Einzelaspekte aus der wissenschaftlichen Tätigkeit des jesuitischen Gelehrten thematisiert; meist sind es von der jeweiligen disziplinären Herkunft der Forscherinnen und Forscher geprägte Fallstudien.19

Gleichwohl scheint auch für diesen analytischen Zugang, der die Aufmerksamkeit auf die Vervielfältigung von Wissensräumen, Wissensquellen, Wissensansprüchen und Wissensautorisierungen richtet, das Subjekt des Gelehrten einen willkommenen Anker zu bieten. Zahlreiche aktuelle Forschungen richten ihren Blick auf einzelne Wissenschaftler sowie auf Wissensgemeinschaften wie Akademien oder religiöse Institutionen, darunter auch die Jesuiten.20 Den zentralen Referenzpunkt bildet jedoch nicht mehr das herausragende Wissenschaftlerindividuum, sondern der Gelehrte als Akteur in einem größeren, von intellektuellen ebenso wie von gesellschaftlichen und persönlichen Faktoren geprägten Zusammenhang. Dieser Ansatz richtet die Aufmerksamkeit insbesondere auf praxeologische Aspekte, um so das komplexe Gewebe von technischen, sozialen und symbolischen Elementen in Wissenspraktiken sichtbar zu machen.21 Der gelehrte Akteur ist demgemäß durch seine wissenschaftlichen und sozialen Praktiken charakterisiert, wird lokal in einem dynamischen Raum-Zeit-Gefüge verortet und in translokalen Beziehungskonstellationen zu anderen Akteuren situiert. Methodisch bilden Prosopographie und Netzwerkanalyse wichtige Ansätze zu dieser Forschung; eine besondere Aufmerksamkeit kommt dabei der Untersuchung der gelehrten Korrespondenz zu. Wissen entstand kollaborativ aus dem Austausch von Briefen, Büchern und Instrumenten, so der Tenor, in den auch die Kircher-Forschung einstimmt.22 Angesichts dieser sozial- und kulturhistorischen Orientierung der gegenwärtigen Wissensgeschichte und der Aufmerksamkeit für Formen und Praktiken der gelehrten Soziabilität ist es bemerkenswert, dass die Frage, wie sich einzelne Akteure in diesem Feld konstituieren und welche Personenkonzepte dabei wirksam werden, meist zu wenig oder gar nicht betrachtet wird. So wird den Akteuren bisweilen eine ganz erstaunliche Autonomie und Handlungsmacht zugeschrieben. Besonders aussagekräftig sind diesbezüglich Mario Biagiolis Studien zu Galileo Galilei.23 In Abgrenzung zur älteren, internalistischen Wissenschaftsgeschichte, die ihr Augenmerk auf die Ideen herausragender, solitärer Forscherpersönlichkeiten richtete, situiert Biagioli seinen Gelehrten im sozialen Gefüge des Florentiner Medicihofes. Galilei erscheint als ein in Patronagestrukturen eingebundener Protagonist, der Praktiken, Inhalt und Form seines Wissens auf das höfische Publikum abstimmt. Die Parameter, an denen Biagiolis Akteur gemessen wird, sind nicht mehr allein der wissenschaftliche Gehalt seiner Ideen, sondern die Strategien und Taktiken, die er zur Konstruktion seiner sozioprofessionellen Identität einsetzt. Das Formen- und Zeichenrepertoire, mit dem Galilei seine öffentliche Person als Philosoph und Mathematiker konstruierte, erfand er jedoch keineswegs neu, sondern griff dabei auf bereits existierende soziale Rollen und kulturelle Codes zurück. Biagioli nennt diesen Prozess »social bricolage«. Galilei adaptierte und kombinierte vorhandene Elemente aus dem Kontext der höfischen Kultur und benutzte sie zu seinem Self-Fashioning.24 Zur Beschreibung der äußeren Bedingungen von Galileis sozialer Bricolage verwendet Biagioli Kategorien aus dem ökonomischen Bereich wie Markt, Investition, Risiko und Spekulation, die den Gelehrten als Kosten und Nutzen berechnenden Akteur kennzeichnen.25 Biagiolis Studie hat in konzeptueller Hinsicht einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, den berühmten Wissenschaftler aus einer Welt frei flottierender Ideen zu holen und ihn selbst wie auch seine Entdeckungen in einem sozial und kulturell kodierten Raum zu verorten. So beeindruckend und inspirierend das geschilderte Agieren dieses Bricoleurs an unterschiedlichen Orten und innerhalb verschiedener »Ökonomien« (z.B. der Ökonomie der Universität und der Hofökonomie) ist, so irritierend wirkt jedoch, wie selbstbestimmt der Gelehrte in Biagiolis Darstellung sein Image formte und wie reibungslos er seine Taktiken in unterschiedlichsten Situationen und Kontexten verwirklichen konnte. Biagioli bietet auffallend wenig Raum für das Nicht-Intentionale und Implizite. Die Gestaltungskraft der jeweiligen »Bühne«, auf der Galilei agierte, wird durch den Fokus auf sein vermeintlich stets planvolles oder gar strategisches Handeln verdeckt. Dieser Eindruck stellt sich auch mit Blick auf die neuere Kircher-Forschung ein. Kircher experimentierte, publizierte, bewirtschaftete seine Beziehungen und betrieb ein bemerkenswertes Self-Fashioning. Er war ein Meister der Wissensakkumulation, der Koordination von Ressourcen und der Delegierung von Arbeiten. Stets hielt er, so die implizite Voraussetzung, alle Fäden fest in der Hand. Diese Vorstellung von Kircher hat die Encyclopædia Britannica auf eine eingängige Formel gebracht: Er sei eine Art »one-man intellectual clearinghouse for cultural and scientific information«. Ähnlich klingt es auch bei Findlen: »Kircher single-handedly was able to muster more information and produce more books than the entire membership of the early Royal Society, or really any learned academy of this period.«26

Das Bild eines selbstermächtigten und autonom handelnden Gelehrten der Frühen Neuzeit mag angesichts der poststrukturalistischen Auseinandersetzung mit der Autonomie des Subjekts erstaunen.27 Insbesondere die aktuelle Forschung im Bereich der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Narratologie hat sich in Auseinandersetzung mit den Debatten im Zuge des linguistic turn den Konzepten ›Individuum‹, ›Subjekt‹ oder ›Autor‹ zugewandt. Mit ihrer konsequenten Historisierung von Produktionsprozessen und ihrer Analyse kultureller Kontextbedingungen haben sie die Vorstellung eines ›Selbst‹ als raum-zeitlich stabiler Identität in Frage gestellt.28 In seinem Denken und Handeln wird dieses Selbst vielmehr durch gesellschaftliche, kulturelle und situative Faktoren konstruiert. Auch im Bereich der Geschichtswissenschaft haben sich zahlreiche Arbeiten der Subjektivierung und den dabei ablaufenden Prozessen zugewandt. Besonders Studien aus dem Bereich der historischen Selbstzeugnisforschung, der historischen Anthropologie, der Wissensgeschichte und der Geschichte der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur haben methodisch differenzierte Zugänge zu historischen Konzeptualisierungen von Subjekt, Individuum und Person ausgearbeitet.29 Spezifisch für das soziale Feld der Gelehrten erweist sich das auf Lorraine Daston und Otto Sibum zurückgehende Konzept der »Scientific Persona« als bedeutender Impulsgeber für die vorliegende Studie.30 Daston und Sibum orientieren sich an Marcel Mauss’ Anspruch, Person als kulturell und historisch geprägte Kategorie zu denken, und plädieren für eine kollektive Identität, die aber nicht zwingend mit derjenigen eines Individuums übereinstimmen muss. Diese kollektive Identität formt »Eigenarten, Lebensweisen und sogar körperliche Fähigkeiten und Dispositionen einer Gruppe […], die sich zu dieser Identität bekennt, und von der Öffentlichkeit aber auch so wahrgenommen wird.«31 Für die wissenschaftlich tätigen Personen bedeutet dies, dass sie sich habituell an gesellschaftlich etablierten Idealtypen orientieren. Ich möchte an dieser Stelle jedoch unterstreichen, dass diese Orientierung nicht nur intentional in Form von überlegt-rationalen Entscheidungen und Handlungsweisen erfolgt, sondern immer auch von gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, von räumlichen und zeitlichen Dimensionen, von Praktiken und Diskursen sowie von religiösen, politischen und ökonomischen Bedingungen abhängt.

Auch Kirchers wissenschaftliche Persona war nur eine von vielen Rollen, die seinem Handeln zugrunde lagen. Ebenso agierte er auch als Persona des Geistlichen oder als Persona eines Klienten mehrerer Patrons, er bewegte sich in verschiedenen Institutionen mit ihren jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Codes. Die je nach Ort, Zeit und sozialen Konstellationen realisierten Handlungsformen müssen in Anbetracht einer Vielfalt von denkbaren Handlungsmöglichkeiten der jeweiligen Persona untersucht werden. Gewisse Handlungen erscheinen auf den ersten Blick widersprüchlich oder gar unverständlich, gleichwohl produziert ein Erklärungsansatz, der sie als Ausdruck einer hinter der Persona liegenden wahren Identität versteht, nur weitere Widersprüchlichkeiten. Vor allem aber transportiert diese Perspektive ein teleologisches Geschichtsbild, in welchem die Handlungen und Leistungen historischer Akteure an einem modernen Bewertungssystem gemessen werden. Kircher wird beispielsweise meist positiv attestiert, dass er als Jesuit in Zeiten größter konfessioneller Intoleranz sowohl mit Katholiken als auch mit Protestanten korrespondierte, mit Letzteren sogar in Patronageverhältnissen stand.32 Diese transkonfessionellen Beziehungen werden bisweilen vorschnell einem für einen Jesuiten untypischen, außergewöhnlich aufgeschlossenen Charakter Kirchers zugeschrieben. Wissenschaftliche Angelegenheiten hätten ihn stets viel mehr interessiert als konfessionelle Differenzen.33 Anderen Forschenden wiederum bereitet es große Mühe, Kirchers Publikationsmanagement, besonders den Druck seiner Werke in Amsterdam, mit seinem Status als Ordensbruder in Einklang zu bringen. Kircher wird so zum Exzentriker stilisiert, der sich nicht scheute, gegen die Ordensdoktrin zu verstoßen, und sich auf diese Weise eine »beachtenswerte Autonomie« erarbeitet habe.34 Durch derartige Zuschreibungen werden unreflektiert aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammende Gesellschafts- und Geschichtskonzepte fortgeschrieben. Sie spiegeln eine modernistische Vorstellung von Individuum, die sich am Grad seiner Aufgeklärtheit bemisst. Der besondere Erfolg Kirchers auf dem Wissensmarkt wird somit implizit daran gemessen, wie stark er sich von vermeintlichen, historiographisch unterstellten religiösen oder institutionellen Zwängen habe befreien können.

Anstatt hinter all den Masken den wahren Kircher enthüllen zu wollen, setzt diese Arbeit ihren Akzent auf die Fabrikationsmechanismen seiner Persona. Das Agieren Kirchers auf dem Buchmarkt, an den Höfen sowie innerhalb des Ordens soll demnach nicht als das einer berechnenden und strategisch handelnden Ausnahmefigur oder eines aufgeschlossenen Exzentrikers verstanden werden. Gezeigt werden soll vielmehr, wie sich die Persona Kirchers im Kontext von sozial, kulturell und räumlich kodierten Gefügen aktiv konstituierte und zugleich von diesen konstruiert wurde. Die Figur Kirchers wird in dieser Studie nicht als Protagonist im Sinne von Biagiolis Galileo behandelt, sondern als Produkt, das in einem Netz von Austauschbeziehungen mit anderen Akteuren entsteht und geformt wird. In methodologischer Anlehnung an die wissenskonstruktivistischen Studien von Karin Knorr Cetina und Steve Woolgar sowie an Bruno Latours Arbeiten, die auf dem Programm der Sociology of Scientific Knowledge (SSK) aufbauen, aber gleichwohl eine radikale Alternative zum wissenschaftssoziologischen Programm bieten, soll das unter dem Namen Athanasius Kircher subsumierte Wissen als Resultat sozialer Bedingungen und Konstruktionsprozesse analysiert werden.35 Dabei wird die strikte Fokussierung auf ein Individuum aufgehoben; in den Untersuchungsfokus geraten die Interaktionen von Akteuren, die am Produktions-, Distributions- und Vermarktungsprozess von Kircher’schem Wissen beteiligt waren. Gegenstand dieser Arbeit ist also die Frage, durch welche Mechanismen Athanasius Kircher als Autorenfigur in den Produktionsprozess integriert, kommodifiziert und sein Name als eine Art Label den Wissensprodukten zugeschrieben wurde. Hinter dem Namen Kircher stand weit mehr als ein Individuum. Das Label Kircher stand vor allem für eine komplexe Wissensmaschinerie, in welche der Orden, Patrons, andere Gelehrte und katholische Ordensbrüder, Buchdrucker, -händler sowie nicht zuletzt auch Athanasius Kircher selbst eingebunden waren. Bereits Findlen hat auf diesen Sachverhalt am Beispiel des Publikationsmanagements von Kircher hingewiesen: »The Kircherian machine was a vast and lucrative publishing enterprise. […]. It seemed as if every participant involved in the project – the author, the publisher, his disciples, and last but not least, the Society of Jesus – wanted to squeeze the maximum amount of words, ink, and profit out of this singular mind of the seventeenth century.«36 Die vorliegende Studie schließt in direkter Weise an Findlens Gedanken der Maschinerie an, bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf den Aspekt des Publikationswesens. Nicht das eigenhändig erwirtschaftete Renommee, sondern die Vielhändigkeit der Wissensgenese und Bedeutungsstiftung sowie deren Bedingungen und Möglichkeiten stehen im Vordergrund dieser Arbeit. Das dabei verwendete Konzept der Wissensmaschinerie geht auf Überlegungen Karin Knorr Cetinas zurück. Sie begreift wissenschaftliche Erkenntnis als das Ergebnis sozialer und technischer Herstellungs- und Konstruktionsprozesse. Anstatt der Produktion von Erkenntnis an sich fokussiert sie die Wissensmaschinerien, die bei dieser zum Einsatz kommen.37 Sie fasst Wissensmaschinerien als komplexe »Gefüge von Konventionen und Instrumenten, die sich als organisiert, dynamisch und (zumindest teilweise) reflektiert erweisen, die aber nicht von einzelnen Akteuren bestimmt werden«.38 In dieser Perspektive erweist sich der Wissenschaftler oder das »epistemische Subjekt« als ebenso erzeugt wie das epistemische Objekt der Erkenntnis. Bezieht man Knorr Cetinas Überlegungen auf Kircher, so wird er als Erzeuger von Wissen im epistemischen Produktionsprozess selbst gleichermaßen zur Komponente und zum Produkt einer Wissensmaschinerie. Dieses dynamische System der Kircher’schen Wissensmaschinerie funktionierte durch eine Vielzahl von Aushandlungsprozessen. Dabei muss die statische Vorstellung von uniform agierenden Interessengruppen, die jeweils dasselbe Ziel verfolgen, zugunsten eines elastischeren Gebildes aufgegeben werden, in dem auch scheinbar unvereinbare und gegenläufige Interessen koexistieren und in Kombination produktiv werden können.

Die Entstehung der vorliegenden Arbeit stand gänzlich im Zeichen einer Kircher-Begeisterung. Die Grundlagen dieser Begeisterung zu verstehen und die Konstruktionsmechanismen zu analysieren, die das Bild des wissenschaftlichen (Anti-)Helden produzierten und die bis in Kirchers eigene Zeit zurückreichen, ist das Ziel der Arbeit. Im Zentrum steht nicht die Person des Wissenschaftlers Kircher, sondern die Fabrikation des ›Wissenschafts-Unternehmens‹ Kircher.

Quellengrundlage und Aufbau der Arbeit

Materialgrundlage der vorliegenden Arbeit bildet das gedruckte Œuvre von Athanasius Kircher und seiner Assistenten Caspar Schott, Johann Stephan Kestler, Gioseffo Petrucci und Giorgio de Sepibus. Kircher veröffentlichte knapp vierzig Werke, von denen einige mehrere Auflagen und Übersetzungen ins Deutsche, Französische, Englische und Holländische erfuhren. Thematisch lassen sich die Bücher aus heutiger Sicht verschiedenen Disziplinen zuordnen: Mathematik, Magnetismus, Astrologie, Medizin, Optik, Katoptrik, Musik, Ethnologie, Geologie, Sinologie, Logik, Akustik, Altertumskunde sowie Ägyptologie und verschiedenen Philologien. Im Zentrum dieser Studie steht jedoch nicht der Inhalt von Kirchers Büchern oder ihr wissenschaftlicher Gehalt; die Analyse nähert sich Kircher vielmehr von den Rändern her. Anhand einer detaillierten Untersuchung von Paratexten wie Titel, Widmungen, Vorreden und Lobgedichten sowie von Berichten und Anekdoten über Kircher in den Publikationen seiner Assistenten und ehemaliger Schüler wird das soziale Netz sichtbar, in dem sich Kircher positionierte und das ihn zugleich als Mediator von Wissen konstituierte. Neben den gedruckten Werken stützt sich die Analyse in weiten Teilen auch auf Kirchers Korrespondenz, die sich zum größten Teil im Archiv der Pontificia Università Gregoriana in Rom befindet.39 Die Sammlung umfasst 2291 Briefe, die von insgesamt 732 Korrespondenzpartnern stammen. Darüber hinaus enthält sie auch Kopien und Entwürfe von Kirchers eigenen Briefen. Von der jesuitischen Ordenszentrale in Rom aus unterhielt Kircher Korrespondenzbeziehungen mit ganz Europa, Amerika und Asien.

Mit Rom als Zentrum des Kircher’schen Wissensunternehmens beginnt daher auch das erste Kapitel, welches die Morphologie der römischen Wissenschaftskultur analysiert. Anhand der verschiedenen Bedeutungen Roms – als Zentrum der katholischen Kirche und der Gegenreformation, Zentralsitz des Jesuitenordens und des Kircher’schen Wissensunternehmens – werden die unterschiedlichen Handlungsarenen und Möglichkeitsräume analysiert, in denen Wissen produziert, publiziert und aufgeführt wurde. Der Stadtraum, das jesuitische Kolleg und das Museum von Athanasius Kircher bilden zusammen einen dehnbaren Wissensraum, in dem sich jesuitisch-institutionelle sowie höfisch-kuriale Formen der Repräsentation in einem dynamischen Verhältnis manifestieren. Kircher erscheint dabei nicht durchgehend als Hauptdarsteller, sondern als ein Protagonist unter vielen, dessen Handlungsmöglichkeiten und Artikulationsformen durch den Raum konstituiert werden. In einem weiteren Schritt werden auf einem selektiven Rundgang zu den Schauplätzen von Kirchers Wissen im Stadtraum – er beginnt 1644 auf der Piazza Navona, führt weiter zum feierlichen Einzug von Christina von Schweden in Rom (1655) und endet 1666 auf der Piazza Minerva – die unterschiedlichen Weisen der Inanspruchnahme von Wissen zur Selbstinszenierung und -vergewisserung, als Zurschaustellung von Herrschaft, als Instrument der Kirchenpolitik und zur Darstellung der kulturellen Superiorität Roms analysiert.

