Читать книгу: «NachtTaxi»

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Informationen zum Buch
Die Kundschaft eines Taxifahrers kommt aus allen Bevölkerungsschichten. Vom Promi bis zum Sozialhilfeempfänger, vom Manager bis zum Studenten: Alle lassen sich gelegentlich chauffieren. Der Taxifahrer erlebt dabei eine Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen unserer Gesellschaft. Einer Fahrt, bei der er aus dem Lachen nicht mehr herauskommt, kann eine Auseinandersetzung mit einem aggressiven Alkoholiker folgen, der nicht bezahlen will. Unzählige amüsante, verrückte, aufregende und manchmal auch gefährliche Erlebnisse geistern meistens nur in den Erinnerungen der Taxifahrer herum. Thorsten Amrhein hat seine Erlebnisse hinter dem Lenkrad in und um Hannover auf geschrieben. So können sich nun auch nicht Eingeweihte die Welt der Taxifahrer erschließen.
Informationen zum Autor
Thorsten Amrhein, Jahrgang 1968, ist diplomierter Bauingenieur und studierte außerdem Philosophie und Geschichte. Er ist aufgewachsen in Barsinghausen am Deister und lebt heute mit Ehefrau und Sohn in Hannover. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Taxifahrer. Das ermöglicht ihm, in den langen Wartezeiten seine philosophischen Studien fortzusetzen und schriftstellerisch tätig zu sein.
Thorsten Amrhein
NachtTaxi
Die erstaunlichen Erlebnisse eines hannoverschen Taxifahrers

Impressum
©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
info@zuklampen.de · www.zuklampen.de
Titelgestaltung: Matthias Vogel (paramikron), Hannover
Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart
ISBN 978-3-86674-104-1
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.
Inhaltsübersicht
| VORWORT |
| VORGLÜHEN |
| AM STEUER I |
| Kein Weihnachtstyp |
| Natascha – Die Versuchung |
| Meine Weggefährten |
| Filmreife Szene |
| Auf der Flucht |
| Im Wahn |
| Lost in Hildesheim |
| Schweigegeld |
| Weibliche Schnapsleiche |
| Rabiate Sanitäter |
| Der gesellige Abend mit den Eltern |
| Doppelt hält besser |
| Das Todesurteil |
| Traurige Überraschung |
| Angstschweiß |
| IN DER WARTESCHLEIFE |
| Gewusst wie |
| Die Straßenblockade |
| Der Zigarettendreher |
| Party im Auto |
| Die Prügelattacke |
| Leichter Schaden |
| Live-Übertragung |
| Dumm gelaufen |
| Die Polizei hat immer Recht |
| Geldregen |
| AM STEUER II |
| Trübe Aussichten |
| Wo ist mein Auto? |
| Ungewöhnliche Dienstleistung |
| Der desillusionierte Ehemann |
| Kopfgeldjäger |
| Schmarotzer |
| Der Schlüsselreiz |
| Der Abschlepper |
| Wählerische Italiener |
| Der etwas andere Bringdienst |
| Ein unmoralisches Angebot |
| Es geschehen noch Wunder |
| AUS DEM INNENRAUM |
| Frauengespräche |
| Die Zeiten ändern sich |
| Kalt erwischt |
| Devote Kissen |
| Auf dem Weg zum One-Night-Stand |
| Kleiner Lauschangriff |
| AUF DEM PRÜFSTAND |
| Pleiten, Pech und Pannen |
| Schlammschlacht |
| Alptraum-Kunden |
| Die Superzicke |
| Zuviel ist zuviel |
| Airbagfehler |
| Die lieben Kollegen |
| AUS DEM GEHEIMFACH |
| Taxi fahren – ein Strategiespiel |
| Rampensäue und Funkfanatiker |
| Der optimale Arbeitgeber |
| Das Umfeld des Taxifahrers |
| Eine Gaunerstudie |
| Echte Profis |
| Die Grundausrüstung eines Taxifahrers |
| Taxifahrer sind auch nur Menschen |
| Die Geburtstagsüberraschung |
| Auf dem Index |
| FAQ – Frequently Asked Questions |
Für Dennis
VORWORT
Taxikunden kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Vom Promi bis zum Sozialhilfeempfänger, vom Manager bis zum Studenten: Alle lassen sich gelegentlich chauffieren. Der Taxifahrer erlebt eine Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen unserer Gesellschaft. Auf eine Fahrt, bei der er aus dem Lachen nicht herauskommt, folgt mitunter eine, bei der ein aggressiver Alkoholiker nicht bezahlen will. Unzählige amüsante, verrückte, aufregende und manchmal auch gefährliche Erlebnisse geistern meistens nur in den Erinnerungen der Taxifahrer herum.
Mit diesem Buch können sich nun auch nicht Eingeweihte die Welt der Taxifahrer erschließen. Wer schon einmal in Hannover mit dem Taxi unterwegs war, erkennt sich womöglich auf den folgenden Seiten wieder.
VORGLÜHEN
»Das Wetter ist heute mal wieder scheußlich …«, sagt der Taxifahrer, um das Schweigen im Wagen zu brechen.
»Sagen Sie mal, wollen Sie mir jetzt ein Gespräch aufzwingen?«, reagiert der Fahrgast gereizt.
Am Ende der stummen Fahrt wünscht der Fahrer seinem Kunden wenigstens noch einen schönen Abend.
»Einen schönen Abend?!«, wiederholt der Fahrgast beim Aussteigen pikiert, »Seien Sie doch nicht so kleinherzig: Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!«
Manche Gäste halten Taxi und Fahrer mehr oder weniger für ihr Eigentum; sie bezahlen ja schließlich dafür. Einige wollen nur gern mal den nächsten Gang einlegen, andere greifen dagegen gleich ins Lenkrad. Häufiger wird allerdings das Radio voll aufgedreht, laut mitgesungen, Hände und manchmal der ganze Oberkörper werden johlend aus dem Fenster gestreckt und der Wagen zum Tanzen gebracht.
Ist er Nichtraucher, hat es der Chauffeur auch nicht leicht: Viele Gäste steigen einfach ohne zu fragen mit Glimmstängel im Mund ein. Andere haben da schon bessere Umgangsformen. Sie fragen zunächst: »Sind Sie Passivraucher?« und während der verdutzte Fahrer noch über eine Antwort nachsinnt, setzen sie fort: »Ja? Na dann ist es ja nicht so schlimm …« und stecken sich erst dann eine Zigarette an. Bittet man sie höflich, doch wenigstens das Fenster etwas zu öffnen, bekommt man zu hören: »Ich will rauchen, nicht erfrieren!«
Der Taxifahrer besorgt schon einmal einem Kunden, der sein Haus anscheinend nur noch horizontal verlassen möchte, ein nettes Freudenmädchen vom Straßenstrich. Es gibt sicherlich Angenehmeres für den Taxifahrer als die Blicke, die ihn von Passanten und anderen Verkehrsteilnehmern treffen, wenn er ohne Fahrgast die Prostituierten anspricht. Der Fahrer wird auch nicht so schnell fündig. Die Damen sind vorsichtig und gehen ungern in eine Privatwohnung mit, zumal sie den Freier noch nicht einmal in Augenschein nehmen können. Wenn dann der unter Dampf stehende Kunde über die ahnungslose Funkerin nachfragen lässt, was denn bei der Besorgungsfahrt so lange dauern würde, kommt der Chauffeur doch leicht ins Stottern.
Ein Taxifahrer holt auch für kranke Menschen Medikamente aus der Apotheke. Selbstverständlich lässt er sich bei der Bezahlung nichts anmerken, wenn er zur Begrüßung erst einmal kräftig angehustet und dann auch noch in die mit Viren verseuchte Wohnung hereingebeten wird. Sein Immunsystem ist ja auch schon durch etliche krankenhausreife Herrschaften abgehärtet, die regelmäßig seine Dienste in Anspruch nehmen.
Manche Fahrgäste leiden unter Logorrhö – eine ganz besondere Art von Durchfall. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Die ganze Fahrt über steht ihr Mund nicht still; in Schwindel erregendem Tempo erzählen sie und springen dabei von Thema zu Thema. Man hat keine Gelegenheit, den Sprachfluss zu unterbrechen. Erst nach Ende der Fahrt kehrt wieder Ruhe ein, die dann allerdings geradezu gespenstisch wirkt.
Andere Leute drücken dem Fahrer eine Einkaufsliste in die Hand und lassen ihn ohne die geringste Scham ihren Monatseinkauf erledigen. Noch dicker kommt es für den Fahrer, wenn sein Kombi mit einem Umzugswagen verwechselt wird. Nachdem der Fahrer nach vielen misslungenen Versuchen schließlich doch noch seine Packkünste unter Beweis gestellt hat, indem er auch noch den letzten freien Kubikzentimeter mit Utensilien bestücken konnte, geht die Fahrt natürlich nur in die Nachbarstraße. Das bedeutet immerhin drei Euro Umsatz plus zwei Euro Trinkgeld für eine Stunde Mühe.
Der Taxifahrer überbrückt andere Wagen, deren Batterie den Geist aufgegeben hat, er fährt den Privatwagen eines nicht mehr Verkehrstüchtigen nach Hause oder legt Geld aus, um beispielsweise eine Essensbestellung aus einem Restaurant abzuholen. Von Alkohol bis Kondome lassen sich die Leute alles liefern. Hat der Fahrer jedoch Pech und der Kunde lässt sich nicht ausfindig machen, bleibt er auf seinen Ausgaben sitzen und kann zusehen, was er mit den erworbenen Produkten macht.
Ein Taxifahrer befördert Hunde und andere Tiere und kann froh sein, wenn sie seinen Wagen nicht verunreinigen. Die Entschuldigung »Er ist sonst völlig stubenrein, aber das Autofahren ist er nicht gewöhnt« ändert auch nichts an der Schweinerei.
Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Pitbull mit einem riesigen Satz ins Taxi gesprungen ist und erst mit der Schnauze am Hals des Fahrers innehielt. »Der ist ganz harmlos«, hätte der Hundehalter besser mitgeteilt, bevor der (Beinahe-)Herzstillstand des Fahrers eingetreten war.
