Читать книгу: «Winterkater»
Winterkater
Die Legende von den gefangenen Jahreszeiten und den gefesselten Winden
Tina Alba
Buch 11 der Katzenreihe
Für Sabrina Zelezny, von der ich gelernt habe, Geschichten als etwas Lebendiges zu sehen - als scheue Tiere, deren Vertrauen ich gewinnen muss, damit sie sich von mir erzählen lassen. Und die mich gelehrt hat, mit Worten zu malen.
Und für Joy Smith Aiken. Auch wenn sie dieses Buch wahrscheinlich nie lesen, noch nicht einmal von ihm wissen wird. Weil mit einer wunderbaren Katzengeschichte aus ihrer Feder damals alles angefangen hat.
Und für alle Menschen, die Katzen lieben, ihre Unabhängigkeit schätzen, die ihnen eigene Magie bewundern und wissen, dass in jeder Katze ein Heiler steckt.
Und natürlich für meine wunderbaren Inspirier-Tiere.

©Tina Alba 2020
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Cover iyurchak alevtina /shutterstock.com
Illustrationen: Maria Stezhko / Olly-art /shutterstock.com
1. Auflage 2020
ISBN 978-3-95959-299-4
Ein Wort vorweg
Geschichten sind wie scheue Katzen. Auf samtenen Pfoten kommen sie herangeschlichen und warten darauf, dass ich niederknie und ihnen die Hand entgegenstrecke. Dann nähern sie sich und schnuppern, ich kann ihre feuchten Nasen spüren, das Kitzeln ihrer bebenden Schnurrhaare. Ich höre sie schnurren und verharre reglos, denn ich will sie nicht verscheuchen. Ich will ihr Vertrauen gewinnen und warte, bis sie sich nähern, sich streicheln lassen und schließlich auf meinem Schoß zusammenrollen.
Da liegen sie nun und erzählen mir, was sie mit sich bringen. Ihre Legenden, ihre Sagen, geboren aus tierischem Instinkt und archaischer Weisheit. Sie sind Katzen, sie sind Verbündete und Freunde des Menschen seit Jahrhunderten.
Eine Katze zu beobachten, wie sie geht, wie sie da sitzt, so reglos und statuenstill, ist, als würde eine Geschichte zu mir sprechen. Katzen sind fleischgewordene Legenden, Worte mit Fell, Schönheit, eingefangen in Körpern aus Blut und geschmeidigen Muskeln, Geschichten, die sich auf leisen Pfoten nähern.
Das Land, von dem ich erzählen will, mag es einst gegeben haben oder auch nicht. Die Katzen, die diese Geschichte erzählen, mag es gegeben haben oder auch nicht. Und doch ist ihre Geschichte wahr, denn in jeder Legende steckt ein Körnchen Wahrheit. In jedem Lied, das die Barden singen, in jeder Legende, die sie erzählen, lebt eine Erinnerung.
Ich will euch also eine Geschichte erzählen. So, wie ich sie berichte, hat sie mir ein Kater erzählt. Sein Fell ist schwarz wie die Nacht, auf seiner Brust trägt er ein Büschel weißer Haare, das wie ein Schneestern in der Dunkelheit funkelt. Dieser Kater ist ein Barde, ein Legendenbewahrer, einer, der die Geschichten seines Volkes weiter trägt von Generation zu Generation, auf dass sie nicht vergessen werden. So, wie der schwarze Kater sie mir erzählt hat, will ich sie euch weitergeben, die Geschichte vom Winterkater. Auf samtenen Pfoten nähert sich die Geschichte, und wenn wir alle ganz still sind, können wir sie hören im Atem der Winde, im Schnurren der Katzen, im Tritt ihrer weichen Pfoten, die in unserem Leben Spuren hinterlassen.
Diese Geschichte ist für den Kater, der sie mir eingeflüstert hat. Den mit den weichen Pfoten, dem schwarzen Seidenfell und den wunderbaren Zauberaugen, die grün sind und dann doch wieder gelb, je nachdem, wie das Licht sich gerade bricht in den Gedanken und Rätseln dieser Welt.
Möge der Zauber der Katzen euch mitnehmen in die Welt des Winterkaters.

Der viel zu lange Winter
Sein Reich war das des Schnees, des Eises und der Kälte. Ihm gehörte der Nordwind, der die klammen, kühlen Flocken brachte und das Land mit einem weißen Tuch bedeckte, unter dem es schlief. Bis zur Tag-und Nachtgleiche. So war es immer gewesen. Immer. Bis heute. Er war Ymir. Eis leuchtete aus seinem blauen Blick, und wo er ging, gefror der Boden. Unter seinen breiten, pelzigen Pfoten knirschte der Firn. Schneeflocken tanzten in seinem Atem, setzten sich auf sein silbergraues Fell und klammerten sich an die Pinselhaare seiner großen Ohren. Was der Winterkater berührte, wurde zu Frost, was er anblickte, erstarrte in eisiger Unbeweglichkeit.
Ymir kauerte sich auf den eisverkrusteten Felsen und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Schneeflocken tanzten in der Luft wie Insekten, wirbelten um den mächtigen grauen Kater. Seine Krallen gruben sich in knisterndes Eis und leise knirschenden Schnee. Ymir fühlte die Kälte, die der Nordwind ihm unter seinen dichten Pelz blies. Instinktiv sträubte er das Fell und kniff die Augen zusammen. Wo ist er? Wo bleibt Asmo? Er hätte schon längst hier sein müssen. Ymir hob den Kopf, blinzelte erneut und maß den Stand der sinkenden Sonne. Die Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche war verstrichen, ohne dass Asmo gekommen war, um seinen Platz einzunehmen. Ymirs Schnurrhaare zitterten, als er den Wind wieder und wieder prüfte. Nein, er konnte nichts riechen von der Süße des Frühlings, nichts vom Duft der Schneeglöckchen und Krokusse, nichts von der Ahnung eines fernen Sommers. In der Luft hing nur der kalte Geruch von Schnee und Frost. Der Nordwind lachte, als er in Ymirs seidigen Pelz fuhr. Um Ymir herum war nichts als weiße, endlose Weite. Frost, der die Berge überzog, Schnee, der auf ihren Gipfeln in kaltem, klarem Sonnenlicht glitzerte. Diese Sonne brachte keine Wärme, kein Leben, ihr Licht war so silbern und kühl wie das ihrer Nachtschwester Mond, die bald ihren Platz am winterblassen Himmel einnehmen würde. Ymir hob die Nase, öffnete sein Maul und witterte, schmeckte die Luft. Er roch nichts als den Nordwind und den feuchten Schnee, den dieser Wind brachte, während seine Nase sich nach dem Duft des Frühlings sehnte, der ihm sagte, dass er bald würde ausruhen können.
Ymir brauchte die seltsamen Zähltafeln der Zweibeiner nicht, um zu wissen, dass der Frühling schon lange überfällig war. Längst hätten Firn und Eis weichen müssen, längst hätte das erste zarte Grün sich aus dem Boden wagen sollen. Schon lange hätten die Zweibeiner ihr Frühjahrsfest feiern und dem Frühlingskater ihre Lieder singen sollen. Stattdessen kauerten sie wie geprügelte Hunde in ihren Behausungen aus Holz und Lehm, hockten um ihre Feuer herum und erzählten einander Schauergeschichten. Andere stritten sich mit ihren Rudelgeschwistern um die immer magerer werdenden Vorräte und diese seltsamen funkelnden Steine, die sie so liebten, und das kalte Erz, aus dem die krallenlosen Menschen sich Krallen bauten.
Ymir hob seine Hinterpfote und kratzte sich ausgiebig hinter dem Ohr, wie immer, wenn seine Gedanken auf der Suche nach einen Plan zu wandern begannen. Sein buschiger Schweif peitschte und wirbelte lockeren Schnee auf. Er war der Winterkater, einer von vier Boten der Geisterwelt, die der Welt den Wechsel der Jahreszeiten brachten. Er kannte es nicht anders, wusste keine andere Lösung, er konnte nur warten, bis sein Bruder Asmo kam, um seinen Platz einzunehmen und den Frühling zu bringen, so wie Asmo auf Siw, die Katze des Sommers, warten würde, wenn es an der Zeit war. Und Siw würde herrschen, bis sie Platz machen musste für Gefion, mit der Herbst, Ernte und frohe Feste kamen.
Etwas war nicht richtig in diesem Jahr.
Noch nie hatte Asmo sich verspätet.
Unschlüssig scharrte Ymir im Schnee. Sollte er ungehalten sein, weil sein kleiner Bruder seine Pflichten missachtete? Wo steckte der getigerte Jungspund mit den grasgrünen Augen, unter dessen Pfoten das Leben spross, sobald er an Ymirs Stelle das Land durchstreifte? Ymir wusste, dass die Zweibeiner bereits Opfer gebracht hatten, um den Frühling zu rufen. In jeder der Ortschaften, die Ymir auf seiner Wanderung durchstreift hatte, hatte er den Duft frischen Blutes auf den Opfersteinen gerochen, war ihm das Aroma verbrannter, getrockneter Blumen des vorangegangenen Jahres in die Nase gestiegen. Gaben, die Asmo niemals verschmähen würde.
Doch Asmo war nicht gekommen, obwohl warmes, dampfendes Blut das Eis auf den Steinen weggetaut und die Asche der Blumen den Schnee grau gefärbt hatte. Er war nicht erschienen, obwohl die Zweibeiner ihre Lieder gesungen hatten, um ihn zu rufen, Weisen, die so alt waren wie das Land selbst und so ursprünglich wie die Gesänge seiner Katzen, die die gefrorenen Wälder durchstreiften wie Schatten aus frostigem Nebel. Ymir stieß in einem resignierten Schnurren den Atem aus, der vor seinem Maul eine Wolke formte und als feiner Eisnebel zu Boden sank. Je länger Ymir gezwungen war, durch das Land zu wandern, umso länger würde dieser viel zu lange Winter dauern. Er legte den Kopf in den Nacken und sang seinen Ruf in die hereinbrechende Nacht. Wenn die Menschen Asmo nicht herbeisingen konnten, dann vermochte er es vielleicht.
Doch sein Rufen verklang in der Stille sanft fallender Schneeflocken. Nur einige streunende Katzen antworteten ihm. Ymir hatte diese Wilden gesehen, dicht bepelzte, langhaarige Geschöpfe mit Eis im Fell, die unter ihrer Wolle ausgezehrt, mager und hungrig waren. Ymir bohrte die Krallen in den Schnee und verfluchte sein Schicksal. Er konnte nichts tun, nur sein Lied konnte er singen und hoffen, dass Asmo ihn hörte und kam. Denn erst wenn Asmo in der Welt der Lebenden wandelte, konnte er zurück in die Welt der Geister – erst, wenn Asmo sie verließ, würde Ymir den Übergang finden. So war es immer gewesen und so würde es immer sein. Zu versuchen, die Mauer zu durchbrechen, würde einem Frevel gleichkommen. Dennoch …
Ymir kniff die Augen zusammen und schüttelte sich. Frevel hin oder her, er hatte keine andere Wahl. Mit geschlossenen Augen sammelte er seine Gedanken, verwandelte sie in eine scharfe Kralle und kratzte an den Schleiern, die die Welten von Sterblichen und Geistern voneinander trennten. In seinen Ohren knirschte und schrillte ein Ton wie von Vogelkrallen auf einer Eisfläche, als seine Kralle auf eine Mauer aus schwarzem Frost traf. Ymir erstarrte. Es fühlte sich falsch an. Diese Wand durfte nicht hier sein, nicht diese Kälte, nicht diese Schwärze.
Zurück, Winterkater! Du hast hier nichts verloren! Bleibe, wo du hingehörst, und sieh die Schönheit deines ewigen Firns!
Ein Dorn formte sich aus der eisig schwarzen Mauer, stieß beinahe in Ymirs Brust. Mit einem Schrei fuhr er zurück, starrte mit aufgerissenen Augen und gesträubtem Fell auf ein Stück schwarzen Eises, das er angeekelt von seinen Krallen schleuderte. Was war das? Ich weiß, ich hätte es nicht versuchen dürfen, aber das … das kenne ich nicht … Ymir schauderte. Er wusste, wie Winterkälte sich anfühlte. Dieses schwarze Eis war nicht wie sein Winter, der einen frieren ließ und doch an einem warmen Platz wieder tauen konnte. Das hier war Eis, das die Seele gefror. Ymir jaulte, hob den Kopf, verwandelte, was sich in sein Inneres krallen wollte, in einen weiteren Ruf nach seinem Bruder mit den grünen Augen.
