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Theodor Kallifatides

Für Gunilla

Markus

Johanna

Stockholm 1981

Zu Unrecht beklagt sich der Mensch darüber,

daß er wegen seiner Gebrechlichkeit und Vergangenheit mehr vom Zufall beherrscht sei als von sich selbst.

Sallust

Der gefallene Morgenstern

1

Ich lag im Gras und dachte: Wie werde ich frei? Wie kann ich es vermeiden, mich noch länger räumlich einzurichten, wie kann ich die Szenerie wechseln? Tätigkeit oder Ruhe?

Es war ein milder Nachmittag, Anfang April. Über mir breitete sich der alte knorrige Apfelbaum, darüber himmlisch-reines Licht.

Das Kind spielte ein bißchen weiter drüben in dem erwachenden Garten. Seine nackten, flaumigen Beine reflektierten das warme Licht des Nachmittags. Das Kind lief zum Kirschbaum, blieb dort einen Augenblick stehen und rannte dann zurück.

Das Kind ist meine Tochter.

Vor einer Woche ist sie fünf geworden. Ich habe Ohrringe für sie gekauft, kleine Lapissteine, die mir in einem unscheinbaren Geschäft in einer Nebenstraße Kopenhagens aufgefallen waren. Ich bin in das Geschäft gegangen und habe die Ohrringe gekauft, ohne eigentlich zu wissen weshalb, aber jetzt, wie ich so im Garten lag, irgendwie ausgeliefert – wußte ich es. Sie, deren Namen ich nun seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe, trug ähnliche Ohrringe, blaue Lapissteine, die sie ebenfalls von ihrem Vater bekommen hatte, im gleichen Alter wie meine Tochter, und vermutlich war sie dabei ebenso verlegen.

Meine Tochter hatte mich lange angesehen, in ihren Augen sah ich die Schatten ihrer Gedanken, aber dann hatte sie mich auf den Mund geküßt und sie schmeckte nach Mandel. Am selben Abend, als sie glücklich und zufrieden allein in der Badewanne lag – sie bestand seit einiger Zeit darauf, allein in der Badewanne zu sein –, sah ich sie zufällig für einen Moment. Sie hatte sich aufgesetzt, vor ihr stand ein Spiegel mit rotem Rahmen, ihr Blick war weit weg und langsam strich sie ihr weiches Haar zurück, um die Ohrringe besser sehen zu können und gleichzeitig sich selbst, viele Jahre voraus.

Ach diese Träume von einer Zeit, die immer vor uns liegt!

Ich hatte den Blick gesenkt, ich war nicht in die Welt meiner Tochter eingedrungen – aber es hat weh getan in meinem Herzen, sehr weh. Ich dachte an meine Mutter, ich hatte in einem unbewachten Moment auch sie gesehen, wie sie vor einem Spiegel alterte, es war der kleine Spiegel mit dem goldenen Rahmen, der auf ihrem Nachttisch stand. Ich habe meine Mutter nie anschauen können ohne Furcht, ohne das Zittern, das man vor einem unterirdischen Gang bekommt, das gleiche Zittern, das ich immer ihr gegenüber verspürte, deren Namen ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe.

Ich dachte an den sonnigen Tag, an dem sie und ich allein hinuntergestiegen sind in das Königsgrab auf Zypern. Wir waren damals Kinder oder fast noch Kinder. Die alte Insel, des Dichters «graugrünes, ins Meer geworfenes Blatt», war eben befreit worden, die englische Besatzungsmacht zog sich gerade zurück und der englische General räumte die Sommerresidenz, an deren Einrichtung Arthur Rimbaud als Schreiner mitgewirkt hatte.

In dem königlichen Grab war es sehr still und dort oben, wo die Welt sich öffnet, war eben ein Krieg mit demselben traurigen Ergebnis wie immer zu Ende gegangen: da ist einer zum Sieger gekürt und ein anderer zum Verlierer gestempelt worden, aber eine Niederlage haben wir alle erlitten, auch sie und ich, so versteckt wir waren vor dem zyprischen Licht und dessen glänzenden Düften nach Zitrone, Pinie und Schießpulver.

Im Grab war sonst niemand, nur sie und ich und noch eine Eidechse, die uns anstarrte, unbeweglich und aus weiter Ferne wie ein orientalisches Schicksal. Der Gesang der Nachtigall, der den Dichter nicht schlafen ließ, den Dichter, den wir so liebten, war nicht zu hören. Und sie fragte mich: «Woran denkst du?»

