Читать книгу: «Tourismuslehre - Ein Grundriss»

UTB 2536
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Thomas Bieger, 1961, Prof. Dr. rer. pol., ist Ordinarius für BWL mit besonderer Berücksichtigung der Tourismuswirtschaft und geschäftsführender Direktor des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St. Gallen. Seit 1998 ist er Generalsekretär der International Association of Scientific Experts in Tourism (AIEST) und seit 2005 Prorektor der Universität St. Gallen.
Publikations-, Forschungs-, Beratungs- und Unterrichtstätigkeit u.a. an drei verschiedenen Hochschulen / Universitäten (z.B. Gastprofessuren Universität Innsbruck und Wirtschaftsuniversität Wien) mit Schwergewicht Dienstleistungsmanagement und Netzmanagement sowie Destinationsmanagement und Standortmanagement. Wichtige Veröffentlichungen: Management von Destinationen, siebte Auflage 2008; Dienstleistungsmanagement, vierte Auflage 2007; Customer Value zusammen mit Prof. Dr. Ch. Belz, zweite Auflage 2006; Zukünftige Geschäftsmodelle, 2002.

1. Auflage: 2004
2. Auflage: 2006
3. Auflage: 2010
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8252-2536-0
ISBN 978-3-846-32536-0 (E-Book)
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2004 by Haupt Berne
Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
www.haupt.ch
UTB-Bestellnummer 2536-0
Hinweis zur Zitierfähigkeit
Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, steht die Seitenzahl hinter dem im EPUB zusammengeschriebenen Wort.
Vorwort zur ersten Auflage
Der Tourismus hat seine traditionellen Grenzen in Lehre und Forschung längst gesprengt. In der Pionierphase der wissenschaftlichen Analyse des Phänomens Tourismus waren entsprechende Lehrstühle und Lehrgänge meist den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angegliedert. Heute wird die Spezialisierung Tourismus immer mehr auch von anderen Disziplinen gepflegt, von der Geografie über die Soziologie bis hin zur Psychologie. Nicht nur an Universitäten und in der Berufsbildung, sondern in ganz unterschiedlichen höheren Ausbildungsgängen, von der Fachschule oder dem Kolleg bis zur Fachhochschule, wird Tourismus als Vertiefung oder Wahlfach gelehrt.
Das vorliegende Buch versucht der Breite dieser Ansprüche zu genügen. Auf systemischer Grundlage, und damit der St. Galler Tradition folgend, möchte es einen gut strukturierten, interdisziplinären Zugang zum Lehr- und Forschungsobjekt Tourismus bieten. Mit dem Systemansatz der dritten Generation soll ein gemeinsames Modellverständnis für alle im Tourismus Arbeitenden, Lernenden und Forschenden geschaffen werden. Das Buch versteht sich als Nachfolgewerk der “Tourismuslehre im Grundriss” von Prof. Dr. Dr. h.c. Claude Kaspar, die seit 1975 in fünf Auflagen erschienen ist.
Für das tiefere Verständnis und für den Unterricht bietet es Fallstudien. Repetitions- und Vertiefungsfragen zum Buch können über die Internetseite www.idt.unisg.ch abgerufen werden. Das Buch soll im Sinne eines Überblicks Strukturen und Wissen vermitteln, aber auch neue Perspektiven öffnen, die durch eigene Recherchen ergänzt werden können. Es lässt sich mit seiner systematischen Grundstruktur auch leicht durch einen Reader vertiefen.
In die Entstehung des Buches flossen neben mehreren Jahrzehnten Erfahrung im Tourismus-Unterricht die Resultate eines Forschungsprojektes zur Weiterentwicklung der Systemlehre im Tourismus ein. Dem Grundlagenforschungsfonds der Universität St. Gallen, den Projektbearbeitern Thomas von Rohr, Patrick Caspar und Silvio Jäger und allen Teilnehmern eines Workshops zum Thema „Tourismuslehre 3. Generation”, Prof. Dr. Dr. h.c. Claude Kaspar, Prof. Dr. Hansruedi Müller, Prof. Dr. Johannes Rüegg-Stürm und Dr. Christian Laesser sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
Für die sorgfältige Bereinigung der zweiten Auflage danke ich Frau Nicole Denk-Weder, Frau Martina Ziltener, Herrn Robert Weinert und meinem Vater.
Vorwort zur dritten Auflage
Bereits nach drei Jahren wurde eine neue Auflage dieser Einführung in die Tourismuslehre notwendig. Der grosse Erfolg verpflichtet zu einer neuen, überarbeiteten Auflage. Entsprechend wurden für die dritte Auflage nicht nur Literaturbezüge ergänzt, Daten aktualisiert und neue Trends aufgenommen, sondern auch neue Erkenntnisse und Konzepte eingebaut, unter anderem im Bereich
• der Netzwerkanalyse,
• der Erforschung des Konsumentenverhalten,
• neuer Destinationsstrukturen sowie
• des Monitorings der Nachhaltigkeit.
Neu wird verschiedenes Zusatzmaterial (u.a. Repetitionsfragen) auf der Seite utb-mehr-wissen.de publiziert.
Für die Mithilfe bei der Bearbeitung des Inhaltes und die Aufergänzung des Manuskriptes der dritten Auflage danke ich Nicole Denk-Weder und Robert Weinert.
Inhaltsverzeichnis
Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Vorwort zur ersten Auflage Vorwort zur dritten Auflage Abbildungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis 1. Einführung – eine handlungsorientierte Grundlage für Theorie und Praxis
1.1. Ziel und Inhalt des Buches 1.2. Aufbau des Buches 1.3. Wissenschaftliche Methoden der Tourismusforschung und des Tourismusmanagements
2. Das Phänomen Tourismus 2.1. Definition und Abgrenzung des Phänomens Tourismus
2.1.1. Angebotsseitige und nachfrageseitige Definitionen 2.1.2. Daten zum Phänomen Tourismus
2.2. Tourismus als Wissenschaft 2.3. Historische Entwicklung des Tourismus 2.4. Forschungsfall: Tourismus-Satellitenkonto – Impact Messung am Beispiel Österreich (E. Smeral) 2.4.1. TSA – Einführender Überblick 2.4.2. Konzept 2.4.3. Ökonomische Implikationen des Tourismus-Satellitenkontos 2.4.4. Definition der Tourismusnachfrage
2.4.4.1. Besucher 2.4.4.2. Hauptsächlicher Reisezweck 2.4.4.3. Gewohnte und ungewohnte Umgebung 2.4.4.4. Touristischer Konsum
2.4.5. Der Zusammenhang zwischen direkten, indirekten und induzierten Effekten 2.4.6. Ergebnisse
3. Tourismus als System 3.1. Grundkonfiguration eines Tourismussystems 3.2. Dynamik in einem Tourismussystem 3.3. Grundlagen der neueren Systemtheorie
3.3.1. Komplexitätsbewältigung in Systemen 3.3.2. Lebensfähigkeit von Systemen
3.4. Tourismus als selbstreferentielles System
3.4.1. Grundkonfiguration 3.4.2. Die Transformation von Systemstrukturen
3.5. Die Entwicklung der Systemanalyse im Tourismus
4. Teilsystem Nachfrage 4.1. Definition und Strukturierung der touristischen Nachfrage 4.2. Nachfragesystem 4.3. Der Reiseentscheidungsprozess 4.4. Erfassung der Nachfrage
4.4.1. Tourismusstatistiken 4.4.2. Wettbewerbsan alyse als Erklärung für die Entwicklung von Tourismusströmen 4.4.3. Marktforschung im Tourismus
4.5. Transformation der Nachfrage – quantitative und qualitative Trends 4.6. Marktsegmentierung 4.7. Forschungsfall: Tourismustrends ab 2010 - Zwischen Nachfragesog und Angebotsdruck (Th. Bieger & Ch. Laesser)
4.7.1. Identifikation von Entwicklungstreibern 4.7.2. Tourismustrends vor dem Hintergrund der Entwicklung der wichtigsten Treiber 4.7.3. Reisetrends
5. Teilsystem Destination 5.1. Destination als Wettbewerbseinheit im Tourismus 5.2. Grundkonfiguration des Systems Destination 5.3. Destinationen als virtuelle Unternehmen – Geschäftsmodelle für Destinationen
5.3.1. Fallbeispiel zentral geführter Ort: Intrawest-Whistler 5.3.2. Fallstudie Disentis: Dezentral geführter Ort 5.3.3. Koordinationsmodelle von Destinationen 5.3.4. Kooperative Tourismusorganisationen 5.3.5. Transformation von Destinationen
5.4. Planungskonzepte auf Destinationsebene 5.5. Angebotselemente im Destinationsnetzwerk
5.5.1. Beherbergungsbetriebe 5.5.2. Beschäftigungsbetriebe/Unterhaltungsbetriebe 5.5.3. Natur, Kultur und lokale Wirtschaft als Co-Produzenten
5.6. Forschungsfall: St. Moritz oder Graubünden? – Von kleinen zu grossen Akteuren: Restrukturierung touristischer Destinationen (Th. Bieger & St. Reinhold)
5.6.1. Einleitung 5.6.2. Kontext – Tourismusentwicklung in alpine Regionen der Schweiz 5.6.3. Marketingstrukturen 5.6.4. Neue Destinationspolitik 5.6.5. Die „neue Destination“ als wettbewerbsfähige Marketingeinheit 5.6.6. Konklusion und nächste Schritte
6. Teilsystem Reisemittlung 6.1. Definition und Funktionen 6.2. Grundkonfiguration des Systems Reisemittlung 6.3. Transformation des Systems Reisemittlung – Mediation und Disintermediation
6.3.1. Horizontale und vertikale Integration 6.3.2. Eintritt neuer Anbieter 6.3.3. Wettbewerb der technologischen Systeme
6.4. Leistungsplattformen der Reisemittlung 6.5. Forschungsfall: Desintermediation im Tour Operating: Reiseveranstalter quo vadis? (Ch. Laesser)
7. Teilsystem Verkehr 7.1. Definition und Arten des Verkehrs 7.2. Verkehrssysteme 7.3. Leistungselemente der Verkehrssysteme 7.4. Geschäftsmodelle im Flugverkehr 7.5. Forschungsfall: Entscheidungsverhalten von Schweizern bei der Verkehrsmittelwahl im Fernverkehr – Situationsansatz /Kontingenzanalyse (Ch. Laesser) 7.5.1. Einleitung 7.5.2. Operationalisierung
7.5.2.1. Fall „Bern“ 7.5.2.2. Fall „Paris“
7.5.3. Resultate
7.5.3.1. Fall „Bern“ 7.5.3.2. Fall „Paris“ 7.5.3.3. Vergleichende Betrachtung
7.5.4. Tradeoff Gesamtkosten – Reisezeit 7.5.5. Einfluss der Prädisposition auf den situativen Entscheid 7.5.6. Resultate der Kontingenzanalyse 7.5.7. Gesamtbetrachtung
8. Das Umfeldsystem 8.1. Definition und Abgrenzung 8.2. Tourismus und gesellschaftliche Umwelt 8.3. Tourismus und wirtschaftliche Umwelt
8.3.1. Intangible Effekte 8.3.2. Tangible Effekte 8.3.3. Berechnung der wirtschaftlichen Effekte 8.3.4. Die Rolle des Staates
8.4. Tourismus und natürliche Umwelt 8.5. Forschungsfall: Die Ski-WM in St. Moritz 2003 – Wechselwirkungen am Beispiel eines Megaevents (J. Johnsen)
8.5.1. Ausgangssituation 8.5.2. Problemstellung (Untersuchung der Nachhaltigkeit: ökologisch, ökonomisch, soziokulturell) 8.5.3. Vorgehen 8.5.4. Ergebnis
9. Nachhaltigkeit und deren Gestaltung 9.1. Das Konzept der Nachhaltigkeit 9.2. Indikatoren(systeme) der Nachhaltigkeit 9.3. Tourismuspolitische Konzepte
9.3.1. Zielsetzungen 9.3.2. Akteure 9.3.3. Instrumente
9.4. Legitimation und Perspektiven der Tourismuspolitik
9.4.1. Legitimation der Tourismuspolitik im Wandel 9.4.2. Neuere Legitimationsansätze
9.5. Eckwerte einer neuen Tourismuspolitik 9.6. Akteure des internationalen Systems 9.7. Forschungsfall: Die schweizerische Tourismuspolitik – Möglichkeiten und Grenzen konzeptioneller Tourismuspolitik auf nationaler Ebene (P. Keller)
9.7.1. Tourismuspolitik als Querschnittaufgabe 9.7.2. Wechselnde tourismuspolitische Paradigmen 9.7.3. Tourismusförderung unter Bedingungen des unvollkommenen Wettbewerbs 9.7.4. Neue wachstumsorientierte Tourismuspolitik
Anhang 1: Eine Auswahl an höheren Fachschulen und Fachhochschulen für Tourismus
SCHWEIZ DEUTSCHLAND ÖSTERREICH
Anhang 2: Standard international Classification of Tourism Activities (SICTA) 1. Accommodation and Services
1.1. Hotels and other lodging services 1.2. Second homes services on own account or for free
2. Food and beverage-serving services 3. Passenger transport services
3.1. Interurban railway transport services 3.2. Road transport services 3.3. Water transport services 3.4. Air transport services 3.5. Supporting passenger transport services 3.6. Passenger transport equipment rental 3.7. Maintanance and repair services of passenger transport equipment
4. Travel agency, tour operator and tourist guide services
4.1. Travel agency services 4.2. Tour operator services 4.3. Tourist information and tourist guide services
5. Cultural services
5.1. Performing arts 5.2. Museum and other cultural services
6. Recreation and other entertainment services
6.1. Sports and recreational services 6.2. Other amusement and recreation services
7. Miscellaneous tourism services
7.1. Financial and insurance services 7.2. Other good rental services 7.3. Other tourism services
Literaturverzeichnis Stichwortverzeichnis Verzeichnis der Autoren DienstleistungsManagement Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht New Public Management
Übersicht der Zeichnungen
Abbildung 1 Abbildung 2 Abbildung 3 Abbildung 4 Abbildung 5 Abbildung 6 Abbildung 7 Abbildung 8 Abbildung 9 Abbildung 10 Abbildung 11 Abbildung 12 Abbildung 13 Abbildung 14 Abbildung 15 Abbildung 16 Abbildung 17 Abbildung 18 Abbildung 19 Abbildung 20 Abbildung 21 Abbildung 22 Abbildung 23 Abbildung 24 Abbildung 25 Abbildung 26 Abbildung 27 Abbildung 28 Abbildung 29 Abbildung 30 Abbildung 31 Abbildung 32 Abbildung 33 Abbildung 34 Abbildung 35 Abbildung 36 Abbildung 37 Abbildung 38 Abbildung 39 Abbildung 40 Abbildung 41 Abbildung 42 Abbildung 43 Abbildung 44 Abbildung 45 Abbildung 46 Abbildung 47 Abbildung 48 Abbildung 49 Abbildung 50 Abbildung 51 Abbildung 52 Abbildung 53 Abbildung 54 Abbildung 55 Abbildung 56 Abbildung 57 Abbildung 58 Abbildung 59 Abbildung 60 Abbildung 61 Abbildung 62 Abbildung 63 Abbildung 64 Abbildung 65 Abbildung 66 Abbildung 67 Abbildung 68 Abbildung 69 Abbildung 70 Abbildung 71 Abbildung 72 Abbildung 73 Abbildung 74 Abbildung 75 Abbildung 76 Abbildung 77 Abbildung 78 Abbildung 79 Abbildung 80 Abbildung 81 Abbildung 82 Abbildung 83 Abbildung 84 Abbildung 85 Abbildung 86 Abbildung 87 Abbildung 88 Abbildung 89 Abbildung 90 Abbildung 91 Abbildung 92 Abbildung 93 Abbildung 94 Abbildung 95 Abbildung 96 Abbildung 97 Abbildung 98 Abbildung 99 Abbildung 100 Abbildung 101 Abbildung 102 Abbildung 103 Abbildung 104 Abbildung 105 Abbildung 106 Abbildung 107 Abbildung 108 Abbildung 109 Abbildung 110 Abbildung 111 Abbildung 112 Abbildung 113 Abbildung 114 Abbildung 115 Abbildung 116 Abbildung 117 Abbildung 118 Abbildung 119 Abbildung 120 Abbildung 121 Abbildung 122 Abbildung 123 Abbildung 124 Abbildung 125 Abbildung 126 Abbildung 127 Abbildung 128 Abbildung 129 Abbildung 130
Abkürzungsverzeichnis
| Aufl. | Auflage |
| Bd. | Band |
| BIP | Bruttoinlandprodukt |
| bspw. | beispielsweise |
| bzgl. | bezüglich |
| bzw. | beziehungsweise |
| ca. | circa |
| Def. | Definition |
| d.h. | das heißt |
| et al. | et alii |
| etc. | et cetera |
| EUR | Euro |
| evtl. | eventuell |
| f. | folgende |
| ff. | fortfolgende |
| GATT | General Agreement on Tariffs and Trade |
| GDS | Global Distribution Systems |
| Hrsg. | Herausgeber |
| i.d.R. | in der Regel |
| IT | Informationstechnologie |
| ITG | Interessengemeinschaft |
| Iuk | Information und Kommunikation |
| Jg. | Jahrgang |
| Mio. | Million(en) |
| Mrd. | Milliarde(n) |
| Nr. | Nummer |
| OECD | Organisation for Economic Cooperation and Development |
| S. | Seite |
| ST | Schweiz Tourismus |
| STV | Schweizer Tourismusverband |
| TEA | Tourism Economic Accounts |
| TO | Tourismusorganisation |
| TSA | Tourism Satellite Account |
| u.a. | unter anderem |
| USD | Amerikanischer Dollar |
| usw. | und so weiter |
| v.a. | vor allem |
| vgl. | vergleiche |
| VGR | Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung |
| WIFO | Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung |
| WTCC | World Travel and Tourism Council |
| UNWTO | World Tourism Organization |
| www | World Wide Web |
| z.B. | zum Beispiel |
|16◄ ►17|
1. Einführung – eine handlungsorientierte Grundlage für Theorie und Praxis
1.1. Ziel und Inhalt des Buches
Tourismus ist heute anerkanntermaßen zusammen mit der Telekommunikation und der Informatik sowie dem Gesundheitswesen eine der am raschesten wachsenden internationalen Branchen. Ebenso wie die Telekommunikation und die Informatik prägt der Tourismus unser tägliches Wirtschaftsleben. Weltweit ist derzeit jeder dreizehnte Arbeitnehmer direkt oder indirekt in der Tourismusbranche tätig (d.h. im Tourismus und seinen vor- und nachgelagerten Stufen sind rund 225 Mio. Leute angestellt, vgl. WTTC 2009).
Allein in der Schweiz mit ihren 7,6 Mio. Einwohnern werden innerhalb eines Jahres rund 70.7 Mio Reisen ohne Übernachtung und 18.8 Mio Reisen mit Übernachtungen unternommen (vgl. CIA World Factbook 2009, BfS 2007). Dank der persönlichen Begegnung mit Geschäftspartnern kann Vertrauen aufgebaut werden, das erst eine arbeitsteilige Wirtschaft mit Unternehmenskooperationen oder virtuellen Unternehmen funktionieren lässt. Bezeichnenderweise ist deshalb trotz modernster Kommunikationstechnologien der Bedarf an Geschäftsreisen nicht gesunken. Aufgrund der Globalisierung mit dem Zwang, sich als Unternehmen auf Kernkompetenzen zu konzentrieren und damit zu kooperieren, nimmt die Bedeutung des Faktors Vertrauen zu. Dieses kann nur durch persönliche Begegnung entstehen, was Reisen bedingt. Umgekehr erfüllen Freizeitreisen wichtige psychische und physische „Wiederherstellungsfunktionen”, die erst den heute notwendigen intensiven Arbeitseinsatz ermöglichen.
Tourismus ist als eigentlicher Lebensbereich auch ein wichtiger gesellschaftlicher und kultureller Faktor (vgl. Bieger/Laesser 2009, Bieger/von Rohr 2000, Steinecke 2000, Hinterhuber/Pechlaner/Matzler 2001 oder zur Kultur auch Keller 2000, Thiem 1994). Viele Regionen bleiben nur dank den Verdienstmöglichkeiten im Tourismus weiter besiedelt (vgl. auch Bieger et al. 2004). Erfahrungen in den Ferien werden gerne auch an den Wohnort übernommen, über Souvenirs, welche die Wohnstube gestalten, neue Freizeitkleider oder auch neue Ess- und Trinksitten. Begegnung mit anderen Kulturen schafft ein vertieftes Verständnis, das sich auch im täglichen Verhalten gegenüber Fremden auswirken kann. Auf Reisen kann Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Wertegruppe erlebt werden. Tourismus hat deshalb eine wichtige Funktion in der Strukturierung unserer Gesellschaft. Ähnlich wie bei der Telekommunikations- oder der Informatikindustrie dringen die Wirkungen des |17◄ ►18| Tourismus so tiefer in unser tägliches Leben als die Wirkungen anderer Branchen.
Tourismus ist jedoch auch ein wirtschaftliches Phänomen, an dem sich paratypisch wichtige Erscheinungen und Entwicklungen leicht erkennbar aufzeigen lassen. So ist der Tourismus:
• eine Netzwerkbranche, in der sowohl Kunden- wie Produzentennetzwerke eine wichtige Funktion haben (vgl. Schräder 2000) und in der Erscheinungen wie die Durchsetzung von Standards, das Problem der steigenden Grenzerträge und die Problematik der Grenzkostenpreissetzung mit ruinösem Wettbewerb (vgl. auch Shapiro/Varian 1999), die heute besonders auch im Informatik-, Telekommunikations- oder auch im Airlinebereich aktuell sind, vorweggenommen wurden (vgl. auch zur Tourismusökonomie Freyer 2009);
• eine Dienstleistungsbranche, in der wesentliche Besonderheiten von Dienstleistungsprodukten wie die Bedeutung des persönlichen Kundenkontaktes („Moment of Truth”, vgl. u.a. Lovelock und Wirtz 2007), die Intransparenz, der externe Faktor wie Mitkunden oder die Mitwirkung von Kunden (vgl. Bruhn 2008) an der Leistungserstellung, aber auch die Bedeutung der Gleichzeitigkeit von Konsum und Produktion (Uno Actu Prinzip) (vgl. Bieger 2000a, Lehmann 1993) stark ausgeprägt sind;
• ein Informations- und Kommunikationsgeschäft, bei dem Produkte oft erst durch Kommunikation und Information entstehen oder nutzbar gemacht werden können (vgl. Buhalis/Law 2008; Buhalis 2002).
TOURISMUS
Entsprechend hat der Tourismus heute in der wissenschaftlichen Ausbildung einen hohen Stellenwert, der zum Teil weit über seine wirtschaftliche Funktion hinausgeht. So bestehen im deutschsprachigen Raum an wirtschaftswissenschaftlich orientierten Fakultäten von rund 10 Universitäten Kurs-Angebote im Bereich Tourismus und entsprechende Lehrstühle. Die Zahl der entsprechenden Studiengänge oder Vertiefungsmöglichkeiten auf Fachhochschulstufe ist sogar stark steigend. Im Moment kann im deutschsprachigen Raum im Bereich der staatlichen Schulen von rund 25 Studiengängen ausgegangen werden. Ebenfalls eine große Dynamik besteht im Bereich der Höheren Fachschulen (vgl. Anhang 1).
Viele der Absolventen dieser Studienangebote arbeiten nach ihrer Ausbildung auf der Basis des im Tourismusstudium erworbenen konzeptionellen und theoretischen Wissens und der praktischen Erfahrung speziell in den Bereichen Dienstleistungsmanagement, Marketing und Kommunikation erfolgreich|18◄ ►19| in anderen Wirtschaftsbereichen (vgl. Bieger/Laesser 2001, Bieger /Laesser/Boksberger 2005). Wichtige „Zielbranchen“ für ehemalige Mitarbeitende aus dem Tourismus sind in der Schweiz die Finanzbranche, die Beratung und die öffentliche Verwaltung.
Eine zusätzliche Bedeutung als Forschungsobjekt gewinnt der Tourismus aufgrund seiner Interdisziplinarität. Er eignet sich auch in besonderem Maße für die Erfassung und Anwendung von Erkenntnissen von Basiswissenschaften in interdisziplinären Zusammenhängen, zum Beispiel in den Bereichen Regionalwirtschaft, Volkswirtschaftslehre, Dienstleistungsmanagement, Betriebswirtschaftslehre, Soziologie, Psychologie, Kulturwissenschaften, Geografie und Ökologie. Umgekehrt vermag die Tourismusforschung zur Entwicklung dieser Kerndisziplinen beizutragen, indem an einem motivierenden und für das heutige Leben außerordentlich relevanten Forschungsobjekt Konzepte und Modelle dieser „Basiswissenschaften“ überprüft und weiter entwickelt werden. So ist beispielsweise das aufgrund des notwendigen Informationsbedarfes und der Kleinstrukturiertheit der Branche anspruchsvolle Informationsmanagement ein Grund, dass sich die Wirtschaftsinformatik gerne mit dem Phänomen Tourismus befasst: dies heute nicht zuletzt auf dem Hintergrund von mobilen Kommunikationsgeräten, die ein völlig neues, „emanzipiertes“ Reiseverhalten ermöglichen (vgl. Beritelli/ Schuppiser 2006).
FORSCHUNGSPROZESS
In der chronologischen Abfolge der Erforschung eines Phänomens lassen sich idealtypisch drei wichtige Stufen unterscheiden: die Deskription/Exploration mit ihrer wichtigen Definitions- und Strukturierungsfunktion, die Explanation mit der Modellbildung und der Erklärung von Wirkungen und Zusammenhängen, der Überprüfung dieser Modelle und einzelner impliziter Wechselwirkungen durch empirische Forschung sowie anwendungsorientiert darauf aufbauend die Präskription mit der Entwicklung von Handlungsempfehlungen und Vorgehensweisen auf der Basis der getesteten Modelle (vgl. auch Kromrey 1998). Dabei ist die Abfolge dieser Schritte keineswegs als geschlossener sequentieller Ablauf zu sehen. Vielmehr sind gerade in einer anwendungsorientierten Wissenschaft Rekursionen zu erwarten. Neue Erkenntnisse der Empirie führen zu Anpassungen in der Modellbildung, die später auch zu einer Anpassung des definitorischen Rahmens führen können. Genau so können Anwendungen in der Praxis zu Erfahrungen führen, die eine Überprüfung der zu Grunde liegenden Theorie erfordern (vgl. Tomczak 1992 oder Ulrich 1984). Typischerweise war dies, wie später zu zeigen sein wird, gerade auch bei der Definition des Begriffes Tourismus der Fall: Die |19◄ ►20| Notwendigkeit, exakte Definitionen für die Erforschung beispielsweise der wirtschaftlichen Effekte des Tourismus zu haben, führte zur Notwendigkeit, die Definition von „Tourismus“ laufend zu verfeinern.
Bei der Modellbildung im Tourismus stand immer der Systemansatz im Vordergrund (vgl. auch Kaspar 1996, 11ff.; zur Systemtheorie allgemein Ulrich 1968, 105ff., Goeldner/Ritchie 2008, Müller 2007, Kozak/Gnoth/Andreu 2009). Waren die ersten Arbeiten zur Tourismusforschung von einfachen Ursache /Wirkungsparadigmen geprägt, wurde aufgrund der Komplexität des Phänomens und seiner breiten Definition schon bald eine Darstellung als Netzwerk Standard. Wesentliche Erweiterung fand dieses Modell durch seine Dynamisierung mit der quantitativen Analyse dieser Wechselwirkungen inkl. Selbstverstärkungseffekten in Form von Papiercomputern (vgl. u.a. Müller 1986) oder Sofware zur Berechnung von systematischen Wechselwirkungen wie im Bereich der sozialen Netzwerkanalyse (vgl. u.a. Scott et al. 2008).
EVOLUTION DER TOURISMUSFORSCHUNG
Aufgrund der vielschichtigen Bedeutung des Tourismus und seiner wichtigen didaktischen Funktion als Studienobjekt sind schon früh Standardwerke für die „Tourismuslehre“ entstanden. Mit der gleichzeitigen, 1942 erfolgten frühen Gründung von zwei Forschungsinstituten an den Universitäten Bern und St. Gallen nahm die Schweiz eine gewisse Pionierfunktion ein. Obwohl im englischsprachigen Raum (vgl. u.a. Goeldner/Ritchie/McIntosh 2000) und auch im deutschsprachigen Raum (vgl. Freyer 1993) Standardwerke zum Thema Tourismus erschienen sind, lassen sich aufgrund der lückenlosen Historie die Entwicklungsschritte der Tourismusforschung idealtypisch an den in der Schweiz erschienenen Standardwerke nachvollziehen:
• Hunziker/Krapf 1942: Grundriss der Allgemeinen Fremdenverkehrslehre: Wesentlicher Beitrag zur Definition und zur Strukturierung des Phänomens Tourismus, erste moderne Tourismusdefinition und Strukturierungsansätze zur Nachfrage und zum Produkt.
• Kaspar 1975: Die Fremdenverkehrslehre im Grundriss: Wesentlicher Beitrag zur Modellbildung im Tourismus auf der Basis der Systemtheorie, Entwicklung der Grundlagen für eine systemorientierte Betrachtung des Phänomens Tourismus.
• Krippendorf 1986: Alpsegen – Alptraum: für eine Tourismus-Entwicklung im Einklang mit Mensch und Natur: Wesentlicher Beitrag im Sinne eines explorativen bis präskriptiven Ansatzes, Aufzeigen der Entwicklung im Tourismus unter Nutzung systemorientierter Modelle mit Warncharakter |20◄ ►21| und Ansätzen für eine neue Tourismusentwicklung. Zudem werden die Tourismussysteme dynamisiert.
• Müller 1997: Freizeit und Tourismus – Einführung in Theorie und Politik: Wesentlicher aktualisierter Beitrag unter Einbezug des Phänomens Freizeit.
Abbildung 1: Differenzierung des vorliegenden Buches – Entwicklung der Tourismusforschung

