Читать книгу: «Der sechste Passagier»
Theodor Kallifatides
Der sechste Passagier
Saga
1
Es war ein regnerischer Sommer gewesen, aber in der zweiten Augustwoche kam von Westen her überraschend ein gewaltiges Hochdruckgebiet und nötigte die Bewohner Stockholms, ins Kühle zu flüchten.
Hauptkommissarin Kristina Vendel, dreiunddreißig Jahre alt, lag unter einer Eiche im Erholungsgebiet von Lida Gård. Alte Eichen sind etwas Schönes, ihr Schatten ist sozusagen weiblich, man fühlt sich wie unter einem luftigen Rock.
Sie hatte ein aufgeschlagenes Buch neben sich, dachte aber nicht ans Lesen.
Als sie jung war, hatte sie die Welt verändern wollen. Es dauerte ein paar Jahre, bis sie erkannte, daß sie noch nicht einmal imstande war, sich selbst zu ändern. Seither lebte sie im inneren Exil. Wie die meisten Menschen.
Es war Sonntag. Von fern hörte man eine Kirchenglocke. Der Himmel war wolkenlos, das milchig blaue Licht wanderte mit gleichbleibender Geschwindigkeit, das Leben ging seinen Gang. Auch in diesem Jahr würde Island wieder um einen Zentimeter wachsen, die Baumstämme würden neue Jahresringe bekommen, und sie würde ein Jahr älter werden.
Sie legte sich flach auf den Rücken. Durch das Laub der Eichenkrone sah sie, wie ein kleines Propellerflugzeug am Himmel rasch an Höhe verlor. Es steuerte vermutlich die alte Militärlandebahn an, die das Verteidigungsministerium aufgegeben und dem Fliegerclub von Botkyrka zur Verfügung gestellt hatte. Schweden rüstete ab, es waren keine Feinde mehr da, höchstens noch die Elche.
Völlig entspannt unter der zweihundertjährigen Eiche, mit einem langen, breiten Tag vor sich – wenn Tage lang sind, können sie ebensogut breit sein –, hatte sie beinahe ein Gefühl von Allmacht. Beinahe, denn aus der Sicht des Piloten in dem kleinen Flugzeug dort oben war sie wohl nichts als ein großer, glänzender Wurm.
Die Vorstellung machte sie übermütig.
Sie spreizte ihre Schenkel, langsam, vorsichtig, ungefähr so, wie man ein quietschendes Gartentor öffnet, wenn man nicht gehört werden will. Sie wünschte sich, jemand anders würde es tun, aber es war niemand da. Ihr Mann hatte nach dreizehn Jahren Ehe das Weite gesucht. Seit ein paar Monaten war ihr Bett leer.
Sie schloß die Augen, sanft strich ihre Hand an der weichen Innenseite des Oberschenkels entlang. Zögernd näherte sie sich der empfindlichsten Stelle, wurde entschiedener, drängender. Sie atmete stoßweise, um den Genuß zu verlängern, hielt sich zurück, ein trotziges Lächeln auf den Lippen. Irgendwann, wußte sie, würde es zu spät sein, der Körper würde die Regie übernehmen, zwischen Millionen von Nervenzellen einen Kontakt herstellen, der nicht mehr rückgängig zu machen war, und die Nerven würden vibrieren, rhythmisch und unerbittlich wie das Meer.
Als der Orgasmus kam, ließ ein ohrenbetäubender Lärm den Boden erzittern.
Überaus passend.
Noch im Nachbeben ihres Körpers wurde ihr klar, was für ein Geräusch das war.
Das Flugzeug. Es war abgestürzt.
Ihr Gehirn hatte die Erkenntnis schon registriert, bevor sie in ihr Bewußtsein drang.
Wenn es stimmte, dann würde irgendwann ihr Mobiltelefon klingeln. Sekundenlang war sie in Versuchung, es abzuschalten. Flugzeugunglücke sind schrecklich, aber unter kriminalistischem Aspekt meist uninteressant.
Noch einmal tief durchatmen, um den letzten Rest von Wollust zu verjagen – sie bereitete sich darauf vor, ihre Pflicht zu tun. Sie sammelte ihre Sachen auf, packte die Thermosflasche aus und goß sich eine Tasse Kaffee ein, die sie in einem Zug austrank. Sie hatte das Telefon nicht abgeschaltet.
Die Menschen verließen ihre schattigen Verstecke, kamen von allen Seiten herbeigerannt. Es war, als sei ein Krieg ausgebrochen.
Sonntag, der elfte August, war vorüber, durchgerissen wie ein Blatt weißes Papier.
2
Der Getarsee ist nicht besonders groß. Von einem Aussichtspunkt, der hoch genug liegt, kann man ihn ohne weiteres überblicken. Er ist zweieinhalb Kilometer lang, und seine breiteste Stelle mißt dreihundert Meter. Er liegt eingebettet in eine Felsspalte auf dem Hochplateau des Hanved, und Freizeitangler wissen, daß das Flüßchen Kagghamra aus ihm entspringt, eines der wenigen Gewässer, in denen sich noch Lachsforellen tummeln. Der Getarsee ist ziemlich kalt, obwohl er flach ist, nirgends tiefer als drei Meter. Nur an der südlichen Landzunge fällt das Ufer steil ab, bis auf fünfundzwanzig Meter Wassertiefe.
Der Zufall wollte es, daß das Flugzeug genau dort abstürzte. Die halbnackten Sonnenanbeter sahen es langsam versinken.
Kristina Vendel rannte zu ihrem Fiat Uno. Viele Leute waren unterwegs zu ihren Autos. Eine Katastrophe ist immer eine Volksbelustigung, wenn auch von der brutalen Sorte. Man spricht es nicht aus, aber man wird durch solche Ereignisse daran erinnert, daß man noch unter den Lebenden weilt – eine Tatsache, die man in der Lethargie des Alltags oft vergißt.
Eigentlich wußte sie nicht, was sie tun sollte. Es hatte keinen Sinn, auf eigene Faust zur Unfallstelle zu fahren. Was hätte sie dort ausrichten können? Sie fuhr statt dessen zur Landebahn. Vielleicht hatte man dort noch gar nichts von dem Unglück mitbekommen.
Weit gefehlt. Man hatte Katastrophenalarm ausgerufen, die Feuerwehr benachrichtigt, eine Notlandung vorbereitet. Die dann nicht stattfand.
Bengt Lagerrud, der Verantwortliche auf dem Flugplatz, war ein Mann jenseits der mittleren Jahre, der diesen Übergang drahtig und mit eingezogenem Bauch bewältigt hatte. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd; kurzum, er hatte beschlossen, jung zu bleiben, und es war leicht zu erraten, daß seine Lieblingsbeschäftigung nicht Fernsehen war. Jetzt war er im Begriff, mit seinem Jeep zu dem verunglückten Flugzeug zu fahren. Ohne Umschweife bot er Kristina an, mitzukommen, denn er hatte sie sofort wiedererkannt.
In Huddinge war sie binnen kurzem eine Person des öffentlichen Lebens geworden, nachdem sie einen Mordfall in Stockholms gehobenen Kreisen aufgeklärt hatte. Ihr Porträt war in den Abendzeitungen erschienen, man nannte sie »die philosophische Polizistin«, wegen ihres Philosophiestudiums in früheren Zeiten. Dem Lokalblatt war das noch nicht genug, dort wurde sie erhöht zur »Philosophin, die über Huddinge wacht«. Sogar im Fernsehen war sie aufgetreten, um mit Fachleuten, Tätern und ganz gewöhnlichen Idioten über Kriminalität zu debattieren.
Kristina stellte ein paar Fragen, und Lagerrud konnte sie alle beantworten.
Das Flugzeug war zum Flughafen Bromma unterwegs gewesen, aber dann hatte der Pilot um Erlaubnis gebeten, die Landebahn des Fliegerclubs benutzen zu dürfen. Er hatte keinen Treibstoff mehr, die Motoren setzten aus. Natürlich bekam er die Genehmigung, und unter normalen Umständen hätte es überhaupt keine Probleme gegeben. Man kann sehr gut ohne Motorkraft landen, Piloten sind für solche Situationen ausgebildet. Doch das Flugzeug hatte die Landebahn gar nicht erreicht. »Kann sein, daß der See schuld war. Über Seen und Talsenken gibt es immer wieder tückische Luftströmungen.«
Wieso war der Treibstoff ausgegangen? Was das betraf, so hatte Lagerrud zwei Theorien. Nach der ersten waren kräftige Gegenwinde aufgekommen, die den Treibstoffverbrauch stärker ansteigen ließen, als der Pilot einkalkuliert hatte. Das war nichts Ungewöhnliches. Nach der zweiten hatte sich Eis in den Vergasern gebildet.
Eis? An einem so warmen Sommertag?
Lagerrud erklärte gedudig, daß man mit Eisbildung jederzeit rechnen müsse. Wenn man die Landung vorbereitet, schaltet man den Motor auf Leerlauf. Dann genügt es, eine feuchte Wolke zu durchqueren, und schon frieren die Vergaser zu. Deshalb hat man ein System zur Lufterwärmung installiert. Vielleicht hatte der Pilot vergessen, dieses System zu betätigen, oder es hatte nicht funktioniert.
»Das heißt also, wenn es nicht das eine war, dann war es das andere«, faßte Kristina zusammen, gegen ihren Willen mit einer Spur Ironie. Aber Lagerrud ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
Mehr konnte er nicht sagen. Er wußte nicht, wer an Bord der Maschine gewesen war, zu welcher Fluggesellschaft sie gehörte, von wo aus sie gestartet war. Zum Plaudern habe der Pilot keine Zeit gehabt, bemerkte er, nun seinerseits mit einer Prise Sarkasmus. Er war schließlich nicht umsonst Fluglehrer.
Sie sah so beleidigt aus, daß er ein schlechtes Gewissen bekam. Für den Rest der Fahrt unterhielt er sie mit Geschichten aus der Gegend, die er wie seine Westentasche kannte. Er stammte von Norrgakvarnen, einem der ältesten Höfe der Umgebung, wo seine Mutter vor sechzig Jahren als Magd gedient hatte.
Die Siedlungsspuren auf Norrgakvarnen ließen sich bis in die Wikingerzeit zurückverfolgen. In diesem Teil Südschwedens hatten schon vor sechstausend Jahren Menschen gelebt, es gab dort viele unerforschte Gräber, und Schluchten gab es, in denen man sich vorkam wie in einem Tropenland. Es ärgerte ihn, daß die Leute so wenig wußten, immer hatte ihn das geärgert. Kristina fand, daß er Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte, und sie hätte ihn gern umarmt. Feuerköpfe haben stets etwas Rührendes.
Sie ließ es bleiben, um Komplikationen zu vermeiden.
Als sie ankamen, war sonst noch niemand da. Die Stelle war nicht leicht zugänglich, am einfachsten war sie per Boot zu erreichen.
Kristina schimpfte über die verspätete Ankunft der Feuerwehr, aber Lagerrud gab zu bedenken, daß sie mit ihren Fahrzeugen gar nicht bis dorthin vordringen könne. Außerdem würden keine Feuerwehrleute gebraucht, sondern Taucher. »Unterwasserbrände«, fügte er spöttisch hinzu, »sind eher selten.«
Am Unglücksort herrschte vollkommene Stille, als sei nichts geschehen. Kristina wurde von einem Schwindelgefühl erfaßt. Wenn das Ganze nun bloß Einbildung war?
Zuweilen überfiel sie diese Unruhe, die Befürchtung, eine Realität wahrzunehmen, die gar nicht existierte. Es war, als ob ihr Gehirn ihr eine Falle stellte.
Die glatte Oberfläche des Wassers wurde von einer leichten Brise sanft gekräuselt.
Wer lag dort unten? Nur der Pilot, oder waren Passagiere dabei? Sie mußte es herausfinden, das war ihre Aufgabe.
Vorerst konnte sie nur warten.
3
Den Chef der Feuerwehr hatte Kristina schon flüchtig kennengelernt, auf einer Tagung für Führungskräfte, die von der Gemeinde auf einer der Finnlandfähren veranstaltet worden war. Etliche Teilnehmer laborierten bis heute an ihrem Kater.
Nicht so Laszlo Hindeguti. Er stammte von ungarischen Eltern ab, die nach dem mißglückten Aufstand von 1956 ihr Land überstürzt verlassen hatten, war aber in Schweden geboren. Er hatte im Brandschutz Karriere gemacht, obwohl weder seine Vorgesetzten noch seine Untergebenen seinen Namen aussprechen konnten. In stiller Übereinkunft nannten sie ihn Puskas, nach dem legendären ungarischen Fußballspieler.
Puskas brachte eine Taucherin vom Lebensrettungsdienst mit und vier Feuerwehrmänner, die ein Rettungsboot der leichteren Bauart trugen.
Ihre Fahrzeuge hatten sie dreihundert Meter von der Unfallstelle entfernt parken müssen. Der Volvo der Polizei war schon vorher in einer tiefen Wasserpfütze steckengeblieben, die der Regen der letzten Wochen hinterlassen hatte.
Das Team machte sich an die Arbeit, ohne ein Wort zu verlieren. Jeder wußte offenbar, was er zu tun hatte. Das Boot wurde ins Wasser gesenkt, die Taucherin kletterte an Bord, zwei Feuerwehrmänner folgten ihr. Sie paddelten einige Meter auf den See hinaus, hielten an und schauten nach oben, zum Chef. Er nickte zustimmend. Die Taucherin machte sich fertig und sprang.
