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Vorwort zur deutschen Ausgabe

In der italienischen Originalausgabe dieser Don-Bosco-Biografie von Teresio Bosco, die 1978 erschien, heißt es: „Wer die Gestalt Don Boscos, seine Gedanken und sein Werk kennenlernen wollte, musste auf die Schriften zurückgreifen, die vor fast einem halben Jahrhundert geschrieben worden waren.“ In letzter Zeit hat man nicht nur die während der Lebensjahre Don Boscos herrschenden sozialen und politischen Gegebenheiten verstärkt in den Blick genommen, sondern auch Untersuchungen über die Beziehungen Don Boscos zu anderen Persönlichkeiten seiner Epoche durchgeführt. So erhalten wir ein deutlicheres Bild von ihm. Teresio Bosco stellt die Botschaft des Heiligen und sein Erziehungssystem nicht nur für die heutige Zeit verständlich dar. Er bindet sie auch in den historischen Kontext jener Jahre ein. Man muss bedenken, dass in einer Zeit, in der der Jugend weder in der Kirche noch in der übrigen Gesellschaft eine Bedeutung beigemessen wurde, in der die armen Bevölkerungsschichten nur als passive Objekte der Politik und der sozialen Veränderungen betrachtet wurden und in der die Laien in der Kirche noch nicht als unersetzliche Mitarbeiter bei der Evangelisierung betrachtet wurden, Don Bosco gerade diesen Gruppen den Vorrang bei seinem Apostolat gab.

Natürlich gibt es darüber hinaus im Leben Don Boscos etwas – und auch das betont Teresio Bosco –, das unabhängig von den geschichtlichen Verhältnissen ist und sich nur als übernatürliches Charisma erklären lässt.

Da die vorliegende Ausgabe für die Leser des deutschsprachigen Raumes gedacht ist, wurden einige Einzelheiten weggelassen, die zwar die Geschichte Italiens betreffen, aber für unser Verständnis Don Boscos nicht unbedingt zentral sind.

Was dieses Buch von anderen, auch neueren deutschsprachigen Don-Bosco-Biografien vor allem unterscheidet, ist, dass Don Bosco nicht vorwiegend als der „Gaukler Gottes“, der „Erzieher mit Spürnase“, dargestellt ist, dem einfach alles gelang, was er unternahm. Hier wird realistisch aufgezeigt, wie schwierig es für Don Bosco war, seinen Weg zu gehen. Zwar wusste er seit seinem Traum im Alter von neun Jahren um seine Lebensaufgabe. Selbst sein Weg wurde ihm immer wieder gezeigt – in Träumen –, aber nur etappenweise. Diesen Weg hat er immer erst nach langem, oft aussichtslos erscheinenden Suchen gefunden und vor allem immer erst dann als den richtigen Weg erkannt, wenn er ihn bereits beschritten hatte, wenn das, was er im Traum meist in Symbolen gesehen hatte, Wirklichkeit geworden war. Aber Don Bosco ging diesen Weg unbeirrt, ohne Rücksicht auf sich und auf seine persönliche Neigung, einfach im Glauben an die Führung durch Gott und Maria. Gerade damit hat er Tausenden und Abertausenden Jugendlichen ihren Weg weisen können, ihren Weg, den auch sie durch die Unsicherheit hindurch gehen müssen und der auch für sie ein Ziel hat.

Sr. Johanna Schepping FMA

Vorwort zur Neuauflage

Im Buchhandel erfreuen sich Biografien zunehmend einer großen Beliebtheit. Und auch in Rundfunk und Fernsehen werden immer wieder die Lebensgeschichten berühmter wie weniger berühmter Menschen erzählt. Dabei interessieren gleichermaßen die Höhen und Tiefen dieser Geschichten wie die Irrungen und Wirrungen. Offensichtlich geben uns die Lebensgeschichten anderer Menschen die Möglichkeit, uns mit ihnen, ihrem Suchen und ihren Erfahrungen zu identifizieren und daraus für unseren eigenen Lebensweg zu lernen. Für uns Christen sind darum auch die Geschichten großer Heiligengestalten bleibend aktuell. Ihr Lebens- und Glaubenszeugnis lässt auf je neue Weise das Evangelium in seiner Vielgestaltigkeit lebendig werden.

Über 20 Jahre nach seinem ersten Erscheinen in deutscher Sprache halten Sie hiermit eine Neuausgabe von Teresio Boscos Porträt der Lebens- und Glaubensgeschichte des Turiner Jugendapostels Johannes (Giovanni) Bosco (1815–1888) in Händen. Immer wieder ist dieses Buch in letzter Zeit nachgefragt worden, da es schon vielen geholfen hat, ein lebendiges Bild dieses großen und einzigartigen Heiligen zu entwickeln. Der Don Bosco Medien GmbH sei daher dafür gedankt, dass sie das längst vergriffene Buch mit neuem Gesicht und in einer aktualisierten Form herausgebracht hat.

Der Autor Teresio Bosco, selbst Salesianerpriester, erweist sich dabei als ein sehr guter Erzähler, der auf lebendige Weise die Geschichte Don Boscos zu vermitteln weiß. Er kennt die neuere Don-Bosco-Forschung sehr gut, sucht aber das Leben Don Boscos in erster Linie auf erzählerische Weise nahezubringen. Das ist seine Stärke und seine selbst gesetzte Grenze zugleich. Leser mit einem wissenschaftlichen Interesse seien daher vor allem auf die Publikationen Pietro Stellas und Pietro Braidos zu Don Bosco verwiesen.

Möge dieses Buch dazu beitragen, dass Don Boscos Leben für die Jugend und mit der Jugend auch künftig in lebendiger Erinnerung bleibe.

P. Reinhard Gesing SDB

Institut für Salesianische Spiritualität, Benediktbeuern

Der Junge aus Becchi
Weggeschickt

An jenem Winterabend war die Spannung bis zum Zerreißen gestiegen. Antonio schaute wütend zu Giovanni, der, wie gewöhnlich, ein Buch neben seinem Teller liegen hatte, und schrie: „Dieses Buch werf ich noch ins Feuer!“

Margherita, die Mutter, versuchte Giovanni, ihren Jüngsten, zu verteidigen: „Giovanni arbeitet wie die anderen auch. Wenn er nachher lesen will, geht dich das etwas an?“ „Das geht mich wohl etwas an“, entgegnete Antonio. „Schließlich bin ich es, der den Laden in Gang halten muss. Ich kann mir den Rücken krumm machen, und er soll wohl den feinen Herrn spielen? So weit wird es nicht kommen, dass er sich ein bequemes Leben verschaffen kann und wir Polenta essen müssen.“

Giovanni reagierte darauf heftig. An Worten fehlte es ihm nicht. Er dachte auch nicht daran, Antonio die andere Wange hinzuhalten. Antonio stand auf, während ihn Giuseppe, der zwei Jahre älter war als Giovanni, erschrocken anblickte. Margherita versuchte, sich dazwischenzustellen. Giovanni könnte wieder Prügel bekommen, wie so oft, vielleicht diesmal noch mehr. Mit seinen elfeinhalb Jahren war er dem 19-jährigen Antonio nicht gewachsen. Später, im Bett, weinte Giovanni, mehr aus Wut als aus Schmerz. Und nahe bei ihm weinte auch die Mutter, die in dieser Nacht wohl keinen Schlaf fand.

Am nächsten Morgen hatte sich Margherita entschieden. Was sie zu Giovanni sagte, waren die traurigsten Worte seines und ihres Lebens: „Es ist besser, wenn du aus dem Haus gehst. Antonio kann dich nun einmal nicht riechen. Schließlich tut er dir vielleicht eines Tages noch etwas an.“ „Und wohin soll ich gehen?“, fragte Giovanni.

Er glaubte, sein Herz müsse stillstehen, und Margherita war es nicht anders zumute. Sie nannte ihm einige Höfe in der Gegend von Moriondo und Moncucco: „Dort kennt man mich. Jemand wird dir schon Arbeit geben, wenigstens für einige Zeit. Dann werden wir weitersehen.“

Ein schwerer Gang

An diesem Tag richtete die Mutter ein kleines Bündel zusammen, mit einigen Hemden, Giovannis zwei Büchern und einem kleinen Brot. Es war Februar. Schnee und Eis bedeckte die Straßen und die umliegenden Gehöfte. Am nächsten Morgen ging Giovanni fort. Mama Margherita blieb in der Tür stehen, schaute ihm nach und winkte, bis ihr Giovanni im Nebel verschwunden war.

Er versuchte sein Glück bei den Höfen, die die Mutter ihm genannt hatte. Aber die Leute dort sagten ihm, sie hätten keine Arbeit für ein Kind. Am Nachmittag war sein Brot aufgebraucht und seine Hoffnung dahin. Er konnte nur noch zur Familie Moglia gehen. „Frag nach Herrn Luigi“, hatte ihm die Mutter gesagt.

An dem Tor, das auf den Hof der Moglias führte, blieb er stehen. Ein alter Mann war gerade im Begriff, das Tor zu schließen. Er schaute Giovanni an: „Was willst du hier, Junge?“ „Arbeit.“ „Tüchtig. Dann arbeite doch, Addio!“ Und damit zog er an dem Tor, um es zu schließen. Giovanni nahm seinen letzten Mut zusammen: „Aber ich muss mit Herrn Luigi sprechen!“

Er ging in den Hof. Die Familie Moglia war im Bogengang versammelt, um die Weidenruten für den Wein aufzubinden. Luigi Moglia, ein junger Bauer von 28 Jahren, blickte verwundert auf den Ankömmling.

„Ich suche Herrn Luigi Moglia“, erklärte Giovanni. „Der bin ich.“ „Meine Mutter schickt mich. Sie hat zu mir gesagt, ich soll zu Euch gehen und den Stallknecht machen.“ „Aber warum schickt dich deine Mutter fort, wo du noch so klein bist? Wer ist denn deine Mutter?“ „Margherita Bosco. Mein Bruder Antonio ist so grob zu mir, darum hat sie gesagt, ich soll zu Euch gehen und als Stallknecht arbeiten.“ „Aber hör mal, armer Junge, wir haben Winter. Wir nehmen erst im März einen Stallknecht. Komm, hab Geduld, geh wieder heim!“

Giovanni war mutlos und müde. Er brach in verzweifeltes Weinen aus: „Nehmt mich doch, in Gottes Namen! Ihr braucht mir nichts zu zahlen. Aber schickt mich nicht nach Hause! Da, seht,“ sagte er mit dem Mut der Verzweiflung, „ich setze mich hier auf die Erde und geh nicht mehr weg. Tut mit mir, was Ihr wollt, aber ich geh nicht fort.“ Und weinend begann er, die herumliegenden Weidenruten zu sammeln, um sie aufzubinden.

Luigis Frau, Dorotea, die 25 Jahre alt war, ließ sich erweichen: „Nimm ihn, Luigi, versuchen wir es wenigstens für einige Tage.“ Auch Teresa, ein 15-jähriges Mädchen, hatte Mitleid. Sie war die jüngste Schwester des Bauern und hatte die Kühe zu hüten. Sie meinte: „Ich bin groß genug, um mit euch auf dem Feld zu arbeiten. Für den Stall wäre er gerade recht.“

Und so begann Giovanni Bosco im Februar 1828 sein Leben als Stallknecht. Die Moglias waren eine begüterte Bauernfamilie, auch wenn alle selbst mit Hand anlegen mussten. Sie bearbeiteten den Boden, das heißt die Weinberge und Felder, und versorgten das Vieh. Sie beteten auch zusammen. Jeden Abend versammelte sich die ganze Familie zum Rosenkranzgebet um den Herd. Am Sonntag fuhr Luigi alle zum Hochamt, das der Probst Francesco Cottini in Moncucco feierte.

Dass Giovanni als Stallknecht arbeitete, war nichts Außergewöhnliches. Ab März gab es in dieser Gegend viele, die auf fremden Höfen als Stallknechte dienten. Das war der normale Weg für Jungen aus armen Familien. Am Fest der Verkündigung des Herrn, dem 25. März, gingen die Hofbesitzer in die Dörfer oder auf die Märkte, um Jungen als Saisonarbeiter anzuwerben. Für acht Monate harter Arbeit erhielten diese als Vergütung Kost und Logis sowie 15 Lire für Kleidung. Es gab aber auch welche, die nur für Kost und Logis arbeiteten.

Giovanni Bosco aber unterschied sich von all den anderen Knechten. Er war ungewöhnlich jung und trug einen Traum in seinem Herzen, den er eines Nachts gehabt hatte. Er selbst erzählte ihn uns später:

Ein Traum, der den Weg weist

„Mit neun Jahren hatte ich einen Traum, der mir mein ganzes Leben im Gedächtnis blieb. Mir schien, als wäre ich in der Nähe unseres Hauses, auf einem weiten Hof, wo eine große Schar Jungen spielte. Einige lachten, nicht wenige fluchten. Als ich das Fluchen hörte, stürzte ich mich sofort auf sie und versuchte, sie mit Schlägen und Schimpfen zum Schweigen zu bringen.

In diesem Augenblick erschien ein ehrwürdig aussehender, vornehm gekleideter Herr. Sein Gesicht leuchtete so stark, dass ich es nicht anschauen konnte. Er rief mich beim Namen und sagte: ‚Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte und Liebe wirst du sie als Freunde gewinnen. Fang sofort an, zu ihnen über die Hässlichkeit der Sünde und die Kostbarkeit der Tugend zu sprechen.‘ Erschrocken und völlig verwirrt antwortete ich, dass ich ein armer, unwissender Junge sei.

In diesem Augenblick hörten die Jungen auf zu raufen und zu lärmen und versammelten sich um diesen Herrn. Fast ohne zu wissen, was ich sagte, fragte ich ihn: ,Wer seid Ihr, dass Ihr mir Unmögliches befehlt?‘ ,Gerade weil es dir unmöglich erscheint, musst du es möglich machen, durch Gehorsam und durch den Erwerb von Kenntnissen.‘ ,Aber wie soll ich denn diese Kenntnisse erwerben?‘ ,Ich werde dir eine Lehrmeisterin geben. Unter ihrer Führung wirst du weise werden.‘ ,Wer seid Ihr eigentlich?‘ ,Ich bin der Sohn der Frau, die dreimal am Tag zu grüßen deine Mutter dich lehrte. Nach meinem Namen frag meine Mutter.‘

In diesem Augenblick sah ich neben dem Herrn eine Frau von majestätischem Aussehen. Sie trug einen Mantel, der glänzte wie die Sonne. Weil sie merkte, dass ich ganz durcheinander war, winkte sie mich zu sich und nahm mich gütig an der Hand. ,Schau!‘, sagte sie. Ich schaute und bemerkte, dass alle Jungen verschwunden waren. An ihrer Stelle sah ich viele Ziegen, Hunde, Katzen, Bären und einige andere Tiere. ,Siehst du, das ist dein Arbeitsfeld. Werde demütig, tüchtig und stark, und was du jetzt an diesen Tieren geschehen siehst, das sollst du für meine Kinder tun.‘

Ich schaute. Da erschienen plötzlich anstelle der wilden Tiere sanfte Lämmer, die um den Herrn und die schöne Frau herumsprangen und blökten. Ich begann zu weinen und bat die Dame, mir das doch zu erklären. Ich wusste ja nicht, was es bedeuten sollte. Da legte sie mir die Hand auf den Kopf und sagte: ,Zur rechten Zeit wirst du alles verstehen.‘

Kaum hatte sie das gesagt, da wurde ich von einem Geräusch wach, und alles war verschwunden. Ich war völlig durcheinander. Mir kam es vor, als täten mir die Hände weh von den Schlägen, die ich ausgeteilt hatte, und als würde mein Gesicht brennen von den Ohrfeigen, die ich von diesen ungezogenen Jungen erhalten hatte.

In der Frühe habe ich den Traum zuerst meinen Brüdern erzählt, die darüber lachten, dann meiner Mutter und der Großmutter. Jeder legte ihn auf seine Weise aus. ,Du wirst ein Hirte werden‘, meinte Giuseppe; ,ein Räuberhauptmann‘, sagte Antonio bissig. Meine Mutter aber sagte: ,Wer weiß, vielleicht wirst du Priester.‘ Die Großmutter schließlich gab die definitive Antwort: ,Auf Träume kann man nichts geben.‘ Ich war der gleichen Ansicht. Trotzdem aber wollte mir dieser Traum einfach nicht aus dem Kopf gehen.“

Alle folgenden Jahre im Leben Giovanni Boscos waren von diesem Traum gekennzeichnet. Mama Margherita hatte es verstanden – und bald sollte es auch Giovanni verstehen –, dass dieser Traum ihm den Weg gewiesen hatte.

Don Boscos „Erinnerungen“

Mit 58 Jahren erinnert sich fast niemand mehr an das, was fünf Jahre zuvor passiert ist. Aber fast alle wissen noch ganz deutlich – so, als wäre es erst gestern gewesen –, was sie mit neun, elf oder 15 Jahren erlebt haben. Man spürt an seinen Knien förmlich noch die raue Rinde der Bäume, auf die man damals geklettert war, und es scheint einem, als hätte man erst gestern noch das warme Fell des Hundes berührt, neben dem man einst dahinrannte.

Mit 58 Jahren schrieb Don Bosco seinem eigenen Zeugnis zufolge im Auftrag des Papstes die Geschichte seiner ersten Lebensjahrzehnte nieder. Mit seinem beinahe fotografischen Gedächtnis füllte er drei große Hefte mit insgesamt 180 Seiten. Mit den Daten kam er dabei zuweilen etwas durcheinander. Aber die Episoden zeigen eine außerordentlich lebendige Frische. Und so können wir den Erlebnissen des Bauernjungen Giovanni Bosco aufgrund dieser „Memorie“ („Erinnerungen“) auch heute noch bis in viele Einzelheiten folgen.

Hunger und Krieg

„Der Name meiner Mutter war Margherita Occhiena aus Capriglio, Francesco der meines Vaters. Sie waren Bauern, die durch Arbeit und Sparsamkeit ihr Brot ehrlich verdienten.“ So schrieb Don Bosco in seinen „Memorie“. Giovanni Bosco wurde am 16. August 1815 geboren. Seine Mutter nannte ihn „Giuanín“, eine Kurzform seines Namens Giovanni, wie sie in ganz Piemont üblich war.

Giovanni Boscos erste Erinnerung ist die an den Tod seines Vaters. Francesco Bosco hatte ein kleines Haus und ein wenig Grund gekauft. Um die fünf Personen, für die er zu sorgen hatte, ernähren zu können, musste er zusätzlich bei einem begüterten Nachbarn arbeiten. Eines Abends, als er schweißgebadet vom Feld kam, ging er gedankenlos in den kalten Weinkeller seines Arbeitgebers. Einige Stunden danach überfiel ihn ein heftiges Fieber. Wahrscheinlich hatte er sich eine doppelseitige Lungenentzündung zugezogen. Ein paar Tage später starb er, mit nur 33 Jahren.

