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Thea Lehmann

TOD IM

KIRNITZSCHTAL


Die Autorin

Thea Lehmann ist geboren und aufgewachsen am Ammersee in Oberbayern. Nach dem Studium der Germanistik entschied sie sich für den Beruf der Journalistin, weil das Schreiben sie schon immer faszinierte. 1998 verliebte sie sich in einen Sachsen und tauchte damit in eine völlig neue Welt ein: in die sächsische Seele, die liebenswerte Sprache und in eine Familiengeschichte, die eng mit dem Kirnitzschtal und seiner außergewöhnlichen Landschaft verbunden ist. Daraus entstand ihr erster Regionalkrimi. Sie lebt mit Mann und Kind in Oberbayern, verbringt aber so viel Zeit wie möglich in der Sächsischen Schweiz.

Impressum


© DDV EDITIONSächsische Zeitung GmbHOstra-Allee 20, 01067 Dresdenwww.ddv-edition.de© Reihengestaltung und Umschlagillustrationwww.oe-grafik.de

3. Auflage

Autorin: Thea Lehmann

Grafische Gestaltung: Thomas Walther, BBK

Satz: www.oe-grafik.de

Druck: Graspo CZ

Alle Rechte vorbehalten | Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-943444-47-6 (Print)

ISBN 978-3-948916-04-6 (Epub)

ISBN 978-3-948916-05-3 (Mobi)

Thea Lehmann

TOD IM

KIRNITZSCHTAL

1

Als sich die Kirnitzschtalbahn rumpelnd und quietschend durch die 180-Grad-Kurve am Nassen Grund quälte, kippte der einzige Passagier im hinteren der beiden Waggons zunächst zur Seite, dann rollte er auf den Boden. Von dem Mann kam allerdings kein Mucks, denn er war seit drei Minuten mausetot. In den folgenden zwanzig Minuten, in denen die Bahn gemütlich durch das inzwischen finstere Tal zuckelte, sich widerwillig mal in eine Rechts-, dann in eine Linkskurve legte, wurde der Körper des Mannes so oft hin und her gerüttelt, dass er schließlich, eingeklemmt unter den beiden hinteren Sitzreihen, an der Außenwand des Waggons zu liegen kam.

Die acht Kilometer von der Endhaltestelle am Wasserfall bis zum Stadtpark in Bad Schandau sind eine ziemlich kurvige Strecke, die die alte Dame Straßenbahn in rund 30 Minuten schafft. Das Gleis zieht sich seitlich der Straße entlang des Flüsschens Kirnitzsch hin. Die für die Gegend typischen senkrecht aufragenden Felswände des Elbsandsteingebirges im Nationalpark Sächsische Schweiz flankieren das Tal. An manchen Stellen ist es nur wenige Meter breit, die Felswände ragen dann zu beiden Seiten wie Mauern nach oben; an anderen Stellen weitet sich das Tal ein wenig, und zwischen Fluss und Straße ist Raum für magere, nasse Wiesen, ein wenig Gestrüpp und schlanke, nach oben strebende Fichten. Die Enge des Tales sorgt dafür, dass es schon früh dunkel wird an seiner Sohle, und selbst im Sommer zieht sich die Bahn dann wie ein leuchtender Bandwurm durch den Felsengrund, obwohl auf den Höhen noch angenehmes Dämmerlicht herrscht.

Das Tal war der Straßenbahnfahrerin Adele Schuster vertraut wie ihr eigener Hausflur. Seit über zehn Jahren fuhr sie die Bahn und brachte Touristen zu den Wandergebieten und wieder zurück nach Bad Schandau. Sie kannte auch jeden einzelnen Bewohner des Tales.

Seit der zweiten Station, dem Beuthenfall, war außer am Hotel Forsthaus auf dieser letzten Fahrt des Tages niemand mehr ein- oder ausgestiegen. Das war auch nicht verwunderlich, denn die Wanderer beeilten sich, in der einbrechenden Dunkelheit nach Hause zu kommen. Die Fahrt war in der Regel ruhig, die meisten Ausflügler saßen schon längst wieder in der S-Bahn nach Dresden oder in ihrem Wagen auf dem Weg nach Hause.

Als Adele Schuster in Bad Schandau am Stadtpark, der Endhaltestelle, ankam, verließen die vier letzten Fahrgäste die Waggons und machten sich auf den Weg hinüber Richtung Marktplatz.

Die Straßenbahnerin wartete, bis alle ausgestiegen waren, und rangierte die Bahn so um, dass der Triebwagen wieder in Fahrtrichtung stand. Sie nahm ihre Mütze und ihre Tasche von der hölzernen Ablage und strich sich die hellblaue Dienstbluse glatt. Ihre Arbeit mochte sie sehr. Es war viel besser, als irgendwo in einem Laden an der Kasse zu sitzen, auch wenn die Passagiere mitunter nervig und unfreundlich waren. Aber die Schönheit des Tales und der Wechsel der Jahreszeiten, die sie auf ihren Fahrten erlebte, gefielen ihr immer wieder aufs Neue. Sie schloss den Wagen mit dem Führerstand ab und überprüfte, ob von außen alles in Ordnung war. Dann warf sie einen kurzen Blick in den hinteren Wagen und verschloss auch dessen automatische Türen. Die gelbe Bahn würde bis zum Morgen an der Endhaltestelle stehen bleiben. Adele Schuster machte sich auf den Weg nach Hause und hatte nicht den leisesten Schimmer von ihrem toten Passagier.

Kriminaloberkommissar Leo Reisinger saß am Donnerstagvormittag an seinem Schreibtisch in der Dresdner Innenstadt und starrte auf die beiden Zettel vor ihm. Auf dem einen standen, mit flüchtiger Handschrift hingeworfen, der Name Mandy und eine Mobilfunknummer. Auf dem Papier in seiner anderen Hand stand, deutlich besser zu lesen, in ordentlichen Buchstaben: Tabea Nollau, außerdem eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse. Leo erhob sich und schaute aus dem Fenster auf den belebten Pirnaischen Platz. Welche Nummer sollte er jetzt anrufen? Beide hatte er am Vorabend beim Sommerfest in der Alaunstraße ergattert. Die Erste, Tabea, war noch ziemlich jung, höchstens 20 Jahre alt, wahrscheinlich Studentin. Ihre lustigen kleinen Grübchen beim Lachen hatten ihn an Veronika erinnert. Sie hatte ihn mit großen, ungläubigen Augen angesehen, als er ihr unaufgefordert einen Gin Tonic gebracht hatte, um mit ihr anzustoßen. Es dauerte eine Weile, bis sie aufgetaut war, und anfangs bestand die Gefahr, dass sie mit ihrer Freundin die Flucht ergreifen würde. Aber die ließ sich von einem durchtrainierten Typen mit Wollmütze in die Feinheiten des Streetdance einweihen und dachte nicht daran zu gehen.

Leo hatte einen Blick für so was. Am leichtesten anzusprechen waren die Frauen, die mit einer Freundin da waren und plötzlich damit leben mussten, dass die Freundin angebaggert wurde, sie aber nicht. Nach einer Stunde hatte er die schüchterne Tabea so weit, ihm ihre Telefonnummer zu geben. Offensichtlich war sie ein braves Mädchen. Der Zettel mit den akkuraten, geraden Buchstaben und den geraden Zeilen roch geradezu nach Ordnung und Anständigkeit. Das forderte seinen Jagdinstinkt heraus. Dass sie sich kurz vor neun Uhr abends dann doch mit ihrer Freundin nach Hause verabschiedete, ohne ihn mitzunehmen, war nur deshalb keine totale Enttäuschung, weil sie ihm ihre Nummer in die Hand gedrückt hatte.

Also machte er sich weiter auf die Suche und wanderte mit seinem Bierglas die Straße entlang, bis er im Devils Kitchen Mandy entdeckte. Die war ein ganz anderes Kaliber als Tabea. Mandy war mindestens 30, also so alt wie er selbst, und trug einen Ehering am Finger. Sie hatte ihn geradezu herausgefordert, sie anzusprechen, ihre schwarzen langen Locken geschüttelt und ihm vielsagende Blicke zugeworfen. Auch sie war mit einer Freundin unterwegs, die sich lachend mit einer jungen Frau am Nebentisch unterhielt. Obwohl sie also genau das versprach, was er wollte, war sich Leo nicht ganz sicher. Bei Mandy hatte er also gezögert, seinen bayerischen Charme nur mit halber Kraft eingesetzt und sich nicht sofort eingelassen. Das ging ihm nun fast zu leicht. Ein wenig Herausforderung und ein bisschen mehr Distanz sollten schon sein. Stattdessen war er also alleine nach Hause gegangen, dafür mit zwei Telefonnummern.

Uwe Kröger schaute vorbei und nickte ihm durch die offene Türe zu. »Na, homo bavaricus, alles im Lot?« Leo sah auf und lächelte seinen Kollegen an. »Hallo, Uwe, was meinst du, braun oder schwarz?« Er deutete auf die beiden Zettel vor sich.

»Ah, der Herr Kommissar ist mal wieder auf der Pirsch.« Kröger schüttelte mit ironischer Entrüstung den Kopf, gleichzeitig sah man ihm an, dass er Leo um seine Freiheit beneidete. »Für deine Zwecke wohl eher schwarz wie die Nacht, Alter!« Er verabschiedete sich mit einem angedeuteten Winken und ging den Flur hinunter.

»Hm, schwarz.« Leo drehte den Zettel mit Mandys Telefonnummer zwischen den Fingern. Rein statistisch gab es nur fünf Prozent wirklich schwarzhaarige Frauen in Deutschland, wenn man all diejenigen abzog, deren Heimatländer weiter südlich lagen. Die Frage war demnach, ob sie nachgeholfen hatte. Er hasste es, wenn Frauen sich die Haare färbten. Blondinen mit dunklen Haaransätzen waren der echte Abtörner. Bei Mandy konnte die Farbe durchaus echt sein, sie hatte dunkle Kohleaugen, dunkle Augenbrauen, er glaubte sich sogar an dunkle, feine Härchen auf ihren nackten Armen zu erinnern. Alles recht vielversprechend, und die Wahrheit ließ sich schließlich leicht herausbekommen. Am seltensten waren die echten Rothaarigen. Nur zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung hatten natürlicherweise rote Haare. So eine fehlte ihm ganz klar noch auf seiner Liste. Aber schwarz war auch nicht übel. Also doch Mandy?

Eine blasse junge Frau mit knallschwarzen, langen Haaren und dunklem Make-up steckte den Kopf zur Tür herein. »He, du Seppel, gehst du mit Sascha und mir zum Thai-Imbiss?«

Leo zuckte zusammen. »Nein, kein Thailänder!«

»Wieso nicht? Das Essen ist billig und lecker! Nur so eine Schachtel voll mit gebratenen Nudeln und ein bisschen Huhn obendrauf.« Sie sah ihn mit ihren schwarz umränderten Augen forschend an.

Ruppiger als beabsichtigt knurrte Leo nochmals »Nein!« und drehte ihr auf seinem Bürostuhl den Rücken zu. Sandra Kruse nannte ihn »Wessi-Dumpfbacke« und verschwand aus seiner offenen Bürotür.

Leo schämte sich ein wenig, seines Ausbruchs wegen. Doch Sandra Kruse nervte ihn. Und Sandra war blond, obwohl man davon zurzeit nichts sah, weil sie ihre helle Mähne vor einem Monat rabenschwarz gefärbt hatte. Als Kriminalbeamtin! Leo fand das unmöglich. Das Schlimmste aber war, dass Sandra es nicht lassen konnte, ihn als Besserwessi für alle ihre eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen.

Als wieder Ruhe vor seiner Tür eingekehrt war, griff er zu seinem Handy und rief Mandy an. Er legte sich entspannt zurück, um seiner Stimme das spezielle Timbre zu geben, auf das alle Frauen ansprachen. Obwohl er nicht übel aussah, hatte er in dem halben Jahr, das sein Singledasein nun dauerte, schon festgestellt, dass es nicht so sehr auf das Aussehen ankam. Er fand sich eher durchschnittlich. Sein Kinn war markant, ein wenig wie bei Michael Schuhmacher, seine Haare braun, seinem Körper sah man nicht unbedingt an, wie durchtrainiert er war. Es kam mehr auf ein selbstbewusstes Auftreten an.

Der Bürostuhl knarzte unter seinen ein Meter zweiundachtzig.

Drei Minuten später tänzelte er hochgestimmt die Treppe hinunter und machte sich auf den Weg in die Kantine. Mandy hatte sich für den Abend auf ein Bier mit ihm verabredet. Morgen würde er wissen, ob sie eine echte Schwarzhaarige war …

Auch in Bad Schandau schien die Sonne freundlich vom Augusthimmel und tauchte den Stadtpark am Donnerstagmorgen in goldenes Licht. Gut gelaunt marschierte Karl Kunath, seit 23 Jahren Straßenbahnfahrer bei der Kirnitzschtalbahn, auf seinen kurzen Beinen quer durch den Stadtpark. Die Mütze saß keck auf den dunklen Haaren, seine Uniform war frisch gewaschen, das hellblaue Hemd sogar gestärkt. Karl Kunath hörte die Vögel zwitschern und sah, dass in der Kurklinik ein paar Hundert Meter weiter reger Betrieb herrschte; hier wurden neue Patienten ein- und Lebensmittel angeliefert. Kunath grüßte die Besitzerin des Kiosks an der Straßenbahnhaltestelle, die gerade dabei war, ihre wenigen Tische und Stühle vor den Pavillon zu stellen.