Ich hatte nicht geantwortet, ich hatte nur ihre Hand gesucht in der kühlen Dunkelheit. Ihre Hand war geschlossen, sie fürchtete die Stille, die Zeit, das duftende Licht draußen, das uns eines Tages weggenommen würde; ihre Hand umschloß das letzte Sandkorn einer Zeit, die noch ihr und mir gehörte.

Sie hatte mich gefragt: «Woran denkst du?» Ich hatte nicht geantwortet, dachte aber an meine Mutter. Das königliche Grab war wie eine Gebärmutter, ein wortloser und stummer Raum, in dem ich furchtbar lebendig war, ohne atmen zu müssen.

An diesem Tag hatte ich sie noch nicht geküßt, an diesem Tag hatte sie mich noch nicht geküßt. An diesem Tag wußte ich noch nicht, daß es noch eine Gebärmutter gab, in der ich mein Leben leben konnte. Aber an diesem Tag, in der stillstehenden Zeit im königlichen Grab, küßte ich ihre Pulsader, die «kostbare Uhr» ihres Blutes, und sie duftete genau wie meine Tochter: nach Mandel.

Seit diesem Tag habe ich mich immer nach ihr gesehnt, obwohl ich mehrere Jahre ihren Namen nicht in den Mund genommen habe, aber ihr Name stand vor und hinter jedem Satz, den ich geäußert hatte, ihr Name zitterte unter allen meinen Worten, war wie ein Vulkan, auf dessen Spitze ich mein Leben ein wenig einsam verbrachte, ein wenig mutig, aber stets zitternd; ich verbrachte mein Leben auf einem ungesagten Wort.

Ich lag also an diesem milden Nachmittag Anfang April im Gras und dachte an meine Mutter, ich dachte an die ungenannte Frau und an meine Tochter: Grotten aus Fleisch und Blut, aus ersterer bin ich gekommen, zu letzterer bin ich geworden und in der mittleren sollte ich mein Leben leben.

Die Hände auf den Kopf gestützt, sah ich dem Kinde zu, das meine Tochter ist und scheinbar ohne jede Absicht hin und her lief, wie ein Tagtraum, eine optische Täuschung. Das Gras hatte noch die aschgraue Tönung des beginnenden Frühlings, die grüne Farbe war noch nicht durchgebrochen, aber wenn man genau hinsah, konnte man den Farbansatz ahnen, die Grashalme wölbten sich unmerklich, wie eine Frau an dem Tag, an dem sie empfängt; aber noch war das Gras aschgrau, der Winter war lang und kalt gewesen, und der alte Apfelbaum mit seinen nackten Zweigen warf seinen dünnen Schatten auf mich.

Mein Herz war stumm vor Sehnsucht und meine Gehirnzellen waren blockiert von einem einzigen Wort, das ich nicht laut auszusprechen wagte.

Ein älteres Pärchen radelte an dem Garten vorbei, ich achtete nicht besonders auf sie, aber ich hörte die Frau: «Guck mal, wie die Knospen springen!» rief sie dem hinter ihr fahrenden Mann zu und in ihrer Stimme klang sowohl Triumph wie Rache, und ich weiß nicht, ob der Mann es bemerkte, aber er fuhr noch langsamer und beugte den Kopf tiefer. Der Frühling war nichts für ihn, seine Tür war verschlossen, er verschwand aus meinem Gesichtsfeld, noch ein Tagtraum, noch eine optische Täuschung.

Die nackten Beine des Kindes standen auf einmal vor meinem Kopf. Die noch nicht völlig ausgeformten Zehen versanken im Gras, ich streichelte sie vorsichtig, die Haut war straff.

«Warum rennst du so hin und her?»

«Ich spiele!»

«Was spielst du?»

«Verstecken!»

Ich hob den Kopf und begegnete dem Blick des Kindes. Sie warf den Kopf zurück, sie lachte, das schräge Licht verfing sich in ihrem Mund.

«Und wen suchst du?»

«Ich suche mich selber!»

Dann lachte sie wieder und lief davon. Ich wollte ihr nachrufen, aber es war nicht der Name meiner Tochter, den meine Lippen formen wollten. Es war ein anderer Name und eine Zehntelsekunde lang glaubte ich, er würde aus mir herausbrechen – aber noch einmal verließ mich der Mut.