Das alles dauerte etwa drei Minuten. Kristina konnte nicht umhin, die Leute zu bewundern, und schüttelte respektvoll den Kopf. »Das einzige, was an einem solchen Tag noch funktioniert«, dachte sie, »ist die Feuerwehr.«
Eine Schar Schwalben zog über den Himmel, in Formation wie ein Kampfgeschwader. Sie flogen mit normaler Wandergeschwindigkeit, sie hatten eine lange Reise vor sich. Ihr Schatten zeichnete sich als großes V auf dem See ab.
Niemand sagte etwas.
Malena Persson, dreiundzwanzig Jahre alt und eine der wenigen Frauen unter den Berufstauchern, war unterwegs zu dem gesunkenen Flugzeug. Schon nach drei Metern konnte sie außerhalb der Zone, die ihre Lampe erfaßte, nichts mehr sehen. Der See war stark verschmutzt, auch wenn in der Öffentlichkeit nie darüber geredet wurde.
Sie mußte einen Felsvorsprung umrunden und ging vorsichtig tiefer. Man weiß nie, was auf dem Grund eines Sees liegt. Es wurde immer dunkler. In fünfzehn Metern Tiefe erkannte sie die Tragfläche des Flugzeugs. Sie schwamm darauf zu. Die Maschine schien unbeschädigt. Ihr Herz klopfte schneller. Es war immer noch möglich, daß jemand überlebt hatte, es war ja kein Absturz gewesen. Vielleicht hatte sich eine Luftblase gebildet.
Als sie sah, daß zwei Fensterscheiben sich gelöst hatten, wußte sie, daß es zu spät war. Wer sich dort drinnen befand, war mit Sicherheit tot, ertrunken.
Sie schwamm um das Flugzeug herum, um zu erkunden, ob es irgendwo einen Einlaß gab, versuchte die Passagierluke zu öffnen, ohne Erfolg. Sie mußte sich mit dem Versuch begnügen, von außen die Anzahl der Insassen festzustellen. Sie konnte nur Umrisse sehen, aber sie zählte sechs Passagiere. Mit dem Piloten sieben.
Bevor sie das Signal gab, daß man sie hochziehen sollte, entzifferte sie den Namen der Fluggesellschaft auf dem Rumpf. Nikki Air.
Auf dem Weg nach oben ließ sie ihre Gedanken wandern, zu fernen Sommern am Mittelmeer, in denen sie von einem jungen Griechen ihren ersten Tauchunterricht erhalten hatte und in die Magie der Tiefe eingeweiht worden war, die sie seitdem nicht mehr losließ.
Als sie an die Oberfläche kam, war das versonnene Lächeln wieder aus ihrem Gesicht verschwunden, und sie war bereit zur Berichterstattung.
Puskas zog die Schlußfolgerung, die alle befürchtet hatten. Sie konnten nichts tun. Es fehlte ihnen an Ausrüstung. Nur die Marine war imstande, eine solche Operation auszuführen.
Er bat Kristina, die beiden Polizisten, die nun auch endlich eingetroffen waren, zur Bewachung des Unfallortes abzustellen. Lagerrud ließ telefonisch die Alarmbereitschaft abblasen.
So traurig es auch war, es gab ganz einfach nichts, was man im Moment noch hätte tun können. Man konnte in der Zwischenzeit versuchen, etwas über die Identität der Opfer herauszufinden, aber das war nicht die Aufgabe der Feuerwehr. Das wußte auch Kristina.
Lagerrud fuhr sie zum Flugplatz zurück, wo sie ihren Wagen geparkt hatte. Unterwegs redeten sie nicht viel. Er gab ihr nur den Rat, sich an den Flughafen Bromma zu wenden, den die Unglücksmaschine angesteuert hatte, bevor sie, nun ja, im Jenseits landete. Vielleicht wußte man in Bromma mehr, zum Beispiel, von wo aus das Flugzeug gestartet war. Er bezweifelte jedoch, daß man ihr dort weiterhelfen würde, was die Passagiere betraf. Von Nikki Air hatte er noch nie etwas gehört.
4
Eigentlich brauchte sie überhaupt nichts zu tun. Es war Sonntag, sie hatte dienstfrei, und es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt für ein Verbrechen. Es war ein Unfall, ein tragischer dazu, aber das fiel wohl kaum in ihr Ressort. Sie leitete das sechste Dezernat, ihr Arbeitsgebiet waren Straftaten.
Dann dachte sie an die Angehörigen der Opfer. Irgendwo warteten Menschen, eine Ehefrau oder ein Ehemann, ein Vater oder eine Mutter, eine Freundin oder ein Verlobter.
Irgendwo machten Menschen Pläne für den Abend, an dem die Reisenden endlich wieder zu Hause sein würden. Vielleicht bereitete man gerade das Abendessen vor und öffnete eine gute Flasche Wein, man nahm ein ausgiebiges Bad, feilte seine Nägel oder rasierte sich besonders gründlich.
Sie konnte sich nicht auf ihren freien Tag berufen und auch nicht auf ihre fachliche Spezialisierung, um ihren Sonntag ausklingen zu lassen, als ob nichts geschehen wäre. Wie pflegte ihr alter Vater zu sagen, der aus Ostdeutschland geflüchtet war? Menschsein bedeutet, sich als Teil der Gesellschaft, der »Gemeinschaft« (er benutzte das deutsche Wort) zu begreifen.
Übrigens mußte sie ihn anrufen. Sie hatte ihn eine ganze Weile nicht gesehen. Eine schwere Zeit lag hinter ihr, die Scheidung hatte ihre Kräfte aufgezehrt. Glückliche Ehen sind selten, aber glückliche Scheidungen sind noch seltener.
Meist zieht es einen zum Partner zurück wie den Verbrecher zum Tatort. Ihre Nachbarn hatten sich ebenfalls scheiden lassen, sie hatten ihre große Villa verkauft und waren in einen entfernten Ort gezogen. Und doch hatte Kristina beobachtet, daß sie abends in der Gegend herumschlichen, um das Haus noch einmal zu sehen, in dem sich jetzt eine andere Familie eingerichtet hatte.
Auch sie würde ihr Haus verkaufen müssen. Sie konnte sich nicht leisten, es zu behalten. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie es gewollt hätte. Johan, ihr Exmann, war ihr dort viel zu nahe. Er hatte das Haus gestrichen, hatte geschreinert und dekoriert. Sie kümmerte sich nicht um solche Dinge, aber es hatte ihr sehr gefallen, ihn in Tischlerhosen zu sehen. Sein erotischstes Kleidungsstück. Im Smoking sah er aus wie eine verkleideter Handwerker, in Arbeitsklamotten wie ein verkleideter Prinz.
Im Garten, unter den Fliederbüschen, hatten sie ein Versteck, wo niemand sie beobachten konnte. Dort hatten sie sich manchmal geliebt, unvermittelt und wild, wie Tiere, Dachse vielleicht. Danach schämten sie sich ein wenig voreinander, wie zwei Fremde.
Um Himmels willen! Gerade war sie Zeugin eines schrecklichen Unglücks geworden, und das einzige, woran sie denken konnte, war Sex.
Nein, das stimmte nicht. Ein anderer Teil ihres Gehirns, irgendwo im Stirnbereich, war eifrig damit beschäftigt, die nächsten Schritte zu planen. Als erstes mußte sie Nikki Air ausfindig machen. Sie schlug das Telefonbuch auf. Kein Eintrag. Vielleicht eine ausländische Firma, die keine Niederlassung in Schweden hatte?
Sie rief am Flughafen Bromma an. Das Besetztzeichen tutete. Kein Wunder. Am besten fuhr sie gleich hin. Das war auf jeden Fall das Effektivste. Wenn man telefonisch Auskünfte einholen will, erfährt man in der Regel nur, was der andere nicht weiß. Konkrete Angaben bekommt man allenfalls von der Zeitansage.
Im Umkleideraum für Polizistinnen ging sie rasch unter die Dusche. Sie hatte sich selbst gelobt, nicht in den Spiegel zu schauen, und sie hielt sich daran.
Sie zog ihre Uniform an und fühlte sich sofort sicherer. Als sie ihr Haar bürstete, klingelte das Telefon. Maria Valetieri, ihre Assistentin, hatte die Nachricht im Radio gehört. Der Reporter hatte Kristina als Augenzeugin erwähnt, »die prominente Chefin des Gewalttaten-Dezernats von Huddinge«.
Maria wollte wissen, ob sie gebraucht wurde, sie hatte ohnehin nichts zu tun, saß nur da und fing Fliegen, wie sie behauptete. Sie konnte sofort kommen.
Kristina war froh, ihre Stimme zu hören, die ein wenig heiser war und die unschuldigsten Wörter irgendwie verdächtig, ja fast unanständig klingen ließ. »Maria, du hättest nicht Polizistin werden sollen, sondern Mafiosa«, sagte sie manchmal zu ihr.
Kaum hatte sie den Hörer aufgelegt, merkte sie, daß sie Hunger hatte. Die Kantine des Polizeireviers war bestimmt nicht geöffnet. Sie versuchte es am Automaten, steckte zwei Fünfkronenstücke hinein, um eine Tafel Schokolade zu ziehen, doch es kam nichts heraus. Wütend schlug sie mit der flachen Hand auf das Gerät, es rasselte, und sie bekam zehn Fünfer zurück, aber keine Schokolade.
Sie rief Maria auf dem Handy an und schlug vor, sich bei McDonald’s im Zentrum von Huddinge zu treffen. Das war der einzige Ort, wo man um diese Zeit etwas zu essen bekam. Alles andere war geschlossen, sogar die Wurstbude am Bahnhof.
Immer hatte man sonntags dieses Problem, aber früher war es noch schlimmer gewesen. Als ihr Vater sein erstes Weihnachtsfest in Schweden verbrachte, suchte er vergeblich nach einer Gaststätte. Schließlich aß er eine Dose Hundefutter, die seine Vermieterin in der Speisekammer vergessen hatte.
Maria, deren Vater Pizzabäcker war, verkündete, daß sie niemals ihren Fuß in eine McDonald’s-Filiale setzen würde. Sie erklärte sich bereit, Butterbrote mitzubringen. Ihr Angebot wurde dankbar angenommen.
5
Man könnte Bromma einen hochnäsigen Vorort nennen. Die Villen dort strahlen Wohlstand und Selbstzufriedenheit aus, aber auch eine gewisse Besorgnis.
Kristina und Maria sahen, wie Männer und Frauen auf ihren Sonnenterrassen saßen oder sich der Gartenarbeit widmeten, mit jener mühsam erkämpften Nonchalance, die das Kennzeichen der aufstrebenden Mittelklasse ist. Hier wohnten höhere Beamte, Politiker und Unternehmer, denen der Flugplatz mitten in ihrem Wohnviertel ein Dorn im Auge war, obwohl er gleichzeitig als Statussymbol galt.
Ein Flugplatz übrigens, mit dem das moderne Schweden ein paar glanzvolle Erinnerungen verband. Hier war Anita Ekberg gelandet, nachdem sie in »La Dolce Vita« mitgespielt hatte, hier waren Ingrid Bergman und Roberto Rossellini angekommen. Die jüngeren Leute wußten natürlich nichts davon und wollten den Flugplatz aus Umwelt- und Sicherheitsgründen schließen lassen. Es hatte Unfälle gegeben, in Abrahamsberg war ein Passagierflugzeug abgestürzt, der Lärmpegel war hoch.
Aber bislang leistete die alte Garde noch Widerstand. Das auffälligste Merkmal der Mittelklasse sind heftige Generationskonflikte. In der Oberschicht versucht die junge Generation, die Privilegien der älteren zu übernehmen, und in der Arbeiterklasse ist die Jugend bestrebt, ihre Herkunft zu verleugnen, aber in der Mittelschicht würden die Jungen die Alten am liebsten einfach auslöschen, sie zu unmündigen, brabbelnden Idioten erklären.
In der Oberschicht hat man hin und wieder Sorgen, in der Unterschicht hat man kein Geld, und in der Mittelschicht hat man Angst. Die Mittelschicht hat die Angst sozusagen erfunden.
Man kann sie fühlen, so merkwürdig es auch klingen mag – sie schwebt über den Villen und Gärten, sie nistet in den Fältchen, die sich um den Mund der Frauen bilden, und im entschlossenen Gang der Männer, die wissen, daß sie eigentlich kein Ziel haben.
Sogar in das Auto, in dem die beiden Polizistinnen schweigend saßen, kroch sie hinein. Es war fast drei Uhr, der Himmel hatte sich von Osten her bewölkt, im Radio war für den Abend Regen angekündigt worden. Nichts Neues von dem verunglückten Flugzeug.
Kristina hatte keinen klaren Plan für ihr Vorgehen, aber Maria fand, daß man bei dem Fluglotsen anfangen sollte, der Kontakt mit dem Piloten gehabt hatte. Vielleicht wußte er etwas, das sie weiterbringen würde.
Der Lotse war ein junger Mann, eine Urlaubsvertretung, und er war völlig verzweifelt. Dies war sein erster Unfall. Gerade hatte er das Flugzeug noch auf dem Radarschirm gesehen, im nächsten Moment war es verschwunden. Es war gespenstisch. Ein kleiner Punkt mit einer Gruppe von Menschen an Bord, ein elektronisches Signal voller Lebewesen, das er mit knappen, präzisen Anweisungen dirigiert hatte, um es in die richtige Position für die Landung zu bringen, und das ihn am Ende zum Narren gehalten hatte wie der Blick eines jungen Mädchens im Vorübergehen.
