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Todesluft
Impressum
Personenregister
Prolog
Ankunft
Das verzauberte Schloss
Eine Begegnung bei Mohnkuchen
Der geheimnisvolle Graf
Abgestürzt
Das heimliche Liebespaar
Der Hof auf dem Berg
Die Dunkelgräfin
Die Residenzen
Das Erbe des Grafen
Das Medaillon
Eine folgenreiche Entdeckung
Der Tote aus der Saale
Ein König wird gemacht
Die verschwundene Frau
Das Geschenk des Königs
Der Irrtum eines Idealisten
Die unsichtbare Spur
Georg und Radegundis
Das Geheimnis des Dr. Rahmstein
Irrlichter
Linthdorfs Pfingsten
Epilog
Über den Autor
Thomas L. Viernau
Todesluft
Linthdorfs 4. Fall
Kriminalroman
XOXO Verlag
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96752-014-9
E-Book-ISBN: 978-3-96752-514-4
© 2020 XOXO Verlag
Umschlaggestaltung: Grit Richter
Coverbild: Thomas L. Viernau
Buchsatz:
Alfons Th. Seeboth
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
XOXO Verlag ein IMPRINT
der EISERMANN MEDIA GMBH
Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle im Roman vorkommenden Personen sind rein fiktiv. Sollte es zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen geben, so ist das nicht beabsichtigt.
Personenregister
Ermittler:
KHK Theo Linthdorf, Ermittler beim Landeskriminalamt Potsdam,
zur Zeit außer Dienst, Kuraufenthalt in Thüringen
KHK Thiele, Ermittler bei der Kripo von Suhl
KOK Heilmann, Ermittler bei der Kripo von Suhl
Weitere ermittelnde Personen - Hobbydetektive:
Tom Hainkel, Journalist aus Schmalkalden
Angela Zeimitzsch, Mitarbeiterin der Thüringer Schlösserstiftung in Rudolstadt
Mitarbeiter der Thüringer Schlösserstiftung:
Dr. Winfried Rahmstein, Leiter der Stiftung bis November 2006
Dr. Knobbrich, Leiter der Stiftung seit November 2006
Dr. Konrad Hildebrandt, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Bruno Rübsam, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Eberhard Wulff, freiberuflicher Mitarbeiter
Dr. Milena Dragovic, freiberufliche Mitarbeiterin
Ursula Baumert, freiberufliche Mitarbeiterin
Weitere wichtige Personen:
Uwe-Hagen Dornberger, Künstler vom Tannenhof
Monsieur Blaireau und Madame Renard, zwei belgische Touristen
Die Rabenauer Schulkameraden
Zwei Ufologen vom Dolmar, die keine sind
Dr. Olaf Beutelspieß, Museumsmitarbeiter auf der Wilhelmsburg in Schmalkalden
Alfred Motschbach, Archivleiter auf Schloss Friedenstein in Gotha
Dr. Waldemar Bommerwalder, Museumsleiter auf Schloss Elisabethenburg in Meiningen
Gerti Schellenberger, Museumsleiterin auf Schloss Bertholdsburg in Schleusingen
Joachim Schaffenberger, Museumsleiter des Kyffhäuser-Museums
Iris Siegelblatt, Museumsmitarbeiterin auf Schloss Schwarzburg
Historische Persönlichkeiten:
Der Dunkelgraf
Die Dunkelgräfin
Alois Kühner, Pfarrer in Eishausen
Michel Palzfinger, ein dubioser Mensch, auf der Flucht
Weitere historische Persönlichkeiten:
Diverse Herzöge und Fürsten der Thüringer Länder
Alle im Roman vorkommenden Personen sind rein fiktiv. Sollte es zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen geben, so ist das nicht beabsichtigt.
Im Herzen Deutschlands liegt ein ausgedehntes Ländergebiet, das gesegnete Fluren, blühende Städte, mäandrische Flüsse, ein hohes, höchst romantisches Waldgebirge umfasst und große, geschichtliche Erinnerungen bewahrt. Vor alten Zeiten war dieses Ländergebiet ein Königreich und hieß Thüringen. Sein Königtum versank in den Fluten des Zeitenstroms, das Land ward geteilt und zerrissen, es wurde vieler Herren Länder daraus, aber der alte Name blieb und lebt unaustilgbar fort.
Ludwig Bechstein

Thüringen ist und bleibt … mir der liebste Strich in Deutschland. Es ist so etwas Heimisches, Befreundetes in dem Boden; wie ein alter herzlicher Jugendfreund heißt er den Wandrer willkommen. Wenn man durch die freudenleere Leipziger Fläche sich müde und matt hindurchgearbeitet hat, dann empfängt den Pilger das freundliche Land mit seinen tausendfach wechselnden Reizen. Die Natur entfaltet sich mit jedem Schritt immer reicher, kühner, üppiger. Ich sagte Dir schon, die Bäume bekämen ein ganz andres Grün, so wie man Thüringens Boden betritt. Herrliche Berge krönen das Land mit unverwüstlichen Wäldern; romantische Gründe laden zu fröhlichem Lebensgenuss; kühne gigantische Felsen predigen mit ewiger Begeisterung die Allmacht der Natur und enthüllen auf kolossalen Blättern die urälteste Geschichte der Erde und das tiefe Wunder ihrer ewigen Metamorphose.
Über dem ganzen Lande schwebt der Geist der Vorzeit noch mit hörbarem Flügelschlag und mit prophetischen Stimmen; das Werk der Gewaltigen ist nicht dahin, in himmelanstrebende Bäume und Felsen ist es aufgegangen, aus den schauervollen Ruinen redet noch Heldenkraft und Ritterliebe in vernehmlichen Tönen. Manche Quadratmeile Thüringer Boden ist mehr wert, ist denkwürdiger, als die ganze Mark Brandenburg samt Pommerland.
Friedrich Gottlob Wetzel
Prolog
Rudolstadt
Montag, 27. November 2006
Das Wochenende war viel zu schnell vergangen. Der Mann, der sich gerade vor dem Spiegel kämmte, hatte einen flüchtigen Blick über den Spiegel nach hinten geworfen. Da lag sie, schön wie von Gott geschaffen. Weiße Haut, samtig weich, die blonden Haare wie eine Aureole um den Kopf, die Augen, die sonst immer etwas skeptisch blickten, waren noch geschlossen.
Seufzend riss er sich von dem friedlichen Bild los. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Noch zwei Stunden bis zum Wochenbeginn. Um neun Uhr wurde er bereits zu einem ersten Termin erwartet. Oben auf dem Schloss. So nannte er kurz seine Arbeitsstätte.
Einfach das Schloss.
Es war ja auch wirklich ein Schloss, und was für eins. Eines der größten in Thüringen. Wenn man noch dazu wusste, dass die Erbauer dieses Monstrums gerade mal über ein Ländchen verfügten, nicht größer als ein Drittel Luxemburgs, dann kam man schon ins Grübeln.
Heutzutage, da war er sich ganz sicher, wäre so ein gewaltiger Profanbau unmöglich. Die Prioritäten hatten sich gewandelt. Es gab neue Renommierstücke, um zu punkten. Superschnelle Autobahnen, Flughäfen, gewagte Brückenkonstruktionen, naja, alles eben immer dem Funktionalen unterworfen.
Ein Blick nach draußen genügte, um die Stimmung zu dämpfen. Strömender Novemberregen hatte seit zwei Wochen die gesamte Natur mit seinen Wassermassen gepiesackt. Die Saale war zu einem schmutzig braunen Strom angeschwollen. Nichts erinnerte bei ihrem Anblick mehr an den klaren, friedlichen Fluss des letzten Sommers. Überall waren riesige Pfützen entstanden. Das Erdreich war wasserdurchtränkt, gesättigt von den Regenmassen, konnte kein Wasser mehr aufnehmen. Auch die Straßen waren zu glitschigen Schleuderbahnen geworden. Die Nachttemperaturen lagen manchmal schon unter Null.
Der Weg hinauf zum Schloss, eigentlich eine nette Fitnessübung, mutierte zu einem Schlammparcours. Sollte er wirklich?
Sein Haus lag direkt am Fuß des Schlossbergs. Normalerweise lief er den kleinen Weg mit den eingebauten Treppen täglich hinauf. Es waren nur fünf Minuten. Er sah auf seine frischgeputzten Schuhe und entschied sich, doch den Wagen zu nehmen. Das dauerte auch nicht länger, obwohl die Straße hinauf in ein paar großen Kurven weit ausholen musste.
Der Wagen parkte glücklicherweise direkt vorm Haus. Schnell war er im Wagen, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und betätigte den Hebel für die Scheibenwischeranlage. Das Wasser lief in kleinen Sturzbächen vom Dach.
Der Montagmorgen hatte erst begonnen, war noch im trüben Dämmerlicht des Novembertags gefangen. Die Straßenlaternen verbreiteten ihr diffuses Licht, dass sich auf dem dunkel schimmernden Asphalt brach und helle Flecken erzeugte. Kaum eine Menschenseele war unterwegs. Die Stadt schlief noch.
Er mochte diese frühe Zeit, die blaue Stunde des Übergangs. Sie hatte etwas Magisches. Keine Nacht mehr, aber noch nicht Tag. Die Gedanken über die blaue Stunde sollten seine letzten normalen Gedanken sein. Gerade als er seinen Wagen auf dem weitläufigen Schlosshof parkte, löste sich ein dunkler Schatten von der lichtabgewandten Seite des Flügels.
Nur wenige Sekunden brauchte der Schatten, bis er dem Mann, der umständlich seinen Mantel und Regenschirm aus dem Wagen holte, präzise eine Injektionsspritze in den Hals rammte. Die Spritze war mit nichts gefüllt.
Es war Luft, was er dem Mann mit großer Kraft in die Halsschlagader injizierte. Die Kanüle war dünn, unter 0,6 Millimeter, das spürte man kaum. Ein winziger Schmerz nur. So schnell er die Injektion gesetzt hatte, so schnell zog er die Nadel auch wieder heraus. Es gab nicht mal einen Blutstropfen, der an der winzig kleinen Eintrittswunde austreten konnte. Der Kanal war einfach zu klein.
Der soeben noch vital wirkende Mann wandte sich um. Der Schatten verschwand wieder im diffusen Licht der Laternen, wurde eins mit der Fassade.
Am Fenster des beleuchteten Nordflügels waren für einen kurzen Moment die Silhouetten zweier Männer zu sehen, die den Vorfall beobachteten.
Etwas war geschehen.
Er spürte es.
Sein Herz, sein Herz …, es begann unruhig zu schlagen. Irgendetwas bewegte sich in seinem Inneren auf das unruhig schlagende Herz zu. Als ob es ahnte, dass es damit nicht fertig werden würde. Es waren fünfzehn Milliliter Luft, komprimiert in kleinen Bläschen, die sich ihren Weg durch die Blutbahnen suchten.
Nach wenigen Sekunden brach der Mann einfach zusammen. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Es sah aus wie ein natürlicher Schwächeanfall. Noch eine ganze Stunde würde vergehen, bis der Mann gefunden wurde.
Zu spät für Wiederbelebungsmaßnahmen. Seine Körpertemperatur war bei dem kühlen Novemberwetter bereits zu weit abgesunken. Das Blut kam zum Stillstand, keine Pumpe war mehr da, dass es in die entlegensten Winkel seines Körpers schickte. Der Mann war tot.
Ankunft
Määi schätze onse Geest sähr hooch, doch Hüts unn Broate höcher nooch. Bääi so enn gute Sonntichsässe tutt me de trurich Ziet vergässe.
Spruch auf einem Liebensteiner Notgeldschein von 1921
Bad Liebenstein
Mittwoch, 2. Mai 2007

Die Reise war, abgesehen von der kleinen Verspätung und dem zweimaligen Umsteigen, angenehm. Linthdorf war schon lange keine Bahn mehr gefahren. Als passionierter Autofahrer waren für ihn die Straßen die wichtigsten Verkehrsadern. Doch jetzt musste er mit dem Zug fahren, besser gesagt mit drei verschiedenen Zügen. Damit verbunden ein dauerndes Treppauf-Treppab in den Bahnhöfen, die ihn gar nicht mehr an Bahnhöfe, sondern eher an Einkaufszentren mit Gleisen erinnerten.
Seinen geliebten SuV musste er in Berlin lassen. Striktes Fahrverbot seitens der Ärzteschaft. Er solle sich erst einmal regenerieren und dann sähe man weiter …
Apathisch nahm er dieses Statement der Götter in Weiß entgegen. Es nutzte sowieso nichts dagegen zu rebellieren. Streng, aber höflich wurde ihm stets bedeutet, dass er gerade dem Tod von der Schippe gesprungen sei und mit der Aussicht, in Bälde wieder ein vollkommen genesener Mensch zu sein, er sich doch gefälligst an die Vorgaben der Mediziner zu halten habe.
Linthdorf seufzte. Natürlich, sie hatten ja recht. Mit einem Hinterwandinfarkt war nicht zu spaßen.
Vier Wochen lag er im Krankenhaus, vier lange Wochen, gefesselt ans Bett, angeschlossen an diverse Schläuche und Maschinen, die seinen Herzschlag, den Blutkreislauf und die Atmung kontrollierten. Anfangs kam er sich wie in einem surrealistischen Film von Bunuel vor. Alles wiederholte sich und die gerade durchlebten Situationen wurden immer realitätsfremder. Doch irgendwann nach ein paar Tagen hatte er sich mit der traurigen Tatsache abgefunden, dass er selbst es war, der jetzt im Krankenbett lag und dem Klang der Maschinen lauschte. Schmerzhafte Erinnerungen an die Wochen vor Weihnachten wurden wieder wach.
Louise …, seine arme Louise. Nun war sie tot, lag unter der Erde in einem Sarg aus Eschenholz. Jeder Gedanke an sie bereitete ihm Schmerzen, sein Herz war gebrochen.
Der Infarkt war nach den Turbulenzen des Jahreswechsels fast eine logische Folge. Louises Tod, der Skandal, der fast die halbe Landesregierung zum Rücktritt zwang, die grausamen Morde an den Arkadiern, Krespels Selbstmord und die Verstrickungen seiner eigenen Behörde in die Affaire – alles zusammengenommen etwas zu viel für ein einzelnes Herz.
Linhdorfs Herz, bereits angeschlagen durch die beiden großen Ermittlungen im alten Jahr, schlug immer heftiger, pochte schmerzhafter, umso mehr die Vorfälle ihn persönlich trafen.
Er wollte es sich nicht eingestehen, aber es schien so, als ob die Ermittlungen ihn jedes Mal mehr überwältigten, gleich den großen Wellen am Strand. Sie brachen über ihm, schütteten Unmengen von Wasser aus, so dass man kaum Zeit zum Atmen bekam und nach wenigen Sekunden entlud sich der nächste Brecher.
Die Nixenmorde, allesamt im Winter des vergangenen Jahres begangen, hatten ihn schon stark in Mitleidenschaft gezogen, im Herbst die Vorgänge um das Gut Lankenhorst, die mit der unseligen Verfolgungsjagd in den leerstehenden Gebäuden der Geistersiedlung Bogensee endeten und die ihm die gerade beginnende Hoffnung auf ein persönliches Glück, eben seine Louise, auf brutale Weise nahmen, waren eigentlich schon genug.
Doch was sich dann zum Jahreswechsel ereignete, raubte ihm den Rest der noch verbliebenen Energie.
Linthdorf war leergebrannt, völlig am Boden. Nur mit äußerster Anstrengung konnte er die Ermittlungen zu Ende führen. Dann kam der Crash. Erst im Krankenhaus spürte er, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Plötzlich war er ein alter Mann geworden, schwach, schlapp, antriebslos.
Er vegetierte die ersten Wochen vor sich hin, stierte an die Decke seines Krankenzimmers, registrierte kaum, wenn jemand kam und fühlte sich vollkommen überflüssig.
Nach und nach kamen die Lebensgeister wieder zurück. Die Ärzteschaft hatte den Infarkt als Folge einer totalen physischen und psychischen Erschöpfung diagnostiziert. Was er denn vom Beruf sei?
Ach, Kriminalist, dann wäre das ja kein Wunder …
Auf alle Fälle würde eine Kur das Richtige sein, um ihn wieder arbeitsfähig … und überhaupt, es wäre fraglich, ob er nach diesem schweren Infarkt noch in dem Beruf arbeiten könne.
Linthdorf musste schlucken, als er die Prognose gesagt bekam. Was sollte er sonst machen? Invalidenrentner? Mit 47 Jahren? Jeden Tag Enten füttern gehen? Sich mit anderen Rentnern und Versehrten auf Parkbänken treffen?
Etwas ratlos war er schon. Dann kam eine freundliche Dame mit mütterlichen Zügen zu ihm, strahlte ihn an und eröffnete ihm, dass er zu einer sechswöchigen Kur ins thüringische Bad Liebenstein fahren solle. Das wäre wohl so etwas wie ein Sechser im Lotto. Also, die Luft in Thüringen, die sei ja noch so was von rein und sauerstoffhaltig, das spüre man sogar auf der Zunge. Die Lungen würden da ganz anders arbeiten, und das Herz, ja, das wäre dankbar für jeden Atemzug mit dem die gute Thüringer Luft in den Körper ströme.
Kur wäre ja nicht gleich Kur, also da gäbe es gewaltige Unterschiede. Aber Bad Liebenstein in Thüringen, also das wäre doch schon etwas Besseres.
Ob er denn schon einmal davon gehört habe?
Nein, ach wie schade. Naja, sie habe auf alle Fälle ein paar bunte Prospekte mitgebracht, da könne er sich schon einmal vertraut machen. Also, das wäre mehr ein Urlaub denn eine Kur!
Mein Gott, was für ein Glück, denn Bad Liebenstein liege im grünen Herzen Deutschlands, im wunderschönen Thüringen …
Linthdorf verband mit dem Bundesland Thüringen nicht viel. Er wusste, dass es existierte, mehr auch nicht. Selten hatte er mit Kollegen aus Thüringen zu tun, so gut wie nie war er dort unterwegs. Einmal, erinnerte er sich, war er zu einer Fachtagung in Erfurt, der thüringischen Hauptstadt. Aber von der Stadt hatte er damals nicht viel mitbekommen. Außerdem war das schon viele Jahre her.
Noch im Krankenhaus blätterte er lustlos in den bunten Faltblättchen und Prospekten, die ihm von der mütterlichen Dame überlassen worden waren.
Fachwerkhäuser vor sattgrünen Bergen, darüber ein makellos blauer Himmel, Täler mit tiefblauen Flüssen, Eichhörnchen und Spechte, Hirsche und Rehe und riesige Barockschlösser, alte Burgen und Ruinen. Verwirrend viele Städtenamen, die ihm allesamt irgendwie bekannt vorkamen, mit denen er jedoch keine Bilder assoziieren konnte.
Weimar, Gotha, Jena, Arnstadt, Rudolstadt, Gera, Meiningen, Mühlhausen, Saalfeld, Altenburg, Nordhausen, Greiz, Schleiz, Suhl … Mein Gott, wer sollte sich da denn zurechtfinden!
Ein Prospekt warb mit der besonderen Thüringer Luft. Es war der Thüringer Heilbäderverband, der die Wirkung der Bergluft auf den Körper erforscht hatte:
»Luft, das unsichtbare Lebenselixier … Das milde Mittelgebirgsklima Thüringens zeichnet sich durch deutlich abgeschwächte Höhenreiz- und Strahlungsfaktoren aus. Das Waldklima ist therapeutisch von großer Bedeutung, da es besondere Schonfaktoren besitzt …« Linthdorf musste gähnen und legte den informativen Prospekt zur Seite.
Und wo lag nun Bad Liebenstein? Er zog eine Landkarte zu Rate. Bad Liebenstein war nicht groß, ein klassisches Kurstädtchen im westlichen Thüringer Wald, unweit der Städte Eisenach und Schmalkalden.
Er würde dort in einem der berühmten Sanatorien, die auf Herzleiden spezialisiert seien, einen Platz bekommen. Aber erst müsse er wieder auf die Beine kommen. Linthdorf verbrachte den Januar und den Februar im Krankenhaus. Mühsam erholte er sich von den Folgen des Infarkts. Mühsam waren die ersten Schritte, mühsam war sein Aufbruch ins neue Leben.
Physisch war er inzwischen wieder recht gut wiederhergestellt, sein Seelenleben jedoch … Aber das ging niemanden etwas an, damit musste er allein klarkommen. Wem auch sollte er von seinen Ängsten und Nöten berichten? Bisher war es ja immer so, dass alle anderen mit ihren Problemen zu ihm kamen.
Nun war er also angekommen. Es war genau wie in dem bunten Hochglanzprospekt. Bad Liebenstein empfing ihn mit bunten Fachwerkhäusern, saftig grünen Bäumen, Vogelgezwitscher und über allem ein makellos blauer Himmel.
Linthdorf atmete tief durch. Tatsächlich, die Luft war anders hier! Schärfer, klarer, kälter. Und auf der Zunge hatte er diesen seltsam waldartigen Geschmack, angesiedelt zwischen Fichtennadelschaumbad und feuchtem Moos.
Am Bahnhof wartete bereits ein Shuttleservice auf ihn. Ein freundlicher Mann nahm ihm seinen Koffer ab, bugsierte ihn in den Kleinbus und kutschierte ihn dann zum Sanatorium.
Linthdorf staunte nicht schlecht, das Städtchen bestand zum größten Teil aus Sanatorien, allesamt ziemlich groß und einige davon sogar schon altehrwürdig. Hier wurde schon lange gekurt.
Sein Zimmer war groß. Sogar ein Balkon gehörte dazu. Wenn er auf dem Balkon stand, konnte er auf dem gegenüber liegenden, dicht bewaldeten Bergrücken eine kastenförmige Burgruine erkennen. Das war der Liebenstein, Namensgeber für die kleine Stadt, die sich unterhalb des Berges angesiedelt hatte.
Das Aufnahmegespräch war kurz und bündig. Einen Plan hatte er auch schon bekommen, der Kurbetrieb war straff organisiert. Es gab zahlreiche Anwendungen, von Wassergymnastik angefangen über Wanderungen in die Umgebung bis hin zu gemeinsamen Abendveranstaltungen. Linthdorf kam ins Schwitzen. Eine Kur war eben kein Urlaub.
Er unterhielt sich mit ein paar anderen Kurpatienten auf dem Gang. An den wenigen freien Nachmittagen konnte man in eines der zahlreichen Cafés des Städtchens. Thüringer Kuchen sei ja wohlbekannt, und andere kulinarische Spezialitäten wären auch zu empfehlen.
Es gab sogar eine hauseigene Bibliothek. Linthdorf hatte bereits einen Stapel Bücher ausgeliehen. Nachts lag er oft schlaflos in seinem Bett, die Bilder des vergangenen Jahres holten ihn dann immer wieder zurück in einen seltsamen Dämmerzustand. Er lag mit geschlossenen Augen da, spürte die Müdigkeit, konnte aber nicht in den erholsamen Tiefschlaf fallen.
Die Bilder hielten ihn wach. Die toten Frauen in den eisigen Flüssen, die Kadaver der Kraniche, der abgetrennte Kopf des jungen Quappendorf, Stahlmanns sinnloses Opfer am Finowkanal, die arg zugerichtete Griseldis Blofeld, die wimmernd am Boden lag, der tote Felgentreu im Räucherofen und der aus den Apfelmieten herausragende Arm des toten Ziegenhals, Louise leblos im Keller in Bogensee, Louise an den Schläuchen in der Charité, der tote Brackwald im Hellsee, der unglückliche alte Quappendorf, der von der »Weißen Frau« heimgesucht wurde. Zu viel Leid, zu viel Tod.
