Читать книгу: «Auf dem Weg in ein neues Leben»
Thomas Löffler
AUF DEM WEG IN EIN NEUES LEBEN
Als blinder Mann in der DDR
Engelsdorfer Verlag
2014
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Örtlichkeiten und Personennamen wurde verfremdet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären also rein zufällig und unbeabsichtigt.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
ISBN 9783957444851
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Erster Teil – Auf der Suche nach sich selbst
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Zweiter Teil – Der Gejagte
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Dritter Teil – Der Weg zum Ziel
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Epilog
Lesen Sie außerdem
Vorwort
Der vorliegende Roman ist die Fortsetzung von „Heimatlos – doch von Liebe getragen“, die Erzählung eines blinden Jungen aus der DDR, ein Roman mit autobiografischen Zügen.
Meike und Uwe, zwei Jugendfreunde aus einem Blindeninternat, die aufgrund der politischen Verhältnisse und der Flucht Meikes in den Westen getrennt wurden, durchleben, jeder für sich, eine Zeit voller Widersprüchlichkeiten und Anfechtungen. Die Hoffnung, eines Tages wieder vereint zu sein, wird zu einem ungeduldigen Warten, bis sich endlich eine Möglichkeit auftut, zu einem gemeinsamen Leben aufzubrechen, in dem Staatsgrenzen keine Rolle mehr spielen.
Erster Teil – Auf der Suche nach sich selbst
Kapitel 1
Nebelschwaden zogen durch die Dorfstraßen. Uwe saß auf einem Fenstersims an der Bushaltestelle. Neben ihm auf dem Gehweg stand der schwere Werkzeugkoffer. Er hasste dieses graue Wetter. Überhaupt sollte man bei dieser Witterung im Bett bleiben und den Tag verschlafen. Das Geschäft lief schlecht, und so war ihm jeder noch so kleine Auftrag wichtig. Sicher, er hatte gelernt, wie man Klaviere stimmte und Reparaturen an ihnen ausführte. Wie man für sich warb und sich verkaufte, hatte ihm jedoch niemand beigebracht. Hausmusik war in dieser Gegend nicht zu Hause.
Die Haltestelle füllte sich mit Menschen. Früh am Morgen waren die Busse meist viel zu voll. Viele Fahrgäste fuhren zum Schichtbeginn in die umliegenden Betriebe. An diesem Morgen warteten sie vergebens auf ihren Bus, was bei den meist veralteten Fahrzeugen kein Wunder war. Motor-sowie Reifenschäden waren häufig der Grund für Verspätungen oder gar Ausfälle.
Uwe rutschte vom Sims, griff nach seinem Werkzeugkoffer und löste sich aus der Menschenmenge. Langsam überquerte er die Straße und blieb unschlüssig auf dem gegenüberliegenden Fußweg stehen. Er brauchte den Auftrag. Wenn ihm dieser durch die Lappen ging, verlor der frischgebackene Klavierstimmer vielleicht über Jahre einen Kunden.
In der Nähe der Bushaltestelle stand eine Telefonzelle. Ein Versuch war es wert. Uwe öffnete seinen Werkzeugkoffer und zog die Karteikarte des heutigen Kunden heraus. Auf ihr waren, neben anderen Daten, auch die Telefonnummer und die Adresse vermerkt. Bei der Zelle angekommen, musste er feststellen, dass andere auf den Bus Wartende den gleichen Gedanken gehabt hatten. Klar, für jeden Schichtleiter war es ärgerlich, wenn seine Mitarbeiter nicht rechtzeitig zur Arbeit erschienen. Ob wegen eines defekten Verkehrsmittels oder weil jemand verschlief.
Nach einer Weile war Uwe dran. Er betrat die Telefonzelle und wählte die Nummer.
Nach einigen Rufzeichen meldete sich eine schläfrige Frauenstimme. „Ja, bitte?“
„Jäger. Guten Morgen.“
„Guten Morgen“, kam es verschlafen zurück.
„Ich bin Ihr Klavierstimmer und heute um 8:30 Uhr bei Ihnen angemeldet.“
Zunächst war es still in der Leitung. Dann hörte Uwe ein Kratzen, gefolgt von Zischen und Pfeifen. Die Deutsche Post sollte dieser Dame ein neues Telefon verpassen, dachte er.
„Es tut mir leid“, kam es endlich aus dem Hörer, „ich habe Sie ganz vergessen.“
Uwe atmete auf. Wieder mal Schwein gehabt! Trotzdem, Auftrag war Auftrag. „Wir hatten ausgemacht, dass Sie mich an der Bushaltestelle abholen würden.“
Wieder war es ruhig. Langsam wurde der Klavierstimmer ungeduldig. Es war immer dasselbe mit den Kunden.
„Sicher hole ich Sie ab“, versprach die Dame, die jetzt spürbar munter wurde.
„Ich kann allerdings nicht zur vereinbarten Zeit bei Ihnen sein“, erklärte Uwe. „Der Bus ist ausgefallen. Der nächste wäre etwa ...“ Schnell wälzte er im Kopf alle Bus- und Zugverbindungen. „Gegen 9:00 Uhr kommt der nächste Bus bei Ihnen an.“
„Das ist mir sehr lieb. Ich habe unsere Verabredung ehrlich gesagt verschlafen.“
Uwe dachte sich seinen Teil. Eine Stunde auf den nächsten Bus zu warten, war auch nicht gerade prickelnd. Vielleicht hatte die Dame ja auch morgen Zeit.
Prompt fragte sie: „Passt es Ihnen auch an einem anderen Tag?“
„Bestimmt.“ Bingo! Schnell überschlug Uwe seine Termine. „Wie wäre es mit morgen? Dieselbe Zeit wie heute?“
Wieder war es still.
Das dritte Markstück wanderte in den Schlitz. Die Kosten für das Telefonat würde er der Kundin in Rechnung stellen.
„Frau ...“ Wie hieß sie noch? Hektisch las Uwe den Namen von der Karte ab. „Frau Janek, ich stehe in einer Telefonzelle. Draußen warten einige andere, die auch telefonieren müssen.“ Wie zur Bestätigung klopfte jemand an die Glastür.
„Morgen könnte es gehen“, bestätigte Frau Janek endlich. „Ich hole Sie am Bus ab.“
„Sehr schön. Wir treffen uns also morgen.“ Der Klavierstimmer hängte den Hörer in die Gabel und verließ erleichtert die Telefonzelle.
Langsam lichtete sich der Nebel und die ersten Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg durch die Bäume. Im Grunde war Uwe der Aufschub recht. In der Werkstatt wartete eine Mechanik auf ihre Reparatur. Diese Seite seines Handwerks fiel ihm leichter. Zu Hause angekommen legte er die Kundenkarte in den Karteikasten zurück und ging in die Werkstatt. Als Werkbank diente ihm ein alter Ladentisch aus einer Verkaufsstelle. Daneben bildeten ein alter Küchenschrank für die Lagerung von Werkzeugen und andere Schränke für Materialien verschiedener Art das Mobiliar. Die Klaviermechanik, für Laien ein Wirrwarr beweglicher Teile, thronte, von Schraubzwingen gehalten, auf der Werkbank. Es war nicht viel an ihr zu tun. Uwe würde sie bald repariert haben.