„Du hast keinen Vater mehr“

„Ich war noch keine zwei Jahre alt,“ so erzählte Don Bosco, „als mein Vater starb. Ich erinnere mich nicht einmal daran, wie er ausgesehen hatte. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter sagte: ,Jetzt hast du keinen Vater mehr, Giuanín.‘ Alle gingen aus dem Sterbezimmer hinaus, aber ich wollte unbedingt bleiben. ,Komm, Giuanín‘, sagte meine Mutter sanft, aber bestimmt. ,Wenn der Vater nicht mitkommt, geh ich auch nicht‘, antwortete ich. ,Komm schon, Kleiner, du hast keinen Vater mehr.‘ Bei diesen Worten brach meine Mutter in Tränen aus und nahm mich mit. Ich weinte, weil sie weinte. Was kann ein Kind in diesem Alter schon verstehen? Aber der Satz: ,Du hast keinen Vater mehr‘ ist mir im Gedächtnis geblieben. Das ist das erste Ereignis, an das ich mich erinnere.“

Eine schlimme Zeit

Die zweite Erinnerung des kleinen Giovanni ist die an den Hunger, den er im selben Jahr erleiden musste. Der Weiler Becchi, in dem das Haus der Familie Bosco lag, bestand aus zehn Häusern, die über eine Anhöhe verstreut waren. Die Gegend war hügelig. Der Blick ging über Weinberge und kleine Wälder. Sie gehörten zum Dorf Morialdo, das fünf Kilometer von dem Marktflecken Castelnuovo d’Asti entfernt war.

Im Jahr 1817 wurde das Hügelland des Monferrato, in dessen Norden Castelnuovo lag, zusammen mit dem ganzen Piemont von einer schweren Hungersnot heimgesucht. Im Frühjahr kam zunächst der Frost, dann folgte eine lange Dürreperiode. Die Ernte war verloren. Auf dem Land herrschte Hunger, großer Hunger. In den Straßengräben fand man verhungerte Bettler, die den Mund voll Gras hatten.

Ein Dokument aus dieser Zeit beschreibt, wie Turin, die Hauptstadt des Piemont, damals eine Invasion von geradezu biblischen Ausmaßen erlebte: Züge von ausgemergelten und zerlumpten Menschen, die ihre Dörfer verlassen hatten, Gruppen von Familien, die aus den Tälern und von den Hügeln herab in die Stadt gezogen waren, wo sie sich vor den Kirchen und Palästen niederließen und die Hand nach Almosen ausstreckten.

Gerade in dieser schlimmen Zeit musste Margherita ihre Familie alleine versorgen. Im Haus waren ihre Schwiegermutter, die gelähmt und daher an den Lehnstuhl gefesselt war, Antonio (neun Jahre), der Sohn aus der ersten Ehe ihres verstorbenen Mannes, und ihre beiden eigenen Kinder Giuseppe und Giovanni (vier und zwei Jahre). Sie, die Bäuerin und Analphabetin, bewies in diesen Monaten Charakterstärke.

„Meine Mutter gab der Familie zu essen, solange sie etwas hatte“, erzählte Don Bosco. „Dann bat sie einen Nachbarn, Bernardo Cavallo, ihr Geld zu leihen, damit sie auf die Suche nach Lebensmitteln gehen konnte. Sie ging auf verschiedene Märkte. Aber selbst zu Wucherpreisen konnte sie nichts bekommen. Nach zwei Tagen kehrte sie am Abend zurück, sehnsüchtig von uns erwartet. Als sie das Geld zurückgab und sagte, dass sie nichts bekommen hatte, überkam sie die Angst. Wir hatten schon seitdem sie fortgegangen war nichts mehr zu essen gehabt. Dann aber fasste sich meine Mutter und sagte: ,Francesco sagte im Sterben zu mir, ich solle auf Gott vertrauen. Knien wir nieder und beten!‘

Nach kurzer Zeit stand sie wieder auf. ,In extremen Fällen muss man zu extremen Mitteln greifen‘, meinte sie. Mithilfe von Bernardo Cavallo ging sie in den Stall, um das Kalb zu schlachten. Dann kochte sie etwas Fleisch und gab es uns zu essen. Wir waren erschöpft. In den folgenden Tagen ließ sie von weither Getreide kommen, zu einem teuren Preis.“

In piemontesischen Bauernfamilien war das Schlachten eines Kalbs bis vor wenigen Jahrzehnten ein Akt der Verzweiflung. Denn ein Kalb, das im Stall groß werden konnte, war eine Geldanlage, die es einem erlaubte, eventuell auftretende schwierige Situationen, wie zum Beispiel eine Krankheit, zu überstehen. Es zu schlachten, bedeutete deshalb, sich der letzten Reserve zu entäußern. Tod, Hunger und Schwierigkeiten – das waren also die ersten Erinnerungen eines Kindes, das später einmal der Vater vieler Waisen werden sollte, ein Vater, der in seinen Häusern vielen Jungen Brot geben würde.

Ein Ereignis, das die Welt veränderte

Während der Kindheit Don Boscos fegte ein Orkan über Europa hinweg, der die Welt aus den Angeln zu heben drohte. 1789 war in Paris die Französische Revolution ausgebrochen. Mit einem Schlag lag über Europa eine Atmosphäre der Neuerungen und Erwartungen. Auch auf Italien griffen die Wellen der Veränderungen über: Nach Jahrhunderten erstarrter Herrschaft des Königs und der Adeligen brachen deren Privilegien nun zusammen. Die Schlagworte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden nun nicht mehr nur geflüstert, sondern laut hinausgeschrien. Die Menschenrechte und die „Herrschaft des Volkes“ wurden proklamiert, und für sie – nicht mehr für die Rechte des Königs – wurde jetzt gekämpft.

Wie in jeder Epoche radikalen Wandels vermischte sich aber auch jetzt die feste und durchaus berechtigte Entschlossenheit mit ungerechtfertigter Gewalt. Viele Probleme, welche die Ursachen für die Revolution gewesen waren, wurden nun durch die Guillotine „beseitigt“. Die fanatischen „Vertreter des Volkes“, die Jakobiner, verwandelten die Revolution 1793 in ein schreckliches Blutbad. Allein im Juni und Juli jenes Jahres kamen in Frankreich 1.285 Menschen durch die Guillotine um. Europa war entsetzt. Was in Paris in diesen Monaten geschah, schien Ausdruck eines kollektiven Wahnsinns zu sein.

1794 aber endete die Diktatur der Jakobiner. Damit war auch der Terror vorbei. Die Revolution befand sich wieder in den Händen der gemäßigten „Bürgerlichen“, die das Wahlrecht jedoch nur einer kleinen Minderheit von etwa 30.000 begüterten französischen Bürgern zuerkannten. Schon allein Paris aber hatte damals bereits 600.000 Einwohner. Die Macht war also nur in die Hände anderer übergegangen.

Ein General mit 27 Jahren

Bereits 1796 erreichte ein französisches Revolutionsheer, angeführt von einem 27-jährigen General mit Namen Napoleon Bonaparte, Italien. Die französischen Soldaten redeten von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. Trotz des Schattens von Gewalt, der bereits auf diesen Schlagworten lag, entfachten sie damit auch in Italien bei der jungen Generation eine ungeheure Begeisterung. Auch das Königreich Sardinien-Piemont musste mit Napoleon einen Waffenstillstand schließen und Savoyen und Nizza an Frankreich abtreten. Der damalige König Carlo Emanuele IV. zog sich im Dezember 1798 in das von den Franzosen nicht besetzte Sardinien zurück. Österreich, unter dessen Herrschaft sich der östliche Teil Oberitaliens damals noch befand, wurde ebenfalls von den Franzosen besiegt und musste daher 1797 einen großen Teil seiner norditalienischen Territorien aufgeben, in denen dann eine Republik ausgerufen wurde. 1798 wurden auch im Kirchenstaat und 1799 in Neapel Republiken errichtet, die sich aber nur kurze Zeit halten konnten.

Napoleon aber war ein unruhiger Geist. Mehr als auf den Triumph der Revolution war er auf glänzende militärische Ehren aus. Während seines Feldzugs in Ägypten fielen 1799 österreichische und auch russische Truppen mit Kosaken in Italien ein. Auf ihren kleinen Steppenpferden drangen die Kosaken in die Städte ein. Napoleon kehrte zurück, und der Krieg begann von Neuem. Überall herrschte Not und Elend, selbst in der fruchtbaren Po­ebene. 1801 konnte Napoleon Oberitalien zurückerobern, 1805 entstand aus allen norditalienischen Gebieten das Königreich Italien unter König Napoleon, bis 1808 wurden auch Venetien, die Toskana und der Kirchenstaat mit Frankreich vereinigt.

Im strengen Winter vor Moskau kam es aber dann 1812/13 zum jähen Zusammenbruch und zum Rückzug der „Grande Armee“ Napoleons. Aber erst die große Völkerschlacht bei Leipzig im Jahre 1813 brachte das Ende seiner Herrschaft. Erneut marschierten von den Alpen her, über den Isonzo, Österreicher, Deutsche und Kroaten in die Poebene ein. Alle verkündeten, sie seien nur gekommen, um Italien von der napoleonischen Herrschaft zu „befreien“. Nach der kurzen Rückkehr Napoleons während der sogenannten „Herrschaft der 100 Tage“ endete seine Ära dann 1815 endgültig mit der Verbannung auf die Atlantik­insel St. Helena.

Italien und ganz Europa waren kriegsmüde, übersät von Ruinen, durchstreift von Waisen. Die Dörfer waren ausgeraubt und entvölkert, da selbst Jugendliche einberufen und auf ferne Schlachtfelder gebracht worden waren, um dort zu sterben. Die Menschen, die jahrelang nach „Freiheit“ gerufen hatten, suchten jetzt nur noch den Frieden.

Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen

Giovanni Bosco selbst erfuhr es später aus den Geschichtsbüchern, dass er in einer Zeit geboren worden war, die „Restauration“ genannt wurde. Sie begann im November 1814 mit der Eröffnung des Wiener Kongresses durch die Siegermächte über Napoleon und dauerte im größten Teil Italiens bis 1847, als die wichtigsten italienischen Staaten unter dem Druck der Bewegung des „Risorgimento“ (Bezeichnung für die italienischen Einigungsbestrebungen) auf den Kurs liberaler Reformpolitik einschwenkten.

Die Restauration war eine sehr problematische Epoche. Die durch die Revolution ge­stürz­ten Könige kehrten aufgrund der Entscheidungen des Wiener Kongresses zurück und glaubten, mit einigen Federstrichen 15 Jahre Geschichte auslöschen zu können. König Vittorio Emanuele I. von Sardinien-Piemont, der im Juni 1802 dem abgedankten Carlo Emanuele IV. nachgefolgt war, zog in einem Prunkwagen in Turin ein, umjubelt vom Volk, das die Straßen säumte. Besonders die Menschen auf dem Land wollten Frieden. Die Adeligen aber versicherten, dass alles wieder „wie früher“ werden würde.

Doch die Geschichte geht ihren Weg. Man kann sie nicht zurückdrehen. Das Bürgertum hatte sich als neue Gesellschaftsschicht behauptet. Die Handelsleute und die anderen Reisenden zogen nun auf einem soliden Straßennetz dahin, das die Ingenieure Napoleons auch in Oberitalien geschaffen hatten. Über Jahrhunderte hinweg war die Mehrzahl der Italiener auf dem gleichen Gut oder im gleichen Dorf wie schon ihre Vorfahren geboren worden, hatte dort gelebt und war dort auch gestorben. Jetzt aber war alles anders. Mit der Postkutsche verbreiteten sich auch Zeitungen und Bücher. Zwar konnten nur wenige lesen, neugierig aber waren auch damals viele. Sie ließen sich von den wenigen Lesekundigen die Nachrichten mitteilen. Damit erweiterte sich ihr Horizont.

Die Landwirtschaft im Piemont nahm bald einen blühenden Aufschwung. Die letzten ­Wälder in den Ebenen und Hügellandschaften wurden gerodet. Die damit gewonnenen ­weiten Gebiete wurden zu Ackerland. Tausende von Maulbeerbäumen wurden gepflanzt und ermöglichten eine rasche Entwicklung der Seidenraupenzucht. Bald entstanden überall Manufakturen und Werkstätten. Die Industrie spezialisierte sich. Die Preise wurden stabil.

König Vittorio Emanuele I. aber hob die in den letzten 15 Jahren erlassenen napoleonischen Gesetze wieder auf. Das Bürgertum verlor dadurch schlagartig viele seiner mühsam erkämpften Rechte. Doch die Jugend ging großenteils in die Opposition, trat Geheimbünden bei und setzte ihre Hoffnung auf einen noch sehr jungen Prinzen des Hauses Savoyen-Carignano, Carlo Alberto, der aufgeschlossen schien für die neue Zeit.

Das Echo all dieser Ereignisse kam aber nur sehr gedämpft auf den Hügeln des Monferrato an, wo Don Bosco die armen, aber frohen Jahre seiner Kindheit verbrachte. Sie bereiteten jedoch den Boden für seine spätere Entwicklung.

Mama Margherita –
mütterliche Liebe und väterliche Festigkeit

Als ihr Mann starb, war Margherita 29 Jahre alt, eigentlich zu jung, um eine solche Last allein zu tragen. Aber sie verbrachte nicht viel Zeit damit, sich zu bedauern. Sie krempelte die Ärmel hoch und begann zu arbeiten. Im Haus war zu kochen, zu waschen und das Wasser zu schöpfen. Aber das war ihre Aufgabe in den „freien Stunden“, denn während der eigentlichen Arbeitszeit war sie auf dem Feld und im Stall beschäftigt. Wie die anderen Bäuerinnen ihres Dorfes mähte auch sie das Gras und das Getreide, band die Garben auf und drosch. Im Weinberg musste sie den Boden hacken und die Trauben lesen. Sie kelterte und setzte Most an.

Ihre Hände waren hart von der Arbeit, aber sie waren auch weich genug, um ihre Kinder zu liebkosen. Sie war eine Arbeiterin, vor allem aber war sie die Mutter ihrer Kinder. Diese erzog sie mit Milde und Festigkeit zugleich. 100 Jahre später werden die Psychologen schrei­ben, dass Kinder für ihre gesunde Entwicklung die fordernde Liebe des Vaters und die frohe und gütige Liebe der Mutter brauchen; dass Waisenkinder Gefahr laufen, emotional unausgeglichen zu werden – verweichlicht und ohne Disziplin, wenn sie nur eine Mutter haben, hart und ängstlich dagegen dann, wenn nur der Vater sie erzieht. Margherita dagegen war emotional ausgeglichen, sodass sie ruhige Festigkeit mit Güte und erheiternder Freude verband. Don Bosco hat später als Erzieher die pädagogische Methode seiner Mutter übernommen.

Der Mittelpunkt der Familie

Margherita führte ihre Kinder früh dazu, sich der Gegenwart Gottes bewusst zu werden – und zwar nicht eines Gottes, der wie ein Aufseher darauf achtet, ob sie etwas falsch machen, sondern eines liebenden Vaters, der immer für sie da ist und für sie sorgt.

Sie ließ ihre Kinder ohne Aufsicht fort auf die Wiesen. Aber wenn sie gingen, sagte sie: „Denkt daran, dass Gott euch sieht.“ Merkte sie, dass sie sich durch eine Lüge aus der Affäre ziehen wollten, dann sagte sie: „Denkt daran, dass Gott auch eure Gedanken liest.“ Die Kinder sollten lernen, auf ihr Gewissen zu hören, um die Gegenwart der Mutter nicht mehr zu brauchen.

Standen sie am Abend vor der Haustür, um noch mal frische Luft zu schnappen, dann deutete Margherita oft nach oben: „Gott ist es, der die Welt erschaffen hat, der so viele schöne Dinge gemacht hat.“ Auch wenn sie an blühenden Wiesen vorbeikamen, machte sie die Kinder auf den Schöpfer aufmerksam. Als einmal der Hagel alles vernichtet hatte, sagte sie ergeben: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Denken wir immer daran, dass wir in seinen Händen sind, dass er aber nicht mit sich scherzen lässt.“

„Mutig zu sein ist schon recht, aber …“

Giovanni war vier Jahre alt, als seine Mutter ihm die ersten Hanffasern gab, damit er sie auseinanderzupfe. Eine leichte Arbeit, aber immerhin eine Arbeit. So begann er, seinen kleinen Beitrag zu leisten zum Unterhalt der Familie, die von der Arbeit aller lebte. Später machte er sich zusammen mit seinen Brüdern im Haus nützlich: Holz hacken und Feuer machen, wozu man die unter der Asche verborgene Glut vorsichtig anblies, Wasser holen, Gemüse putzen, den Stall ausmisten, die Kühe hüten, das Brot im Backofen überwachen …

Aber sofort, nachdem er seine Arbeit erledigt hatte und das von der Mutter überprüft worden war, war er weg, um zu spielen. An Platz dazu fehlte es nicht, denn ringsherum lagen Wiesen, so weit man blicken konnte, und die Freunde warteten schon. Es waren Jungen voller Leben, manchmal auch grob und wild. Dann streifte man zusammen umher, um Maulwurfsgänge ausfindig zu machen, Vogelnester zu suchen oder endlose Diskussionen zu führen.

Eines der beliebtesten Spiele war die „Lippa“, eine einfache italienische Variante des Baseball. Eines Nachmittags kam Giovanni einmal vorzeitig nach Hause. Sein Gesicht blutete, denn ein Stock hatte ihn beim Lippa-Spiel heftig auf die Wange getroffen. Margherita war besorgt: „Du wirst noch mit einem ausgeschlagenen Auge heimkommen. Warum gehst du mit diesen Jungen? Du weißt doch, dass einige von ihnen nichts taugen.“ „Wenn es Euch lieber ist, geh ich nicht mehr zu ihnen“, entgegnete Giovanni. „Aber schaut, Mama, wenn ich bei ihnen bin, sind sie nicht so schlimm, dann sagen sie manche Worte nicht.“ Margherita ließ ihn weiter zu seinen Kameraden gehen …

Sein Mut wuchs schneller als sein Körper. Giovanni zählte fünf Jahre und Giuseppe sieben, als Margherita sie eines Tages fortschickte, um eine Schar Truthähne zu hüten. Während diese Grillen fraßen, spielten die Brüder. Plötzlich blieb Giuseppe stehen und zählte die Truthähne mit seinen Fingern nach. Dann schrie er: „Einer fehlt!“ Voller Angst suchten sie. Nichts. Schließlich ist so ein Truthahn ein großes Tier und kann nicht so einfach verschwinden. Sie schauten umher. Da sah Giovanni neben einer Hecke einen Mann stehen. Sofort dachte er, dass dieser ihn gestohlen hätte. Deshalb rief er Giuseppe und ging mit ihm entschlossen auf den Mann zu: „Gebt uns den Truthahn wieder!“ Der Fremde schaute die beiden verwundert an: „Einen Truthahn? Wo soll denn hier einer sein?“ „Ihr habt ihn gestohlen. Gebt ihn heraus! Sonst schreien wir ,Haltet den Dieb!‘, und dann fangen und verhauen sie Euch.“

Zwei kleine Jungen hätte man eigentlich ohne Weiteres mit ein paar Schlägen vertreiben können. Aber diese beiden waren so selbstsicher, dass dem Fremden doch mulmig wurde. Und schließlich waren ja auch Bauern in der Nähe. Wenn die beiden schreien würden, dann könnte schon etwas geschehen. Also zog der Mann doch lieber seinen Sack aus der Hecke und gab ihnen den Truthahn zurück. „Ich wollte doch bloß einen Scherz machen“, sagte er. „Ein anständiger Mann macht keinen solchen Scherz“, gaben die beiden zurück.