Zu den unverzichtbaren körperlichen Voraussetzungen für diesen Beruf gehört neben unverwüstlichen Bandscheiben, Kniegelenken und fehlender Neigung zu einer Dekubitusbildung selbstredend eine Elefantenblase. Wenn der Harndrang ins Unermessliche steigt und der Fahrer im Unterleib schon Auswölbungen bemerkt, kommt über eine vor ihm liegende Kopfsteinpflasterstraße ebenso Freude auf wie über eine heruntergelassene Bahnschranke, an der er schon den mit Sicherheit nicht enden wollenden Güterzug heranschleichen sieht.
Sucht der Berufskraftfahrer nun ein stilles Örtchen und kommt dabei an einem freien Taxistand vorbei, kann er trotz der »drängenden« Probleme nicht anders, als sich sofort dorthin zu stellen. »Na ja, eine Fahrt halte ich es noch aus. Als erstes Taxi kommt man hier ja schnell weg«, denkt er sich. Wenn er aber nach einer Stunde noch immer am selben Platz steht, kommt es zu dem Moment, den der Chauffeur sich nie hätte träumen lassen: Er wünscht sich eine Kurzfahrt oder zumindest, dass seine leere Getränkeflasche einen breiteren Hals hätte.
Ist die Blase des Fahrers schließlich kurz vor dem Platzen, verlässt er seinen Halteplatz trotzdem nicht. Denn dann hätte er sich ja umsonst gequält und die Chance auf einen Kunden vertan. Nein: Der Taxifahrer eilt zum nächstgelegenen Baum und verschafft sich dort Erleichterung. Eine Wagentür lässt er weit offen, um von fern das Piepen eines Auftrageingangs hören zu können. Das Piepen, auf das er eine Stunde lang vergeblich gewartet hat, ertönt natürlich just in dem Moment, da der Abwasserstrahl seine Maximalkraft erreicht hat. Da dem Taxifahrer nur zwanzig Sekunden bleiben, bis er den Aufragseingang bestätigt haben muss – andernfalls bekommt ein anderes Taxi die Fahrt – ist er gezwungen, die Notbremse zu ziehen. Mit halbvoller Blase, halboffenem Hosenschlitz und halbnasser Hose hechtet er in sein Taxi und erreicht die Funktaste – wenn er Glück hat, gerade noch rechtzeitig.
An anderen, leider nicht so oft vorkommenden Tagen, ist so viel zu tun, dass der Taxifahrer während der gesamten Zwölf-Stunden-Schicht einfach keine Zeit hat, zur Toilette zu gehen. Dies ist aber zum Glück nicht weiter schlimm. Da er nämlich auch keine Zeit hat, etwas zu trinken, muss er auch gar nicht dorthin.
Nach manchen Gästen möchte der Taxifahrer am liebsten das Auto desinfizieren. Sie haben entweder eine Seifen- oder Wasserallergie oder sind schon so pflegebedürftig, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Kleidung zu wechseln geschweige denn sich zu waschen. Die in Urin getränkten Hosen sorgen nicht nur für Flecken auf dem Polster, sondern auch infolge des von ihnen ausgehenden Duftes für aufkommende Übelkeit beim Fahrer.
Bei hochgradig alkoholisierten Personen – die häufigsten Kunden eines Nachtfahrers – besteht immer die Gefahr, dass sich ihre Übelkeit durch das Geschaukel im Wagen bis zum Erbrechen steigert. Einem an Hepatitis A leidenden Kind, das sich in der Göbelstraße im Fond des Taxis seines Mageninhaltes entledigt, kann der Fahrer natürlich allein schon wegen des optimal passenden Straßennamens keinen Vorwurf machen. Es macht die Sache aber auch nicht angenehmer. Ärgerlicher als der anschließende Verdienstausfall und ekeliger als das Reinigen des Autos ist der noch tagelang anhaltende Gestank, der sich gegen alle Duftwässerchen durchzusetzen versteht.
Wenn die beduselten Gäste das rettende Taxi gerade eben noch erreichen konnten, ohne sich längs auf die Straße zu legen, sinken viele unmittelbar nach Angabe der Himmelsrichtung, in die sie möchten, in einen komaähnlichen Schlaf, dem sie oft nur mit massiver körperlicher Gewaltanwendung entrissen werden können. Manche erwachen auch plötzlich ohne ersichtlichen Grund, starren den Taxifahrer verwirrt an und fragen misstrauisch: »Wer sind Sie eigentlich? Wohin fahren wir denn?«
Der Taxifahrer muss auch ein Experte im Entschlüsseln unartikulierter Laute sein, die von einer im Mundraum unkontrolliert herumtanzenden Zunge einer Schnapsleiche hervorgebracht werden. Auch Ausländer können mit ihrer Interpretation der richtigen Phonetik einem Taxifahrer Rätsel aufgeben. Unschlagbar ist jedoch der richtige Dialekt kombiniert mit einem Sprachfehler: »Ich möchte nach Zsaaaalze«, lispelte einmal ein Dresdner in breitem Sächsisch. Um herauszubekommen, dass der Gast nach Seelze wollte, brauchte der Fahrer schon beinah hellseherische Fähigkeiten.
Eine Engelsgeduld muss der geborene Taxifahrer gleich in mehrfacher Hinsicht mitbringen: Da sind einmal die Kunden, die ein Taxi bestellen, aber meinen, man könne den Chauffeur ruhig eine halbe Stunde zur besten Zeit warten lassen. »In zwei Minuten kommen wir raus«, heißt bei ihnen auf Deutsch: »In zwanzig Minuten …«
An anderen Tagen wartet der Taxifahrer stundenlang am Halteplatz, ohne auch nur einen Cent zu verdienen. Sieht er endlich einen Fahrgast sich dem Halteplatz nähern und dieser steigt dann in das unmittelbar hinter ihm stehende, soeben eingetroffene Taxi, beißt schon so mancher Fahrer ins Lenkrad oder schlägt zumindest mit den Fäusten wild darauf ein. Mehr kann er allerdings auch nicht machen, der Kunde hat nun mal die freie Wahl.
Einen erfahrenen Taxifahrer zeichnet unter anderem das Gemüt eines Beamten kurz vor der Pensionierung aus. Er darf sich nicht über andere Verkehrsteilnehmer aufregen und sich keinesfalls von diesen provozieren lassen, auch dann nicht, wenn er wüst beschimpft wird. Oft steht der Kutscher unter Zeitdruck. Hat er etwa einem Stammkunden, der zum Flughafen möchte, eine feste Terminzusage gegeben und gerät nun auf dem Weg zu ihm in einen Stau, steigen Blutdruck und Puls schon mal in ungesunde Höhen. Fährt er anschließend wie Michael Schumacher, damit der auf heißen Kohlen sitzende Gast seinen Flieger noch erreicht, wundert dies nur die nicht Eingeweihten.
Ein Taxifahrer zeichnet sich auch durch seine unbedingte Diskretion aus. Er tut so, als würde er nicht bemerken, wenn ein Pärchen, das nicht mehr bis zu Hause warten kann, auf seiner Rückbank von der Leidenschaft überwältigt wird – obwohl das Geschmatze und Gestöhne selbst ein taubstummer Zyklop wahrnehmen könnte.
Gelegentlich kommt ein männliches Exemplar dank Geldmangels auf die grandiose Idee, seine Partnerin zu verkaufen: »Wenn dir meine Freundin ihre Möpse zeigt, fährst du uns dann umsonst?«, ist da noch die harmlose Variante. Es gibt allerdings auch Frauen, die von sich aus noch deutlich weitergehende Offerten unterbreiten.
Der Taxifahrer ist auch beliebtes Ziel von Bettelattacken. Regelmäßig klappern Bettler die Taxireihen an den Standplätzen ab, wohl wissend, dass die Fahrer nicht einfach das Weite suchen können wie normale Passanten. Da hilft nur eins: Fenster zu, Radio aufdrehen und scheinbar völlig geistesabwesend in ein Schriftstück starren. Das ist selbst bei 35 Grad Außentemperatur immer noch das kleinere Übel.
Ab und zu versuchen einige Leute sogar, schnell ihr Diebesgut – Fahrräder, Handys, Uhren, Ferngläser, Hemden, Parfüms – für einen unschlagbaren Preis bei den Fahrern loszuwerden.
Der Taxifahrer kann nicht verhindern, im Laufe seines Berufslebens in die eine oder andere brenzlige Verkehrssituation zu kommen. Ein Reifenplatzer bei 170 Stundenkilometer auf der Autobahn – der anschließende Reifenwechsel im Dunkeln bei strömendem Regen auf der Standspur ist da nur noch das Sahnehäubchen – löst ähnliches Entsetzen aus, wie ein nächtlicher Geisterfahrer. Nachdem der Falschfahrer wie auf einer Landstraße vorbeigezogen ist, fragt sich der Chauffeur, ob dies gerade wirklich geschehen ist oder ob er nur geträumt hat. Es kommt ihm tatsächlich so vor, als hätte er ein Gespenst gesehen.
In eine weniger gefährliche aber dafür noch hoffnungsloser erscheinende Lage kann sich der Taxifahrer auch ohne fremde Hilfe manövrieren. Gelegentlich wird er mitten in ein Gehölz zu irgendeinem Waldgasthaus beordert. Sind die Wege nicht befestigt und ist der Boden durch Regenfälle aufgeweicht, kann er im Morast stecken bleiben. Da ist guter Rat teuer. Zunächst versucht sich der Fahrer ohne fremde Hilfe aus der misslichen Lage zu befreien, reitet sich jedoch immer tiefer in den Sumpf.
Die »Zechpreller« sind eine beim Taxifahrer sehr beliebte Spezies. Bei vielen hat der Fahrer nach etlichen schlechten Erfahrungen schon während der Fahrt ein ungutes Gefühl. Die Phantasie derjenigen, die sich vorsätzlich die Dienstleistung des Chauffeurs erschleichen wollen, kennt jedoch leider kaum Grenzen.