Ich blieb still liegen. Der Schatten des alten Apfelbaumes zog sich langsam in die Länge, um allmählich zu verschwinden. Das Kind war hineingegangen.

Es wurde kühl. Unmerklich hatte sich die Luft um mich verändert, kleine kristallene Teilchen reizten meine Haut, ich fror. Ich erhob mich, im Garten war kein Laut. Das Haus, eingerahmt von zwei hohen Birken, schwebte in dem Dämmerlicht. Eine Lampe wurde entzündet, ich sah, wie sich die junge Frau über etwas beugte, ihr schmaler, unschuldiger Rücken verriet, daß es etwas Lebendiges sein mußte, in ihrer Bewegung nach vorne lag ein Zurückzucken, ein Zögern, mit dem sich ein scheuer Mensch allem Lebenden nähert. Die junge scheue Frau war meine Ehefrau.

Ich blieb unter dem Apfelbaum stehen und das Haus, mein Haus, setzte sanft seine Luftfahrt fort, mit der Frau und dem Kind an Bord.

Bald würden die Frau oder das Kind nach mir rufen. Im Wohnzimmer sah ich einen bläulichen, unwirklichen Schein, jemand mußte den Fernseher eingeschaltet haben. Der Tisch war sicher bereits gedeckt. Ich sah vor mir zwei gleiche Teller, die einander gegenüberstanden und dazwischen einen dritten, etwas kleineren. Die Lampe über dem runden Kiefernholztisch war noch nicht angemacht, aber das würde nun gleich geschehen. Ich würde mich der Frau, die meine Ehefrau ist, gegenübersetzen und wir würden einen Augenblick warten, bis sich das Kind seine Hände gewaschen hätte, eine Maßnahme, die sich selten als zweckmäßig erwies. Das Kind würde mit allen möglichen Dingen in den Händen aus dem Bad kommen: Puppen, Schiffen, Bällen, und alles würde sie gewaschen haben, nur nicht die Hände. Dann würde das Kind Geschichten erzählen: von dem Floh, der zu einem Pfefferkuchen wurde, vom Pfefferkuchen, der zum Gespenst wurde; sie würde mit den Augen rollen vor Entsetzen und Entzücken. Ab und zu würden die Frau mir gegenüber und ich uns schweigend anblicken, ich würde Wein in ihr Glas schenken, sie würde mir den Käse reichen; das Haus um uns würde eins werden mit dem Raum in uns und in der Nacht würden wir nebeneinander liegen, die Frau mir gegenüber, die meine Ehefrau ist, und der Mann ihr gegenüber, der ich bin. Wir würden dem Geplapper des Kindes zuhören, bis es eingeschlafen ist, wir würden uns vielleicht anfassen oder wir würden es bleiben lassen.

All dies würde innerhalb der nächsten Stunden passieren und ich würde einschlafen, belagert von dem unsagbaren Wort, von dem Namen, den ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe. Die Belagerung dauerte nun schon lange, meine Vorräte gingen zur Neige und die Wirklichkeit machte sich davon. Ich wollte wirklich sein, aber das würde ich erst werden, wenn es mir ein anderer gesagt hat. Das war meine Bedingung: ich mußte für einen unbekannten Gott sterben, und ich mußte für unbekannte Menschen leben.

Ich stand im Garten, und die Dunkelheit um mich nahm zu. Ich war müde, ich war sehr müde, ich konnte nicht klar denken. Alle meine Gedanken wurden früher oder später zu Metaphern. Sogar die absolute Sinnlosigkeit wurde zu einer Metapher, sogar die völlige Absichtslosigkeit.

Ich war überzeugt davon, daß die Welt nicht dreidimensional ist, ich war überzeugt davon, daß es eine vierte Dimension gibt: eine Bedeutung, ein Sinnen. In Stunden selbst aufgezwungener Abgeschiedenheit bildete ich mir ein, ich könne die Welt fotografieren, ich könne einen Baum, ein Kind, einen Stein sehen, aber eigentlich betrog ich mich selbst. Ich war nie imstande, irgend etwas oder irgend jemanden auf andere Weise zu sehen als irgend etwas oder irgend jemand. Warum sollte man mich dann anders sehen können als irgend jemanden?

Ich zündete mir eine Zigarette an. Das Feuer meines Feuerzeugs, sie hat es mir einmal vor zweiundzwanzig Jahren geschenkt, setzte ein Stück Dunkelheit in Brand, aber der Sieg war nur zufällig. Rasch nahm die Nacht das verlorene Gebiet wieder ein und ich ging sang- und klanglos darin unter. In dem Moment bemerkte ich den Abendstern; er blinkte wie eine Ampel auf den Autostraßen der Galaxien.

