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Thomas Klappstein (Hrsg.)

Nicht alltäglich

182 1/2 außergewöhnliche Andachten


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865066084

© 2010 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: shutterstock

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Copyright

Unterwegs

Ich versteh’ nur Bahnhof …

Liebe

Ganz oder gar nicht

Dinge

Johannes der Täufer – Von Gott berufen

Die Sache mit dem Christsein

Ostern

Auf dem Weg nach Emmaus

Thomas, der Zweifler

Gnade

Vertrauen

Pfingsten

Nicht allein

Wunder

Haltmachen

Engel

Arm und Reich

Licht

Starke Sprüche

Zur Ruhe Kommen

Beten

Falsch abgebogen?

Im Dunkeln

Eine Ewigkeit lang

Worte

Weihnachten

Der Bonus-Track

Die Autoren

Der Herausgeber

Fettes Thanx

Für alle, die ehrlich, aufrichtig und täglich ihr Leben vor Gott und den Menschen und mit Gott und den Menschen leben wollen, aber durch so manche Nicht-Alltäglichkeit ihre menschlichen Grenzen aufgezeigt bekommen. Und die dankbar feststellen, dass der nicht alltägliche Gott dann doch immer wieder täglich erreichbar ist …

Vorwort

Andachtsbücher gibt es in der christlichen Szene viele. Jedes Jahr werden neue veröffentlicht, jedes Jahr neue gekauft. Warum also nun noch ein »nicht alltägliches« Impuls- und Andachtsbuch? Und was ist es, das dieses Buch so »außergewöhnlich« macht?

Impuls- und Andachtsbücher begegnen dem Bedürfnis von Christen, neben dem Lesen in der Bibel einen regelmäßigen geistlichen Impuls für das tägliche Leben zu bekommen, den andere Menschen gedacht und formuliert haben. Einige inspiriert es, im Laufe des Tages immer wieder einmal über das Gelesene nachzudenken und es anzuwenden. Andere sind ganz einfach froh, so in den Tag starten zu können und ihrer vermeintlichen »christlichen Pflicht« nachgekommen zu sein.

Wenn man die Sache nüchtern betrachtet und ganz ehrlich ist, starten zwar viele mit dem guten Vorsatz in ein neues Jahr, täglich eine Andacht zu lesen, stellen aber häufig Ende Februar fest, dass sich doch einige Unregelmäßigkeiten eingeschlichen haben. Und bei nicht wenigen macht sich dann ein schlechtes Gewissen bemerkbar.

Um dem zu begegnen, trage ich schon lange die Idee für »das erste ehrliche Andachtsbuch« in mir, die nun mit Hilfe vieler toller neuer und alter Autorinnen und Autoren in die Realität umgesetzt werden konnte: ein Andachtsbuch mit 182 1/2 Andachten. Dieses Buch geht davon aus, dass viele Leserinnen und Leser realistischerweise sowieso nur alle zwei Tage dazu kommen, eine Andacht zu lesen (365 Tage : 2 = 182 1/2 ). Und das geht ab jetzt mit einem guten Gewissen. Und der Möglichkeit, trotzdem in einem Jahr durchzukommen.

(Das heißt natürlich nicht, dass man nicht auch gerne täglich lesen darf – dann fängt man zur Jahresmitte eben noch einmal neu an. So könnte man sich außerdem auch außerhalb der üblichen Zeiten mal mit den Inhalten der großen christlichen Festtage beschäftigen – und eventuell einen neuen, »außergewöhnlichen« Blick auf vermeintlich Altbekanntes bekommen ...)

Im Entstehungsprozess dieses Buches gehörte »182 1/2 artige Andachten für Aufrichtige, Anständige und Aufmüpfige« mit zu den Favoriten für den Untertitel. Auch wenn wir uns letztlich für eine andere Formulierung entschieden haben – gepasst hätte er. Und wenn man das »für« durch ein »von« ersetzt, sagt das auch einiges aus über die Vielschichtigkeit und Kreativität der Autorinnen und Autoren, ihren unterschiedlichen geistlichen Background und den damit verbundenen bunten Stil-Mix der Beiträge. Alles ist dabei, von »old school« über »modern« bis zu »postmodern«. Dabei geht es nie darum, ein aalglattes Christsein zu progagieren, das den Realitäten des Lebens nicht gerecht wird. Es geht darum, in den Realitäten des Lebens das Christsein zu greifen.

Manchmal wird ganz klassisch ein Bibelvers ausgelegt (»old school«), manchmal wird eine (persönliche) Geschichte erzählt, die eine geistliche Wahrheit vermittelt, ohne dass ein Bibelvers explizit genannt wird (»postmodern«). Mal steht ein Bibelvers am Beginn des Beitrages, mal wird er im Text zitiert. Viele Beiträge sind Einzelbeiträge, andere wurden schon als Reihen konzipiert.

Neben etablierten Andachtsbuchautoren sind auch viele neue Autorinnen und Autoren dabei, die einer größeren Öffentlichkeit noch nicht bekannt sind, die aber schon Schreiberfahrung haben oder in ihren Reden immer wieder Zuhörer abholen und begeistern und deshalb gefragt wurden. Und viele haben erfreulicherweise zugesagt. Ich bin der Meinung, dass gerade in der Andachtsbuchszene alte Dinge neu gesagt und gedacht werden sollen und dürfen. Und die Leserinnen und Leser freuen sich sicherlich auch über frisches »Tintenblut« und neue, »außergewöhnliche« Ein- und Ausblicke.

Aber es ist nicht nur »Tintenblut«, was hier geflossen ist. In allen Beiträgen steckt viel »Herzblut«, um mal einen »old school«-Ausdruck zu gebrauchen. Allen ist gemein, dass durch ihre Beiträge die Stimme dessen vernehmbar ist, der ihr Leben bestimmt: Jesus Christus. Dass Gott durch ihre Beiträge seine Gedanken pflanzt. Dass göttliche Samen gesät werden, die aufgehen, Frucht tragen und zum Leben helfen.

Nicht alltäglich. Aber außergewöhnlich aufrichtig!

Allen, die hier Zeit und Energie aufgewendet haben – deren »Herzblut« geflossen ist – einen herzlichen Dank und »Goddes außergewöhnlich foll vetten Segen« – der natürlich auch für die Leserinnen und Leser gedacht ist.

Thomas Klappstein (Herausgeber)

PS: Der 182 1/2 te Beitrag kann übrigens gerne selbstständig ergänzt werden. Dazu motivieren hoffentlich die 182 vorangegangenen Beiträge ...

Unterwegs
1 | Knöenn Sie dsa lseen?

Ich bin das A [Alpha] und das O [Omega], spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

OFFENBARUNG 1,8 (LUTHER 1984)

Luat enier Stidue an der elingshcen Uävirestint Cmabridge ist es eagl, in wlecher Riehnelfgoe die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen. Das eniizg Wcihitge ist, dsas der estre und der lzette Bsthucabe am rcihgiten Paltz snid. Den Rset knan man dnan onhe Polbrmee lseen. Das ghet dseahlb, weil das mneshcchile Geihrn nciht jdeen Bschutbean ezleinn liset, sodnern das Wrot als Gnaezs.«

Alles verstanden? Nein? Dann schauen Sie unten nach. Wenn Sie’s aber verstanden haben – erstaunlich, oder? Wozu gab es eigentlich eine Rechtschreibreform Anfang des neuen Jahrtausends und den Streit darüber?

Mir kam beim Lesen folgender Gedanke: Gleicht unsere Lebensgeschichte nicht allzu oft dem Durcheinander der Wörter oben? Und erst recht die Weltgeschichte? Manchmal kaum ein Buchstabe, kaum etwas da, wo es hingehört! Aber wenn der erste und der letzte Buchstabe stimmen, macht jedes Wort Sinn. Wird jedes einzelne Kapitel Geschichte sinnvoll.

Das Alpha und das Omega – der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet – sind in der Bibel ein Bild für Christus. Er ist der Erste und Letzte, Anfang und Ende der Welt, Ursprung und Ziel unseres Lebens, Schöpfer und Erlöser. Alles ist eingerahmt von seiner Macht und von seiner Liebe, von seiner Kreativität und von seiner Menschenfreundlichkeit. Und macht so Sinn. Selbst im scheinbaren Unsinn. An ihm, an Jesus Christus, möchte ich mich orientieren.

Und hier noch mal im Klartext:

»Laut einer Studie an der englischen Universität Cambridge ist es egal, in welcher Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort stehen. Das einzig Wichtige ist, dass der erste und der letzte Buchstabe am richtigen Platz sind. Den Rest kann man dann ohne Probleme lesen. Das geht deshalb, weil das menschliche Gehirn nicht jeden Buchstaben einzeln liest, sondern das Wort als Ganzes.«

Thomas Klappstein

2 | Er zieht das durch

Deshalb bin ich auch ganz sicher, dass Gott sein Werk, das er bei euch begonnen hat, zu Ende führen wird, bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus kommt.

PHILIPPER 1,6 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Das hat sowieso keinen Zweck! Hast du schon mal etwas mit ganz viel Enthusiasmus angefangen, nur um dann irgendwann damit aufzuhören, bevor das Projekt fertig war? Eine Diät? Ein Musikinstrument? Eine Schulausbildung oder Lehre? Den Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören? Eine Freundschaft? Eine Ehe?

Eine Familie? Manchmal sind diese »Abbrüche« nicht schlimm, aber manchmal zerstören sie auch Leben.

Aber es gibt eine richtig gute Nachricht! Gott hat das Projekt »du« angefangen. Er hat ganz viel Liebe, ganz viel Kreativität investiert – und er denkt gar nicht daran, dieses Projekt aufzugeben.

Ein paar Frauen unterhalten sich über die »Abwrackprämie«, und eine von ihnen hat eine brillante Idee: »Wäre es nicht toll, wenn Frauen ihre Ehemänner genauso eintauschen könnten, gegen jüngere, funktionstüchtigere Modelle?« Darauf erwidert eine ihrer Freundinnen: »Das ist ja wohl die blödeste Idee, die ich jemals gehört habe. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel ich investieren musste, um meinen Mann auch nur halbwegs zum Funktionieren zu bringen! Ich wäre ja schön blöd, wenn ich mir einen neuen holen würde, mit dem ich die ganze Arbeit noch mal von vorne machen müsste!«

Wo sie recht hat, hat sie recht! Gott scheint über unsere Situation irgendwie ähnlich zu denken. Und wenn das so ist, dann ist es ja vielleicht einen Versuch wert, noch mal durchzustarten!

Frank Bonkowski

3 | Liebe bringt den Sieg nach Hause

Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.

1. KORINTHER 16,13-14 (EINHEITSÜBERSETZUNG)

Was Paulus hier den Korinthern am Ende seines langen Briefes sagt, erinnert an einen Fußballtrainer, der seinem auflaufenden Team noch die letzten Anweisungen gibt. Was hatte er ihnen nicht alles geschrieben! Er hatte gegen Spaltungen und grobe Sünden in der Gemeinde gekämpft, hatte den Wert der Geistesgaben betont und sich für einen geordneten Gottesdienst eingesetzt. Sogar mit der Frage, wie glaubwürdig die Berichte von der Auferstehung Jesu sind, musste er sich herumschlagen. Aber jetzt soll der Brief in die Praxis umgesetzt werden. Jetzt müssen die Korinther raus aus der Bibelstunde und rauf auf das Spielfeld des Lebens.

»Seid wachsam«, ruft der Apostel. Der Teufel schläft nicht und versucht mit allen Tricks, gegen euch zu punkten. Wenn er es schafft, euch in Sicherheit zu wiegen, ist er im Vorteil und euer Erfolg gefährdet. »Steht fest im Glauben«, denn der Sieg gehört eurem Mannschaftsführer Jesus. Also lasst euch nicht einschüchtern, »seid mutig, seid stark«.

So ermutigt Paulus jeden von uns, seinen Platz einzunehmen, ganz egal, auf welcher Position im Reich Gottes wir spielen. Denn das sehen wir deutlich im Korintherbrief, dass Gott sogar Leute wie uns gebrauchen will. Natürlich muss Paulus die Christen in Korinth darauf vorbereiten, dass die Nachfolge Jesu kein leichter Weg ist. So schlägt er hier ziemlich markige Töne an.

Und doch will er auf dem Spielfeld des Lebens keine zähnefletschenden Champs sehen. Die Energie, die uns vorantreibt, heißt nicht Aggression, sondern Liebe. Wir werden nicht als Eroberer losgeschickt, sondern als Diener. So hat es uns Jesus Christus vorgemacht. Und wir wissen aus eigener Erfahrung: Gegen seine Liebe ist kein Kraut gewachsen. Sie macht die entscheidenden Punkte und bringt den Sieg nach Hause.

Christoph Müller

4 | Neue Wege

Der Herr sagte zu Abram: »Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft, und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! …« Sie … durchzogen das Land …, und auch hier schichtete er Steine auf als Opferstätte für den Herrn. Dort betete er den Herrn an.

1. MOSE 12,1-8 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Ein Pensionär wird zum Pionier. Abraham war 75 Jahre alt, als er die Herausforderung annahm, sich der Macht der Gewohnheit zu widersetzen. Eines Tages setzte sich das Reden Gottes wie ein Ohrwurm in seine Gedanken: Geh aus deinem Vaterland, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Elternhaus fort!

In diesen drei Worten ist alles enthalten, was unser »So-sein« ausmacht, was uns von Kindesbeinen an prägt, unsere Identität stiftet und uns Sicherheit und Geborgenheit bietet, weil wir uns daran gewöhnt haben. Heimweh, Verunsicherung, Schmerzen sind mit einem solchen Aufbruch verbunden. Wie schwierig war es für Abraham, das Leben nach einem Leben zu meistern?

Neue Wege, auf die Gott uns ruft, können sich für jeden von uns anders gestalten. Einen neuen Weg einzuschlagen, das kann einen Aufbruch in physischem Sinne bedeuten, eben das Verlassen von Heimatort und Heimatland. Es kann sich aber auch um einen Aufbruch in sozialem Sinne handeln, ein Abschiednehmen von alten Beziehungen und das Zugehen auf eine neue Freundschaft. Es kann auch ein Aufbruch in geistigem Sinne sein, ein Loslassen lieb gewordener Denkmodelle und das Erproben eines neuen Ansatzes. Allen gemeinsam ist: Gott ruft auch uns wie Abraham aus allem heraus, was uns Heimat bedeutet. Wenn wir uns dann aufmachen und unsere Lebenskraft für die Sache Gottes einsetzen, dann wirkt Gottes Segen durch uns weiter. Abraham gilt als der »Vater des Glaubens« – er stellte sein gesamtes Leben unter die Berufung Gottes, so wie er sie erfahren hat, unmissverständlich, radikal und umfassend.