Um acht Uhr entriegelte Karl Kunath die beiden Waggons mit dem speziellen Schlüssel und schaltete den Triebwagen ein. Die Stromabnehmer fuhren langsam nach oben und rasteten mit einem Klicken ein.

Da keine Passagiere in Sicht waren und weil er noch fünf Minuten Zeit hatte, bis er laut Fahrplan losfahren sollte, drehte er eine Runde außen um die Waggons, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Dann inspizierte er die Wagen von innen. Von seinem Führerstand aus ging er zunächst im ersten Wagen nach hinten und sammelte mehrere Bonbonpapierchen auf. Er öffnete die Tür am hinteren Ende des Waggons, um hinaus auf den Bahnsteig zu treten. Sein Blick fiel auf die Gummilippe der Tür. Er kannte diese Bahn seit über 20 Jahren und hatte bestimmt schon jede Schraube an diesem Gefährt in der Hand gehalten. Seit die Gotha-Triebwagen 1992 aus Plauen ins Kirnitzschtal gekommen waren, wurden sie gehegt und gepflegt, denn niemand hier wollte moderne Züge haben. Zum einen waren neue Wagen viel zu teuer, zum anderen kamen viele Menschen allein wegen der alten Straßenbahn ins Kirnitzschtal. Der Gummi an der hinteren Türe war porös und musste demnächst erneuert werden. Karl Kunath nahm sich vor, das gleich im Straßenbahn-Depot zur Sprache zu bringen. Dann inspizierte er den zweiten Waggon. Der war ziemlich sauber, aber auch hier entdeckte der Straßenbahner noch eine leere Flasche Club-Cola, die neben einem Einzelsitz am Boden lag. Als er sich bückte, um sie aufzuheben, fiel sein Blick auf das Profil zweier Wanderschuhe.

Erschrocken fuhr er hoch, knallte mit dem Kopf gegen die Haltestange. »Dunnerlittschn!«, entfuhr es ihm. Er lief die paar Schritte nach hinten. Da lag eine Person am Boden, verdeckt unter den beiden Sitzbänken. Das Gesicht war nicht zu sehen, das lag zur Außenwand hin, aber die Hose, die Jacke, die kurzen, schütteren Haare auf dem Schädel, all das deutete darauf hin, dass die Person ein nicht mehr junger Mann war.

Karl Kunath rief ihn an: »He, hallo Sie da, schlafen Sie? Aufwachen!« Aber der Mann rührte sich nicht. Als Kunath ihn zu schütteln versuchte, merkte er, dass der Körper starr war. Er zuckte zurück und versuchte zu verstehen, was das bedeutete.

»Ach du meine Güde!«, stöhnte er. »Ä Doder in meiner Straßenbahn!«

Er schaute auf den Bahnsteig und hinüber zur Straße.

Glücklicherweise waren immer noch keine Fahrgäste zu sehen. Mit zitternden Händen nahm er sein Handy und meldete das Malheur erst einmal seinem Einsatzleiter. »Gustav, halt dich fest, ich hab hier ’nen Doden in der Bahn liegen. Ruf gleich mal die Polizei und ’nen Doktor an und was man noch so braucht. Ich komm mit dem Typen vor zum Depot!«

Er rannte zum ersten Wagen, setzte sich in den Führerstand und fuhr ohne den vorgeschriebenen Halt am Abzweig nach Ostrau direkt zum Straßenbahndepot. Dort wurde er von seinem Chef Gustav Neusche empfangen. »Die von der Polizei haben gesagt, du hättest mal lieber da bleiben sollen! Aber nu biste schon mal hier, da könn’ mir den Wagen ooch offs Abstellgleis stellen, und du kannst deine Runde mit der Bahn machen. Kannst die Fahrt ja nicht ausfallen lassen.«

Sie koppelten den Wagen mit dem blinden Passagier ab, hängten einen neuen dran, und mit einem Blick auf die Uhr schickte der Chef der Straßenbahn seinen altgedienten Straßenbahner Kunath auf die Runde ins Kirnitzschtal. Er hatte ja schon einiges erlebt im Tal, aber einen Toten in der Bahn, so was hatte es bisher noch nicht gegeben.

Neusche wartete mit dem Toten im Waggon auf dem Abstellgleis. Zehn Minuten später war die Ärztin aus Bad Schandau da und diagnostizierte, was zu diesem Zeitpunkt schon alle wussten, dass nämlich der Mann das Zeitliche gesegnet hatte.

»Und nu?«, fragte Gustav Neusche. »Wie werde ich den jetzt wieder los?« Die Ärztin zuckte ratlos mit den Schultern. »Er hat ja nichts dabei, wir wissen nicht, wer er ist; da müssen Sie jetzt schon warten, bis die Polizei kommt. Am besten wäre es, eine Obduktion anzuordnen, um die Todesursache zu ermitteln. Ich kann nur feststellen, dass er tot ist, und zwar schon mindestens zehn Stunden. Es sieht nach einem Herzinfarkt aus, aber ob es das wirklich war, kann ich so nicht feststellen.«

Sie reichte Neusche einen Totenschein, auf dem sich nichts als ihre Unterschrift befand, und machte sich wieder auf den Weg in ihre Praxis.

Die Polizei aus Pirna brauchte fast eine Stunde, um im Straßenbahndepot anzukommen. Sobald das grünweiße Fahrzeug auf dem Parkplatz stand, sprang ein junger Beamter aus der Fahrertür, schnappte sich eine Schreibmappe vom Rücksitz und machte sich zackig auf den Weg zu dem Grüppchen vor dem Straßenbahndepot. Er war schon fast bei Neusche, als sich auch die Beifahrertür bewegte, ein zweiter Polizist ausstieg und mit gemessenen Schritten auf die Gruppe zumarschierte.

»Polizeimeister Ricki Strohbach aus Pirna«, stellte sich der Jungspund vor. »Wer ist hier der Chef?« Neusche wartete ab, bis auch der zweite Beamte bei ihm war. Wer der Chef bei den Polizisten war, war ihm mit dem ersten Blick klar gewesen. Er nickte dem älteren Beamten zu und stellte sich vor. Noch bevor Ricki Strohbach das Wort wieder an sich reißen konnte, übernahm Polizeihauptwachtmeister Wolfram Biesold das Kommando. »Erst mal alle Personalien aufnehmen, Fundort erfassen, und dann zur Gerichtsmedizin«, wies er Ricki Strohbach an, als ihn alle erwartungsvoll anschauten. »Den Wagen für die Leiche bestellen die Kollegen, wir müssen die Zeugenaussagen aufnehmen.«

»Aber …«, begehrte Strohbach auf. »Ich weiß, ist deine erste Leiche, aber nu mach nicht so ’n Wind. Wir gehen hier ganz nach Vorschrift vor.« Der junge Beamte nickte ergeben, während sich sein Chef den Schweiß von der Stirn wischte. Sie standen inzwischen in der prallen Sonne auf dem großen Platz vor der Depothalle.

»Dann fangen wir mal an«, seufzte er und zückte Block und Stift.

»Wo ist derjenige, der die Leiche gefunden hat?«, fragte er Gustav Neusche.

Der guckte auf die Uhr und rechnete kurz. »Der ist gerade an der Schneiderweiche.«

»Wo?«, fragte der junge Beamte nach.

»Na, an der Schneiderweiche. Da muss er warten, bis die zweite Bahn vom Depot kommt, und den Klöppel übergeben. Wir fahren hier ja eingleisig.«

Ricki Strohbach sah ihn immer noch fragend an. Sein Kollege sprang ihm endlich bei: »Das ist schon in Ordnung, Ricki. Ich kenn’ mich hier aus. Aber eigentlich hätten Sie den hierbehalten müssen«, wandte er sich an Neusche.

»Soll der sich hier über eine Stunde die Beine in den Bauch stehen, wo ich gerade ’nen Fahrer im Krankenstand hab und keinen Ersatz? Die Bahn muss doch fahren!«

»Immerhin haben wir hier einen Todesfall!«, mahnte der Dienstältere an.

»Hätt’ der sich doch bloß ’nen andern Platz zum Abnibbeln ausgesucht!«, stöhnte Neusche.

»Wann kommt der Straßenbahnfahrer denn nun zurück?«, wollte Ricki wissen.

Neusche guckte auf seine Uhr.

»In zehn Minuten ist der hier. Da muss eben der Didi einspringen und weiterfahren, wenn Sie den befragen wollen.«

Der Uniformierte nickte. »Und wer hat eigentlich die Bahn gestern abgestellt? Da war der Tote ja möglicherweise schon drin in der Bahn, so wie das hier aussieht.«

Gustav Neusche kratzte sich am Kopf. »Da ham’ Se recht. Das muss die Adele gewesen sein. Didi, guck mal, ob die Adele gestern Abend die letzte Tour gemacht hat!« Er hatte sich laut rufend an einen weiteren Straßenbahner gewandt, der in der Halle an einem Waggon die Räder abklopfte. Didi schlurfte um die Ecke und kam mit dem handgeschriebenen Dienstplan zurück. »Nu, Chef, die Adele war gestern Abend die Letzte.«

Gustav Neusche ging zum Telefon und wählte.

»Adele, du musst mal herkomm’ ins Depot, ist wischtsch … Ich weiß, aber die Polizei ist da … Sag ich dir, wenn du da bist. Komm, so schnell du kannst.« Er drückte den roten Knopf und hängte das altmodische Wandtelefon wieder auf die Gabel. »Ist schon unterwegs, die Adele.«

»Gut«, sagte Polizeihauptwachtmeister Wolfram Biesold, »dann vermessen wir jetzt den Fundort.« Er und sein Kollege nahmen Maß vom Waggon, kennzeichneten den Fundort mit Markierungen, machten Fotos und Notizen. Sie waren noch mitten im Knipsen, als die Straßenbahn um die Ecke quietschte. Karl Kunath war allein in seiner Bahn. Um diese Uhrzeit gab es in der Woche noch nicht viele Wanderer, und raus aus dem Tal wollte so früh am Morgen in der Regel auch keiner. Das ging erst am Nachmittag los. Aber hinein ins Tal würde sich das gleich ändern. Karl Kunath sprang aus dem Wagen und eilte auf die Polizisten zu.

Gustav Neusche schickte Didi in die Bahn, und die beiden gelben Waggons machten sich auf den Weg zum Bad Schandauer Endhaltepunkt.

»Sie haben also die Leiche entdeckt?«, fragte Biesold. Kunath nickte. Der Polizist nahm seine Personalien auf. »Wie haben Sie ihn denn gefunden?«

»Nu, ich guck so in den Wagen und sammel morgens immer noch den Müll ein, bevor’s losgeht. Die Leute, wissen Se, die sind ja echte Schweine, schmeißen alles weg; da hebe ich also im hinteren Wagen grad ’ne leere Colaflasche auf und sehe plötzlich zwei Schuhsohlen! Ich hab mich vielleicht erschreckt!« Er deutete auf die Beule am Hinterkopf. »Bin so erschrocken, dass ich mir die Birn eingehauen hab, und nicht zu knapp!«

Polizist Ricki wedelte ungeduldig mit der Hand. »Wo war das genau?«

»Na, genau da, wo und wie er immer noch liegen tut. Ich hab ihn nicht angerührt. Bloß gedacht hab ich erst mal, der schläft vielleicht, und deswegen hab ich versucht, ihn aufzuwecken.«

»Also doch angefasst!«, grummelte Strohbach.

»Nu ja, aber bloß, um ihn zu wecken, so ’n bisschen gerüttelt. Aber ich bin ja ein schlaues Kerlchen, hab’ dann gleich gemerkt, dass mit dem nüscht mehr los ist.«

»Und hier im Straßenbahndepot hat ihn niemand vorher gesehen?«, hakte der Ranghöhere nach.

»Nee, die Bahn war doch vorne im Stadtpark.«

»Was?!« Beide Uniformierte fuhren auf.

»Warum haben Sie die Bahn denn nicht stehen lassen?«, schaltete sich nun Wolfram Biesold energisch ein. »Sie können doch nicht einen Toten durch die Gegend kutschieren, wie es Ihnen grade in den Fahrplan passt!«

Karl Kunath sah ihn empört an. »Sollte ich die Fahrgäste da einfach im Stich lassen? Ich muss doch meine Runde fahren. Da war’s doch viel praktischer, den Wagen hier zu lassen, anstatt vorne am Stadtpark. Wetten, da stehen jetzt zwanzig Leute und wollen Straßenbahn fahren. Wenn die sehen, dass es da ’nen Doden und Polizei gibt, dann kehren die off der Stelle wieder um. Mir ham’s schwer genug hier draußen, und es gibt keine Arbeitsplätze, da muss man ooch mal mitdenken!«

Neusche schaute seinen Straßenbahnfahrer erstaunt an. So eine lange Rede hatte er bisher von Kunath noch nie zu hören bekommen.

»Pfffff …« Polizist Ricki schnaufte empört. »Also, Sie haben den Wagen ohne noch was zu verändern hier im Depot abgestellt und sind dann weitergefahren?«

»Nu, genau!« Kunath strahlte ihn an.