Das zweite Kapitel vollzieht einen Wechsel von der lokalen zur globalen Ebene, denn Genese, Distribution, Zirkulation und Präsentation von Wissen sind Prozesse, die nicht nur eng an den eigenen Stand- und Denkort gebunden sind, sondern zugleich auf vielfältige Weise über diesen hinausgreifen. Am Beispiel der Produktion und Distribution von Büchern und der Verbreitung von Wissen durch die Korrespondenz wird die Prozessualität der Kircher’schen Wissensgenese veranschaulicht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen das Agieren und die Interessen von Kirchers »Agenten« und seinen Patrons in den deutschen Territorien und in den Niederlanden. Dabei wird zu zeigen sein, dass das über die Korrespondenzkanäle transportierte Wissen niemals nur um seiner selbst willen zirkulierte, sondern stets an konfessionelle, politische oder ökonomische Interessen gekoppelt war. Besonderes Augenmerk fällt auf die wissensorganisatorischen Aspekte von Kirchers Wissenschaftsunternehmen. In den Vordergrund treten die zahlreichen Akteure, die am »Unternehmen« Kircher mitwirkten: Buchagenten, Beichtväter, Buchdrucker und -verleger. Als zentralen Einflussbereichen und Wirkungsorten von Kircher kam den europäischen Fürstenhöfen eine wichtige Rolle für die Genese und Zirkulation von Wissen zu. Die jesuitischen Beichtväter an den Höfen der deutschen Territorien in ihrer Doppelrolle als Informanten Kirchers vor Ort und Übermittler von Wissensfragen und der mannigfaltigen Wünsche der Reichsfürsten werden hier beleuchtet. Kircher versorgte die Höfe mit seinen Publikationen, mit raren und kuriosen Sammlungsobjekten sowie mit wissenschaftlichen Abhandlungen, die teilweise auch Antworten auf die an ihn gerichteten Fragen darstellten. In diesem Sinne sind gedrucktes und ungedrucktes Wissen (in Form von Objekten, Briefen und mündlicher Vermittlung) am Hof nicht nur als Resultate am Ende einer Reihe von Überlieferungsprozessen zu beschreiben, sondern als Elemente in einem dynamischen Gewebe, in welchem Wissen erst entsteht. Neben wissensorganisatorischen Aspekten und der Analyse der Höfe als Zentren der Wissensgenese setzt das Kapitel auch Akzente auf konfessionelle und ordenspolitische Implikationen. Nicht nur Wissen, sondern auch Ordenspolitik, religiöse Agitation und Mission sind wichtige Themen innerhalb von Kirchers Korrespondenznetzwerk. Am Beispiel der breit angelegten Vermarktung seiner Werke nördlich der Alpen wird dargelegt, dass Kirchers Publikationsmanagement auch als Spiegel des gegenreformatorischen Programms der Rekatholisierung sowie der jesuitischen Ordenspolitik verstanden werden kann.

Nach der räumlichen und lokalen Verortung von Kirchers Wissen in Rom und der Beleuchtung der überlokalen Netzwerke und Zirkulationsweisen seiner Wissenschaft vollzieht das dritte Kapitel eine Bewegung ins Innere der Scientia Kircheriana. Analysiert werden die medialen Funktionsmechanismen des Wissens bei Kircher. Als regelrechte Bühnen der Wissenspräsentation wurden sowohl sein Museum im Collegio Romano als auch seine Bücher angepriesen. Indem es den Fokus auf die Interdependenz zwischen diesen materiellen Orten des Wissens und ihrer medialen Vermittlung richtet, beleuchtet das Kapitel insbesondere die dabei erschaffenen Imaginationsräume. In diesen virtuellen Wissensräumen erfährt das kollaborativ erzeugte und verbreitete Wissen eine Personalisierung, indem es als Wissen Kirchers präsentiert und wahrgenommen wird, womit zugleich dessen Konstruktion als Autorenfigur einhergeht. Im vierten Kapitel werden die bis dahin separierten Fadenläufe zum komplexen Webmuster der Kircher’schen Wissensmaschinerie zusammengeführt. Dabei ist die Bedeutung Roms für die Fabrikation der Figur und des Wissens Kirchers ebenso in den Blick zu nehmen wie die Netzwerke, in denen dieses Wissen zirkulierte. Auch die Wahrnehmung dieses Wissens als Geheimnis, Wunder und überraschende Erkenntnis ist dabei von Bedeutung. Es wird gezeigt, wie im Zusammenspiel seines Profils als jesuitischer Gelehrter in Rom, des global agierenden Netzwerkes und des Imaginationspotenzials, das seinem Wissen und seiner Sammlung anhaftete, der Name Kircher zu einem »Label« wurde. Assistenten, Agenten, Drucker und Verleger trugen durch die Wiedergabe und Kommentierung von Kirchers Wissen zur Verbreitung seines Namens und zu dessen Kommodifizierung in unterschiedlichen Kontexten bei. Die abschließenden Überlegungen konzentrieren sich auf die Analyse der vielhändig betriebenen Maschinerien mit ihren jeweiligen medialen Artikulationsformen, die an diesem »Labeling« mitwirkten.

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1. Athanasius Kircher und die römische Bühne der Repräsentation und Wissenspatronage

»Kircheriana Domus naturae artisque theatrum« – dieser Spruch ziert als Bildunterschrift den Kupferstich von Kirchers römischer Kunstkammer. Die Illustration wurde als Frontispiz für die 1678 gedruckte Beschreibung des Museums angefertigt (Abb. 1).40 In dieser wird Kirchers Museum als wahrhaftiges Welttheater beschrieben, in welchem der Pater magnetische Tricks, mechanische Geräte, unterhaltsame Experimente und exotische sowie kuriose Objekte vorführt. Das Bild findet sich auch in zeitgenössischen Reiseführern wieder, so zum Beispiel in Fioravante Martinellis Werk Nota delli Musei, in dem er das Museum als »Theatro dell’arte & della natura« bezeichnet.41 Das Museum erscheint als Bühne, die von dem Kustoden ständig neu bespielt wird. Auf die zeitgenössische Bedeutung des Begriffs Theatrum wird später zurückzukommen sein, doch ist bereits hier die enge Verknüpfung von Wissen, Performanz und Raum deutlich zu erkennen. Die Interdependenz dieses Trios gilt es im Folgenden nicht nur am Beispiel von Kirchers Museum, sondern anhand des römischen Stadtraums insgesamt zu analysieren.


1 Detail aus Giorgio de Sepibus, Romani Collegii Societatis Jesu Musæum Celeberrimum, Frontispiz

Als Startpunkt einer Analyse der Produktionsweisen und Präsentationsmodi von Kirchers Wissen erweist sich ein genauer Blick auf Rom in mehrfacher Hinsicht als produktiv. Nach seiner Berufung ans Collegio Romano im Herbst 1633 hat Kircher diesen Ort bis auf einige wenige Ausflüge nicht mehr verlassen. In der Zentrale des Jesuitenordens sammelte, kompilierte und kombinierte er traditionelle Wissensbestände ebenso wie neues Wissen, das ihn aufgrund der weitreichenden Beziehungen des Ordens aus beinahe der ganzen Welt erreichte. Dabei standen Kirchers Wissenspraktiken sowie Form und Inhalt seiner Publikationen in einem dynamischen Wechselverhältnis mit den soziokulturellen Bedingungen Roms im 17. Jahrhundert. Um die Funktionsweisen sowie die Präsentation, aber auch die Zirkulation, Distribution und Rezeption dieses Wissens begreifen zu können, muss die Bedeutung der Stadt für dessen Genese untersucht werden. Eine lediglich historisch-soziale Einbettung vermag diesen Fabrikationsprozessen nicht gerecht zu werden. Vielmehr müssen sie mit Blick auf den räumlichen und zeitlichen Kontext sowie die impliziten Voraussetzungen, unter denen sie abliefen, analysiert werden. Im Zuge der sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit sozialkonstruktivistischen Positionen und dem spatial turn wurde auch innerhalb der Wissenschaftsgeschichte die räumliche Bedingtheit von Wissen und Wissenschaft zu einer zentralen analytischen Kategorie. Leitend war dabei die Grundannahme, dass Wissen in all seinen Ausformungen von den Räumen geprägt wird, in denen es entsteht. In Publikationen wie »The Place of Knowledge«, »Location of Science«, »Geographies of Scientific Knowledge« oder »Le lieu en histoire des sciences«42 erscheint Wissen folglich als durch bestimmte Akteure an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit fabriziert, verhandelt und interpretiert.

Dieser methodologische Zugang bildet den Ausgangspunkt für die Verortung von Kirchers Wissen im frühneuzeitlichen Rom. Kirchers Aktivitäten erscheinen eingebettet in ein Netz von Beziehungen, Kollaborationen und Abhängigkeitsverhältnissen, die zusammen eine Handlungsarena bilden. Das Handlungsfeld der Akteure entsteht dabei aus den sozialen Beziehungen, die sie miteinander eingehen. Die Wissenschaftssoziologin Karin Knorr Cetina umschreibt den Begriff des Handlungsfeldes mit der Metaphorik eines Spielfeldes, auf dem verschiedene Personen gleichzeitig an verschiedenen Spielen beteiligt sind:

»Es sind nicht die gemeinsamen Merkmale der Spieler, die im Fall einer logischen Klasse das Bild kohärent machen. Die Spiele entwickeln sich vielmehr aus dem, was zwischen den Teilnehmern [Herv. i. O.] geschieht, in einer Folge ausdauernder miteinander verflochtener Spielszenen. Das Handlungsfeld selbst bleibt dabei insofern ein theoretisches Konstrukt, als es nicht unabhängig von den sozialen Arenen, in denen die Transaktionen stattfinden, identifiziert werden kann.«43

Dabei stimmt jedoch die räumliche Ausdehnung einer solchen Handlungsarena nicht mit dem durch die institutionelle, politische oder religiöse Zugehörigkeit des einzelnen Akteurs bestimmten Raum überein, sondern wird diese im Regelfall überschreiten. Auch bei Kircher überlagerten sich jesuitisch-institutionelle, konfessionelle, höfische, politische, intellektuelle und kulturelle Interessen und formten einen elastischen Wissensraum. Für eine Analyse der römischen Handlungsarenen reicht es folglich nicht aus, allein die geographische oder konfessionelle Bedeutung des Raumes zu beleuchten, sondern es müssen auch institutionelle, soziale, performative und symbolische Dimensionen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Konstituierung von Wissen in der Frühen Neuzeit miteinbezogen werden.

Rom: Städtische Bühne und Welttheater

»Questo pomposissimo Arco ammirato da tutti che dovira essere stato fabricato di fine, e non di finte pietre, e marmi, come anco di Statue simili, e non di stucco, per restare à gli occhi della perpetuità, e di questo Teatro dell’universo, ROMA, è stato in si poco tempo composto dalla diligenza, e valore del Signor Girolamo Rainaldi […]«.44

Rom als dauerhaftes Theater der Welt, kostbares Kabinettstück im europäischen Machtgefüge. Mit diesen Worten beschreibt Antonio Gerardi die Ehrenpforte, welche Innozenz X. 1644 für seinen possesso – den rituellen Zug des Papstes von St. Peter zum Lateran – errichten ließ. Der von dem Architekten Girolamo Rainaldi errichtete Bogen befand sich auf dem Forum Romanum, am Eingang der Farnesischen Gärten. Nach dem langen Pontifikat Urbans VIII., das geprägt war vom Dreißigjährigen Krieg sowie dem lokalen Krieg gegen das farnesische Herzogtum Castro nördlich von Rom, wurde die Wahl Giambattista Pamphiljs zum neuen Papst zum Beginn einer neuen Ära des Friedens stilisiert.45 Das Wappen der Pamphilj – eine Taube mit einem Zweig im Schnabel, die mit drei Lilien kombiniert ist – stellte für eine derartige Zuschreibung das ideale Zeichenrepertoire bereit. Die Taube mit dem Ölzweig war nicht nur ein Symbol für den Frieden, sondern auch eine Verkörperung der Unschuld (Innocentia) und – als Zeichen der Venus – eine Botin der Liebe. Für die Panegyriker war es daher ein Leichtes, sie als Symbol für die Pazifizierung der gesamten Christenheit zu deuten. Sogar die konstruierte etymologische Wurzel des Familiennamens Pamphilj – »Pan-philos«, der All-Liebende – stand ganz im Zeichen dieser Friedensprogrammatik.46 Wie Rudolf Preimesberger kenntnisreich dargelegt hat, bot sich die Symbolik der Taube über die etymologische Bedeutungsebene hinaus für eine biblische Auslegung geradezu an: Ebenso wie der auf der Arche segelnde Noah die zweigtragende Taube als Zeichen für die Versöhnung Gottes mit den Menschen und den Beginn einer neuen Welt erkannte, »[…] so erscheint auch die Taube Pamphilj über den stürmischen Fluten der Zeit und bringt nach der Sintflut des Barberinikrieges und des dreißigjährigen Krieges das Zeichen der Versöhnung und des neuen Lebens«.47 Entsprechend dieser Pamphilj-Panegyrik war auch der Triumphbogen mit den polyvalenten Symbolen der Taube und der Lilie (das heraldische Zeichen der Farnese) geschmückt sowie mit der allegorischen Figur der Pax, zu deren Füßen sich ein Medaillon mit der Darstellung einer Arche und dem ölzweigtragenden Wappentier befand. Auf der Piazza Navona, vor dem Palast der Pamphilj, ließ die Familie den Brunnen von Giacomo della Porta durch den Architekten Carlo Antonio Magnini mit einem Festapparat schmücken, dessen allegorische Gestaltung ebenfalls die Noah-Episode aufnahm. Die mit reichlich Pyrotechnik versehene Konstruktion zeigte den Berg Ararat mit der darauf gestrandeten Arche. Auf der Arche befand sich Noah, der die Arme hoffnungsvoll gegen den Palazzo Pamphilj richtete, aus dessen Richtung eine zweigtragende Taube geflogen kam. Bei der Arche angekommen, löste der Vogel ein kunstvolles Feuerwerk aus (Abb. 2).48


2 Pyrotechnischer Festapparat, Arche Noah auf dem Berg Ararat, in: Laurentius Banck, Roman Triumphans seu Actus Inaugurationis et Coronationis Innocentii Decimi Pont. Max., Editio secunda, Franeker 1656

An dem Beispiel des possesso Innozenz’ X. wird deutlich, wie der städtische Raum Roms mit seinen unzähligen Plätzen, Adelspalästen und Kirchen als Bühne für vielfältige profane wie sakrale Spektakel funktionalisiert wurde. Oder wie es Peter Rietbergen in Anlehnung an Erving Goffman formuliert hat: »Baroque Rome was, perhaps, the first epitome of European ›theatre state‹, of a court society that used all forms of culture […] as instruments to establish and enhance power.«49 Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts fand der Begriff ›theatrum‹ in einer Vielzahl von Bedeutungen und Kontexten Verwendung.50 Er fungierte als Bezeichnung für Institutionen und Sammlungen, aber auch als Titel für Bücher aus unterschiedlichsten Themenbereichen. Insbesondere für Wissensdarstellungen aller Art war Theatrum ein geläufiger Titel.51 Im 17. Jahrhundert war das semantische Feld des Theatrum eine Leitmetapher für die Erfassung der Welt durch den menschlichen Geist.52 Wie es das einleitende Beispiel Antonio Gerardis deutlich macht, wurde die Theatermetapher auch auf Rom als »Theatro dell’Universo« bezogen. Seit jeher funktionierten Rom und der Papsthof als bedeutende Bühne und Dreh- und Angelpunkt weit ausgreifender politischer und kultureller Netzwerke: einst als Zentrum der antiken Welt, danach der Christenheit und seit der Reformation als Herz des katholischen Glaubens. Dieser über die Jahrhunderte andauernde Status als Zentrum prägte das universale Selbstbild der Stadt als teatro dell’universo, caput mundi und Ewige Stadt.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts erfuhr der materielle und finanzielle Aufwand für die höfische Prachtentfaltung in Rom wie auch in ganz Italien eine enorme Steigerung. Für die fürstliche Elite hatte die Sichtbarmachung und Absicherung des eigenen Ranges einen hohen Stellenwert, und dies galt auch für den Papst und die Kurie.53 Die Päpste, Kardinäle, Nepoten und Prälaten orientierten sich folglich an zeittypischen Maßstäben und Modellen der höfischen Selbstdarstellung.54 Neben den Zeremonien und dem materiellen Luxus, mit dem sich die Kurie umgab, spielten auch die Gelehrten eine wesentliche Rolle für die höfische Repräsentation. Insbesondere der humanistische Rückgriff auf die Antike ließ ein reiches Repertoire an Verherrlichungsformen aufleben, das zu einem umfassenden Rechtfertigungs- und Agitationssystem des Kirchenstaates funktionalisiert wurde. Die in der Wahrnehmung der Zeitgenossen quasi unendliche Dauer der römischen Geschichte und seiner imperialen Größe ließen die romanità zu einem wichtigen Nobilitierungsfaktor werden: Nobilitierung durch Anciennität lautete die Grundformel der römisch-päpstlichen Panegyrik.55

Formgebend für das Image Roms und dessen kulturelle Repräsentation waren im 17. Jahrhundert insbesondere das Pontifikat der Borghese (1605–1621) und das einundzwanzig Jahre währende Pontifikat der Barberini (1623–1644), weiterhin auch das Pontifikat der Pamphilj (1644–1656) und das der Chigi (1656–1666). Mit ihrer Mischung aus sakralem Ornat, weltlichem Luxus und ihren mannigfaltigen, mit dem Anspruch der »Erneuerung« verbundenen Eingriffen in den Stadtraum Roms übten sie auf Aufstiegswillige eine große Anziehungskraft aus.56 Die unzähligen Höfe der römischen Elite machten die Stadt zu einem polyzentrischen Umschlagplatz für wirtschaftliches, soziales und symbolisches Kapital. Dies markiert zugleich den Unterschied zu anderen europäischen Machtzentren wie beispielsweise Wien oder Versailles. Der periodische Austausch der regierenden Dynastie mit jedem neuen Papst war mit einer entsprechenden Selbst- und Machtbehauptung der jeweils Herrschenden verbunden. Die ständigen Wechsel führten indes zu äußerst dynamischen Allianz-, Loyalitäts- und Abhängigkeitsverhältnissen. Diese Dynamik machte den Papsthof zu einem elastischen Gebilde, dessen Einfluss und Bedeutung keinesfalls auf die geographische Ausdehnung des Vatikans reduziert werden darf. Gerade am Beispiel von Innozenz’ X. possesso wird deutlich, dass zwischen Papsthof und Stadt keine klare Trennung bestand. Die gesamte Stadt diente als Bühne, die stets neu bespielt werden musste. Als Kulissen fungierten insbesondere die Fassaden und Innenausstattungen der Paläste und Kirchen sowie die bedeutenden Straßen und Plätze.57 Vor allem ephemere und monumentale Festdekorationen für die unzähligen sakralen und profanen Anlässe waren integrale Bestandteile dieser römischen Bühne.58 Hier wurde Raum für die Zurschaustellung von Reichtum und die Aufführung ausgefeilter Rituale geboten. Damit verbunden war die Intention, das eigene Ansehen sowohl in Rom selbst als auch darüber hinaus zu mehren und seine Position in den lokalen Herrschaftsverhältnissen zu markieren und zu stärken.59 Es sind gerade diese prestigeträchtigen Visualisierungen von Allianzen, Herrschaftsverhältnissen und die darin zum Ausdruck kommenden Konkurrenzverhältnisse, welche die Aufmerksamkeit vieler Forschenden auf sich ziehen.60

Die auf diesen Bühnen agierenden Akteure entstammten jedoch nicht nur der römischen Nobilité, sondern auch ausländische Mächte nutzten Rom als Plattform, um ihren Status sichtbar zu machen. Rom war allein schon aufgrund seiner Bedeutung als Zentralsitz der katholischen Kirche eine Stadt mit internationalem Gepräge. Viele auswärtige »Nationen« unterhielten Kirchen und religiöse Gemeinschaften in der Stadt. Des Weiteren residierten unzählige Diplomaten und Botschafter dauerhaft in Rom. Diese Internationalität ließ den Stadtraum aber auch zum Austragungsort verschiedenster Konflikte werden, deren Ursachen außerhalb Roms lagen. Insbesondere der kriegsbedingte Konflikt zwischen Frankreich und Spanien wird in urbanen Bereichen wie beispielsweise der Piazza Navona, wo beide Parteien Gebäude besaßen, greifbar. Neben den zahlreichen Provokationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen artikulierten sich die Konflikte auch auf symbolischer Ebene, in Gestalt einer monumentalen, fortwährend auf die Überbietung der Konkurrenten ausgelegten Prachtentfaltung. So gab die Geburt des Dauphin am 2. Februar 1662 Anlass zu einem spektakulären Fest. Der mit dem französischen Königshof aufs Engste verbundene Kardinal und Mäzen Antonio Barberini erteilte bereits im November des vorhergehenden Jahres den Auftrag dazu an Gian Lorenzo Bernini (der Kardinal hatte schon bei der Geburt von Louis XIV. 1638 die Konstruktion des Festapparates mitsamt Feuerwerk Bernini überantwortet). In gerade einmal drei Monaten errichtete Bernini in Zusammenarbeit mit Johannes Paul Schor zwischen der französischen Kirche Trinità dei Monti und der Piazza di Spagna eine Konstruktion aus Felsen und Skulpturen, die mit künstlicher Beleuchtung und pyrotechnischen Effekten versehen war. Neben gedruckten avvisi zur Erinnerung an die Feierlichkeit, die 1662 in Rom und weit darüber hinaus zirkulierten, vermittelt die Radierung des französischen Künstlers Dominique Barrière ein Bild von dieser spektakulären Szenerie (Abb. 3). Der Künstler hob dabei speziell die von Bernini hergestellte Verbindung zwischen der ephemeren Felsenlandschaft und der lokalen Kirchenarchitektur hervor. Auf der Spitze der Felsenlandschaft wird der Dauphin in Gestalt eines Delfins von den allegorischen Figuren des Friedens und der Fruchtbarkeit gekrönt.61 Flankiert wird die Krönungsszene von den beiden Kirchtürmen von Trinità dei Monti, die mit den Initialen von Louis XIV. und seiner Frau Maria Theresia versehen sind.