Sich auf Gottes Wort und sonst nichts verlassen, darauf ein Leben aufbauen, das ist Ausdruck eines unglaublichen Vertrauens. Vertrauen braucht Anknüpfungspunkte. Sich an persönliche Gottesbegegnungen zu erinnern ist darum unerlässlich in neuen Lebenssituationen. Deswegen durchquerte Abraham zunächst die Dimension des Unbekannten und setzte Grenzmarkierungen, die ihn an das einzige Bekannte und Konstante erinnern sollten – die Zusage der Gegenwart Gottes in und unter allen Umständen.

Mickey Wiese

5 | Zu Hause sein

Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen …

1. MOSE 28,15 (LUTHER 1984)

Soziologen sagen, dass wir uns damit abfinden müssen, in einer immer mobileren Gesellschaft zu leben. Der Mensch der Zukunft wechselt öfter als seine Vorfahren den Wohnort, das Haus, den Beruf, die Ideale und die Freunde. Flexibilität ist das Qualitätsmerkmal von morgen. Bleibt eine Frage: Wo ist man dann eigentlich zu Hause? Oder sollten wir uns von dem altertümlichen Wort »Zuhause« verabschieden? Schon jetzt gibt es zu viele Leute, die zwar ein Zuhause haben, sich dort aber gar nicht zu Hause fühlen. Dort, wo sie leben, sind sie sich selbst fremd. Ich glaube aber, wir sehnen uns nach einem Ort, an dem wir keine Angst mehr haben müssen.

Ist das eine Definition von »Zuhause«, was meinen Sie? Ein Ort, an dem ich keine Angst mehr habe. Ich weiß nicht, unter welchen Bedingungen Sie sagen können, dass Sie keine Angst haben. Ich kenne diese Sehnsucht auf alle Fälle. Manchmal spüre ich bei unterschiedlichsten Gelegenheiten: »Hier geht es mir richtig gut. Hier kann ich genau so sein, wie ich schon immer sein wollte.« Toll.

Wovon hängt das ab, ob und wo ich mich zu Hause fühle? Natürlich gibt es einfach Orte, die ein Zuhause-Gefühl hervorrufen. Aber das, was solche Besuche wertvoll macht, sind doch die vielen Erinnerungen. Fühlen wir uns nicht da zu Hause, wo wir gute Erfahrungen gemacht haben? Wahrscheinlich. Denn wenn ein Ort nicht mit Erinnerungen gefüllt wäre, ließe uns der Besuch wohl ziemlich kalt. Und dann merke ich, dass es in diesen Erinnerungen immer um Menschen geht, die mir ein Zuhause geben. Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang eine kurze Geschichte aus der Bibel erzählen:

Der junge Israelit Jakob hat viel Mist gebaut. Er hat seinen Bruder um das Erbe betrogen und ist jetzt auf der Flucht. Ein Mensch ohne Zuhause. Seine Familie, seine Heimat, seine Freunde, seinen Beruf, alles musste er hinter sich lassen. Dieser getriebene Jakob legt sich eines Abends erschöpft auf einen Stein, um zu schlafen – und plötzlich spricht Gott zu ihm: »Hör gut zu! Ich bin bei dir und werde auf dich aufpassen, ganz gleich, wo du hingehst. Ich werde dich nie verlassen und alles tun, damit du das umsetzen kannst, was ich dir versprochen habe.« In diesem Segen steckt alles, was ein Zuhause ausmacht. Die Zusicherung, dass ich keine Angst mehr haben muss und dass ich mich entfalten darf.

Fabian Vogt

6 | Zum Schlittschuhlaufen muss man geboren sein …

Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich und für Gottes rettende Botschaft einsetzt, der wird es für immer gewinnen.

MARKUS 8,35 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Denn wer nicht geboren ist, kann auch nicht Schlittschuhlaufen. Wenn du immer besser Schlittschuhlaufen lernen willst, musst du lernen, loszulassen. Und du musst lernen, hinzufallen. Stell dir jemanden vor, der sich 20 Jahre lang an der Brüstung festhält. Der lernt nie Schlittschuhlaufen. Das Problem ist, wenn er loslässt, fehlt ihm die Sicherheit, und dann kann er auf die Schnauze fallen.

Glauben ist wie Schlittschuhlaufen. Ich habe Angst, ob ich’s schaffe, ob ich hinknalle. Es gibt Leute, die sagen: »Ich habe an Gott geglaubt, aber es hat doch nichts gebracht, ich bin nur hingefallen, hab nur versagt, konnte meiner Mutter und meinem Bruder nicht vergeben, bin nur hingefallen, hab nur versagt, konnte die Hälfte aus der Bibel nicht verstehen, bin nur hingefallen, hab nur versagt, habe alle meine Zweifel behalten. Der Gottesdienst und der Hauskreis konnten mir meine Fragen auch nicht beantworten. Ich hab’s doch probiert mit Gott, ’s geht halt nicht.« Ich hab’s doch probiert, ich bin nicht der Typ zum Schlittschuhlaufen, bin zu dick, zu dünn, zu unsportlich, zu ängstlich oder was auch immer. Wenn die anderen laufen, kann ja sein, dass die das besser hinkriegen als ich, aber ich bin nicht so der Typ dazu.

Und dann sehe ich Jesus auf der Eisfläche, und er ruft mir zu: Komm mir entgegen, fass mich an, ich laufe mit dir, ich bleibe in deiner Nähe. Und dann laufe ich und falle hin. Die Leute lachen über mich. Siehste, Jesus, jetzt lachen die über mich, weil ich versagt habe. Die nehmen mich doch nicht mehr ernst. Und Jesus sagt: Das habe ich doch schon getan. Was? Ja, ernst genommen. Ich habe dich doch so ernst genommen, dass ich für dich gestorben bin, ich habe doch alles für dich gegeben. Dass du endlich frei wirst von dir, deinen Ansprüchen, deiner Angst vor Versagen und Nichtbeachtung. Du hast allen Grund, über dich zu lachen und dich darüber zu freuen, dass ich dich in jeder Situation liebe und dir wieder aufhelfe; du brauchst dich nicht mehr so ernst nehmen. Du kannst dich selbst loslassen, dann wirst du dich finden.

Es ist wie beim Schlittschuhlaufen – erst wenn du immer mehr loslässt und dich nicht nur am Rand langschlängelst, wirst du langsam lernen, ein Schlittschuhläufer zu werden.

Arno Backhaus

7 | Dranbleiben lohnt sich

Sei gütig und treu, und werde nicht nachlässig, sondern sporne dich immer wieder an! So wirst du Freundschaft und Ansehen bei Gott und Menschen finden. Verlass dich nicht auf deine eigene Urteilskraft, sondern vertraue voll und ganz dem Herrn!

SPRÜCHE 3,3-5 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

In der Schule gehörte ich zu den Unsportlichen. Zwar bewegte ich mich gern und war neugierig, Übungen auszuprobieren, aber der Sportunterricht löste in mir stets ambivalente Gefühle aus. Bei den anderen sah das Springen, Ballwerfen und Geräteturnen so schön aus. Ein Teil von mir wollte gerne, ein anderer Teil von mir tat es nur unter Zwang. Meine Ergebnisse wurden selten als gut bewertet. Mir war das fortgesetzt peinlich, und es deprimierte mich. Das Schlimmste war der Vergleich mit den Mitschülern. Klar, es spornte an, aber ein bitterer Nachgeschmack der Enttäuschung blieb stets zurück.

Nun liegt das alles ja schon 25 Jahre zurück. Mit solchen Lernerfahrungen bin ich nicht mehr oft konfrontiert und glaubte deshalb, inzwischen über ein gesünderes Selbstbewusstsein zu verfügen. Mein Mann David und unsere Kinder sind begeisterte Skifahrer. Ich nicht. Seit einigen Jahren fahren wir im Frühjahr in die Berge. Dort nutzen sie jede Minute, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Ich auch: Lesen, Schlafen, Schlittenfahren und Spazierengehen. Aber sie haben mir keine Ruhe gelassen: Mama, du musst das auch mal probieren. Christiane, komm doch mal mit.

Okay, irgendwann fiel mir keine Ausrede mehr ein. Mit David als meinem persönlichen und ganz geduldigen Lehrer habe ich es dann versucht. Und urplötzlich waren sie wieder da, die alten Gefühle und die alten Muster, mit solchen Dingen umzugehen. Ein Teil von mir war neugierig, ein anderer Teil von mir tat es nur aus Zwang. Selbstkritisch befand ich mich als plump, ungelenk und ungeschickt. Die aufkeimende Freude bei den ersten Abfahrten drohte schnell von meinen subversiven Gefühlen erstickt zu werden. Rigoros musste ich sie verbannen.

Das Lob Davids half mir über manche Schwierigkeiten hinweg. Ein Satz hat sich mir besonders eingeprägt: Du musst dich vom Hang weg- und ins Tal hinauslehnen, damit du keine Rückenlage bekommst. Dazu musste ich meine alles beherrschende Angst, die von meinem Sicherheitsbedürfnis diktiert war, überwinden. Es funktionierte genau andersherum, als mein Instinkt es von mir wollte.

Und je mehr ich mich Schwung um Schwung darauf konzentrierte, desto mehr erlebte ich Erfolg und Freude. Genau wie bei Jesus: Je mehr ich mich auf seine Liebe verlasse und mich auf ihn konzentriere, desto mehr Freude und Glück erlebe ich.

Christiane Ratz

8 | Yes, we can!

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

PSALM 119,105 (LUTHER 1984)

Im Jahr 2008 schlugen die Amerikaner ein neues Kapitel in ihrer Geschichte auf: Sie wählten Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika – und damit den ersten Schwarzen in dieses Amt. Mit seinem Wahlkampfslogan: »Yes, we can!« (»Wir schaffen das!«) und seiner charismatischen Persönlichkeit gelang es ihm, das US-amerikanische Volk und dessen Wähler hinter sich zu vereinen. Das ließ auch die übrige Welt nicht unberührt. Der Beginn seiner Präsidentschaft schien rund um den Globus immense Energien freizusetzen. Man konnte sie fast greifen, die ungeheuren Hoffnungen. Obamas Amtseinführung hatte fast etwas von der »Salbung« eines Halbgottes, weil die aktuellen Probleme der Welt scheinbar mit menschlicher Kraft nicht mehr zu bewältigen sind. Viele dürsten nach Helden. Deshalb erwarteten sie auch Wunder von Obama – und die möglichst sofort. Dabei weiß man doch, daß der Alltag der natürliche Feind des Helden ist. Obama ist spritzig, intelligent, energiegeladen und hat eine Vision. Aber bei allem ist er doch nur ein Mensch, ein ganz normaler Mann mit einer Frau und zwei Kindern. Und so sollte er sich auf den Weg machen, ein Mensch zu sein, für den man nur beten und hoffen kann, dass er unter der Last, die er zweifelsohne trägt, nicht zerbricht. Wichtig bei der Umsetzung seiner Vision von einer erneuerten Welt ist, dass sein »Yes, we can!« bei anderen Menschen ankommt und umgesetzt wird. In ihrem Lebensbereich.

Ein König fragte einmal einen weisen Mann, was er tun sollte, um sein Königreich auf einen neuen Weg zu bringen. Er bekam zur Antwort: Wenn du dein Königreich verändern willst, musst du erst deine Provinzen verändern. Wenn du deine Provinzen verändern willst, musst du erst deine Städte und Dörfer verändern. Wenn du deine Städte und Dörfer verändern willst, musst du erst Menschen verändern.

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. In der Bibel gibt es einen prägnanten Satz: »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.« Mir kommen Gottes Worte manchmal vor wie eine Taschenlampe, die in stockdunkler Nacht leuchtet. Vielleicht werden nur 15 Meter des vor uns liegenden Weges durch diese Taschenlampe erhellt. Aber diese 15 Meter Wegstrecke müssen gegangen werden, und erst am Ende bekommt man den Überblick über die nächsten 15 Meter.

Das weiß auch Barack Obama, der seinen Amtseid mit den Worten abschloss:

»So wahr mir Gott helfe!«, und dabei seine linke Hand auf die Bibel legte, die auch Abraham Lincoln bei seiner Vereidigung im Jahr 1861 benutzte. Barack Obama muss seine Schritte, seine 15 Meter gehen. Du und ich, wir müssen unsere Schritte, unsere 15 Meter gehen, um die nächsten überblicken zu können.

Thomas Klappstein

9 | … und ich finde den Weg nicht

Ich möchte Dir dienen und finde den Weg nicht.

Ich möchte das Gute tun und finde den Weg nicht.

Ich möchte Dich lieben und finde den Weg nicht.

Ich kenne Dich noch nicht, mein Jesus, weil ich Dich nicht suche.

Ich suche Dich, und ich finde Dich nicht.

Komm zu mir, Jesus.

Ich werde Dich niemals lieben, wenn Du mir nicht hilfst.

Zerschneide meine Fesseln, wenn Du mich haben willst.

Jesus, sei mir Jesus.

PHILIP NERI (1515-1595)

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn ich so ehrliche Gedanken in so alten Texten entdecke. Hatte der Mönch Philip Neri keine Angst, dass seine Mitbrüder beim Lesen dieses Gebetes alarmierend den Kopf schütteln und über seine Qualifikation als Geistlicher diskutieren würden? Anscheinend nicht.

Was auf den ersten Blick wie die quälenden Gedanken eines Mannes mit tiefen Glaubenszweifeln aussieht, ist auf den zweiten Blick eigentlich ein bewegendes Geständnis über die Realität der Gnade. Es ist die erschütternde Erkenntnis, dass ich alleine keinen Glauben hervorbringen kann, keine guten Taten, keine Opfer. Der Weg zu Gott scheint wie ein Irrweg, auf dem ich mich täglich verlaufe.

Und erst, wenn ich Jesus anrufe, erst, wenn ich verstehe, dass er und nicht ich den Anfang machen muss, geht es vom »ich« zum »du«. Aus der Aussage »Ich finde den Weg nicht« wird das Verlangen »Wenn Du mir nicht hilfst«.