Was geschieht eigentlich, wenn etwas geschieht? Warum fange ich bei der bloßen Erinnerung an einen Namen zu zittern an? Warum hören alle meine Träume da auf, wo sie beginnen sollten? Welcher Trost läge darin, wenn es eine Absicht gäbe, ich beneide Ptolemäus um sein Almagest, um sein geozentrisches Weltbild, in dem die Absichten ebenso deutlich sind wie ihre Konsequenzen. Aber ich lebe nicht in der Zeit des Ptolemäus, ich lebe in einer Welt, die zufällig und sinnlos zu sein scheint, obwohl mein Gewißheitsdurst sicher ebenso groß ist wie seiner.

Eine absichtslose Wirklichkeit, in der alles metaphorisch ist, das ist die andere meiner Bedingungen. Und dann dieses Sehnen, diese offensichtlich von einem Namen abhängige Sehnsucht, die mich von meinem Platz unter dem knorrigen Apfelbaum und dem Abendstern wegätzen wollte. Die Lampe über dem Küchentisch brannte jetzt. Ich hörte, wie ein Fenster geschlossen wurde, die Nacht würde kalt werden; von der Erde stiegen leichte Dunstwolken auf – nein, keine Wolken, eine Wolke muß größer sein als ein Mensch – von der Erde stiegen leichte Dunstbälle auf, die langsam nach oben schwebten, sie rollten um meine Beine, meine Hüften, meine Brust; sie belagerten mich und für einen Augenblick fühlte ich mich zugehörig, fühlte ein Dasein und meine fürchterliche Sehnsucht schwemmte mich wie ein mächtiger Gezeitenstrom fort.

Ich begann völlig bewegungslos zu tanzen und ich sang ganz stumm, umgeben von leichten Dunstbällen, und die Erde unter meinen Füßen schaukelte gewaltig. «Du darfst nicht verschwinden!» schrie ich, ohne die Lippen zu bewegen, mein Herz pochte laut und mein Kopf zerbarst in Stücke, als ich die Frau zur Küchentür herauskommen sah, sie ließ sich einrahmen von der Nacht draußen und dem Licht drinnen – das lebenslängliche Spiel –, und sie rief meinen Namen der Gestalt zu, die ich bin. Meinen Schatten spürte sie besser als sie mich spürt, aber machte ich nicht dasselbe?

Das Kind kam und stellte sich neben die Frau. Sie standen im Licht. Ich stand in der Dunkelheit. Und die nie beim Namen genannte? Wo stand sie? Ich schritt auf das Haus zu, direkt durch die Dunstbälle – das führe ich nur als Beispiel für meine Entschlossenheit an –, als das schrille Signal des Telefons das Haus sprengte, das mein Heim ist.

2

Meine Freundschaft mit Andreas war tief gewesen, wenn sie auch nicht frei war von Neid und dem Gefühl der Unterlegenheit. Schon vom ersten Augenblick an wußte ich, daß er intelligenter war und außerdem die seltene Leidenschaft für die Wahrheit besaß, seine ganze Erscheinung strahlte das Vermögen aus, lange über alles nachzudenken. Die Rastlosigkeit hatte ihn nicht ergriffen, seine Bewegungen und Gesten waren harmonisch und ruhig, ein Mensch, eingebunden in einen Kampf, der die größte Niederlage garantierte. Ein Mensch vielleicht von vornherein besiegt, aber ohne die geringste Möglichkeit auszuweichen. Kurz, Andreas gehörte zu jener geringen Zahl von Menschen, die ein Schicksal haben, seine Existenz war weder zufällig noch unabsichtlich. Der unbegreifliche Gott hatte sich einen Spaß daraus gemacht, ihn und seinesgleichen zu erschaffen. Ich gehörte nicht zu seinesgleichen, und das wußte ich. Zum erstenmal wurde ich auf ihn aufmerksam während einer Logikstunde. Wir waren sechzehn und seit Jahren in derselben Klasse und in derselben Schule, ohne uns außer bei zufälligen Gelegenheiten nähergekommen zu sein, beim Fußballspielen oder bei Spaziergängen im Park, wo wir ungestört die Schweizer Au-pair-Mädchen mit den Nestlé-Backen in Augenschein nehmen konnten, ihre weißen Schürzchen und ihre transparenten Blicke. Manchmal hatten Andreas und ich zusammen auf derselben Bank gesessen, wir hatten sicher in einigen Fällen unsere kurzzeitigen Lüste auf dasselbe Mädchen gerichtet, aber wir hatten keine besonders tiefsinnigen Gespräche geführt.