Am Abend berichteten sie den Vorfall wie immer der Mutter. „Da seid ihr aber ein Risiko eingegangen“, sagte sie. „Wieso denn?“ „Erstens wart ihr ja gar nicht sicher, ob er es gewesen ist, und dann seid ihr noch klein. Er dagegen war ein erwachsener Mann. Wenn er euch etwas angetan hätte?“ „Dann hätten wir uns also den Truthahn einfach wegnehmen lassen sollen?“ „Mutig zu sein ist schon recht“, erklärte Margherita. „Aber es ist doch besser, einen Truthahn zu verlieren, als übel zugerichtet zu werden.“ „Hm“, murmelte Giovanni nachdenklich. „Es wird schon so sein, wie Ihr sagt, Mama. Aber es war schon ein recht großer Truthahn.“

Die Rute in der Ecke

Margherita war eine gütige, aber doch zugleich auch strenge Mutter. Ihre Kinder wussten genau: Wenn sie einmal etwas gesagt hatte, dann hielt sie sich auch daran. In einer Ecke der Küche stand die „Rute“, ein kleiner, biegsamer Stock, eine Gerte. Wirklich benutzt wurde sie nie. Aber Margherita nahm sie auch nicht weg.

Eines Tages leistete sich Giovanni etwas. Wahrscheinlich aus lauter Eile, um zum Spielen zu kommen, ließ er den Kaninchenstall offen. Alle Kaninchen liefen über die Wiesen. War das eine Arbeit, bis sie wieder eingefangen waren! Als die Mutter mit ihren Kindern wieder in der Küche war, zeigte sie in die Ecke: „Giovanni, bring mir mal diese Rute!“ Der Kleine zog sich bis zur Tür zurück.

„Bring sie mir, dann wirst du schon sehen, was geschieht.“ Der Ton Margheritas war entschlossen. Giovanni nahm die Rute und legte sie weit weg von der Mutter auf den Boden: „Ihr werdet mich doch nicht damit schlagen?“ „Warum denn nicht, wenn du solche Dinge lieferst?“ „Mama, ich tus nie wieder!“ Margherita musste lächeln, und Giovanni auch.

An einem heißen Sommertag kamen Giovanni und Giuseppe einmal vom Weinberg zurück und waren fast am Verdursten. Margherita ging zum Brunnen, zog einen Eimer frischen Wassers herauf und gab mit einem Schöpflöffel zuerst Giuseppe zu trinken. Giovanni zog ein langes Gesicht. Diese Bevorzugung hatte ihn gekränkt. Als die Mutter dann auch ihm zu trinken geben wollte, tat er so, als wolle er nichts mehr. Margherita sagte kein Wort, trug den Eimer in die Küche und schloss die Tür.

Nur einen Augenblick war sie drinnen, da stand Giovanni schon hinter ihr: „Mama …“ „Was gibts?“ „Bekomm ich auch etwas zu trinken?“ „Ach so, ich dachte, du hättest keinen Durst mehr.“ „Verzeih, Mama!“ „So ist es gut.“ Dann reichte sie auch ihm einen Schöpflöffel voll Wasser.

Inzwischen war Giovanni acht Jahre alt geworden, ein richtiger Junge, und er konnte schallend lachen. Er war etwas klein gewachsen, aber kräftig, hatte dunkle Augen und dichtes, gelocktes Haar wie die Lämmer. Eine besondere Vorliebe zeigte er für Abenteuer und Wagnis. Über aufgeschlagene Knie jammerte er nicht.

Jetzt konnte er auch schon auf so manche Bäume klettern und Vogelnester ausrauben. Einmal erging es ihm übel dabei. Ein Kohlmeisennest steckte tief in einer Spalte. Giovanni hatte den Arm bereits bis über den Ellbogen hineingesteckt, da merkte er, dass er ihn nicht mehr herausbrachte. Immer wieder versuchte er es, aber dabei schwoll der Arm an. Giuseppe, der von unten aus zuschaute, musste die Mutter holen. Margherita kam mit einer kleinen Leiter. Aber auch ihr gelang es nicht, den Arm zu befreien. Sie musste einen Bauern suchen, der mit einem Stemmeisen zu Hilfe kam. Giovanni stand der Schweiß in dicken Perlen auf der Stirn. Von unten rief Giuseppe, der noch mehr Angst hatte als Giovanni selbst: „Halt dich fest, sie kommen!“

Der Bauer wickelte den Arm des Jungen in Margheritas Schürze. Dann begann er, mit Hammer und Stemmeisen zu arbeiten. Sieben oder acht Schläge genügten, und der Arm rutschte wieder heraus. Margherita hatte nicht mehr den Mut, Giovanni zu schimpfen. Er stand da wie ein begossener Pudel. Sie sagte nur: „Stell doch nicht immer wieder etwas Neues an!“

Der „Teufel“ auf dem Dachboden

An einem Herbstabend war Giovanni zusammen mit seiner Mutter beim Großvater in Capriglio. Die große Familie saß beim Abendessen um den Tisch. Das kleine Öllämpchen vermochte das Dunkel kaum zu durchringen. Da – plötzlich ein verdächtiges Geräusch über den Köpfen. Es wiederholte sich ein-, zwei-, dreimal. Alle schauten nach oben und hielten den Atem an. In der Stube wurde es mäuschenstill. Und wieder kam vom Dachboden das geheimnisvolle Geräusch, gefolgt von einem langen, dumpfen Schleifen. Die Frauen machten das Kreuzzeichen, die Kinder drückten sich an ihre Mutter.

Eine alte Frau begann mit verhaltener Stimme zu erzählen, wie früher einmal auf dem Dachboden ein lang gezogenes Geräusch, ein Ächzen und entsetzliche Schreie zu hören gewesen waren. „Das war der Teufel – und jetzt kommt er zurück“, murmelte sie und bekreuzigte sich dabei. Dann trat wieder Stille ein. Giovanni aber brach das Schweigen und sagte gelassen: „Ich glaube, dass das ein Marder ist und nicht der Teufel.“

Wieder herrschte Stille. Da – noch ein dumpfer Schlag und ein lang gezogenes Schleifen. Die Zimmerdecke, zu der alle ängstlich aufschauten, war aus Holz. Über ihr befand sich der Dachboden, der als Getreidespeicher diente.

Giovanni sprang plötzlich hoch und rief: „Schauen wir doch nach!“ „Du bist verrückt! Margherita, halt ihn zurück! Mit dem Teufel ist nicht zu scherzen!“ Aber Giovanni war schon auf den Beinen, nahm eine Laterne, zündete sie an und griff nach einem Stock. Margherita meinte: „Wäre es nicht besser, bis morgen früh zu warten?“ Er entgegnete nur: „Mama, habt vielleicht auch Ihr Angst?“ „Nein“, sagte sie darauf, „gehen wir zusammen.“

Sie stiegen die Holztreppe hinauf. Auch die anderen folgten mit Laternen und Stöcken. Giovanni stieß die Tür auf und hob die Laterne hoch, um besser sehen zu können. Schon hörte man den ängstlichen Schrei einer der Frauen: „Da, in dieser Ecke, schaut!“

Alle schauten. Ein umgestürzter Getreidekorb schwankte und bewegte sich umher. Giovanni trat einen Schritt vor. „Nein, Vorsicht! Das ist ein verhexter Korb!“, warnten sie ihn. Giovanni aber packte den Korb mit einer Hand und hob ihn hoch. Eine große, zerzauste Henne, die wer weiß wie lange darunter gefangen gewesen war, schoss wie eine Gewehrkugel heraus und gackerte heftig.

Um Giovanni herum lachte alles schallend. Der Teufel hatte sich als Henne entpuppt. Der leichte Korb, der an der Wand gelehnt hatte, war dort nicht festgemacht gewesen. In seinem Geflecht hatten noch einige Weizenkörner gesteckt, die die Henne hatte herauspicken wollen. Dabei war der Korb über sie gestürzt und hatte sie gefangen gesetzt. Das arme Tier hatte sich zu befreien versucht und war dabei hin- und hergerannt, sodass der Korb an Gegenstände gestoßen war und das Gepolter verursacht hatte.

Oje, der Ölfleck!

Jeden Donnerstag ging Margherita zum Markt nach Castelnuovo. Sie nahm zwei Bündel mit Käse, Hühnern und Gemüse mit, um es zu verkaufen. Zurück kam sie mit Leinen, Kerzen, Salz und einigen kleinen Geschenken für die Kinder, die ihr immer entgegenliefen, sobald die Sonne unterzugehen begann.

An solch einem Donnerstag, während des Lippa-Spiels, landete einmal der Stock auf dem Dach. „Auf dem Küchenschrank gibt es noch einen,“ sagte Giovanni, „ich hole ihn.“ Er rannte in die Küche. Der Schrank aber war zu hoch für ihn. Deshalb stieg er auf einen Stuhl, griff mit dem Arm auf den Schrank und – krach! – lag der Ölkrug in Scherben auf dem Boden.

Das Öl rann über die roten Ziegelsteine. Als Giuseppe merkte, dass Giovanni nicht zurückkam, rannte auch er ins Haus. Da sah er die Katastrophe und hielt sich die Hände vor den Mund: „O je, wenn Mama heute abend zurückkommt …“

Sie versuchten, den Schaden zu beseitigen und nahmen dazu den Besen. Die Scherben waren schnell zusammengekehrt, aber der Ölfleck wurde immer größer und mit ihm wuchs auch ihre Angst. Giovanni war eine halbe Stunde ganz still. Dann zog er sein kleines Messer aus der Tasche, ging zur Hecke und schnitt eine Gerte ab. Damit verschwand er in einer Zimmerecke und begann, an der Gerte zu schnitzen. Aber auch in seinem Kopf arbeitete es. Er überlegte sich, was er zur Mutter sagen sollte. Zum Schluss war die Rinde auf verschiedene Weise eingeritzt und die Gerte so verziert.

Bei Sonnenuntergang gingen sie der Mutter entgegen. Giuseppe blieb unsicher etwas zurück. Giovanni dagegen rannte zu ihr: „Guten Abend, Mama, wie geht es Euch?“ „Gut – und dir? Warst du brav?“ „Hm, Mama, schaut!“ Dabei zeigte er ihr die verzierte Gerte. „Was hast du denn angestellt?“, fragte sie ihn. „Diesmal verdiene ich wirklich Prügel. Mir ist etwas Schlimmes passiert … Ich habe den Ölkrug zerbrochen.“ Dann erzählte er in einem Atemzug, wie das geschehen war, und schloss: „Ich habe Euch eine Rute mitgebracht, weil ich sie wirklich verdient habe. Nehmt sie, Mama!“

Er reichte ihr die Rute noch einmal hin und schaute Margherita von unten her an, mit Augen, aus denen halb Reue und halb Schläue blitzte. Auch Margherita schaute ihn einige Augenblicke an. Dann aber musste sie lachen, und auch Giovanni lachte jetzt. Die Mutter nahm ihn an der Hand, und so gingen sie zusammen ins Haus. „Weißt du, dass du dabei bist, ein schlauer Fuchs zu werden? Um den Krug tut es mir nicht leid, doch ich bin froh, dass du nicht gelogen hast. Pass aber das nächste Mal besser auf, denn auch das Öl ist teuer.“

Jetzt kam Giuseppe hinzu, nachdem er bemerkt hatte, dass der Sturm vorüber war. ­Giuseppe war damals neun Jahre alt, sehr sanft und ruhig, und besaß nicht die Lebhaftigkeit und Ausgelassenheit seines kleineren Bruders Giovanni. Er war schweigsam und fleißig. Seine Mutter und seinen kleinen Bruder liebte er sehr, vor dem Halbbruder Antonio aber hatte er Angst.

Antonio war sieben Jahre älter als Giovanni. Er war ein verschlossener Jugendlicher mit Anflügen von Grobheit und Gewalttätigkeit. Manchmal verprügelte er seine Brüder. Dann musste die Mutter zu Hilfe kommen und sie seiner Hand entreißen. Zweifelsohne war er sehr sensibel und durch den ziemlich rasch aufeinanderfolgenden Tod seiner beiden leiblichen Eltern traumatisiert.

Bewegte Kindheit in unruhiger Zeit

Die Familie Bosco lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen. Von den wenigen Häusern in Becchi war das der Boscos das ärmlichste. Es war ein einfacher, einstöckiger Bau, in dem auch der Heuboden und der Stall untergebracht waren. In der Küche lagen Maissäcke, und jenseits der dünnen Wand zum Stall käuten zwei Kühe ihr Futter wieder. Im ersten Stock befanden sich direkt unter dem Dach die kleinen und dunklen Schlafräume. Die Wände waren kahl, aber weiß getüncht.

Es herrschte wirklich Armut, aber nicht Elend, denn alle arbeiteten mit. Die Arbeit eines Bauern brachte damals zwar wenig ein, aber es reichte zum Leben, denn die wenigen Maissäcke leerten sich nur langsam. Die Kühe, die den Karren und den Pflug ziehen mussten, gaben nur wenig Milch, die zudem nur einen geringen Fettgehalt hatte. Die Kinder im Haus Bosco waren deshalb aber nicht traurig. Auch wenn man arm ist, kann man glücklich sein, wenn man sich geborgen fühlt und zufrieden ist.

Im Alter von acht oder neun Jahren begann Giovanni an der Arbeit der Familie aktiver teilzunehmen und das harte und anstrengende Leben mit ihr zu teilen. Man arbeitete von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – und im Sommer geht die Sonne früh auf. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, sagte Margherita manchmal, wenn sie ihre Kinder weckte. Das Frühstück war einfach: eine Scheibe Brot und frisches Wasser. Giovanni lernte, den Boden zu hacken, Unkraut zu jäten, mit der Sense umzugehen und die Kühe zu melken. Er wurde also ein richtiger Bauer. Am Abend legte man sich auf den dicken Maisstrohsack. Reisen machte man zu Fuß, denn die Postkutsche fuhr weit entfernt, auf der Straße von Castelnuovo, und war teuer.

Die Füße des Bettlers

Wenn in einem Nachbarhaus jemand schwer erkrankte, dann wurde Margherita geweckt. Alle wussten, dass sie jederzeit bereit war, zu helfen. Sie nahm eines ihrer Kinder als Begleitung mit und sagte: „Ein Werk der Nächstenliebe ist zu tun.“ Mit diesen einfachen Worten war all das ausgedrückt, was man heute Großmut, Dienst an beziehungsweise Einsatz für andere oder auch tätige Liebe nennt.

„Im Winter, wenn ringsum Schnee lag“, so erinnerte sich Don Bosco später, „klopfte öfters ein Bettler an die Tür und bat, im Heu schlafen zu dürfen. Bevor Margherita ihn hinauf ließ, gab sie ihm einen Teller mit warmer Suppe. Dann schaute sie sich seine Füße an. Meist sahen sie schlimm aus. Seine Holzschuhe waren schlecht und ließen Wasser durch. Zwar hatte Margherita kein eigenes Paar Schuhe übrig, das sie ihm hätte geben können, aber sie gab ihm warmes Wasser zum Waschen und wickelte seine Füße in Lappen, die sie band, so gut sie es vermochte.“

In einem der Häuser von Becchi wohnte Cecco. Früher einmal war er reich gewesen, hatte aber dann alles vergeudet. Die Kinder trieben ihren Spott mit ihm und nannten ihn „Grille“. Die Mütter zeigten nämlich auf ihn und erzählten ihnen dabei die Geschichte von der Ameise und der Grille: „Während wir gearbeitet haben wie die Ameisen,“ sagten sie, „hat er gesungen und war ausgelassen, vergnügt wie eine Grille. Und jetzt, seht ihr, was aus ihm geworden ist? Lernt daraus!“

Der alte Mann schämte sich zu betteln und litt oft Hunger. Margherita stellte daher nach Eintritt der Dunkelheit einen kleinen Topf mit warmer Suppe auf die Fensterbank. Cecco kam, nahm sie und verschwand damit im Dunkeln. So lernte Giovanni, dass Nächstenliebe wichtiger ist, als Ersparnisse zu sammeln.

Es gab da auch einen Jungen, der in der Nähe als Knecht arbeitete, er hieß Secondo Matta. Sein Bauer gab ihm am Morgen eine Schnitte Schwarzbrot und schickte ihn dann mit zwei Kühen auf die Weide. Wenn Secondo ins Tal herunterkam, dann begegnete er meist Giovanni, der ebenfalls die Kühe auf die Weide führte und Weißbrot bei sich hatte, damals eine Kostbarkeit. Eines Tages sagte Giovanni zu ihm: „Würdest du mir einen Gefallen tun?“ „Gern“, entgegnete Secondo. „Ich möchte, dass du dein Brot mit meinem tauschst. Deines ist bestimmt viel besser als meines.“ Secondo Matta glaubte, dass Giovanni dies tatsächlich so meinte, und drei Sommer hindurch, so erzählte er später, tauschten sie dann ihr Brot, sooft sie sich begegneten. Erst als Erwachsener dachte er darüber nach und verstand, dass Giovanni ihm eine Freude hatte machen wollen.

Die „Banditen“ aus dem Wald

In der Nähe des Hauses lag ein kleiner Wald. Immer wieder einmal, wenn es Nacht wurde, klopften kleine Gruppen von Personen, die von der Polizei gesucht wurden, an Margheritas Tür. Sie wollten eine Schüssel Suppe haben und im Heu schlafen. Margherita erschrak nicht über solche Besucher, denn sie war das seit Langem gewohnt. Schon während der Besetzung durch die Franzosen hatte es nämlich im Piemont viele Jugendliche gegeben, die sich auf diese Weise dem französischen Militärdienst entzogen und in Gruppen in den Wäldern und Bergen gelebt hatten. Historiker sagen, in den letzten Jahren der napoleonischen Herrschaft seien das sogar bis zu 70 % der wehrfähigen Jugendlichen gewesen.

