Читать книгу: «Leichen, die auf Kühe starren»

Шрифт:

Tatjana Kruse

Leichen, die auf

Kühe starren

Ein rabenschwarzer Alpenkrimi

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Prolog: Nicht lesen bei Herz-Kreislauf-Schwäche, Risikoschwangerschaft oder Minderjährigkeit!

In der Nacht vor Tag 1

Vitzliputzli singt nicht

Tag 1

Man soll den Tag nicht vor dem Kaffee loben

Lass das mal den Fachmann machen(Gilt für alle Handwerksberufe, auch für Mörder)

Die Reichen, die Schönen und die Toten

Mach dich nackich!

Wer foltert hier wen?

Kurz vor Feierabend fühlt man sich ja gern mal überarbeitet, aber unteralkoholisiert …

Schildkrötentollwut – es kann uns alle treffen!

Heute kein Pofett für in die Lippen, Herr Doktor ist indisponiert!

Käse reift, Cognac reift, Pläne reifen … nicht alles riecht am Ende gut

Wer Wind sät, wird Schaum ernten

Die SoKo Kitzbühel ermittelt … nicht!

Wo war gleich nochmal der Schalter für das innere Feuer?

Gestehen Sie!

Tag 2

Gestatten, der weibliche Bond – kurz 0011

Auch der Tod braucht mal Urlaub

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Der Gefahr tollkühn ins Auge geblickt

Der Mensch plant, Gott lacht

Es rappelt in der Rumpelkiste

Überraschungseier für Erwachsene

Zitterdibibberdibuu – und raus bist du!(Zählreim)

Frauen an die Macht

Machen ist wie wollen – nur anstrengender und klappt eh nie

Mein Gott, er ist es!

Tag 3

WG wider Willen

Dr. Juhász auf der Flucht

In der Höhle der Löwin

Rosen sind rotVeilchen sind blauKarate-Omas sind grün

Unverhofft beißt oft

The Walking Dead

Reich mir die Hand, mein Leben(Don Giovanni)

Alles Gute kommt von oben. Heißt es. Ist aber gelogen. Und das betrifft nicht nur Vogelkot …

Fröschls Ragnarök

Adrenalinkicks – sollten mit einer Liste der Risiken und Nebenwirkungen kommen

Die Nacht nach Tag 3

Gottes Mühlen mahlen langsam

Mission: Mond!

Kitzbühel-Apokalypse!

Karma is a bitch

Tag 4 und alle Tage danach

Pressekonferenz, Landeskriminalamt Innsbruck

Direktionsbüro Marchwardushof

Schnipp, schnapp, weg

Zwei Schränke, die eigentlich Scouts sind

Ein Mann ohne Bart ist wie ein Brot ohne Kruste

Was in Kitzbühel passiert, bleibt in Kitzbühel

Der Spion, der mich liebte

Wer Tiere mag, kann durchaus ein schlechter Mensch sein. Wen Tiere mögen, der kann kein ganz schlechter Mensch sein.

Aber – Moment mal – was ist mit den Leichen?

Leichen, die auf Kühe starren …

Danksagungen

Wer war gleich nochmal …?

Tatjana Kruse

Zur Autorin

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Dieser Roman spielt zwar in einer realen Stadt, aber alle Personen sind frei erfunden und der Plot ist fiktiv. Auch den Marchwardushof gibt es nicht. Allerdings mümmelt irgendwo da draußen tatsächlich eine Kuh namens Barbarella und leistet ihren Beitrag zur Erhaltung der Tiroler Almlandschaft. Darum eine Bitte: Weidevieh nie erschrecken und Hunde beim Passieren immer an der Leine führen. Ganz wichtig: Weideflächen mit Kühen drauf nicht durchqueren. Sie wollen ja auch nicht, dass eine Kakerlake durch Ihren Salat marschiert …

Kühe, Kühe, Kühe …

Für Bettina Laber

Kitzbühel.

Ein Ortsname wie ein Versprechen,

mit rauchiger Stimme gehaucht.

Kitzbühel.

Mythos, Legende, Märchenwinkel.

Aber der mondäne Ruf ist das eine. Wie eine schöne Frau mit glamourösem Make-up.

Die Wirklichkeit ist das andere.

Also, nicht völlig anders. Nur eben in der Alltagsversion. Quasi dieselbe Frau, aber ungeschminkt. Das echte Kitzbühel. Meistens ganz normal.

Mit all seinem Licht.

Aber – wie überall – auch mit ein bisschen Schatten.

Die dunkle Seite der Macht …

Ja, das Böse gibt es auch im bezaubernden Kitzbühel.

Können Sie es röcheln hören?

Prolog
Nicht lesen bei Herz-Kreislauf-Schwäche, Risikoschwangerschaft oder Minderjährigkeit!

Eine menschliche Leiche in sechs Teile zu zersägen, ist mathematisch nicht weiter schwer: Kopf, zwei Arme, zwei Beine, ein Torso.

Wahlweise lassen sich Arme und Beine noch weiter zerteilen, das muss aber nicht sein.

Und Kopf und Torso in noch kleinere Teile zu zerlegen, ist nur was für echt Zwangsgestörte.

Aber selbst in der Grundvariante – wie gesagt: Kopf, Arme, Beine, Torso – kann man umsetzungstechnisch durchaus auf Probleme stoßen. Wenn man das Sägen nicht gewöhnt ist. Also, diese ganz spezielle Art des Sägens. Des Durchsägens von Menschenknochen.

Das fängt schon mit der Ausrüstung an: Zwischen der Laubsäge für den schulischen Handwerksunterricht und einer professionellen Hochleistungs-Kettensäge aus dem Försterei-Fachbedarf gibt es eine große Auswahl an Sägen für Arbeiten aller Art, aber bedauerlicherweise steht nirgends dabei: Besonders geeignet für menschliche Knochen.

Diese Säge hier war es eindeutig nicht. Zumal es auch nichts gab, um den Knochen zu fixieren. Das war die Krux, wenn man kein Heimwerker war – entscheidend wichtige Dinge wie die Fixierung fielen einem erst ein, wenn man beim Sägen feststellte, dass man ohne eine solche wie die Göttin Kali acht Arme bräuchte, um das Bein festzuhalten, während man sägte, weil es nämlich ständig wegglitschte.

Mit zwei Armen funktionierte es jedenfalls nicht gut. Man konnte sich den Bär sägen, aber durch den Oberschenkel kam man einfach nicht durch.

Obwohl, durch das Fleisch schon. Machte eine Riesensauerei und roch auch nicht gut. Nur der Knochen wehrte sich. Als ob sich der Tote noch im Tod absichtlich querstellte.

Fürs nächste Mal musste definitiv eine Anleitung her. Sowas wie eine Heimwerker-Bibel. Oder ein YouTube-Tutorial.

Und womöglich wäre die Flex-Säbelsäge mit Pendelhub und Quick-Change-Sägeblattwechsel trotz des nachgerade unsittlich hohen Preises doch die bessere Wahl gewesen, aber diese Erkenntnis kam nun zu spät.

Also hieß es: Weitersägen!

Irgendwann musste dieser vermaledeite Knochen einfach nachgeben, wäre doch gelacht!

In der Nacht vor Tag 1
Vitzliputzli singt nicht

„Scheiße!“ Beppi vergoss vor Schreck den kochend heißen Chai Latte aus seinem Thermosbecher. Sein Schritt dampfte.

Die Reifen quietschten, als der himmelblaue Kleinbus mit den aufgemalten Flügeln abrupt stehenblieb. Es roch nach verbranntem Gummi. Und nach zu heiß gewaschenem Jeansstoff.

Auch die vier anderen Männerkehlen im Innern des Wagens, die eben noch lauthals gesungen hatten, verstummten schlagartig. Nur Hansi Hinterseer sang fröhlich weiter „… Viva oh Viva Tirol. Viva oh Viva Tirol. Lederhosen, Dirndl, Hände an den Po …“. Denn er sang ja vom CD-Player und konnte die Erscheinung ergo nicht sehen.

Im dunstigen Licht der Scheinwerfer war im Nebel der Nacht schlagartig eine Frau aufgetaucht. Sie stand mitten auf der Landstraße. In einem roten, hautengen Lederoverall und kniehohen roten Stiefeln mit Pfennigabsätzen. In der Linken hielt sie eine übergroße, ausgebeulte Gobelintasche. Die Rechte streckte sie ihnen wie ein lebendes Stop-Zeichen entgegen.

Reglos stand sie da. Eine geisterhafte Erscheinung. Wobei Geister in der Regel weiße Kutten und rasselnde Ketten trugen, kein sexy dominataugliches Lederoutfit.

Rudi, Manni, Beppi, Hansi (nicht der Hinterseer) und Karl-Heinz starrten durch die Windschutzscheibe ungläubig nach draußen.

„Es ist halb zwei in der Nacht“, sagte Karl-Heinz fassungslos. Als hätte er noch nie eine freilaufende Frau nach Mitternacht gesehen.

Wobei man ihm zugutehalten musste, dass es in ihm natürlich dachte, hier – mitten im Tiroler Nirgendwo – klappe man geschlechterübergreifend bei Anbruch der Dunkelheit die Bürgersteige hoch, Fuchs und Hase riefen sich ein „Pfüatdi“ zu, und danach seien allenfalls noch Zitherklänge hinter zugeklappten Fensterläden zu hören. Hier zitherte allerdings niemand, weil unbewohntes Terrain. Wäre es nicht zappenduster gewesen, hätte man sehen können, dass sich links und rechts steile Hänge in die Höhe zogen, mehr oder weniger bewaldet, aber definitiv ohne Häuser oder Hütten. Und da weit und breit kein fahrbarer Untersatz auszumachen war, war Beppis Fassungslosigkeit durchaus verständlich. Wie kam die Frau hierher?

Beppi pustete wieder in seinen Schritt.

„Ein Geist!“, hauchte Hansi in tremolierendem Bariton. Sie nannten ihn alle nur Nicht-der-Hinterseer. Außer sie hatten es eilig, dann nannten sie ihn Hansi, weil er halt so hieß. Verwechslungen mit dem echten Hansi hätte es so oder so nie gegeben, weil der falsche Hansi nämlich ein ganz dunkler Typ war. Nicht charakterlich, aber äußerlich.

„Mach dich nicht nass“, erklärte Rudi. „Geister spuken in alten Gemäuern, nicht auf Landstraßen.“

„Ja, aber die Toten der Verkehrsunfälle?“, hielt Manni dagegen. Hatten sie nicht gerade eben ein Kreuz mit einem Blumenstrauß davor gesehen? Hieß es nicht immer, dass Menschen, die den Tod nicht kommen sahen, weil alles so schnell ging, dazu verdammt waren, so lange am Ort ihres Dahinscheidens herumzuspuken, bis sie sich mit ihrem unverhofften Ableben abgefunden hatten? Was dauern konnte. Jahre. Jahrhunderte. Leute, die von einem Ochsenkarren umgenietet worden waren, spukten womöglich immer noch Seite an Seite mit den Opfern von Pferdekutschen und SUVs. Zumindest hatte Mannis Oma das immer gesagt. Laut seiner Großmutter waren die Landstraßen und Autobahnen dieser Welt von Geistern förmlich gesäumt. Eine Bordüre aus lauter Verblichenen.

Manni schluckte schwer.

„Oder sie ist die Ziege, mit der man den T-Rex ködert“, mutmaßte Beppi, der seinen Schritt wieder auf Normaltemperatur gepustet hatte.

„Dinosaurier sind ausgestorben!“, erklärte Karl-Heinz.

Karl-Heinz war ein Idiot. Grundsätzlich, aber auch, weil er nie Jurassic Park gesehen hatte. Er bevorzugte Fassbinder- und Lars-von-Trier-Filme.

Die Unterstellung, er wisse nicht, dass es keine T-Rexe mehr gab, fraß an Beppi. „Das weiß ich! Ich meinte, eine Diebesbande will uns mit ihr als Lockvogel aus dem Wagen herauslocken und uns dann umnieten und ausrauben.“

Manni presste sich die Nase an der Seitenscheibe platt und lugte in den finsteren Wald. „Ich sehe nichts.“

Rudi versetzte ihm eine Kopfnuss.

„Die steht da wie eine Salzsäule“, konstatierte Nicht-der-Hinterseer. „Ob die überhaupt echt ist?“

Das stimmte. Die Frau schien nicht einmal zu blinzeln.

Die fünf Männer – allesamt Mitglieder des Hinterseer-Fanclubs Rosengarten-Uttenhofen e. V. – beugten sich jetzt gemeinschaftlich nach vorn. In einer fließenden Bewegung. Wie Synchronschwimmer. Sie atmeten so heftig aus, dass die Windschutzscheibe beschlug. Karl-Heinz, der am Steuer saß, zog den Duschabzieher aus dem Ablagefach in der Fahrertür und sorgte für klaren Durchblick. Er betrachtete sich als Mann der Tat.

Doch auch bei nunmehr bester Fernsicht schien die Frau starr wie eine Marmorstatue. Einem unbewussten Lemming-Reflex folgend reckten die fünf Männer unisono ihre Köpfe noch weiter nach vorn.

Was jetzt auch die Frau tat. Ein unbeteiligter Dritter (rein rechnerisch ein unbeteiligter Siebter) hätte mutmaßen können, dass sie sich über die Männer lustig machte.

„Huch, sie lebt!“, entfleuchte es Manni. Die Männer zogen ihre Köpfe wieder ein.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Beppi.

Sie waren alle fünf gestandene Kerle. Angesehene Bürger ihrer süddeutschen Heimatgemeinde. Beppi und Manni arbeiteten in der Stadtverwaltung, Rudi leitete ein Versicherungsfilialenbüro, Nicht-der-Hinterseer war Schlosser, und Karl-Heinz, das ergab sich fast zwangsläufig aus dem Bindestrich in seinem Namen und dem Duschabzieher in der Fahrertür (den er mitgebracht hatte), war Lehrer. Für Französisch und Mathematik.