Wieder antwortete einer der Wilden auf Ymirs Lied. Die Stimme des Wilden hob sich über Wind und Eisklirren, als hoffte sie darauf, den Winter zerschlagen zu können. Ymir spitzte die Ohren und lauschte, seine Schnurrhaare stellten sich wie von selbst in einem weiten Halbkreis auf, um jede noch so feine Schwingung des Katergesangs aufzufangen. Ein Beben durchlief den Winterkater, als er begriff, wem eine solch tragende Stimme gehören musste, die klang, als würden in ihr alle Geschichten, die jemals erzählt, alle Lieder, die jemals gesungen worden waren, mitschwingen. Dieser, das erkannte Ymir, als er sich vom Gesang des Fremden einhüllen ließ, trug einen Zauber in seinem Gesang.
Entschlossen schüttelte Ymir den Mantel aus Schnee von seinen mächtigen Schultern und betrat auf weichen, dicht bepelzten Pfoten den Wald. Er musste diesen fremden Sänger sehen, ihm folgen, ihm seine Gedanken senden. Denn wer so singen konnte, der konnte mit seinem Lied auch die uralte Magie wirken, die in jeder Katze schlief, die aber nur wenige Auserwählte in ihrer ganzen Kraft ausschöpfen konnten. Die Gewissheit keimte in Ymirs Seele – er brauchte diesen Fremden, um den Frühling zu finden.
Der Wanderer
Vidar beendete sein Lied und versuchte, sich den Schnee aus dem Pelz zu schütteln. Unmöglich. Die klammen, feuchten Flocken hingen wie lästige Zecken an seinem langen Fell und bildeten schwere Klumpen. Nur ein Gutes hatte die Kälte. Sie betäubte den Schmerz in seinem Bein, den auch sein Lied und ein Schnurren nicht mehr hatten besänftigen können, und ließ das Blut langsamer fließen. Dennoch rann es in zähen, dunklen Tropfen und bildete eine kleine Lache, dort, wo Vidar gesessen und dem Lied des fremden Katers geantwortet hatte. Wie der klagende Schrei eines Raubvogels hatte es sich über den Wald erhoben, war zwischen den Bäumen herumgestrichen und hatte Vidars Herz gefunden. Und berührt. Vidar wusste nicht, wer der Fremde war, aber er hatte es nicht über sich gebracht, ihn allein singen zu lassen.
Jetzt schwieg der Fremde. Vidar bewegte lauschend die Ohren, aber da klang nichts mehr vom Gesang des anderen Katers in der Luft. Nur der allgegenwärtige Nordwind wisperte hämisch im eisüberkrusteten Geäst und sagte Vidar, dass der Winter noch lange nicht enden würde.
Steif erhob Vidar sich und streckte vorsichtig Glieder und Rücken. In seinen Eingeweiden wühlte der Hunger. Seit seinem Zusammentreffen mit diesem dürren, ebenfalls halb verhungerten Wolf, der einen allein ziehenden Kater für leichte Beute gehalten und ihm mit einem Biss den Hinterlauf aufgerissen hatte, hatte Vidar nicht mehr jagen können. Dem Wolf war er mit knapper Not entkommen, aber das verletzte Bein behinderte ihn, und selbst die lahmste, aus dem Winterschlaf gegrabene Feldmaus war geschwinder als er. Er musste dringend Nahrung finden, ansonsten hatte mit seiner Antwort an den fernen Fremden sein letztes Lied gesungen. Vidar hob die Nase in den Wind, flehmte – und erstarrte. War das wirklich Rauch, was er da roch? Er schnupperte tiefer, spreizte die Schnurrhaare und sog die kalte Luft in seine Lungen. Tatsächlich, er roch den Rauch, schmeckte ihn auf der Zunge und fühlte ihn in seinen Gedanken. Für einen Moment schloss er die Augen und erlaubte seinen Erinnerungen, ihn zu umarmen. Er war nicht immer ein Wilder gewesen. Einst hatte er unter Zweibeinern gelebt, ihre Vorräte vor den frechen Nagern beschützt und dafür an ihrem Herd schlafen dürfen. Er erinnerte sich an frisches Fleisch, das sie ihm zugesteckt hatten, noch warm und blutig, und an Schalen mit süßer Sahne. Der lange Winter hatte die Zweibeiner aus ihrem Dorf vertrieben. Ihre Vorräte und ihr Vieh hatten die vier Familien mitgenommen, nicht aber den schwarzen Kater, von dem sie wohl geglaubt hatten, er könne sich schon allein durchschlagen. Vidar erinnerte sich an ein kleines rothaariges Zweibeinermädchen, das geweint hatte, als die Mutter ihn vom Karren in den Schnee gescheucht hatte. Ein Kater konnte jagen, er brauchte niemanden, der ihm Futter hinstellte. Er war ein Raubtier, er würde überleben. Vidar schnaubte. Ein angeschlagenes Raubtier, das selbst zur Beute wird, wenn es nicht bald Beute findet. Er scharrte Schnee über den Blutfleck, wohl wissend, dass das den Geruch nicht lange verbergen würde, und humpelte vorwärts, immer dem Rauchduft nach.
Vidar hielt inne, als er den Feuerschein aufflackern sah. Zwischen den Bäumen am Waldrand hindurch spähte er auf eine Lichtung. Raue Felsen erhoben sich in ihrer Mitte zu einem unförmigen Hügel, aus dem es dampfte und gluckerte – eine heiße Quelle, Vidar konnte ihren unverkennbaren Gestank nach faulenden Eiern riechen. Sie mochte der Grund sein, warum das kleine Gehöft mit drei Hütten und Scheune, die sich in den Schatten zweier schneebedeckter, windschiefer Tannen kauerten, noch bewohnt aussah. Hinter den mit Leder bespannten Fensteröffnungen ahnte Vidar den Feuerschein, und aus der Scheune neben dem kleinen Haus drang … Vidar kauerte sich unter weißgepuderte Büsche und schnupperte. Seine Schwanzspitze zuckte. Der Wind streifte die Scheune bei seinem Weg in Vidars Nase, und er trug ganz eindeutig Katzengeruch mit sich. Vidar keckerte leise. Die kalte Brise verriet ihm, dass auf diesem Hof mehr als vier Katzen leben mussten, eine davon roch süß und mild nach Muttermilch, mindestens zwei waren ausgewachsene Kater. Ein weiterer Geruch streifte Vidars Sinne, wie trockenes Laub und Walderde. Katzen! Geduckt blieb Vidar sitzen, sein Schwanz peitschte durch den Schnee. Die Zahmen konnten in einer warmen Scheune sitzen, sicherlich lagerten die Zweibeiner dort Stroh, vielleicht hielten sie Nutztiere, deren Körper die Luft noch zusätzlich wärmten. Hin und hergerissen leckte Vidar seine wunden Vorderpfoten. Vielleicht gaben die Zweibeiner ihren Zahmen von ihrer Nahrung. Endlich wieder einmal satt werden, endlich wieder einmal an einem sicheren Ort schlafen, mit etwas Glück vielleicht Fell an Fell mit einer anderen Katze. Vidar biss in seine Krallen, um nicht frustriert aufzujaulen. Dieses Revier gehörte seinem allgegenwärtigen Duft nach einem kräftigen Kater, der eine Mutter mit Jungen schützen musste. Er würde Vidar wie jeden anderen Eindringling verjagen.
Vidar fühlte ein Kribbeln in den Hinterpfoten, spürte, wie seine Muskeln sich wie von selbst spannten, um ihn aus seinem Versteck mit einem Satz vor die Brettertür der Scheune zu bringen. Wie soll das hier schon ausgehen? Hier draußen bringt mich mein Bein um oder der Hunger, oder ich friere mich zu Tode. Wenn ich gehe, muss ich mich mit diesem Fremden anlegen. Und mich unterwerfen. Wärme. Sicherheit, ein Platz zum Schlafen. Ich bin so müde. Der Feuerschein war so wunderschön. Der Gedanke an weiches Stroh und frisches Fleisch, vielleicht sogar Milch, so einladend. Vidar klammerte sich an seine Hoffnung und sprang.
Noch in der Luft stieß er mit etwas zusammen, das wie ein fauchender roter Blitz auf ihn zuschoss. Vidar hatte den Kater nicht kommen sehen, wusste erst, dass er da war, als sich Krallen in seinen Rücken bohrten, Beine und Pfoten ihn umschlangen und er mit dem Roten zusammen wie ein abgeschossener Vogel in den Schnee krachte. Noch während Vidar versuchte zu begreifen, was da eben passiert war, drückte ihn der Rote mit einer kleinem, aber sehr kräftigen Pfote im Nacken zu Boden und fauchte ihm ins Gesicht. „Rühr dich nicht, Fremder, wenn dir dein Leben lieb ist! Wer bist du?“ Goldgelbe Augen funkelten im Widerschein des aus der Hütte dringenden Lichtes. Unter ihnen krauste sich eine rotbraune Nase, der Kater hatte die Lefzen gehoben und zeigte seine langen Fänge.
Vidar konnte die Kraft des Angreifers fühlen, die in den geschmeidigen Muskeln vibrierte. Er zwang sich dazu, sich zu entspannen und ruhig zu atmen. „Ich bin Vidar“, stieß er hervor, „ich will dir und den deinen nichts Böses. Ich bin verletzt und suche Hilfe. Bitte …“
„Was ist da los? Veli, ich hatte dir gesagt, warte.“ Pfotentritte knirschten im Schnee, dann schob sich ein weiterer Kater in Vidars Gesichtsfeld, größer als der schlanke, geschmeidige Veli, der Vidar noch immer festhielt, aber beim Nahen des Größeren die Ohren leicht anlegte und seinen Griff langsam lockerte.
„Ein Eindringling, Jari. Ich sollte aufpassen und unser Lager schützen, das habe ich getan. Jari, das ist ein Wilder! Er sagt, er heißt Vidar.“
Jari streifte Vidar mit einem abschätzenden Blick. „Ein magerer, verwundeter Wilder. Er ist keine Gefahr für uns. Lass ihn los.“
„Aber …“
„Ich sagte, lass ihn los, Veli.“
Unter grummelndem Gehorsam hob der Rote seine Tatze und zog sich ein wenig zurück. Aus leicht verengten Augen beobachtete er, wie Vidar auf die Füße kam und sich schwankend schüttelte. In Vidars Bein tobte der Schmerz, die Wunde war durch Velis unsanften Sprung wieder aufgerissen und hatte erneut angefangen zu bluten. Vidar glaubte, mit jeden Tropfen Blut mehr Lebenskraft zu verlieren. Müde erwiderte er den Blick des großen Grautigers. War er es gewesen, auf dessen Lied Vidar geantwortet hatte? „Bitte lasst mich in eurem Lager ausruhen. Ich möchte nur ein wenig in Sicherheit schlafen. Sobald es tagt, bin ich wieder weg. Ich werde euch eure Beute nicht streitig machen und niemanden von euch in Gefahr bringen.“
„Jari? Veli?“ Noch eine Zahme war auf den Tumult aufmerksam geworden. Ihre Stimme schlich sich in Vidars Ohren wie ein Frühlingswind, und ihr Duft … Vidar straffte seine müden Muskeln und hob den Kopf. Im matten Licht, das aus der Hütte strahlte, schob sich eine graubraune Katze neben einem lockeren Brett aus der Scheune. Ihr Fell war ebenso lang und dicht wie das der beiden Kater, die weit aufgerissenen Augen leuchteten in einem feurigen Orange. Ihr weißer Latz leuchtete, ihre Pfoten schienen eins zu werden mit dem Schnee. Vidar kniff die Augen zusammen. Sicherlich spielte die Erschöpfung seinen Sinnen einen Streich, denn die Fremde schien in der Dunkelheit geradezu zu leuchten, als trüge sie das flackernde Grünblau des Nordlichts im Pelz.