Er hatte in sein Funkgerät gerufen, dann geschrien, und als ihm klar wurde, was geschehen war, hatte er geweint. Alle wußten, daß ihn keine Schuld traf, trotzdem mußte er es immer wieder beteuern.
Er riß sich zusammen und beantwortete ein paar einfache Fragen. Der Pilot hatte gesagt, daß der Öldruck plötzlich gesunken sei. Erst fiel der eine Motor aus, dann der andere. Sie hatten die ganze Zeit Kontakt gehabt, bis das Flugzeug einfach verschwand. Er wußte nicht, wie viele Leute an Bord gewesen waren, und von Nikki Air wußte er auch nichts. Er verwies sie an den Aufklärungsdienst, der tatsächlich in der Zwischenzeit einiges herausgefunden hatte.
Nikki Air war eine kleine Fluggesellschaft mit Sitz in Trelleborg, spezialisiert auf VIP-Transporte. Deshalb hatte Kristina sie im Telefonbuch nicht gefunden. Eine Passagierliste gab es nicht, man arbeitete hier nach etwas anderen Prinzipien, Diskretion war das zentrale Verkaufsargument. Am besten würde es sein, sich direkt an das Büro in Trelleborg zu wenden.
Sie versuchten es sofort, aber es meldete sich nur ein Anrufbeantworter.
Kristina rief Puskas an und fragte, ob die Bergung der Leichen etwas ergeben hätte. Noch nichts, lautete die Antwort. Aber die Marine hatte per Hubschrauber einige Taucher geschickt, die sich ein eigenes Bild von der Lage machen wollten. Sie hofften, in wenigen Stunden mit der Arbeit beginnen zu können.
Mit anderen Worten: nichts Neues, nichts über die Passagiere oder den Piloten. Kristina war enttäuscht und müde, deshalb schlug sie vor, über Stockholm zurückzufahren und in der Konditorei am Mariatorg einzukehren, wo es die beste Möhrentorte der Stadt gab.
Auf dem Platz war viel Betrieb. Ein paar Leute spielten Boule, andere lagen im Gras, Kleinkinder plantschten im Brunnenbecken, Hunde rannten so selbstvergessen herum, wie nur Hunde es können, und auf den Kneipenterrassen saß man beim Bier.
Kristina hatte in dieser Gegend jahrelang ihre Dienststelle gehabt. Sie kannte jeden, und jeder kannte sie. Am liebsten ging sie in »Sofijas Skafferi«, wo es gutes, preiswertes Essen gab und eine Wirtin, die immer lächelte.
Sollten sie nicht auch lieber ein Bier trinken? Maria hatte nichts dagegen. Sie deutete diskret auf die beiden jungen Frauen, die in der Allee vor ihnen hergingen, eng umschlungen. Es waren zwei stadtbekannte junge Frauen, sie waren sich dessen bewußt, und es lag ihnen offensichtlich daran, der Welt ihre Liebe zu zeigen. Plötzlich blieben sie stehen. Die ältere hob den Fuß wie Strindbergs Fräulein Julie, und sogleich kniete die jüngere vor ihr nieder, um ihr das Schuhband zu schnüren, das sich gelöst hatte.
In Stockholm wurde gerade das »Gay Festival« gefeiert. Von Tantolunden her dröhnte Musik, überall hingen Plakate, die Schlammringkämpfe, Stöckelschuhrennen oder Schlagerwettbewerbe ankündigten. Das alles bedeutete Leben, Bewegung, nicht zuletzt Selbstdarstellung. Die Homosexuellen freuten sich, daß sie ihr eigenes Fest bekommen hatten, und die wenigsten unter ihnen besaßen genügend Scharfblick, um zu erkennen, daß damit endgültig eine Mauer zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft errichtet wurde. Ungefähr so, wie wenn Einwanderer ein Lokal bekommen, in dem sie unter sich sein dürfen. Man war nicht dabei, die Homosexualität zu integrieren, man war dabei, ihr Außenseitertum zu festigen.
Maria war anderer Meinung. Es sei doch gut, daß die Schwulen sich öffentlich zeigten, denn wen man in den Untergrund verbannte, den würde man über kurz oder lang in dunklen Gassen und später in irgendwelchen Anstalten wiedertreffen. Der erste Überschwang würde sich ohnehin mit der Zeit legen, die Tunten würden wie alle anderen werden, mit Ratenzahlungen und Rentenversicherungen, und am Ende würden sie bloß noch Demonstrationen gegen die Grundsteuerpflicht organisieren.
In diesem Augenblick kam das Bier, und sie prosteten einander einträchtig zu, dankbar dafür, hier zu sitzen, dies alles zu sehen und die Sonne auf dem Gesicht zu spüren. Denen, die im Flugzeug auf dem Grund des Getarsees lagen, würde das nie wieder vergönnt sein.
6
Nikki von Lauterhorn war nicht mehr mit Erland von Lauterhorn verheiratet, aber seinen Nachnamen hatte sie behalten. Er war gut für das Geschäft. Sie war Alleineigentümerin von Nikki Air, die Idee zu dem Unternehmen stammte von ihr, und das Kapital ebenfalls.
Sie war am 17. Mai 1972 geboren, als erste und einzige Tochter von Ingalill Eriksson aus Eskilstuna. Ihr Vater war ein griechischer Einwanderer, ungefähr so zuverlässig wie die Prognosen von Aktien-Analysten. Er verschwand, sobald das kleine Mädchen mit seinen großen, blaugrauen Augen das Licht der Welt erblickt hatte.
Nikki wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Der Ausdruck gefiel ihr, er hatte so etwas Heroisches. Mit vierzehn wurde sie von einer Model-Agentur entdeckt, mit knapp achtzehn war sie berühmt, und mit zwanzig war sie weg vom Fenster.
Sie hatte ein wenig Erspartes, das sie in Erland von Lauterhorn investierte, einen jungen Mann, der mit seinen abenteuerlichen Ambitionen und seinen noch abenteuerlicheren Ideen ihr Herz erobert hatte. Er träumte davon, ein Karl XII. des New-Economy-Zeitalters zu werden, und sein Erfolg übertraf alle Erwartungen. Innerhalb von zwei Jahren hatte er mit Nikkis Hilfe die Firma »Vinci Konsult« zu einem multinationalen, milliardenschweren Konzern ausgebaut.
Die Geldgeber standen Schlange vor seiner Tür, der adelige Name zog reiche Plebejer an wie ein Magnet, das Unternehmen expandierte ohne Ende, ständig kaufte man andere Firmen auf, praktisch ohne einen Öre dafür zu bezahlen. Das heißt, bei »Vinci Konsult« bezahlte man in Aktien. Die Zeitungen rissen sich um Interviews mit Erland von Lauterhorn, das Fernsehen brachte sein Porträt, der Rundfunk widmete ihm stundenlange Programme.
Mit anderen Worten, es war die alte Geschichte: Wenn man in Schweden auf einem Gebiet als unfehlbar gilt, hat man in allen Dingen recht. Und Erland äußerte sich zu allem und jedem, insbesondere zur sozialdemokratischen Regierung, die er aus dem tiefsten Grund seines blaublütigen Herzens verachtete.
Nikki war glücklich über den Erfolg, aber ihr Eheleben war mit der Zeit so sporadisch geworden wie das von Zirkuselefanten. Erland kam immer seltener nach Hause; wenn er nicht gerade in New York war, dann war er in Tokio. Außerdem wurde er immer müder, und um sein Lebenstempo zu halten, mußte er sich bald verschiedener Stimulantien bedienen. Dazu gehörten auch kleine Eskapaden jenseits von Nikkis Bett, in dem sie nun immer häufiger allein blieb, in der Gesellschaft von zweiundfünfzig Fernsehkanälen.
Aber auch sie legte sich neue Gewohnheiten zu. Sie schaute sich pornographische Filme an, Nacht für Nacht. Die ersten zwei Minuten waren anregend, dann wurde es langweilig, und sie schwor sich, es nie mehr zu tun. In der folgenden Nacht saß sie dann doch wieder wie festgeklebt vor dem Bildschirm. Pornographie ist eine Droge wie jede andere, man wird abhängig von diesen Bildern, von der Wollust der ersten Minuten.
Irgendwann sah sie ein, daß sie etwas tun mußte. Sie mußte ihr Leben ändern. Einen Monat bevor die New-Economy-Aktien an der Börse einbrachen, verkaufte sie ihren Anteil an »Vinci Konsult« und reichte die Scheidung ein. Erland von Lauterhorn war einverstanden. Für Liebeskummer hatte er keine Zeit. Das Ganze ging ohne Komplikationen ab, weil keine Kinder im Spiel waren.
Nun war Nikki allein und reich. Was sollte sie tun? Was konnte sie? Eigentlich gar nichts. Aber sie kannte viele reiche Leute. Sie dachte daran, eine hochkarätige Catering-Firma zu gründen, nur gab es davon schon eine ganze Reihe.
Sie wußte, daß es in Schweden Leute gab, die Wert darauf legten, bequem, schnell und diskret reisen zu können, wenn es ihnen gerade einfiel. Sie hatte keine Eile. Sie beriet sich mit einer ehemaligen Nachtclubkönigin, die von der Idee sofort begeistert war. Gott, die Reichen in Schweden haben viele Probleme, aber das Schlimmste ist, daß sie ihren Reichtum nicht genießen können, es gibt dafür keine »diskrete« Form. Sie können sich nicht einmal eine Wohnung am Strandväg kaufen, ohne daß es in der Zeitung steht. Sagte die Exkönigin.
Nikki entwickelte ihre Idee weiter, gründete Nikki Air und kaufte eine sechssitzige Propellermaschine, eine zuverlässige Beech Baron 58 mit zwei Motoren, die stark genug waren, das Flugzeug nach vierhundert Metern Startbahn in die Luft zu heben. Ein großer Vorteil, wenn man von kleineren Flugplätzen starten will.
Es war nicht schwer, zwei gute Piloten zu finden. Jeder wußte, daß das Luftwaffengeschwader von Ängelholm keine Zukunft mehr hatte. Die jungen Flieger waren auf der Suche nach einer Alternative. Zwei von ihnen fanden sie bei Nikki Air, und einer der beiden, Fredrik Stolle, fand sogar noch mehr. Er fand Nikki, und sie hörte auf, Pornofilme zu gucken.
Das Geschäft ließ sich zögernd an, kam dann aber schnell in Gang, vor allem deshalb, weil die Oberschicht in Schonen mehr Geld zum Ausgeben hat und zugleich puritanischer ist als in anderen Gegenden Schwedens. Luxusreisen wurden nicht verlangt, erstaunlich oft handelte es sich um harmlose Vergnügungen: Man lud die Enkelkinder zu einem Rundflug ein oder spendierte einem jungen Paar die Hochzeitsreise. Es kam auch vor, allerdings eher selten, daß eine heimliche Geliebte in aller Eile irgendwohin geflogen werden mußte, wo der Auftraggeber gerade geschäftlich zu tun hatte.
Nikki Air war so verschwiegen wie ein katholischer Priester. An die Öffentlichkeit gelangten nur Dinge, von denen der Kunde dies ausdrücklich wünschte.
Nikki von Lauterhorn hatte es geschafft, und diesmal ganz in eigener Regie.
Es war kurz vor sieben, sie hatte gerade eine Flasche Weißwein in den Kühlschrank gestellt. Fredrik mußte um diese Zeit auf dem Heimweg von Bromma sein. Das Radio in der geräumigen Küche war eingeschaltet, durch das Fenster sah sie den großen Apfelbaum, gebeugt wie ein Greis unter der Last der Früchte, die langsam in der Sonne reiften. Ein Gefühl der Freude, einem ziehenden Schmerz ähnlich, stieg ihr vom Bauch in den Kopf und fand den Weg bis zu ihren Lippen. Sie lächelte in sich hinein.
Das Lächeln fror fest wie ein Tropfen Schmelzwasser in einer kalten Nacht, als die Stimme am Telefon ihr Anliegen vorbrachte.
Es war Kristina, die inzwischen den Standort von Nikki Air und, mit Hilfe der Polizei in Trelleborg, auch die Besitzerin der Firma ausfindig gemacht hatte.
Eine Methode, den Schmerz auszuschalten, besteht darin, formell zu sein und rasch zur Sache zu kommen. Das tat Kristina. Sie erhielt Antwort auf ihre Fragen, obwohl Nikki die ganze Zeit nach Luft rang, als sei sie kurz vor dem Ertrinken.
Das Flugzeug war in Amsterdam gestartet, auf einem kleineren Flugplatz südlich von Schiphol, und gechartert worden war es von »Eternal Youth«, einem weniger bedeutenden Unternehmen in der Kosmetikbranche. Sie wußte nur den Namen des Angestellten, der sie angerufen hatte. Sonst nichts, denn die Firma hatte im voraus bezahlt, mit einer Internet-Überweisung auf Nikkis Konto in Luxemburg.
Der Pilot – sie wagte seinen Namen nicht auszusprechen, weil sie fürchtete, laut in den Hörer heulen zu müssen – hatte erwähnt, daß fünf Passagiere an Bord sein würden. Namen waren ihr nicht mitgeteilt worden.
Kristina fragte, ob sie genau wisse, daß er »fünf« gesagt hatte, und Nikki versicherte ihr, die Angabe sei auf Tonband festgehalten worden, da sie ihre Geschäftsgespräche grundsätzlich aufzeichnete.
