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Thomas Röthlisberger
Steine zählen
Eine finnische Geschichte
Roman

Wir geben nicht auf. Wie schlaue alte Stöberhunde bei einer Elchjagd nehmen wir die Spur dort wieder auf, wo wir sie verlassen haben, und folgen ihr bis zur blutigen Beute.
Lars Gustafsson
Für Henrik,
der mir schließlich doch noch
die ganze Geschichte
erzählte.
wenn die stille sich endlich
hervorwagt aus den
nächtlichen tundren
zähle ich die steine
die ich vom ende der welt
mit nach hause gebracht
sie wogen schwer
sie sind jetzt leicht
die zeit verliert gewicht
Diese Geschichte ist eine Fiktion. Alle Verweise auf reale Begebenheiten, Institutionen, Orte und Personen dienen lediglich dazu, einen fiktiven Kosmos zu erschaffen.

Eigentlich irrt sich der Hund nie. Er hat eine merkwürdige Art zu flennen entwickelt, ein Fiepen beinahe, wenn er ein fremdes Tier wittert. Knurrt er hingegen, so muss ein Mensch in der Nähe sein. Er sitzt im Flur vor der Haustür, als der Mann in Hemd und Unterhose die Treppe vom Obergeschoss herunterkommt.
Der Mann blickt auf die Uhr. Es ist einige Minuten vor zwei Uhr morgens. Er kaut ein paar unverständliche Worte zwischen den Zähnen, während er durch den Flur tappt und das Jagdgewehr aus dem Schrank holt. Er entsichert die Waffe, geht in die Küche und tritt ans Fenster. Vorsichtig schiebt er die Gardine ein wenig zur Seite. Die Lampe drüben am Schuppen brennt die ganze Nacht. So bleibt der Hof gut beleuchtet.
Der Hund hat nicht geknurrt. Also muss er ein Tier gewittert haben. Der Mann sucht mit den Augen den Platz ab. Nichts. Da ist nichts. Kein Tier, kein Mensch. Er will sich bereits abwenden, als er den dunklen Umriss sieht. Reglos steht er außerhalb des hellen Kegels, der von der Lampe auf den Hof fällt. Die kaum wahrnehmbaren Lichtreflexe auf seinem Fell verraten das Tier: Es ist ein Fuchs.
Etwas anderes hat der Mann auch nicht erwartet. Er drückt auf den Metallriegel, um das Fenster so weit zu öffnen, dass er den Gewehrlauf durch den Spalt schieben kann. Aber das unvermeidliche Knacken genügt, dass der Schatten draußen sich auflöst. Geräuschlos, wie ohne Bewegung. Einfach weg und verschluckt von der Dunkelheit. Als hätte es ihn nie gegeben.
Der Mann flucht. Er lässt das Fenster offenstehen und hastet, soweit das schmerzende Bein es zulässt, zurück in den Flur, zur Haustür. Der Hund kratzt mit der Pfote am Holz. Es ist nicht das erste Mal, dass die Hundepfote an der Tür scharrt. Am Tag sind die Spuren deutlicher sichtbar. Man müsste die Tür neu streichen. Der Mann weiß es. Man müsste auch den Zaun um das Hühnerhaus erneuern. Das Dach des Holzschuppens abdichten. Den Hofplatz entwässern. Müsste man.
Manchmal gibt der Mann schon am Morgen auf. Manchmal verlangt der Tag einfach zu viel. Da ist es besser, bereits am Morgen in der Küche zu sitzen und zu rauchen, die Schnapsflasche hervorzuholen, wenn sie nicht vom Vorabend noch auf dem Tisch steht.
Der Mann schlüpft in die Stiefel. Mit dem Fuß schiebt er den Hund zur Seite, um die Tür aufschließen zu können. Der Hund flitzt an ihm vorbei und springt über die Vortreppe hinunter auf den Hof. Ohne einen Laut von sich zu geben, quert er den Lichtkegel der Lampe und verschwindet zwischen den Holzhütten. Der Mann eilt ihm hinterher. Nach wenigen Schritten hört er ihn hinter dem Hühnerhof bellen.
Es läuft immer auf dasselbe hinaus: Wenn er beim Hühnerhaus ankommt, steht der Hund da und bellt in den Wald hinaus. Der Fuchs hat längst Fersengeld gegeben. Er sitzt jetzt irgendwo dort draußen, im Dunkel des Unterholzes, und ärgert sich über den wachsamen Hund.
Die Schatten zwischen den Bäumen verdichten sich in der Ferne zu einer zusammenhängenden Masse. Das Bellen des Hundes schlägt zurück. Als er verstummt, ist da nur noch das leise Rauschen des Nachtwindes ganz oben in den Wipfeln zu hören.
»Verflucht!«
Der Mann stößt den Gewehrkolben ärgerlich auf den Boden. Steinchen spritzen auf. Eines davon muss den Hund getroffen haben. Erschrocken fährt er zusammen und hascht nach seinem Schwanz. Dann kommt er angeschlichen, als hätte er ein schlechtes Gewissen.
»Blödes Vieh!«, faucht der Mann.
Er dreht sich um und schlurft über den Hof zurück ins Haus. Der Hund zieht den Schwanz ein, er zögert einen Augenblick, dann trottet er hinter ihm her.

Inhalt
Henrik
Märta
Matti
Olli
Henrik
Matti
Märta
Henrik
Märta
Matti
Märta
Olli
Märta
Matti
Märta
Henrik
Matti
Olli
Märta
Matti
Olli
Henrik
Märta
Olli
Matti
Henrik
Henrik
Die Hand war fleischig, mit Venenästen, die bläulich zwischen den spärlichen Haaren hervortraten, die Haut blass wie die eines rohen Hühnerschenkels. Die Hand hockte auf der Tischplatte wie eine fette Spinne. Lauernd. In vorgetäuschter Trägheit. Plötzlich begann sie sich vorzuschieben, langsam, scheinbar ziellos, auf den Fingerkuppen wie auf kurzen, dicken Beinen. Sie tastete sich auf dem Wachstischtuch zwischen Bierlachen durch, wich Brotkrümeln aus, wanderte hierhin und dorthin, bis sie an eine der toten Fliegen stieß, die über den Tisch verstreut ein schwarzes Muster bildeten. Einen Augenblick verharrte sie reglos, wie erstaunt über den unerwarteten Fund oder vielmehr den nahen Triumph auskostend, dann zerquetschte sie das ausgedörrte Insekt mit einem hässlichen Geräusch zwischen Daumen und Zeigefinger.
Es war eine linke Hand. Sie gehörte dem alten Nieminen. Matti Nieminen. Mit der rechten, an der zwei Finger fehlten, rauchte er. Die Finger dieser Hand waren gelbbraun vom Nikotin. Nieminen rauchte und hustete.