Während der Leimkocher heiß wurde, saß Uwe nachdenklich auf einem wackligen Stuhl. In dieser Umgebung, die geprägt war von dem Geruch aus Heißleim und Holz, fühlte er sich heimisch. Oft dachte er, wenn er hier seine Arbeitszeit verbrachte, an die Zeit während der Berufsausbildung zurück.
Und schon waren seine Gedanken bei Meike. Sie war seine Freundin. Seit der achten Klasse waren sie miteinander gegangen, bis Meike zum Ende der Ausbildung wegen ihrer Teilnahme an der Friedensbewegung vor der Staatssicherheit in die Bundesrepublik flüchten musste. Lächelnd erinnerte sich der jetzt Zwanzigjährige an die konspirativen Treffen und Gespräche in einem Ausstellungsraum für den Biologieunterricht, in dem sie von ausgestopften Tieren umgeben gewesen waren. Und er erinnerte sich an die Trauer, die ihn nach Meikes Flucht nicht losgelassen hatte. Auch heute noch war er allein. Meikes Versprechen, dass sie auf ihn, ihren Jugendfreund, warten würde, war für ihn Verpflichtung und nährte die ständige Hoffnung auf ein Wiedersehen. Über verschlungene Kanäle hielt der junge Mann die Verbindung zu Meike aufrecht. Sie wohnte, so hatte er vor Kurzem erfahren, in einer kleinen Wohnung in Westberlin. Lange Zeit war sie arbeitslos gewesen, bis eine Firma sie als Schreibtechnikerin einstellte. Das junge Paar sann geduldig auf eine Möglichkeit, sich wiederzusehen.
Das Geräusch des siedenden Wassers im Leimtopf holte Uwe in die Wirklichkeit zurück. Es galt, drei zerbrochene Hammerstiele durch neue zu ersetzen. Für diese Arbeit war Feingefühl oberstes Gebot. Gerade wollte er das Ende eines Holzstabes mittels eines Pinsels mit Leim bestreichen, als das Wandtelefon klingelte. Fluchend legte Uwe den Pinsel beiseite und verringerte die Wärmezufuhr des Leimtopfes.
„Jäger“, meldete er sich missgestimmt.
„Hallo Uwe. Hier ist Dieter. Störe ich gerade?“
„Ehrlich gesagt ja. Der Leimkocher ist heiß. Wenn ich nicht aufpasse, brennt mir der Leim an.“
„Es dauert nicht lange“, beschwichtigte Dieter seinen Freund.
Uwe schaltete den Kocher ab und setzte sich auf die Kante seiner Werkbank. „Na, dann schieß los.“ In seinem Inneren wusste er, dass es ein längeres Gespräch werden konnte.
„Kannst du heute Abend mit zur Bandprobe kommen?“, eröffnete Dieter das Gespräch.
„Braucht ihr die Technik?“
„Heute findet die Generalprobe für Sonntag statt. Du solltest als Techniker schon dabei sein.“
„Das ist selbstverständlich. Wann fangt ihr an?“
„Um 19:00 Uhr.“
Uwe überlegte. Er musste in zwei Stunden bei einem Kunden im Nachbardorf sein. Diese Arbeit durfte er nicht aufschieben. „Ich versuche, zur rechten Zeit bei euch zu sein. Ich habe vorher noch einen äußerst wichtigen Auftrag. Den Kunden darf ich auf keinen Fall vertagen.“
„Versuche bitte pünktlich zu sein. Wir brauchen dich.“
Uwe grinste. „Ihr braucht doch wohl eher die Technik als mich! Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Die Mechanik soll so bald wie möglich fertig sein.“
„Alles klar“, antwortete Dieter. „Ich habe auch noch etwas zu tun.“
Aufatmend legte Uwe den Hörer auf die Gabel und wandte sich seiner Arbeit zu. Ärgerlich registrierte er, dass der Heißleim wieder hart und der Stiel unbrauchbar war. Uwe legte die Utensilien beiseite und verließ die Werkstatt.
Kapitel 2
In seiner Wohnung setzte sich der Klavierstimmer an den Schreibtisch und nahm sich einige Kundenkarten der nächsten Tage vor. Murrend registrierte er, dass bei dem Klavier von Frau Hegemann neben der eigentlichen Stimmung zwei Saiten aufgesetzt werden mussten. Eine Basssaite hatte er in der letzten Woche bei der Spinnerei bestellt. Uwe griff nach seinem Telefonbuch und suchte die Nummer der Klavierfabrik heraus. Denen wollte er Dampf machen. Nach einigen Rufzeichen meldete sich die Telefonzentrale der Fabrik.
„Bitte verbinden Sie mich mit der Spinnerei“, bat Uwe die Telefonistin.
„Lehmann“, meldete sich nach langem Warten eine tiefe Stimme.
„Hier ist Jäger in Niederschönach. Ich habe bei Ihnen vor drei Wochen eine Basssaite bestellt. Als Muster habe ich Ihnen die gerissene Saite geschickt. Können Sie mir sagen, wann ich mit der Lieferung rechnen kann?“
„Der Auftrag liegt noch in der Spinnerei“, antwortete der Kollege.
„Seit drei Wochen?“
„Sie sind nicht unser einziger Kunde.“
Seinen Unmut zurückhaltend fragte Uwe: „Was sage ich meiner Kundin, wenn ich ohne ihre Basssaite aufkreuze?“
„Das ist Ihr Problem. Wir schicken die Ware morgen raus.“
Ohne ein weiteres Wort legte Uwe den Hörer auf, spannte die Karteikarte von Frau Hegemann in seine Blindenschriftmaschine und schrieb eine Notiz. Zur Not muss ich der Kundin einen neuen Termin geben, dachte er. Aber das hat noch Zeit. Der Termin ist erst übermorgen. Heute habe ich nur eine normale Stimmung zu machen.
In Uwes Gedanken hinein klingelte das Telefon.
„Jäger.“
„Hier ist Wolfgang.“
„Hallo Wolfgang. Was gibt es? Ich habe zu tun.“
„Es geht um die Freizeit.“
„Welche Freizeit meinst du? Ich nehme an mehreren teil.“
Der Gesprächspartner überging die Frage und sagte: „Darf ich dich in den nächsten Tagen einmal besuchen?“
„Kommt auf den Zeitpunkt an.“
„So schnell wie möglich.“
Uwe zog den Terminkalender zu sich heran und blätterte die nächsten Termine durch. „Morgen Nachmittag hätte ich Zeit. Dann erst wieder am Wochenende.“
„Mir wäre es lieb, wenn wir uns morgen treffen“, antwortete Wolfgang.
„Um 17:00 Uhr“, schlug Uwe vor.
„In Ordnung. Ich bin pünktlich bei dir.“ Wolfgang unterbrach die Verbindung.
Nachdenklich hielt Uwe den Hörer in der Hand. Welche Freizeit hatte Wolfgang gemeint? Der Jugendwart lud Uwe oft zu Wochenendfreizeiten ein. Es gab aber auch zwei größere Freizeiten – eine in Berlin, und die andere ... Uwe lief ein Schauer über den Rücken. Sollte es um die Berliner Freizeit gehen? Bei dieser handelte es sich um ein Ost-West-Treffen.