Das war merkwürdig. Die Taucherin hatte sechs Passagiere gezählt.
Nikki von Lauterhorn konnte dazu nichts sagen, sie war ebenso verwirrt wie die Kommissarin. Aber sie wollte noch heute abend den Nachtzug nach Stockholm nehmen. Sie verabscheute das Fliegen. Die Kommissarin würde sie dann im Grand Hotel antreffen, wo sie zu übernachten pflegte. Falls sie nicht dort war, wußte die Rezeption, wo sie sich aufhielt.
Kristina hatte viel Stoff zum Nachdenken, als sie den Hörer auflegte.
Und Nikki konnte endlich weinen.
7
Bei den Marinetauchern handelte es sich um echte Profis. Zwei von ihnen waren damals als erste zur »Estonia« hinuntergestiegen. Die Bergung der Leichen aus dem Flugzeug war nicht schwierig, und sie machten sich sofort an die Arbeit.
Inzwischen war es halb sieben, aber es würde noch mindestens anderthalb Stunden hell bleiben. Man ging davon aus, daß die Zeit reichen würde. Und sie reichte tatsächlich.
Sieben Leichen wurden hochgezogen. Fünf Männer, eine Frau und ein Junge von zwölf oder dreizehn Jahren. Die Identifizierung war problemlos, außer dem Jungen hatten alle ihre Ausweispapiere bei sich.
Kristina und Maria notierten Namen und Adressen für die Telefonate mit den Angehörigen.
Der Pilot Fredrik Stolle, wohnhaft in Ängelholm, war zweiunddreißig Jahre alt.
Anders Lalleholm, wohnhaft in Stockholm, fünfunddreißig Jahre.
Lars Fältgård, Djursholm, einundfünfzig.
Erik Jönsson, Söderköping, einundzwanzig.
Ninni Larsson, Stockholm, fast siebzehn.
Und dann der Junge. Ohne Ausweis, offenbar auch ohne Gepäck.
Ein schwarzhaariger Junge mit regelmäßigen Zügen, seine Haut war viel zu dunkel für einen Europäer und zu hell für einen Afrikaner. Vermutlich stammte er aus Asien, vieles sprach für Indien.
Wie war der Junge in das Flugzeug geraten? War er allein gereist? Und wenn nicht, mit wem?
Hatten die Verunglückten etwas mit der Firma zu tun, die das Flugzeug gemietet hatte? Hatten sie etwas miteinander zu tun? Fragen über Fragen.
Die Bedingungen waren nicht gerade ideal für weitere Nachforschungen. Längst hatten die Medien sich am Unglücksort eingefunden, denn die Opfer waren keine Unbekannten. Um etwas herauszubekommen, mußte man nicht die Polizei fragen; man zog es vor, sie zu ignorieren.
Beata Viklund, genannt »das Loch«, die Starreporterin des Abendblattes, tat so, als hätte sie Kristina nicht gesehen. Für sie war die Sache klar. Prominente, Beinahe-Prominente und ein alleinreisender Junge, das roch auf tausend Meter Entfernung nach Pädophilie.
Kristina begriff, daß sie es nicht schaffen würde, mit den Angehörigen zu sprechen, bevor die Medien sich auf sie stürzten. Das hatte auch sein Gutes, wenn es in dieser Situation überhaupt etwas Gutes gab.
Sie würde dann ganz in Ruhe mit den Hinterbliebenen reden. Das war ihre Aufgabe. Es war der einzige Weg, etwas über den unbekannten Jungen herauszufinden, dessen Leiche, mit einer Plastikplane bedeckt, auf den Abtransport zum Krankenhaus Huddinge wartete.
Trotzdem bat sie Maria, ihr die Telefonnummern der Opfer zu besorgen. Das ging schnell. Sie versuchte, die Angehörigen zu erreichen, hörte aber bei allen nur das Besetztzeichen. Schließlich meldete sich die Ehefrau von Fredrik Stolle. Der Pilot war weniger bekannt und weniger interessant als die anderen Toten. Aber auch hier kam Kristina zu spät. Kaum hatte sie ihren Namen genannt, als die Frau, deren harter Akzent die Müdigkeit in ihrer Stimme noch verstärkte, ihr antwortete, sie sei bereits informiert. Dann wurde der Hörer aufgelegt.
Die Mediengesellschaft hat jedenfalls den Vorteil, daß man sich als Überbringer schlechter Nachrichten nicht mehr einsam zu fühlen braucht.
8
Maria Valetieri war vor knapp zwei Wochen aus dem Urlaub zurückgekommen. Sie hatte die Ferien bei ihrer Großmutter auf Sardinien verbracht, in einem gottverlassenen Dorf namens Castello, wo man den Eindruck hatte, sowohl die Landbewohner als auch die Fischer auf dem Meer seien noch immer dieselben wie vor vielen Jahren.
Bei ihrer Ankunft hatte sie sich stumpf wie ein altes Küchenmesser gefühlt, aber schon nach einer Woche hatte sie ihre Form zurückgewonnen. Sie hatte sich gedehnt und gestreckt. Eine solche Wirkung ging von dem Dorf aus, von Himmel und Meer, von den alten Feigenbäumen und nicht zuletzt von ihrer Großmutter, die mittlerweile siebenundachtzig war, sieben Kinder zur Welt gebracht und vier davon begraben hatte, den Ehemann sowieso. Doch wenn sie in der Tür ihres niedrigen Hauses stand, dann schien sie es zu sein, die die Mauern stützte.
Jeder Mensch trägt etwas Heiles, Unzerstörtes in sich. Es gibt Orte, an denen man es verliert, und solche, an denen man es findet. In dem sardischen Dorf wurde Maria, geboren und aufgewachsen in Hagsätra südwestlich von Stockholm, wieder heil und ganz.
Sie erkannte, daß ihre Ehe zu einem zerstörerischen Teufelskreis geworden war, aus dem sie sich befreien mußte. Sie wollte ihrem Mann nichts Böses, im Gegenteil, sie hatte ihn geliebt, er war ihre Jugendliebe gewesen, aber er liebte sich selbst nicht mehr. Man konnte nicht mehr mit ihm leben, es war so sinnlos wie der Versuch, am Sandstrand einen Tunnel zu bauen.
Deshalb schrieb sie ihm, daß sie sich scheiden lassen wolle. Er reagierte so, wie sie es erwartet hatte. Zuerst mit einem Tobsuchtsanfall, bei dem er alles im Haus zertrümmerte, was nicht niet- und nagelfest war. Dann kam die Verzweiflung, das Besäufnis, und schließlich der Zusammenbruch. Man brachte ihn bewußtlos in die Klinik.
Ein paar Tage später, als er wieder nüchtern war, folgten Angst und Reue. Er schrieb ihr, daß er mit allem einverstanden sei und daß er einsehe, wie schlecht er sie behandelt hätte. Am Schluß des Briefes bat er sie um Vergebung und räumte zugleich ein, er wisse, daß sie ihm niemals vergeben könne, weil das, was er getan habe, unverzeihlich sei. Schweden haben bekanntermaßen ein besonderes Talent, vom schlechten Gewissen überwältigt zu werden, und sie kennen dann keine Grenzen mehr.
Schließlich zog er aus der gemeinsamen Wohnung aus und nahm einen Job in Sundsvall an. Als Ingenieur hatte er keine Schwierigkeiten, Arbeit zu finden.
Als Maria zurückkam, war niemand da, der auf sie wartete. Sie war braungebrannt und ausgeruht, fühlte sich schön und begehrenswert, schon in Castello hatte sie gesehen, wie die Augen der alten Männer auf dem Dorfplatz bei ihrem Anblick wieder zu glitzern begannen.
Sie beging einen Fehler. Sie besuchte ihren Mann in Sundsvall, sie machten einen langen Spaziergang am Fluß, aßen gegrillten Saibling in einem Restaurant am Hafen und schliefen miteinander in seinem schmalen Bett. Erst da begriff sie, daß es vorbei war. Von der Energie ihrer Liebe war nichts mehr übrig, nur noch Abfall.
Er, der Ingenieur, erklärte ihr, daß das mit jeder Energie so sei: sie verschwindet nicht, aber sie wird unerreichbar, nach dem zweiten Gesetz der Thermodynamik. Er hatte früher als Maria erkannt, daß es vorbei war, aber das lag auch daran, daß er sich schuldig fühlte. Nichts schärft den Blick so sehr wie ein schlechtes Gewissen.
Sie weinte. Was hätte sie sonst tun sollen?
Sie weinte den ganzen Weg von Sundsvall nach Stockholm, während die Erkenntnis, daß der Verlust endgültig war, sich immer tiefer in ihr festsetzte. Darüber weinte sie noch mehr.
Nun saßen sie in Kristinas Garten. In diesem regnerischen Sommer waren die Fliederbüsche in die Höhe geschossen, auch der Ahorn, den Kristina und ihr Mann gemeinsam gepflanzt hatten, als sie das Haus kauften. Der See, der weiter unten lag, wurde immer dunkler. Maria wollte nicht nach Hause, und Kristina wollte nicht allein sein. Sie tranken langsam und redeten leise.
Morgen würden sie die Arbeit in Angriff nehmen. Ein rätselhafter Junge war an Bord des verunglückten Flugzeugs gewesen, und sie mußten denjenigen oder diejenigen finden, die etwas darüber wußten.
Im Augenblick konnten sie nichts tun, als weiter an einem Flickenteppich zu weben, auf dem ihre Freundschaft barfuß gehen konnte.
Kristina erkannte in allem, was Maria erzählte, den Aufstieg und Fall ihrer eigenen Ehe wieder. Obwohl sie nie auf den Gedanken gekommen war, daß Liebe eine Energie sei, die sich verbraucht wie jede andere Form von Energie. Die optimistische Sicht der Dinge war, daß man um so mehr Liebe zurückbekommt, je mehr Liebe man gibt.
Vielleicht war das ein Irrtum. Sie war nicht imstande, den Gedankengang bis zu Ende zu verfolgen. In diesem Moment war sie vollkommen zufrieden, hier zu sitzen und Marias Stimme zu lauschen, während die Nacht unschlüssig über den Gärten schwebte.
Es war nach elf, als sie sich mit der angenehmen Gewißheit trennten, daß sie sich schon am nächsten Tag wiedersehen würden.
Kristina war müde, aber nicht schläfrig. Sie schenkte sich noch ein Glas Wein ein und löschte alle Lichter im Haus. Sie wollte nachdenken, aber wie es so oft der Fall ist, wenn man nachdenken will, dachte sie an gar nichts.
Sie sah nur ein Bild vor sich, das Gesicht eines dunkelhäutigen Jungen. Sie mußte versuchen, dem Gesicht einen Namen zu geben.
9
In der Nacht schlug das Wetter um. Das Hochdruckgebiet zog weiter nach Norden, verdrängt durch ein atlantisches Tiefdruckgebiet, das von den Britischen Inseln kam.
Dunst lag so dicht über dem Wasser, daß er nicht mehr davon zu unterscheiden war. Es herrschte völlige Windstille, nur das oberste Espenlaub regte sich.
Kristina wachte mit leichten Kopfschmerzen auf, die sie wegzumassieren versuchte. Zur Sicherheit nahm sie dann doch zwei Tabletten. Eine Stunde später betrat sie den Besprechungsraum.
Östen Nilsson war schon da. Noch sonnengebräunt von seinem Urlaub auf Farö, wo er endlich sein Sommerhaus in Ordnung gebracht hatte, überwachte er die Kaffeemaschine. Es duftete angenehm.
Kurz danach tauchte Thomas Roth auf. Er brachte einen Kirschkuchen mit, den seine Frau gebacken hatte. Maria erschien wie üblich als letzte. Sie war ja auch die Jüngste und brauchte ihren Morgenschlaf.
Sie tranken Kaffee und langten beim Kuchen kräftig zu. Sie redeten ohne Hektik miteinander. Noch waren die Urlaubswochen in ihren Stimmen und Gesten gegenwärtig. An einem solchen Morgen ist das Leben weich und entspannt.
Auch wenn die Wirklichkeit ganz anders aussieht.
Das Flugzeugunglück beherrschte die Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Man spekulierte über die Ursachen, die Havariekommission hatte bislang weder die Maschine noch deren Black Box untersucht. Man spekulierte auch über den unbekannten Passagier, den Jungen, und stellte die Theorie auf, daß es sich um einen illegalen Einwanderer handeln könne.
Das war durchaus möglich. Unmöglich war in diesen Zeiten nichts. Vor kurzem erst hatte man zwei junge Filipinos erfroren im Motorraum eines Charterflugzeugs aufgefunden.
Die Abendzeitungen neigten mehr zur Pädophilie-Hypothese. Auch das war nicht so abwegig. Die Polizei hoffte freilich, daß es nichts Derartiges sein möge. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß Ermittlungen wegen Pädophilie in die breitesten Kreise wie in die obersten Schichten der Gesellschaft führen können.
Maria hoffte, daß es eine einfache Erklärung geben würde, das ließ sich mit ihrem Sinn fürs Tragische besser vereinbaren. Verbrechen sind selten tragisch, sie sind eher einfältig.
Thomas schüttelte energisch den Kopf, um sie daran zu erinnern, daß man sich als Polizist nicht zu sehr vom Wunschdenken leiten lassen darf, was die Realität betrifft.
Östen verteidigte Maria, und sie errötete vor Freude. Sie war heimlich in ihn verliebt, so heimlich, daß sie nahe daran war, es zu vergessen.