Henrik Nyström fuhr jedes Mal zusammen, wenn der Alte hustete. Sein Husten erzeugte ein Geräusch, als ob die Lungenflügel unter Wasser stehen würden.
Sie saßen in der Küche. Auf dem Tisch standen leere Bierdosen und eine halbvolle Flasche mit Wodka. Es stank nach Rauch, nach verschüttetem Alkohol und verdorbenen Essensresten. Nach Moder. Nach Altmännerurin. Die Gardinen am Fenster schienen seit Jahren nicht mehr gewaschen worden zu sein.
Mattis Schnapsglas war leer. Der Besucher hatte an dem seinen nur genippt.
»Ja«, brach Henrik schließlich das Schweigen und schob sein Glas etwas beiseite, »sie haben mich also hergeschickt.«
Der Alte blies ihm den Rauch ins Gesicht. Er roch seinen faulen Atem.
»Haben sie dich?«, sagte Nieminen. Und hustete.
Henrik fuhr zusammen und schob das Schnapsglas noch ein bisschen weiter weg, sodass es außerhalb der Reichweite von Nieminens Speichelspritzern war.
»Ja«, sagte er, »so ist das.«
»So«, sagte der Alte.
»Sie sagen, du habest auf Märta geschossen. Auf Märta Nieminen. Deine Ehefrau.«
»So?«, stellte der Alte fest.
Seine Finger hatten wieder ein totes Insekt ertastet und drückten zu. Es knackte. Ein Schütteln durchfuhr ihn. Er schien zu lachen.
»Ja«, sagte Henrik, »deswegen bin ich da.«
»Deswegen bist du da«, wiederholte der Alte. »Einen Grund gibt es immer, wenn einer von euch da ist. Grundlos kommt ihr nie. Aber was geht es dich an?«
»Ich bin im Dienst«, sagte Henrik und klopfte auf seine Uniformjacke, damit die Worte das nötige Gewicht erhielten.
»Das sehe ich«, sagte der Alte.
Er drehte das verwitterte Gesicht zum Fenster. Als er sich nach einer Weile wieder umwandte, nahm er die dicke Hornbrille ab und rieb sich die trüben Augen.
»Glaubst du das auch?«, fragte er.
»Was weiß ich«, sagte Henrik. »Ich muss es überprüfen.«
»So«, sagte Nieminen. »Überprüfen.«
»Vielleicht könntest du mir dabei behilflich sein«, sagte Henrik.
»Mir hilft auch keiner«, sagte Nieminen und zündete sich am glimmenden Stummel eine neue Zigarette an.
Er verzog das Gesicht. Vielleicht hatte er Schmerzen. In diesem Alter haben sie fast alle Schmerzen, dachte Henrik. Irgendwo.
»Märta behauptet, du habest mit dem Gewehr auf sie geschossen, als sie ihre Sachen holen wollte.«
»Tut sie das«, stellte der Alte fest.
»Sie sagt, der Schuss habe sie nur knapp verfehlt.«
»Meinst du, mit diesen Augen trifft man noch?«, fragte Matti und setzte die Brille wieder auf.
Die Gläser waren blind von Fett und Staub.
»Wo hast du das Gewehr?«, fragte der Besucher.
»Im Schrank«, sagte Matti und wies in den Flur.
Als Henrik den Stuhl zurückschob, hob der Hund, der reglos unter dem Tisch gelegen hatte, den Kopf. Als er feststellte, dass es nicht Nieminen war, der aufstand, ließ er ihn mit einem Seufzer wieder auf die Pfoten sinken. Henrik erinnerte sich, wie der Hund in jungen Jahren auf ihn zugeschossen war, wenn er auf den Hof kommen musste. Wie er ihn verbellt und ihm an die Diensthose gewollt hatte. Die Zeit war auch an dem Tier nicht spurlos vorbeigegangen. Es war jetzt gewissermaßen altersmilde geworden. Henrik musste lächeln, als er unbeachtet in den Flur gehen konnte.
Es war ein verhältnismäßig neues Jagdgewehr, womit er zurückkam. Er klinkte den Lauf aus und hielt ihn vor das Fenster ins Licht.
»Damit ist geschossen worden«, sagte er. »Es kann noch nicht allzu lange her sein.«
Matti reagierte nicht.
»Matti, es bringt nichts«, sagte Henrik. »Du hast geschossen. Das ist unbestreitbar.«
Der Alte hob fast unmerklich die Schultern.
»Worauf?«, fragte Henrik.
»Auf den Fuchs«, sagte Matti.
»Wie lange ist das her?«
»Das war gestern«, sagte der Alte.
Er blickte das Gewehr an, nicht den, der es in der Hand hielt.
Die Zeitangabe, überlegte Henrik, stimmte mit derjenigen von Mattis Frau überein.
»Was wollte der Fuchs?«, fragte er.
Matti sah ihn erstaunt an.
»Hühner«, sagte er. »Was sonst?«
Henrik wusste, dass der Hühnerhof der Nieminens seit Jahren leer stand.
»Natürlich«, sagte er. »Hühner – was denn sonst?«
Sie schwiegen. Nieminens Hand wanderte über das fleckige Tischtuch. Eine tote Fliege knackte. Eine lebende surrte an der Fensterscheibe.
»Ich muss die Waffe beschlagnahmen«, erklärte Henrik.
»Beschlagnahmen«, wiederholte der Alte.
»Von Gesetzes wegen«, sagte Henrik. »Damit nicht tatsächlich ein Unglück geschieht.«
»So«, sagte der Alte.
»Ich meine, bei deinen schlechten Augen«, sagte Henrik.
Er wandte sich zum Gehen.
»Warum hast du auf Märta geschossen, Matti?«, fragte er im düsteren Flur.
Aus der Küche drang das Geräusch von splitterndem Glas. Henrik machte die zwei Schritte zurück und blieb in der Tür stehen. Nieminen hatte das Glas in der Faust zerdrückt. Sein Atem ging rasselnd. Am Fenster surrte die Fliege. Henrik wartete.
Der Alte blickte auf seine Faust. Blut und Schnaps tropften auf das Wachstuch. Henrik erwartete nicht, dass er eine Antwort erhalten würde.
»Sie wollte weg«, begann Nieminen plötzlich.
Er keuchte. Schwieg wieder.
»Sie wollte weg«, wiederholte er. »Warum muss man plötzlich weg, wenn man es vierzig Jahre und länger ausgehalten hat? Auf die paar Jahre, die uns bleiben, wäre es wohl nicht mehr angekommen.«
Er hustete.
»Ja«, sagte Henrik, »Frauen gehen weg, Männer gehen weg. Was wissen wir.«
»Du bist geschieden, Heikki«, sagte Nieminen, »du musst es wissen.«
»Meine erste ist auch davongelaufen«, bestätigte Henrik.