Vielleicht war er ja wirklich nicht mehr für den Beruf geeignet. Mit Voßwinkel hatte er sich darüber unterhalten. Doch Voßwinkel schien davon nichts wissen zu wollen. Er war der Meinung, dass es einfach eine unglückliche Häufung von privatem und beruflichem Stress war, die zu seiner Auszeit geführt habe.
Jetzt war Linthdorf erst einmal weit weg von den Schauplätzen des letzten Jahres. Vor sich das Städtchen Liebenstein im besten Maiengrün, am Himmel ein paar Federwölkchen, Vogellärm und vor sich ein Getränk namens Vita-Cola. Durch Zufall hatte er die tiefschwarze Limonade entdeckt. Ein Großplakat am Bahnhof warb für das Getränk. Es sei der Geschmack Thüringens. Linthdorf kaufte sich am kleinen Kiosk am Bahnhof also eine Vita-Cola.
Wow! Kein Vergleich zu den anderen Colas. Sie schmeckte herber, zitroniger, nicht so klebrig süß. Koffein satt! So konnte man es aushalten im Kurbetrieb. Vorsichtig nippte Linthdorf an dem Glas. Dann atmete er wieder tief durch. Die klare, kühle Thüringer Luft umfing ihn.
Das verzauberte Schloss

An der Straße, welche von Coburg nach Hildburghausen führt, liegt, eine gute Stunde vor letztgenannter Stadt, das Dorf Eishausen. Links ab von der Chaussee, am fernsten Ende des ziemlich ansehnlichen Dorfes, bemerkt der Reisende ein stattliches, alle anderen Häuser des Ortes überragendes Gebäude. Und wer einmal in der Zeit von 1810 bis 1845 des Weges gekommen ist und im Dorfe sich näher erkundigt hat, der erinnert sich wohl, dass ihm die Bauern gesagt haben, jenes Haus sei das Schloss; darin wohne der » gnädige Herr« der sei sehr reich und sehr wohltätig; aber wer er selbst sei, das wisse kein Mensch, selbst der Herzog nicht.
Man wird vielleicht meinen, der Graf sei Sonderling oder Misanthrop gewesen; aber dem letzteren widersprechen diejenigen, mit denen er in nähere Berührung getreten ist, aufs Bestimmteste, und das erstere lässt sich kaum beweisen. Er soll sich nie trübsinnig oder lebensüberdrüssig gezeigt haben. Bei einer ganz objektiven Auffassungsweise zeigte er doch auch die Seite eines Gefühlsmenschen, und bei seiner heftigen Gemütsart blickte doch immer ein natürliches Wohlwollen durch. Ein köstlicher Humor war ihm eigen.
Der Charakter des Grafen zeigte sich immer als wahrheitsliebend; in den vierzig Jahren seines Einsiedlerlebens hat ihn niemand einer Lüge zeihen können; denn die Verhüllung seines Inkognitos mit dem Namen Vavel de Versay war so deutlich eben nur als Verhüllung gegeben, dass sie nicht eine Lüge genannt werden kann. Auch nach dem Tode der Dame, in der großen Verlegenheit, in welche er durch das Gericht gedrängt wird, verschmäht er das zunächst liegende Auskunftsmittel, die Verstorbene für seine Gemahlin auszugeben. Er sagt bestimmt: »sie ist nicht meine Frau gewesen, ich habe sie nie dafür ausgegeben.«
Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen
Eishausen
Sonntag, 30. November 1814
Der Novembertag verdiente den Namen »Tag« eigentlich nicht. Schon am frühen Morgen verdunkelten tiefziehende schwarzgraue Wolken das Licht. Der Graf stand am Fenster, beobachtete mit besorgter Miene die Wolkenwanderungen, holte ein kleines Notizbuch hervor, in das er seine Beobachtungen sorgfältig notierte. Die wissenschaftliche Wetterbeobachtung war eine Leidenschaft des Grafen.
Es war still im Schloss, nichts deutete darauf hin, dass hier mehrere Menschen lebten. Leise entfernte sich der Graf vom Fenster, zog sich in sein Studierzimmer zurück, um dort die neu eingetroffenen Zeitungen zu studieren. Es waren diverse Blätter, die er vor sich ausgebreitet hatte. Deutschsprachige, englische, holländische, aber auch französische Titel wiesen auf eine ungewöhnliche Belesenheit des Grafen hin. Fast zwei Stunden verbrachte er mit dem Zeitungsstudium.
Sichtlich zufrieden trank er die von einem unsichtbaren Geist kredenzte Chocolate. Er liebte den exotischen Geschmack des Kakaos, wusste um die Exklusivität des tiefbraunen Pulvers, das mit frischer Milch aufgeschäumt, den Gaumen kitzelte und den Kreislauf in Schwung brachte.
Ein Blick auf die goldene Taschenuhr, eine Schweizer Meisterarbeit, genügte. Es war Zeit für die morgendliche Audienz. Der Graf stieg bedächtig die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Es war recht kühl hier oben. Ihm fröstelte. Dabei hatte er doch Anweisung an seinen Diener gegeben, die Räume gut zu heizen. Ein Blick auf die Kamine erwies sich als irritierend. In jedem Kamin loderte ein prächtiges Feuer.
Ein Windzug fegte durch die Räume. Zwei Fenster waren sperrangelweit geöffnet. Im Fensterrahmen zeichnete sich eine schlanke Frauenfigur ab. Mit ein paar Schritten war der Graf am Fenster, schloss es, lief zum zweiten offenen Fenster, schloss auch dieses.
»Ma chère, es ist für solche Zerstreuungen der falsche Zeitpunkt. Ich weiß, dass Doktor Nothnagel dir viel frische Luft verschrieben hat. Aber du übertreibst. Wir haben November, bald wird es Winter. Denk‘ an deine schwache Gesundheit.«
Die angesprochene Dame wandte sich dem Grafen zu, lächelte kurz und seufzte. Ihr Gesicht war fein gezeichnet, große blaue Augen schauten den Grafen direkt an. Die hohen Wangenknochen und die an antike Vorbilder erinnernde Nase gaben ihr ein edles Aussehen. Ihre Haut war blass, fast durchscheinend, ihre lockige Haarpracht unter einem feinen Seidenschal verborgen, den sie sich leger übergezogen hatte.
Sie antwortete auf Französisch: »Mais oui, je connais. Ma santé, chaque-foi, ma santé. C’est un drôle …«
Der Graf ließ sich nichts anmerken. Er kommunizierte auch weiter auf Deutsch mit ihr, obwohl es ihm ein Leichtes war, das Gespräch auf Französisch fortzusetzen.
»Ma chère, du weißt sicherlich, dass das Französische verräterisch ist. Ich möchte dich daran erinnern, was wir ausgemacht hatten. Die Wände haben Ohren, wir wissen nicht, wem wir trauen können und wem nicht.«
Im akzentfreien Deutsch antwortete sie ihm.
»Glaubst du wirklich, dass hier an diesem Ort Spitzel auftauchen sollten? Wir sind durch ganz Europa gereist, immer mit der Angst, verraten zu werden. Endlich haben wir einen abgeschiedenen Ort gefunden, der bisher von noch keinem Agenten ausfindig gemacht wurde. Endlich können wir durchatmen. Ich bin es leid, dauernd Versteck zu spielen. Das Schicksal kann man nicht auf Dauer überlisten.«
Der Graf nickte.
Natürlich, Eishausen war ein wirklich abgeschiedener Ort. Das kleine Schloss, eher ein etwas zu groß geratenes Gutshaus, war der ideale Rückzugsort. Außerdem hatte er die Zusicherung des Herzogs, sein Incognito zu wahren und keinerlei Fragen zu stellen, was seine Herkunft anging.
Auch die Dorfbewohner waren instruiert. Sein getreuer Diener hatte dafür gesorgt, dass die Dorfleute einen großen Bogen um das Schloss machten. Mit kleinen Geldspenden versicherte der Graf sich der Loyalität der Dörfler. Eigentlich war alles perfekt geregelt. Dennoch, ein Argwohn blieb.
Zu oft hatten sie schon ihre Bleibe wechseln müssen. Immer tauchten seltsame und sich verdächtig benehmende Männer auf, die ein zu großes Interesse an seiner Person zeigten.
Im württembergischen Ingelfingen waren sie viel zu nah an der französischen Grenze. Immer wieder tauchten in der Apotheke, in der sie Unterkunft bezogen hatten, französische Offiziere auf, die sich harmlos nach den Gästen des Apothekers erkundigten.
Auch in Gotha und Weimar tauchten sie auf. Erst im kleinen Hildburghausen schien er sicher zu sein. Wahrscheinlich rechneten seine Verfolger nicht damit, dass er sich in einen solch kleinen Zwergstaat zurückzog. Das Herzogtum Hildburghausen war auf der Landkarte nur ein winziger Fleck.
Es war jetzt knapp sieben Jahre her, dass sie ihren Fuß auf Hildburghäuser Boden setzten. Vorausgegangen war eine Irrfahrt durch diverse Thüringer Herzogtümer. Er hatte stets das Gefühl, dass die Herzöge einen solch brisanten Gast ungern bei sich aufnehmen wollten, hatte in Gotha bei Hofe vorgesprochen und auch in Weimar, jedes Mal wurde ihm bedeutet, dass es unmöglich wäre, ihm sein Incognito zu belassen.
Die Kabinettsmitglieder waren sich einig, schließlich wollte man es sich ja nicht mit Napoleon verderben. Die Thüringer Kleinstaaten waren allesamt mehr oder weniger freiwillig dem von Napoleon gegründeten Rheinbund beigetreten.
Seine letzte Hoffnung war der Meininger Hof, speziell die Herzogin Luise-Eleonore, deren Großmut allgemein bekannt war. Über einen guten Bekannten, den Freiherrn von Könitz, versuchte der Graf von der Herzogin eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Doch auch sie lehnte leider sein Ansinnen ab.
Die Verzweiflung war groß. Wohin konnte er sich noch wenden? Konnte er seiner Begleiterin weitere Strapazen zumuten? Was, wenn bereits napoleonische Geheimagenten ihm auf den Fersen waren?
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwand das Paar aus dem Herzogtum Meiningen ins benachbarte Herzogtum Hildburghausen. Ohne behelligt zu werden erreichte die Kutsche die Residenzstadt.
Das Paar quartierte sich vorerst im »Englischen Hof« ein, dem besten Haus des kleinen Herzogtums. Vollkommen erschöpft verbachten sie die ersten Wochen in völliger Zurückgezogenheit. Nur selten spazierten sie für kurze Zeit über den Markt, immer auf der Hut vor aufdringlichen Agenten.
Auch Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen war vor einem halben Jahr als letzter der Thüringer Herrscher dem Rheinbund beigetreten und hatte so die eigentliche Souveränität seines Landes an die Franzosen abgegeben.
Aber Friedrichs Gattin, Herzogin Charlotte, war eine Schwester der preußischen Königin Luise. Preußen war seit der Niederlage von Jena und Auerstedt keine wirkliche Schutzmacht mehr, aber der Herzog versicherte sich mittels seiner Gattin des Wohlwollens des preußischen Hofes und gewährte in einem Akt ungewöhnlicher Courage dem geheimnisvollen Paar in seinem Land ein unbefristetes Aufenthaltsrecht.
Nach einem halben Jahr zog das geheimnisvolle Paar ins herzogliche Gästehaus am Markt um. Der Aufenthalt im »Englischen Hof« erschien dem Grafen zu riskant. Zu viele Gäste verkehrten in dem Hotel und es war schwierig, unerkannt zu bleiben.
Aber auch das Gästehaus bot dem besorgten Grafen zu wenig Schutz. Ein Feueralarm trug dazu bei, dass sich das Paar nicht mehr sicher fühlte. Später stellte sich zwar heraus, dass es sich um einen falschen Alarm gehandelt hatte, aber der Graf bestand darauf, so schnell wie möglich das Gästehaus zu verlassen.
Über einen Mittelsmann mietete der Graf das Radefeldsche Haus in der Hildburghäuser Neustadt an. Hier fühlte sich das Paar endlich sicher.
Innerhalb weniger Monate verwandelte der Graf sein neues Domizil in eine kleine Festung. Kein Mensch hatte Zutritt. Außer seinem getreuen Diener, der gleichzeitig auch als Kutscher und Vertrauensmann für ihn unerlässlich war, gab es noch eine Köchin und eine Botengängerin, die sich um Einkäufe und die Post kümmerten.
Seine Begleiterin, die in Hildburghausen nur die Gräfin genannt wurde, bekam niemand zu Gesicht. Man munkelte, dass sie krank sei. Einige Eingeweihte wollten sie am Fenster gesehen haben, mit einem Schal, so dass es unmöglich war, ihr Gesicht zu sehen. Auf alle Fälle war das geheimnisvolle Paar Stadtgespräch. Dem Grafen war dies nicht verborgen geblieben.
Er drängte darauf, ein Domizil, weitab der Residenz zu erwerben. Über einen herzoglichen Mittelsmann erwarb der Graf im fünf Meilen von Hildburghausen entfernten Dorfe Eishausen ein kleines Schloss. Das Eishausener Anwesen gehörte zum Besitz des Herzogs und war für den Grafen ein ideales Versteck.
Kostspieliges Mobiliar wurde auf Anweisung des Grafen herbeigeschafft, auch auf die Garderobe legte das geheimnisvolle Paar großen Wert. Stets war der Graf elegant gekleidet. Selbst der Diener fiel mit seiner silberbesetzten Livree auf. Die unsichtbare Mitbewohnerin verfügte über einen erstaunlichen Kleidervorrat, allesamt feinste Pariser Mode.
Jeden Tag pünktlich um zehn Uhr fuhr der silberbetresste Diener die Kutsche vor, die von zwei pechschwarzen Rappen gezogen wurde. Die Kutsche selbst war ebenfalls in einem dunklen Braunton gestrichen, die Fenster mit kleinen Tüllgardinen verhangen, so dass es unmöglich war, einen Blick ins Innere zu werfen.
Der Graf begleitete seine Dame, öffnete ihr die Tür, half ihr beim Einsteigen, sorgsam darauf achtend, dass der Schal nicht verrutschte, der das Antlitz der Dame verhüllte. Endlich stieg er selber zu und gab dem Diener Befehl loszufahren. Der Weg war immer derselbe. Man fuhr Richtung Rodach, einem kleinen Ort unmittelbar an der Grenze des Herzogtums Hildburghausen zum Herzogtum Coburg. Rodach war bereits coburgisch. Kurz vor Erreichen der Stadtgrenze ließ der Graf jedoch stets wenden.
Dann ging es wieder zurück zum Schloss Eishausen, das seine schlichte Profanität gegen einen geheimnisvollen Nimbus eingetauscht hatte. Die Leute sprachen auch vom verzauberten Schloss und nannten dessen Bewohner aufgrund ihrer Zurückgezogenheit den Dunkelgrafen und die Dunkelgräfin.
Das namenlose Paar stachelte die Neugier der Leute an. Die Postbotin wurde angehalten, einen Blick auf die Briefadressen zu werfen, um so zu erfahren, wer in dem geheimnisvollen Schloss lebe. Die meisten Briefe waren an einen Baron Vavel de Verzay gerichtet. Die Absender kamen aus allen Teilen Europas, aus Frankreich, Holland, der Schweiz, Kurland, Livland, Dänemark, den diversen deutschen Fürstentümern und sogar aus England.
Ob der Name Vavel de Verzay, mit dem keiner etwas anfangen konnte, nun der wirkliche Name des seltsamen Grafen war oder nur ein Deckname, um so von der wahren Identität abzulenken, war beim besten Willen nicht zu eruieren. Selbst Nachfragen bei Hofe in Hildburghausen erbrachten keine Ergebnisse. Herzog Friedrich hatte das Incognito seines geheimnisvollen Gastes akzeptiert und verwies darauf.
Am Nachmittag widmete sich der Graf der Lektüre der neuesten Zeitungen, schrieb zahlreiche Briefe, ja, er schien mit der ganzen Welt zu korrespondieren. Pünktlich um Vier Uhr kredenzte der Diener den Nachmittagstee. Die Gräfin erschien dann in einem ihrer schönsten Kleider, nahm dem Grafen gegenüber Platz und unterhielt sich mit ihm über die neuesten Entwicklungen.
Sie war sehr interessiert am Weltgeschehen, lauschte dem Grafen, wenn er über neue Ereignisse berichtete, speziell zu den Feldzügen Napoleons hatte sie ein fast brennendes Interesse entwickelt, fragte nach und sog jedes kleine Detail auf, um daraufhin noch mehr Fragen zu stellen. Geduldig antwortete der Graf soweit es ihm möglich war. Spekulationen waren nicht seine Sache, er hielt sich an die Fakten. Und die Faktenlage war meist recht dürftig.
Nach dem Tee begaben sich die beiden zu einem kleinen Spaziergang durch den mit hohen Hecken vor den Blicken Neugieriger geschützten Garten, der allerdings im Spätherbst wenig Erbauung bot. Das Laub raschelte unter ihren Füßen, die Gräfin hatte einen Schirm gespannt, um den unangenehmen Nieselregen abzufangen, doch der Wind trieb die feinen Wassertröpfchen fast waagerecht direkt ins Gesicht der Dame.
Eine halbe Stunde hielt das Paar tapfer aus, bevor es sich wieder zurück ins Schloss begab. Der Tagesablauf war exakt geregelt, egal was für Wetter war.
Der Graf war ein Mann von festen Prinzipien. Seine Disziplin war bewundernswert. Bedachte man, dass die selbstgewählte Abgeschiedenheit eher kontraproduktiv wirkte, war das Arbeitspensum, was er sich täglich auferlegt hatte, erstaunlich. Noch erstaunlicher war seine vollkommene Hingabe zu der Gräfin, deren Wünsche ihm Befehl waren.
Im Dorf munkelte man, es sei gar nicht seine Ehefrau. Einige wollten wissen, dass es sich um seine jüngere Schwester handele, andere waren der festen Meinung, dass es eine jung verwitwete Anverwandte des Grafen sei. Ein paar Besserwisser glaubten in ihr eine verstoßene Prinzessin zu erkennen. Die edlen Züge, das sorgfältig gewahrte Geheimnis ihres wirklichen Aussehens und die aufwändige Garderobe sprachen für diese kühne These. Aber was für eine Prinzessin sollte es sein?
Durch die napoleonischen Feldzüge waren viele Königshäuser vakant geworden. Exilierte Prinzessinnen gab es plötzlich überall. Ein Hofrat des Hildburghäuser Herzogs streute die Nachricht, dass die geheimnisvolle Gräfin eine Tochter des letzten französischen Königs sein sollte. Durch die Revolutionswirren wäre sie wohl in große Gefahr geraten, ebenso wie ihre Eltern guillotiniert zu werden, aber dank der Intervention einiger großherziger Männer wäre ihr die Flucht gelungen.
Aus dem benachbarten Herzogtum Weimar kam die Kunde, dass die Gräfin eine illegitime Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. und seiner Maitresse, der Gräfin Lichtenau sei und ihre Jugend in Holland verbracht hätte. Auch hierfür gebe es allerdings keinerlei Beweise.
Ein herzoglicher Geheimrat, der über gute Beziehungen zum Wiener Hofe verfügte, erkannte in der Gräfin die Tochter des Habsburger Kaisers Joseph II., der wohl eine Affaire mit der Hofdame Wilhelmine von Botta hatte und deren Folge eben eine Tochter sei, die außerhalb Österreichs bei Verwandten der Botta in Norddeutschland aufgewachsen wäre.
Der Gothaer Hof erklärte, dass es eine geschiedene Generalsgattin sei, immerhin habe sie ja einige Zeit in Gotha zugebracht und es wären zahlreiche Briefe eines französischen Generals namens Berthelmy an sie adressiert gewesen. Die Empfängerin sei eine Agnès Berthelmy, eben die geheimnisvolle Begleiterin des Incognito reisenden Grafen.
Spekulationen über das geheimnisvolle Paar gab es also zur Genüge. Dem Grafen kamen immer wieder Gerüchte zu Ohren. Doch er schwieg zu allen Vermutungen, ließ sich mit keinem Wort aus der Reserve locken und zog sich immer mehr zurück. Er mied den Kontakt zur hiesigen Bevölkerung, machte sich aber durch zahlreiche wohltätige Spenden einen guten Leumund, so dass die Leute stets mit einer gewissen Ehrfurcht von ihm sprachen. Viele sprachen vom »Gnädigen Herrn«, nur wenige nannten ihn den »Dunkelgrafen«, ein Wort, das sich entschieden unangenehmer anhörte und Spekulationen immer neue Nahrung zutrieb.
Eine Begegnung bei Mohnkuchen
Bessre Herz und Nerven! Geh nach Liebenstein!
Spruch auf einem Liebensteiner Notgeldschein von 1921
I
Bad Liebenstein
Sonntag, 6. Mai 2007

Die Wochenenden waren frei. Linthdorf war ganz überrascht, plötzlich so viel Freizeit zu haben. Der Kurbetrieb hatte ihn die ersten Tage ziemlich ausgefüllt. Er hatte zu tun, die jeweiligen Örtlichkeiten zu finden, zwischendurch sich immer wieder rechtzeitig im großen Speisesaal zu den Mahlzeiten einzufinden und abends den zahlreichen Veranstaltungen im Foyer zu entgehen.
Es war alles ein bisschen zu viel des Guten. Linthdorf war so viel Regelmäßigkeit nicht gewöhnt.
Gestern hatte er eine erste Erkundungstour durch das Städtchen gemacht. Eigentlich wollte er ja zu der alten Burgruine hinauf. Aber davon rieten ihm die Kurärzte noch ab. Später, wenn er wieder fit genug sei, könne er gern den Liebenstein erobern, aber im Augenblick wären ein paar geruhsame Spaziergänge im Kurpark doch wohl förderlicher.
Linthdorf spürte auch bald, dass sie recht hatten. Mit seiner Kondition war es nicht zum Besten bestellt, der Kreislauf war anfällig. Nach einer Viertelstunde unstetem Herumtapsens merkte er, dass er weiche Knie bekam und Schweißperlen im Gesicht kleine Bäche bildeten.
Erschöpft suchte er ein kleines Café auf. Reger Betrieb herrschte hier. Die kleinen runden Tische waren fast alle besetzt. Nur ein einziger Stuhl an dem kleinen Ecktisch neben dem Tresen war noch frei. Mühsam schleppte sich der Riese dahin.
Am Tisch saß bereits jemand. Vor sich ein Kännchen Kaffee und einen kleinen Kuchenteller. Ein Mann undefinierbaren Alters, wettergegerbt, durchtrainiert, eher einem gerade in die Zivilisation entlassenen Indianerkrieger denn einem friedfertigen Thüringer ähnlich, verbarg sich hinter einer Zeitung.
Linthdorfs vorsichtige Frage, ob der Platz noch frei sei, wurde mit einem unwilligen Knurren beantwortet. Etwas ratlos, ob das Knurren nun eine Zustimmung oder doch eher ablehnenden Charakter habe, verharrte er für ein paar Sekunden vor dem Tischchen.
Wahrscheinlich hatte er dem Indianer das Licht genommen. Langsam senkte sich die Zeitung und ein dunkler Bass ertönte.