Kristina verteilte rasch die Arbeit. Östen, der in der Gruppe aus irgendeinem Grund als Computergenie galt, sollte soviel wie möglich über die Opfer herausfinden. Thomas sollte den Kontakt zur Marine und zur Havariekommission halten. Und Maria sollte Kristina begleiten.
10
Nikki von Lauterhorn saß im französischen Restaurant des Stockholmer Grand Hotels, das im Guide Michelin von 1987 wahrhaftig einen Stern erhalten hatte. Von ihrem Tisch hatte sie einen weiten Ausblick, vom Schloß bis zur Ersta-Kapelle, einer der wenigen achteckigen Kirchen Schwedens. Dazwischen sah man Slussen und die vielen Verkaufsstände, die tagsüber frisch gebratene Heringe, Blumen, Bücher, Gemüse und Obst anboten. Nachts wurde hier mit ganz anderen Dingen gehandelt.
Sie wußte das, denn sie war früher oft dort gewesen. Wenn sie Zeit gehabt hätte, wäre sie gern wieder hingegangen. Sie war Millionärin, aber auf das Vergnügen des billigen Einkaufs mochte sie nicht verzichten. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie in Eskilstuna jeden Samstagmorgen an der Hand ihrer alleinerziehenden Mutter über den Großmarkt geschlendert war, wo alle möglichen Leute alle möglichen Sachen verkauften.
Dort hatte ihre Karriere in der Schönheitsbranche eigentlich begonnen. Mehr als einmal war es passiert, daß ein älterer Iraner mit scharfgeschnittenen Zügen eine Lobeshymne auf die Mutter anstimmte, die ein so hübsches Kind zur Welt gebracht hatte, und ihnen deshalb einen ansehnlichen Rabatt auf seine Ware in Aussicht stellte.
Jetzt wartete sie auf Kommissarin Kristina Vendel. Was für eine griesgrämige Alte würden sie ihr da auf den Hals schicken?
Als wäre es nicht genug, daß sie ihren Liebsten und ihr Flugzeug verloren hatte, riskierte sie nun auch noch, die Erstattungssumme der Versicherungsgesellschaft einzubüßen. Die würde keinen roten Heller herausrücken, wenn sich herausstellte, daß der Pilot in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen war. Das hatte ihr Anwalt ihr bei einem gemeinsamen Frühstück erklärt. Versicherungsgesellschaften sind nämlich höher versichert als irgend jemand sonst. Außerdem würde man sie zwingen, den Angehörigen der Opfer einen Schadensersatz in enormer Höhe zu zahlen. Wenn es ganz schlimm kam, würde sie bald wieder mit ihrer Mutter auf dem Großmarkt in Eskilstuna einkaufen.
Sie war erleichtert (wenn man unter solchen Umständen davon sprechen kann), als Kristina und Maria von einem Portier an ihren Tisch geführt wurden.
Sie verstanden sich auf Anhieb.
Kristina war nicht gekommen, um sich in die wirtschaftlichen Konsequenzen des Unglücks zu vertiefen. Sie vermutete auch kein Verbrechen. Sie wollte nur wissen, wie es dazu gekommen war, daß sich ein überzähliger Passagier an Bord befand.
Nikki wußte es nicht. Aber sie wollte der Polizei helfen, so gut sie es vermochte. Das lag auch in ihrem Interesse, denn sonst konnte es Probleme mit der Versicherung geben. Deshalb wollte auch sie die Angelegenheit so schnell wie möglich aus der Welt schaffen.
Sie sagte das alles in einem geschäftsmäßigen Ton, der wie auswendig gelernt klang. Das schmälerte zwar ihre Glaubwürdigkeit, nicht aber die Logik ihrer Ausführungen, was den Effekt hatte, daß die Polizistinnen ihr mit einer Spur Widerwillen zuhörten.
Das begriff sie sofort. In ihren Jahren auf den Laufstegen der Welt hatte sie ein sehr feines Gespür für Stimmungen entwickelt. Ein Schatten im Blick eines anderen genügte, damit sie ihr Verhalten änderte.
Sie wußte auch genau, wie sie das machen mußte. Sie wandte sich ab und schaute aus dem Fenster, während ihr Gesicht langsam einen nachdenklichen Ausdruck annahm. Dann sah sie wieder die beiden Polizistinnen an, mit einem schüchternen, leicht gequälten Lächeln.
Sie wiederholte, daß sie keine Ahnung habe, wie der sechste Passagier an Bord gekommen sei. Sie hatte auch keine Ahnung, wer er sein konnte. Aber sie hatte eine Theorie, die besagte, daß der unbekannte Junge mit einem Erwachsenen zusammen gereist war und daß der Pilot ihn vielleicht deshalb nicht erwähnt hatte.
Daran hatte Kristina auch schon gedacht. Aber dann lautete die Frage: Mit wem war er gereist?
Nicki senkte den Blick und strich sich mit einer Hand durchs Haar. Sie konnten nichts tun, als ihr ansprechendes Äußeres zu bewundern und auf ihre Antwort zu warten, wenn sie denn eine hatte.
Sie hatte eine. Es widerstrebte ihr, das zu sagen, aber die einzige Person, die einen Extra-Passagier mitnehmen durfte, war der Pilot selbst.
Das klang plausibel. Daß sie daran nicht gedacht hatten!
Maria sah den Schimmer von Befriedigung in Nikkis Augen und ließ einen Versuchsballon los. Wie gut hatte sie den Piloten gekannt?
Ja, wie gut kann man seine Angestellten kennen? Er war von Anfang an dabeigewesen, er war ein großartiger Pilot, immer pünktlich, ruhig, konzentriert. Sie hatte keinen Grund zur Klage. Das alles bedeutete nicht, daß sie ihn wirklich kannte, und sie fügte mit einer gewissen Ironie hinzu: »Männer sind wie Kleidungsstücke. Man muß sie anziehen, um zu sehen, ob sie passen.«
Diese Ansicht wurde anscheinend von den beiden anderen Frauen geteilt, sie fragten jedenfalls nicht weiter.
Sie wollten gerade aufstehen und gehen, als ein junger Mann in das Restaurant stürmte. Er war klein und schlank und streckte den Kopf vor, wie es viele Kurzsichtige tun. Sein Haar stand nach allen Richtungen ab, was ihn einem Igel ähneln ließ.
Nikki strahlte, erhob sich mit ausgebreiteten Armen und drückte ihn an ihre duftende Brust.
Es war Erland von Lauterhorn, ihr Verflossener. Er war vor einer halben Stunde in Arlanda gelandet, hatte einen Hubschrauber gemietet, der ihn auf der Uferstraße in Gamla Stan abgesetzt hatte, und nun war er da. Er hatte eine Stunde Zeit, bevor er wieder nach Arlanda mußte, um nach Reykjavik weiterzufliegen.
Er sah die beiden Polizistinnen fragend an, und Nikki stellte sie vor. Er schüttelte ihnen energisch, aber kurz die Hand, denn er wußte, daß er zu feuchten Handflächen neigte. Dann nahm er sich ein übriggebliebenes Croissant und fing an zu kauen, mit deutlich sichtbaren Lippenbewegungen, wie ein kleines Kind.
Es wurde Zeit, sich zu verabschieden.
Sie konnten nicht umhin, sich zu fragen, ob Nikki von Lauterhorn die Wahrheit gesagt hatte, aber sie hätten sich diese Frage auch nach einem Gespräch mit dem Papst gestellt.
Maria fand jedenfalls, die schöne Nikki und das New-Economy-Genie seien ein süßes Paar; schade nur, daß sie es nicht mehr waren. Andererseits gab es ja kaum noch Paare, obwohl ständig neue gebildet wurden. Irgendwie ist es auch tröstlich, daß der Mensch nie dazulernt.
11
Östen Nilsson hatte gute Arbeit geleistet. Der Bericht über die Verunglückten, den er auf Kristinas Schreibtisch gelegt hatte, war sorgfältig und beinahe lückenlos recherchiert.
Der Pilot Fredrik Stolle war zweiunddreißig Jahre alt, verheiratet, hatte zwei Kinder und war vor kurzem von Ängelholm nach Trelleborg gezogen. Nach Auskunft seines früheren Chefs beim Fluggeschwader von Ängelholm war er ein geborener Flieger und ein guter Kamerad, einer, mit dem jeder zusammen fliegen wollte. Die Luftwaffe hatte einen erstklassigen Piloten verloren, als er zu Nikki Air wechselte. Aber jetzt, da die Politiker sich entschlossen hatten, die Streitkräfte abzuschaffen, war ihm wohl nichts anderes übriggeblieben.
Daß Stolle an dem Unglück schuld gewesen sei, konnte er sich nicht denken.
Auch Anders Lalleholm war noch jung, fünfunddreißig Jahre. Er war der Gründer der New-Economy-Firma »Domabilis«. Lalleholm war nicht verheiratet, hatte allein in einer Wohnung in dem Appartementhaus am Medborgarplats gelebt, das man »den Turm« nannte. Seine Eltern wohnten in Örnsköldsvik.
Kristina notierte »alleinstehend« und machte zwei dicke Striche darunter.
Dann las sie weiter.
Lars Fältgård war einundfünfzig, der jüngste Justizrat aller Zeiten. Man sagte ihm nach, er habe gute Beziehungen zu Regierungskreisen, unabhängig davon, wer gerade am Ruder war. Verheiratet, fünf Kinder und eine Villa im Hagaväg in Djursholm.
Eine Stütze der Gesellschaft, mit anderen Worten. Über ihn konnte man sagen, was Strindberg über sein Kopfhaar gesagt hatte: es sei über jeden Zweifel erhaben.
Es gäbe keinen dringenden Grund, sich näher mit ihm zu befassen, meinte Östen, und Kristina war derselben Ansicht.
Erik Jönsson war erst einundzwanzig, ein wohlgestalteter junger Mann auf dem Weg in die Spitzenklasse des Tennissports. Aus steuerlichen Gründen war er vor kurzem nach Monaco gezogen, aber seine Eltern wohnten immer noch in Söderköping.
»Völlig uninteressant«, hatte Östen notiert.
Nichts und niemand war völlig uninteressant, dachte Kristina, aber mit Jönsson konnte sie sich wohl ebenfalls Zeit lassen.
Dino Armagnoni war dreiundvierzig, zum dritten Mal verheiratet und ein bekannter Gastwirt in Stockholm. Eines seiner Restaurants war abgebrannt, was eine Klage wegen Versicherungsbetrugs nach sich gezogen hatte, aber es gab keine Beweise, und die Klage wurde abgewiesen. Er hatte mit seiner dritten Frau zusammengelebt, die fünfunddreißig war und Fernsehstar. Sie moderierte bei einem Privatsender eine Talkshow, in der die Gäste, meist Prominente von mehr oder weniger zweifelhaftem Ruf, über ihre sexuellen Erlebnisse redeten.
»Näher untersuchen«, fand Östen, und das hätte wohl jeder so gesehen. Armagnoni bekam drei Ausrufezeichen hinter seinen Namen.
Man stelle sich vor, dies wäre ein Grabstein.
»Hier ruht Dino Armagnoni!!!«
Sie nahm sich zusammen und las weiter, über Ninni Lou, die eigentlich Larsson hieß, aber nach ihrem Durchbruch als Popsängerin ihren Namen geändert hatte. Sie war noch nicht ganz siebzehn gewesen, hatte ihre eigenen Texte und Melodien geschrieben und wurde von Vierzehnjährigen in ganz Schweden vergöttert. Um die Wahrheit zu sagen, auch Östen fand sie toll. Man munkelte, sie habe eine heiße Romanze mit dem Prinzen irgendeines Landes, wahrscheinlich Luxemburg, gehabt.
»Die können wir vergessen«, lautete Östens Kommentar, und möglicherweise hatte er recht.
Kristina las den Bericht noch einmal durch, während sie versuchte, irgendein Muster zu erkennen, einen Zusammenhang zwischen den Passagieren. Sie konnte nichts dergleichen entdecken. Es war nicht einmal anzunehmen, daß sie einander kannten. Es war nichts Auffälliges daran.
Aber etwas war doch merkwürdig. Alle hatten in einem Flugzeug gesessen, das von einer Firma gechartert worden war, mit der sie anscheinend gar nichts zu tun hatten. Nikki von Lauterhorn hatte gesagt, ein Kosmetik-Unternehmen namens »Eternal Youth« habe die Maschine gemietet.
Welche Verbindung bestand zwischen den Passagieren und »Eternal Youth«?
Das war eine naheliegende Frage, und sie war vermutlich leichter zu beantworten als die beiden anderen: Hatte der Junge etwas mit einem der übrigen Passagiere zu tun, und wenn ja, mit wem?
Sie verspürte das Bedürfnis, sich eine Theorie zurechtzulegen, etwas, das sie gezielt verfolgen konnte. Eine kriminalistische Ermittlung ähnelt in mancher Hinsicht einer Schachpartie. Man muß einen Plan haben, und ein schlechter ist immer noch besser als gar keiner.
Vorläufig hatte sie nichts in der Hand. Die Partie hatte gerade angefangen, und der erste Zug war, wie üblich, nicht der ihre gewesen.
Sie las Östens Bericht zum dritten Mal.
12
Die Bergung des Flugzeugs war kein einfaches Unterfangen. Das größte Problem bestand darin, einen entsprechend starken Hebekran zur Unglücksstelle zu befördern. Man mußte eine Straße durch den Wald legen, und das bedeutete einen tiefen Eingriff in die empfindliche Natur rund um den See.