Die Fremde musterte Vidar mit einem prüfenden Blick und beschleunigte ihren Schritt. Ihre Augen wurden schmal. „Jari, Veli, was lasst ihr ihn noch hier draußen in der Kälte herumstehen, seht ihr nicht, dass er gleich umfällt?“ Sie schnaubte, aber als sie sich Vidar zuwandte, schimmerte in ihrem Blick nichts als Wärme. „Du bist müde, Wanderer. Komm mit mir. Unser Lager ist groß, da kommt es auf einen Schläfer mehr nicht an. Im Stroh hausen Mäuse, und die Zweibeiner teilen die Milch ihrer Kuh mit uns, weil wir die Nager von ihren Vorräten fernhalten. Sei willkommen, Fremder. Und ihr geht rein und sagt es den anderen!“
Veli schoss umgehend davon und verschwand im Inneren der Scheune. Jari verharrte noch einen Augenblick, senkte die Nase und berührte mit seiner die der resoluten Goldäugigen. „Du bürgst für ihn, Smilla.“
„Natürlich tue ich das.“ Sie rieb ihre Wange an Jaris, dann drückte sie Vidar sacht die Nase an die Schulter. „Steh auf. Es sind nur ein paar Schritte. Drinnen ist es warm und trocken.“
„Danke.“ Vidar schnurrte, so erleichtert war er. „Ich bin Vidar. Ich wandere allein. Ich bringe keine Gefahr mit mir.“
„Das sehe ich“, gab die Zahme zurück. „Ich bin Smilla, der unmögliche Rote ist Veli, einer unserer jungen Kämpfer, und der große Brummkopf mit den vielen Haaren in den Ohren ist unser Wächter Jari.“ Smilla leitete Vidar sanft zum Scheunentor und zeigte ihm das lose Brett, neben dem die Katzen sich ins Innere des Raumes schlängeln konnten.
Drinnen schlug Vidar warme Luft entgegen, voll von den Düften der Tiere, die hier lebten. Vidar roch Rind und Ziege, Mäuse, und natürlich Katzen. Durch ein Loch im Dach blitzte ein Streifen Mondlicht und ließ die Augen der Katzen vielfarbig aufschimmern. Hier ein Leuchten von Gold, Smillas sanftes Orange, in einer Ecke ein Paar eisblauer Edelsteine. Leise raschelte trockenes Stroh unter Vidars Pfoten.
Smilla führte ihn zu einer noch warmen Mulde inmitten der goldenen Halme. „Leg dich hin.“
Vidar schaffte es kaum noch, sich in der Mulde einmal um sich selbst zu drehen. Seine Hinterläufe gaben unter ihm nach, und er sank mit einem leisen Ächzen ins Stroh. Veli näherte sich mit gesenktem Kopf. Zwischen seinen Fängen hing leblos eine Maus, die er vor Vidars Pfoten legte, dann verschwand er wieder. Für den Augenblick vertrieb der Duft frischer Beute die Müdigkeit. Unter Smillas fast amüsiert funkelnden Blicken grub Vidar seine Fänge in den Kadaver und schloss die Augen, als sich warmes Blut in sein Maul ergoss und er die kleinen Knochen zwischen seinen Zähnen knacken fühlte. Endlich. Vidar ahnte, dass die anderen Katzen ihn beobachteten, auch wenn sie nur Schatten am Rand seines Blickfeldes waren. Er hörte sie schnurren und leise reden, während er fraß, er fühlte Smillas raue Zunge, die über sein verletztes Bein fuhr. Noch immer umleuchtete das blaugrüne Schimmern Smillas Gestalt. Heiler-Aura … Wärme ging von ihr aus. Vidar ließ sich davon einhüllen. Die Maus war verschwunden, der schlimmste Hunger gestillt, und die Erschöpfung kam mit aller Macht zurück. Vidar öffnete noch einmal die Augen und sah Smilla an. Seine Mutter hatte ebenso ringelblumengoldene Augen gehabt wie sie. Er schnurrte, rollte sich zusammen und fiel in weiche, samtene Schwärze.
Das Nachtgeflüster
Smilla bearbeitete das verletzte Bein mit langen Zungenstrichen, bis endlich kein Blut mehr floss und sie sicher sein konnte, dass der hässliche Biss nicht anfangen würde zu faulen. Sie wusste, dass faulendes Fleisch irgendwann das Blut im Körper brennen ließ, bis keine Kraft mehr in ihm war. Sie wusste auch, dass ihre Zungenstriche genau das verhindern konnten, ebenso wie sie sicher war, dass ihre Nähe und ihr Schnurren die Wunde schneller würden heilen lassen. Schon als winziges Kätzchen hatte sie über diese Gaben verfügt, und das hatte sie zu einem angesehenen Mitglied des kleinen Rudels gemacht. Seit sie sich erinnern konnte, hatten sie und die anderen Katzen bei den Zweibeinern auf ihrem Hof gelebt. Doch noch nie hatte sie einen solchen Winter wie diesen erlebt. Sie fühlte es in jedem Barthaar, in jeder Faser ihres Seins, dass an diesem Winter nichts mehr so war, wie es sein sollte. Er dauerte zu lange. Die anderen wussten es auch, Smilla war sich dessen sicher. Sie konnte es in Jaris Augen lesen, wenn er mit den anderen von der Jagd kam und sie gemeinsam Mäuse verschlangen, die immer dünner wurden. Sie spürte es, wenn sie neben Alfa saß und die Sorgen der Mutterkatze sie auf Schattenpfoten umschlichen. Katzen konnten nicht lächeln wie die Zweibeiner, dennoch mochte Smilla den Namen, den ihr ein Zweibeinerkind gegeben hatte und der „die, die lächelt“ bedeutet. Das, was die Zweibeiner lächeln nannten, wohnte in Smillas Seele. Sie nannte es Hoffnung. Sie war das Wissen, dass nach jeder Nacht die Sonne wieder aufging, dass in jeder Dämmerung die Mäuse kommen würden und auf Regentage trockene folgten. Dass nach dem Winter der Frühling kam.
Warum dieses Mal nicht? Smilla wollte um jeden Preis ihre Hoffnung behalten. Doch mit jedem Tag, der in Schnee, Nordwind und Kälte versank, wurde auch ihre Hoffnung müder.
Smilla atmete den Duft des inzwischen gar nicht mehr so fremden schwarzen Katers ein, der sich immer mehr entspannte, je wärmer ihm wurde. Der Schnee taute aus seinem Fell, das nun trocknen konnte. Sich um einen Kranken kümmern zu können, gab Smilla wenigstens ihre Ruhe zurück. Nicht zum ersten Mal war ein halb erfrorenes, verwundetes oder krankes fremdes Tier auf die Lichtung gestolpert. Meist waren es verzweifelte Wölfe, die es auf das Vieh der Zweibeiner abgesehen hatten oder gar auf die Zweibeinerfamilie selbst. Einmal waren es drei halbtote Zweibeiner gewesen, die auf dem Hof untergekrochen waren, bis sie weiterziehen konnten. In dieser Nacht war zum ersten Mal eine andere Katze gekommen. Und in Smilla wuchs die Ahnung, dass dieser Kater etwas Besonderes war. Etwas, das ihrer schwindenden Hoffnung auf einen neuen Frühling wieder Nahrung gab. Sie hatte es in seinen Augen gesehen und in seiner Stimme gehört. Noch einmal ließ Smilla ihre Zunge über Vidars verletztes Bein gleiten, dann hob sie den Kopf, leckte sich die Schnauze und die Vorderpfoten und setzte sich am Lager des Schwarzen ins Stroh. Er lag friedlich zusammengerollt da und schnurrte leise im Schlaf. Wäre er nicht so abgemagert gewesen, Smilla war sicher, er hätte mindestens so eindrucksvoll gewirkt wie Jari. Sein schwarzes Fell war jetzt zerzaust und zottelig, immer noch feucht und voller Tannennadeln und Erde, doch wenn es dem Kater erst einmal besser ging, würde sicher auch sein Pelz wieder glänzen. Smilla schnurrte ebenfalls und merkte, dass ihr leises Brummen im gleichen Rhythmus schwang wie Vidars. Sie mochte seine Stimme. Noch einmal beugte sie sich zu ihm und leckte leicht seine Stirn zwischen den großen, lang bepinselten Ohren, dann schlich sie von seinem Schlafplatz weg zu den anderen Katzen, die sich im Halbkreis unter dem Loch im Dach versammelt hatten. Noch immer schimmerte Mondlicht durch die Lücke. Der Wind hatte ein Einsehen gezeigt und die schneeschweren Wolken für eine Weile vertrieben. Ein gutes Zeichen, das wussten alle Katzen. Mondzeit war die beste Zeit für Pläne. Und die Ankunft des Fremden war ein guter Anlass, sie zu schmieden. Smilla konnte die Veränderungen beinahe riechen, die in der tierduftbeladenen Luft nur darauf warteten zu beginnen. Das Eis, das ihre Zuversicht einfrieren wollte, wich. Smilla streckte die Vorderbeine aus, bohrte die Krallen in den Boden und hob das Hinterteil, dehnte ihren ganzen Körper, dann schüttelte sie sich und setzte sich an ihren Platz im Kreis, zwischen Jari und Veli.
„Wie geht es ihm?“ fragte Jari.
„Besser. Er schläft jetzt. Er wird leben.“
„Noch ein Maul zu stopfen“, brummelte die kleine graue Tuula und knabberte an ihren Krallen.
Smilla wusste, sie meinte es nicht böse. Sie sorgte sich, so wie alle. Noch gab die Kuh Milch, noch legten die Hühner im Haus der Zweibeiner Eier, noch hatten die Zweibeiner genug zu essen und konnten selbst noch jagen gehen mit ihren seltsamen fliegenden Zähnen und Krallen aus kaltem, schimmernden Metall. Doch wenn die Menschen zu hungern begannen, würde auch für die Katzen nichts mehr von ihren Tischen fallen.
„Was hältst du von ihm, Smilla?“ Veli warf einen vielsagenden Blick zu Vidar, dessen Ohren im Schlaf zuckten, als würde er in seinen Träumen dem Gespräch der Versammelten lauschen.
„Ich glaube, der Wind hat ihn nicht ohne Grund vor unser Lager geweht. Er ist ein Bote. Er bringt Veränderungen. Seine Stimme hat einen Zauber in sich. In seinen Augen tanzen Geschichten.“
„Was soll uns ein Geschichtenerzähler schon nützen? Meinst du, er kann die Sonne herbeisingen und mit seinem Schnurren den Schnee tauen?“ Veli legte die Ohren zurück und bearbeitete einen Strohhalm, als wäre er ein Beutetier.
Jari trat von einer Pfote auf die andere. Seine Krallen gruben sich in den trockenen Lehmboden der Scheune. „Wer weiß, was er kann, wenn er wirklich ein Barde ist“, schnurrte er. „Ich habe von Barden gehört, die mit ihren Liedern die Welt verändert haben. Wir sollten ihn anhören, wenn er wieder wach und kräftig genug ist. Bis dahin ist es an Smilla, sich um ihn zu kümmern. Du wirst für ihn jagen, Heilerin.“
„Das werde ich. Und selbst wenn er mit seinen Geschichten die Sonne nicht herbeisingen kann, so kann er uns mit ihnen doch neue Zuversicht geben. Und das ist etwas, das wir alle brauchen in einer Zeit, in der der Graue Kater Tod hinter jeder Ecke lauert und nur darauf wartet, hervorzuspringen und uns zu holen mit seiner Kälte und seinem Hunger. Ich glaube daran, dass Vidar ein Bote ist. Und daran, dass sein Schicksal mit unserem verbunden ist.“
Und mit dem Frühling, aber das sagte sie nicht laut. Die anderen waren ihm nicht so nahe gewesen, um die Geschichten sehen zu können, die ihn umschlichen. Ganz gleich, was Vidar für ihr Rudel tun konnte – es würde gut und richtig sein. Smilla richtete sich auf und schlang den buschigen Schweif um ihren Körper.
Jari streckte den Kopf vor und berührte Smillas Nase mit seiner. „Dann ist es beschlossen. Vidar bleibt, bis er stark genug ist, und dann werden wir entscheiden, was weiter passiert. Bis dahin seid wachsam, jagt nur so viel, wie ihr wirklich braucht, und gebt von eurer Beute an Alfa. Es ist wichtig, dass ihre Kleinen diesen Winter überleben. Sie sind unsere Zukunft.“
„Smilla, vergiss sie nicht über deinem neuen Freund“, schnappte Veli und erntete damit ein leises Grollen von Jari.