3 Gian Lorenzo Benini und Johann Paul Schor, gestochen von Dominique Barrière, Festapparat zwischen Piazza di Spagna und Trinità dei Monti zur Geburt des Dauphin, 1661

Zur gleichen Zeit wie das Spektakel auf der Piazza di Spagna wurde am nördlichen Ende der Piazza Navona, in deren unmittelbarer Nähe sich die französische Nationalkirche S. Luigi dei Francesi befindet, ebenfalls ein pyrotechnischer Festapparat errichtet (Abb. 4). Der auf dem Kupferstich abgebildete Festapparat ähnelt mit seinem felsenartigen Sockel dem Vierströmebrunnen und wirft damit auch ein Licht auf das spanisch-französische Konkurrenzverhältnis. Die Entstehung des Vierströmebrunnens, der für Innozenz X. gebaut wurde, ist vor dem Hintergrund eines politischen Richtungswechsels zu sehen: dem von der frankreichfreundlichen Politik der Barberini-Päpste hin zu der der Pamphilj, die Spanien favorisierten. Der zu Ehren des Dauphin errichtete Festapparat markiert somit den französischen Machtanspruch innerhalb des sich im Wandel befindlichen römischen Kräftefeldes. Diese Betonung des eigenen Status durch die Franzosen blieb nicht lange unbeantwortet. Bereits zwei Wochen später feierten die Spanier sowohl auf der Piazza di Spagna als auch vor der spanischen Nationalkirche S. Giacomo auf Piazza Navona die Geburt ihres Kronprinzen mit einer dreitägigen Festveranstaltung.62


4 Louis Rouhier, Pyrotechnischer Apparat auf der Piazza Navona anlässlich der Geburt des Dauphin, Rom 1662

Die Künste in ihrer gesamten Bandbreite wurden für derartige Spektakel in Anspruch genommen: Architektur, Malerei, Bildhauerei, Musik und Literatur spielten bei diesen Spektakeln der Macht, der Selbstdarstellung und der Selbstvergewisserung eine tragende Rolle. Wie am Beispiel Berninis besonders deutlich wird, wirkten Künstler sowie auch Gelehrte und Poeten als Impresari dieser höfisch-politischen Bühnen.63 Bereits der Romreisende und Gelehrte John Evelyn fügte seiner Bewunderung über den von Bernini angefertigten Baldachin für Urban VIII. in St. Peter ein Lob auf die vielfältigen Talente des Künstlers bei:

»The 4 Columns weigh an hundred & ten thousand pounds, all over gilted with rich gold; and indeede with the Pedistalls, Crowne, & statues about it, a thing of that Art, vastnesse & magnificence beyond all that ever mans industry has produced of this kind & worthy the Celebration, as it is the Worke of Cavaliero Bernini A Florentine Sculptor, Architect, Painter & Poet: who a little bevore my Comming to the City, gave a Publique Opera (for they call those Shews of that kind) where in he painted the scenes, cut the Statues, invented the Engines, composed Musique, writ the Comedy & built the Theater all himselfe.«64

Zur Erklärung dieser aufwändig betriebenen Kulturpatronage ist von zahlreichen Forschern und Forscherinnen immer wieder das Schlagwort der Kompensation ins Feld geführt worden: eine Kompensation für die realpolitischen Machtverluste, die der Kirchenstaat im Münsteraner Abkommen (1643), im Westfälischen Frieden (1648) sowie schließlich im Pyrenäenfrieden (1659) hinnehmen musste.65 Diese Interpretation nimmt eine klare Trennung zwischen Machtpolitik und kultureller Repräsentation vor und impliziert damit zugleich eine Wertehierarchie, indem sie kulturelle Investitionen zur bloßen Dekoration oder eitlem Beiwerk der Realpolitik degradiert. Die Arbeiten der jüngeren kulturhistorischen Forschung zum Ritual und Zeremoniell in der Vormoderne haben jedoch gezeigt, dass Inhalts- und Ausdrucksseite in der politischen Kultur aufs Engste zusammenhängen. Die Trennung von »symbolischer« und »realer« Politik erweist sich somit als unterkomplex.66 Dies wird gerade auch am Beispiel Roms besonders augenfällig: Der Kirchenstaat blieb trotz seiner schwindenden Bedeutung auf der politischen Landkarte Europas, trotz seiner seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts chronischen Verschuldung und ungeachtet der immer lauter werdenden Kritik am Großnepotismus und an der elitären Exklusivität der Institution Ecclesia weiterhin ein bedeutender Ort der internationalen Diplomatie sowie der Artikulation und Legitimierung von politischen Interessen und von wirtschaftlichem, sozialem und machtpolitischem Status. Die imperiale Kulisse der Stadt eignete sich auf ideale Weise zur Aufführung eines Machttheaters, das in der Zurschaustellung von rhetorischem, theatralem und dekorativem Prunk und von »ostentativer Verschwendung« bestand.67 Der römische Stadtraum war somit ein »[…] Anschauungs-, Experimentier- und Trainingsort in Sachen Visualisierungstechniken«,68 zu dessen Publikum auch die heterogene Gruppe der Romreisenden gehörte, die täglich in die Stadt strömten.

Rom und die Wissenschaften

In der historischen und kunsthistorischen, aber auch der musikwissenschaftlichen Forschung haben die kulturellen Investitionen des römischen Mäzenatentums große Aufmerksamkeit erhalten. Doch im Gegensatz zur Kunst- oder Musikpatronage sind das Phänomen der Wissenschaftspatronage oder die Interdependenzen zwischen Wissen und Kunst erst in jüngerer Zeit vermehrt zum Gegenstand von Analysen geworden.69 Einer der Gründe dafür ist die Tatsache, dass der Stellenwert Roms als Ort der Wissenschaften lange als gering erachtet wurde. Besonders für die Wissenschaftsgeschichte war Rom folglich nicht von besonderem Interesse.70 Die Hinrichtung Giordano Brunos 1600 sowie die Verurteilung Galileo Galileis 1633 galten als symptomatisch für die Wissenschaftsfeindlichkeit und die religiöse Verblendung Roms.71 Die Opposition, die zwischen Religion und Wissenschaft errichtet wurde, ließ Rom von der Landkarte der Wissenschaftsgeschichte verschwinden. Der Kirchenstaat stand für Repression, Zensur und Rückständigkeit. Was an Wissen aus dem Papsthof hervorging, wurde vorschnell als religiöse Propaganda oder als pure Unterhaltung ohne jeglichen wissenschaftlichen Wert abgetan.72 So bemerkt etwa Peter Hersche:

»Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass Galilei kein Einzelfall war. Auch andere, weniger berühmte Forscher sahen sich von der Inquisition und den Jesuiten – die ihren eigenen Wissenschaftlern strikte Limiten auferlegten – verfolgt, in ihren Arbeitsmöglichkeiten behindert, im Publikationsrecht beschränkt, ja zur Emigration gezwungen. Wer damals weiter forschen wollte, musste im Kopfe Glaube und Wissen möglichst trennen, auf philosophische Überlegungen zur Natur weitgehend verzichten, sich am besten rein technischen Fragen widmen.«73

Diese statische Vorstellung obrigkeitlicher Machtausübung sowie die starre Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Religion reduzieren jedoch die tatsächliche politische und soziale Komplexität des Kirchenstaates beträchtlich. Die Höfe der römischen Adelsfamilien, klerikalen Würdenträger und Nepoten waren alles andere als repressive und statische Gebilde, sondern eröffneten dynamische Möglichkeitsräume. Vor allem die Studien von Mario Biagioli, David Freedberg und Antonella Romano zeigen deutlich, dass zwischen »Hof« und »Wissenschaft« kein Antagonismus bestand. Ganz im Gegenteil trugen die Höfe der Spätrenaissance und der Frühen Neuzeit in Italien mit ihrer Kultur und Etikette, mit ihrem Ehrenkodex und ihrem Patronage-System Wesentliches zur Ausdifferenzierung der neuen Wissenschaften und zur Ausbildung der sozioprofessionellen Identität des Wissenschaftlers bei.74 Die an den Höfen konzentrierten Ressourcen – finanzielle Mittel, wissenschaftlicher Austausch, Forschungsmöglichkeiten in Form von Bibliotheken und Sammlungen – ebenso wie die Plattform, welche die Mäzene dort gewährten, begünstigten die Genese, Zirkulation und Distribution von Wissen.75 Ingo Herklotz hat diesbezüglich die besondere Rolle des Kardinals Francesco Barberini, Neffe von Urban VIII., hervorgehoben und gezeigt, dass der Barberini-Hof nicht nur die Arbeit einer neuen Künstlergeneration beflügelte, sondern auch eine ganze Schar von auswärtigen Gelehrten anzog.76

Die Hofkultur gab folglich den Rahmen vor, innerhalb dessen die Diskurse der Wissenschaft stattfanden. So waren auch die römischen Wissenschaftszirkel und Akademien wie die Accademia degli Umoristi oder die Accademia dei Lincei geprägt von dem elitären Bewusstsein der kurialen Hofkultur, wobei sich die Accademia dei Lincei im Hinblick auf die wissenschaftliche Ausrichtung und durch ihre äußerst selektive Aufnahme neuer Mitglieder deutlich von den Umoristi unterschied.77 Gelehrte übertrugen ihre Forschung in höfische Formen der Präsentation, so zum Beispiel Francesco Stellutis mikroskopische Autopsie der Biene (Melissographia, 1625) (Abb. 5). Bereits die Wahl seines Untersuchungsobjekts wurde durch den höfischen Kontext bestimmt: Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf neuester Instrumententechnik basierten, präsentierte er als Panegyrik auf die Barberini-Familie, deren heraldisches Zeichen drei Bienen waren. Der von Matthäus Greuter angefertigte Kupferstich in Folio wurde Urban VIII. an Weihnachten des Heiligen Jahres 1625 feierlich übergeben. Das auf emblematische oder panegyrische Weise in Szene gesetzte Wissen stand dabei im dynamischen Austausch mit anderen Darstellungsformen wie Kunst, Theater, Oper, Liturgie und diversen Festinszenierungen. Für frühneuzeitliche Wissenschaftler war die Patronage folglich nicht nur eine ökonomische Ressource, sondern Bestandteil der Selbstformung, die auch den wissenschaftlichen Diskurs, die Motive und die theoretische Ausrichtung beeinflusste.78


5 Kupferstich von Matthäus Greuter nach Beobachtungen von Francesco Stelluti, Urbano VIII. Pont. Opt. Max. Cum accuratior Melissographia à Lynceorum Academia in Perpetuae Devotionis Symbolum ipsi offerretur, Rom 1625

Über die strukturellen, inhaltlichen und ästhetischen Aspekte der höfischen Wissensproduktion hinaus wird am Beispiel des Barberini-Hofes aber auch deutlich, dass Wissen nicht nur lokal produziert wird, sondern stets auch über den Produktionskontext hinausweist. Schon alleine die Kommunikationsnetze der Mitglieder der famiglia der Barberini, in denen intellektuelle, strategische, ökonomische, aber auch politische Angelegenheiten verhandelt wurden, sowie das in weite Teile der Welt reichende Netz von Informanten und Agenten sind Phänomene, die weit über Rom hinausweisen. Für den Mäzen Francesco Barberini beispielsweise stellten die lokalen Investitionen in Kunst und Wissenschaft zugleich ein geeignetes Mittel zur Unterhaltung familiärer Beziehungen nach Frankreich dar; sie dienten also nicht allein der Verfolgung von intellektuellen Interessen und der Maximierung seines Sozialprestiges, sondern waren auch ein konfessions- und machtpolitisches Instrumentarium. Die Verbindung mit dem französischen Gelehrten und Mäzen Claude Fabri de Peiresc nahm diesbezüglich eine Schlüsselrolle ein. Niemand sandte so viele Protegés nach Rom wie der Mäzen aus Aix-en-Provence.79 Die Korrespondenz zwischen Barberini und Peiresc liefert ein instruktives Zeugnis für die Überlagerung unterschiedlichster Interessen im Bereich der Kulturpatronage.80

Über die Vermittlertätigkeit von Peiresc kam auch der Jesuit Athanasius Kircher im Herbst 1633 nach Rom, und die Mitglieder der famiglia Francesco Barberinis stellten wichtige Anlaufstellen für den Neuankömmling dar.81 Über eine Zeitspanne von mehr als vier Jahrzehnten agierte Kircher nun ähnlich wie Gian Lorenzo Bernini als Impresario der römischen Eliten. Ebenso wie Bernini schaffte es der Pater, allen sich wandelnden Machtverhältnissen zum Trotz, stets in der Gunst der Führungselite zu bleiben und nacheinander die Päpste Urban VIII., Innozenz X., Alexander VII. und Clemens IX. als Schirmherren für sich zu gewinnen. Dies war keineswegs selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass gerade der Übergang zum Pontifikat Innozenz’ X. Pamphilj, der gute Beziehungen zu Spanien unterhielt, weitreichende Einflusseinbußen für die nach Frankreich orientierten Barberini mit sich brachte. Der Konflikt ging sogar so weit, dass die Familie vorübergehend nach Frankreich emigrieren musste.82 Dieser abrupte Machtwechsel hatte auch für die Günstlinge der Barberini erhebliche Konsequenzen – nicht jedoch für Kircher und Bernini. Um in diesem vom ständigen Wandel der Machtverhältnisse und Konkurrenzdruck bestimmten Milieu bestehen zu können, brauchte es eine besondere Fähigkeit zum Erkennen möglicher Trends, eine perfekte Beherrschung des höfischen Formen- und Zeichenrepertoires sowie ein dichtes Netz von Informationszuträgern, Agenten und Assistenten. Das Verhältnis von Patron und Klient war somit keineswegs das eines linearen Sender-Empfänger-Modells, sondern fand in Handlungsarenen statt, deren Beziehungsgefüge und Abhängigkeitsverhältnisse weit über das persönliche Verhältnis zwischen Patron und Klient hinausführten. Den Funktionsmechanismen und der Tragweite höfischer Kulturinvestitionen kann eine personenzentrierte Analyse somit nicht gerecht werden. Im Falle Kirchers, der als Ordensmann im Gegensatz zu den Höflingen andere Spielräume besaß, sind auch die Interessen, Netzwerke und Handlungsräume der Jesuiten von entscheidender Bedeutung. Dieses dynamische Interaktionsfeld zwischen den Handlungsräumen der Jesuiten und denjenigen von Kurie und Adelsfamilien gilt es in den folgenden Kapiteln genauer zu beleuchten.