Kapitel 3
Hastig zog Uwe eine Schublade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr ein Bündel Briefe. Alle trugen eine Potsdamer Adresse als Absender. Nur ein Brief – der zuunterst liegende – trug weder Absende-noch Empfängeradresse. Uwe hatte ihn in der Vergangenheit immer und immer wieder gelesen. Dieser Brief gab ihm Hoffnung. Auch jetzt legte er das Blatt Papier vor sich auf die Schreibtischplatte. Durch das viele Lesen waren die Punkte stark abgegriffen.
Liebster Uwe, wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, ist meine Flucht gelungen und ich bin in Sicherheit. Bitte habe Vertrauen zu mir und lasse dich nicht zu Impulsivhandungen hinreißen. Beende in Ruhe deine Ausbildung, damit du, wo auch immer, einen guten Start hast. Bitte vertraue mir. Ich warte auf dich, und wenn es Jahre dauert. Sei bis dahin behütet und getröstet.
Deine Meike.
Uwe stützte das Kinn auf seine Hände und verfiel in Erinnerungen. Vor seinem inneren Auge erschien eine Bank, umgeben von Büschen und Kastanienbäumen. Dies war sein Rückzugsort gewesen, wenn er die Einsamkeit gesucht hatte. Nur seine Freundin Meike kannte diesen Platz und hatte ihn oft mit ihrem Jugendfreund geteilt. Die Szene wechselte. Uwe sah sich in einem Raum, gefüllt mit ausgestopften Tieren für den Biologieunterricht. Herr Steinert, Uwes ehemaliger Klassenlehrer, gab ihm einen Brief von Meike – den ersten von vielen. Langsam kehrten die Gedanken des jungen Mannes in die Gegenwart zurück. Vorsichtig steckte er den Brief zurück ins Bündel und zog wahllos einen anderen heraus. Seit Uwe und Meike im Briefwechsel standen, verwendete seine Freundin vorsichtshalber eine andere Anrede. So hieß Uwe in den Briefen Peter, und Meike nannte sich Karin. Für den Schriftwechsel benutzten beide eine Deckadresse in Potsdam.
Lieber Peter, ich habe es geschafft. Vorige Woche bekam ich vom Arbeitsamt die Nachricht, dass in einem kleinen Betrieb eine Stelle für eine Schreibkraft frei wird. Ich bewarb mich sofort und wurde angenommen. Nun werde ich auch bald genug Geld haben, um mir eine bessere Wohnung leisten zu können. Meine Kollegen sind sehr nett zu mir.
Lieben Gruß
Karin
Uwes Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es höchste Zeit war, sich auf seinen nächsten Kunden vorzubereiten. Schnell schob er den Brief ins Bündel zurück und zog den Karteikasten zu sich heran. Die Eintragungen für die heutige Kundschaft betrafen nur eine einfache Stimmung. Dafür reichte das Grundwerkzeug. Uwe brauchte sich daher nicht erst mit dem Zusammensuchen von Material und Spezialwerkzeug aufzuhalten. Bis zur Bandprobe würde er es trotzdem kaum schaffen. Der Klavierstimmer schob die Karteikarte des Kunden in die Außenseite des Werkzeugkoffers. Pfeifend verließ er die kleine Wohnung und lenkte seine Schritte Richtung Bahnhof. Die Eisenbahn war, außer in den Wintermonaten, zuverlässiger als Busse. Kurz darauf durchschritt Uwe die Bahnhofshalle und stand schließlich auf dem Bahnsteig.
„Hallo Uwe.“
Der Angesprochene drehte sich zur Seite. Er erkannte die Stimme von Rico, dem Leiter der jungen Gemeinde.
„Hast du in den nächsten Tagen etwas Zeit?“
Uwe überlegte. Am nächsten Vormittag hatte er den Termin mit Frau Janek, die eigentlich heute dran gewesen wäre. Nachmittags wollte er die Mechanik fertig machen. Dann kam auch noch Wolfgang. Schließlich entschied er: „Morgen Abend ab 18:00 Uhr ist es möglich.“
Rico zog seinen Terminkalender zu Rate. „Da kann ich auch.“
Uwe hörte das Signal einer sich in Bahnhofsnähe schließenden Schranke. „Um was geht es denn?“
„Wir müssen über Berlin nachdenken.“
Uwe fiel das Telefonat mit Wolfgang ein und er erzählte Rico davon. „Eigentlich passt mir der Termin mit Wolfgang gar nicht“, schimpfte er. „Wenn morgen die Reparatur nicht fertig wird, steigt mir mein Kunde aufs Dach.“
„Du kannst doch das Gespräch auf 18:00 Uhr verschieben“, schlug Rico vor. „Dann kann ich gleich dabei sein. Ich weiß zwar nicht, um was es bei Wolfgang geht, kann mir aber vorstellen, dass er ein ähnliches Anliegen hat wie ich.“
Von ferne hörte Uwe den Zug, der sich dem Bahnhof näherte. Er hob seinen Werkzeugkoffer auf. „Das ist keine schlechte Idee. Ich rufe ihn nachher von zu Hause aus an.“
„Soll ich dir beim Einsteigen helfen?“
Uwes Antwort ging im Quietschen des haltenden Zuges unter. Er brauchte nur eine Station zu fahren und blieb, nachdem er eingestiegen war, gleich am Ausstieg stehen.
Rico verabschiedete sich und verschwand im Abteil.
Kapitel 4
Eine halbe Stunde später stand der Klavierstimmer am Hauseingang und suchte das Klingelbrett. Er hasste diese Eingänge. Bei den neu gebauten Häusern fiel alles aus dem Rahmen. Selbst die Lage der Klingelknöpfe war nicht genormt. Zum Glück wusste Uwe die Etage, in der sein Kunde wohnte.
„Ja, bitte!“, ertönte, nachdem er endlich die richtige Klingel gefunden hatte, eine heisere Stimme aus einem verzerrt klingenden Lautsprecher.
„Der Klavierstimmer ist da.“
„Wer?“
„Ich bin Uwe Jäger und möchte Ihr Klavier stimmen. Wir hatten uns für heute verabredet.“
„Sind Sie wirklich der Klavierstimmer? Sie könnten auch ein Einbrecher sein.“
Uwe fluchte leise. Herr Weinreiter gehörte zu den anstrengenden Kunden. „Ja, ich bin es“, sagte er schließlich.
Ein Kollege hatte Uwe von Weinreiters Klavier erzählt. Demnach war es kein Instrument, sondern eine Krankheit. Es stand an einer kalten und nassen Außenwand, was dazu führte, dass die Stimmung nie lange hielt. Außerdem waren Stimmstock und Resonanzboden gerissen. Alles in allem ein Albtraum von einem Klavier. Ein Etwas aus Holz, Metallfedern und Stahlsaiten, dem man nach getaner Arbeit gern den Rücken kehrte.
Der elektrische Türöffner ertönte und die Glastür sprang auf. In der vierten Etage traf Uwe auf einen schmächtigen Mann, der die Mitte des Lebens schon weit überschritten hatte.
Uwe fragte: „Sie sind Herr Weinreiter?“
Die Frage überhörend, entgegnete der andere: „Sie sind Herr Jäger?“
„So ist es. Ich bin der, der Ihrem Klavier die richtigen Töne beibringen möchte.“
Wie ein Fels in der Brandung stand das alte Männlein im Türrahmen. Uwe dachte: Habe ich heute nur solche ausgebrannten Typen? Die eine verschläft den Termin und der andere lässt mich nicht an meinen Arbeitsplatz. Der Mann passt in diese Gegend wie ein Elefant auf den Nordpol.