Mich berührt vor allem der letzte Satz, der beim ersten Lesen vielleicht noch kryptisch erscheint. Dahinter versteckt sich die Bitte an Jesus, als der zu mir zu kommen, der er ist. Was immer das auch sein mag. Es wird nicht genauer definiert. Aber scheinbar ist die Nähe der geheimnisvollen, unerklärlichen Persönlichkeit Jesu wichtiger als ausformulierte Dogmen. Vielleicht ist dieser eine Satz das ehrlichste und verletzlichste Gebet, das man überhaupt sprechen kann. Jesus nicht vorzuschreiben, wer er sein soll und was er für mich tun soll, sondern ihn einfach anrufen und sich überraschen lassen. Dazu ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Freddi Gralle

Ich versteh’ nur Bahnhof …
10 | Das große Abenteuer

Man sagt, dass jede große Reise mit dem ersten Schritt beginnt. Wovon man nicht spricht, ist das große Dilemma danach – dass nämlich jede große Reise mit dem letzten Schritt endet und dazwischen viele Schritte liegen … Und nicht nur das: Die Schritte führen auch noch einen Weg entlang, auf dem Steine liegen.

Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als ich mich entschied, »alles« für Gott zu geben – in meinem jugendlichen Leichtsinn rutschte mir dieses »alles« einfach so raus. Eigentlich wollte ich Bombenentschärfer werden, aber das ging aus verschiedenen Gründen dann doch nicht. Polizist ging auch nicht. Also suchte ich mir eben das »Abenteuer Gott« aus.

Die große Frage ist doch immer gewesen: Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier, und wo gehe ich hin? Je nachdem, in welchen (frommen) Kreisen man aufgewachsen ist, bekommt man früher oder später die Antwort bei jeder Gelegenheit vorgesetzt … Jesus!

Jesus ist die Antwort auf alles im Leben, und dieses Wissen ist auch sehr hilfreich. Wenn ich aber eines gelernt habe über all die Jahre, dann das, dass meine persönliche Frage das Entscheidende ist. Es reicht nicht, einfach nur loszulaufen und sich auf das größte Abenteuer seines Lebens einzulassen – es ist wichtig zu wissen, warum denn eben gerade Jesus die Antwort ist. Und ich merke, dass der Gedanke: »Was soll ich denn sonst machen?« gar nicht mal so schlecht ist.

Du liest hier gerade in einem Andachtsbuch – warum machst du das? Hast du das Buch geschenkt bekommen, damit du das Thema »Zeit mit Gott« besser in den Griff bekommst? Hast du dir das Buch selbst gekauft? Was war deine Motivation, das Buch bis hierher zu lesen?

Was auch immer deine Gedanken dazu sind – ich wünsche dir, dass du deinen Weg weitergehst. Du hast dich auf ein großes Abenteuer eingelassen und wahrscheinlich keinen Schimmer davon, was noch alles auf dich zukommen wird. Dieses »alles« ist tatsächlich alles in deinem Leben. Aber glaube mir: Es gibt nichts Besseres, als sein Leben für eine Sache zu geben, die sich wirklich lohnt. Und nichts lohnt sich mehr, als mit demjenigen, der Himmel und Erde gemacht hat, zusammen auf das Spielfeld zu treten und das Spiel des Lebens zu meistern.

Wichtig ist nur, dass du auf dem Feld bleibst, auch wenn es mal stürmisch wird. Sobald du das Feld verlässt, bist du verloren – lass dich nicht auf den Blödsinn ein, dass du eine Pause machen kannst, indem du vom Feld gehst. Wenn du nicht mehr kannst, winke Jesus zu. Er nimmt dich auf die Schultern, und das Spiel geht weiter …

Mein Tipp an dich für heute: Sag einfach Ja!

Mirko Sander

11 | Der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel

Konfuzius sagte angeblich: »Der Weg ist das Ziel.« Das klingt sehr weise und mag heutzutage auch schlau sein. Einfach unterwegs sein und sich damit zufrieden geben. Es gibt ja auch nicht mehr vieles, was wirklich Bestand hat. Dinge kommen und gehen – ob es nun Stars und Sternchen sind, Freundschaften oder Politiker. Alles schwabbelt irgendwie durch die Zeit, und man selber ist da mittendrin. Angeblich ist das Wort »vielleicht« das Wort dieser Zeit. Ja nicht festlegen auf irgendwas – es könnte ja falsch sein, oder es könnte vielleicht noch was Besseres kommen …

Aber ganz ehrlich – mit dieser Einstellung zum Leben wirst du nicht wirklich weit kommen. Du magst wohl irgendwann alt und grau werden, aber du hast nicht wirklich gelebt. Ich habe einige Leute kennengelernt, die ihren Weg mit Jesus so »irgendwie« gelaufen sind. Kein konkretes Ziel vor Augen, einfach den Weg als Ziel genommen. Dann macht man es für sich passend, dass Jesus mal so etwas gesagt hat wie: »Ich bin der Weg ...«

Lass dich nicht auf so einen Kompromiss ein. Wenn du wirklich das Leben haben möchtest, das Gott sich für dich ausgedacht hat, dann umarme es mit all den Konsequenzen, die es mit sich bringt, eben genau dieses Leben leben zu wollen. Triff mutige Entscheidungen trotz der Gefahr, falsche zu treffen. Mir hat jemand mal gesagt, dass Glauben R.I.S.I.K.O. buchstabiert wird.

Wichtig ist zu wissen, dass es auf dem Weg zum Ziel keine Abkürzungen gibt. Es gibt nur den Weg Gottes in deinem Leben – auch wenn das schwer klingen mag. Wie soll ich denn wissen, was Gott in meinem Leben vorhat? Ich höre ja nicht mal seine Stimme … Aber lass dir sagen, dass das nicht so schwer ist. Stress dich nicht unnötig, und probier nicht krampfhaft, das Richtige zu tun. Schau einfach auf Jesus. Solange du auf Jesus schaust, gehst du in die richtige Richtung. Und wenn du herausgefunden hast, wie das geht, erzähl es mir bitte!

Ein wichtiger Gedanke noch: Es gibt zwar keine Abkürzungen, wohl aber eine Menge Umwege. Vielleicht kennst du das Gefühl, dass sich dein Leben immer wieder im Kreis dreht – das sind solche Umwege. Ziemlich sicher hat Gott dir da schon längst etwas gesagt, und du hast es noch nicht getan, und er wird dir nichts Neues sagen, bis du treu das machst, was er sagt. Solange du nichts änderst, wirst du dich weiter im Kreis drehen und dich wundern, warum es nicht weitergeht. Fang nicht an, dich ans Karussellfahren zu gewöhnen, sonst kann es gut sein, dass du so den Rest deines Lebens verbringen wirst – und zwar in den Himmel kommst, aber sonst ein eher eintöniges Leben hattest.

Mein Tipp an dich für heute: Träume nicht dein »Jesus-Leben«, sondern lebe deine »Jesus-Träume«!

Mirko Sander

12 | Gott ist gut, aber das Leben ist eine Schlampe

Da kann man sagen, was mal will, aber früher oder später findet man sich auf seinem Weg mit Jesus in Situationen wieder, die einfach nicht angenehm sind. Dieses »nicht angenehm« mag für dich etwas anderes sein als für mich, aber auf jeden Fall kennst du das Gefühl.

Vor einiger Zeit fand ich mich in einer Situation wieder, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Zwischen langjährigen Freunden und Gefährten waren plötzlich Fronten entstanden. Es ging plötzlich um alles oder nichts – richtig oder falsch. Es gab nur noch Schwarz und Weiß bei Fragen, um derentwillen sich Menschen schon seit Jahrhunderten bekämpfen. Ich hatte keine Möglichkeit, damit auch nur in einer annähernd guten Art und Weise klarzukommen. Es gab Tage, an denen mich der Stress dazu brachte, Blut zu kotzen. An manchen Abenden war ich kurz davor, die Leute einfach mit einem Baseballschläger zu besuchen und die Sache mit ein paar schlagkräftigen Argumenten zu klären.

In dieser Situation suchte ich Rat. Ich traf einen echten »Mann Gottes«, der seit 40 Jahren mit Gott klare Sache macht und Gott wirklich kennt. Ihm erzählte ich mein Dilemma und hoffte, dass er die Antwort kennen würde. Dieser Mann musste doch wissen, wie man mit einer solchen Situation umging … Ich als junger Mensch brauchte den Rat eines Älteren und Weiseren.

Nachdem dieser reife Christ sich alles angehört und verstanden hatte, beugte er sich zu mir herüber und sagte nur einen Satz: »Das ist echt ganz großer Mist!« Mehr nicht. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Biertrinken und Grillen. Wenn dieser Mann Gottes keine Antwort wusste, dann brauchte ich sie auch nicht zu suchen. Wahrscheinlich gab es gar keine Antwort außer der, dass es Mist war.

Ich garantiere dir, dass du dich in Situationen wiederfinden wirst, wo Menschen von dir eine Entscheidung über richtig und falsch haben wollen. Oder aber du selbst willst diese Entscheidung von dir. Und dabei geht es um Grundsatzentscheidungen. Auch wenn du gerade nicht verstehst, was ich meine – wichtig ist eigentlich nur das eine: dass du weißt, was du glaubst, und dass du auch weißt, dass dein Glaube eben nur Stückwerk ist. Du wirst niemals die Antworten auf alle Fragen bekommen, und deshalb kannst du dich ab und zu einfach zurücklehnen, feststellen, dass alles einfach nur »ganz großer Mist« ist, und dann zuschauen, wie Gott das regelt.

Die große Kunst besteht darin, zu erkennen, wann was das Richtige ist. Aber auch das wirst du nur durch Ausprobieren und »auf die Schnauze fallen« lernen. Just do it! Du wirst Menschen verletzen – aber bewahre dir ein weiches Herz und bleibe demütig, dann hat Jesus eine Menge Chancen, das wieder geradezurücken.

Mein Tipp an dich für heute: Wenn dir jemand Zitronen schenkt, mach Limonade draus – oder lass Jesus Limonade draus machen.

Mirko Sander

13 | Heute schon gelebt?

John Lennon sagte mal: »Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.« Jesus fordert uns auf, wie weise Baumeister zu sein und nicht einfach draufloszustürmen. Zu oft bewegen wir uns dann aber gar nicht bzw. warten erst mal ab, ob wir auch an alles gedacht haben: »Aber was ist, wenn ...« Dieses Denken lähmt so ziemlich alles und verschüttet die schönsten Ideen und Träume wieder.

Du hast dein Leben nicht in der Hand, und du kannst es weder verlängern noch verkürzen. Na gut, verkürzen kannst du es schon. Jeden Tag begehen Menschen Selbstmord. Ganz ehrlich, es ist leider normal, wenn du dich auch als Christ manchmal so fühlst, als ob du von einer Brücke springen möchtest … Das Leben ist unfair, und das Herz wird dir gebrochen. Ich habe in so einer Zeit mit dem Rauchen angefangen und bin »assig« Auto gefahren. Ich rauche immer noch, aber ich gehe nun bewusster mit meinem Leben um, da ich weiß, dass es aus meiner Sicht einfach oft unfair ist. Aber irgendwo auszusteigen ist keine Lösung – und du würdest dir viele Türen für lustige Grillabende zuschlagen, an denen du diese Geschichten deinen Freunden erzählen könntest … Also, Leben verkürzen zu wollen ist auch für Christen normal, aber KEINE Option. Melde dich bei mir, und je nachdem, wie alt du bist, gehen wir Cola trinken oder Bier saufen (ich habe viele Nächte auf der Reeperbahn mit einem guten Freund und Bier verbracht und über unseren unfairen Gott gelästert und gelacht – und Jesus war immer dabei und hat einfach gezeigt, dass er der Beste ist!).

Dein Leben verlängern kannst du aber nicht, egal, was du auch anstellst. Und Jesus hat klargestellt, dass es nicht viel bringt, sich um die Zukunft zu sorgen. Du sollst heute leben und heute das tun, was in deiner Macht liegt. Mach dir also nicht so viele Gedanken darüber, was die Zukunft bringen wird – egal ob du Gutes oder Schlechtes erwartest, und egal, was du auch planen magst, Gott geht seinen Weg mit dir, und es macht es einfacher für dich, wenn du ihn handeln lässt und ihm nicht im Wege stehst.

Sei einfach treu mit dem, was er dir anvertraut hat, und sei entspannt in deinen Ansichten und Überzeugungen. Das ist das, was Paulus auch mit »sei nüchtern« meinte. Zieh nicht für deine Meinung in den Krieg gegen Freunde und Feinde.

Mein Tipp an dich für heute: Lebe doch einfach jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre oder Jesus morgen wiederkommen würde.

Mirko Sander

14 | Was ist wichtig?

Vor 30 Jahren habe ich Gott irgendwie kennengelernt, und seit knapp 20 Jahren lebe ich bewusst mir der Entscheidung, ein Freund Gottes zu sein. Wenn ich mir selbst nun die Frage stellen würde, was wirklich wichtig ist für mich, dann komme ich eigentlich nur zu einer Antwort (abgesehen davon natürlich, dass Jesus der Beste ist): Es ist die »Gemeinschaft der Heiligen«.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einem Freund der ersten »Jesus Freaks Hamburg«-Zeiten darüber unterhalten, warum wir wohl noch mit Gott unterwegs sind und nicht wie so viele schon längst aufgegeben haben oder in irgendwelche Kompromisse abgedriftet sind. Wir sind zu der Antwort gekommen, dass es unsere Beziehungen zu Glaubensgeschwistern waren. Egal, ob das Leute waren, die auch gleichzeitig unsere »besten Freunde« waren oder eben nur »andere Christen«.

Jesus spricht oft davon, dass seine Nachfolger seine Schafe sind – wir also eine Herde sind. Er sprach auch davon, dass Mr. S. (Satan, Teufel, Schweinebacke) wie ein brüllender Löwe um diese Herde herumläuft. Was ich jahrelang nicht wusste, ist, dass ein Löwe eine Herde nicht angreift, sondern wirklich nur brüllend darum herumrennt und versucht, einzelnen Tieren Angst einzujagen, sodass diese anfangen, von der Herde wegzulaufen. Sobald das Tier dann allein ist, krallt es sich der Löwe und lässt es sich schmecken.

Für uns bedeutet dieses Gleichnis praktisch, dass wir die Herde als Schutzraum brauchen. In der Herde sind wir sicher. Du wirst dich oft in Gegebenheiten wiederfinden, wo die Herde einfach nur stinkt und alle doof sind – oder du der Meinung bist, eine Pause von Gott machen zu müssen. Aus was für Gründen auch immer. Manchmal passiert das gerade dann, wenn man große Scheiße gebaut hat und denkt, dass Gott nun erst mal Abstand von uns braucht, weil wir ihn und unsere Freunde so enttäuscht haben (oder uns selbst). Kennst du diese Gedanken und Gefühle? Bitte merke sie dir gut, schreibe sie dir tief ins Herz hinein – denn das ist das Gebrüll von Mr. S., der versucht, dich aus der Herde hinauszuscheuchen. Am besten nicht darauf reagieren und einfach in der Herde bleiben. Das ist deine einzige Chance, auch noch in 20 Jahren mit Jesus unterwegs zu sein: »die Gemeinschaft der Heiligen«.