Beängstigend war nur der Umstand, dass häufig die Polizei hinter den „Banditen“ her war und auf sie schoss. Aber im Haus Bosco herrschte eine Art unausgesprochener Waffenstillstand. Die Polizisten, die ins Haus kamen, waren vom Aufstieg ins Hügelland müde und baten Margherita um ein Glas Wasser oder auch um einen Schluck Wein. „Die ,Banditen‘ im Heu hörten jedoch die Stimmen der Polizisten im Haus und schlichen sich heimlich davon. Und obwohl die Polizisten oft wussten, wer sich gerade im Haus versteckte,“ schrieb Don Lemoyne, der erste Biograf Don Boscos, später, „ließen sie sich nichts anmerken und versuchten nie, einen von ihnen festzunehmen.“

Giovanni sah das alles und versuchte es zu verstehen. Von seiner Mutter hatte er erfahren, dass die Ersten, die zu ihr gekommen waren, Soldaten des „republikanischen“ Regimes während der Franzosenzeit gewesen waren, die damals nach geflüchteten Königstreuen gesucht hatten. Danach, in der Zeit der „Restauration“, wurden diese Verfolger selbst zu Verfolgten, und bald sollten sich die Verhältnisse wieder umkehren und die „Demokraten“ erneut zu Ministern, Polizeioberbefehlshabern und Führern der Republik werden, welche nach ihren Gegnern fahndeten.

Mama Margherita, die sich an solche Frontwechsel gewöhnt hatte, gab jedem, der an ihre Tür klopfte, eine Schüssel Suppe und eine Schnitte Brot. Sie fragte nicht danach, welcher Partei einer angehörte. Wahrscheinlich waren es gerade diese Ereignisse, die in Giovanni Bosco ein Misstrauen gegenüber der Politik und den Parteien weckten. Er hatte ein höheres Ideal vor Augen: Seelen retten, arme Jugendliche ernähren und erziehen. Es war das, was er später die „Politik des Vaterunser“ nannte.

„Meine Mutter lehrte mich beten“

In Becchi liebte man seinen Nächsten nicht gefühlsmäßig, sondern aus Liebe zu Gott. Gott gehörte zur Familie Bosco. Margherita war Analphabetin, aber sie kannte große Teile der biblischen Geschichte und des Evangeliums auswendig. Und sie glaubte an die Notwendigkeit des Betens.

„Solange ich klein war,“ schrieb Don Bosco später, „lehrte sie mich beten. Sie ließ mich morgens und abends mit meinen Brüdern niederknien, und so beteten wir gemeinsam.“ Der Priester wohnte weit weg, und die Mutter glaubte nicht, warten zu müssen, bis er kam und den Kindern Katechese erteilte.

Was Margherita selbst als Kind auswendig gelernt hatte, das brachte sie nun ihren eigenen Kindern bei, so etwa den Kleinen Katechismus, wo es im ersten Teil des Einführungskapitels heißt:

„Frage: Was soll ein guter Christ in der Frühe sofort nach dem Aufstehen machen?

Antwort: Das Kreuzzeichen.

Frage: Wenn er sich angezogen hat, was soll er dann tun?

Antwort: Sich vor einem Andachtsbild niederknien und aus ganzem Herzen den Glauben an die Gegenwart Gottes erneuern und sprechen: ‚Mein Gott, ich bete dich an …‘

Frage: Was soll er vor der Arbeit tun?

Antwort: Die Arbeit Gott aufopfern.“

Eine der ersten „Andachten“, an denen der kleine Giovanni teilnahm, war der Rosenkranz. Damals beteten ihn die Katholiken auf dem Lande im Allgemeinen jeden Abend. Durch die fünfzigmalige Wiederholung des „Gegrüßet seist du, Maria“ sprachen die Bauern von Becchi mit Maria, die für sie mehr Mutter als Königin war. Wenn die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger glitten, dachten sie an ihre Kinder, ihre Felder, an das Leben und Sterben. So lernte Giovanni zur Muttergottes sprechen und wusste, dass sie ihn sah und hörte.

In seinen „Erinnerungen“ berichtete er später auch über seine erste Beichte: „Meine Mutter hatte mich vorbereitet. Dann begleitete sie mich zur Kirche, beichtete vor mir und empfahl mich dem Beichtvater. Nachher half sie mir bei der Danksagung.“

Erster Schulbesuch und Freizeitabenteuer

Die erste Klasse besuchte Giovanni vermutlich mit neun Jahren, im Winter 1824/25. Der Unterricht begann am 3. November und endete am 25. März. Während der übrigen Zeit wurden auch die schwachen Arme der Kinder im Haus und auf dem Feld gebraucht. Der Grundschulunterricht war damals im Piemont bereits als verpflichtend eingeführt, aber nicht alle Gemeinden konnten eine Schule unterhalten.

Da die öffentliche Schule sich in Castelnuovo befand, also fünf Kilometer entfernt, erhielt Giovanni zunächst Unterricht bei einem Bauern in Becchi, der lesen konnte. Später bat die Schwester seiner Mutter, Marianna Occhiena, den Pfarrer von Capriglio, der auch Lehrer war und dem sie den Haushalt führte, ihrem kleinen Neffen bei sich den Schulbesuch zu ermöglichen.

Don Lacqua (der in anderen Quellen auch Bevilacqua und in Don Boscos „Erinnerungen“ Dallacqua genannt wird) nahm ihn schließlich an. So blieb Giovanni einige Monate bei seiner Tante, ebenso im Winter 1825/26. Während dieser Zeit begann sich das Verhältnis des nun 17-jährigen Antonio zu Giovanni zunehmend zu verschlechtern: „Warum ihn in die Schule schicken?“, fragte er. „Wenn man lesen und seinen Namen schreiben kann, dann genügt das doch. Er soll die Hacke nehmen, wie auch ich das tue.“ Margherita versuchte, ihn mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen: „Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr Wissen braucht man. Siehst du denn nicht, dass sogar der Schuster und der Schneider in die Schule gehen? Jemanden im Haus zu haben, der rechnen kann, ist immer gut.“

Kaum hatte Giovanni lesen gelernt, wurden Bücher seine Leidenschaft. Er lieh sich bei Don Lacqua einige aus. So verbrachte er im Sommer viele Nachmittage im Schatten der Bäume und verschlang die Bücher geradezu. Ging er auf die Weide, dann war er gern bereit, auch auf die Kühe seiner Kameraden zu achten, wenn sie ihn nur in Ruhe ließen.

Ein Streber aber wurde er nicht. Er las gern, aber er spielte auch gern und kletterte gern auf Bäume. Eines Nachmittags entdeckte er zusammen mit seinen Kameraden auf einem dicken Eichenast ein Stieglitznest. Er kletterte den Stamm hinauf und sah, dass schon Junge im Nest waren, gerade recht, um sie in einen Käfig zu stecken. Aber das Nest befand sich ganz am Ende des Astes, der fast waagrecht zum Boden verlief.

Giovanni überlegte ein wenig. Dann rief er seinen Kameraden zu: „Ich tu’s!“ Ganz langsam zog er sich den Ast entlang, der immer dünner wurde. Dann streckte er seine Hand aus, nahm die vier kleinen Vögel aus dem Nest und steckte sie unter sein Hemd.

Aber er musste ja auch wieder zurück. Er versuchte, ganz langsam auf dem Ast zurückzurutschen, der sich unter seinem Gewicht bedenklich bog. Plötzlich verlor er mit den Füßen den Halt und hing so nur noch mit den Händen in schwindelerregender Höhe. Er versuchte, seinen Körper an den Ast zu pressen, und es gelang ihm auch, die Füße wieder einzuhängen. Jeder Versuch jedoch, sich wieder ganz auf den Ast zu schwingen, war vergebens. Schweißtropfen hingen an seiner Stirn. Unten schrien und sprangen seine Kameraden umher, aber sie unternahmen nichts.

Als Giovanni sich nicht mehr halten konnte, ließ er sich fallen. Der Aufprall war hart. Einige Minuten lang lag er bewusstlos auf der Erde. Dann gelang es ihm, sich aufzusetzen. „Hast du dir weh getan?“, fragten ihn seine Kameraden. „Ich hoffe nicht, dass etwas passiert ist“, konnte er gerade noch flüstern. „Und die Vögel?“ „Die sind hier, lebendig. Greif in mein Hemd hinein und zieh sie heraus. Die sind mir teuer zu stehen gekommen …“

Dann versuchte er, sich nach Hause zu schleppen. Aber er zitterte am ganzen Körper und musste sich noch einmal setzen. Als er es schließlich geschafft hatte, ins Haus zu kommen, sagte er zu Giuseppe: „Mir geht es schlecht, aber sag der Mama nichts.“ Die Nacht im Bett tat ihm gut. Aber die Folgen dieses Sturzes spürte er noch einige Zeit.

Eine kleine Amsel

Vögel waren also eine weitere Leidenschaft Giovannis. Er hatte eine ganz junge Amsel aus ihrem Nest geholt und sie in einem Käfig aus Weidenruten aufgezogen. Dann brachte er ihr das Singen bei. Sobald sie Giovanni sah, hüpfte sie fröhlich auf die Stangen und grüßte ihn mit einer kurzen Melodie. Mit ihren schwarz glänzenden Augen schaute sie ihn direkt an. Es war eine liebe Amsel.

Eines Morgens aber blieb der Gruß aus, denn eine Katze hatte den Käfig aufgebrochen und den Vogel gefressen. Nur noch ein Knäuel blutiger Federn war übrig geblieben. Giovanni weinte bitterlich. Seine Mutter versuchte ihn zu beruhigen und erklärte ihm, dass auch aus den Nestern Vögel gefressen würden. Giovanni aber schluchzte weiter. Das waren andere Amseln, die waren ihm gleichgültig. Aber „diese da“ war seine kleine Freundin gewesen, und die war nun umgebracht worden. Er würde sie nie mehr wiedersehen.

Einige Tage lang war er sehr traurig, und niemandem gelang es, ihn wieder froh zu stimmen. „Endlich“, so erzählt uns Don Lemoyne, „begann er darüber nachzudenken, dass doch alles auf der Erde vergänglich sei. So fasste er einen Entschluss, der über sein damaliges Alter hinausging. Er nahm sich vor, sich nie wieder an irgendetwas auf der Erde zu hängen.“ Diesen Vorsatz wiederholte er einige Jahre später beim Tod seines liebsten Freundes, und noch manches andere Mal.

Es ist tröstlich für uns zu wissen, dass es Giovanni aber nie gelang, diesen Vorsatz ganz einzuhalten. Denn auch er hatte ein Herz aus Fleisch und Blut und brauchte etwas – etwas Kleines oder Großes – das er lieben konnte. Später, beim Tod von Don Calosso oder von Luigi Comollo, oder beim ersten Zusammentreffen mit Jugendlichen, die hinter Gittern saßen, sollte er glauben, das Herz müsse ihm zerspringen. Seinen Jungen wird er später sagen, dass er denjenigen, der ihnen etwas antun würde, „mit seinen eigenen Händen erwürgen würde, wenn das nicht Sünde wäre“. Und diese Jungen werden später übereinstimmend und eindringlich bezeugen: „Mich hat er gern gehabt.“ Einer von ihnen, Luigi Orione, wird dann schreiben: „Ich würde über glühende Kohlen gehen, wenn ich ihn noch ein einziges Mal sehen und ihm danken könnte.“

Die Geistesgrößen jener Zeit behaupteten, dass es schlecht sei, sein Herz an andere Geschöpfe zu hängen. Es sei besser, wenig zu lieben. Die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) dagegen besagen, dass man andere Geschöpfe zwar nicht zu Idolen machen sollte, dass man seine Liebe also sozusagen „reinigen“ müsse, dass Gott uns aber ein Herz gegeben habe, damit wir ohne Angst liebten. Der Gott der Philosophen kennt keine Leidenschaft, der Gott der Bibel schon: Er liebt und zürnt, leidet und weint, bricht in Freude aus und lächelt zärtlich.

Ein Sohn seiner Heimat

Mit neun Jahren beginnt ein Kind, sich aus der Nestwärme der Familie zu lösen und sich für das zu interessieren, was es draußen gibt. Auch Giovanni sah sich nun um und entdeckte seine Heimat. Schön war sie, hügelig und ruhig. Hier wuchsen die Maulbeerbäume, der Mais und der Hanf. Die Bauern, die in der großen Hitze langsam den Boden bearbeiteten, waren geduldige und schweigsame Menschen. Es waren Leute, die ihrer Heimat treu blieben, in der sie verwurzelt waren wie die Bäume. Sie schämten sich nicht, vor dem Priester und vor Gott den Hut zu ziehen, und wenn sie die Haustür hinter sich geschlossen hatten, fühlten sie sich als Könige ihrer Familien.

Giovanni Bosco wurde ein großer Heiliger, aber auch ein großer Sohn seiner Heimat. Seine Berufung hatte er vom Himmel erhalten, aber das Klima seiner Heimat, die Luft und die Eigenart ihrer Bewohner haben ihn geformt und gefördert. Wenn er redete, dann hörte man immer den Dialekt seiner Heimat heraus, deren Menschen tief in sein Herz eingeprägt waren.

Politische Umwälzungen

Während Giovanni Bosco seine Kindheit im Hügelland von Castelnuovo verbrachte, gingen die politischen Umwälzungen in Italien weiter. Als Antwort auf die unerbittliche und reaktionäre Restauration durch die Fürsten waren Geheimbünde entstanden, die den Aufruhr und die Revolution vorbereiteten.

1820 flammte das revolutionäre Feuer in Spanien auf. Ein durch Militärrevolten gegen die Monarchie ausgelöster Volksaufstand zwang den dortigen König Ferdinand VII. dazu, dem Land im März diesen Jahres eine Verfassung zu geben, welche Grundrechte und allen männlichen Spaniern über 25 Jahren das Wahlrecht garantierte. Sechs Monate später sprang der Funke auch auf Italien über. Eine kleine Abteilung der Infanterie erhob im Königreich beider Sizilien den Ruf: „Es lebe die Freiheit, es lebe die Verfassung!“ Innerhalb von acht Tagen billigte König Ferdinand I. von Sizilien und Neapel daraufhin eine Verfassung nach dem spanischen Vorbild und schwor auf das Evangelium, sie auch einzuhalten. Am 10. März 1821 – Giovanni Bosco war damals sechs Jahre alt – begann der Aufstand des Militärs im Königreich Sardinien-Piemont, angeführt von dem piemontesischen Offizier Santorre di Santarosa. In der Stadt Alessandria wurde die blaue Fahne des regierenden Hauses Savoyen eingeholt und auf der Zitadelle die Trikolore gehisst, die blau-weiß-rote Fahne der Französischen Revolution, die für Freiheit und Menschenrechte stand. Auch andere Garnisonen erhoben sich. Von der Toskana aus marschierte ein Oberst an der Spitze seines Regiments nach Turin.

König Vittorio Emanuele I. eilte erschrocken nach Turin und versammelte dort den Kronrat. Es wurde ihm empfohlen, eine Verfassung zu billigen, um nicht alles zu verlieren. Da erreichte ihn die Nachricht, dass Österreich beschlossen hatte, in Italien einzugreifen, „um die alte Ordnung wiederherzustellen“. Von den Ereignissen überwältigt, verzichtete Vittorio Emanuele zugunsten seines Bruders Carlo Felice auf den Thron. Da dieser sich aber gerade in Modena aufhielt, ernannte Vittorio Emanuele „stellvertretend“ seinen Neffen, den jungen, erst 23-jährigen Prinzen Carlo Alberto, zum Regenten, der eine liberale Verfassung unterzeichnete. Zwei Tage danach schwor er, diese Verfassung anzuerkennen und bildete eine neue Regierung.

Als Carlo Felice I. in Modena einen Brief von Carlo Alberto erhielt, in dem dieser ihm alles berichtete, war er sehr verärgert und rief dem Edelmann Costa, der ihm den Brief überbracht hatte, zu: „Meldet dem Prinzen: Wenn er noch einen Tropfen unseres königlichen Blutes in seinen Adern hat, soll er sofort nach Novara kommen und dort meine Anordnung abwarten!“

Im ersten Augenblick schien Carlo Alberto entschlossen, Widerstand zu leisten. Aber aus dem Königreich beider Sizilien erreichte ihn die Nachricht, dass dort ein österreichisches Heer die Truppen der Liberalen besiegt hatte. Das dortige Parlament war aufgelöst, die Verfassung wieder abgeschafft. Der junge Prinz verzichtete daher auf seine Regentschaft und forderte alle auf, sich König Carlo Felice I. zu unterwerfen.

Carlo Felice I. zog bei seiner Rückkehr nach Sardinien-Piemont ein österreichisches Heer voraus, das die von Santarosa angeführten Aufständischen niederwarf und „die alte Ordnung wiederherstellte“. 70 Anführer der Revolution wurden zum Tode verurteilt, von denen allerdings 68 bereits in die Schweiz oder nach Frankreich geflohen waren. 300 Offiziere und Beamte wurden ihrer Posten enthoben.

Motor der Umwälzungen von 1821 war aber lediglich das Bürgertum. Die Masse der Bauern und Arbeiter blieb den Neuerungen gegenüber gleichgültig, manchmal stand sie ihnen auch direkt feindselig gegenüber. König Carlo Felice I. jedoch verstand sich bei seiner Rückkehr nach Turin im Oktober 1821 als „König von Gottes und keines anderen Gnaden“. Sein Volk wollte er so regieren, wie ein strenger Vater eine Familie liederlicher Kinder führt. Die Vollstreckung der Todesstrafe und die Folterung von Oppositionellen sollte eine „heilsame Warnung“ für alle Hitzköpfe sein. Dies brachte dem König den Beinamen „der Grausame“ ein.

Der kleine Seiltänzer

Sein zehntes Lebensjahr war für Giovanni gekennzeichnet von dem Traum, über den wir bereits berichtet haben, also dem Traum von der großen Schar Jungen und dem Herrn, der zu ihm gesprochen hatte: „Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte und Liebe wirst du sie als Freunde gewinnen“; dem Traum von der schönen Frau, die ihm gesagt hatte: „Zur rechten Zeit wirst du alles verstehen.“ Trotz der „klugen“ Worte der Großmutter hatte die Nacht, in der er diesen Traum gehabt hatte, Licht in das Dunkel von Giovannis Zukunft gebracht.

Dieser Traum war richtungsweisend für das ganze zukünftige Leben Giovannis. Er war aber auch ausschlaggebend für das Verhalten der Mutter während der folgenden Monate und Jahre. Denn auch für sie bedeutete dieser Traum die Offenbarung eines höheren Willens, ein klares Zeichen der Berufung ihres Sohnes zum Priestertum. Nur so kann man sich die Unbeirrbarkeit erklären, mit der sie Giovanni auf den Weg dorthin geführt hat.