Endlich trat Herr Weinreiter zur Seite und bedeutete Uwe, in die Wohnung zu kommen.
Dieser setzte einen Schritt über die Schwelle und stieß sich schmerzhaft an einem Schrank, der schräg in den Eingang ragte. Uwe rieb sich seine linke Seite.
„Oh, haben Sie sich wehgetan?“
„Nicht der Rede wert. Wenn Sie mir nun Ihr Klavier zeigen würden.“
„Es steht im Wohnzimmer. Ach ja, Sie sind ja blind. Ich führe Sie.“
Jetzt hat er es begriffen, dachte Uwe. Im Zimmer angekommen, geleitete Herr Weinreiter seinen Gast zu einem mit Kratzern übersäten Piano. Der Deckel hatte einen längs verlaufenden Riss und die linke Seite war durch die von der Wand kommenden Feuchtigkeit gequollen. Die linke vordere Rolle fehlte. Stattdessen hatte jemand ein Stück Holz unter das Instrument geschoben. Uwe stellte seinen Werkzeugkoffer ab, klappte den Deckel nach hinten und hob die Frontplatte aus dem Holzrahmen. „Auf diesem Klavier hat wohl schon Karl der Große gespielt?“ Uwe musste sich ein Grinsen verkneifen.
Der Besitzer verstand den Witz nicht. „Oh ja“, antwortete er stattdessen. „Mein Vater Karl spielte sehr gern darauf.“
„Soso, der Herr Papa also“, knurrte Uwe in sich hinein. Ist es also doch neuer, als ich dachte. Uwe zog sich den altersschwachen Klavierhocker heran und begann mit seiner Arbeit. Die Wirbel drehten sich viel zu leicht und jeder Ton wurde von einem Klirren begleitet, das von dem gerissenen Resonanzboden herzurühren schien.
Herr Weinreiter beobachtete jeden von Uwes Handgriffen interessiert. Als Uwe aufatmend den Stimmschlüssel vom letzten Wirbel zog, fragte der alte Mann: „Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“
„Nein danke. Ich muss noch zu einem anderen Kunden“, sagte Uwe. Diese Ausrede kam nicht zum ersten Mal über seine Lippen. Nur weg hier, dachte er.
„Für eine Tasse Kaffee ist immer Zeit“, entgegnete der Hausherr und führte Uwe zu einer Sitzecke. „Wissen Sie, ich spiele nicht auf diesem Klavier. Meine Frau war die Musikbegeisterte in der Familie.“
„War?“
„Sie ist vor einem halben Jahr gestorben.“
Uwe kannte das. Anderthalb bis zwei Stunden Klavier stimmen und anschließend mindestens zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen Seelentröster sein. Er setzte sich in einen stark abgewetzten Sessel. „Das tut mir leid.“
Nach langem Schweigen fuhr Herr Weinreiter fort: „Sie wollte immer, dass ihr Klavier gut gestimmt ist. Sie spielte den ganzen Tag. Manchmal nervte mich das. Jetzt vermisse ich ihr Spiel.“
Uwe war nicht zum Seelentröster geboren. Und auf Probleme der Kunden, die niemanden zum Reden hatten, war er in der Ausbildung nicht vorbereitet worden. „War Ihre Frau Pianistin?“, fragte er.
„Nein. Das Klavierspielen war ihr Hobby. Sie möchte bestimmt, dass ihr Lieblingsinstrument auch heute noch gut gestimmt ist.“
Ein Glück, dachte der Klavierstimmer, habe ich nichts über die Sinnlosigkeit der Arbeit an diesem Kasten gesagt. Das Instrument ist Teil der Erinnerungen an seine Frau. Uwe dachte über den alten Mann nach. So abweisend, wie dieser ihn empfangen hatte, konnte er sich nicht vorstellen, was in ihm vorging. Sicher vermisste er seine Frau sehr. „Ich bin davon überzeugt, dass es Ihrer Frau gefallen würde, wenn sie jetzt vor einem gestimmten Klavier sitzen würde.“
Herr Weinreiter sah seinem Gast in die Augen. „Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“
Uwe war diese Frage unangenehm. Dennoch antwortete er. „Ja, ich glaube daran.“
Eine Weile war es wieder still im Raum. Der Gastgeber stand auf, ging zum Klavier, schlug einen Ton an und flüsterte: „Ich glaube nicht nur an ein Leben nach dem Tod. Ich weiß, dass es eines gibt. Und ...“ Er unterbrach sich selbst, ging langsam zur Sitzecke zurück, legte seine schwielige Hand auf Uwes Schulter und sagte, jedes Wort betonend: „Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Frau uns jetzt sieht.“
Uwe mochte dem alten Mann nicht sagen, dass niemand so etwas wissen konnte. Schließlich war noch kein Verstorbener zurückgekommen. Stattdessen entgegnete er: „Ganz bestimmt tut sie das.“
Der alte Mann nahm seine Hand von Uwes Schulter und setzte sich auf ein knarrendes Sofa. „Sie wollen jetzt bestimmt weiter. Ich möchte Sie nicht aufhalten.“ Lange war es still im Raum. Nur das Ticken einer großen Standuhr war zu vernehmen. „Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann. Nur ein Bild.“ Wieder stand er auf. Von einem Beistelltisch nahm er ein gerahmtes Foto und legte es Uwe in die Hand. „Schauen Sie ...“ Mitten im Satz hielt er inne. „Entschuldigen Sie! Sie können es ja gar nicht sehen. Das ist unser Hochzeitsbild. – Von der goldenen Hochzeit“, setzte er ergänzend hinzu und nahm Uwe das Bild wieder ab. Behutsam, als wäre es zerbrechlich, stellte Herr Weinreiter es auf den Tisch zurück und nahm stattdessen die dicke Kerze in die Hand, die ihren Platz neben dem Bild hatte. Dann setzte er sich wieder Uwe gegenüber.
„Auch mit Bildern kann man sich unterhalten“, sagte Uwe vorsichtig.
Versonnen erwiderte der Alte: „Ja. Und wenn man ganz still ist, hört man sogar eine Antwort.“
„Sind es Antworten, die Sie sich wünschen?“
Uwes Gegenüber lachte laut auf. „Nicht immer. Manchmal streiten wir uns auch.“ Er legte Uwe die Kerze in die Hand.
Dieser befühlte sie von allen Seiten und erkannte reliefartige Verzierungen.
Mit Stolz in der Stimme sagte Herr Weinreiter: „Meine Frau hat diese Kerze selbst beklebt.“
Uwe lächelte. „Ich muss jetzt wirklich aufbrechen“, erklärte er und gab seinem Kunden die Kerze zurück. „Rufen Sie mich an, wenn ich Ihr Klavier wieder stimmen soll. Ich komme gern.“
„Was bekommen Sie für Ihre Arbeit?“
Uwe winkte ab. Er konnte von diesem Mann kein Geld verlangen! „Wir regeln das beim nächsten Mal“, entgegnete er.