Das hier vorgelegte Buch folgt diesen Entwicklungslinien. Im Sinne der St. Galler Tradition soll auf systemischen Grundlagen ein Fach- und Lehrbuch für Praxis und Unterricht geboten werden. Mit einer überblickbaren Zahl von Konzepten, Modellen und Strukturen soll eine Grundlage für die wissenschaftliche Analyse und Interpretation der Erscheinungen der Praxis geschaffen werden. Gleichzeitig legt es jedoch Wert auf den Einbezug moderner theoretischer Grundlagen.
In diesem Sinne versucht es, an die Tourismuslehre im Grundriss von Prof. Dr. h.c. C. Kaspar, die im Zeitraum von 1975 und 1996 in fünf Auflagen erschienen ist, anzuknüpfen. Es unterscheidet sich von seinem „Vorgängerwerk“ durch
• den Fokus auf die immer wichtigeren Veränderungs- und Transformationsprozesse,
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• die in der Folge theoretische Orientierung an der Systemlehre der „dritten Generation“ mit dem Konzept der selbstreferentiellen Systeme, die sich in ihrer Struktur ständig verändern,
• die Betonung des wissenschaftlichen Arbeitens im Tourismus.
Die entsprechende Positionierung des Buches ist auf dem Hintergrund der Entwicklung der Systemtheorie (vgl. Abschnitt 3.5) zu sehen. Es will in diesem Sinne die Grundlagen für ein neues konzeptionelles Verständnis für die Tourismusforschung und Tourismuspraxis legen und eine neue, aktualisierte modelltheoretische Grundlage für den Tourismus schaffen.
1.2. Aufbau des Buches
Dieses Buch legt großen Wert auf die Modellbildung und deren forschungsbasierte Überprüfung. In dieser Einführung wird deshalb bereits auch eine vereinfachte Übersicht zur Methodik in der anwendungsorientierten Forschungsarbeit gegeben. Danach soll in Kapitel 2 das Phänomen Tourismus sauber definiert und in seinem Wirkungsrahmen in Praxis und Theorie abgegrenzt werden. Kapitel 3 legt die Modellgrundlage in Form eines „selbstreferentiellen“ Tourismussystems dar. Die nachfolgenden Kapitel behandeln die einzelnen Subsysteme mit ihren Wechselwirkungen.
Kapitel 8 aggregiert die Erkenntnisse der Analyse der einzelnen Subsysteme, indem die Wechselwirkungen des System Tourismus als ganzes zu seinen Umwelten beschrieben werden. In Kapitel 9 werden auf dieser Grundlage Erkenntnisse zur Entwicklung des Tourismus und zu deren Steuerung mit den Instrumenten der Tourismuspolitik aufgezeigt.
Im Sinne eines forschungsorientierten Buches werden in jedem Kapitel in Form eines Kurzfalles konkrete, anwendungsorientierte Forschungsprojekte dargestellt. Diese sollen die Praxis zu Anwendung wissenschaftlicher Methoden animieren und relevante Resultate aufzeigen. Für den Unterricht und die Theorie sollen sie Beispiele für den Aufbau eigener Projekte, beispielsweise auch für Seminar- und Diplomarbeiten sein.
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Abbildung 2: Aufbau des Buches