»Aber nicht nach vierzig Jahren!«
»Gründe gibt es immer«, sagte Henrik.
»Gründe!«, lachte Nieminen höhnisch. »Als ob es die nicht schon vor zwanzig oder dreißig Jahren gegeben hätte!«
Henrik machte wieder zwei Schritte in den Flur hinaus.
»Wenn sie mich vor dreißig Jahren verlassen hätte, dann wäre es wegen einem anderen Kerl gewesen«, rief der Alte ihm nach. »Aber nach vierundvierzig Jahren?«
»Gründe gibt es immer«, sagte Henrik.
Er öffnete die Haustür und trug das Gewehr zum Auto. Er atmete tief ein, um den muffigen Geruch der Wohnung loszuwerden. Das Gewehr wickelte er in eine Decke und legte es in den Kofferraum. Als er die Hecktür zuschlug, stand der Alte auf einen Stock gestützt auf der Vortreppe.
»Vielleicht hätte ich es verstehen können, wenn sie nach zehn Jahren gegangen wäre«, rief er. »Oder früher.«
»Ich komme morgen mit Märta, damit sie ihre Sachen holen kann«, sagte Henrik und setzte sich in den Wagen.
»Morgen«, sagte Nieminen.
Henrik startete den Motor, hob die Hand und fuhr weg. Es war kurz nach fünf, und er würde rechtzeitig zu Hause sein. Annika würde sich bestimmt freuen.
In Kuhmoinen hielt er an, um für die Kinder Süßigkeiten zu kaufen. Er betrat den Laden und ging nach hinten, wo das klebrige, gummiartige Zeug in grellen Farben lockte. Er füllte zwei Beutel mit allerlei merkwürdigem Getier.
»Schon Feierabend?«, spottete Päivi, die an der Kasse saß.
»Bald«, nickte Henrik und setzte dieses unverbindliche Lächeln auf, das seine Frau an ihm so hasste.
Er bezahlte, nahm die beiden Beutel und verließ den Laden. Beim Anschlagbrett am Ausgang blieb er stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden, und studierte die Anzeigen. Jemand bot Nachhilfeunterricht für Schüler an. Einer wollte sein altes Boot loswerden. Die Kirchgemeinde machte Werbung für einen Basar. Dann fiel ihm ein handgeschriebener Zettel auf, dass jemand junge Kaninchen zu verkaufen hatte.
Kaninchen.
Hinter Henrik hustete jemand. Fliegen surrten im verglasten Eingang.
Kaninchen. Hatte Matti früher nicht Kaninchen gezüchtet? Eine blaugeäderte, fleischige Hand tastete sich über ein schmutziges Wachstischtuch und zerquetschte die herumliegenden toten Fliegen. Mit einem hässlichen Knacken. Eine spinnenhafte, spärlich behaarte Hand tastete sich durch einen Wurf junger Kaninchen, die sich ängstlich in eine Ecke des Verschlags drängten. Unversehens griff sie zu und packte eines der Geschöpfe an den zarten Löffeln.
Kaninchen. Kaninchen tötet man nicht mit einem Gewehr. Kaninchen tötet man mit einer Kaninchenpistole.
»Verdammt!«, entfuhr es Henrik. Was, wenn der Alte nun vollends den Kopf verlor?
Dass er nicht früher daran gedacht hatte! Er schnippte die Zigarette weg und eilte zum Wagen. Den Einkauf warf er auf den Beifahrersitz. Kein Gedanke mehr an Kinder und Süßigkeiten. Er startete den Motor und fuhr in hohem Tempo den Weg zurück, den er gekommen war.
Märta
»Und ob du diesen Mann anzeigen wirst!«, ereiferte sich Marja.
Ihre Stimme schraubte sich durch das fließende Wasser in schrille Höhen. Das Besteck klirrte, wenn sie es auf das Abtropfbrett warf. Sie schien ihre Wut bis in die Fingerspitzen zu spüren.
Märta saß am Küchentisch und betrachtete die sauber gewaschenen Gardinen. Ihre Schwester war fünf Jahre jünger. Das war der Unterschied, aus dem alle anderen Unterschiede hervorgingen. Darauf führte Märta es jeweils zurück. Weil es so am einfachsten war.
»Aber …«, begann sie.
»… er hat doch nur in die Luft geschossen«, machte Marja den Satz fertig.
»Bei seinen Augen«, sagte Märta.
»Bei seinen Augen«, wiederholte Arto, der unter der Tür aufgetaucht war, spöttisch.
»Ja«, sagte Märta und knetete ihre Hände.
Die Knoten an den Fingergelenken waren gerötet und schmerzten. Das Kneten half nicht. Sie wusste es. Aber es war unmöglich, dazusitzen und die Hände in den Schoß zu legen, wenn sie schmerzten. Immer hatten die Hände arbeiten müssen. Die Knoten zeugten davon. Man brauchte sich ihrer nicht zu schämen.
»Da, schaut her«, hätte Märta sagen können, »diese Hände haben hart gearbeitet.«
Aber sie sagte nichts. Es tat weh, die Hände zu betrachten. Weil sie nicht mehr zur Arbeit taugten. Sie beobachtete, wie Marjas Hände geschickt und flink mit Besteck und Geschirr hantierten. Dabei war sie doch auch schon siebenundsechzig. Aber Knoten hatte sie keine. An ihren Händen hatte sie keine geröteten, schmerzenden Schwellungen.
»Du willst den Vorfall also melden?«, fragte Arto.
Märta schüttelte den Kopf.
»Ich an deiner Stelle würde das tun«, sagte er. »Wer weiß, was deinem Alten sonst noch einfällt.«
»Er hat dich nicht nur bedroht«, sagte Marja. »Er hat es ernst gemeint. Der Dreckskerl!«
Märta reagierte nicht. Die Katze, die neben ihr auf der Küchenbank lag, erhob sich gähnend, streckte die Läufe und sprang etwas ungelenk auf den Boden. Nach einem Blick in den leeren Futternapf strich sie an Artos Beinen vorbei und verschwand im Flur.
»Warum willst du ihn immer noch schützen?«, fragte Marja. »Er hat es nicht verdient. Nein, das hat er nicht. Nach allem.«
Nach allem. Märta hatte die beiden Worte gehört. Nach allem. Aber sie waren zu groß, zu schwer, als dass sie sie hätte begreifen können. Und doch musste sie darüber nachdenken, ob ihr Leben nicht verpfuscht gewesen war. Ja, verpfuscht. Von Anfang an. Das ganze lange, kurze Leben. Es war nicht das erste Mal, dass sie das dachte.
Arto hatte sie hingefahren, als sie ein paar zusätzliche Sachen holen wollte. Eigentlich hatte sie nur zwei Tage bei der Schwester verbringen wollen. Wie jedes Jahr einmal. Denn seit Arto und Matti sich verkracht hatten, kamen weder Marja noch ihr Mann auf den Hof der Nieminens. So war das seit ihrem Streit, damals auf dem Sommerfest.