Später, im Zug, dachte er noch lange über den alten Herrn nach. Wie verbittert musste dieser sein, dass er am Anfang so ablehnend gegenüber Uwe gewesen war. Rührte vielleicht daher seine Einsamkeit?
Kapitel 5
Missmutig schaute Meike aus dem Fenster in den strömenden Regen hinaus. Den Weg zur Firma schaffte sie in zwanzig Minuten. Bei Regen jedoch schien er ihr doppelt so lang. In einer Stunde musste sie los. Auf dem Wohnzimmertisch lag die Post vom Vortag. Zwischen Reklame und Rechnungen fand Meike einen Brief in Blindenschrift. Sie hatte nur einen Brieffreund, und dieser wohnte in der DDR. Ungeduldig öffnete sie den Umschlag und zog ein Blatt heraus. Uwe war nicht gerade der Schreibfreudigste. Leicht glitten ihre Finger über die Zeilen.
Hallo Karin,
vielen Dank für deine lieben Zeilen. Unsere Brieffreundschaft bedeutet mir sehr viel.
Meike hielt im Lesen inne. Warum mussten die Briefe, die sie sich schrieben, immer so neutral klingen? Sogar einen anderen Namen mussten sie verwenden. Sie hoffte, dass dies alles bald der Vergangenheit angehören würde.
Vor einigen Tagen war ich bei einem älteren Herrn, um ein Klavier zu stimmen. Zuerst wirkte er sehr verschlossen, ja er war mir gegenüber sogar ablehnend. Der Mann ist sehr einsam. Nur für seine verstorbene Frau lässt er das Instrument, das wirklich nur noch für den Schrottplatz taugt, stimmen. Ich denke oft über ihn nach.
Der arme Uwe, dachte Meike. Er ist selbst hypersensibel und soll anderen ein Seelsorger sein. Vielleicht gerade deshalb.
Meine Gedanken sind oft bei meiner Freundin.
Ich hoffe doch stark, dass er mich meint! Die junge Frau grinste.
Unsere Bandprobe ist total schiefgelaufen. Überdies haben der Bassgitarrist, eine Sängerin und der Schlagzeuger angekündigt, die Band zu verlassen. Ich muss jetzt los. Später kommen zwei Bekannte zu Besuch. Wir wollen den nächsten Urlaub besprechen.
Es grüßt dich Peter
Schweren Herzens steckte Meike Uwes Brief in den Umschlag zurück. Ein drittes Mal stand ein Wechsel der Deckadresse bevor. Das wäre die Gelegenheit, Peter in Uwe und Karin in Meike umzutaufen.
Das Klingeln des Telefons weckte sie aus ihren Träumen. Ohne sich zu beeilen, ging Meike zu einem kleinen Schränkchen, auf dem ein schwarzes Telefon stand. Kurz angebunden meldete sie sich: „Zieling.“
„Was ist denn mit dir los?“ An der Frage erkannte Meike ihre Kollegin.
„Petra, du bist es. Ich dachte, es wäre Bernd. Der nervt zurzeit mal wieder. Er kann einfach nicht begreifen, dass ich ihn nur als Kumpel will.“
„Ist es dir recht, wenn ich dich zur Arbeit abhole? Es gießt wie aus Kannen.“
„Das wäre sehr schön.“
„Ich komme in einer halben Stunde vorbei.“
Kaum hatte Meike aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. „Was ist noch?“
„Na, na, na, Meike, gehst du immer so mit deinen Anrufern um?“
Die Frau lachte: „Hans du bist es. Ich dachte, meine Kollegin wollte noch etwas. Sie rief mich gerade an und holt mich in einer halben Stunde zur Arbeit ab.“
„Ich habe Nachricht von drüben bekommen.“
Meike lief ein Schauer über den Rücken. „Ist was passiert? Was ist mit Uwe?“
„Beruhige dich. Ihm ist nichts passiert. Es geht um die Freizeit mit den Ostdeutschen.“
Die junge Frau atmete tief durch. Der Kontakt zwischen ihr und ihrem Freund konnte den staatlichen Stellen auf Dauer nicht verborgen bleiben. Ein wenig ruhiger fragte sie: „Konntet ihr euch auf einen Zeitraum einigen? Ich muss rechtzeitig Urlaub einreichen.“
„Dann plane die erste Woche im Juli ein.“
„Weißt du, ob Uwe kommt?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Es ist durchaus möglich, dass ihm davon abgeraten wird. Die Überwachung ist so stark, dass es sich auf das Treffen auswirken könnte, wenn Uwe daran teilnimmt. Niemand darf wissen, dass ihr in Kontakt steht.“
„Hans, ich sehne mich so nach ihm. Seit meiner Flucht haben wir uns nur Briefe geschrieben.“
„Das glaube ich dir. Du darfst aber nicht vergessen, dass es anderen ähnlich geht. Heute Abend wollen sich ein paar Jugendliche bei mir treffen. Dabei geht es um die Freizeit in Ostberlin. Wenn du möchtest, kannst du gern dabei sein.“
„Ich komme auf alle Fälle vorbei.“
„Es geht um 20:00 Uhr los. Halt den Kopf oben.“
Lange noch hielt Meike den Hörer in der Hand. Vier Monate waren es noch bis Juli. Wie würde sie Uwe gegenübertreten, falls sie sich trafen? War er noch der, den sie so liebte? Meike erschrak. War ihr Jugendfreund aus dem Internat in Oberlensbach überhaupt noch allein? Wartete er auf sie, so wie sie auf ihn wartete? Sie gab die Hoffnung nicht auf. Damit traf sie bei ihren Altersgenossen, vor allem bei Männern, die sich für sie interessierten, auf Unverständnis. Wie konnte sie auf einen Ostdeutschen, vielleicht sogar einen Kommunisten, warten? Der jungen Frau taten diese Vorurteile weh. Dennoch hielt sie an der Hoffnung fest, Uwe wiederzusehen, vielleicht sogar irgendwann ihr Leben mit ihm zu teilen. Zurück in die DDR konnte sie nicht. Im Westen angekommen hatte Meike ihre Mitarbeit in der Friedensbewegung fortgesetzt. Daher galt für sie bis auf Weiteres das Einreiseverbot. Oft kamen ihr Zweifel an der Richtigkeit des von ihr eingeschlagenen Weges. Meike war gegen die Aufrüstung in Ost und West. Deshalb hatte sie sich zum Ende der Berufsausbildung in Oberlensbach der ostdeutschen Friedensbewegung angeschlossen. Aufgrund eines Verrats war die Gruppe aufgeflogen und Meike war durch ihre Flucht in den Westen der Verhaftung entgangen. Sie hatte dabei die Trennung von Uwe in Kauf genommen. Seit dieser Zeit fühlte sich die junge Frau ihrem Freund gegenüber schuldig. Seinetwegen wies sie Männer ab und zog sich immer mehr zurück. Die neue Arbeitsstelle gab ihr die nötige Zuversicht. Nach anfänglichen Vorurteilen der Kollegen gegen sie als Ostdeutsche fühlte sich Meike inzwischen vom Team angenommen. Endlich legte sie den Hörer auf und fing an, sich für das Büro fertigzumachen.