Und natürlich war es Karl-Heinz, der sagte: „Wir fragen sie, ob sie Hilfe braucht.“ Er löste den Sicherheitsgurt, ruckelte seine Baskenmütze gerade und stieg aus.

Die anderen sahen ihm nach.

Karl-Heinz war mitnichten ihr Anführer. Sie hatten keine Numero uno in ihrer Truppe. Sie waren einfach fünf Männer, die eine Leidenschaft teilten – die Leidenschaft für Hansi Hinterseer. Also nicht für den Mann per se, sondern für das, wofür er stand: Musik, die ins Blut und ins Herz und in die Schunkel-Muskulatur ging. Leichtigkeit, Lässigkeit, lockere Männlichkeit. So wollten sie alle sein. Aber weil man bei Hinterseer-Fans an völlig enthemmte Matronen dachte – wie beispielsweise die Frau in dem YouTube-Video, die während einer Show von Hansi auf die Bühne sprang und mit ihm tanzte und einfach nicht wieder gehen wollte und von einem Ordner weggeführt werden musste –, also weil man gemeinhin Hinterseer-Fans nicht mit echten Kerlen assoziierte, war ihr Fanclub sowas wie ein Männergeheimbund, von dem niemand etwas wusste. Nicht die Ehefrauen von Rudi, Manni und Beppi und auch nicht die Mama von Nicht-der-Hinterseer. Karl-Heinz war Single. Man durfte aber davon ausgehen, dass seine beiden Wellensittiche aufgrund täglicher Beschallung durchaus eine Ahnung von seiner heimlichen Liebe hatten. Glücklicherweise hatte er ihnen nie das Sprechen beigebracht, und somit konnten die Federträger es auch nicht ausplaudern – beispielsweise gegenüber der Nachbarin von Karl-Heinz, die sich während seiner Abwesenheit um Amore und Mio kümmerte und sie mit Körnerfutter und Frischwasser versorgte. Ja, Karl-Heinz hatte seine Sittiche nach einem Hit von Hansi Hinterseer benannt. Und ja, das Geheimnis von Manni, Rudi, Beppi, Nicht-der-Hinterseer und Karl-Heinz war zu 99 Prozent sicher. Das einprozentige Restrisiko hatte einen Namen. Es hieß Manni. Weil der immer erst redete, bevor er dachte. Sehr oft dachte er auch einfach nicht.

„Sollten wir nicht auch aussteigen und dem Karl-Heinz Rückendeckung geben?“, fragte Rudi.

Manni, der viel zu früh viel zu viele Hollywoodhorrorfilme gesehen hatte, betätigte die Zentralverriegelung. „Nee, der Karl-Heinz macht das schon.“

Sie sahen zu, wie sich Karl-Heinz der Erscheinung näherte.

Eigentlich waren die fünf auf einer Pilgerfahrt nach Kitzbühel. In der Hoffnung, Hansi Hinterseer zu begegnen. Und um etwas zu erledigen. Etwas Großes. Eine Mission Impossible. Sie fühlten sich alle ein bisschen wie Tom Cruise, der das Unmögliche möglich machte, ohne dass dabei seine Föhnwelle auch nur ein einziges Mal verrutschte.

Sie hatten sich den Kleinbus von Beppis Frau Gabi ausgeborgt, die ihr Geld als mobile „Frisöse und Maniköse“ verdiente. Beppis Worte. Deswegen auch die Flügel auf dem himmelblauen Wagen – weil Gabi „ein Engel war, der Schönheit und Wohlbefinden selbst in die entlegensten Ortschaften brachte, sowie zu Frauen und Männern und Nicht-Binären, die aufgrund von Einschränkungen das Haus nicht verlassen konnten und dennoch nach Ästhetik lechzten“. Gabis Worte.

Dummerweise hatte Gabi kein GPS in ihrem mobilen Schönheitsstudio, nur auf ihrem Handy. Und die Handys der Männer waren – wie immer gegen Monatsende – wegen des vielen Streamens schon an ihrer Volumengrenze. So hatten sie sich nach der letzten Pinkelpause mit Fahrerwechsel verfranzt, einen großzügigen, unbeabsichtigten Schlenker durch das wunderschöne Tirol gemacht und waren nun hier gelandet. Im nebligen Nirgendwo. Aber egal. Alle Wege führen nach Rom. Respektive Kitzbühel.

Karl-Heinz, den sie nur von hinten sahen, schien etwas zu sagen. Der Kopf mit der Baskenmütze wackelte jedenfalls.

Manni war felsenfest davon überzeugt, dass die Frau in Rot ihrem Kumpel Karl-Heinz gleich den Kopf abbeißen würde. Nervös nestelte er an seinem Kragen. „Warum dauert das so lange?“

Rudi, Beppi und Nicht-der-Hinterseer teilten Mannis Angst zwar nicht, aber auch ihnen war klar, dass „die Weibchen der Spezies“ sehr viel gefährlicher waren als die Männchen.

Immerhin bewegte sich die Erscheinung jetzt. Sie zeigte in den Nebel.

Karl-Heinz verschwand kurz aus ihrem Sichtfeld, dann tauchte er wieder auf, und zwar rücklings. Keuchend zerrte und ruckelte er an einem Koffer. Eigentlich mehr Schrank als Koffer. Jedenfalls zu wuchtig für den mindertrainierten Karl-Heinz.

„Kann mir mal wer helfen!“, rief er über seine Schulter in Richtung Kleinbus.

Rudi entriegelte die Beifahrertür.

Beppi langte über ihn hinweg und drückte den Knopf wieder nach unten. „Wir nehmen sie doch wohl nicht mit?“

„Willst du die Frau etwa hierlassen? Allein? Mitten in der Nacht?“ In Rudi kam der Gentleman durch.

„Du weißt genau, warum das nicht geht. Manni kann seine Klappe nicht halten. Was ist, wenn er plappert? Wenn durch ihn alles auffliegt?“

Manni drehte sich zu Beppi. „Redest du von mir?“

„Nein, ich meine einen völlig anderen Manni.“ Beppi schürzte die Lippen.

„Ach so, dann ist ja gut.“ Manni verschränkte die Arme und schmollte.

Rudi guckte unentschlossen zu Nicht-der-Hinterseer. Der zuckte ratlos mit den Schultern.

„Was ist jetzt?“, brüllte Karl-Heinz ungeduldig. Er rackerte sich an dem Schrankkoffergriff ab, aber seine Kräfte waren aufgebraucht.

Die vier im Kleinbus sahen hinaus in die Nacht. Dann schlug Nicht-der-Hinterseer zur Güte vor: „Wir könnten die Verkehrswacht verständigen, die holt sie dann schon. Oder die Polizei.“

„Oder die Telefonseelsorge?“, lästerte Rudi. „Depp. Niemand Offizielles darf wissen, dass wir hier sind!“

„Aber wenn wir ihr nicht helfen, machen wir uns verdächtig. Dann merkt sie sich vielleicht das Kennzeichen, meldet es, und meine Gabi bekommt Schwierigkeiten. Nee, so nicht!“ Beppi entriegelte die Tür.

Die Tür glitt auf, und in diesem Moment materialisierte sich die Frau direkt vor ihnen. Weil sie so mit sich beschäftigt gewesen waren und es nicht hatten kommen sehen, quietschten die vier auf. Unisono.

„Grüß Gott!“ Ihre Stimme klang sympathisch. Von Nahem wirkte sie gar nicht mehr bedrohlich. Dafür sehr viel älter, als es der knallrote Lederoverall und die High Heels von Weitem hatten vermuten lassen. Also, nicht nur älter. Richtig alt.

„Herr Pflugfelder meinte, es wäre kein Problem für Sie, mich mit nach Kitzbühel zu nehmen.“ Sie lächelte. Es war aber kein gütiges Großmutterlächeln. Die Jungs wurden eher an einen Hai erinnert, der sein Revolvergebiss fletschte. „Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.“

Alle sahen vorwurfsvoll zu Karl-Heinz. Der das nicht mitbekam, weil er konzentrationstechnisch voll im Kampf Mann gegen Koffer aufging.

„Machen wir doch gern“, log Rudi. „Ich bin der Rudi. Beppi, Hansi, Manni.“ Er zeigte auf die anderen und dann nach draußen zu dem riesigen Schrankkoffer mit dem Wackelmännchen daran. „Den Karl-Heinz kennen Sie ja schon.“

„Freut mich sehr.“ Sie strahlte die Männer der Reihe nach haifischartig an. „Ich fürchte nur, Ihr Karl-Heinz bekommt meinen Koffer nicht allein in den Wagen.“

Keiner rührte sich.

„Vielleicht möchten Sie ihm helfen?“ Sie hatte definitiv was Karl-Heinzisches. Will heißen: Lehrerhaftes. Strenges.

Beppi, Rudi und Nicht-der-Hinterseer sprangen aus dem Kleinbus und halfen Karl-Heinz mit dem unhandlichen Gepäckstück. Nur Manni blieb sitzen und starrte die Oma an. Gerade wollte er sie fragen, wie sie denn hierhergekommen war, so ganz ohne Fahrzeug, pumperlallein im Nichts. Da sagte sie: „Mein Koffer feuchtelt rot an den Ecken. Das ist aber kein Blut.“ Sie kicherte. Es war ein Blofeld-Kichern. „Nein, kein Blut. Ich habe … Pesto aus Italien als Mitbringsel dabei. Da muss mir wohl ein Glas zerbrochen sein.“ Sie kicherte erneut.

Manni wurde bleich. Ihm schien, als habe sie seit ihrem Auftauchen kein einziges Mal geblinzelt. Wer, bitteschön, war so völlig blinzellos? Mit Wucht meldeten sich seine Horrorfilmerinnerungen wieder. „Ich helfe den anderen“, krächzte er und verließ fluchtartig den Wagen.

Die Frau äugte in den Innenraum des Busses. Die fünf Männer hatten in den wenigen Stunden ihrer Pilgerfahrt aus dem makellosen Interieur von Gabis mobilem Schönheitsstudio ein krümeliges, fleckiges, schlieriges, olfaktorisch bedenkliches Vehikel gemacht. Hätte sie raten müssen, welchem Hobby die Jungs nachgingen, die Frau in Rot hätte auf das Sammeln von Sporen, Grünspan und Schimmelpilzen getippt. Sie seufzte, kletterte dennoch hinein, setzte sich auf den Beifahrersitz und nahm ihre ausgebeulte Gobelintasche auf den Schoß.

Im CD-Player ging Hansi Hinterseer zu einem neuen Song über. Ein flottes Intro erschallte.

Die ausgebeulte Tasche auf dem Schoß der alten Frau wackelte. Nicht im Takt, aber immerhin. Die Alte tätschelte den Gobelinstoff. „Alles gut, alles gut“, raunte sie.

In der Tasche blieb es still. Vitzliputzli liebte Musik, aber er sang nicht.

Draußen schoben sie zu fünft den irrsinnig schweren Koffer in Richtung Kleinbus. Und weil Karl-Heinz und Rudi den Koffer schoben, Nicht-der-Hinterseer und Beppi jedoch den Karl-Heinz und den Rudi und Manni mit je einer Hand den Beppi und den Nicht-der-Hinterseer, sah es ein bisschen so aus wie eine Tiroler Polonaise. Was gut passte, denn genau darüber sang Hansi Hinterseer gerade in diesem Moment vom CD-Player. „... die Tiroler Polonaise, das ist Gaudi total. Die Tiroler Polonaise, und jetzt alle noch einmal …“

Das Ganze zog sich, aber irgendwann gab es ein Happyend. Kaum zu glauben, trotz allem noch deutlich vor Sonnenaufgang.

Den Männern gelang es, den Schrankkoffer auf das Dach des Kleinbusses zu wuchten, wo sie ihn vertäuten. Als sie schwer atmend und durchgefroren – es wurde nachts jetzt doch schon empfindlich kalt – wieder in den Bus stiegen, schenkte die alte Frau in ihrem sexy Lederoverall allen ein herzliches Lächeln. Wirklich herzlich diesmal, nicht fischgebissig. „Danke, Jungs. Ich mach’s wieder gut bei euch, versprochen.“ Das hätte, gerade angesichts ihres roten Leder-Outfits, eindeutig zweideutig rüberkommen können. Aber es klang kein bisschen nach Sexworkerin, sondern eindeutig nach Kindergärtnerin, als sie sagte: „Ich bin die Frau Obermoser. Ihr dürft mich Frau Obermoser nennen.“

Weil alle noch entkräftet keuchten, antwortete keiner. Frau Obermoser nutzte die Gunst der Atemlosigkeit und meinte treuherzig: „Karl-Heinz, Sie erwähnten die Ferienwohnung in der Wehrgasse, die Sie für sich und Ihre Freunde angemietet haben.“

„Mit …“ Keuch, keuch. „... Parkmöglichkeit …“ Keuch, keuch. „… für den Bus.“ Da war Karl-Heinz stolz drauf. Keiner der anderen hätte an dieses Detail gedacht und dann hätten sie womöglich stundenlang zwischen Unterkunft und Parkplatz pilgern müssen.

„Das war sehr weitsichtig von Ihnen“, lobte Frau Obermoser. „Eine Weitsicht, die mir fehlt. Leider habe ich versäumt, ein Hotelzimmer zu buchen. Und jetzt ist es ja irrsinnig spät. Was meinen Sie, dürfte ich – nur für heute Nacht – mein Haupt in Ihrer Ferienwohnung betten?“

Wären die Männer nicht immer noch vom ungewohnt sportlichen Gewaltakt sprachlos gewesen, dann wären sie es aufgrund dieses Ansinnens wohl spätestens jetzt.