1.3. Wissenschaftliche Methoden der Tourismusforschung und des Tourismusmanagements
Die Tourismuspraxis ist in den traditionellen Tourismusländern Europas durch eine außerordentliche Kleinstrukturiertheit geprägt. Entsprechend fehlten die notwendigen konzentrierten Mittel für die Entwicklung von modernen Managementkonzepten, die Durchführung von professionellen Forschungsarbeiten beispielsweise zu Fragestellungen des Konsumentenverhaltens oder auch für die Anstellung wissenschaftlich ausgebildeter Manager (zu den typischen KMU-Spezifika vgl. u.a. Pleitner 1991 oder im Tourismus Weiermair/ Wöhler 1998, aktuell auch Fueglistaller 2008). Wie in vielen ähnlichen Branchen (vgl. Landwirtschaft oder vor ca. einer Generation der Finanzbereich) entwickelte sich deshalb eine gewisse Skepsis der Praxis gegenüber wissenschaftlicher Vorgehensweise und Arbeitsweise. Oft wurde sogar bewusst in der politischen Diskussion eine Kluft zwischen Theorie und Praxis postuliert (vgl. auch Bieger 2000b).
Eine ganz andere Entwicklung nahm die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis z.B. in Nordamerika. Die schwächere Bindung zum Standort|23◄ ►24| und zum Wohnort und entsprechend die geringere Bereitschaft der Unternehmer, an wenig einträglichen Tourismusanlagen festzuhalten, erleichterte die Konsolidierung einer fragmentierten Branche. So wurden in den 90er Jahren beispielsweise eine große Zahl von Skigebieten von den Gründern aufgrund der lukrativen Angebote der damals auftauchenden Skigebietskonzerne, wie der American Skiing Company oder Intrawest, verkauft. Oft wurden auch die Tourismusanlagen erst später und damit bereits von großen Konzernen entwickelt. Weniger geeignete Standorte werden oft schlicht aufgegeben. Dies führt zu einer fortschreitenden Professionalisierung und größeren Unternehmensstrukturen. Dies wiederum erlaubt grössere Investitionen in Konzepte, in Forschung und Management. Die große Zahl von Universitäten und Colleges, die im Tourismus aktiv sind, sind ebenfalls Zeichen dieser Entwicklung. Wissenschaftliches Arbeiten ist nicht Selbstzweck. Wissenschaftliches Arbeiten ist eine Arbeitsweise, die sich auszeichnet durch (vgl. u.a. auch Booth/Colomb /Williams 1995; Theisen 1998, Yin 1999):
• Objektivität (oder mindestens den Versuch dazu resp. die Offenlegung der eigenen Perspektiven) und entsprechend das Bestreben, eine Frage aus verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren und zu würdigen.
• Intersubjektive Nachvollziehbarkeit, d.h. die Möglichkeit, dass gewonnene Resultate nachträglich in ihrer Herleitung und Gültigkeit überprüft werden können. Der Einsatz anerkannter Methoden erleichtert die Sicherstellung der Nachvollziehbarkeit.
• Einsatz von anerkannten Methoden – dabei handelt es sich um anerkannte und dokumentierte Vorgehensweisen für die Gewinnung wissenschaftlicher Resultate, die aufgrund ihrer Standardisierung und Verbreitung die Nachvollziehbarkeit und die Objektivität oder mindestens nachvollziehbare Perspektivität der Resultate sicherstellen.
Diese Anforderungen müssen auch an einen Managemententscheid gestellt werden können. Ohne die Erfüllung dieser Anforderungen ist das Risiko für einen Investor zu groß, dass ein Management seine Entscheide zu einseitig zu seinen eigenen Gunsten oder mangels besseren Wissens resp. Wollens suboptimal fällt (zur Moral Hazard Problematik, vgl. bspw. Milgrom/Roberts 1992). Die Gefahr, dass Managemententscheide unwissenschaftlich, quasi aus dem Bauch heraus gefällt werden, ist besonders im Falle der Einheit zwischen Manager und Eigentümer groß, da in diesem Falle eine externe Kontrolle entfällt. Dies ist bei einem 100%-Eigentum allenfalls volkswirtschaftlich problematisch, da damit produktives Kapital gefährdet wird. Im Falle einer hohen Kreditfinanzierung wird durch eine solche Konstellation auch fremdes Geld gefährdet. Die Bereitschaft, Kredite an KMUs im Tourismus zu erteilen, ist |24◄ ►25| deshalb teilweise reduziert. Insgesamt entstehen große Kosten für das Aushandeln und Überwachen von Krediten (vgl. auch zum Transaktionskostenansatz Williamson 1979; Williamson/Masten 1995, zur Finanzierung im Tourismus generell Bernet/Bieger 1999). Ein wissenschaftlicheres Management ist deshalb auch im KMU-Tourismus der europäischen Kernländer angezeigt.
Der Unterschied zwischen wissenschaftlichen und emotionalen Managemententscheiden lässt sich am Beispiel einer Standortwahl für ein Hotel erläutern. Besitzt ein Einwohner eines Dorfes über eine Erbschaft Land und hat eine fundierte Hotelausbildung, so wäre ein emotionaler Entscheid, auf dem entsprechenden Land ein Hotel zu bauen. Ein wissenschaftlicher Entscheid würde klar eine andere Perspektive einnehmen. Es würden der generierte Kundenwert und die Kosten gegenübergestellt. Methoden wie „Nutzwertanalyse“ und „Business Plan“, aber auch empirische Erfassung des generierten Kundenwerts oder die Berechnung eines zukünftigen Unternehmenswertes, müssen zum Zug kommen.
Abbildung 3: Methoden-Übersicht

In diesem Buch werden die meisten Kapitel mit einer Fallstudie abgeschlossen, in der eine für den Tourismus wichtige Methode anwendungsorientiert |25◄ ►26| an einem praktischen Beispiel dargestellt wird. Im Folgenden soll eine kurze Übersicht über die Methoden der Tourismusforschung als Einstieg in die entsprechenden Beispiele geboten werden.
Wissenschaftliches Arbeiten hat immer das Ziel, Erkenntnisse zu liefern. Ausgangspunkt sind immer Fragestellungen. Eine gute Fragestellung für ein Projekt, Gutachten, ein Report oder auch eine studentische Arbeit sollte immer das zu untersuchende Phänomen (Untersuchungs- bzw. Forschungsobjekt), die Zielsetzung bzw. das Forschungsziel (Gewinnung von Daten, Entwicklung eines Modells etc.) und die Perspektive oder die Disziplin, aus der dies erfolgen soll, beinhalten (Erkenntnisobjekt; vgl. hierzu auch Theisen 1998; Mayring 2002). Ein Beispiel dafür ist folgende Fragestellung:
„Wie (d.h. das Forschungsziel ist folglich ein Wirkungsmodell) wirkt die Familie (Erkenntnisobjekt: Einfluss einer soziologischen Bezugsgruppe) auf den Ferienentscheid von Teenagern (Forschungsobjekt: „Ferienentscheid von Teenagern“)“?
Für die Bearbeitung von wissenschaftlichen Fragestellungen gibt es eine Vielzahl von Strategien und Methoden. Grundsätzlich können zwei Strategien unterschieden werden (vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen Mayring 2002; Kromrey 1998; Theisen 1998; Lamnek 1995; Popper 1994):
• Deduktion: Ableitung vom Allgemeinen in das Besondere, beispielsweise indem von der allgemeinen Literatur und bestehenden Modellen zu „Beziehungen in Familien“ Schlussfolgerungen auf die Einflüsse auf Ferienentscheide gezogen werden. Folgt man dem kritischen Rationalismus (vgl. Popper 1972), dann beginnt die Deduktion mit der Konstruktion von Hypothesen, welche anhand empirischer Untersuchungen so lange falsifiziert werden, bis die „Wahrheit“ übrig bleibt.
• Induktion: Ableitung von allgemeinen Regeln aus einzeln beobachteten Phänomenen, was eine empirische Arbeit mittels Erfassung von Zusammenhängen in der Realität bedingt. Beispielsweise können fallstudienartig einzelne Familien mit Teenagern beobachtet werden oder es kann eine repräsentative Stichprobe von Teenagern zu ihrem Entscheidungsverhalten mittels Tiefeninterview befragt werden.
Sowohl das deduktive als auch das induktive Forschungsvorgehen ist selten in reiner Form anzutreffen. Für beide Vorgehensformen bieten sich eine Vielzahl von Methoden an, die grob in quantitative und qualitative Methoden unterschieden werden können.
Quantitative Methoden eignen sich vor allem für Fragestellungen, die das Ausmaß von Wirkungen zu erfassen suchen (eigentliche „Wieviel“-Fragen) und für die Überprüfung von Modellen auf der Basis der quantitativen Analyse|26◄ ►27| und der durch sie implizierten Ursache-Wirkungszusammenhänge (z. B. mittels Strukturgleichungsmodellen). Sie sind in ihrem Analysefokus relativ eng. Aufgrund der strengen und klaren Vorgehens-Anforderungen die sie erfüllen müssen, weisen sie aber eine außerordentlich hohe intersubjektive Nachvollziehbarkeit auf. Zu den quantitativen Methoden können die diversen Befragungsmethoden mit statistisch repräsentativen Stichproben oder andere Methoden der Messung inklusive der Buchhaltung gezählt werden. Auch „pattern matching“, das Auswerten ähnlicher Aussagen oder Zusammenhänge in Texten und Interviews und deren Auszählung, kann im weitesten Sinne unter die quantitativen Methoden gezählt werden (vgl. Yin 1999, Backhaus 2000).
Wichtigste Qualitätsanforderung an die quantitative Forschung ist die Repräsentativität. Sie stellt die externe Validität (Übertragbarkeit der Resultate) sicher. Die Repräsentativität wird durch die Auswahl der zu analysierenden Objekte (z.B. Interviewpartner) sichergestellt. Repräsentativität erhält man durch perfekten Zufall (jedes Element hat die genau gleiche Chance, in eine Stichprobe aufgenommen zu werden) oder durch Schichtung (durch willentliche, künstliche Zusammensetzung der Stichprobe wird sichergestellt, dass die relevanten Kriterien, z.B. in einer Umfrage die Altersverteilung, wie in der Grundgesamtheit vertreten sind).
Quantitative Methoden führen immer zu statistisch auswertbaren Daten. Diese können deskriptiv statistisch (Darstellung z.B. von Reiseintensitäten in verschiedenen Ländern) oder stochastisch (d.h. unter Einsatz statistischer Schätzmethoden wie bei einer Aussage „die Reiseintensität der Länder A und B ist mit 99% Wahrscheinlichkeit unabhängig“) ausgewertet werden. Sobald mehrere Faktoren oder Datendimensionen gleichzeitig ausgewertet werden sollen, kommen multivariate Verfahren zur Anwendung. Dabei unterscheidet man zwischen Unabhängigkeitstest (Beantwortung der Frage, ob zwei Länder in ihrer Reisemotivstruktur unabhängig sind, beispielsweise mit einem Chi-Quadrat-Test) oder Zusammengehörigkeitstests (Beantwortung der Frage, welche Bevölkerungsgruppen bezüglich Nachfrageverhalten Ähnlichkeiten aufweisen) mit Verfahren wie der Cluster-Analyse.
Die qualitativen Methoden eignen sich für die Ergründung tieferer Zusammenhänge und die Beantwortung von „wie“ und „warum“ Fragen. Sie zeichnen sich durch eine außerordentliche Vielfalt auch in der Auswertung aus, weisen aber aufgrund ihrer schwächeren wissenschaftlichen Strenge eine geringere intersubjektive Nachvollziehbarkeit auf. Beispiele für qualitative Methoden sind die Beobachtung oder die Fallstudientechnik. Wie bei einer Delphi-Expertenbefragung (Mehrrunden Expertenbefragung mit einer Möglichkeit für die Experten, ihre Schätzungen auf dem Hintergrund der Kenntnis |27◄ ►28| der Durchschnittsmeinungen der Vorrunde zu überarbeiten) sind bei qualitativen Verfahren oft auch quantitative statistische Elemente eingebaut.
Die Validität der Resultate qualitativer Forschung muss durch Triangulation (vgl. Fielding/Fielding 1986; Denzin 1978) sichergestellt werden. Der Begriff Triangulation stammt aus der Kartografie. Für die Bestimmung eines geografischen Ortes reichen eigentlich zwei Linien (Peilungen). Bestimmte Orte wurden jedoch als fixe Orte durch drei Linien sicher bestimmt. Ähnlich sollen auch Forschungsresultate durch eine zusätzliche Überprüfung, z.B. eine Beobachtung von Kunden in einem Shopping-Center, durch eine ergänzende Analyse, z.B. Interviews mit dem Management, gestärkt werden.
Wesentliche Gefahren bei der Arbeit mit qualitativen Methoden ist die Ausblendung (weiße Flecken), indem Phänomene, die nicht in die eigene Theorie passen, schlicht nicht wahrgenommen werden. Eine andere Gefahr ist auch, dass zu viele Erkenntnisse, die gar nicht aus der Forschung abgeleitet werden können, in die Resultate hineininterpretiert werden. Ein Beispiel ist die Attribution des Nachfrage-Trends „Multioptionalität“ in die Beobachtung des Gepäckes von Feriengästen in einem Alpen-Resort. Vielleicht wird dabei übersehen, dass der größte Teil der mitgebrachten Sportartikel gar nie gebraucht werden und nur als Rettungsanker für Aktivitäten bei anhaltend schlechtem Wetter dienen.
METHODENEINSATZ IM TOURISMUS
Im Tourismus kommen häufig die in Abbildung 4 dargestellten Methoden zum Einsatz:
Wissenschaftliche Resultate müssen den Anforderungen der Validität und Reliabilität genügen. Reliabilität bedeutet, dass die Methoden und Verfahren sicherstellen, dass das Resultat in dem Sinne „nachvollzogen“ werden kann, dass immer wieder das gleiche Resultat erreicht wird. So sollten aufgrund einer statistisch sauber gewählten Stichprobe gewonnene Resultate im Rahmen der statistischen Schwankungsbreiten durch andere Stichproben nachvollzogen werden können.
Validität bedeutet die Gültigkeit der Resultate, d.h sie haben eine Aussagekraft für den gewählten Kontext resp. die Forschungsfrage. So ist beispielsweise ein Prognosemodell für die Umsätze von Bergbahnunternehmen auf der Basis von Logiernächtedaten für Gebiete mit hohem Tagestourismusanteil nicht valide.
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Abbildung 4: Methodeneinsatz im Tourismus

In einem Forschungsprozess werden immer Hypothesen gebildet. Dabei können diese als gültig anerkannt werden, so lange keine andersartigen Resultate dagegen sprechen (Falsifikation, vgl. Popper 1972). Oft erfolgt in einem Forschungsprozess ein Wechselspiel zwischen Induktion und Deduktion (vgl. Abbildung 5).
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Abbildung 5: Vorgehen bei einer wissenschaftlichen Analyse

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2. Das Phänomen Tourismus
2.1. Definition und Abgrenzung des Phänomens Tourismus
2.1.1. Angebotsseitige und nachfrageseitige Definitionen
Für die Definition des „Tourismus“ bestehen heute auf konzeptionell abstrakter Ebene weitgehend gemeinsame Auffassungen. Sobald es in der Praxis und der wissenschaftlichen Gemeinschaft um die konkrete Abgrenzung in einem Forschungsprojekt geht, fehlen jedoch oft konkrete, operationalisierbare Kriterien. So bestehen heute beispielsweise auf internationaler Ebene zwischen den beiden wichtigen Organisationen UNWTO (World Tourism Organization, intergouvernementale Organisation mit einzelnen Ländern als Mitglieder) und WTCC (World Travel and Tourism Council, internationale Dachorganisation der Tourismusindustrie mit Unternehmen als Mitglieder) unterschiedliche Auffassungen, wie einzelne Komponenten , beispielsweise die Ausgaben für den Autoverkehr für Ferienreisen oder Ausgaben für den Bau von Zweitwohnungen, dem Tourismus zuzurechnen sind. Der WTCC rechnet diese Ausgabe beispielsweise in seinem Satellitenkonto (vgl. Abschnitt 2.4) ein.
Ebenfalls bestehen oft Unsicherheiten bei regionalen Projekten, wer als Tourist aufgefasst werden soll und wer nur ein Freizeitgast aus der Region ist. So stellen verschiedene Forscher (z.B. Leiper 1979; Heeley 1980) fest, dass trotz vielen gemeinsamen Ansätzen keine umfassend gültige und akzeptierte Definition für Tourismus besteht. Dies wird teilweise auch darauf zurückgeführt, dass es von Regierungsstellen, Verbänden etc. zu viele und teilweise zu sehr durch eigene Interessen und Perspektiven getriebene Definitionen gibt (vgl. Smith 1988).
Grundsätzlich ergeben sich zwei Hauptansätze für die Definition des Tourismus: einen angebotsorientierten und einen nachfrageorientierten.
Angebotsseitige Tourismusdefinitionen setzen wie die Abgrenzung anderer Wirtschaftssektoren bei den Eigenheiten von Anbietern an. Entsprechend kann Tourismus als Industrie definiert werden, die aus den Unternehmen besteht, welche Leistungen für die Bedürfnisse und Anliegen von Touristen erbringen (vgl. Leiper 1979). Viele Branchen erbringen jedoch Leistungen nicht ausschließlich für Touristen. Restaurants haben beispielsweise auch Einheimische als Kunden. Lokale Einkaufsgeschäfte bedienen aber oft auch Touristen. Entsprechend wird eine Strukturierung der Tourismusindustrie in 3 Teile (Tiers) empfohlen (vgl. Smith 1988, 183).
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Abbildung 6: Angebotsseitige Struktur des Tourismus