Diese Gemeinschaft muss nicht zwangsläufig eine Gemeinde sein. Es geht mehr darum, einen Kreis von Gefährten zu haben, mit denen du dein Leben teilen kannst, Gutes wie Schlechtes. Einen Ort zu haben, wo du ehrlich zu dir selbst, zu anderen und zu Gott sein kannst.

Hast du so einen Ort? Wenn du »Nein« sagst oder zweifelst, dann sage ich dir ganz ehrlich, dass du in großer Gefahr bist. Ich garantiere dir, dass der Löwe dann schon an dir nagt – deine Gedanken verwässert und deine Taten beeinflusst. Er frisst dich nicht sofort, das macht er langsam und schleichend.

Such dir diesen Ort, kämpfe um diesen Ort. Und wenn es bei dir nur einen langweiligen Gottesdienst am Sonntag um halb zehn gibt und sonst nichts, dort ist es sicherer als alleine auf der Weide. Es spricht ja auch nichts dagegen, so einen Ort mit deinen Freunden zu schaffen. Geh in ein Café bei dir in der Stadt, und triff dich dort verbindlich einmal die Woche mit deinen Freunden. Tauscht euch über Gott und die Welt aus, und seid zusammen auf dem Weg. Und dann schaut einfach, was passiert.

Verabschiede dich von dem Gedanken, die »perfekte Gemeinde« zu finden. Die gibt es nicht, und wenn doch, dann lauf schnell weg, weil es eine Sekte sein wird! Probleme und stinkende Leute gibt es überall. Also einfach tief durchatmen und »Mäh« sagen!

Mein Tipp an dich für heute: If you want to go fast, go alone! If you want to go far, go together! (Wenn du schnell gehen willst, geh alleine! Wenn du weit gehen willst, geh zusammen!)

Mirko Sander

Liebe
15 | Das Allerwichtigste

Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen,

aus ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand.

MATTHÄUS 22,37 (SIEHE AUCH 1. JOHANNES 4,7-12)

Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Welt. Ist dir das auch aufgefallen? In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass der Statistik zufolge alle vier Minuten ein Jugendlicher in Deutschland versucht, sein Leben selbst zu beenden. Alle 45 Minuten erfolgreich. In anderen Ländern binden sich Kinder Bomben um den Bauch, weil sie glauben, damit der Familie und sich selbst einen besonderen Platz im Himmel zu verdienen.

Diese Welt ist krank. Und es wird schlimmer, nicht besser. Da sind sich Psychologen, Pädagogen und Seelsorger einig. An meiner Uni sagen sie: Wir brauchen Bildung! Dann geht es uns besser. In der Bundesregierung sagen sie: Wir brauchen Wirtschaftswachstum, dann geht es uns gut. Benny Hinn sagt, wir brauchen den Heiligen Geist. Reinhard Bonnke sagt, wir brauchen Evangelisation. John Wimber sagte, wir brauchen Lobpreis. Und irgendwie haben sie alle recht.

Trotzdem glaube ich, dass Gott über ein ganz anderes Thema reden will. Das ultimative, allumfassende Thema: Liebe. Gottes Liebe! Wir brauchen eine Offenbarung über die Liebe Gottes. Ich auch. Und ich wundere mich, dass so wenig darüber gepredigt wird. In diesem Thema steckt Erweckung.

Die Welt sehnt sich nach Liebe. Nach Anerkennung. Das zeigen Fernsehshows wie »Deutschland sucht den Superstar«, »Germany’s Next Topmodel« oder »Das Dschungelcamp«.

Der alltägliche Kampf um Anerkennung im Beruf ist immer auch ein Ausdruck von Sehnsucht nach Liebe. Diese Welt sehnt sich nach Liebe!

Jesus war hier, um den Menschen klarzumachen, wie sehr Gott sie liebt: »So sehr hat Gott die Welt geliebt, das er seinen einzigen Sohn weggegeben hat, damit jeder, der sein Vertrauen auf ihn setzt, nicht verloren geht, sondern ein Leben bekommt, das nie mehr aufhört« (Johannes 3,16). Jesus liebt die Menschen, das hat er mit seinem Leben und seinem Sterben bewiesen, wie man es nicht besser beweisen kann. Ich glaube, dass wir das alle immer wieder hören müssen, dass keiner das oft genug lesen kann: »Jesus liebt dich!« Gott liebt uns, und alles, was er von uns möchte, ist, zurückgeliebt zu werden. Einmal fragte die religiöse Führungsebene der Juden Jesus, was für ihn das wichtigste Gesetz sei. Nun muss man wissen, dass die Gesetze damals von großer Bedeutung waren. Die religiösen Gesetze regelten das ganze Leben – wann und was man essen durfte, wann und wo man beten sollte, wann und wo man sich mit einer Frau treffen durfte, einfach alles. Diese religiösen Führer wollten also von Jesus das Wichtigste vom Wichtigen wissen. Das Allerwichtigste schlechthin! Und was war seine Antwort?

»Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand.« Gott möchte auch geliebt werden! Er freut sich, wenn du zu ihm betest oder Sachen für ihn machst, aber was er eigentlich von dir will, ist, dass du ihn liebst.

Johannes schreibt in seinem ersten Brief: »Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat!« (1. Johannes 4,19). Und hier schließt sich der Kreis. Wir können nur wirklich lieben, wenn wir begriffen haben, wie Jesus uns liebt. Unsere Liebe fängt da an zu brennen, wo wir von seiner Liebe, die er für uns hat, angesteckt worden sind.

Gott liebt uns. Er sehnt sich danach, dass wir ihn lieben – und dass wir unseren Nächsten lieben.

Martin Dreyer

16 | Wer ist mein Nächster?

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.

3. MOSE 19,18 (LUTHER 1984)

Ein Mann liegt am Boden. Kümmere ich mich um ihn, oder gehe ich schnell weiter? Wahrscheinlich ist er eh betrunken, denke ich, außerdem bin ich weder Arzt noch Polizist. Zeit habe ich sowieso nicht. Am Ende muss ich noch warten, bis der Krankenwagen kommt. Und wer weiß, morgen liegt er vielleicht schon wieder da. Wenn man jedem Betrunkenen helfen würde …

Das Herz hat klar gesprochen: Hilf. Der Verstand braucht ein wenig, bis er Gründe genug hat, die plausibel machen: Hilf nicht. Die Entscheidung fällt: Nein, ich werde nicht helfen. Und das Herz sagt: Falsch entschieden. Denn es besteht ja kein Zweifel, dass Gott uns die Liebe zu unserem Nächsten geboten hat.

Gottes Liebe zu uns ist nämlich ein so großes Geschenk, dass wir Gott gern lieben, und natürlich auch alle Menschen, denen wir begegnen. In der Theorie. Und wir sind uns sicher, es wäre auch gut und sinnvoll, alle Menschen zu lieben. In der Theorie. Warum tun wir es dann nicht? Weil wir Meister darin sind, den schlichten Auftrag Gottes mit Ausreden zu vernebeln. »Wer ist denn mein Nächster?«, diese alte Frage aller Schriftgelehrten, die es bei Gott bequem haben wollen, ohne zu tun, was er will, stellen wir gern. Jesus hatte mit so einem Schriftgelehrten zu tun und erzählte ihm die Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Lassen wir es uns sagen: Niemand und nichts ist wichtiger als der Mensch, der jetzt meine Hilfe braucht. Ob es meine kleine Tochter ist, die alte Frau in der Nachbarschaft oder der Betrunkene am Bahnhof. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, sagt uns 3. Mose 19,18. Sagt uns unser Herr.

Christoph Müller

17 | Frisch verliebt

… macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.

HESEKIEL 18,31 (LUTHER 1984)

Wann waren Sie das letzte Mal frisch verliebt? So, dass Sie Schmetterlinge im Bauch hatten, die ganze Welt – und vor allem diesen einen wundervollen Menschen – umarmen wollten? Zum Glück geschieht es ja bisweilen auch in langjährigen Beziehungen, dass man sich neu ineinander verliebt. Das ist traumhaft.

Denn wenn wir verliebt sind, dann passiert etwas mit uns: Wir werden hellhörig und weitsichtig und setzen all unsere Kreativität ein, um diese Beziehung zu gestalten. Dabei sind wir unglaublich achtsam. Wir legen unser Leben, vor allem aber das Leben der angehimmelten Person auf die Goldwaage und sehen die kleinen feinen Zeichen, die der andere gibt. Neulich las ich, dass das klarste Kennzeichen für einen Frischverliebten ein wunder Ellenbogen sei: weil man nicht nebeneinanderliegen kann, ohne dass sich einer von beiden aufstützt, damit er sich am anderen sattsehen kann.

Je länger ein Paar zusammen ist, desto mehr glättet sich die wunde Haut am Arm. In den – auch sehr schönen – Ritualen des Alltags geht das Feinfühlige oft verloren. Man ist sich des anderen sicher und verlernt dabei, die kleinen Zeichen zu lesen. Das heißt nicht, dass die Liebe nachlässt, aber die schwindende Sensibilität ist fast immer der Auslöser, wenn eine Verbindung einen Knacks bekommt.

Soziologen haben festgestellt, dass Menschen auch ihre Beziehung zu Gott oft wie eine Liebesbeziehung leben. Und natürlich durchläuft diese Beziehung wie jede andere ihre Phasen. Man kann auch in Gott frisch verliebt sein – und das ist himmlisch. Es gibt viele Menschen, die in ihrer Jugend eine schwärmerische Glaubensphase hatten. Zwanzig Jahre später führen sie mit Gott eine frustrierte »Ehe«, in der man den anderen mehr erduldet als begehrt.

Die Herausforderung ist in menschlichen Beziehungen die gleiche wie im Glauben: Was investieren wir, um uns immer neu zu verlieben? Verliebtsein kann man nicht einfach machen – das weiß ich. Aber wer sich Zeit nimmt, wer seinen Ellenbogen wund werden lässt, weil er den anderen intensiv wahrnehmen will, der wird den »Zauber« wieder erleben. Verliebtsein ist herrlich. Ja, es ist auch anstrengend, aber wer eine frische Liebe erlebt, der merkt die Mühe gar nicht. Für den ist jede Investition ein Genuss. Leben Sie frisch verliebt.

Fabian Vogt

18 | Sie spielen unser Lied

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem

Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.

MATTHÄUS 22,37 (LUTHER 1984)

Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

OFFENBARUNG 5,12 (LUTHER 1984)

Die ersten Töne erklingen, sie sehen sich an, und beide wissen Bescheid. Da ist es wieder, »ihr Lied«. Manche Paare verbindet ein besonderes Lied. Vielleicht haben sie es bei ihrer ersten Begegnung gehört, der eine hat es dem anderen gewidmet, oder es erinnert sie einfach an einen traumhaften Moment. Wenn dieses Lied aus dem Lautsprecher klingt, wandern die Gedanken zum anderen, und das ist einfach ein gutes Gefühl. Es ist nicht überraschend, wenn es sich dabei um Liebeslieder handelt. Sie sollen ausdrücken: »Das fühle ich auch. Das möchte ich dir sagen. So sehe ich uns beide jetzt.«

Es war spätabends auf einer Autofahrt nach Hause. Tagsüber hatte ich mehrere Vorträge gehalten und war entsprechend erledigt. Ich hatte keine Lust, Nachrichten zu hören, eine Hörerdiskussion zu verfolgen oder eine Predigt-CD reinzuschieben. Es sollte einfach ein bisschen Musik aus den Lautsprechern rieseln, und da kam mir »Lovesongs vor 12« gerade recht. Während ich das eine oder andere Stück mitsummte, fiel mir auf, dass so manches Liebeslied das Gegenüber so idealisiert beschreibt, dass kaum jemand diesem Anspruch gerecht werden kann. Oder es werden Versprechen abgegeben, die, nüchtern betrachtet, nie eingelöst werden können.

Eine Liebe, die niemals endet …? Ich werde immer für dich da sein …? »So was gibt’s doch nur bei Jesus«, schoss es mir durch den Kopf, und ich begann, die Liebeslieder mitzusingen. Meine Gedanken drehten sich dabei nicht um meine Frau, sondern um Jesus. Das war eine interessante Erfahrung. Schon mal »You’re simply the best« für Jesus gesungen? Das ist klasse, denn er ist wirklich der Beste, der Allerbeste. Wenn heute dieses Lied aus irgendeinem Lautsprecher dröhnt, dann muss ich lächeln und denke: »Hey Jesus, sie spielen unser Lied.«

Andreas Bürgin

19 | Liebe und Hass

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und bittet für die, die euch verfolgen.

MATTHÄUS 5,44 (LUTHER 1984)

Wenn zwei sich streiten, dann freut sich keiner. So ist es doch, oder? Vor allem, weil es in der Regel nicht bei Sachfragen bleibt, sondern ganz schnell persönliche Betroffenheit und emotionale Befindlichkeit mit ins Spiel kommen. Haben Sie schon einmal einen ernsthaften Streit erlebt, bei dem die Beteiligten nicht irgendwann anstatt über das eigentliche Problem über die Rechtschaffenheit des jeweils anderen gesprochen hätten? Da, wo einem die Argumente ausgehen, fängt man an, seinen Gegner in den Schmutz zu ziehen!

Wenn man die heutige Beschimpfungskultur betrachtet, hat man das Gefühl, man wäre ins Mittelalter zurückversetzt, in dem der »Grobianismus« gepflegt wurde. Und das Allerschlimmste dabei ist: Durch persönliche Angriffe wird auch der, der recht hat, zum Rechthaber; zu einem, der andere verletzt, anstatt seine Sache zu verteidigen.

Kultiviert wird die Kunst des Niedermachens übrigens auch in christlichen Kreisen. Weil da jede Meinungsverschiedenheit überirdische Dimensionen bekommt. Da wird die Frage, ob die neuen Sitzkissen im Gemeindehaus rot oder grün sein sollen, zum theologischen Disput und das Ausprobieren neuer Gottesdienstformen zur Entscheidung über das Heil der Welt.