Das Collegio Romano: Schaltstelle des Jesuitenordens

Die Jesuiten leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Umsetzung und Verbreitung des gegenreformatorischen Programms der katholischen Kirche. Als eine Art Eliteeinheit zur Verbreitung der katholischen Orthodoxie erlebte der 1540 vom Papst anerkannte Orden einen großen Aufschwung. Bereits zu Lebzeiten des Gründers Ignatius von Loyola (1491–1556) prosperierte die Gesellschaft. Zählten die Jesuiten 1544 erst 40 Mitglieder, so waren es 1556 schon um die 1000, welche in etwa 50 Niederlassungen wirkten.83 1640, zum hundertjährigen Ordensjubiläum, konnten bereits über 15000 Mitglieder verzeichnet werden. Die größte und weitreichendste Bedeutung entfalteten die Jesuiten im Erziehungswesen und in der Mission.84 In jeder größeren Stadt wurde ein höheres Schulwesen eingerichtet und mit den Kollegia regelrechte Ausbildungszentren geschaffen, die insbesondere auf den weltlichen und geistlichen Adel ausgerichtet waren. Das erste Jesuitenkolleg wurde bereits 1548 in Messina gegründet, darauf folgte 1551 das römische Kolleg. Kurz nach 1600 bestanden bereits 245 Schulen weltweit, und um 1750 leitete der Orden mehr als 500 Kollegien und Universitäten in Europa, etwa 100 in Überseekolonien und etwa 270 Missionsstationen.85 Die Ausbildung und Koordination der Jesuiten sowie der eigenverantwortliche Unterhalt der Kollegien, ihrer Gebäude, Schüler und des Lehrpersonals stellte eine enorme logistische Herausforderung dar.86

Als Koordinationsstelle der weltweiten Aktivitäten und Zentralsitz der Verwaltung wurde Rom gewählt. Ignatius von Loyola erwarb mit den Gründungsmitgliedern eine Residenz in der Nähe von S. Maria della Strada, der späteren Ordenskirche Il Gesù. Bereits 1547 bezeichnete der Generalsekretär des Ordens, Juan de Polanco, Rom und die Kurie als Herz, Hirn und Magen des Ordens. Von hier aus sollte der Orden gesteuert und am Leben gehalten werden; ohne die Organe Herz, Hirn und Magen könne der Orden zwar wachsen, aber nicht dauerhaft erfolgreich prosperieren.87 Neben diesem Sitz des Ordensgenerals und seines Sekretärs fungierte ein kleines Gebäude an der Via di Nuova Capitolina, das dem Orden von Francesco Borgia gestiftet worden war, als erster Standort des Jesuitenkollegs. Bereits nach kurzer Zeit überschritten die Studierendenzahlen jedoch die räumlichen Kapazitäten. Insgesamt drei Mal wechselte das Collegio Romano seinen Sitz, bis es in den 1580er Jahren an seinen heutigen Standort in unmittelbarer Nähe zum Palazzo Doria Pamphilj, an die Piazza del Collegio Romano, zog. Mit erheblichen Zuwendungen von Papst Gregor XIII. wurde das bestehende Gebäude umgebaut und vergrößert.88 Das 1586 fertiggestellte neue Kolleg verschaffte nun auch den Jesuiten die gewünschte Sichtbarkeit auf der städtischen Bühne Roms. Denn nicht nur die Höfe der Kardinäle, Prälaten, Nepoten und der auswärtigen Ambassadoren standen in einem steten Wettkampf um größtmögliche Sichtbarkeit. Auch die religiösen Gemeinschaften aus aller Welt, die eine Niederlassung in Rom hatten, wollten in möglichst unmittelbarer Nähe zum Papsthof gesehen werden. Ihre Zentren lagen bisweilen dicht nebeneinander, was beträchtliches Konfliktpotential über Besitzansprüche und Grenzziehungen im städtischen Raum barg.89

Die vielen religiösen Gemeinschaften zog es aber nicht nur aus spirituellen und religionspolitischen Gründen nach Rom. Der Kirchenstaat war mit den Informationsnetzen der päpstlichen Diplomatie, den lokalen Handelshäusern und den unzähligen Reisenden, die täglich in Rom ankamen, ein Informationsknotenpunkt erster Güte. Auch der Jesuitenorden selbst entwickelte ein engmaschiges und durchstrukturiertes System der Briefkommunikation, um über die Unternehmungen seiner weit verstreuten Mitglieder informiert zu sein, aber auch um Ressourcen und Personal zu koordinieren.90 Im Collegio Romano wurden Informationen und Wissen aus der ganzen Welt gesammelt, gebündelt, aufbereitet und weitergeleitet; es war zugleich ein spirituelles, intellektuelles, kulturelles und ein administratives Zentrum. Die Ordenszentrale bildete somit einen wesentlichen Konsolidierungsort: Hier verdichteten sich Glaube, Wissen (mitsamt seiner konfessionellen Funktionalisierung) und höfische (Re-)Präsentation. Eine aus der Werkstatt des flämischen Kupferstechers Joannes Collaert stammende Karte von 1610 setzt diese Verdichtung von Wissen, Konfession und höfischer Prachtentfaltung in Szene (Abb. 6). Dargestellt ist das römische Stadtbild, in dem die zahlreichen jesuitischen Gebäude aufgrund ihrer überdimensionierten Größe deutlich hervortreten. Die sieben römischen Hauptkirchen dagegen werden nicht gekennzeichnet, St. Peter liegt sogar außerhalb des Bildausschnitts. Im Mittelgrund werden Il Gesù und das Collegio Romano – zudem herausgehoben durch eine Gruppe Jesuiten, darunter Ignatius von Loyola (mit einem Nimbus gekennzeichnet) – durch ihre besondere Größe als unangefochtenes Zentrum der Stadt präsentiert. Selbst die Straßenzüge, insbesondere diejenigen im Umkreis der jesuitischen Gebäude, sind verbreitert und erscheinen dadurch als den Konflikten um die Vormachtstellung im Stadtraum enthoben. Die Karte ist Bestandteil einer illustrierten Vita des Ignatius von Loyola, die unmittelbar nach dessen Seligsprechung 1609 gedruckt wurde.91


6 Joannes Collaert, Karte von Rom mit il Gesù, Professhaus, Noviziat, Collegium Romanum und weiteren Gebäuden der Jesuiten, in: Petrus Ribadeneyra, Vita beati patris Ignatii Loyolae religionis Societatis Iesu fundatoris, Antwerpen 1610. Abbildung 12, o.P.

1622 zahlten sich das Engagement des Ordens in Mission und Bildung sowie seine vielfältigen kulturellen und materiellen Investitionen mit der Heiligsprechung von Ignatius und seinem Verbündeten Franciscus Xavier durch Gregor XV. schließlich aus. Die Jesuiten erfuhren dadurch eine Legitimation von höchster Instanz. Besonders aber das Ordensjubiläum 1640 erschien als passender Moment zur monumentalen Zurschaustellung der eigenen Erfolgsgeschichte. Spektakuläre Feste in Rom, Paris, Bahia und Goa wurden veranstaltet. Das Collegio Romano fungierte innerhalb dieser Feierlichkeiten neben Il Gesù wiederum als Hauptbühne. Der römische Chronist Giacinto Gigli92 berichtet von der kunstreichen Ausgestaltung des Kollegs. Zum Gedenktag des Heiligen Ignatius von Loyola am 31. Juli 1640 hätten die Jesuiten im Collegio Romano ein einzigartiges Fest veranstaltet. Zwischen den Arkaden des Innenhofes seien insgesamt 19 bronzefarbene Stuckstatuen errichtet worden, darunter die Statuen der Päpste Urban VIII., Gregor XIII. und Gregor XV. sowie Personifikationen der Künste und Wissenschaften. Hinter den Statuen wurden Bildnisse sowohl aller noch lebenden als auch der bereits verstorbenen Kardinäle angebracht, die im Collegio Romano studiert hatten. Die Darstellung der Kardinäle des Hauses Barberini erschien Giacinto Gigli besonders erwähnenswert. Neben den Kardinälen seien auch eine Vielzahl von Prälaten und Gelehrten dargestellt, die ihre Ausbildung ebenso im römischen Jesuitenkolleg absolviert hatten.93 Hervorgehoben wurden aber nicht allein das römische Kolleg und seine illustren Absolventen, sondern die große Bedeutung und weltweite Ausdehnung des jesuitischen Bildungssystems insgesamt:

»[…] et sopra tutte le porte delle Scuole sotto l’Archo della volta vi erano i Retratti delle città, et luogi dove li Gesuiti hanno i loro Collegi, et finalmente vi erano in forma di medaglie molti emblemi Gieroglifici, et altre Scrittioni fatte in diverse lingue.«94

Giglis Ausführungen verdeutlichen, dass nicht nur im Umfeld der weltlichen und geistlichen Höfe, sondern auch im ordenspolitischen respektive institutionellen Kontext zur Mehrung des Ansehens und zur Präsenzmarkierung oder Einbindung in lokale Herrschaftsverhältnisse auf dasselbe Formen- und Zeichenrepertoire zurückgegriffen wurde. So sehr der Jesuitenorden intern, auf der ordenspolitischen und administrativen Ebene, auch die kuriale oder päpstliche Einflussnahme zu verhindern suchte, wurden nach außen hin gerade die Nähe zur Kurie und die weitreichende Vernetzung mit dem römischen Adel betont.95 Insbesondere der im vierten Ordensgelübde versprochene absolute Gehorsam gegenüber dem Papst wurde öffentlichkeitswirksam bekräftigt: Als große Wohltäter der Gesellschaft herausgehoben wurden Gregor XIII. Boncompagni, der sich um die Finanzierung und den Umbau des Collegio Romano verdient gemacht hatte, Gregor XV. Ludovisi, der Ignatius von Loyola und Francesco Xavier heiligsprechen ließ, sowie der amtierende Papst Urban VIII. Barberini, der den Orden ebenfalls finanziell unterstützte. Somit wurde gerade im Bereich des Zeremoniells der jesuitische Raum zu einem wesentlichen Bestandteil des Papsthofes. Daneben wurde mit den Gemälden aller im Collegio ausgebildeten Kardinäle (wobei den Familienmitgliedern der Barberini eine besondere Bedeutung zukam), aber auch mit der Sichtbarmachtung der weltweiten Ausdehnung der Kollegien auf die Erfolgsgeschichte des eigenen Erziehungswesens in seiner lokalen und globalen Dimension verwiesen. Das Collegio Romano wurde damit zum intellektuellen Fundament für die kulturelle Superiorität Roms und des Katholizismus im Allgemeinen stilisiert. Dieser Anspruch wird auch durch die Hervorhebung berühmter Poeten, Wissenschaftler und Kunstschaffender, die das jesuitische Bildungssystem durchlaufen hatten, nochmals verdeutlicht.

Auch die am Collegio wirkenden Professoren trugen zu dessen Prestige als Ort besonderer Gelehrsamkeit Wesentliches bei. Mit ihren unablässig produzierten Publikationen und ihren Wortmeldungen in wissenschaftlichen Debatten waren sie ein wichtiger Bestandteil der römischen Gelehrtenkultur. Besonders im Bereich der Mathematik und der Naturphilosophie erarbeiteten sie sich ein großes Renommee, zu dem insbesondere die Forschungen und Publikationen der Gelehrten Christoph Clavius (1538–1612), Christoph Grienberger (1561–1636), Horatio Grassi (1582–1694), Nicolaus Zucchi (1586–1670) sowie Athanasius Kircher beitrugen. Das Prestige der Institution basierte daneben aber auch auf den Theater-, Opern- und Tanzaufführungen und den aufwändig inszenierten Disputationes der frisch promovierten Studenten, die dort stattfanden.96 Dies alles machte das Kolleg zu einem kulturellen Zentrum des barocken Roms, einer Art »manufactury of representations«, welche auf die Unterhaltung, Belehrung und religiöse Erbauung eines solventen Publikums ausgerichtet war.97 Einmal mehr wird daran deutlich, wie sehr die höfischen Rahmenbedingungen auch den Bereich der Wissenschaften innerhalb der religiösen Orden prägten. Am Beispiel der ordenseigenen Sammlung soll diese Dynamik zwischen »innen« (Orden) und »außen« (Stadt) im Folgenden exemplarisch herausgearbeitet werden.

Domus Kircheriana: Das Museum

Auch die ordenseigene Kunst- und Wunderkammer, die das Collegio Romano seit 1651 beherbergte, gehörte zu dieser »Repräsentationsmanufaktur«. Situiert im Herzen des Jesuitenordens, war sie aber gleichzeitig auch ein integraler Bestandteil des Raumes der städtischen Elite. Dieses Spezifikum zeigt sich bereits bei der Museumsgründung: Der römische Patrizier und Sekretär des Popolo Romano Alfonso Donini vermachte seine persönliche Sammlung, die hauptsächlich aus Antiken bestand, den Jesuiten mit der Auflage, sie öffentlich zugänglich zu halten und im Unterricht der Jesuitenschule einzusetzen.98 Die Schenkung gab den entscheidenden Impuls zum Aufbau eines jesuitischen Museums im Innern des Kollegs, zu dessen erstem Kustos Athanasius Kircher ernannt wurde. In das Museum wurde neben Doninis Erbe auch die ordenseigene Gemäldesammlung integriert, und auch Kircher fand Gelegenheit, seine persönlichen Sammlungsobjekte zu präsentieren.

Italien im 16. und 17. Jahrhundert beherbergte eine überaus große Zahl an gelehrten Sammlungen, sowohl des Adels als auch des Bürgertums. Sammeln war ein Ausdruck des »guten Geschmacks« der römischen Elite, mit dem diese sowohl ihre finanziellen Möglichkeiten als auch ihre Bildung präsentierte.99 Für den weltlichen und geistlichen Adel Roms war die Sammlung, neben der Bibliothek und dem gestalteten Garten, ein essentieller Bestandteil seines höfischen Selbstverständnisses und daher immer auch Ausdruck der repraesentatio majestatis.100 Vor allem aber dienten das Sammeln von Antiken und ihre Publikation in Sammlungskatalogen in Rom über lange Zeit der Nobilitierung und der Zurschaustellung des sozialen Status einzelner Familien.101 Die Betonung von höfischem Status sowie des eigenen kulturellen Kapitals war aber nicht der einzige Zweck dieser Galerien. Gerade in Rom fungierten sie, insbesondere für die katholische Kirche, auch als ein Mechanismus zur Verwandlung von Wissen in Macht. Vor allem die antiken Sammlungsgegenstände eigneten sich zur Demonstration der Tradition, Beständigkeit und Größe Roms. So verweisen die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Stadt gegründeten Sammlungen, wie beispielsweise das hier besprochene Museum des Collegio Romano oder das Kabinett von Giovanni Giustino Ciampini, immer auch auf die intellektuelle Vormachtstellung des päpstlichen Rom.102 Als besonders aufschlussreich erweist sich dabei, dass die Gründung zahlreicher Antikensammlungen jeweils in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der Wahl eines neuen Papstes und damit dem Machtantritt einer neuen Familie stand.103 Gerade Athanasius Kircher verstand sich bestens darauf, das im Kolleg zusammenkommende Wissen gemäß den Vorstellungen und dem Geschmack der römischen Oberschicht zu präsentieren und dabei stets auch die religiöse, politische und symbolische Hegemonie des Papsttums und den Anspruch der Jesuiten auf eine intellektuelle und missionarische Vormachtstellung zu betonen.

Obwohl die Sammlung des Jesuitenkollegs in der Repräsentation von Status durchaus Gemeinsamkeiten mit den höfischen Sammlungen aufwies, gilt es auch die Unterschiede zu beachten. So spiegelte die Sammlung zum Beispiel auch den Stellenwert des Kollegs als (Aus-)Bildungsinstitution wider; das Ordensmuseum funktionierte somit immer auch als »Laboratorium«, d.h. als Ort des Wissens und der Forschung.104 Hier zeigte Kircher einem ausgewählten Publikum exotische oder antike Objekte und führte Experimente sowie unterhaltsame magnetische, pneumatische und hydraulische Maschinen vor. Wie am Beispiel des Besuchs von Christina von Schweden später noch detaillierter dargestellt werden wird, gestaltete der Pater seine Führungen adressatengerecht entsprechend des Ranges, der Bildung und der Konfession der Besucher. Somit war gerade die sich stets verändernde Bühne des Museums ein Beispiel für die Dynamisierung des Raumes.105 Das Museum als Ort des wissenschaftlichen Austauschs und der Zurschaustellung von Wissen bildete zusammen mit der jesuitischen Institution des Collegio Romano und dem städtischen Raum mit seinen vielen Höfen, Akademien und Salons einen elastischen Wissensraum, in dem sich unterschiedliche Wissenspraktiken verdichteten und sich zeitgenössische Diskurse von Wissenschaft und Wissenskultur manifestierten. Städtischer Raum, Kolleg und Museum sowie auch Hofkultur und religiöse Institutionen sind folglich nicht als räumlich voneinander getrennte Bereiche zu betrachten, sondern als sich überlagernde Felder. In diesem elastischen Wissensraum kam dem jesuitischen Museum als Verdichtungsort von Kommunikation eine wichtige Bedeutung zu: Es bot ein Forum für die Kommunikation über Sammlungsobjekte und für den Austausch von Geschenken zur Etablierung neuer oder zur Pflege bereits bestehender Patronageverhältnisse. Es fungierte somit als Ort von (sozialem) Austausch und sozialer Reproduktion.

Athanasius Kircher, Kustos des Museums

Inmitten dieses Verdichtungsraumes agierte Athanasius Kircher. Wie eng die Sammlung des Collegio Romano an die Person des gelehrten Paters gebunden war, verdeutlicht die 1678 publizierte Sammlungsbeschreibung: Während sich der Verfasser der Publikation, Giorgio de Sepibus, als Maschinenbauer bezeichnet, stellt er Kircher als Autor des Museums in den Vordergrund.106 Kircher galt als Experte für Rares, Exotisches und die bisher ungelösten Rätsel der Natur. Diesen Status genoss er weit über Rom hinaus, wie seine Korrespondenz bezeugt. Er kommunizierte mit einer großen Anzahl von Personen, darunter Gelehrte, Missionare und Beichtväter unterschiedlicher institutioneller Provenienz, Jesuiten, zwei Kaiser, Päpste, Kardinäle sowie Prinzen und Adelige, außerdem zahlreiche Bewunderer aus weiten Teilen der Alten und der Neuen Welt. Die Briefe, die er erhielt, stellte er im Museum zusammen mit den übrigen Sammlungsobjekten und seinen Büchern aus.

In seinen Briefen verbreitete Kircher sein Wissen und beantwortete Fragen. Sie waren für ihn aber auch ein wichtiges Mittel zur Gewinnung empirischer Daten. Viele der Beobachtungen von Zeitgenossen, die er auf diese Weise zusammentrug, fanden dann auch Eingang in seine Publikationen. Gleichzeitig unterhielt er damit auch seine Patronagebeziehungen – zusammen mit den Briefen versandte er Geschenke, und diejenigen, die er erhielt, nahm er in seine Sammlung auf. So informierte er beispielsweise Herzog August den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579–1666), dass dessen Geschenk nun einen Platz in seinem Welttheater eingenommen habe, was dem Schenkenden zugleich maximale Sichtbarkeit garantiere:

»Euer über jeden Wert zu schätzendes Geschenk steht auf dieser Schaubühne der Stadt und des Erdkreises, und es wird stehen zum ewigen Gedenken an einen so bedeutenden und freigiebigen Fürsten, allen Häuptern der römischen Kurie und den übrigen bedeutenden Männern, die mein Museum besuchen werden, zum Beispiel, zu eurer Durchlaucht Lob und Ruhm, der niemals untergehen wird.«107

Die Gegenseitigkeit der kulturellen Investition wird hier besonders deutlich. Gleichzeitig wird aber auch der besondere Stellenwert des Briefes sowohl als Medium zur Informationsübermittlung als auch als Währung im Sinne eines Wertpapiers sozialen Kapitals erkennbar. Kircher profitierte nicht nur in finanzieller Hinsicht von den Zuwendungen des Herzogs, sondern konnte sein Verhältnis zum hochrangigen Mäzen mit den Briefen und Objekten auch in Rom zur Schau stellen. Der soziale Wert seiner Forschung wurde dadurch ebenso betont wie der über die Stadt und konfessionelle Grenzen hinausreichende intellektuelle Geltungsanspruch seines Wissens. Der Herzog dagegen wurde durch seine Investition auf der Bühne Roms sichtbar. Seine Darstellung an der Ehrenwand des Museums in Rom muss ihm attraktiv erschienen sein. Angesichts der Tatsache, dass der Besuch bei Pater Kircher und eine Führung durch dessen Sammlung zum Rombesuch eines solventen Publikums gehörte, bedeutete eine Präsenz im Museum großes Prestige.108 Geschenke erhöhten daher nicht nur den Status des Schenkenden ebenso wie den des Empfängers, sie artikulierten auch den Zusammenhang zwischen der kulturellen Produktion eines Museums und dessen sozio-politischem Ort in der Umgebung des Hofes. Doch unterhielt Athanasius Kircher seine Beziehungen zur Welt keineswegs nur über Briefe und Geschenke. Seine Spuren sind vielmehr im gesamten Stadtraum zu verfolgen.

Wissen und Herrschaftsraum: Kircher und das pamphilische Repräsentationstheater

Im Dezember 1650 blickte Giacinto Gigli auf das Heilige Jahr zurück und hielt in seinem Tagebuch resümierend fest:

»Così hebbe fine l’Anno Santo del 1650 nel quale concorse a Roma popolo grandissimo, da diverse parti del mondo, dalla Francia, Spagna, Alemagna, Polonia, et altre provincie, ma particolarmente, vi fu il concorso tutta l’Italia, così homini, come Donne, et in particolare dalla Puglia, Calabria, Sicilia, et altri paesi, molto più che non furono nell’Anno Santo di Urbano VIII.«109

Die von Gigli beschriebenen Besucherströme sowie die aufwändig durchgeführten Prozessionen und Festivitäten verwandelten Rom erneut in ein kostspielig ausstaffiertes Welttheater. In diese theatralische Prachtentfaltung wurde viel investiert, denn nicht nur die Augen der katholischen Gebiete Europas waren auf Rom gerichtet.