Quelle: Smith 1988, 183
Angebotsseitige Definitionen des Tourismus sind bei der Abgrenzung des Sektors im Zusammenhang mit der Erfassung seiner wirtschaftlichen Effekte sowie für die Diskussion wirtschaftspolitischer Maßnahmen von Bedeutung. Die Schwäche des Ansatzes besteht darin, dass sich Tourismusanbieter nicht durch spezifische Produktionsbedingungen wie beispielsweise die Landwirtschaft abgrenzen lassen. Im Endeffekt ist der gemeinsame Nenner der Konsum durch Touristen, womit angebotsseitige Tourismusdefinitionen indirekt doch wieder bei der Nachfrageseite ansetzen.
Nachfrageseitige Definitionen setzen bei der Frage an, wer ein Tourist ist. Der Tourist wird dabei als Person verstanden, welche eine Reise außerhalb ihres gewohnten Arbeits- und Lebensumfeldes unternimmt (vgl. u.a. Jafari 1977, 6: „Tourismus ist das Studium von Menschen außerhalb ihrer normalen Lebensumgebung …“ [frei übersetzt]). Schon 1963 wurde von einer Konferenz der vereinten Nationen über internationale Reisen und Tourismus eine Definition empfohlen, die alle Personen umfasst, die ein Land besuchen, das nicht |32◄ ►33| ihr normales Herkunftsland ist (vgl. Gee/Makens/Choy 1997, 11). Alle diese Personen werden als Besucher (visitors) definiert.
Die U.N. (United Nations) definiert „Touristen“ als Personen, die sich mindestens eine Nacht und maximal ein Jahr ausserhalb des gewohnten Lebensumfeldes aufhalten. Geschäfts- und Konferenzreisen werden in diese Definition miteinbezogen (Goeldner/Ritchie 2008). Damit wird eine statistisch klar erfassbare Unterscheidung geschaffen. Übernachtungen werden weltweit nach gleichen Standards der UNWTO erfasst.
Mit einem breiteren Begriff „Ausflügler“ werden auch Tagestouristen erfasst. Tagestouristen sind in vielen Tourismusregionen im Einzugsgebiet großer Ballungszentren von herausragender Bedeutung.
Die Frage der Abgrenzung des „gewohnten“ Lebensumfeldes stellt sich natürlich vor allem bei Tagesbesuchern und Inlandtouristen. Erwähnt werden u.a. folgende Kriterien (vgl. Freier 2009):
• Ort: Verlassen des gewöhnlichen Aufenthaltsortes und Rückkehr Ein Ort, der jede Woche aufgesucht wird, qualifiziert sich eher als „gewohntes” Umfeld.
• Zeit: Vorübergehend, d.h. mind. eine Nacht und maximal ein Jahr Je länger die Reise dauert, desto weniger qualifiziert sich der aufgesuchte Ort als vorübergehender Aufenthaltsort.
• Motive: Vergnügen und Geschäft Zum modernen Tourismus zählen neben der Freizeit- und Vergnügungsreise in einem erweiterten Verständnis auf die geschäftlich motivierte Reise sowie Kuraufenthalte und Verwandten- und Bekanntenbesuche (Freyer 2009), weniger dagegen das Erledigen der Besorgungen des täglichen Bedarfes.
• Reisedauer: Je länger die Reise, desto eher qualitfiziert sich der aufgesuchte Ort als vorübergehender Aufenthaltsort.
Nachfrageseitige Definitionen weisen, wie die Diskussion der Abgrenzungskriterien zeigt, Probleme der Operationalisierbarkeit auf. Heute dominiert trotzdem eine nachfrageseitige Definition, da sie ein breites Konzept von Tourismus umfasst.
Moderne Lebensformen lassen jedoch die Definition des „gewohnten Lebensumfeldes“ im Sinne des normalen Wohn- und Arbeitsumfeldes immer schwieriger werden. „Double Career Couples“, Ehepaare, in denen beide Partner einer anspruchsvollen Karriere nachgehen, haben häufig zwei Wohnsitze.|33◄ ►34| Die „Global Class“, d.h. international tätige und vernetzte Unternehmer, haben oft sogar im Jahresverlauf wechselnde Wohnsitze auf der ganzen Welt, beispielsweise in Asien eine Wohnung auf Sentosa Island in Singapore, eine Stadtwohnung in New York und ein Kreativort in Südfrankreich. Auch viele stark belastete Geschäftsleute verbringen ihre Wochenenden regelmässig in ihrem Zweitwohnsitz. Entsprechend werden heute Reisen zum Zweitwohnsitz in der Reise- Motivforschung häufig als eigene, separate Kategorie erfasst (vgl. Laesser/Bieger 2008). Auch viele wohlhabende Pensionäre weisen zwei oder mehr Wohnsitze auf (vgl. auch das Phänomen der Trophy Homes, Williams / Peters, Stegemann 2008), zwischen denen sie je nach Jahreszeit wechseln. So vermischt sich auch der Begriff „Heimat“ zunehmend (Hall/Muller 2004).
In der Marktforschungspraxis wird heute deshalb oft das als Tourismus erfasst, was vom Betroffenen selbst als Reisen ausserhalb des gewohnten Lebensumfeldes bezeichnet wird. Dies ist insbesondere deshalb auch sinnvoll, weil primär auch diese Reisen für die klassische Tourismuswirtschaft wie Tour Operator, Hotels, etc. relevant sind.
Entsprechend breit sind deshalb heute Tourismusdefinitionen:
• die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus dem Reisen und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist (Kaspar 1996, 16).
• Nach der WTO-Definition (WTO 1993) umfasst Tourismus die Aktivitäten von Personen, die an Orte ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort zu Freizeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen Zwecken nicht länger als ein Jahr ohne Unterbrechung aufhalten.
• Ähnlich wird auch im angelsächsischen Raum Tourismus modern abgegrenzt. So ist nach z.B. Goeldner und Ritchie (2008) Tourismus definiert als die Prozesse, Aktivitäten und Wirkungen, welche durch die Beziehungen und Interkationen zwischen Touristen, touristischen Anbietern, Eventveranstaltern, Destinationsorganisationen und den dazugehörigen Umwelten entstehen, um Besucher anzuziehen und zu beherbergen.
Aus diesen Definitionen lassen sich folgende Merkmale des Tourismus ableiten (vgl. auch Abbildung 7):
• Der Tourismus beinhaltet sowohl Geschäfts- wie Freizeitreisen. Allein ausschlaggebend ist das Kriterium der Bewegung außerhalb des normalen|34◄ ►35| Arbeits- und Wohnumfeldes. Deshalb gehört beispielsweise ein Einkaufsbummel eines Einwohners einer Agglomerationsgemeinde in der Stadt nicht zum Tourismus, da er sich im normalen funktionalen Arbeits-und Wohnumfeld bewegt. Hingegen ist ein Shopping-Flug über das Wochenende nach London eindeutig ein touristisches Phänomen. Wichtig ist diese Unterscheidung heute vor allem, weil häufig in der öffentlichen Diskussion eine Vermengung der touristischen Nutzung mit der Freizeitnutzung von Infrastrukturen stattfindet. In vielen Regionen der Schweiz werden heute die touristischen Anlagen zu einem großen Anteil auch von Einheimischen im Rahmen ihrer Freizeitnutzung frequentiert.
Abbildung 7: Abgrenzung des Begriffes Tourismus

Quelle: In Anlehnung an Bieger 2002, 2
• Der Tourismus umfasst nicht nur Angebote wie Hotels, Bergbahnen und Strände, Nachfrager oder Märkte und Mittler wie Reiseveranstalter und Reisebüros. Zum Tourismus müssen als direktverbundenes Phänomen auch seine wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Folgen gezählt werden. So sind die Einnahmen des Baumeisters für ein neues Hotel ebenso wie die Veränderung der Kultur der Einheimischen durch den Touristen in eine ganzheitliche Betrachtung des Tourismus miteinzuschließen.
• Der Tourismus ist nicht nur ein Wirtschaftsbereich, sondern er ist auch ein wichtiger Lebensbereich (vgl. Bieger 1993). Er umfasst den Menschen, |35◄ ►36| sein Verhalten und seine Wirkungen ausserhalb des Wohnortes. Der moderne Mensch verbringt immer weniger Zeit in seinem normalen angestammten Lebensumfeld. Jemand, der seine gesetzlichen Ferien in einem westeuropäischen Industrieland voll ausschöpft und eine durchschnittliche Anzahl Tages- und Wochenendreisen unternimmt, verbringt 12-15% seines aktiven Lebens als Tourist. Darin sind Geschäftsreisen nicht eingerechnet. In der Schule werden wir weitgehend auf das Leben zu Hause, auf die Arbeit und die Familie etc. vorbereitet. Genauso müsste man auch auf das Verhalten als Tourist hingeführt werden.
Das ursprüngliche Verständnis für den Begriff Tourismus wurde in zwei Dimensionen erweitert. Erstens wird die Art der erfassten Reisen ausgewertet und zweitens werden die betrachteten Effekte erweitert (vgl. auch Abbildung 8).
Abbildung 8: Erweiterung des ursprünglichen Tourismusbegriffes

Der Tourismus wird damit als Erscheinungsform über das Verhalten der Menschen anhand der Tourismusnachfrage definiert. Aufgrund dieser eher breiten, systemorientierten Definition können nicht einfach Tourismusbranchen abgeleitet werden. Es können aber Branchen mit einer größeren oder kleineren Abhängigkeit vom Tourismus (d.h. von der Tourismusnachfrage) abgegrenzt werden.
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2.1.2. Daten zum Phänomen Tourismus
Der Tourismus gehört sowohl in der Schweiz als auch in Österreich zu den drei wichtigsten Exportbranchen. Beispielsweise hat der „Travel&Tourism Competitiveness Report 2007“ des Weltwirtschaftsforums WEF die touristische Bruttowertschöpfung der Schweiz auf CHF 28,3 Mia. und den Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) auf 6,1 Prozent geschätzt. Der Tourismus ist auch wichtigster Motor für die Entwicklung von verwandten Branchen wie Verkehr (vor allem heute auch Luftverkehr) oder Sport. Insbesondere für viele Länder, die sich in wirtschaftlicher Transformation oder im Wiederaufbau befinden (z.B. Osteuropa oder einzelne Entwicklungsländer), ist Tourismus ein Wirtschaftszweig von strategischer Bedeutung.
Abbildung 9: Tourismusdaten der Schweiz, Österreichs und Deutschlands

Quelle: 1 vgl. UNWTO 2009 (www.unwto.org); 2 vgl. Bundesamt für Statistik Schweiz (www.bfs.admin.ch), Die Daten für die Parahotellerie wurden aufgrund früherer Statistiken geschätzt, da für 2008 keine genauen Angaben vorhanden sind. 3 vgl. Statistik Austria (2008): Tourismus in Zahlen Österreich 2007/200; 4 vgl. DRV (2009): Fakten und Zahlen zum deutschen Reisemarkt 2008; 5 vgl. Bundesamt für Statistik Schweiz (www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/10/22/lexi.html)
In Abbildung 9 sind verschiedene Tourismusindikatoren für die Länder Schweiz, Österreich und Deutschland ersichtlich. Insbesondere die Einnahmen|37◄ ►38| des internationalen Tourismus in Prozent am BIP gibt einen Hinweis auf die Bedeutung des Tourismus für das Land.
Im Jahr 2008 wurden weltweit 924 Mio. internationale touristische Ankünfte gezählt. Das entspricht einer Steigerung von 2% gegenüber 2007 (DRV 2009). Die meisten internationalen Ankünfte werden in Frankreich gezählt (81.9 Mio.). Dagegen ist die USA das Land, dass die meisten internationalen Tourismuseinnahmen erzielt (US-$ 96.7 Mia.; vgl. Abbildung 10).
Abbildung 10: Internationaler Tourismus: Ankünfte und Einnahmen 2007

Quelle: UNWTO & Schweizer Tourismusverband 2009
Dass die Tourismusbranche in den vergangenen Jahrzehnten zusammen mit der Telekommunikation und der Informatik zu den Branchen mit den größten Zuwachsraten gehört, hängt vor allem mit den folgenden Faktoren zusammen:
• dem weltweiten Ausbau der Verkehrsnetze und der Kommunikationsnetze (Technologie),
• der Globalisierung der Wirtschaft und
• dem steigenden Wohlstand zahlreicher Nationen und breiterer Bevölkerungsschichten (Wirtschaft),
• modernen Lebensofmren wie Double Career Couples, Partnerschaften /Familien in verschiedenen Ländern, Patchwortk Familien (Gesellschaft) mit der verbundenen wachsenden Zahl Familienreisen (Visit Friends and Relatives).
Nicht nur die technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, sondern auch veränderte Lebensmotive sind für dieses Wachstum |38◄ ►39| verantwortlich. Zum Beispiel erweckt ein höheres Bildungsniveau und die Internationalisierung der Wirtschaftstätigkeit das Interesse für andere Kulturen oder der Verstädterungsprozess weckt das Bedürfnis nach Erholung in der Natur.
In der während den 90er Jahren entstandenen Options- und Erlebnisgesellschaft (vgl. auch Gross 2007; Schulze 2005) dominieren neue Formen des Erlebens und Genießens, womit neue Angebote entstanden. Freizeit- und Themenparks à la Disney World, All-Inclusive-Clubs oder schwimmende Ferienresorts, wie zum Beispiel das Clubschiff „AIDA”, konkurrieren traditionelle Destinationen.
Im Zuge der Entwicklung der „Ich“ Gesellschaft (vgl. Gross 1999, 2007) mit einer starken Orientierung am Individuum ist auch ein verstärktes Bedürfnis an „Transformations-“Leistungen entstanden. Reiseprodukte wie Gesundheitsreisen, Bildungsreisen oder Reisen mit spirituellen Inhalten erlauben, sich in Richtung des gewünschten Selbstkonzeptes weiterzuentwickeln respektive zu transformieren.
Abbildung 11: Reiseziele der Schweizer Bevölkerung

Quelle: Laesser/ Bieger 2008
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Die Schweiz mit ihrer traditionell offenen Reisepolitik und ihrem Wohlstand kann als Fallbeispiel für ein reifes Reiseland bezeichnet werden. Bezüglich dem Reiseziel liegt bei der Schweizer Bevölkerung die Schweiz an der Spitze (vgl. Abbildung 11). Der Anteil der Reisen im eigenen Land, der Binnentourismus, verliert aber Marktanteile, während insbesondere der Interkontinentaltourismus an Bedeutung gewinnt.
Auch bei der Deutschen Bevölkerung belegt das Heimatland die erste Position. Die wichtigsten ausländischen Destinationen sind Italien und Spanien (vgl. Abbildung 12).
Abbildung 12: Reiseziele der Deutschen Bevölkerung

Quelle: ADAC Reisemonitor 2009
Unter den Reisemotiven stechen insbesondere der Wunsch nach dem Naturerlebnis sowie nach Zeit mit dem Partner und der Familie hervor. Optionalität scheint einer der zentralen Wünsche zu sein. Darauf weist etwa auch das wichtige Motiv hin, flexible und spontane Entscheidungen treffen zu können (vgl. Abbildung 13).
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Abbildung 13: Reisemotive der Schweizer Bevölkerung (Mittelwerte)