In seinem Traum hatte Giovanni eine große Anzahl von Jungen gesehen und war dazu bestimmt worden, ihnen Gutes zu tun. Warum also sollte er nicht gleich damit anfangen? Er kannte ja bereits eine Reihe von Jungen: seine Spielkameraden, die kleinen Stallknechte auf den verschiedenen Höfen in der Gegend. Viele von ihnen waren recht gut, aber andere doch sehr grob und fluchten ständig.

Während des Winters verbrachten viele Familien die Abende in einem großen Wohnstall, in dem die Ochsen und Kühe die Wärme lieferten. Während die Frauen spannen und die Männer ihre Pfeifen rauchten, las ihnen Giovanni aus Büchern vor, die er sich von Don Lacqua ausgeliehen hatte: „Guerin Maschino“, „Die Geschichte des Bertoldo“ oder auch „Die französischen Könige“. Er hatte damit ungeheuren Erfolg. „Alle wollten mich bei sich im Stall haben“, erzählte er später. „Um meine Kameraden versammelten sich Leute jeden Alters und sozialen Standes. Alle freuten sich, wenn sie einen Abend beim Zuhören verbringen konnten, während der kleine Vorleser auf einer Bank stand, damit ihn alle sehen konnten.“

Das begehrteste Buch bei diesen Abenden war „Die französischen Könige“. Es erzählte von den wundersamen und etwas verwickelten Abenteuern Karls des Großen und seiner Gefolgsmänner sowie vom Zauberschwert Durlandana. „Vor und nach meinen Erzählungen“, so schrieb Don Bosco später, „machten wir alle das Kreuzzeichen und beteten ein ‚Gegrüßet seist du, Maria‘.“

Die Trompeten der Gaukler

All das änderte sich im Frühling. Die langen, dunklen Winterabende waren vorüber, und daher war auch das Vorlesen von langen Geschichten nicht mehr gefragt. Giovanni verstand, dass er sich, wenn er seine Freunde weiterhin um sich versammeln wollte, etwas ganz Besonderes ausdenken musste. Aber was?

In dieser Zeit konnte man von dem nahe gelegenen Hügel die Trompeten der Gaukler hören, welche die Leute zum Jahrmarkt riefen. Dort wurde gekauft, verkauft, gehandelt und manchmal auch jemand übers Ohr gehauen. Und vor allem unterhielt man sich dort. Auch Giovanni ging mit seiner Mutter zum Jahrmarkt. Die Leute standen scharenweise um die Gaukler und Akrobaten. Taschenspieler und Zauberer brachten die Bauern mit ihren Tricks zum Staunen. So etwas könnte er doch auch machen, dachte Giovanni. Man bräuchte ja nur die Vorführungen der Akrobaten und die Tricks der Zauberkünstler genau zu beobachten.

Die besten Vorführungen gab es jedoch beim Patroziniumsfest der örtlichen Pfarrkirche. Dann tanzten die Akrobaten auf dem Seil, und die Gaukler führten die ungewöhnlichsten Kunststücke vor: Sie zogen Tauben und Kaninchen aus einem Hut hervor, ließen Personen verschwinden, schnitten ein Seil auseinander und machten es durch eine Handbewegung wieder ganz. Besonders bewundert wurde das „Zahnziehen ohne Schmerz“.

Aber um all diese Vorführungen sehen zu können, brauchte man eine Eintrittskarte, und die kostete zwei Soldi. Woher nehmen? Giovanni fragte seine Mutter. „Versuch, was du kannst,“ sagte sie, „aber frag mich nicht um Geld. Ich habe keins.“ Giovanni versuchte also, selbst Geld zu verdienen. Er fing Vögel und verkaufte sie, flocht Körbe und Käfige und verhandelte mit den Kaufleuten, sammelte Heilkräuter und brachte sie zu einem Fachmann nach Castelnuovo.

So gelang es ihm, auf dem Jahrmarkt einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Aufmerksam beobachtete er die Darbietungen der Artisten und verstand, dass der lange Stock, Balancierstange genannt, das Halten des Gleichgewichts auf dem Seil ermöglichte. Er bemerkte die raschen Fingerbewegungen, die die Tricks der Taschenspieler verbargen. Sogar den Kunststücken der Zauberer kam er auf die Schliche.

Einen faulen Zahn zu ziehen, das bedeutete zu dieser Zeit für alle eine Quälerei. Das erste Betäubungsmittel wurde erst im Jahr 1846 in Amerika erprobt. Einmal, während eines Jahrmarkts im Jahr 1825, schaute Giovanni beim „Zahnziehen ohne Schmerz“ zu. Die angebliche Schmerzlosigkeit der Prozedur wurde einem „Zauberpulver“ zugeschrieben. Der Bauer, der sich dazu hergab, hatte einen wirklich schlechten Backenzahn. Der Gaukler tauchte zunächst seinen Finger in das Pulver und zog dann unter dem Lärm der Trompeten und Trommeln den Zahn mithilfe einer Zange, die er heimlich aus dem Ärmel hatte gleiten lassen, mit aller Kraft heraus. Der Bauer schlug mit den Beinen um sich und brüllte vor Schmerz. Aber die Trompeten übertönten ihn. Und der Gaukler schloss den Bauern so fest in die Arme, dass dieser keine Luft mehr bekam, und schrie: „Danke, danke, das Experiment ist gelungen!“ Giovanni war einer der Wenigen, die gesehen hatten, wie die Zange aus dem Ärmel des Gauklers geglitten war. Lächelnd ging er fort.

Zu Hause versuchte er dann, die ersten Zaubertricks nachzumachen. „Ich übte Tag um Tag, bis ich es gelernt hatte.“ Bis es ihm gelang, Kaninchen aus einem Hut herauszuziehen und auf dem Seil zu gehen, brauchte es monatelange Übung und Ausdauer, und es gab so manchen Sturz. „Vielleicht glaubt ihr es mir nicht,“ schrieb Don Bosco später, „aber mit elf Jahren konnte ich die Spiele der Gaukler, den Salto mortale, auf den Händen gehen und auf dem Seil tanzen.“

Vorführungen auf der Wiese

An einem Sonntagabend, mitten im Sommer, kündigte Giovanni seinen Freunden schließlich seine erste Vorführung an. Auf einem Teppich aus Säcken, die er auf das Gras gelegt hatte, jonglierte er auf seiner Nasenspitze Dosen und Töpfe. Einen seiner kleinen Zuschauer ließ er den Mund aufmachen und zog dann Dutzende von bunten Bällchen daraus hervor. Er hantierte mit dem Zauberstab. Am Schluss sprang er auf das Seil und lief unter dem Beifall seiner Freunde darüber.

Die Nachricht von der Vorführung ging von Haus zu Haus, und so wurde das Publikum immer zahlreicher. Groß und Klein, Mädchen und Jungen, ja, sogar alte Leute kamen. Es waren dieselben Menschen, denen Giovanni im Winter in den Wohnställen „Die französischen Könige“ vorgelesen hatte. Jetzt sahen sie erstaunt zu, wie er aus der Nase eines Bauern eine ganze Reihe von Münzen herauszog, wie er Wasser in Wein verwandelte, Trauben vermehrte, einer Frau die Tasche öffnen und aus dieser eine lebendige Taube fortfliegen ließ. Alle lachten, alle klatschten und alle freuten sich.

Auch Giovannis Bruder Antonio ging hin, um sich die Darbietungen anzuschauen. Aber er setzte sich nie in die vorderen Reihen. Er mischte sich nicht unter die anderen, sondern versteckte sich hinter einem Baum, ging kurz hervor und verschwand dann wieder. Manchmal verspottete er den kleinen Seiltänzer: „Seht doch, den Hanswurst, den Faulenzer! Ich kann mir auf dem Feld die Knochen kaputt arbeiten, und er spielt den Scharlatan!“ Giovanni litt sehr darunter. Manchmal brach er dann die Vorführung ab, um sie 200 Meter weiter entfernt wieder zu beginnen, wo er vor Antonio Ruhe hatte.

Er war schon ein besonderer „Scharlatan“, dieser Junge. Denn vor der letzten Nummer zog er den Rosenkranz aus der Tasche, kniete nieder und lud alle zum Beten ein. Oder er wiederholte die Predigt, die er am Morgen in der Pfarrkirche gehört hatte. Das war der Eintrittspreis, den er von seinem Publikum verlangte, den er sich von Groß und Klein zahlen ließ. In seinem späteren Leben sollte Giovanni bereitwillig große Mühen auf sich nehmen, aber als echter Piemontese sollte er auch dann immer einen Preis dafür verlangen – jedoch kein Geld, sondern einen Einsatz für Gott und die arme Jugend.

Nach dem Gebet folgte stets das großartige Finale. Er spannte ein Seil zwischen zwei Bäume, kletterte hinauf und spazierte mit der Balancierstange in den Händen darüber, unter plötzlichem Schweigen und anschließendem stürmischen Beifall der Zuschauer „Nach einigen Stunden einer solcher Vorstellung,“ erinnerte er sich in späteren Jahren, „wenn ich recht müde war, hörte ich auf, sprach ein kurzes Gebet, und alle gingen nach Hause.“

Giovannis Erstkommunion

Im Jahr 1826 fiel Ostern auf den 26. März. An diesem Tag hatte Giovanni Erstkommunion in der Pfarrkirche von Castelnuovo. Hier seine Erinnerungen daran: „Meine Mutter half mir. Während der Fastenzeit hatte sie mich auf die Beichte vorbereitet. ,Mein Giovanni‘, sagte sie, ,Gott will dir ein großes Geschenk machen. Bereite du dich gut darauf vor. Beichte alles, bereue und versprich Gott, dass du in Zukunft braver sein willst.‘ Ich versprach alles. Ob ich es gehalten habe, weiß Gott. An diesem Morgen ging meine Mutter mit mir zur Kommunion. Sie bereitete mich vor und sprach mit mir die Danksagung. Sie wollte nicht, dass ich an diesem Tag irgendeine körperliche Arbeit verrichtete. Ich sollte lesen und beten.

Öfters sagte sie: ,Das war ein großer Tag für dich. Gott hat von deinem Herzen Besitz ergriffen. Jetzt versprich ihm, alles zu tun, was du kannst, um dein ganzes Leben lang gut zu sein. Geh öfters zur hl. Kommunion, sag in der Beichte immer alles und sei gehorsam. Geh gern zur Katechese und zur Predigt. Aber meide aus Liebe zu Gott alle, die schlechte Reden führen.‘ Ich bemühte mich, die Ermahnungen meiner Mutter zu befolgen. Und ich glaube, dass ich mich von diesem Tag an gebessert habe, besonders in Bezug auf den Gehorsam und die Unterordnung, was mir sehr schwerfiel.“

Der dunkelste Winter seines Lebens

Der folgende Winter war für Giovanni der dunkelste seines Lebens. Die Großmutter war gestorben, Antonio, nun 18 Jahre alt, hatte sich der Familie immer mehr entfremdet, seine Wutanfälle wurden häufiger. In den letzten Oktobertagen des Jahres 1826 erwähnte Mar­gherita, dass sie Giovanni vielleicht für ein weiteres Jahr zu Don Lacqua in die Schule schicken würde. Dort würde er sich die Grundkenntnisse in Latein erwerben können. Antonio aber fuhr hoch: „Was, Latein? Wozu brauchen wir im Haus Latein? Arbeiten soll er, arbeiten!“

Höchstwahrscheinlich hat Margherita daraufhin angedeutet, dass Giovanni Priester werden wolle. Für Antonio aber war das etwas Unmögliches. „Um Priester zu werden“, so musste Giovanni nun immer wieder von ihm hören, „braucht man 10.000 Lire.“ Das war eine ungeheure Summe für eine Bauernfamilie in jener Zeit. Unter dem Vorwand, für seine Tante Marianna und den Großvater, die in Capriglio wohnten, Besorgungen zu machen, gelang es Giovanni einige Male, zu Don Lacqua zu gehen, auch im Winter 1826/27. Antonio aber murrte erbittert. Eines Tages brach der Konflikt dann offen aus. Don Bosco erzählt: „Antonio sagte zuerst zu meiner Mutter und dann zu meinem Bruder: ,Jetzt reicht es mir! Schluss mit dieser Grammatik! Ich bin auch groß geworden und habe nie Bücher gehabt.‘ Niedergeschlagen und zugleich wütend antwortete ich, wie ich es nicht hätte tun sollen: ,Auch unser Esel ist nie in die Schule gegangen und ist stärker als du.‘ Bei diesen Worten sprang Antonio wütend auf, und nur mit Mühe konnte ich einer Tracht Prügel entgehen. Meine Mutter war traurig und weinte.“

So ging es noch einige Zeit weiter. Die Spannungen nahmen zu. Antonio war ein Dickschädel, und auch Giovanni wollte sich nicht geschlagen geben. Er reagierte heftig. Wegen eines Buches, das Giovanni neben seinen Teller gelegt hatte, kam es dann zu dem Krach, von dem zu Beginn dieses Buches berichtet wurde. Am folgenden Morgen aber sagte Mar­gherita die traurigen Worte: „Es ist besser, wenn du aus dem Haus gehst.“ Und so kam Giovanni an einem nebeligen Februartag des Jahres 1828 auf dem Hof der Familie Moglia an. Er wurde als Stallknecht eingestellt, weil er so verzweifelt weinte.

Zwei Jahre Bauernhof und ein Jahr Pfarrhaus

Einige Tage, nachdem Giovanni seinen Dienst bei der Familie Moglia angetreten hatte, sagte Luigi Moglia zu seiner Frau Dorotea: „Es war nicht schlecht, dass wir diesen Jungen genommen haben.“ Denn Giovanni hatte sich ernstlich in die Arbeit gestürzt. Er zeigte sich willig und folgsam. Seine Aufgabe bestand darin, den Stall zu versorgen. Die schwerste Arbeit dabei war es, jeden Tag die Streu für die Kühe zu erneuern. Den Mist räumte er mit der Gabel hinaus und brachte ihn mit dem Schubkarren weg. Dann hatte er das Vieh zu striegeln, es zur Tränke zu bringen, auf den Heuboden zu steigen und das Heu in den Futtertrog zu werfen. Zuletzt waren noch die Kühe zu melken.

Auch beim Abendgebet kannte er seine Aufgabe, und Dorotea ließ ihn manchmal den Rosenkranz vorbeten. Zum Schlafen erhielt er ein kleines helles Zimmer mit einem guten Bett. Das war sogar besser als zu Hause in Becchi, wo er das Zimmer mit seinem Bruder Giuseppe teilen musste, und manchmal sogar mit Antonio. Nach einigen Abenden traute er sich, einen Kerzenstummel anzuzünden und für ein Stündchen in dem Buch zu lesen, das ihm Don Lacqua geliehen hatte. Da niemand etwas dagegen hatte, tat er es weiterhin.

An seinem ersten Samstagabend bei der Familie Moglia bat er den Hausherrn, am nächsten Morgen frühzeitig nach Moncucco gehen zu dürfen. Zum Frühstück war er wieder zurück, und um zehn Uhr fuhr er mit der ganzen Familie zum Hochamt. Weil er auch an den folgenden Samstagen um diese für die Moglias unverständliche Erlaubnis bat, wollte Dorotea wissen, wohin er so früh immer ginge; schließlich hatte sie ja seiner Mutter gegenüber die Verantwortung für Giovanni. Also ging sie noch vor Sonnenaufgang selbst nach Moncucco. Aus dem Fenster im Haus einer Freundin sah sie dann Giovanni ankommen und in die Kirche gehen. Sie ging ihm nach und beobachtete, wie er in den Beichtstuhl trat, die Messe mitfeierte und zur Kommunion ging. Dazu muss man wissen, dass man die Kommunion in dieser Zeit sehr selten empfing. Nicht einmal während des Hochamtes, an dem alle Einwohner eines Dorfes teilnahmen, wurde sie ausgeteilt. Wer kommunizieren wollte, musste in die Frühmesse gehen. Nachdem nun die Messe in Moncucco zu Ende war, begleitete Dorotea Giovanni nach Hause zurück und sagte zu ihm: „Von jetzt an kannst du immer in die Frühmesse gehen, wenn du willst. Du brauchst auch nicht mehr zu fragen.“

Einmal sprach Giovanni in der Beichte bei Don Cottini von seinem Wunsch, Priester zu werden und auch von den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich auftaten. Don Cottini machte ihm Mut, jeden Sonntag zur Beichte und Kommunion zu gehen und auch während des Tages zu beten. Zudem empfahl er ihm, auf Gott zu vertrauen. Wenn Gott ihn als Priester haben wolle, würden sich diese Schwierigkeiten schon auflösen. Er ermunterte ihn auch, das Lernen nicht einfach aufzugeben. Wenn es mit seiner Arbeit zu vereinbaren wäre, dann würde er ihm gern einige Stunden Lateinunterricht geben. Inzwischen könne Giovanni sich bei ihm Bücher leihen.

Verlorene Jahre?

Der alte Giuseppe, ein Onkel des Hofbesitzers, kehrte eines Tages völlig verschwitzt mit der Hacke über der Schulter vom Feld zurück. Es war Mittag, und vom Glockenturm der Kirche in Moncucco hörte man es läuten. Der Alte war müde und setzte sich ins Heu, um zu schlafen. Ganz in der Nähe sah er Giovanni, auch im Heu, aber kniend. Er betete den „Engel des Herrn“, wie Mama Margherita es ihm beigebracht hatte, jeden Morgen, Mittag und Abend. Halb scherzend und halb ernst brummte Giuseppe: „Tüchtig, sag ich! Wir Besitzer reiben uns auf vom Morgen bis zum Abend und können uns kaum noch bewegen. Der Knecht aber betet seelenruhig in heiligem Frieden.“

Giovanni antwortete, ebenfalls halb im Ernst und halb im Scherz: „Wenn die Arbeit getan werden muss, Giuseppe, das wisst Ihr, drücke ich mich nicht. Aber meine Mutter hat gesagt, wenn man betet, dann wachsen aus zwei Körnern vier Ähren hervor. Wenn man aber nicht betet, bringen vier Körner nur zwei Ähren. Es wäre besser, wenn auch Ihr ein wenig beten würdet.“ „Das ist ja gut“, schloss der Alte. „Jetzt haben wir auch noch einen Pfarrer auf dem Hof.“

Mit Beginn der schönen Jahreszeit musste Giovanni die Kühe auf die Weide führen. Er hatte darauf zu achten, dass sie nicht auf fremde Wiesen liefen, zu viel nasses Gras fraßen oder sich die Hörner abbrechen würden. Während die Kühe nun ringsherum weideten, hatte Giovanni Zeit, im Schatten eines Baumes zu lesen. Luigi Moglia beklagte sich nicht darüber, aber den Kopf schüttelte er schon: „Warum liest du denn so viel?“ „Ich möchte Priester werden“, antwortete Giovanni. „Weißt du denn nicht, dass man zum Studieren neun- bis zehntausend Lire braucht? Woher willst du das denn nehmen?“ „Wenn Gott es will, wird sie mir jemand geben.“

Manchmal kam Anna, die älteste Tochter der Moglias, zum Spielen auf die Wiese. Sie war damals acht Jahre alt. Wenn sie merkte, dass Giovanni nur in sein Buch schaute und nicht auch auf ihr Spiel, dann ärgerte sie sich: „Hör jetzt auf zu lesen, Giovanni!“ „Aber ich werde Priester, und da muss ich predigen und Beichte hören können.“ „Ach so, Priester“, hänselte sie ihn. „Du wirst schon so ein netter Vikar werden.“

Eines Tages, als Anna ihn wieder einmal hänselte, sagte Giovanni: „Du, Anna, jetzt ziehst du mich auf, aber auch du wirst einmal zu mir zum Beichten kommen.“ Anna heiratete später und wohnte lange in Moriondo. Sie erzählte diese Episode auch ihren eigenen Kindern. Und in der Tat ging sie später vier- oder fünfmal im Jahr nach Turin-Valdocco, um bei Don Bosco zu beichten. Er empfing sie jedes Mal freudig, wie eine eigene Schwester.