Kunst und Wissenschaft wurden in ihrer gesamten Bandbreite für die Ausgestaltung Roms in Anspruch genommen. Die Stadt zeigte sich unter dem Pamphilj-Papst Innozenz X. nicht nur als Zentrum der Religion, sondern auch als Sitz der Musen, als Hauptstadt der Künste und der Wissenschaften. Als einer unter vielen war auch Kircher als Impresario an der Ausgestaltung der Stadt beteiligt. Bereits drei Jahre vor dem Jubiläum engagierte ihn der Papst für seine »private« Bühne: Zusammen mit dem Orgelbauer Matteo Marione sollte er 1647 die manuell bespielbare Orgel, die sich in den Gärten der päpstlichen Sommerresidenz auf dem Quirinal befand, in eine hydraulische Orgel umbauen.110

Der Wunsch, die Orgel in einen Automaten zu verwandeln, spiegelt das zeitgenössische Interesse an derartig ausgefeilten Maschinenkonstruktionen.111 Besonders beliebt waren Automaten in Grotten oder Nymphäen von fürstlichen Lustgärten. Die von Kircher und Marione gebaute Hydraulis befand sich ebenfalls im Nymphäum. Automaten erstaunten die frühneuzeitlichen Besucher durch ihre selbständige Bewegung, die eine Verschmelzung von Natur und Kunst respektive Technik symbolisierte.112 Sie markierten dadurch einen Herrschaftsbereich, in dem die Grenzen des Natürlichen durch Ingenieurskunst überschritten wurden. Kircher schuf also mit seiner Arbeit am Orgelprojekt zugleich eine Panegyrik auf den Papst als Herrscher über Wissenschaft, Kunst und Natur.

Die zweite Bühne, auf der Athanasius Kircher im Auftrag des Papstes agierte, war, anders als die erste, eine städtische. Kircher, der sich bereits mit seinen beiden Publikationen Prodromus coptus und Lingua aegyptica restituta im Bereich der Ägyptologie einen Namen gemacht hatte, wurde von Innozenz X. für die Realisierung eines Obelisken-Monuments auf der Piazza Navona hinzugezogen.113 Von Gian Lorenzo Bernini als Brunnen konzipiert, kennzeichnete das Monument den Platz gleichzeitig als päpstlichen Herrschaftsbereich und als Sitz der Familie Pamphilj.

Das Objekt des päpstlichen Interesses war ein Obelisk, der von Domitian im Jahre 81 n. Chr. im römischen Isis-Heiligtum aufgestellt worden war und der dort 200 Jahre lang, bis zur Regierung des Maxentius, gestanden hatte. Dieser hatte ihn in seinen Zirkus überführen lassen, und an diesem Standort verblieb er bis zum Jahre 1649. Kircher überwachte die Bergungsarbeiten des Obelisken aus dem Maxentiustheater und fungierte als Experte für die Rekonstruktion des nur fragmentarisch erhaltenen Objekts sowie als wissenschaftlicher Berater für das geplante Bauwerk.

Spätestens seit der von Sixtus V. in Auftrag gegebenen Ausgrabung und Wiedererrichtung der römischen Obelisken wurde das Studium des ägyptischen Erbes innerhalb der europäischen Gelehrtenkultur und ganz besonders in Rom mit großem Engagement betrieben. Der Universalgelehrte Michele Mercati verfasste 1589 im Auftrag von Sixtus die Abhandlung Gli Obelischi di Roma und setzte damit dem Sixtinischen Obeliskenprogramm in gedruckter Form ein prächtiges Denkmal.114 Höhe und Form, Herkunft und Geschichte der bis dato bekannten Obelisken wurden darin ebenso behandelt wie die in ihre Oberfläche gemeißelten Hieroglyphen. Mercatis Publikation stieß auf großes Interesse und prägte das Ägyptenwissen des 17. Jahrhunderts in hohem Maß. Die seit der Antike in Rom vorhandenen ebenso wie die neu erworbenen Aegyptiaca waren für Gelehrte wie Kircher, die sich für orientalische Sprachen und ägyptische Kultur interessierten, eine ideale Grundlage für ihre Forschungen. In zahlreichen gut ausgestatteten Bibliotheken und Privatsammlungen fanden sie reichlich Arbeitsmaterialen und Studienobjekte. Die Beschäftigung mit Ägypten erfreute sich einer besonderen Förderung von geistlichen und weltlichen Mäzenen, denn das Land am Nil und seine Kultur erschienen sowohl in religiöser und politischer wie auch in intellektueller Hinsicht von großer Bedeutung für die eigene christliche Kultur. Man glaubte in den Riten der alten Ägypter gar vorchristliche Wurzeln zu erkennen, und die Hieroglyphen galten als scrittura sacra, die dazu bestimmt gewesen sei, religiöse Inhalte zu vermitteln. Durch die Entschlüsselung der Hieroglyphen erhofften sich die Gelehrten, zur prisca sapientia zu gelangen. Mit der von Kircher verbreiteten Behauptung, er habe die Hieroglyphen entschlüsselt, war folglich der Anspruch verbunden, dem Geheimnis der prisca sapientia ein bedeutendes Stück näher gekommen zu sein.

Das Bauvorhaben von Papst Innozenz X. verschaffte Kircher nun die Möglichkeit, sein Ägyptenwissen in einem kostspieligen urbanistischen Großprojekt auf der Bühne des Jubeljahres 1650 öffentlichkeitswirksam vorzuführen. Hierfür stellte er in Zusammenarbeit mit Bernini sein Wissen in den Dienst der päpstlichen Repräsentation. Das Projekt auf der Piazza Navona bildete den Höhepunkt der Spektakel im Heiligen Jahr und schuf das Bild eines triumphierenden Roms. Wie bereits in der Einführung zu diesem Kapitel herausgearbeitet wurde, verkörpert die Inszenierung der kulturellen Überlegenheit der Ewigen Stadt und der spirituellen Überlegenheit der posttridentinischen Kirche nur eine Dimension dieses vielschichtigen Theaters. Kircher und Bernini verbanden den Herrschaftsanspruch des Papsttums auch im Vierströmebrunnen mit demjenigen der Papstfamilie Pamphilj. Gleichzeitig imitierte das Gesamtkonzept der urbanistischen Interventionen auf der Piazza Navona Gesten antiker Herrschaftsrepräsentation.

Das Bauprojekt war ein großes Medienereignis, denn sowohl der Obelisk als auch die Piazza Navona, auf der er aufgestellt werden sollte, waren höchst symbolträchtig. Bereits seit der 1644 erfolgten Wahl Giovanni Battista Pamphiljs zum neuen Papst richtete sich die Aufmerksamkeit der römischen Bevölkerung auf die Piazza. Als Papst Innozenz X. machte Pamphilj es sich zum Ziel, den Ort, den man damals für die Stätte eines antiken Zirkus hielt und der zugleich sein Geburtsort war, zum Hauptsitz seiner Familie und der katholischen Kirche auszubauen: Vom »Forum Agonalis« zum »Forum Pamphilj et Ecclesiae« lautete das Programm. Die Pamphilj teilten sich damals den Platz mit anderen Adelsfamilien, Händlern, Künstlern, den Spaniern von S. Giacomo und den Franzosen von S. Luigi. Um sich die Vormacht über den Platz zu sichern, verbot Innozenz X. – trotz vehementer Klagen der Bevölkerung – den Markt auf der Piazza. Um die antike Struktur des Zirkus wiederherzustellen, riss er Häuser am südwestlichen Ende des Platzes ab. Zudem ließ er die antike Wasserleitung der Acqua Vergine von Borromini auf die Piazza verlängern und den Familienpalast mit der daran anschließenden Kirche S. Agnese in Agone zu monumentaler Größe ausbauen. Die finanziellen Mittel zur Durchführung dieser kostspieligen Interventionen in den urbanen Raum verschaffte er sich durch eine massive Erhöhung von Steuern.115 Derartige Maßnahmen stießen bei der römischen Bevölkerung freilich auf wenig Gegenliebe, wie der Chronist Giacinto Gigli zu berichten weiß:

»In Roma fra tanto si descrivevano tutti li nomi di coloro, che possedevano Case, et si mesuravano tutte le Case della Città, per una contributione, o tassa, che si haveva da pagare per la spesa da farsi nella fontana che ha da scaturire in Piazza Navona, et per una Guglia, che nel medesimo loco si alzarà, la qual Guglia in quattro pezzi rotta giaceva fuor di Porta di S. Sebastiano in un cerchio antico avanti al loco detto Capo di bove, et questo per ornamento di detta Piazza Navona, da quella banda dove hora è quasi finito il Palazzo de’ Pamfili, con accrescere, et adornare la Casa dove habitava Papa Innocentio quando era Cardinale. Della qual cosa il Popolo lamentava, tanto più che il grano cresceva di prezzo ogni giorno più […]«.116

Auch Pasquino, eine der sieben sprechenden Statuen Roms, ließ seinen Ärger über die Piazza schallen: »Noi volemo altro che Guglie, et Fontane, Pane volemo, pane, pane, pane.«117

Gemäß der bereits erläuterten polyvalenten Instrumentalisierung der Taubensymbolik durch die Pamphilj stand der Obelisk, der nicht wie die Sixtinischen Obelisken von dem Kreuz der katholischen Kirche, sondern von der Taube gekrönt wurde, in einem doppelten Sinn für die Herrschaft des Papsttums und der Familie Pamphilj. Mit der Platzierung des Vierströmebrunnens im Zentrum der Piazza Navona wurde diese zum monumentalen Vorplatz des Pamphilj-Palastes und der Kirche S. Agnese. Es zeigt sich dabei eine kompositionelle Anlehnung an S. Pietro und S. Giovanni in Laterano.118 Darüber hinaus spiegelt sich in Innozenz’ X. Vorhaben, die Struktur des antiken Zirkus wiederherzustellen, die Programmatik einer antiken imperialen Disposition: die Verbindung von Palast und Zirkus, wie sie sich in Rom am Beispiel des Palatins zeigt.119 Die Feierlichkeiten im Jubeljahr ließen die Bedeutung der Piazza als Gesamtkunstwerk deutlich hervortreten. Nicht weniger als drei Obelisken besetzten die Mitte des Platzes; zwei zeitgenössische Imitationen, die mit Feuerwerkskörpern gespickt waren, zwischen ihnen und sie überragend der antike Obelisk (Abb. 7). Gigli beschrieb das Ereignis folgendermaßen:

»Tutto il Teatro della Piazza era cinto da Archi di legname dipinto tutti pieni di lumi acesi, et tutte le torri, et tutti li altri ornamenti erano ripieni di lampadi accese. Incontro alla Guglia dove è la Chiesa di S. Agnese fu fatto un’Altare molto bello con colonne, et cornicione di sopra dipinto, et indorato, sopra il qual Altare doveva posarsi il SS.mo sacramento.«120


7 Dominique Barrière, Osterfeierlichkeiten auf der Piazza Navona im Jubeljahr 1650

Berninis Vierströmebrunnen wurde zwar erst ein Jahr nach den Feierlichkeiten, am 12. Juni 1651, eingeweiht, doch Kirchers Publikation Obeliscus Pamphilius mit den Informationen zur Geschichte des Obelisken, Details über die Bergung sowie einer Interpretation der Hieroglyphen lag zum Jubeljahr rechtzeitig bereit.121 Ganz im Einklang mit der päpstlichen Repräsentation akzentuierte Kircher mit seinem Werk nicht nur die ecclesia triumphans, sondern besonders Innozenz X. als defensor ecclesiae und als Friedensfürsten. Der Verherrlichung des Papstes dienten auch die vier seitlichen Inschriften des Obelisken, die Kircher zu Beginn seiner Publikation wiedergibt. Auf jeder der vier Seiten wird Innozenz X. gefeiert: als sagenhafter Erneuerer Roms, als imperialer Herrscher, als Bezwinger des Heidentums und als gelehrter Fürst und Förderer der Wissenschaften.122 Gerade für die letztgenannte Funktion lieferte Kircher ein 560 Folioseiten starkes Zeugnis. Gezielt arrangierte er die Geschichte und Auslegung des Obelisken als Herrscherlob. In Anlehnung an Plinius den Älteren verstand Kircher die Obelisken als Weihe der Ägypter an den Sonnengott.123 Auch griff er die über den Humanisten Poggio Bracciolini verbreitete Theorie von Ammianus Marcellinus auf, dass die Obelisken den Strahl der Sonne – digitus Solis – darstellten.124 In der sich nach unten hin verbreiternden Gestalt des Obelisken, so die Meinung, sei die belebende und erhaltende Wirkung des Sonnengottes auf die vier Erdteile ausgedrückt. Diese werden in dem Brunnenmonument durch die Personifikationen der Flüsse Ganges, Nil, Donau und Rio della Plata symbolisiert.125 Die in den Obelisken verkörperte Metaphorik des Verströmens der lebensgenerierenden und -erhaltenden Kräfte durch die als göttliche Kraft gedeutete Sonne wurde von Kircher auf die Figur des Papstes bezogen. Besonders in Anbetracht des Heiligen Jahres, als dessen Regisseur der Pamphilj-Papst wirkte, wird die Errichtung des Obelisken zum Triumphgestus. Kircher schrieb diesbezüglich im Obeliscus Pamphilius: »Marmoreo Aquæ Virginis monumentuo Aegyptium Obeliscum imponens, metam posuit Romanæ Magnificentiæ.«126 Rom wurde folglich als spirituelles und kulturelles caput mundi dargestellt, das seine belebende Kraft in alle vier Weltteile verströmt. Der Figur des Fürsten, personifiziert durch den Obelisken, kommt dabei eine besondere Rolle zu. Schon wegen ihrer unveränderlichen Standfestigkeit waren Obelisken und Pyramiden als Sinnbilder des Fürsten beliebt. Auch auf die Sonnensymbolik hin betrachtet, konnte der Obelisk als eindrucksvolles Bild des Fürsten als Sonne interpretiert werden. Kircher verband in seiner Publikation seine Theorie des »spiritus mundi«, ein Abbild des Heiligen Geistes, dem die Obelisken geweiht sind, in geschickter Weise mit seinem Fürstenlob; wobei auch an dieser Stelle die Dehnbarkeit der Taubensymbolik – als Symbol für den Heiligen Geist ebenso wie für die Familie Pamphilj – deutlich wird.

Kirchers Publikation wurde weit über Rom hinaus auf den Buchmärkten in ganz Italien, in Deutschland, in den Niederlanden und in Österreich wahrgenommen. Der Obeliscus Pamphilius profitierte dabei auch von der besonderen Aufmerksamkeit, welche die fulminante Einweihung des Brunnenmonuments am 12. Juni 1651 auf sich zog. Das Tagebuch des römischen Kardinals Carlo Catari enthält allein sechs Drucke mit Motiven dieses Spektakels.127 Auch die 1652 neu erschienene dritte Auflage des Romführers Ritratto di Roma moderna erhielt am Ende eine neue Sektion über den Brunnen.128 Kirchers Obeliscus Pamphilius, die avvisi, der Reiseführer sowie die ebenfalls in großer Auflage zirkulierenden Einblattdrucke, die diesem Ereignis gewidmet waren, vervollständigten das pamphilische Herrschaftstheater und verbreiteten sein Echo über die Grenzen Roms hinaus. Sie beleuchteten die Prachtentfaltung auf der Piazza Navona aus ihrer jeweiligen Perspektive und bildeten gemeinsam einen Wissensraum, in den sich auch Kirchers Publikation einschrieb. Innerhalb dieses Raumes manifestierten sich neben den philologischen, archäologischen und künstlerischen auch soziale, politische, religiöse und urbanistische Programme. Kirchers Beteiligung am Projekt sowie sein Obeliscus Pamphilius standen somit in einem dynamischen Austauschverhältnis mit den anderen Dimensionen des Ereignisses und verweisen dabei auf die besondere Elastizität frühneuzeitlicher Wissensräume und auf die vielfältige Funktionalisierbarkeit von Wissen als wichtiger kultureller Ressource.

Wissen im Dienste der päpstlichen Politik: Die Ankunft der schwedischen Königin in Rom

Ein dem anno santo in seiner Breitenwirkung gleichkommendes Ereignis spielte sich fünf Jahre später auf der römischen Bühne ab. Nach dem Misserfolg der römischen Abgeordneten am Verhandlungstisch des Westfälischen Friedens wurde die Konversion Christinas von Schweden von der katholischen Kirche als Triumph gefeiert. Die Konversion der Tochter von Gustav Adolf, welche als Gegnerin der Katholischen Liga bei den Friedensverhandlungen zugegen gewesen war, ließ der katholischen Kirche und ihrem neuen Papst Alexander VII. einen nachträglichen Erfolg zukommen, und zwar auf einer macht- und konfessionspolitischen ebenso wie auf einer symbolischen Ebene. Christinas Konversion war lange geplant, und ihr triumphaler Einzug in Rom konnte dementsprechend aufwändig vorbereitet werden.

Bereits seit 1650 ließ sich die schwedische Königin im katholischen Glauben unterrichten. 1652 wurden in einer von den Jesuiten geplanten Aktion unter dem Decknamen »Don Teofilo« zwei als Edelleute getarnte Jesuiten namens Paolo Casati und Francesco Malines (alias Don Bonifacio Ponginibio und Don Lucio Bonanni) an den Hof der Königin geschickt.129 Die gelehrte Konversionsaspirantin hatte speziell darum gebeten, man möge mathematisch gebildete Jesuiten zu ihr senden, mit welchen sie über Galileis Dialogo, den Bestseller l’huomo di lettere des Jesuiten Daniello Bartoli sowie über Athanasius Kirchers Werke diskutieren könne.130 Kircher selbst stand bereits vor der Ankunft der beiden Jesuiten mit der wissbegierigen Königin in Briefkontakt. In seinen Briefen an die Schwedin propagierte er die Gelehrsamkeit seines Ordens und machte der Noch-Protestantin das Leben in Rom als Hauptstadt der Kultur und der Wissenschaften schmackhaft. Im Collegio Romano, so schwärmte er ihr vor, würden Ordensbrüder aus allen Teilen der Welt zusammenfinden, und man spreche 35 verschiedene Sprachen.131 Christina von Schweden brachte dem jesuitischen Gelehrten große Hochachtung entgegen, äußerte ihr Interesse an wissenschaftlichem Austausch sowie den Wunsch nach einer Dedikation.132 Kircher, in seiner Funktion als gelehrtes Aushängeschild des Ordens, spielte somit von Anfang an eine wichtige Rolle in den Konversionsplänen der Kirche. Die Funktionalisierung von Wissen als Instrument zur Durchsetzung katholischer Interessen war Teil des missionarischen Programms, sowohl in der Alten als auch in der Neuen Welt.