Quelle: Laesser/ Bieger 2008
Abbildung 14: Urlaubsformen der Deutschen

Quelle: ADAC Reisemonitor 2009
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Mit zwar rückläufiger Tendenz dominiert bezüglich der Reiseformen in Deutschland immer noch der Badeurlaub mit rund 60% aller Reise gefolgt von Rundreisen und Kulturreisen (vgl. Abbildung 14).
2.2. Tourismus als Wissenschaft
Bei der Diskussion des Tourismus als Wissenschaft stellt sich natürlicherweise zuerst die Frage, ob und inwieweit Tourismus überhaupt eine eigenständige Wissenschaft darstellt. Einzelne Autoren (vgl. Sessa 1985 oder Freyer 1993) postulieren dies implizit.
Eine „Wissenschaft“ stellt jedoch klare Anforderungen. So sollte eine gemeinsam akzeptierte Grundlage in Form von Paradigmen bestehen und es sollte ein spezifisches Methodenset (wie z.B. in der Geografie die Karthografie) zur Verfügung stehen. Dabei kann ein Paradigma als ein relativ breit akzeptiertes Erklärungsmuster mit beispielhaftem bzw. modellhaftem Charakter definiert werden.
Eine präparadigmatische Wissenschaft ist nach Kuhn (1977, 416) durch ständige Debatten über grundlegende Annahmen charakterisiert. Dies trifft typischerweise auch für den Tourismus zu. Alleine schon die oben dargestellt große Auswahl an Definitionen zeigt, dass im Tourismus keine Übereinstimmung auf definitorischer Ebene, geschweige denn auf der Ebene von Modellen und Theorien, gefunden werden konnte.
Eine reife Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Wissenschafter bei ihren Publikationen immer auf die Vorerkenntnisse und Arbeiten ihrer eigenen Disziplin berufen (vgl. Kuhn 1977, 319). Ein messbares Kriterium für eine reife Wissenschaft besteht in Form von Kreuzzitationsindices, bei welchen überprüft werden kann, wie oft ein Artikel zitiert wurde. Bei Publikationen im Bereich des Tourismus findet man, sofern es sich nicht um rein deskriptive sondern um explanatorische, modellbildende Arbeiten handelt, meist eine große Zahl der Quellenverweise auf Arbeiten der Disziplin, aus deren Fokus die Analyse vorgenommen wurde. So wird sich eine Arbeit zur Analyse der kulturellen Beeinflussung einer Gemeinde durch den Tourismus meist auf Arbeiten der Soziologie beziehen. Bei Arbeiten zum Kundenverhalten wird auf Publikationen aus dem Bereich „consumer insight“ respektive Marketing bezogen. Mit dem Aufkommen von internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften (sogenannten „Scientific Journals“) auch im Tourismus und der Etablierung wissenschaftlicher Fachnetzwerke wie AIEST (Associtation Internationale d’Experts Scientifique) oder TTRA (Travel and Tourism Research|42◄ ►43| Association), steigt jedoch der Anteil der Zitationen innerhalb der Tourismusforscher.
Für die Erforschung des Tourismus bestehen keine spezifischen Methoden. Es wird auf Methoden anderer Kerndisziplinen zurückgegriffen. In diesem Sinne ist Tourismus nicht eine Wissenschaft, sondern ein Forschungsobjekt oder Forschungsgebiet. Dieses kann aus verschiedenen Perspektiven und Disziplinen analysiert werden, wobei in der Tourismusforschung folgende Hauptdisziplinen identifiziert werden: Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Geografie und Anthropologie, Management, Politikwissenschaften, Theologie, Geschichte und Umweltwissenschaften (vgl. u.a. Jafari/Ritchie 1981 und Jafari/Aaser 1988). Aufgrund seiner vielfältigen Wechselwirkungen mit allen Umwelten, ist Tourismus ein Paradebeispiel eines interdisziplinären Forschungsgebietes (vgl. auch Müller 1997).
Es finden sich weltweit Forschungsinstitute und Forschungsstellen zum Tourismus aus verschiedensten Disziplinen, beispielsweise im deutschsprachigen Raum,
• aus dem Fokus der Wirtschaftswissenschaften das Institut für Öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St. Gallen oder, mit einer vielleicht eher noch breiteren sozialwissenschaftlicheren Perspektive, das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern;
• aus dem Fokus der Betriebswirtschaftslehre mit Schwergewicht Dienstleistungsmanagement das Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus (Bereich Tourismus und Dienstleistungswirtschaft) der Universität Innsbruck
• aus dem Fokus Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien,
• aus dem Fokus der Geografie das wirtschaftsgeografische Institut an der Universität Zürich,
• aus der Perspektive der Tourismusökonomie die Hochschulgruppe Tourismus der Technischen Universität Dresden.
Entsprechend vielfältig wie der disziplinäre Zugang sind die in der Tourismusforschung verwendeten Methoden. Dabei ist oft auch eine Arbeit aus der Perspektive einer Disziplin mit Methoden (auch im Sinne einer Triangulation, d.h. zur Absicherung und Ergänzung der Erkenntnisse) aus einer anderen Disziplin anzutreffen. So werden beispielsweise hochentwickelte Systeme aus dem Gebiet der Karthographie respektive der geographischen Daten Systeme dazu genutzt, die Service-Abläufe in einem Skigebiet zu optimieren.
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Wichtigster Hintergrund für die Erforschung des Tourismus aus unterschiedlichsten disziplinären Perspektiven sind die verschiedenen Wechselwirkungen mit den entsprechenden disziplinären Umfeldern. Beispielsweise befasst sich die Biologie mit den Auswirkungen des Tourismus auf die Flora und Fauna einer Region. Einen Überblick über die Vielfalt der Tourismusforschung liefert folgende Auflistung der Forschungsarbeiten zu den verschiedenen Umfeldbereichen:
Abbildung 15: Liste der Forschungsarbeiten zu Umfeldbereichen
| Umfeldbereich | Forschungsarbeiten | |
|---|---|---|
| Volkswirtschaftslehre | • | Ökonomische Auswirkungen: vgl. Mason (2008); Tyrrell/ Johnston (2006); Wall/ Mathieson (2005); Oh (2005); Scherer/Strauf/Bieger (2002); Ross (1992); Perdue/Long/Allen (1990); Husbands (1989); Liu/Sheldon/Var (1987); Var/Kendall/Tarakcioglu (1985) |
| Ökomanagement | • | Ökologische Auswirkungen: vgl. Moisey/McCool (2009); Hunter/Shaw (2007); Pickering/Hill (2007); Hiltunen (2007); Davenport/Davenport (2006); Caneday/Zeiger (1991); Adams (1993); Badger (1992); Warner (1991); Boo (1990); Greiner (1990); Smith (1990) |
| Soziologie | • | Soziale Auswirkungen: vgl. Wilson (2008); Butler/Hinch (2007); Ur- tasun/Gutiérrez(2006);Higgins-Desbiolles(2006);Gossling/Hall (2005); Ross (1992); Bystrzanowski (1989); Milman/Pizam (1988); Liu/Sheldon/Var (1987); |
| Betriebswirtschaftslehre | • | Lebenszyklusphase einer Destination: vgl. Rodríguez et al. (2007); But ler (2006), Beritelli (1997); Goncalves/Aguas (1997) |
| • | Konsumentenverhalten: Castro et al. (2007); Woodside/Dubelaar (2002), Pizam/Mansfeld (1999), Sönmez/Graefe (1998); | |
| • | Segmentierung: Bieger/Laesser (2002) |
2.3. Historische Entwicklung des Tourismus
Viele der heute bekannten Motivationsformen des Tourismus wurden schon im Altertum vorweggenommen. So setzte beispielsweise mit Beginn der Olympiaden um 770 v. Ch. ein Sporttourismus zur aktiven oder passiven Teilnahme an Sportveranstaltungen ein. Ebenfalls in der griechischen Epoche entstanden Bildungsreisen, beispielsweise durch den griechischen Geografen und Historiker Herodot (480 – 421 v. Chr.) der als einer der ersten Reisenden |44◄ ►45| und Touristen seines Landes angesehen wird (vgl. Kaspar 1996, 23). Ebenfalls noch in griechischer Zeit bekannt waren Fahrten zu Heilzwecken, bspw. nach Epidaurus mit dem Eskolaptempel, sowie Wallfahrten zu den Göttertempeln wie zum Beispiel zum Orakel von Delphi.
RÖMISCHES REICH
In der römischen Zeit erfuhr das Reisen einen weiteren Auftrieb. Zur Erleichterung des „militärischen Tourismus“ wurde ein weiterer Teil eines kontinentalen Straßennetzes gebaut. Dank den zahlreichen Garnisonsstädten war auch eine relativ gute Sicherheit auf diesen Straßen gewährleistet. Der Handel blühte auf, es entstanden wieder Bildungsreisen quer durch Europa. Zusätzlich entstand ein Vorläufer des heutigen Gesundheitstourismus. Die Römer errichteten an einigen zentralen Orten Badezentren (beispielsweise Baden bei Zürich, St. Moritz, Baden-Baden), die aus näherer oder fernerer Umgebung Touristen anlockten. Es gab bereits auch eine Art Vorläuferform des modernen Zweitwohnungstourismus. Aufgrund der Verhältnisse in der überbevölkerten Stadt Rom und in anderen Städten nahmen breite Kreise der wohlhabenden Bevölkerung im Sommer einen Domizilwechsel an ihre „Sommerfrischen“ in den Hügeln des Appenins oder an die Küsten vor.
MITTELALTER
Im Mittelalter verfiel aufgrund der partikularisierten Herrschaftsverhältnisse das römische Straßennetz. Mit dem Fehlen einer militärischen Präsenz wurde das Reisen zudem unsicherer. Neben Beamten und Studenten reisten deshalb im Mittelalter vor allem Wallfahrer, welche die großen physischen und finanziellen Opfer auf sich nahmen. Entsprechend dominierten bei den Unterkünften auch Hospize und Klöster neben einzelnen, vor allem kleineren Herbergen. Während im Mittelalter große Teile der damaligen Gesellschaft ihre direkte Umgebung zeitlebens nicht verließ, wagten sich erste Händler (vgl. auch die Reisen Vasco da Gamas um 1497) und Entdecker auf Reisen. Handwerker reisten zum Teil, um neue Märkte für ihre Fähigkeiten zu erschließen. Währenddem das Reisen zu den ältesten und allgemeinsten Verhaltensweisen des menschlichen Lebens gehörte und der Mensch eigentlich schon immer reiste, erfüllte es im Altertum und vor allem im Mittelalter selten einen Selbstzweck (vgl. auch Enzensberger 1958, 705ff). Es wurden vor allem „Muss-Reisen“ gemacht.
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AUFKLÄRUNG
Mit der Aufklärung und dem Aufbruch in der Gesellschaft lockerte sich auch die strenge Zweckhaftigkeit des Reisens. So begann ab dem 18. Jahrhundert ein intensiver Bildungstourismus, insbesondere junger Adeliger. Ihr Interesse richtete sich oft auf die Natur und das einfache Leben. Nachhaltig dürfte sich der Ruf Jean-Jacques Rousseaus nach Rückkehr zur Natur in seinem Werk „Nouvelle Héloïse“ (1756) ausgewirkt haben. Auch andere Dichter und Schriftsteller wie Byron, Ruskin und Goethe warben und lobpreisten fremde Länder, deren Natur und Lebensformen. Die Zahl der Herbergen erhöhte und die Qualität der Straßen verbesserte sich. Mit den inzwischen stabilen Nationalstaaten war auch Ruhe, Ordnung und militärische Sicherheit wieder hergestellt worden.
INDUSTRIALISIERUNG
Mit der Industrialisierung wurde der Tourismus immer mehr zu einem Standardprodukt. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts erleichterten Massentransportmittel wie moderne Passstrassen, ab den 20er Jahren des vorletzten Jahrhunderts die Dampfschifffahrt sowie ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Aufkommen der Eisenbahnen das Reisen massiv. Auch in der Beherbergung wurde in Form von Grandhotels eine „industrialisierte“ Form gefunden, welche die Unterbringung der inzwischen größeren Touristenzahlen erlaubte. Triebkraft der Nachfrage war zum ersten Mal auch das durch die Industrialisierung zum Wohlstand gekommene Bürgertum. Die Industrialisierung wurde vor allem in Mitteleuropa durch einen Spezialeffekt überlagert. Die sogenannte „Belle Epoque“ war geprägt durch Langzeit-Aufenthalter in Form des Adels. Dieser hatte die Mittel, wurde aber durch das erstarkte Bürgertum immer mehr in seinen Funktionen beschnitten. In dieser Zeit entstanden Palast-Hotels an den schönsten Lagen Europas, am Meer oder in der Schweiz an Seen und auf einigermaßen leicht erreichbaren Berggipfeln. Im Gegensatz zu den teilweise bescheidenen Hotels der Industrialisierung wie beispielsweise der 1812 eröffnete Gasthof Rigi Klösterle oder das 1832 als erstes Hotel im Berneroberland auf dem Faulhorn auf 2600 Meter erbaute Hotel, waren diese Palast-Hotels mit jeglichem Komfort ausgestattet. Architektur und Dekor wurden den Heimunterkünften der Hauptkundengruppe, des Adels, nachgebildet. Die Hotels selbst respektive ihre Gesellschaftsräume waren Bühnen für den Auftritt der Noblesse der Zeit. Da die Schweiz von den beiden Weltkriegen nicht versehrt wurde, bestehen noch viele Zeugnisse der Belle Epoque. Beispiele dafür sind das Hotel Schweizerhof in Luzern oder das Hotel Giesbach am Brienzersee. Diese Hotels wurden mit großem Aufwand renoviert |46◄ ►47| und werden heute als moderne Hotels im Vier- und Fünf-Stern-Bereich weitergeführt.
Zur Unterhaltung des Adels und auch des Wohlstands-Bürgertums wurde einiges unternommen, da die Aufenthaltszeit dieser Gäste oft auch mehrere Monate betrug. So sprechen Zeugnisse beispielsweise davon, dass im Hotel Maloja im Engadin regelmäßige venezianische Nächte durchgeführt wurden, für die jeweils der Hauptspeisesaal geflutet wurde (vgl. Bener/Schmid 1983). Natursehenswürdigkeiten wie Wasserfälle wurden bengalisch illuminiert. Die Gäste aßen auf Booten und wurden ebenfalls von auf Booten vorbeifahrenden Kellnern bedient. Je nach Jahreszeit hielt sich diese internationale Schicht aus „heimatlosem“ Adel und neureichem Bürgertum jeweils für längere Zeit an der französischen oder italienischen Riviera (im Winter), in den Thermalbädern und Großhotels der Alpenrandseen (im Sommer) und auf ausgedehnten Bildungsreisen nach Nordafrika, Ägypten oder Griechenland auf.
Mit den Veränderungen in Gesellschaft und Umwelt in Form von sozialen Unterschieden, Armut, größeren Städten oder Umweltzerstörung durch Industriegebiete, verklärte sich das Freizeitbewusstsein. Die geistigen Wurzeln des Tourismus- und Freizeitbildes liegen in der englischen und deutschen Romantik. Idealbild im Sinne einer Imagination war das Bild einer zivilisationsfernen Natur, zeitliche Bilder der Geschichte, die zu Denkmälern oder Folklore erstarrt sind. Solche Leitbilder des Tourismus sind heute noch für verschiedene Tourismusformen wirksam (vgl. auch Enzenberger 1964).
Organisatorisch „industrialisiert“ wurde der Tourismus mit der Erfindung der Pauschalreisen. So entstanden in Deutschland die ersten Reisebüros ab 1886, in England gründete Thomas Cook bereits 1841 sein erstes Reisebüro.
TOURISMUS WÄHREND UND NACH DEM 1. WELTKRIEG
Während dem ersten Weltkrieg kam der internationale Tourismus praktisch vollständig zum Erliegen. Zahlreiche Infrastrukturen, z. B. Luftseilbahnen oder Hotels, erlitten Konkurs und wurden definitiv aufgegeben. Einzig in der Schweiz erhielt sich eine Art Langzeitaufenthalts-Tourismus in Form heimatloser Adeliger und internierter Offiziere.
In der Zwischenkriegszeit verstärkte sich durch die Umverteilung des Einkommens die breite Mittelschicht. Diese Bevölkerungsschichten unternahmen jedoch oft nur kürzere Reisen. Damit ging es Jahre, bis die großen Zentren in den Alpen wieder auf die Logiernächtezahl der Vorkriegszeit kamen. So wurde beispielsweise die im Rekordjahr 1910 erreichte Zahl der Hotellogiernächte erst wieder 1957 überschritten. In den Zwischenkriegsjahren entstand gleichzeitig auch ein neues Tourismusphänomen, der aktive Sporttourismus. Im |47◄ ►48| Sommer stand Golf, Tennis und auch Wassersport im Vordergrund. Nachdem 1863 der alpine Wintersporttourismus durch eine Wette von einem Hotelier in St. Moritz lanciert wurde, entwickelte sich aus dem ursprünglichen Schlittel-und Eislauftourismus immer mehr der Skitourismus. Für diesen entstanden in den Zwischenkriegsjahren die ersten Infrastrukturen, beispielsweise die 1932/33 erbaute Parsenn-Bahn in Davos.
TOURISMUS WÄHREND UND NACH DEM 2. WELTKRIEG
In praktisch allen Ländern kam während dem zweiten Weltkrieg, mit Ausnahme des „Militärtourismus“ und eines geringen Handelstourismus, das Reisen praktisch vollständig zum Erliegen. In der vom Krieg verschonten Schweiz entwickelten sich jedoch neue Formen des Tourismus in Form des Ausflugstourismus. Mit zum Teil verbilligten Tickets wurden der Bevölkerung, die nun im Vergleich zum ersten Weltkrieg über den Erwerbsersatz trotz Militärdienstpflicht der Männer durch ein bescheidenes Einkommen verfügte, Reiseangebote unterbreitet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der in der Vorkriegszeit entstandene Sporttourismus weiter. Im alpinen Raum wurde der Wintersport zu einem eigentlichen Motor der Entwicklung neuer Regionen und Orte. Im internationalen Tourismus führte der Ausbau des Flugverkehrs, vor allem auch des Charter-Luftverkehrs, zur Entwicklung des Badetourismus und zu ersten Ansätzen eines internationalen Sightseeing-Tourismus. Die traditionellen Tourismusländer im Einzugsgebiet der westlichen Industriestaaten erlebten in dieser Zeit eine eigentliche Boomphase, die durch die Elemente Motorisierung, Verstädterung (und damit verbunden mit Flucht aus dem eigenen Wohnumfeld) und Zunahme des Wohlstandes (vgl. auch Beratende Kommission für Fremdenverkehr 1979 und Krippendorf 1984) geprägt war.
GLOBALISIERUNG UND TOURISMUS
Ab ca. 1980 entwickelte sich die vorderhand letzte Phase des internationalen Tourismus, die Globalisierung. Treiber der Entwicklung waren auf der Angebotsseite der Ausbau des internationalen Flugverkehrs. Nicht zuletzt dank dem Aufkommen zweistrahliger Großraum-Langstrecken-Jets seit Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verbilligte sich der Flugverkehr massiv. Während in den Nachkriegsjahren im Ferntourismus der Charter-Flugverkehr dominierte, können jetzt Touristen von immer günstigeren Apex- und Superapex-Tarifen (APEX als Abkürzung für Advanced Purchased Excursion Fare) der Linienfluggesellschaften als Individualtouristen profitieren. Internationale Hotelketten sorgen weltweit für berechenbare Qualitäten im Unterkunftsbereich.|48◄ ►49| Flüge und Hotels können dank internationaler Reservationssysteme (GDS - Global Distribution Systems) maßgeschneidert und individuell gebucht werden. Neue Destinationsformen wie Themenparks, Kreuzfahrtschiffe oder einheitlich geführte Resorts, z.B. nordamerikanische Skiorte oder asiatische Badeferieninseln, sorgen für eine durchgehende Dienstleistungsqualität aus einer Hand. Der interkontinentale Sightseeing-Tourismus, der Kulturtourismus aber auch der Kurzerlebnistourismus mit seinen Risikosportarten nahmen zu.
Enzensberger charakterisiert den Fortschritt des Tourismus mit den drei Kategorien Normierung, Montage und Serienfertigung. Mit dem im Jahre 1836 von John Murray veröffentlichten ersten „red book“ entstand das erste Reisebuch, das die Grundelemente jeder Reise, die „Site“ normiert und ihrem Wert nach in eine, zwei oder drei Sterne unterteilt (vgl. Enzensberger 1964, 13). Die Bilder, die mit der Reise verkauft werden, sind „montierte“ Bilder. Sehenswürdigkeiten werden eingepackt in Bilder der Ferne, der Romantik, Natur und Geschichte. Reiseplakate, Reiseprospekte werden entsprechend vielfach mit konstruierten oder gestellten Bildern geschmückt. Die normierte und mutierte Welt wird schließlich serienmäßig durch moderne Reisemittler an Gruppen oder modulartig an Individuen verkauft. Diese Charakterisierung der Entwicklung des Tourismus dürfte auch im Zeitalter der Globalisierung noch relevant sein.
Die laufende Veränderung der Bedürfnisse und Treiber der Nachfrage führte die einzelnen Tourismusorte zu einem Zwang, sich immer wieder zu restrukturieren und neu auszurichten. Das Beispiel von St. Moritz zeigt schön den Übergang von einem traditionellen Badeort über ein Hauptort der Belle Epoque zu einem Sommersportort bis zum modernen Wintersportort und internationalen Rundreiseziel.
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2.4. Forschungsfall: Tourismus-Satellitenkonto – Impact Messung am Beispiel Österreich (E. Smeral)1
2.4.1. TSA – Einführender Überblick
Die Bedeutung des Tourismussektors als wirtschaftliches und soziales Phänomen ist in den vergangenen Jahrzehnten beträchtlich gewachsen. In Bezug auf die Einschätzung der Grössenordnung lagen jedoch im Hinblick auf die monetär-wirtschaftliche Komponente nur unzureichende Informationen vor, da sich die Statistik zum überwiegenden Teil nur auf wenige quantitative Indikatoren wie Ankünfte, Übernachtungen, Anzahl der Reisen oder Daten aus der Leistungsbilanz (Tourismusexporte und -importe) konzentrierte. Weiter waren die tourismusrelevanten Informationen nur innerhalb bestimmter makroökonomischer Aggregate (z.B. privater und öffentlicher Konsum) aufzufinden. Dementsprechend erhielt die Öffentlichkeit nur ein unzulängliches Bild von der Bedeutung des Tourismus und dessen Einfluss auf die Gesamtwirtschaft.
2.4.2. Konzept
Die Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Größe des Tourismussektors liegen primär darin, dass im System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) die einzelnen Wirtschaftszweige auf Basis ihrer Erzeugung (ihres Outputs) und nicht auf Basis der Nachfrage erfasst werden, während gerade die Tourismuswirtschaft durch ihre Konsumenten – die Touristen – zum Zeitpunkt des Konsums definiert wird.
Gemäß des TSA-Konzeptes erfolgt eine grundlegende Aufgliederung in eine „tourismusspezifische“, „tourismusverwandte” und „nicht tourismusspezifische“ Produktion, die entsprechend „tourismusspezifische“, „tourismusverwandte“ und „nicht tourismusspezifische“ Güter und Dienstleistungen herstellt. Folglich umfasst der Tourismuskonsum „tourismusspezifische“ (d.h. Unterkünfte, Reisebüros, Seilbahnen) sowie „tourismusverwandte“ (Gaststätten) und „nicht tourismusspezifische“ (z.B. Einzelhandel) Güter und Dienst-leistungen.|50◄ ►51| Letztere sind solche, welche vorwiegend an Nichttouristen geliefert werden.
Das TSA stellt den Versuch dar, den Tourismus als ökonomisches Phänomen in Verbindung mit der VGR und anderen Wirtschaftsstatistiken zu erfassen und zu analysieren. Dabei dient die VGR als Rahmen und Integrationsraster. Trotzdem ist das TSA mehr als nur ein VGR-Subsystem, vor allem, weil je nach Bedarf zusätzliche wichtige Informationen eingebaut werden können.
Das System basiert auf dem Inlands-Konzept, dessen Abgrenzungen im Einzelnen zu definieren sind. Dazu eignet sich im Besonderen das Wohnsitzkonzept und dessen Anwendung auf die Teilnehmer am Tourismusmarkt, nämlich die Anbieter (Produzenten) und die Verbraucher (Nachfrager/Touristen).
2.4.3. Ökonomische Implikationen des Tourismus-Satellitenkontos
Grundsätzlich bezieht sich das TSA-Konzept in seinem Kernbereich auf die „Tourismusindustrien“ (i.e.S.). Das sind vor allem die Bereiche des Beherbergungs-, Restaurant-, Reisebüro- sowie des Kultur-, Unterhaltungs- und Reiseversicherungswesens. Es soll versucht werden, Tourismus als ökonomisches Phänomen eingehender zu erfassen und in Verbindung mit der VGR und anderen Wirtschaftsstatistiken zu analysieren. Obwohl im Allgemeinen immer über die „Tourismusindustrie“ gesprochen wird, ist dieser Ausdruck doch problematisch, denn Tourismus ist keine Industrie im herkömmlichen Sinn, wo die einzelnen Bereiche ein gemeinsames Produkt oder eine Dienstleistung herstellen bzw. die gleiche Produktionsfunktion haben.
Der Begriff „Satellit“ beschreibt das TSA als eine Erweiterung des Input-Output-Grundgerüstes im System der VGR. Im Zusammenhang mit dem Tourismus-Satellitenkonto kann man sich die Input-Output-Struktur als eine Abfolge von Tabellen vorstellen, in denen in den Spalten bzw. in den Zeilen die einzelnen Wirtschaftszweige und die Waren aufgelistet sind. Jede Zelle dieser Tabellen gibt somit Auskunft über den Wert der in einer bestimmten Branche produzierten Ware für jeweils ein Jahr. Ein anderes Tabellenblatt zeigt den Wert jeder von den einzelnen Branchen konsumierten Ware und eine weitere Tabelle fasst die Endnachfrage der Konsumenten, der öffentlichen Hand und der ausländischen Gäste sowie die Investitionen durch die privaten und öffentlichen Haushalte zusammen. Das TSA lässt sich als eine Teilmenge dieser Tabellenblätter verstehen.
Das Hauptproblem bei den „tourismusspezifischen” Branchen liegt vor allem darin, dass der Konsum touristischer Waren nicht immer eindeutig gemessen werden kann. So werden z.B. Speisen im Restaurant auch von Nichttouristen konsumiert und andererseits nicht touristische Waren wie Bekleidung oder |51◄ ►52| Lebensmittel auch von Touristen gekauft. Das bedeutet, es können nicht einfach „tourismusspezifische“ Branchen identifiziert und deren Output-Daten aggregiert werden. Um Aussagen über die Tourismusaktivitäten eines Landes zu machen, muss vielmehr der Output einer touristischen Ware mit jenem Anteil gewichtet werden, der dem Verhältnis der touristischen Ausgaben zu den Gesamtausgaben für das entsprechende Gut entspricht. Im Prinzip hat jedes Produkt ein touristisches Gewicht: Hotelzimmer erreichen z.B. knapp 100% ihres Ouputs, andere Produkte wiederum haben weniger oder fast gar keine touristische Bedeutung.
2.4.4. Definition der Tourismusnachfrage
Massgebend für die Bestimmung der Tourismusnachfrage sind:
• Besucher,
• hauptsächlicher Reisezweck,
• gewohnte bzw. ungewohnte Umgebung und
• touristischer Konsum.
2.4.4.1. Besucher
Ein Besucher wird definiert als „jede Person, die für die Dauer von nicht mehr als zwölf Monaten ihre gewohnte Umgebung verlässt, und deren hauptsächlicher Reisezweck ein anderer ist als die Ausübung einer Tätigkeit, die von dem besuchten Land aus entlohnt wird“.
Dabei müssen zunächst zwei grundlegende Kategorien von Besuchern unterschieden werden:
• Internationale Besucher, die in dem Land der Reisedestination nicht ihren ordentlichen Wohnsitz haben; dazu zählen auch Staatsbürger, die ihren Wohnsitz ständig im Ausland haben;
• Inländische Besucher, deren ordentlicher Wohnsitz sich im Reisezielland befindet, wobei es sich um Staatsbürger oder Ausländer handeln kann.
Ein Besucher kann entweder ein Tagesbesucher oder ein Tourist sein, das ist ein Besucher mit mindestens einer Übernachtung. Ferner kann eine Reise zu Geschäftszwecken oder aus anderen (persönlichen) Gründen stattfinden (wie Besuch des Zweitwohnsitzes oder von Verwandten und Bekannten). Bestimmte Formen der Reise sind jedoch ausgenommen, nämlich jene von Grenzgängern (z.B. Pendler), vorübergehend Zugezogenen, Einwanderern |52◄ ►53| (z.B. Gastarbeiter), Flüchtlingen, Diplomaten (z.B. Konsularvertreter) und Militärpersonen im Zuge ihrer beruflichen Tätigkeit.
Im Allgemeinen ist die im TSA verwendete Definition von Besuchern und Touristen sehr breit und beinhaltet damit alle Personen, die einen Ort besuchen oder bereisen, an dem sie keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen. Folglich könnte ein Geschäftsreisender entweder Tourist oder Nichttourist sein, je nachdem, an welchem Ort sich seine bezugsauszahlende Stelle befindet und in welcher Art und Weise er seine Aktivitäten unternimmt. Im TSA-Konzept wird damit die gewohnte Umgebung als jener Raum angesehen, in dem jemand lebt bzw. arbeitet und den er damit relativ häufig frequentiert, und/oder der in der Nähe des ordentlichen Wohnsitzes liegt.
2.4.4.2. Hauptsächlicher Reisezweck
Beim Hauptreisezweck von Tagesbesuchern und Touristen kann nach folgenden Kategorien unterschieden werden:
• Freizeit-, Erholungs- und Urlaubsreisen,
• Verwandten- und Bekanntenbesuche,
• Dienst- und Geschäftsreisen,
• Kuraufenthalte,
• Religiös motivierte Reisen/Wallfahrten,
• Sonstige.
2.4.4.3. Gewohnte und ungewohnte Umgebung
Die gewohnte Umgebung bezieht sich auf die geografischen Grenzen, innerhalb derer sich jemand im täglichen Leben bewegt, und setzt sich aus der direkten Umgebung seines Zuhauses, des Arbeitsplatzes oder der Ausbildungsstätte sowie anderen häufig frequentierten Orten zusammen.
Der Begriff „gewohnte Umgebung“ umfasst zwei Dimensionen:
Häufigkeit – Orte, die von einer Person häufig (regelmäßig) besucht werden, sind als ein Teil ihrer gewohnten Umgebung anzusehen, auch wenn sie in erheblicher Entfernung vom Wohnort liegen.
Entfernung – Orte in der Umgebung des Wohnortes einer Person sind Teil ihrer gewohnten Umgebung, auch wenn diese nur selten besucht werden.
Nationale Statistik-Organisationen grenzen den Begriff der gewohnten Umgebung pragmatisch durch Kriterien wie Reisedistanz und Besuchshäufigkeit oder formal nach Gegend oder Verwaltungsgebiet ab.
Der TSA-Philosophie zufolge ist es entscheidend, ob das Reiseziel einer Person („des Besuchers“) außerhalb ihrer gewohnten Umgebung liegt; in diesem |53◄ ►54| Fall zählt diese nicht zu den „einheimischen Konsumenten“. Aus ökonomischer Sicht werden durch den Aufenthalt eines Besuchers/Touristen zusätzliche Ausgaben und somit Wertschöpfung – über jene der einheimischen Konsumenten hinaus – generiert. Dieser von den Besuchern ausgelöste monetäre Effekt kann mit Hilfe des TSA gemessen werden. Die Begriffe „gewohnte“ und „ungewohnte Umgebung“ sind in einem räumlichen Kontext zu verstehen und finden im Rahmen des Tourismus-Satellitenkontos Berücksichtigung.
2.4.4.4. Touristischer Konsum
Für die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus spielen die Ausgaben eine zentrale Rolle. Von UNWTO und OECD wird folgende Definition verwendet: „Ausgaben, die von oder für einen Besucher vor, während und nach einer Reise außerhalb der gewohnten Umgebung getätigt werden und mit dieser in Zusammenhang stehen“.
Außer den üblichen Ausgaben für Transport, Verpflegung oder Unterkunft während oder im Zuge der Vorbereitungen einer Reise beinhalten diese Aufwendungen gleichzeitig auch Kosten, die dem Reisezweck dienen und schon einige Zeit vor der Reise angefallen sein können (z.B. für Koffer oder Film). Andererseits sind Ausgaben von Geschäftsreisenden für Investitionen nicht den touristischen Aufwendungen zurechenbar, selbst wenn dies der Anlass für die Reise ist. Wird die Reise jedoch von einem Nichttouristen finanziert (Eltern bezahlen z.B. dem Freund den Besuch ihres im Ausland lebenden Kindes), gehört dies zu den touristischen Aufwendungen, da die Ausgaben für den Besucher erfolgten.
Entsprechend den Akteuren bzw. den Trägern des touristischen Konsums ergeben sich folgende Komponenten:
• Ausgaben inländischer Haushalte (oder an deren Stelle) für Erholungs-und Urlaubszwecke sowie im Zuge des Besuches von Zweitwohnsitzen und von Verwandten und Bekannten;
• Ausgaben von privaten oder öffentlichen Produzenten (via Geschäfts-und Dienstreisen im Zuge von Reisen im Auftrag ihrer privaten oder öffentlichen Arbeitgeber oder im Rahmen ihrer eigenen Tätigkeit) sowie
• Ausgaben von Ausländern im Inland.
Der im TSA aufscheinende Tourismuskonsum von Geschäftsreisenden beinhaltet nur die vom Unternehmen bezahlten Aufwendungen wie Transport, Unterkunft usw.; ein Theaterbesuch am Abend oder die Verlängerung des Aufenthaltes sind vom Geschäftsreisenden selbst zu finanzieren und daher Teil der privaten (touristischen) Endnachfrage.
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Abbildung 16: Zahlungsströme am Tourismus- und Freizeitmarkt