Auch mußte die Erlaubnis des Grundeigentümers eingeholt werden. Das war in diesem Fall die Gemeinde Botkyrka, in der die örtliche Umweltpartei viel Einfluß hatte und sich konsequent allen Maßnahmen widersetzte, bei denen die Natur in Mitleidenschaft gezogen werden konnte.
Als das Unglück geschah, diskutierte man gerade über den Bau eines größeren Flugplatzes südlich von Stockholm.
Die Umweltpartei war naturgemäß gegen solche Pläne und befürchtete nun, daß eine neue Straße in diesem Gebiet der erste Schritt zu einem neuen Flugplatz sein würde. Die Umweltpartei wollte keine neuen Straßen, sie wollte keinen neuen Flugplatz, sie wollte, daß die Umgebung intakt blieb, zur Freude von Mensch und Tier.
Das war ja auch gut so. In der Lokalpresse wurde der Stellungskrieg eröffnet. Manche Leute vertraten die Ansicht, daß es der Umwelt noch mehr Schaden zufügen würde, wenn das Flugzeug im See vor sich hin rostete. Andere meinten, man solle abwarten und die Situation noch einmal gründlich überdenken. Die geeignetste Maßnahme sei jetzt eine Untersuchung. Die Opfer waren ja geborgen, es gab keinen Grund zur Eile.
Die Jugendorganisation der Linkspartei, die sich ebenfalls stark für die Umwelt engagierte, geriet in Konflikt mit den älteren Genossen, die die Sache so schnell wie möglich aus der Welt schaffen wollten.
Ein pensionierter Oberstudienrat vom Gymnasium Huddinge drohte, sich an den Europäischen Gerichtshof zu wenden.
Ein Ingenieur behauptete, daß es andere Lösungen gäbe, zum Beispiel den Einsatz eines Hubschraubers.
Ein arbeitsloser Bauarbeiter meinte, daß ein Straßenbauprojekt genau das sei, was die Gemeinde brauchte.
Kurz und gut, es war wie üblich. Es würde nicht mehr lange dauern, bis Unterschriften für oder gegen die Bergung gesammelt würden.
Währenddessen konnte die Havariekommission das Flugzeug nicht untersuchen, die Versicherung konnte sich nicht zu den Schadensersatzansprüchen äußern, und Nikki von Lauterhorns Verzweiflung wuchs.
Man hatte die Opfer schon fast vergessen, und man hatte auch vergessen, daß sich ein unbekannter Junge unter ihnen befand, nach dem noch niemand gefragt hatte.
Kristina hätte den Fall abschließen, ihn auf einer Festplatte beerdigen können, ohne daß jemand etwas gemerkt hätte. Sogar die Staatsanwältin, Mitsuko Öberg-Namamoto, wirkte desinteressiert. Sie hatte tatsächlich angedeutet, daß man die ganze Sache ebensogut auf sich beruhen lassen könne.
Das war seltsam, aber vielleicht gab es dafür eine sehr einfache Erklärung: Sie war völlig überlastet. Vor dem Amtsgericht von Huddinge wurde gerade ein komplizierter Fall von Pädophilie verhandelt.
Seit Tagen schon war die brillante junge Juristin nicht mehr sie selbst. Sie, die sonst immer durch elegante Kleidung und sorgfältiges Make-up auffiel und einen diskreten Duft verbreitete, dessen Namen noch niemand hatte ergründen können, wirkte jetzt nachlässig, war achtlos geschminkt, hatte geschwollene Augenlider und einen flackernden Blick. Jeder konnte sehen, daß es sie eine übermenschliche Anstrengung kostete, nicht zusammenzubrechen. Der Richter hatte versucht, mit ihr zu reden, aber es entsprach ihrem japanischen Naturell, alles für sich zu behalten. Die Fassade mußte intakt bleiben, Zähigkeit und Langmut waren oberstes Gebot. Was sie quälte, blieb ein Geheimnis, aber es führte sie jeden Tag ein Stückchen näher an den Zusammenbruch heran.
Da war es wohl kaum verwunderlich, daß sie keine Kraft übrig hatte, um sich für einen unbekannten Jungen zu interessieren.
Kristina hatte Verständnis für sie. Sie verstand auch Thomas Roth, der meinte, daß diejenigen, die schon genug reale Straftaten aufzuklären hatten, ihre Energie nicht an ein eingebildetes Verbrechen verschwenden sollten. Sogar Östen, der gewöhnlich für sie Partei ergriff, schien diesmal ein wenig auf Distanz zu gehen.
Sie beschloß, die Situation zu bereinigen. Sie wollte nicht als eigensinnig gelten, sie war auf die Unterstützung und die Freundschaft dieser Männer angewiesen. Deshalb berief sie eine Sitzung in ihrem Zimmer ein und stellte die entscheidende Frage.
Sprach irgend etwas dafür, den Fall weiter zu bearbeiten?
Thomas legte noch einmal seinen Standpunkt dar, und Östen ergriff jetzt unverblümt für ihn Partei.
Maria Valetieri fuhr aus der Haut. Sie warf den Kollegen Gefühllosigkeit vor. Was hieß das überhaupt, »ein unbekannter Junge«? Irgendwo hatte eine Frau ihn zur Welt gebracht, ihn gestillt, ihn geliebt. Für irgend jemanden war dieser Junge alles andere als unbekannt.
Sie konnte nicht weitersprechen. Sie brach in Tränen aus und verließ das Zimmer.
Es wurde still.
Kristina ahnte, daß es ihr eigentlich um etwas anderes ging, aber dies war nicht der richtige Moment, um sich danach zu erkundigen.
Da hatte sie also plötzlich zwei Verpflichtungen. Sie durfte den unbekannten Jungen nicht im Stich lassen, und Maria auch nicht.
Die einzige Lösung war ein Kompromiß. Maria und sie würden weitermachen. Die beiden Männer konnten sich anderen Aufgaben widmen, von denen es ja genügend gab. Wenn sie ihre Hilfe brauchte, würde sie pfeifen, sagte sie.
Die Männer wußten sehr wohl, daß sie das nicht tun würde.
Sie fand Maria in der Cafeteria. Sie saß fast versteckt hinter einer Pflanze von grotesken Ausmaßen, vermutlich so ein Monstergewächs, das nach und nach den ganzen Raum überwuchern würde, wenn man es nicht zweimal jährlich beschnitt.
Maria hatte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände gestützt. Sie sah aus wie ein Kind, und Kristina zögerte einen Augenblick. Vielleicht sollte sie sich nicht bemerkbar machen. Fast alle Kinder haben das Problem, daß man sie nicht in Ruhe trauern läßt.
Sie ließ Maria in Frieden, was auch immer es war, worüber sie trauerte. Aber sie ging nicht weg. Sie holte sich eine Tasse Kaffee, setzte sich an einen entfernten Tisch und nahm ihr Buch zur Hand, dessen Einband sie unter einer schwarzen Plastikfolie verborgen hatte, um kein Aufsehen zu erregen und nicht als Snob zu gelten.
Wenn jemand sie fragte, was sie gerade las, pflegte sie zu antworten, es sei ein Kitschroman, nur so zum Zeitvertreib. Auf die meisten Frager hatte diese Auskunft eine merkwürdig beruhigende Wirkung.
Sie schlug das Kapitel über die Trauer auf, in dem der Verfasser schrieb, daß der Mensch weniger trauern würde, wenn er die Trauer nicht als Pflicht betrachtete.
Trauern sei eine Verpflichtung, sich zu freuen dagegen nicht. Weiter war sie noch nicht gekommen.
Das Licht im Raum wuchs, so unmerklich, wie Fingernägel wachsen.
Maria stand auf und ging weg, ohne ihre Chefin zu bemerken. Das war auch nicht wichtig.
Wichtig war nur, daß die Chefin dort saß.
13
Am nächsten Tag kam ein Anruf vom Krankenhaus Huddinge. Eine einfache Frage. Was sollte mit der Leiche des unbekannten Jungen geschehen?
Die anderen Opfer waren von ihren Angehörigen abgeholt worden. Jetzt war nur noch der Junge übrig, und das Krankenhaus konnte den Körper nicht beliebig lange aufbewahren.
Auch für Kristina war die Situation neu. Sie fragte, ob es für solche Angelegenheiten eine vorgeschriebene Routine gäbe.
Natürlich, eine Routine gab es für alles und jedes. Wenn die Polizei von einem Verbrechen ausging, konnte sie beantragen, daß der Leichnam aufbewahrt wurde. Wenn nicht, würde er im Beisein des Krankenhauspfarrers eingeäschert werden.
Die Frage war, mit anderen Worten, ob Kristina den Verdacht auf ein Verbrechen plausibel machen konnte. Das konnte sie nicht.
»Steht schon fest, wann die Einäscherung stattfinden soll?«
»Nicht genau, aber es wird sicher irgendwann unter der Woche sein, wenn der Krankenhauspfarrer Zeit hat.«
Kristina sagte, sie würde wieder anrufen, spätestens am folgenden Tag.
Sie hätte gern gewußt, wie der Junge an Bord des verunglückten Flugzeugs gekommen war, wer ihn mitgenommen hatte und warum – aber sie hatte keine Gründe dafür, ein Verbrechen zu vermuten, und hätte sie welche gehabt, wären sie ziemlich irrational gewesen. Sie hatte nur das Gefühl, daß etwas nicht stimmte. Reichte das aus?
Sie dachte daran, mit der Staatsanwältin zu telefonieren, überlegte es sich dann aber anders. Sie würde sie besuchen. Sie brauchte einen Spaziergang, um ihre Argumente zu schärfen, sie wußte, daß Mitsuko zuviel zu tun hatte und nicht bereit sein würde, Zeit und Ressourcen in eine Gespensterjagd zu investieren.
Mitsuko saß in ihrem ungemütlichen Büro. Durch das einzige Fenster war ein Garagentor zu sehen, auf das jemand in riesigen Buchstaben das Wort Pimmel gesprüht hatte. Man sah deutlich, daß sie geweint hatte. Ihr sonst so sanfter Blick war stumpf. Sie bemühte sich nicht einmal, es zu verbergen. Kristina entschuldigte sich und wollte wieder gehen, aber Mitsuko hielt sie zurück.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Könnte man den Antrag stellen, daß die Leiche bis auf weiteres aufbewahrt wird?«
»Weshalb?«
Kristina sprach von ihren Ahnungen, davon, daß etwas nicht stimmte, aber plötzlich wurde ihr klar, wie lächerlich das klang.
Zugleich hatte sie den Eindruck, daß Mitsuko beunruhigt war, in ihrer Stimme schwang so etwas wie Furcht mit.
Zwischen ihnen schien der Boden vermint zu sein. Für zwei vollkommen vernunftgeleitete Geschöpfe wäre die Sache gleich erledigt gewesen. Mitsuko hätte alles mit einer Handbewegung abtun können: Keine Gespensterjagd, wir haben genug andere Probleme.
Sie waren aber nicht vollkommen vernunftgeleitet. Sie waren ganz einfach zwei Wesen, die einander beschnupperten und etwas wahrnahmen, das sie nicht in Worte fassen konnten, und die Luft zwischen ihnen vibrierte von unausgesprochenen Mitteilungen.
Es war Mitsuko, die als erste einen Entschluß faßte.
Sie versuchte, ihre Stimme so neutral wie möglich klingen zu lassen, und fragte Kristina, ob sie Zeit habe, mit ihr etwas zu trinken. Es war bald fünf Uhr, und ein kühles Bier hat noch niemandem geschadet.
Sie gingen in »Harrys Bar«, die in der Nähe des Bahnhofs lag. Auf dem kurzen Spaziergang wurden sie zehn Kronen an zwei sehr salopp gekleidete Herren los, die auf einer Bank saßen und sich eine Flasche Schnaps teilten, aber trotzdem noch Zeit hatten, sich bei den Vorübergehenden zu erkundigen, ob sie etwas Kleingeld entbehren könnten.
Mitsuko, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr, weil sie sich als alleinerziehende Mutter und stellvertretende Staatsanwältin kein Auto leisten konnte, hatte ausgerechnet, daß es sie jeden Tag mindestens einen Hunderter kosten würde, wenn sie unterwegs jedem, der sie darum bat, einen Zehner gäbe.
Kristina bemerkte, das sei genau das, was sie an Parkgebühren zahlte. Beide wußten, daß sie nur so dahinplauderten, sie hatten beide ihre Aufmerksamkeit schon auf das Gespräch gerichtet, das gleich stattfinden sollte.
In »Harrys Bar« wimmelte es nicht gerade von Leuten. Es war noch zu früh. Der Richter Anders Berlin saß dort bei einem Bier und las. Er nickte ihnen freundlich zu, aber es war offenkundig, daß er keine Gesellschaft wollte.
An der Theke standen zwei jüngere Männer, vermutlich Arbeitslose, tranken Bier und füllten Tippscheine aus.
Der Barmann polierte Gläser und wechselte hin und wieder ein paar Worte mit den Tippern, die jedesmal in ein brüllendes, testosteronhaltiges Gelächter ausbrachen.
Mitsuko bestellte ein Glas Weißwein, Kristina ein Bier. Sie setzten sich in den hinteren Teil des Lokals, wo die Lampen über den Tischen schon eingeschaltet waren.
Es gibt zwei Sorten von Überraschungen. Entweder überraschen uns die Leute damit, daß sie genau das tun, was wir von ihnen erwarten, oder sie verhalten sich so, wie wir es nie vermutet hätten.
In diesem Fall geschah das letztere.