„Wir müssen alles genau planen“, sagte Hans Timmroth am gleichen Abend zu seinen jugendlichen Gästen. Diese saßen in seinem kleinen Wohnzimmer auf Kissen und Matratzen. „In den VW-Bus der Kirchgemeinde passen mit Fahrer neun Mann. Somit könnten wir die ganze Gruppe unterbringen.“
Eine junge Frau von zwanzig Jahren meldete sich zu Wort. „Darf Meike mitfahren?“
„Ich gehe davon aus. Ihr Einreiseverbot bezieht sich nicht auf Tagesfahrten nach Ostberlin. Ich treffe mich bald mit dem Leiter der ostdeutschen Gruppe, um ein gemeinsames Programm aufzustellen.“
Günther, der stets im Hintergrund blieb, fragte vorsichtig: „Bleiben wir die ganze Woche drüben?“
Verneinend schüttelte Hans den Kopf. „Wir müssen jeden Abend zurück und fahren morgens wieder nach Ostberlin.“
Meike beschlich eine leise Trauer. Sie beherrschte sich und blieb still.
„Wenn ihr Vorschläge zum Programm habt, könnt ihr sie selbstverständlich anbringen. Ich bin für alles offen.“ Hans beendete den offiziellen Teil des Treffens.
Langsam löste sich die Gruppe auf. Meike nahm den weißen Langstock vom Haken und schickte sich an, die Wohnung zu verlassen.
An der Tür wurde sie von Hans zurückgehalten. „Hast du noch etwas Zeit?“
Meike zögerte: „Ich muss morgen zeitig aufstehen.“
Ohne darauf einzugehen, sagte ihr Gegenüber: „Ich fahre am Wochenende nach Ostberlin.“
Meike versuchte sich zu beherrschen. Zunächst hatte diese Ankündigung für sie keine Bedeutung. Hans fuhr oft in den Osten.
Nach langem Schweigen räusperte sich ihr Gesprächspartner. „Ich könnte dich mitnehmen.“
Das Mädchen hüllte sich weiter in Schweigen. Sollten die langen Jahre des Wartens bald ein Ende haben?
Hans ahnte, was in Meike vorging. Noch war die Katze nicht aus dem Sack. Vorsichtig fuhr er fort: „Ich habe in der Katharinengemeinde zu tun.“
Langsam richtete sich Meike auf. „Ist das nicht unsere Partnergemeinde?“
„Genau. Ende der Woche hat dort ein gewisser Klavierstimmer namens Jäger einen Termin.“
Endlich hielt es Meike nicht mehr auf ihrem Platz. Aufgeregt fragte sie: „Meinst du Uwe Jäger?“
Der Angesprochene schwieg.
„Nun sag doch was! Ist es Uwe?“
Kapitel 6
Nägel kauend saß Uwe vor dem Fernseher. An diesem Nachmittag lief die Handlung scheinbar ohne Spannung an ihm vorbei. Der Grund für seine Aufregung war ein dringender Auftrag eines Mitarbeiters der Katharinengemeinde in Berlin. Sein Name war Engelmann. Warum tat dieser so wichtig? Sicher, die Gemeinde gehörte zu Uwes Stammkunden, galt aber der großen Entfernung wegen zu den schwierigsten. Zögernd stand Uwe vom Fernsehsessel auf, ging zum Schreibtisch in der Ecke und zog den letzten Brief von Meike aus dem Stapel auf der Schreibtischplatte. Langsam glitten seine Finger über die Punkte.
Hallo Peter, gern möchte ich dir ein paar Zeilen schreiben. Viel Aufregendes gibt es nicht zu berichten. In der Firma finden personelle Umstrukturierungen statt. Ich bin zum Glück davon nicht betroffen. Meine Nachbarin hat sich einen Hund zugelegt. Der bellt den ganzen Tag. Magst du Hunde? Ich möchte mir gern einen Blindenführhund anschaffen. Leider ist meine Wohnung zu klein dafür.
Liebe Grüße
Karin
Uwe konnte hinter diesen wenigen Zeilen nichts Geheimnisvolles entdecken. Er las sie ein zweites und ein drittes Mal. Auch der vorletzte Brief enthielt keine versteckten Nachrichten. Also legte er die Briefe wieder weg.
Es war wohl besser, überlegte er, den Auftrag als wichtig einzustufen. Uwe suchte die Karteikarte der Katharinengemeinde aus dem Kasten. Neben den Standardangaben des Kunden hatte er darauf auch einige Informationen notiert, die die Instrumente betrafen. Beim Lesen musste er schmunzeln.
- Gemeindesaal: kalt, ein Piano, Tasten gequollen und rostige Saiten.
- Musikzimmer: ein Piano, Brötchen in der Mechanik, Mäusedreck und Mottenfraß. Dämpferabhebestange zum Pedal gebrochen.
- Frau Lippert: Gussrahmen gerissen.
Dieser Dame musste Uwe endlich klarmachen, dass ihr Instrument auf den Schrott gehörte. Und dann war da noch Herr Heimstätter. Er war der Kantor dieser Gemeinde. Der bildete sich ein, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Uwe mochte diese Art von Kunden nicht.
Er griff sich die Notizen, die er während des letzten Telefonats gemacht hatte. Da stand es klar und deutlich: Die Berliner wollten offenbar seinen Unmut heraufbeschwören. Der Gemeindesaal und das kleine Zimmer nebenan waren wieder mal dran. Uwe rang die Hände. Die Kiste im Musikzimmer bedurfte einer Grundreinigung. Fest stand, dass beide Instrumente an einem Tag nicht zu schaffen waren. Zudem litt Uwe unter einer Hausstauballergie. Aus diesem Grund lehnte er Grundreinigungen meist ab. In Berlin kam er aber wohl nicht drum herum. Mottenfraß bedeutete, dass unter anderem die Filzscheiben unter den Tasten erneuert werden mussten. Die standen auf der Bestellliste und waren noch nicht verfügbar. Uwe atmete auf. Der Kelch ging also noch einmal an ihm vorbei. Ihm blieb der Gemeindesaal. Schlimm genug!
Uwe wollte gerade die Karte in den Karteikasten zurücklegen, als er in der Bewegung innehielt. Er erinnerte sich daran, vor einigen Wochen vorsorglich einen Satz Filzscheiben bestellt zu haben. Er ließ die Karte auf die Schreibtischplatte fallen und verließ die Wohnung Richtung Werkstatt. Tatsächlich lag ein neuer Satz in einem seiner Materialkästen. Sogar einen Satz Papier- und Pappscheiben fand er.
Uwe ging zum Telefon und wählte die Nummer der Katharinengemeinde.
Am anderen Ende meldete sich eine etwas schläfrig wirkende Frauenstimme. „Pfarramt der Katharinengemeinde.“
„Guten Tag. Hier ist Uwe Jäger, Ihr Klavierstimmer.“
Die Dame wirkte plötzlich hellwach. „Sie möchten sicher Herrn Engelmann sprechen.“
„Ja“, bestätigte der Angesprochene. Er hörte, wie der Hörer zur Seite gelegt wurde.
Nach einer Weile ließ sich eine freundliche Männerstimme vernehmen. „Sie sprechen mit Fritz Engelmann.“
„Hier ist Uwe Jäger, Ihr Klavierstimmer“, wiederholte dieser.