Quelle: WIFO 2009
Zusammenfassend kann also der Tourismuskonsum weit über die Reiseausgaben eines Besuchers hinausgehen: Er umfasst auch noch sämtliche für ihn getätigten Waren- und Dienstleistungsaufwendungen durch andere Institutionen. Werden Bargeld oder Vermögenswerte an den Besucher zur Finanzierung seiner Reise transferiert, scheinen die damit erfolgten Einkäufe ebenfalls im Konsum auf. Somit beinhaltet das TSA alle direkten, reisebezogenen Transaktionen zwischen Käufer und Produzent/Lieferant.
In Anbetracht der touristischen Erscheinungsformen lassen sich nun verschiedene Aggregate für den Tourismuskonsum ableiten. Da die Ausgaben von In-und Ausländern stammen können, ergibt sich für die Zahlungsströme zunächst folgende Unterscheidung (siehe auch Abbildung 16):
• Touristischer Ausländerkonsum im Inland (= Tourismusexporte);
• Touristischer Inländerkonsum im Inland (= Einnahmen im Binnenreiseverkehr; hierzu zählen nur die Ausgaben in ungewohnter Umgebung; Ausgaben innerhalb der gewohnten Umgebung sind nichttouristischer Freizeitkonsum, der eine erweiterte Sicht des TSA ermöglicht);
• Touristischer Inländerkonsum im Ausland (= Tourismusimporte)2; |55◄ ►56|
• Touristischer Inlandskonsum von In- und Ausländern (= Tourismusexporte + Einnahmen im Binnenreiseverkehr);
• Nationaler touristischer Konsum (= Einnahmen im Binnenreiseverkehr + Tourismusimporte).
Die Tourismusnachfrage von In- und von Ausländern kann unterteilt werden in Ausgaben von
• Tagesbesuchern und
• Touristen (d.h. Besucher mit mindestens einer Übernachtung).
Beide, Tagesbesucher und Touristen, können sein:
• Erholungs- und Urlaubsreisende, Reisende auf Grund von Verwandten-und Bekanntenbesuchen, Kuraufenthalten, Wallfahrten usw.,
• Geschäftsreisende,
• Zeitwohnungsbesucher.
Tagesbesucher und Touristen können Ausgaben tätigen für:
• spezifische Tourismusgüter,
• Tourismusverwandte Güter und
• nicht tourismusspezifische Güter.
2.4.5. Der Zusammenhang zwischen direkten, indirekten und induzierten Effekten
Das TSA berücksichtigt nur die direkte Tourismusnachfrage, die die Aufwendungen umfasst, welche vom Besucher (oder an dessen Stelle) für Waren und Dienstleistungen vor, während und nach einer Reise getätigt werden, wobei diese in Verbindung mit der Reise stehen müssen. Um die wirtschaftliche Rolle des Tourismus im TSA-Kontext zu messen, muss deshalb eine direkte Verbindung zwischen Käufer und Produzent/Lieferant vorhanden sein. Basierend auf der Definition der direkten Tourismusnachfrage zeigt das TSA diese Beziehungen und die daraus resultierende Wertschöpfung auf.
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Die auf direkte physische und wirtschaftliche Beziehungen eingeschränkte Tourismus-Definition laut TSA lässt die verschiedenen indirekten, durch wirtschaftliche Lieferverflechtungen ausgelösten Effekte, außer Betracht. Somit kann die nationale Tourismuswertschöpfung auf Basis eines TSA nur mit den TSA-Ergebnissen anderer Länder oder mit analog errechneten Satelliten anderer Sektoren verglichen werden.
Diese direkten und indirekten Effekte oder die Auswirkungen des Tourismus auf die Gesamtwirtschaft eines Landes können durch die Input-Output-Analyse beschrieben werden. Sie ermöglicht damit neben der Berechnung der direkten zusätzlich auch die Berechnung der indirekten Wertschöpfungseffekte. Die entstandene Wertschöpfung erhöht das Einkommen der ersten Stufe und löst weitere Ausgaben aus – ein Multiplikatorprozess wird in Gang gesetzt.
Im Gegensatz zur Definition der Welttourismus-Organisation (UNWTO) werden die Begriffe „direkt“ und „indirekt“ hier im rein ökonomischen Kontext der Input-Output-Analyse verstanden. „Induzierte“ Effekte werden im Kontext des Multiplikator-Modells nach Keynes aufgefasst.
Aufgrund der Tatsache, dass im TSA-Kontext nur die direkten touristischen Effekte auf Grund physischer und ökonomischer Beziehungen zwischen Käufer und Verkäufer erfasst werden, müssen beim Vergleich der ermittelten TSA-Wertschöpfungsdaten mit der gesamten Wertschöpfung einer Volkswirtschaft zusätzlich auch die indirekten Effekte berücksichtigt werden.
Weiters werden auf TSA-Ebene die Dienst- und Geschäftsreisen (richtigerweise) der touristischen Gesamtnachfrage zugerechnet und sind damit mesoökonomisch wertschöpfungswirksam. Bei einem Vergleich der TSA-Wertschöpfungsdaten mit der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung entsteht damit (ebenso wie bei der Berücksichtigung der indirekten Effekte) ein Korrekturbedarf, da gesamtwirtschaftlich der Intermediärkonsum („Zwischennachfrage“) – im Speziellen die Dienst- und Geschäftsreisen der Inländer – als Vorleistung behandelt wird und daher vom im TSA-Kontext ermittelten touristischen Inländer-Konsum in Abzug gebracht werden muss.
2.4.6. Ergebnisse
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse eines TSA am Beispiel Österreichs dargestellt.
Die Einrichtung eines Tourismus-Satellitenkontos bedeutete die Einleitung einer nachhaltigen Veränderung in der monetären Berichterstattung. Die Veränderungen betreffen insbesondere die touristischen Zahlungsströme der Inländer,|57◄ ►58| die Erfassung der Zahlungsströme von ausländischen Gästen bleibt in ihrem Umfang unverändert.
Bisher wurden unter den touristischen Aufwendungen der Inländer für Österreich-Aufenthalte die Ausgaben im Zuge von Übernachtungen nur zum Teil erfasst, da zwar die Aufwendungen im Zuge von Übernachtungen in entgeltlichen Unterkünften zur Gänze einbezogen wurden, die monetäre Bedeutung von Aktivitäten bei Übernachtungen in unentgeltlichen Unterkünften erfolgte jedoch nur teilweise.
Das TSA-Konzept hingegen verlangt
• die vollständige Berücksichtigung von Aufwendungen im Zuge von Aufenthalten in unentgeltlichen Unterkünften (Verwandten- und Bekanntenbesuche, ohne Zweitwohnungen und Wochenendhäuser), sowie zusätzlich die Berücksichtigung von
• Aufwendungen im Zuge von Aufenthalten in Zweitwohnungen bzw. Wochenendhäusern und
• jene im Zuge von Tagesausflügen.
Dadurch erhöht sich die bisher für den Binnenreiseverkehr ausgewiesene Summe deutlich.
Die dargestellten Basisdaten des TSA beziehen sich auf die Jahre 2005 bis 2007. Im Jahr 2007 entfielen laut TSA-Ergebnissen von den Gesamtausgaben für Urlaubs- und Geschäftsreisen sowie Verwandten- und Bekanntenbesuche in der Größenordnung von 30,367 Mrd. EUR (2005: 28,052 Mrd. EUR) 50,3% auf ausländische Besucher, 46,5% auf inländische Reisende und 3,2% auf die Ausgaben der Inländer in Wochenendhäusern bzw. Zweitwohnungen entfallen (Abbildung 17).
Die Ausgaben der inländischen Reisenden für in Österreich gelegene Ziele sind zu 58,9% den übernachtendenden Touristen und zu 41,1% den Tagesbesuchern zuzurechnen, wogegen bei den ausländischen Besuchern rund 87.8% der Aufwendungen auf den Übernachtungstourismus entfallen.
Von den Ausgaben der Österreicher für Inlandsreisen entfallen auf den Reisezweck „Urlaub“ 77,4% und auf Geschäftsreisen 22,6%. Bei den Geschäftsreisenden sind die Aufwendungen für Tagesausflüge dominant, wogegen bei den Urlaubsreisenden die Aufwendungen für Übernachtungsreisen jene für Tagesreisen übersteigen.
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Abbildung 17: Hauptergebnisse des Tourismussatellitenkontos (TSA) für Österreich