»Setzen Sie sich doch! Ich beiße nicht.«
Wortlos ließ sich Linthdorf auf dem freien Platz nieder. Eine junge Kellnerin kam auf ihn zugeeilt.
»Sie haben schon etwas ausgesucht? Unserr Kuchenangebot ist vorrn am Buffet ausgestellt. Heute haben wirr wiederr unserren Mohnkuchen im Angebot«, dabei strahlte sie Linthdorf an, als ob sie ihm ein Staatsgeheimnis anvertraut hätte.
Irritiert lauschte Linthdorf dem Klang der Sprache. Seltsamer Dialekt war das hier. Der Buchstabe R wurde auf der Zungenspitze gerollt, so dass fast jedes Wort mit R wie eine heilige Vokabel klang.
»Möchten Sie auch ein Heißgetrränk? Vielleicht ein Kaffee? Kännchen? Grroße Tasse? Oderr einen Geschäumten?«
Automatisch nickte Linthdorf. Ja, ja, sie solle einfach diesen Mohnkuchen und dazu ein Kännchen …
Sein Gegenüber lupfte die Zeitung, setzte ein diabolisches Grinsen auf und schnarrte im selben Singsang wie die Kellnerin: »Au, derr Mohnkuchen ist genial.«
Linthdorf nickte.
»Sie sind wohl neu hierr?«
»Auf Kur.«
»Au, was Schlimmes?«
»Nein, nein, alles wieder im Lot. Das Herz …«
»Ja, da sind die Leute drrauf spezialisiert, gerrade mit dem Herrz …, da ist nicht mit zu spaßen. Aberr unserre gute Luft, die macht Tote wiederr lebendig. Gell?«
Linthdorf schaute dem Indianer unvermittelt ins Gesicht.
»Was heißt denn Gell?«
Wieder erschien das diabolische Grinsen im Gesicht des Indianers. »Au, das heißt eigentlich goarr nix. Das hängen wir zur Bekrräftigung einfach hintenan.«
»Ach so«, Linthdorf war froh, dass sein Gegenüber die eigenartige Frage nicht als Beleidigung empfand. Indianer, selbst zivilisierte, kennen eigentlich keinen Humor.
»Hab ich grrade selberr gegessen. Schmeckt echt irre. Kuchen backen können die hier.«
Linthdorf sah interessiert auf die Zeitung des Indianers. Es war eine Thüringer Lokalzeitung: »Rennsteig-Nachrichten – Unabhängige Zeitung für Südthüringen«.
In dicken Blockbuchstaben war auf der Titelseite zu lesen: »Einbruchserie – Wieder entkamen die Täter ungeschoren!«
»Die Idylle trügt. Ist wohl doch nicht alles so friedfertig hier«, Linthdorf versuchte vorsichtig ein Gespräch jenseits des Mohnkuchens aufzubauen.
Der Indianer sprang an.
»Jooaah, das geht schon die ganzen Monate. Seit letztem Herrrbst! Angefangen hat es mit dem spektakulären Einbrruch im Weimarrerr Rrresidenzschloss. Prrrofis! Eindeutig Prrrofis!«
»Sie kennen sich aus?«
Der Indianer grinste wieder.
»Kann man so sagen. Ich habe den Arrtikel ja geschrrieben.«
»Oh, Sie sind Journalist?«
»Jooaah, bin ich. Tom Hainkel, Mein Kürrzel ist Hai, falls Sie mal in den »Rennsteig-Nachrichten« blättern sollten.«
»Angenehm, Linthdorf, Theo Linthdorf. Berlin.«
»Oooh, ein Berrlinerr! Hoab da studiert, in den Achtzigerrn.«
»Ach so.«
»Allerrdings koine Journalistik, nee, oigentlich Ökonomie.«
»Ach so, und wieso sind Sie bei der Zeitung gelandet?«
»Blonker Zufall, nach derr Wende woar oalles in Auflösung, unsere Wirrtschaft zuallererrst. Joaah, und doa hoab ich die Chance errgrriffen bei einerr Zeitungsneugrründung mitzumachen. Zuerrst hoab ich den Wirrtschaftsteil gemacht, dann woar das aberr zu langweilig. Ich muß raus, was vorr Ort errleben, brrauche Luft und Naturr. Bin dann umgesattelt in den Lokalteil. Viel interressanterr! Kommst mit Leuten z‘sammen. Bist viel unterrwegs. Ganz mein Ding.«
Linthdorf sah sich Hainkel etwas skeptisch an.
»Für einen Journalisten sind Sie aber ganz schön durchtrainiert. So sehen bei uns die Jungs von den Spezialtruppen aus.«
Hainkel entblößte zwei Reihen unnatürlich weißer Zähne, exakt ausgerichtet, keine Unregelmäßigkeit aufweisend.
»In meinerr Frreizeit mache ich ein bisschen Sporrt. Trriathlon.«
Linthdorf war beeindruckt. Triathlon hatte für ihn etwas Masochistisches. Rennen, Radfahren und Schwimmen – jedes für sich war schon Qual genug, aber alle drei Teilsportarten hintereinander in einem kräftezehrenden Wettbewerb…, für ihn emotional nicht nachvollziehbar.
Hainkel musste ungefähr in seinem Alter sein, wenn er in den Achtzigern studiert hatte. Er überlegte, wann er sich das letzte Mal sportlich betätigt hatte. Dem Dienstsport konnte er nicht viel abgewinnen.
Mit Voßwinkel hatte er früher mal Tischtennis gespielt. Überhaupt, Sport ist Mord. Hatte das nicht mal der alte Winston Churchill gesagt? Und der war ja uralt geworden. In seinem Job musste er dauernd auf den Beinen sein und hatte Stress genug. Deshalb war er ja auch hier gelandet.
»Nehmen Sie auch an Wettkämpfen teil?«
»Kloar, allerdings im Seniorrenteam. Bei den Jungschen kann ich nicht mithalten. Ist trrotzdem noch anstrrengend genug. Trrainier gerroad für die Thürringerr Landesmeisterrschaften. Uff, jeden Tag zehn Kilometerr Laufen, eine Stunde Rrad und am Wochenende Schwimmen.«
Wenn Hainkel dieses Programm sommers wie winters durchzog, war es nicht verwunderlich, dass er wie Sitting Bulls Enkel aussah.
Linthdorf musste lächeln. Ein Mann der Feder erwies sich als Iron Man. Wie ging das zusammen?
»Und in Ihrem Job können Sie Fitness ja auch gebrauchen?«
»Oigentlich nicht so sehrr. Aberr, man hat durrch den Sporrt den Kopf frrei. Das hilft schon. Geroade jetzt, bei den Einbrrüchen.«
»Ich dachte, hier in dem paradiesischen Ländchen gibt es keine Kriminalität, alles macht einen friedfertigen, harmonischen Eindruck.«
Hainkel winkte ab. »Doas ist wie im norrmalen Leben. Das Böse ist immer und überrall! Oder glauben Sie, dass es hierr keinen Neid, keine Habgierr oder Eifersucht gibt. Thürringerr sind bloß Menschen, auch wenn sie guten Kuchen backen können. Woas glauben Sie, wieviel Unrecht und Bösartigkeit ich schon erlebt habe. Die Zeitungen sind voll damit!«
Linthdorf konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, aus Thüringen mal eine negative Schlagzeile gelesen zu haben. Entweder verstanden es die Landesbehörden, geschickt von ihren Fällen abzulenken oder diese nicht an die große Glocke zu hängen, oder, was natürlich auch möglich war, es gab einfach keine spektakulären Fälle.
Hainkel deutete auf seinen Artikel in den »Rennsteig-Nachrichten«.
»Das ist nur die Spitze eines Eisberrgs. Ich bin schon seit Monaten an dieser Einbrruchsserie drran. Thüringen ist ein arrmes Land, obwohl wirr so eine rreiche Geschichte hoaben. Soviele Rresidenzen auf kleinem Rraum gibt’s in goanz Deutschland nicht mehr. Jederr Thürringische Herrzog, Grraf oderr Fürrst baute sich ein Schloss. Die Ländle waren winzig. Luxemburg wäre hierr in Thürringen schon eine Supermacht gewesen. Manche hatten geroad mal die Fläche eines hoalben Landkreises. Und jetzt ham wirr das Errbe der Kleinstaaten. Es gibt eine landeseigene Stiftung, Thüringerr Schlösser und Gärten, aberr die hat nicht genug Mittel, um die ganzen Burrgen, Schlösserr und Parrks zu betreuen. Die Sicherrungsmaßnahmen sind nur dürftig. Unmengen von Schätzen liegen da fast frrei und ungesicherrt herrum. Für Prrofis kein Prroblem… Der Schwarrzmarrkt für Kunst ist in den letzten Jahren durrch die Decke gegangen. Speziell seit wirr frreie Grenzen haben. Das ist jetzt interrnational geworden. Sie können sich goar nicht vorstellen, was fürr Unsummen von Gelderrn da rrumschwirren. Liebhoaberr geben fünf- und sechsstellige Summen für Orriginale aus. Die Thürringerr Schlösserr sind die rreinsten Schatzkammerrn.«
Linthdorf lauschte interessiert. Was Hainkel da in seinem schnarrenden Dialekt berichtete, kam ihm sehr vertraut vor. Er musste an den Arkadierverein mit dem umtriebigen Harry Treibel denken und natürlich an den intriganten Staatssekretär a.D., an Eugen Wigbert Kupfer. Wahrscheinlich gab es solche Gestalten bundesweit, ach, weltweit.
Er nickte, berichtete dem staunenden Hainkel von seinem Job als Beamter der Brandenburger Kripo und das ihm die Sachlage bekannt vorkam.
»Endlich mal ein Spezialist. Wissen Sie, unserre Polizei, also nichts gegen die Jungs, aber die sind chronisch unterrbesetzt und überrfordert. Meist haben die viel zu wenig Zeit für so etwas wie Einbruch und Diebstahl. Zumal, wenn sie es mit Prrofis zu tun haben. Die Chancen, die Täter zu erwischen, sind gering. Die Gegenseite ist zu gut organisiert. Ehe die Errmittlungen überrhaupt angefangen haben, sind die Täterr schon längst mit ihrerr Beute außerr Landes.«
Linthdorf nickte. Natürlich, straff organisierte Einbrecherbanden, die genau wussten, was sie wo erbeuten konnten, hatten ein gut organisiertes Netzwerk an Informanten aufgebaut. Dass zu zerschlagen, war eine Sisyphusarbeit. Jedes Mal, wenn es gelang, ein solches Netzwerk auszuheben, wuchs an anderer Stelle ein neues nach.
Inzwischen waren der Kaffee und der Mohnkuchen gebracht worden. Ungläubig schaute Linthdorf auf seinen Teller. Der Mohnkuchen war ein bestimmt zehn Zentimeter hohes Kunstwerk, groß wie ein halber Backstein, mit einer goldgelb glänzenden Schicht überzogen, darunter die hellblau-schwarz gesprenkelte Mohnmasse, in der riesige Rosinen leuchteten wie kleine Edelsteine. Neben dem Kuchenstück türmte sich ein gewaltiger Klecks Schlagsahne.
Hainkel sah Linthdorfs skeptischen Blick. »Wie gesoagt, derr Mohnkuchen ist echt irre hier.«
Vorsichtig schaufelte Linthdorf eine Ecke des Mohnkuchens mit seiner Kuchengabel in seinen Mund. Und wirklich, das Geschmackserlebnis war überwältigend. Mohnkuchen wie er ihn noch nie zuvor gegessen hatte. Andächtig vernichtete er das barocke Kunstwerk auf seinem Teller.
Burg Liebenstein, einst Ritterlehn,
Vergänglich ist auf Erden alles,
Du sahst Geschlechter kommen, geh’n,
Den Wohlstand blüh’n, und nun den Dalles*
*Dalles – alte Bezeichnung für Armut, Not, Geldverlegenheit
Spruch auf einem Liebensteiner Notgeldschein von 1921

II
Sanatorium für Herzleiden in Bad Liebenstein
Sonntagabend, 6. Mai 2007
Der Cafébesuch und die Thüringer Luft hatten sich positiv auf Linthdorfs Lebensgeister ausgewirkt. Satt und zufrieden war er am späten Nachmittag wieder zurück in sein Zimmer im Sanatorium gewandert.
Möglicherweise war auch die Begegnung mit dem Thüringer Journalisten daran schuld, dass er sich wieder besser fühlte. Tom Hainkel hatte ihm mit Verweis auf den Artikel von der Titelseite des Thüringer Lokalblattes eine Webseite genannt, die von ihm betrieben wurde. Die Einbruchsserie wäre da lückenlos dokumentiert, ebenfalls die Aktivitäten der heimischen Behörden, die allerdings wenig Brauchbares ermittelt hatten.
Linthdorf hatte sich ein Notebook, ein recht neumodisches Gerät, mitgenommen. Eigentlich wollte er damit ja gar nicht arbeiten. Aber er hatte Zugang zum Internet und konnte auch seine persönlichen Mails verwalten. Viele Menschen seiner direkten Umgebung nutzten inzwischen die moderne Elektronik zum Kommunizieren.
Linthdorf telefonierte lieber. Aber das Telefonieren wurde in den letzten Jahren immer umständlicher. Meist sprach man mit Automaten, die als Anrufbeantworter zugeschaltet waren. Deren Aufgabe war es, lästige Anrufer fernzuhalten. Verdrießlich musste Linthdorf sich eingestehen, dass Telefonieren viel von seinem Reiz verloren hatte. Ärgerlich legte er meistens auf, wenn er merkte, dass nur eine Tonkonserve zu ihm sprach.
Der Maiabend war angenehm mild. Er hatte es sich auf seinem Balkon gemütlich gemacht. Neben ihm auf dem Tischchen standen eine Flasche Vita-Cola und ein paar Kekse. Drüben auf dem Bergrücken erglühte die Ruine der alten Burg Liebenstein im letzten Sonnenlicht. Linthdorf klappte sein Notebook auf, loggte sich ein und tippte mit suchenden Fingern den Namen der Webseite ein.
Die Seite öffnete sich. Er staunte nicht schlecht, was Hainkel da zusammengetragen hatte. Ganz am Anfang war eine Karte Thüringens zu sehen. Das Bundesland hatte einen merkwürdigen Umriss, erinnerte an eine schwimmende Ente. Obwohl Thüringen nur halb so groß wie Brandenburg war, gab es fast genau so viel Einwohner. Siebzehn Landkreise und sechs kreisfreie Städte waren in der Karte eingezeichnet. Hainkel hatte alle Orte, in denen ein Einbruch passiert war, mit einem roten Punkt markiert.
Linthdorf war irritiert. Innerhalb von sieben Monaten waren siebzehn Einbrüche passiert. Hainkel hatte recht. Das waren Profis. Jeder Einbruch verlief nach demselben Muster. Stets nachts, stets waren die Einbrecher ohne Gewalt in die Räumlichkeiten eingedrungen, wahrscheinlich hatten sie sich sogar einschließen lassen. Auch die Vorgehensweise innerhalb der Schlösser war stets dieselbe.
Es wurden nur ausgesuchte Kleinode gestohlen. Leicht zu transportieren, leicht zu verstecken, meist nicht gesichert. Die großen, spektakulären Kunstwerke blieben unangetastet. Die Einbrecher wussten genau, was sie mitnehmen wollten. So lautlos sie eingedrungen waren, so lautlos verschwanden sie auch wieder, hinterließen keine Spuren. Manchmal wurde erst Tage später bemerkt, dass etwas fehlte.
Hainkel hatte eine Liste angefertigt. Die Liste war lang. Jedem gestohlenen Artefakt war ein ungefährer Schätzwert in Euro beigefügt worden. Am Ende der Liste war eine Summe saldiert, die Linthdorf ins Grübeln brachte. 4,7 Millionen Euro in sieben Monaten! Das waren keine Kavaliersdelikte. Erstaunlich, dass die Thüringer Kollegen das ganze Problem nicht so richtig ernst zu nehmen schienen.
Hainkel hatte auch deren Aktivitäten aufgelistet. Vor Ort waren nie Leute des LKA, meist nur die örtlichen Polizeibehörden. Man behandelte jeden Einbruch als Einzelfall, schaute nicht über den Tellerrand ins benachbarte Kreisgebiet. Ob das mit der Mentalität der Leute zu tun hatte?
Hainkel hatte ihm berichtet, dass bis heute die gegenseitigen Animositäten der ehemaligen Kleinstaaterei noch fortbestehen würden. Er selber stamme aus Schmalkalden, der kurhessischen Residenz in Thüringen, wandte man sich nur wenige Kilometer ostwärts, befand man sich plötzlich auf Henneberger Gebiet, das später preußisch verwaltet wurde, gen Süden wartete das ehemals herzogliche Meiningen und nördlich breitete sich das ebenfalls ehemals herzogliche Gotha aus. Mitten im kurhessischen Schmalkalden gab es Enklaven. So auch Bad Liebenstein, was ursprünglich den Coburgern gehörte, dann aber zum Sommersitz der Meininger Herzöge avancierte. Verwirrend!
Benachbarte Dörfer waren aufgrund der eigenartigen Grenzen meist untereinander verfeindet, gönnten sich nichts. Jeder Herrscher in seinem kleinen Herrschaftsgebiet achtete eifersüchtig darauf, dass ihm nichts von seinem verstreuten Besitz genommen wurde, ja, man war bemüht, durch geschicktes Einheiraten, seinen Besitz zu mehren. Die Grenzen der thüringischen Kleinstaaten wechselten so von Generation zu Generation. Manche Fürstentümer existierten manchmal gerade zwei Generationen. Zurück blieben meist ein überdimensioniertes Schloss, das nun keine Funktion mehr hatte, und zahlreiche Verwaltungsbauten.
Linthdorf bekam eine kleine Ahnung davon, als er die Namen der Residenzen studierte, die Hainkel aufgelistet hatte:
Residenzschloss Weimar
Schloss Heidecksburg Rudolstadt
Schloss Friedensstein Gotha
Residenzschloss Altenburg
Schloss Elisabethenburg Meiningen
Sommerpalais Greiz
Kaisersaal Schloss Schwarzburg
Schloss Wilhelmsburg Schmalkaden
Residenzschloss Sondershausen
Veste Heldburg
Schloss Molsdorf Erfurt
Dornburger Schlösser
Jagdschloss Paulinzella
Schloss Bertholdsburg Schleusingen
Schloss Wilhelmsthal Eisenach
Palais Mon Plaisir Arnstadt
Kloster Veßra
Schloss Altenstein Bad Liebenstein
Der letzte Einbruch erfolgte demnach erst letzte Woche. Schloss Altenstein war die ehemalige Sommerresidenz der Meininger Herzöge. Das Schloss selbst war allerdings noch eine Ruine. In den Achtziger Jahren vernichtete ein Brand die gesamte Inneneinrichtung. Was gab es da noch zu holen?
Hainkel erwähnte, dass bereits in den Kriegsjahren vieles von der Inneneinrichtung der Meininger Herzöge ausgelagert wurde. Das Schloss diente damals als Lazarett. Ein Großteil der Bestände wäre wohl nach dem Krieg nach Meiningen geschafft worden, aber eben nicht alles.
Vieles war auch in den unbeschädigten Gebäuden, speziell in den Kellern des Hofmarschallamts, untergebracht worden. Und genau da wären die Einbrecher eingestiegen. Um das zu wissen, bräuchte man schon sehr spezielle Kenntnisse von der Geschichte und den Gegebenheiten vor Ort.
Hainkel wollte sich einen genauen Überblick verschaffen, um seine Recherchen zu vervollständigen. Aufgrund fehlender Archivverzeichnisse war es schwer nachzuvollziehen, was wohl die Begehrlichkeiten der Einbrecher geweckt habe.
Es könnte sich vor allem um persönliche Gegenstände der Herzogin Helene von Heldburg handeln. Sie war die Frau an der Seite des Theaterherzogs Georg II., selbst eine ehemalige Schauspielerin, durch die Heirat jedoch geadelt. Die Herzogin galt als kluge und geistreiche Person, verkehrte mit vielen Geistesgrößen ihrer Zeit und war auch eine kunstinteressierte Gattin, die ihren Mann, den Herzog, beriet und zu diversen Käufen anregte.
Einiges davon sollte noch in den Tiefen der Kellergewölbe des zum Schlosspark gehörigen Hofmarschallamtes schlummern. Man munkelte das jedenfalls schon immer. Zugang zu den Kellergewölben hatte nur ein begrenzter Kreis. Das Geheimnis blieb daher bestehen.
Hainkel hatte wohl versucht, Zugang zu den Kellergewölben zu bekommen, doch leider vergeblich. Keiner fühlte sich wirklich bevollmächtigt, ihm die Schlüssel auszuhändigen. Er war eben keine Behörde, die vor Ort ermittelte, sondern nur ein Journalist.
Unverrichteter Dinge trollte er sich wieder, kehrte noch in Bad Liebenstein zu einem Kaffee ein, um seinen Unmut bei einem Stück Mohnkuchen wenigstens etwas zu lindern. Die Begegnung mit Linthdorf schien da etwas in ihm in Gang gesetzt zu haben. Ha, ein Polizist auf Kur!
Jedenfalls war Linthorf mit Hainkel übereingekommen, in Kontakt zu bleiben. Hainkel würde ihn im Auto sogar kutschieren. Möglicherweise öffneten sich für den Journalisten bisher verschlossene Türen. Dass Linthdorf ein LKA-Beamter aus Brandenburg war und im Moment nur auf Kur hier weilte, musste man ja nicht vertiefen.
Der Mond war inzwischen aufgegangen, schickte sein bleiches Licht herab zur Erde. Linthdorf vernahm den Ruf eines Waldkäuzchens und schaute auf die angeleuchtete Burgruine. Kühle Luft wurde von dem nahen Wald zu ihm herübergeweht. Der Sauerstoff rauschte im Blut. Er konnte fast die Nadelhölzer schmecken. So konnte er die Kur gut aushalten.
Der geheimnisvolle Graf
Wir Friedrich von Gottes Gnaden, Herzog zu Sachsen, souveräner Fürst von Hildburghausen ... möchten ... gegen den Herrn Grafen durchaus diejenigen Rücksichten beobachtet und betätiget wissen wollen, auf welche er sich durch sein bisheriges Benehmen selbst Ansprüche erworben und welche wir ihm gleich bei seinem Eintritt in unser Land haben gedeihen lassen. Wie wir denn den Herrn Grafen solange er seinen Aufenthalt in diesem fortsetzen wird, beständig unter unseren besonderen Schutz nehmen und nicht zugeben werden, dass ihm irgendeine Unannehmlichkeit zugefügt werde ...
Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen am 12. März 1824 in einem Schreiben an seine Kabinettsmitglieder

Eishausen
Sonntag, 30. November 1814
Wer auf die absurde Idee gekommen war, ihm den Grafentitel zuerkennen zu müssen, wusste er nicht. Er dementierte es nicht, bestätigte es aber auch nicht.
Überall wurde von ihm als dem Grafen gesprochen. Dabei gab es nicht ein Schriftstück auf dem dieser Adelstitel stand. Aber das Gerücht hielt sich hartnäckig. Die Briefe, die ihn erreichten; waren größtenteils an einen Baron Vavel de Verzay gerichtet. Nun, ein Baron war aber auch noch lange kein Graf. Dennoch sprach man stets vom Grafen.