Arto hatte sie hingefahren. Märta bat ihn, an der Kreuzung zu warten, wo der Zufahrtsweg zum Hof abzweigte.
»Ich werde diesmal noch ein paar Tage länger bleiben«, hatte sie Matti am Telefon gesagt.
Er hatte etwas Unverständliches gebrummt. Oder etwas, was sie gar nicht hören wollte. Dann hatte er aufgehängt.
Sie ging nun auf dem gewundenen Fahrweg durch den Wald. Dort, wo die Sonne nicht hinkam, war es feucht vom Regen der vergangenen Nacht. In der Lichtung, in der nur vereinzelte Kiefern und Birken wuchsen, stand die Hitze aber noch sommerlich brütend. Es war Mitte August, und der Zenit des Jahres war längst überschritten. Wenn sie daran dachte, dass Matti den Winter hier draußen allein würde überstehen müssen, bekam sie beinahe wieder ein schlechtes Gewissen.
Bei dem kleinen Mückentümpel blieb sie stehen. Er war vollkommen mit Entengrütze bedeckt. Von hier waren es noch hundert Meter bis zum Hof. Eine Wegbiegung und sie wäre da.
Wie nur sollte sie es Matti sagen?
Arto hatte die Scheiben heruntergelassen und im Autositz gedöst. Der Schuss hatte ihn in einem seltsamen Traum erwischt, und im ersten Augenblick wusste er nicht, ob er selber getroffen war. Er stieg aus dem Wagen und horchte. Da war nur das Summen der Insekten und ein leichter Luftzug, der durch die Bäume strich. Nicht einmal das Brummen der Hauptstraße war zu hören, weil der Wind aus der anderen Richtung kam.
Er wartete. Aber es folgten keine weiteren Schüsse mehr, dass er die Richtung hätte feststellen können, in der sich der Schütze befand. An die Jagdvorschriften hielt sich hier eh keiner. Vor die Flinte laufen sollte man hier niemandem.
Plötzlich war er unsicher, ob er sich nicht verhört hatte. Ob es nicht nur der Traum gewesen war, der ihn aufgeschreckt hatte. Schließlich ging er doch zögerlich in den Wald hinein.
Auf halbem Weg kam ihm Märta entgegen. In ihrem Gesicht stand alles, was er wissen musste. Sie sagte nichts. Sie starrte ihn nur an. Wie einen Fremden. Sie weinte nicht einmal. Das würde sie nachholen, wenn der Schock verebbte.
Er griff ihr unter den Arm und führte sie zurück zum Wagen. Gepäck hatte sie keines dabei. Er verkniff es sich, danach zu fragen. Überhaupt wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Auf der ganzen Fahrt zurück sprach keiner der beiden ein Wort.
Arto holte sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank. Zu jeder anderen Zeit hätte sich Marja mit verschränkten Armen vor ihn hingestellt. Jetzt warf sie ihm nur einen missbilligenden Blick zu. Er wusste es, ohne dass er hinschaute.
Spielte es eine Rolle, ob Märta die Wahrheit sagte? Der Alte hatte geschossen, das stritt sie nicht ab. Eigentlich genügte das.
Er riss die Lasche an der Dose auf und trank in langen Zügen. Das Bier schmeckte nicht wie sonst, dachte er, als er sich den Schaum von den Lippen wischte. Alles machte er kaputt, sein Schwager, dieses Arsch.
»Ich ruf jetzt auf dem Posten an«, sagte er zu Märta und stellte die Bierdose energisch auf den Tisch.
»Nichts wirst du«, mischte sich da überraschend Marja ein. »Das ist Frauensache, und wenn jemand anruft, dann ist das Märta selbst.«
Arto hielt sich mit beiden Händen an seinem Gürtel fest. Er versuchte, die Hose höher zu ziehen, als sei sie nicht nur wegen seines Bauchumfangs tiefer gerutscht. Und als hätte er, zu spät wieder einmal, diesen Griff der Ohnmacht realisiert, schnaubte er durch die Nase, ließ den Gurt, wo er war, und griff sich das Bier. Er stiefelte aus dem Haus. Die Tür schlug hinter ihm zu. Wenig später hörte man, wie drüben beim Schuppen die Axt wütend in die Holzkloben fuhr. Jetzt war es an Marja, die Luft hörbar auszustoßen.
»Also«, sagte sie und ließ das Abwaschwasser aus dem Trog laufen. »Wie war das nun genau? Er hat geschossen. So viel ist klar. Aber der Rest?«
Märta schwieg. Das Wasser gurgelte im Siphon. Marja rieb die matt gewordene Abdeckung aus Inox-Stahl trocken.
»Wie kam es, dass er plötzlich das Gewehr in der Hand hielt?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht«, murmelte Märta.
»Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht!«
Marjas Stimme war lauter geworden. Wenn sie an ihrer Schwester etwas hasste, dann dieses Kleinlaute. Dass sie sich so mutlos verhielt, statt die Fäuste zu ballen.
»Du bist die Einzige, die dabei war – wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht du?«
Märta hob hilflos die Schultern.
»Du bist auf den Hof gekommen«, sagte Marja. »Und dort hast du deinen Mann angetroffen. Draußen, auf dem Hof, auf der Vortreppe. Er hat auf dich gewartet. Mit dem Gewehr. Er wusste, dass du auftauchen würdest. Du hast ihn ja angerufen. Du hast ihm am Telefon mitgeteilt, dass du kommen würdest. War es so?«
Märta schüttelte den Kopf. Sie nestelte das Taschentuch aus der Schürzentasche. Als sie es endlich richtig gefaltet hatte, um die Tränen abzuwischen, hatte sie bereits vergessen, dass sie hatte weinen wollen.
»Wo hast du ihn dann getroffen?«, fragte Marja ungeduldig. »Wo befand sich Matti?«
»In der Küche«, sagte Märta. »Er saß in der Küche.«
»Beim Schnaps«, stellte Marja fest.
Ihre Stimme hatte einen verächtlichen Unterton.
»In der Küche«, wiederholte Märta.
»Beim Schnaps also«, blieb Marja hartnäckig. »Und dann sagtest du ihm, dass du ausziehen würdest.«
»Nein«, wehrte Märta ab. »Nein.«
»Nein?«
»Nein.«
»Märta!«
Märta blickte erschrocken auf.
»Sag mir die Wahrheit«, forderte Marja sie auf. »Die Wahrheit, Märta!«
»Ich wagte nicht, ihm die Wahrheit zu sagen.«
Märta flüsterte es beinahe. Marja setzte sich zu ihr und hielt ihr die zitternden Hände.