„Ich weiß, es ist viel verlangt, aber Sie würden doch eine alte Frau nicht mitten in der Nacht aussetzen, oder?“

Die Jungs warfen sich verstohlene Blicke zu. Keiner traute sich, ihr ein beherztes „Doch!“ zuzurufen. Verdammt, sie waren einfach alle zu gut erzogen.

„Wunderbar!“, freute sich Frau Obermoser. „Sie sind die Besten! Und jetzt los. Auf nach Kitzbühel!“

Es gibt Momente im Leben, da muss man sich dem Schicksal geschlagen geben. Was war schon eine Nacht? Für das, was sie geplant hatten, blieb noch genug Zeit.

Beppi schob Manni vorsorglich einen Energieriegel in den Mund, damit er die Klappe hielt. Nicht-der-Hinterseer und Rudi schunkelten im Rhythmus von Hansi Hinterseers Ein kleines Edelweiß. Karl-Heinz zählte alle Anwesenden durch – er hatte einen Zählfimmel –, rückte seine Baskenmütze neckisch schief und ließ den Motor an.

Der Kleinbus machte einen Hops nach vorn, dann zuckelte er durch die Nacht.

Oben auf seinem Dach ruckelte der Schrankkoffer an den Halteseilen. Seine Ecken feuchtelten nicht länger, sie leckten.

Und zwar rot.

Blutrot …

Tag 1
Man soll den Tag nicht vor dem Kaffee loben

Leo war seit exakt fünf Stunden und fünfzig Minuten 30 Jahre alt, und so richtig prickelnd fand sie das nicht. Deswegen würde sie heute auch nicht feiern. Allenfalls ein Bier zu Feierabend.

Sie pustete sich eine Locke aus dem Gesicht und marschierte den Einsiedeleiweg zügig hangabwärts. Spät dran. Wie immer.

Eigentlich hieß sie ja Luisa, aber schon beim Rausploppen aus dem Mutterleib – deutlich vor dem errechneten Geburtstermin während einer Zugfahrt – hatte sich gezeigt, dass sie gern sternzeichengerecht ihren eigenen Kopf durchsetzte. Und das Abenteuer liebte. So wurde aus Luisa bei allen, die sie als die Löwin kannten, die sie war, kurz Leo.

30. Sie hatte immer gedacht, mit 30 würde sie wissen, was sie vom Leben wollte. Da sei man halbwegs gesettelt. Sie hatte immer geglaubt, nach drei Jahrzehnten müsse klar sein, wohin man gehöre. Gerade als Löwin sollte sie sich bis dahin ihr eigenes Territorium erobert haben – und gut.

Aber nichts war weiter von ihrer derzeitigen Realität entfernt. Sie hatte ihr Studium geschmissen (zweimal), war ein paar Jahre mehr oder weniger ziellos durch die Welt gebackpackt und jobbte nun befristet als Zimmermädchen. Wäre ihre Großmutter – die sie nur aus den wenigen Ferienwochen ihrer Schulzeit kannte, weil sich die Mama mit der Oma böse entzweit hatte und die Mama (alleinerziehend) daraufhin über die Grenze ausgewandert war – nicht vor Kurzem gestorben, hätte sie jetzt nicht einmal ein Dach über dem Kopf. So war sie vor Kurzem nach Kitzbühel gekommen. Um den Nachlass zu regeln. Um herauszufinden, wie es für sie weitergehen sollte. Aber so richtig angekommen war sie noch nicht. Und ob sie nun in Kitz jobbte wie jetzt, oder an der französischen Riviera wie letztes Jahr, oder in Kopenhagen wie vorvorletztes Jahr – irgendwie schien ihr das Leben ein einziger Tempel der Ödnis und Langeweile.

Wenn sie so darüber nachdachte, wurde sie doch einen Ticken nervös. Was sollte aus ihrem Leben werden? Das konnte doch nicht ewig so luschig in der Schwebe bleiben.

Leo hätte sich keine Sorgen machen müssen. In den nächsten 48 Stunden würde das Universum eingreifen und die Richtung vorgeben. Was sie natürlich nicht wusste. Momentan sputete sie sich einfach, um noch halbwegs im Rahmen zu spät zur Arbeit zu kommen.

Kurz darauf wienerte sie das Bad der Sisi-Suite.

Den Job im altehrwürdigen Marchwardushof, einem der allerersten und allerbesten Beherbergungsbetriebe von Kitzbühel und benannt nach Marchwardus, der um 1180 zum ersten Mal Chizbuhel mit Tinte auf eine Urkunde gänsefederte, hatte Leo nur temporär, jetzt in der Zwischensaison. Und auch nur, weil niemand Qualifizierteres zu haben war. Wer jetzt fragt, wie viel Qualifikation es erfordert, Hotelzimmer sauber zu machen, hat das noch nie getan.

Leo hatte sich gut, sogar sehr gut eingearbeitet. Sie machte die Zimmer, reinigte den Poolbereich und half, wenn Not an der Frau war, auch nachmittags im Cafébereich aus. Herr Neuveille, der Hoteldirektor, hatte sie schon beim Einstellungsgespräch gefragt, ob sie nicht den Winter über bleiben wolle. Aber ganz ehrlich, wenn zur Skisaison wieder über 100.000 Verrückte in den kleinen 8000-Seelen-Ort einfielen, dann wollte Leo eher nicht im Hotel arbeiten. Es war so schon stressig genug. Fast alle guten Geister des Hauses waren in Urlaub, und von den Verbliebenen waren zwei krank. Ergo gab es – obwohl das Haus nur zur Hälfte belegt war – Stress.

Die Zwischensaisongäste wussten zwar, dass Zwischensaison war, erwarteten aber dennoch den vollen Service. Und zwar pronto. Erst gestern hatte um Viertel vor zehn ein Gast an die Tür zum Spa-Bereich geklopft – ach was, gehämmert – und Eintritt verlangt, obwohl das Spa erst um zehn öffnete. Und ein anderer hatte sie zur Kaffeestunde angepflaumt, als sie die verschiedenen Kuchenvarianten nicht alle namentlich aufzählen konnte. Pech, aber sie waren ihr in den fünf Minuten, die ihr blieben, um sich vom Poolgirl in eine Aushilfsbuffetkellnerin zu verwandeln, nicht persönlich vorgestellt worden.

Nee, das Hotel- und Gaststättengewerbe war auf Dauer nichts für sie.

Wenn Leo ihr erstes Studium nicht abgebrochen hätte, würde sie jetzt Pubertierende in Sport und Englisch unterrichten. Das wäre aber weder für die Kids noch für sie ein Vergnügen gewesen. Leo war nicht wirklich kompatibel mit Menschen. Wer ihr dumm kam, wurde gerissen wie eine Antilope. Da kam die Löwin in Leo durch. Darum war es rückblickend gut, dass sie auch ihr zweites Studium an den Nagel gehängt hätte. Die Vorstellung, dass sie als Psychologin Menschen in seelischer Not half, war lachhaft.

Und danach hatte Leo sich treiben lassen. War ein Jahr durch die Welt gebackpackt, hatte sich auf Hawaii von einem Surfer das Herz brechen lassen – und beim Bergsteigen in Nepal den linken Unterarm. Solange sie nicht wusste, was sie wollte, würde sie im Haus ihrer Oma bleiben. Schon immer wohnte Leos Familie in diesem – mittlerweile ziemlich windschiefen – Fachwerkhaus, das sich an den Hahnenkamm schmiegte. Beste Lage. Hätte man schon längst für einen Millionenbetrag verkaufen können. Grundstückswert, nicht für das windschiefe Hexenhäuschen, in dem man jedweden modernen Komfort vergeblich suchte. Immerhin hatte die Oma Anfang der siebziger Jahre ein Badezimmer einbauen lassen.

Und so war Leo an diesem kühlen Herbstmorgen, an dem die Wolken so tief hingen, dass man das Gefühl hatte, sie beinahe anfassen zu können, zügig zum Marchwardushof geeilt, der punktgenau an der Stelle stand, wo die „Vorderstadt“ auf die „Hinterstadt“ traf, im mehr als 700 Jahre alten Herzen des Ortes, wo sie um nur zehn Minuten zu spät ihren Dienst angetreten hatte und nun die Sisi-Suite putzte.

Das Einzige, was ihr in diesem drögen Einerlei half, war ihre Neugier. Hier zum Beispiel lag – unter zwei ordentlich gefalteten Handtüchern, als ob man es nicht sehen sollte – eine Heimwerker-Bibel auf dem Wasserkasten der Toilette. Noch in Folie eingeschweißt und mit dem Preisaufkleber Bücherklause Haertel direkt um die Ecke. Die Folie war allerdings an einer Seite aufgeschlitzt und jemand hatte einen gelben Post-it-Zettel hineingeschoben. Auf dem auch etwas stand. Man konnte es nur nicht lesen, weil es falsch herum hineingesteckt worden war. Leo schob ihren Zeigefinger unter die Folie und …

„Was machen Sie denn da?“, brummte plötzlich eine Männerstimme. Sie brummte ungnädig. Der dazugehörige Kerl fixierte sie wie ein Krokodil, das gleich eine zarte Antilope mit einem einzigen Happs verschlingen wollte.

Leo ließ vor Schreck das Buch fallen. Leider fiel es in die Kloschüssel, deren Deckel schon aufgeklappt war. Mit Putzmittel getränktes Wasser spritzte.

„Was fällt Ihnen ein, sich so an mich anzuschleichen?“, donnerte sie.

Wenn sie in ihren nunmehr 30 Jahren auf diesem Planeten eines gelernt hatte, dann das: Angriff war die beste Verteidigung!

„Äh …“

Leo war einen Meter achtzig groß, aber der Mann überragte sie um mehr als Kopfeslänge. Und war doppelt so breit wie sie. Außerdem war er im Recht: Es war sein Zimmer, und sie sollte das Bad nur wischen, nicht inspizieren.

„Haben Sie die grüne Kordel nicht gesehen?“, sagte sie und fischte das Buch aus der Toilette.

Wenn ein Zimmer gerade gereinigt wurde, hing eine grüne Kordel am Türknauf. Wobei natürlich auch der Wagen mit den Handtüchern und Seifen direkt neben der angelehnten Tür als Indiz dienen könnte.

„Sie müssen sich bemerkbar machen, wenn Sie hereinkommen!“ Leo sah ihn streng an.

„Äh …“

Zweite Lektion: Beim Verteidigungsangriff das Gegenüber nie zu Wort kommen lassen!

„Was glauben Sie denn, was ich hier tue? Ich wollte gerade den Wasserkasten freiräumen, um ihn sauberzuwischen.“ Hoffentlich meldete er sie nicht dem Direktor. Zimmermädchen mussten über jeden Verdacht des Herumschnüffelns erhaben sein. „In fünf Minuten bin ich fertig. Ich kann natürlich später wiederkommen, wenn Ihnen das lieber ist.“

Der Ton macht die Musik, und Leos Ton war – ungeachtet der Worte – eher Marschmusik als eine einschmeichelnde Mozartmelodie, wie sie die Hotelleitung für solche Eventualitäten eigentlich vorsah.

Er sah sie unsicher an. Wie so viele Raubtiere verwirrte es ihn, wenn sich ein Beutetier mit knallharter Selbstsicherheit zur Wehr setzte.

„Nein, bitte. Machen Sie nur Ihre Arbeit“, sagte er. „Ich rauche so lange eine Zigarette auf dem Balkon. Schon gut, ich nehme es so.“

Er nahm ihr das tropfende Buch ab und zog sich auf seinen Zimmerbalkon zurück.

Leo atmete tief aus. Nochmal gut gegangen. Sie wollte zwar ihren Vertrag nicht verlängern, aber eine fristlose Kündigung konnte sie jetzt auch nicht gebrauchen.

Jeden Morgen bekam sie den Belegungsplan, auf dem die Zimmer aufgeführt waren, die sie an diesem Tag reinigen musste. Darauf stand die Personenzahl pro Zimmer und ob eine Ab- oder Anreise anstand. Die Sisi-Suite war von zwei Männern belegt. Für sieben Nächte. Anfangs hatte Leo geglaubt, es müsse sich um ein schwules Pärchen handeln, möglicherweise ziemlich sicher auf Hochzeitsreise, denn die romantische Sisi-Suite wurde fast ausschließlich für diesen Zweck gebucht. Aber nachdem sie die beiden Herren zufällig vor zwei Tagen im Hotelflur in Augenschein hatte nehmen können, war eins klar: Schwul waren die nicht. Also, vielleicht doch, man wusste ja nie. Aber die beiden waren das lebende Stereotyp von zwei Hetero-Schlägern, die für ein Inkasso-Büro arbeiten. Oder für einen Mafiaboss Schutzgelder einsammeln. Etwas in der Art. Körperbau, Anzüge, Ausstrahlung – da konnte es gar keinen Zweifel geben. Vermutlich teilten sie sich nur die Sisi-Suite, weil alle anderen Suiten schon belegt waren und sie was Großes wollten, um nachts zusammen im neuesten Schlagring-Katalog zu blättern.

Leo linste um die Ecke und putzte dann weiter.

Und ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sie hatte in der Suite herumgeschnüffelt. Schon vor dem Buch unter den Handtüchern. Die meisten Menschen versteckten Dinge, die die Zimmermädchen nicht finden sollten, unter den gefalteten Pullovern im Kleiderschrank. Oder in ihren Koffern. Leo hatte beim Öffnen der Koffer sehr darauf geachtet, dass da kein Haar absichtlich unabsichtlich über dem Reißverschluss lag. Aber in den beiden Carry-ons der Männer befand sich nur die Schmutzwäsche, unter ihren Pullis lagen nur weitere Pullis, und in den Kulturbeuteln hatte sie weiter nichts als das Übliche plus einer Revitalisierungscreme für Schütterhaarige gefunden.

Leo wischte zügig die Fliesen sauber, dann verließ sie mit einem „Schönen Tag noch!“ das Zimmer.