Als es wieder Winter geworden war, erlaubte der Bauer Moglia Giovanni, gelegentlich zu Don Cottini in Moncucco in die Schule zu gehen. Aber das war nur selten möglich, sodass bei den wenigen Stunden nichts herauskam. Die Bekanntschaft mit dem Priester erleichterte es Giovanni jedoch, Freundschaft mit den Jungen von Moncucco zu schließen. Die Eingangshalle des Pfarrhauses diente an Wochentagen als Schule, am Sonntag aber verwandelte sie sich in ein kleines Oratorium, also in einen Ort für den Religionsunterricht. Hier führte Giovanni nun nach dem Unterricht seine Kunststücke auf, las die abenteuerlichsten Geschichten aus der Bibel vor und ließ seine kleinen Freunde auch beten. Bei schlechtem Wetter, wenn man nicht nach Moncucco gehen konnte, kamen einige aus den umliegenden Gehöften zu ihm auf den Hof der Moglias. Giovanni führte sie dann auf den Heuboden, unterhielt sie und erklärte ihnen den Katechismus.

Fast zwei Jahre verbrachte Giovanni so auf dem Hof Moglia, vom Februar 1828 bis November 1829. Es waren Jahre, die für sein Studium verloren waren. Aber waren sie auch für seine Sendung, zu der Gott ihn rief, vergebens? Pietro Stella erinnert sich an eine Episode, die auf den ersten Blick bedeutungslos erscheint: „Frau Dorotea und ihr Schwager sahen Giovanni Bosco eines Tages kniend, mit einem Buch in den Händen. Die Augen hatte er geschlossen, sein Gesicht war zum Himmel gewandt. Sie mussten ihn schütteln, so sehr war er versunken.“ Es waren also doch keine „vergeudeten“ Jahre, denn der Sinn für Gott und die Kontemplation schlugen damals in Giovanni tiefe Wurzeln. Während der Feldarbeit konnte er mit Gott Zwiesprache halten. Es waren Jahre, die man als eine Zeit stillen und flehenden Wartens vor Gott und den Menschen bezeichnen könnte.

Während Alessandro Manzoni 1827 die erste Auflage seines berühmten Werks „Die Brautleute“ („I Promessi Sposi“) veröffentlichte, Giacomo Leopardi 1828 seine großen Gedichte verfasste und Gioachino Rossini 1829 sein Hauptwerk, die Oper „Wilhelm Tell“ komponierte, versorgte Giovanni Bosco auf einem entlegenen Hof des Monferrato die Kühe. Aber Gott begann, zu ihm zu sprechen.

Onkel Michele hilft

Margherita litt schwer darunter, dass Giovanni so lange auf dem Hof der Familie Moglia bleiben musste. Wahrscheinlich hatte sie, kurz bevor der Vertrag zwischen ihr und Herrn Moglia am 11. November 1829 auslief, darüber auch mit ihrem Bruder Michele gesprochen. Dieser ging nämlich zu seinem Neffen und traf ihn an, als er gerade die Kühe aus dem Stall führte. „Nun, Giovanni, bist du gern hier oder nicht?“, fragte er ihn. „Nein“, antwortete dieser. „Ich werde zwar gut behandelt, aber ich möchte studieren. Die Jahre vergehen, ich bin schon 14 und trete noch immer auf der Stelle.“ „Gut, dann bring jetzt das Vieh in den Stall und komm nach Becchi zurück. Ich spreche mit deinem Arbeitgeber, dann muss ich noch auf den Markt nach Chieri. Heute Abend komme ich bei dir zu Hause vorbei, dann werden wir alles regeln.“

Giovanni schnürte also sein Bündel von Neuem und verabschiedete sich von Dorotea und Luigi Moglia, von dem alten Giuseppe, Teresa und Anna. Sie waren inzwischen Freunde geworden und sollten es ihr ganzes Leben lang bleiben.

Dann ging Giovanni nach Becchi zurück. Als er sich seinem Elternhaus näherte, erblickte ihn die Mutter schon von Weitem und eilte ihm entgegen. „Antonio ist im Haus. Hab Geduld, versteck dich, bis Onkel Michele kommt. Wenn Antonio dich sieht, dann meint er, da sei ein Komplott geschmiedet worden, und weiß Gott, was dir dann passieren würde.“

Giovanni versteckte sich hinter eine Hecke und setzte sich dort neben einen Graben. Es war also noch nicht vorbei. Er musste sich auf eine Auseinandersetzung gefasst machen. Onkel Michele kam aber erst, als es bereits Nacht war. Er nahm den Jungen, der vom Warten schon ganz steif geworden war, mit ins Haus. Es herrschte eine gespannte Atmosphäre, aber kein Krieg. Antonio war jetzt 21 Jahre alt und bereitete sich darauf vor, eine eigene Familie zu gründen. Es wurde ihm garantiert, dass er mit dem Unterhalt und den Kosten für das Studium seines Bruders nicht belastet würde. Deshalb erhob er keinen Einspruch mehr dagegen. Onkel Michele nahm Kontakt mit den Pfarrern von Castelnuovo und Buttigliera auf. Er wollte, dass sein Neffe als Schüler bei ihnen wohnen konnte. Dabei traten große Schwierigkeiten auf, schließlich ergab sich aber völlig unverhofft doch eine Lösung.

Vier Soldi für eine Predigt

Im September 1829 kam Don Giovanni Melchiorre Calosso, ein 70-jähriger Priester, als Kaplan nach Morialdo. Einige Jahre vorher hatte er aus gesundheitlichen Gründen seine Pfarrstelle in Bruino aufgegeben. Nicht lange danach, im November, fand in Buttigliera eine Volksmission statt. Giovanni nahm daran teil, und auch Don Calosso ging dorthin.

Auf dem Heimweg fiel dem alten Priester dieser 14-Jährige auf, der unter den ganzen Leuten alleine heimging. „Woher bist du?“, fragte er ihn. „Aus Becchi. Ich war bei der Missionspredigt.“ „Wer weiß, was du verstanden hast, bei den vielen lateinischen Zitaten.“ Dabei schüttelte er sein weißes Haupt. „Wahrscheinlich hätte dir deine Mutter eine zweckmäßigere Predigt halten können.“ „Das ist wahr,“ entgegnete Giovanni, „meine Mutter hält mir auch manche gute Predigt. Aber ich glaube, dass ich den Missionar verstanden habe.“ „Also gut, wenn du mir vier Sätze aus der heutigen Predigt sagen kannst, bekommst du vier Soldi.“

Giovanni nahm das Angebot an, und in aller Ruhe wiederholte er dem Kaplan die ganze Predigt, so, als würde er aus einem Buch vorlesen. „Wie heißt du?“, fragte Don Calosso erstaunt. „Giovanni Bosco. Mein Vater ist gestorben, als ich noch klein war.“ „Und welche Schule hast du besucht?“ „Lesen und Schreiben habe ich bei Don Lacqua in Capriglio gelernt. Ich möchte gern studieren, aber mein großer Bruder will nichts davon wissen, und die Pfarrer von Castelnuovo und Buttigliera haben keine Zeit, mir zu helfen.“ „Warum möchtest du denn studieren?“ „Um Priester zu werden.“ „Sag deiner Mutter, sie soll zu mir kommen. Vielleicht kann ich dir helfen, auch wenn ich schon alt bin.“

Bald darauf saß Margherita vor dem Schreibtisch Don Calossos und hörte ihn sagen: „Euer Sohn hat ein phänomenales Gedächtnis. Man muss ihm sofort das Lernen ermöglichen, ohne Zeit zu verlieren. Ich bin zwar schon alt, aber was ich noch tun kann, will ich tun.“ Sie kamen überein, dass Giovanni tagsüber bei Don Calosso bleiben und dort lernen sollte, denn dieser wohnte nicht weit von Becchi entfernt. Nur zum Schlafen sollte Giovanni nach Hause gehen, und auch wenn die Feldarbeit drängte, sollte er zu Hause helfen.

Giovanni bekam nun mit einem Schlag, was ihm so lange gefehlt hatte: väterliche Zuversicht, Sicherheit und Vertrauen. „Ich gab mich sofort ganz in die Hände Don Calossos,“ schrieb Don Bosco später, „ich gab mich ihm vollständig zu erkennen. Ihm offenbarte ich, was ich sagte und dachte. Jetzt wusste ich, was es heißt, jemanden zu haben, der mich führte und der mir Freund war, etwas, das ich bis dahin hatte entbehren müssen. Unter anderem verbot er mir eine bestimmte Bußübung, die zu machen ich gewohnt war, die aber meinem Alter nicht angemessen war. Er ermutigte mich, oft die Sakramente zu empfangen und lehrte mich, täglich eine kurze Meditation, besser gesagt, eine geistliche Lesung zu machen.“

„Mit ihm starb jede Hoffnung“

Etwa ab September 1830 – und vielleicht, um jeder noch verbliebenen Spannung mit Antonio aus dem Wege zu gehen – blieb Giovanni auch über Nacht bei Don Calosso. Nur einmal in der Woche ging er heim, um die Wäsche zu wechseln. Beim Lernen kam er rasch voran. Don Bosco erinnerte sich später mit begeisterten Worten an jene Tage: „Niemand kann sich vorstellen, wie wohl ich mich fühlte. Ich liebte Don Calosso wie einen Vater und tat alles für ihn. Dieser Mann Gottes hatte mich sehr gern und sagte oft: ,Mach dir keine Sorgen um deine Zukunft. Solange ich lebe, lasse ich es dir an nichts fehlen, und wenn ich sterbe, werde ich auch für dich vorsorgen.‘ Ich war glücklich, bis mir ein tragisches Ereignis jede Hoffnung zerstörte.“

An einem Novembermorgen des Jahres 1830, als Giovanni gerade zu Hause war, um seine Wäsche zu wechseln, kam jemand und sagte, dass es Don Calosso schlecht ginge. „Ich lief nicht hin, ich flog“, erinnert sich Don Bosco. Don Calosso hatte einen Herzinfarkt gehabt. Zwar erkannte er Giovanni, war aber nicht fähig zu sprechen. Er wies auf einen Schlüssel zu einer Schublade hin und erklärte Giovanni per Zeichen, er solle diesen Schlüssel niemandem anders geben. Das war alles. Giovanni weinte verzweifelt über der Leiche seines „zweiten Vaters“. „Mit ihm starb jede Hoffnung“, schrieb er später.

Eine Hoffnung war ihm aber zunächst noch geblieben: der Schlüssel. In der Schublade lagen 6.000 Lire, und aus den Gesten Don Calossos war klar hervorgegangen, dass dieses Geld für Giovanni bestimmt war, für seine Zukunft. Manche der Anwesenden aber meinten, dass die Gesten eines Sterbenden nichts aussagen würden und dass nur eine testamentarische Regelung entscheiden könnte.

Die Neffen Don Calossos benahmen sich wie rechtschaffene Menschen. Sie informierten sich und sagten dann zu Giovanni: „Es scheint, dass der Onkel dir das Geld überlassen wollte. Nimm dir also, so viel du willst.“ Giovanni dachte ein wenig nach, dann sagte er entschlossen: „Ich will nichts.“ In seinen „Erinnerungen“ fasste Don Bosco dieses Ereignis später mit einem Satz zusammen: „Die Erben Don Calossos kamen, und ich händigte ihnen den Schlüssel aus.“

Es war eine rasche, aber sicher gut überlegte Entscheidung, mit der er verhinderte, dass bei einem anderen Verhalten eventuell später Verdächtigungen aufgetreten wären, er hätte sich das Geld unrechtmäßig angeeignet. Später, als Priester, sollte er als Leitgedanken einen Satz wählen, der ebenso entschlossen war: „Da mihi animas, cetera tolle“ („Gib mir Seelen, alles andere nimm“). Jetzt aber war Giovanni wieder allein. „Ich weinte untröstlich“, schrieb er später darüber.

Schulbesuch in Castelnuovo

Und doch musste es weitergehen. Um jeder neuen Auflehnung Antonios zuvorzukommen, entschloss sich Margherita, die Güter mit ihm zu teilen. Es gab dazu auch einen Grund, der die Sache selbst wenig wohlwollenden Außenstehenden verständlich machte. Antonio stand vor der Heirat. Am 21. März 1831 würde er Anna Rossa in Castelnuovo zum Altar führen.

Die Felder wurden also aufgeteilt, und vom Haus erhielt Antonio die nach Osten gerichtete Hälfte – mit der Holztreppe und der guten Stube im ersten Stock – als Eigentum. Die andere Hälfte bewohnte Margherita weiter mit Giuseppe und Giovanni.

Im Dezember 1830 machte sich Giovanni auf den Weg nach Castelnuovo, um dort die öffentliche Schule zu besuchen. Neben der Volksschule hatte die Gemeinde einen in fünf Klassen gegliederten Lateinkurs eröffnet. Die wenigen Schüler hatten zusammen nur einen einzigen Raum und wurden nur von einem Lehrer, Don Emanuele Virano, unterrichtet.

Beim Schneider Roberto in Pension

Die fünf Kilometer, die Castelnuovo von Becchi entfernt liegt, schienen für den 15-jährigen Giovanni ein schier unüberwindliches Hindernis zu sein. Da der Unterricht am Vormittag dreieinhalb und am Nachmittag drei Stunden dauerte, musste sich Giovanni am Morgen mit einem Stück Brot auf den Weg machen, zum Mittagessen nach Hause zurückkehren, am Nachmittag wieder nach Castelnuovo gehen und am Abend erneut zurückkommen. Das waren 20 Kilometer jeden Tag, ein viel zu weiter, sinnloser Weg.

Nach ein paar Tagen, wahrscheinlich beim ersten Schnee, wurde das geändert. Onkel Michele fand in Castelnuovo bei einem guten Menschen eine Halbpension für Giovanni, nämlich bei Giovanni Roberto, dem Schneider und Musiker. Bei ihm konnte Giovanni Bosco über Mittag bleiben, das heißt das essen, was er in seinem Blechnapf mitgebracht hatte. Aber auch fünf Kilometer am Morgen und fünf Kilometer am Abend sind besonders im Winter keine Kleinigkeit. Zwar marschierte Giovanni gern, und wenn der Weg infolge des Regens ein einziger Sumpf war, zog er wie alle Bauern seine Schuhe aus und hängte sie sich mit einem Riemen um die Schultern. Regen und Wind, Sonne und Staub waren abwechselnd seine Begleiter.

An manchen Januartagen aber war das Wetter doch zu schlecht. Dann fragte er Herrn Roberto, ob er nicht bei ihm im Raum unter der Treppe schlafen könne. In diesem Fall aber hatte er eben kein Abendbrot. Da Margherita befürchtete, dass ihr Sohn unter diesen Umständen krank werden würde, verhandelte sie mit dem Schneider. Für einen vernünftigen Preis, der auch in Naturalien abgegolten werden konnte, nahm Herr Roberto ihn in „Vollpension“ auf. Er gab Giovanni am Mittag und Abend eine warme Suppe und den Raum unter der Treppe zum Schlafen. Für Brot sorgte die Mutter.

Sie selbst begleitete ihn nach Castelnuovo und trug die Tasche mit dem Hausrat, der für einen 15-Jährigen nötig war. Herrn Roberto empfahl sie, „ein Auge auf ihn zu haben und ihn eventuell auch einmal an den Ohren zu ziehen“. Zu Giovanni sagte sie: „Verehre die Gottesmutter, damit sie dir hilft, dass aus dir etwas wird.“

Der Kuhhirte aus Becchi

In der Schule war Giovanni mit Zehn- und Elfjährigen zusammen. Die Schulbildung, die er bis dahin genossen hatte, war sehr bescheiden gewesen. Wenn wir dazu noch seine ärmliche Jacke und seine derben Schuhe bedenken, ist es leicht verständlich, dass er zur Zielscheibe von Spötteleien seitens seiner Kameraden wurde. Sie nannten ihn den „Kuhhirten aus Becchi“.

Giovanni, der in Morialdo und Moncucco noch das Idol der anderen Jungen gewesen war, litt darunter, konzentrierte sich aber auf das Lernen, so gut er konnte, und der Lehrer half ihm wohlwollend. Don Virano war ein tüchtiger und liebenswürdiger Mensch. Da er den guten Willen bei Giovanni sah, nahm er ihn manchmal beiseite, sodass dieser in kurzer Zeit rasche Fortschritte machte. Als er einen wirklich guten Aufsatz über die biblische Gestalt des Eleazar geschrieben hatte, las ihn Don Virano in der Klasse vor und schloss: „Wer eine solche Ausarbeitung fertigbringt, der kann es sich auch leisten, die Schuhe eines Kuhhirten zu tragen. Denn was im Leben zählt, sind nicht die Schuhe, sondern der Kopf.“

Schlimmer scheint für Giovanni Bosco etwas anderes gewesen zu sein, was er später erzählte: „In diesem Jahr war es manchmal gefährlich für mich. Meine Schulkameraden wollten mich dazu bringen, während der Schulzeit mit ihnen um Geld zu spielen. Als ich ihnen sagte, dass ich keines hätte, meinten sie: ,Es wird Zeit, dass du endlich aufwachst. Du musst leben lernen. Stiehl das Geld einfach deinem Hausherrn oder deiner Mutter!‘ Ich erinnere mich, dass ich geantwortet habe: ,Meine Mutter mag mich so gern, dass ich nicht anfangen möchte, ihr Unannehmlichkeiten zu bereiten.‘“

Im April war Giovanni schulisch auf gutem Wege, als sich ein Ereignis ankündigte, das für ihn bittere Folgen haben sollte. Don Virano wurde zum Pfarrer von Mondonio ernannt und musste die Schule Don Nicola Moglia überlassen. Dieser war zwar ein frommer und wohltätiger Priester, aber schon 75 Jahre alt. Es gelang ihm absolut nicht, die fünf Klassen der Schule in den Griff zu bekommen. An einem Tag griff er zur Rute, und für den Rest der Woche duldete er das Durcheinander.