Smilla weitete ihre Augen und hob warnend eine Vorderpfote. Krallen blitzten im Mondlicht. „Nicht so abfällig, Jäger. Er kam, weil er Hilfe suchte, und ich bin die, die helfen kann. Du tust deine Arbeit im Rudel, ich tue meine.“
Veli hob kurz die Lefzen und zeigte die Fänge, aber er kuschte vor Jaris Brummeln und trollte sich, als der große graue Anführer die Versammlung auflöste.
„Lass dich nicht von diesem Feuerkopf ärgern“, gurrte Tuula und rieb ihre Nase an Smillas Wange. „Er hat schlechte Laune, weil ich ihm eine Ratte vor der Nase weggeschnappt habe.“ Sie sträubte den silbrigen Schweif. Ihre Augen, blau wie Wintereis, funkelten. „Du magst ihn“, stellte sie fest, während sie neben Smilla zu Vidars Lager tappte. Aus schmalen Augen beobachtete sie Vidar, der im Schlaf leise maunzte. Seine Tasthaare zuckten, seine Pfoten liefen einen Weg, den nur er sehen konnte, in seinen Träumen.
„Ich traue ihm.“ Ihre Schnurrhaare zitterten, als Vidars Duft ihr in die Nase stieg. Unter dem strengen Geruch seiner Wunde erinnerte sein Duft an eine sprudelnde Quelle und grünes Moos. Sie fuhr mit der Zunge über das Fell an ihrer Schulter, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Der Schwarze war doch erst eben in ihr Leben getreten. Ob sie ihn mochte? Eine Katze musste nicht lange überlegen, ob sie eine andere mochte oder nicht. „Ja“, gestand sie, „ich mag ihn.“
Tuula rieb ihre Wange an Smillas Flanke. „Dann gib gut auf ihn Acht und füttere ihn gut. Er ist viel zu mager für dich. Wollen wir jagen?“
Zur Antwort schnurrte Smilla und huschte Tuula voraus in den hinteren Teil der Scheune, wo die Zweibeiner ihre Vorräte verwahrten. Nicht lange, und beide Katzen hatten Beute gemacht. Unter Tuulas forschenden Blicken tappte Smilla mit der Maus in den Fängen zu Vidar zurück, legte sich nahe bei dem Schwarzen ins Stroh und begann zu fressen. Tuula gesellte sich zu Veli, fing eine spielerische Balgerei mit ihm an und kuschelte sich schließlich an seine rote Flanke. So sehr die beiden sich auch immer gegenseitig aufzogen, sie hatten einander gern. Smilla musste nicht besonders begabt sein, um die Zuneigung unter den manchmal recht groben Neckereien zu sehen. Sie beendete ihre Mahlzeit und blickte zu Vidar. Hin und wieder zuckten seine Ohren noch immer, liefen seine Pfoten auf unsichtbaren Pfaden. Smilla robbte näher an ihn heran, bis sie die Wärme durch seinen dichten Pelz fühlen konnte. Dicht neben ihm fiel sie in den leichten Schlaf der Katzen, der ihnen Ruhe und neue Kraft brachte und doch den Sinnen erlaubte, nach Gefahren Ausschau zu halten.
Smilla erwachte von einem Donnergrollen, das nahe ihrem Ohr herumrollte. Sie hob den Kopf von den weißbestrumpften Pfoten und sah in Vidars grüne Augen. Der Schwarze war wach und beobachtete sie schnurrend. „Danke“, sagte er.
Smilla gähnte ausgiebig und leckte ihre Pfoten, streckte sich und ließ sich auf den Hinterläufen nieder. Durch das Loch im Dach schimmerte der dämmernde Morgen. „Ich habe das gern getan. Hast du noch Schmerzen?“
Vorsichtig bewegte Vidar das verletzte Bein, krümmte die Pfote, spreizte sie und zeigte die gebogenen Krallen, die von seinem Leben als wilder Wanderer zeugten. „Fast nicht mehr. Du hast die Heilergabe. Ich danke dir, dass du für mich gesprochen hast.“
„Du darfst bleiben, erst einmal so lange, bis du wieder wandern und jagen kannst. Jari wird noch einmal entscheiden, wenn es soweit ist. Wir sind fünf ausgewachsene Katzen hier, eine von uns hat vier Junge. Wir müssen uns selbst schützen. Das verstehst du, nicht wahr?“
„Natürlich.“ Vidar begann, seine Pfoten zu lecken, putzte seinen mächtigen Kragen und dann die Schultern. Gemächlich ließ er die Zunge über seinen Pelz gleiten.
Smilla wusste, dass er nachdachte, Zeit brauchte, nach den richtigen Worten zu suchen. Sie wollte ihn wieder sprechen hören. In seiner Stimme rollte ein Schnurren. Sie wollte, dass er eine Geschichte erzählte. „Bist du ein Barde, Vidar? Ich habe in der letzten Nacht, kurz bevor du zu uns kamst, Katergesänge gehört, aber es war keiner von uns.“
„Nicht? Als ich Jari und Veli sah, dachte ich, ich hätte einem von ihnen geantwortet. Ja, ich habe letzte Nacht gesungen. Und da war noch ein anderer. Wenn es keiner von euch war, wer dann?“ Vidar schüttelte seinen großen Katerschädel. Eine Antwort gab er Smilla nicht.
„Sicher gibt es hier noch mehr Wanderer als dich.“ Smilla kratzte sich ausgiebig mit der Hinterpfote erst das eine, dann das andere Ohr und reinigte danach ihre Krallen.
„Ich habe mindestens einen Mondlauf keine anderen Katzen mehr gesehen. Dieses nette Andenken an meinem Hinterbein hat mir ein räudiger Wolf verpasst, der aussah, als würde ihn bald sein eigener Hunger auffressen.“ Vidar beäugte sein verletztes Bein und den Schorf, der die Wunde inzwischen fest verschloss und schon beinahe reif genug war, um abzufallen. „Deine Gabe ist groß, Heilerin. Gestern noch dachte ich, ich würde nie wieder gehen können, und jetzt möchte ich aufspringen und herumrennen.“
„Lass es“, brummte Smilla. „Es blutet nicht mehr, dafür habe ich gesorgt. Die anderen haben die Lache weggescharrt, die du draußen hinterlassen hast, und deine Spuren verwischt. Blut lockt Blutgierige an. Wenn du jetzt sofort losrennst, kann es wieder aufbrechen, also sei friedlich und beantworte meine Frage. Bist du ein Barde?“
Vidar schnurrte, es klang beinahe belustigt. „Warum glaubst du das, Heilerin?“
„Ich sehe Geschichten in deinen Augen.“
„Ich kenne einige“, gab Vidar zu, „aber zeige mir eine Katze, die keine Lieder kennt und keine Geschichten liebt, und ich zeige dir einen Hund, der nicht bellt.“
„Du weichst mir aus. Was wäre so schlimm daran, es zuzugeben?“
Vidar leckte sich die Pfoten. „Während ich schlief, haben sich eure Worte in meine Ohren geschlichen. Vielleicht hat dein Freund recht, wenn er sagt, dass Geschichten uns nicht sattmachen und den Schnee nicht tauen. Und jagen kann ich im Moment noch nicht. Ich habe euch also nicht viel zu geben. Und ihr gebt mir einen Ruheplatz.“ Er sagte es ohne den kleinsten Anflug von Missmut. So, als hätte er Worte wie diese schon zu oft gehört und es aufgegeben, gegen sie anzureden.
„Das mag sein“, antwortete Smilla und rückte näher an Vidar heran. Ihre Nasen berührten einander nicht, dennoch konnte Smilla etwas zwischen ihnen knistern fühlen. „Aber sie lassen hoffen, Vidar. Wenn du Geschichten in dir trägst, dann haben sie dir geholfen, weiter zu wandern, nicht wahr?“
„Ja“, gab er zu. Sein Schnurren wurde lauter.
„Weißt du, warum der Winter so lang ist? Warum der Frühling nicht kommt? Kennst du eine Geschichte, die davon erzählt, was wir gerade erleben?“
Vidars Schwanzspitze peitschte durchs Stroh. „Nein. Ich kenne nur die Geschichte, die jede Katze kennt – die von den Katzen, die die Jahreszeiten in sich tragen und uns Winter, Frühling, Sommer und Herbst bringen.“
Etwas raschelte im Stroh, und ein kleines schwarzweiß geflecktes Bündel hob den winzigen Kopf. Smilla stieg der süße Duft von Muttermilch und Kätzchenfell in die Nase. Der junge Kater war das Erstgeborene von Alfas Kindern, ein kleiner Draufgänger, der sicher einmal so stark werden würde wie sein Vater. „Bist du gekommen, um uns eine Geschichte zu erzählen?“, piepste der Kleine.
„Toivo!“ Alfa huschte heran und gab dem Kleinen einen warnenden Tatzenhieb. „Hör auf, unseren Gast zu bedrängen.“
Smilla gurrte leise. Was Vidar nun wohl tun würde?
Der große schwarze Kater schnurrte tief. „Ist es das, was du dir wünschst, kleiner Jäger? Eine Geschichte?“ Er blickte ruhig zwischen Alfa und dem Halbwüchsigen hin und her.
„Mutter erzählt Geschichten“, maunzte der Kleine. „Aber die kennen wir alle schon. Ich will eine neue Geschichte hören!“
Angelockt durch den Mut ihres Bruders kamen auch die anderen drei Jungen herangetapst. „Wir auch“, piepsten sie, „wir auch!“
Smilla drückte mit einem Gurren ihre Nase in Vidars Fell. „Kannst du solchen Bettelblicken widerstehen, Barde?“ gurrte sie. In ihrer Seele ging eine wärmere Sonne auf als draußen über der Scheune, als Vidar die Kätzchen nacheinander musterte und sich dann schwerfällig erhob.
„Also gut“, sagte er. „Geschichten sind alles, was ich euch für eure Freundlichkeit geben kann. Ich will für euch singen.“
„Aber zuerst wird er fressen“, entgegnete Smilla energisch. „Die anderen jagen, das werde ich jetzt auch tun. Ihr bleibt bei eurer Mutter, Bande, und wenn die Zeit der Morgenruhe da ist, wird Vidar erzählen.“
„Könnt ihr euch so lange gedulden, ihr kleinen Wilden?“ Liebevoll leckte Alfa jedem ihrer Jungen über Stirn und Ohren, und die Kleinen schnurrten eifrig ihre Zustimmung.
Smilla wartete, bis die kleine Familie sich wieder in ihr Nest zurückgezogen hatte, dann ließ sie sich neben Vidar nieder. „Alfas Kinder. Und Jaris. Toivo, Suvi, Tiw und Erja. Die letzten, die in diesem Rudel geboren wurden.“ Hoffnung, Sommer, Licht und Freiheit. So große Namen für so kleine Katzen. Kleine brauchen große Namen in Zeiten wie diesen, damit sie gut behütet sind. Smilla sah in Vidars Augen und ahnte, dass seine Gedanken in eine ähnliche Richtung wanderten.
„Namen für eine gute Zukunft“, sagte er. „Starke, schöne Kinder, für die ich gern singen werde. Habe ich deine Frage jetzt beantwortet?“
Smilla brummte leise. Dann wandte sie sich ab und huschte ins Stroh, dorthin, wo sie die Mäuse rascheln hörte. Wenn die anderen eine Geschichte wollten, dann sollte der Geschichtenerzähler bei Kräften sein.
Die Hoffnung
Vidar leckte sich die Schnauze. Smilla hatte es geschafft, eine Ratte zu erwischen, an der zwar nicht viel dran gewesen war, die sie aber dennoch mit ihm geteilt hatte. Vidar hatte so lange gehungert, dass schon eine halbe magere Ratte ihm wie ein Festschmaus erschien. Sorgsam säuberte er seine Schnurrhaare und Pfoten, leckte sich den dichten Pelzkragen, der seine Schultern schmückte. Die Zeit der Morgenruhe war gekommen. Alle, die gejagt hatten, hatten inzwischen gefressen und dösten im Stroh, auf Holzkisten oder auf dem Rücken der friedlich Heu malmenden Kuh. Ein Zweibeiner war gekommen und hatte die Kuh und die Ziege gemolken. Er hatte kaum Notiz von den Katzen genommen, und als er Vidar bemerkt hatte, nur kurz eine Augenbraue hochgezogen, geseufzt und eine zweite Schale Ziegenmilch zu der ersten gestellt. Vidar hatte ihn die ganze Zeit misstrauisch beäugt, immer in der Erwartung, das Zweibeinerweibchen würde ihn wegjagen. Doch nichts dergleichen geschah. Sie versuchte noch nicht einmal, ihn anzufassen. Dennoch hatte Vidar sich erst wieder vollkommen entspannt, als sie wieder gegangen war.