Er schüttelte den Kopf über die seltsamen Wege, die Gerüchte nahmen und deren Wahrheitsgehalt durch nichts bewiesen werden konnte. Aber sein selbstgewähltes Incognito verleitete die Leute wohl dazu, Spekulationen anzustellen.
Nein, einen Adelstitel hatte er nicht, brauchte er eigentlich auch nicht. Er stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Seine Familie gehörte zu den reichsten Amsterdamer Kaufmannsfamilien, verfügte über ein gut laufendes Handelshaus.
Er wurde 1769 in der altehrwürdigen Kirche t’Boomtje auf den schönen Namen Leonardus Cornelius van der Valck getauft. Eine glänzende Zukunft lag vor ihm, aber die Geschäfte seines Vaters Adrian van der Valck liefen plötzlich nicht mehr so gut wie noch vor Jahren. Die van der Valcks mussten 1781 Amsterdam verlassen.
Gläubiger setzten ihnen zu. Der junge Leonardus wuchs in Emmerich, unweit der holländischen Grenze auf. Kein Vergleich zum noblen Amsterdam. Er vermisste die Stadt mit ihren Grachten, prächtigen Kirchen und den Bürgerhäusern, das geschäftige Treiben in den engen Gassen und die Schiffe im Hafen, die wertvolle Waren aus aller Welt nach Holland brachten.
1786 kam der junge Leonardus als Student nach Köln am Rhein. Die Stadt war ihm weitaus lieber als das provinzielle Emmerich, immerhin, es gab in Köln vielerlei Amüsement und natürlich, der wissenshungrige Leonardus stürzte sich begierig auf alles, was ihm von den Professoren empfohlen wurde.
Seine Neugier und seine Belesenheit waren auch den anderen Studenten aufgefallen. Der dreijährigen Ausbildung am Gymnasium folgte ein Jurastudium an der Kölner Universität. Doch der junge Student war mit dem Studium nicht glücklich. Schon ein Jahr später wechselte er an die Universität Göttingen, versprach sich von dem Wechsel einiges. 1791 beendete er sein Studium und reiste kurze Zeit später in das von Revolutionswirren gebeutelte Paris.
Seine finanziellen Verhältnisse waren inzwischen wieder komfortabel. Das Handelshaus van der Valck hatte sich erholt und von seiner Familie, vor allem von seiner geliebten Großmutter, bekam er großzügige Unterstützung in Form von Geldsendungen.
Paris war 1792 noch immer ein Pulverfass. Die anfängliche Euphorie der Revolutionäre war verflogen. Die Machtkämpfe zwischen den Siegern der Revolution beschäftigten die Pariser. Jakobiner und Girondisten, anfangs noch Verbündete, standen sich offen feindselig gegenüber, Gerüchte wurden gestreut, Verhaftungen waren an der Tagesordnung.
Leonardus verkehrte in den besten Kreisen, machte sich mit Rouget de Lisle und Benjamin Constant bekannt, beides führende Köpfe der Revolution, verkehrte aber auch in aristokratischen Kreisen im berüchtigten Café Corazza. Vorsichtig lotete er die Stimmungslage aus, trat dem »Corps du Bâtonniers«, einer freien Juristenvereinigung bei. Er knüpfte Kontakte, die ihm nützlich sein konnten, verbesserte sein Französisch und kaufte sich ein Offizierspatent.
1793 war er dabei, als die französische Revolutionsarmee Richtung Preußen zog. Im Rheinland wurde er beim 6. Bataillon de Chasseurs eingesetzt. Durch einen dummen Zufall geriet der junge Leonardus in preußische Gefangenschaft. Seine militärische Karriere schien vorbei zu sein, bevor sie so richtig angefangen hatte. Zwei Jahre musste er in der Festung Freiburg ausharren bis er endlich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Er nahm seinen Abschied aus der Armee und begab sich zurück ins heimische Holland, das inzwischen von Frankreich besetzt worden war und sich neuerdings als Batavische Republik bezeichnete. Leonardus war niedergeschlagen, nein, zum Offizier schien er nicht zu taugen.
Doch seine Großmutter wusste Rat. Sie vermittelte ihn an die holländische Gesandtschaft in Paris. Eine neue Karriere als Diplomat stand im offen. Offiziell war er nun Gesandtschaftssekretär der Batavischen Republik, ein schöner Titel, der aber nicht viel bedeutete. Die Batavische Republik war ein Papiertiger. Das Sagen hatten die Franzosen.
Das Jahr 1799 begann für Leonardus mit einem Paukenschlag. Seine Großmutter starb plötzlich. Er war über den Verlust seiner Förderin tiefbetrübt. In ihrem Testament hinterließ sie ihm ein beträchtliches Vermögen. Leonardus war jetzt reich.
Er quittierte den diplomatischen Dienst, der ihn nicht wirklich ausfüllte und begab sich wieder nach Amsterdam. Sein Onkel, Petrus Franziskus Laarman, kümmerte sich um die Vermögensverwaltung des jungen Leonardus. Er war ein gewiefter Kaufmann und mit den besten Bankhäusern Amsterdams vertraut.
Leonardus begab sich auf Reisen, als erstes besuchte er die deutschen Länder. Mit dem holländischen Pass konnte er unbehelligt reisen. Seine erste Station war die alte sächsische Handelsstadt Leipzig, dann besuchte er die thüringische Universitätsstadt Jena, die Residenzen Weimar und Gotha. Überall war er ein gern gesehener Gast, knüpfte Verbindungen zu liv- und kurländischen Exilanten, machte sich mit den Leuten bei Hofe bekannt und besuchte fleißig die Theateraufführungen im berühmten Ekhof-Theater.
Später reiste er nach Heidelberg. Doch etwas war geschehen, was den bisher so weltgewandten Leonardus vollkommen verändert hatte. Er war plötzlich sehr zurückhaltend und vorsichtig im Umgang mit den Menschen geworden, eigentlich mied er jedweden Kontakt.
Außerdem wurde er seit einiger Zeit in Begleitung einer unbekannten Schönen gesehen. Ob sein Sinneswandel mit dieser Frau im Zusammenhang stand, war schwerlich zu beurteilen. Van der Valck war Anfang Dreißig, reich, gebildet, viel gereist – ein Mann, der eigentlich an die Gründung einer Familie denken sollte.
Die unbekannte Dame in seiner Begleitung schien auf ihn einen seltsamen Einfluss zu haben. Plötzlich reiste der zuvor sehr selbstbewusst aufgetretene Leonardus unter falschem Namen, nannte sich Baron Charles Louis Vavel de Verzay, zog sogar das vollkommene Incognito vor.
Von seiner Begleiterin erfuhr man überhaupt nichts. Mit keiner Silbe erwähnte er, wer die ungewöhnliche Begleiterin war. Der Diener, ein ehemaliger Schweizer Gardesoldat namens Scharr, der sich um alle Belange des Paares kümmerte, war ebenfalls ein schweigsamer Mensch, der über die Identität seiner Herrschaft kein Wort verlor.
Leonardus schien auf der Flucht zu sein. Anstelle der großen Städte und der angesagten Gesellschaft reiste er jetzt vollkommen unauffällig, mied größere Städte und quartierte sich in eher unscheinbaren Pensionen ein. Längere Zeit verbrachte er mit seiner Begleiterin in der Hofapotheke im schwäbischen Ingelfingen.
Er vermied jedweden Kontakt zu ortsansässigen Honoratioren. Früher war er stets um Kontakte bemüht, war offenherzig und parlierte mit allen Menschen seiner Umgebung. Davon war nichts mehr zu spüren. Leonardus Cornelius van der Valck war nicht mehr derselbe, der er vor kurzem noch war. Seine Flucht aus der Zivilisation setzte er fort, verbrachte viele Monate auf abgeschiedenen Höfen der Schwäbischen Alb, kreuzte kurz in Neuwied unweit Koblenz auf, um aber nach wenigen Tagen wieder zu verschwinden. Offensichtlich fühlte er sich verfolgt.
Um seine Verfolger abzuschütteln, lancierte er im »Merkur« eine Todesanzeige von sich selbst. Das war im Jahre 1804. Leonardus Cornelius van der Valck hatte offiziell aufgehört zu leben.
Der Mann, der jetzt in Begleitung der unbekannten Dame auftrat, führte nur noch den französischen Namen Vavel de Verzay. Als solcher kam er auch nach Wien, traf sich mit zahlreichen wichtigen Leuten bei Hofe und sollte sogar einem Treffen mit dem zu Gast weilenden russischen Zaren Alexander beigewohnt haben. Zwei Jahre dauerte seine Flucht quer durch Österreich, in diversen Städten tauchte er auf, ohne jedoch längere Zeit zu verweilen.
Die hartnäckigen Verfolger schienen es auf seine Begleiterin abgesehen zu haben. Sorgfältig schirmte er sie vor der Außenwelt ab, so dass kaum ein Fremder sie zu Gesicht bekam.
Schließlich kehrte er 1807 nach Thüringen zurück. Österreich war ihm ein zu heißes Pflaster geworden. Napoleon marschierte mit seiner Grande Armee durch Europa, eroberte ein Königreich nach dem anderen. Nichts konnte seinen Vormarsch stoppen. Das schien Leonardus große Sorge zu bereiten. Seine Verfolger waren höchstwahrscheinlich napoleonische Geheimagenten, die Orders hatten, die unbekannte Dame nach Frankreich zurückzubringen.
Leonardus‘ Mission war es, sie vor diesem Schicksal zu bewahren. War es wirklich eine Prinzessin, die er so sorgfältig vor der Außenwelt verbarg? Eigentlich war es ihm egal, aber er hatte es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, dieser Frau das ihr zugedachte Schicksal zu ersparen.
Liebte er sie? Gut möglich.
Aber was war schon Liebe? Eine Leidenschaft, die schnell verging. Leonardus Verhältnis zu der Schönen war unzweifelhaft komplizierter als es eine auflodernde Liebelei sein konnte.
Nein, da war mehr im Spiel als nur ein vages Gefühl. Die Hingabe und große Empathie, die er für sie empfand, war an ein höheres Ziel gebunden. Es ging um mehr. Da war hohe Politik mit im Spiel.
Er war sich bewusst, dass es immer schwieriger werden würde, die Flucht erfolgreich weiter zu inszenieren, ohne Aufsehen zu erregen.
Je mehr Napoleon auf dem Vormarsch war, desto wahrscheinlicher würden seine Geheimagenten ihnen auf die Schliche kommen. Fast jedes Land in Europa war inzwischen ein Vasall des Korsen.
Das galt auch für die unzähligen kleinen Fürstentümer Thüringens, die allesamt dem sogenannten Rheinbund beigetreten waren und ihre Souveränität damit aufgegeben hatten. Natürlich wusste Leonardus nicht, wie eng die jeweilige Zusammenarbeit mit der französischen Schutzmacht war. Aber ihm war nicht entgangen, dass an den Höfen der Thüringer Herzöge und Fürsten neuerdings französische Berater, getarnt als Gesandte, auftraten und unmissverständlich die Wünsche der Schutzmacht den Herzögen klarmachten.
Seine Ängste waren berechtigt. Überall, wo er jetzt aufkreuzte und vor Jahren mit offenen Armen empfangen wurde, verschlossen sich plötzlich die Türen. Weder Weimar, noch Gotha oder Meiningen gewährten ihm Schutz. Erst im kleinen Herzogtum Hildburghausen bekam er die erhoffte Unterstützung.
Dankbar erinnerte er sich an den großzügigen Herzog Friedrich und dessen schöne Gattin Charlotte. Unkompliziert organisierten ein paar enge Vertraute des Herzogs alles Notwendige für einen zurückgezogenen Aufenthalt des Paares.
1810 bezog er das kleine Schlösschen im nahe gelegenen Eishausen. Endlich fühlte er sich vor seinen Verfolgern sicher. Die Strapazen der langjährigen Reisen hatten ihm stark zugesetzt. Sowohl seine Gesundheit als auch die Gesundheit der unbekannten Schönen waren angegriffen. Der Rat eines befreundeten Arztes, sich von den giftigen Ausdünstungen der großen Städte fernzuhalten, war ihm zutiefst verinnerlicht. Hier in der klaren Bergluft Thüringens würden sie wieder genesen. Mit eiserner Disziplin hatte er sich aus der Krise herausgearbeitet.
Er versuchte, seinem Leben einen neuen Takt zu geben. Anstelle der dauernden Ortswechsel und der damit verbundenen unsteten Lebensweise erstellte er nun ein von festen Regeln bestimmtes Tageswerk.
Auch seiner Begleiterin schien die Ruhe und die Regelmäßigkeit gut zu tun. Die klare, keimfreie Luft tat ihr Übriges. Sie erblühte zu einer Schönheit, die zwar noch etwas gezeichnet war von den Strapazen der vielen Reisen quer durch Europa, aber Leonardus erneut in Leidenschaft versetzte.
Das Leben auf Schloss Eishausen war dem strengen Duktus zweier ständig auf der Flucht befindlichen Menschen unterworfen. Das erklärte wohl auch die vollkommene Isoliertheit und Abschottung von den alltäglichen Dingen. Die einzige Kommunikation mit der Außenwelt erfolgte über den getreuen Diener Scharr und die wenigen Dienstboten, die sich um diverse Besorgungen und Einkäufe kümmerten.
Leonardus war das ganz recht so. Seine Korrespondenz erledigte er in seinem Schreibkabinett, blieb auf diese Art und Weise stets auf dem Laufenden und nahm Anteil an den politischen Veränderungen. Napoleon war inzwischen mehrfach besiegt. Seine Armeen befanden sich auf dem Rückzug. Vor Moskau war die Grande Armee vernichtend geschlagen worden.
Erst als Napoleon nach dem Staatstreich ins Exil nach Elba verbannt wurde, atmete Leonardus auf. Seine Mission war beendet. Aber würde er sich von der schönen Frau trennen können?
Seine Beziehung zu ihr war intensiv. Er konnte und wollte ohne sie nicht weiterleben. Zumal sie seine Gefühle erwiderte. Es gab keinen Grund, dass selbst erschaffene Paradies zu verlassen.
Leonardus beschloss zu bleiben. Er wusste auch um die fragile Gesundheit seiner Prinzessin. Eine weitere unbequeme Reise würde wahrscheinlich ihren frühzeitigen Tod provozieren. Und ob sie in einer Stadt wie Paris oder Amsterdam sich je zurechtfinden würde, wagte er zu bezweifeln. Zu lange währten nun schon ihre Flucht und das Versteckspielen in den abgelegenen Winkeln Deutschlands.
In den folgenden Jahren besuchten mehrmals ein paar russische Offiziere Schloss Eishausen. Sie schienen wichtige Botschaften für den Grafen mitgebracht zu haben. Seine Stimmung war nach den Besuchen der Offiziere jedenfalls ausgesprochen gut.
Aus Holland kamen weiterhin regelmäßig Geldsendungen, die ihm ein unbeschwertes Leben ermöglichten. Sein Vermögen, verwaltet von seinem Onkel, war gut angelegt und warf einen erklecklichen Zins ab.
Leonardus wägte diverse Optionen ab, verwarf die meisten von ihnen und besprach sich auch mit seiner Prinzessin. Die unbekümmerte Leichtigkeit des Zusammenseins würde wohl nur hier in der Abgeschiedenheit Eishausens aufrechterhalten werden können. Beide wussten das. Beide wollten das. Beide waren sie sich im Klaren, dass ihr Paradies genau hier im Süden Thüringens lag. Leonardus war glücklich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Abgestürzt
Die Ritter vom Hermannsberg
Nicht weit von Steinbach-Hallenberg, recht mitten im Waldgebirge, liegen zwei Berge, der kleine und der große Hermannsberg. Über letzteren läuft ein steiler, haushoher Porphyrfelsenkamm, wie eine Riesen- oder Teufelsmauer, grau bemoost und mit alten Bäumen bewachsen.
Da droben soll ein Schloss gestanden haben, bewohnt von einem Grafen, welcher Hermann hieß. Er führte gar ein übles Leben mit seinen Rittern und gewann dadurch einen großen Schatz, dass er zwölf Seelen opferte.
Zur Strafe seiner Untaten ward er mit den Seinen in den Berg verflucht; zuzeiten hört man ein wildes, wüstes Toben dieser Ritter, sieht auch wohl den Grafen umgehen; so hat ihn mancher Förster und Kreiser (Jäger im Schnee) auf sich zukommen sehen mit einem spinnwebenen Gesicht.
Ein Führer geleitete einen Fremden über die Waldestrift, wo man von Steinbach-Hallenberg nach Mehlis geht, an einem Märzmorgen. Es hatte einen frischen Schnee gelegt. Da kam der Geist sichtbarlich und ging an den Wanderern vorüber; wie sie sich umsahen, weil sein Aussehen sie entsetzte, war er verschwunden, und im Schnee war, wo er gegangen, kein Fußtapfen zu erblicken.
Ludwig Bechstein: Thüringer Sagenschatz

I
Großer Hermannsberg bei Steinbach-Hallenberg
Dienstag, 8. Mai 2007
Das Wetter spielte mit. Hainkel trabte im lockeren Dauerlauf. Der Weg war ein steiler Bergpfad, ausgewaschen von unzähligen Regenfällen. Geröll überall. Es galt wachsam zu sein. Ein Fehltritt und das war’s. Eine Verletzung, speziell an den Beinen, konnte er sich nicht leisten. In wenigen Wochen waren die Landesmeisterschaften.
Immer, wenn die Zeit es zuließ, trainierte er. Damit es nicht zu langweilig wurde, suchte sich Hainkel immer neue Laufstrecken. Diesen Nachmittag hatte er frei. In seinem Triathlonverein tauschten sich die Männer über gute Laufstrecken aus. Ein guter Kumpel hatte ihm die Bergstrecke am Großen Hermannsberg vorgeschlagen. Ein echter Kanten. Start am Knüllfeld, einer beliebten Ausflugsgaststätte oberhalb des Städtchens Steinbach-Hallenberg, dann quer über die Ganswiesen zum Berg.
Der Große Hermannsberg war ein beeindruckender Geselle. Wie ein riesiger Blauwal lag er vor einem, zum Greifen nah und dennoch so fern. Er war dicht bewaldet, obwohl er in den Achtzigern fast seinen ganzen Baumschmuck verloren hatte. Wind- und Schneebruch hatten viele Nadelbäume an den Hängen umgelegt. Die darauffolgenden, heißen Sommer brachten den Borkenkäfer, der sich inmitten des Holzbruchs pudelwohl fühlte.
Nur mit schwerem Gerät, extra aus Österreich herbeigeholt, war man der Plage Herr geworden.
Nach und nach verschwanden die abgestorbenen Bäume. Der Berg präsentierte sich fast kahl. Rotbraune Felsen wurden sichtbar. Porphyre, die sich seit Millionen von Jahren auftürmten. Der Berg war ein klassischer Bruchschollenberg, gefaltet von unvorstellbar großen Kräften aus dem Erdinneren. Das erklärte auch seine eigenartige Form, langgestreckt, steil aufragend, mit den zahlreichen Porphyrfelsen bekrönt, die zum Klettern einluden. Es gab zwei Möglichkeiten, den Berg zu besteigen. Eine holprige Straße zog sich spiralförmig bis zum Gipfelgrat hinauf. Die Straße, eigentlich mehr ein ausgewaschener Weg, war moderat in der Steigung, zog sich aber ziemlich in die Länge.
Und dann gab es noch einen steilen Pfad, versteckt zwischen den Bäumen, einer Schneise folgend, die seit langer Zeit eine kleine Lücke zwischen den dicht stehenden Bäumen aufwies. Dieser Pfad war extrem steil und führte fast senkrecht nach oben.
Hainkel hatte die Straße gewählt, schließlich wollte er ja trainieren für die Triathlonmeisterschaften und nicht für Bergcross, obwohl ihn diese Sportart auch reizen würde.
Er kannte die Strecke, war sie vor kurzem schon einmal gelaufen. Man war am Hermannsberg meist allein unterwegs. Es gab auf seinem Gipfel keine Ausflugsgaststätte und der Aufstieg war mühsam. Früher waren die Jugendlichen der umgebenden Dörfer mit Rucksäcken, gefüllt mit Eiern, Schinkenspeck und Brot auf den Berg geklettert, machten oben im Schatten der Felsen kleine Lagerfeuer und feierten Pfingsten. Doch das war schon lange vorbei. Die moderne Dorfjugend saß vor dem Computer und rettete die Welt. Einer der Gipfelfelsen hatte sogar ein eisernes Geländer. Dieser Fels war der höchste auf dem Berg. Hier erreichte er seine stattliche Höhe von 867 Metern. Es galt für jeden Gipfelstürmer, genau den Felsen als letztes zu erklimmen. Ein paar Stufen waren in den weichen Porphyr gehauen worden, die es ermöglichten den rundgeschliffenen Stein zu erklimmen. Oben angelangt, wurde der Gipfelstürmer mit einem sagenhaften Ausblick belohnt. Der gesamte westliche Thüringer Wald lag zu seinen Füßen.
Gleich links erhob sich der Ruppberg. Nur einen Meter kleiner als der Hermannsberg präsentierte sich der steil aufragende Kegel wie ein Bergkönig. Bekrönt wurde er von einer rotbraun angestrichenen Hütte. Dieser Hütte verdankte der Ruppberg seine Popularität. Außerdem lag der Ruppberg im direkten Einzugsgebiet der Stadt Zella-Mehlis. Hinter dem Ruppberg reckte sich aus dem dunklen Tannengrün der Steinhauk in den Himmel. Er fristet nur ein Schattendasein.
Schaute man gen Osten, konnte man die Gipfel des Hauptkamms des Thüringer Waldes sehen. Eigenartige Namen hatten sie: Donnershauk, Hohe Möst, Schneekopf, Gebrannter Stein, Hoher Stein. Der Kanzlersgrund, ein längliches Hochtal zog sich zwischen den Bergen aufwärts.
Richtung Süden war der Blick frei auf hügelige Felder und Wälder. Am Horizont zeichneten sich als hellblaue Kulisse die Berge der Rhön ab. Davor thronte erhaben der Dolmar, ein einzelner Berg, der seit alters her mit einem geheimnisvollen Nimbus umgeben war. Schon die alten Kelten hatten sich den Dolmar ausersehen, um dort ein Heiligtum zu errichten. In der jüngeren Vergangenheit wurde der Dolmar für die Thüringer zur Sperrzone. Eine Raketenstation der Roten Armee verwehrte den Zugang zum Gipfel.
Weiter links grüßten die Gleichberge. Sanfte Hügel, von Wald bedeckt. Eingebettet in die Landschaft erblickte man zahlreiche kleine Städtchen und Dörfer: Steinbach-Hallenberg streckte sich langgezogen rechts unterhalb der Ganswiesen. Bermbach duckte sich in einen kleinen Talkessel. Unterhalb der Rückseite des Berges zogen sich die beiden Schwesterdörfer Ober- und Unterschönau in einem Tal empor, dem Haselgrund, einer natürlichen Fortsetzung des Kanzlersgrunds.
Hainkel kannte die Gegend. Es war sein Einsatzgebiet als Lokalreporter. Er fühlte seinen Puls. Achtundachtzig. Das war okay. Der Lauf hatte ihn nicht sonderlich verausgabt. Zufrieden saß er auf dem Felsen, genoss den Ausblick und überlegte, welchen Weg er abwärts wählen sollte. Gerade als er aufstehen wollte, irritierte ihn ein seltsames Blinken. Die Sonne war hervorgekommen und schien mit ihrer Frühlingskraft direkt auf die Felsen. Porphyr glänzte nicht. Porphyr war stumpf und matt, rotbraun mit ein paar Einsprengseln in Schwarz und Ocker. Aber da blinkte etwas auf dem Felsen direkt vor ihm.