„Ich freue mich, dass Sie anrufen.“
„Sie baten um einen dringenden Termin?“
„Ja. Wir brauchen Sie unbedingt, und möglichst noch vor nächster Woche, für zwei Klaviere.“
„Um welche Instrumente handelt es sich?“
„Um die beiden im Gemeindesaal und im Musikzimmer.“
Uwe grinste. Dachte ich es mir doch. Die Kleinen wollen singen, schmeißen aber vorher alte Brötchen in die Mechanik. „So schnell geht das nicht“, sagte er. Meinen Notizen nach zu urteilen benötigt das Instrument eine Grundreinigung. Außerdem liegt Mottenfraß vor. Sie könnten es vorläufig gegen ein anderes austauschen. In einem der anderen Zimmer steht doch noch ein Klavier, wenn ich mich recht erinnere.“
„Das wird auch gebraucht. Nächste Woche ist eine Singefreizeit. Und dann ist da noch eine andere Sache ...“ Herr Engelmann hielt inne und kam zu seinem eigentlichen Anliegen zurück. „Herr Jäger, könnten Sie morgen kommen?“
„Wenn es so dringend ist, dann muss es wohl sein. Ich habe zum Glück bis zum Wochenende nur einen Auftrag, den ich deswegen verschieben muss. Ich bin dann, wie immer, im Laufe des Vormittags bei Ihnen.“
„Wir würden uns sehr freuen.“
„Sie sprachen von einer anderen Sache?“ Die Andeutung seines Gesprächspartners hatte Uwe neugierig gemacht.
„Das ... das ist nicht so wichtig“, druckste Herr Engelmann herum. „Wir unterhalten uns darüber, wenn Sie bei uns sind. Wie lange werden Sie brauchen?“
„Bei dem Klavier mit Reinigen und Stimmen etwa sieben Stunden.“
„Das wären also zwei Übernachtungen“, überlegte der Anrufer.
„Wenn ich morgen nach der Ankunft gleich mit der Reinigung beginne, brauche ich nur eine Übernachtung.“ Nachdem Uwe den Hörer aufgelegt hatte, begann er damit, das nötige Material und sein Werkzeug zusammenzupacken. Rechtzeitig fiel ihm noch eine beim letzten Mal gerissene Saite ein. Also mussten neben dem Stimmwerkzeug, Filz- und Pappscheiben auch noch Saitendraht in verschiedenen Stärken, Mikrometerschraube, Saitenschneider, Aufsetzeisen und Rundzange in den Werkzeugkoffer. Dieser gehörte samt Schlafsack und Wechselwäsche zur Standardausrüstung für weite Geschäftsfahrten.
Plötzlich hielt Uwe beim Packen inne. Er hatte das Treffen mit Rico und Wolfgang vergessen. Die mussten bald auf der Matte stehen. Schnell stopfte er den Schlafsack in seinen Rucksack und stellte diesen neben den Werkzeugkoffer in den kleinen Vorraum. Kurze Zeit später klingelte es an der Tür. Rico und Wolfgang kamen zusammen und stürmten gut gelaunt in Uwes kleine Wohnung.
Wolfgang sah sich um. „Das sieht ja wüst aus bei dir. Fährst du weg?“
„Ich habe morgen Kundschaft in Berlin.“
Rico und Wolfgang tauschten verständnisvolle Blicke.
Rico fragte: „Ist es wieder die Katharinengemeinde?“
„Ja“, bestätigte Uwe. „Ich habe jetzt schon die Schnauze voll.“
Wolfgang nahm die von seinem Gastgeber gereichte Flasche Bier entgegen. Rico hielt sich wie immer an Mineralwasser und Uwe öffnete für sich eine Klubkola.
Wolfgang nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche, stellte sie auf einem Beistelltisch ab und lehnte sich zurück. „Womit wir beim Thema wären“, eröffnete er die kleine Versammlung. „Zufälligerweise findet die Ost-West-Freizeit in der Katharinengemeinde statt. Du, Uwe, bist demnach sozusagen unsere Vorhut. Ich gehe von einem Termin Anfang Juli aus. Wir haben also noch etwas Zeit.“
Rico räusperte sich vernehmlich. „Laufen die Vorbereitungen in Gemeinschaftsarbeit oder brät jede Seite ihre Extrawurst?“
„Ich treffe mich Anfang Mai mit meinem Jugendwartkollegen in Ostberlin. Bis dahin sollten wir uns schon Gedanken gemacht haben.“
„Nur wir drei?“, fragte Uwe vorsichtig.
„Natürlich nicht“, wehrte Wolfgang ab. „Ich habe vor, Jürgen und Sven mit ins Boot zu holen. Der Rahmen steht so weit fest.“
Uwe tat verständnislos: „Was meinst du damit?“
„Ganz einfach“, erklärte der Jugendwart. „Das Treffen dauert eine Woche. Wir Ostdeutschen werden in der Katharinengemeinde untergebracht. Wie, das ist deren Angelegenheit. Die Westdeutschen kommen morgens von Westberlin herüber und müssen abends wieder zurück.“
Bei den Anwesenden trat betretenes Schweigen ein. Rico fing sich als Erster wieder: „Das ... das geht nicht anders?“
„Was fragst du mich? Ich kann nichts für das System. Die Vermutung liegt nahe, dass die staatlichen Stellen auf diese Weise unsere Zusammenkunft torpedieren wollen.“
„Na gut“, schloss Uwe das leidige Thema ab. „Wie Wolfgang schon sagte, können wir nichts dagegen unternehmen.“ In seinem Kopf arbeitete es. Wenn die Westdeutschen jeden Abend zurückfuhren, würde vielleicht bei der letzten Fahrt die Kontrolle schlampiger verlaufen oder überhaupt nicht stattfinden. Wäre das seine Chance?
„Mehr können wir heute Abend nicht klären“, meinte Wolfgang. „Ich setze euch über die nächsten Schritte in Kenntnis.“
Kapitel 7
In Berlin angekommen, stand Uwe vor einem Klavier, welches schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er säuberte sich gewohnheitsgemäß mit einem Schraubenzieher die Fingernägel und überlegte, wie er den Herrschaften beibringen konnte, dass das Instrument auf den Schrott gehörte. Nicht nur die Filzscheiben unter den Tasten waren den Motten zum Opfer gefallen, sondern auch andere Filze in der Mechanik. Zudem lagen wieder alte Brötchen zwischen den Saiten. Um dies zu erkennen, hatte der Klavierstimmer fünf Stunden Bahnfahrt auf sich genommen. Nun, das würde er der Gemeinde in Rechnung stellen. Zudem kamen noch der Wochenend- und der Erschwerniszuschlag.
Die Tür öffnete sich und Frau Kannegießer erschien im Zimmer. „Na, geht es voran?“
Uwe antwortete leicht verärgert: „Sehen Sie sich diese Schweinerei an.“ Mit dem Schraubenzieher deutete er ins Innere des Pianos.
Frau Kannegießer trat näher. „Das ist doch Mäusedreck“, sagte sie angewidert. „Und was sind das für Krümel?“
„Reste von Filzteilen, die die Motten übrig gelassen haben. Ich kann Ihnen noch mehr zeigen.“ Uwe zog eine Gabel und vertrocknete Brötchen aus dem Inneren der Mechanik. „Ich möchte nicht wissen, was unter den Tasten verborgen liegt. Es geht ja noch weiter.“ Er zog die Holzplatte unter der Tastatur heraus, worauf ihm eine zerbrochene Holzstange entgegenfiel. „Wollen Sie noch mehr sehen? Ich weigere mich, diesen Schrott zu reinigen.“
„Wir brauchen das Instrument aber!“, stöhnte Frau Kannegießer.