Auf einmal wird mir bewusst, welche Herausforderung Jesus ausgesprochen hat: »Liebet eure Feinde!« Jemanden lieben heißt doch, ihn freundlich behandeln. Wir würden in einer anderen Welt leben, wenn sich mehr Menschen dieses An-Gebot Gottes zu eigen machen würden. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Widersacher einfach lieb zu haben?

Neulich ist mir das passiert. Jemand schrieb mir einen bitterbösen Brief, weil er gehört habe, ich hätte dieses und jenes getan. Der Text war nicht nur voller Unrichtigkeiten, sondern vor allem eine große Beleidigung. Mit einem Sprung war ich am Schreibtisch und fand sofort ein halbes Dutzend passender Antworten. Ich wollte dem Schreiber auf subtile, aber deutliche Art sagen, was ich von seinen Bemerkungen hielt. Bald machte mir das Ganze richtig Spaß. Ich stellte mir vor, wie er sich ärgern würde, wie ich ihn am besten treffen könnte – und wurde dabei immer härter. Bis mir der Ausspruch Jesu einfiel: »Segnet, die euch fluchen.« Und das tat ich dann. Ich wünschte dem Mann Gottes Segen. Und spürte plötzlich, wie meine eigene Wut verschwand.

Fabian Vogt

20 | Das Schwierigste auf der Welt

Seid aber untereinander freundlich und herzlich, und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

EPHESER 4,32 (LUTHER 1984)

Es ist der Ort, wo Liebe und Gerechtigkeit sich endlich vereinen können,« so beschreibt der Autor Tony Kushner in seiner brillanten Mini-Serie »Angels in America« das Thema Vergebung. Es ist das Schwierigste, was es auf dieser Welt gibt. Und Gott scheint das ganz ähnlich zu sehen. Er hat es uns nicht umsonst ins Vaterunser geschrieben.

Ich habe im letzten Jahr auch viel über Vergebung nachgedacht, weil es mir extrem schwergefallen ist, einer bestimmten Person (nun gut, einem jungen Mann) zu vergeben. So oft hatte ich das Gefühl: Endlich hab ich’s geschafft, es tut nicht mehr weh, daran zu denken, ich habe keine Rachegefühle mehr … Aber früher oder später holten mich die alten Gedanken wieder ein. Die versöhnlichen Gefühle waren dahin, das Herz wieder hart. Es ist ohne Zweifel der schwerste Kampf gewesen, den ich bisher gekämpft habe.

Ich habe mir so gewünscht, dass ich ihm einfach vergeben könnte. Ohne seine Mithilfe. Ich habe bestimmt Hunderte von Stunden (so kommt es mir jedenfalls vor) dafür gebetet, dass mein Leben wieder leicht wird. Vielleicht kennen Sie das: Da steht etwas unüberwindlich zwischen Ihnen und jemand anderem, eine Enttäuschung, eine Respektlosigkeit, eine Lüge, vielleicht sogar Gewalt. Und der Verstand, das Herz und die Seele sind darin gefangen wie in einem Spinnennetz.

Anderthalb Jahre habe ich gewartet und immer wieder um ein Gespräch gebeten. Viele Tage des Wartens, manchmal zornig, manchmal verzweifelt, manchmal trotzig. Und Gott stand scheinbar irgendwo in der Ferne und guckte wortlos zu.

Als ich schon fast aufgeben wollte, kam das Gespräch dann doch noch zustande. Und mir waren mittlerweile einige Dinge eingefallen, für die auch ich um Vergebung bitten musste. Wer hätte das gedacht? Das Gespräch war eine Befreiung, wie ich sie selten erlebt habe. Es steckt eine Kraft dahinter, zu jemandem zu sagen: Vergibst du mir das? Und der antwortet: Ja, ich vergebe dir. Das sind nicht einfach nur Worte. Und ich bin einmal mehr ein Fan von meinem Gott geworden, der für unsere Versöhnung, Vergebung und Wiedergutmachung bis in den Tod gegangen ist. Es gibt keinen besseren Grund zu leiden.

Freddi Gralle

21 | Was mich an uns Christen nervt

Wenn aber jemand einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anlass zur Sünde gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.

MATTHÄUS 18,6 (ELBERFELDER)

Was mich an uns Christen nervt, ist unsere kolossale Unbekümmertheit im Umgang mit Menschen. Da wird mit dem kostbarsten Gut, das wir haben, nämlich unseren Herzensbeziehungen, so umgegangen, dass ich gar nicht so viel essen kann, wie ich kotzen möchte. Immer wieder höre ich die unglaublichsten Geschichten davon, wie Christen von Christen verletzt worden sind. Leider ist das schon sicherer als das Amen in der Kirche. Im Auftrag des Herrn verspricht man sich alles Mögliche und tut es dann plötzlich nicht, weil eben jener Herr schon wieder einen neuen Auftrag verteilt haben soll. Und als göttlich gilt natürlich immer nur der Auftrag desjenigen, der die größte Lobby hat und der sich am wenigsten scheut, sein ureigenes Ding mit fromm ummäntelter Machtausübung durchzudrücken.

Dem Glauben noch fernstehende Menschen werden mit dem sicherlich nonverbalen, aber nichtsdestotrotz fühlbaren Versprechen einer Beziehung zur Bekehrung gelockt und danach fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel und zur bloßen Erfolgskerbe in der Revolverheldbibel degradiert. Und dann plustern wir uns heroisch in Gottes Gegenwart auf und deklarieren mediengerecht verpackt, dass wir unseren Dienst aufgeben, wenn dieser oder jener Mensch nicht durchbricht, geheilt wird oder sonst etwas. Sieben Leichen später stehen dieselben Leute immer noch vor irgendwelchen Altären und verbreiten dieselbe heiße Luft. Ich weiß gar nicht, wie man mit so vielen Beziehungsleichen im Keller noch ruhig schlafen kann. Und die Unverfrorenheit, mit der dann darauf verwiesen wird, dass der Herr einem das schon vergeben werde, lässt mich immer wieder frösteln.

Haben wir eigentlich all die Mühlstein-Stellen aus der Bibel vergessen? Jesus zeigt geradezu unbarmherzigen Zorn, wenn es um unseren unbekümmerten Umgang mit Beziehungen geht. Sei es die Beziehung zu unserem Vater im Himmel, dessen Haus ein Gebetshaus sein soll, oder sei es der Umgang mit den »mikroi«, den Kleinen, die sowieso niemand aus unserer geistlichen Glitzerlandschaft der »ersten Reihen« ernst nimmt oder gar irgendeinen publikumswirksamen Dienst verrichten lassen würde. Am meisten Angst macht mir aber, dass ich ähnliche Tendenzen an mir selber feststelle. So vertraue ich mich mit Furcht und Zittern der Gnade Gottes an und hoffe, seine leisen Matthäusfünfversdreiundzwanzig-Alarmmeldungen nicht zu überhören.

Mickey Wiese

22 | Sonntagsreden und Alltagshandeln

Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

MARKUS 13,31 (LUTHER 1984)

Vergänglichkeit – das verbinden wir normalerweise mit anderen Dingen als mit Himmel und Erde, zum Beispiel mit unserem menschlichen Leben. Wir verbringen allenfalls ein paar Jahrzehnte auf diesem Globus, und dann heißt es: »Asche zu Asche …«.

Vergänglich sind auch manche Errungenschaften von gestern angesichts rasanter Entwicklungen von heute. Die gute alte Triumph-Schreibmaschine der 60er-Jahre hat ausgedient; der PC hat sie komplett verdrängt. Früher schrieb man Telegramme; das E-Mail- und Handyzeitalter hat diese Kommunikationsweise längst abgelöst. In früheren Jahrhunderten kaum zu überbrückende riesige Entfernungen schrumpfen im Jet-Zeitalter zu Halbtagesreisen. Wie wäre es mit einem Shopping-Wochenende in New York?

Unsere Zeit ist superschnelllebig – und Worte, das lehren uns zum Beispiel nicht eingehaltene Politikerversprechen, haben längst keinen Bestand mehr. Worte sind »Schall und Rauch«, und selbst verschriftet kann man »lügen wie gedruckt«. Was hat schon felsenfeste Gültigkeit? Da erscheinen uns das Universum und der über Jahrhunderte berechenbare Lauf der Gestirne doch weitaus verlässlicher. So wissen wir, dass die nächste totale Sonnenfinsternis in Deutschland am 3.September 2081 zu sehen sein wird. Berechenbare Zustände.

Jesus dreht nun die Verhältnisse genau andersherum. Das, was uns verlässlich, im wahrsten Sinne des Wortes felsenfest und unumstößlich erscheint, nämlich Himmel und Erde, das Universum in seinem so berechenbaren Verlauf, erklärt er als vergänglich; seine Worte aber als ewig gültig, unvergänglich und unwandelbar. Darauf ist Verlass: »Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.«

Als Christ kann man ja zu solch einem Satz Jesu schnell zustimmend nicken. Aber machen wir uns bitte klar, dass er auch bedeutet, dass zum Beispiel die Bergpredigt Jesu keine Sonntagsrede ist, die man im Alltagsgeschäft nicht ganz so ernst nehmen muss, so nach dem Motto: Ganz so radikal, wie Jesus das sagt, funktioniert es doch nicht, oder?

Also, Hand aufs Herz, wie steht es damit, selbst die Feinde zu lieben; nicht Böses mit Bösem zu vergelten; nicht die eigene Ehe durch begehrliche Blicke zu brechen; so bedingungslos denen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind, wie Gott uns vergibt; nicht Schätze auf Erden zu sammeln, sondern stattdessen großzügig das Reich Gottes zu unterstützen; dem Reich Gottes absolute Priorität über allem anderen einzuräumen, um nur einiges zu nennen?

Wir brauchen eine wachsende Übereinstimmung von Bekenntnis und Leben, von Sonntag und Alltag, von Dogmatik und Ethik. Dafür ist es unverzichtbar, dass wir die Gültigkeit der Worte Jesu in unseren Lebensalltag integrieren.

Ekkehart Vetter

Ganz oder gar nicht
23 | Auserwählt

Und es geschah in diesen Tagen, dass er auf den Berg hinausging, um zu beten; und er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger herbei und erwählte aus ihnen zwölf, die er auch Apostel nannte: Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, und Jakobus und Johannes und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, des Alphäus Sohn, und Simon, genannt Eiferer, und Judas, des Jakobus’ Sohn, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

LUKAS 6,12-16 (ELBERFELDER)

Jesus hatte die ganze Nacht im Gebet verbracht, um die zwölf Jünger auszuwählen. Ich habe mir erlaubt, aufzuschreiben, wie ich mir dieses Gebet vorstelle:

»Vater, morgen ist der große Tag. Morgen ist der Tag, an dem ich die Zwölf auswähle, die deine Botschaft in der ganzen Welt verkündigen werden. Schenke mir Weisheit! Ich habe meine Probleme mit einem von den Zwölfen. Bist du sicher, dass es eine gute Idee ist, Judas Iskariot auch mitzunehmen? Du weißt, dass er mich verraten wird. Ich werde wegen ihm furchtbar leiden müssen. Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, die Menschen zu retten? Wenn wir doch genau wissen, dass er mich verraten wird, können wir dann nicht jemand anderen mitnehmen, der mir treu sein wird? Verstehst du, Vater?«

»Ja, ich verstehe dich, mein Sohn! Ja, du hast recht. Judas Iskariot wird dich verraten. Du wirst leiden müssen. Du wirst sterben. Aber du wirst auch auferstehen. Du wirst den Tod besiegen. Du wirst in großer Herrlichkeit wieder zu mir kommen. Du weißt auch, dass es keinen anderen Weg gibt. Du bist der Weg! Du bist die einzige Lösung, damit die Menschen gerettet werden. Mein Sohn, du bist mir alles. Du bist mein einziger Sohn! Ich liebe dich! Aber du weißt auch, wie sehr ich die Menschen liebe, so sehr, dass ich zu allem bereit bin, um wieder eine Beziehung zu ihnen zu haben. Denk daran, wie schön und vollkommen alles sein wird, wenn das alles vorbei ist. Dafür müssen wir Judas Iskariot mitnehmen! Dafür musst du leiden und sterben. Dafür müssen wir drei Stunden getrennt sein. Aber danach werden wir den Sieg ein für alle Mal haben. Vertrau mir, mein Sohn!«

»O.k., ich vertraue dir, Vater! Ich werde die Zwölf so auswählen, wie du es mir gesagt hast. Du weißt genau, was du tust! Ich freue mich, wenn wir wieder zusammen sind!«

Vielleicht ist dieses Gespräch viel zu menschlich. Aber zwei Dinge sind ganz sicher: Erstens, Jesus betete die ganze Nacht, bevor er die Zwölf auswählte. Seine Wahl war also kein Zufall. Und zweitens, Jesus wusste genau Bescheid über Judas Iskariot und wählte ihn trotzdem. Er war bereit, alles zu tun, um uns zu retten.

Danke Herr, dass du es dir genau überlegt hast, als du mich auserwählt hast. Hilf mir, dir treu zu sein!

Julien Renard

24 | Allesbesserwisser

Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten.

LUKAS 2,47 (ELBERFELDER)

Wenn ich dabei gewesen wäre, als Jesus 12 Jahre alt war und sich im Tempel mit den Schriftgelehrten unterhielt, wäre ich bestimmt ausgerastet. Denn es gibt eines, was ich gar nicht leiden kann: die Allesbesserwisser! Ich stelle mir vor, wie Jesus, ein kleiner, 12-jähriger Bursche, bei allem nachfragt, alles anders versteht und auslegt als die Schriftgelehrten, die jahrelange Erfahrung und Studium hinter sich haben. Für wen hält er sich? Und als Maria Jesus mitteilt, dass sie sich Sorgen gemacht haben, weil sie nicht wussten, wo er war, was antwortet Jesus da? »Was ist der Grund dafür, dass ihr mich gesucht habt? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?« Ich weiß nicht, was Josef gedacht hat, aber ich hätte bestimmt so reagiert: »Sag mal, Junge, was fällt dir ein? Wir sind deine Eltern, und wir haben uns Sorgen gemacht, also wirst du uns gefälligst Respekt erweisen! Und jetzt ab nach Hause mit dir!« Warum verhält sich Jesus so? Warum verhält er sich wie ein Allesbesserwisser? Die Antwort ist ganz einfach: Weil er alles weiß! Schwer zu schlucken, nicht wahr? Aber es ist so: Jesus kann sich wie ein Allesbesserwisser verhalten, weil er alles besser weiß als ich, als du, als irgendein Mensch. Es fällt uns manchmal schwer, das zu akzeptieren. Aber es ist so.