„Sorge dich ihretwegen nicht“, schnurrte Tuula, die sich in der Nähe von Vidars und Smillas Platz niedergelassen hatte. „Sie ist friedlich. Hat noch nie versucht, einen von uns zu verjagen.“ Ihre blauen Augen blitzten. „Ich habe da vorhin etwas von einer Geschichte gehört.“
„Lange hat hier niemand mehr gesungen“, warf auch Jari von seinem Lager auf einem Strohballen ein, „sing für uns, Vidar. Erzähle uns vom Frühling und sing uns ein Sommerlied. Irgendwann muss es doch einmal wieder warm werden.“ Er sprang von seinem Strohballen und gesellte sich zu Tuula. Wenig später folgte ihm Veli, und dann kamen auch Alfa und die Kleinen dazu. Sie bildeten einen Halbkreis um Vidar. Blasses Sonnenlicht fiel durch die Ritzen im Dach. Staubflöckchen tanzten darin. Es war so still, dass Vidar meinte, die Erwartung der anderen knistern hören zu können, so wie das Fell knistert, wenn ein Gewitter in der Luft liegt. Alfas Kätzchen hatten ihr Fell gesträubt; ihre kurzen buschigen Schwänzchen, steil in die Höhe gereckt, zitterten vor Neugier.
Vidar schloss die Augen. Schweigend suchte er nach den richtigen Worten und fand sie, kleidete sie in ein tiefes Schnurren, das die Luft um ihn herum vibrieren ließ. Smilla war die erste, die in das Schnurren einfiel. Es dauerte nicht lange, und alle Katzen woben ein Netz aus rollenden, samtenen Tönen, in das sich die Worte fallen lassen konnten. Für einen Moment glaubte Vidar, zerspringen zu müssen vor Glück. Wie lange war es her, dass er für andere gesungen hatte, dass er mit anderen das Netz der Legenden gewoben hatte? Es war eine Sache, Geschichten in seinem Inneren wachsen zu lassen, sie zu umschmeicheln, um sie zu werben und schließlich zu wissen, dass sie nahe waren, da waren, kommen würden, wenn er sie brauchte. Sie gemeinsam mit anderen zu rufen und dann mit ihnen zu teilen, war eine andere. Das war das wahre Glück eines Barden.
Vidar begann. Seine Stimme hob sich über das Schnurren und blieb doch eins mit ihm. „Ich will euch erzählen, wie es gekommen ist, dass Winter, Frühling, Sommer und Herbst einander abwechseln und folgen. Vor vielen, vielen Mondkreisen, damals, als die Welt, in der wir leben, noch um vieles jünger war, da herrschte die Weltenkatze allein über Tag und Nacht, Sommer und Winter, Frühjahr und Herbst. Sie war die, die es regnen ließ, wenn es an der Zeit war, und die die Sonne schickte, wenn es genug geregnet hatte. In ihrem Schnurren lag das Grollen des Donners, in ihren Augen leuchteten Sterne. Unter ihren Füßen spross das Leben aus der Erde, und was sie zerscharrte, verging – nur, um unter ihrem nächsten sanften Pfotentritt wiedergeboren zu werden. Die Weltenkatze ist die Mutter allen Lebens. Sie tat all das, um ihre Welt zu schützen, sie wachsen zu lassen und zum Blühen zu bringen.
Doch bald schon fühlte die Weltenkatze, wie all das an ihren Kräften zu zehren begann. Des Nachts wachte sie über den Mond, bei Tag folgten ihre Augen der Sonne, sie musste bedenken, wann es an der Zeit war, es regnen zu lassen, und wann wieder trockenes Wetter herrschen musste.
Eines Tages kam der Mond zu ihr und sprach: ‚Mutter Weltenkatze, du kannst so nicht weitermachen. Du bist müde. Ich sehe es an deinen Augen, in denen jede Nacht weniger Sterne leuchten.‘
Als mit dem Tag die Sonne kam, sagte auch sie: ‚Mutter Weltenkatze, ich sehe, dass du erschöpft bist. An jedem Tag sehe ich weniger Feuer in deinen Augen.‘ Doch die Weltenkatze schwieg und schnurrte und trug, was sie tragen musste, wie eine Katze es eben tut: ohne zu klagen und ohne anderen zu zeigen, wie schwer ihr Leben gerade ist. Doch die Weltenkatze hatte nicht mit Sonne und Mond gerechnet. Sie warteten einen dieser besonderen Tage ab, an denen Mond und Sonne sich küssen und tiefe Dunkelheit auf die Welt fällt. An diesem Tag gab der Mond von seinem Silber und seiner Kühle, die Sonne von ihrer Wärme und ihrem Feuer, die Erde von ihrer Kraft und ihrer Ruhe, das Meer von seinem Rauschen und Toben und der Himmel von seiner Weite und dem Wind, der in seinen Höhen herrscht. Aus alldem formten die Sterne vier Geister und gaben ihnen die Gestalt von Katzen. Als Sonne und Mond sich wieder voneinander lösten und das Licht zurück auf die Welt kam, erblickte die Weltenkatze vier fremde Katzen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie standen vor ihr, streckten eine Vorderpfote aus und verneigten sich vor ihr.
‚Mutter Weltenkatze‘, sprach der erste, ein mächtiger grauer Kater mit schimmerndem Weiß im Fell und Augen so blau wie Eis, ‚Ich bin Ymir. Ich bin der Winterkater. Ich werde dir in der kalten Zeit zur Seite stehen, wenn der Frost kommt und die Erde unter schimmerndem Schnee schläft.‘
‚Mutter Weltenkatze‘, sprach der zweite, ein braun gestromter Kater mit Augen so grün wie junge Triebe und frisches Moos. ‚Ich bin Asmo. Ich bringe den Frühling und werde dir zur Seite stehen in der Zeit, in der alles Leben neu erwacht und aus der Winterstarre frisches Grün erwächst.‘
Die dritte Katze trat vor. Im Fell trug sie die Flammen der Sonne und ihr Feuer in den goldenen Augen. ‚Ich bin Siw. Ich bin die Sommerkatze. Ich werde dir zur Seite stehen in der Zeit der heißen Schwüle, wenn die Blumen vergehen und die Früchte zu reifen beginnen, wenn die jungen Tiere geboren werden und das Leben seiner Höhe entgegenstrebt.‘
Nun hob die vierte Katze den Kopf. Ihr Fell war bunt gefleckt wie fallendes Laub, die Augen gelb wie reifes Getreide auf dem Feld. ‚Ich bin Gefion‘, sprach sie, ‚ich bin die Herbstkatze und werde an deiner Seite sein, wenn die Zeit der Ernte gekommen ist, wenn Fülle die Welt überschwemmt und das Leben sich selbst feiert.‘
Und dann sprachen sie alle gemeinsam: ‚Wir sind das Geschenk von Sonne und Mond an dich, Mutter Weltenkatze. Nimm uns an. Lass uns deine Helfer und Gefährten sein.‘
Die Weltenkatze betrachtete ihre neuen Gefährten und schnurrte vor Freude. Nacheinander ging sie zu jedem von ihnen, um mit ihnen den Atem zu tauschen und ihre Nasen zu berühren. Der Winter atmete Frost in ihr Maul, der Frühling den Duft zarten Grüns. Im Hauch des Sommers hingen Honig und Blütenduft, und der Herbst roch schwer nach Früchten und neuem Leben. Die Weltenkatze dankte Sonne und Mond für ihre Helfer. Endlich konnte sie ruhen und einen Teil ihrer Last auf weitere Pfoten verteilen.
In ihren Träumen ist die Weltenkatze noch immer überall. Aus der Welt der Geister heraus lenkt sie das Geschick dieser Welt und schützt in der weichen Umarmung ihres Leibes alles Leben. Mit ihren vier Gehilfen aber traf sie ein Abkommen: Immer nur einer von ihnen herrscht für den vierten Teil eines Jahreslaufes, während die anderen bei ihr in der Welt der Geister ruhen. So geschieht es, seit Sonne und Mond einander geküsst und die Jahreszeiten geschaffen haben. Und ganz gleich, wie lange dieser Winter noch dauern wird, der Tag wird kommen, an dem Ymir, der Winterkater, sich zurückzieht und Platz macht für Asmo, der den Frühling in seinen grünen Augen trägt.“
Vidar ließ die letzten Worte in einem Schnurren ausklingen, das sich mit dem der anderen Katzen vereinte und sich dann so sanft auflöste wie Sonnenstrahlen den Morgennebel vertreiben. Stille hing in der Luft, so dicht, dass Vidar glaubte, sie mit den Pfoten greifen zu können. Erst jetzt merkte er, wie nah Smilla ihm war. Sie lag neben ihm, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet und öffnete gerade die Augen, als erwache sie aus tiefem Schlaf. In ihrem goldenen Blick schimmerte das Echo eines Traumes.
„Das war wundervoll“, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen sie und streckte sich.
Um Vidar und Smilla herum räkelten sich die anderen ebenfalls, während sie langsam aus der Geschichte wieder zurück in die wirkliche Welt schlichen. Eine Welt, in der Winter herrschte. In der Asmo nicht gekommen war, so wie es eigentlich sein sollte. Etwas Kleines, Weiches berührte Vidars Vorderpfoten.
Erja hockte vor ihm, ihre drei Brüder dicht im Gefolge. „Du weißt, wo der Frühling ist!“, sagte sie. „Kannst du nicht gehen und ihn holen, damit es endlich wieder warm wird?“ Die kleine Katze legte den Kopf schief und blickte aus grüngoldenen Augen zu ihm auf.
Ihre süße, kindliche Frage bohrte sich in Vidars Herz. Er wusste, an jeder Geschichte aus dem Sagenschatz der Katzen hing ein Härchen Wahrheit, aber noch nie hatte ein Wesen aus der sterblichen Welt in die Welt der Geister eingegriffen. Wenn die Weltenkatze beschlossen hatte, dass dieser Winter länger sein sollte als alle zuvor, dann war es ihre Entscheidung, und es war nicht an ihnen, einem Rudel einfacher Waldkatzen, halb zahmen noch dazu, ihre Entscheidung anzuzweifeln.
„Die Geschichte weiß, wo der Frühling ist, kleine Erja. Er ist in der Welt der Geister, dort, wo auch die Weltenkatze lebt. Wir sind keine Geister. Wir sind Wesen der sterblichen Welt. Eines Tages kommt der Graue Kater Tod zu uns und ruft uns. Erst dann können wir in die Welt der Geister gehen. Wir können den Frühling nicht holen. So gern ich es tun würde, aber es geht nicht.“
„Warum nicht?“ piepste Tiw und baute sich neben seiner Schwester auf.
Die anderen Katzen rückten näher, die Augen groß, die Pupillen geweitet. Vidar sah Neugier in ihren Blicken tanzen, Tuula trat den Boden mit ihren Pfoten, als wollte sie umgehend losrennen, während Jari nichts als Ruhe ausstrahlte. Neben ihm hockte Veli, den Pelz gesträubt, die Augen schmal. Alfa gesellte sich zu ihren Jungen und beobachtete sie, als würde sie im nächsten Moment damit rechnen, dass sie selbst losstürmten, um den Frühling zu suchen.
Vidar fühlte sich unbehaglich. Der Zauber der Geschichte, der ihn eben noch so glücklich gemacht hatte, wurde zu etwas anderem, etwas, das ihn bedrohte, vor dem er fliehen wollte. Er wurde zu einer Aufgabe, und dazu noch zu einer, die er für unlösbar hielt. Vidar war ein Barde, er erzählte die Geschichten, die es gab, er sammelte sie, hortete und hütete sie. Aber noch nie war er selbst Teil einer Geschichte gewesen. Danach hatte er nie gestrebt. Und nun saßen hier vor ihm diese vier halbwüchsigen, noch fast im Kinderfell steckenden Katzengeschwister und fragten ihn, warum er nicht ins Geisterreich gehen würde?
„Niemand von uns darf sich einmischen in das, was die Weltenkatze tut“, schnurrte er.