Quelle: WIFO (Österreichisches Insitut für Wirtschaftsforschung) 2009
Die Ermittlung der direkten Wertschöpfungseffekte des Tourismus ergab laut TSA-Konzept für das Jahr 2007 ein Volumen in der Größenordnung von 14,553 Mrd. EUR (+5,2% gegenüber 2006). Wird diese Größenordnung zum BIP in Beziehung gesetzt, ergibt sich rein rechnerisch ein Anteil von 5,4% (2006: 5,4%).
In Bezug auf die Verteilung der Gesamtaufwendungen auf die verschiedenen Güter und Dienstleistungen im Jahr 2007 machten die Dienstleistungen des Beherbergungswesens mit über einem Drittel die größte Position aus, gefolgt von den Restaurant- und Gaststättendiensten mit einem Anteil von rund einem Viertel (Abbildung 18).
Für die Dienstleistungen des Transportwesens wurde im Jahr 2007 mit 11,8% der Gesamtausgaben ein höherer Betrag als für die Leistungen des Kultur-, Unterhaltungs- und sonstigen Dienstleistungssektors (insgesamt 7,1%) aufgewendet.
Insgesamt entfielen auf die tourismuscharakteristischen Aufwendungen rund 80% der Gesamtausgaben. Der Anteil der tourismusverwandten und nichttourismusspezifischen Produktionsbereiche machte ca. 20% des gesamten touristischen|59◄ ►60| Konsums aus, wobei davon etwas mehr als die Hälfte (55%) für Dienstleistungen verausgabt wurde.
Abbildung 18: Touristischer Konsum nach Produkten im Jahr 2007

Quelle: Statistik Austria, WIFO 2009. Daten. Rundungen können Rechendifferenzen ergeben. – 1) Urlaubs- und Geschäftsreisen; einschliesslich Verwandten- und Bekanntenbesuche; Aufwendungen bzw. „fiktive“ Miete. – 2) einschliesslich Strassenbahn, Schnellbahn, Autobus, Taxi & Parkhäuser, Betrieb von Bahnhöfen bzw. Flughäfen. – 3) Nur Spannen;Package-Teile sind in den jeweiligen Dienstleistungen enthalten (z. B. bei Buchung einer Schiffskreuzfahrt in einem Reisebüro: Die Dienstleistung wird dem „Wasserverkehr“ zugerechnet, die Position „Spanne“ verbleibt unter „Reisebüros bzw. -veranstalter“).
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus bzw. sein Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung ist eine wichtige Kennziffer für die Wirtschaftspolitik. Zur Ermittlung dieser zentralen Kennziffer sind die TSA-Ergebnisse mit Berücksichtigung aller durch den Tourismus ausgelösten direkten und indirekten Effekte, aber unter Ausschluss der Dienst- und Geschäftsreisen darzustellen. Bei der Anwendung der Input-Output-Multiplikatoren auf die korrigierten TSA-Ergebnisse ergaben sich für das Jahr 2007 direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte von 22,29 Mrd. EUR. Damit belief sich der Beitrag des Tourismus zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung (BIP) auf 8,2% (Abbildung 19). Für die Jahre 2008 und 2009 werden 8,4% bzw. 8,2% prognostiziert.
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Abbildung 19: Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Tourismus und Verkehr in Österreich

Quelle: Statistik Austria, WIFO 2009; – 1) Ohne Dienst- und Geschäftsreisen
Obwohl die Input-Output-Analyse durch ihre restriktiven Annahmen (z.B. keine Substitutionsmöglichkeiten und Skalenerträge oder fehlende Auslastungsüberlegungen) Unschärfen für das Ergebnis bedeutet, ist sie dennoch die einzige Methode, die eine systematische Erfassung aller direkten und indirekten Wertschöpfungseffekte des Tourismus erlaubt.
Im Hinblick auf die Ermittlung der volkswirtschaftlichen Bedeutung von Tourismus und Freizeit muss der Freizeitkonsum der Österreicher am Wohnort noch zusätzlich berücksichtigt werden. Der Freizeitkonsum in der gewohnten Umgebung ist eine verborgene Komponente des Inlandskonsums der Österreicher. Dieser besteht aus:
• Ausgaben für Inlandsreisen mit und ohne Übernachtung.
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• Ausgaben im Zuge des Besuchs von Zweitwohnungen (mit und ohne Übernachtung).
• Ausgaben in der gewohnten Umgebung.
Da der Inlandskonsum der Österreicher bekannt ist, können durch Isolierung der Ausgaben für Inlandsreisen sowie der Ausgaben im Zuge des Besuchs von Zweitwohnungen die Ausgaben in der gewohnten Umgebung berechnet werden. Nach der Berechnung des Residuums muss in einem nächsten Schritt die Aufteilung zwischen Freizeitkonsum und sonstigem privaten Konsum vorgenommen werden, wobei nicht nur Niveau-, sondern auch Struktur-Informationen notwendig sind. Um die Aufteilung zwischen Freizeitkonsum und sonstigem privaten Konsum vornehmen zu können, müssen Informationen bezüglich der spezifischen Freizeitanteile der verschiedenen restlichen Konsumpositionen herangezogen werden. Durch die Aufsummierung der einzelnen Positionen des im Detail ermittelten Freizeitkonsums ergibt sich der gesamte Freizeitkonsum der Österreicher in der gewohnten Umgebung bzw. am Wohnort.
Aufgrund fehlender Detailinformationen bezüglich Ausgabenstrukturen und der Freizeitanteile am restlichen privaten Konsum wurden öfters Schätzungen oder pragmatische Annahmen notwendig. Obwohl die meisten Freizeitanteile aus vorhandenen Erhebungen über die Verwendung des Zeitbudgets ableitbar waren, konnte öfters nicht klar ermittelt werden, ob die Freizeitaktivitäten in der gewohnten Umgebung oder woanders ausgeübt wurden. Aus diesen Gründen haben die für den Freizeitkonsum in der gewohnten Umgebung ermittelten Werte eher den Charakter von Größenordnungen als den Charakter von exakten statistischen Maßzahlen.
Laut neuesten Berechnungen wurden im Jahr 2007 für den Freizeitkonsum der Inländer am Wohnort 25,26 Mrd. EUR aufgewendet. Nach Anwendung der Input-Output-Multiplikatoren ergaben sich dadurch direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte von 21,04 Mrd. EUR. Der Beitrag des Freizeitkonsums der Inländer am Wohnort zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung betrug damit 7,8%. Im Jahr 2008 dürfte dieser Wert unverändert geblieben sein, für 2009 liegen die Erwartungen bei 7,9%.
Bei einer Gesamtbetrachtung der inlandswirksamen Aufwendungen für den nicht touristischen Freizeitkonsum am Wohnort und den touristischen Konsum wird die beachtliche Dimension der gesamten Tourismus- und Freizeitwirtschaft deutlich:
• Die für das Jahr 2007 ermittelten direkten und indirekten Wertschöpfungseffekte ergaben ein Volumen von 43,33 Mrd. EUR.
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• Der Beitrag der gesamten Tourismus- und Freizeitwirtschaft zum BIP erreichte damit 16%.
• Im Jahr 2008 dürfte das Gewicht des Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung 16,1% betragen haben. Für 2009 wird mit demselben Wert gerechnet.
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3. Tourismus als System
3.1. Grundkonfiguration eines Tourismussystems
Systeme sind eine „geordnete Gesamtheit von Elementen, zwischen denen irgendwelche Beziehungen bestehen oder hergestellt werden können“ (Ulrich 1968, 105). Es gibt also verschiedene Charakteristika, die ein System konstituieren (vgl. für den Tourismus auch Müller 1997, 75ff.):
• Ein System besteht aus zwei oder mehr Elementen, welche unterschiedlicher Art sein können: Unternehmen, Personen, Umweltsphären, Organisationen, Länder usw. Diese Elemente können durchaus auf einem anderen Betrachtungsniveau wiederum ein System darstellen.
• Da Systeme gesamthaft auf Umfeldveränderungen reagieren, müssen alle Objekte eines Systems verbunden sein und es sind permanente oder zumindest häufige und regelmäßige Ströme auf allen Verbindungen erforderlich.
• Ein weiteres wesentliches Charakteristikum eines Systems ist die Komplementarität ihrer Komponenten (vgl. Economides 1996, 674). Komplementarität in einer Gruppe von Elementen bedeutet die Möglichkeit, zusammen eine Austauschbeziehung zu bilden, wobei es nicht darauf ankommt, ob tatsächlich Strömungen zustande kommen.3 Eine Gruppe von Objekten erfüllt dieses Kriterium, wenn jedes Element Beziehungen zu anderen Elementen der Gruppe hat. Auch Verbindungen können komplementär sein, wenn sie mit geeigneten Elementen ein System bilden könnten.
Das ursprüngliche Ziel der Systemtheorie ist es, komplexe Zusammenhänge sinnvoll zu strukturieren (vgl. auch Ulrich 1968 für die Systemtheorie in Betriebswirtschaftslehre, Ansätze zur Darstellung des Tourismus als System, finden sich in Kaspar 1975, Leiper 1979, Mill/Morrison 1985, Sessa 1985, Krippendorf 1986 oder Müller 1997). Die Gründe für die Bedeutung des System-Ansatzes in der Tourismusforschung dürften sein (vgl. auch Kaspar 1996, 11 und Müller 1997, 75ff.): |65◄ ►66|
• Zwischen dem Tourismus und seinen Umwelten bestehen vielfältige Beziehungen.
• Innerhalb des Tourismussystems bestehen viele Vernetzungen und Subsysteme wie z.B. zwischen dem Verkehr und der Destination, beispielsweise in der Belebung des Tourismus durch die Entwicklung eines Luftverkehrs-Hub.
• Ein touristisches Produkt ist aus vielen Teilleistungen zusammengesetzt, es ist ein eigentliches Leistungsbündel (vgl. Kaspar 1996, 68; Kaspar /Kunz 1982, 34). Teilleistungen sind Attraktionen wie Erholungsanlagen, Museen, Landschaften, Anlässe und Infrastrukturen wie Verpflegung, Beherbergung, Transport, Gästebetreuung (vgl. WTO 1993, 22).
• Die Tourismusforschung ist interdisziplinär. Es werden also verschiedene Gesichtspunkte und Methoden berücksichtigt. Systemtheorie kann eine Art Kernwissenschaft sein, die hilft, die verschiedenen Disziplinen dank einer gemeinsamen Sprache und konzeptionellen Grundlage zu integrieren (vgl. Döring 1999, 50).
Abbildung 20: Tourismussystem nach Kaspar