Last, but not least lebt der Chauffeur in ständiger Gefahr, ausgeraubt und dabei verletzt oder gar getötet zu werden. Daher ist für einen Taxifahrer eine gute Menschenkenntnis, die er sich in jahrelanger Tätigkeit oft schmerzhaft erworben hat, von größter Bedeutung.
Trotz allem – das wird nach dem bisher Gesagten erstaunen – ist der Beruf des Taxifahrers für viele, den Autor eingeschlossen, auch ein Traumjob. Nicht zufällig finden sich auf den folgenden Seiten erheblich mehr erheiternde als unerfreuliche Erlebnisse.
AM STEUER I
Wer den Beruf nach der Häufigkeit der möglichen amourösen Abenteuer aussuchen sollte, muss einfach Taxifahrer werden: Im Taxi ist es sehr leicht, jemanden kennen zu lernen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Schwellenangst wegfällt, jemanden anzusprechen. Die intime Atmosphäre tut ihr Übriges. Kein Fremder kann etwas mitbekommen. Bei durchschnittlich zehn bis zwanzig Kunden pro Schicht bietet sich im Laufe der Zeit zwangsläufig die eine oder andere Gelegenheit. Der Taxifahrer kann außerdem anonym bleiben und sich ziemlich sicher sein, dass die Dame nicht das Geringste über seine Lebensverhältnisse herausbekommt.
»Ich suche einen Club, wo man Männer kaufen kann.«
»Tut mir leid. So einen Club gibt es in Hannover nicht – höchstens für Schwule.«
»Ja dann … Oder könnten Sie da nicht vielleicht … Sie stehen da nicht eventuell zur Verfügung?«
Manche Damen lassen sich vom Taxifahrer eine Flasche Wein zu nächtlicher Stunde besorgen und denken, zur Lieferung gehört der Fahrer dazu. Meist sind diese Damen mittleren Alters, ab vierzig aufwärts, trinken sich Mut an und fallen dem Chauffeur einfach um den Hals. So direkt kommen allerdings nur die wenigsten zur Sache.
Ist der Chauffeur in festen Händen, hat er gelegentlich harte Kämpfe mit seinem Gewissen auszufechten. Bei all den unmoralischen Angeboten der Damenwelt ist es nicht leicht, standhaft zu bleiben und der Versuchung zu widerstehen, zumal die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, minimal ist.
Kein Weihnachtstyp
»Sind Sie ein Weihnachtstyp?«, fragt mich meine Beifahrerin. Es ist die Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag.
»Wie meinen Sie das?«, frage ich irritiert zurück.
»Na, finden Sie die ›besinnliche‹ – man hört die Anführungszeichen deutlich in ihrer Stimme – Weihnachtszeit schön?«
»Ach so. Wenn Sie mich so fragen, kann ich mit einem klaren Nein antworten. Ich hasse Weihnachten zwar nicht, aber es ist mir doch ziemlich egal.«
»Ja?«, sie wirkt gleich viel wacher, »endlich mal jemand, der das so sieht wie ich.«
Ich nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie die Frau anfängt mich zu mustern.
»Ich habe auch nichts weihnachtlich geschmückt«, sage ich, um keinen Zweifel an meiner Einstellung aufkommen zu lassen, »es gibt nichts Schlimmeres als diese bunten blinkenden Lichterketten in den Fenstern.«
»Hast du einen Weihnachtsbaum?«, fragt meine Passagierin weiter und geht dabei unvermittelt zum Du über.
»Nein. Dieses Jahr habe ich auch keinen Baum in meiner Wohnung stehen.«
»Wirklich?«, fragt sie immer noch etwas ungläubig, »ich habe mich nämlich mit meiner Mutter gestritten, weil ich keinen Weihnachtsbaum aufstellen wollte.«
Wohl in der Meinung, einen Seelenverwandten getroffen zu haben, fixiert sie mich immer intensiver.
»Wie gesagt, für mich ist Weihnachten nichts Besonderes, es interessiert mich einfach nicht weiter. Ich tue so, als sei ein ganz normales Wochenende«, bekräftige ich noch einmal meine Meinung.
»Die Leute nehmen das einem aber einfach nicht ab; sie glauben nicht, dass man wirklich so denkt.«
»Ja, das habe ich auch schon festgestellt.«
»Das Einzige, was mir an Weihnachten gefällt, sind die freien Tage. Wie lange arbeitest du heute denn noch?«
»Noch ungefähr drei Stunden, um 6 Uhr werde ich wahrscheinlich Schluss machen.«
»Und wie viel würdest du in der Zeit noch verdienen?«
Der Konjunktiv macht mich stutzig. Ich überlege etwas länger – gleichzeitig über den Betrag und darüber, wie es wohl weitergehen wird.
»Aber übertreib’ es nicht!«, fügt sie noch an.
Nun bin ich mir sicher, worauf sie hinaus will. Ich kann ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken und sage:
»Ich hoffe, dass ich noch so hundert Euro Umsatz mache.«
»Und wenn ich dir zweihundert gebe und du machst sofort Feierabend?«
Wieder zögere ich mit der Antwort: Wie komme ich aus der Nummer noch heraus, ohne meine Beifahrerin vor den Kopf zu stoßen?
»Ganz ohne Hintergedanken, nur etwas trinken und unterhalten«, versucht sie mir die Entscheidung leichter zu machen.
»So viel Geld kann ich wirklich nicht annehmen«, sage ich – froh, diesen Rettungsanker gefunden zu haben.
»So viel Geld habe ich ja auch gar nicht, aber man kann ja mal testen.«
Sie hat also erkannt, dass ich nicht will und auch eine gute Möglichkeit gefunden ihr Gesicht zu wahren: Es ist natürlich nur ein nicht ernst gemeintes Spielchen ihrerseits gewesen.
Mit etwas angekratztem Selbstwertgefühl sagt sie beim Aussteigen mehr zu sich als zu mir: »Ich bin ja auch älter als du …«
Natascha – Die Versuchung
Zwei Frauen und ein Mann reden und lachen auf dem Weg von ihrer Haustür zu meinem Taxi ausgelassen und steigen bestgelaunt in meinen Wagen.
»Oh, ein schöner Mann!«, sagt eine der Damen mit osteuropäischem Akzent. Sie setzt sich direkt hinter mich, rückt näher heran und beäugt mich schräg von hinten. Wir fahren los. Sie kommt sofort zur Sache. »Willst du mit mir Sex haben?«, haucht sie mir mit sanfter erotischer Stimme ins Ohr. Ich grinse nur und versuche meine peinliche Berührtheit zu überspielen, indem ich konzentriert auf die Fahrbahn blicke. Sie ist ein dunkler Typ mit langen schwarzen Haaren. Ihr Alter schätze ich auf Ende dreißig. Sie hat ein bisschen Speck um die Hüften angesetzt und ein hübsches Gesicht. »Warum lachen die Männer immer, wenn ich das frage? Keiner nimmt mich ernst«, fährt sie fort.
Die anderen beiden Fahrgäste amüsieren sich köstlich, bleiben jedoch die ganze Fahrt über weitgehend unbeteiligte Zuhörer. Auf einmal spüre ich einen Finger, der zärtlich an meinem Nacken entlang streicht – ein angenehmes Gefühl. Kurz darauf fahre ich eine Links-Rechts-Kombination, die sie leise stöhnend kommentiert mit: »Jaaaa! Nach links und dann wieder nach rechts, so ist es gut. Jaaaa!« Mein Grinsen wird immer breiter, aber noch habe ich nichts zu ihren Annäherungsversuchen gesagt. Es ist wahrscheinlich ein Spaß, den sie mit jedem zweiten Taxifahrer macht. Nur das Leuchten in ihren Augen, das ich bei gelegentlichen Seitenblicken erhascht habe, scheint auf ein echtes Interesse ihrerseits hinzudeuten. Als sie meinen Ehering sieht, sagt sie enttäuscht: »Oh, er ist verheiratet.« Das hindert sie jedoch in keiner Weise, bis zum Zielort mit ihrem Späßchen fortzufahren. »Sag mal ehrlich: Würdest du mit mir schlafen?«, wiederholt sie ihre erste Frage. »Ja«, antworte ich zu meiner eigenen Überraschung – aber so leise, dass ich hoffe, niemand hat es mitbekommen.
»Oh, habt ihr das gehört? Er hat Ja gesagt!«, triumphiert sie. Kurz darauf sind wir am Ziel. Mein Beifahrer bezahlt und steigt mit der hinter ihm sitzenden Frau aus. Meine Verehrerin bleibt jedoch im Wagen sitzen und blickt mir tief in die Augen. »Komm doch mit in die Disko. Parke hier einfach und habe ein bisschen Spaß mit uns!«
»Ich muss leider noch arbeiten und im Moment ist sehr viel Geld zu verdienen. Es ist eben Samstagnacht, wo das Geschäft so richtig brummt«, versuche ich meine Standardausrede anzubringen.
»Wie lange fährst du denn heute noch?«, erkundigt sie sich umgehend.
»Bis 7 Uhr«, übertreibe ich extra.
»Okay. Dann gib mir wenigstens deine Nummer. So in drei Stunden rufe ich dich an, dann kannst du mich wieder nach Hause fahren.« Als ich zögere, fügt sie noch an: »Dann können wir bei mir noch einen Kaffee trinken. Ich bezahle natürlich die Fahrt. Wie heißt du denn überhaupt? Ich bin Natascha.«
Mit meinem Namen und meiner Handynummer verlässt sie das Taxi. Werde ich in ein paar Stunden ohne jeglichen Aufwand wirklich die Gelegenheit zu einem One-Night-Stand bekommen? Und wenn, sollte ich sie wahrnehmen? Warum habe ich ihr sonst die richtige Nummer gegeben? Welcher Mann würde bei so einem Angebot von einer attraktiven Frau wohl Nein sagen? Sollte ich der einzige Dummkopf sein? In Anbetracht des sich anbahnenden sexuellen Abenteuers steigert sich meine Erregung immer weiter, je näher der erwartete Anruf kommt.