Zu ihrer Verteidigung kann nur gesagt werden, dass ihr Job eben total öde war. Und dass sie als Kind mit ihrer Mutter – die vor nun schon zehn Jahren bei einer Bergwanderung ums Leben gekommen war – immer Privatdetektiv gespielt hatte: verfolgen, aufspüren, deduzieren. Sie hatte es geliebt. Und die Mama auch.

Na gut, die beiden Schläger boten also nichts Interessanteres als eine heimliche Liebe zum Heimwerken. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Vielleicht bot das nächste Zimmer eine faszinierende Abwechslung.

Leo sah auf den Belegungsplan. An der Tür zur großen Kaisersuite, in der sich eine arabische Familie einquartiert hatte, hing nun schon den dritten Tag in Folge das Bitte-nicht-stören-Schild.

Leo schob den Wagen mit den Putzutensilien und dem Nachschub an Handtüchern und Goodies über den rot-weiß karierten Teppichboden zur letzten Suite, der Bellevue-Suite. Belegung: eine Person. Abreise: noch offen. Das gab es auch nur in der Zwischensaison, dass sich jemand spontan überlegen konnte, wie lange er bleiben wollte.

„Housekeeping“, rief Leo und klopfte an die Zimmertür. Die im selben Bruchteil der Sekunde von dem weiblichen Gast der Suite aufgerissen wurde. Leo bekam beinahe einen Herzkasper. „Oh, Entschuldigung.“

„Nein, bitte, kommen Sie ruhig herein. Mein Zimmer hat es nötig.“

Leo sah über die Schulter der Frau. Wenn es ein Zimmer gab, das es nicht nötig hatte, dann dieses hier. Es sah nachgerade unbewohnt aus. Nirgends lag etwas herum, sogar die Betten waren schon gemacht. Sehr ungewöhnlich. Normalerweise ließen Hotelgäste das innere Ferkel raus, warfen ihre Klamotten überallhin, zielten mit den Abfällen auf den Papierkorb und scherten sich nicht, wenn sie ihn verfehlten, und vermittelten generell den Eindruck, als hätten sie eine Bombe hochgehen lassen. Weil, man musste ja nicht selbst aufräumen und putzen. Dieses Zimmer hier wirkte dagegen klinisch rein. Gehörte die Zimmerbewohnerin zu den Menschen, die auch zu Hause immer putzten, bevor die Putzfrau kam?

Aber auch, wenn Leo quasi nur die Betten machen und einmal über alle Oberflächen wischen musste, sie schätzte es nicht, wenn die Hotelgäste während des Reinigungsvorgangs anwesend waren. „Ich will Sie nicht stören. Ich komme später wieder.“

„Nein, nein. Es passt gerade gut. Bitteschön. Im Bad müssen Sie nichts machen. Nur die Papierkörbe leeren. Und den Aschenbecher auf dem Balkon.“

Die Frau trat zur Seite, um Leo einzulassen. Sie war auf den ersten Blick in Leos Alter, aber das wollte nichts heißen. Die Optik konnte täuschen. Letzte Woche hatte Leo in der Douglas-Filiale drei Blondinen gesehen, die sie von hinten für Drillinge gehalten hatte. Erst als sie an ihnen vorbei zur Kasse ging, wurde ihr klar, dass es sich um Großmutter, Mutter und Enkelin handelte. Drei Russinnen, die zweifelsohne sehr viel Geld in diese mehr oder weniger gelungene Täuschung investiert haben mussten.

Leo seufzte, trat ein und leerte als Erstes die Papierkörbe. Die Frau hatte den kleinen Maiereimer aus dem Bad geholt und die Badezimmertür geschlossen. Leo wollte den geleerten Mülleimer wieder ins Bad stellen, da rief sie: „Schon gut. Ins Bad müssen Sie nicht. Die Handtücher benutze ich alle nochmal.“

„Ich sollte aber …“, fing Leo an.

„Ins Bad müssen Sie nicht!“, erklärte die Frau final.

Leo nickte und ging zum Bett. Beim Aufschütteln der Bettwäsche sah sie aus den Augenwinkeln zu der Frau, die es sich in der Wohnecke der Suite bequem gemacht hatte. Sie lag sehr elegant auf der Couch und blätterte in der Vogue. Leo hatte in ihrem ganzen Leben noch nie so elegant auf einer Couch gelegen. Es war eine Fotoshooting-Pose. Sie mochten ungefähr gleich alt sein, aber die Frau wirkte definitiv so, als habe sie ihren Lifestyle schon gefunden. Und der buchstabierte sich L-u-x-u-s.

Jetzt sah sie auf.

Rasch klopfte Leo die Daunendecken platt und platzierte Überdecke und Deko-Kissen in einer fest vorgeschriebenen Formation.

Die Bellevue-Suite war eigentlich keine richtige Suite. In einem großen Fünf-Sterne-Haus wäre sie allenfalls als Juniorsuite durchgegangen. Zwar sehr geräumig, aber eben nur ein großes Zimmer mit Schlaf-, Arbeits- und Wohnbereich, an das sich ein Flur mit zwei Kleiderschränken und ein luxuriöses Bad mit Wanne und Regenwalddusche anschlossen. Nicht einmal halb so groß wie die Sisi-Suite. Von der Kaisersuite ganz zu schweigen. Was die Bellevue-Suite auszeichnete, war – wie der Name schon sagte – die schöne Aussicht. Direkt auf den Hahnenkamm. Wo an diesem diesigen Samstagvormittag noch nicht viel los war. Und selbst wenn, durch den Dunst hätte man es nicht gesehen. Morgen würde das anders sein, da gab es Brunch und Remmidemmi mit Band – alle Gondelfahrten zum halben Preis.

„Wirklich schön hier“, sagte die Frau, die erst zum Hahnenkamm und dann zu Leo schaute. „Ich bin übrigens Irina.“

Leo hielt inne. Fraternisierung mit den Gästen? Sie hatte das ungute Gefühl, dass das von der Hotelleitung nicht gern gesehen wurde. Untergekommen war ihr so ein Fall noch nie. Normalerweise bemerkten die Gäste sie nicht einmal.

„Luisa. Aber nennen Sie mich Leo.“

Irina lächelte. „Sind Sie von hier?“

Leo nickte bejahend, sagte aber: „Nein, ich arbeite nur hier.“

Sie sah Irinas irritierten Blick. „Entschuldigung. Meine Familie stammt von hier, schon in x-ter Generation. Nur ich bin woanders aufgewachsen.“ Sie staubwischte die Holzoberflächen, von denen es viele gab. „Sind Sie zum ersten Mal hier?“

Irina schaute versonnen zum Berg. „Nur hier im Hotel. In Kitzbühel war ich bereits einmal. Ich … wir waren vor einem halben Jahr ein paar Tage in der Gegend, bis …“ Sie stockte. Holte dann tief Luft, schien sich mit aller Gewalt zusammenzureißen. „Aber dann hatten wir einen Autounfall.“

„Das tut mir sehr leid. Ein schlimmer Unfall?“ Blöde Frage. Es war doch offensichtlich. Irina wirkte plötzlich eingefallen und blutleer. Ein kleiner Kratzer an der Stoßstange nahm einen nicht so mit.

„Für mich ging es glimpflich aus, aber … Jimmy … mein Mann ist im Wagen verbrannt.“

Vor Leos innerem Auge tauchten plötzlich die Schlagzeilen in der TT, der Tiroler Tageszeitung, auf. Und vor ihrem inneren Ohr hörte sie die Sprecherin beim ORF sagen: „Der berüchtigte deutsche Schwerkriminelle Jimmy Maier ist bei einem schweren Autounfall in Tirol ums Leben gekommen. Seine völlig verkohlte Leiche wurde von seiner Begleiterin, die nur überlebte, weil sie bei dem Unfall aus dem Wagen geschleudert wurde, identifiziert.“

Es passierte nicht viel Schlimmes hier in Tirol, und das Spektakuläre merkte man sich ohnehin. Es war noch lange darüber berichtet worden, wie es sein konnte, dass ein Auto, das vermutlich wegen überhöhter Geschwindigkeit von einer Bergstraße abkommt, so dermaßen in Flammen aufgehen kann, dass der Fahrer bis zur Unkenntlichkeit verbrennt. Wenn Leos Erinnerung sie nicht täuschte – sie hatte damals eine kurze Stippvisite bei ihrer Oma gemacht –, wurde von offizieller Seite abschließend erklärt, dass der Mann – ein übles Subjekt: Frauenhändler, Rauschgiftschmuggler, Mehrfachmörder, jedoch nie überführt – offenbar leicht entzündliche Materialien für den Bau einer Bombe mitgeführt haben musste. Es ging das Gerücht um, er habe damit einen Konkurrenten ausschalten wollen.

All diese Erinnerungsfetzen huschten im Bruchteil einer Sekunde durch Leos Gehirn. Und zeigten sich anscheinend in ihren Gesichtszügen, denn Irina lachte auf. „Sie haben das damals mitbekommen, oder? Mein Jimmy hat mit seinem Tod für ziemlichen Wirbel gesorgt.“ Sie legte die Vogue beiseite und strich sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Haut blieb allerdings bleich, aber das lag wohl am Alabasterteint. „Okay, zugegeben, Jimmy hat ein paar krumme Dinger gedreht. Aber er war kein kriminelles Schwergewicht. Das war nur üble Nachrede der Konkurrenz. Er hat nie jemanden umgebracht. Und zu mir war er immer gut. Einfühlsam und liebevoll.“

Es gab strenge Zeitvorgaben, wie viel Zeit man für die Reinigung eines Zimmers benötigen durfte. Und die Hausdame kontrollierte das auch. Entweder über die Flur-Kameras oder indem sie persönlich vorbeikam. Dennoch brannte die Neugier in Leo. „Mein Beileid. Und Sie wollen jetzt noch einmal Abschied von Ihrem Mann nehmen?“

Irina nickte. „Genau. Wir waren lange zusammen, und … ja … ich musste einfach nochmal herkommen. Er ist hier begraben, wissen Sie.“ Sie zupfte an ihrem schwarzen Kaschmirpulli, der sich hauteng um ihren grazilen Körper schmiegte. „Es wird auch langsam Zeit, dass ich meine Trauerkleidung ablege. Schwarz lässt mich blasser wirken, als ich ohnehin schon bin. Ich sehe aus wie eine sizilianische Witwe.“

Niemand sah weniger wie eine sizilianische Witwe aus als diese laszive Rothaarige in Pulli und Caprihose.

Leo wienerte mit dem Staubtuch nun schon zum gefühlt hundertsten Mal über die Kommode, auf der der Breitbildfernseher stand. Nur für den Fall, dass die Hausdame gleich unangekündigt den Kopf durch die Tür mit der Kordel am Knauf steckte. Sie ignorierte den Witwenteil und kam noch einmal auf das Grab zu sprechen.

„Er wurde hier in Kitzbühel zur ewigen Ruhe gebettet?“ Als ob ihre Oma aus ihr sprach. Die hatte bei einem ähnlich gelagerten Fall – also kein spektakulärer Verbrecherunfall, aber ein Tourist, der nach einem Infarkt hier eingeäschert worden war – sehr schmallippig geäußert, dass Leute, die nicht von hier waren, sich gefälligst auch in heimischer Erde begraben lassen sollten; Leichentourismus gehöre sich nicht.

Leo rollte innerlich mit den Augen, weil sie so ungläubig gefragt hatte. Aber es interessierte sie wirklich, warum der Mann nicht in seine Heimatstadt überführt worden war. Man lag doch gern da, wo Freunde und Familienangehörige mal eben rasch vorbeikommen und einen gießen konnten. Oder nicht?

„Ja. Auf diesem wunderschönen Friedhof neben der Kirche.“ Irina stand auf, ging zu der Nespresso-Maschine, drückte eine Kapsel hinein und sagte über das Rattern hinweg: „Ich dachte damals, es würde ihm gefallen. Die gute Luft. Mit dem unverbaubaren Blick auf die Berge. Bei uns in Berlin hätte er nur graue Hochhäuser gesehen.“

Leo verkniff sich die Bemerkung, dass er gar nichts mehr sehen konnte. Weil er ja tot war.

Irina hob die Tasse an die perfekt bemalten Lippen und nahm einen Schluck. Die Lippen waren danach immer noch perfekt, aber den Tassenrand zierte jetzt ein korallenroter Abdruck. „Heute bedauere ich das fast ein wenig. Nicht, dass er hier liegt. Nein, gar nicht. Aber dass ich hergekommen bin. Man soll die Toten ruhen lassen.“ Sie schaute versonnen auf das Ölgemälde über dem Bett. Es zeigte einen röhrenden Hirsch. „Ich dachte, wenn ich nach Kitzbühel fahre … wenn ich vor seinem Grab stehe und mich noch einmal an all die schönen Momente mit ihm erinnere … dann würde ich einen Abschluss finden und könnte wieder neu anfangen. Aber ich fühle mich wie begraben unter einer Lawine von Erinnerungen an unsere Liebe. Mehr denn je fühle ich mich verdammt einsam. Verstehen Sie das?“

Leo neigte nicht zu Gefühlsduseleien. Sie dachte, dass Irina so arm nicht dran sein konnte, wenn sie sich eine Suite in einem exklusiven Fünf-Sterne-Luxushotel zu leisten vermochte. Auch wenn’s die kleinste Suite des Hauses war. Und auch, wenn die Suiten in der Zwischensaison immer ein wenig finanzierbarer waren als beispielsweise während des Hahnenkammrennens. Aber sogleich schalt sie sich selbst für ihre Kaltschnäuzigkeit. Schwerverbrecher waren ja auch Menschen. Menschen, die jemand, der sie gerngehabt hatte, vermissen konnte. Niemand hatte nur schlechte Seiten. Das war doch ein wunderbares Beispiel für die Macht der Liebe.