„Ist das so?“ fragte Veli. „Oder hat es bisher nur noch keiner getan? Die Kleinen sind noch nicht trocken hinter ihren großen Ohren, aber sie sprechen weise Worte. Du hast uns des Rätsels Lösung doch in die Pfoten gegeben, Barde. Jemand muss den Frühling holen, wenn er nicht von allein kommt.“
„Oder den Winterkater finden und ihn zur Rede stellen.“ Alfas samtene Stimme unterbrach Veli. „Vielleicht gefällt es ihm so gut zu herrschen, dass er sich gar nicht vom Frühling ablösen lassen will.“
Vidar schüttelte den Kopf, dass die Haare seines mächtigen Kragens flogen. Was waren das für Gedanken, die er mit seiner Geschichte geweckt hatte? Er sah Smilla an. „Glaubst du auch, wir könnten den Frühling finden? Oder den Winterkater?“ Ein Schaudern ließ Vidars Fell zucken. Eine Erinnerung kroch durch seine Gedanken und ließ ihn beben. Jari sagte, keiner von seinem Rudel hätte in der vergangenen Nacht gesungen. Wem also habe ich geantwortet? Weit und breit habe ich keine anderen Katzen gesehen, und Jaris Rudel auch nicht. Wessen Klage habe ich gehört? In welche Geschichte habe ich mich hineingesungen, als ich dem Fremden antwortete?
„Geht es dir gut?“, raunte Smilla und schmiegte sich an Vidars Seite. „Bist du müde? Willst du ruhen? Ich schicke die anderen weg.“
„Nein. Nein, Smilla, ich war nur in Gedanken.“ Er drückte seine Nase in ihr Fell, dann beugte er sich zu Tiw und Erja und leckte ihnen sacht über die kleinen Köpfe. „Ihr glaubt also, wir könnten den Frühling suchen gehen? Oder, wie Veli sagt, den Winterkater?“
Die Kleinen schnurrten und spitzten die großen Ohren. Ja, das glaubten sie. In ihren runden Kinderaugen sah Vidar das grenzenlose Vertrauen junger Seelen in das kleine Haar von Wahrheit, das an seiner Geschichte hing. Es gab sie, die Weltenkatze, und es musste auch den Winterkater und seine Gefährten geben. Sonne und Mond gab es schließlich auch, sie konnten sie jeden Tag und jede Nacht sehen.
„Ihr würdet also gehen und sie suchen?“
Die Kleinen hüpften vor Vidar auf und ab. „Ja!“
„Nichts werdet ihr“, fauchte Alfa, „Setz den Kleinen keine Flöhe in die Ohren, Barde. Das ist keine Aufgabe für Kinder.“
„Nein“, raunte Smilla. „Es ist eine Aufgabe für einen Barden.“
Vidar bohrte seine Krallen in den Boden. „Ich … bin nur der, der die Geschichten erzählt“, sagte er mit einem nervösen Schnurren in der Stimme. „Ich sage, es ist eine Aufgabe für einen Kämpfer.“
Veli warf sich in die Brust und richtete sich zu voller Größe auf. Jari, der neben ihm hockte, hob seine große Vorderpfote und tatzte gutmütig auf Velis breiten Schädel. „Plustere dich nicht so auf, du Held. Weißt du denn, wo du anfangen solltest zu suchen? Weißt du den Weg in die Geisterwelt?“
Veli schüttelte sich. „Weiß er es denn?“ grummelte er und blitzte Vidar an.
„Seid still. Alle.“ Smillas Fauchen zischte durch den Stall. Die Kleinen zuckten erschrocken zusammen, sogar Jari zuckte mit einem Ohr. „Als Vidar erzählte, da haben seine Worte mich mitgenommen“, fuhr sie sanfter fort. „Ich konnte all das sehen, von dem er sprach. Die Weltenkatze. Ihre Mühen. Die Sorgen von Sonne und Mond. Ich konnte sehen, wie sie die Gaben der Elemente nahmen und die Jahreszeiten aus ihnen formten. Ich habe gesehen, wie es sein sollte, den ewigen Kreislauf, unter dem die Welt sich immer wieder verändert. Aber ich habe auch etwas anderes gesehen.” Jetzt rann ein Schaudern über ihr seidiges Fell, und sie drückte sich enger an Vidar. „Ich habe Schatten gesehen, die über dem Reich der Geister schweben. Und ich weiß tief in mir, dass dieser Winter falsch ist. Aber es ist nicht der Winterkater, der seine Macht nicht hergeben will. Macht bedeutet den Geistern des Jahreskreises nichts. Und es ist auch nicht so, dass der Frühling nicht kommen will. Ich glaube, es gibt da etwas, das verhindert, dass Winter und Frühling einander begegnen, um ihre Plätze tauschen zu können. Das ist es, was wir finden müssen. Nicht den Winterkater, nicht den Frühlingskater. Sondern dieses andere, dieses Fremde.“
Vidar leckte ihre Ohren. Wie konnte es sein, dass diese Katze ihm so nahe war, auch wenn sie einander erst eine Nacht kannten? Er drückte die Nase in ihr Fell und sog ihren Duft ein. Was würde aus ihr werden, wenn der Winter nicht bald endete? Was aus Alfas wundervollen, so lebendigen Kindern? Was würde aus der Welt werden, wenn es immer weiter schneite und schneite und schneite? Er straffte seine Muskeln. In seinem heilenden Bein biss noch immer der Schmerz, aber das war nur Schmerz, er würde vergehen. Vidar hatte sich nach einer neuen Bleibe gesehnt, nach Ruhe, nach etwas, das er Zuhause nennen konnte. Nach einem Rudel. Er hatte es gefunden und wusste, dass er es wieder verlassen würde, um zu tun, was er nie tun wollte: Jemand zu werden, über den vielleicht einmal Lieder gesungen wurden. „Ich bin kein Held“, wisperte er in Smillas Fell. „Ich bin der, der die alten Lieder singt, keiner, über den Lieder gesungen werden. Aber ich will die Schatten vertreiben, die dir Angst machen, Heilerin. Die uns alle bedrohen und uns den Winter schicken.“ Die Kleinen glauben an mich. Warum fällt es mir so schwer, an mich selber zu glauben? „Also gut. Ich werde gehen und die Schatten suchen. Ich will uns den Frühling zurückbringen!“
Die letzte Nacht im Stall
Ein Schnurrhaarzucken lang schwiegen die Katzen, dann schnurrten und maunzten alle auf einmal, bis Jari seine mächtige Pranke hob und „Ruhe!“ fauchte. Sobald alle schwiegen, richtete Jari seinen Blick auf Vidar und kniff die Augen zusammen. „Du willst das wirklich tun? Aufbrechen und den Winterkater suchen? Oder den Frühling?“
Vidar erwiderte das Blinzeln. Er sah Jari an, dann Smilla, dann Alfa und die Kleinen. „Nein“, sagte er, „ich will es nicht, aber ich werde es tun. Die Kleinen haben recht – jemand muss etwas tun, sonst wird dieser Winter uns ersticken. Wir müssen herausfinden, warum er so lange währt, und wer daran schuld ist, dass der Frühling nicht kommt. Ich will mich auf die Suche machen. Vielleicht ist es nur Mäusedreck, aber … kurz bevor ihr mich gefunden habt, habe ich einen Kater singen gehört. Keinen von euch, wie Jari mir versicherte, aber wen dann? Ihr habt außer mir seit Monden keine andere Katze gesehen, ebenso wenig wie ich auf meinem Weg, also wer hat da gerufen? Was, wenn es der Winter selbst war?“
„Du glaubst, du hast den Winterkater gehört?“ fragte Smilla.
„So wie du glaubst, die Schatten gesehen zu haben“, entgegnete Vidar. „Wir wissen, was geschieht, ist falsch. Ich werde gehen. Vielleicht … muss ich es ja nicht allein tun.“
„Ich gehe mit!“ Toivo hüpfte auf allen Vieren.
Alfa brummte und drückte leicht ihre Pfote auf seinen Rücken. „Nichts wirst du. Diese Suche ist für die Ausgewachsenen. Vidar wird euch erzählen, was er erlebt hat, wenn er zurückkommt.“
„Rattendung“, maulte Toivo. „Immer bin ich für alles noch zu klein …“
„Ich werde mitkommen, wenn du mich willst.“ Tuula war aufgesprungen und saß nun vor Vidar. Ihre Eisaugen funkelten vor Abenteuerlust. „Ich will den Winter über das Feld jagen und Smillas dunkle Schatten mit den Krallen zerreißen!“
„Ich komme auch mit.“ Veli erhob sich und setzte sich neben Tuula. „Ich will wissen, wie viel an diesen Bardenliedern dran ist.“
Vidar schnurrte zustimmend. Diese beiden waren kräftige, geschickte Jäger und Kämpfer, und auch wenn Veli ein lauter Draufgänger war und oft erst handelte und dann nachdachte, mochte Vidar ihn. „Ich möchte warten, bis mein Bein nicht mehr bei jedem Schritt schmerzt. Wenn es soweit ist, brechen wir auf.“
„Ich werde auch mitgehen“, sagte Smilla. „Was ich träumte, während du gesungen hast, wird uns den Weg weisen.“
„Das kannst du nicht!“ Alfa war aufgesprungen und stand wie ein lebender Wall hinter ihren Jungen. „Was, wenn die Kleinen krank werden? Was, wenn ich verletzt werde oder Jari etwas geschieht? Jari, du wirst doch nicht auch noch …?“
„Nein, sei ruhig. Ich werde bleiben. Du und die Kleinen, ihr seid mein Frühling, und ich werde auf euch aufpassen.“ Schnurrend berührte Jari Alfas Nase mit seiner.
Alfa drängte sich an ihn. „Aber … wir werden ohne Heiler sein, wenn Smilla geht. Sag ihr, sie soll bleiben, Wächter!“
„Das muss er nicht, denn ihr werdet nicht ohne Heiler bleiben.“ Smilla senkte den Kopf und strich mit der Zunge über Suvis Ohren. „Ist es nicht so, Suvi?“
Der junge Kater sah überrascht auf. „Ich?“
Alfa riss die Augen auf. „Er?“
„Seht genau hin“, sagte Smilla sanft und streifte Suvi mit ihren Schnurrhaaren.
Vidar erstarrte, als er es sah. Feines blaugrünes Leuchten, als würde das Nordlicht in seinem Fell schimmern, umgab Suvi wie eine schmale Aura. So fein war das Leuchten, dass es im Tanzen von Staub im Sonnenlicht untergehen konnte.
„Er ist noch jung und seine Gabe klein, aber sie wird mit ihm wachsen. Noch bevor der Mond sich zweimal gerundet hat, wird auch sein Schnurren Leiden lindern und seine Zunge blutende Wunden schließen. Hab keine Angst, Alfa.“
Beschützend zog Alfa Suvi an sich heran. „Mein kleiner Sommerkater“, wisperte sie in sein Ohr, „ich wollte nicht, dass du so schnell groß werden musst.“
Suvi drückte sich an seine Mutter. „Ich will aber schnell groß werden“, sagte er und richtete sich zu seiner ganzen Jungkatergröße auf. „Ich muss doch auf dich und die anderen aufpassen!“
„Auf mich muss aber keiner aufpassen!“ quietschte Toivo dazwischen, und Erja und Tiw fielen ein: „Auf uns auch nicht! Wir wollen mitgehen und den Frühling suchen!“
„Ihr bleibt hier bei mir und bei eurer Mutter, ihr Helden, und helft mir, auf das Lager aufzupassen, während die anderen auf der Suche sind. Soll ich etwa alles allein machen?“ Jari sah die kleinen Katzen mit so komischer Verzweiflung an, dass Vidar amüsiert gurrte und Alfa sich dankbar an den Wächter schmiegte.
„Ihr müsst noch so viel lernen. Wenn die anderen fort sind, werdet ihr dazu viel Zeit haben. Jari und ich werden euch alles beibringen. Findet ihr es nicht gut, wenn ihr euren Vater für euch allein habt und ihn nicht mit lästigen Pflichten teilen müsst?“
Damit waren die Kleinen versöhnt. Wie auf ein stummes Zeichen hin stürzten sie sich auf Jari und kugelten wenig später mit ihm als balgendes Knäuel auf dem Stallboden herum.