»Na ja, dann schreibe ich das mal genau so auf.« Er vervollständigte sein Protokoll.

Ein kleiner Renault fuhr auf den Parkplatz gegenüber dem Depotgebäude. »Ah, da kommt die Adele. Die Fahrerin von gestern Abend«, ließ sich Gustav Neusche vernehmen.

Adele Schuster eilte schon herbei und hatte vor Aufregung rote Flecken im Gesicht. »Was ist denn passiert?«, rief sie.

»Immer schön der Reihe nach, junge Frau«, wies sie der Polizeihauptwachtmeister zurecht. »Sind Sie Adele Schuster?«

Adele nickte: »Nu.«

»Sind Sie gestern mit der letzten Bahn zum Stadtpark gefahren, und haben Sie die Bahn da ordnungsgemäß verschlossen und abgestellt?« Adele blickte ihren Chef fragend an. Der zuckte nur mit den Schultern.

»Nu, ich hab wie immer abgeschlossen und bin heeme.«

»Haben Sie die Waggons noch einmal durchsucht, bevor Sie gegangen sind?«, stellte der Ordnungshüter die entscheidende Frage.

Adele zuckte kurz zusammen. »Also, ehrlich gesagt, durchsucht hab ich sie nicht. Ich hab gewartet, bis alle ausgestiegen waren, hab hinten noch ’nen Blick reingeworfen, aber da war keiner; und dann hab ich alles abgeschlossen, wie immer. Wieso wollen Sie das alles wissen?« Sie sah wieder hilfesuchend ihren Chef an, doch der verzog keine Miene.

Wolfram Biesold fragte noch einmal nach: »Also sind Sie nicht durch den zweiten Waggon gegangen und haben nachgesehen, ob alles in Ordnung ist?«

Adele Schuster war sichtlich verlegen. »Nee, ich hab nur von vorne kurz reingeguckt, weil ja keiner drin war!«

»War aber doch einer drin!«, klärte Karl Kunath seine Kollegin endlich auf.

»Was?!«, rief die blonde Mittvierzigerin erschrocken und riss die Augen auf. »Acht Leute sind am Wasserfall eingestiegen, zwei sind am Beuthenfall raus und zwei am Forsthaus, und danach war hinten keiner mehr. Hätt’ ich doch gesehen, wenn da noch einer gesessen hätte!«

Der Polizeihauptwachtmeister nahm sie am Arm und führte sie zum abgestellten Wagen.

»Ihr Kollege hier«, damit deutete er auf Karl Kunath, »hat heute Morgen den hier gefunden.« Sie waren eingestiegen und standen nun vor dem Toten. Adele stieß einen spitzen Schrei aus, als ihr klar wurde, dass der tatsächlich mausetot war. »Oh, mein Gott, is der in der Straßenbahn gestorben? Is das jetze meine Schuld? Aber der war gestern Abend noch gar nicht da. Ich hab doch gesehen, dass der hintere Waggon leer war!«

Polizeimeister Strohbach war ihnen gefolgt und kratzte sich am Kopf. »Dann gibt’s zwei Möglichkeiten. Entweder der ist erst später in die Bahn eingebrochen, als sie schon abgestellt war, oder der lag schon so versteckt unter den Bänken, als Sie gestern Abend reingeguckt haben.«

Alle standen nun ratlos im Waggon und schauten auf den Toten. Biesold bewegte ihn vorsichtig zur Seite, um sein Gesicht nach oben zu drehen. Der Tote war um die 60 Jahre alt, hatte schütteres dunkelblondes, angegrautes Haar, trug eine helle Wanderhose, ein blau-grau kariertes Hemd und eine beige Windjacke. Das einzig Farbenfrohe an ihm waren die leuchtend blauen Wanderschuhe, aber auch die hatten graue Streifen. Das Gesicht des Toten sah entspannt aus, er lächelte nicht, aber er zeigte auch keine Fratze. Der Beamte ging leicht ächzend in die Knie, durchsuchte die Taschen des Toten, fand aber nur ein benutztes Papiertaschentuch. »Kein Rucksack, keine Brieftasche, einfach nichts. Sehr ungewöhnlich.«

Ein feiner Schweißgeruch stieg auf. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und brannte durch die Scheiben der Bahn.

»Vielleicht sollten wir den irgendwie kühl stellen, bis die mit ’m Wagen von Dresden kommen, sonst vergammelt der gleich bei der Hitze«, meinte Karl Kunath trocken.

»So ’n großen Kühlschrank ham wir nicht!«, wandte Gustav Neusche ein. »Aber wir könn’ ihn wenigstens im Schatten, in der Halle, parken.« Die Beamten waren einverstanden, sie waren auch froh, aus der prallen Sonne zu kommen. Neusche und Kunath fuhren einen Wagen aus der Halle, rangierten um und bugsierten den Waggon mit der Leiche in die Halle des Depots. Dort war es deutlich kühler.

Die Polizisten sahen sich die Türen genauer an.

»Wenn der Wagen gestern Abend leer war, wie Sie sagen, Frau Schuster«, wollte Polizist Ricki von Adele wissen, »wie kommt man dann von draußen rein, wenn die Türen verschlossen sind, ohne was kaputt zu machen?«

Karl Kunath griff unter den Einstieg des Wagens und holte einen gebogenen Sechskantschlüssel heraus. Dann steckte er ihn in die kleine, runde Öffnung neben dem Einstieg. Die Tür öffnete und schloss sich, je nachdem, in welche Richtung er den Schlüssel drehte. »Na, super, seine Fingerabdrücke sind da jetzt in jedem Falle drauf«, sagte Wolfram Biesold.

»Da kann ja jeder rein und raus, wie er gerade lustig ist!«, empörte sich sein junger Kollege.

»Die Leute wissen das aber nicht!«, grummelte Neusche.

Der Polizeihauptwachtmeister ließ den Schlüssel vorsichtig in eine Plastiktüte gleiten.

»Damit hab ich heute Morgen ooch schon den Waggon aufgemacht«, sagte Kunath betroffen und schaute seine Hände an.

»Sträflich leichtsinnig ist das! Jeder, der das einmal gesehen hat, könnte nachts eine Spritztour machen oder die Straßenbahn sogar klauen!«, ereiferte sich Polizist Ricki.

Neusche, Kunath und Adele Schuster schauten ihn entgeistert an: »Eine Straßenbahn klauen?«

Ricki Strohbach machte einen Rückzieher. »Na ja, vielleicht doch nicht klauen. Aber Tatsache ist, dass es total leicht ist, da reinzukommen. Wahrscheinlich hat er’s einfach beobachtet und die Straßenbahn nachts geöffnet.«

»Und wie macht man die Tür von innen zu?«, fragte der Dienstältere und hob warnend die Hand. »Zeigen Sie mir das, ohne was anzufassen!«

»Einfach hier den Knopf drücken«, Gustav Neusche deutete auf den kleinen Riegel neben der Tür. »Das geht immer, ooch wenn die Bahn nicht am Strom hängt.«

»Davon brauchen wir Fingerabdrücke«, murmelte Biesold und machte sich Notizen.

Der ältere Beamte wandte sich wieder an Adele Schuster: »Wenn Sie sagen, die Bahn war gestern Abend leer, dann ist der wahrscheinlich irgendwann in der Nacht hier eingestiegen, hat’s sich gemütlich gemacht und ist dann dummerweise gestorben. Sehr merkwürdig.«

»Aber wie ein Penner, der ein Dach überm Kopf braucht, sieht der ooch ni aus«, wandte Neusche ein. »Wieso sollte einer in ’ne abgestellte Straßenbahn steigen und da einen Herzinfarkt kriegen? Ergibt doch gar keinen Sinn!«

»Wieso Herzinfarkt?«, fragte der hellhörige Ricki.

»Das hat die Ärztin gesagt, die den Dodenschein ausgestellt hat«, erklärte Neusche. Er reichte dem Polizisten das Papier. Der steckte es in seinen Schreibblock.

»Wir müssen überprüfen, ob jemand vermisst wird, das ist jetzt erst mal unser Job: rauskriegen, wer das überhaupt ist«, fasste Polizeihauptwachtmeister Biesold zusammen.

Als alle Personalien und Aussagen erfasst waren, machten sich die beiden Beamten wieder auf den Weg nach Pirna, und Gustav Neusche blieb es überlassen, den Toten die nächste halbe Stunde zu bewachen. Wobei, Fluchtgefahr bestand ja nicht. Er verriegelte den Wagen und zog sich in sein Büro zurück.

Kunath hatte seine Personalien und Fingerabdrücke geduldig aufnehmen lassen und war wieder auf seine Straßenbahnrunde gegangen. Adele Schuster war ebenfalls als Zeugin erfasst worden und hatte daraufhin wieder nach Hause gedurft. Für sie reichte es gerade noch, um sich umzuziehen und ihren Dienst bei der Bahn anzutreten.

Als der Leichenwagen mit dem Toten endlich vom Hof des Straßenbahndepots rollte, war Neusche erleichtert. »Gott sei Dank sind wir den endlich los«, sagte er zu Didi. »Was muss der Kerl ooch in der Straßenbahn den Löffel abgeben. Der hätte sich doch netterweise ooch off ’ne Bank im Stadtpark setzen können. Das gibt nur Scherereien, so was!« Didi nickte mitleidig. »Echt dumm geloofen, Chef.«

In Dresden kam der Tote in den Kühlraum und in die Warteschleife. Am späten Nachmittag dann hatte Gerichtsmediziner Dr. Heinrich Gräber die Leiche aus der Kinitzschtalbahn auf dem Tisch liegen. Sie war inzwischen entkleidet worden.

»Nanu, was haben wir denn da?«, wunderte sich Dr. Gräber, als er den Körper umrundete. Auf Höhe des siebenten rechten Rippenbogens prangte ein großer blau-violetter Fleck, ähnliche, aber kleinere Hämatome fanden sich am rechten Oberschenkel und an beiden Oberarmen. »Sieht aus, als wäre der die Treppe runtergefallen!«, kommentierte der Assistent den Zustand der Leiche.

»Na, dann wollen wir mal sehen, woran der Gute gestorben ist«, sagte Dr. Gräber und zog sich die Handschuhe über.

Zwei Stunden später war er fertig und ließ sich mit dem Morddezernat der Kripo verbinden.

»Hier ist Dr. Gräber von der Autopsie. Ich habe heute einen Toten reinbekommen, der eindeutig nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Da muss sich jemand von Ihnen drum kümmern.«

2

Am Donnerstagnachmittag hatte Leo Reisinger den Papierkram zu seinem letzten Fall erledigt, alles sorgfältig abgeheftet beziehungsweise an die zuständigen Stellen verteilt. Er würde die seltene Gelegenheit haben, seine aufgelaufenen Überstunden abzubauen, denn derzeit lag kein neuer Fall für ihn an. Die Aussicht auf eine ruhige Woche und das Rendezvous heute Abend ließ seine Stimmung hochschnellen. Als er seinen Schreibtisch abschloss, klingelte das Telefon. Auf dem Display konnte er die Nummer seines Chefs Reinhard Richter erkennen. Nichts Gutes ahnend, hob er den Telefonhörer ans Ohr und meldete sich.

»Reisinger!«, bellte Richter. »Ich habe Doktor Gräber in der Leitung. Kümmern Sie sich um diesen Fall!«

»Guten Tag, Herr Doktor Gräber«, sagte Leo Reisinger nach dem Verbindungsklicken und ließ sich ergeben auf seinen Bürostuhl sinken. Er kramte seinen Schreibblock wieder aus der Schublade und begann sich Notizen zu machen.

»Todesursache?«, fragte er.

»Das ist nicht ganz einfach, eigentlich haben wir hier zwei Ursachen, wenn nicht zweieinhalb. Sie müssen sich das morgen ansehen. Ab acht Uhr bin ich im Labor.«

»Gut, dann bis morgen früh, Doktor Gräber.« Er schaute sich seine Notizen an und ließ gedankenverloren seinen weiß-blau gerauteten Lieblingskugelschreiber auf dem Blatt rotieren. Dann stand er auf und studierte an der Wand im Flur den morgigen Dienstplan. »Mist, schon wieder Sandra«, seufzte er.

Er ging durch den schmucklosen Gang des Polizeigebäudes drei Büros weiter und klopfte an die angelehnte Tür. Bei Sandra Kruse wusste man nie, ob man einfach reinschneien konnte, selbst wenn die Tür sperrangelweit offen stand. Die Kriminalkommissarin starrte angestrengt auf ihren Computerbildschirm. Reisinger lehnte sich an den Türstock.

»Sandra, ich habe einen neuen Fall. Du bist die Einzige, die mich morgen begleiten kann. Erst um acht in die Autopsie zu Dr. Gräber, dann raus hinter Pirna irgendwo in den Wald, wo ein Toter gefunden wurde. Gräber sagt, die Todesumstände sind merkwürdig. Vielleicht war es Mord.«

Sandra sah kurz auf und nickte. »Gut! Ist doch ganz nett, bei der Hitze nicht im Büro sitzen zu müssen.«

»Hast du keine Angst, dass du davon eine gesunde Gesichtsfarbe bekommen könntest?«

»Blödmann!«, fauchte sie. »Das nennt man vornehme Blässe!«

Sandra hatte seit einem Monat einen neuen Freund und war jetzt in ihrer Zombiephase. Ihre pechschwarz gefärbten Haare und die schwarzen Balken um die Augen ließen ihr Gesicht gespenstisch blass erscheinen. Ihre Kleidung war seit vier Wochen ebenfalls schwarz. Heute unterbrach immerhin ein Nietengürtel das triste Ensemble.