Hainkel hangelte sich vorsichtig auf den etwas tiefer liegenden Stein direkt unterhalb des Felsens. Das Blinken kam von einem kleinen, silbernen Medaillon. Es war oval, vielleicht fünf Zentimeter groß, an einem Kettchen, das zerrissen war. Eindeutig konnte Hainkel erkennen, dass die Kettenglieder mit Gewalt auseinandergerissen worden waren. Vorsichtig öffnete er das Medaillon. Auf der Innenseite des Klappverschlusses standen in zierlichen Schnörkeln zwei Buchstaben. Ein großes M und ein großes R.
Im Medaillon selbst war eine farbige Miniatur zu sehen. Ein Portrait. Es gehörte zu einer schönen Frau, vielleicht Anfang Zwanzig, möglicherweise sogar noch jünger. Der Stil der Frisur und der Kleidung rückte die schöne Unbekannte weit zurück in die Vergangenheit. So sahen die Damen möglicherweise vor zwei- oder dreihundert Jahren aus.
Genauer konnte Hainkel das nicht datieren. Aber er war sich sicher, dass das Medaillon ein historisch wertvolles Stück war. Wie das Schmuckstück auf den Gipfel des Hermannsbergs geraten war, konnte er sich nicht erklären. Möglicherweise hatte ein Wanderer es verloren. Aber dann besah er es sich noch einmal genauer. Das Medaillon musste mit Gewalt jemandem vom Hals gerissen sein. Die zerstörten Kettenglieder ließen keinen anderen Schluss zu.
Hatte sich hier auf den Felsen ein Drama abgespielt?
Nachdenklich kletterte Hainkel an dem Felsen zurück auf den Gipfelpfad. Eine vage Idee hatte er just in diesem Augenblick. Ob nicht am Fuße der Felsen …?
Mühsam kämpfte er sich durch das Unterholz und riesige Farnbüsche. Endlich war er unterhalb der Gipfelfelsen. Junge Fichten und ein paar Buchen standen an dem schräg abwärts laufenden Hang. Der Boden war bedeckt mit Farnen und Heidelbeerbüschen. Nichts deutete auf Spuren eines Kampfes hin. Hainkel schüttelte den Kopf.
Seit er die Einbruchsserie in den Thüringer Schlössern verfolgte, hatte er öfters schon solche seltsamen Eingebungen. Wer weiß, möglicherweise war das Medaillon ja sogar Diebesgut? Ausschließen konnte er das nicht. Zumal die Bestandslisten, die er von den Verwaltungen bekommen hatte, große Lücken aufwiesen, was die inventarisierten Artefakte anging.
Ein kleines Medaillon würde da wohl nicht auffallen. Vielleicht eine erste Spur zu den Tätern. Hainkel schlitterte auf dem weichen Grund abwärts. Fichtennadeln bedeckten den Boden.
Wurzeln waren Stolperfallen. Gerade schien er wieder an einer solchen Wurzel hängengeblieben zu sein. Dichtes Farnlaub machte es schwierig, die Wurzeln rechtzeitig zu entdecken.
Fluchend fiel er kopfüber in den Farn. Wie von einer Tarantel gestochen fuhr er jedoch fast zeitgleich wieder auf. Was er für eine Wurzel hielt, war ein Bein. Das Bein gehörte zu einer Frau, die höchstwahrscheinlich tot war.
Hainkel war entsetzt. Fieberhaft kramte er sein Handy hervor. Leider gab es hier am Berg keinen Empfang. Was sollte er tun?
Nichts anfassen! Das, wusste er, war die wichtigste Prämisse. Bei zahlreichen Polizeieinsätzen, die er als Lokalreporter begleitet hatte, klagten ihm die Polizisten jedes Mal, wie achtlos die Leute Spuren zerstörten durch unüberlegtes Herumgelatsche am Fundort.
Aber irgendwie musste er den Fundort sichern, so dass er ihn leicht wiedererkennen konnte. Letztendlich wusste er, was zu tun war. Er schlang um die Fichte direkt vor dem Farndickicht, in dem die Frauenleiche lag, sein T-Shirt. Dann machte er sich auf den Weg. Er wusste, dass am Knüllfeld ein Telefonanschluss war. Dort musste er hin.
Die Herren im Berg
Einst hütete ein Hirte am Großen Hermannsberg, da verlief sich der Brüller (Herdochse), und der junge Knecht ging in den Wald, ihn zu suchen. Da kam er zu einer Gesellschaft Herren, die vergnügten sich mit Kegelschieben, und da sie ihn sahen, winkten sie ihm, ihnen die Kegel aufzusetzen. Dies tat er, und als sie ihr Spiel beendigt hatten, gingen sie hinweg und sagten, er möge nur die Kegel mitnehmen. Er belud sich mit dem Spiel, kam wieder zur Herde, zu der sich indes der Ochse wiedergefunden hatte, trieb sie heim und wurde verwundert gefragt, wo er denn bleibe und gewesen sei, er sei schon drei Tage nicht nach Hause gekommen. Er aber beteuerte, kaum eine halbe Stunde von der Herde gegangen zu sein, die Herren hätten ihn genötigt, ihnen die Kegel aufzusetzen. Da fragte man weiter, ob er auch einen Lohn bekommen. O ja, sagte der Knecht, ich habe das ganze Spiel mitgebracht, draußen liegt's unter der Treppe. – Nun wollte der alte Hirt selbst den Ranzen mit den Kegeln unter der Treppe hervorziehen, vermochte das aber nicht, hingegen der Junge, wie er angriff, brachte ihn gleich hervor, und da waren die Kegel von purem Golde. Zu einer anderen Zeit, als der junge Knecht wieder im Walde hütete und herumschweifte, fand er die Gesellschaft wieder, setzte wieder auf, und da bekam er auch die Kugeln. So war er zweimal glücklich.
Ludwig Bechstein: Thüringer Sagenschatz

II
Knüllfeld bei Steinbach-Hallenberg
Dienstagabend, 8. Mai 2007
Soviel Polizei war noch nie hier oben. Das Wirtspaar vom Knüllfeld konnte sich nicht daran erinnern, dass schon einmal eine zahlreichere Präsenz von Polizei, Krankenwagen, Leichenwagen und Technikern vor ihrer Haustür zu sehen war.
Selbst als vor vielen Jahren einmal ein Waldbrand gleich unmittelbar hinter dem Knüllfeld zu bändigen war, standen nur ein paar Feuerwehrautos herum.
Doch jetzt war alles anders. Drüben am Hermannsberg hatte man eine Leiche entdeckt. Eine Frau sollte es sein. Wohl abgestürzt am großen Aussichtsfelsen.
Naja, da ging es schon ein paar Meter steil bergab in die Tiefe. Der Sportler, der die Frau entdeckt hatte, saß in ein Gespräch mit zwei Polizisten vertieft im Schankraum.
Als der völlig abgekämpft vor drei Stunden Sturm geklingelt hatte, normalerweise war dienstags nämlich Ruhetag, dachten die Wirtsleute, es wäre ein schlechter Scherz. Aber der durchtrainierte Typ sah nicht wie ein Spaßvogel aus.
Er trank zwei große Gläser mit Mineralwasser, ohne mit der Wimper zu zucken, in einem Zug aus. Dann berichtete er kurz, was er entdeckt hatte und bat um ein Telefon.
Ja, und nun war hier alles voll mit Polizei. Man konnte mit den Autos nicht direkt zum Hermannsberg. Die Wege waren einfach ungeeignet. Also hatten sich die Techniker, ein paar Beamte und die Rettungssanitäter zu Fuß auf den Weg gemacht. Der Sportler übernahm die Führung und lief vorneweg. Die Begleiter hatten Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
Nach einer guten, halben Stunde waren sie am Fundort angekommen. Hainkel hatte die Männer den steilen Pfad aufwärts geschickt. Das wäre wohl schneller. Zielsicher strebte Hainkel dem Ort direkt unterhalb des Aussichtsfelsens zu. Da war auch schon sein T-Shirt. Er wies auf das dichte Farn. Da drinnen liege sie.
Als erstes waren die Techniker zugange. Vorsichtig bahnten sie sich ihren Weg, beseitigten systematisch mit Scheren die vielen Farnblätter, um freie Sicht zu haben. Nach und nach wurde die Frauenleiche sichtbar. Es war eine nicht mehr ganz junge Frau, wahrscheinlich Ende vierzig, Mitte fünfzig. Gekleidet war sie mit Blue Jeans, einer hellgrünen Bluse, darüber eine schwarze Steppweste. Etwas abseits lagen ein Sommerhut aus geflochtenem Bast, eine Handtasche und eine Sonnenbrille. Die war wohl durch den Sturz heruntergerissen worden.
Die Frau lag in einer unnatürlichen Position auf dem Rücken, die Arme weit von sich gestreckt, die Beine waren in einem unnatürlichen Winkel ebenfalls gestreckt. Der Kopf der Frau wirkte wie abgeknickt. So konnte man eigentlich den Kopf nicht auf natürliche Weise bewegen. Hainkel wurde es schlecht. Mit Leichen hatte er es nicht so.
Ein Fotograf begann sein Werk, lichtete die Frauenleiche ab, positionierte kleine Kärtchen mit Zahlen an den Fundorten der Handtasche, der Sonnenbrille und des Hutes.
Die anderen Beamten durchstreiften die direkte Umgebung. Wohl um sicher zu gehen, nichts übersehen zu haben. Plötzlich ertönte ein kurzer Schrei. Einer der Beamten schien etwas entdeckt zu haben.
Hainkel eilte herbei. Etwa dreißig Meter abwärts hatte ein Polizist noch eine weitere Leiche entdeckt. Diesmal ein Mann. Auch er schien vom Felsen gestürzt zu sein. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er gen Himmel. Hainkel wurde es schon wieder schlecht. Mein Gott, was für ein Drama hatte sich da abgespielt.
Hatten die beiden möglicherweise auf dem Felsen miteinander gekämpft? Hainkel musste an das Medaillon denken. Bisher hatte er davon noch nicht berichtet.
Wie normale Touristen sahen die beiden Toten nicht aus. Eher wie Städter, die sich verirrt hatten.
Touristen im Thüringer Wald waren leicht zu erkennen. Speziell die Wanderer. Meist trugen sie Funktionskleidung, die älteren Semester waren sogar mit Kniebundhosen und Tirolerhüten unterwegs. Zu ihnen gehörte immer ein Gehstock und ein gewaltiger Rucksack. Im Sommer durchzogen sie scharenweise die Gegend. Die Einheimischen nannten die Wanderer liebevoll »Luftschnapper«.
Auf dem Rennsteig war dann ein Verkehr wie in der Fußgängerzone von Schmalkalden. Unangenehm wurde es meist, wenn solch ein Trupp anfing Lieder zu deklamieren, immer zuerst natürlich die Thüringer Waldhymne von Herbert Roth: »Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land …«
In den letzten Jahren waren zu den konservativen Jodlern und Sängern die Nordic Walker hinzugekommen. Ausgerüstet mit zwei Skistöcken, Stirnband, Sonnenbrille und Leggins marschierten diese Spezies in einem hohen Tempo durch die Landschaft. Die Nordic Walker hatten kein Interesse an Natur und Landschaft, ihnen ging es um Zeiten. Schnaufend und keuchend stapften die Walker an einem vorüber. Sie hetzten durch die Gegend auf der Suche nach dem Kick, pure Adrenalinjunkies.
Hainkel hielt sich von beiden Gruppen fern, sie waren ihm nicht ganz geheuer. Seine Gedanken kehrten wieder zurück zu den beiden Toten.
Oder gab es vielleicht einen unsichtbaren Dritten? Möglicherweise wurden die beiden ja verfolgt. Retteten sich auf den Felsen, dann ging es nicht mehr weiter. Der Verfolger nahte und …
Hainkel sah in Gedanken die beiden mit einer geheimnisvollen Figur in Schwarz ringen, das Medaillon wurde der Frau vom Hals gerissen, bevor sie in die Tiefe stürzte. So könnte es gewesen sein. Unbedingt musste er herausbekommen, wer die beiden Toten waren.
Er sah schon die Titelseite der »Rennsteig-Nachrichten« vor sich: »Drama am Hermannsberg – Zwei Tote im Farngestrüpp entdeckt«.
Ob er mit dem einen der Kriminalisten mal sprechen könnte? Er war immerhin der Entdecker … und überhaupt, im normalen Leben war er Lokalreporter, also, dass würde ihn schon brennend interessieren.
Später, später. Erst müsse man die Toten bergen und sicher sein, nicht etwas übersehen zu haben.
Hainkel nickte. Er wusste, dass die Polizei sich bei solchen Fällen stets bedeckt hielt. Man wollte vermeiden, dass zu viel Details an die Öffentlichkeit gerieten.
Heimlich knipste Hainkel mit dem Handy alles, was wichtig war. Die Aufnahmen waren zwar mit dem Handy nicht ganz von bester Qualität, aber mit dem Computer könnte er sie ja noch etwas nachbearbeiten.
Die Techniker bedeuteten ihm, sich aus dem Bereich des abgesteckten Fundorts fern zu halten. Klar, er kannte die Spielregeln.
Dann setzte sich der gesamte Zug in Bewegung. Die Toten waren in Transporthüllen gebettet worden. Vorsichtig arbeiteten sich die Leute von der Technik durch das Unterholz. Endlich kreuzte der Weg den kleinen Pfad. Einer der Fahrer hatte es geschafft, ein Auto auf der halsbrecherischen Strecke heranzuholen. Mit Tempo zwanzig rumpelte der Transporter bergab.
Hainkel marschierte mit den Beamten wieder zurück zum Knüllfeld. Man schwieg. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Handelte es sich um einen tragischen Unfall? Oder gab es da etwas, was vielleicht ein Selbstverschulden ausschloss?
Der Abend war angebrochen, langsam dämmerte es bereits. Im Schankraum hatten es sich die Beamten eingerichtet. Die Wirtsleute kochten Kaffee und boten auch einen kleinen Imbiss an, wie gesagt, heute war ja eigentlich Ruhetag.
Hainkel verspeiste mit gutem Appetit ein paar Knacker mit Kartoffelsalat. Der Kripobeamte neben ihm hatte sich ein paar Wiener Würstchen kommen lassen.
»Nun sagen sie mir doch mal, was haben Sie denn an einem normalen Wochentag am Hermannsberg zu suchen?«
Hainkel erklärte ihm umständlich, dass er trainiere und der Hermannsberg eine ideale Laufstrecke sei.
Der Beamte schien ihm das zu glauben.
»Und wie sind Sie auf die Leiche gestoßen? Die liegt ja abseits der Laufstrecke in einem nur schwer zugänglichen Bereich.«
Jetzt musste Hainkel sein gefundenes Medaillon hervorholen.
Der Beamte grunzte leise vor sich hin.
Er hörte sich Hainkels Bericht vom Fund des Medaillons an und dessen Intention, unterhalb des Felsens zu schauen, ob da noch mehr sei. Ob er die Personen kenne?
Nein, noch nie gesehen, ganz sicher. So wie die aussahen, würden sie hier doch auffallen. Städter wahrscheinlich.
Der Beamte nickte, holte zwei Pässe hervor, die bei den Toten sichergestellt worden waren. Es waren rote EU-Pässe, vorn war ein aufwändiges Wappen mit einem stehenden Löwen und einer Königskrone darüber in Gold eingeprägt, darunter stand in Druckbuchstaben Royaume de Belgique – Koninkrijk Belgie.
Es waren Belgier. Ein Monsieur Jean-Luc Blaireau und eine Madame Segolène Renard. Beide wohnhaft in Vilvoorde bei Brüssel. Was die beiden am Berg zu suchen hatten, war im Moment nicht zu ermitteln. Auf alle Fälle waren die beiden schon mehr als achtundvierzig Stunden tot, also vor über zwei Tagen musste sich das tragische Unglück ereignet haben. Man müsse nun erst einmal ermitteln, ob es womöglich Zeugen gab, die am Sonntag am Berg unterwegs gewesen waren.
Das wäre im Moment alles, was zu sagen sei. Hainkel erkundigte sich, ob es eine Nachrichtensperre bezüglich des Vorfalls gebe. Nein, das Ganze sei wohl doch ein tragischer Unfall.
Der Beamte schien mit dieser Erklärung ganz zufrieden zu sein. Unfälle, zumal hier in den Bergen, ereigneten sich immer mal. Da könne man auch nichts daran ändern, schließlich wären die Wanderwege ja vorbildlich ausgeschildert und wer sich in Gefahr begebe, indem er auf ungesicherten Felsen herumklettere, nun, dem könne eben auch schon mal etwas zustoßen.
Hainkel nickte. Ja, das wäre möglich. Tief in seinem Inneren regte sich gegen diese harmlose Sicht auf den Vorfall Widerstand. Da war vor allem das abgerissene Medaillon. Es musste ein Kampf auf dem Felsen stattgefunden haben. Ein Kampf mit tödlichem Ausgang. Er würde selber recherchieren.
Ihm fiel der Riese aus dem Café in Bad Liebenstein ein. Der war doch auch ein Kriminaler. Zwar außer Dienst, aber auf ihn machte er durchaus den Eindruck, dass es sich bei ihm um einen wirklichen Spürhund handeln könnte.
Bas me üwer onser all Staadt Schmakalle moss wess
Mi Schmakalle es e ganz all Staadt, de schonn ville honnerte Joahr of`n Buckel hatt. Behärbärgt hatt se ville berühmte Lüt, se senn net vergässe woar`n bes hüt. Der Martin Luther, der de Bibel üwersatzt hat, gehört dazo, awer au si Freund, der Philipp Melanchton war e bekaanter Moa. Ör Önnerkunft hatten se gefonne in dän Lutherhuus of`n Lutherplatz un in der jetzig Roseapothäke in der Steigass … Ofn Schlooß honn ville Forschte, Grafe un Prinze gelaat, es hat awe villen gefalle in onsere hüsche Staadt. ...
Hans Schwarz (Mundartdichter): Schmalkalder Geschichtsblätter 3/1996
III
Schmalkalden
Mittwochnachmittag, 9. Mai 2007

Linthdorf war erstaunt. Der Indianerkrieger hatte sich bei ihm gemeldet. Ob er ein bisschen Zeit für ihn erübrigen könnte, es wäre da etwas zu besprechen.
Der Mittwochnachmittag wäre ideal, da wäre Gewerkschaftsversammlung des Kurpersonals. Ja prima, Hainkel käme vorbei und würde ihn abholen kommen. Nach Schmalkalden, da wäre auch seine Redaktion.
Am Mittwoch pünktlich um dreizehn Uhr stand Hainkels kleiner Hyundai vor dem Eingang zum Sanatorium. Linthdorf wartete bereits. Mühsam zwängte er sich in das kleine Automobil, Hainkel musste grinsen.
Schmalkalden lag nur ein paar Kilometer östlich von Bad Liebenstein. Die Fahrt ging durch eine zauberhafte Landschaft mit blühenden Rapsfeldern und einem Flusstal. Das sei die Werra, einer von Thüringens größten Flüssen.
Linthdorf sah interessiert auf das kleine Rinnsal. Erzählte dann Hainkel von der Havel, der Spree, der Oder und der Elbe. Was das doch für gewaltige Flüsse seien.
Die Straßen in Thüringen waren auf alle Fälle besser in Schuss als die Brandenburger Straßen. Auf der dreispurig ausgebauten Fernverkehrsstraße flitzte der Hyundai Hainkels dahin wie von Geisterhand getragen. Nach knapp einer Viertelstunde war das Ortseingangsschild von Schmalkalden zu sehen, gleich dahinter ein großes Werbeplakat aufgestellt.
Das elfhundertjährige Schmalkalden grüßt seine Gäste!
Darunter noch ein Schild: Deutsche Fachwerkstraße.
Und noch ein Schild: Hochschulstadt Schmalkalden.
Linthdorf war beeindruckt.
Vor 1100 Jahren gab es in Brandenburg nur ein paar herumziehende slawische Fischer und Bauern. An Städte war zu jener Zeit überhaupt nicht zu denken. Die ältesten Siedlungen auf Brandenburger Gebiet waren maximal 850 Jahre alt. Thüringen war ein altes Land und sichtlich stolz darauf.
Schon konnte Linthdorf die ersten Fachwerkhäuser sehen. Es war wirklich so, wie in den bunten Prospekten abgebildet. Prächtige Fassaden, reich geschmückt mit Schnitzereien und Sinnsprüchen, enge Gassen, dazwischen überall Blumenkästen und Bänke zum Verweilen. Hainkel machte zuerst eine kleine Rundfahrt durch die Altstadt, zeigte Linthdorf den »Hessischen Hof«, in dessen Keller Wandmalereien aus der Ritterzeit gefunden worden waren, ebenfalls das »Lutherhaus« mit dem Schwan als Zierde. Eine gewaltige gotische Kirche thronte im Zentrum der Stadt. Viel zu groß für die gerade mal 17000 Einwohner. Das sei die Georgenkirche, in der habe schon Luther gepredigt und auch Melanchthon.
Dann fuhr Hainkel mit ihm auf einer kleinen einspurigen Straße bergauf. Vor ihm lag die Wilhelmsburg, das Residenzschloss der hessischen Landgrafen. Frisch geputzt in Weiß mit rotbraun abgesetzten Fenstern präsentierte sich die majestätische Vierflügelanlage. Ein kleiner Turm bekrönte den Prachtbau. Linthdorf war beeindruckt. Hainkel bemerkte kurz, dass auch die Wilhelmsburg zu den von Einbrechern heimgesuchten Residenzen gehöre. Der Schaden wäre allerdings überschaubar.
Allerdings wären die abhanden gekommenen Objekte gerade für die Stadt sehr kostbar gewesen. Teile des Ratssilbers, ausgesprochen kunstvoll ausgeführte Arbeiten der berühmten Augsburger Silberschmiede, zwei kleinere Gemälde mit Portraits hessischer Landgrafen, ein Abendmahlskelch aus Luthers Zeiten und der vielleicht schmerzlichste Verlust, die beiden Bronzeminiaturen aus der Werkstatt des berühmten Conrad Meit, Adam und Eva, beide auf das frühe 16. Jahrhundert datierend.
Er grübelte, wo in Brandenburg eine ähnliche Stadt existieren könnte. In Gedanken sah er die Kleinstädte der Mark, allesamt graue Mäuse im Vergleich zu dieser prächtigen Residenzstadt.
Nein, mit so viel Prachtentfaltung und Geschichte konnte seine Heimat nicht mithalten. Obwohl, Sanssouci … aber das war ja noch einmal etwas ganz Anderes.
Zumal er von Hainkel erfahren hatte, dass Schmalkalden nur eine von vielen Residenzen in dem kleinen Bundesland war. Wer weiß, vielleicht gab es ja noch prächtigere Städtchen?
Langsam rollte der Hyundai auf der Rückseite des Berges wieder hinab in die Altstadt. Hainkel kannte sich aus, kutschierte gekonnt durch die engen Straßen, parkte seinen Wagen auf einem der kleinen Parkplätze und dirigierte Linthdorf zu einem Café in einer dunklen Gasse. Das Café war im Stil der Sechziger Jahre eingerichtet. Vorn waren Bäckerei und Konditorei, zwei Treppenstufen führten hinauf zum ruhigen Teil. Junge, dralle Frauen mit weißen Zierschürzen und eng sitzenden schwarzen Röcken bedienten.