Jesus war ganz Mensch, aber er war auch ganz Gott. Während der ganzen Zeit seines Dienstes merkten die Leute immer wieder, dass niemand mit solcher Autorität lehren konnte und niemand ein solches Verständnis hatte wie er. Ja, Jesus ist der Sohn Gottes. Jesus ist Liebe. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Jesus ist das Brot des Lebens. Jesus ist die Auferstehung. Jesus ist das Licht der Welt. Jesus ist die Tür. Jesus ist alles – Jesus ist der Allesbesserwisser! Und außer Jesus darf niemand sich so verhalten.

Ich finde es gut, diesen Vers zu lesen, denn er erinnert mich daran, dass ich nicht alles weiß und nicht alles verstehe. Ja, ich ärgere mich manchmal, dass Gott immer eine Antwort auf alle meine Fragen hat. Ja, ich ärgere mich manchmal, dass Gott immer recht hat! Ja, ich hätte mich wahrscheinlich auch sehr geärgert, wenn ich Jesus im Tempel begegnet wäre. Warum? Weil er mich vor die Tatsache gestellt hätte, dass ich nur ein Mensch und ein Sünder bin. Wie du! Das tut weh, aber es ist auch nötig. So weiß ich wenigstens eines: Dass ich Jesus brauche! Das ist das Einzige, was zählt. Mehr brauche ich nicht zu wissen.

Julien Renard

25 | Alles?

Und danach ging er hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi am Zollhaus sitzen und sprach zu ihm:

Folge mir nach! Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.

LUKAS 5,27-28 (ELBERFELDER)

Frage an Levi:

»Sag mal, Levi, hast du wirklich alles verlassen, als Jesus zu dir gesagt hat: ›Folge mir nach!‹? Du bist zwar aufgestanden und mitgegangen, aber was ist mit deiner Bequemlichkeit? Hast du die auch verlassen? Hast du auch deine Gier nach Geld und Reichtum wirklich verlassen? Das kann ich kaum glauben! Wie ich dich kenne, warst du nur neugierig und bist deshalb mit Jesus mitgegangen. Aber ehrlich gesagt, du hattest schon vor, abends wieder nach Hause zu kommen, oder? Du willst doch nicht, dass ich glaube, dass der alte Levi, der immer so viel Geld eingesteckt hat, der ohne Hemmungen selbstsüchtig war, interessiert an nichts anderem als an sich selbst, herzlos, wirklich alles aufgegeben hat, weil da ein Typ zu ihm gesagt hat: ›Folge mir nach!‹? Komm, Levi, sag mir, was wirklich passiert ist!«

Mögliche Antwort von Levi:

»Weißt du, es kann sein, dass du teilweise recht hast! Vielleicht war ich so neugierig, dass ich einfach sehen wollte, was an diesem Jesus so Besonderes ist. Und es stimmt, dass ich geldgierig war, selbstsüchtig und interessiert an nichts anderem als an mir selbst. Da hast du recht! Du kannst mich dafür verurteilen und überall herumerzählen, dass du Zweifel daran hast, dass ich an diesem Tag wirklich alles verlassen habe. Aber weißt du was? Das ist mir eigentlich egal, weil Jesus mir nur eines gesagt hat: ›Folge mir nach!‹ Und das habe ich getan. Es stimmt, ich habe nicht sofort alles aufgegeben, aber mit der Zeit hat er mir geholfen, alles, eines nach dem anderen, zu verlassen, was zwischen mir und ihm stand. Und das ist, was wirklich zählt. Das war nicht einfach, aber es ist so passiert. Und weißt du was? Das gilt auch für dich! Jesus hat nicht gesagt: Werde perfekt, und dann folge mir nach! Nein, er hat gesagt: ›Folge mir nach!‹ Das habe ich getan, und das kannst auch du tun! Steh einfach auf und sag »Ja« zu ihm! Alles zu verlassen bedeutet nicht, perfekt zu werden. Es bedeutet, »Ja« zu ihm zu sagen. Es bedeutet, ihn in dein Leben hineinzulassen und ihm zu ermöglichen, alles wegzunehmen, was zwischen dir und ihm steht. Doch das passiert fast nie an einem einzigen Tag, sondern es braucht ein ganzes Leben dazu!«

Ach, übrigens, noch etwas … Ich bin froh, dass ich an diesem Tag aufgestanden und nicht wieder auf dem Stuhl sitzen geblieben bin!

Stehst du schon, oder sitzt du noch?

Julien Renard

26 | Geh mit Gott, aber geh!

Und die ganze Menge aus der Umgegend der Gerasener bat ihn, von ihnen wegzugehen, denn sie waren von großer Furcht ergriffen. Er aber stieg in das Boot und kehrte wieder zurück.

LUKAS 8,37 (ELBERFELDER)

Hast du das schon mal gehört? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Leute, um die es in unserem Vers geht, etwas Ähnliches zu Jesus sagten: »Es ist uns egal, wo du herkommst und was du willst, aber geh! Geh mit Gott, aber geh!« Sie hatten so große Angst vor Jesus, dass sie ihn so fern wie nur möglich haben wollten. Aber was hatte Jesus getan, um eine solche Furcht in ihnen zu wecken?

In den Versen 32 und 33 heißt es: »Es war aber dort eine Herde von vielen Schweinen, die an dem Berg weideten. Und die Dämonen baten Jesus, dass er ihnen erlauben möchte, in diese zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Die Dämonen aber fuhren von dem Menschen aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See und ertrank.« Jesus hatte einen Menschen von Dämonen befreit. Genau das hatte er getan! Aber er hatte noch etwas anderes getan: Er hatte eine Herde von Schweinen geopfert, um diesen Mann zu retten. Aus der Sicht der Leute hieß das wahrscheinlich: »Innerhalb kürzester Zeit sind unsere Schweine, unsere Arbeit und damit unser Geld weg! Die ganze Herde ist in den See gestürzt, und das nur, damit dieser Typ, der uns eigentlich ziemlich egal ist, wieder gesund werden konnte. Und wer ist schuld? Jesus!« So hätten sie denken können. Vielleicht haben sie auch so gedacht.

Tatsache ist, dass sie von großer Furcht ergriffen waren. Deshalb wollten sie, dass Jesus schnell weggeht. Jesus hatte etwas getan, das ihnen nicht gefiel; er hatte ihre Pläne und ihren Alltag auf den Kopf gestellt. Er hatte etwas getan, das sie nicht verstanden, etwas, das ihr Leben hätte verändern können. Deshalb wollten sie nichts mit ihm zu tun haben.

Kannst du dich mit diesen Leuten identifizieren? Ich schon! Es gibt Zeiten, in denen Gott etwas Gutes in unser Leben hineinschickt, vielleicht durch einen Freund, Verwandten, Frau, Mann oder Kinder. Doch es passt nicht zu meinen oder deinen Plänen. Es könnte unseren Alltag auf den Kopf stellen. Es könnte unser Leben verändern. Es fühlt sich an, als würden wir dabei etwas verlieren.

Wenn Jesus so etwas anstellt, bin ich schon versucht, zu ihm zu sagen: »Geh mit Gott, aber geh, und lass mich bitte in Ruhe! Ich weiß schon, was ich zu tun habe!« Aber ich bin sehr dankbar, dass er genau das nicht tut, dass er nicht weggeht und mich die Dinge nicht machen lässt, wie ich will.

Ich bete, dass Gott mir und dir hilft, zu ihm nicht »Geh weg« zu sagen, wenn er anders handelt, als es uns passt, auch wenn es uns Angst macht. Denn eines weiß ich: Wenn Gott die Dinge in die Hand nimmt, dann ist das das Beste, was uns passieren kann.

Julien Renard

27 | Na siehst du! Ich hatte doch recht!

Und das ganze Volk, das zuhörte, und die Zöllner haben Gott recht gegeben, indem sie sich mit der Taufe des Johannes taufen ließen; die Pharisäer aber und die Gesetzesgelehrten haben den Ratschluss Gottes für sich selbst wirkungslos gemacht, indem sie sich nicht von ihm taufen ließen.

LUKAS 7, 29-30 (ELBERFELDER)

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie es beim Endgericht sein wird. Aber es fällt mir gar nicht so leicht! Es tröstet mich, dass ich weiß, egal, wie viele verschiedene Versionen dieses Geschehens ich mir ausmale, es wird sowieso ganz anders ablaufen, als ich je gedacht habe. Hier kommt eine meiner Versionen:

Ein Schriftgelehrter kommt in den Himmel und trifft Gott. Schriftgelehrter: (Als er Jesus neben Gott sitzen sieht.) Was? Du hier? Das hätte ich nie gedacht!

Gott: Na siehst du! Ich hatte doch recht!

Schriftgelehrter: Ja, aber … Das verstehe ich nicht. Laut der Schriften hätte alles anders laufen sollen!

Gott: Wie hätte es denn laufen sollen?

Schriftgelehrter: (Schweigen.) Anders! Keine Ahnung, wie, eben anders! Ich weiß es nicht. Aber guck mal die Leute, die da anstehen. (Er geht in die Richtung, wo eine lange Schlange von Leuten auf das Endgericht wartet.) Guck mal den an, ein Bettler! Willst du wirklich die Ewigkeit mit dem verbringen?

Gott: Warum denn nicht?

Schriftgelehrter: Aber Herr, riech doch mal. Er stinkt wie ein Schwein. (Er schnuppert an dem Bettler und ist überrascht.) Aber als ich ihn das letzte Mal auf der Erde gesehen habe, da stank er wie verrückt! (Zum Bettler.) Hast du dich etwa geduscht?

Bettler: Nein … Oder doch, ein paar Tage bevor ich gestorben bin, habe ich Johannes den Täufer kennengelernt, und ich habe mich im Namen Jesu Christi taufen lassen. Und plötzlich war mein Leben ganz anders.

Gott: Na siehst du! Ich hatte doch recht!

Schriftgelehrter: Ja, aber … Jetzt guck mal den an. (Er wendet sich zu jemand anderem.) Ein Rechtsanwalt. Er hat Ahnung! Er hat Geld! Er weiß viel! Er wird respektiert! Willst du nicht eher die Ewigkeit mit ihm verbringen?

Gott: Wovon hat er Ahnung? Vom Geldbetrug! Wofür hat er Geld? Um es in Spielcasinos zu verspielen! Was weiß er? Dass er heute tot ist! Warum wird er respektiert? Weil die Leute Angst vor ihm haben! Nein, mit ihm möchte ich nicht die Ewigkeit verbringen.

Schriftgelehrter: (Zu dem Rechtsanwalt.) Aber ich dachte, du wärst fromm. Ich habe dich doch immer im Tempel gesehen!

Rechtsanwalt: Ja, das gehörte zu meinem Image. Schriftgelehrter: Gott, sag mal, zählt das nicht?

Gott: Was soll ich mit deinem Image? Was mich interessiert, ist, wie du zu mir stehst und wie dein Herz aussieht. Alles andere, wie du schon bemerkt hast, bringt dir gar nichts!

Schriftgelehrter: Ich verstehe nichts mehr! Und wie steht’s mit mir?

Gott: Ja, wie steht’s mit dir? Du hast dir doch am Anfang selbst die Antwort gegeben.

Schriftgelehrter: Wie? Was habe ich gesagt?

Gott: Als du im Himmel ankamst, hast du zu meinem Sohn gesagt: »Was? Du hier? Das hätte ich nie gedacht!« Das klingt nicht so, als hättest du meinen Sohn angenommen, geschweige denn mit ihm eine Beziehung, oder?

Schriftgelehrter: Ich war nur überrascht! Wie hätte ich denn wissen können, dass das, was Johannes in der Wüste erzählt hat, wirklich wahr war?

Gott: Wenn du mein Wort richtig gelesen und verstanden hättest! Wenn du Johannes richtig zugehört hättest! Wenn du Jesus aufmerksam zugehört hättest!

Schriftgelehrter: Aber Herr, ich meine … Kann ich das wiedergutmachen? Was ist jetzt?

Gott: Tja … was ist jetzt? Wie willst du das wiedergutmachen, jetzt, wo du tot bist?

Schriftgelehrter: Das ist aber unfair! Kriege ich denn keine zweite Chance?

Gott: Du hast mehr als zwei Chancen gehabt, als du auf der Erde warst, fast jeden Tag, drei Jahre lang, hast du Jesus sprechen hören oder von ihm gehört.

Schriftgelehrter: Was hätte ich tun sollen?

Gott: Dich von Johannes taufen lassen und Jesus annehmen! Schriftgelehrter: Ja, du hast recht! Das hätte ich tun sollen! Gott: Na siehst du! Ich hatte doch recht!

Ich weiß, der Schluss ist hart … aber es ist doch so, oder? Es geht darum, Jesus Christus anzunehmen, bevor es zu spät ist. Denk daran, Gott hat immer recht! Deshalb hör auf, nur drum herumzureden oder über ihn zu diskutieren.

Julien Renard

Dinge
28 | Kopfkino und Realität

Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren.

Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.

JOHANNES 12,25 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Kopfkino und Realität sind meistens sehr weit auseinander. Welche Frau hat sich nicht schon einmal in einer romantischen Komödie verloren? In diesen Filmen gibt es normalerweise einen starken Helden, der immer total männlich ist und gleichzeitig verletzlich und weich. Er hat ein Gespür für ihre Gefühlslage und sehnt sich förmlich danach, über diese Gefühle auch noch mit ihr zu reden. Und dann findet sie sich in der Realität wieder – und da sitzt er, ihr Mann, mit einem Bier in der Hand, und guckt Sportschau. Man kann das Enttäuschungspotenzial erahnen! Über die Bilder, die Männer sich häufig antun und die mit der Realität noch weniger zu tun haben, möchte ich hier lieber gar nicht erst schreiben.

Als ich Christ wurde, hat man mir erzählt, dass Jesus mein Leben besser machen würde. In meinem Herzen wäre ein Loch, das ich bisher versucht hätte, mit Beziehungen, Unterhaltung oder Alkohol zu füllen. Aber nun würde Jesu Liebe mein Herz ganz ausfüllen. Ich sage nicht, dass das komplett falsch ist, aber ich bin jetzt locker 25 Jahre Christ, und das Loch in meinem Herzen ist geblieben. Vielleicht war dieses »Werbeversprechen« ja unrealistisch? Bin ich deshalb so oft enttäuscht?