Dann nahm er sich die Größeren vor, denn sie waren schließlich verantwortlich für die ständige Unordnung. Eine besondere Abneigung zeigte er gegen den Größten von allen, den „Kuhhirten aus Becchi“, obwohl Giovanni selbst sehr unter der allgemeinen Disziplinlosigkeit litt. Der neue Lehrer ließ keine Gelegenheit aus, ihm seine Geringschätzung zu zeigen: „Was willst du denn von Latein verstehen? In Becchi wachsen nur Esel auf, erstklassige Esel, wenn du willst, aber jedenfalls Esel. Geh zu deinen Kühen, geh zu deiner Brut, das ist dein Handwerk und nicht das Lateinstudium!“

Die Kameraden, die Giovanni aufgrund der Hochschätzung, die Don Virano ihm entgegengebracht hatte, in Ruhe gelassen hatten, stellten sich wieder gegen ihn, sodass er trostlose Tage durchlebte.

Einmal aber wollte er sich rächen, und zwar auf seine Art: Don Moglia machte mit der Klasse eine Lateinaufgabe. Giovanni, der die Übersetzung für die erste Klasse zu machen hatte, fragte den Lehrer um Erlaubnis, einmal die Aufgabe für die dritte Klasse versuchen zu dürfen. Dieser war empört: „Was glaubst du denn, wer du bist? Geh sofort zurück und mach deine Aufgabe und versuche nicht, wie gewöhnlich, den Esel zu spielen.“ Giovanni aber bestand darauf, und schließlich gab Don Moglia nach. „Mach, was du willst. Aber ­denke nicht, dass ich deine Eselei auch noch lesen werde.“

Giovanni schluckte den Ärger hinunter und machte sich an die Übersetzung. Sie war schwierig, aber er traute sie sich zu, ja, er war sogar einer der Ersten, die die Arbeit abgaben. Der Lehrer nahm das Blatt und legte es beiseite. „Ich bitte Sie,“ sagte Giovanni, „lesen Sie das und sagen Sie mir, welche Fehler ich gemacht habe.“ „Geh an deinen Platz und reg mich nicht auf!“, antwortete Don Moglia.

Giovanni blieb höflich, aber bestimmt und ließ nicht locker. „Ich verlange sicher nicht zu viel, wenn ich Sie bitte, die Arbeit zu lesen.“ Don Moglia las. Die Übersetzung war gut, sehr gut sogar, und deshalb verlor er wieder die Nerven. „Ich habe doch gesagt, dass du zu nichts taugst. Diese Arbeit ist von vorne bis hinten abgeschrieben.“ Giovanni entgegnete: „Von wem soll ich sie denn abgeschrieben haben?“ Seine Nachbarn kauten in der Tat immer noch am Federhalter und suchten krampfhaft nach den letzten Sätzen. „Das ist doch eine Unverschämtheit!“, platzte Don Moglia heraus. „Geh an deinen Platz, und sei dankbar, dass ich dich nicht aus der Schule werfe.“

Es gibt nun einmal Krankheiten, die unheilbar sind, und Vorurteile sind eine davon. Die letzten Monate dieses Schuljahres waren also für Giovanni frustrierend. In seinen „Erinnerungen“ erwähnt er den Namen „Don Moglia“ nicht, sondern spricht nur von „einem, der unfähig war, Disziplin zu halten. Was ich die Monate zuvor gelernt hatte, war dahin.“

Den Abstand zu den Menschen aufheben

Noch etwas machte Giovanni in diesen Monaten zu schaffen. Er hatte zwei prachtvolle Priester kennengelernt, Don Calosso und Don Virano. Es ging ihm einfach nicht in den Kopf, dass alle anderen Kleriker so ganz anders sein sollten. „Es passierte mir,“ schrieb Don Bosco später, „dass ich auf der Straße meinem Kuraten begegnete, der in Begleitung des Kaplans war. Ich grüßte sie von Weitem, und bei ihnen angekommen, verbeugte ich mich in Ehrfurcht. Sie aber hielten Abstand zu mir und begnügten sich mit einem höflichen Gruß, ohne ihren Spaziergang zu unterbrechen. Ihr schwarzer Talar schien sie von allen abzuheben.“

Zur damaligen Zeit wurde in den Priesterseminaren ein Verhalten gelehrt, das man für Geistliche als angemessen betrachtete, nämlich „zurückhaltend und ernst“ zu sein. „Mir gefiel das keineswegs,“ erklärte Don Bosco, „und ich sagte mir: ,Wenn ich einmal Priester werden sollte, dann werde ich es ganz anders machen. Ich werde auf die Jugendlichen zugehen, ihnen ein gutes Wort sagen und einen Rat geben‘.“

Giovanni konnte nicht ahnen, dass diese Einstellung in den nächsten 80 Jahren eine stille Revolution unter der Priesterschaft hervorrufen würde. In den Priesterseminaren erkannte man, dass dieser Junge recht hatte. Man erzog die neuen Jahrgänge nicht zu einer Würde, die den Abstand zu den anderen Menschen betont, sondern zu lächelnder Güte, die den Abstand aufhebt.

In Morialdo hatte Giovanni seine freie Zeit in fröhlicher Unterhaltung mit Don Calosso verbracht. Der alte Priester hatte sich dabei an seine Vergangenheit erinnert, Giovanni an seine Zukunft gedacht. Dann war er immer darangegangen, in der Kirche sauber zu machen, die Küche in Ordnung zu bringen oder die kleine Bibliothek zu durchstöbern. Hier jedoch, in Castelnuovo, wollten die Priester nichts mit ihm zu tun haben. Wie sollte er jetzt seine Freizeit verbringen?

Giovannis Hobbys

Das erste Hobby, das Giovanni in Castelnuovo entdeckte, war die Musik. Herr Roberto, sein Vermieter, war Chorleiter in der Pfarrkirche und besaß zu Hause ein Spinett. Auf diesem übte Giovanni mithilfe Robertos. Er begleitete ihn auch zur Chorprobe in der Kirche, und mit der Zeit übte er dann auch an der Orgel dort. Vor allem aber war Roberto der Schneider des Ortes. Und so wurde es Giovannis zweites Hobby, neben Roberto zu sitzen und zu lernen, wie man Knöpfe annäht, Säume macht, Taschentücher anfertigt und Westen zuschneidet. Er wurde so tüchtig darin, dass Herr Roberto ihm anbot, die Schule aufzugeben und sein Gehilfe zu werden.

Im April begann Don Moglia, es auf die Spitze zu treiben. Das Durcheinander in der Schule überzeugte Giovanni, dass er dort nur Zeit verliere. Mit Erlaubnis seiner Mutter ging er jetzt täglich für ein paar Stunden zum Eisenschmied Evasio Savio. So lernte er, mit Hammer und Feile umzugehen und zu schmieden.

Sicher dachte Giovanni Bosco damals nicht im Traum daran, dass diese Handwerkskünste ihm eines Tages dazu dienen würden, Lehrwerkstätten für die arme Jugend zu errichten. Vorerst war es seine einzige Sorge, sich einige Soldi zu verdienen. Bald würde er sie notwendig brauchen. Denn zusammen mit seiner Mutter hatte er sich dazu entschlossen, im kommenden Jahr einen gewagten, aber bedeutenden Schritt zu tun, nämlich in die Schule nach Chieri zu gehen.

„Ich muss lernen“

Wieder einmal packte Giovanni also sein Bündel und sagte Herrn Roberto Auf Wiedersehen. Er kehrte jedoch nicht nach Becchi zurück, sondern ging nach Sussambrino, einem Bauernhof, den sein Bruder Giuseppe zusammen mit Giuseppe Febraro in Halbpacht übernommen hatte. Zusammen mit ihrem Sohn Giuseppe hatte auch Margherita Becchi verlassen.

Giovanni widmete sich während dieser Sommermonate vor allem dem Lernen, denn in Chieri wollte er nicht mehr im Hintertreffen sein. Aber er wollte auch seinem Bruder nicht zu sehr zur Last fallen. Deshalb half er bei der Feldarbeit, reparierte in einer primitiven Schmiede Ackergeräte und führte die Schafe und Kühe auf die Weide, wobei er auch wieder die Möglichkeit zum Lesen und Lernen fand.

Rosa Febraro, die Tochter von Giuseppe Febraro, berichtete später, dass Giovanni oftmals so sehr in seine Bücher vertieft war, dass er nicht merkte, wenn die Kühe irgendwohin auseinandergelaufen waren. Sie, die damals Zehnjährige, lief dann hinter ihnen her, durch Äcker und zwischen den Furchen der Maisfelder, um sie dem „Studenten“ zurückzubringen, bevor der Eigentümer etwas bemerken konnte. „Die Kühe waren gerade dabei, Mais zu fressen“, rief sie Giovanni dann zum Beipiel zu. „Danke, Rosa.“ Das war seine ganze Reaktion. Sie aber schaute ihn lange an und sagte dann: „Aber warum führst du sie denn auf die Weide, wenn du dich doch nicht um sie kümmerst?“ „Ich muss lernen, Rosa, und da vergesse ich sie schon mal.“ „Stimmt das, dass du Priester wirst?“ „Ja.“ „Also gut, wenn du willst, schau ich auch auf deine Kühe. Ich muss sowieso auf meine aufpassen.“ Giovanni dankte ihr und vertiefte sich wieder in sein Buch.

Die 20 Lire auf dem Maibaum

Während des Sommers feierte das Dorf Montafia sein Patrozinium. Es war nicht weit dorthin, und Giovanni wusste, dass es dort eine Art Maibaum gab und dass unter den Preisen, die man gewinnen konnte, wenn man möglichst weit auf ihn hinaufkletterte, eine Geldbörse mit 20 Liren war. „Die wären mir doch sehr nützlich“, dachte er und ging zu dem Fest. Der Baum war sehr hoch und auch glitschig, denn er war mit Öl und Fett eingerieben.

Die Dorfjungen schauten zu dem eisernen Reifen hinauf, an dem Päckchen, Würste, Weinflaschen und die Geldbörse baumelten. Immer wieder spuckte einer in die Hände und versuchte, unter dem Geschrei der Leute hinaufzuklettern. Bei der Hälfte aber blieb ihm die Luft weg, und unter dem Pfeifen und Grölen der Menge rutschte er wieder hinunter.

Plötzlich, nachdem er die Situation gründlich analysiert hatte, trat Giovanni hinzu. Auch er spuckte in die Hände und umklammerte den Baum. Langsam und ruhig kletterte er hinauf, setzte sich immer wieder auf die Fersen und holte Luft. Die Leute wurden ungeduldig und erwarteten, dass auch er aufgab. Aber Giovanni lockte das Geld. In Moncucco hatte er ein Jahr lang für 15 Lire gearbeitet und hier, wenige Meter über ihm, winkten 20 Lire. Wenn es nötig gewesen wäre, wäre er bereit gewesen, den ganzen Tag auf dem Baum zu bleiben. Ruhig kletterte er weiter, kam da an, wo der Stamm dünn wurde, holte noch einmal Luft und dann – ein letzter Klimmzug. Die Leute blickten schweigend nach oben. Giovanni streckte die Hand aus, machte den Beutel mit den 20 Liren los und nahm ihn zwischen die Zähne. Dann holte er sich noch eine Wurst und ein Taschentuch und rutschte wieder hinab.

Widerwillen gegen das Betteln

Die 20 Lire, die er sich so von dem Maibaum heruntergeholt hatte, reichten natürlich nicht aus für Chieri, denn er musste Kleidung kaufen, Schuhe und Bücher. Vor allem aber war die monatliche Miete zu zahlen, und die Halbpacht von Sussambrino war keine Goldmine. Er musste also noch etwas unternehmen. Im Oktober sagte Giovanni deshalb zu seiner Mutter: „Wenn Ihr einverstanden seid, nehme ich zwei Beutel und gehe im Ort sammeln.“

Das war hart für ihn, denn es ging gegen sein Selbstwertgefühl. Später einmal sollte Don Bosco der „große Bettler“ des 19. Jahrhunderts werden. Aber immer sollte es ihm gleich schwerfallen, um Unterstützung zu bitten. In diesem Oktober jedoch überwand er erstmals seinen Widerwillen gegen das Betteln.

In Morialdo, einer zu Castelnuovo gehörenden Ansammlung von Weilern und verstreut liegenden Hütten, zog Giovanni von Haus zu Haus, klopfte an die Türen und sagte: „Ich bin der Sohn der Margherita Bosco und gehe nach Chieri, weil ich Priester werden möchte. Meine Mutter ist arm. Wenn Ihr könnt, helft mir doch bitte!“

Alle hier kannten ihn. Sie hatten bei seinen artistischen Vorführungen zugeschaut, seine Wiederholungen der Predigten gehört, und sie hatten ihn gern. Aber nur wenige waren begütert. Die Leute gaben ihm Eier, Mais oder etwas Weizen. Margherita erfuhr, dass Lucia Matta, eine Witwe, im Begriff war, nach Chieri zu ziehen, um ihren Sohn, der dort studierte, zu unterstützen. Deshalb sprach sie mit ihr, und beide kamen überein, dass Giovanni in Chieri bei Frau Matta und ihrem Sohn wohnen könne. Als Pension hatte er 21 Lire im Monat zu zahlen. Margherita konnte nicht alles in bar aufbringen; aber sie verpflichtete sich, Brot und Wein zu liefern, und Giovanni war bereit, im Haus Dienste zu leisten: Wasser holen, Holz hacken, die Wäsche aufhängen …

Auf dem Weg nach Chieri

Am 4. November 1831, einem klaren Herbsttag, ging Giovanni zusammen mit dem gleichaltrigen Giovanni Filippello zu Fuß nach Chieri. Unterwegs vertraute er sich ihm an. Er sprach von seinem Schulbesuch, erzählte, was er bisher erlebt und was er alles versucht hatte. Plötzlich unterbrach ihn Filippello, ein einfacher Junge: „Du gehst erst jetzt ins Kolleg und weißt schon so viel? Du wirst bestimmt bald Pfarrer.“

„Weißt du, was es heißt, Pfarrer zu sein?“, entgegnete Giovanni. „Ein Pfarrer hat schwere Pflichten. Wenn er vom Mittag- oder Abendessen aufsteht, muss er überlegen: ‚Ich habe gegessen, aber sind auch meine Pfarrkinder satt geworden?‘ Was er hat, muss er mit ihnen teilen. Lieber Filippello, ich werde nie ein gewöhnlicher Pfarrer werden, denn ich möchte mein ganzes Leben der Jugend widmen.“

Während die beiden Jungen so ihres Weges gingen und von Hunger und Armut redeten, begann im französischen Lyon, nur 250 Kilometer Luftlinie entfernt, der Aufstand der Seidenarbeiter. Zu Tausenden gingen sie auf die Straße, um gegen die Hungerlöhne und die menschenunwürdigen Arbeitszeiten von täglich 18 Stunden zu demonstrieren. Nach einigen Straßenkämpfen wurde der Aufstand durch Truppen erstickt, welche die französische Regierung schickte. Es waren mehr als 1.000 Opfer zu beklagen. Im darauffolgenden Jahr brach in Paris ein ähnlicher Aufstand aus und forderte 800 Tote. Und im Frühjahr 1834 erhoben die Arbeiter von Lyon und Paris gleichzeitig ihren Schrei: „Durch Arbeit leben oder durch Kampf sterben!“ Erneut wurde ihnen mit Gewehrfeuer geantwortet.

Giovanni Bosco konnte all das damals noch nicht wissen. Nicht einmal eine kurze Notiz in der Tageszeitung, die einer strengen Zensur unterworfen war, drang bis in das Piemont. Von der „Revolution“, die den italienischen Staaten liberale Verfassungen, die Unabhängigkeit von Österreich und letztlich auch die Einheit Italiens bringen sollte, wurde einstweilen nur geflüstert.

Lang und traurig wie die Fastenzeit

Inzwischen war König Carlo Felice I. von Sardinien-Piemont, „der Grausame“, gestorben. Auf den Thron folgte ihm im Alter von 33 Jahren Carlo Alberto. Mit 2,04 Metern war er sehr groß, weshalb die Piemontesen ihn auch „lang und traurig wie die Fastenzeit“ nannten. Um allen zu beweisen, dass er nicht mehr derselbe Prinz war, der 1821 noch die liberale Verfassung unterschrieben hatte, ließ er 1833 in Alessandria sieben und in Genua zwölf Anhänger des republikanischen Revolutionärs Giuseppe Mazzini erschießen. Etwa 70 weitere seiner Gefolgsleute wurden zur Arbeit auf den Galeeren verurteilt. Aber trotz dieser Versuche, den Lauf der Geschichte aufzuhalten, war es im Königreich Sardinien-Piemont und im ganzen restlichen Italien nicht mehr wie früher. Das Bürgertum war jetzt zu einer wirklich bedeutenden Gesellschaftsschicht geworden. Und auch, wenn viele Bürger nicht verstanden, was „demokratische Freiheit“ heißt, so brauchten sie doch die wirtschaftliche Freiheit, um auf der ganzen italienischen Halbinsel einen größeren Wohlstand zu erreichen.

Im Piemont wurden in dieser Zeit Kanäle gebaut, Sümpfe trockengelegt, Wälder gerodet und der Anbau von Maulbeerbäumen, Hanf und Wein gefördert. Auch der Kartoffelanbau wurde vorangetrieben, damit endlich die Hungersnöte in den schrecklichen Dürrejahren aufhörten. Bald merkte man auch, wie notwendig die Erweiterung des Straßennetzes und der Eisenbahnbau waren.

Vor diesem Hintergrund drängte auch das politische Klima nach Veränderung. In Turin veröffentlichte der Schriftsteller Silvio Pellico 1832 „Meine Gefängnisse“ („Le mie prigioni“), ein kleines Buch über seine Haftzeit in österreichischen Kerkern, das Italien aufrüttelte und sein Denken veränderte. Österreich, zu dem damals, wie erwähnt, noch große Teile Norditaliens gehörten und das bis dahin als Schutzmacht der althergebrachten monarchischen Ordnung galt, wurde in dieser Schrift schwer angegriffen. Die nationale Einigungsbewegung, die vor allem von Norditalien ausging, sah daher in Österreich ihren Hauptfeind. Für die Habsburger Monarchie wiederum war es schwer einzusehen, warum sie diesen letzten Teil ihres angestammten Besitzes in Italien aufgeben sollte.