„Pass gut auf deine Kleinen auf, Alfa“, hörte Vidar Smilla der Schwarzweißen zuraunen. „Sie sind etwas Besonderes, sie alle. Nicht nur Suvi. Du wirst sehen, sie alle haben ihre Gaben.“
„Passt ihr auch auf euch auf“, sagte Alfa. „Es fällt mir schwer, dich gehenzulassen, Schwester, aber ich verstehe, warum du gehen musst. Du magst den Barden.“
Smilla warf Vidar einen Blick zu und trat beinahe verlegen von einer Pfote auf die andere.
Bis die Nacht hereinbrach, ruhten die Katzen, Smilla dicht an Vidars Seite. Ihre Wärme wanderte von Fell zu Fell, durchdrang Vidars Körper und schien sich in seinem Bein zu sammeln, vertrieb den Schmerz aus den verspannten Muskeln. Vidar legte den Kopf auf Smillas Nacken und schnurrte.
Smilla seufzte wohlig. „Wo willst du mit der Suche beginnen?“
„In den Wäldern. Dort, wo ich den Fremden singen hörte. Vielleicht finden wir noch Spuren oder Duftmarken, denen wir folgen können.“
„Wenn es wirklich der Winterkater war, dann wird er keine Spuren hinterlassen. Aber vielleicht finden wir andere Tiere, die ihn gesehen haben. Ich vertraue dir, Vidar, und ich vertraue meinem Traum.“
„Erzähl mir von den Schatten.“ Vidar leckte Smillas Ohren.
„Sie hingen wie ein schwarzer Nebel über dem Bild, das deine Worte von der Geisterwelt heraufbeschworen. Und jetzt, wenn ich die Augen halb schließe, glaube ich, sie sogar hier zu sehen, in unserem Stall. Sie sind wie Mäuseschatten in der Dämmerung. Wenn ich versuche, sie anzusehen und herauszufinden, was sie sind, dann sind sie fort. Aber sie geben mir ein eigenartiges Gefühl. Hier beobachten sie uns nur. Aber ich bin mir sicher, wenn wir losziehen, dann werden sie uns nicht mehr nur ansehen. Vielleicht werden sie versuchen, und aufzuhalten. Ich will nicht kämpfen müssen. Ich bin nicht wie Tuula und Veli. Aber wenn es sein muss, dann werde ich es tun.“
„So wie ich.“ Vidar drückte die Nase in Smillas Fell. „Ich vertraue deinem Gespür.“
„Und ich deinen Geschichten. Das ist genug.“
Vidar riss das Maul auf und gähnte. „Wird es auch für Tuula und Veli reichen? Ich glaube, sie wollen lieber einen Gegner aus Fleisch und Blut als einen, der nichts als schwarzer Nebel ist.“
Smilla brummte belustigt. „Wir sind Katzen, Vidar. Wir alle wissen doch, dass es Dinge gibt zwischen dem Himmel über uns und der Erde unter unseren Pfoten, die nicht aus Fleisch und Blut bestehen und trotzdem so wirklich sind wie die Luft, die wir atmen. Wir werden suchen. Und wir werden finden – auch wenn jetzt noch keiner von uns sagen kann, was. Beunruhigt dich das?“
„Nein. Mich beunruhigt eher, dass wir ganz sicher etwas finden werden, und es wird uns bestimmt nicht gefallen.“
So, wie Smilla sich an ihn schmiegte, ahnte Vidar, dass es ihr nicht viel anders ging als ihm.
Am nächsten Tag war der Schmerz in Vidars Bein dank Smillas Schnurren so weit verschwunden, dass er es wagen konnte, für sich selbst zu jagen. Dass es ihm gelang, eine Maus zu erwischen, nahm er als Zeichen, dass er nicht länger warten sollte. Während er seine Beute fraß, gesellten sich Tuula, Veli und Smilla in stummer Übereinkunft mit ihrem Fang zu ihm. Es ist seltsam, dachte Vidar, als er nach der Mahlzeit seine Pfoten putzte und sich das Maul leckte, wie schnell sich alles verändern kann, wenn eine Katze zur richtigen Zeit den richtigen Ort erreicht und zur richtigen Zeit die richtige Geschichte erzählt wird. Niemand musste etwas sagen, sie alle wussten, dass sie heute, wenn die Dämmerung hereinbrach, aufbrechen würden. Die Halbzahmen würden das erste Mal wieder in die Wälder ziehen. Ein wenig erschreckte es Vidar, dass er da draußen der Lehrer der anderen sein würde. Natürlich trieben noch immer die Instinkte wilder Katzen seine neuen Freunde an, doch zu wissen, wie etwas getan werden musste, war noch immer etwas anderes, als es tatsächlich selbst zu tun.
Irgendwann wird ein anderer Barde ein Lied darüber singen, wie vier tollkühne Katzen auszogen, um den Frühling zu suchen.
Die Kreise der Tiere
Am Abend fiel kein Mondlicht durch das Loch im Scheunendach, nur einige verirrte, dicke Schneeflocken rieselten herab. Vidar und Smilla hatten am frühen Nachmittag die Scheune für eine Weile verlassen, um zum ersten Mal gemeinsam im Schnee zu jagen. Das Schneetreiben war immer dichter geworden, die Flocken blieben feucht und klebrig, und als auch noch eine Windböe eine Ladung pappigen Schnees von einem Ast geschleudert und Vidar auf Kopf und Rücken geworfen hatte, waren er und Smilla nass und durchgefroren in die Scheune zurückgekehrt und hatten dort im Stroh jeder eine dürre Maus erbeutet. Gemeinsam hatten sie gefressen und dann auf den Abend gewartet.
Jetzt hockten Vidar und seine Mitstreiter mit Jari, Alfa und den Kleinen um eine große flache Schale mit warmer Ziegenmilch und schleckte die süße Flüssigkeit in großen Schlucken. Bevor er sich mit Smilla, Tuula und Veli auf die Suche machte, wollte er noch einmal richtig satt werden. Wer wusste schon, wann es das nächste Mal etwas zu fressen geben würde? Vidar konnte sich kaum noch daran erinnern, wann er das letzte Mal Milch bekommen hatte, damals, als er noch ein zahmer Kater mit eigenen Menschen gewesen war. Menschen, die ihn zurückgelassen hatten, als der Winter ihnen alles geraubt hatte. Vidar richtete sich auf und kratzte sich hinter dem Ohr. In seiner Erinnerung war dieser eine Moment, in dem er vom Wagen geworfen wurde und seine kleine Zweibeinerfreundin weinen hörte, so allgegenwärtig, dass er sich mit einem Mal an so viel mehr noch erinnern konnte. An den Geruch von Angst, der über dem des schneeschwangeren Nordwinds lag. An Rauch in der Luft. An Feuer. War wirklich nur die Kälte schuld daran gewesen, dass seine Zweibeinerfamilie ihr Haus verlassen hatte? Warum musste er plötzlich an Rauch, Feuer und Blut denken? Vidar setzte sich auf. Putzte sich und knabberte nachdenklich an seinen Krallen. Er fühlte Smillas forschenden Blick auf sich.
„Woran denkst du?“ fragte sie leise und zog sich ebenfalls ein wenig von der Milchschale zurück, um den anderen mehr Raum zu geben.
„An deinen Traum von Schatten. Ich glaube, ich habe auch schon einmal Schatten gesehen, aber nicht in einem Traum. Meine waren wirklich. Und sie haben nach Tod gerochen.“
„Das haben meine auch“, murmelte Smilla und drückte die Nase an Vidars Flanke. Er spürte, dass sie seinen Duft einsog. „Und dennoch werden wir dahin gehen, wo ich sie spüre, nicht wahr?“
„Ja. Das werden wir. Wenn wir dort nichts finden, wo ich vor zwei Nächten den Fremden singen gehört habe, dann werden wir deinen Schatten folgen.“
Tuula und Veli lösten sich ebenfalls aus dem Kreis um die Milchschale. „Die Dämmerung ist da“, sagte Veli und blickte zum Loch in der Scheunendecke. Es schneite noch immer leicht, der Himmel war wolkenverhangen, hatte die Farbe von Jaris Pelz. „Ein guter Zeitpunkt für den Aufbruch.“
Vidar spitzte die Ohren. „Es gibt keinen besseren“, stimmte er zu, „wenn wir noch länger warten, dann sitzen wir morgen früh noch hier und wärmen uns die Pfoten, statt nach wärmender Sonne für uns alle zu suchen.“ Er hob den Kopf und sah Jari an.
Der Wächter erhob sich, streckte sich und gähnte, ihm folgte Alfa, die Kleinen hinter sich, die Vidar und seine drei Reisegefährten aus großen Augen ansahen. „Es ist soweit“, stellte der Wächter fest.
Vidar erwiderte seinen Blick, dann ging er zu dem losen Brett in der Scheunentür und schlängelte sich durch die schmale Öffnung nach draußen in den Schnee. Hinter sich hörte er das leise Pfotentappen der anderen. Vor der Scheune blieben sie sitzen. Vidar, Veli, Smilla und Tuula bildeten einen Halbkreis vor Jari, Alfa und den Kleinen. Jari streckte den Kopf vor und berührte nacheinander erst Vidars Nase, dann die Nasen seiner Mitstreiter, tauschte mit jeder Katze, die gehen würde, noch einmal den Atem. Danach vollzog auch Alfa das uralte Ritual des Abschiednehmens. Vidar beugte sich zu den Kleinen und leckte jedem von ihnen die Ohren. „Passt gut auf eure Mutter auf und lernt fleißig von Jari. Wenn wir wiederkommen, das verspreche ich euch, dann bringe ich euch eine neue Geschichte mit, die noch nie zuvor eine Katze erzählt oder gehört hat.“
Die Kleinen schnurrten. Suvi reckte sich mutig und drückte seine kleine Nase an Vidars. „Ich werde lernen, ein Heiler zu sein“, sagte er und drückte sich dann auch an Smilla. „Ich werde auf alle aufpassen. Ich will ein Heiler sein und ein Krieger und ein Wächter und …“
„Und du lässt uns auch noch was machen“, brummelte Erja und zwickte ihren Bruder spielerisch in die Ohren.
Vidar beobachtete die Kleinen und fühlte einen dunklen Schmerz in seiner Seele. Er könnte bleiben, Ruhe finden, die noch so zarte Freundschaft zu den anderen vertiefen, die Kleinen aufwachsen sehen und ihnen das Jagen beibringen, sie lehren zu singen. Stattdessen riss er drei Mitglieder dieses Rudels aus dem Verbund heraus, um mit ihnen auf eine gefährliche, wenn nicht sogar vollkommen sinnlose Suche zu gehen, von der er vielleicht gar nicht wie versprochen zurückkehren würde oder auf der er vielleicht sogar einen der anderen verlor? Er schüttelte den Kopf, dass die langen Haare seines Kragens flogen. Nein, so durfte er nicht denken. Er hatte vom Frühling gesungen, und er musste den Veränderungen folgen, die diese Geschichte in Gang gesetzt hatte. Keine Katze verkroch sich feige, wenn es galt, ein Geheimnis zu ergründen. Er mauzte Jari und Alfa einen letzten Gruß zu, dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und begann die Wanderung, indem er seiner alten Spur folgte. Hinter sich vernahm er die Pfotentritte der anderen auf dem feuchtkalten Firn.
Am Rand der Lichtung blieben alle wie auf ein stummes Zeichen hin noch einmal stehen und blickten zurück. Vor der Scheune konnte Vidar Jaris und Alfas stille Silhouetten ausmachen, neben ihnen die vier Kleinen, sah ihr langes, seidiges Fell im Wind wehen. Im Dämmerlicht schimmerten ihre Augen wie grüne Sterne.
Ein Schnurrhaarzucken lang verharrten sie, dann wandte Vidar sich um und richtete den Blick auf den Wald. Im grauen Dämmerlicht schienen die knorrigen, schneebedeckten Bäume wie groteske Monstergestalten. Im Unterholz huschten Schatten herum, kleine Tiere, die noch immer dem Winter trotzten und unter dem Schnee ihre Behausungen gegraben und ihre Vorräte versteckt hatten.