»Das glaube ich wohl. Aber wenn du es ihm nicht gesagt hast, hatte er doch auch keinen Grund, gleich das Gewehr zu holen?«
Märta schwieg.
»Märta, was hast du Matti gesagt?«, drang Marja in die Schwester, als diese keine Antwort gab.
Märta hob hilflos die Schultern.
»Wie nun also?«, fragte Marja ungeduldig.
»Er hat es erraten« sagte Märta.
»Hat er gesagt: Gib es nur zu, du willst mich verlassen – war es so Märta?«
Sie nickte.
»Du hättest es ihm sonst nicht gesagt?«
Märta schüttelte den Kopf.
»Ich wusste doch selbst nicht, ob ich das wirklich wollte.«
»Aber jetzt bist du sicher?«, wollte Marja wissen.
Märta nickte zögernd.
»Dann rufe ich jetzt bei der Polizei an«, sagte Marja, »und du erzählst Henrik Nyström, was genau vorgefallen ist.«
Märta schwieg. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet. Wie zum Gebet.
Matti
Matti hinkte über den Hof. Mit dem Stock hieb er nach den Steinen, die ihm in die Quere kamen. Das Gehen fiel ihm schwer. Die Hüften. Seit Jahren taten sie nur noch Dienst nach Vorschrift. Wäre er zum Arzt gegangen, hätte der ihm garantiert künstliche Gelenke aufgeschwatzt. Und wo das hinführte, sah er ja bei Oksanen. Der saß seither im Rollstuhl.
Er schlug nach einem weiteren Stein. Traf er nicht beim ersten Mal, so gab es keinen weiteren Versuch. Er hätte sonst stehen bleiben müssen. Und das ging ja nicht, da er sich dann auf den Stock abstützte. Am Anfang hatte er noch mitgezählt, wie manchen Stein er auf Anhieb getroffen hatte. Seit die Trefferquote stetig abnahm, hatte er es aufgegeben.
Traf der Stock, so gab der Alte ein glucksendes Geräusch von sich. Es war Arto, dem er den Hieb verpasste. Seinem Schwager, diesem falschen Hund. Und Marja. Natürlich steckte seine Schwägerin hinter allem. Sie hatte Märta so lange beackert, bis diese weich geworden war. Bis sie eingewilligt hatte in den nächsten Akt dieses Trauerspiels.
Der Hund, der neben ihm hertrottete, schielte ängstlich nach dem Stock. Der Alte beachtete ihn nicht. Er ging quer über den Vorplatz, hinüber zum leeren Hühnerhof, dessen Gehege gleich angrenzend an den Brennholzschuppen lag. Das Drahtgeflecht war an mehreren Stellen vom Rost zerfressen und hing durch. Die kotverspritzte Leiter zum Hühnerhaus war eingebrochen. Das Holz war dort schwarz und schwammig. Um das Hühnerhaus, das auf hohen Beinen wie auf Stelzen stand, wucherte ein Urwald von Brennnesseln.
Der Alte blieb stehen. Sein Stock kam zur Ruhe. Lange stierte er durch die ramponierten Drähte und zählte die Hühner ab, die der Fuchs im Lauf der Jahre an Ort und Stelle gerupft oder fortgetragen hatte. Aus Fuchsfellen hatte er sich nie etwas gemacht. Wenn er einen Fuchs geschossen hatte, oder auch einen Marder, dann hatte er die blutigen Tierkörper an die Vogelbeerbäume hinter dem Haus gehängt. Zur Abschreckung. Die Krähen hackten ihnen die Augen aus. Die Fliegen setzten ihre Brut darin ab. Erst wenn die Maden sich im verwesenden Fleisch dick und gelb ringelten und der Gestank unerträglich wurde, verscharrte er die Kadaver in der kleinen Grube am Ende des Fahrweges. Weg damit! Er wollte nichts damit zu tun haben. Was sollte er mit einem Haus voller verstaubter Fuchsschwänze?
Er machte sich eigentlich auch nichts aus Hühnern. Aber als junger Mann hatte er die Eier roh geschlürft. Und mit einem kräftigen Schluck Wodka anschließend die Speiseröhre geputzt. Da war er so richtig im Saft gewesen. Er gluckste. Im Saft war er gewesen. Mutwille und Kraft fuhren wie Stromstöße durch seinen Körper. Er fühlte sich niemandem unterlegen. Niemand! Wie auch?! Was er fühlte, war das Leben. Das Leben, das er verkörperte, er selber. Es gab Augenblicke, da bewegte er sich nahe an der Unsterblichkeit. Ja, so war das gewesen. Gewesen.
Der Husten schüttelte ihn.
Eier. Später hatte Märta die dicken Eierpfannkuchen gebacken, nach dem Rezept ihrer Großmutter. Eine Spezialität der Åland-Inseln. Er hatte sich nie satt essen können daran.
Aber irgendwann waren dann auch vom letzten Huhn nur noch ein paar schäbige Federn zurückgeblieben, und er hatte sich geweigert, ein weiteres Mal neue Hühner zu kaufen.
»Wir haben einen nichtsnutzigen Hund«, hatte er Märta beschieden. »Das reicht. Oder glaubst du, ich will auch noch alle hergelaufenen Füchse ernähren?«
Nur: Die Füchse hatten ihm das nicht abgenommen mit dem leeren Hühnerhof. Die strichen nachts trotzdem ums Haus. Was wusste dieser Nyström schon? Keine Ahnung hatte er. Zugezogen war er, nicht von hier. Stand immer auf der Seite der Frauen, auch wenn seine eigene … Aber er hatte ja wieder eine neue.
Der Alte hieb mit dem Stock auf das Drahtgeflecht, dass es schepperte. Der Hund machte erschrocken einen unbeholfenen Sprung zur Seite. Matti hatte sich mit dem Stock in den Zaunmaschen verheddert und wäre beinahe gestürzt, als er ihn endlich herausreißen konnte.
»Teufel auch!«, fluchte er.
Er war ein verdammt alter Mann geworden. Mit trüben Augen und unsicheren Beinen. Manchmal schlug diese Hilflosigkeit in ohnmächtige Wut um. Früher hätte er alles kurz und klein geschlagen. Früher. Bis wann hatte dieses früher gedauert? Seit wann konnte er nicht einmal mehr mit den Zähnen knirschen?
Und schießen? Bestenfalls in die Luft. Da lachten sich die Füchse krumm. Dabei hatte es eine Zeit gegeben, da war nichts vor ihm sicher gewesen. Da hatte er auf alles geschossen, was sich in seinem Waldrevier bewegte. Oder auch nur am falschen Ort stand. Das war vom einsamen Fliegenpilz über keifende Elstern und streunende Hunde gegangen, bis zu den mit dem Bus aus Bulgarien oder der Ukraine hergekarrten Beerenpflückern.