Das katholische Glaubensbekenntnis legte Christina 1654 im Geheimen in Brüssel ab. Um den katholischen Glauben annehmen zu können, musste sie auf die schwedische Krone verzichten. Die feierliche Aufnahme in den Schoß der Kirche erfolgte 1655 in der Innsbrucker Hofkirche, wo sie auf den neuen Namen »Christina Maria Alexandra« getauft wurde. An Weihnachten 1655 traf die lange erwartete Prominenz in Rom ein. Am Beispiel des Eintritts der Königin in die Stadt durch die Porta del Popolo und der anschließenden Prozession wird die Indienstnahme von Kunst und Wissenschaft für die päpstliche Repräsentationspolitik erneut deutlich. Insbesondere die Piazza del Popolo, der nördliche Eingang in die Stadt, wurde für den Anlass entsprechend ausgestaltet. Alexander VII. ließ die Innenseite des Stadttors von Bernini zur monumentalen Triumphpforte umbauen. Außerdem hieß ein Inschriftenprogramm, das der Künstler anfertigte, die Königin aus dem Norden willkommen (»Felice faustoque ingressui anno salutis 1655«). Galeazzo Gualdo Priorato, der Kammerherr und Historiograph der Königin, fasst das ästhetische Programm des Künstlers zusammen:

»La porta del Popolo, per ordine del Papa era già dal Cavalier Bernino stata nobilmente compita sù l’antico disegno di Michel’Angelo Bonaruota, con alcuni abbellimenti propri dell’ingegno del medesimo Cavaliere; et un’Inscrittione, in cui additavasi il felice, e fortunato ingresso di questa Regina in Roma. Nella sommità della stessa Porta, si vedevano spiccar con un gran rilievo sei Monti, et una Stella in cima, che è l’Arma di Sua Santità«.133

Nachdem sie die Ehrenpforte, die gleichzeitig die Macht des Papsttums und der Familie Chigi darstellte, passiert hatte, betrat Christina mit ihrem Gefolge den traditionsreichen Boden Roms. Wie sie kamen alle bedeutenden Besucher aus dem Norden durch die Porta del Popolo in die Stadt. Bereits am Morgen ihrer Ankunft wurden der Konvertitin die päpstlichen Geschenke übergeben: eine Sänfte, ein Stuhl und eine prunkvolle Kutsche mit Samtpolstern, silberbestickt, mit Tapisserien und fein ausgearbeiteten Statuen verkleidet.134 Für den Entwurf sowie die Ausarbeitung dieser Geschenke war wiederum Bernini, in Zusammenarbeit mit Johannes Paul Schor, verantwortlich. Die Prozession zu Ehren der Schwedin startete bei der Piazza del Popolo und erreichte über den Corso die Piazza Venezia. Anschließend passierte sie die Stirnseite von Il Gesù, zog zur Piazza Pasquino und Monte Giordano, überquerte die Ponte S. Angelo und erreichte schließlich S. Pietro. Dieser Triumphzug der katholischen Kirche zu Ehren ihres neuen Mitglieds wurde ebenso wie das Ereignis des Pamphilj-Obelisken respektive Vierströmebrunnens in zahlreichen Drucken festgehalten.135

Auch die Fassade des Palazzo Farnese, in dem Christina von Schweden residierte, wurde von dem Architekten Carlo Rainaldi in ein allegorisches Theater verwandelt.136 Jedoch beteiligten sich nicht nur der Papst und die römischen Adelsfamilien, insbesondere die Farnese und die Barberini,137 sondern auch die religiösen Gemeinschaften, allen voran die Jesuiten, an den Feierlichkeiten. Ebenso wie die Ordenszentrale anlässlich des Ordensjubiläums 1640 als Tempel des Wissens und zugleich als Spiegel des Glanzes der Barberini-Familie ausgeschmückt worden war, gestaltete man die Kulisse nun zu Ehren der schwedischen Königin. Im Collegio Romano und der Ordenskirche S. Ignazio wurde ein vierteiliger Festapparat errichtet, der am 18. Januar 1656 zu Ehren der prominenten Besucherin eingeweiht wurde:

»Martedì 18 di Gennaro dell 1656 fù ricevuta con solenne apparato in Collegio Romano della Compania di Giesu la Serenissima Regina di Svetia, che fù lì a gradire l’ossequio di quei Padri sù le 21 Hore. L’apparato fù fatto in quattro luoghi. Il primo nelle Loggie del Cortile delle Scuole: et ivi nelli pilastri d’ambe le parti si rappresentavono le donne segnalate in lettere con le loro medaglie di basso rilievo coperto à bronzo […]. Negl’archi vi erano dipinte le Università, nelle quali insegnano i Padri della Compania di Giesù colla sua inscrittione. E trà i pilastri, e porte delle scuole erano dipinti i donativi di quelle cose, che sono più proprie di ciascuna Città offerti alla Regina, e spiegati di sotto con un Epigramma, che sostenea un Angelo scritto in una fascia.«138

Nach Besichtigung der ersten Szene im Innenhof gelangte die Delegation in den Eingangssaal (Portineria) zur zweiten Szene. Die dritte Szene befand sich im Korridor hinter der Portineria und die vierte in einem der bereits fertiggestellten Teile von S. Ignazio, unmittelbar neben der Sakristei. All diese Räume wurden ausgestattet mit Gemälden, Skulpturen, Wandteppichen aus Damaskus sowie unzähligen Emblemen und Epigrammen, die insbesondere die Gelehrsamkeit der Konvertitin hervorhoben. Nach dem Besuch ließ man die Festkulisse noch einige Tage stehen, damit ausgewählte Personen sie ebenfalls besichtigen konnten.139 Darüber hinaus zirkulierten in ganz Italien gedruckte Beschreibungen des Festapparates.140

Eine wichtige Rolle beim Empfang hoher Besucher im Collegio Romano spielte auch die theatralische oder emblematische Präsentation von Wissen. So wurden beispielsweise die Funktionsweise wissenschaftlicher Instrumente erläutert oder Experimente vorgeführt. Die wissenschaftlichen Objekte und Demonstrationen dienten als Anlass zur Konversation mit den höfischen Besuchern und boten darüber hinaus die Möglichkeit, das jesuitische Missions- und Bildungsprogramm zu bewerben.141 Der erste Besuch von Christina und ihrer Delegation konzentrierte sich ausschließlich auf die Besichtigung des Festapparates. Ein Rundgang durch Kirchers Museum, die Begutachtung seiner Exponate und seiner Experimente, war nicht Bestandteil des Festprogramms. Die Rolle, die der Pater im Dienste der Kirche für die Konversion spielte, hatte aber dennoch keineswegs nur eine vorbereitende Funktion. Am 30. Januar besuchte Christina das Collegio ein zweites Mal, diesmal weniger offiziell, aber dafür ausführlicher. Die Delegation besuchte die große Bibliothek, Kirchers Sammlung, die Pharmazie und die Sakristei.142 Ebenso wie die Prozession, die Festapparate, die aufgeführten Opern, Theater und Feuerwerke gehörte somit auch die Präsentation von Kirchers Wissen zu den Darbietungen im Stadtraum. Wie die Briefquellen zeigen, wurde der hohe Besuch spätestens seit Oktober 1655 vorbereitet. Kircher plante, Christina mit einer Reihe von Demonstrationen zu unterhalten, zu unterrichten und gleichzeitig auch religiös zu erbauen. Er wendete sich diesbezüglich an den Leiter der Vatikanischen Bibliothek, Lucas Holstenius, ebenfalls ein zum Katholizismus konvertierter Deutscher, mit der Bitte um finanzielle Unterstützung.143

Ebenso wie der Papst empfing Kircher seinen Gast mit einer Reihe von Geschenken. Doch im Gegensatz zu den päpstlichen Gaben stand bei denjenigen Kirchers nicht so sehr ihr materieller Wert im Vordergrund, sondern ihre symbolische und emblematische Aussageebene und die Materialisierung intellektueller Werte, die in ihnen zum Ausdruck kam. Dabei wird eine Ähnlichkeit zu dem bereits erwähnten, im Innenhof aufgebauten Festapparat deutlich, dessen gemalte Allegorien der Städte, in denen sich jesuitische Kollegien befanden, der Königin ortsübliche Geschenke überreichten. Kircher seinerseits schenkte der Schwedin die Übersetzung eines arabischen Manuskripts der Davidspsalmen mit einem Index zu den Passagen, die Salomons Tempel und Moses Tabernakel beschreiben – eine deutliche Anspielung auf den Tempel des Wissens, dessen Wiederaufbau in Rom er Christina prophezeite. Des Weiteren übergab er ihr ein Obeliskenmodell, das die Vorliebe der Königin für den Kult antiker Wissenschaft aufnahm und gleichzeitig seine eigene Gelehrsamkeit, als der Entzifferer der Hieroglyphen, geschickt in Szene setzte. Bereits bevor sie nach Rom gekommen war, wurde das Portrait der schwedischen Königin auf einer Medaille mit dem Herrschaftssymbol des Obelisken verbunden. Die dem Danziger Künstler Johan Höhn d.Ä. zugeschriebene Medaille wurde anlässlich ihrer Thronbesteigung 1644 geprägt.144 Im Unterschied zu Höhn unterstrich Kircher in seinem Geschenk jedoch nicht so sehr die potestas der Königin, sondern ihr Wissen und versah seinen neugeschaffenen Obelisken mit der folgenden panegyrischen Inschrift: »Der großen Christina, der wiedergeborenen Isis, ist dieser Obelisk, der die geheimnisvollen Zeichen der alten Ägypter trägt, errichtet, gewidmet und geweiht von Athanasius Kircher S.J.«145 In 33 Sprachen wurde der Spruch auf dem Obelisken eingraviert. Christina »Alexandra« wurde also von Kircher als neugeborene Göttin Isis gefeiert. Geschickt adaptierte er dabei die seit dem Dreißigjährigen Krieg bestehende Identifikation von Christina als Minerva des Nordens und inszenierte sie in ägyptischer Manier.146 Kircher stellte die Herrscherin auf diese Weise direkt Alexander VII. gegenüber, den er mit dem Titel Osiris redivivus ehrte.147 Sich selbst modellierte er als Hermes, der mit seinem Wissen den Glanz und die Weisheit des alten Ägyptens in ein neu erschaffenes Rom trägt.148 Mit diesen Gaben erhob Kircher sowohl Christina als auch den Papst zu Trägern der prisca sapientia, zu der ihn selbst die Entzifferung der Hieroglyphen führen sollte. Mit der Erhöhung seiner Mäzene zu ägyptischen Gottheiten beabsichtigte er zugleich die Vereinigung von weltlicher und geistlicher, politischer und intellektueller Herrschaft in Rom darzustellen.149

Auf die Übergabe der Geschenke folgte ein Rundgang durch das Museum, wobei Kircher eine beträchtliche Anzahl von bewundernswerten Dingen, beispielsweise unterhaltsame Tischbrunnen, magnetische Präsentationen und Uhren, vorführte. Sie in aller Ausführlichkeit zu begutachten, hätte allerdings Priorato zufolge mehr Zeit in Anspruch genommen, als der Delegation zur Verfügung stand. Besondere Aufmerksamkeit widmete Christina einem Exponat namens »Pflanzenphönix«, einer angeblich aus ihrer eigenen Asche neu erstandenen und erblühten Pflanze, die sich in einem hermetisch abgeschlossenen Glasbehälter befand.150 In emblematischer Weise wusste Kircher die Symbolik des wie ein Phönix wiederauferstehenden Gewächses auf die Konvertitin zu beziehen.151 Gemessen an den sich in dieser Zeit ausdifferenzierenden Parametern der Experimentalwissenschaft, handelte es sich bei dieser Präsentation nicht um ein Experiment, präsentiert wurde lediglich das Resultat eines solchen. Dass die Pflanze aus ihrer eigenen Asche gewachsen war, musste Christina dem Pater glauben. Aufgeführt im Herzen der katholischen Kirche, an einem Ort, der sich als Tempel des Wissens darstellte, und bezogen auf den aktuellen Kontext der Konversion, besaß diese Vorführung jedoch eine besondere Wirkung und Authentizität, die sie außerhalb Roms niemals gehabt hätte. Das palingenetische Experiment versinnbildlichte somit, wie die vormalige protestantische Königin zur neuen Christina Maria Alexandra erblüht war. An diesem Beispiel zeigt sich die epistemische Produktivität der Verschränkung von Wissen und Raum sowie auch die Relevanz der Indexikalität von Wissen: Indem er die kulturelle und konfessionelle Superiorität Roms betonte, inszenierte Kircher die Stadt als prädestinierten Ort zur Vermittlung von wahrem Wissen.

Die Identifikation von Christina mit dem Phönix war gleichwohl keine Neuschöpfung Kirchers. Vielmehr war der Phönix ein gängiges Motiv, das sich insbesondere auch Herrscherinnen aneigneten. Vor allem Queen Elizabeth II. wurde dieses Emblem in zahlreichen Portraits, Stichen und Medaillen zugeschrieben. Auch im schwedischen Königshaus hatte der Phönix bereits eine längere Tradition. Sowohl Christina wie auch ihr Vater verwendeten ihn als Emblem. Nach dem Tod Gustav Adolfs symbolisierte der Phönix das erneute Aufblühen Schwedens unter Christinas Herrschaft. Anlässlich ihrer Krönung 1644 fertigte der Danziger Goldschmied Sebastian Dattler eine Medaille an, welche auf der einen Seite ihr Portrait, auf der anderen einen aus den Flammen aufsteigenden Phönix zeigte (Abb. 8).152 Nach der Konversion und Christinas Einzug in Rom erhielt das Phönix-Motiv eine erweiterte Bedeutung, die nur auf römischem Boden ihre volle Entfaltung erlebten konnte. Die neue Bedeutung des Phönix wurde von Christina mit Wohlgefallen angenommen: 1665 ließ sie von Gioacchino Francesco Travani eine Bronzemedaille mit einem aus den Flammen aufsteigenden Phönix in Auftrag geben (Abb. 9).


8 Silbermedaille o.J. (1635) auf die Nachfolge von Christina von Schweden nach dem Tod Gustav II. Adolfs in der Schlacht bei Lützen am 6. November 1632


9 Bronzemedaille von Giaccomo Traviani, Rom 1665

Berichte über das palingenetische Experiment verbreiteten sich zusammen mit den Berichten über den Einzug Christinas in Rom in Windeseile. Der Name der illustren Königin diente Kircher als Beschleunigungsmittel zur Bekanntmachung des Experiments. So bewegte sich die Neuigkeit durch die Gelehrtenrepublik, und Kircher erreichten Briefe mit Fragen zum Experiment. Es schrieb ihm zum Beispiel Gottfried Aloys Kinner aus Wien, dass er sehr viel von Kirchers Präsentationen für die schwedische Königin gehört habe und ihn besonders die Pflanzenpalingenese interessiere: »Wegen dieser einen Sache frage ich, ob Du einem sehr guten Freund den Gefallen tun würdest und die Umstände sowie die Methoden dieser so bewundernswürdigen Erscheinung beschreiben könntest.«153

Viele Besucher wollten den Pflanzenphönix persönlich betrachten. Zum Beispiel Robert Southwell von der Royal Society, der die Pflanze allerdings nicht mehr in Augenschein nehmen konnte, weil sie aufgrund einer Unachtsamkeit erfroren war. Er brachte jedoch das Rezept für die Pflanzenpalingenese mit nach Hause.154 Auch Balthasar de Monconys notierte sich das Rezept im Journal seiner dritten Italienreise neben vielen wissenschaftlichen Neuigkeiten, die er von Kircher erfahren hatte.155 Noch viele weitere Gelehrte besaßen derartige Versuchsanleitungen von Kircher, doch all ihre Bemühungen zur Reproduktion des Experiments scheiterten kläglich.156

Die spezifische Verschachtelung von Kirchers Forschung mit dem kirchenpolitischen Programm und der Imagination Roms als Zentrum der christlichen Welt verlieh seinem Experiment eine besondere Überzeugungskraft. Die Episode illustriert zugleich den Zusammenhang von Kirchers Forschung und seinem Agieren auf der römischen Bühne mit dem gegenreformatorischen Programm der Kirche. Gleichwohl darf beides keinesfalls auf die konfessionelle und kirchenpolitische Ebene reduziert werden, denn mit der Zirkulation seiner Werke außerhalb Roms und der katholischen Welt änderten sich auch ihre Bezüge, verloren zum Teil an Bedeutung oder wurden um neue erweitert. Stellte das palingenetische Experiment in Rom im Kontext der Konversion Christinas vor allem den Triumph der katholischen Kirche dar, so verlor es mit zunehmender räumlicher Distanz diese spirituelle Dimension, und das Wissen über den alchemistischen Vorgang rückte ins Zentrum des Interesses.

Wissen im Dienste des päpstlichen Kulturprogramms

Mit der Wahl Fabio Chigis zum Papst am 7. April 1655 bestieg ein langjähriger Bekannter und wichtiger Förderer Kirchers den Heiligen Stuhl. Die Verbindung des Jesuitenpaters mit Alexander VII. reichte bis zu dessen Aufenthalt in Malta zurück, wo er von 1637 bis 1638 als Beichtvater des konvertierten Landgrafen Friedrich von Hessen-Darmstadt wirkte. Fabio Chigi war seit 1635 maltesischer Inquisitor und apostolischer Legat. Neben Kircher hielt sich auch Lucas Holstenius in Malta auf, der die Konversion des Landgrafen in die Wege geleitet hatte und nun auch weiter betreute. Wie aus zahlreichen Briefen hervorgeht, agierten Holstenius, Kardinal Francesco Barberini und Chigi im Interesse Kirchers, sodass dieser Malta nach kurzer Zeit wieder verlassen konnte. In Rom angekommen, wurde ihm eine Stelle als Professor für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegio Romano überantwortet. Der in Malta begonnene Briefkontakt riss bis zum Tod Alexanders VII. 1667 nicht mehr ab. Über ihr gemeinsames Interesse an Ägyptologie und orientalischen Sprachen im Allgemeinen sowie für Hermetismus, Kabbala und Alchemie, aber auch über allgemeine religionspolitische Themen standen die beiden in regem Austausch. Insbesondere nach seiner Wahl zum Papst wandte sich Chigi mit einer Reihe von Recherche- und anderweitigen Aufträgen an den Gelehrten. Zeugnisse von diesen Arbeiten sind neben den Briefen unter anderem mehrere Manuskripte, die Kircher für den Papst verfasste.157

Mag Kircher mit der Wahl seines Korrespondenzpartners und Patrons zum Papst neue Hoffnungen bezüglich der Förderung seiner Wissenschaft in Rom verbunden haben, so beklagte er sich schon bald über die allzu große Beanspruchung durch den Papst. An Johann Georg Anckel, den Bücheragenten von Herzog August II. von Wolfenbüttel, schrieb er im Juli 1662, dass er die letzten Monate mit Studien »in abstrusissimarum rerum interpretationes« für den Papst verbracht habe und hoffe, von dieser dornigen Arbeit befreit zu werden.158 Die vielfältigen Aufträge, die Alexander VII. Gelehrten wie Kircher oder dem Altphilologen und Leiter der Vatikanischen Bibliothek Lucas Holstenius, dem Gräzisten Leo Allacci, aber auch Künstlern und vor allem Architekten und Bildhauern überantwortete, spielten eine zentrale Rolle bei der Umsetzung seines Planes zur »Erneuerung« Roms. Richard Krautheimer hat die tiefgreifenden Veränderungen während des Chigi-Pontifikats eingehend analysiert. Wie er hervorhebt, bestand das Erneuerungsprogramm des Papstes nicht allein in architektonischen Interventionen in den Stadtraum, sondern war durch das Ineinandergreifen von ästhetischen, politischen und kulturellen Aspekten charakterisiert. Urbanistische und architektonische Großprojekte gingen dabei Hand in Hand mit Machtdemonstrationen der Kirche (wie am Beispiel des Einzugs der schwedischen Königin dargestellt wurde), dem Ausbau seiner Bibliothek zur Biblioteca Alessandrina und dem im ganzen Stadtraum angebrachten Inschriftenprogramm, in dem die Neuerungen gelobt wurden und an deren Realisierung eine Vielzahl von Künstlern und Gelehrten mitgewirkt hatten. Alexanders VII. Engagement war Krautheimer zufolge auf die Erschaffung eines neuen Roms gerichtet, welches durch die sinnfällige Verbindung von Alt und Neu zu einem Zentrum des Glaubens, Wissens und der Kultur werden sollte, »a city the world would come to see; the seat of the Church obviously; but no less an attraction for the cultivated in all champs, a must for every educated person.«159 Der Wille zur Erneuerung richtete sich auf eine neue Art von Zuschauer: Hatten sich die Inszenierungen von Innozenz X. im Stadtraum (vgl. Piazza Navona) noch hauptsächlich an ein römisches Publikum gerichtet und das Ziel verfolgt, der Familie Pamphilj ein dauerhaftes Denkmal zu errichten und ihren Status im römischen Machtgefüge sichtbar zu machen, so richteten sich die Spektakel Alexanders VII. nicht nur an die Römer, sondern zugleich an einen neuen Typ des gelehrten Reisenden beiderlei Konfession. Die gelehrten Rombesucher sollten die Stadt als kulturelles Zentrum erleben. In der neuen Weltstadt fanden sie gepflegten Umgang, konnten ihre ohnehin schon guten Manieren nicht zuletzt in höfischer Umgebung perfektionieren, sich in den Akademien, Salons und Kunstsammlungen mit Gelehrten, Künstlern und Virtuosi aus aller Welt unterhalten und ihre Recherchen in einigen der am besten bestückten Bibliotheken Europas durchführen. Oder wie Krautheimer zusammenfasst: »People of quality, whether or not Catholics, were the target Alexander had in mind in his campaign of setting up his nuovi teatri – royalty, noblemen, great men in the arts and sciences, people that counted.«160