»Du siehst gruselig aus!«, stellte Leo Reisinger fest.

»Und du spießig!«, gab sie zurück.

Leo Reisinger sah an sich herunter. Er trug eine leichte helle Sommerhose und ein weißes Polohemd. Was war daran bitte spießig?

Als hätte Sandra seine Gedanken erraten, sagte sie: »Diese Sandalen sind ein Albtraum!«

Na gut, Leo war sich bewusst, dass seine Wandersandalen modisch nicht der letzte Schrei waren, aber wieso sollte er bei dreißig Grad im Schatten mit Halbschuhen im Büro sitzen? »Die sind aber luftig und bequem.«

»Das ist garantiert gegen die Vorschrift, hier mit offenen Schuhen rumzulaufen«, meinte Sandra Kruse.

Leo verdrehte die Augen. »Du bist sicher die Letzte, die sich hier über einen Verstoß gegen die offizielle Kleiderordnung aufregen sollte.« Ärgerlich wandte er sich um. »Morgen um acht bei Dr. Gräber!«, rief er noch in die offene Tür.

Seit einem halben Jahr arbeitete Leo Reisinger als Kriminalkommissar bei der Kripo Dresden. Er hatte dringend weggewollt aus München, und im Rahmen einer länderübergreifenden Kooperation der Polizei hatte sich erstaunlich schnell die Möglichkeit ergeben, für zwei Jahre nach Dresden zu gehen. Mit den Sachsen kam er an sich gut aus. Aber mit Sandra Kruse hatte er eigentlich ständig Ärger. Uwe Kröger und Sascha Pröve waren die Kollegen, mit denen er am liebsten zusammenarbeitete, doch die waren noch mit dem Mord an dem Rentner in Blasewitz beschäftigt.

Sicher, Sandra hatte auch ihre guten Seiten. Wenn sie einen Verdacht hatte, dann war der zu 90 Prozent berechtigt, auch wenn sie noch keine Beweise präsentieren konnte. Wenn man sie in Ruhe recherchieren ließ, brachte sie am Schreibtisch mithilfe des Computers die erstaunlichsten Dinge ans Licht. Ihre Spürnase war wirklich gut. Ihre forsche Art allerdings schreckte die meisten Menschen erst mal ab. Bevor sie ihren Freund gewechselt hatte, ging es noch, aber seit sie sich anzog wie ein Gothic-Punk, war sie eine echte Belastung für seine Abteilung. Für die Arbeit vor Ort war Sandra denkbar ungeeignet, außer es ging ins Punkermilieu, da fiel sie derzeit nicht auf.

Leo guckte auf die Uhr, zehn nach fünf. Auch sein Zeitmesser hatte ein weiß-blaues Rautenmuster. Ein paar Andenken an die bayerische Heimat hatte er sich nicht verkneifen können. Zu Hause würde er dieses kitschige Zeug nie benutzen, aber hier, im fernen Ausland, zeigte er Flagge. An der Wand hing ein Poster vom Oktoberfest, und die einzige Grünpflanze in seinem Büro, eine Aloe Vera, fristete ihr Dasein in einem bayerischen Steingut-Bierkrug.

Er verließ endgültig sein Büro, meldete sich im Sekretariat und bei seinen Kollegen ab und schlenderte anschließend Richtung Albertbrücke, hinüber über die Elbe und hinein in die Dresdner Neustadt.

Leo Reisingers Wohnung lag mittendrin in der Dresdner Neustadt, in einem Hinterhof der Alaunstraße. Hier gab es jede Menge Kneipen, Restaurants, kleine Werkstätten und Ateliers. Er liebte dieses Viertel, das zu jeder Tageszeit lebendig war. Sein Magenknurren erinnerte ihn daran, dass in seinem Kühlschrank düstere Leere herrschte, und er beschloss, im Supermarkt nebenan einkaufen zu gehen. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, dass das Einkaufen hier in Sachsen durchschnittlich doppelt so lange dauerte wie zu Hause in Mammendorf. Wo den Bayern ein schlichtes »Ja« oder »Nein« zur Kommunikation ausreichte, entquoll den Sachsen in der Regel ein Wortschwall, der nicht so schnell zu bremsen war.

Grinsend erinnerte er sich an seinen ersten Besuch in diesem Supermarkt, während er seinen Korb füllte. Damals hatte er aus Heimweh heraus das Bedürfnis nach einem deftigen Schweinebraten samt Knödeln verspürt. Der Metzger hinter der Fleischtheke hatte ihn ganz schräg angesehen, als er nach einem Stück Schwein mit schöner Schwarte gefragt hatte. Das gab es nur gegen Vorbestellung. In der Kühltheke lagen nur nackte, enthäutete Braten, ein trauriger Anblick für einen Bayern. Dann hatte er nach Kartoffelklößen gesucht. Schöne dicke, seidige Knödel schwebten ihm vor Augen und ließen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Im Kühlregal gab es Thüringer Klöße und Grüne Klöße. Beides sagte ihm nichts. Welche nehmen? In seiner Not nahm er beide Packungen aus der Kühlung und ging zur Kasse.

»Ich hätte eigentlich gerne bayerische Kartoffelknödel. Können Sie mir sagen, welche von denen hier jetzt besser sind?«, fragte er die Kassiererin. Die, eine mollige Mittvierzigerin mit einer Frisur wie ein aufgeplatztes Sofakissen, hörte sofort auf zu tippen und sah sich die beiden Packungen genau an. Dann wandte sie sich lautstark an ihre Kollegin an der zweiten Kasse: »Du, Hilde, weißt du, welche von den Klößen hier besser sind? Die Grünen oder die Thüringer? Der Herr da will eigentlich bayerische, aber die ham wir ni.«

Die Kollegin hörte sofort auf zu kassieren und nahm sich des Problems ernsthaft an. »Also die da«, sie deutete auf die Thüringer Packung, »die kenn ich, die sind gut. Mei Alder hat letzten Sonntag gleich drei Stück davon verdrückt. Die könn’ Se nehmen. Aber ob die wie die bayerischen schmecken …«

Leo Reisinger war das zu diesem Zeitpunkt schon viel zu viel Getue um seine Knödel, er hätte am liebsten sofort alles eingepackt, gezahlt und sich aus dem Staub gemacht. Da hatte er aber nicht mit der Gründlichkeit einer sächsischen Hausfrau gerechnet. Seine Kassiererin hatte inzwischen den Text auf der Rückseite der Thüringer Klöße studiert und stellte fest, »Die sind halb und halb«, sie hielt das andere Paket hoch, »und die da sind rohe Klöße, oder?« Die Frage ging an die drei Kunden, die hinter Reisinger in der Schlange standen. Sofort entwickelte sich ein angeregtes Gespräch darüber, ob die Grünen nur aus rohen oder eventuell auch mit einem Teil gekochter Kartoffeln gemacht würden.

Die Schlange an der zweiten Kasse mischte sich schnell ein. »Es kommt darauf an, wozu Sie die essen wollen, junger Mann«, klärte ihn eine ältere Dame in feinstem Hochdeutsch auf. »Wenn Sie eine Gans dazu machen, würde ich Ihnen zu den grünen Klößen raten, bei einem Kalbsbraten eher zu den Thüringern.«

»Nee, nee, das ist reine Geschmackssache«, sagte ein junger Mann mit ziemlich fantasievollem Outfit, wahrscheinlich ein Künstler oder ein Student oder beides. Leo Reisinger stand dazwischen mit rotem Kopf und peinlich berührt und war nur froh, dass es hier um Klöße und nicht um Klopapier, Deo oder Kondome ging.

»Also, ich denk’, die Thüringer sind die rischtschen für Sie«, sagte seine Kassiererin nach einer Weile des Studierens. Leo nickte ergeben und schob ihr den Rest seiner Lebensmittel entgegen, damit sie endlich weitermachte. Eine andere Frau in der Warteschlange riet ihm, eine rohe Kartoffel in den Kloßteig zu reiben, dann würden sie wirklich wie selbst gemacht schmecken. Die Diskussion entbrannte erneut. Die Schlange hinter ihm war inzwischen beachtlich angewachsen, aber niemand schien sich darum zu kehren, dass die Kassiererinnen immer noch beratschlagten, welche Klöße er kaufen sollte.

»Aber wenn Sie bayerische Knödel wollen, könn’ Se die bestimmt im ›Kaufland‹ kriegen, die ham da mehr Auswahl als wir«, sagte seine dann zögernd. Reisinger war am Verzweifeln. »Nein, bitte, ich nehme die hier.« Er schob die Packung mit den Thüringer Klößen noch ein bisschen näher zu ihr hin.

»Aber wenn Sie die Packung offmachen, kann ich sie nicht mehr umtauschen!«, warnte sie ihn, bevor sie die Packung endlich über den Scanner zog. Reisinger nickt erleichtert und beeilte sich, seine Einkäufe einzupacken.

»Na dann, gutes Gelingen!«, rief es hinter ihm her, als er endlich aus dem Laden konnte. »… und geröstete Weißbrotwürfel müssen unbedingt rein in die Klöße!«, ermahnte ihn die ältere Dame, bevor er endlich zur Türe hinaus war.

An diese Art von Gesprächen hatte er sich langsam gewöhnt, und es jagte ihm keine peinlichen Schauer mehr über den Rücken, wenn sich plötzlich wildfremde Menschen in Gespräche einmischten. So waren sie halt, die Sachsen, leutselig und immer zu einem Gespräch bereit.

Heute schaffte er seinen Einkauf ohne große Diskussionen.

Er machte sich ein leichtes Abendessen, duschte, zog sich um und prüfte noch einmal auf seinem Smartphone, ob es Anrufe gegeben hatte. Kurz vor acht Uhr machte er sich, fröhlich vor sich hin summend, auf den Weg in die von Mandy ausgewählte Kneipe.

Sandras Stiefel hatten Löcher; gleichmäßige viereckige Löcher. Leo nahm das neue Schuhwerk seiner Kollegin schweigend zur Kenntnis. Natürlich waren sie schwarz wie der Rest von Sandras Kleidung. Er selbst hatte leichte Leinenschuhe gewählt, denn es würde wieder heiß werden an diesem Augustfreitag. Gerichtsmediziner Dr. Gräber kam und bat sie in sein Büro. Er war ein hagerer, großer Mann mit einer spitzen Nase, kleinen, flinken Augen und einer deutlichen Stirnglatze. Leo Reisinger begrüßte ihn wie einen alten Bekannten, schließlich hatte er schon öfter mit Dr. Gräber zusammengearbeitet. Auch Sandra Kruse kannte Gräber von früheren Fällen, aber die lagen alle vor ihrer Zombie-Phase.

»Guten Morgen, Herr Doktor«, sagte Sandra freundlich. Dr. Gräber sah sie fragend an. »Sind Sie neu bei der Kripo?«

»Nein, Herr Doktor«, sie lächelte ihn an.

Dr. Gräber breitete einige Fotos und eine Akte vor ihnen aus. »Der Fall ist insofern interessant, als der Mann bisher noch nicht identifiziert ist und eine merkwürdige Kette von Ursachen zu seinem Tod geführt hat, bei der ich den Zufall ausschließen würde.« Sandra zückte Stift und Schreibblock.

»Der Tote hat starke Prellungen hier am rechten Brustkorb und an den Oberarmen. Die Obduktion hat ergeben, dass er sich eine Rippe gebrochen hat, die sich unglücklich in das Lungengewebe gebohrt hat. Ohne Behandlung kann so eine innere Verletzung durchaus zum Tode führen, aber daran ist der Mann nicht gestorben.«

Reisinger sah ihn interessiert an. »Woran ist er dann gestorben?«

»Meine Untersuchung hat ergeben, dass er Ibuprofen und eine ziemlich große Dosis Benzodiazepine im Blut hat, die auch zu einer allergischen Hautreaktion geführt hat.«

Sandra sah ihn fragend an. Leo Reisinger erklärte: »Eine große Dosis Valium, gegen das der Tote aber gleichzeitig allergisch war.«

Dr. Gräber nickte.

»Ist das eine häufige Allergie?«, fragte Reisinger. Er fühlte sich selbst ein wenig, als wenn er Valium genommen hätte, aber nach nur drei Stunden Schlaf war das wohl normal.