Der Hund winselte.
»Komm her«, sagte der Alte.
Das Tier bewegte die Ohren, blieb aber auf Distanz.
»Blödmann!«, zischte Matti.
Er schlug mit dem Stock nach ihm und schwankte. Der Hund wusste, dass er außerhalb der Reichweite des Stocks saß. Er rührte sich nicht, ließ aber den Alten nicht aus den Augen.
»Hau ab!«, brüllte Matti. »Hau ab!«
Der Hund leckte sich am haarlosen Bauch, dann trollte er sich.
»Ja, geh nur – geht nur, alle miteinander!«, schrie Matti. »Verdammtes Pack!«
Plötzlich durchfuhr ihn ein Schüttelfrost, als hätte er Fieber. Seine rechte Hand schmerzte, und als er hinsah, blutete sie noch immer.
Er ging zurück zum Haus. Auf der Vortreppe musste er sich ausruhen. Früher hatte er die drei Stufen in einem Schritt überwunden.
In der Küche lagen die Glasscherben wie kleine, glitzernde Eisstücke auf dem Tisch. In den Pfützen auf dem Wachstischtuch trieben zerquetschte Fliegen.
Matti setzte die Schnapsflasche an und schluckte, bis er husten musste. Er trug die Flasche zum Ausguss und goss den restlichen Inhalt über die blutende Hand. Vor Schmerz verzog er das Gesicht. Er sah es im Spiegel, der an der Wand hing. Alt war er geworden. Und schwach. Die Jahrringe kerbten sich immer tiefer ein. Er wusste es. Und die anderen wussten es auch. Er war verwundbar geworden. Sie bliesen zur Jagd. Jetzt hatten sie ihm Märta genommen. Das Wild war angeschossen. Glaubten sie. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihn zur Strecke bringen würden. So lautete ihre Rechnung. Sie hatten die Polizei geschickt. Das Gewehr war weg. Vom Jäger war er plötzlich zum Gejagten geworden.
Ein Zittern lief durch die verletzte Hand. Der brennende Schmerz blieb. Matti ging in die Vorratskammer und holte eine neue Flasche. Er stellte sie auf den Tisch, aber er öffnete sie nicht.
Als er zum Haus gekommen war, stand die Tür offen. Er hatte sie wohl nicht richtig geschlossen, als er mit dem Hund in den Wald gegangen war. Aber dann hörte er, dass jemand im Haus war. Aus der Schlafkammer im Obergeschoss vernahm er das quietschende Reiben von Schubladen, die aufgezogen und zugeschoben wurden. Wer kam denn auf die absurde Idee, in dieser armseligen Hütte etwas stehlen zu wollen? Beinahe hätte er laut aufgelacht bei diesem Gedanken. Nein, das war irr! Trotzdem versuchte er, sich leise zu bewegen, als er zum Schrank ging im Flur und das Gewehr hervorholte. Das Knacken, als er den Hahn spannte, durfte der Eindringling dann ruhig hören. Einen Augenblick blieb es oben ganz still.
»Bist du das, Matti?«
Es war Märtas Stimme, und im ersten Moment war er froh, dass sie es war. Er stellte das Gewehr in den Treppenaufgang.
»Was zum Teufel machst du da oben?«, fragte er, und die Erleichterung hatte sich bereits wieder verflüchtigt.
»Märta!«, rief er, weil sie nicht Antwort gab.
»Gleich«, rief sie jetzt, und er hörte, dass sie herunterkam.
»Haben sie dich rausgeschmissen?«, grinste er, als sie auf dem Treppenabsatz stehen blieb.
»Wie meinst du das?«, fragte sie.
»Na, weil du schon zurück bist.«
»Ich bleibe nicht«, sagte Märta.
Das Zittern in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
»Du bleibst nicht?«
»Nein. Ich wollte nur ein paar zusätzliche Sachen holen.«
Er sah sie scharf an. So scharf, wie das bei seinen Augen noch möglich war. Märta zuckte zusammen und wich seinem Blick aus.
Matti sah, dass sie log. Eigentlich hatte sie sagen wollen: Ich bleibe nicht länger hier. Sie hatte sich nie verstellen können, ihm gegenüber nicht und auch sonst niemandem. Ein offenes Buch war sie, eine miserable Schauspielerin.
»Du willst mich verlassen«, sagte er kalt.
Sie zuckte zusammen.
»Matti …«
»Ich weiß alles«, sagte er.
»Nein, Matti, ich …
»So weit hat dich diese Brut also gebracht«, stellte er fest. »Hetzt meine Ehefrau gegen mich auf!«
Er presste die Worte durch die Zahnstummel, dass der Speichel spritzte.
»Du verstehst das falsch«, versuchte Märta ihn zu beschwichtigen.
»Du konntest noch nie lügen«, gab er zurück.
»Es geht doch nur um ein paar Tage«, sagte Märta.
»Erzähl das deiner fürsorglichen Schwester«, zischte Matti. »Soll sie dich behalten! Vielleicht wird der Schwager noch mehr Freude an dir haben.«
»Ich bitte dich, Matti«, flehte Märta.
Ihre Stimme hatte jetzt diesen weinerlichen Ton, den Matti über alles hasste.
»Geh nur – los, geh!«, sagte er. »Hau einfach ab!«
Verängstigt versuchte sie, sich an ihm vorbeizudrücken, um zur Tür zu gelangen. Er hinderte sie nicht.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte nicht …«
»Was tut dir leid?«, brüllte er.
Sie sah, dass er nach dem Gewehr griff, und eilte zur Tür hinaus.
Matti humpelte ihr nach durch den Flur, in der einen Hand den Stock, in der anderen das Jagdgewehr.
»Dann soll es dir auch leidtun!«, schrie er ihr nach.
Als er endlich auf der Vortreppe stand, war Märta bereits in den Waldweg eingebogen. Er hob das Gewehr in die Luft und erschrak selber, als sich plötzlich ein Schuss löste.
Der Knall hatte ein Loch in den Himmel gerissen, und irgendwo war ein großer Vogel aus den Bäumen aufgeflattert.
Das Brennen in der Hand hatte etwas nachgelassen. Der Alte starrte auf die Flasche. Die Flasche glotzte ihn an. Seine Hand zuckte. Aber er hielt sich zurück. Vor wenigen Jahren noch hätte er die Flasche gegen die Wand geschmissen. Die volle Flasche. Und hätte zugesehen, wie Märta die Sauerei wortlos aufputzte. Die andere Hand, die unverletzte, war wieder unruhig geworden und ging ihrer spinnenhaften Tätigkeit nach. Aber die Fliegen waren ihr bald zu wenig. Sie hatte Lust, in etwas Größeres zu greifen, in etwas Weiches, Zartes. Sie hatte Lust, zuzudrücken und nicht mehr loszulassen, bis dieses so aufreizend Unschuldige sich nicht mehr regte. Genau das machte den Alten so fuchsteufelswild: dieses ahnungslos Unschuldige, das niemandem etwas zuleide tun konnte.