Mit den erweiterten, verschönerten oder auch neu errichteten Teatri wurde der Stadtraum zu einem regelrechten Freiluftmuseum umgestaltet. An der Ausgestaltung dieses Freiluftmuseums wurde ununterbrochen gearbeitet, was an die vielen »Kuratoren« dieses Museums hohe Anforderungen stellte – man denke an Kirchers Klagen. Dass Letztere nicht nur das Lamento eines eitlen Akademikers darstellten, verdeutlichen die erhaltenen Briefe von Kircher. So informierte er beispielsweise seinen Mäzen in einem Brief vom 27. Oktober 1665 über ein kürzlich von ihm entdecktes Grab der Familie Furi in der Nähe Frascatis, über das er eine kleine Abhandlung verfasste und dem Papst als Manuskript zukommen ließ. Im selben Brief informierte er ihn über seine Recherchen bezüglich eines noch nicht ausgegrabenen Obelisken auf dem Marsfeld. Erste Sondierungsarbeiten zur genauen Lokalisierung der Trümmer führte er im Frühling 1666 durch. Seine Beurteilung über den Zustand und die Lage des fragmentierten Obelisken schilderte er Kardinal Nini in einem Brief im Juli.161 Alexanders VII. Plan war es, mit diesem Obelisken die Sonnenuhr des Augustus wiederzuerrichten. Kircher hatte nicht nur den Auftrag zur Bergung des Objekts, sondern beriet den Papst auch noch über den idealen Standort zum Aufbau der Sonnenuhr.162 Da sich die Bergung des augustinischen Obelisken jedoch schwieriger und komplizierter gestaltete als zuvor prognostiziert, schlug Kircher vor, das Projekt mit einem anderen Obelisken zu verwirklichen. Im Dezember schrieb er an Nini:

»Ma se s’incontrassero difficoltà, per lavare quella, che nel Campo Marzo soggiace, non mi parebbe disdicevole, transportare la Guglia, che ritrovassi nel Giardino de Ludovisij, di perfettione più considerabile e più intiera, la quale non essendo longa della piazza di Termini, che per lo spatio di 200 passi sarebbe assai più facile per tale impresa.«163

Trotz Kirchers Expertisen wurde weder die Ausgrabung des einen noch des anderen Obelisken von Alexander VII. in die Wege geleitet. Das Sonnenuhrprojekt wurde aber noch nicht abgeschrieben. Vielmehr hatte man die Idee, das Projekt mit einem bereits rekonstruierten und aufgerichteten Objekt zu realisieren. Die Wahl fiel dabei auf den vatikanischen Obelisken. Die durch Bernini neu gestaltete Piazza di S. Pietro bot die ideale Bühne für den Gnomon. Erneut bemühte sich Kircher mit den vorhandenen Mitteln um eine Realisierung. Am 1. Februar 1667 schickte er Nini einen Brief zusammen mit einem Modell dieser Sonnenuhr164 und legte auch ein Epigramm auf Alexander VII. bei.165

Wie die Ausgrabung der beiden genannten Obelisken blieb auch dieses Projekt aufgrund des Todes des Papstes unvollendet. Die erhaltenen Briefe sind die einzigen Zeugnisse dieser Vorhaben. Zeitgleich mit den langwierigen und schließlich nicht realisierten Arbeiten an der Rekonstruktion von Augustus’ Sonnenuhr war Kircher jedoch noch auf einer anderen archäologischen Baustelle des Papstes tätig: der Ausgrabung eines Obelisken auf dem Gelände der Dominikaner, unmittelbar neben der Piazza di Minerva. Der Obelisk kam 1665 bei Umbauarbeiten im Klostergarten ans Licht. Er war einst Teil eines Isis-Heiligtumes gewesen, das sich früher auf dem Gelände befunden hatte. Alexander VII. wollte nun mit dem Obelisken auf der Piazza di Minerva ein neues Denkmal errichten. Den Auftrag dafür erteilte er Bernini, der zusammen mit seinem Assistenten Ercole Ferrata das Projekt des Elefantino umsetzte.

Angesichts der Dimensionen des geplanten Gnomons wirkt das realisierte Monument auf der Piazza di Minerva geradezu bescheiden. Mit einer Höhe von nur 5,47 Metern ist der Minerva-Obelisk der kleinste unter den römischen Obelisken. Die bescheidene Größe steht im Gegensatz zum symbolischen und intellektuellen Gehalt des Monuments. Im alexandrinischen Freilufttheater stellte Berninis Kunstwerk eine Art Kabinettstück dar. Die Idee zur Verbindung von Obelisk und Elefant hatte bereits eine längere Tradition; Bernini hatte sich schon 1632 im Auftrag der Barberini mit dem Motiv befasst. Der Elefant sollte damals ebenfalls das Fundament für einen Obelisken bilden und im Garten des Barberini-Palastes aufgestellt werden. Das Projekt wurde nicht realisiert, doch sind ein Terrakotta-Bozetto und eine eigenhändige Zeichnung erhalten.166 Anlässlich der Geburt von Anna Margarita Theresa von Spanien 1651 baute Bernini im Auftrag des spanischen Ambassadors einen pyrotechnischen Apparat in Gestalt eines Elefanten, der auf seinem Rücken eine mit Feuerwerkskörpern gespickte Festung trug (Abb. 10).167 Motivgeschichtlich lehnt sich das Monument an Francesco Colonnas Werk Hypnerotomachia Poliphili (1499) und Cesare Ripas Iconologia an, beide Werke waren auch im Besitz Alexanders VII. (Abb. 11).168


10 Pyrotechnischer Apparat anlässlich der Geburt von Margarita Theresa von Spanien. Kupferstich von François Collignon 1651


11 Obelisktragender Elefant. Francesco Colonna, Hypnerotomachia Poliphili, Venedig 1499, o.P. (fol. 42)

Berninis Monument muss im Kontext der zeitgenössischen Hieroglyphenmode betrachtet werden. Colonnas Werk, die Hieroglyphica von Horapollo sowie der 1460 von Marsilio Ficino aus dem Griechischen übersetzten Corpus Hermeticum und Piero Valerianos Hieroglyphica von 1556 sind allesamt wertvolle Zeugnisse für das vorhandene Interesse an dem Erbe der Ägypter. Die Hieroglyphen von Horapollo sowie das Corpus Hermeticum waren einflussreiche Texte, die sich als authentische Übersetzungen aus dem Ägyptischen präsentierten169 und aus dem Griechischen ins Lateinische und in die verschiedenen Volkssprachen übersetzt worden waren. Beide durchliefen mehrere Auflagen. Ihr Einfluss auf das frühneuzeitliche Verständnis der Hieroglyphen war bedeutend. Sie beschrieben die Hieroglyphen als Symbolsprache, welche die göttlichen Weisheiten der ägyptischen Priester enthielt. Die Übersetzungen dieser klassischen Texte über Ägypten stießen im 17. Jahrhundert vor allem auch im Zusammenhang mit der Faszination für Rätsel und Embleme auf reges Interesse.170 Die in Italien aufkommende Hieroglyphenmode erfasste bald auch die restlichen Teile Europas, und es kam zu einer regelrechten Ägyptomanie und Glyphophilie. Immer neue Auflagen von Horapollos und Valerianos Hieroglyphica erschienen, und zahlreiche Bücher versprachen ihren Lesern, sie in die Kunst der Komposition scharfsinniger Embleme, Rätsel und Hieroglyphen einzuführen. Insbesondere im höfischen Kontext stießen derartige Emblem- und Rätselliteratur sowie Abhandlungen zu Geheimschriften und Schnellschreibkunst auf großes Interesse; sie lieferten den Fürsten eine angemessene, müßige Beschäftigung.

Der auf der Piazza di Minerva aufgestellte Elefant ist somit nicht nur Träger einer hieroglyphischen Botschaft, sondern wird durch seine Verbindung mit dem Obelisken selbst zur Hieroglyphe; er wurde als Allegorie auf Alexander VII. konzipiert. Auch Athanasius Kircher trug konzeptionell einiges zu dieser Hieroglyphe bei: Die auf dem Monument angebrachten Sockelinschriften stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von dem jesuitischen Ägypten- und Rätselexperten oder einem seiner Mit- oder Zuarbeiter.171 Sie erläutern die Programmatik des Kunstwerks in gelehrter Manier. In Richtung Osten steht geschrieben: »Wer auch immer diese Bilder sieht, eingraviert von den weisen Ägyptern, getragen vom Elefanten, dem stärksten aller Tiere, bedenke diese Lektion (documentum), es braucht einen starken Geist, um solides Wissen zu tragen«.172 In westlicher Richtung: »Im Jahre 1667 widmete Alexander VII. der göttlichen Weisheit den (diesen) alten Obelisken, ein Monument der ägyptischen Pallas, aus der Erde geborgen und einst im Forum der Minerva, nun der gottgebärenden Jungfrau errichtet«.173

Für Alexander, Bernini und Kircher war der Elefant nicht nur ein Symbol für physische Stärke (virtus), sondern auch für intellektuelle Stärke (sapientia). Durch die Assoziation mit der Sonnensymbolik des Obelisken, der göttliches Wissen verkörpert, wird Alexander VII. eine absolute göttliche Weisheit zugeschrieben. Besonders die in Kirchers Korrespondenz erhaltenen Epigramm-Entwürfe verdeutlichen die emblematische Verschränkung des Elefanten als Träger der Weisheit mit der Figur Alexanders VII. als Erneuerer des ägyptischen Wissens.174 Kirchers Arbeit am Obeliskenprojekt manifestiert sich jedoch nicht nur am Monument selbst und in den zahlreichen Briefen, die sich mit dem Projekt beschäftigen, sondern auch im Druck. Wie im Falle des Obeliscus Pamphilius verfasste er auch anlässlich dieses Projekts eine Publikation über die Geschichte, Bergung und Deutung des Objekts. Auch dieses Werk erschien bereits ein Jahr vor der Fertigstellung des Monuments.175

Gerade die für das Minerva-Projekt zahlreich vorhandenen Archivmaterialen liefern ein anschauliches Bild der Kunst- und Wissenschaftspatronage respektive der künstlerischen und intellektuellen Kooperationen in Rom. Im Monument manifestieren sich philologische, künstlerische, politische und urbanistische Programme. Besonders die im Objekt aufscheinende Kennerschaft in altertumswissenschaftlicher, motiv- und stilgeschichtlicher, aber auch in symbolischer und spiritueller Hinsicht verkörpern Alexanders Programmatik der Erneuerung geradezu auf kleinstem Raum. Der vornehme Romreisende konnte in dem Monument nicht nur Berninis Kunstfertigkeit sowie Kirchers und Alexanders VII. Gelehrsamkeit bewundern, sondern wurde selbst als Rätsellöser miteinbezogen. Ferner bot ihm das Monument die Möglichkeit, mit interessierten und gebildeten Betrachtern in eine gelehrte Kommunikation über Ägyptologie, die Geheimnisse der Hieroglyphik sowie über Kunst und Literatur einzutreten. Der Elefantino als Kabinettstück im alexandrinischen Freiluftmuseum zeigt folglich in idealer Weise die Bedeutung von Wissen als kultureller Repräsentation.

Anhand der in diesem Kapitel präsentierten Ausführungen zur Gestalt, Rolle und Funktionalisierung der Wissenschaften im städtischen Raum Roms und deren Koppelung an die soziokulturellen, politischen, ökonomischen und religiösen Bedingungen wurde die lokale Produktion und Kontextgebundenheit von Wissen exemplarisch vorgeführt. Innerhalb der kurialen Hofkultur Roms eröffneten sich den Wissenschaften ebenso wie Kunst, Literatur, Musik und Theater Möglichkeitsräume, in denen sie gemäß den lokalen Rahmenbedingungen produziert, präsentiert und rezipiert wurden. Dabei konnte Kircher in besonderem Maße an das bereits vorhandene Zeichen- und Formenrepertoire anknüpfen. In der Forschung wird Kircher mit seinen spektakulären oder emblematischen Wissenspräsentationen gerne als eine Ausnahmegestalt herausgestellt. Das besondere Faible für das Theatrale, das man ihm zuschreibt, wird meist mit seinem Status als Jesuit und der besonderen Rolle des Theaters innerhalb des Ordens begründet. Demgegenüber ergibt die in diesem Kapitel vorgenommene Kontextualisierung von Kirchers Wirken innerhalb der römischen Festkultur ein differenzierteres Bild. Kircher war ein Impresario unter vielen, und er äußerte sich in derjenigen Sprache, mit der sein höfisches und gelehrtes Publikum vertraut war. Bekannte Formen und Motive wurden dabei kopiert und an die neuen Kontexte angepasst.

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2. Kirchers Netz: Wissenszirkulation und Bücherdistribution

Bisher war der Fokus vor allem auf den Handlungs- und Möglichkeitsraum Rom gerichtet, doch sind Genese, Distribution und Zirkulation von Wissen Prozesse, die, obschon intensiv an den eigenen Stand- und Denkort gebunden, zugleich vielfältig über diesen hinausgreifen. Kirchers weltumspannendes Netz an Informanten, seine weit reichende Korrespondenz mit Angehörigen der respublica literaria, aber auch die Verbreitung seiner Bücher und das Renommee seines Museums an den Höfen Europas und darüber hinaus sind Phänomene, die weit über Rom hinausweisen. Gemäß dem Schlagwort »from the local to the global« wird der Blick im Folgenden über die Grenzen Roms hinausgleiten, um sich dem scheinbaren Paradox von lokaler Bedingtheit von Wissensbeständen in der Frühen Neuzeit und dem gleichzeitigen Anspruch überregionaler Gültigkeit zu nähern. Dabei steht Kirchers Korrespondenz über seine Bücher, deren Distribution, Vermarktung und ihre Widmungen im Zentrum des Interesses. Die vielen an der Wissensgenese und -distribution beteiligten Akteure, ihre unterschiedlichen Interessen, aber auch die Kommunikationsprobleme und Missverständnisse, die sich aus den überlokalen Interaktionen ergaben, verunmöglichten ein »überlegt-rationales Wahlhandeln« des Gelehrten.176 Gerade in den diversen Interaktionen, die im Transfer von Wissen und Büchern aufscheinen, wird deutlich, dass die traditionelle dualistische Unterscheidung zwischen wissenschaftsinternen und -externen Faktoren zugunsten einer Analyse von miteinander verflochtenen Handlungskontexten (verflochten in geographischer, konfessioneller und wissenschaftlicher Hinsicht) aufgegeben werden muss. In diesen Handlungskontexten steht Wissen in einem dichten Netz von sozialen, politischen, ökonomischen und symbolischen Austauschbeziehungen. Gerade am Beispiel von Kirchers Korrespondenz wird deutlich, wie katholische und jesuitische Interessen, intellektuelle Motivationen, gelehrte und »geschäftliche« Kooperationen, aber auch Konkurrenzen sowie regionale, landespolitische Anliegen miteinander verwoben waren. Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit einer genauen Analyse dieses Geflechts, um die Prozessualität der Wissensgenese herauszuarbeiten.

Athanasius Kirchers Korrespondenz im Kontext des jesuitischen Kommunikationswesens

Der Briefwechsel Kirchers ist ein bedeutendes Korpus für die Geschichte der Gelehrtenkultur des 17. Jahrhunderts.177 Sein Korrespondenznetz erstreckte sich über ganz Europa, Afrika, Südamerika und Asien. In Rom sind 2292 Briefe erhalten, die von insgesamt 763 Korrespondenten stammen.178 Gelehrte, geistliche und weltliche Fürsten, aber auch Kaiser und Päpste schrieben an den Pater in Rom. Die Hälfte von Kirchers Korrespondenten schrieb ihm jedoch nur ein einziges Mal. Kircher unterschied sich dadurch von anderen zentralen Figuren der Gelehrtenrepublik, beispielsweise Claude Fabri de Peiresc, Marin Mersenne oder Henry Oldenburg,179 die mit ihren Korrespondenzpartnern einen regelmäßigeren Briefverkehr führten. Die größte Anzahl von Kirchers Briefen stammt aus der Feder von Jesuiten, die aus allen Teilen der Welt Informationen nach Rom sandten. Dieses Wissen fand nicht selten Eingang in seine gedruckten Werke. Das Briefkorpus ermöglicht jedoch neben Einblicken in die Art und Weise, wie Kircher Wissen sowohl akquirierte als auch verbreitete, ein besseres Verständnis seiner Patronagepolitik. Er bewahrte Entwürfe von Briefen an hochrangige Persönlichkeiten oder noble Gönner auf. Den versandten Briefen legte er Buchgeschenke und andere Objekte bei, ebenso findige und scharfsinnige Epigramme oder auch kürzere wissenschaftliche Abhandlungen, die er bestimmten Personen widmete. Bereits zu Lebzeiten Kirchers machte seine Korrespondenz von sich reden. Er stellte die Briefe, die er von Königinnen, dem Kaiser, Kurfürsten, Kardinälen, Päpsten sowie von Fürsten und Gelehrten erhielt, in seinem römischen Museum aus und übernahm sie oft auch wortwörtlich in seine Publikationen. Dabei wurden die teilweise sehr illustren Korrespondenzpartner gerne als Beweis für seinen besonderen Expertenstatus wie auch für seine internationalen Beziehungen vorgeführt. So schrieb Caspar Schott im Vorwort zu Kirchers mehrbändigem Werk Oedipus Aegyptiacus:

»In Kirchers Archiv entdeckte ich eine riesige Anzahl von Briefen, viele wurden ihm von Fürsten aus der christlichen Welt und den Anführern des Römischen Imperiums zu jedem Zeitpunkt geschickt. Unter ihnen findet man den weisesten Kaiser Ferdinand III., die sehr erhabene und weise Königin Christina von Schweden, viele bedeutende Kardinäle der Heiligen Römischen Kirche, die erhabenen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches sowie die vornehmsten und berühmtesten Herzöge, Fürsten, Grafen, Barone und die unzählbaren Adeligen desselben Reiches und anderer Nationen. Diese alle bewundern und loben Kirchers Gelehrsamkeit, sie danken ihm für die Bücher und die anderen Früchte seiner bemerkenswerten Produktion, die er ihnen zusendet. Sie drängen ihn und bitten ihn inständig, weitere Monumente seiner Gelehrsamkeit zu drucken, sie bieten ihm ihre Hilfe und Unterstützung an, sie kommunizieren ihm Geheimnisse und bitten um arkanes Wissen sowie um die Entschlüsselung arkaner Dinge, sie suchen nach Interpretationen exotischer Sprachen, merkwürdiger Inschriften, unbekannter Zeichen und diverser anderer Fragen.«180

Pater Kircher in Rom war für seine Zeitgenossen eine vielbeachtete, wenn auch nicht unumstrittene, Kapazität für arkanes Wissen. Seine Befähigung auf diesem Gebiet wurde insbesondere auf sein universales Sprachtalent zurückgeführt, das sich auch in der Korrespondenz widerspiegelt. Die meisten Korrespondenzpartner wandten sich auf Latein an den Pater (63%), doch sind auch italienische (29%), spanische (3%), französische (2,5%), deutsche (1,5%), holländische, persische, armenische, arabische, chinesische und koptische (< 1,5%) Briefe erhalten. Dieser Ruf, alle nur denkbaren Rätsel der Welt lösen zu können, darunter auch alle Sprachrätsel, wurde von Kircher in seinen Briefen und Publikationen beständig aktualisiert. Auf seine Reputation als eine Art römisches Orakel verweisen auch die Anliegen der Personen, die sich nur einmal mit einer spezifischen Frage an ihn wandten. Ein weiterer Beleg für diese zeitgenössische Wahrnehmung von Kircher ist die 1684, vier Jahre nach seinem Tod, erschienene Edition einiger ausgewählter Briefe an vor allem deutsche Gelehrte, die auch seine Vita enthält. Der Augsburger Domherr und Gelehrte Hieronymus Langenmantel kümmerte sich um die Herausgabe des Buches.181 Ohne dass hier genauer auf diese Kompilation eingegangen werden soll, lässt sich an ihr gleichwohl zeigen, wie eng der Werdegang des Gelehrten nicht nur an gedruckte Folianten, sondern auch an die handschriftliche Korrespondenz gebunden war.