„Aus dieser Richtung bin ich gekommen“, sagte er zu den anderen, „und hinter mir hörte ich den Fremden singen. Ich schlage vor, wir suchen zuerst dort.“
„Ich fühle das Echo meines Traumes, wenn ich in den Wald blicke“, murmelte Smilla und sträubte ihr Nackenfell. „Gehen wir. Aber seid vorsichtig. Der Wind trägt einen seltsamen Duft heute Nacht, könnt ihr es auch riechen?“
Tuula flehmte und schnaubte. „Und wie ich es riechen kann. Bitter wie verdorbene Milch. Es kratzt in der Nase. Rauch.“
Veli brummte zustimmend. „Rauch. Und ich rieche Blut. Fern und verwaschen, aber der Wind trägt seinen Duft. Es riecht nach Kampf.“ Auch sein Fell sträubte sich zu einem eindrucksvollen Rückenkamm.
Vidar senkte den Kopf und schnüffelte am Schnee. Er konnte seine alte Spur noch riechen, Reste von seinem Blut, auch wenn der frische Schnee seine Pfotenabdrücke schon lange zugedeckt hatte. Er fand all die Geruchsnoten, von denen die anderen gesprochen hatten, und die Schauder durch sein Fell kriechen ließen. Es war derselbe Geruch, der damals in der Luft gehangen hatte, als seine Zweibeinerfamilie ihn alleingelassen hatte. In seinen Ohren wurde das leise Säuseln und Rauschen des Windes zum Weinen eines Menschenkindes. „Dann los“, sagte er und schlüpfte zwischen den Bäumen hindurch in den verschneiten Forst hinein. Smilla blieb an seiner Seite, Veli und Tuula gingen ebenfalls nebeneinander und folgten ihnen dicht auf den Fersen.
„Ich sehe Schatten in deinen Augen“, sagte Smilla leise.
„Sie gehören der Vergangenheit. Aber ich fühle mich durch das, was der Wind mit sich trägt, daran erinnert. Sagt, habt ihr die Zweibeiner beobachtet? Ihre Gespräche belauscht? Haben sie irgendetwas gesagt, das vielleicht mit dem Geheimnis des langen Winters zu schaffen haben könnte?“
Veli schloss zu den beiden auf und schnaubte, als ihm Schneeflocken in die Nase flogen. „Irgendwann habe ich die Frau, die uns immer die Milch gab, sagen hören, dass es gut sei, dass ihr Hof so weit weg von allem liegt und kein größeres Zweibeinerlager in der Nähe ist. Sie nennen ihre Lager Dörfer und Städte. Und sie sagten etwas vom Volk der Vögel. Ich glaube, sie fürchten sich vor diesen Vogel-Zweibeinern. Sie haben gesagt, es sei gut, dass wir da seien, denn wir seien die Kinder der Weltenkatze und könnten sie beschützen. Warum bei diesem verdammten Mäusedreck-Schnee sollten wir Zweibeiner beschützen?“
Vidar schüttelte sich Schnee aus dem Pelz. „Ich weiß es nicht. Wenn sie glauben, dass wir sie beschützen, warum jagen sie uns dann und lassen uns zurück, wenn sie ihrer Wege ziehen?“
Smilla schnurrte, es klang beinahe bedauernd. „Ist dir das geschehen? Bist du darum ein Wanderer geworden?“
Vidar blieb stehen, schnupperte und zuckte mit den Ohren, kratzte sich unter dem Kinn. „Ich wurde wild geboren, zog als Wilder umher, und ich wurde eine Weile sesshaft. Und wurde alleingelassen.“ Beiläufig wischte seine Schwanzspitze durch den Schnee. Es schmerzte ihn, aber er wollte es den anderen nicht zeigen. „Ich kann wild leben. Also tue ich es. Der Geruch nach Rauch wird stärker in dieser Richtung. Wären die Bäume nicht, könnten wir ihn vielleicht sogar sehen. Kommt, weiter.“
Er duckte sich unter einem Gebüsch hindurch. Mit den anderen dicht auf den Fersen folgte er einem schneebedeckten Wildpfad, der schließlich auf einen breiteren Weg mündete. Veli huschte an ihm vorbei und blieb so unvermittelt stehen, dass Vidar fast in ihn hineingelaufen wäre.
„Was machst du denn da?“
„Zweibeiner. Könnt ihr sie nicht riechen? Auf diesem Pfad sind Zweibeiner gegangen und es ist noch gar nicht so lange her. Seht …“ Er sprang auf den Weg und begann zu scharren. Unter dem Schnee kamen tiefe Furchen hervor, die sich den Tag über längere Zeit wieder mit frischem Schnee gefüllt hatten. Vidar wusste, was solche Furchenspuren hinterließ, und die anderen offensichtlich auch.
„Sie sind mit ihren Karren hier entlanggegangen. Ich sehe die Furchen, und da sind auch Überreste von Zweibeinerpfoten. Es stinkt überall nach ihnen. Sie riechen anders als die Zweibeiner, bei denen wir waren.“
Vidar folgte Veli auf den Pfad und schnüffelte und grub ebenfalls. Tuula und Smilla umstrichen sie und sicherten die Umgebung, auch sie witterten, ihre Ohren bewegten sich in alle Richtungen, während sie aufmerksam lauschten. Wind strich über Vidar hinweg, fuhr ihm ins Fell. Aber da war nicht nur das Rauschen des Windes.
„Folgen wir dem Pfad?“ raunte Smilla.
Vidar winkte zur Antwort mit der Schwanzspitze und schlich weiter. Instinktiv machte er sich flach, berührte mit dem Bauch fast den Boden und lauschte in alle Richtungen. Die Haut unter seinem dichten Pelz kribbelte, er konnte nicht verhindern, dass sein Fell über dem Rücken rollte und sich sträubte. Der Rauchgeruch wurde stärker, je weiter sie dem Pfad folgten.
„Da vorn ist eine Lichtung“, zischte Tuula. „Ich werde vorausgehen und sehen, was dort ist.“
„Sei vorsichtig“, wisperte Smilla. Sie glitt wie Vidar dicht über den Boden, ihre Schnurrhaare waren breitgefächert nach vorn gerichtet und zitterten, während Smilla den Wind prüfte. „Meine Schatten“, raunte sie. „Ich kann sie riechen, sie … waren dort! Vielleicht sind sie noch da …“ Dicht drückte sie sich an Vidar. Er fühlte die bebenden Muskeln unter ihrem seidigen Fell. Sie war bis zum Zerreißen angespannt. Ebenso wie er selbst. Mit den Blicken folgte er Tuulas zierlicher Gestalt, wie ein grauer Blitz huschte sie den Pfad entlang, verschwand zwischen Bäumen, musste jetzt auf der Lichtung sein.
Tuula schrie.
Sofort hetzte Veli an Vidar vorbei, rannte, folgte den Spuren der Grauen.
„Mäusedung“, zischte Vidar. „Smilla, komm“!“
Sie flitzten hinter Veli und Tuula her, schlitterten auf Eis und matschigem Schnee unter Büschen und zwischen Bäumen hindurch. Vidar roch und fühlte etwas Feuchtes, Klebriges, vielleicht ehemals Pudriges unter seinen Füßen, das scharf und verbrannt stank. Keuchend erreichten sie die Lichtung. Tuula hockte zusammengekauert da und starrte etwas an, das einmal ein von Zweibeinern gemachtes Standbild gewesen sein musste. Jetzt lag es in versengten Trümmern auf dem verschneiten Boden, umrundet von verkohlten Bäumen und verbrannten Dingen, die so verkohlt waren, dass Vidar nicht mehr riechen konnte, was sie einmal gewesen sein konnten. Über allem Brandgestank wehte das Echo von Zweibeinergeruch im Wind.
Tuula zitterte. Ihre Augen blickten starr auf das, was vermutlich einmal der Kopf des Standbildes gewesen war. Vidar kam näher, Smilla dicht hinter sich. Sie drückte ihre Nase in Tuulas Nacken und schnurrte beruhigend.
„Wer kann so etwas getan haben?“ stieß Tuula hervor, während sie immer noch den abgeschlagenen, angesengten Kopf anstarrte.
Vidar starrte das Ding ebenfalls an, ungläubig und entsetzt zugleich. Das zerstörte Standbild musste einst einem seines Volkes geähnelt haben. Es war eine Katze, aus dem Holz eines Baumes gearbeitet, die Augen aus grünen, die Nase aus einem rosigen Stein gefertigt. Einer der grünen Steine und die Hälfte des Rosigen waren noch da, das andere Auge der Figur war eine leere Höhle. Ich danke der Weltenkatze, dass Holz nicht bluten kann …
„Sie ist aus Holz, Tuula. Das ist keine wirkliche Katze. Beruhige dich.“ Smilla redete sanft auf Tuula ein, leckte ihr die Ohren und schnurrte erneut.
Langsam löste die Kämpferin sich aus ihrer Starre. „Ich … ich weiß …“ Sie richtete sich aus ihrer kauernden Haltung auf, blinzelte Smilla zu und begann, hektisch ihre Flanke zu putzen. Ihre Blicke folgten Veli, der mit raschen Schritten die Lichtung umrundete und dann zu ihnen stieß.
„Was immer hier passiert ist, muss schon eine Weile her sein“, sagte der Rote und nieste. „Warum stellen die Zweibeiner Bilder von uns auf? Und warum kommen andere Zweibeiner und zerstören sie?“
„Das würdet ihr sicher zu gern wissen, Fellträger!“
Vidar machte einen Satz, als die fremde, schnarrend-krächzende Stimme über den Platz schallte. Smilla wirbelte herum, stellte sich schützend vor Tuula und fauchte, während Veli sich mit in alle Himmelsrichtungen abstehenden Pelz im Kreis drehte, fauchte und spuckte.
„Wo bist du? Zeig dich!“
„Ich bin hier, Fellträger. Mach nicht so einen Wind!“
Die Stimme erklang aus der Höhe hinter ihm. Vidar wandte sich um, blickte nach oben und sah in einem der verkohlten Bäume einen Vogel sitzen, groß und dunkel gefiedert, der strenge Kopf mit dem katzenkrallenhaft gebogenen Schnabel weiß wie der Schnee. Gelbe Klauenfüße umschlossen den Ast, von dem schwarze Kohlebrösel auf den Boden rieselten.
Ein Adler.
Vidar starrte ihn mit halboffenem Maul an, bis Smilla ihn in die Seite stieß und leise fauchte. Raubvögel waren nicht gerade Freunde des Katzenvolkes. Was tat einer von ihnen hier auf einer Lichtung, wo Zweibeiner ganz offensichtlich eine Katzenfigur aufgestellt und andere sie verbrannt und zerschlagen hatten?
„Gebt Acht“, zischte Veli, „er muss zu denen gehören, die hier gewütet haben!“ Sein Fell war noch immer eindrucksvoll gesträubt.
Der Adler schien davon vollkommen unbeeindruckt. „Mach dich wieder klein, Roter. Wenn ich euch etwas hätte tun wollen, dann hätte ich einem von euch schon längst die Augen ausgekratzt. Wollt ihr nun wissen, was das hier für ein Ort war, oder nicht?“
Wie auf ein Zeichen hin drängten die Katzen um Tuula zusammen. Vidar kniff zustimmend die Augen zusammen. „Ja, das wollen wir“, sagte er, als der Adler nach seinem Geschmack zu lange schwieg. Anscheinend war der Federhaufen nicht in der Lage, die feine Körpersprache der Katzen zu lesen. Vidar schnaubte innerlich. Vögel.
Der Adler trat auf seinem Ast von einem Fuß auf den anderen, suchte sicheren Halt und blickte aus seinen leuchtend gelben Augen zu Vidar herunter. „Ihr habt euch ziemlich erschreckt, als ihr das kaputte Ding da gesehen habt“, schnarrte er fast amüsiert, wurde aber gleich wieder ernst. „Ihr wisst nicht viel über Zweibeiner.“
„Was sollte es über Zweibeiner Wichtiges zu wissen geben? Ja, wir leben gern in der Nähe ihrer Häuser, und wir lassen uns von ihnen füttern, aber das ist auch alles.“
Der Adler schüttelte sein Gefieder. „Mein Volk und ich haben wie ihr lange geglaubt, dass uns mit diesen federlosen, schnabellosen Wesen nichts verbindet. Bis ich das erste Mal einen Kreis wie diesen gefunden habe. Ein Adler stand darin, und um ihn herum … Geschenke. Fleisch, Früchte, Blut. Ich sah Zweibeiner kommen, die sich vor dem Adler verbeugten und ihre Gaben bei ihm ließen. Er rührte sie nicht an – ich brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass er aus Holz war, so wie diese Katze hier auch.“
Бесплатный фрагмент закончился.