Plötzlich besann er sich auf die Kaninchenpistole. Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Kaninchen besaß er zwar schon seit Jahren nicht mehr. Aber die Waffe war noch da. Er überlegte, wo er sie hingelegt hatte. Soweit er sich erinnerte, musste sie sich in der Werkstatt befinden. In einer Schublade. Doch Schubladen gab es viele in der Werkstatt.
Ächzend stand er auf. Als er die Haustür öffnete, erhob sich der Hund, der auf der Vortreppe gelegen hatte, zog den Schwanz ein und ging dem Alten aus dem Weg.
Olli
Olli hatte das Fenster weit geöffnet. Für seine Begriffe war die Nacht richtiggehend schwül. Als ob sich die ganze Hitze des vergangenen Sommers noch in der Wohnung staute. Er hielt es jedenfalls nur in T-Shirt und Unterhose aus. Die Lautstärke des PCs hatte er leiser gestellt, damit die Nachbarschaft im Haus das Gestöhne nicht mitbekam. Reklamationen waren das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Wie immer, wenn er zu neuem Stoff gekommen war, hatte er ausgiebig gekifft. Nun fläzte er sich auf dem Sofa und sah zu, wie sie es auf dem Bildschirm miteinander trieben. Er befand sich bereits zu tief in einer Wolke von Trägheit, als dass er noch hätte Hand an sich legen können.
Rauchen, trinken, Hand an sich legen: Bei einigen Dingen pflegte er sich jeweils gewählter auszudrücken, als man ihm zugetraut hätte. Seit Irma ihn verlassen hatte, war er abgesackt. Da gab es nichts zu beschönigen. Nur die Sprechweise hatte er aufrechterhalten können. Alles andere schlitterte immer wieder gefährlich am Abgrund vorbei. Fünf Jahre war er mit Irma verlobt gewesen. Zu einer Heirat hatte er sich nie entschließen können. Weiß der Teufel, was ihn daran gehindert hatte.
Er stierte mit offenem Mund auf den Bildschirm. Ohne Stöhnen war das nichts. Er hätte aufstehen und das Fenster schließen müssen, um den Ton lauter machen zu können. Die Anstrengung lohnte sich nicht. Vielleicht war Irma auch nur gegangen, weil er sie irgendwann gefragt hatte, ob sie beim Sex nicht mal ein wenig, also richtig, also hemmungslos geil stöhnen könnte. Irma wollte nicht. Sie fand das taktlos und abstoßend. Eine Zumutung. Überhaupt: eine Schweinerei! Irma wollte nicht stöhnen. Sie wollte geheiratet werden. Das Geschäft war nicht zustande gekommen.
Natürlich hatte es nach Irma noch ein paar andere Frauen gegeben. Auch solche, die stöhnten. Schließlich war er mit siebenunddreißig noch nicht aus dem Rennen gewesen. Aber an jeder hing wieder ein unüberblickbarer Wust von Zwängen, Familie, Job und der ganze psychologische Scheiß, der seine kalten Finger um den Hals der Beziehung legte. So gab er es schließlich auf, entsagte, besann sich auf sich selber und die Vorteile des Internets, das sich per Tastendruck und Mausklick zu- oder ausschalten ließ.
Die Zeit verging. Die Tage schrumpften, die Jahre versanken in Bedeutungslosigkeit. Nun war er bereits vierundvierzig. Irma sah er ab und zu, die Stadt war ja trotz ihrer Größe provinziell geblieben. Irma war jetzt verheiratet und hatte zwei Kinder, die bereits eingeschult waren. Er ging ihr aus dem Weg. Jedes Mal wenn er sie sah, beim Einkaufen, beim Eislutschen mit den Kindern, bei einer Auseinandersetzung mit der Tochter, deren vorpubertäre Ausbrüche erste Kratzer am Familienidyll hinterließen, jedes Mal kam eine seltsame Verlegenheit über ihn. Wie etwas Peinliches, er wusste nicht, was es war. Nein, er hatte nichts verpasst, schüttelte er unwillig den Kopf. Das war es doch, was ihm das Unterbewusstsein einflüstern wollte: Du hast es vermasselt. Du allein. Das alles hättest du haben können. Deine Kinder könnten es sein, deine Frau. Sie hätten dich aus dem Sumpf herausgezogen, worin du steckst, deine Frau und deine Kinder. Du hättest die Chance gehabt, endlich so zu werden wie alle anderen. Aber du hast es nicht gepackt. Du hast es weggeworfen. Du warst zu feige, du warst zu faul!
Und wenn schon.
Er angelte nach der Bierdose, die neben dem Bildschirm auf dem Couchtisch stand. Statt sie zu fassen, stieß er sie um. Der Inhalt, zum Glück nicht mehr viel, ergoss sich über den angebissenen Rest Pizza im Karton, der vom Fett schon ganz pampig geworden war. Pampig wie sein Bauch, den er sich in den eineinhalb Jahren zugelegt hatte, seit er vom Sozialdienst lebte und keiner regelmäßigen Arbeit mehr nachging.
Olli seufzte. Seine Augen suchten nach dem Plastikbeutel mit dem betörend duftenden Gras. Vielleicht lag er hinter dem Pizzakarton. Aus seiner halb liegenden Stellung konnte er ihn nicht sehen. Jedenfalls war das Gras nicht nass geworden. Mehr konnte man vom Leben nicht verlangen. Tat er ja auch nicht.
Aber die Sache mit dem Sozialamt war schon mühsam. So mühsam, wie alles geworden war, seit er die Stelle verloren hatte. Jetzt hatten ihn auch die auf dem Arbeitsamt als kaum mehr vermittelbar eingestuft. Bei Pulkkinen & Söhne hatte er seinerzeit eine Anlehre als Maurer gemacht und anschließend im Betrieb bleiben können. Der Seniorchef, der seinen Vater kannte, hatte stets ein Auge oder zwei zugedrückt, wenn Olli, wie das quartalsweise vorkam, zu spät oder gar nicht zur Arbeit erschienen war.
»Na, Olli«, brummte er jeweils, »wieder mal über die Stränge geschlagen? Jetzt aber los, in die Hände gespuckt, wir brauchen dich!«
Und Olli hatte, beinahe militärisch stramm, die Hacken zusammengeschlagen vor so viel Großmut.
Er hatte an einigen Wohnblocks mitgebaut, die hier an der Peripherie der Stadt standen, Blocks wie der, in dem er wohnte. Keine hochstehende Architektur. Nutzbauten eben. Aber man hatte am Abend sein Tagewerk überblicken können. Stein auf Stein, sauber gepflastert. Frisch gegossene Betonpfeiler und Betondecken. Und man hatte gewusst, warum man müde war, weshalb der Rücken schmerzte. Woher die Schwielen stammten an den Händen und die grauen Spritzer im Gesicht. Auch das Bier, das verdiente, hatte anders geschmeckt.