Er saß meistens da mit gesenktem Kopf, er hob den Blick nur widerwillig und nur, wenn man ihn ansprach, um ihn dann blitzschnell wieder zu senken. Ich hatte irgendwie das Gefühl, daß er sich schämte, aber weshalb? Ich frage micht nicht und ihn fragte ich auch nicht, nicht einmal später, als wir durch Ursachen und Umstände aneinander gebunden waren, die jenseits unserer Möglichkeiten lagen... oder nein, ich kann es ebensogut gleich sagen: wir waren ganz einfach beide in dasselbe Mädchen und die spätere Frau verliebt, die Frau, deren Namen ich seit mehreren Jahren nicht in den Mund genommen habe.

In der Logikstunde ging es um Syllogismen. Der Lehrer, ein hinkender, hustender und rauchender mittelalterlicher Mann mit vorspringender Stirn und die Haare ganz glatt nach hinten gekämmt – ich war mir übrigens sicher, daß seine Frisur Tarnung war, er versuchte, sich auffällig und gleichzeitig unauffällig zu machen, wie wenn einer mit den Augen rollt – der Lehrer hatte nicht viel Ahnung von Logik, er war eigentlich Philologe und zufällig dazu eingeteilt, den erkrankten Mathematiklehrer zu vertreten, der übrigens auch keine besondere Ahnung von Logik hatte. Nun war der Philologe aber ein leidenschaftlicher Anhänger von Aristoteles und weil die Erfindung der Syllogismen dem Aristoteles zugeschrieben wird, waren sie die liebsten Konserven in der intellektuellen Vorratskammer des Lehrers.

Mit nikotingelben Fingern malte er den bekanntesten und trostlosesten aller Syllogismen auf die schwarze Tafel.

Alle Menschen sind sterblich

Ich bin ein Mensch

Also: Ich bin sterblich

Es wurde totenstill in der Klasse. Ein ungutes Gefühl breitete sich aus, keiner von uns war bereit, seinen Tod zu einer Frage von Logik zu machen. Der Lehrer blickte uns mit triumphierenden Augen an, so als wolle er sagen: ‹Ihr habt wohl geglaubt, ihr könntet entwischen mit euren kleinen Dummköpfen› und das Schweigen dauerte eine ganze Weile, bis plötzlich Andreas die Hand hob.

«Na?» fragte der Lehrer. «Was ist?»

«Woher weiß ich, daß ich ein Mensch bin?» fragte Andreas mit sehr klarer und ungewöhnlich eifriger Stimme.

Die meisten brachen in lautes Gelächter aus, sogar der Lehrer lachte, aber sein Lachen ging schnell über in einen Hustenanfall und als der Hustenanfall sich gelegt hatte, holte er genüßlich zum Todesstoß aus.

«Es kann natürlich sein, daß gerade du ein Esel bist!» räumte er mit der bekümmerten Stimme des erfahrenen Sadisten ein.

Neues Gelächter. Ich betrachtete Andreas, dessen sonst bleiche Wangen brennend rot angelaufen waren und der in einer Art Wut erneut die Hand hob, den Zeigefinger wie einen Dolch vorstreckend.

«Was ist denn jetzt noch?» Der Lehrer war irritiert, seine schnellen Siege – und er war an schnelle Siege gewöhnt – vertrugen keine längeren Diskussionen, der einzige Vorteil von schnellen Siegen ist, daß sie witzig sind.

«Ich bitte um Verzeihung», nahm Andreas das Thema wieder auf. «Es kann durchaus sein, daß ich ein Esel bin – wogegen ich im Prinzip nichts habe –, aber es ist wahrscheinlich, daß noch viel mehr in dieser Klasse Esel sind, nachdem sie offenbar sowohl verstehen, was Sie sagen und was ich sage, wenn ihr Gelächter auch zeigt, daß dieses Verständnis ziemlich oberflächlich ist, aber was kann man von Eseln anderes erwarten? Also, das Problem besteht nach wie vor!»