Blöderweise hatte sie keine Schatulle mit Sinnsprüchen parat, aus der sie jetzt ein paar passende Trostzitate fischen konnte. „Tja … das Leben … Sie sollten sich ablenken. Es ist zwar momentan nicht so sehr viel los, aber heute Abend findet ein Sportereignis statt. Curling. Wird bestimmt unterhaltsam. Kommen Sie doch vorbei.“

Irina sah Leo an. Sehr lange, sehr intensiv.

„Ja, vielleicht mache ich das.“ Jetzt lächelte sie. „Das Leben muss ja weitergehen. Ich überlege es mir.“

Leo lächelte auch. „Super. Aber ziehen Sie sich warm an!“

Sie sah zum Bad. „Soll ich wirklich nicht saubermachen?“ Über die Fliesen wischen, die Haare aus dem Duschabfluss fischen, die Toilette desinfizieren, die kleine Vase mit den Duftstäbchen neu auffüllen?

„Nein.“ Irina stellte sich zwischen Leo und die Badezimmertür. Grazil, wie sie war, kam sich Leo spontan wie ein Elefant vor. „Hören Sie … äh …“

„Leo“, sagte Leo.

„Leo.“ Irina lächelte. „Ich habe mit … Freunden … Termine ausgemacht und bleibe daher noch einige Zeit in Kitzbühel. Momentan suche ich ein Haus hier in der Stadt. Zur Miete. Oder zum Kauf. Das ist ja immer eine gute Investition. Sobald ich etwas gefunden habe, brauche ich jemand, der mir hilft. Eine …“

„Zugehfrau?“

„Eine Hausdame. Einkaufen, putzen, mir eine Tasse Kaffee aufbrühen. Kleine Besorgungen.“

„Aber … warum ich? Sie kennen mich doch gar nicht.“

Irina zuckte mit den Achseln. „Ich habe ein sehr feines Gespür für Menschen. Zwischen uns stimmt die Chemie. Sagen Sie mir einfach, wie viel Sie verdienen wollen. Fangen Sie mit dem Doppelten an, was Sie hier bekommen. Und legen Sie noch was drauf. Mir ist wichtig, dass ich jemanden um mich habe, den ich sympathisch finde und dem ich vertraue. Sie wären perfekt!“

In Leo überlegte es. Sie konnte eine Geldspritze gut gebrauchen. Allerdings handelte es sich hier um die Witwe eines berüchtigten Verbrechers. Die sich offenbar ein Haus in Kitzbühel leisten konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Andererseits konnte Leo das Geld wirklich gut gebrauchen. Besonders üppig war ihr Gehalt im Marchwardushof nicht. Aber was würde Neuveille sagen, wenn sie ihn einfach so im Stich ließ?

Angesichts des inneren Für und Wider huschten Leos Augen von links nach rechts und zurück. Wie bei den Zuschauern in Wimbledon.

„Sie müssen sich nicht sofort entscheiden“, sagte Irina. „Überlegen Sie in Ruhe.“

Leo wollte gerade etwas antworten, da wurde die Zimmertür aufgestoßen und die Hausdame schaute herein. „Alles in Ordnung?“

„In bester Ordnung. Sie können sich wieder entfernen.“ Irina winkte die Hausdame mit einer lässigen Handbewegung davon. Die presste die Lippen aufeinander, aber der Gast war nun mal König, also entfernte sie sich.

Irina zwinkerte Leo verschwörerisch zu.

„Danke“, hauchte Leo.

Eine Viertelstunde später – sie lüftete gerade ein Doppelzimmer, das zur Straßenseite lag – sah Leo, wie Irina in einem eleganten Pelzmantel das Hotel verließ.

Als sie auf den Flur trat, fiel ihr auf, dass kein Bitte-nicht-stören-Schild am Türknauf zur Bellevue-Suite hing. Das war die Gelegenheit, doch schnell das Badezimmer zu putzen.

Sie nahm einen Satz frischer Handtücher vom Wagen, betrat die Suite und gleich darauf das Bad …

… und stockte.

Eins der weißen Handtücher lag in der Wanne und war über und über mit Blut verschmiert!

Aber dann sah sie die Packung besonders saugfähiger Tampons auf der Ablage über den Waschbecken und war sofort beruhigt. Das hatte doch jede Frau schon so oder so ähnlich erlebt. Die Schlachtplatte, während man seine Tage hatte. Ob sich Irina dafür schämte und sie deswegen nicht ins Bad lassen wollte?

Oder lag es womöglich an dem Nassrasierer und dem PreShave-Men-Rasieröl in der Seifenablage der Dusche? Entweder hatte Irina ein echtes Gesichtsbehaarungsproblem oder aber sie teilte sich ihr Bad – trotz Einzelbelegung der Suite – mit einem Mann …

Lass das mal den Fachmann machen
(Gilt für alle Handwerksberufe, auch für Mörder)

Arno Gümpel produzierte seine erste Leiche im zarten Alter von 13, als er – angetrunken – im Opel Manta seines Vaters eine Ausfahrt wagte. Er kam nicht weit. Schon an der ersten Ecke fuhr er einen Nachbarn platt. Das verlieh seinem Lebenslauf eine völlig neue Wendung.

Arno Gümpel war durch diesen Vorfall nämlich keineswegs traumatisiert. Im Gegenteil. Er war begeistert. Und weil er nicht darauf warten wollte, bis sich so ein euphorisierendes Ereignis bei seinen regelmäßigen Saufeskapaden von allein wiederholte, trat er der Jugendgruppe der Anonymen Alkoholiker bei, damit er seinem neuen Hobby nüchtern nachgehen konnte. Anfangs tötete er Insekten und Kleintiere. Schon bald auch Zweibeiner aus der Familie der Hominidae, Gattung Homo sapiens. Man durfte mit Fug und Recht sagen: Arno Gümpel war keiner von den Guten.

Und während sein Großvater, sein Vater und seine älteren Brüder ein ereignisloses Leben als Kleinverbrecher führten, strebte Arno nach Höherem. Er wurde Auftragskiller. Wobei er sich selbst lieber als Hitman bezeichnete. Das klang cooler.

Deswegen trug Arno auch immer Maßanzüge. Und Sonnenbrillen mit Spiegelgläsern. Selbst an grauen Tagen, an denen er hinter der Sonnenbrille so gut wie nichts sehen konnte. So wie jetzt.

Arno Gümpel war der bestgekleidete hauptberufliche Auftragsmörder. Weltweit. Insoweit er das beurteilen konnte – Auftragskiller hatten ja keinen Newsletter mit Modeseiten und auch keine Jahrestreffen mit Catwalk. Es war einfach nur seine Einschätzung nach fast 20 Jahren im Job.

Er fuhr am Ortsschild von Kitzbühel vorbei, im schnittigen Cabrio sitzend, den linken Ellbogen lässig über die Fahrertür drapiert. Arno liebte Frauen – und wie! –, aber sollte er jemals die Seiten wechseln – weil beispielsweise durch einen Asteroideneinschlag sämtliche Frauen dieser Erde ausgelöscht wurden –, dann würde er auf Kerle stehen, die so waren wie er selbst: nicht schön, aber mit Muskeln und Grazie.

Der Fahrtwind blies ihm um die Nase. Er kam gerade vom Golfplatz.

Golfen – auch so ein cooler Sport.

Arno frönte allerdings keiner organisierten körperlichen Ertüchtigung, da hielt er es mit Churchill. No sports! Wobei er natürlich unglaublich viel Gymnastik betrieb. Horizontalgymnastik, um genau zu sein. Gewisse Kreise – also die Frauen dieser Welt – nannten Arno nur „die Fleischwurst“. Warum, lag auf der Hand. Und man sah es auch sofort bei jeder Begegnung mit Arno, denn er trug – zur kontinuierlichen Konsternation seines Maßschneiders – ausnahmslos Hosen, die eine Nummer zu klein waren. Damit sein Gemächt besonders prall zur Geltung kam. Das er stets links trug. Denn Arno Gümpel war bekennender Linksträger. Und stolz darauf.

Im Sitzen war das nicht immer bequem, also hatte er den Knopf seiner Hose geöffnet, um freier atmen zu können.

Er musste sich konzentrieren. Arno war zum ersten Mal in Kitzbühel und wollte die Ausfahrt zur Hütte nicht verpassen.

Das ständige Klopfen aus dem Kofferraum nervte. Wie sollte er sich dabei konzentrieren?

„Scheiße“, brummte Arno, als ihm klar wurde, dass er rechts hätte abbiegen müssen. Die Weichei-Lusche vom GPS hatte noch gesagt „an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen“, aber wenn er sich aufregte, gab sein Bleifuß immer Gas, und so war er vorbeigebrettert.

„Wenn möglich, bitte wenden“, verkündete die sonore Männerstimme. Es war ein Leihwagen. Wenn Arno die Wahl hatte, bevorzugte er weibliche Stimmen. Von Kerlen ließ er sich nämlich nicht gern was sagen, da war er Alpha-Rüde.

Tock-tock-tock, machte es im Kofferraum.

„Ruhe!“, brüllte Arno. Eben noch so glücklich, jetzt angefressen.

Es klopfte ununterbrochen weiter. Arno hätte mehr Chloroform verwenden sollen, aber er hatte nicht überdosieren wollen. Der Doktor wurde noch gebraucht. Da hatte die Chefin keinen Zweifel aufkommen lassen. Er musste den Typ im Kofferraum lebend in der Hütte abliefern.

Was ein eher ungewöhnlicher Auftrag für ihn war. Normalerweise killte er die Leute – und gut. Tote Menschen waren ihm am liebsten, Lebende machten immer nur Stress.

Auch der hinten im Kofferraum. Lästig wie ein Furunkel am Arsch.

„Gib endlich Ruhe!“, brüllte Arno.

Es klopfte trotzig weiter.

Waren das Morsezeichen?

In Arno köchelte es. Wenn das noch lange so weiterging, würde er anhalten und seine Faust sprechen lassen.

Er würde den Doktor auf jeden Fall lebend abliefern – schließlich war Arno „die Fleischwurst“ Gümpel Profi. Ja, lebend – aber mit Veilchen!

Die Reichen, die Schönen und die Toten

„Wo hat sich hier der Beckenbauer verewigt?“ Der Tourist mit dem bayrischen Zungenschlag knüllte die Eintrittskarte zu einem Mikro-Papierball und starrte die junge Frau hinter der Empfangstheke auffordernd an.

„Wie bitte?“

„Der Beckenbauer. Der soll doch hier irgendwo sein.“

Sie nickte unverändert freundlich. Manche zerbrachen an diesem Job, andere machte er stärker. „Geradeaus und rechts. Dann sehen Sie die Namen unserer Förderer im Boden eingelassen.“

Der Mann bedankte sich nicht, sondern stapfte einfach los. Und schnipste dabei die frisch gerollte Papierkugel an die Wand.

Die Kassenwartin seufzte.

Das Museum Kitzbühel im ehemaligen Getreidekasten und Teilen der Stadtbefestigung bot heimatkundliche und wintersportgeschichtliche Exponate sowie Werke des Künstlers Alfons Walde. Vom Dach des Museums, erreichbar über eine knarzige Holztreppe, hatte man zudem einen einzigartigen Blick über die Dächerlandschaft von Kitzbühel vor dem Hintergrund der markanten Kalkgipfel des Wilden Kaisers, dessen schroffe Formationen in reizvollem Kontrast zu den sanften Grasbergen, dem steil aufragenden Hahnenkamm im Westen und dem Kitzbüheler Horn im Osten standen. Was man alles nicht wissen musste, das erklärte eine Tafel oben auf der Dachplattform. Auf der maximal acht Personen Platz fanden. Was kein Problem werden sollte: Mehr befanden sich an diesem altweibersommersonnigen Spätoktobervormittag auch nicht im Museum. Für das Gros der Touristen galt ohnehin, dass man wegen anderer Attraktionen nach Kitzbühel kam, nicht wegen des Stadtmuseums. Wobei … Ausnahmen bestätigten die Regel.

Für jeden, der sich für Geschichte und Kunst interessierte, war das Museum ein absolutes Muss. Aber ganz ehrlich, wie viele Kitzbühel-Touristen interessierten sich schon für Geschichte und Kunst. Zwar deutlich mehr, als man dachte, aber doch überschaubar viele. Vielleicht bei richtig Schlechtwetter, oder wenn es sonst gerade nichts gab, was einen reizte, und man nicht auch noch den zehnten Cappuccino vor dem Praxmair trinken wollte.

Manche – wie dieser Tourist mit den nicht zu seinem Körperbau passenden Bermuda-Shorts, dem roten FC-Bayern-München-Käppi und der riesigen Digitalkamera um seinen Hals – kamen nur wegen der Pflastersteine im Erdgeschoss, auf denen die Sponsoren namentlich verewigt worden waren, unter anderem eben auch Franz und Heidi Beckenbauer.

Kopfschüttelnd sahen ihm Rudi, Beppi, Manni und Frau Obermoser nach.

Nicht-der-Hinterseer und Karl-Heinz schliefen noch. Rudi, Beppi und Manni wären jetzt auch gern woanders, aber sie hatten den Fehler begangen, zu frühstücken – und waren von ihrer nächtlichen Anhalterin zwangsverpflichtet worden.

„Vier Erwachsene, bitte“, sagte Frau Obermoser zu der jungen Frau hinter der Empfangstheke und fischte ihren Geldbeutel aus dem Seitenfach der übergroßen Gobelintasche. Bei ihr waren offenbar alle Gepäckstücke XXL. „Für das volle Programm. Und ihr lasst eure Börsen stecken, ich lade euch ein.“

Rudi, Beppi und Manni trugen dasselbe wie in der Nacht zuvor, Karohemden und Jeans. Ihr Gepäck bestand ja auch nur aus Herrenhandtaschen, in denen sich jeweils gerade mal eine Zahnbürste und eine Wechselunterhose befanden.