Giovanni wird Priester
Jugendjahre in Chieri

Chieri ist eine Kleinstadt, zehn Kilometer von Turin entfernt, und erstreckt sich auf einem der Hauptstadt gegenüberliegenden Hügel. Als Giovanni dort hinkam, zählte Chieri 9.000 Einwohner und war eine Stadt der Klöster, Weber, Gymnasiasten und Studenten. Die Schüler und Studenten kamen aus allen Teilen Piemonts und der Gegend von Asti. Sie führten ein armseliges Leben. Die Kurse mussten sie zwar nur zur Hälfte zahlen, aber es gab keine Studienbehilfen. Um die Kosten für die Miete aufzubringen, mussten viele sehr große Mühen auf sich nehmen. Dringend suchten sie daher Arbeit für die unterrichtsfreie Zeit: Halbtagsschreibarbeiten, Saubermachen bei den Wohlhabenden oder das Putzen von Pferden und Fuhrwerken. Um zu sparen, heizten die Gymnasiasten auch im Winter immer wieder ihre Öfen nicht an und lernten dann in schwere Decken gewickelt und mit den Füßen in Holzpantoffeln.

Die gleiche ärmliche Situation erwartete nun auch Giovanni. „Meine Unterkunft“, schrieb Don Bosco später, „befand sich im Haus von Lucia Matta, einer Witwe mit ihrem einzigen Sohn. Sie war in die Stadt gezogen, um ihm besser beistehen zu können.“

Margherita, die nur wenig später als Giovanni in Chieri eintraf, ging mit ihm zu Frau Matta. Ein Bekannter hatte ihr mit seinem kleinen Wagen zwei Säcke Getreide dorthin transportiert. „Hier ist mein Sohn“, sagte sie, „und hier ist die ,Pension‘. Ich habe meinen Teil geleistet, und mein Sohn wird den seinen dazu beitragen. Ich hoffe, Ihr seid mit ihm zufrieden.“

Margherita kam in der folgenden Zeit ab und zu nach Chieri und erkundigte sich bei Frau Matta über Giovanni. Die Vermieterin teilte ihr nur erfreuliche Nachrichten mit. Giovanni verrichtete einen Teil der Hausarbeit, war fromm und fleißig und half Frau Mattas Sohn beim Lernen, obwohl dieser einige Jahre älter war als er. Er suchte jede Möglichkeit, zu seinem eigenen Unterhalt beizutragen, und verdiente sich so manchen Soldo bei einem bekannten Schreiner hinzu, bei dem er Hobel, Stechbeitel und Raspel zu handhaben lernte.

Ein Riese inmitten der Kleinen

„Die erste Person, die ich kennenlernte“, so erinnert sich Don Bosco, „war Don Placido Valimberti. Er gab mir gute Ratschläge, führte mich zum Präfekten der Schule und stellte mich den Lehrern vor. Was ich bisher gelernt hatte, war von allem etwas und hatte fast keine Systematik. Daher wurde mir geraten, in die sechste Klasse zu gehen. Der Lehrer, Pater Valeriano Pugnetti, war sehr gut zu mir. Er achtete in der Schule auf mich, lud mich zu sich nach Hause ein und schätzte meinen guten Willen. Er ließ es an nichts fehlen, was mir helfen konnte. Mein Alter von bereits 16 Jahren und meine Statur ließen mich zwischen meinen kleinen Klassenkameraden wie ein Riese erscheinen. Don Pugnetti war darum bemüht, mich bald aus dieser Lage zu befreien. So wurde ich nach zwei Monaten zur Prüfung zugelassen und kam in die siebte Klasse.

Ich ging gern in diese neue Klasse, denn ich mochte den Lehrer dort. Es war Don Valimberti. Nach zwei weiteren Monaten war ich Klassenbester und wurde ausnahmsweise zu einem weiteren Examen zugelassen. So kam ich in die achte Klasse, die Don Vincenzo Cima leitete. Er achtete streng auf Disziplin. Als er sah, dass ich mit meiner Körpergröße mitten im Schuljahr in seine Klasse kam, sagte er vor allen scherzend: ,Der ist entweder ein großer Dummkopf oder ein großes Talent.‘

Verblüfft antwortete ich: ,Die Wahrheit liegt ungefähr in der Mitte. Ich bin ein armer Junge, der guten Willen hat, seine Pflicht zu tun und in der Schule voranzukommen.‘ Diese Antwort gefiel ihm, und mit ungewöhnlicher Freundlichkeit sagte er: ,Wenn Ihr guten Willen habt, seid Ihr in guten Händen. Ich werde Euch nicht unbeschäftigt lassen. Habt nur Mut! Wenn Ihr Schwierigkeiten habt, dann sagt es mir, ich werde Euch dann sofort helfen.‘ Ich dankte ihm herzlich.“

Ein phänomenales Gedächtnis

„Ich war etwa zwei Monate in dieser Klasse,“ so berichtet uns Don Bosco später, „als ein kleines Missgeschick passierte. Der Lateinlehrer erklärte uns gerade das Leben des Agesilaos, geschrieben von Cornelius Nepos. An diesem Tag hatte ich mein Buch vergessen. Damit der Lehrer es nicht bemerkte, hatte ich die Grammatik vor mir aufgeschlagen. Die Mitschüler sahen es, und einer stieß seine Nachbarn mit dem Ellbogen an, während ein anderer lachte.

,Was gibts?‘, fragte Professor Cima. Und weil er sah, dass viele zu mir herschauten, befahl er mir, den Text des Cornelius Nepos vorzulesen und seine Erklärungen zu wiederholen. Ich stand auf, hielt die Grammatik in Händen und wiederholte den lateinischen Text und die Erklärungen aus dem Gedächtnis. Die Schulkameraden klatschten unwillkürlich.

Der Professor aber wurde wütend. Es sei das erste Mal, so schrie er, dass es ihm nicht gelänge, die Disziplin aufrechtzuerhalten. Dann holte er aus und wollte mir eine Ohrfeige geben, aber ich konnte ausweichen. Nun ließ er sich, die Hand auf meine Grammatik gestützt, von meinen Nachbarn die Ursache für diese ,Unordnung‘ erklären: ,Bosco hat den Cornelius Nepos gar nicht bei sich. Er hat nur die Grammatik, und doch hat er gelesen und erklärt, als ob er ihn in der Hand gehabt hätte.‘

Jetzt schaute der Professor das Buch an, auf das er seine Hand gestützt hatte, und wollte, dass ich noch zwei weitere Abschnitte ,vorläse‘. Dann sagte er: ,Ich verzeihe Euch wegen Eures guten Gedächtnisses. Ihr könnt froh sein, aber nützt es immer zum Guten!‘“

Sein ungeheures Gedächtnis hatte Giovanni ja, wie gesagt, schon Don Calosso bewiesen. Aber hier in Chieri geschahen noch andere Dinge. Eines Nachts träumte er seine Schulaufgabe. Sofort nach dem Erwachen schrieb er den Teil auf, an den er sich am besten erinnerte, und übersetzte ihn mithilfe eines befreundeten Priesters. In der Klasse diktierte der Professor dann tatsächlich diesen Teil. Giovanni konnte die Arbeit in kürzester Zeit abliefern.

Das passierte ihm noch ein zweites Mal, diesmal gab es jedoch Komplikationen. Giovanni lieferte seine Arbeit sehr schnell ab, zu schnell. Der Professor las sie, schaute dann den Entwurf an und fiel aus allen Wolken. Auf den Blättern stand auch das, was er eigentlich hatte dazunehmen wollen, im letzten Augenblick aber ausgelassen hatte, weil es ihm als zu lang erschienen war. „Woher hast du das genommen?“, fragte er. „Ich habe es geträumt“, antwortete Giovanni.

Ein Traum ist im Allgemeinen nur ein unbedeutendes Ereignis im Leben eines Menschen. Bei Giovanni Bosco aber hatte das Träumen, wie erwähnt, bereits eine große Bedeutung erhalten. Und je mehr Jahre vergingen, desto bedeutsamer wurden Träume für ihn. Das ist eine der Tatsachen, denen man schon damals verblüfft gegenüberstand und auch heute noch gegenübersteht. Wer Don Bosco später in Turin-Valdocco in aller Ruhe sagen hörte: „Ich habe geträumt“, der spitzte deshalb die Ohren. Denn im Traum erkannte dieser eigenartige Priester die Sünden seiner Jungen, sah den Tod von Königen voraus und prophezeite die glänzende Karriere eines seiner Jugendlichen, der vielleicht gerade beim Kegeln war.

Der Klub der Fröhlichen

„Während der ersten vier Klassen“, schrieb Don Bosco später, „habe ich aus eigener Erfahrung lernen müssen, wie man seine Kameraden behandelt. Trotz des streng christlichen Lebens, das uns von der Schule auferlegt wurde (jeder musste sogar eine Bescheinigung für die monatliche Beichte vorlegen), gab es unter den Schülern auch solche, die nichts taugten. Einer war so unverschämt, dass er mich aufforderte, meiner Hausherrin einen Wert­gegenstand zu stehlen.“

Anfangs mied Giovanni solche Mitschüler, weil er nicht wollte, dass es ihm erginge wie der Maus in den Pfoten der Katze. Bald aber versetzten ihn seine schulischen Leistungen in die Lage, andere Beziehungen aufzubauen, denn er genoss hohes Ansehen. Warum sollte er das nicht nützen, um seinen Schulkameraden Gutes zu tun?

„Die Kameraden, die mich zu unrechtem Tun anstiften wollten, waren die, die das Lernen am meisten vernachlässigten. Nun begannen sie, sich an mich zu wenden, damit ich ihnen bei ihren Aufgaben helfe. Ich half ihnen, übertrieb es dabei sogar und reichte ihnen unter der Bank vollständige Übersetzungen durch.“ Bei der Abschlussprüfung im Jahr 1833 wurde er übrigens dabei ertappt und konnte sich nur dank der Freundschaft eines Professors retten, der ihn die Übersetzung wiederholen ließ. „Damit gewann ich das Wohlwollen und die Zuneigung meiner Kameraden. Sie fingen an, mich in der Freizeit aufzusuchen, damit ich ihnen bei der Hausaufgabe helfe, später, um zu hören, was ich gerade erzählte, und zuletzt auch ohne konkreten Grund.“

Da die Klassenkameraden diese Gemeinschaft als etwas Schönes erlebten, bildeten sie schließlich eine Art Verein, den Giovanni den „Klub der Fröhlichen“ taufte. Er gab ihm sogar eine einfache Regel, und zwar:

1. Keine Tat, kein Gespräch, dessen sich ein Christ schämen muss

2. Erfüllung der schulischen und religiösen Pflichten

3. Fröhlich sein

Diese Fröhlichkeit sollte später einmal zu einer geradezu fixen Idee Don Boscos werden. Domenico Savio, sein späterer Lieblingsschüler in Turin-Valdocco, sollte dazu sogar bemerken: „Die Heiligkeit besteht bei uns im echten Fröhlichsein. Wir versuchen, die Sünde zu meiden, die dem Herzen die Freude raubt. Für Don Bosco ist die Freude eine tiefe Ergriffenheit, die aus dem Wissen hervorgeht, dass wir in den Händen Gottes sind, also in wirklich guten Händen. Fröhlichkeit ist zwar ein armseliges Wort, mit dem man aber einen hohen Wert bezeichnen kann: die christliche Hoffnung.“ Und Don Bosco selbst berichtete über die Zeit in Chieri: „Ich bin 1832 unter meinen Kameraden so etwas wie der Hauptmann eines kleinen Heeres geworden.“

Unter der Führung dieses „Hauptmanns“ spielten sie mit Steinen und Hölzern, sprangen und liefen. Es waren lebhafte und lustige Spiele. Wenn alle müde waren, führte Giovanni ihnen an einem Tischchen, das im Gras stand, Zauberkunststücke vor: „Ich schüttete aus einem kleinen Becher hundert bunte Bälle, holte aus einer leeren Dose Dutzende von Eiern heraus, sammelte kleine Bällchen von der Nasenspitze der Zuschauer und erriet, wie viel Geld die anderen in der Tasche hatten. Durch bloßes Berühren mit dem Finger ließ ich Münzen zu Staub zerfallen.“ Und weiter: „An allen Sonn- und Feiertagen gingen wir in die Antoniuskirche, wo die Jesuiten einen großartigen Religionsunterricht erteilten, bei dem sie uns beispielhafte Geschichten erzählten, von denen ich sogar heute noch einige weiß.“

Ein Wettkampf mit dem Akrobaten

Eines Sonntags jedoch kamen nur wenige seiner Kameraden in die Antoniuskirche. Der Grund: In der Stadt hielt sich ein Akrobat auf, der am Sonntagnachmittag eine Vorstellung gab und dabei die sportlichsten unter den Jugendlichen zum Wettrennen und -springen herausforderte. Die Leute liefen natürlich bei ihm zusammen. Giovanni war verärgert, dass seine Freunde ihn deswegen versetzt hatten, und ging hin, um herauszufinden, was es dort Besonderes zu sehen gab. Dieser Mann war wirklich ein Athlet. Er rannte und sprang, wie wenn er von einem Motor angetrieben wäre. Und dabei beabsichtigte er auch noch, sich längere Zeit in der Stadt aufzuhalten.

Giovanni versammelte daraufhin die besten seiner Kameraden: „Wenn dieser Mann jeden Sonntagnachmittag eine Vorführung macht, dann wird sich unser Klub bald auflösen. Einer von denen, die er herausfordert, müsste ihn besiegen. Dabei sollte man dann eine Abmachung treffen.“ „Und wer sollte das machen?“, fragten seine Kameraden. „Irgendjemand wird sich schon finden. Und selbst, wenn er verliert, geht die Welt nicht gleich unter. Beim Laufen zum Beispiel glaube ich, dass ich nicht schlechter bin als er.“ Giovanni war damals 17 Jahre alt und fühlte sich stark; aber in seinen „Erinnerungen“ fügte er später hinzu: „Ich habe damals die Folgen meiner Worte nicht bedacht. Ein unkluger Kamerad steckte meinen Plan dem Akrobaten, und dieser forderte mich heraus: ,Ein Gymnasiast gegen einen Berufsathleten!‘“

Der Ort, der für den Wettkampf gewählt wurde, war die Porta-Torinese-Allee. Es ging darum, auf dieser Straße um die Wette durch die Stadt zu laufen. Der Einsatz betrug 20 Lire, also die Miete für einen ganzen Monat! Giovanni selbst hatte nicht so viel Geld, aber die Freunde aus dem Klub brachten es auf. „Eine Menge Leute stand dabei“, erinnerte sich Don Bosco später. Am Start lief der Athlet gleich zehn Meter Vorsprung heraus, denn er war ein Sprinter, während Giovanni ein Mittelstreckenläufer war. „Schnell holte ich aber den Vorsprung auf“, so Don Bosco, „und ließ ihn dann so weit hinter mir, dass er in der Mitte der Strecke anhielt und sich geschlagen gab.“

Der Wettkampf hätte damit eigentlich zu Ende sein müssen, aber der Athlet wollte sich nicht mit seiner Niederlage abfinden, und es war eine Ehrensache, ihm die Möglichkeit für eine Revanche zu geben. „Ich fordere dich zum Weitsprung heraus“, sagte er. „Aber ich will 40 Lire einsetzen – die Wette gilt.“ Den Ort wählte er. Es galt, über einen kleinen Wassergraben zu springen, dessen Ufer mit einer Brüstung befestigt war. Der Akrobat setzte also zum Sprung an und landete mit den Füßen dicht neben der Brüstung. „Weiter konnte man einfach nicht kommen“, berichtet Don Bosco. „Ich konnte nur noch verlieren. Trotzdem versuchte ich ein Experiment. Ich machte denselben Sprung, stützte aber die Hände auf der Brüstung ab und konnte so mit den Füßen hinüberfliegen. Es war eine Art primitiver ‚Stabhochsprung‘ aber immerhin, ich gewann.

Der Akrobat war ärgerlich, wegen des Geldes, aber auch wegen der Leute, die bereits anfingen, ihn aufzuziehen. ,Ich will dich noch einmal herausfordern‘, sagte er. ,Wähle eine Geschicklichkeitsübung.‘ Ich nahm die Herausforderung an und wählte den Zauberstab. Die Wettsumme stieg auf 80 Lire. Ich nahm also den Stab senkrecht und setzte auf seine Spitze einen Hut. Das untere Ende stützte ich auf die Handfläche. Ich ließ den Stab auf den kleinen Finger hüpfen, dann auf den Ringfinger, den Mittelfinger, den Zeigefinger und den Daumen; von da aus auf den Handrücken, den Ellbogen, die Schulter, das Kinn, die Lippen, auf die Nase und die Stirn. Dann ließ ich ihn denselben Weg zurück machen, bis auf die Handfläche. ,Diesmal verliere ich nicht‘, sagte der Akrobat sicher. Er nahm denselben Stab, und es gelang ihm ohne Schwierigkeiten, ihn bis zu den Lippen wandern zu lassen. Aber seine Nase war zu lang. Der Stab stieß daran an, und er musste ihn mit der Hand ergreifen, sonst wäre er heruntergefallen.“

An diesem Punkt angelangt, empfand Giovanni Mitleid mit ihm; denn im Grunde war er ein Könner. Don Bosco berichtet weiter: „Der Ärmste sah sein ganzes Geld dahinschwinden und rief wütend: ,Ich habe noch 100 Francs, und die wette ich für eine Kletterpartie. Wer der Baumspitze mit den Füßen am nächsten kommt – dabei zeigte er auf eine Ulme an der Straße –, der gewinnt.‘ Ich nahm die Wette an und wäre in gewisser Hinsicht froh gewesen, wenn er gewonnen hätte. Wir wollten ihn ja nicht ruinieren. Als Erster musste er hinauf. Er kletterte und brachte die Füße ganz hoch hinauf.

Wäre er noch ein kleines bisschen höher gestiegen, dann hätte sich der Baum geneigt und er wäre abgestürzt. Alle Zuschauer sagten, dass es unmöglich sei, noch weiter hinaufzusteigen. Jetzt war ich an der Reihe. Ich kletterte bis genau zu der Stelle, die er erreicht hatte. Dann hielt ich mich am Stamm fest und stemmte meinen Körper hoch, sodass ich mit den Füßen etwa einen Meter über diese Stelle kam.

Unten brach der Applaus los. Meine Freunde umarmten sich und sprangen vor Freude umher. Der Besiegte hingegen war sehr traurig, und es war ihm zum Weinen zumute. Nun haben wir ihm das Geld zurückgegeben, mit der Bedingung, dass er uns im Gasthaus Muletto ein Essen bezahle.“ In seinen „Erinnerungen“ merkte Don Bosco an, wie viel das gemeinsame Mahl kostete: Es waren 25 Lire. Was sich der Akrobat am Ende in die Tasche stecken konnte, waren also 215 Lire. Don Bosco führte auch an, was dieser zu den Jungen sagte, nachdem er den Platz geräumt hatte: „Mit der Rückgabe des Geldes verhindert ihr meinen Ruin. Ich danke euch. Ich werde gern an euch denken, aber nie wieder werde ich gegen einen Gymnasiasten antreten.“ Aus dieser Herausforderung ging Giovannis Klub also gestärkt hervor.

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