Ein Blick auf die Kuchenauslage genügte Linthdorf. Auch hier waren die Kuchenstücke groß wie halbe Backsteine. Kein Wunder, dass die Thüringer Damen so propper aussahen. Hainkel bestellte zwei Kännchen Kaffee und die Spezialität des Hauses, frischen Rahmkuchen.
Wieder musste sich Linthdorf eingestehen, solch Hochgenuss nur selten erlebt zu haben.
In einer Pause berichtete ihm Hainkel von seinem gestrigen Erlebnis am Hermannsberg, speziell von dem Medaillon, welches er glücklicherweise noch mit seinem Handy abgelichtet habe. Und natürlich von den zwei seltsamen Toten, zwei Belgier, Blaireau und Renard …
Linthdorf musste lächeln.
Etwas irritiert hielt Hainkel inne. Linthdorfs Kenntnisse der französischen Sprache waren nicht perfekt, aber er hatte Französisch in seiner Schulzeit gelernt und war durch seine Urlaubsreisen immer wieder dazu angehalten gewesen, die Sprache aufzufrischen.
»Wissen sie, was Renard und Blaireau heißt?«
»Nein, das sind eben einfach zwei Namen…«
»Nun, ein seltsamer Zufall vielleicht. Aber Renard heißt Fuchs und Blaireau heißt Dachs. Die beiden würden also Fuchs und Dachs heißen. Sehr ungewöhnlich.«
»Meinen Sie, dass die beiden vielleicht …?«
»Es ist auf alle Fälle ein ungewöhnlicher Zufall.«
»Aber die Reisepässe…«
»Nun, die könnten ja auch gefälscht sein. Man sollte das auf alle Fälle prüfen.«
Hainkel war sich nach diesem kurzen Dialog sicher, dass an dem Vorfall etwas faul war.
Ob er denn …?
Linthdorf wehrte energisch ab.
Er könne nicht in die Ermittlungsarbeit seiner Kollegen vor Ort eingreifen, dass ginge gar nicht. Außerdem sei er auf Kur, das Herz …
Hainkel nickte. Ob er ihm wenigstens ein paar Tipps geben könnte. Er würde eigenständig Recherchen anstellen. Schließlich habe er ein persönliches Interesse an dem Fall, er habe die Toten ja entdeckt. Und das Medaillon, vielleicht gehörte das ja zum Diebesgut. Eine Spur, die es zu verfolgen lohne.
Linthdorf nickte. Als erstes müsse Hainkel herausfinden, wo die beiden gewohnt hätten. Sicherlich in einem Hotel oder einer Pension in der näheren Umgebung. Dann wäre es wichtig, herauszubekommen, an welchen Orten sie sich sonst noch aufgehalten hatten und, ganz wichtig, ob die Namen wirklich existieren.
Da müsse er sich mit den Behörden in Belgien in Verbindung setzen.
Ja, und das Medaillon. Da wäre es klug, das Foto den Sachverständigen der Thüringer Schlösserstiftung zu zeigen. Möglicherweise könnten die es ja zuordnen. Ob es sich um eine Thüringer Prinzessin handele, würden die bestimmt herausfinden.
Hainkel zeigte Linthdorf noch seine Fotos vom Fundort unterhalb des Felsens.
Die beiden Toten wirkten seltsam unwirklich inmitten der Kräuter und Farne. Der Anblick von Toten hatte für Linthdorf jedes Mal etwas Unangenehmes. Obwohl er nun schon so viele Jahre beim LKA tätig war, konnte er sich mit dem direkten Blick auf den Tod nicht arrangieren. Etwas in ihm rebellierte. Wenn die Fotos wieder in ihren Mappen waren, konnte er ohne Probleme darüber sprechen, nur der direkte Anblick, der brachte ihn immer wieder ins Grübeln, ob das wirklich der richtige Beruf für ihn sei.
Hainkel bemerkte die Veränderung in Linthdorfs Gesicht. Was er denn darüber denke, zumal wie seltsam die beiden Toten dalagen. Beide auf dem Rücken. Also rückwärts vom Fels gefallen, oder vielleicht doch gestoßen?
Normalerweise würde ein selbst ungeübter Kletterer niemals rückwärts auf einem frei stehenden Felsen herumturnen. Ob sie sich während des Sturzes gedreht haben könnten?
Eher unwahrscheinlich, dafür war der Felsen nicht hoch genug. Nur knapp fünfundzwanzig Meter würde er an dieser Stelle hinaufragen. Zu wenig für einen Dreher während des Sturzes.
Was denn die Frau für Schuhwerk getragen habe?
Sneaker? Ach! Und der Mann? Ebenfalls.
Nicht gerade typische Kletterschuhe. Zumal die dünne Laufsohle sehr glatt und rutschig sei. Völlig ungeeignet für das Felsenklettern.
Linthdorf nickte. Irgendetwas war an dem Vorfall wirklich seltsam. Ein Unfall, wie die Thüringer Kollegen etwas voreilig postuliert hatten, schien das nicht zu sein. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Vielleicht hatte es jemand wie einen Unfall aussehen lassen wollen. Möglich wäre es.
Ob Linthdorf etwas dagegen habe, wenn Hainkel ihn am Wochenende mit nach Rudolstadt nehmen würde. Dort wäre der Sitz der Thüringer Schlösserstiftung. Vielleicht erführen sie ja etwas über das geheimnisvolle Medaillon.
»Rudolstadt? Wo liegt das denn?«
Hainkel winkte ab. Alles keine großen Entfernungen in Thüringen. Rudolstadt liege östlich des Thüringer Waldes, schon im Saaletal am Rande des Schiefergebirges. Wäre wohl auch eine Residenzstadt ähnlich Schmalkalden.
»Ach?«
Hainkel erklärte wieder etwas umständlich die Regionalgeschichte. Dort residierten die Schwarzburger, auch ein uraltes Fürstenhaus.
Schon seit den Ludowingern in Thüringen ansässig. Die Schwarzburger waren in diverse Linien aufgeteilt. Rudolstadt war eines der Schwarzburger Fürstentümer mit Besitzungen quer durch ganz Thüringen. Der Kyffhäuser gehöre wohl dazu und das Schwarzatal und große Teile des Ilmtals. Die Heidecksburg, eines der größten, gut erhaltenen Barockschlösser Thüringens beherberge heute den Sitz der Stiftung.
»Und was ist aus den Fürsten geworden?«
Hainkel zuckte mit den Schultern. »Die haben alle 1918 ihren Hut nehmen müssen. Abgedankt. Wir sind doch damals eine Republik geworden.«
Natürlich, Linthdorf erinnerte sich. Novemberrevolution, Weimarer Republik. Auch die Hohenzollern verschwanden damals.
»Wie lange fahren wir?«
»Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die schnelle, also Autobahn, oder die bequemere und sehenswertere Route, quer durch den Thüringer Wald über Ilmenau, Neuhaus und das Schwarzatal. Es lohnt sich.«
Einem solch abwechslungsreichen Angebot konnte Linthdorf nicht seine Zusage verwehren. Zumal er sowieso Autobahnen nicht mochte.
»Also, dann starten wir Sonnabend früh. Ich telefoniere noch mit den Leuten von der Stiftung. Die kennen mich schon.«
Linthdorf war zufrieden. Ihm graute vor den Wochenenden. Nichts tun war er nicht gewöhnt. Still in seinem Zimmer liegen, naja, drei Stunden hielt er bestimmt durch. Aber gleich zwei volle Tage? Man konnte auch in den kleinen Tierpark, oder ein Café besuchen, aber auf diese tolle Idee kamen auch die übrigen Kurpatienten.
Davor grauste es Linthdorf noch mehr. Sein Gesundheitszustand wurde durch den Anblick der vielen Siechen und Versehrten nicht besser, es bedrückte ihn, Teil dieser stillen Menge zu sein. Er kam sich stets fehl am Platz vor. Dann lieber mit dem Indianer durch den Thüringer Wald tuckern, auch wenn es etwas beschwerlich war, in dem kleinen Hyundai zu sitzen.
Außerdem begann sich Linthdorf langsam für die Angelegenheit zu interessieren. Monsieur Dachs und Madame Fuchs stürzen vom Felsen eines einsamen Berges, hinterlassen ein geheimnisvolles Medaillon, dazu die Einbruchsserie in den Thüringer Schlössern. Linthdorf spürte, dass mit einfachen Erklärungen nichts zu bewegen war. Der Journalist hatte da schon recht. Er würde zwar ohne sein gewohntes Netzwerk auskommen müssen und auch seine Mobilität war eingeschränkt, aber mit Routine und einer sensiblen Spürnase würde er es sich schon zutrauen, etwas Licht in das Dunkel zu bringen.
Linthdorf sah auf seine Uhr. Es war kurz nach Drei. Hainkel schlug ihm noch vor, das Schloss zu besichtigen, zumal er selbst Mitglied des Fördervereins »Freunde der Wilhelmsburg« sei und damit jederzeit Zutritt habe. Ein guter Bekannter würde außerdem als Schlossführer arbeiten und ihnen etwas zu den gestohlenen Objekten erzählen können. Er habe zwar schon ein paar Mal mit seinem Bekannten über das Thema gesprochen, aber jetzt habe er ja einen Profi im Schlepptau. Dabei zeigte er wieder seine blitzend weißen Zähne und grinste.
Ich heiß‘ ein Ritter und hab im Sinn,
dass ich aufzusuchen reite
einen Mann, der mit mir streite,
der gewappnet sei, wie ich,
das preisset ihn, erschlägt er mich.
Wenn ich’s ihm aber angetan,
so hält man mich für einen Mann
und steig‘ ich dadurch an Wert.
Drum, wenn du irgendwas gehört,
von solchem Wagnis hier im Walde,
dass melde du mir also balde,
und führe mich zur Stelle hin,
denn nichts Anderes hab‘ ich im Sinn.
Hartmann von Aue: Iwein mit dem Löwen (Mittelalterliches Epos)
IV
Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden
Mittwochnachmittag, 9. Mai 2007

Der Aufstieg aus der Altstadt war kurz und unkompliziert. Linthdorf hatte noch ein paar Schwierigkeiten, sich inmitten der Fachwerkpracht zurechtzufinden, aber Hainkel geleitete ihn sicher über den Lutherplatz den Schlossberg hinauf.
Die Schlossanlage war größer als gedacht. Auf der rechten Seite erblickte Linthdorf einen kunstvoll mit Buchsbaumhecken ornamentierten Renaissancegarten. Hainkel nannte ihn den Rosengarten. Von den Rosen war jetzt im Mai noch nicht so viel zu sehen.
Vorbei an einer kleinen, schlichten Plastik, die an einen Minnesänger erinnerte, der wohl vor vielen Jahrhunderten auf der Vorgängerburg Wallraf zu Gast war, Linthdorf erinnerte sich, dass Hainkel ihm etwas von uralten Wandmalereien erzählt hatte, die aus dieser Zeit stammten.
Es sollten Illustrationen zum »Iwein« sein, einem Epos des berühmten Minnesängers Hartmann von Aue, der auch beim Sängerkrieg auf der Wartburg dabei gewesen sein sollte. Erst vor kurzem seien die Kopien der Kellermalereien, deren Original im »Hessischen Hof« unten in der Stadt gefunden wurde, an die Öffentlichkeit übergeben worden.
Im Schlosshof, den man durch ein barock ausgeschmücktes Tor erreichte, war es still. Bänke standen herum, ein kleiner Brunnen plätscherte. Hainkel bat Linthdorf kurz zu warten und verschwand in einer der zahlreichen Türen.
Erschöpft ließ sich Linthdorf auf einer Bank nieder. Ein paar Sonnenstrahlen verirrten sich durch den wolkenverhangenen Himmel und wärmten erstaunlich intensiv. Linthdorf legte sein Sakko ab, saß hemdsärmelig da und grübelte.
Immer, wenn er allein war, kamen die Gedanken zurück, die ihm das Leben schwermachten. Zuallererst erschien das Bild einer großen Frau mit straff zurückgekämmten dunkelblonden Haar und dem ihm so vertrauten, feinen, leicht ironischen Lächeln. Ihre Stimme klang in ihm nach.
Louise – seine Louise! Sie war tot.
Bis jetzt konnte er sich mit der Tatsache nicht abfinden. In seinen Träumen sprach er mit ihr, als ob sie noch präsent sei und nicht dieses leblose Wesen zwischen den Drähten und Schläuchen in dem einsamen Krankenzimmer. Mit ihr wäre es sicherlich nicht zu dem Infarkt gekommen.
Er hatte sich da einfach zu viel zugemutet. Aber irgendwie musste er ja weiterleben. Auch wenn es schwerfiel. Es gab ja noch …, ja, was? Natürlich, seine beiden Jungs, die kleine Katze, die Kollegen, Bernie Voßwinkel, Freddi … Halt! Den gab es auch nicht mehr, der hatte sich in der Neujahrsnacht vom Balkon gestürzt.
Ja, und neuerdings geisterten noch ein paar andere Personen durch seinen Kopf. Verwirrend, die Kopie von Louise, nämlich ihre Schwester, Charlotte Rauchfuss und dieses quirlige Wesen aus dem Lindstedter Archiv, Frau Seidelbast, die ihn letztendlich gerettet und den Medizinischen Notdienst alarmiert hatte.
Ach! Es war schon kompliziert. Weit weg von seiner vertrauten Umgebung begann sich langsam in seinem Kopf alles neu zu ordnen. Die vielen Leichen des vergangenen Jahres, die ihn in seinen schlaflosen Nächten heimsuchten, blieben endlich weg. Keine ertrunkenen Nixen, keine massakrierten Vögel, keine toten Arkadier. Auch die »Weiße Frau«, ein Spuk, der sich später als bösartiger Klamauk herausstellte, verschwand wieder im dunklen Nebel der Vergangenheit.
Linthdorfs fotografisches Gedächtnis konnte lange Zeit die Bilder nicht verdrängen. Sie waren da, ob er wollte, oder nicht, sie begleiteten ihn ständig und sorgten für permanente innere Unruhe. Zuviel für sein Herz, das den Tod zweier ihm sehr nahestehender Menschen zu verkraften hatte. Es streikte.
In den Wochen im Krankenhaus grübelte er oft darüber nach, was der Auslöser für den Infarkt war. Ein eindeutiges Ereignis konnte er nicht verantwortlich machen. Es war die permanente Abfolge extremer Vorgänge. Dazu der latente Unmut, hervorgerufen durch den unsensiblen Führungsstil seines Chefs, Dr. Nägelein. Die Summe aller Ereignisse fokussierte dann in dem Infarkt.
Voßwinkel war betroffen, als er ihn am Krankenbett besuchte. Fast vorwurfsvoll blickte der ihn an. Auch seine Kollegen, Grell-Hansen und Petra Ladinski, waren total geschockt. Fast täglich kamen seine Jungs vorbei, brachten Zeitungen und Obst vorbei. Er brauchte lange, um sich von den Folgen des Infarkts zu regenerieren. Die Kur war wahrscheinlich das beste Mittel. Ortswechsel, Luftwechsel, ein geregelter Tagesablauf – er spürte, dass ihm die Kur bekam.
Und dann gab es ja auch noch die rätselhaften Vorfälle hier im Thüringischen. Sein Spürsinn war geweckt, er fühlte sich wieder wie ein Ermittler, ein Gefühl, was er schon lange vermisste.
Hainkel war zurück, neben ihm stand ein unscheinbarer Mann mit Nickelbrille und einer Haarfrisur, die irgendwie in die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts passte. Dabei konnte der Mann gar nicht so alt sein. Linthdorf schätzte ihn auf Anfang dreißig. Aber heutzutage galt das ja als retrochic.
Der langhaarige Brillenträger stellte sich ihm als Dr. Olaf Beutelspieß vor. Auch Beutelspieß sprach mit dem ausgeprägt rollenden R, was die Wichtigkeit seiner Äußerungen noch einmal deutlich unterstrich.
Er bat Linthdorf ins Schloss, führte ihn und Hainkel zielstrebig durch prächtige Säle zu ein paar kleineren Räumen, in denen mehrere Vitrinen standen. Mit kummervollem Blick blieb er vor einer leeren Vitrine stehen. Da standen früher Meits Adam und Eva. Zwei Meisterarbeiten.
Aus seiner Kladde holte er zwei Fotos hervor. Sie waren wirklich wunderschön, eigentlich ihrer Zeit weit entrückt. Bedachte man, dass Conrad Meit das Paar bereits 1516 anfertigte, also in einer Zeit, die von den Bauernkriegen, Hexenverfolgungen und der Inquisition geprägt war, konnte man ihre souveräne Haltung und spielerisch anmutende Körpersprache eigentlich nicht für diese wilde Epoche der deutschen Geschichte nachvollziehen. Sie waren ein humanistisches Vermächtnis dieser uns bis heute fremd gebliebenen Welt des untergehenden Mittelalters.
Dr. Beutelspieß beendete sein flammendes Referat.
Linthdorf fragte nach, wie hoch der Schaden zu veranschlagen sei und ob es Versicherungsschutz gebe.
Beutelspieß sah angewidert zu dem Riesen auf. Als ob der Verlust mit Geld zu beziffern sei! Nein, es gäbe eben auch Dinge in der Welt, die man nicht quantifizieren könne. Wahre und große Kunst, die es geschafft habe, durch die Wirren der Zeitläufe zu kommen, einfach so von einem schnöden Dieb …
Er musste schlucken, hatte den Faden verloren. Linthdorf beschwichtigte. Natürlich, der Verlust, wirklich unersetzlich, er verstehe ja, aber er sei hier, um die Figuren wieder zurückzuholen.
Beutelspieß beruhigte sich, sah durch seine Brillengläser etwas friedlicher auf den fremden Mann aus dem fernen Berlin.
Hainkel fragte noch nach den beiden Miniaturportraits und dem Ratssilber. Beutelspieß winkte ab. Peanuts, nicht wirklich nur halb so wertvoll wie Meits Figuren. Ja, natürlich, die Portraits, zwei Cranachschüler, nicht schlecht gemalt, und das Ratssilber, aus den berühmten Augsburger Silberschmieden. Aber davon gebe es noch viele andere Artefakte.
Die ganzen Thüringer Schlösser und Burgen wären voll damit. Und der Taufkelch aus getriebenem Silber, Luther soll ihn schon benutzt haben …
Aber es musste doch ein ungefährer Wert angegeben worden sein?
Beutelspieß zuckte mit den Schultern. Dafür fühle er sich nicht zuständig. Wenn man einen ungefähren Marktwert für solche eigentlich unverkäuflichen Artefakte angeben wolle, müsste man auf illegale, also Schwarzmarktpreise zurückgreifen. Kein seriöser Antiquar würde Diebesgut aufkaufen. Die Zeiten wären glücklicherweise vorbei.
Aber natürlich es gäbe da schon noch neureiche Sammler, verrückte Typen, die wirklich ein Vermögen für so etwas ausgaben. Man schätze, das in deren Privatsammlungen unglaubliche und einmalige Objekte gehortet seien. Nur wenn ein solcher Irrer einmal starb, gelangten die Artefakte, meist über Auktionen, ins Licht der Öffentlichkeit.
Linthdorf hakte nach. Wieviel?
Beutelspieß flüsterte, kaum verständlich für die beiden Männer, eine halbe Million, möglicherweise sogar noch mehr.
Linthdorf pfiff. Hainkel nickte nur kurz.
Ob es bei der polizeilichen Untersuchung Anhaltspunkte gegeben habe, wie die Täter hereingekommen waren?
Beutelspieß nickte heftig mit dem Kopf. Wahrscheinlich hatte der Täter sich in der Nacht einschließen lassen und sei am Morgen nach Öffnung ganz ungeniert hinausspaziert.
Würde denn bei Schließung nicht kontrolliert, ob noch Besucher in den Räumen seien?
Doch, doch, aber mit der dünnen Personaldecke würde das manchmal etwas schwierig. Man lief alle Säle und Räume noch einmal ab, aber schaue eben auch nicht hinter jede Ecke oder jeden Vorhang.
Die Alarmanlage?
Ja, natürlich, die wichtigsten Objekte seien geschützt, aber eben doch nicht alle, es sei eine Kostenfrage.
Wer über die speziellen Kenntnisse verfüge?
Eigentlich nur die Mitarbeiter, und das wäre eine absolut verlässliche Klientel. Nein, dafür lege er seine Hand ins Feuer. Erst im Februar sei jemand von der Schlösserstiftung dagewesen und hätte den Stand der Sicherheitsmaßnahmen überprüft.
Linthdorf nickte. Langsam ging er mit Hainkel alle Räume und Säle des Schlosses ab, entdeckte unzählige Nischen und Verstecke, bestaunte die Schlosskapelle, den Weißen Saal mit seinen Stuckarbeiten und natürlich den imposanten Riesensaal mit seiner Kassettendecke. Die hessischen Landgrafen verstanden schon gut zu leben. Wenn man noch dazu bedachte, dass Schmalkalden nicht einmal ihre Hauptresidenz war …
Was für eine Fülle, was für eine Pracht!
Kurz bevor sich Beutelspieß von seinen beiden Gästen verabschieden wollte, holte Hainkel sein Handy hervor und zeigte dem Experten das Foto mit dem Medaillon. Ob er vielleicht wüsste, wer die unbekannte Schönheit sei?
Beutelspieß betrachtete intensiv die Fotos, schnaufte und schüttelte den Kopf. Eine kurhessische Prinzessin sei es ganz sicher nicht. Zumal die Initialien M R zu keiner der hiesigen Prinzessinnen passen würden.
Ungewöhnlich!
Zeitlich könne er aber das Medaillon schon einstufen. Stil und Machart würden auf das ausgehende 18. Jahrhundert hinweisen. Vielleicht 1780 oder 1790. Typisch wären solche Miniaturmedaillons am französischen Königshof gewesen, da seien sie groß in Mode und hätten von da aus die übrigen europäischen Länder erobert. Jede bessere Dame war erpicht darauf, solch ein Schmuckstück zu tragen um es als Treuepfand ihren galanten Verehrern zu hinterlassen. Spezialisierte Silberschmiede hatten damals Hochkonjunktur und die Miniaturmalerei kam zu einer ganz ungewöhnlichen Blüte.
Also kein ungewöhnliches Schmuckstück, aber natürlich, ein entsprechend spezialisierter Kunsthistoriker würde die unbekannte Schöne identifizieren können.
V
Sanatorium für Herzleiden in Bad Liebenstein
Mittwochabend, 9. Mai 2007
Hainkel hatte Linthdorf wieder in seinem Sanatorium abgeliefert. Rechtzeitig zum Abendessen war der Riese an seinem Tisch erschienen. Seine beiden Tischnachbarn, ein älterer Herr mit knarrender Stimme, der nur in kurzen Wortgruppen sprach und ein stiller Mensch, der außer für seinen Brotbelag kein wirkliches Interesse an Kommunikation bisher bekundet hatte, saßen bereits.
Jeder von ihnen hatte einen grellbunten Zettel in der Hand, mit dem sie etwas ratlos hin und her wedelten. Linthdorf deutete vorsichtig Interesse an den bunten Zetteln an.
Wo die denn rumlägen?
Ach, vorn an der Tür hätte die jemand verteilt. Keiner vom Personal, nein, nein!