Meine Familie wohnt zurzeit in der Nähe der dänischen Grenze, und es hat vor Kurzem eine Studie gegeben, die besagt, dass meine Nachbarn von allen Nationen die fröhlichsten Menschen sind. Warum? Es geht den Dänen weder gesundheitlich noch finanziell am besten. Morley Safer, der Mann, der die Studie durchgeführt hat, sagt: »Die Dänen sind am fröhlichsten, weil sie geringe Erwartungen haben!« Aus irgendeinem Grund haben sie einen Hang zum Realismus, und deswegen sind sie so gut drauf.

Mir scheint, als hätten die meisten Christen im Kopf diese unrealistische Vorstellung, die besagt, dass wir aus irgendeinem Grund ein Recht auf ein einfacheres, schöneres Leben haben. Realität ist: Weder Jesus noch seine Apostel haben so ein Leben versprochen. Es gibt wenige Glaubenshelden, deren Lebensgeschichte einen guten Werbefilm für ein schönes, einfaches Leben hergeben würde. Außer natürlich du stehst auf Schiffbruch und Gefängnis (Paulus), badest gerne in siedendem Öl (Johannes) oder lässt dich mit Steinen bewerfen (Stephanus).

Das Leben mit Jesus wird nicht schöner, nur besser! Falsche, unrealistische Erwartungen können zu ganz viel Enttäuschung führen. Erwarte nicht mehr von dir, als Gott von dir erwartet! Erwarte auch nicht mehr von anderen, als sie geben können! Das Leben ist manchmal so richtig hart. Aber wenn du dich darauf einlässt, dann baut Gott seine neue Welt – mit kaputten Typen wie dir. Und wenn du lernst, ein bisschen mehr wie ein Däne zu denken, dann wirst du sehen, das ist o.k. so!

Frank Bonkowski

29 | Die trügerische Sicherheit des Augenblicks

Auch Noah glaubte Gott und befolgte gehorsam seine Anweisungen. Er baute ein großes Schiff, obwohl weit und breit keine Gefahr zu sehen war. Deshalb wurde er mit seiner ganzen Familie gerettet. Durch seinen Glauben wurde der Unglaube der anderen Menschen erst richtig deutlich. Und durch diesen Glauben fand Noah auch Gottes Anerkennung.

HEBR ÄER 11,7 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Noah gehörte zum sogenannten »Geschlecht der Flut«, das aus berühmten Leuten mit einer hohen Lebenserwartung bestand. Sein Name bedeutet »Trost«, und wäre es nach seinem Vater gegangen, hätte er die Menschen getröstet in ihrer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der Herr verflucht hatte. Die Menschen um ihn herum waren aber stolz auf das, was sie aus eigenen Kräften erreichen konnten, und empfanden ihre Lebenssituation mitnichten als Folge eines Fluchs. Noah lebte wahrscheinlich in einer Zeit kultureller Blüte und Sicherheit. Das Empfinden von Frieden hängt in solchen Zeiten daran, dass sich alle der normativen Kraft des Faktischen unterwerfen und nicht an der trügerischen Sicherheit des Augenblicks rütteln.

Noah bevorzugte aber das Vertrauen auf seinen Gott. Dann wurde ihm eines Tages von Gott eingegeben, dass die Welt, in der er lebte, auf eine Katastrophe zusteuerte. Aber nicht ein einziger realer Umstand ließ darauf schließen, dass er recht haben könnte. Der Gedanke, dass er sich auf ein Ende der guten Zeiten konkret vorbereiten solle, ließ Noah trotzdem nicht los. Dass er auf die Eingabe hörte und sich inmitten einer friedlichen Zeit auf eine Katastrophe vorbereitete, wird den sozialen Frieden erheblich gestört haben. Noahs Diagnose wird wahrscheinlich als provozierend und verletzend empfunden worden sein. Trotzdem begann er auf das Wort Gottes hin damit, die Arche zu zimmern.

Die Leute müssen ihn für verrückt erklärt haben. Aber Noah diskutierte nicht mit ihnen, und er versuchte auch nicht, sie zu überzeugen. Er hörte lieber auf sein Herz und tat, was zu tun war. Noah »kriegte« sein Leben im wahrsten Sinn des Wortes auf die Reihe, weil er sich der Macht des sozialen Friedens widersetzte und einen dem allgemeinen Zeitgeist entgegengesetzten, provozierenden alternativen Lebensentwurf auslebte. Er war bereit, in den Augen seiner Mitmenschen als erfolglos zu gelten.

Aber seine Beharrlichkeit und Geduld zahlten sich am Ende doch noch aus. Inmitten der Flut, in der der allmächtige Herr der Schöpfung die Welt zerstörte, segelte Noah, als einer, der auf Gottes Analyse der Lage vertraut hatte, als einer, der gegen allen Augenschein Gott gedient hatte, sicher der Zukunft entgegen. Und auf dem Weg zu einer neuen Schöpfung betete Noah seinen Gott an, dessen Friede höher ist als alle Vernunft und zutiefst sozial.

Mickey Wiese

30 | Die Sache mit den Schildbürgern

Bei uns zu Hause funktionierte einmal die Türklingel nicht. So beauftragten wir einen Fachmann, sie zu reparieren. Aber nichts tat sich. Tag um Tag verging, bis wir wieder anfragten: »Was ist denn los?«

»Nun«, sagte er uns, »ich habe einen Mann geschickt, der hat geklingelt und geklingelt, und keiner hat aufgemacht.« Na, wenn das kein richtiger Schildbürgerstreich war.

Die Bürger der Stadt Schilda leisteten sich im Mittelalter ähnliche Fauxpas. Deshalb der Name: Schildbürgersteiche. Einmal, als sie ein Haus gebaut hatten, vergaßen sie, Fenster einzubauen. So war es drinnen stockdunkel. Also füllten sie Säcke, Kisten und Kästen mit Tageslicht und brachten so Licht ins Haus. Es gab nur ein Problem: Es blieb nach wie vor stockdunkel.

Leider ist das nicht nur ein Schildbürgerstreich. Man sollte es kaum glauben, aber das Gleiche passiert heute noch. Millionenfach. Viele Leute, die ihr Lebenshaus gebaut haben – wenn ich das einmal so ausdrücken darf –, vergessen die Fenster, sodass das helle Licht des Evangeliums nicht hineinscheinen kann. Sie merken natürlich, dass etwas nicht stimmt, und versuchen auf alle erdenkliche Weise, Licht ins Haus zu schaufeln. Etwas längere und weitere Ferien, das größere Auto, die neue Couch (»Wohnst du noch, oder lebst du schon?«), endlose Stunden vor dem Fernseher (schnell noch den Flachbildschirm vor der Fußballweltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen gekauft) und wenn’s ganz übel wird, auch Alkohol und Drogen (»Man gönnt sich ja sonst nichts«). Alles Versuche, das Leben ein wenig heller und freundlicher zu machen.

Aber es bleibt dunkel, allen Anstrengungen zum Trotz. »Ich bin verloren und vereinsamt in dieser absurden Welt und versuche, wie die meisten anderen auch, das Beste daraus zu machen«, klagt der Schauspieler Ulrich Tukur. Der Comedian Florian Schroeder meint: »Ich gehöre zur ›Irgendwas-mit-Medien-Generation‹. Wir haben hammerwichtige Projekte, aber im Grunde schieben wir nur das Leben auf.« Und der US-Schauspieler Dustin Hoffmann sagt: »Alle meine Filme haben mir Spaß gemacht, aber im Grunde sind sie unwichtig.« Es bleibt dunkel ...

Petrus klagt die religiösen Führer seiner Zeit an: »Den Mann, der den Weg zum Leben freigesprengt hat (mit anderen Worten, der Fenster in euer Haus gesprengt hat), den habt ihr getötet. Aber Gott hat ihn wieder zum Leben erweckt, eine Tatsache, für die wir uns persönlich verbürgen können!« Wann wird uns endlich ein Licht aufgehen?

Mike Depuhl

31 | Noch eine Schildbürgergeschichte

Neulich habe ich mir mal wieder den Luxus gegönnt, im Liegestuhl in unserem Garten zu »relaxen«. Die Sonne schien warm, das Buch war gut. Da fiel mein Blick auf eine Pflanze, die ich mit meinen beschränkten botanischen Kenntnissen noch nicht einmal bestimmen konnte. Aber was dann doch offensichtlich war: Sie ließ den Kopf hängen.

Da dachte ich, wenn ich nun die Schildbürger fragen würde, was zu tun wäre, würden die sicher sagen: Du musst sie abstützen. Nimm ein paar Stäbe und Fäden und konstruier eine Hilfskonstruktion, um die Pflanze wieder aufzurichten. Das klappte ganz gut für einen Moment (auch wenn es komisch aussah), aber half nicht wirklich.

Nach längerem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass man die ganze Sache anders anfangen musste. Durch diese Hilfskonstruktion war das Übel, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht an der Wurzel erfasst worden. Ich nahm einen Eimer voll Wasser und begoss die ganze Pflanze damit. Und siehe da, nach nur wenigen Stunden richtete sie ihren Kopf wieder auf und war wie neu! Diesmal hatte ich nicht die Symptome, sondern die Ursache des Problems »bekämpft«. Die Pflanze konnte sich durch das Wasser selber helfen und leben.

So wie im richtigen Leben: Da lässt man den Kopf hängen, ist dem Untergang geweiht und bekämpft die Symptome. Man baut sich Hilfskonstruktionen, indem man die Lösung in Dingen sucht: dem neuen Teppich, der ausgedehnten Ferienreise, noch einer Party, noch mehr Spaß, noch ein wenig mehr Luxus, noch mehr Dinge.

Das scheint auch eine Weile gutzugehen, bis ich einsehen muss, dass die Ursache nicht behoben ist: Im Grunde lasse ich den Kopf immer noch hängen. Und dann steht Jesus da. Im Hintergrund. Einfach so. Und in seinem Wort sagt er: »Ich bin die lebendige Quelle. Ich rate dir, nimm das Wasser des Lebens umsonst.« Er wird mir so viel Kraft geben, wie ich benötige. Ich werde leben. In Zeit und Ewigkeit.

Mike Depuhl

32 | Werbung

Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.

MATTHÄUS 6,34 (LUTHER 1984)

Jemand hat sich meine Faxnummer aus dem Telefonbuch gesucht, und jetzt quillt mein Faxgerät jeden Morgen über, weil mir irgendwelche Menschen Tretroller, Lederjacken und CD-ROMs anbieten oder mir beibringen wollen, erfolgreich zu telefonieren. Ich brauche weder einen FunScooter noch das Gesamtverzeichnis aller europäischen Hundezüchterverbände – und mit dem Telefonieren hatte ich eigentlich auch noch nie ein Problem.

Soziologen haben nachgezählt und festgestellt, dass jeden Tag etwa 1800 Werbeimpulse auf uns einströmen. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft gerade eine interessante, fast unbemerkte Wende vollzieht. Während man in den letzten 20 Jahren die Vielfalt der Möglichkeiten in allen Bereichen gepriesen hat, sehnen sich viele Leute heute danach, in der Flut von Informationen überhaupt den Überblick zu behalten. Sie möchten lernen, wie man unter all den Eindrücken wählen kann. Woran erkennt man, was gut und was schlecht ist? Die schönen Worte Jesu: »Prüfet alles und das Beste behaltet!« helfen da auch nicht viel weiter, weil es ja viel zu viel zu prüfen gibt.

Ein Satz aus der Bergpredigt ist da hilfreicher: »Sorge dich nicht um morgen!« Nanu, was hat denn das mit Werbung zu tun? Relativ viel, jedenfalls dann, wenn ich von mir ausgehe. Ich bin deshalb so empfänglich für Werbung, weil ich immer wieder das Gefühl habe, ich würde etwas versäumen. Ich möchte informiert sein, weil es ja sein könnte, dass ich sonst das große Schnäppchen verpasse. Oder ich denke, dass ich vielleicht diese oder jene Sache brauche, um in Zukunft ein attraktiver Mensch zu sein. Jesus macht deutlich: Wer ohne ein bestimmtes Produkt nicht glücklich ist, der ist es auch nicht, wenn er es hat. Viel wichtiger ist deshalb eine Lebenseinstellung, die geprägt ist von dem schönen Gedanken: »Sorge dich nicht um morgen!« Wer sich bei Gott geborgen weiß, der lebt nicht ständig mit der Furcht, zu kurz zu kommen.

Es wäre sicher ein gutes Gefühl, die nervigen Faxe ungelesen in den Papierkorb zu werfen – und die 64 Prospekte, die aus meiner Zeitung auf den Boden flattern, auch. Denn einer, dem es gut geht, der ist gegen die Werbeflut immun. Und der lernt, fröhlich aus der Vielfalt der Werbeimpulse die herauszufiltern, die mit ihm zu tun haben.

Fabian Vogt

33 | Was hält ewig?

Denn was gewinnt ein Mensch, wenn ihm die ganze Welt zufällt, er selbst aber dabei Schaden nimmt?

MATTHÄUS 16,26 (HOFFNUNG FÜR ALLE)

Das Leben kann man in 25-Jahres-Abschnitte einteilen. Die ersten 25 Jahre geht man in den Kindergarten, in die Schule, an die Uni, in die Lehre. Nur um zu lernen, wie man in den nächsten 25 Jahren Dinge kaufen kann wie Computer, Waschmaschinen, Möbel, Autos, Häuser, die man dann in den letzten 25 Jahren seines Lebens wegwirft, an die Kinder oder andere Personen vererbt, spendet, auf dem Sperrmüll abstellt oder bei ebay vertickt.

Und das soll der Sinn des Lebens sein: 25 Jahre lang lernen, wie man Sachen kauft, um sie dann anschließend tatsächlich zu erwerben und sie am Ende doch alle wieder loszulassen?! Das kann doch keiner ernst nehmen – oder? Alles wird früher oder später kaputtgehen und weggeworfen werden, garantiert! Was hält schon ewig?

Selbst das große Römische Reich musste abtreten, das Dritte Reich, der Bauern- und Arbeiterstaat der DDR und viele andere. Wer garantiert eigentlich, dass der Kapitalismus eines Tages nicht auch abtreten muss? Die Bibel auf jeden Fall nicht! Das Einzige, das eine Ewigkeit hält, ist laut der Bibel die Seele des Menschen. Wie wäre es, wir würden ab sofort verstärkt in Menschen investieren und Materie erst an die 3., 4. oder 5. Stelle setzen?

Da kommt ein junger Mann zu Jesus und fragt ihn: »Was muss ich tun, um ewiges Leben zu bekommen?« Und Jesus sagt: »Verkaufe alles, was du hast, gib das Geld den Armen, und dann komm und folge mir nach.« Wir sollen das loslassen, was uns keinen wirklichen Halt im Leben gibt. Bei dem jungen Mann war es sein Reichtum. Es kann aber auch Stolz sein oder Eifersucht, Verletzungen oder Minderwertigkeitsgefühle, die ich loslassen muss. Weil all das mich vom wirklichen Leben abhält.