Die 1678 erschienene Beschreibung von Kirchers Museum informiert den Leser, dass der Gelehrte seine Briefe gebunden in zwölf Foliobänden in seinem Museum aufbewahrt und dort auch interessierten Besuchern gezeigt habe:

»Im Musaeum Kircherianum sind außerdem 12 Foliobände mit an ihn [Kircher] adressierten Briefen aufbewahrt, gesammelt über 40 Jahre hinweg, diese senden ihm nicht nur Päpste, Kaiser, Kardinäle und Fürsten, sondern auch gelehrte Philosophen, Mathematiker, Naturforscher aus aller Welt in verschiedenen Sprachen, teils aus Ehrerbietung, teils wie an ein Orakel, dem sie schwierigste Fragen aus allen Bereichen der Wissenschaften zur Auflösung schicken.«182

Die Präsenz von Kirchers Korrespondenz sowohl im Museum als auch in seinen Büchern macht deutlich, dass diese Briefe nicht nur ein Medium zum Austausch von Informationen oder zur Wissensaquirierung waren. Besonderes die Forschung zur europäischen Gelehrtenkultur hat unter Rückbezug auf die Erkenntnisse von Marcel Mauss auf die Bedeutung von Brief und Objekt als wesentlichen Medien des gesellschaftlichen Austausches und der Reproduktion und Verstärkung sozialer Beziehungen hingewiesen.183 Paula Findlen bezeichnet den Austausch von Gaben als eine der Hauptformen von Kommunikation in der Frühen Neuzeit.184 Auch die Briefe sind als Gaben im eigentlichen Sinne zu verstehen. Wie die anderen Museumsobjekte wurden sie ausgestellt, gezeigt und erläutert. Innerhalb der frühneuzeitlichen Briefkommunikation spielen somit auch materielle Qualitäten und Funktionen von Briefen eine eminent wichtige Rolle, die jedoch aufgrund einer alleinigen Konzentration auf Inhalte allzu häufig in den Hintergrund geraten.

Geographisch bildete Kirchers Museum einen Knotenpunkt im Korrespondenznetz der respublica literaria (und der Ordenskorrespondenz). Ähnlich wie die zahlreichen Bibliotheken in Rom, insbesondere die vatikanische mit ihrem gelehrten Bibliotheksleiter Lucas Holstenius, stellte Kirchers Museum einen Anziehungspunkt für zeitgenössische Gelehrte und Virtuosi dar, und zwar nicht nur für diejenigen, die es sich leisten konnten, dem Pater persönlich einen Besuch abzustatten. Auch die »Daheimgebliebenen« wussten aus den Publikationen Kirchers und seiner Assistenten vom römischen Museum. Das Museum wurde in den Büchern als Ort angepriesen, der nicht nur als Container für Kirchers Sammlungsobjekte fungierte, sondern seine gesamte Forschung verortete; hier wohnte der Universalgelehrte, hier schrieb er seine Briefe und Bücher, hier führte er seine Experimente durch. Diese Verortung des Gelehrten in seinem Museum ist deshalb so zentral, da Kircher, im Gegensatz zur geographischen und thematischen Ausdehnung seiner Interessensgebiete und seiner Korrespondenz, sich physisch durch eine besondere Bewegungslosigkeit auszeichnete. Nach seiner Ankunft in der Ewigen Stadt 1633 war sein Bewegungsraum, nach einem kurzen Aufenthalt in Malta (1637/38), vor allem auf Rom und das römische Umland begrenzt, mit einem kleinen Abstecher 1659 nach Florenz, wo er für eine kurze Zeit am Jesuitenkolleg San Giovanni Philosophie unterrichtete.185 Ähnlich wie Claude Fabri de Peiresc in Aix-en-Provence bildete somit auch Kircher im Collegio Romano eine wichtige Schaltstelle der Kommunikation. Diese Zentralität wusste Kircher für seine Forschung in besonderem Maße zu nutzen. Wenn man danach fragt, wie er sich Informationen beschaffte und auf welche Weise er kooperierte, wie er seine Tätigkeiten organisierte und koordinierte und welche Kommunikations- und Botenwege er nutzte, wird deutlich, dass seine Korrespondenz zu einem großen Teil in den Bahnen der jesuitischen Ordenskorrespondenz verlief. Die Jesuiten nutzten und perfektionierten über die Jahre hinweg die Briefkommunikation, um die Arbeit der in allen Erdteilen agierenden Ordensbrüder zu koordinieren und sich Einfluss zu verschaffen.

Bereits Ignatius von Loyola legte unmittelbar nach der Ordensgründung 1534 einen großen Wert auf eine zentrale und straff organisierte Kommunikation. In den Constitutiones, den Statuten des Ordens, unterschied er administrative Schreiben zwischen den lokalen Stellen und der Kurie in Rom von den erbaulichen Berichten und den Missionsberichten (Relationes).186 In Bezug auf die administrative Kommunikation verlangte er, dass die Ortsoberen und Rektoren einer jeden Provinz wöchentlich ihrem Provinzial über Personalangelegenheiten, aktuelle Ereignisse und über den Stand des Hauses im Allgemeinen berichten sollten. In derselben hierarchischen Weise sollte der Provinzial dem General in Rom wöchentlich Rapport erstatten. Die Mitteilungen vom römischen Ordenszentrum in die Peripherien erfolgten dagegen in einem monatlichen Rhythmus. In ebendieser monatlichen Frequenz sollten auch die Provinziale ihren Untergeordneten, den Hausvorstehern und Rektoren, schreiben.

Insbesondere die erbaulichen Nachrichten waren bereits sehr früh an einen größeren Adressatenkreis gerichtet. Die Ordensleitung legte fest, dass die verschiedenen Häuser einer jeden Provinz einmal monatlich ihrem Provinzial über erbauliche Dinge Bericht ablegen sollten. Der Provinzial oder dessen Sekretär musste sie sammeln, zusammenfassen und dem General zukommen lassen.187 In Rom wurden diese Mitteilungen gesammelt und von einem eigens dazu engagierten Ordensbruder, dem Hebdomarius,188 zu einem umfassenden Bericht zusammengefasst, der viermonatlich erschien und an alle Provinzen verschickt wurde. Aufgrund der schnellen Expansion der Provinzen überstieg die viermonatige Frequenz dieser Briefe bald die Kapazitäten des Provinzials, und ab 1565 einigte man sich auf Jahresberichte, die litterae annuae.189 1579 wurden Regeln erlassen, wie diese Jahresberichte zu schreiben seien.190

Die erbauliche Wirkung der Jahresbriefe wurde folglich nicht nur durch Meditation und fromme Kontemplation erreicht, sondern vor allem durch konkrete Informationen über spezifische lokale Ereignisse, Taten von Ordensbrüdern und ihre Lebensumstände. Durch die Jahresbriefe sollte eine Art »Corporate Identity« hergestellt werden, die den verstreuten Ordensbrüdern zur Bestärkung ihrer Moral dienen sollte.191 Juan de Polanco, der Sekretär des Ordens, verkündete in einem Rundschreiben aus dem Jahre 1547, dass die litterae die Ordensbrüder zum Wetteifer in den Tugenden und heiligen Arbeiten anspornen sollten.192 Doch die Normierung des Schriftverkehrs beinhaltete weit mehr als nur die Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls, sie war auch Ausdruck einer bewussten Politik der Kontrolle, durch die die Rolle von Rom als zentrale Schaltstelle gestärkt werden sollte. Die formula scribendi mit ihrem Anspruch der Normierung der Form des Schriftverkehrs steht dabei im Zusammenhang mit der tridentinischen Universalisierung und Formalisierung von Liturgie und Bibelexegese – eine Kontrollpolitik der katholischen Kirche, die Auswirkungen bis in die Korrespondenz des Jesuitenordens hatte.

Die aufwändige Kopiertätigkeit, mit der das Erstellen der Jahresberichte verbunden war, wurde ab 1581 durch den Druck ersetzt. Dies erhöhte nicht nur die Effektivität der Informationsvermittlung, sondern stärkte vor allem auch die zentrale Macht Roms über das gesamte Korrespondenzsystem. Die Distribution der Jahresbriefe erfolgte nur noch über das Zentrum. Hier sollten Informationen systematisch gesammelt, kontrolliert und reorganisiert werden. Die gedruckten Bände der litterae annuae enthielten nun auch Berichte aus den Missionen. Sie informierten über die Bewohner fremder Länder und ihre Pflanzen- und Tierwelt. Auf diese Weise wurden die anfänglich in erster Linie für die Jesuiten bestimmten Informationen nun auch für eine breitere Gruppe interessant, zu der insbesondere die europäischen Eliten, die Virtuosi und Gelehrten gehörten.193 Die Neugierde der europäischen Oberschicht auf Nachrichten aus Asien und Übersee war dermaßen groß, dass die Ordensleitung bereits früh darauf reagierte und gezielt nach derartigen Informationen verlangte. Davon zeugt etwa ein Brief von Polanco vom 24. Februar 1554:

»Einige bedeutende Personen, die in dieser Stadt [Rom] zu ihrer großen Erbauung Briefe aus Indien lesen, pflegen zu wünschen und erbitten es verschiedene Male, dass etwas über die Kosmographie der Gegenden geschrieben werde, wo die Unseren unterwegs sind, etwa wie lang die Sommer- und die Wintertage sind, wann der Sommer beginnt, ob die Schatten nach links oder zur rechten Hand wandern. Überhaupt soll, wenn es andere Dinge gibt, die außerordentlich scheinen, es mitgeteilt werden, wie über unbekannte Tiere und Pflanzen, oder nicht in einer solchen Größe usw. Und diese Würze für den Geschmack einer gewissen Neugier, die es bei den Menschen zu geben pflegt und die nicht schlecht ist, kann entweder in den Briefen selbst oder in anderen getrennt kommen. Und da wir auch Personen von großer Qualität und großem Verstand den Puls gefühlt haben, dass es so für sie mehr Erbauung bewirkt, wird es gut sein, dass bei den für Leute außerhalb der Gesellschaft vorzeigbaren Briefen der Schreiber sich weniger bei den Dingen aufhält, die sich in besonderer Weise auf Personen der Gesellschaft beziehen, und sich mehr bei den allgemeinen verbreitet. Sonst kann man die Briefe nicht drucken, ohne dass hier das eine vom andern getrennt wird.«194

1573 waren allein aus den Indienmissionen bereits über 50 publizierte Briefbände im Umlauf.195 Aufgrund der frühen Berücksichtigung der Interessen potenzieller Patrons und Gelehrter trugen die Publikationen der Gesellschaft zum Korpus von Texten aus dem Bereich der »Wissenschaften« bei. Die Präsenz derartiger Berichte im Textkorpus der Jesuiten ist, wie Steven Harris überzeugend darlegt, nicht etwa als nicht intendiertes Nebenprodukt der jesuitischen Mission zu verstehen oder gar auf eine bloß individuelle Initiative einiger Jesuiten zurückzuführen. Vielmehr sah man in der Sammlung solcher Informationen, neben ihrem persönlichen und praktischen Nutzen, bereits früh ein zentrales Instrument für die Missionstätigkeit des Ordens. In der Folge entstand eine neue Kategorie von Publikationen, die weder strikt religiös noch gänzlich profan waren und eine essentielle Bedeutung für die Rekrutierung immer neuer Förderer der Gesellschaft hatten.196

Zu Zeiten von Kirchers Aktivität in Rom erlebten die Jesuiten einen ungeheuren Aufschwung. Als wandernde Priester, Missionare, Beichtväter, Theologen, Erzieher, Autoren und Professoren waren sie eingebunden in ein weltweites System zur Propagierung des gegenreformatorischen Programms. Ihr Ziel war es, auf internationaler Ebene Ressourcen und Allianzen aufzubauen, um sich (geistliche) Ämter zu verschaffen und Einfluss zu gewinnen. Um das weltweit agierende Ordensnetz am Laufen zu halten, verließ man sich auf ein Kommunikationssystem, das bereits seit einem knappen Jahrhundert existierte und beständig angepasst und ausgebaut wurde. In Kirchers Hauptsitz, dem Collegio Romano, kamen die Informationen aus aller Welt zusammen. Es war für ihn folglich relativ leicht, an Neuigkeiten aus dem Bereich der Wissenschaften oder Informationen über die politischen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern zu gelangen. Wie ein Blick auf seine Korrespondenz zu erkennen gibt, nützte er diese Möglichkeiten auch. Von seinen 763 Korrespondenten waren 238 Jesuiten, die in Europa und in den Missionsstellen stationiert waren.197 Ihre Beobachtungen und Berichte fanden teilweise wörtlich Eingang in seine Publikationen.198 Augenzeugenberichte oder empirische Daten von Ordensbrüdern besaßen für Kircher eine besondere Authentizität. Da, wie Steven Shapin gezeigt hat, die Glaubwürdigkeit von wissenschaftlichen Beobachtungen nicht einfach nach den Kategorien »wahr oder falsch« bemessen wurde, sondern auf Vertrauensverhältnissen beruhte, stellten die Jesuiten als Vermittler von wahrem Wissen für Kircher eine wichtige Referenzgruppe dar.199 Darüber hinaus hatte Kircher auch Zugang zu den Archiven seiner Vorgänger, wie beispielsweise zur Korrespondenz von Christoph Clavius.

An diesen Ausführungen zur Bedeutung der Korrespondenz für den Orden im Allgemeinen, aber auch für den einzelnen Akteur im Besonderen wird deutlich, dass das spezifische »Informationsmanagement« der Jesuiten nicht nur auf einer administrativen und institutionellen Ebene bedeutsam war, sondern auch auf der politischen, kulturellen und, wie im Folgenden noch verdeutlicht werden wird, auf der »unternehmerischen« und ökonomischen Ebene. Gleichwohl war das jesuitische Nachrichtenwesen nur eines von mehreren Netzwerken, die täglich Informationen und Wissen verbreiteten. Gerade in Bezug auf Rom gilt es insbesondere auch das Nachrichtensystem der päpstlichen Diplomatie und dasjenige der römischen Kaufleute zu berücksichtigen, ganz zu schweigen von den vielen Romreisenden und Pilgern, die die Stadt täglich besuchten. Aufgrund dieser bevorzugten Stellung von Rom kann man ohne Weiteres behaupten, dass Kircher zu den best-informierten Menschen seiner Zeit gehörte.

Agieren auf dem Buchmarkt: Wissensproduktion und Koordination von Ressourcen

Ein besonders interessanter Bestandteil der Kircher’schen Briefsammlung, der von der Forschung noch nicht ausreichend untersucht wurde, sind die zahlreichen Briefe, Vertragsentwürfe und Kopien aus dem Kontext der Buchproduktion. Aufbewahrt wurden nämlich auch päpstliche und kaiserliche Privilegien, die Kirchers Publikationen vor Nachdrucken schützen sollten, Gutachten von Gelehrten, die Kirchers Studien eine besondere Qualität attestierten, sowie die Briefe seiner Buchdrucker, Verleger und Händler. Die Vielzahl unterschiedlichster Briefdokumente ermöglicht einen differenzierten und facettenreichen Blick auf Athanasius Kircher als Autor, seine Arbeitstechniken, Strategien, Kooperationen, aber auch die Art und Weise seiner Selbstdarstellung.

Zur Untersuchung der Funktionsmechanismen der Kircher’schen Wissensgenese sowie der Vermarktungs- und Distributionsnetze ist eine genaue Analyse der mehrschichtigen Bedeutungsebenen und Verwendungsmöglichkeiten des Mediums Brief unabdingbar. Gerade die Korrespondenz gestattet Einblicke in Handels- und Aushandlungspraktiken, aber auch in vielfältig getätigte Investitionen und ökonomisches Taktieren – allesamt Aspekte, die ansonsten hinter dem Resultat, dem gedruckten Buch oder dem ausgestellten Sammlungsobjekt, verschwinden. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt die Qualität von Büchern als Handelsware, wie sie in der Korrespondenz zwischen Kircher und seinen Buchagenten, Druckern und Verlegern deutlich wird. Mit der Produktion und Distribution von Kirchers Publikationen haben sich bis dato nur wenige Forscherinnen und Forscher intensiv beschäftigt.200 Dies mag zum einen mit der Überlieferungslage zusammenhängen, da nur wenige Versatzstücke über Kirchers Beteiligung am Druck seiner Werke überliefert sind; auf Quellen, die man sich wünschen würde, wie beispielsweise Verhandlungen über Layout oder über die Illustration der Publikationen, kann im Falle Kirchers nicht zurückgegriffen werden. Die große Aufmerksamkeit, die dem Gelehrten Kircher und seiner Universalwissenschaft zugekommen ist, hat den Blick auf die »Vielhändigkeit« der Wissensgenese und des wissenschaftlichen »Outputs« verstellt. Gerade für die Entstehung und Distribution von Wissen und »Wissensprodukten«, wie es die Bücher sind und wie auch der Autor eines ist, waren Vielhändigkeit, Kooperation und Austausch, aber auch die Wünsche der (potentiellen) Käuferschaft bedeutsam. Lisa Sarasohn äußert sich dazu pointiert: »Consequently, their work [gemeint sind die Wissenschaftler, T.A.] is not just the product of laborious individual effort or the result of a fertile interplay of ideas between cooperative researchers, but an amalgam of these factors and the wishes and demands of their patrons or brokers«.201 Ganz im Sinne von Sarasohn handelt dieses Kapitel nicht von den Ideen und Strategien eines Einzelnen, sondern von einer Verflechtung mehrerer Elemente; es beleuchtet die Prozesshaftigkeit der Wissensgenese sowie die Bedeutung, die der Vermarktung, der Koordination und den diverse Kooperationen dabei zukam.

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