Ober er vielleicht auch mal einen Blick …?
Wortlos schob ihm der Brotbelagexperte seinen Zettel rüber.
Linthdorfs Brauen kräuselten sich. War das ernst gemeint oder eine große Lachnummer?
Auf dem Dolmar solle demnächst ein Ufo landen. Ziemlich konkret in der Nacht vom 26. Mai zum 27. Mai. Das war zu Pfingsten, dem Fest der Niederkunft des Heiligen Geistes. Der Dolmar sei schon lange bekannt dafür, als kosmischer Aktivpunkt zu funktionieren. Die Kelten hätten das bereits vor vielen tausend Jahren gewusst und den Berg zu ihrem Heiligtum erwählt. Heute noch seien Spuren des Keltenrings auf dem Hochplateau zu finden. Außerdem stehe man im Kontakt zu den Außerirdischen, die ihre Ankunft genau für die Zeit angekündigt hätten.
Unterzeichnet war das Ganze mit dem geheimnisvollen Kürzel ATG.
Linthdorf schüttelte den Kopf. Was gab es doch nicht alles für Spinner! Seine beiden Tischnachbarn schienen allerdings vollkommen anderer Meinung zu sein. Der ältere Herr berichtete, dass er schon öfters Veranstaltungen der ATG besucht habe. Sehr seriös alles. Wissenschaftler, Astronomen und Historiker hätten da gesprochen und auch ein Diavortrag war äußerst eindrucksvoll gewesen.
Was den ATG heiße?
Ach so, nun das wäre doch ganz einfach: Astroterrestrische Gesellschaft.
Wo die Gesellschaft ihren Sitz habe?
Nun ja, die Vorträge wären an diversen Orten gewesen, in Meiningen, in Wasungen, in Schwallungen und natürlich auch auf dem Dolmar. Immer waren die Vorträge gut besucht. Also keine Scharlatane oder Hochstapler, nein, nein, alles sehr seriös …
Im Übrigen, falls der Herr Interesse habe, in drei Tagen sei ein Infoabend in Steinbach-Hallenberg geplant. Er könne ja einfach mal mitkommen.
Linthdorf nickte nachdenklich. Ob er Hainkel kontaktieren sollte? Was ging hier vor? Waren wirklich so viel Esotheriker und Ufologen in Thüringen zu Gange? Woher kamen die Leute, die sich hinter dem Kürzel ATG verbargen? Seltsam, seltsam.
Das heimliche Liebespaar
Ich selbst habe die Gräfin, obschon ich fünfzehn Jahre lang, teils ganz, teils in allen Ferien auf dem Dorfe lebte, überhaupt nur zwei Mal und nur einmal einigermaßen deutlich gesehen; dies Letztere geschah aus einiger Entfernung mittelst eines Glases.
Es mag im Jahre 1818 gewesen sein. Die Gräfin stand am offenen Fenster und fütterte mit Backwerk eine Katze, die unter dem Fenster war.
Sie erschien mir wunderschön; sie war brünett; ihre Züge waren ausnehmend fein; eine leise Schwermut schien mir eine ursprünglich lebensfrische Natur zu umhüllen; in dem Augenblick, wo ich sie sah, lehnte sie in schöner Unbefangenheit im Fenster, den feinen Shawl halb zurückgeschlagen, wie ein Kind mit dem Tier unter sich beschäftigt. Ich sehe noch, mit welcher Grazie die schöne Gräfin das Backwerk zerbröckelte und die Fingerspitzen am Taschentuche abwischte.
Dr. Karl Kühner, Sohn des Dorfpfarrers zu Eishausen
Eishausen
Sonntag, 12. Dezember 1826
Die Jahre zogen ins Land. Nichts schien die Harmonie des zurückgezogen lebenden Paares zu stören. Der Graf war mit seinem selbstgewählten Schicksal zufrieden. Seiner Begleiterin ging es ebenso. Man hatte sich arrangiert.
Er, Leonardus, konnte im Rückblick gar nicht feststellen, wann es anfing mit der Liebe. Eigentlich vom ersten Augenblick, als er ihr zum ersten Mal begegnete. Lange war das inzwischen her. Mehr als zwanzig Jahre. Er erinnerte sich dennoch als ob es erst gestern gewesen war.
Es war eine stürmische Herbstnacht, als er zu einem geheimen Treffen in einen der vielen Pariser Salons gerufen wurde. Er war in der Pariser Gesellschaft ein angesehener Mann, hatte sich mehrfach als Anhänger der Bourbonenpartei gezeigt und war durch seine holländische Herkunft prädestiniert, heikle Missionen ins Ausland ohne Probleme durchführen zu können.
Jeder Geheimauftrag der Bourbonenpartei war bisher von ihm zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt worden. Meistens waren es Kurierfahrten zu anderen europäischen Königshäusern, aber auch Missionen mit großen Geldsummen, die an einen sicheren Ort außerhalb Paris verbracht werden sollten.
Zum Treffen im Club Royal, so wurde der Salon inoffiziell genannt, waren viele Unbekannte erschienen. Sie stellten sich als Gesandte der Herzogtümer Kurland und Livland vor, auch ein persönlicher Kurier des russischen Zaren war anwesend.
In einem Chambre Separée warteten zwei junge Damen. Eine war ein eher schüchternes, feingliedriges Wesen, die andere war etwas größer und wirkte recht selbstbewusst. Leonardus hatte die beiden Damen noch nie gesehen.
Ein Vertrauter des Herzogs von Angoulême war ebenfalls anwesend und der persönliche Sekretär von Louis-Antoine de Bourbon.
Leonardus musste schlucken. Soviel Prominenz war selten an einem Ort zu finden. Es schien sich also um eine ausgesprochen wichtige und heikle Mission zu handeln. Er war sich sicher, dass er für eine neue Mission auserwählt worden war. Die meisten Missionen begannen mit einem geheimen Treffen im Club Royal, zu dem nur ein kleiner Kreis Zutritt hatte.
Baron Antoine Vavel de Verzay, ein reicher Chouan, glühender Royalist und einflussreicher Verbindungsmann zum Hause Bourbon, nahm Leonardus zur Seite.
Es ging um die beiden Damen in dem kleinen Nebenzimmer. Eine der beiden Damen sei in anderen Umständen. Das Ergebnis einer ungewollten Liebelei, nun ja, es waren unruhige Zeiten. Pech war nur, dass es sich dabei um Marie-Thérèse Charlotte, eine Prinzessin aus dem alten Königshaus handelte. Weder ihre ungewollte Schwangerschaft noch ihre wahre Identität durften bekannt werden. Häscher zogen bereits im Auftrag des Revolutionskomitees durch die Stadt auf der Suche nach flüchtigen Mitglieder des Königshauses. Einigen war die Flucht geglückt, vor allem dank der Mithilfe ihrer geheimen Gesellschaft.
Jetzt galt es, die junge Dame aus dem Dunstkreis der Aufständischen zu bringen.
Leonardus erkundigte sich nach der anderen jungen Frau, die mit in dem Nebenzimmer wartete. Vavel de Verzay winkte ab. Es wäre besser, nicht nach ihr zu fragen. Eigentlich existiere diese Dame nicht. Verwirrt schaute Leonardus den Baron an. Bisher gab es keinerlei Geheimnisse zwischen ihnen.
Die Mission sei heikel. Man müsse mit sehr unlauteren Mitteln arbeiten, um sie zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Vavel de Verzay hüstelte, schaute in Richtung der Gesandten aus Liv- und Kurland.
»Was haben diese Leute mit der Mission zu tun?«
»Noch nichts, aber sie werden …«
»Was passiert mit der zweiten Frau? Wer ist sie?«
Vavel de Verzay räusperte sich. Das Unternehmen stand und fiel mit dem persönlichen Einsatz van der Valcks.
Er hatte den Holländer persönlich auserwählt. Keiner schien vertrauenswürdiger zu sein und er entschloss sich, reinen Wein einzuschenken. Der Baron nahm Leonardus beiseite, erklärte ihm, dass es sich um eine Doppelgängerin der Prinzessin handele. Die eigentliche Prinzessin solle nach Livland gebracht werden, wo bereits der Herzog von Angoulême wartete. Seine Mission sei es, die falsche Prinzessin quer durch Europa zu begleiten. Dabei solle er aber tunlichst darauf achten, Spuren zu hinterlassen, die auf die wahre Prinzessin hinwiesen. Keiner sollte mitbekommen, dass er mit einer Doppelgängerin unterwegs sei. Das müsse ihr großes Geheimnis bleiben.
»Und welche von den beiden ist nun die Echte?«
Vavel deutete mit einem kurzen Kopfnicken in Richtung der selbstbewusst dreinschauenden Dame.
»Schau sie dir genau an. Sie hat viel Ähnlichkeit mit ihrer Frau Mama, der Habsburgerin Marie-Antoinette. Schau hin, wie sie ihren Kopf hält. Da ist viel royales Blut … Und wenn du sie reden hörst, du glaubst, Marie-Antoinette stünde vor dir.«
Leonardus hatte leider nicht das Vergnügen, die Königin kennengelernt zu haben. Er konnte sich noch daran erinnern, als im Oktober des Revolutionsjahres 1793 die Königin guillotiniert wurde. Er stand am Straßenrand, als der Käfigwagen mit ihr an ihm vorbeirollte. Er konnte eine frühzeitig gealterte Frau mit abgeschnittenen, grauen, verfilzten Haaren erkennen, angetan mit einem einfachen weißen Büßerhemd, in dem sie jämmerlich fror. Der Oktober war kühl und regnerisch. Das Schauspiel der Hinrichtung wollte er nicht miterleben. Er hasste die blutigen Orgien, die damals täglich stattfanden.
Leonardus war froh, dass die etwas schüchterne Dame seine Begleiterin werden sollte. Sie war ihm eindeutig sympathischer als die Prinzessin.
»Wie heißt sie?«, er deutete mit dem Kopf zu der zweiten Dame.
»Spielt keine Rolle, offiziell ist sie Marie-Thérèse Charlotte, Mademoiselle Royale.«
»Weiss sie davon? Wie soll ich sie anreden?«
»Mademoiselle Royale, das wäre am einfachsten.«
Leonardus wurde sich plötzlich bewusst, auf was für eine gefährliche Mission er sich da eingelassen hatte. Er würde der Lockvogel sein, hinter dem die Häscher herliefen. Die wahre Prinzessin würde hingegen sicher und unbehelligt nach Livland reisen.
»Was passiert, wenn ich gefasst werde?«
»Ihr dürft auf keinen Fall eure wahre Identität preisgeben. Ihr bekommt von mir einen französischen Pass ausgestellt, auf den Namen Charles-Louis Vavel de Verzay, offiziell seid Ihr mein Neffe. Post und Briefe unterzeichnet Ihr stets mit dem Namen. Es ist zu eurer Sicherheit. Keiner wagt sich so leicht an einen Vavel de Verzay heran.«
»Und wenn es trotzdem passiert?«
»Dann gnade dir Gott! Die wahre Identität der Dame darf auf keinem Fall aufgedeckt werden.«
Leonardus musste schlucken. Die Mission würde ein Himmelfahrtskommando werden. Könne er sich einen Augenblick Bedenkzeit …?
Vavel nickte. Nach ein paar Augenblicken willigte Leonardus ein. Das größte Abenteuer seines Lebens würde damit beginnen. Er war sich der Tragweite der Mission im Moment noch nicht ganz bewusst, spürte aber, dass es sich um eine Lebensaufgabe handeln würde. Er war jetzt im besten Mannesalter. Sein Dasein verlief bisher in unsteten Bahnen, nur dank seiner Vorsicht hatte er bisher keine Bekanntschaft mit den dunklen Seiten des Lebens gemacht.
Er wurde der jungen Dame vorgestellt als ihr neuer Begleiter und Beschützer. Der Baron führte ihn ihr als seinen Neffen vor.
Die wirkliche Prinzessin war inzwischen schon mit dem Vertrauten des Herzogs von Angoulême zu den beiden Gesandten aus Liv-und Kurland gegangen. Aber diese Dame interessierte Leonardus nicht im Geringsten.
Er hatte nur Augen für die schüchterne Schönheit vor ihm. Leonardus wurde rot, als er ihr das erste Mal in die Augen sah.
Sie waren blau, strahlten ihn mit einer unergründlichen Tiefe an. Ein Hauch von Rot überzog die bisher fast reinweiße Haut der jungen Frau, die vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt war. Sie wirkte zerbrechlich, obwohl sie recht groß gewachsen war.
Er hörte zum ersten Mal ihre Stimme. Sie sprach ein akzentfreies Französisch. Der Klang der Stimme war weich und melodiös. Leonardus Herz schlug schneller, so schnell wie noch nie in seinem Leben.
Seufzend schaute der Graf aus dem Fenster. Das Jahr neigte sich seinem Ende. In ein paar Tagen war Weihnachten. Er wandte sich der Frau in dem Sessel zu, die immer noch eine Schönheit war. Sie war jetzt Mitte Vierzig, doch keine Falte verunstaltete ihr Antlitz. Ihre Haut war noch immer perlweiß, nur ein paar kleine rote Flecken verrieten, dass sie nicht mehr die Jugend bewahren konnte.
Die beiden Menschen in dem großen Zimmer waren sich in einer Art und Weise vertraut, wie es nur selten passierte. Zusammengeschweißt durch die abenteuerliche Flucht, immer mit der Angst lebend, gefangen genommen zu werden, hatte sie das Schicksal in diesen abgeschiedenen Weltenwinkel geführt. Sie nahmen es als eine Fügung Gottes, zumal in Europa gerade die alte Weltordnung unterging.
Der korsische General Napoleon Bonaparte hatte sich zum Kaiser ausrufen lassen und begonnen ein Land nach dem anderen zu erobern.
Sie wussten, dass Napoleons Geheimagenten ihnen auf der Spur waren. Der Graf hatte Vertraute an den verschiedenen Höfen, die ihm davon berichteten. Jedes Mal, wenn er sich in eine neue Stadt begab, hatte er Angst, seinen Häschern direkt in die Arme zu fallen. Er konnte sich zwar nicht genau vorstellen, was die Leute mit ihm vorhatten, aber das Schicksal seiner Begleiterin war ihm wohlbekannt.
Napoleon spürte den Vertretern des alten Regimes nach, um sie für seine Zwecke auszunutzen. Was er mit einer wirklichen Prinzessin anstellen würde, wäre nicht auszudenken.
Aber am schlimmsten wäre es für ihn, von ihr getrennt zu werden. Er war gewöhnt an ihr Gesicht, das ihn jeden Morgen aufs Neue anstrahlte, brauchte den Klang ihrer Stimme und spürte den Duft ihrer zarten Haut. Ohne sie wollte er nicht mehr leben.
Das Jahr 1826 war mit einer bedeutenden Änderung der politischen Rahmenbedingungen einhergegangen. Sein Förderer und freundschaftlich zugetaner Protektor, der Herzog von Hildburghausen, übernahm den vakant gewordenen Thron im ostthüringischen Altenburg. Aus undefinierbaren Gründen, die nur die ernestinischen Herzöge wirklich kannten, sollte das bisher unabhängige Hildburghausen Bestandteil des benachbarten Herzogtums Meiningen werden.
Der Graf musste an sein Vorsprechen am Meininger Hof vor zwanzig Jahren denken. Damals hatten die Meininger ihn abgewiesen. Die Zeiten hatten sich gewandelt, Napoleon schmorte im Exil auf der unwirtlichen Atlantikinsel St. Helena und die Thüringer Fürstentümer hatten allesamt ihre Souveränität zurückbekommen.
Herzog Friedrich hatte sich bei seinem Abschied nach Altenburg noch einmal bei seinem Vetter aus Meiningen für den Verbleib des Grafen und seiner Begleiterin auf Schloss Eishausen nachdrücklich eingesetzt. Der junge Meininger Herzog Bernhard Erich Freund respektierte den Wunsch Friedrichs und beließ alles beim Status Quo.
Der Graf hatte in den letzten Jahren einige seiner engsten Vertrauten verloren. Schmerzlich spürte er noch immer den Verlust seines treuen Dieners Scharr, der vor sechs Jahren hochbetagt gestorben war. Auch sein Vertrauter am Hofe Friedrichs, der Senator Johann Carl Andreä, war vor ein paar Jahren plötzlich und unerwartet verstorben. Seiner Vermittlung hatte der Graf das Eishausener Schloss zu verdanken.
Neue Diener waren anstelle der alten getreten, aber der Graf hatte zu den Schmidts nicht dasselbe Vertrauen wie zum alten Scharr. Sie waren ihm zu redselig und auch etwas einfältig. Aber er brauchte sie nun einmal.
Vor zwei Jahren war sein Vater, Adrianus van der Valck, verstorben. Der Graf erbte eine beträchtliche Summe und konnte sich, was seine finanzielle Situation betraf, beruhigt zurücklehnen. Nein, Geldsorgen hatte er keine. Seiner treuen Begleiterin konnte er ohne Probleme alle Herzenswünsche erfüllen.
Lange Zeit hatte er sich zurückgehalten, bevor er sie fragte, wie sie wirklich hieß. Verwundert hatte sie ihn angeschaut. Warum das denn ein Geheimnis sei?
Er war verunsichert. Sie schien ebenfalls mit der Situation nicht wirklich zurechtzukommen. Ihr Name, sie hatte ihn fast vergessen, weil sie in der Öffentlichkeit stets als Mademoiselle Royale, später dann als Madame Royale aufgetreten war. So war der Plan, so wurde es auch getan.
Der Graf nannte sie anfangs immer Marie Therèse. Aber er merkte bald, dass sie sich mit dem Namen schwertat. Irgendwann in einer Sommernacht flüsterte sie ihm nach einer innigen Umarmung den Namen Cécile ins Ohr. Sie gab sich ihm als Cécile Renault zu erkennen. Er eröffnete ihr kurze Zeit später, dass er ein holländischer Diplomat und kein französischer Baron war. Sein wirklicher Name war Leonardus Cornelius van der Valck.
Endlich waren die letzten Geheimnisse geklärt. Wie eine unsichtbare Mauer standen lange Zeit ihre selbstgewählten Decknamen zwischen ihnen. Beide wussten um die Notwendigkeit der falschen Namen. Aber der Graf wusste schon seit langem, dass die wahre Bourbonenprinzessin bei einer Kindsgeburt im fernen Westpreußen verstorben war. Es brauchte keine weitere Verdunklung mehr.
Sie hatten ihren Frieden mit der Welt gemacht. Jetzt wollten sie nur noch ihr privates Glück genießen. Die Zeit war reif dafür. Der Graf war inzwischen 57 Jahre alt. Vor ein paar Jahren lag er darnieder und wusste nicht, ob er wieder genesen würde. Ihm wurde bewusst, wie kostbar die verbleibende Zeit sein würde. Nichts währt ewig, selbst das Glück hat eine begrenzte Dauer.
Der Hof auf dem Berg
In den schwungvollen expressiven Kompositionen des Künstlers Uwe-Hagen Dornberger lässt sich … eine Zusammenführung von Kunst und Leben beobachten … Obwohl informelle Arbeiten einen selbsreferentiellen Ansatz verfolgen und primär die eigene Präsenz demonstrieren, lassen sich Erzählspuren in den Bildern wahrnehmen, darauf verweisen die Titel, die der Maler seinen Bildserien gibt. Dornberger betont explizit, dass seine Verweise auf reales Geschehen optional zu verstehen sind.
S-H (Kunstkritiker aus Leipzig zur Eröffnung einer Ausstellung des Künstlers Uwe-Hagen Dornberger in Weimar, 2005)
I
Tannenhof unweit des Dörfchens Rohr
Sonnabend, 12. Mai 2007

Die Farben spritzten. Nein, genauer gesagt, sie wurden mit großer Kraft von dem schnaufenden Mann auf der riesigen Leinwand am Boden direkt aus der Tube in großen theatralischen Schwüngen verteilt. Kleckse entstanden, dünne Linien, Punkte.
Sichtlich zufrieden mit seinem Tun hielt der Farbvirtuose inne. Vor ihm entstand eine vielfarbige Komposition, bestehend aus pastos, fast reliefartig anmutenden Kreisen, offenen Bogenschwüngen und unregelmäßigen Flächen. Sattes Orange kämpfte mit giftgrünen Spritzern, schwarze Punkte belagerten gelbe Flächen, blaue Linien durchzogen ein rotwaberndes Feld.
Der Schöpfer der schrillen Farbwelten kratzte sich am Kopf. Wichtig war der Titel, der entschied, ob das Opus ein anerkanntes Kunstwerk wurde oder nur eine Fingerübung in Farbe blieb.
In einem Heftchen hatte der Farbenzauberer bereits eine Vielzahl von schön klingenden Fremdwörtern gesammelt, die er durch geschicktes Vertauschen von Buchstaben oder ganzen Wortteilen zu neuer Geltung verhalf.
Sein Atelier, ein großer Raum, ausgeleuchtet mit mindestens zwanzig Strahlern, war vollgehangen mit seinen Werken. An den Wänden hingen große quadratische Bilder, auf denen amöbenartige Wesen mit riesigen Insekten zu kämpfen schienen. Möglicherweise waren es aber auch nur Striche, Punkte und große Farbflächen. Auf einem alten Ledersofa standen ein paar Leinwände in Keilrahmen herum, die nur sehr spartanisch und monochrom bemalt waren. Ein Duft von Acryl lag in der Luft.
Gleich am Eingang zum Atelier stand eine beeindruckende Tiefdruckpresse mit zwei kompakten Stahlwalzen. In einem Doppelwaschbecken türmten sich Blechdosen mit tausenden Pinseln und Spachteln. Der Mann war produktiv.
Das Atelier gehörte zu einem einsam stehenden Hof. Die Leute vom Dorf nannten das Gehöft seit Urzeiten schon den Tannenhof, wahrscheinlich, weil sich direkt vor und hinter dem Anwesen riesige Nadelbäume emporreckten.
Lange Zeit blieb der Hof unbewirtschaftet, wäre gänzlich zur romantischen Ruine verkommen, ein Zuhause nur für Mäuse und Eulen. Doch gleich nach der Wende kaufte der Maler das Anwesen für wenig Geld der Gemeinde ab.
Die war froh, das Problemgrundstück abseits der eigentlichen Dorflage und schwer zugänglich auf dem sanften Rücken des zur Dorfgemarkung gehörenden Berges gelegen, los zu sein.
Uwe-Hagen Dornberger, der emsige Künstler, war glücklich. Endlich hatte er ein Rückzugsgebiet für sich gefunden, um seiner Leidenschaft zu frönen und genügend Platz zu haben, seine Kunstwerke zu archivieren und sogar auszustellen. Im Laufe der Jahre verwandelte Dornberger das Gehöft zu einer intakten Behausung. Ein neues Dach wurde gedeckt, die Fenster erneuert, innen wurden eine Heizung eingebaut und Stromkabel verlegt.
Der Innenhof, bei Dornbergers Ankunft als solcher nicht erkennbar, verwandelte sich unter den geschickten Händen der Lebenspartnerin Dornbergers, einer stillen, freundlichen Frau, die bald auch im ganzen Dorf bekannt war, zu einem grünen Paradies mit Blumenbeeten, einem kleinen Kräutergarten, Obstgehölzen und Stauden.
Das Paar hatte zwei Kinder, die auf dem Hof eine unbeschwerte Kindheit verbrachten. Natürlich konnte Dornberger von dem Verkauf seiner Bilder nicht leben. Er war sich dessen wohl bewusst.