Und dann kommt der entscheidende Satz von Jesus: »Komm und folge mir nach!« Weil dieser Jesus uns zur Ewigkeit führt. Und das ist weniger ein Zeitbegriff als ein Qualitätsbegriff. Leben, Frieden, Gerechtigkeit, Freude, Liebe von absoluter Qualität ohne doppelten Boden. Das wär’s doch, wenn du den ganzen Stehkrempel loslassen, diesem Jesus folgen und dann Leben mit Qualität erleben würdest. Mit Ewigkeitsqualität, die sogar über den Tod hinaus Bestand hat.

Arno Backhaus

34 | Schneewolf

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander.

JOHANNES 10,10-12A (EINHEITSÜBERSETZUNG)

Seht zu, dass niemand die Gnade Gottes verscherzt, dass keine bittere Wurzel wächst und Schaden stiftet und durch sie alle vergiftet werden.

HEBR ÄER 12,15 (EINHEITSÜBERSETZUNG)

In einer Jazzbar in Bosnien herrscht dicke Luft. Eingekeilt zwischen Studenten, verbringen wir passivrauchend den Abend. Eine »Walter Wolf« nach der anderen wird aus ihrer exklusiven Packung genommen und angezündet. Die blauen, durchdringenden Wolfsaugen auf der blütenweißen Zigarettenschachtel fangen meinen Blick auf. Sie faszinieren mich, durchdringen meine Gedanken, schlagen mich spöttisch in ihren Bann und raunen mir zu:

»Diese intelligenten jungen Menschen glauben, dass die Zukunft ihnen gehört. Wachsam hüten sie ihre Grenzen. Niemand soll ihnen zu nahe treten. Aber genau das ist der Weg, wie ich mir alles nehmen werde, alles. Verletzungen haben Hass gesät und erneut verletzt. Bitterkeit hat ihr Herzensland im Griff und versucht, alles zu durchdringen. Stolz schlagen sie sich an die Brust – wir sorgen für unser Glück. Lukrative Geschäfte. Selbstbestimmtes Handeln. Vermeintlich frei. Sie ignorieren, dass ›Walter Wolf‹ tödlich ist. Meine Schönheit ist gefährlich unauffällig. So getarnt bekomme ich, was ich will. Aktiv oder passiv, wissend oder unwissend – sie lassen sich von mir regieren. Richtig oder falsch – das ist unwichtig: Hauptsache Spaß, Erfolg, eine goldene Vision.

Bei manchen leistet Religiosität der Verbitterung weiter Vorschub. Für Gott und ihren einzig wahren Glauben tun sie alles. Dann wird dieser Gott doch auch alles für sie tun! Mit diesem Willen regieren sie ihre Welt und ihren Gott. Und sie leiden, weil sie blind für die Wahrheit sind. Ich habe alles unterminiert, sechs Millionen Minen auf ihren Feldern verbuddelt und noch mehr in ihren Herzen vergraben. Hah!

Mein einziges Ziel ist, ihr Herz zu stehlen, echte Liebe abzutöten und Leben zu zerstören. Es gibt nur eines, das ich fürchte, das mich unbarmherzig zurückdrängen kann: Vertrauen statt selbst kämpfen.

Dem Einen, der sie kennt und aus bedingungsloser Liebe alles getan hat für sie. Würden sie ihm total vertrauen, ihren Egotrip aufgeben, zu ihrer Erfüllung nur ihn ansehen, dann hätte ich keine Chance. Sie müssten das Minenräumen ihm überlassen und nicht mehr selbstherrlich für sich selbst sorgen; denn er würde es ja für sie tun. Meine Taktik würde auffliegen, und ich hätte verspielt. Aber mit meiner Wolfsart halte ich die ganze Welt genial im Griff. Und keiner begreift, dass es um Leben oder Tod geht.«

Christiane Ratz

35 | Carpe diem

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.

EPHESER 5,15-16 (LUTHER 1984)

An jenem Freitag hatte ich die Küche geputzt. Ein paar Besorgungen hatte ich auch gemacht. Schularbeiten mit den Kindern. Abends waren wir seit Langem mal wieder in einem Konzert gewesen, das war richtig schön. Und das war er, unser Tag, Alltag eben. Warum ich das erwähne? Weil ich erst eine Woche später erfuhr, dass an jenem Freitag eine liebe Freundin verstorben war. Sie hatte an Krebs gelitten. Diese Freundin war und ist ein für Christus entschiedener Mensch, und ich weiß, dass es ihr jetzt in der Ewigkeit gut geht. Sie ist sozusagen doppelt erlöst: Sie leidet nicht mehr unter Schmerzen, und sie hat wirklich das, was man ewige Ruhe nennt! Ich freue mich für sie. Aber da ist auch das nagende Gefühl des Verlustes, der Leere. Das Realisieren: Sie wird den Hörer nicht mehr abnehmen, wenn ich anrufe. Das Eingestehen: Du wolltest sie immer noch einmal besuchen und hast es nicht getan.

Und da ist plötzlich auch diese Selbstkritik: Was habe ich mit meiner Zeit gemacht? Wie lebe ich meinen Tag? Nutze ich ihn? Nutze ich ihn, um meinen Kindern ein Lächeln zu schenken, um ihnen vorzuleben, dass die Entscheidung für Jesus das Wichtigste im Leben ist und sich lohnt? Nutze ich die Fragen meiner Mitmenschen nach dem Sinn des Lebens und Sterbens?

Im Roman Der Club der toten Dichter prägte die literaturversessenen Studenten die Devise »carpe diem« – »Nutze den Tag«. Sie wollten leben, aus dem Vollen schöpfen, ihre Seelen fühlen und füllen. Sie dachten dabei nicht an Gott. Was sie aber hatten, war eine Hingabe zum Leben, die uns Christen manchmal ganz guttäte. Eine Begeisterung, die ansteckt und Kreise zieht. Vielleicht ist das meine wichtigste Lehre aus der Leere des Verlustes: Ja, mir bleibt noch Zeit hier auf Erden, und die will ich nutzen. Ostern war gestern und ist noch heute. Und meine Mitmenschen haben ein Recht darauf, das zu erfahren!

Petra Piater

Johannes der Täufer – Von Gott berufen
36 | Von Gott berufen

Denn er wird groß sein vor dem Herrn … und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist.

LUKAS 1,15 (LUTHER 1984)

Es gibt Begriffe im angloamerikanischen Wortschatz, die sich blöde anhören, wollte man sie wörtlich übersetzen. »Midlife-Crisis« zum Beispiel: Lebensmitte-Krise. Blödes Wort für eine blöde Zeit. »Midlife-Crisis« hört sich wenigstens schick an für diese seltsamen Momente mitten im Leben, in denen man innehält und sich fragt, was das alles eigentlich soll.

Guten Tag, ich bin 42 und mitten in der Lebensmitte-Krise. Ich habe mir diese Zeit nicht ausgesucht. Sie ist bei mir ausgebrochen wie eine Migräne oder eine Magen-Darm-Grippe. Braucht kein Mensch. Völlig überflüssig ist das ständige Gefühl, dass die Eckpfeiler meines Lebens nicht mehr tragen. Meine Familie, meine Arbeit, mein Glaube. Ich komme mir festgelegt vor, eingesperrt. Seit mich meine Midlife-Crisis überwältigt hat, nerven mich die zufriedenen Menschen. Und die glücklichen könnte ich würgen. Besonders die neben mir im Gottesdienst am Sonntagmorgen.

Das war mal anders. Daran kann ich mich zumindest vage erinnern. Vor sechs Monaten saß ich am Sonntagmorgen auch glücklich in der Gemeinde. Mehr als zufrieden war ich mit meiner Familie, meiner Arbeit und meinem Glauben. Zu Recht. Ich kannte Gottes Verheißung für mein Leben, habe seine Vollmacht gespürt und war mir meiner Berufung bewusst. Es kommt mir vor, als wäre das lange her.

Es könnte so einfach sein. Wie bei Johannes, dem Täufer. Der hatte einen Auftakt nach Maß. Wenn ich die Verse aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums lese, kribbelt es bei mir regelmäßig im Bauch. Dieser Mensch wird von Gott für eine besondere Aufgabe ausgesondert. Alle Zutaten für ein gelingendes Leben werden ihm in die Wiege gelegt: eine Verheißung, eine Bevollmächtigung und eine Berufung. Dem kann das Leben doch nur gelingen, dem Glücklichen. Ich könnte ihn würgen.

Obwohl – als Wegbereiter für den Gottessohn hat man es auch nicht immer leicht. Wer einen Weg bereitet, muss Hindernisse beiseiteräumen, Unebenheiten ebnen und Widerstände überwinden. Der Erste in der Reihe kriegt immer die volle Breitseite ab: fliegende Tomaten, Fäuste und Steine. Und wenn die Berufung wasserdicht ist, kommt man aus der Nummer auch nicht mehr raus. Ob ich mir das wünschen soll? Tue ich. Aber das muss an meiner Midlife-Crisis liegen.

Michael Jahnke

37 | Sprachlos

Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird …

LUKAS 1,20A (LUTHER 1984)

Auf einer Familienfreizeit hat Gottes Handeln mich sprachlos werden lassen. Und das kam so: Je länger die Freizeit dauerte, umso mehr merkten wir als Team, dass die Teilnehmer einen besonderen Moment der Gottesbegegnung brauchten. Ich schlug vor, am letzten Morgen die Bibelarbeit ausfallen zu lassen und anzubieten, in der frei gewordenen Zeit für die Teilnehmer zu beten und sie zu segnen. Dazu wollten wir einen Raum bereitstellen.

Der Freitagmorgen nahte. Wir richteten den Raum ein, stellten eine Kerze in die Mitte und ein paar Stühle drum herum, klebten ein Schild mit der Aufschrift »Bitte nicht stören« an die Tür und warteten. Sie kamen. Fast alle. Einer nach dem anderen. Mal kamen Paare, mal ganze Familien. Und Gott wirkte. Wir beteten und segneten bis in den Nachmittag hinein. Damit hatte ich ganz und gar nicht gerechnet. Lange habe ich an diesem Abend stumm in meinem Zimmer gesessen. Ich habe mich geschämt, dass ich nicht mit dem handelnden Gott gerechnet hatte.

Warum eigentlich nicht? Es ist doch nicht abwegig, mit Gottes Handeln zu rechnen. Aber in den letzten zehn Jahren hat sich meine geistliche Erwartungshaltung darauf reduziert, nicht vom Glauben abzufallen. Zuletzt ist mein Glaube nicht mal mehr bedeutungsleere, alltägliche Routine, sondern ein Akt sozialisierter Traditionspflege gewesen. Und das als Leiter innerhalb eines christlichen Werkes!

Ob es Zacharias ähnlich ergangen ist? Ihm, dem erfahrenen und angesehenen Priester, der dem Turnus zufolge mit dem Dienst im heiligsten Tempelbereich an der Reihe war? Mit dem Erscheinen des Engels hat er auch an dem heiligsten aller Gottesorte der damaligen Zeit nicht gerechnet. Und damit, dass Gott Unmögliches möglich macht, erst recht nicht. Die Orientierung an menschlich Möglichem zwingt ihn zum Zweifel an Gottes Allmacht. Aber Gott reißt heraus, aus Routine, Erwartungslosigkeit und geistlichem Stillstand. Gut zu wissen. Noch besser zu erleben.

Michael Jahnke

38 | In der Stille

Und er war in der Wüste bis zu dem Tag,

an dem er vor das Volk Israel treten sollte.

LUKAS 1,80B (LUTHER 1984)

In der Abgeschiedenheit lernt man das Hören. Ob man will oder nicht. Die beiden Protagonisten Robin und Sondra in dem Kinderbuch »Robinson & Sonntag – Das Geheimnis der Stille« erleben es so:

Nach einem Streit mit ihrer Mutter rennt Sondra davon und streift ziellos durch den Ort. Im abgeschiedenen, kleinen Park neben der alten Papierfabrik entdeckt sie den gleichaltrigen Robin, der in einem der Bäume sitzt. Sie klettert zu ihm auf den Ast hinauf und wird ergriffen von dem Blick über den Ort hinweg in die Weite. »Ich kann bis zum Horizont schauen und darüber hinaus!«, bemerkt Sondra zu ihrem neuen Freund. »Ich kann bis in den Himmel gucken«, setzt Robinson noch einen drauf. Nach einiger Zeit in der Stille stellt Sondra fest: »Ich kann Stimmen in mir hören!«, und Robinson entgegnet: »Ich kann Gottes Stimme in meinem Herzen hören.« Ein ausgedachter Dialog in einer ausgedachten Szene. Zugegeben.

Was hat Johannes gesehen? Welche Stimmen hat er gehört? Der von Gott Ausgesonderte geht in die Wüste, in die Stille, in das Hörenmüssen. Auf die Stimmen in sich und auf Gottes Stimme im Herzen.

Mir fällt die Stille nicht immer leicht. Nicht, weil ich permanent einen Geräuschpegel um mich brauche. Die Abwesenheit von Lärm kann ich durchaus genießen. Das Hören, das in dieser Art der Stille möglich wird, bringt mich aber an meine Grenzen. Und zuweilen darüber hinaus. In mir werden Anteile meiner Geschichte, meines Denkens und meiner Persönlichkeit laut, denen ich nur ungern Gehör schenke. Weil sie nicht bearbeitet und geklärt sind. Und Gottes Stimme in meinem Herzen spricht Wahrheiten zu mir, die wehtun können, auch wenn sie mich letztlich retten.

Trotzdem muss ich immer wieder feststellen, dass mir die stillen Zeiten guttun. Der Abend ohne Ablenkung, das Wochenende mit vielen Spaziergängen oder die Einkehrwoche an einem Ort der Stille. Es tut mir gut, zu erleben, dass ich in diesen Zeiten nicht alleine mit mir bleibe. Gott tritt zu mir in meine Wüste, füllt die Kargheit meines Lebens und beantwortet die Fragen, die mir die Stille schwer machen. Er ist derjenige, der lebendiges Wasser für mich hat. Und er bereitet mich auf mein Leben außerhalb der Stille vor. Nur wer gelernt hat, auf Gottes Stimme zu hören, kann seine Berufung leben.

Michael Jahnke

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0+
Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
291 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783865066084
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