14
Sie schafften noch eine zweite Runde, bevor Mitsuko fand, daß der richtige Augenblick gekommen sei. Ohne Vorwarnung öffnete sie ihr Herz, ungefähr so, wie man im Sommer eine reife Wassermelone öffnet.
Mit neunzehn war sie ihm begegnet, während ihres ersten Jahres auf der Universität. Er war ihr Dozent, neununddreißig, mit seiner Jugendliebe verheiratet, drei Kinder. Jeden Augenblick konnte er zum Professor ernannt werden, er hatte unermüdlich darauf hingearbeitet, seine Dissertation hatte Epoche gemacht.
Bis dahin war Mitsuko nur mit einem Klassenkameraden auf dem Gymnasium zusammengewesen, und diese Beziehung war zerbrochen, als sie zum Studieren nach Lund ging. Zuerst hatten sie noch Briefe gewechselt, miteinander telefoniert, sich eingebildet, daß sie einander vermißten. Aber das war nicht wahr. In den Weihnachtsferien, als Mitsuko nach Hause fuhr und ihn wiedersah, wußte sie, daß es vorbei war. Zu Ende, so wie der Sommer zu Ende geht. Er war ein intelligenter, sensibler Junge, er war verständnisvoll und machte keine Szene. Er küßte sie auf die Stirn und sagte, er würde sie niemals vergessen.
Das Beste an dieser Liebesgeschichte war ihr Schluß. Mitsuko entdeckte, daß die Trauer genauso reizvoll sein konnte wie die Liebe selbst. Neue Räume taten sich in ihr auf, sie hatte ihren Horizont erweitert, und als sie nach Lund zurückkehrte, hatte sie einen klaren Kopf und war bereit, ein Verhältnis mit dem Mann zu beginnen, den sie schon ein Semester lang begehrt hatte, ohne es sich selbst einzugestehen.
Es war nicht einfach, er war verheiratet, und sie war seine Studentin. Lund ist eine Kleinstadt, und für diejenigen, die zum akademischen Milieu gehören, ist sie noch kleiner. Gefragt waren nun vollkommene Diskretion, Vorsicht, Erfindungsreichtum, Lügen, irreführende Manöver und eine ausgeprägte Fähigkeit, die Augenblicke zu genießen, die einem geschenkt wurden. »Listig wie Raben und klug wie Schlangen müssen wir sein«, sagte er zu ihr, gerade dann, wenn sie sich am meisten danach sehnte, sich mitten auf den Marktplatz zu stellen und ihre Liebe laut herauszuschreien.
Sie glaubten nicht, daß sie es schaffen würden. Aber sie schafften es. Auf jeden Fall schafften sie es nicht, Schluß zu machen, obwohl sie es mehrmals versuchten. Sie sahen sich eine Weile nicht, aber wenn sie sich dann wiedertrafen, fühlten sie sich um so stärker zueinander hingezogen.
Er erwog natürlich, sich scheiden zu lassen, aber sie wollte nichts davon wissen. Nicht einmal, als sie schwanger wurde und sich dafür entschied, das Kind zu behalten, wollte sie, daß er seine Familie verließ. Sie hatte sich damit abgefunden, die Zweitfrau zu sein. Lieber teilte sie den Mann, den sie liebte, mit einer anderen, als daß sie ihr Leben mit jemandem teilte, den sie nicht wollte.
Einer muß Opfer bringen, wenn eine solche Geschichte reibungslos laufen soll. Immer muß sich jemand opfern, damit es in der Welt reibungslos läuft. Als er nach Stockholm umzog, zog sie auch dorthin. Acht Jahre lebten sie so. Ihre Tochter wußte nicht, wer ihr Vater war, Mitsukos Eltern durften nichts von ihm wissen, sie hatte seinen Namen nie preisgegeben. Heute abend tat sie es zum ersten Mal, und der Grund dafür war schwerwiegender als jeder andere.
Er war tot. Er war an Bord des abgestürzten Flugzeugs gewesen. Er war eines der Opfer.
Kristina hatte seinen Namen längst erraten, und Mitsuko brauchte ihn eigentlich nicht mehr zu nennen. Sie sagte ihn trotzdem, immer wieder, wie ein Mantra. Es war so lange verboten gewesen. Sein Tod hatte ihr die Freiheit geschenkt, seinen Namen auszusprechen.
Am Ende wurde daraus ein nach innen gekehrtes Rufen, das heißt, ein Flüstern. Dann stand sie mit einem schüchternen Lächeln auf und ging zur Toilette.
Kristina begriff, daß Mitsuko sich ihr nicht nur deshalb anvertraut hatte, weil sie eine Frau war, sondern auch, weil sie Polizistin war. Mitsuko wußte, daß ihr heimliches Verhältnis an die Öffentlichkeit gelangen würde, wenn Kristina die näheren Umstände des Unglücks untersuchte. Also war es besser, die Flucht nach vorn anzutreten. Sie wäre nie so weit gegangen, Kristina offen darum zu bitten, von weiteren Untersuchungen abzusehen. Aber als Frau konnte sie indirekt an ihr Verständnis appellieren.
Laß das Ganze auf sich beruhen. Warum soll man Schlimmes noch schlimmer machen? Warum Geheimnisse ans Licht zerren, die nur dadurch bewahrt werden können, daß Menschen einen hohen Preis dafür zahlen? Es hat doch niemand ein Verbrechen begangen!
Aber warum sollte sie Mitsukos Geheimnis mehr respektieren als die Geheimnisse anderer? Weil Mitsuko zu den Leuten gehörte, mit denen sie täglich Zusammenarbeiten mußte? Weil sie Staatsanwältin war?
Das war ein beunruhigender Gedanke. Ebenso beunruhigend war die Vorstellung, als Elefant im Porzellanladen aufzutreten.
Wie hilfesuchend ließ sie ihren Blick dort hinwandern, wo der Richter saß, aber er war schon gegangen.
Mitsuko kehrte zurück, und nun war sie beinahe wieder sie selbst. Sie bestand darauf, die Rechnung zu übernehmen, und entschuldigte sich dafür, daß sie mit ihren Sorgen Kristinas Zeit beansprucht hatte. Sie lächelte sogar zurück, als einer der beiden Tipper an der Theke sein Glas erhob, um ihr zuzuprosten.
Es war nicht zu übersehen, daß sie Theater spielte. Andererseits: wenn sie sich jetzt verstellte, konnte sie das auch vorhin getan haben.
Gleich darauf rannte Mitsuko zum Bahnhof, um ihren Vorortzug zu erwischen. Was ganz unnötig war, denn er hatte wie gewöhnlich Verspätung.
Kristina sah den einzigen Ausweg aus der Verwirrung ihrer Gedanken darin, sich ein Butterbrot und ein weiteres Bier zu bestellen.
Lars Fältgård, der jüngste Justizrat aller Zeiten, ein brillanter Jurist, glücklich verheiratet, hatte über viele Jahre eine heimliche Liebesaffäre mit seiner ehemaligen Studentin unterhalten. Sie hatten eine gemeinsame Tochter.
Wie war das zugegangen?
Einer muß Opfer bringen, hatte Mitsuko gesagt.
Kristina versuchte sich vorzustellen, was das hieß. Nie miteinander aufwachen, nie zusammen in die Ferien fahren, nie gemeinsam Weihnachten feiern.
Vielleicht wurde diesen Freuden zuviel Bedeutung beigemessen. Sie hatte das alles dreizehn Jahre lang mit ihrem Mann erlebt, und was war dabei herausgekommen? Die Scheidung. Während die beiden heimlich Liebenden, die schon genauso lange füreinander entbrannt waren, noch immer vor Wollust gebebt hatten, wenn sie aneinander dachten.
Immer wieder diese Gleichung, die nicht aufging. Wie kann man von der Liebe zehren, ohne sie zu verbrauchen?
Das Bier machte ihre Gedanken auch nicht klarer. Benommen und traurig fuhr sie nach Hause. Als sie die Haustür aufschloß, sah sie, daß sie immer noch nicht das Namensschild ausgewechselt hatte. Der Name ihres Exmannes stand noch da. Sie las ihn wie ein Graffito in einer prähistorischen Höhle. Sie begriff kaum, worum es sich handelte.
Gleich morgen würde sie anrufen und ein neues Schild bestellen.
Um sie herum fiel alles in Scherben. Maria hatte die Scheidung eingereicht, sie selbst war geschieden, Mitsuko hatte vierzehn Jahre lang einen heimlichen Liebhaber gehabt, der Richter Berlin hatte sich nach fast dreißigjähriger Ehe scheiden lassen, Östen war mit einer Frau zusammengezogen, die ihren Mann und ihre drei Kinder seinetwegen verlassen hatte und daran fast zerbrach. Nur Thomas Roth und seine Frau hielten aneinander fest, zusammengeschweißt durch den starken Willen, ihrem schwerbehinderten Sohn ein erträgliches Leben zu schenken.
Anscheinend fiel es den Menschen leichter, ihr Unglück miteinander zu teilen als ihr Glück.
Wie war es so weit gekommen? War es immer so gewesen?
Sie wußte es nicht. Sie sehnte sich danach, mit ihrem Vater zu reden, aber es war schon spät. Sie wollte ihn jetzt nicht mehr stören.
Außerdem, was hätte sie sagen sollen?
Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte. Es war eine Nachricht vom Krankenhaus. Eine Ärztin wollte mit ihr sprechen.
15
Das Krankenhaus Huddinge ist so etwas wie eine Kleinstadt mit jedem nur denkbaren Service. Man kann im Prinzip geboren werden, aufwachsen, zur Schule gehen, arbeiten, heiraten und sterben, ohne von dort wegzugehen.
Eine gute halbe Stunde irrte Kristina durch lange Korridore, bis sie Dr. Eva Strömhed fand, in einem kleinen Zimmer hinter der Krankenhausbibliothek, die kurz vor der Schließung stand, wie auf einem großen Plakat mitgeteilt wurde. Die Besucher wurden aufgefordert, sich in die Protestliste einzutragen, die auf einem runden Tisch vor der Tür auslag.
Kristina hatte genug von Protestlisten. Es gab sie überall, im Büro, beim Hausbesitzerverein, am Bahnhof. Man protestierte gegen Schließungen, gegen alte Versäumnisse, neue Sünden und vergessenes Unrecht. Sie ging vorbei, ohne zu unterschreiben, aber wahrscheinlich würde sie es auf dem Rückweg tun.
Dr. Eva Strömhed saß hinter einem Schreibtisch, auf dem sich Bücher und dickleibige Ordner türmten. Man sah nur ihren langen Hals und ihr Gesicht, das in gewisser Weise an ein neugeborenes Eichhörnchen erinnerte, obwohl sie schon in den Vierzigern war. Kristina mochte sie sofort, um so mehr, nachdem sie einander die Hand geschüttelt hatten. Ein fester, warmer Händedruck von der Sorte, die wie eine Besiegelung anmutet.
Die Ärztin wollte ihr etwas zeigen, und eine neue Wanderung durch die Korridore nahm ihren Anfang, diesmal in Richtung Leichenhalle. Sie passierten eine Reihe sicherheitskodierter Türen, sie begegneten Leuten, die Dr. Strömhed fröhlich grüßten, und Patienten, die sich mit unsicheren Schritten fortbewegten, gestützt von jungen Krankenschwestern in hölzernen Gesundheitssandalen.
Schließlich waren sie da.
In der Leichenhalle gab es sehr wenig Personal, genauer gesagt, nur einen kleinwüchsigen Äthiopier mit geröteten Augen und verstopfter Nase. Es war einfach zu kalt in diesem Raum.
Dr. Strömhed bat ihn, eine Bahre aus dem Gefrierfach zu ziehen. Es war der Junge, der sechste, unbekannte Passagier aus dem abgestürzten Flugzeug.
Der dünne junge Körper war nackt, im Zustand des Todes gefangen wie ein Schiffsmodell in der Flasche. Er würde keine Reisen mehr machen, keine der Freuden und Vergnügungen eines jugendlichen Körpers erleben. Die Kälte hatte seine Haut mit kleinen, glitzernden Eiskristallen überzogen.
Die beiden Frauen fühlten sich geblendet wie von einem Sonnenuntergang. Und sie wünschten sich etwas. Sie wünschten sich, diesem Jungen das Leben wiederzugeben, zu sehen, wie seine Glieder sich lösten, wie er hinter einem Ball herlief oder sich das Haar kämmte.
Es war Dr. Eva Strömhed, die den Bann brach. Sie ging näher an die Leiche heran und deutete auf zwei lange Narben an den Seiten, unterhalb der Rippen. Sie waren nicht ganz verheilt, sie schienen infiziert zu sein. Der Junge war frisch operiert. Weshalb?
Sie wollte es herausfinden, bevor der Körper eingeäschert wurde. Sie mußte eine Autopsie durchführen, eine Obduktion, um mit eigenen Augen zu sehen, um was für Operationen es sich handelte. Eine Obduktion darf nur stattfinden, wenn jemand sie beantragt. Mit anderen Worten, konnte Kristina möglicherweise einen Antrag auf Obduktion stellen?
Das konnte sie. Aber wozu? Hatte die Ärztin einen bestimmten Verdacht?
Eva Strömhed antwortete nicht gleich. Sie bat den kleinen Äthiopier, die Leiche umzudrehen. Noch mehr Narben wurden sichtbar, etwas kleinere diesmal. War der Junge mißhandelt worden? Abwegig war der Gedanke nicht. Aber warum und von wem?