»Nein, äußerst selten.«

»Was ist denn das für ein Unsinn«, schimpfte Sandra. »Wer nimmt denn so was ein, wenn er dagegen allergisch ist?«

Dr. Gräber schaute sie interessiert an. »Vielleicht wusste er nicht, dass er dagegen allergisch ist. Das Interessante ist, dass er auch daran nicht gestorben ist, obwohl er es möglicherweise hätte können. Wir wissen nicht, wie heftig sich die allergische Reaktion entwickelt hätte, denn zuvor erlitt er eine Suffocatio, er ist erstickt!«

Reisinger war plötzlich hellwach. Das klang ja interessant. »Definitiv, Herr Doktor? Er ist erstickt? Wie sieht es mit Fremdeinwirkung aus?«

»Kann ich nicht feststellen: kein Fremdkörper in der Luftröhre, kein Kohlenmonoxyd, kein Schwefelwasserstoff, keine Blausäure im Blut. Die Atemwege waren weder verschleimt noch versperrt, etwa durch die Zunge oder Fremdkörper. Das ist wirklich ungewöhnlich, habe ich Ihnen ja schon gestern gesagt. Der Mann ist zudem am gestrigen Morgen alleine in einer verschlossenen Straßenbahn gefunden worden. Todeszeitpunkt, na so zwischen 19 und 21 Uhr am Mittwochabend.«

»Sie können keinerlei Gewalteinwirkung feststellen?«

»Nichts«, sagte Dr. Gräber. »Er ist weder geknebelt noch erdrosselt worden, trotzdem zeigen die chemische Blutanalyse und der Zustand der Lungen eindeutig, dass er erstickt ist.«

»Demnach hätte er sich also in einem luftdichten Raum, wie einer Kiste oder einem großen Fass, befinden müssen, um spurenlos zu ersticken?«

»Zum Beispiel«, nickte Dr. Gräber.

»Hatte er irgendetwas bei sich?«

Dr. Gräber verneinte. »Seine Kleidung, sonst nichts. Keine persönlichen Gegenstände, die helfen würden, ihn zu identifizieren.«

»Interessante Spuren?«

»Die Kleidung ist ein wenig sandig, aber das ist bei jemandem, der im Elbsandsteingebirge herumläuft, nicht ungewöhnlich. Da, wo die Rippe gebrochen ist, ist das Hemd etwas aufgeraut und ebenfalls sandig, das deutet darauf hin, dass der Stoff mit Sandstein in Kontakt gekommen ist.«

Reisinger überlegte. »Also, entweder wurde er mit einem Stein geschlagen oder er ist auf einen Stein gefallen.«

»So würde ich das auch sehen. Die Hände haben ebenfalls leichte Schürfspuren, das könnte von verschiedenen mechanischen Belastungen her kommen. Ein eindeutiges Bild gibt es nicht.« Dr. Gräber wollte seine Akte zuklappen.

Der Kommissar fasste zusammen: »Moment. Der Mann wurde also erst verletzt, dann mit Valium vollgepumpt, reagierte allergisch und ist schließlich erstickt. Alles ohne Hinweise auf einen Kampf oder Gewalt?«

»Genau. Das könnte eine Verkettung unglücklicher Zufälle sein, aber ich kann mir nicht erklären, wie ein Mensch ohne fremdes Zutun erstickt. Ich gehe davon aus, dass jemand nachgeholfen hat. Die Frage ist nur, wie und warum. Aber das ist nun Ihre Aufgabe, nicht meine.« Dr. Gräber klappte seine Mappe mit den Unterlagen endgültig zu.

»Können wir die Leiche kurz sehen und Fotos machen?«, fragte Sandra.

Dr. Gräber führte sie in das Tiefgeschoss zu den Labors und Kühlräumen. Nach der sommerlichen Wärme draußen war es hier unten empfindlich kalt. Ein Assistent zog die Schublade mit dem Toten auf. Sandra machte Fotos von seinem Gesicht, während sich Reisinger die blauen Flecken und die Hände genau ansah. Da waren ein paar kleine Schürfwunden an der Handinnenfläche, unter den Fingernägeln waren Sand und Erde. Trotz des Eintagebartes sah der Mann gepflegt aus. Reisinger schätzte ihn auf etwa 55 bis 60. Kommissarin Kruse war fertig mit den Fotos. Während Reisinger noch die Leiche betrachtete, traten Dr. Gräber und sie ein wenig zur Seite.

»Herr Doktor!«, Sandras belustigt-empörte Stimme riss ihn aus seiner Betrachtung.

Reisinger schaute auf und sah Gräber und Sandra recht vertraut miteinander sprechen. Der magere Dr. Gräber warf sich gerade mächtig ins Zeug. Sandra kicherte, aber es hörte sich für Reisinger gekünstelt an.

Der Kommissar nickte dem Assistenten zu, und der schob den Toten samt seiner Liege wieder in die Kühlung. Dr. Gräber und Sandra sahen ihn erwartungsvoll an.

»Ein ungewöhnlicher Fall, nicht wahr?« Dr. Gräbers Augen blitzten unternehmungslustig.

»Dann versuchen wir mal herauszubekommen, was hier passiert ist.« Reisinger ging zur Tür, und Sandra Kruse beeilte sich, ihm zu folgen.

»Zuerst hören wir uns am Fundort um. Vielleicht ist ja inzwischen schon eine Vermisstenanzeige da, und wir können ihn wenigstens identifizieren. Auf Wiedersehen, Dr. Gräber, Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen, wenn Ihnen noch etwas Interessantes unter die Finger kommt.« Dr. Gräber nickte, hatte aber ausschließlich Sandra Kruse im Blick.

Leo Reisinger spürte wieder das Kribbeln in den Armen. Jetzt ging es los. Das liebte er an seinem Job: rausgehen, analysieren und die Puzzleteilchen aneinanderfügen.

Als sie das Gebäude der Gerichtsmedizin verlassen hatten und über den Parkplatz gingen, prustete Sandra los: »Ich glaub’s ja nicht. Der Dr. Gräber steht auf mich!«

Reisinger sah sie an. »Ja, das sehe ich auch so. Wenn einer den ganzen Tag an Leichen herumschnippelt, gefällt einem dieser morbide Look wahrscheinlich irgendwann. Du nimmst das nicht wirklich als Kompliment, oder?«

Sandra protestierte: »Ich sehe doch nicht wie eine Leiche aus!«

»Nein, eher wie ein Vampir.« Reisinger hielt ihr die Wagentür auf.

Es war bereits Freitagmittag, als sich Leo Reisinger mit Sandra Kruse auf den Weg ins Kirnitzschtal machte. Der Chef der Straßenbahn hatte sich bereit erklärt, auf sie zu warten, obwohl er ab 12 Uhr eigentlich Feierabend hatte. Auch die beiden Straßenbahnfahrer würden vor Ort sein. Sandra Kruse telefonierte inzwischen die Polizeidienststellen ab, ob irgendwo eine Person vermisst wurde, auf die die Beschreibung passte. Nach mehreren vergeblichen Anrufen sagte sie: »Fehlanzeige. Den vermisst keiner!«, und steckte ihr Handy weg. Sie kramte ihren Lippenstift heraus und klappte die Sonnenblende herunter.

»Sandra!«, schimpfte Reisinger. »Du bist im Dienst und nicht auf einem Punk-Konzert!«

Beleidigt steckte sie den schwarzen Lippenstift wieder weg und sah schweigend aus dem Fenster.

Leo Reisinger genoss die Fahrt im klimatisierten Wagen. Hinter Pirna war die Gegend gänzlich neu für ihn. Er kurvte die steile Straße nach Pirna-Sonnenstein hoch und war erstaunt über den dichten Verkehr.

»Wo wollen die denn alle hin?«, fragte er beiläufig – mehr zu sich selbst, als dass er Sandra in ein Gespräch hätte verwickeln wollen.

»Wandern«, antwortete seine Kollegin. »Alle Sachsen rennen wie die Bekloppten im Elbsandsteingebirge herum. Das Kirnitzschtal ist echt schön.« Reisinger schaute sie erstaunt von der Seite an: »Du gehst wandern?«

»Nein, nicht mehr. Das war mit meinem vorherigen Freund. Der fand es cool, zu klettern. Da bin ich eben mitgefahren.«

»Aha.« Reisinger war verblüfft. »Und wo soll das Gebirge sein, von dem du sprichst?« Sie waren gerade über den Höhenrücken bei Krietzschwitz gefahren, als sich vor ihnen die Festung Königstein ins Bild schob.

»Na da, du bayerische Blindschleiche!«, sagte Sandra und deutete nach vorne. »Links Lilienstein, rechts Königstein, dahinter die restliche Sächsische Schweiz mit Tausenden von Klettergipfeln. Du hast ja mal wieder gar keine Ahnung, du Wessi.«

Reisinger sah nur Hügel, kein Gebirge.

»Na, scheint ganz hübsch zu sein, die Landschaft hier«, sagte er versöhnlich und gähnte. Sie quälten sich inzwischen in einer langen Kolonne die Straße hinunter nach Königstein, durch den Kreisverkehr hindurch.

Sandra zeigte nach rechts: »Da, hast du das gesehen? Mokkamilcheisbar. Cooler Name, oder?«

Leo Reisinger wusste nicht, was an diesem Namensungetüm cool sein sollte.

»Ist, glaub ich, nach einem Schlager der Natschinski-Combo benannt!«, klärte ihn Sandra auf. »Nicht dass ich ein Fan dieser Gruppe wäre«, fügte sie sofort hinzu, »aber als Kind habe ich das oft gehört.« Sie begann einen alten DDR-Schlager vor sich hin zu trällern, in dessen Refrain immer wieder das Wort Mokkamilcheisbar auftauchte.

Die Kurven hinter Königstein forderten Leos Aufmerksamkeit. Die Straße war hier in den steilen Abhang gebaut, rechts ging es hoch, links gut 100 Meter hinunter bis zur Elbe, die in ihrem Bett glitzerte. Sie fuhren über die Elbbrücke und hinein in den Ort Bad Schandau. Als sie den Marktplatz passiert hatten, lotste ihn Sandra nach links, Richtung Hinterhermsdorf. Geradeaus ging es nach Schmilka und nach wenigen Kilometern entlang der Elbe nach Tschechien.

»Wie, in diesem kleinen Ort hier gibt es eine Straßenbahn?«, fragte Leo ungläubig, als er von der Hauptstraße abbog.

»Nein, eigentlich ist die Straßenbahn nicht im Ort, sondern mehr im Tal«, sagte seine Beifahrerin. Rechter Hand der Straße tauchte ein kleiner Park auf.

Reisinger schaute sie verblüfft an. »Die Straßenbahn führt durch den Wald?«

»Ja. Ihr Bayern glaubt, dass ihr die Sehenswürdigkeiten, was Gebirge angeht, alleine gebunkert habt. Habt ihr aber nicht. Das Gebiet hier war schon eine Attraktion, als der Luis Trenker noch nicht mal geboren war. Heerscharen von Touristen haben die Sandsteinfelsen in den letzten Jahrhunderten besucht, und viele berühmte Maler haben sie auch gemalt. Wir haben hier sogar einen ›Malerweg‹. Und die Straßenbahn fährt schon seit mindestens hundert Jahren ins Tal«, erklärte sie ihm gönnerhaft. Reisinger hasste es, wenn sie so demonstrativ schulmeisterte.

Schon kurz nachdem sie in die Kirnitzschtalstraße eingebogen waren, konnten sie auch die Gleise der Straßenbahn auf der Straße sehen. Reisinger staunte nicht schlecht, als die leuchtend gelbe Straßenbahn vor sich aus dem Park fahren sah. Die Bahn war voller Menschen, die Straße durch die Gleise nur noch einspurig zu befahren.

Wenige Kilometer weiter kamen sie am Straßenbahndepot an. Der Leiter Gustav Neusche erwartete sie.

»Na, wissen Sie denn nu, wer der Dode war?«, fragte Neusche nach der Begrüßung und starrte Sandra an.

»Leider nein!« Leo Reisinger bat ihn, die beiden Straßenbahnfahrer ins Büro zu holen.

Als alle zusammen waren, stellte er sich und Sandra Kruse als Kriminalpolizisten vor. »Wir sind hier, weil …«

Kunath klopfte ihm unversehens auf die Schulter und sagte: »Du bist aber ooch ni von hier. Bayern, stimmt’s?«

Sandra grinste hämisch, aber der Straßenbahnfahrer strahlte den Kriminalkommissar an. Leo Reisinger hielt einen kurzen Moment inne. Oje, wenn er jetzt nicht aufpasste, würde das ausgehen wie die Kloßgeschichte im Supermarkt.

»… wir sind hier, weil das kein einfacher Todesfall ist, wie sich herausgestellt hat, sondern der Mann auf sehr merkwürdige Weise verstorben ist, möglicherweise sogar erstickt wurde.«

Totenstille im Büro von Gustav Neusche. Dann sprang Kunath hoch, riss die Tür auf und brüllte: »Mensch, Didi, das war kein Herzinfarkt, den hamse dod gemacht!«

Er hätte gar nicht so schreien müssen, denn Didi stand gleich hinter der Tür.

Leo Reisinger verkniff sich, so gut es ging, ein Grinsen und winkte Didi ins Büro.

»Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, behalten Sie das erst mal für sich!« Er bedachte Kunath mit einem strengen Blick, worauf dieser enttäuscht dreinschaute. »Für eine Spurensicherung ist es jetzt, nachdem die Bahn ja weiter benutzt wurde, fast schon zu spät, aber ich möchte trotzdem noch einmal den gesamten Ablauf mit jedem von Ihnen rekonstruieren. Also halten Sie sich bitte zur Verfügung und bewahren Sie Stillschweigen zu den Ermittlungen. Wann immer Ihnen noch etwas einfällt zu der Sache, rufen Sie uns an. Hier ist die Nummer unseres Büros in Dresden.« Er gab jedem eine Karte. Neusches Büro leerte sich.

»Da wir immer noch nichts über die Identität des Toten wissen, wird meine Kollegin mit einem Foto die Anwohner hier im Tal befragen. Es gibt offenbar einige Gasthäuser, vielleicht hat ihn ja jemand am Mittwoch hier gesehen«, sagte Reisinger zu Neusche. Sandra machte sich auf den Weg.