Tagsüber verbrachte er seine Zeit als Ergotherapeut im nahen Meininger Krankenhaus. Eine durchaus nützliche Tätigkeit. Dornberger verhalf Kindern mit gestörter Motorik zu selbstsicherem Auftreten, kümmerte sich um Reha-Patienten, denen er die ersten Schritte nach langer Krankheit beibrachte und betreute auch Rollstuhlfahrer.
Seine Lebensgefährtin arbeitete als Psychotherapeutin ebenfalls in Meiningen, half seelisch labilen Menschen und arbeitete als Suchtberaterin. Auch in das beschauliche Thüringen waren die Plagen der Neuzeit vorgedrungen. Suchtkranke, angefangen von alteingesessenen Alkoholabhängigen über arbeitsgestresste Tablettensüchtige bis hin zu den meist jugendlichen Konsumenten diverser Drogen, gab es inzwischen in den thüringischen Städten genügeng. Ulla Heweleit konnte davon ein Lied singen.
Das Paar hatte in dem großen Gehöft eine Ferienwohnung eingerichtet, Platz war ja genug. Die Einnahmen der Vermietung der Ferienwohnung sollten weitere Verschönerungsmaßnahmen mitfinanzieren.
Zu der Ferienwohnung gehörten eine kleine Küche, ein separates Bad, ein kleines Wohnzimmer und zwei Schlafzimmer.
Ideal für Familienurlaub auf dem Lande. Zumal diverse Haustiere den Hof mitbevölkerten. Es gab Kaninchen, ein paar Hühner und Enten, Tauben auf dem Dach und eine große, graue Katze.
Dornberger war eigentlich ganz zufrieden mit seinem Werk. Er selber stammte aus dem Eichsfeld, dem äußersten Nordwesten Thüringens. Das Eichsfeld war die einzige Gegend, die nicht von der Reformation miterfasst wurde. Bis heute hielt sich im Eichsfeld ein strenger Katholizismus, was für Thüringen, dem Geburtsort der Reformation, ein Paradoxon war.
Aber die Eichsfelder arrangierten sich. Der kleine Flecken am Nordwestrand gebärdete sich nicht zickiger als die vielen anderen Flicken des Thüringer Kleinfürstentumteppichs und waren integriert in die lokale Polyphonie.
Dornberger mit seiner libertären Gesinnung, war das Eichsfeld bald zu eng geworden. Er verließ schon als Achtzehnjähriger die Familie in Heiligenstadt, jobbte auf dem Bau, robbte als Soldat durch diverse Wälder, versuchte sich als Student und als Lebenskünstler.
Seine Familie beobachtete mit großer Sorge sein umtriebiges Tun, er hatte immer wieder großen Erklärungsbedarf, wenn es ihn zu großen Familienfeiern ins Eichsfeld verschlug.
Da war zuallererst seine wilde Ehe. Im Eichsfeld bis jetzt ein schweres Vergehen. Und dann natürlich seine eigenwilligen Bilder, man konnte ja gar nichts darauf erkennen! Wer sollte denn so etwas kaufen!
Letztendlich noch der verwahrloste Hof im Thüringer Wald. Finanziell habe er sich doch da ziemlich übernommen. Kredite aufgenommen und die viele Arbeit …
Einzig seine Schwester und sein Schwager, beide in Heiligenstadt ansässig, hielten immer zu ihm. Sie waren häufig zu Gast auf dem Tannenhof, halfen ihm und unterstützten ihn auch finanziell. Die Ferienwohnung war ideal für sie, zumal sie ihre drei Kinder mitbrachten, allesamt mit musischen Neigungen und voller Verständnis für das Tun ihres Onkels.
Dornberger, inzwischen auch schon Mitte Vierzig, wettergegerbt und mit ein paar tiefen Falten auf der Stirn, darunter zwei graue Augen, die immer freundlich zu lachen schienen, hatte sich einen Sprachstil zugelegt, der viele Menschen aus seinem Umfeld etwas irritierte.
Natürlich, er musste sich schließlich als Künstler präsentieren. Seine Persönlichkeit war Teil des Gesamtkunstwerks.
Wenn er solch kryptische Titel wie »Der Frieden des Planktons«, »Frosch in Schneeschmelze«, »Narrative Gesten« oder »Derwisch im Moor« für seine Farbexplosionen wählte, hatte es vor allem den Vorteil, dass die Betrachter anfingen über den Titel nachzudenken und in den Farbrhythmen auf der Leinwand diverse Gestalten zu entdecken.
Seine Vorbilder hatte Dornberger in den revoltierenden Künstlergruppen der Art Informel gefunden. Sie lehnten, genau wie er, alle konventionellen Sehgewohnheiten ab, reduzierten Malerei auf das, was sie eigentlich war, das Verteilen von Farbe auf Flächen, und lehnten jedwede Interpretation ihrer Werke durch Kritiker rundheraus ab.
Dornberger gefiel das. Er hatte sich auch mit gegenständlicher Malerei auseinandergesetzt, aber schnell gemerkt, dass das bei ihm nicht funktionierte.
Nein, er brauchte die totale Freiheit im Umgang mit den Farben, ließ sich nicht in eine dahergebrachte Formensprache zwängen.
Ähnlich war es mit seiner verbalen Sprache. Baute da einfach diverse Fremdwörter mit ein, die nicht geläufig waren, vermittelte sofort den Nimbus des Rätselhaften um sich. Er selber brach dann aber sofort wieder diesen Nimbus durch ironische Eigeninterpretationen des soeben Gesagten. In das befreiende Gelächter fielen die Zuhörer nur zögernd ein, meist verstanden sie die Wortspielereien nicht. Irritationen, Konfusionen, Paradoxien, das war Dornbergers Welt. Ein Sprachhumor, der an die Da-Da-Bewegung erinnerte, Anleihen beim britischen Slapstick genommen hatte und mit den gemeinen Trivia deutscher Vorabendserien jonglierte.
Dennoch, oder gerade dadurch, schaffte er es, seine Zuhörer in den Bann zu schlagen. Er war ein Wortakrobat, eigentlich viel mehr Künstler im Bereich der Worte als mit seinen Farben.
Aber das war ihm im Moment ziemlich egal. Er hatte ein Problem. Morgen wollten die Brocks kommen, also seine Schwester, sein Schwager und ihre drei musikalischen Kinder. Sie hatten vor, eine ganze Woche zu bleiben. Für sie wollte er die Ferienwohnung frei haben.
Aber vor dem Hof stand ja immer noch der große Peugeot mit dem belgischen Kennzeichen. Dornberger hatte vor zwei Wochen die Wohnung an das seltsame Paar vermietet. Reiche Belgier aus Brüssel auf Tour quer durch Europa. Sie wollten eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Seien auf der Durchreise, aber Thüringen sei eben einen kleinen Aufenthalt wert.
Dornberger freute sich über die willkommene Nebeneinnahme. Die Saison begann hier im regnerischen Thüringer Wald erst ab Juni.
Ja, und nun …
Er hatte die beiden schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Ihr Wagen stand unbenutzt vor dem Hoftor. Glücklicherweise hatten sie schon vorab gezahlt. Mit einem nagelneuen Fünfhunderter. Dornberger hatte nur selten einen solchen Schein in den Fingern. Irgendwie komisch.
Dabei waren die beiden Belgier kunstsinnige Leute. Wohlwollend hatten sie alles betrachtet, als er sie herumführte und das Anwesen zeigte. Auch seine selbstgestaltete kleine Galerie, eingerichtet im ehemaligen Stallgebäude direkt gegenüber dem Wohnhaus, schien ihnen gefallen zu haben. Speziell seine Petersburger Hängung schien großen Eindruck hinterlassen zu haben. Möglicherweise kauften sie ja ein Bild …
Was machte er nur?
Seine Partnerin war mit den Kindern für ein paar Tage nach Berlin gereist. Es waren Frühlingsferien. Zwar nur eine Woche, aber besser als nichts. Dornberger war froh, dass er allein war, Zeit zum Experimentieren. Er hatte eine neue Serie geplant. Großflächig, farbgewaltig, verstörend. Einen Titel hatte er auch schon gefunden: »Meeresbewohner in ungewohnter Umgebung«. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Fisch am Tisch, ein Wal im Tal, vielleicht ein Hai bei der Polizei … naja, ihm würde da sicher noch etwas einfallen. Auf alle Fälle war das Konzept genial.
Neider würden wie immer misslaunig zu den Bildern ihre Kommentare abgeben. Verärgert darüber, dass ihnen selber so etwas nicht eingefallen war.
Trotzdem, mit den beiden Belgiern, da stimmte etwas nicht. Er konnte sich auf seine Malerei nicht konzentrieren, immer wieder kreuzten die beiden durch seine Gedanken. Nicht, dass sie sich ungehörig benommen hatten. Nein, das war es nicht.
Aber sie passten eigentlich nicht in das Schema der klassischen Thüringentouristen. Jeden Morgen standen sie um Sieben bereits auf, kamen sehr spät abends zurück, zogen die Gardinen vor und waren ausgesprochen still. Sie wollten nichts wissen, gingen ihrer Wege, grüßten mit einem freundlichen Kopfnicken, das war’s.
Eigentlich ideale Feriengäste, dennoch hatte Dornberger das Gefühl, dass die beiden nicht zum Sightseeing oder Wandern hier waren. Außerdem war er sich sicher, dass die beiden kein Paar waren. Jeder hatte ein Schlafzimmer belegt, dass machte man nicht, wenn man ein Paar war. Also, was war da los?
Nach zehn Minuten Grübelei trabte Dornberger in seine angrenzende Küche. Da gab es ein Telefon. Er wählte vorsichtig mit seinen farbbeklecksten Fingern die Eins-Eins-Null.
Der Seestern rackert heute nicht,
viel lieber schreibt er ein Gedicht.
Im Gefängnis sitzt der Rochen,
was hat er nur verbrochen?
Der Liegestuhl vom Dorsch
ist vorn und hinten morsch.
Ein Grüppchen schwedischer Maränen
hielt man in Paris für Dänen.
Aus dem Zyklus »Meeresbewohner in ungewohnter Umgebung«
von Uwe-Hagen Dornfelder, 2007
II
Tannenhof unweit des Dörfchens Rohr
Sonnabend, 12. Mai 2007
Der Anruf bei der Polizei hatte Folgen. Innerhalb weniger Minuten kamen laufend Rückrufe von diversen Dienststellen der Thüringer Kripo. Ob er etwas angefasst habe in der Ferienwohnung? Ob der Wagen vor seinem Hof abgeschlossen sei? Wann er seine Feriengäste das letzte Mal gesehen habe?
Dornberger war schon entnervt, als er schließlich darum gebeten wurde, nichts anzurühren, die Kollegen von der Technik und ein paar Beamte würden direkt vorbeikommen.
Naja, so hatte er sich das Ganze auch nicht vorgestellt. Irgendwas musste da passiert sein. Sonst würde die Kripo nicht so intensiv Interesse bekunden.
Er wusch sich nachdenklich Hände und Arme, zog ein frisches Hemd über und schaute kurz in den kleinen Spiegel im Atelier. Manchmal verirrte sich ein Farbsprenkler sogar in sein Gesicht. Das wäre ihm peinlich, wenn er Rede und Antwort stehen müsste vor den gestrengen Augen eines Beamten und ein Tupfer Zitronengelb oder Alizarinrot seine Aussagen konterkarierten. Nein, er legte schon Wert darauf, ernst genommen zu werden, auch wenn er gern die Leute aus seinem direkten Umfeld des Öfteren mal veralberte.
Nach zwanzig Minuten rollten zwei weiße Opel-Astra bei ihm vor, dicht gefolgt von einem ebenfalls weißen Mercedes-Sprinter.
Zwei Kriminalbeamte stiegen aus, beide kurz vor ihrer Pensionierung. Sie stellten sich ihm als Hauptkommissar Thiele und Oberkommissar Heilmann von der Kripo in Suhl vor. Beide machten auf Dornberger nicht den dynamischsten Eindruck, aber das konnte ja auch täuschen. Sie schienen auf alle Fälle routiniert im Umgang mit solchen Vermisstenfällen zu sein.
Umständlich kramte Heilmann, ein knochiger Typ mit großer knorpeliger Nase und einer ungesunden rötlichen Hautfarbe, in seiner Klemmmappe, holte endlich zwei Fotos hervor.
»Sind das Ihre Feriengäste?«
Dornberger warf einen Blick auf die beiden Fotos. Was er sah, verstörte ihn zutiefst. Die beiden Menschen waren tot, lagen in unnatürlicher Haltung inmitten von Kräutern und Farnen. Er musste noch einmal hinschauen, um sich zu vergewissern. Eindeutig, das waren sie.
Er nickte stumm. Was war passiert?
Der ältere der beiden Kommissare, Thiele, ein untersetzter Mann mit spärlichen Haarkranz und einer goldgeränderten Brille begann zu berichten. Über den seltsamen Fundort am Großen Hermannsberg, die gefundenen Reisepässe, verschwieg aber dem staunenden Dornberger, dass die beiden Belgier jeder eine Waffe bei sich trugen, keine gewöhnlichen Luftdruckpistolen oder Schreckschusswaffen, nein, echte Profikanonen, SIG-Sauer.
Der ursprüngliche Verdacht, dass es sich um einen tödlichen Unfall am Kletterfelsen gehandelt haben könnte, wurde nach dem Auftauchen der beiden Waffen fallen gelassen.
Natürlich waren die Waffen nicht registriert, sorgsam waren die Registriernummern entfernt worden. Jeder der beiden trug die Pistolen an einem Holster direkt am Körper. Aus den Waffen war kein Schuss abgegeben worden.
Erste Nachforschungen über Europol hatten ergeben, dass die Namen der beiden in keinem Register der Stadt Brüssel oder anderswo in Belgien zu finden seien. Die dortigen Kollegen hätten ihnen zu verstehen gegeben, dass es wohl gefälschte Pässe seien.
Also, man war im Moment ziemlich ratlos.
War Thüringen durch einen dummen Zufall ins Fadenkreuz von Geheimdiensten oder gut organisierten Verbrecherbanden geraten? Geheimdienste – und dann mit so einer plumpen Fälschung: Renard und Blaireau - Fuchs und Dachs! Bah!
Zweitens könnte da schon eher zutreffen. Thiele erinnerte sich an die Einbruchsserie in den Residenzen, die seit dem vergangenen Herbst für viel Unmut sorgte. Immerhin gab es ja auch noch das geheimnisvolle Medaillon, welches der Triathlet auf dem Felsen gefunden hatte.
Ja, und jetzt der Anruf des Malers, der sich Sorgen machte, was aus seinen Feriengästen geworden war. Langsam kamen die Mosaiksteinchen zusammen. Es würde wohl noch einige Zeit vergehen, bis sich ein ungefähres Bild abzeichne, aber Thiele und Heilmann waren sich sicher, dass dieser spektakuläre Leichenfund sich klären würde. Zu viele Spuren waren hinterlassen worden, man musste sie nur alle finden und sorgsam bewerten.
Ob es möglich wäre, mal in die Unterkunft der beiden Belgier schauen zu können? Dornberger nickte, natürlich, er hatte immer einen Zweitschlüssel, man wusste ja nie…
Er dirigierte die beiden vorsichtig durch sein Atelier, beobachte missbilligend aus dem Augenwinkel, wie die beiden Beamten die Nase rümpften beim Anblick seiner Kreationen, sorgsam darauf bedacht, keine Farbspuren an ihre Schuhe und Ärmel zu bekommen.
Durch den kleinen Flur führte er die beiden Polizisten zu der separaten Eingangstür der Ferienwohnung.
Die Ferienwohnung machte einen aufgeräumten Eindruck. Im Abwasch standen zwei benutzte Kaffeetassen, ansonsten wies nichts auf die beiden Bewohner hin. Als ob sie nicht existiert hätten, oder als ob sie es vermieden hätten, auf ihre Existenz hinzuweisen. Thiele war etwas ratlos.
Was waren das für seltsame Leute? Kein Koffer, keine persönlichen Gegenstände, absolut nichts! Ein Blick in die Schlafzimmer ergab dasselbe Bild. Die Betten waren akkurat gemacht, als ob nie jemand in ihnen geschlafen hätte.
Dornberger wies die beiden Kommissare darauf hin, dass die beiden wahrscheinlich jeder ein Schlafzimmer für sich bezogen hatten, sie also kein klassisches Paar waren. Er habe spätabends Licht in beiden Schlafzimmern leuchten sehen, was ihn ebenfalls gewundert habe.
Die Kollegen von der Technik, die ebenfalls mit geübtem Blick die Räumlichkeiten durchmusterten, schüttelten stumm den Kopf. Hier war nichts zu holen.
Dornberger kratzte sich am Kopf. Ob er denn die Ferienwohnung wieder nutzen könne, schließlich würden die beiden Gäste ja nicht mehr zurückkehren?
Heilmann und Thiele verständigten sich kurz, jaja, kein Problem. Sie würden aber gern noch einen Blick auf das Auto der Belgier werfen.
Ja, das habe man ja beinahe vergessen. Ein Nobelhobel sei das, was da schräg rüber vor dem Hoftor parke. Ungewöhnliches Gefährt, würde man nur sehr selten hier sehen.
Die beiden Beamten gingen nach draußen. Dornberger machte die Außenbeleuchtung an, die aus drei von ihm selbst aufgestellten Laternen bestand und die mit ihrem milden, gelben Licht den kleinen Vorplatz vor der Hofeinfahrt beschienen.
Manchmal machte er die Außenbeleuchtung an, wenn er wusste, dass Feriengäste erst spät ankamen. So würden sie die Auffahrt zum Tannenhof leichter finden, denn normalerweise war der kleine Weg hier hoch dunkel.
Der dunkelgraue Peugeot Traveller war ein imposantes Fahrzeug, wirkte seltsam verloren hier inmitten der Naturidylle des Tannenhofs. Eigentlich gehörte so ein Wagen in die Großstadt.
Die beiden Beamten umkreisten den Wagen mehrfach, notierten sich das Kennzeichen und überließen ihn den Technikern.
Professionell traten sie ein paar Schritte zurück, man war ein eingespieltes Team. Die beiden Techniker in ihren dunkelgrünen Overalls hatten diverse Zündschlüssel zur Hand, mit denen sie probierten den Wagen zu öffnen. Keiner der Schlüssel reagierte jedoch. Dann probierte es einer der beiden Männer mit einem speziell geformten dünnen Draht. Das einzige Ergebnis war, dass die Autosicherung ansprang und ein durchdringendes, unangenehmes Geräusch abgab.
Dornberger musste lächeln. Da hatte er ja zwei Spezialisten beherbergt. Thiele wandte sich ab. Heilmann grinste, seine knorpelige Nase leuchtete im Laternenlicht wie eine große Diode.
»Chef, soll ich mal?«
Thiele nickte nur.
»Jungs, lasst mich mal ran! Ihr habt eure Chance gehabt«, Heilmann hatte eine Plastikkarte hervorgeholt, professionell untersuchte er die Türen, nickte und begann mit der Karte in dem schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen zu hantieren.
Nach drei Minuten sprang die Tür auf. Heilmanns Nase leuchtete noch eine Spur intensiver. Die Techniker schüttelten die Köpfe.
»War zwölf Jahre lang beim Dezernat Autodiebstahl gewesen. Da lernt man so etwas.«
Das Wageninnere war ähnlich aufgeräumt. Im hinteren Frachtraum waren zwei schwarze Koffer, vorn am Fahrersitz befanden sich eine Autokarte Thüringens und ein Navigerät.
Thiele wusste, dass die Navigeräte die letzten Fahrtrouten speicherten. Er suchte den Speicherchip, entfernte ihn geschickt und steckte ihn in ein kleines Plastiktütchen.
Die Techniker hatten sich den beiden Koffern zugewandt. Keiner achtete auf den Wagen, der plötzlich von einer Detonation in Brand gesetzt wurde. Alle waren verblüfft. Was war das?
Dornberger wurde es immer unheimlicher. Nicht, das auch noch seine Ferienwohnung in Flammen aufging.
Sowohl die Techniker als auch die beiden Kripobeamten waren sichtlich überrascht. Die Autokarte war durch die Wucht der Detonation aus der offenen Tür geschleudert worden, brannte an den Rändern bereits. Geistesgegenwärtig trat Heilmann darauf und löschte die Flammen. Auch die beiden Koffer waren gerettet. Wahrscheinlich war ein Zeitzündermechanismus in Gang gesetzt worden. Ausgelöst durch das unsachgemäße Öffnen des Wagens hatte er dafür gesorgt, dass der potentielle Dieb nicht viel Freude mit dem Wagen haben würde.
Heilmann hatte von solchen drastischen Sicherungsanlagen schon gehört. Sie kosteten viel Geld und waren offiziell nicht erlaubt.
Thiele schüttelte nur den Kopf. Womit hatten sie es hier zu tun? Was waren das für Leute, die eines so seltsamen Todes gestorben waren? Die Angelegenheit wurde immer verworrener.
Er wandte sich an die Techniker. Ob sie etwas gefunden hatten in den beiden Koffern? Nur edle Wäsche, allesamt Markenklamotten, nichts vom Discounter. Ach ja, ein Buch war in dem einen Koffer. Eine alte Ausgabe von Ludwig Bechsteins »Der Dunkelgraf«. Auf Deutsch. Wohl ein recht wertvolles Stück, wenn man der Jahreszahl Glauben schenken könne. Eine Erstausgabe aus dem Jahre 1854, mit einer persönlichen Widmung, diese allerdings auf Französisch.
Thiele zog die Augenbrauen hoch. Er kannte die Geschichte des seltsamen Grafenpaares, das vor über zweihundert Jahren in einem kleinen Schlösschen bei Hildburghausen unter dem Namen Dunkelgraf und Dunkelgräfin in die Geschichte eingegangen war.
Vielleicht hatten die beiden Belgier es ja auf antiquarische Bücher abgesehen? Gut möglich, dass hier im Umland noch einige seltene Exemplare herumgeisterten. Bechstein war Südthüringer, lebte in Meiningen.
Aber war den beiden die Jagd nach bibliophilen Kostbarkeiten zum Verhängnis geworden? Er wusste im Moment nicht, wieviel eine Erstausgabe Bechsteins kostete. Aber das würde sich klären lassen. Dafür hatte er schließlich Heilmann.
Die Techniker hatten inzwischen das brennende Auto gelöscht. Von dem teuren Fahrzeug war nicht mehr viel übriggeblieben.
Seltsam! Äußerst seltsam das Ganze!
Nach einer Stunde hatten die Polizisten alles verstaut, was sie als mitnehmenswert erachteten, also den Inhalt der Koffer und den halbverbrannten Autoatlas. Thiele hakte noch einmal bei Dornberger nach. Ob er die beiden einmal telefonieren gesehen habe? Ob die beiden vielleicht einen Laptop oder etwas Ähnliches benutzt hätten? Seltsam!
Da waren die beiden mit einem solch technisch aufgerüstetem Auto unterwegs und hatten da nichts weiter drinnen als zwei Wäschekoffer?
Die Polizisten verabschiedeten sich und ließen einen verdutzt dreinschauenden Dornberger zurück. Der würde diese Nacht wohl nur schwer schlafen können. Erst musste er einmal Ulla anrufen. Mein Gott, soviel Drama! Nur gut, dass die Kinder nicht da waren.
Бесплатный фрагмент закончился.