Kristina dachte an das Gespräch mit Mitsuko. Sie wollte ihr gegenüber loyal sein. Wenn sie eine Obduktion beantragte, würde der ganze Justizapparat in Bewegung geraten, Geheimnisse würden aufgedeckt werden, viele Menschen würden leiden müssen. War es das wert? Der Junge war doch ohnehin tot.
Sie konnte sich nicht entscheiden.
Eva Strömhed kannte die Gründe für ihr Zögern nicht, aber sie wollte sie nicht drängen. Außerdem war sie selbst viel zu unsicher, was ihren Verdacht betraf. Sie hatte gewisse Vermutungen, aber die würde sie um nichts in der Welt preisgeben, bevor sie festen Boden unter den Füßen hatte.
Sie war Wissenschaftlerin, und deshalb war es für sie das Wichtigste, sich abzusichern. Ohne Obduktion hatte sie nichts in der Hand. Aber danach würde sie vielleicht genauso wenig in der Hand haben. Kurzum, sie konnte nicht darauf bestehen. Trotzdem fragte sie ein letztes Mal, ob Kristina bereit sei, ihr zu helfen.
Ihre Wangen glühten, und sie verstummte abrupt, als ob sie bereute, was sie gesagt hatte.
Auch Kristina blieb stumm. Der Junge war tot, aber die Narben an seinem Körper waren Wirklichkeit. Wer hatte sie verursacht?
Es war ihre Pflicht, das herauszufinden, jeden Stein umzudrehen auf der Jagd nach den Schuldigen.
Zugleich fühlte sie eine große, schwere Müdigkeit. Wozu sollte das gut sein? Der Tod war unwiderruflich, und seine Wirklichkeit degradierte alle anderen Probleme zur Nebensache. Warum diesen jungen Körper noch einmal schänden? Ihn aufschneiden, in ihm herumwühlen?
Bislang sah sie keine einzige Spur, die sie hätte verfolgen können. Wer auch immer den Jungen mit ins Flugzeug genommen hatte, war ebenfalls tot. Vielleicht war die Gerechtigkeit schon hergestellt worden. Niemand würde ihn mehr ausbeuten, das einzige, was man noch für ihn tun konnte, war, seinen Körper intakt zu lassen.
Sie wußte, daß sie rein gefühlsmäßig reagierte, wo sie vernunftbestimmt hätte handeln sollen. Sie wußte, daß sie in diesem Augenblick mehr Frau als Polizeikommissarin war. Sie wußte, daß sie vermutlich einen Fehler machte, aber es war ihr gleichgültig. Niemand sollte diesen Jungen mehr anrühren dürfen.
Sie fühlte, daß Eva Strömheds warmer, intelligenter Blick auf ihr ruhte. Sie hätte ihr gern eine Freude gemacht, aber diesmal ging es nicht.
Der Körper durfte verbrannt werden. Sie deckte ihn mit dem Plastiklaken zu, ganz leicht und luftig, als wollte sie ihm einen Himmel schenken.
16
Jeden zweiten Sonntag im Monat veranstaltete der Heimatverein Huddinge geführte Wanderungen und Ausflüge in die Umgebung. Die meisten Huddinger interessierten sich nicht dafür, aber es gab eine Gruppe von Menschen, die in den Zeugnissen der Vergangenheit jene Bedeutsamkeit fanden, die ihnen im Alltag fehlte.
Es waren Pensionäre, neu Zugezogene und vereinzelte Einwanderer, die nach einem Zusammenhang suchten, nach Anschaulichem, für die ein Leben ohne Erzählungen unerträglich war.
Zu ihnen gehörte auch Dr. Eva Strömhed.
An diesem Sonntag wollte man sich vor der Huddinger Kirche treffen. Als sie die Annonce in der Lokalzeitung las, beschloß sie hinzugehen. Sie war gerade erst nach Schweden zurückgekehrt, nachdem ihre Ehe im kalifornischen Santa Monica in die Brüche gegangen war. Neun Jahre hatte sie dort in dem Glauben verbracht, daß viel Sonne die Garantie für ein glücklicheres Leben sei.
Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Sie fühlte sich in diesem unveränderlichen Klima fehl am Platz, sie vermißte den schwedischen Frühling und den Winter in Umeå, die hellen Birkenstämme und den Fluß. Das Gefühl der Entbehrung färbte ihren Alltag und beeinflußte ihr Ehe. Sie wagte nicht, sich Kinder anzuschaffen, weil sie nicht sicher war, ob sie ihr ganzes Leben in der Fremde verbringen wollte.
Irgendwann ähnelte ihre Ehe einem Haus mit Wasserschaden, sie bröckelte von innen her. Ihr Mann war immer öfter abwesend, er fing an, sich mit anderen Männern zu treffen, zum Ausgleich dafür, daß er sich selbst allmählich abhanden kam.
Was sie in den letzten fünf Jahren noch bei der Stange gehalten hatte, war ihre Arbeit. Sie war inzwischen eine hochgeschätzte Chirurgin, genauer gesagt: Schönheitschirurgin, und auf diesem Gebiet fand eine atemberaubende Entwicklung statt.
Es erfüllte sie mit großer Befriedigung, entstellte Gesichter oder verbrannte Körper wieder herzurichten. Aber mit der Zeit war eine veritable Industrie daraus geworden. Im schönheitsfixierten Kalifornien ließ man sich neue Nasen, neue Brüste, neue Haare, längere Penisse machen. Kurzum, die ästhetische Chirurgie war zu einem Teil der Kosmetikbranche mutiert.
Das erfüllte sie mit Ekel. Den Menschen war ihr Aussehen wichtiger geworden als ihr Menschsein. In einer Gesellschaft, in der man keine Zeit hatte, einander kennenzulernen, in der die Kunst der Begegnung in Vergessenheit geraten war, konzentrierte man sich völlig auf das Äußere. Man war, wie man aussah. Eine neue, makabre Gleichung, die dazu führte, daß Menschen mit Hilfe raffinierter chirurgischer Techniken ins Stadium balzender Hähne und Hühner zurückversetzt wurden. Sie kauften sich ausgeprägte Geschlechtsmerkmale, einen größeren Penis oder größere Brüste, die sie dann so ungeniert herzeigten wie Nasenaffen.
Schließlich ertrug sie es nicht mehr. Die Scheidung lief undramatisch ab, sie hatte ja praktisch längst stattgefunden. Sie fuhr nach Schweden zurück, aber sie fand keine Arbeit in Umeå, es war die Zeit der großen Sparmaßnahmen. Sie landete im Krankenhaus Huddinge und mietete in Visätra eine Einzimmerwohnung. Sie hatte keine Kinder, keinen Hund, keine Freunde. Meist hielt sie sich in der Klinik auf. Sie hatte kein Privatleben, und es war höchste Zeit, daran etwas zu ändern.
Die Umgebung kennenzulernen war schon einmal ein Anfang.
Der Vormittag war reingewaschen vom ausgiebigen Regen der letzten Nacht, und die Sonne verströmte Wärme wie ein gutmütiger Onkel, bei sechzehn Grad Lufttemperatur.
Es war Frühherbst, die Zeit, wo man den Sakko zuknöpft und die Röcke einfarbig werden.
Die Wanderung wurde an diesem Sonntag von Bengt Lagerrud geführt, dem feurigsten Geist der südlichen Vorstädte. Er hieß alle wärmstens willkommen, schüttelte jedem die Hand und begann einen enthusiastischen Vortrag über die Huddinger Kirche zu halten, deren Grundstein wahrscheinlich im dreizehnten Jahrhundert gelegt worden war, genau dort, wo man früher den heidnischen Göttern geopfert hatte.
Von einem Aberglauben zum nächsten, dachte Eva Strömhed, oder von einem Trost zum anderen.
Obwohl es lange genug gedauert hatte. Heutzutage wurden historische Fakten viel schneller geschaffen. Vor ein paar Wochen hatte sie Bekannte in deren Sommerhaus auf Torpö im Sommen-See besucht. Wie überrascht war sie gewesen, als ihr klar wurde, daß die Sommeridylle einmal ein florierender Handelsplatz gewesen war. Hier hatte man Kohle verschifft und Holz geflößt, allerdings weder Birken- noch Eichenstämme, weil sie zu schwer waren und untergingen. Das hatte sie einem Zettel auf einer Anschlagtafel an dem verlassenen Schleppkahn entnommen, auf dessen Deck die Bewohner der Dörfer rund um den See noch vor dreißig Jahren rauschende Feste gefeiert hatten.
Eine ganze Lebensform war untergegangen, als man Straßen baute und Lastwagen einsetzte. Die Schleppkähne wurden aufgegeben, in einigen Buchten konnte man noch die Wracks besichtigen. Die jungen Leute zogen in die Stadt, zurück blieben die Alten, und die Sommergäste sammelten sich um sie wie aufdringliche Seeschwalben.
Die Gruppe spazierte nun in Richtung Stadtzentrum, und Bengt Lagerrud wies auf einen modernen Baukomplex hin, der dort stand, wo sich einst der »liegende Wolkenkratzer« befunden hatte. Den hatte sich ein Huddinger am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bauen lassen, und zu seiner Zeit war er eine Sensation gewesen.
Eva amüsierte sich königlich. Der »liegende Wolkenkratzer«! Welch ein vollendetes Symbol für den schwedischen Willen zum Kompromiß, der die Wohlfahrtsgesellschaft hervorgebracht hatte. Sie wollte mehr über den Schöpfer des Gebäudes wissen, und Lagerrud empfahl ihr die Bibliothek, wo gerade eine Ausstellung über die Entwicklung Huddinges zu sehen war.
Endlich kamen sie zum Paradieshügel, einer bescheidenen Anhöhe oberhalb des Kaufhauses. Dort stand das Denkmal der Dichterin Karin Boye, die eine Villa in der Nähe bewohnt hatte. Eine pensionierte Volksschullehrerin mit unnatürlich erweiterten Pupillen, wahrscheinlich von einer Hornhautoperation, legte der Statue eine große rote Rose zu Füßen. Dann tat sie etwas, das Eva beinahe zu Tränen rührte: Sie streichelte die Wange des Standbilds mit dem Handrücken. Karin Boye hatte sich nicht gestattet, alt zu werden. Sie war erst einundvierzig gewesen, als sie sich das Leben nahm.
Auf dem Hügel thronte die Baptistenkirche. Sie war 1929 eingeweiht worden, finanziert von der kleinen baptistischen Gemeinde, deren Mitglieder damals in Huddinge lebten und arbeiteten. Der hübsche, reich verschnörkelte Holzbau wurde nicht mehr als Kirche genutzt, denn es gab hier keine Baptisten mehr. Einige Jahre hatte sie dem Roten Kreuz als Lagerraum gedient, dann taugte sie nicht einmal mehr dazu. Jetzt stand sie leer und verfiel.
Rund um das Gotteshaus war der Boden mit dem Laub von Judasbäumen bedeckt, dazwischen sah man leere Weinflaschen und Bierdosen. Das Treppengeländer rostete, eine Treppenstufe hatte die Identität gewechselt und sich in ein Trampolin verwandelt. Streifen ausgetrockneter Farbe hingen an den Holzwänden. Der Haupteingang war zugenagelt, die Lampe über der Tür zerbrochen.
Sie nahmen den Hintereingang. Lagerrud öffnete mit einem großen Schlüssel und stellte sich dann neben die Tür. Die Menschen gingen hinein, einer nach dem anderen, ein wenig zögernd, denn drinnen war es dunkel.
Eva Strömhed trat als letzte ein, gerade als eine der alten Damen ganz vorn einen verzweifelten Schrei ausstieß. Sie rannte zu ihr, gefolgt von Lagerrud. Beide vermuteten einen Beinbruch oder etwas Ähnliches.
Die Vermutung war falsch.
Auf dem schlichten, geradezu asketischen Altar lagen zwei nackte Leichen.
Bengt Lagerrud zeigte, daß er der Situation gewachsen war. Er wies sofort alle Leute aus der Kirche und rief die Polizei an. Eva Strömhed kümmerte sich um die Volksschullehrerin, die die beiden Körper als erste gesehen hatte und unter schwerem Schock stand. Eva nahm sie fest in den Arm, erklärte ihr, sie sei Ärztin, und nun sei alles wieder gut. Die alte Dame ließ sich dankbar trösten, sie duftete nach Zimt, wahrscheinlich hatte sie gerade Schnecken gebacken.
Bengt Lagerrud forderte alle auf, nach Hause zu gehen, und die meisten taten das auch. Nicht so Eva Strömhed. Sie war nicht nur neugierig, sondern ihr heimlicher Verdacht hatte frische Nahrung erhalten. Nach einem raschen Blick auf die Leichen wußte sie, daß sie mit größter Wahrscheinlichkeit von gleicher Herkunft waren wie der Junge, den sie letzte Woche eingeäschert hatten. Und sie wußte, daß es sich um zwei junge, sehr junge Menschen handelte, obwohl ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen waren.
Das hier war mehr als Mord, es war etwas anderes, das durch den Mord eher verschleiert als offenbart wurde.
Die ersten Beamten, die sich einfanden, waren zwei Schutzpolizisten, die gerade im Zentrum von Huddinge patrouillierten. Sie begnügten sich damit, bis zur Ankunft der Kollegen von der Mordkommission die Neugierigen auf Abstand zu halten. Sie hatten genug Krimiserien gesehen, um zu wissen, daß man am Fundort nicht herumtrampeln darf, weil sonst wichtige Spuren verschwinden können.
Бесплатный фрагмент закончился.