Gegen 4 Uhr klingelt tatsächlich mein Handy und Natascha bestellt mich zu der Disko, an der ich sie abgeliefert habe. Als ich ankomme, verabschiedet sie sich gerade von ihren beiden Freunden. Als sie mich bemerkt, beeilt sie sich einzusteigen. Wir sitzen nun allein im Taxi und ihre Lockerheit von der Hinfahrt ist verschwunden. Wir führen die Fahrt über einen belanglosen Smalltalk, unterbrochen von Phasen peinlicher Stille. Es kommt mir vor, als habe sie Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen. »Es waren nur ganz junge Leute in der Disko«, greift sie das zum Erliegen gekommene Gespräch wieder auf, »die hätten alle meine Kinder sein können! Kennst du nicht eine gute Möglichkeit zum Tanzen für etwas reifere Leute?« Nach einigem Nachdenken nenne ich ihr zwei Locations. »Wie oft gehst du abends weg?«, erkundigt sie sich umgehend. Als ich nicht gleich antworte, mutmaßt sie sofort: »Wahrscheinlich nur einmal im Jahr«, womit sie gar nicht so falsch liegt und mir erneut ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Wir machen noch einen kurzen Zwischenstopp an einer Tankstelle, um Zigaretten zu holen. Schließlich stehen wir vor ihrer Wohnung, sie bezahlt und nun bin ich gespannt, ob alles nur ein Spielchen war oder ob sie es ernst gemeint hat.
»Jetzt kommst du aber noch mit rein, auf einen Kaffee.«
»Eigentlich muss ich noch mindestens zwei Stunden arbeiten.«
»Ach komm schon, dann fährst du danach eben noch ein bisschen.«
»Na gut«, gebe ich mir einen Ruck.
»Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagt sie beim Betreten ihres Flures.
Wir gehen in die Küche.
»Oh, hier sieht es etwas unordentlich aus. Wir haben vorhin zu Abend gegessen.« Sie räumt den Tisch ab, ich lege meine Jacke ab und setze mich.
»Bist du nervös? Du brauchst keine Angst zu haben.«
»Nein, nein«, lüge ich schnell. Sie macht mir einen Kaffee und schaltet das Radio mit einiger Mühe ein, da es sich im obersten Fach ihres Küchenregals befindet. Sie setzt sich mir direkt gegenüber und zündet sich eine Zigarette an.
»Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne. Der Große ist 18, der Kleine sechs«, legt sie gleich alle Karten auf den Tisch. »Mein Mann ist in Kanada«, schiebt sie leicht vorwurfsvoll nach.
»Was macht er denn beruflich?«, frage ich.
»Er ist selbstständig und muss sehr viel reisen.«
Dann gibt sie mir zu verstehen, dass sie eigentlich einen wunderbaren Mann hat und alles in Ordnung ist, bis auf die Tatsache, dass er meist nicht zu Hause ist.
»Da wir beide verheiratet sind«, sagt sie, »gibt es keine gemeinsame Zukunft für dich und mich. Es wäre also nur eine Affäre.« So versucht sie, eventuelle Ängste meinerseits, dass sie mehr als ein Liebesabenteuer will, abzubauen. Auch bei ihrem Alter schummelt sie nicht: »Ich bin vierzig«, sagt sie frei heraus, »und wie alt bist du?«
»37«
»Ich bin Ausländerin, in Russland war ich Lehrerin. Hier in Deutschland konnte ich meinen Beruf leider nicht weiter ausüben. Ich verstehe alles sehr gut, nur mein Sprechen ist nicht perfekt.«
»Ich finde, du sprichst sehr gut deutsch.«
»Aber anscheinend nicht gut genug für eine Anstellung als Lehrerin in Deutschland. Daher bin ich nun schon lange Hausfrau. Nun erzähl mal was von dir. Wie lange bist du schon Taxifahrer?«
»Sieben Jahre.«
»So lange schon? Was hast du vorher gemacht?«
»Ich bin eigentlich Bauingenieur.«
»Oh, du bist nicht dumm«, ist sie überrascht, »ja es ist im Moment bestimmt schwierig, eine Arbeit zu finden.« Sie setzt wie selbstverständlich voraus, dass ich auch als Ingenieur arbeiten will und so breite ich ihr meine Lebensphilosophie aus. »Ich brauche nicht viel Geld, Luxus interessiert mich nicht, ich habe dafür lieber mehr Zeit, um über das Leben und die Welt nachzudenken. Taxi fahren ist für mich der ideale Job, weil ich sogar während der Arbeitszeit, nämlich in der Wartezeit zwischen zwei Fahrten, meinen Interessen nachgehen kann: Philosophie, Astronomie, Quantenmechanik, Schach. Ich bin mit meinem Leben, so wie es ist, sehr zufrieden.«
Dafür kann sie erwartungsgemäß, wie die meisten Menschen, kein Verständnis aufbringen und versucht mir sogar zu zeigen, dass ich mir etwas vormache. Ich merke immer deutlicher, dass wir so gar nicht auf der gleichen Wellenlänge liegen. Wir diskutieren noch einige Zeit weiter, bis sie wieder auf den eigentlichen Grund unseres Treffens hinarbeitet.
»Ich bin keine fünfundzwanzig mehr, aber ich fühle mich noch jung, nur mein Körper ist es nicht mehr. Das ist mein Problem. Im Herzen bin ich noch ein junges Mädchen. Wo ist die schöne Zeit geblieben?«, fragt sie wehmütig.
Anstatt ihr in irgendeiner Form Komplimente zu machen, was sie wohl erhofft hat, versuche ich sie zu trösten: »Ja, da müssen alle Menschen durch. So ist das Leben nun mal. Männer haben es da allerdings leichter mit dem Älterwerden. Bei Frauen achtet man leider nur aufs Äußere.« Sie unterbricht mich mit einer kreisenden Handbewegung: »Ja, immer weiter so, sprich dich nur aus.« Da merke ich erst, dass ich auf dem falschen Dampfer bin und kann meinen aufkommenden Lachreiz nur mit Mühe zu einem Lächeln abmildern: »Nein, nein, so habe ich das nicht gemeint.«
»Ich gefalle dir nicht«, stellt sie fest.
Sie schreibt mir unaufgefordert ihre Handy- und Festnetznummer auf. »Wir können uns ja mal zu viert treffen: Du und deine Frau und ich und mein Mann«, schlägt sie vor.
»Ja, das könnten wir mal machen«, erwidere ich zögernd. Sie bemerkt sofort mein Erstaunen und die Unschlüssigkeit in meiner Stimme. Ich kann mir auf ihren Vorschlag auch keinen Reim machen.
»Ja. Ja. Du sagst immer nur Ja! Sag doch mal was du denkst!«, fährt sie mich an. Ich bemerke immer wieder ihre unterschwellige Verachtung gegenüber den »typischen« Männern. Diese Grundeinstellung hat bei ihr vielleicht dazu geführt, Männer nur noch als reine Sexobjekte zu betrachten, da man sie wohl ihrer Meinung nach sowieso zu nichts anderem gebrauchen kann.
»Ich bin dir zu alt.« Dabei blickt sie mich durchdringend an, als wolle sie sagen, dass ich nichts vor ihr verheimlichen könne und sie längst den wahren Grund erkannt habe, warum wir immer noch nicht zusammen im Bett sind.
»Nein. Deine Augen sind noch ganz jung«, versuche ich ihr zu schmeicheln, aber ihr folgender Blick gen Himmel heißt so viel wie: »Spar dir deinen Schmäh und sei endlich ehrlich«.
Auf einmal fällt ihr das schreckliche Hintergrundgedudel auf. »Mein Gott, was ist denn das? Deutsche Schlagermusik!« Beim Versuch, eine CD in ihrem HiFi-Gerät zum Laufen zu bringen, muss sie auf ihren Stuhl steigen. Dabei stürzt sie fast herunter. Ich kann gerade noch aufspringen und sie stabilisieren – die erste gänzlich unerotische Berührung meinerseits. Sie ist nicht mehr nüchtern, aber noch klar bei Verstand. Ich bin mir nicht sicher, ob es Berechnung war oder ob sie wirklich Gleichgewichtsprobleme hatte.
»Willst du etwas Wein probieren?«, fragt sie.
»Ich rauche nicht und trinke normalerweise weder Alkohol noch Kaffee.«
»Das ist nicht normal!«, ruft sie entsetzt aus, »was magst du denn?« Ich überlege für ihren Geschmack zu lange. »Ja ich weiß schon, Lesen und so. Aber was sonst noch?«
»Ich kann mich bei Süßigkeiten und Chips nicht zurückhalten. Aber Alkohol schmeckt mir erstens nicht und zweitens werde ich nur müde, egal wie viel ich trinke.«
»Koste doch mal meinen Rotwein«, ignoriert sie meine Erklärung. »Ich möchte mich nur noch einmal richtig …« Sie beendet den Satz nicht und guckt mir nur in die Augen. Während ich, wegen des – womöglich mit Vorsatz, vielleicht aber auch nur wegen ihrer inneren Hitze – geöffneten Fensters vor mich hinzittere, nimmt sie meine Hand und streichelt zärtlich über meine Finger: »Oh, dir ist kalt. Du hast so schöne lange Finger.«
In dem langen Gespräch hat sich meine Lust fast vollständig verflüchtigt. Neben der Ablenkung meiner Gedanken spielt meine zunehmende Müdigkeit wohl die Hauptrolle. Ich denke, ich kann mich beherrschen und versuche den Rückzug vorzubereiten:
»Du bist mir wirklich sympathisch«, sage ich mittlerweile nicht mehr ganz wahrheitsgemäß.
Sofort schießt sie dazwischen: »Sympathisch, sympathisch! Mein Nachbar oder meine Putzfrau oder sonst noch tausende von Leuten sind mir auch sympathisch!« Ich bin abermals erstaunt über ihre barsche Reaktion.
»Für mehr braucht es nun doch etwas länger«, entgegne ich. Ja was erwartet sie denn? Soll ich ihr nach einer Stunde meine große Liebe gestehen? Oder ganz im Gegenteil sagen, dass ich sie nur bumsen will? Sie will wahrscheinlich wirklich nur sexuell begehrt werden, sich jung und attraktiv fühlen.