„Das glaube ich Ihnen“, antwortete Uwe, nun etwas ruhiger. „Das Reinigen ist noch das kleinere Übel. Sie werden keinen Klavierbauer finden, der den Kasten repariert.“ Mit diesen Worten wies der junge Klavierstimmer auf die von Motten zerfressenen Hämmerchen. „Zur Not kann ich das Klavier stimmen, das ist aber auch alles.“
Frau Kannegießer atmete erleichtert auf. „Das ist erst mal die Hauptsache.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.
Undank ist der Helden Lohn, dachte Uwe und öffnete den Werkzeugkoffer.
„Ist Herr Jäger schon eingetroffen?“, fragte Herr Engelmann Frau Kannegießer, die etwas angesäuert den Raum betrat.
„Ja.“
Wo ist er jetzt?“
„Im Musikzimmer. Er regt sich wegen des Klaviers auf.“
„Mit Recht“, meinte Herr Engelmann. Der hochgewachsene, etwas schlaksig wirkende Mann saß auf einer Tischkante und spielte mit einem Kugelschreiber. „Ich wollte wegen etwas anderem mit Ihnen reden.“
„Wegen der Westdeutschen?“
Herr Engelmann nickte bestätigend. Er rutschte von der Tischkante und lief im Raum auf und ab. „Ein Herr ... Herr ...“ Der Mann ging zu einem kleinen Schreibtisch und wühlte in einem Schubfach. Endlich fand er das Gesuchte. Auf einem dicht beschriebenen Blatt Papier las er den Namen ab. „Ein Herr Steinert aus Oberlensbach gibt uns morgen die Ehre.“
„Hängt das mit der Zieling zusammen?“
„Vermutlich. Ich wurde nur gebeten, Herrn Jäger wegen eines oder zwei der Klaviere zu bestellen.“
„Was hat Herr Steinert damit zu tun?“, fragte Frau Kannegießer.
„Soviel ich weiß, ist er ein ehemaliger Lehrer von Herrn Jäger.“
„Und was hat die Westdeutsche damit zu tun?“
„Das weiß ich ebenso wenig wie Sie. Ich soll nur den Klavierstimmer nach Berlin holen. Irgendwie hängt die Frau mit drin.“
„Übernachtet er wieder im Gästehaus?“, fragte Frau Kannegießer.
„Er schläft doch jedes Mal dort, wenn es nötig ist. Ich schau mal nach ihm.“ Eiligen Schrittes verließ Herr Engelmann den Raum. Zwei Türen weiter betrat er leise das Musikzimmer.
Inmitten von herausgenommenen Tasten saß Uwe, mit einem Lappen Taste für Taste säubernd, auf dem Fußboden. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er den Gemeindehelfer erst wahrnahm, als dieser neben ihm stand.
Erstaunt blickte dieser auf das Durcheinander von Tasten, alten Lappen und neu aussehenden Filzscheiben. „Sie geben sich aber viel Mühe mit diesem Schrotthaufen.“
„Ich gebe mein Bestes“, knurrte Uwe. „Morgen werde ich Schnupfen haben.“
„Sind Sie Allergiker?“
„Leider. Deswegen nehme ich eigentlich keine Reinigungen mehr an.“
„Das hätten Sie uns sagen müssen.“
Uwe lachte: „Ich werde es überstehen.“
Herr Engelmann hockte sich neben dem Klavierstimmer auf den Boden. Nach einer Weile fragte er zögernd: „Kennen Sie einen Herrn Steinert?“
Vor Schreck ließ Uwe eine Taste fallen. „Er war mein Klassenlehrer.“
„Er kommt morgen Vormittag.“
„Ist deswegen Ihr Auftrag so dringend?“
„Nicht nur. Wir brauchen vor allem das Klavier im Gemeinderaum.“
Der Schrotthaufen hier ist dann wohl Beschäftigungstherapie, dachte Uwe. „Was möchte Herr Steinert von mir?“, fragte er.
„Das weiß ich selbst nicht.“
Uwe beschloss, die Frage vorerst auf sich beruhen zu lassen. Er nahm den Lappen, putzte die restlichen Tasten und setzte sie in die Klaviatur ein. „Ich möchte die Reinigung heute noch schaffen, sodass ich morgen für den Gemeindesaal Zeit habe.“
Nach einer Weile überließ Herr Engelmann den Techniker sich selbst und verließ den Raum.
Die geplante Ankunft Steinerts hatte Uwe aus dem Konzept gebracht. Das alles fand er sehr sonderbar. Aus welchem Grund interessierte sich sein ehemaliger Schullehrer zwei Jahre nach Abschluss der Berufsausbildung für ihn? Das letzte Mal hatte er ihn getroffen, um Meikes ersten Brief abzuholen. Meike? Sollte das Ganze doch mit ihr zusammenhängen? In ihren letzten Briefen hatte nichts darüber gestanden. Ruhelos lief Uwe durch den Raum. Konnte es sein, dass sie hier war? Bestimmt nicht. Sie hatte ein Einreiseverbot. Doch galt dies auch für Berlin? Hatte vielleicht das ewige Warten bald ein Ende?
Später, in seinem Gästezimmer, wollte der Schlaf nicht kommen. Lange wälzte sich Uwe in seinem Bett hin und her. Sicher machte er sich umsonst Hoffnung. Dass Herr Steinert in Berlin war, brauchte nicht zwangsläufig mit Meike zusammenzuhängen. Uwe stand auf und holte etwas aus seiner Tasche. Es war ein kleines Abzeichen, auf dem Schwerter zu Flugscharen abgebildet waren. Aus der Erinnerung heraus hörte er die Stimme seiner Freundin: „Ich möchte, dass du ein Andenken von mir hast. Schwerter zu Pflugscharen, das Symbol der Friedensbewegung. Es wird uns verbinden, bis wir uns wiedersehen.“
Uwe hielt das Abzeichen in der Hand. Seine Gedanken gingen, wie so oft, in die Vergangenheit zurück. Er sah sich mit seiner Schulfreundin an den verschiedensten Orten in der Blindenanstalt. Das Mädchen war sein Ruhepol, seine Zuflucht gewesen. Beide hatten Mobbing und Brutalität überstanden, nur um aufgrund der politischen Umstände auseinandergerissen zu werden. Meike sehnte sich nach einer Welt ohne Waffen und hatte in der Friedensbewegung für ihre Idee gekämpft. Zuletzt hatte es für sie nur die Flucht in den Westen gegeben. Uwe erschrak. Wie würde es sein, wenn er und Meike sich gegenüberstanden? Hatte ihre Liebe der zeitlichen und räumlichen Entfernung standgehalten? Würden sie sich wiedererkennen? Würden ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten sie einander entfremden? War es nur eine Jugendliebe gewesen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war? Den jungen Mann überfiel auf einmal große Angst. Schließlich gab er sich einen Ruck. Uwe wollte nicht mehr nur der Brieffreund namens Peter sein.
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