Er hatte gesprochen, ohne eine Sekunde zu zögern, die Worte waren mit klarer und eifriger Stimme aus seinem Mund gekommen. Danach packte er seine Bücher und Stifte in einen alten Arztkoffer und verließ das Klassenzimmer. Das war alles so schnell gegangen, daß der Lehrer erst reagierte, als Andreas bereits im Korridor stand. Der Lehrer wandte sich uns zu als könne er nicht glauben, was da geschehen war. Dann schrie er außer sich vor Wut:

«Wo willst du hin?»

«Ich werde gehen und meine Füße im Ilissos waschen!» rief Andreas zurück, und seine Antwort verursachte eine neue Welle von Gelächter, eine Welle, in der der hustende, hinkende, rauchende Lehrer rettungslos unterging.

Am selben Nachmittag fand ich Andreas im Park, verstrickt in ein kompliziertes Gespräch auf schulfranzösisch mit einer der Töchter aus den Alpen, deren Augen erfüllt waren von geheimnisvollen Seen und säuselnden Talwinden, deren Schoß aber leider verklebt war vom Schlamm des Calvinismus. Er beugte sich über sie, er atmete den Duft ihres blonden Haares ein und er sang leise, wobei seine Finger auf einer hypothetischen Gitarre zupften.

Si tu m’aimes

comme je t’aime

tu m’aimerais beaucoup

Die Tochter aus den Alpen lachte gerührt und verwirrt und hielt sich die eine Hand vor den Mund, während die andere gewölbt über ihrem goldenen Schnitt ruhte, dessen Existenz niemand bezweifelte außer ihr selbst. Andreas’ schwarze Augen waren nach innen gewandt, während er sang, er war stark konzentriert auf ihren Duft, auf ihre Stratosphäre, die anziehender war als das Mädchen selbst und er kämpfte begeistert darum, sich in dieser Nähe, in dieser elliptischen Bahn der Lust zu halten.

Ich zerstörte ihm alles. Ich stellte dem kleinen, adrett gekleideten Kind, das in der Nähe spielte, ein Bein, das Schweizer Mädchen stürzte zu dem weinenden Kind und Andreas erblickte mich. Ich lachte. Er schaute mich lange sehr ernst an, aber dann lachte auch er. Er erhob sich von der Bank, kam rüber zu meiner Bank, setzte sich und legte mir seinen rechten Arm um die Schulter.

«Das hast du mit Absicht gemacht!» klagte er mich seufzend an.

«Du solltest ja deine Füße im Ilissos waschen», antwortete ich.

«Und nicht auf die Jagd gehen!»

«Du bist ungebildet wie ein Esel!» seufzte Andreas noch einmal. Er grub in seiner Schultasche und fischte einen von Platons Dialogen heraus, ich weiß nicht mehr, welchen. Dort blätterte er eine halbe Sekunde und schlug dann das Buch auf, er hatte sofort die richtige Stelle und deutete auf eine Zeile mitten auf der Seite. Da stand: entweder sollten wir uns ernsthaft unterhalten oder wir sollten gehen und unsere Füße im Ilissos waschen!

Das war einer der Kraftausdrücke von Sokrates, wenn er genug hatte von den Dummheiten. Andreas klappte das Buch zu und steckte es in die Tasche.

«Das einzige Problem ist, daß es den Ilissos nicht mehr gibt!» lachte er und erhob sich.

«Ich muß jetzt gehen!» murmelte er und war schon zehn Meter weg, ich kam gar nicht auf die Idee, mitzugehen, aber kurz bevor er hinter den Akazien verschwand, die bereits blühten mit ihren gelben, wunderbar schönen Blüten, winkte er ohne sich umzudrehen, und ich kam mir idiotisch vor, als ich seinem gebeugten Rücken hinterher winkte. Aber plötzlich vollführte er eine Pirouette und lachte schallend:

«Ich weiß, wie es ist, hinter einem Rücken herzuwinken!» plärrte er.

Und genauso drang es jetzt durch den Telefonhörer an mein Ohr. Er lachte und plärrte und erzählte, er wäre auf einem Flugplatz mit dem Namen Arlanda und zwei Polizisten stünden links und rechts von ihm. Er sei bei der Paßkontrolle festgehalten worden, seine Papiere seien nicht in Ordnung, die Polizei habe den Verdacht, er wolle im Land bleiben. Er habe vergebens protestiert, aber die Polizisten hätten ihm schließlich erlaubt, anzurufen. «You may call for three crowns» habe einer der Polizisten gesagt und drei Kronen in den Automaten gesteckt.