Quelle: Kaspar 1996, 12
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Kaspar definiert ein Subsystem Tourismussubjekt. Damit sind der Tourist und die Bestimmungsfaktoren seiner Nachfrage angesprochen. Das Subsystem Tourismusobjekt umfasst die Institutionen der Tourismuswirtschaft, welche die Nachfrage befriedigen. Es sind dies der Tourismusort als „Kristallisationspunkt“ der Nachfrage (vgl. Kaspar 1996, 70ff.), der Ort also, an dem der Tourist den Aufenthalt verbringt und die Mehrzahl der Dienstleistungen bezieht, die Tourismusorganisationen, welche die dezentrale Leistungserstellung der Tourismusunternehmen vor Ort koordinieren, und die Tourismusunternehmen, Hotels, Bergbahnen oder Unterhaltungsbetriebe. Dieses Tourismussystem in einem engeren Sinne steht mit den verschiedenen Umwelten – der Ökonomischen, der Soziokulturellen, der Technologischen, der Politischen und der Ökologischen – in einem Wechselwirkungs-Verhältnis.
Diese ersten Systemdarstellungen können als einfache Strukturmodelle charakterisiert werden. Es gibt dabei kein „richtiges“ Modell, da es je nach Zweck und Fokus anders strukturiert wird. Leiper (1979) unterscheidet beispielsweise nach den Elementen Touristen, Herkunftsregion, Durchgangsregion, Destinationsregion und Tourismusindustrie und nimmt dabei eine eher geografische Perspektive ein. Sein Systemansatz ist geeignet für die Analyse der Struktur der Reiseströme und deren Wirkungen. Der Systemansatz von Kaspar (vgl. Abbildung 20) ist eher ein wirtschaftswissenschaftlicher, der die Analyse der Wechselwirkungen zwischen den wirtschaftlichen Elementen erlaubt.
3.2. Dynamik in einem Tourismussystem
Die Systemtheorie wurde insbesondere auf der Grundlage von Arbeiten u.a. Vester (1986) in einer Form operationalisiert, die es erlaubt, dynamische Entwicklungen zu erfassen und auch in ihrer Ausprägung zu berechnen (vgl. auch zur Überführung dieser Ansätze in die Managementlehre Gomez/Probst 1997).
Ausgangspunkt ist die Prämisse, dass Systeme, oder synonym Netzwerke, durch die Flüsse auf den Kanten/Verbindungen charakterisiert werden können. Diese Flüsse sind gerichtet und weisen spezifische Intensitäten auf. In visuellen Modellen werden Wechselwirkungen unter Berücksichtigung von Rückkoppelungen und Selbstverstärkungseffekten sichtbar. Mit Hilfe von Papiercomputern lassen sich die Netzwerke „berechnen“. Die einzelnen Knoten /Elemente der Netzwerke können damit in ihre integrierten Wirkungen und Abhängigkeiten klassiert werden.
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Abbildung 21: Beispiel eines vereinfachten Tourismussystemes in seiner Dynamik

Elemente mit einer hohen Passivsumme (Summe der empfangenen Fremdwirkungen) bei einer vergleichsweise kleinen Aktivsumme (Summe der vom Element ausgehenden Wirkungen) werden als Passivelement, bei einer umgekehrten Konstellation als Aktivelement bezeichnet, in diesem Beispiel sind dies die Touristen selbst. Für die Entwicklung solcher Netzwerkmodelle bestehen heute Softwareprogramme. Fragestellungen, wie die Wirkungen der Erschließung eines Gletschergebietes auf einen Ort, können damit integriert und unter Berücksichtigung von Rückkopplungen beurteilt werden (vgl. Abbildung 22).
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Abbildung 22: Wirkung einer Gletschererschließung im System

Im Tourismus wurden Bewegungsrichtungen und Intensitäten der Wechselwirkungen im Rahmen des UNESCO Projektes „Man and Biosphere“ am Beispiel von Testregionen erfasst (vgl. Müller 1986). Auf der Basis dieser Resultate entwickelte Krippendorf (1986) die „Tourismuswachstumsmaschine“, eine didaktisch eingängliche Darstellung der Wechselwirkungen des Tourismus.
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Abbildung 23: Die Tourismuswachstumsmaschine

Quelle: Krippendorf 1986, 61
Aufgrund der Daten war es möglich, die Wechselwirkungen zu quantifizieren. Die einzelnen Elemente des Tourismussystems können je nach ihrer Position in einer Nutzen-Schadenmatrix in vier Gruppen kategorisiert werden (vgl. Müller 1986): |70◄ ►71|
• Parasiten: Elemente wie Zweitwohnungen, die eine große Schadensumme auf andere Elemente bewirken, selbst aber eine große Nutzensumme von anderen Elementen empfangen.
• Dogs: Bei dieser Kategorie sind die verursachten Schäden größer als die produzierten Nutzen. Im Gegensatz zu den Parasiten ist aber die empfangene Schadenssumme größer als die Nutzensumme. Unter diese Kategorie fällt bspw. der Verkehr, jedoch nur eindeutig in Bezug auf die passive Schadeneinwirkung.
• Cash-cow: Bei den Elementen Wasser, Luft und Landschaft sind die produzierten Nutzen größer als die verursachten Schäden. Gleichzeitig sind diese Elemente sehr stark von den Schäden betroffen.
• Stars: Ortsansässige in einer Destination bewirken mehr Nutzen als Schäden, können aber gleichzeitig auch von mehr Nutzen profitieren, als dass sie von Schaden betroffen sind.
Mit der „Dynamisierung“ der Tourismussysteme wurde ein Instrument geschaffen, das
• eine Modellierung im Sinne von einfachen Wirkungs- und Erklärungsmodellen;
• eine Beurteilung der Wirkungsweise von Eingriffen, wie Infrastrukturbauten oder Regulierungen, erlaubt.
Das Instrument des Papiercomputers ist jedoch immer noch in dem Sinne statisch, als dass es von einem fix konfigurierten System ausgeht. Veränderungen wie der Austritt eines Systemelementes können innerhalb des Modells nicht simuliert werden. Die quantitativen Berechnungen basieren auf Schätzwerten. Oft müssen Werte mit verschiedenen Dimensionen, z.B. monetäre Werte, mit Ausstoßvolumen von Abgasen, gleichnamig gemacht werden.
3.3. Grundlagen der neueren Systemtheorie
Wie oben erwähnt, basieren die traditionellen Ansätze für Tourismussysteme auf der Prämisse, dass die Systeme stabil bleiben. Die Veränderung der Struktur der Netzwerke wird nicht erklärt. Dies impliziert, dass diese Netzwerke einen Gleichgewichtszustand erreicht haben.
Die Systemtheorie hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt (vgl. zur Entwicklung der Systemtheorie und ihrer Relevanz für die Erklärung von Airline Netzwerken, Döring 1999, generell zur Weiterentwicklung der Systemtheorie und ihrer Implikationen für Tourismus und Verkehr Schräder 2000).
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Der Fokus hat sich dabei auf die Analyse von Ungleichgewichtszuständen und Veränderungsprozessen von Netzwerken verlagert. Offene Systeme verändern sich durch:
• Hinzutreten neuer Elemente (bspw. erstmaliges Auftreten einer internationalen Hotelkette in einem Bergkurort);
• Veränderung der Flüsse auf den Kanten inkl. Entstehung neuer Kanten (z.B. Zugang von Bed and Breakfast zu internationalen Märkten durch IuK (Informations- und Kommunikationstechnologie), bspw. in Form des Internets) oder Verschwinden von Verbindungen, weil bspw. bessere Verbindungen mit höheren Kapazitäten entstehen (vgl. die Aufhebung von Eisenbahnstrecken in den 60er Jahren durch verbesserte Straßenverbindungen und der dadurch induzierten Verkehrsverlagerungen);
• und dadurch provoziertes Auseinanderbrechen in neue Teilnetzwerke oder neue Gesamtnetzwerke (vgl. Neukonfiguration von ganzen Branchen wie das Zusammenwachsen der Bergbahnen, Skischulen und Gastronomie zu integrierten Bergerlebnisunternehmen).
Abbildung 24: Ebenen von Netzwerken

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Veränderungen von Netzwerken können modellhaft nachvollzogen werden, indem Systeme in verschiedene System-/Netzebenen untergliedert werden (z.B. in die Ebenen emotionale Netzwerke, finanzielle Netzwerke, Eigentumsnetzwerke, physische Netzwerke (Flüsse der Besucher), Informationsnetzwerke (vgl. auch zu Konzept der Netzwerke auf verschiedenen Ebenen Schräder [2000]). Veränderungen auf einer Netzwerkebene, z.B. eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse (Kauf eines Hotels durch eine Bergbahn) führt zu einer Veränderung der emotionalen Beziehungen durch neue Abhängigkeiten. Die Informationsnetzwerke werden angepasst, indem neue Reporting-Beziehungen eingerichtet werden. Die physischen Netzwerke in Form der Besucherflüsse werden durch Infrastruktur- und Marketingmaßnahmen entsprechend den neuen Eigentumsinteressen gelenkt.
Aufgrund dieses Beispiels und der Tatsache, dass sich Netzwerke verändern, wird klar, dass bei der Analyse von Systemen die Dimension „Zeit“ berücksichtig werden muss (vgl. auch Luhmann 1984, 28). Ereignisse werden damit zu einer wesentlichen Analyseeinheit (vgl. auch in der Anwendung für die Betriebswirtschaftslehre, Rüegg-Stürm 1998). Die Fähigkeit von Systemen, sich verändern zu können, steht im Vordergrund des Forschungsinteresses. Das Konzept der selbstreferentiellen Systeme ist die Antwort der Systemtheorie auf diese Fragen.
Unter selbstreferentiellen Systemen versteht man Systeme, deren Zustände zyklisch gekoppelt sind, so dass frühere Zustände an der Hervorbringung der jeweils folgenden Zustände konstitutiv beteiligt sind (vgl. dazu und zum folgenden Schwaninger 1994 und 1998). Waren in der Disposition der offenen „statischen“ Systeme noch die äußeren Umwelteinflüsse primärer Erklärungsgrund für systeminterne Operationen, so werden mit dem Übergang auf die selbstreferentielle Konstruktion von Systemen die Systemelemente selbst und ihre systeminternen Relationen in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt.
• Selbstreferentielle Systeme werden demnach sowohl als geschlossene als auch als offene Systeme verstanden: Sie sind geschlossen, weil sie bei der Erzeugung ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst Bezug nehmen. Andererseits sind sie offen, weil sie auf die Existenz der Umwelt „als notwendiges Korrelat“ für den Austausch von Materie und Energie angewiesen sind (vgl. Luhmann 1992, 121).
• Offene Systeme stehen bezüglich ihrer Fähigkeit zur Selbstorganisation in Austauschprozessen mit Umwelten, die Relationen zwischen ihren Elementen herstellen können. Bei selbstreferentiellen Systemen bezieht sich die Fähigkeit zur Selbstorganisation auch auf die Reproduktion der Elemente,
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d.h. auf die Fähigkeit, die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst zu konstituieren. Der Selbstbezug des Systems verlagert sich also von der Ebene der Strukturbildung und Strukturänderung auf die Ebenen der Konstitution von Elementen (vgl. Luhmann 1984, 60). Dieses neue Systemverständnis wird mit dem Begriff „Autopoiesis“ bezeichnet (vgl. dazu Maturana 1991, 123).
• Auf diese Weise wäre dann ein System als strukturierter Strom von Ereignissen oder Kommunikationen zu begreifen (vgl. hierzu und zum folgenden Rüegg-Stürm 1998, 6ff.). Unternehmungen wären in diesem Sinne als abgrenzbare Ausschnitte aus dem gesellschaftlichen Ereignisstrom zu verstehen. Entscheidend für den Systemerhalt ist dabei die Anschlussfähigkeit der einzelnen Ereignisse, d.h. „Ereignisse müssen so gewählt werden, dass auch in der Zukunft noch Ereignisse gewählt werden können“ (Buschor 1996, 41; Luhmann 1984, 169). Wenn diese Anschlussfähigkeit nicht mehr gegeben ist, bricht der Ereignisstrom ab und dies kann zum Zusammenbruch von Subsystemen oder gar des gesamten Systems führen. Beispiele für solche „anschlusslosen“ Ereignisse bzw. Entscheidungen sind das Nichteinhalten von Zahlungsverpflichtungen, das unangemessene Verhalten gegenüber Mitarbeitern oder anderen Anspruchsgruppen oder die Nichtbeachtung der Marktinteressen. Solche Ereignisse können Beziehungen abbrechen und Netze zerfallen lassen.
Abbildung 25: Dimensionen der Dualität von Struktur

Quelle: Giddens 1992, 81
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Bei Tourismussystemen handelt es sich immer um soziale Systeme. Die Selbstorganisation, die Strukturierung solcher Systeme hängt stark von der Wahrnehmung der betroffenen Elemente oder Aktoren ab. Nicht die objektive Realität, sondern die wahrgenommene, konstruierte Realität bestimmt das Handeln. Dies ist eine Hauptaussage des Konstruktivismus (vgl. von Foerster 1985; Watzlawick 1993). Im Gegensatz dazu versucht der Positivismus soziale Tatbestände auf der Annahme rationaler, weitsichtiger Entscheidungsträger mit objektiven Mechanismen zu klären.
Ein Beispiel eines theoretischen Konzeptes, das in den Bereich des Konstruktivismus eingeordnet werden kann, ist die Strukturationstheorie (vgl. Giddens 1992), welche Erklärungsansätze für die Strukturierung sozialer Systeme liefert (vgl. Abbildung 25).
Giddens geht davon aus, dass Akteure beim Handeln (Kommunikation) zum besseren Verständnis auf interpretative Schemata (bspw. gemeinsames Geschäftsverständnis) zurückgreifen, um dadurch Signifikationsstrukturen zu reproduzieren. Durch den Bezug auf autoritative und allokative Ressourcen, können die Akteure Macht ausüben und reproduzieren dadurch Herrschaftsstrukturen. Anhand von Normen werden die anderen Akteure bewertet und sanktioniert, wodurch Legitimationsstrukturen entstehen. Mit dem Begriff Dualität von Struktur sagt Giddens aus, dass Strukturen sowohl Ausgangspunkt, als auch Erzeugnis des Handelns sind. Ein Beispiel für den Tourismus sind Tourismusorganisationen, deren Strukturen und Funktionsweisen (erfüllte Aufgaben, Mitsprache etc.) durch die sozioökonomische Struktur des Ortes geprägt werden (Eigentumsstruktur der Tourismusbetriebe, politische Strukturen). Die Tourismusorganisation als Institution prägt jedoch die Entwicklung der Destination und die sozioökonomischen Strukturen richten sich nach ihr aus.
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