Frau Obermoser hatte aus den unendlichen Weiten ihres Schrankkoffers an diesem Morgen ein türkisfarbenes Wickelkleid gezogen. Aus Jerseystoff, der sich wie eine zweite Haut um ihren Körper schmiegte. Dazu eine korallenrote Holzkugelkette und Pumps, die farbidentisch mit der Kette waren. Und darunter bestimmt Spanx. Oder gar nichts. Jedenfalls zeichnete sich unter dem Stoff nichts ab. Das modische Statement war aber tendenziell ähnlich wie ihr roter Lederoverall. Hatte sie in der Nacht allerdings noch ausgesehen wie eine Senioren-Domina, wirkte sie nun wie eine hochklassige Escort-Prostituierte für Männer mit reiferem Geschmack. Rudi, Manni und Beppi, deren Erfahrung mit richtig alten Frauen sich auf altbackene Familienangehörige und auf Nachbarinnen beschränkte, die wie tüttelige Omas aus einer Nachmittagskindersendung wirkten, reagierten ratlos. Vielleicht hatten die drei auch deswegen klein beigegeben, als Frau Obermoser beim Frühstück sagte: „So, was machen wir jetzt? Ich schlage vor, wir gehen ins Museum.“

Einer Escort-Domina widerspricht man nicht, sonst gibt es Haue.

Also waren die drei hinter ihr hergetrottet. Sie hatten ein seltsames Gespann abgegeben. Sogar die beiden Rösser, die an der Pferdekutsche angespannt neben dem Kiosk am Torhaus auf ihren Einsatz warteten, während der Kutscher sich eine Kaffeepause gönnte, schnaubten und wendeten die Köpfe, um sie trotz Scheuklappen betrachten zu können. Tiere haben ja ein viel feineres Gespür als Menschen, und vielleicht ahnten die Pferde, dass diese vier Menschen das Schicksal Kitzbühels verändern würden. Oder vielleicht schauten sie auch nur, weil Beppi so ungewöhnlich breitbeinig ging – die heiße Kaffeedusche in der Nacht war nicht folgenlos geblieben: Sein Skrotum war rot und geschwollen. Beppi hatte ein wenig Angst, dass er von nun an unfruchtbar sein könnte. Wie sollte er das seiner Gabi erklären?

Die wenigen flanierenden Touristen sahen nur eine alte Dame, die anscheinend mit ihren drei aus der Art geschlagenen Enkeln unterwegs war.

Frau Obermosers elegante Erscheinung wurde nur durch die ausgebeulte Gobelintasche gemindert, die sie aus unerklärlichen Gründen immer mitschleppte.

Vom Eingangsbereich des Museums ging es zum Treppenhaus.

„Besucht doch schon mal oben die Wintersportabteilung“, schlug Frau Obermoser vor, nachdem sie Eintrittskarten für alle gelöst hatte. „Ich komme gleich nach.“

Rudi, Manni und Beppi schlurften los. Die Abteilung mit den „frühen Spuren Kitzbühels“ ließen sie dabei links liegen, und so würden sie nie erfahren, dass die Gegend seit der mittleren Bronzezeit, also seit fast 4000 Jahren, zu den bedeutendsten Produktionszentren für Kupfer im Ostalpenraum gehörte. Oder dass Kitzbühel 1271 zur Stadt erhoben und zum lebhaften Umschlagplatz von Vieh, Wein und Waren aller Art wurde.

Gleich darauf standen die drei vor den Toni-Sailer-Erinnerungsstücken und stritten sich um die Kopfhörer, aus denen die konservierte Stimme des „schwarzen Blitzes“ zu hören war.

Zwar war keiner der drei dem Skisport zugetan und ihr Interesse daher nur mäßig, aber interaktiv war für sie das magische Zauberwort. Und weil es nur zwei Kopfhörer gab, ging einer leer aus. In diesem Fall der Beppi.

„Der hat Filme gemacht?“, staunte Beppi gleich darauf vor einem Filmplakat, auf dem der junge Toni Sailer versonnen in die Ferne schaute. Er stand breitbeinig und mit gebeugten Knien. Nicht der Toni, der Beppi. Weil sein Skrotum dann mehr Platz in der Jeans hatte. Beppi hätte sich in den Hintern beißen können, dass er seine Bequemjogginghose nicht mitgenommen hatte. „Ich dachte, der war Skifahrer?“

„Der war halt mehrfach begabt.“ Manni nickte wissend. „Meine Oma hat die Filme mit ihm geliebt. Die markige Stimme. Die Bergsteigerdramen am Gipfel. Herz, Schmerz, Lebensgefahr. Und alles in Schwarz-Weiß.“ Er nahm die Kopfhörer ab, weil er den Controller nicht finden konnte. Was für eine blöde Spielkonsole. Dachte Manni.

„Du meinst Luis Trenker, du Depp“, korrigierte Rudi, der trotz Kopfhörern alles mitbekam. „Trenker war schwarz-weiß, Sailer war schon Farbfilm.“

Beppi und Manni schlenderten – mehr oder weniger lustlos wie Teenager auf einem zwangsverordneten Bildungstrip – an den Tafeln vorbei, die erklärten, dass Kitzbühel sich seit der ersten Ski-Abfahrt vom Kitzbüheler Horn durch Franz Reisch im Januar 1893 kontinuierlich zur Wintersportmetropole Österreichs hochgearbeitet hatte. Schon nach kurzer Zeit genoss der Ort internationalen Ruhm, die Beherbergungsbetriebe boomten und es entstanden neue Berufe wie „Skilehrer“.

Ihre Aufmerksamkeit wuchs erst, als Rudi zu ihnen stieß und gleich darauf auf einen Namen zeigefingerte. „Da, seht ihr, Ernst Hinterseer, Skisportlegende. Das ist sein Vater!“

Die Hinterseer-Fanbuben standen ehrfürchtig vor dem Gruppenbild an feschen Skifahrern, von denen – laut Tafel – einer Ernst Hinterseer, Slalom-Olympiasieger von 1960, war.

„Aus diesen Lenden entsprang der Hansi“, murmelte Manni andächtig.

Rudi und Beppi guckten ergriffen. Im Bruchteil eines Wimpernschlags hatte sich diese – für sie eher öde – Museumslandschaft in einen Ort der Legendenverehrung verwandelt. Gewissermaßen heiliger Boden.

„He, ob’s hier auch einen Hansi-Hinterseer-Raum gibt?“

Sie sahen sich an … und spurteten los. Erst bis ganz nach oben, dann wieder bis ganz nach unten – vielleicht hatten sie ja einen Raum übersehen? Und dann, enttäuscht, wieder zurück zu Papa Hinterseer, um seinen Lenden zu salutieren.

„Wenn’s hier einen Kasten für Verbesserungsvorschläge gibt, werf ich einen Zettel ein, dass der Hansi-Raum fehlt“, erklärte Manni.

Rudi nickte. Beppi kratzte sich im Schritt, weil der anfing zu jucken.

„Juhu, wo seid ihr?“ Frau Obermosers Jodeln riss die drei aus ihrer Andacht heraus.

An die Frau Obermoser hatten sie gar nicht mehr gedacht.

Deren dezibelstarkes Jodeln war rein rhetorischer Natur, denn sie stand genau hinter ihnen und wusste folglich, wo sie waren.

„Der Papa vom Hinterseer“, flüsterte Manni.

Sie trat näher und inspizierte das Gruppenfoto. „Sehr schneidig. Von denen würde ich keinen von der Bettkante stoßen.“

Nichts ernüchterte gestandene Männer schneller, als wenn eine Frau, die ihre Großmutter sein hätte können, schlüpfrig wurde.

„Sollen wir hoch aufs Dach?“, schlug Rudi vor. „Den Ausblick genießen?“

„Man sieht doch nichts vor lauter Nebel.“ Manni war bisweilen schwer von Begriff.

Beppi und Rudi zogen ihn einfach mit.

Ein unscheinbares Männchen kam ihnen auf der Treppe entgegen. „Sie müssen unbedingt aufs Dach“, sagte es unaufgefordert, in einheimischem Zungenschlag. „Aus der Nebeldecke ragt die Kirchturmspitze heraus. Das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen.“

„Wir sind schon unterwegs.“ Frau Obermoser schenkte dem Männchen ein wohlmeinendes Lächeln.

Auf dem Weg zum Dach kamen sie an einem kleinen Raum vorbei, in dem – umsäumt von Schützentafeln – ein großer, dunkler Kasten stand.

„Hui, was ist das?“ Frau Obermoser trat vor das kleine Erklärschild und las laut vor: „Kassa mit Kassettendeckelschloß mit 16 Fallen. Eisen, vermutlich süddeutsche Arbeit, 1. Hälfte 17. Jahrhundert.“

Manni, Beppi, Rudi fanden den Kasten jetzt nicht so wahnsinnig spannend.

Karl-Heinz dagegen schon. „Was sind denn bitteschön ‚Fallen‘, wenn es um eine Truhe geht?“, fragte er, zeitgleich mit seiner urplötzlichen Manifestation neben ihnen.

Die Jungs schreckten zusammen, nur Frau Obermoser blieb die Ruhe in Person. „Karl-Heinz, wo kommen Sie denn her?“

„Vom Hotel. Warum habt ihr mich nicht geweckt? Die Kellnerin vom Frühstücksbuffet hat mir gesagt, ihr wolltet ins Museum gehen. Ins Museum, habe ich noch gefragt? Ins Museum, hat sie gesagt.“ Karl-Heinz war immer noch nicht ganz über seine Verwunderung hinweg. Er hatte mit seinen Kumpels schon viel mitgemacht – Ballermann-Junggesellenabschied vom Beppi, Fan-Fahrt zu einem Champions-League-Spiel –, aber einen Museumsbesuch?

„Es war die Idee von Frau Obermoser“, erläuterte Rudi.

Das war sowas von klar. Wer, außer dieser Frau Obermoser, die sie aus der Güte ihres Männerherzens aufgelesen und mit nach Kitzbühel genommen hatten und die nun an ihnen klebte wie ein Schmarotzerfisch an einem Weißen Hai, wäre auf die Idee gekommen, ins Museum zu gehen? Seine Fanboys jedenfalls nicht.

„Fallen …“, dozierte Frau Obermoser jetzt lehrerinnenhaft, was ganz besonders an Karl-Heinz nagte, „... Fallen unterteilt man in Schnappfallen und Riegelfallen. Man findet sie auf alten Kriegskassen. Beispielsweise aus dem Dreißigjährigen Krieg. Ganz oft musste man mehrere Schließfunktionen und Tricks überwinden, um so eine Kasse zu öffnen. Ihr solltet den Deckel anheben und euch die Fallen einmal ansehen. Das ist hochinteressant. Und lehrreich.“

„Danke, nein.“ Karl-Heinz war zwar neugierig, aber auch beleidigt. Er war das Gehirn ihrer Freundesgruppe. Normalerweise machte er die Ansagen. Und jetzt war er durch diese Frau Obermoser vom Anführer zum einfachen Mitglied degradiert worden. Weil er verpennt hatte.

Warum hatten ihn die anderen nicht geweckt? Nur weil er mit Schnarchnase Nicht-der-Hinterseer in einem Doppelzimmer nächtigte und auf seinem Handy versehentlich die Aus- statt der Schlummer-Taste betätigt hatte, ließen ihn die Jungs einfach liegen. Wobei er seinen Doppelbettpartner auch schlafend im Hotel zurückgelassen hatte, aber man sieht ja immer eher den Spreißel im Auge der anderen als den Balken im eigenen.

Und warum wusste die Alte mehr als er? Merde! Wenn er sich ärgerte, kam der Franzose in ihm durch. Wobei natürlich kein einziger Partikel seines mittelalten, langsam erschlaffenden Männerkörpers französisch war, aber seit er sich in der Pubertät auf Schulausflug nach Paris in Land und Leute verliebt hatte, fühlte er sich innerlich seelenverwandt, trug seine Baskenmütze voller Stolz und buk in seiner Freizeit Brioche. Automatisch schob er die Rechte in Brusthöhe in seine geöffnete Windjacke. Wie es Napoleon immer zu tun gepflegt hatte.

Dabei zählte er verstohlen die Schützentafeln an den Wänden, weil er wegen seines Zählfimmels nicht anders konnte.

„Was sind das für Flecken?“ Beppi beugte sich zur Truhe. „Seht ihr das nicht? Da feuchtelt doch was.“

„In so alten Gemäuern ist es immer etwas klamm. Das wird Kondenswasser sein“, erklärte Karl-Heinz, um auch mal was Fundiertes gesagt zu haben.

„Ich finde die Luft hier sehr trocken.“ Frau Obermoser trat einen Schritt zurück. Sie sah zu Manni. Der fasste den Blick als Aufforderung auf. Er streckte den rechten Arm aus.

„In einem Museum darf man nichts anfassen“, bellte Karl-Heinz. „Außer die interaktiven Präsentationen. Ist diese Truhe interaktiv?“

Frau Obermoser hob eine Augenbraue. „Möglicherweise ist die Truhe feucht gereinigt, aber nicht getrocknet worden. Von einer Zwischensaisonaushilfsputzfrau. Wenn wir das nicht überprüfen, könnte Rost-Fraß einsetzen.“

Mannis Arm hing einen Moment lang reglos in der Luft. Eigentlich hatte Karl-Heinz immer das Sagen, aber diese Frau Obermoser strahlte sowas Bestimmendes aus, sowas …

„Lass mich!“ Beppi schob Manni beiseite und hob den Deckel an.

Und natürlich handelte es sich nicht um die farblich fragwürdigen Restschlieren eines Reinigungsmittels, sondern um Blut.

Das höchstwahrscheinlich zu dem abgetrennten Kopf gehörte, der in der Truhe lag. Und der sie aus weit aufgerissenen Augen verwundert anzuschauen schien.