»Kann ich Ihr Büro hier für die Befragung benutzen?«, fragte Reisinger. Neusche nickte.

Adele Schuster war völlig eingeschüchtert. Den Tränen nah, beteuerte sie immer wieder, dass die Bahn doch leer gewesen sei, als sie sie am Mittwochabend verlassen habe. Reisinger versuchte sie zu beruhigen. Sie stehe doch nicht unter Mordverdacht, das sei hier nur eine Befragung als Zeugin. Aber der Schuss ging nach hinten los. »Mordverdacht«, wiederholte Adele Schuster ängstlich. »Mein Gott, das gibt’s doch nur im Fernsehen, beim ›Tatort‹, doch nicht bei uns. Tun Sie mich jetze verhaften?«

Reisinger fuhr sich genervt durch die braunen Haare. »Nein!«, sagte er laut und deutlich. Adele zuckte zusammen.

»Jetzt regen Sie sich nicht so auf und sagen Sie mir genau, wie diese letzte Fahrt am Mittwochabend abgelaufen ist.« Adele Schuster schnäuzte sich kräftig die Nase, straffte den Oberkörper, wischte sich die blonden Haare aus der Stirn und begann nochmals, den Mittwochabend zu rekapitulieren: Wie sie nach der halben Stunde Wartezeit am Lichtenhainer Wasserfall die Fahrscheine von sechs Fahrgästen kontrolliert und zwei Fahrscheine verkauft habe. Wie sie dann losgefahren sei und sich gewundert habe, dass an der nächsten Station, am Beuthenfall, tatsächlich wieder jemand ausgestiegen sei. Wie sie dann auf halber Strecke noch einmal am Forsthaus und dann nur noch am Stadtpark gehalten habe, wo die letzten Fahrgäste ausgestiegen wären.

Ob sie die Personen, die eingestiegen seien, beschreiben könne. Adele Schuster dachte nach.

»Da waren zwei junge Kerle mit Kletterrucksäcken, die hatten ’ne Tageskarte, und zwei ältere Paare. Eins von den Paaren ist am Forsthaus ausgestiegen, die hatten auch ’ne Tageskarte.«

»Wem haben Sie dann den Fahrschein verkauft?«, wollte Leo wissen.

Adele Schuster konzentrierte sich. »Die meisten kaufen ihre Tickets ja schon in Schandau. Es passiert selten, dass jemand nur in eine Richtung fährt. Ich glaube, das war ’n älterer Mann, der die zwei Fahrscheine gekauft hat.«

»War das der Tote?«, fragte Reisinger.

»Nee, dann hätte ich den doch erkannt. Das war jemand anderes. Komisch, jetze, wo Sie mich fragen, kann ich mich gar nicht an sein Gesicht erinnern. Bloß, dass der eher klein und zierlich war für ’nen Mann. Der hatte dunkle Sachen an und eine Mütze off. Ich kann nicht mal sagen, wie alt der war, weil ich sein Gesicht nicht richtig gesehen hab. Aber wahrscheinlich älter. Sind ja elend viele Leute, denen man den ganzen Tag begegnet.«

»Aber der war jedenfalls nicht allein?«, hakte der Kriminalkommissar nach.

»Nee, ich weiß genau, dass im hinteren Wagen zwei Leute saßen. Nebeneinander. Die sind aber eben am Beuthenfall ausgestiegen. Ich erinnere mich deswegen, weil da normalerweise niemand aussteigt, wenn wir zurückfahren. Die Strecke ist ja nicht lang, normalerweise kann man das in fünf Minuten zu Fuß schaffen. Trotzdem sind die gefahren.«

»Und Sie sind sicher, dass beide an der Station ausgestiegen sind?«

»Bestimmt! Am Nassen Grund macht die Straße eine 180-Grad-Kurve, da kann ich immer sehen, wer noch hinten im Wagen sitzt, und da war keiner. Ich schwör’s!« Adele Schusters Stimme hatte wieder angefangen bedenklich zu flattern. »Abends sieht man genau, was in den beleuchteten Waggons los ist. Sie müssen mir glauben!«

Reisinger versuchte sie zu beruhigen. »Niemand macht Ihnen einen Vorwurf. Ich versuche nur rauszubekommen, was wirklich passiert ist.«

Als Nächste mussten Neusche, dann Didi, der eigentlich nichts beizutragen hatte, berichten.

Leo Reisinger nahm Kunath bewusst als Letzten dran, um ihn schmoren zu lassen.

»Nun, Herr Kunath, erzählen Sie bitte noch mal genau, wie Sie den Toten gefunden haben.« Leo hatte es sich auf Neusches Bürostuhl leidlich bequem gemacht.

»Hab ich alles schon den zwei Polizisten erzählt«, winkte Kunath ab. »Jetzt sagen Se bloß mal, wie der umgebracht worden sein soll. Hat doch nüscht gefehlt bei dem, sah doch heile aus?«

Leo seufzte: »Er ist an einer Verkettung von mehreren Ursachen gestorben. Genauer: er ist erstickt.«

Kunath kratzte sich am Kopf. »Das soll funktionieren?«

»Haben Sie in der Straßenbahn irgendetwas gesehen, was ungewöhnlich war?«

»Nu, ’ne Colaflasche, so was liegt sonst nicht rum«, sagte Kunath.

»Ich wüsste nicht, wie man damit jemanden ersticken sollte«, meinte Reisinger, »und aufbewahrt haben Sie die sicher auch nicht, oder? Falls sie dem Toten gehörte, wäre die schon interessant gewesen.«

Kunath schüttelte den Kopf. »Nee, die hab ich in den Müll geworfen am Stadtpark vorne. Der Papierkorb wird jeden Tag geleert. Die könn’ Se vergessen.« Reisinger sah das auch so.

»Erstickt«, wiederholte Kunath gedankenverloren. »Nu, die Straßenbahn ist jedenfalls nicht so luftdicht, dass da einer ersticken könnte. Obwohl die Luft am Sonntagnachmittag, wenn die Boofer aus ’m Wald kommen, manchmal schon ganz schön dicke ist.«

»Wenn wer aus dem Wald kommt?« Leo Reisinger versuchte, schulbuchmäßig Vertrauen aufzubauen. Dieser Kunath wusste vielleicht doch mehr, als es schien.

»Na, die Boofer.« Er sah, dass der Kriminalkommissar mit diesem Begriff nichts anfangen konnte. »Leute, die im Wald übernachten. Das machen hier viele, dafür gibt’s die Boofen.«

»Aha«, brummte Reisinger; er wollte zurück zum Thema.

»Wie es genau vor sich gegangen ist, wissen wir noch nicht. Der Fall ist ungewöhnlich. Der Mann hatte nämlich auch noch eine gebrochene Rippe und blaue Flecken am ganzen Körper.«

»Ich an Ihrer Stelle würde mal bei den Boofern nachfragen. Mit denen hat der nämlich Ärger gehabt. Das ist mir heute Morgen wieder eingefallen«, sagte Kunath.

Reisinger schnellte aus dem Bürostuhl. »Sie kennen den Mann?«

»Nu«, sagte der Straßenbahnfahrer. Leo Reisinger legte verzweifelt die Hand an die Stirn. Dieses »Nu« machte ihm echte Probleme. Die Sachsen benutzten es ständig, aber nie wusste er, wie es gemeint war. War es ein »Ja«, ein »Nein«, ein »Vielleicht«, oder bedeutete es gar nichts? Er versuchte ruhig zu bleiben.

»Also was jetzt, ja oder nein?«

Kunath machte es sich auf seinem Platz gemütlich. »Nu, kennen ist zu viel gesagt. Ich hab ihn ein oder zwei Mal in diesem Sommer gesehen. Und einmal hat der sich mit Boofern in der Wolle gehabt.«

»Wissen Sie, wie er heißt?«

»Nee!«

»Wissen Sie, wo er wohnt?«

»Nee!«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« Reisinger wartete gespannt auf eine Antwort und starrte Kunath an.

Der zog ein schiefes Gesicht. »Möglicherweise vor zwei Wochen, oder vielleicht drei. Ich weiß bloß, dass der Maik stinksauer auf den war und die sich am Parkplatz vom Nassen Grund angeschrien haben.«

»Und wer ist der Maik?«

»Ä Boofer.«

»Und?«

»Und nüscht!«

»Jetzt lassen Sie sich doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!« Reisinger war aufgestanden, hatte sich auf den Schreibtisch gestützt und schwebte bedrohlich nahe über Kunath.

Dieser sah, dass der Kommissar jetzt wirklich sauer war, und zog den Kopf ein.

»Wir ermitteln hier in einem wahrscheinlichen Mordfall, und Sie kippen mir wichtige Informationen in Minibröckchen vor die Füße. Können Sie nicht einfach erzählen, was Sie über den Toten und diesen Maik noch wissen?«

Jetzt war Kunath sichtlich beleidigt. »Ich weiß nicht mehr. Ich weiß bloß, dass der Maik heißt, weil der Kevin ihn Maik nennt. Den Kevin kenne ich ooch nur als Kevin, weil die seit Jahren ungefähr jedes zweite Wochenende im Sommer zum Boofen in den Wald fahren. Die sind aus Dresden. Mehr weiß ich nicht.«

Kunath sah auf seine Uhr. »Ich hab jetzt Feierabend. Wie lange soll das hier noch dauern?«

»Bis wir fertig sind«, brummte Leo Reisinger.

Sandra arbeitete inzwischen an der Ostrauer Mühle, beim Campingplatz, im Gasthof Forsthaus und im Gasthof Lichtenhainer Wasserfall mittels Frageliste und Fotos ab, ob jemand den Toten kannte oder am Mittwoch etwas Auffälliges passiert war. Überall stand sie im Weg, denn die Tische in und vor den Lokalen waren gut besucht, und die Bedienungen flitzten hin und her. Am Campingplatz war noch Ruhezeit, hier konnte man erst ab 16 Uhr wieder einchecken und einen offiziellen Vertreter antreffen. Der Platz lag leer und verlassen, die Kurzzeitbewohner waren offenbar unterwegs. Die Bedienungen in den Gasthäusern, die Sandra ansprach, starrten sie erst entgeistert an, dann schickten sie die Kommissarin weiter zu den Wirten. Nachdem sie zum zweiten Mal gemustert worden war wie ein Alien, war Sandra stinksauer. »Landpomeranzen!«, schimpfte sie, als sie am Forsthaus wieder in das Auto stieg. Zwischen all den Touristen in karierten Hemden und sportlichen Hosen fühlte Sandra sich zunehmend unwohl. Außerdem brannte die Sonne auf ihre schwarzen Kleider.

Sie fuhr weiter bis zur Endhaltestelle der Straßenbahn am Lichtenhainer Wasserfall und fand erst mal keinen Parkplatz. Schließlich stellte sie den Wagen ins Parkverbot vor den Garagen des Gasthauses. Sandra klemmte den Polizeiausweis hinter die Windschutzscheibe und zückte ihre Dienstmarke. Kaum hatte sie das Auto verlassen und sich Richtung Eingang bewegt, als auch schon ein Kopf in einem der Erdgeschossfenster erschien und eine Männerstimme rief: »He, Sie da, da ist Parkverbot, da könn’ Se ni stehenbleiben!«

»Nun regen Sie sich mal nicht auf, guter Mann«, beschwichtigte ihn Sandra. Sie hielt ihm ihre Dienstmarke vor die Nase. »Kripo Dresden. Wir ermitteln wegen eines Todesfalles. Ich befrage alle Anwohner entlang der Straßenbahnstrecke, ob sie diesen Mann hier kennen. Moment …« Die Kommissarin begann die Fotos aus ihrer Umhängetasche zu kramen.

»Nee, also das gloob’ ich ni, dass Sie von der Kripo sind. Das ist ja wohl ein Witz. Fahren Sie Ihr Auto da weg, sonst hol’ ich die Polizei.« Der Mann auf der anderen Seite des Fensters trug einen weißen Kittel und hatte dunkle, lockige Haare.

»Hier, bitte«, Sandra hielt ihm durch das geöffnete Fenster nochmals ihre Dienstmarke vor die Nase und den Ausweis dazu.

»Solche Leute wie Sie nehmen die bei der Kripo?«, fragte der Mann ungläubig.

Ärgerlich pustete Sandra eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. Mit diesen Landeiern war es wirklich schwierig.

»Wer sind Sie?«

»Na, der Wirt vom Gasthaus, Rudolf Kaiser mein Name.«

»Herr Kaiser, jetzt sehen Sie sich bitte diese Fotos an. Kennen Sie den Mann?«

Der Wirt warf einen kurzen Blick auf das oberste Foto. »Nee, den kenn’ ich nicht. Vielleicht war der mal hier, aber Sie sehen ja selbst, was hier los ist. Ich hab zu tun.« Er schloss das Fenster und ließ Sandra Kruse einfach draußen stehen. Sie versuchte ihr Glück bei den Bedienungen, die zwischen Gaststube, Biergarten und der Terrasse am Bach hin und her liefen. Die warfen nur unwillig einen schnellen Blick auf die Fotos und verneinten alle beide.