»Oh diese deutschen Männer sind so kompliziert!«, ruft sie hilflos aus. »Willst du oder willst du nicht?«
»Ich will schon«, sage ich halbherzig, »aber ich bin mir unsicher, ob ich es wirklich machen soll. Ich weiß, dass ich dieses Abenteuer nie vergessen würde. Aber ist es das wert, dafür meine Ehe aufs Spiel zu setzen?«
»Liebst du deine Frau?«
»Ja. Sie hat mir auch mehrmals klar gemacht, dass es das Schlimmste für sie wäre, wenn ich fremdginge. Bekäme sie es heraus, könne sie mir unter keinen Umständen verzeihen.«
»Ich werde dich zu nichts zwingen, nicht ins Bett zerren und dich vergewaltigen. Ich sage dir nur: Ich will dich! Ich meine nicht Sex. Das kann, muss aber nicht sein. Ich will deinen Körper spüren.«
Nach weiteren, anscheinend nicht deutlich genug gewordenen Versuchen meinerseits, mich langsam zu verabschieden, startet sie ihre Schlussoffensive.
»Jetzt ist es gleich 6 Uhr und deine Schicht ist um.«
»Ja, aber gerade deshalb müsste ich noch etwas fahren, weil ich jetzt so viel Zeit, sprich Geld, verloren habe. Mein Chef wird sich über den schwachen Umsatz sicherlich nicht freuen.«
Ohne auf meinen Einwand zu reagieren, fährt sie fort: »Was möchtest du machen? Willst du dich erst mal duschen? Du kannst dich dann hier schlafen legen, mit mir oder ohne mich, wie du willst.«
»Aber meine Frau wartet auf mich. Es tut mir leid. Es liegt wirklich nicht an dir.« Ich ziehe mir langsam die Jacke an, stehe auf und gehe zur Eingangstür. Sie folgt mir wortlos. An der bereits von mir geöffneten Tür streichele ich ihr noch tröstend den Arm. Aber sie will kein Mitleid. Sie nimmt es natürlich sehr persönlich und denkt bestimmt: »Wäre ich zehn Jahre jünger, hätte er mich garantiert nicht abgewiesen«.
Falls der eine oder andere Leser an der Telefonnummer Interesse haben sollte, so muss ich ihn leider enttäuschen: Meine Frau hat mit einem gefährlichen Blitzen in ihren Augen die betreffende Seite aus meinem Notizbuch gerissen, sie mit wütendem Schwung in die Toilette geworfen und heruntergespült.
Meine Weggefährten
Zwei Damen, die zweifellos schon vor über einem halben Jahrhundert das Licht der Welt erblickt haben, steigen in meinen Wagen ein. Sie haben keine Kosten und Mühen für die Instandhaltung ihrer vergänglichen Hülle gescheut. Ihr reichlich gefülltes Bankkonto tragen sie mit aufwendiger Frisur, Make-up und Garderobe zu Markte.
Zunächst fällt mir nur der Gegensatz zwischen ihrer imposanten äußeren Erscheinung und ihrem niedrigen sprachlichen Niveau auf. Die beiden sind eine seltsame Mischung aus feinen Gesellschaftsdamen und Kneipenwirtinnen. Als ich, durch diese Seltsamkeit wachgerüttelt, genauer hinsehe, entdecke ich jedoch auch innerhalb des Äußerlichen und Sprachlichen eine Widersprüchlichkeit. Meine Nachbarin hat etwas zu viel des Guten auf ihr Gesicht aufgetragen, das deshalb ein bisschen vulgär wirkt. Andererseits hat das Gespräch durchaus etwas von einer gepflegten Konversation gehobener Kreise.
Meine Begleiterinnen erscheinen mir als seltsame Zwitterwesen: Entweder haben sie sich zu den Abgründen der Vulgarität herabgelassen, oder sie sind aus ihnen aufgestiegen – dabei allerdings auf halbem Weg steckengeblieben. Ich kann weder feststellen, woher sie kommen, noch einschätzen, welcher Schicht sie sich momentan mehr verbunden fühlen.
Nach einigen Minuten unterbricht die schräg hinter mir sitzende Dame das Gespräch mit ihrer Bekannten: »Wo sind wir hier eigentlich?« Noch ehe ich antworten kann, verrät sie plötzlich ihre erotischen Fantasien: »Stell dir vor, der Taxifahrer fährt uns in irgendeine verlassene, dunkle Gegend und vergewaltigt uns dann beide!«
»Das schafft er nicht«, sagt meine Beifahrerin.
»Und wenn doch?«
»Ach, zwei alte Frauen wie wir …«
»Ich bin erst 45!«
»Wie viele Jahre eigentlich schon?«
»Na gut, du hast mich erwischt: Ich bin schon 47. Ja, ja, da ist der Ofen aus.«
»Wie sollten wir das unseren Freunden erklären, wenn wir eine halbe Stunde später mit auf Halbmast hängendem Schlüpfer, aufgeknöpfter Bluse und verschmiertem Gesicht erschienen?«
»Wir müssten dann wohl die Wahrheit sagen: ›Wir sind vergewaltigt worden – aber schön war’s!‹« Beide freuen sich köstlich.
»Wir zahlen dann natürlich keinen Cent. Der Taxifahrer hat ja dafür seinen Spaß gehabt. Eigentlich müssten wir etwas bekommen.«
»Jeder am besten 100 Euro, das wäre wohl angemessen.«
»So lustige Gäste haben Sie nicht jeden Abend, wie?«
»Nur wenn ich getrunken habe fange ich an wie ein Wasserfall zu reden. Sonst bin ich ganz still.«
»Sie können bestimmt ein Buch schreiben von Ihren Erlebnissen. Ich habe schon einen Titel für Sie: Meine Weggefährten. Merken Sie sich den Titel.«
Die Dame hinter mir verabschiedet sich mit einem raffinierten Fluch, der hiermit in Erfüllung gegangenen ist: »Versuchen Sie mich zu vergessen – es wird Ihnen nicht gelingen!«
Filmreife Szene
Eine Menschentraube steht vor einem Chinarestaurant, die Asiaten diskutieren laut miteinander und gestikulieren wild dabei. Ich nähere mich im Schritttempo.
Als eine junge Asiatin mein Taxi sieht, löst sie sich sofort von der Gruppe, kommt zu mir herüber und öffnet die Beifahrertür. Sie bleibt aber draußen stehen und spricht erregt mit den anderen, die ein Stück näher an mein Taxi herangerückt sind. Ich kann kein Wort verstehen, sie sprechen chinesisch für mich. Der Lautstärkepegel nimmt stetig zu, ein heftiger Streit ist im Gange. Zeitweise schreien alle Beteiligten durcheinander. Ich warte mindestens fünf Minuten, doch der Disput scheint kein Ende zu nehmen. Das Mädchen macht keine Anstalten, sich ins Taxi zu setzen, während sie zur Menge gewandt immer verzweifelter spitze Laute hervorstößt.
Plötzlich springt sie blitzartig auf den Sitz, schlägt die Tür zu und sagt aufgeregt: »Bitte schnell, Türen zu machen! Fahren Sie!« Während ihrer Worte kommt es neben meinem Taxi zu einem Tumult, irgendjemand wird von den anderen zurückgehalten. Ich suche nach dem Knopf für die Zentralverriegelung, kann ihn aber nicht finden. Dieses ältere Mercedes-Modell besitzt anscheinend gar keinen.
Als ich anfahre, reißt jemand aus der Menge die Wagentür hinten rechts auf. Meine Beifahrerin schreit laut auf: »Neiiiinnn! Fahren Sie, schnell, schnell!« Die Verzweiflung der jungen Frau veranlasst mich zu einem Kick down, die alte Mercedesautomatik kommt aber nicht in die Gänge. Der junge Mann streckt bereits einen Fuß ins Taxi. Die Angst des Mädchens überträgt sich auf mich. Ich fühle mich plötzlich selbst in Gefahr und gebe ohne Rücksicht auf Verluste weiter Vollgas, ich will ihn abschütteln. Der Mann greift mit einer Hand an die halb geöffnete Tür, mit der anderen klammert er sich an den Türrahmen, eines seiner Beine hat er schon im Auto untergebracht, mit dem anderen hüpft er auf dem Asphalt hinterher. Mit letzter Kraft hechtet er auf die Rückbank. Ich stoppe.
Die anderen Asiaten rücken nach und der Streit geht munter weiter. Das Mädchen schreit nun im Auto mit vermutlich ihrem Freund auf der Rückbank. Sie scheint vor ihm eine panische Angst zu haben. Nach einer Weile fleht sie mich mit weinerlicher Stimme an: »Bitte, helfen Sie mir!«
»Soll ich die Polizei über Funk rufen?«, frage ich.
Die Diskussion setzt sich fort, ohne dass ich eine Antwort bekomme. Erst als ich die Frage zum dritten Mal stelle, ringt sich die junge Asiatin ein »Ja, Polizei« ab.
Während ich drohend meine Hand über die Funktaste halte und auf einen Moment warte, in dem der Funkverkehr etwas nachlässt, beruhigen sich alle Beteiligten etwas. Schließlich sagen alle einmütig: »Doch keine Polizei.«
Das Mädchen spricht mit dem jungen Mann auf der Rückbank. Plötzlich wird es ganz still und der junge Mann bringt leise mit leicht gesenktem Haupt einige Worte mühsam hervor. Nach einer lautstarken Erwiderung des Mädchens wiederholt er noch einmal lauter und deutlicher seine zuvor artikulierten Laute. Ich bin mir sicher, dass sich ihr Partner entschuldigen oder irgendein Versprechen abgeben muss, ohne dass ich auch nur den Sinn eines einzigen Wortes erahnen kann. Dann steigen beide wieder aus. Der Mann hat sein Ziel erreicht.
Auf der Flucht
Aus dem Halbdunkel stürzt ein Mann mit schräg nach oben gestrecktem Arm hervor und läuft fast vor meinen Wagen. Ich mache eine Vollbremsung und komme gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Der Mann schlurft um die Kühlerhaube herum und steigt ein.