Als der alte Pulkkinen in Pension gegangen war, hatten die Söhne den Betrieb umgekrempelt. Restrukturierung war das zugehörige Wort. Da war für ihn und ein paar andere kein Platz mehr gewesen. Primär müsse die Firma überleben, hatte es geheißen. Es tue ihnen leid, besten Dank für die geleisteten Dienste, man arbeite an einem Sozialplan. Nur wurde dann nichts daraus. Widrige Umstände. Schulterzucken. Das war‘s.
Eigentlich hatte er ja alles, was er brauchte. Das Sozialamt bezahlte die kleine Wohnung. Die Arbeit fehlte ihm irgendwann auch nicht mehr. Im Gegenteil. Er benötigte für alles plötzlich viel mehr Zeit. Die Langsamkeit hatte ihn entdeckt, die Trägheit stand ihm zur Seite, und er fragte sich, woher er früher die Zeit genommen hatte, um überhaupt zur Arbeit zu gehen.
Natürlich wäre er, wie einige ehemalige Kollegen, lieber mit einem dieser alten Ami-Schlitten herumgefahren, Spannweite drei Meter im Heck und Kotflügel so groß wie der Rumpf eines Kleinflugzeugs. Stattdessen hockte er noch immer in dem zerbeulten Volvo ohne Radkappen, der aussah wie ein zuschanden gerittenes Pferd. Wenn er durch das Quartier kurvte, blickten sich alle nach ihm um, weil der Motor röhrte, als falle gleich der Auspuff ab. Tat er aber nicht.
Manchmal fuhr er mit der Kiste nach Norden, über Asikkala und Padasjoki nach Kasiniemi, geografisch und geschichtlich zurück in die Gegend, in der er aufgewachsen war und wo der Hof der Eltern stand. Er trauerte dieser Zeit nicht nach. Er fuhr nur hin, wenn eine finanzielle Zusatzspritze unumgänglich war. Die Allgemeinheit bezahlte weder Auto noch Gras. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als bei seinen Alten vorzutraben und diese dazu zu bringen, dass sie etwas locker machten.
Taten sie aber längst nicht immer. Es kam ganz darauf an, in welcher Verfassung man den Vater antraf. Und die Verfassung hing nicht nur von dessen Gesundheitszustand ab. Der Alte war unberechenbar. Nach wie vor. Und gewalttätig. Keiner wusste das besser als Olli. Mit zunehmendem Alter war das nicht anders geworden. Aber es war immerhin einfacher, seinen physischen Attacken auszuweichen. Dafür hatte der Vater verbal noch zugelegt.
»Wenn du wenigstens anständig saufen würdest«, hatte er letzthin gesagt. »Aber diese hirnschwache Kifferei. Richtige Männer saufen! Alles andere ist Weiberzeug. Oder schwul.«
Klar: Wenn er nur gesoffen hätte, wenn er nur schwul gewesen wäre, oder auch beides zusammen, dann hätten sie ihn sogar beim Militär genommen. Aber einen, der Illegales konsumierte und auch noch damit handelte … Tat er aber schon lange nicht mehr. Nur noch Eigenbedarf. Alles andere war zu aufreibend. Er vertrug das nicht mehr. Es gab Bluthochdruck, Magengeschwüre, Gallensteine. Stress, einfach nur Stress. Hatte er alles im Internet gelesen. Er wusste zu viel. Ihm konnte keiner mehr etwas vormachen.
»Hosenscheißer!«, hatte sein Alter ihn betitelt. »Hypochonder!«
Woher er den Ausdruck hatte? Er wusste ja nicht einmal, wie man einen Computer startete. Keine Ahnung hatte er. Und als Vorbild – hach! Nur nicht so werden wie der Alte. Vielleicht lag genau darin der Schlüssel, dass er, der Sohn, aus der Rolle gefallen war.
Olli versuchte sich aufzurichten. Er wollte weder rauchen noch saufen. Genug für heute! Er war ganz einfach wütend. Wütend über den Alten, der ihn in die Welt gesetzt hatte. Wütend über die Mutter, die sich von diesem Mistkerl hatte unter die Röcke greifen lassen. Und wütend über sich selber, weil er sich wieder in geistige Turbulenzen hatte verwickeln lassen. Reine Energieverschwendung!
Und jetzt war sie dahin, die Energie. So ging es immer. Eigentlich wusste er es ja. Das machte die Wut nicht kleiner. Nicht einmal das Aufsitzen gelang noch. Das Letzte, was ihm durch den Kopf ging, bevor nach den Muskeln auch die Schaltzentrale ausfiel, war das Telefongespräch mit dem Alten. Er hatte ihn am frühen Abend angerufen, um sein Kommen für den folgenden Tag anzukünden. Und um die allgemeine Lage zu sondieren. Die allgemeine und die spezielle. Ob es überhaupt Sinn machte zu fahren. Ob es sich auch auszahlen würde.
Der Alte war nicht gerade gesprächig gewesen. Aber das war er eigentlich nie. Ausgenommen die Phasen, in denen er außer sich geriet und eine seiner Tiraden gegen alle und alles loslassen musste. Aber das umging man besser. Da war stets Vorsicht und Taktik angebracht.
»Also, dann bis morgen«, hatte er gesagt.
»Morgen«, hatte der Alte wiederholt.
Sonst hatte er nichts gesagt. Nur dieses eine Wort. Morgen. Weder fragend, noch zustimmend. Und das Seltsamste war, dass er nach einer Weile, in der beide nur in die Leitung schwiegen, noch hinzugefügt hatte: «Das musst du mit deiner Mutter ausmachen.«
Als ob die Mutter jemals etwas zu sagen gehabt hätte. Natürlich war sie es, die ihm ab und zu etwas zuschob. Heimlich, hinter Mattis Rücken. Er durfte nichts davon erfahren. Auf gar keinen Fall. Wie und wo die Mutter etwas abzweigen konnte, ohne dass es der misstrauische Alte mitbekam, blieb ihr Geheimnis.
Was sollte er denn mit der Mutter ausmachen? Matti – er brachte das Wort Vater schon lange nicht mehr über die Lippen –, wusste Matti mehr, als er preisgeben wollte? Zuzutrauen wäre es ihm. Andrerseits glaubte Olli nicht daran. Über Geld musste man mit dem Alten nicht diskutieren. Jedenfalls nicht, wenn es nicht etwas Zusätzliches einzubringen versprach.
Ollis Einwand wurde nicht mehr weitergeleitet. Der Alte hatte bereits aufgelegt.
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