Tja, das war nicht besonders erfolgreich gewesen. Ihre neuen Stiefel scheuerten an der Ferse, sie brauchte dringend ein Pflaster. Überall wimmelte es von Leuten in Wanderkluft, die sie anstarrten. Sie machte sich frustriert auf den Rückweg. Am Straßenbahndepot gab es wenigstens einen Parkplatz.

Es klopfte an der Bürotür, und Sandra schneite herein. Sie war sichtlich genervt. »Gibt’s hier ’ne Cola?« fragte sie. »Woher soll ich das wissen, ist doch nicht mein Büro«, antwortete Leo Reisinger nicht gerade freundlich.

Kunath starrte die Kommissarin genauso an wie Neusche und wahrscheinlich alle anderen Menschen in diesem hinterwäldlerischen Tal.

»Was hast du rausgefunden?«

»Nichts. Die sind hier alle wie zugenagelt. Die haben mich alle angestarrt wie eine Außerirdische. Der Wirt vom Gasthof Lichtenhainer Wasserfall hat mal kurz aufs Foto geguckt und gemeint, den könnte er schon mal gesehen haben. Aber sonst Fehlanzeige. Ich habe rein gar nichts herausbekommen«

Sie ließ sich auf den letzten freien Stuhl sinken und begann ihre löchrigen Stiefel auszuziehen.

»Herr Kunath sagt, dass der Tote schon öfters im Tal war und mindestens einmal Ärger mit Wanderern, sogenannten Boofern, hatte.«

»Na, das ist doch schon mal was!« Sandras Laune besserte sich. »Boofen ist cool. Habe ich damals mit Olli auch gemacht.«

»Hast du was gehört von der Zentrale, gibt es inzwischen eine Vermisstenmeldung?«, fragte Reisinger.

Sie winkte müde mit ihrem Handy. »Ich habe hier keinen Empfang. Du etwa?«

Er holte sein brandneues Smartphone aus der Hemdtasche. Der Empfangsbalken war ganz tief unten, die Batterie fast leer. »Du liebe Zeit, das ist ja hier wie am Ende der Welt.«

»Nu, so ungefähr«, bestätigte Kunath.

Reisinger beschloss, es für heute gut sein zu lassen.

»Wir machen Montag weiter. Halten Sie sich per Telefon zur Verfügung, Herr Kunath. Und wenn Ihnen noch was einfällt, rufen Sie bitte an.«

Auf der Fahrt zurück nach Dresden war wieder so viel Verkehr, dass sie sich in eine lange Autoschlange einreihen mussten.

Sandra war schweigsam und kaute an ihrem schwarzen Nagellack. In Königstein raffte sie sich plötzlich auf und fragte Reisinger unvermittelt: »Wie fandest du eigentlich den Olli?«

Leo Reisinger starrte auf die Straße und kramte in seinem Gedächtnis nach einem Olli. Kannte er einen? In seinen Gedanken war er bei Mandy und dem heutigen Abend. »Äh, ich weiß gerade nicht, welchen Olli du meinst, Sandra«, versuchte er es vorsichtig.

»Na, meinen vorherigen Freund. Ich habe mir heute gedacht, als ich da im Tal war, dass das mit ihm eigentlich besser war als jetzt mit Kurt. Draußen in der Natur sein ist irgendwie cooler als in den verräucherten Gothic-Kneipen.«

Reisinger sah sie unsicher an. Sollte ausgerechnet er jetzt Beziehungstipps geben? Aber er erinnerte sich doch, diesen Olli einmal gesehen zu haben, als der Sandra abends abholte. Er versuchte, so behutsam wie möglich zu formulieren: »Also, ich fand diesen Olli ausgesprochen sympathisch. Viel besser jedenfalls als so Typen wie den Dr. Gräber, die offenbar auf Vampire stehen. Aber das sagt natürlich gar nichts, du musst dich ja mit ihm verstehen.« Er schaute prüfend nach rechts. Seine Beifahrerin ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

»Du magst Kurt also nicht!« Reisinger seufzte hörbar. War er doch auf eine Tellermine getreten. Er sollte sich auf diese Art von Gesprächen mit Frauen nicht einlassen.

»Ich kenne diesen Kurt doch gar nicht!«, protestierte er. »Da kann man weder von mögen noch von nicht mögen sprechen!« Sandra versank wieder in dumpfes Brüten. Am Kreisverkehr in Königstein schnappe Reisinger sich sein Smartphone. Aber nun war die Batterie endgültig leer. »Mist!«, schimpfte er. Wenn Mandy jetzt eine Nachricht hinterlassen hatte?

Kurz vor Dresden wachte Sandra aus ihren stillen Betrachtungen auf. »Das mit dem Gräber war echt gruselig«, sagte sie. »Vielleicht ist das mit Gothic doch nicht das Wahre für mich. Ich muss mal eine neue Pro-und-Kontra-Liste wegen Kurt und Olli machen.«

Leo Reisinger atmete hörbar aus. Er schwor bei sich selbst, keinen Ton mehr zu Fräulein Kruses Beziehungskisten von sich zu geben.

Ärgerlich fuhr er Sandra nach Hause und machte sich daraufhin selbst auf den Heimweg.

3

Im Tal herrschte schon Finsternis, als Cindy Hecht von der Kirnitzschtalstraße auf den Campingplatz an der Ostrauer Mühle einbog. Sie lächelte voller Vorfreude. Diese milden Sommernächte waren immer das Beste. Sie und Herbert saßen dann die halbe Nacht draußen und schauten sich den von Milliarden Sternen übersäten Himmel an. Nirgend-wo sonst konnte man die Sterne so klar sehen wie im Tal. Seit er am Mittwochnachmittag vergeblich versucht hatte, sie anzurufen, war sie aufgeregt. Bestimmt hatte er etwas gefunden und wollte ihr das mitteilen. Einen anderen Grund konnte sie sich nicht vorstellen. Herbert war nicht der Mann, der sich nur meldete, um Belanglosigkeiten auszutauschen. Als sie Donnerstagmittag entdeckte, dass sie einen Anruf auf ihrem Handy verpasst hatte, und sah, dass es seine Nummer war, hatte sie versucht, ihn zu erreichen. Aber das ging ja nie. Hier im Tal konnte man nicht telefonieren, Empfang gab es nur, wenn man oben auf den Höhen war. Unten herrschte totale Funkstille.

Sie fuhr auf den Parkplatz gleich beim Eingang und holte ihre Tasche vom Rücksitz. Herberts Wohnmobil stand wie immer in der zweiten Reihe ganz hinten. Der Platz war gut besucht. Sogar vorne, auf dem schmalen Streifen zwischen den beiden Armen der Kirnitzsch, stand eine ganze Reihe Zelte. In der milden Sommernacht waren die meisten Camper noch draußen und unterhielten sich.

Cindy war erstaunt, dass das Auto nicht erleuchtet war, aber manchmal machte sich Herbert eben auch abends noch auf die Suche. Enttäuscht kramte sie ihren Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür.

Drinnen sah es so aus wie immer. Sorgfältig aufgeräumt, die senffarbenen Sofakissen ordentlich auf der braunen Überdecke, das Geschirr gespült und aufgeräumt, Herberts Sachen hingen im Schrank, der Laptop lag zugeklappt auf dem kleinen Tisch. Nur die Luft war ziemlich stickig, fand sie, deshalb ließ sie die Tür noch ein wenig offen.

Es war Viertel nach neun. Sie hatte geduscht, zu Abend gegessen und fand es ein wenig enttäuschend, dass er sie nicht in Empfang nahm, wie er das sonst immer getan hatte. Im Spiegel an der Innenseite des Schrankes überprüfte Cindy ihr Aussehen. Die lockigen blonden Haare waren frisch gefärbt, diesmal hatte sie sich noch zusätzlich rote Strähnchen machen lassen. Ob Herbert das gefiel? Sie drehte sich vor dem Spiegel hin und her und strich die rosa Bluse über ihrem üppigen Busen glatt. An den Ärmeln hatte sie verspielte Rüschen, und die Farbe passte perfekt zu ihren bunten Blumenleggings.

Zufrieden drapierte sie sich aufs Bett und wartete auf Herbert. Um zehn Uhr war er immer noch nicht da. Sie ging hinüber zur Telefonzelle und versuchte, ihn auf seinem Mobiltelefon zu erreichen. Aber eine Automatenstimme verkündete lapidar, dass der Teilnehmer derzeit nicht zu erreichen sei. Verwirrt ging sie zurück und wartete.

Um Mitternacht wachte Cindy auf, voller Mückenstiche, weil die Tür immer noch offen stand.

Nun begann sie sich ernsthaft Sorgen zu machen. Aber was konnte sie schon tun?

Cindy schloss erst mal die Tür und versuchte, jede Mücke im Wagen zu erschlagen. Wenn er ihr wenigstens eine Nachricht dagelassen hätte!

Sie begann in seinen Sachen zu suchen, schlug sein Tagebuch auf, aber die letzte Eintragung war vom Mittwochvormittag. »Neue Hinweise zu Idagrotte gefunden«, stand da. Aufmerksam durchsuchte sie die Eintragungen der letzten Woche, aber seit Mittwoch stand da nichts mehr. Cindy seufzte. Wo war er bloß? Sie konnte nichts tun, ihn nicht anrufen, nur warten; warten und hoffen.

Cindy machte sich bettfertig und wälzte sich bis zum Morgen hin und her, von Sorgen umgetrieben und der Frage, was sie tun sollte.

Das war so schiefgelaufen, wie es nur schieflaufen konnte. Leo Reisinger war stinksauer. Als er endlich gegen acht Uhr zu Hause war und sein Smartphone wieder Strom hatte, hörte er die Mailbox ab. Mandy war drauf und bat ihn um einen Rückruf, weil sie heute Abend Zeit hätte, ihn zu treffen.

Als er sie zurückrief, war sie sauer. »Leo, ich habe heute Mittag angerufen, und jetzt ist es halb neun Uhr abends. Wie denkst du dir das? Ich habe mich anders orientiert und mich mit Katharina verabredet. Wir gehen zu den Filmnächten.« Leo versuchte sein Bestes.

»Ach Mandy, Herzchen, ich war in einem Tal irgendwo hinter Pirna und hatte keinen Empfang. Aber ich würde mich so freuen, dich zu sehen. Ich kann es, ehrlich, kaum erwarten. Bitte, Süße!«

»Zu spät«, hallte es schnippisch zurück. »Ich melde mich wieder.« Leo stand noch eine Weile mit dem Handy am Ohr, doch Mandy hatte schon aufgelegt.

Enttäuscht ließ er sich auf das Sofa sinken. Die letzte Nacht mit Mandy war der Hammer gewesen. Mit dieser Frau würde er noch eine Menge Spaß haben. Nachdem er eine Weile seinen Fernseher angestarrt hatte, spürte er, wie müde er war. Wahrscheinlich war es besser, wenn er heute mal zu einer Mütze Schlaf kam. Außerdem war es nie schlecht, ihr das Gefühl zu geben, dass sie die Regeln diktierte. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und zappte sich lustlos durch das Fernsehprogramm. Um halb zehn Uhr schreckte ihn das Telefon aus einem leichten Schlummer. Er war auf seinem Sofa eingenickt, die halb volle Bierflasche vor sich. Noch benommen griff er zu seinem Smartphone.

»Reisinger«.

»Du, Leo, ich wollte dich an den Geburtstag von Onkel Josef erinnern. Denkst du dran, ihn anzurufen?« Onkel Josef war eigentlich sein Großonkel, inzwischen längst pensionierter Polizist in Fürstenfeldbruck.

»Ist gut, Mama«, sagte er versöhnlich. »Ich rufe ihn an. Wie geht es dir und Oma?«

»Ach, wie immer, Bub. Passt schon. Unkraut vergeht nicht. Du weißt ja.«

Sie berichtete ihm vom neuesten Dorfklatsch, von der Hochzeit vom Faschinger Toni, bei der sie zwar nicht eingeladen gewesen war, von der aber jeder, der dabei gewesen war, berichtet hatte.

»Das Bürgerhaus war voll, bis auf den letzten Platz, mindestens dreihundert Leute waren da. Das hat den alten Faschinger eine Stange Geld gekostet!« Leo nahm einen Schluck von seinem Bier, aber es schmeckte ihm nicht. Er trug die Flasche hinüber in die Küche und schüttete den Rest in den Ausguss. »Und sonst so?«, wollte er wissen.

Seine Mutter erzählte von Omas Rheumaschüben und dass Mimi, die schwarz-weiße Katze, ihr schon wieder eine halbtote Maus vor die Schlafzimmertüre gelegt hatte. »Die lernt es einfach nimmer!«, sagte seine Mutter mit hörbarem Seufzen. »Und sonst so?«, fragte Leo nochmals.

Seine Mutter zögerte einen Augenblick. »Veronika hat sich ein neues Auto gekauft. Einen blauen Golf.«

Leo hatte gewusst, dass es ihm einen Stich versetzen würde. Aber er war es inzwischen gewohnt. »Geht es ihr gut?«, fragte er.

»Meine Güte, Leo, ich versteh dich nicht! Warum …?« Sie brach ab. Leo sagte nichts.

»Wann kommst denn mal wieder heim?« fragte seine Mutter schließlich.

»Ende September, Mama, das weißt du doch«.

»Ist gut, Bub. Vergiss den Onkel Josef nicht!« Sie legte auf.