Beppi schrie auf – das war der Schreck, er war sonst kein Schrei-Typ.

Rudi sah ihm über die Schulter, riss ebenso wie der Kopf die Augen auf, blieb aber stumm.

„Hammer!“, lobte Manni. „Das nenn ich eine gelungene Halloween-Deko.“

Es war Oktober, seine Vermutung war also nicht ganz abwegig. Aber leider falsch. Er beugte sich vor, um den Schädel zu tätscheln, fuhr mit den Fingern durch die brillantinierten Haare des Männerkopfes, zog die Hand wieder zurück, betrachtete seine Finger, schluckte schwer und sah – sekündlich bleicher werdend – zu Frau Obermoser.

„Echt, oder?“, konstatierte sie nüchtern.

Beppi schrie erneut auf, Manni knickte mittig ein und kotzte sich die Seele aus dem Leib, und Rudi lehnte sich gegen die Wand, an der er gleich darauf ohnmächtig zu Boden rutschte.

Nur Karl-Heinz und Frau Obermoser bewahrten Ruhe.

„Was ist denn hier los?“, fragte der Beckenbauer-Pilger, der es wider Erwarten tatsächlich bis hier oben geschafft hatte – vermutlich, weil er hoffte, noch ein in die Holzbalken geritztes Franzl was here von seinem Idol zu finden.

Dann sah er den Kopf, hob seine Canon-EOS-Mark-IV-SLR-Digitalkamera und fotografierte sich den Bär.

Mach dich nackich!

In der Geschichte des Frauenberuhigens hat es eine Frau noch nie beruhigt, wenn man ihr sagte, sie solle sich beruhigen.

„Beruhige dich doch bitte!“, schwäbelte der Mann trotzdem.

Manchmal konnte man wirklich glauben, Männer hätten die Evolutionsgeschichte nicht von Anfang an an der Seite von Frauen mitgemacht. Oder wären zumindest nicht lernfähig.

Kitzbühel war zwar eine Tourismusmetropole, aber dennoch von überschaubarer Größe. Wenn in einem Museumsexponat der abgetrennte Schädel eines Menschen gefunden wurde, dann sprach sich das herum. Vielleicht nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit, aber auch nicht sehr viel langsamer.

Die hiesige Polizei hatte gerade mal das Museum mit Tatortband abgesperrt und die Kollegen vom Ermittlungsbereich eins, genannt „Leib/Leben“, in Innsbruck verständigt, da raunte man es sich in der Vorder- und Hinterstadt schon zu und telefonierte und simste seine Lieben ab, ob einer fehlte.

Es dauerte exakt 29 Minuten, bis sich die Kunde vom Kopffund vom Museum bis zum Marchwardushof verbreitet hatte. Und eine Gästin daraufhin verrücktspielte.

„Ich will mich aber nicht beruhigen. Ich weiß, was ich gesehen habe! Wir wohnen mit Mördern unter einem Dach! Und zahlen dafür auch noch den vollen Preis!“ Es war nicht wirklich sicher herauszuhören, was für die Frau schlimmer war: dass sie vermeintlich mit Killern Wand an Wand geschlafen hatte oder dass sie auf die – ohnehin reduzierten – Zwischensaisonzimmerpreise keine weitere Ermäßigung bekommen hatte. Schwaben – die Schotten Deutschlands.

Dachten zwei der drei, die vor der Infrarotkabine im Wellnessbereich standen.

In der Kabine saß die Frau und hyperventilierte. Zuvor hatte sie noch das blaue Licht aktiviert, das angeblich tiefenentspannend wirken sollte, aber selbst wenn, dann nur bei geschlossener Kabinentür. Die Tür stand jedoch sperrangelweit offen. Ihr Ehemann hielt ihre Hand. Dass sie ihm die Hand nicht entzog, obwohl sie sich über ihn ärgerte, zeigte deutlich, wie sehr sie durcheinander war.

„Ich kriege keine Luft mehr“, keuchte die Frau und hielt sich die schwer beringte Rechte an den Hals.

Leo und Herr Neuveille, der welschschweizerische Geschäftsführer des Hotels, sahen sich an.

„Sie müssen den Kopf zwischen die Knie stecken“, riet Herr Neuveille.

Die Frau beugte sich vor.

„Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen?“, krähte sie in Kniehöhe. „Der Mann hatte ein blutiges Messer in der Hand! Im Zimmer gegenüber! Der Mörder logiert hier im Haus!“

Leo war ihr im Flur begegnet. Als sie hysterisch über den weiß-roten Teppichboden im obersten Stockwerk an ihr vorbeigerannt war, die dort stehende Ritterrüstung umgeworfen hatte (anzunehmenderweise unabsichtlich) und anschließend mit den auf Hochglanz polierten Deko-Wachsäpfeln auf der Truhe neben dem Treppenkopf hinter sich geworfen hatte, als wolle sie einen Verfolger damit niederstrecken (vermutlich absichtlich). Dann war die Frau schreiend durch das komplette Treppenhaus bis ins Untergeschoss gelaufen, wo sie sich in der Infrarotkabine verkroch. Leo war ihr hinterhergerannt, nur der Ehemann hatte in aller Seelenruhe den Aufzug genommen.

„Mörder! Mörder!“, gellte die Frau jetzt erneut.

Neuveille machte beschwichtigende Gesten. „Madame, bitte, wir kümmern uns sofort darum. Aber es wäre sicher besser, wenn Sie … keine weitere Aufmerksamkeit auf uns lenken würden.“

„Weil der Mörder dann kommt und mich zum Schweigen bringt?“ Sie legte den Kopf schräg und sah aus weit aufgerissenen Augen zum Direktor auf.

Hercule Neuveille hatte eher gemeint, dass die anderen Gäste nicht in Panik versetzt werden sollten.

Eigentlich hatte er ja den Hof der Eltern im Kanton Waadt übernehmen sollen. Aber schon früh wusste er, dass er sich lieber den Duft der großen weiten Welt um die ausgeprägte Adlernase wehen lassen wollte, als sich um trächtige Kühe und Hennen mit Legenot zu kümmern. Darum war er in die Hotellerie gegangen. Aber immer öfter in letzter Zeit dachte er mit einem inneren Seufzer, dass er immer noch eine Art Landwirt war und wie sein Namensvetter Herkules aus der griechischen Mythologie bemerkenswert oft die Ställe des Augias ausmisten musste. Anders ausgedrückt: Die Gäste waren das Vieh, und er, Hercule Neuveille, musste den Dreck wegmachen, den sie verursachten.

Ein freilaufender Mörder in seinem Haus? Lächerlich. Er musste die Dame dazu bringen, dass sie ihrer Panik im unteren zweistelligen Dezibelbereich Ausdruck verlieh. Gutes Zureden hatte nicht geholfen. Vielleicht, wenn er ihr Angst machte?

„Ja, Madame, wir sollten leise sein, damit uns der Mörder … der potenzielle Mörder … nicht hören kann.“

Entsetzt richtete sie sich aus ihrer Anti-Hyperventilationshaltung auf. Ihr Ehemann schaute Neuveille vorwurfsvoll an, dann setzte er sich neben sie in die Kabine und schloss die Tür. Die natürlich nicht aus Panzerglas bestand und somit vor wildgewordenen Mördern nicht wirklich Schutz bot, aber es half auf psychologischer Ebene. Bestimmt zum ersten Mal seit Jahrzehnten schmiegte sie sich an ihn.

Da sie sich stumm schmiegte, war zumindest Neuveille glücklich.

Er zog Leo beiseite. „Haben Sie der Dame von dem Kopf erzählt?“

„Nein, natürlich nicht!“, empörte sich Leo und pustete sich eine Locke aus dem Gesicht. Eingeweihte hätten aus Empörung und Lockepusten schließen können, dass sehr wohl sie es gewesen war, die fasziniert von dem Schädelfund berichtet hatte – allerdings der Hausdame, nicht den Hotelgästen, die Frau musste das gehört haben –, aber Neuveille hatte Leo seit dem Einstellungsgespräch nicht mehr gesehen und war daher mit ihrer Körpersprache nicht vertraut.

Kurzum, er akzeptierte ihr Leugnen. „Na gut. Jedenfalls danke, dass Sie mich informiert haben.“

„Es ist mir leider nicht gelungen, die Dame zu beruhigen. Aber ich habe das Wir-reinigen-gerade,-bitte-nicht-betreten-Schild an die Tür zum Wellnessbereich gehängt. Vorerst kommt hier niemand rein.“ Leo wusste ebenso wie der Geschäftsführer, dass sich Panik wie ein Flächenbrand ausbreitete, wenn man nicht rechtzeitig Einhalt gebot.

„Sie will also ein verdächtiges Subjekt gesehen haben“, fasste Neuveille zusammen.

Leo nickte.

„Dann sehe ich mir das mal an“, sagte Neuveille, blieb aber stehen.

„Ich komme mit!“, erklärte Leo und lief los.

Ihm war sichtlich unwohl bei dem Gedanken, gleich einem potenziellen Mörder gegenüberzustehen. Noch unwohler war ihm nur angesichts der Vorstellung, er müsse die Polizei ins Haus holen. Leo war ebenfalls nicht furchtlos, nur fest davon überzeugt, dass sich der Enthaupter schon längst abgesetzt hatte. Falls er sich denn überhaupt je im Hotel befunden hatte.

„Die Dame und ihr Ehemann wohnen in 310“, sagte Leo, als die kleine Aufzugskabine sie im obersten Stockwerk ausspuckte.

Neuveille klopfte an die Tür von Nummer 312, dem Zimmer schräg gegenüber.

„Was ist?“ Es öffnete der Schrank von einem Mann, der Leo vorhin beim Schnüffeln in seinem Kulturbeutel entdeckt hatte. Leo strahlte. Sie hatte doch gleich gewusst, dass der nicht ganz koscher war.

Der Mann überragte den Geschäftsführer, der kleiner war als Leo, um mindestens zwei Köpfe. Und weil er oben ohne war, sah man jeden einzelnen Muskel seines Sixpacks. Ebenso die grimmigen Tattoos auf seinem Brustkorb, die entfesselte Dämonen darstellten. Oder schlecht gelaunte Familienmitglieder. Jedenfalls war der Gesamteindruck bedrohlich und finster.

Neuveille und Leo wurde klar, dass sie sich ein Konzept zurechtlegen hätten sollen. Hatten Sie eben ein blutiges Messer in der Hand, mit dem Sie vor Kurzem einen Menschen ermordet haben?, schien in diesem Moment kein vielversprechender Ansatz zu sein.

„Äh … ein Gast meint, in Ihrem Zimmer etwas … Ungewöhnliches gesehen zu haben. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ Neuveille presste die Fingerspitzen aneinander und formte mit den Händen eine Pyramide. Zum ersten Mal fiel Leo auf, welch eklatante Ähnlichkeit er mit der Zeichentrickfigur Gru hatte – die spitze Nase, der tonnenförmige Torso auf den dürren Beinen, nur eben in viel kleiner.

Hinter dem Schlägertypen tauchte ein weiterer Schlägertyp auf. Auch er oben ohne. Hatte Leo sich geirrt und die beiden waren doch schwul, und sie war mit dem Direktor womöglich in einen Frühmorgenquickie hineingeplatzt? Aber nein, auf den zweiten Blick entdeckte Leo Hanteln in den riesigen Pranken des Mannes. Die beiden trainierten. Sie mussten das in ihrer Suite tun, denn das Hotel hatte zwar einen Wellnessbereich, aber keinen Fitnessraum.

„Was Ungewöhnliches?“, brummte der erste Mann.

„Haben Sie sich verletzt? Ist dabei möglicherweise Blut geflossen?“ Leo inspizierte die sichtbaren Teile der beiden Männerkörper. Sie entdeckte jede Menge Narben, aber keine frischen Wunden.

„Nein!“, erklärten die beiden unisono.

Neuveille spechtete aus seiner tiefergelegten Position an den Männern vorbei in die Suite. Es war kein Messer zu sehen. Und auch kein Blut. Überhaupt war die Suite – wie schon vorhin – nachgerade verdächtig aufgeräumt. Als ob gleich ein Team von Schöner Wohnen käme, um den Raum abzufotografieren. Leo fand das hochgradig suspekt. Wie gestört musste man sein, um derart aufgeräumt zu leben? Aber wo kein Blut, da kein Blut.

Jetzt erst bemerkte sie, dass die Männer den Tisch in die Mitte des Zimmers gerückt hatten. Ein aufgeklappter Laptop befand sich darauf, und auf dem Bildschirm sah man – da war sich Leo ganz sicher, kein Irrtum möglich – Jane Fonda bei Aerobic-Übungen. In engem Stretch-Leotard, mit hohen Beinausschnitten und tiefem Dekolletee.

Jetzt erklärte sich auch, warum die beiden Männeroberkörper von einer dünnen Schweißschicht überzogen waren.

„Vielleicht meinte die Dame Zimmer 313. Das ist auch gegenüber“, raunte Leo Neuveille zu. Und zu den bulligen Kerlen sagte sie treuherzig: „Verzeihen Sie bitte die Störung. Es muss sich um eine Verwechslung handeln.“

„Noch einen schönen Aufenthalt.“ Der Direktor lächelte breit.

Der Riese schloss die Tür.

Neuveille und Leo sahen sich an. Man sprach es nie aus, das gehörte zum Kodex, aber manchmal dachte man als Im-Gastro-und-Hotelgewerbe-Tätiger schon, dass die Gäste merkwürdig waren. Spinner und Verrückte. Eigentlich dachte man das nicht nur manchmal. Man dachte es täglich. Mehrmals.

Sie klopften an der Tür zu Suite 313.

Sowohl Neuveille als auch Leo wussten, auf wen sie in dieser Suite treffen würden. Manche Gäste waren einfach deutlich memorabler als andere. So auch diese.