»Zum Glück habe ich Sie gesehen«, sage ich, »das war ganz schön knapp«. Der Mann zeigt keine Reaktion, aber mir steckt der Schreck noch in den Gliedern.
»Da haben Sie Glück gehabt, dass ich zufällig vorbeigekommen bin. Um diese nachtschlafene Zeit können Sie hier in Buchholz lange auf ein freies Taxi warten, oder haben Sie eines bestellt?«
»Nein, ich habe keines bekommen«, sagt der Mann monoton.
Ich bin irritiert: Was soll das bedeuten? Entweder er hat bestellt oder nicht. Jetzt bemerke ich erst, dass er nur im Pullover unterwegs ist und das bei fünf Grad Außentemperatur. Wir fahren zunächst schweigend Richtung Zentrum.
»Können Sie nicht das Radio anmachen?«, unterbricht mein Beifahrer die Stille. Nun bewegen wir uns mit Musik und weiterhin ohne Gespräch fort.
»Ich bin psychisch krank«, sagt mein Fahrgast plötzlich, »ich bin gerade aus der Medizinischen Hochschule ausgebrochen. Ich habe dort jemanden niedergeschlagen, der wollte mich nicht gehen lassen.« Nach kurzer Pause fügt er noch an: »Manche Leute haben ja was gegen psychisch Kranke!?« Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er mich dabei prüfend anguckt.
»Ich finde nicht, dass sie ausgegrenzt werden sollten«, sage ich sicherheitshalber.
»Ich habe fünf Polizisten auf einmal verprügelt.«
»Wirklich?«, lache ich.
»Glauben Sie mir etwa nicht?«, fragt er mit einem drohenden Unterton.
»Doch, doch«, versuche ich ihn zu beschwichtigen, »ich finde es nur gut. Das würde ich auch manchmal gern machen.«
»Wenn mir niemand etwas will, bin ich ruhig, aber sonst werde ich böse. Ich war früher einmal Boxer.«
Damit gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, dass mir ja nicht einfallen sollte, die Polizei zu benachrichtigen. Er spricht mit etwas starrem Blick und steifer Körperhaltung immer nach vorn gewendet. Zwischendurch regt er sich bei seinen Erzählungen etwas stärker auf, woraufhin ich versuche, ihn wieder zu beruhigen.
»Ich kann nur sagen: Das wünsche ich niemandem. Psychisch krank zu sein ist das Schlimmste. Bei mir weiß ich, wodurch die Psychose ausgelöst worden ist. Ich hatte einmal einen schweren Autounfall …«
Ich denke sofort: »Aha, wohl eine körperliche Ursache, bestimmt eine Gehirnverletzung.« Aber ich habe mich getäuscht.
»Bei dem Unfall sind eine Frau und ihr kleines Kind gestorben. Ich habe das jetzt einigermaßen verarbeitet, aber manchmal muss ich noch daran denken.« Sein Gesicht verzerrt sich und er beginnt leise zu schluchzen. »Seit drei Monaten war ich jetzt in der MHH, ich musste einfach raus.«
»Geld haben Sie aber dabei?«, frage ich.
»Natürlich, ich bin nicht doof! Manche Leute denken: ›Ach, ein Psychopath‹ und man hat keine Chance mehr. Dabei habe ich Abitur und alles gemacht.«
Gegen Ende der Fahrt fragt er mich: »Bist du psychisch krank? Du bist so hemmungslos.« Er meint ›gehemmt‹ und hat offensichtlich meine Anspannung und Angst bemerkt, aber sicherlich nicht sich selbst als Ursache vermutet.
Am Steintor bezahlt er mit einem Fünfziger, den er womöglich geklaut hat, vergewissert sich noch mal, dass ich keinesfalls die Polizei rufe und verschwindet im Rotlichtviertel. Ich teile es trotzdem sofort dem Funker mit. »Na dann werde ich mal bei der MHH anrufen und fragen, ob dort jemand fehlt«, ist sein lapidarer Kommentar.
Lost in Hildesheim
An einem ruhigen Samstagnachmittag bekomme ich einen Auftrag von der Polizei in der Herschelstraße. Eine Polizistin empfängt mich. »Hier ist ein Herr, der muss nach Hildesheim.«
Meine Herzfrequenz erhöht sich aus Freude über die weite Fahrt. Meistens trudeln die guten Touren ein, wenn man gar nicht auf sie angewiesen ist. Diesmal ist aber sogar der Zeitpunkt ideal, denn es gibt momentan kaum Aufträge.
»Er hat sich jetzt beruhigt, Sie brauchen keine Angst zu haben«, fährt die Polizistin fort. »Er ist aus einer Betreuungsanstalt für geistig Behinderte abgehauen und mit dem Zug nach Hannover gekommen – ohne Geld und Fahrkarte. So ist er schließlich hier gelandet.«
Ohne auf irgendeinen Zettel zu gucken, teilt sie mir mit: »Er muss ins Krugfeld … 12.« Ich frage noch mal nach: »Krugfeld, ja?«. Nach der wie selbstverständlich vorgetragenen Mitteilung der Beamtin denke ich, dass es sich um eine bekannte Adresse in Hildesheim handeln müsse. »Wir haben im Heim angerufen, die Fahrt wird dort bezahlt.« Währenddessen luge ich gespannt durch die Glastür, hinter der ich einen Polizisten auf einen mittelgroßen Mann von kräftiger Statur einreden sehe. Der Mann lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand, die Hände hat er hinter seinem Gesäß verschränkt. Er wirkt nervös. Ein paar Minuten später geleitet ihn der Polizist in den Vorraum, in dem ich stehe. Dort wird er mir als mein neuer Fahrgast vorgestellt. Man sieht ihm die geistige Behinderung nicht an – bis auf leichte Anomalien in den Körperbewegungen.
Wir gehen zu meinem Wagen und ich lasse ihn auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Bevor wir losfahren krame ich meinen Großraumplan hervor, um meine Zieladresse zu suchen. Unter »Krug« ist in Hildesheim aber nur eine Krugstraße verzeichnet und kein Krugfeld. Da es aber überhaupt nichts anderes mit »Krug« gibt, schlussfolgere ich, dass das die richtige Straße sein muss. Etwas zu denken gibt mir allerdings, dass die Straße auf dem Plan sehr kurz ist und in einem etwas abgelegenen Dorf – Sorsum – liegt, das gerade noch so zu Hildesheim zählt. Zur Sicherheit frage ich meinen Fahrgast, ob Hildesheim-Sorsum richtig ist. Er überlegt eine Weile, sagt dann aber: »Ja.«
»Sorsum ist richtig?«, vergewissere ich mich ein zweites Mal.
»Ja. Sorsum.«
Mir ist klar, dass ich auf seine Bestätigung womöglich nicht viel geben kann. Aber ich will ihm glauben, um nicht noch einmal mit ihm zurück zur Polizei gehen zu müssen. Ich kann ihn nicht allein im Wagen sitzen lassen – vielleicht ist er bei meiner Rückkehr verschwunden. Ich beruhige mich damit, dass er eigentlich ganz normal wirkt. Während der Fahrt versuche ich immer wieder, eine Konversation in Gang zu bringen. Dies scheitert jedoch an meinem Beifahrer, der nichts erzählen kann. Er antwortet meist nur mit ja oder nein. Über die Schnellstraße und Autobahn erreichen wir Hildesheim nach nur fünfundzwanzig Minuten.
Am Ortseingang frage ich noch mal: »Wir fahren jetzt also nach Sorsum?«.
Mit »Ja, Sorsum«, bleibt er bei seiner Aussage, der ich nun kaum noch glauben kann. Zu deutlich sind die geistigen Defizite, die ich bei meinem Anvertrauten ausgemacht habe.
Ich schlage mich mühsam durch die Stadt und nutze jede rote Ampel, um den Stadtplan zu studieren. Nach einem längeren Umweg erreichen wir endlich Sorsum. Meine Hoffnung, dass doch alles seine Richtigkeit haben wird, entpuppt sich nun endgültig als reines Wunschdenken. In Sorsum in der Krugstraße ist die Hausnummer, die ich suche, nicht auffindbar und auch kein Gebäude, das einem Behindertenheim ähnelt. Langsam wird mir bewusst, in welch misslicher Lage ich mich befinde. Ich bin mit einem hilflosen Passagier an einem mir völlig unbekannten Ort und weder mein Fahrgast noch ich haben die leiseste Ahnung wohin wir müssen. Lost in Hildesheim!
In meiner Not steuere ich den einzigen in Sichtweite befindlichen größeren Gebäudekomplex an. Es ist zwar ein anderer Straßenname, aber es gibt wenigstens die richtige Hausnummer! Ich steige mit meinem »Patienten« aus und wir versuchen, Zugang zu dem Gebäude zu bekommen. Es wird langsam dunkel. Die Türen sind verschlossen. Nach einigen vergeblichen Versuchen finden wir doch einen Zugang. Aber drinnen ist niemand zu sehen. Wir starren hilflos in die leeren Gänge bis irgendwann eine Nachtschwester auftaucht. Sie kann uns jedoch auch nicht weiterhelfen. Wir sind eindeutig falsch, nämlich in einem Altenheim des Diakonischen Werkes. Also marschieren wir wieder zurück zum Taxi. Ich frage meinen Gast, ob er nicht einen Ausweis mit Adresse hat, was er verneint. Mein bis jetzt unkomplizierter Fahrgast wird nun langsam ungeduldig. Er bekommt auch mit, dass alles nicht zum Besten steht. Immer häufiger versetzt er seinen Oberkörper in eine vor und zurück schwingende Bewegung. »Ich bekomme langsam Hunger!«, teilt er mir bedrohlich mit. Zu der ausweglosen Situation kommt nun auch noch die neben mir sitzende Zeitbombe. Ich kann vor Aufregung nicht klar denken. Von wem kann ich erfahren, wohin ich meinen Mitfahrer bringen muss? Nur von der Polizeidienststelle in Hannover. Aber ich bin weit außerhalb des Funkempfangs der Zentrale. Also bleibt nur das Handy. Immer wenn man die Dinger dringend braucht, ist der Akku natürlich so gut wie leer. So auch diesmal. Ich rufe unter regelmäßigem Akkupiepen und »Ich habe Hunger« meine Zentrale an und bitte den Funker, die Telefonnummer der Polizeidienststelle in der Herschelstraße herauszusuchen. »Okay. Ich rufe sie dann gleich zurück«, erwidert mein Gesprächspartner aus der Taxizentrale. Meine Gebete, dass der Akku wenigstens noch den Rückruf durchhält, wurden erhört, und ich bin nach ein paar Minuten im Besitz der rettenden Telefonnummer. Nun zwinge ich mein Mobilfunkgerät, die letzten Energiereserven für den Anruf bei der Polizei zu mobilisieren. Nach Schilderung meiner Situation und meines Anliegens bekommen meine Hoffnungen einen Dämpfer. »Ja, ich erinnere mich an den jungen Mann. Aber die Kollegin, die ihn vorhin aufgenommen hat, hat leider schon Feierabend. Ich gucke mal, ob ich irgendetwas in den Akten finde …«, erklärt mir die freundliche Stimme am Apparat. Ich kann nur nicht mehr lange auf die Antwort warten. Piep … Piep. Jeden Moment muss mein Handy seinen Betrieb einstellen. Ich warte. Piep … »Ich habe jetzt wirklich Hunger!« … Piep … Die Zeit scheint sich derart zu dehnen, dass mir eine Minute wie eine Ewigkeit vorkommt.
Endlich meldet sich mein Gesprächspartner zurück: »Ich habe die Adresse gefunden: Im Krugfeld 12.« Ich kann mich nicht mehr für die Auskunft bedanken: Unmittelbar nachdem ich die richtige Adresse bekommen habe, schaltet sich mein Mobiltelefon ab.
Damit erklärt sich alles: Im Straßenverzeichnis kann man die Straße nur unter »I« wie »Im« finden. Da mir aber die unscheinbare Präposition vorenthalten worden ist, konnte ich unmöglich auf das »Krugfeld« stoßen.
Nun müssen wir im Dunkeln in den Stadtteil Himmelsthür zurückfahren, den wir schon vor über einer Stunde durchquert haben. Die Stimme meines Nachbarn wird energischer und mit dem Wippen seines Oberkörpers macht er kaum noch eine Pause. Kurz vor »Im Krugfeld« kommen wir an einen kleinen Bahnübergang, bei dem sich just in dem Moment die Schranken schließen, als wir die Gleise überqueren wollen. Erneut übernimmt die zäh fließende Zeit das Kommando. Ich bemerke, wie mein Beifahrer versucht, Blickkontakt mit mir herzustellen. Das hat er bisher gründlich vermieden. »Ich muss jetzt essen!«. Gleich wird er handgreiflich werden, male ich mir schon aus. »Nur noch einen Moment, gleich haben wir es geschafft!«, versuche ich ihn zum wiederholten Male zu beschwichtigen. Nach einer kleinen Ewigkeit können wir die Fahrt fortsetzen. Ich kann den richtigen Straßennamen auf einem Straßenschild entziffern. Wir sind so gut wie am Ziel, nur noch die Hausnummer suchen – denke ich. Doch plötzlich ist ein Sackgassenschild aufgestellt, wir können nur noch bis zur Baustelle weiterfahren. Die Straße ist durch die Baustelle in zwei Teile getrennt und wir sind auf der falschen Seite. Wie soll ich auf die andere kommen? Es ist keine Umleitung ausgeschildert und so muss ich wieder zurück über den – diesmal zum Glück freien – Bahndamm, einen riesigen Bogen fahren und versuchen, über irgendwelche kleinen Nebenstraßen auf das »Krugfeld« zu kommen.
Ein Stadtplan auf dem Schoß, ein Hungriger neben mir, unbekannte Straßen vor mir, Verzweiflung in mir: ein Gedicht.
Die ersten Versuche scheitern kläglich an neuen Sackgassen. Aber das Ende meiner Odyssee steht kurz bevor. Ich gelange bald auf den richtigen Straßenteil und finde auch die Hausnummer. Wider Erwarten befinden wir uns vor einem freistehenden Einfamilienhaus. Wir werden schon sehnsüchtig erwartet. Vier geistig Behinderte hüpfen vor Freude wild herum und rufen: »Da ist er! Da ist er endlich!« Der nette Betreuer der kleinen Wohngemeinschaft bittet mich herein und zahlt – nach kurzer Zusammenfassung meiner Odyssee – anstandslos die hohe Rechnung von 68 Euro, bei direktem Weg wären es nur ungefähr 45 Euro gewesen.
Im Wahn
Ich stehe in Gedanken versunken vor einer roten Ampel, da wird blitzschnell meine Beifahrertür aufgerissen und ein Mann springt auf den Sitz.
»Ich muss schnell zum Bahnhof«, sagt er schnaufend, »wie viel kostet es bis nach Braunschweig?«
»Mit dem Taxi?«, frage ich zurück. »Ja.«
»So um die achtzig Euro.«
Wenn er seinen Zug verpasst, will er wohl mit dem Taxi fahren, überlege ich.
»Gut, wir fahren erst zum Bahnhof – ich brauche Wasser – und dann nach Braunschweig. Machen wir achtzig Euro fest?«
»Ja, in Ordnung«, besiegele ich unsere Abmachung. Richtige Freude aber über die weite Fahrt will sich bei mir nicht einstellen. Meine Gedanken drehen sich nur um den seltsamen Mann neben mir. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm: Er steckt in schmuddeligen Klamotten, sein Stoppelbart und die fettigen Haare werten seine äußere Erscheinung auch nicht gerade auf. Kurz, er sieht nicht so aus, als hätte er achtzig Euro übrig. Er ist ein hagerer Typ, die Konturen seines Gesichts stechen hart hervor, die Augen sind hellwach und er scheint zu allem entschlossen – eigentlich das Musterbeispiel eines Schurken.
»Bitte fahren Sie«, unterbricht er meine beunruhigenden Gedanken, »schnell, ich habe meine Tropfen vergessen!«
»Es tut mir leid, ich kann die Ampel auch nicht schneller auf Grün springen lassen«, entgegne ich. Wir stehen immer noch an der Kreuzung, an der er zugesprungen ist. Der Ampel ist es egal, dass es 1.30 Uhr mitten in der Nacht ist und nur wenige Fahrzeuge auf den Straßen sind – sie zieht knallhart ihre langen Signalphasen durch. Mein Fahrgast scheint es indessen kaum noch auf seinem Sitz auszuhalten. Seine zunehmende Nervosität beunruhigt mich jetzt am meisten.
»Nun fahren Sie doch! Ich bitte Sie!«, fleht er mich an, »ich kriege nur ganz schlecht Luft, schnell!« Seine Stimme klingt trotz seiner Aufregung sanft und gutmütig – ein auffälliger Widerspruch zu seiner restlichen Erscheinung. Plötzlich holt er eine kleine Plastiktüte hervor und hält sie sich vor den Mund. Ich öffne das Beifahrerfenster, um frische Luft hereinzulassen. »Nein, nein!«, ruft er sofort aufgeschreckt und ich schließe das Fenster wieder. Endlich springt die Ampel um und ich gebe Vollgas. Zum Glück liegt der Bahnhof nur einen Kilometer entfernt. Die Panik meines Beifahrers beruhigt mich paradoxerweise. Sie scheint mir ein Indiz für dessen Harmlosigkeit zu sein. Er hat bestimmt nur ein gesundheitliches Problem. Nach kurzer Zeit erreichen wir unser erstes Ziel. Er drückt mir ein paar Münzen in die Hand und sagt: »Als kleine Anzahlung.« Dann hüpft er aus dem Taxi und rennt in die Bahnhofspromenade. Schon nach zwei Minuten kommt er wieder angehetzt, steigt ein und sagt: »Wir müssen zu einer Tankstelle, hier hat alles zu.« Ich fahre so schnell es geht in Richtung Autobahn.
»Bitte schneller, ich brauche etwas zu trinken!«, fängt er wieder an zu flehen. Jeder noch so kurze Aufenthalt ist ihm eine große Qual. »Ich habe Panikzustände! Ich hyperventiliere. Sie wissen was das ist? So schlimm war es noch nie«, fügt er hinzu. Er nimmt erneut seine Plastiktüte vor den Mund und atmet durch sie ein und aus.
»Kann es auch Orangensaft sein?«, frage ich ihn, »dann könnte ich Ihnen meinen geben«, biete ich an, ohne seine Antwort abzuwarten. Nach kurzer Denkpause antwortet der Mann: »Nein, ich brauche ein paar Bier.«
Nun kommen meine Zweifel zurück. Was für eine Krankheit soll das denn sein? Vielleicht hat er ja Entzugserscheinungen und braucht deshalb Alkohol. Noch in Zentrumsnähe muss ich an einem Zebrastreifen stoppen. Eine größere Menschenmenge überquert die Straße, mehr nach- als nebeneinander. Es ist »Tanz in den Mai«, so dass auch zu dieser nächtlichen Stunde noch viele auf den Beinen sind. Immer wenn sich eine kleine Lücke im Fußgängerstrom auftut, treten wie selbstverständlich weitere Passanten auf die Straße. Ich habe das Gefühl, wenn ich mich zwischen sie drängte, würde ich das unsichtbare Band zwischen den Gruppenmitgliedern zertrennen. Ich sehe keine Möglichkeit weiterzufahren, bevor nicht der letzte Nachzügler den Fahrdamm passiert hat.
»Das dauert mir zu lange«, sagt der Mann, »ich gehe schnell in die Kneipe da drüben.« Er steckt mir zehn Euro zu – etwas mehr als bereits auf dem Taxameter steht – und verlässt fluchtartig mein Taxi. Ich liebäugele damit, einfach abzuhauen. Ich habe ja bis jetzt keinen Verlust zu beklagen und wäre die Probleme mit einem Schlag los. Der panische, kranke Mann, der mir Rätsel aufgibt und mich zu Geschwindigkeitsübertretungen und Rotlichtverstößen animiert, könnte der Vergangenheit angehören. Aber die Aussicht auf das große Geld lässt mich am Straßenrand verharren. Ich sehe durch die breite Glasfront der Gaststätte, wie er ein paar Worte mit dem Wirt wechselt und dann direkt zur Toilette geht. Kurz darauf huscht er schon wieder zum Ausgang. Ohne ein Bier getrunken zu haben, kommt er zurück.
»Wollen Sie nun noch zur Tankstelle?«, frage ich nach.
»Ja«, sagt der Mann geradezu empört über die dumme Frage, »fahren Sie so schnell wie möglich dorthin.«
Leider gibt es in Hannover viele Ampeln und die meisten zeigen Rot, wenn man sie erreicht. Daher wiederholt sich das immer gleiche Spiel. Mein Fahrgast beschwört mich: »Nun fahren Sie doch, schnell, ich bitte Sie!«, und ich antworte: »Es tut mir leid, aber ich kann bei Rot nicht fahren, dann bin ich womöglich meinen Führerschein los.«
»Ich merke schon, dass meine Atmung schwächer wird«, erhöht mein Beifahrer den Druck, »wenn ich umkippe, fahren Sie mich bitte sofort ins nächste Krankenhaus!«
»Soll ich Sie nicht lieber gleich dorthin bringen?«, frage ich, »bis Braunschweig dauert es mindestens noch eine halbe Stunde, vielleicht halten Sie nicht mehr so lange durch.«
Der Hauch eines Zweifels huscht über sein Gesicht, aber er sagt sich selbst Mut zusprechend: »Nein, nein! Wir versuchen es.«
Wir erreichen die Tankstelle. Er kauft ein Sixpack und Traubenzucker. Die Cola, die er mir ausgeben wollte, vergisst er.
»So, und jetzt schnell nach Braunschweig!«, sagt der Mann merklich entspannter. »Ich brauche meine Tropfen, bitte fahren Sie schnell, ich gebe Ihnen auch Trinkgeld!« Er öffnet eine Bierflasche und wir fahren weiter.
»Was haben sie denn für eine Krankheit?«, frage ich.
»Ich weiß es doch nicht!«, prustet er mir verzweifelt entgegen. Das versetzt mir einen imaginären Schlag in die Magengegend: Er muss schnell nach Hause, um Tropfen einzunehmen, ohne zu wissen wogegen? Spielt er mir etwa die ganze Zeit nur etwas vor? Aber nein, so ein guter Schauspieler kann er nicht sein. Seine Angst ist echt, in seinen Augen zeigt sich wahre Verzweiflung. Kurz vor der Auffahrt zur Autobahn haben wir einen Wagen vor uns, der sich penibel an die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometer hält.
»Überholen Sie ihn doch! Fahren Sie doch bitte schneller«, setzt mein Nachbar sofort wieder ein. Seine Verschnaufpause hat keine fünf Minuten gedauert.
»Der Wagen da vorne will etwas von uns«, sagt er, »das sehen Sie doch auch! Der ist schon die ganze Zeit hinter uns her.«
Jetzt dämmert mir, was mit meinem Fahrgast wirklich los ist. Er leidet unter Verfolgungswahn, er hat eine Psychose. Dieser scheinbar sichere Erkenntnisgewinn beruhigt mich allerdings nicht, sondern lässt in mir Angst aufsteigen. Wozu ist ein Mensch in einer psychischen Ausnahmesituation wohl so alles fähig? Ich fahre auf die Autobahn und bereue, mich nicht mit den zehn Euro begnügt zu haben. Hätte ich ihn doch in der Kneipe sitzen lassen. Nun ist es zu spät. Vielleicht bekomme ich noch nicht einmal das versprochene Geld.
»Fahren Sie schneller!«
»Ich fahre so schnell ich kann.«
»Hören Sie das auch?«, fragt er erregt, »was ist denn das?«
»Das ist der Wind«, erkläre ich, »wir haben oben auf dem Taxi so einen komischen Aufbau für die Werbung. Wenn man schneller fährt, pfeift der Wind da oben ganz schön.«
Die nächsten Minuten bleibt die Gemütsverfassung meines Gastes unverändert angespannt, aber wenigstens verschlechtert sie sich nicht. Für mich völlig überraschend hat er dann plötzlich Muße für einen Smalltalk.
»Seit wann fahren Sie denn Taxi?«
»Heute schon seit 17 Uhr.«
»Das lohnt sich heute?!«
Ich zögere mit der Antwort. Will er mich jetzt ausfragen, ob ich viel Geld in meiner Kasse habe, weil »Tanz in den Mai« ist?
»Wie meinen Sie das?«
»Das ist doch bestimmt eine gute Fahrt für Sie.«
»Ach so, ja das ist natürlich eine sehr gute Fahrt für mich«, atme ich auf, »meine mit Abstand weiteste Tour heute«, schiebe ich noch nach, damit er nicht auf den Gedanken kommt, ich hätte schon viel eingenommen. Ich bin verunsichert, dass er zwischendurch so normal erscheint. Plant er womöglich doch, mir mein Geld abzunehmen? Plötzlich beginnt er auf seinem Sitz herumzurutschen und seinen linken Arm in mein Sichtfeld zu halten, so dass ich erschrecke. Ich gucke zu ihm hinüber und bemerke, dass er nur versucht, seine Jacke auszuziehen. Er stellt sich dabei so ungeschickt an, dass er eine offene Bierflasche umkippt, die er im Fußraum abgestellt hat.
»Können Sie das Dextroenergen für mich aufmachen?«, fragt er, als er sich seiner Jacke entledigt hat, »Ich schaffe es nicht; meine Finger zittern zu sehr.«
Ich rase mit 180 Stundenkilometern über den Asphalt und fingere mit einer Hand am Traubenzucker herum. Da ich zum Öffnen aber beide Hände benötige, lenke ich kurzzeitig mit einem Knie.
Immer wieder guckt sich mein Fahrgast hektisch um.
»Der Wagen hinter uns verfolgt uns schon die ganze Zeit!«
»Bestimmt nicht. Den habe ich gerade erst überholt.«
»Gucken Sie doch mal nach hinten! Sind sie sicher?«
»Ja, hundertprozentig.« Egal was ich sage, er glaubt es nicht. Er ist wie besessen davon, dass wir verfolgt werden, obwohl wir alle Autos schnell überholen und dann weit hinter uns lassen.
»An der nächsten Tankstelle fahren Sie bitte raus!«
»Wir sind aber spätestens in zehn Minuten in Braunschweig.«
»Ich muss trotzdem noch was holen, es geht nicht anders, glauben Sie mir!«
Der Rasthof »Zweidorfer Holz« ist schon angezeigt und wir erreichen ihn eine Minute später. Unaufgefordert gibt er mir die nächste Ratenzahlung: fünfzig Euro. Somit habe ich insgesamt genau das, was bis hierher auf der Uhr steht.
Er steigt aus und erneut überlege ich, einfach abzuhauen. Doch wie soll der arme Kerl dann von hier wegkommen? Außerdem kann ich sowieso erst in Braunschweig von der Autobahn herunter. Wenn er aber gar kein armer Kerl ist, was dann? Er ist mir noch genauso unheimlich wie zu Beginn unserer Fahrt.
Wie ein aufgescheuchtes Huhn fegt er durch den Tankstellensupermarkt. Er flitzt mehrmals quer durch den Verkaufsraum. Diesmal kommt er mit einem Flachmann zurück.
»Jetzt haben wir es gleich geschafft«, spreche ich mir und ihm Mut zu.
»Wie viel bekommen sie noch?«, fragt mein Beifahrer.
»Noch zwanzig Euro.«
»Ich gebe Ihnen fünf Euro Trinkgeld; also kriegen Sie noch fünfundzwanzig Euro von mir.«
»Vielen Dank!«, sage ich schon einmal im Voraus.
Ich bin etwas erleichtert, als wir die Autobahn verlassen. Plötzlich klingelt mein Handy.
»Was ist das? Hören Sie das?«
»Ja, das ist nur mein Handy.« Ich stelle es einfach aus.
»Gehen Sie ruhig ran. Halten Sie bitte mal hier gleich rechts!«
Wir sind erst am Stadtrand, wo es kaum Bebauung gibt. Ich halte und rechne mit dem Schlimmsten. Der Mann wirft jedoch nur allen Müll aus dem Wagen, der sich zu seinen Füßen angesammelt hat – inklusive der restlichen vollen Bierflaschen. Dabei sehe ich erst, was für eine Sauerei er angerichtet hat.
»Ich gebe Ihnen ja noch fünfundzwanzig Euro – auch für die Umstände, die ich Ihnen gemacht habe«, besänftigt er mich.
Wir fahren weiter bis ins Zentrum. Er führt mich durch viele kleine Einbahnstraßen und weiß irgendwann selbst nicht mehr, wie wir weiterkommen können. Vermutlich ist er kein Autofahrer und denkt nur als Fußgänger. Nach mehrmaligem Im-Kreis-Fahren finden wir doch noch einen Weg durch den Irrgarten. Die Orientierung habe ich nun völlig verloren. Wir halten an einer kleinen Nebenstraße, in die wir nicht fahren dürfen.
»Ich muss nur noch jemanden holen, der muss mitkommen«, sagt er beim Aussteigen, »ich komme gleich wieder, bestimmt.« Und schon verschwindet er im Dunkel der Nacht – diesmal ohne Geld zu geben. Vielleicht hat er nicht mehr genug dabei und kommt nicht wieder. Und wenn doch: Wer weiß, wen er dann noch mitbringt? Womöglich holt er Verstärkung, um mich am Ende doch noch auszurauben? Wieder überlege ich, einfach wegzufahren und auf das Geld zu verzichten. Da nimmt mir ein Pärchen die Entscheidung ab. Die beiden jungen Leute nehmen auf der Rückbank Platz und ich fahre erleichtert los. Wenigstens habe ich noch eine Fahrt und bekomme eine Beschreibung, wie man am schnellsten auf die Autobahn nach Hannover kommt.
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