Im Bett versuchte er sich noch mal die Nacht mit Mandy ins Gedächtnis zu rufen, aber immer wieder schob sich das Bild von Veronika in ihrem neuen blauen Golf in seine Gedanken. War der Wagen jetzt hellblau oder dunkelblau? Bevor er einschlief, nahm er sich vor, seine Mutter beim nächsten Mal unbedingt nach der genauen Farbe zu fragen.

Als Cindy am nächsten Morgen aufwachte, war es noch früh am Tag. Die Sonne kam noch nicht herunter bis ins Tal, und über der Kirnitzsch hing ein dunstiges Band. Die Schlafstelle neben ihr war leer. Jetzt bekam sie es wirklich mit der Angst zu tun. Cindy konnte einfach nicht glauben, dass Herbert die ganze Nacht wegbleiben würde, obwohl sie doch am letzten Wochenende fest vereinbart hatten, dass sie sich sehen würden. Er hätte angerufen, ganz bestimmt!

Sie zog sich an und ging zur Rezeption des Campingplatzes.

»Der Herr Lauscher?«, fragte die Dame am Fenster. »Moment mal, der hat Platz Nummer wie viel?« Sie sah auf. »Platz Nummer 43«, sagte Cindy. »Das Auto steht ja noch da.« Die Dame blätterte in ihren Unterlagen.

»Ja, der Platz ist bis Ende September gebucht, der muss noch da sein.« Sie strahlte Cindy an.

»Das weiß ich doch! Ich muss wissen, ob ihn jemand gestern gesehen hat. Er ist die ganze Nacht nicht hier gewesen. Ich mach mir Sorgen!«

»Ach so«, die Dame am Tresen schaute hilflos drein. »Wissen Sie, ich mach hier Urlaubsvertretung. Ich kenne die Leute nicht alle. Aber wenn Sie sich Sorgen machen, dann rufen Sie doch die Polizei an. Vielleicht wissen die was.« Cindy drehte sich um und ging zurück zum Wohnmobil.

Die Nachbarn links und rechts von Herberts Wohnmobil waren erst gestern Morgen angekommen und hatten niemanden gesehen. Das half nicht weiter. Cindy war unschlüssig.

Sollte sie, oder sollte sie nicht? Sie musste sich ja nicht mit ihrem richtigen Namen vorstellen. Aber es war die einzige Möglichkeit, herauszubekommen, ob Herbert nach Hause gefahren war. Cindy holte Kleingeld, schnappte sich das Büchlein mit den Telefonnummern und rief von der Telefonzelle am Campingplatz Herberts Festnetznummer an. Die hatte sie sich heimlich aus dem Telefonbuch holen müssen, Herbert hatte ihr diese nicht geben wollen.

Cindy war aufgeregt und zögerte. Eigentlich hatte sie versprochen, dass sie das nie, nie tun würde. Herbert konnte ziemlich garstig werden, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Aber ihre Sorge war größer als ihre Bedenken.

Nach langem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme.

»Lauscher.«

»Guten Tag, Frau Lauscher, ich bin eine ehemalige Kollegin Ihres Mannes und möchte ihn gerne zu einem Ehemaligentreffen einladen, könnte ich ihn wohl sprechen?« Sie hatte sehr schnell gesprochen und war nervös. Es folgte eine lange Pause. Cindy hielt die Luft an.

»Wer ist am Apparat?«

Sie stockte kurz. »Andrea Milster.«

»Oh, diesen Namen hat mein Mann nie erwähnt.« Cindy umklammerte den Telefonhörer und schwitzte vor Nervosität. Was für eine blöde Idee, aber etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen.

»Äh, ich bin von der Personalabteilung. Wir … haben nicht … direkt zusammengearbeitet«, stammelte sie. »Kann ich Ihren Mann denn nun sprechen?«

Wieder eine lange Pause am anderen Ende.

»Da rufen Sie am Samstagvormittag an?«, fragte es aus dem Hörer. Cindy biss sich auf die Lippen.

»Warum nicht?«, versuchte sie leichthin zu sagen.

Wieder langes Schweigen.

»Mein Mann ist nicht hier. Er ist auf einem Campingplatz im Kirnitzschtal. Haben Sie seine Handynummer?«

»Nu, die hab ich!«, sagte sie und fühlte sich im gleichen Moment ertappt. Das hätte sie wohl besser nicht tun sollen. Herberts Frau hatte wohl nichts anderes erwartet.

»Dann ist’s ja gut«, sagte sie und legte auf.

Cindy stand ratlos in der Telefonzelle. Sie war genauso weit wie zuvor, nur hatte sie eben noch Herberts Ehefrau auf den Plan gerufen.

Inzwischen war es nach acht Uhr. Sie bekam Hunger. Der Kühlschrank in Herberts Wohnmobil war gut gefüllt, aber als sie die Wurst auspackte, sah die alt und grau aus. Die beiden Brötchen in der Tüte waren mindestens drei Tage alt. Die Milch war sauer, also kochte sie Tee.

»Und wenn ihm was zugestoßen ist?« Cindy kaute auf der alten Semmel herum und ihr wurde mit jedem Bissen deutlicher, dass sie die Einzige war, die Herbert helfen konnte. Sie musste etwas unternehmen.

Nach dem unerfreulichen Frühstück holte sie den Lederkoffer aus dem Campingwagen und wuchtete ihn in den kleinen Kofferraum ihres Autos. Dann fuhr Cindy nach Pirna zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.

»Seit wann vermissen Sie denn Ihren Mann?«, fragte der junge Beamte.

»Ich weiß nicht genau, aber gestern Abend war er jedenfalls nicht da, und bis heute Morgen ist er nicht aufgetaucht.«

Der junge Mann sah sie erstaunt an. »Aber vielleicht hat er einfach bei einem Freund übernachtet. Haben Sie seine Bekannten alle angerufen?«

»Nee.«

Der junge Mann legte den Stift beiseite und sah sie an. »Wenn ein erwachsener Mann eine Nacht nicht nach Hause kommt, kann man doch nicht gleich eine Vermisstenanzeige aufgeben. Da gibt es tausend Möglichkeiten, wo er sein könnte.« Cindy hatte das Gefühl, dass der Polizist sie gleich unverrichteter Dinge wieder rausschicken würde. Eigentlich wollte sie nicht die ganze Geschichte erzählen, aber nun musste sie doch mit der ganzen Wahrheit herausrücken.

»Aber wir waren verabredet. Zu Hause ist er nicht. Und das Wohnmobil sieht aus, als wäre er schon ein paar Tage nicht mehr drin gewesen!«

»Welches Wohnmobil?«, fragte der Polizist. Cindy war es nun egal. Das Versteckspiel hatte ohnehin keinen Zweck.

Der junge Polizist hörte ihr geduldig zu, bis sie in Tränen aufgelöst ihre ganze Geschichte erzählt hatte.

»Sie haben also seine Frau angerufen, und da ist er nicht?«, fragte er. Cindy nickte.

»Und der Wohnwagen, wo Sie beide sich immer treffen, steht im Kirnitzschtal?«

»Ja, Dauercamper an der Ostrauer Mühle«, schluchzte Cindy.

Der junge Polizist führte Cindy weg vom Tresen in ein Büro mit einem Schreibtisch und ließ sie sich hinsetzen. »Bitte beschreiben Sie mir Herbert Lauscher«, sagte er.

»Also, Herbert ist so groß wie ich, ziemlich dünn, hat dunkelblonde, na, eher graue, glatte Haare, ein schmales Gesicht.«

»Wie alt?«

»61 Jahre.«

»Kleidung?«

Cindy sah ihn erstaunt an. »Woher soll ich wissen, was er anhat? Ich hab ihn das letzte Mal letzten Sonntag gesehen. Die Sachen vom Sonntag wird er doch heute nicht mehr anhaben.«

Der junge Polizist versuchte es anders. »Sicher. Ich meine, wenn er wandern ging, gab es da bestimmte Dinge, die er immer trug, einen Rucksack, eine Jacke?«

Cindy überlegte kurz. »Nu, seinen Rucksack, so ’nen grauen alten Stoffrucksack, und die neuen blauen Schuhe! Die haben wir im Mai zusammen gekauft, müssen Sie wissen. Waren ordentlich teuer, aber Herbert sagt, so bequeme Schuhe hat er noch nie gehabt. Die sind leuchtend blau mit grauen Streifen. Den Rucksack hat er von seinem Vater geerbt, der ist schon ziemlich alt.«

»Einen kleinen Moment, Frau Hecht. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Er ließ sie kurz sitzen, verschwand im Nebenzimmer und kam mit einem älteren Kollegen und einem Kuvert unter dem Arm wieder.

»Ich fürchte, wir wissen, wo Ihr äh … Freund ist.« Polizeihauptwachtmeister Biesold zog ein Foto aus dem Umschlag und zeigte es ihr. »Ist er das?«

»Herbert!«, rief Cindy. »Aber wieso hat er die Augen zu? Er sieht merkwürdig aus. Ist er krank? Wo ist er?« Cindy sprang erleichtert auf und kramte nach ihren Autoschlüsseln. Wolfram Biesold drückte sie wieder auf den Stuhl.

»Frau Hecht, ich muss Ihnen leider sagen, dass dieser Mann tot ist.«

Cindy sah ihn entgeistert an. »Was?«

Die Beamten brauchten eine Weile, bis sie sie beruhigt hatten.

Der Anruf kam, als Leo gerade unter der Dusche stand. Schimpfend tappte er, nasse Flecken auf dem Parkett hinterlassend, durch sein Wohnzimmer und suchte nach dem Diensttelefon.

»Sie hat den Toten identifiziert?«, fragte er nach einer Weile. »Halten Sie sie fest. Ich bin so schnell es geht bei Ihnen.« Er nahm sich kaum Zeit zum Abtrocknen, schnappte sich Hose, Hemd und einen Knusperriegel und war zehn Minuten später schon auf dem Weg über Pillnitz nach Pirna.

Der Verkehr war auch auf dieser Elbseite enorm. Was wollen die Leute bloß alle in dieser öden Ecke?, fragte sich Reisinger. Er informierte Sandra über die Neuigkeit und bat sie, Lauschers Frau ausfindig zu machen und vorbeizufahren. »Versuch’ rauszukriegen, ob sie über mögliche Gründe für den gewaltsamen Tod was weiß!« Dann rief er in der Dienststelle an und bat um ein Spurensicherungsteam für den Wohnwagen.

Auf der Polizeiwache in Pirna nahm ihn gleich ein Hauptwachtmeister beiseite und deutete auf die halb offen stehende Bürotür.

»Sie sagt, sie ist seine Freundin und wollte ihn gestern Abend auf dem Campingplatz treffen. Da hat er den ganzen Sommer über sein Wohnmobil stehen.«

Leo Reisinger nickte. Was um Himmels willen hatte Sandra die drei Stunden, die sie im Tal unterwegs war, getrieben? Warum war sie nicht auf dem Campingplatz gewesen? Er trat ein und traf auf eine aufgelöste dralle Vierzigjährige mit verweintem Gesicht.

Er stellte sich vor und ließ sich von dem aufnehmenden jungen Polizisten noch einmal genau schildern, was Cindy Hecht berichtet hatte.

»Sie haben ihn also in den letzten Wochen immer zum Freitagabend besucht und sind Montag früh wieder gefahren?«, fragte er. Cindy nickte.

»Woher kennen Sie Herbert Lauscher?«

»Nu vom Wandern. Er hat mich gerettet. Ach Herbert!« Sie schluchzte ein paar Mal laut und fasste sich wieder. »Ich war dieses Jahr zu Ostern alleine in den Schrammsteinen und hab mich verlaufen, und es wurde so schnell dunkel, und ich konnte keinen Weg nach unten finden und dachte schon, ich muss die Nacht im Gebirge verbringen. Scheußlich! Wissen Sie, wie dunkel es nachts im Wald ist? Da hab ich den Herbert getroffen, der war da auch noch unterwegs und kannte sich so gut aus. Er hat mich dann zum Campingplatz geführt und auf ’ne Soljanka eingeladen. Na ja, dann, dann bin ich eben geblieben, und wir haben uns jedes Wochenende getroffen.« Sie schaute auf den Boden. »Ich weiß schon, dass er verheiratet ist. Hat er mir gleich am ersten Wochenende gesagt. Aber das war mir egal.«

»Das geht mich gar nichts an, Frau Hecht, das ist Ihr Privatleben. Ich versuche lediglich rauszubekommen, was passiert ist. Sie wissen, dass Herbert Lauscher tot in der Straßenbahn gefunden wurde?«

»Ja, ich kann das gar nicht glauben. Der Herbert ist immer zu Fuß gegangen. Er hat ständig gesagt, die von der Straßenbahn sind Halsabschneider, da kostet die Fahrt 5 Euro! Und dass es das in der DDR nie gegeben hätte, dass die einem so viel Geld für eine Straßenbahnfahrt abknöpfen!«

»Hatte Herr Lauscher irgendwelche Feinde, ich meine Leute, mit denen er im Streit lag?«

Cindy presste kurz die Lippen aufeinander.

»Nu, ich meine, nicht direkt Feinde. Aber der Herbert, wie soll ich sagen, der war sehr korrekt in allem, und das wollten viele nicht hören, da ist er schon manchmal in Streit geraten.«

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22 декабря 2023
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222 стр. 4 иллюстрации
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9783948916046
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