«Was zum Teufel meint er damit?» fragte Andreas am Telefon.

«Drei Kronen sind Schwedens Symbol!» klärte ich ihn auf, um nicht in technische Details gehen zu müssen, und fuhr fort:

«Ich komme sofort. Laß mich mit der Polizei reden!»

«Wie steht es mit Maria», flüsterte ich und war fassungslos über meinen Mut, aber Andreas’ Stimme verschwand und ich hörte statt dessen eine wirre Unterhaltung auf englisch, dann wurde eine neue Münze in den Automaten geworfen und eine schroffe schwerfällige Stimme aus Norrland drang von Arlanda an mein Ohr. Ja gewiß, man würde ihn hierbehalten. Ich solle so schnell als möglich kommen.

«Sagen Sie meinem Freund, daß ich sofort komme!» schrie ich, aber der Polizist hatte bereits aufgelegt.

Das Kind stand neben mir und hielt mich am rechten Hosenbein fest. Ihre kleinen Finger, schwarz und rauh, hatten den ganzen Tag mit unbändiger Lust in Erde und Sand gegraben, hatten Puppen liebkost, mit Bällen und Spielzeugautos gespielt, krallten sich jetzt in den Hosenstoff. Sie wollte auch telefonieren, aber ich versicherte ihr, daß der Mann am andern Ende der Leitung nichts verstehen würde, worauf sie schnell und überraschend feststellte:

«Um so besser!» und schon mit dem neuen Spiel begann. Wie neu ist das eigentlich? Zu reden ohne verstanden zu werden und ohne das zu erwarten?

Ich legte auf und ich merkte, daß meine Hände zitterten. Ich hatte diese Stimme über zehn Jahre nicht gehört, trotzdem hatte ich sie sofort wiedererkannt. Andreas hatte nämlich seinen Namen nicht gesagt, er hatte geredet, als setzte er ein Gespräch fort, das vor wenigen Minuten unterbrochen worden war.

War die Zeit nur ein Traum?

Aus der Küche rief meine Ehefrau, daß das Essen warte.

«Was gibt es?» wollte meine Tochter wissen.

«Komm, dann siehst du es!» antwortete meine Ehefrau, für die eine definitive Antwort dasselbe war wie für den Fisch das Netz, eine sehr traurige Tatsache also. Aber das Kind ließ sich nicht so leicht fangen. Es war nicht so ungeheuer begierig danach, zu sehen, was es gab, es war begierig danach, zu hören, was es gab, und es rührte sich nicht von der Stelle.

«Komm, wir wollen jetzt essen!» flüsterte ich ihr ins Ohr und ich hob sie hoch in die Luft, und das Gewicht ihres Körpers vermittelte mir ein exaktes Gefühl meiner Liebe zu ihr: auf Dauer war es unmöglich, sie zu tragen und unmöglich, sie zu verlieren.

Ich konnte nichts essen.

«Wer war es?» fragte meine Ehefrau.

«Ein alter Freund!» antwortete ich ausweichend. Wie sollte ich ihr oder irgendeinem andern erklären, wer Andreas war? Ich wußte es selbst kaum.

Es entstand ein beklemmendes Schweigen und so erklärte ich notdürftig Andreas’ Situation, ich sagte, ich müsse nach Arlanda fahren und ihn holen. Ich sah, wie das Liberale in ihr – «man muß seinen Freunden helfen» – mit dem Bürgerlichen – «man bleibt bei Tisch» – kämpfte, und wie immer gewann das Liberale.

«Natürlich mußt du fahren!» seufzte sie und brachte damit den besiegten Teil in sich zum Ausdruck.

Noch ein Abend, ein langer Abend stand ihr bevor, an dem sie angewiesen war auf sich selbst und auf das Kind, das inzwischen eifrig damit beschäftigt war, Milch über ihr Essen zu gießen.

«Hör auf damit!» protestierte meine Ehefrau und unser kleines Drama war beendet.

Ich mochte auch keine definitiven Antworten. Ich erinnere mich an damals, als Maria gefragt hatte, ob ich sie liebe. Ich hatte geantwortet «man könnte es als Arbeitshypothese in Betracht ziehen!» Zuerst war sie ziemlich blaß geworden, aber das hatte nicht lange gedauert. Sie hatte gleich darauf gelacht und erzählt, daß sie dieselbe Frage Andreas gestellt habe. «Und was hat er geantwortet?» – «Daß er gerne sein Leben für mich hingeben würde. Das Problem ist, daß ich sein Leben nicht haben will. Ich will deines!»

Andreas und sie waren sich sehr ähnlich. Beide waren gefühlsmäßig rücksichtslos und kannten keine Scham, sie betrachteten ihre Gefühle als ewig, wie momentan sie auch sein mochten. Sie hatten beide auf dieselbe geniale und erschreckende Weise keinerlei Perspektive.

Ich stand vom Tisch auf. Die Nacht war dunkler geworden, durch den Garten zog ein östlicher Wind; das war die Zeit des ersten Frühlings in den finnischen Wäldern, in denen die Frau, die meine Ehefrau wurde, aufgewachsen war, und in ihrem immer noch glücklichen Blick befand sich derselbe Glanz wie auf den Stämmen der Birken.

Ich hatte diesen Blick geliebt und ich liebte ihn immer, aber er war zunehmend seltener geworden. Wir hatten einige Tage in ihrem abgelegenen Dorf verbracht, wir waren einige Frühlingstage lang in einem Wald verborgen. Wir beobachteten, wie die Laubbäume zu knospen begannen, wie die Bäche und Wasserläufe anschwollen und kleine und große Eisklumpen mit sich führten.

Jeden Morgen unternahmen wir lange Spaziergänge und jeden Nachmittag brachte sie mir das Saunabaden bei, eine Zeremonie, die mich jedesmal an Descartes denken ließ. Er liebte es, in einem Backofen zu sitzen und nur in der Wärme des Backofens konnte er sich seinen Gedanken hingeben.

Aber ich bin nicht Descartes, ich liebte sicher auch die Wärme, aber Descartes bin ich nicht. Ich saß neben der Frau, die meine Ehefrau wurde, ich streichelte ab und zu ihre festen Beine und ich bat sie, vom Krieg zu erzählen. Hunderte von Deutschen, Finnen und Russen waren in diesen Wäldern bei harten Kämpfen gestorben, und dort verbargen nun sie und ich uns vor der Welt und wahrscheinlich auch voreinander.

«Woran denkst du?» fragte meine Ehefrau.

«Papa denkt sicher unablässig! Bekommst du davon nicht Kopfweh?» erkundigte sich meine Tochter.

«Papa ist es gewöhnt, zu denken, weißt du!» scherzte meine Ehefrau.

«Ich möchte auch gewöhnt sein!»

«Dann fang einfach an damit.»

«Was muß ich tun?»

«Schließ die Augen und versuche dich zu erinnern, wie zum Beispiel Lars vom Kinderhort aussieht!»

«Das ist nicht schwierig! Jetzt mach ich die Augen zu!»

«Na, wie sieht er aus?»

«Wie ein Pferd!»

Meine Ehefrau und ich lachten. Wir sahen uns an. Ihr Blick war scheu, ihr Blick war zerstört worden. Er wird nie mehr seine Unschuld wiederfinden; das dünne Häutchen aus Selbstvorwürfen, schlaflosen Nächten und dunklen Tagträumen wird immer zwischen ihr und mir sein wie ein Keuschheitsgürtel, dessen Schlüssel abhanden gekommen ist.

Seit der Fehlgeburt war meine Ehefrau verschlossen, scheinbar ein für allemal. Sie hatte ihre inneren Spiegel mit schwarzem Tuch verhängt, sie trauerte ganz allein und ganz still um ihre verlorene Freude. In ihr floß ein dunkles Wasser, ein unterirdischer See, und sie glitt über ihn wie ein Seeräuberschiff ohne Flagge in ihren eigenen, sorgfältig getarnten Hafen.

«Ich gehe jetzt...»

«Wird es spät werden?»

«Das kommt darauf an! Warte aber nicht auf mich!»

«Ich warte auf dich!» versicherte das Kind.

Beide würden sie auf mich warten, das Kind und die Frau, das wußte ich. Beide würden schlafen, wenn ich heimkomme, aber ihr Schlaf würde anders werden, sobald ich die Lampe im Flur entzünde und die Schuhe leise ausziehe, um sie nicht zu wecken, aber auch so laut, daß sie mein Heimkommen bemerken, wenn auch im Schlaf. Das Kind würde sich behaglich ausstrecken. Die Frau würde ihre Augen öffnen, ein bißchen wach werden und dann den Arm unter den Kopf legen und wieder einschlafen, nun beruhigt.

803,55 ₽
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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
180 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711440537
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