Die Suite war belegt von einer arabischen Großfamilie. Was man so Großfamilie nannte. Ein erwachsener Mann, drei erwachsene Frauen, fünf Kinder unter fünf. Neuveille hatte früher einmal, als junger Kerl, tatsächlich geglaubt, Muslime hätten das große Los gezogen. Die müssten sich nicht für eine Frau entscheiden, sondern konnten bis zu vier Frauen haben. Abwechslung. Sahneschnitten. Party. Aber jetzt, als welterfahrener Mann, wusste er, dass vier Frauen einfach nur all die Probleme einer Ehe mal vier bedeuteten.

Trotz Doppeltür hörte man Geschrei und Kinderlärm und Tohuwabohu und typisches Fernsehgemurmele. Letzteres bestimmt von Al Jazeera. Wie jedes Fünf-Sterne-Hotel bot auch der Marchwardushof je zwei Fernsehsender für das betuchte russische, arabische und chinesische Publikum.

Neuveille klopfte erneut.

Die Suite war die größte des Hauses und hieß daher Kaisersuite. Sie bestand aus zwei großen Schlafzimmern, einem Wohnzimmer mit Schlafcouch, einem Bad und einem Gäste-WC. Auf Wunsch der Familie waren noch zwei Kinderbetten hineingestellt worden. Aber es war trotzdem eng. In Kitzbühel gab es genügend gigantobastische Fünf-Sterne-Luxushotels, die in der Zwischensaison auch über jede Menge freie Suiten verfügten. Die Familie hätte problemlos eine geräumigere Unterkunft finden können. Aber nein, sie hatten sich für dieses Haus entschieden. Weil sie etwas Heimeliges mit Tiroler Gemütlichkeit suchten.

Der Mann öffnete. Unter einem Araber stellte man sich ja gern einen bedrohlich wirkenden, vollbärtigen Terroristentyp in Herren-Kaftan und mit Arafat-Gedächtnistuch auf dem Kopf vor, aber der hier war kugelrund, hatte einen sehr gepflegten Hipster-Bart und trug Jeans und einen pastellfarbenen Kaschmirflauschepulli. Er guckte leutselig und strahlte mit jeder Pore Gemütlichkeit aus.

„Jomaschejedemm?“, sagte er. So klang es zumindest für die Ohren von Neuveille und Leo.

Die Familie hatte dem Geschäftsführer bei der Anreise fünf große Scheine in die Hand gedrückt. Allein dafür, dass während ihres siebentägigen Aufenthalts niemand die Suite putzen sollte. Sie wollten ungestört sein. Es reichte ihnen, wenn täglich frische Handtücher auf der Kommode im Flur neben der Tür deponiert wurden. Leo hatte darum keine Ahnung, wie es in der Suite aussah. Aber als sie dem Araber jetzt über die Schulter schaute, erblickte sie ordnungstechnisch das genaue Gegenteil von der Suite der beiden Fitnessfreaks. Die fünf Knirpse durften offenbar tun und lassen, was sie wollten. Überall lag Spielzeug und Naschkram verstreut, Schubladen waren aufgerissen, Schranktüren standen offen, Kleidungsstücke hingen heraus. Alle der insgesamt drei Fernsehgeräte in der Suite liefen, jedes auf einem anderen Sender. Am lautesten hörte man die Kindersendung im zweiten Schlafzimmer. Im Bad rauschte Wasser in die Wanne.

„Verzeihen Sie bitte die Störung.“ Neuveille räusperte sich.

„Laafamm?“, sagte der Araber. „Mathalonli?“

Neuveille räusperte sich und wollte es auf Englisch versuchen, obwohl er sich zu erinnern meinte, dass er mit dem Gast bei dessen Ankunft auf Deutsch kommuniziert hatte, da rief eine Frauenstimme streng aus dem Nebenzimmer: „Habib!“

Der Araber guckte verwirrt, dann strahlte die sprichwörtliche Glühbirne über seinem Kopf auf, und er hob in entschuldigender Geste beide Hände. „Oh, verzeihen Sie, ich hatte gerade eine Konferenzschaltung mit meinem Büro zu Hause und war noch ganz in meiner Muttersprache. Was kann ich für Sie tun?“ Sein Deutsch hatte eine Mannheimer Färbung.

„Wir wurden informiert, dass es einen … ungewöhnlichen Vorfall gegeben haben soll. Bei Ihnen in der Suite“, meinte Neuveille geflissentlich lächelnd. „Ist … äh … vielleicht einer von Ihnen verletzt?“

Der Mann hatte in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert, man konnte sich problemlos mit ihm auf Deutsch unterhalten. Man hätte es auch auf Englisch, Italienisch und Russisch tun können, er war vielsprachig. Aber in jeder Sprache, auch in seiner Muttersprache, wäre die Antwort gleich ausgefallen: „Nein, wieso? Bei uns ist alles in bester Ordnung.“

In der Tür zum Nebenzimmer tauchten jetzt die drei Frauen auf, alle in Burka. Vermutlich hatten sie sich erst verhüllen müssen. Deswegen hatte es mit dem Öffnen der Tür so lange gedauert. Sie hätten auch einfach im Nebenzimmer bleiben können, aber Neugier, dein Name ist Weib. Allüberall auf der Welt.

Der Mann sagte etwas auf Arabisch, es klang sehr herrisch. Vielleicht befahl er: „Macht, dass ihr wieder in den Nebenraum kommt!“ Aber das Arabische klang ja für ungeübte, westeuropäische Ohren gern etwas harsch. Vielleicht sagte er auch nur: „Mädels, ich hab euch lieb. Gleich bin ich wieder ganz für euch da.“

Die fünf Kleinkinder bauten sich der Größe nach hinter ihrem Papa auf.

Alles in allem bot sich das bukolische Bild familiärer Glückseligkeit. Mit einem Hauch Exotik.

„Das freut mich zu hören. Dann kann ich nur noch einmal wiederholen: Verzeihen Sie bitte die Störung.“ Neuveille und Leo wollten gerade den strategischen Rückzug antreten, da gellte eine vertraute Stimme: „Das ist er!“

Sie fuhren herum.

Hinter ihnen stand die Panikfrau aus der Infrarotkabine. Das blaue Licht schien sie nicht beruhigt zu haben. Im Gegenteil, sie schien vor Empörung Funken zu schlagen. „Lassen Sie sich nicht einlullen. Ich sage Ihnen, das ist er!“

Ihr Gatte stand neben ihr und zuckte bedauernd mit den Schultern.

Neuveille zeigte auf den arabischen Gast. „Er hier? Sind Sie sicher?“

„Doch nicht er. ER!“ Sie zeigefingerte auf die mittlere der Burka-Frauen, die gedrungener wirkte und deutlich kleiner war als die beiden anderen. Die aber auch sehr klein waren.

„Das ist eine Frau“, sagte Leo.

Der Araber nickte.

„Das ist definitiv keine Frau, unter der Burka steckt ein Kerl. Ein Kerl mit einem blutigen Messer!“ Die Panikfrau bekam einen hysterischen Schluckauf. Ihr Ehemann tätschelte ihr unbeholfen die Schulter.

„Lass mich!“, kreischte sie und schüttelte seine Hand ab. „Ich weiß, was ich gesehen habe!“

Neuveille sah zu Leo, dann zu dem arabischen Gast. Das waren so die Momente im Leben eines Hoteldirektors, auf die einen die Hotelfachschule nicht vorbereitete. „Sie haben möglicherweise mitbekommen, dass es hier in der Nähe einen … äh … Vorfall gegeben hat. Ein Mensch kam gewaltsam ums Leben.“

Das war selbstverständlich reine Spekulation seitens Neuveille. Der Tote war ja vielleicht ganz natürlich gestorben – an einem Herzinfarkt beispielsweise – und man hatte ihn hinterher filetiert. Aus Gründen.

„Die Dame hier behauptet, in diesem Zimmer ein blutiges Messer gesehen zu haben, das möglicherweise die Tatwaffe gewesen sein könnte. Und dass …“ Neuveille wurde rot und suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „... dass möglicherweise eine der drei Damen keine … also … dass es sich bei einer von ihnen um einen Mann handeln könnte.“ Geschafft. Neuveille atmete tief aus. „Dürfte sich meine Mitarbeiterin kurz vergewissern, dass alles seine Ordnung hat?“

Der Araber schürzte die Lippen. „Ich verstehe, es waren mal wieder die bösen Araber. Wir sind es ja immer. Das ist ungeheuerlich. Ich verbitte mir diese Unterstellung.“ Er verschränkte die Arme. Jetzt wirkte er weniger wie eine Wonnekugel, mehr wie eine Bowlingkugel, die Neuveille und Leo gleich umnieten würde.

„Ich verstehe Ihren Unmut“, beschwichtigte Bowling-Pin Neuveille. „Und ich versichere Ihnen, es hat nichts mit Ihrer Herkunft zu tun.“ Da war sich der Direktor zwar nicht sicher, aber er wollte klarstellen, dass es in seinem Hotel keinen Rassismus gab. „Ich bin sicher, Sie wollen die Bedenken der Dame ausräumen und ihr beweisen, dass sie hier im Haus keine Angst zu haben braucht.“

Die Augenbrauen des Arabers bildeten mittlerweile eine Frida-Kahlo-Monobraue. Er vermittelte ganz und gar nicht den Anschein, als wolle er dem durchgeknallten weiblichen Mit-Gast irgendetwas beweisen.

Eine der Burka-Frauen rief etwas. Auf Arabisch.

Der Araber entschränkte – sichtlich widerwillig – die Arme und brummte. „Also gut, bitteschön, nur zu, vergewissern Sie sich. Ich erwarte allerdings im Anschluss eine Entschuldigung von Ihnen und Ihrem Beherbergungsbetrieb.“ Und damit im Direktor gar nicht erst der Gedanke keimte, er könne es bei einem handschriftlichen Entschuldigungsschreiben mit einem Obstteller und einem Blumenstrauß belassen, fügte er noch hinzu: „Und zwar in Naturalien! Da muss jetzt ein Abendessen für meine Familie und mich drin sein.“

Neuveilles geflissentliches Lächeln wurde einen Tick angestrengter, aber er nickte. „Selbstverständlich, der Herr.“ Dann sah er zu Leo. „Luisa, wenn Sie so freundlich wären …“

Leo trat ein, und auch die Panikmacherin wollte in die Suite stürmen, aber Neuveille warf sich als lebender Prellbock vor sie. „Madame, wir klären das hotelintern.“

Gleich darauf hatte Neuveille die Tür zur Suite hinter sich geschlossen und lief Messer und Blutflecke suchend durch die Suite, während Leo mit den drei Burka-Verhüllten ins Badezimmer ging. Als sie die Tür geschlossen hatte, herrschte kurz ein Moment der Stille.

„Would you mind putting off your burka?“, sagte Leo schließlich, weil ihr einfiel, dass die Frauen womöglich kein Deutsch sprachen und sich wunderten, warum sie mit der Putze ins Bad geschickt worden waren.

„You want us to undress?“, fragte eine der Frauen. Sie klang jung. Und britisch. Vermutlich hatte sie in England studiert.

Die Situation war grenzwertig. Und für Leo sehr peinlich. Wie würde sie selbst reagieren, wenn man in einem Hotel im Ausland zu ihr sagen würde: Mach dich mal nackich?!

„Yes, please.“ Leo spürte, wie sie knallrot anlief. „Just to show me that you are a woman.“

Zwei der Frauen lachten glockenhell auf. Die dritte schnaubte. Es war ein sehr bäriges Schnauben. Genauer gesagt: ein tiefes Bass-Brummen. Sollte die Panikschwäbin tatsächlich recht haben? Steckte da ein Mann unter der Burka?

Gleich darauf standen die drei unbeburkat vor ihr.

Und wirklich, es handelte sich um drei Personen weiblichen Geschlechts.

Jetzt war auch zu sehen, dass sie alle drei Chanel trugen. Vom ganz klassischen Chaneljäckchen mit Perlenkette bis hin zur modernen Version in Neonfarben. Was Leo, die selbst ein Faible für Neon hatte, sehr entgegenkam.

Aber nicht die Haute Couture verwunderte Leo, sondern die Tatsache, dass die drei Frauen, von denen sie gedacht hatte, es seien die drei Ehefrauen des Arabers, in Wirklichkeit enorme Altersunterschiede aufwiesen. Nur eine der Frauen war offenbar seine Gattin, erkenntlich auch daran, dass unter ihrem Chanel-Jäckchen ein weiteres Babybäuchlein zu sehen war.

„I am Mrs. Abibi, Habibs wife. Shirin Abibi“, stellte sie sich vor. Es war die Frau, die britisch klang. Sie zeigte auf die andere große, schlanke Frau „This is his younger sister Fatima.“ Fatima war eindeutig ein Nachzüglerkind. Vermutlich gerade volljährig. Und dann zeigte Mrs. Abibi auf die gedrungene, kleine Gestalt mit dem Bass-Schnauben. Es war aber kein barttragender, männlicher Mörder, der seinen Opfern die Köpfe abschlug, sondern nur eine sehr alte, sehr verhutzelte Oma. Gut, mit Damenbart. Aber trotzdem harmlos. „This is the mother of my husband, Mrs. Basima Abibi.“

Letztlich war das Interessanteste an Frau Abibi der Älteren aber nicht, dass sie tatsächlich eine Frau war, sondern dass sie statt einer linken Hand einen Metallhaken hatte. Einen roten Metallhaken.

War das Farbe?

Oder Blut?

Von draußen, wie aus weiter Ferne, hörte man die Schwäbin brüllen: „Und? Hab ich’s nicht gesagt? Mörder!“

Бесплатный фрагмент закончился.

895,71 ₽
Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
09 ноября 2024
Объем:
242 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783709939109
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги