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Tanja Noy

Todesruhe - Ein Fall für Julia Wagner: Band 2

Für Katja.

Immer.

Saga

Todesruhe - Ein Fall für Julia Wagner: Band 2Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2014, 2020 Tanja Noy und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643077

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

PROLOG

April 2010

Es war 3:34 Uhr, als Dr. Michael Jöst im Klinikum Hannover angepiepst wurde. Kurz darauf teilte man ihm mit, dass gerade zwei Frauen eingeliefert worden seien. Eine von beiden hätte schwere Schussverletzungen.

„In Ordnung“, sagte Jöst müde. Er hatte seit zwölf Stunden Dienst und gerade erst einen Schwerverletzten hinter sich gebracht, der nach einem Unfall von der Feuerwehr aus seinem Auto herausgeschnitten werden musste. Nun saß er im Bereitschaftszimmer, blickte aus dem Fenster und sah, dass es am Himmel heftig blitzte. Er nahm einen letzten Schluck kalten Kaffee, dann eilte er mit schnellen Schritten in die Notaufnahme.

Sein Kollege kümmerte sich um die erste Patientin, die hereingefahren wurde: Die Frau war eindeutig unterkühlt, mit diversen Schnittverletzungen und Löchern in Händen und Füßen. Es sah gerade so aus, als wären große Nägel hindurchgeschlagen worden.

Jöst selbst fiel es zu, sich um die zweite Patientin zu kümmern, die Frau mit den Schussverletzungen. Er untersuchte die Bewusstlose kurz und stellte fest, dass sie dreckverkrustet, blutverschmiert und schwer verletzt war. Eine Kugel war in die linke Seite eingeschlagen und zwischen der zweiten und dritten Rippe stecken geblieben. Die andere steckte knapp unterhalb des Herzens.

„Wir haben ihren Ausweis“, sagte eine der Krankenschwestern. „Ihr Name ist Julia Wagner.“

„Röntgen.“

Und dann begann seine Arbeit.

Zur selben Zeit warf Polizeiobermeister Arnulf Ebeling todmüde einen Blick auf die Uhr, während die Worte eines sichtlich erbosten Polizeichefs in Schallgeschwindigkeit an ihm vorbei rauschten. „Dilettant“ und „personifizierte Inkompetenz“ war noch das Freundlichste, was ihm um die Ohren flog. Und es war noch lange nicht zu Ende: „Wie konnten Sie alleine in diese Kapelle stürmen, wo Sie doch davon ausgehen mussten, dass sich dort ein hochgefährlicher Serienmörder aufhält? Der Mann hat mindestens fünf Menschen umgebracht, nach allem, was wir bis jetzt wissen. Und da marschieren Sie einfach so rein, als hätte er betrunken eine Spazierfahrt gemacht?“

Ebeling schloss für einen kurzen Moment die Augen. Er hatte gewusst, seine Zeit bei der Polizei war ohnehin beendet. Er hatte Fehler gemacht. Zu viele Fehler. Und vielleicht war gerade das der Grund gewesen, weshalb er, ohne noch einmal darüber nachzudenken, in die Kapelle gestürmt war, wo er Wolfgang Lange erschossen hatte, nachdem er den Anruf von Edna Gabriel bekam.

Nun lag ein hoch geachteter Kriminalbeamter tot auf dem Boden der alten Kapelle. Daneben ein ebenso erschossener katholischer Pastor und zwei Frauen: die eine mit zwei Kugeln im Leib, die andere lebendig an ein Kreuz genagelt.

Das war gar nicht gut. Und so war die erste Amtshandlung, die Ralf Jockel beging, kaum dass er am Tatort angekommen war, zu brüllen, dass er gefälligst eine Erklärung erwarte „für die verfluchte Scheiße hier“!

Ebeling erklärte ihm so ruhig wie möglich, dass Wolfgang Lange – der hoch geachtete Polizist – ein Satanist gewesen sei.

„Satanist?“, spie Jockel aus und wies einen Kollegen an, Ebeling fortzuschaffen und ins Irrenhaus zu bringen.

Ebeling protestierte und erklärte, dass Lange tatsächlich ein hochgefährlicher Mann gewesen sei. Es hätte nicht so viele Tote gegeben, so gestand er immerhin ein, wenn er sich früher eingeschaltet und durchschaut hätte, was in seiner Dorfgemeinschaft in Wittenrode tatsächlich vor sich ging.

Daraufhin blickte Jockel überhaupt nicht mehr durch. Er nannte Ebeling einen inkompetenten Trottel und brüllte: „Ich werde Sie wegen jedem einzelnen Ihrer Dienstvergehen drankriegen! Sie werden auf einem Polizeirevier nicht einmal mehr Bleistifte anspitzen! Darauf können Sie sich verlassen!“

Das wusste Ebeling, und deshalb schwieg er. Selbst wenn er hätte antworten wollen, er wäre gar nicht dazu gekommen, weil Jockel bereits die nächste Frage in Richtung Himmel brüllte: „Und warum, in drei Teufels Namen, wollte Lange ausgerechnet diese beiden Frauen umbringen?“

„Ich vermute, es geht um Sven Wagner.“

„Sv…“ Jockel brach ab und hustete. „Was hat Sven Wagner damit zu tun?“

Ebeling wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Eine der beiden Frauen ist seine Tochter.“

Einen kurzen Moment hielt Jockel inne. Dann hob er langsam eine Hand und deutete dem Krankenwagen hinterher, der schon lange nicht mehr zu sehen war. „Das war Julia Wagner?“

„Sie kennen sie?“

„Natürlich kenne ich sie! Wie ich auch Sven Wagner kannte. Er hat 1987 die Anklage gegen Bruno Kalis erhoben. Den Teufelsmörder!“

„Kalis war nicht der Teufelsmörder. Der Fall war manipuliert.“

„Manipuliert.“

Ebeling lächelte schwach, weil ihm selbst klar war, wie verrückt sich die ganze Geschichte anhören musste. „Sie haben Kalis mit Absicht über die Klinge springen lassen, weil sie einen Mörder brauchten. Für die Presse und für die Öffentlichkeit. Vielleicht steckt aber auch noch mehr dahinter. Ich weiß nicht, worum es wirklich ging.“

„Sie?“, zischte Jockel.

„Wolfgang Lange, der damals leitende Ermittler. Ta Quok, sein Kollege bei der Kripo. Sven Wagner, der leitende Staatsanwalt. Und der damalige Polizeichef Norbert Kämmerer.“

Jockel wurde immer blasser.

„Sie werden auf Frau Wagners genaue Aussage warten müssen, aber ich weiß, dass Wolfgang Lange der wahre Teufelsmörder war“, fügte Ebeling hinzu. „Über zwanzig Jahre hat er nach den drei Morden damals stillgehalten. Jetzt hat er wieder zugeschlagen. Und alles mit dem Ziel, Julia Wagner zu töten. Und das hat irgendetwas mit ihrem Vater zu tun.“

„Sven Wagner ist seit über zwanzig Jahren tot“, stellte Jockel fest.

„Ich weiß.“ Ebeling hob müde die Schultern. „Und trotzdem …“

„Und wenn er damals tatsächlich vorsätzlich eine falsche Anklage erhoben hat“, zischte Jockel hinterher, „dann war er kriminell.“

„Ja. Das waren sie wohl alle. Irgendwie.“

Dreizehn Stunden später

16:34 Uhr

Oberstaatsanwältin Carina Färbert verschaffte sich einen Überblick über die Situation. Was sich da in dem kleinen Örtchen Wittenrode abgespielt hatte, war eine grauenhafte Geschichte, und in den letzten Stunden waren in dem gerade mal vierhundert Einwohner zählenden Nest von allen Seiten Unmengen an Überstunden angehäuft worden.

Kein Wunder, denn hier ging es gleich um mehrere Verbrechen: der Mord an dem örtlichen Schlachter und der Selbstmord seiner Frau, die hinterhältig in den Tod getrieben worden war; der Mord an einem ehemaligen Polizeichef sowie an einer Bäckersfrau, der von ihrem Mann die Kehle durchgeschnitten worden war – wenigstens dafür schien Wolfgang Lange nicht verantwortlich zu sein. Dann der Mord an einem gewissen Greger Sandmann aus Berlin und an einem katholischen Pastor. Und zuletzt die gefährliche Körperverletzung an einer Frau aus Hamburg, die lebendig an ein Kreuz genagelt worden war, sowie der Mordversuch an einer gewissen Julia Wagner. Zählte man die drei Verbrechen von vor zwanzig Jahren hinzu, konnte Wolfgang Lange inzwischen mit sieben Morden in Verbindung gebracht werden. Und als würde das noch nicht reichen, hatte sich inzwischen herausgestellt, dass er seine Finger offenbar auch noch in anderen kriminellen Geschäften hatte. Genau genommen war der Mann durch und durch böse und korrupt gewesen.

Carina Färbert klappte den Ordner mit den Unterlagen der Voruntersuchung zu und machte sich eine kurze Notiz mit ihrem goldenen Füller, ehe sie zu Klaus Martin hinübersah, Leiter des LKA Niedersachsen, dem sie gegenübersaß und der sie aufmerksam beobachtete.

„Hübsch“, bemerkte er und meinte den Füller.

Sie antwortete nicht darauf, lehnte sich nur etwas zurück. „Leider können wir Lange nicht mehr verhaften“, sagte sie. „Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, ihn auf der Anklagebank zu sehen.“

Martin nickte. Ihm auch. Weiß Gott. „Diese Geschichte wird lästig werden. Sehr lästig.“

Die Oberstaatsanwältin nickte, richtete sich wieder etwas auf und steckte mit langsamen Bewegungen die Kappe zurück auf den Füller. „Lassen Sie uns auf Frau Wagner zu sprechen kommen. Was wissen wir bisher über sie? Ich meine, abgesehen davon, dass sie die Tochter des toten Staatsanwaltes Sven Wagner ist.“

Martin räusperte sich und begann in einem Notizblock zu blättern, der auf seinem Schoß lag. „Julia Wagner … am 20. 12. 1977 in Hannover geboren. Größe 1,66 m, Gewicht 55 kg. Dunkelbraunes, halblanges Haar, braune Augen. War bis Januar dieses Jahres in Mainz gemeldet, wo sie bei der Mordkommission gearbeitet hat.“

Carina Färbert hob eine ihrer beiden elegant gezupften Augenbrauen in die Höhe und wiederholte: „Mordkommission?“

„Richtig. Allerdings hat sie den Job nur sechs Jahre gemacht, dann warf sie ihn hin. Dieses Jahr im Januar, wie gesagt. Bis dahin gab es jede Menge Empfehlungen, sie hatte eine Aufklärungsquote von siebenundneunzig Prozent.“ Martin brach kurz ab, weil er diese Art von Berichten eigentlich nicht mochte, die sich irgendein Sesselfurzer irgendwann einmal ausgedacht hatte, damit wieder andere Sesselfurzer die Effektivität der Polizisten im Dienst in kleinen Diagrammen verfolgen konnten, um sie regelmäßig in Rankings an Schwarze Bretter zu hängen. Bildlich gesprochen. „Auf jeden Fall war sie ziemlich gut. Und ziemlich schnell.“ Er blätterte. „Machte 1995 Abitur. Danach ging sie sofort zur Polizei. Dann folgte ein geradezu rasanter Aufstieg. Wurde bereits sehr früh zur Kommissarin befördert.“ Martin sah auf. „Man hätte sie gerne in Hannover behalten, aber sie zog schon wenig später nach Mainz und arbeitete von da an dort für die Mordkommission.“

„Warum ausgerechnet nach Mainz?“, wollte die Oberstaatsanwältin wissen.

Martin hob die Schultern. „Wir überprüfen das noch. Übrigens war sie in Mainz vor drei Jahren an einer ziemlich großen Sache dran, zusammen mit ihrem damaligen Kollegen, es ging um doppelten Kindsmord. Die beiden haben den Fall gemeinsam gelöst und ernteten dafür jede Menge Applaus.“

„Hat dieser Kollege auch einen Namen?“

Martin blätterte wieder. „Zander. Ist immer noch bei der Kripo in Mainz.“

„Wenn Frau Wagner über einen solch guten Ruf bei der Polizei verfügte“, sinnierte die Oberstaatsanwältin, „warum hat sie den Job dann aufgegeben?“

„Das wissen wir noch nicht. Wir wissen nur, dass sie im Januar, quasi von heute auf morgen, Job und Wohnung gekündigt hat und dann für ein paar Wochen ohne festen Wohnsitz unterwegs war. Sie übernachtete immer nur für kurze Zeit in irgendwelchen Hotels und fuhr dann weiter. Immer an der Ostseeküste entlang.“

„Und wissen wir auch, warum sie das getan hat?“

„Nein. Bisher leider noch nicht. Das müssten Sie schon sie fragen, Frau Oberstaatsanwältin.“

„Wenn ich sie fragen könnte, würde ich nicht mit Ihnen hier sitzen.“

Eine passende Antwort formte sich in Martins Geiste, doch er hatte sich im Griff. „Die Besitzer der Hotels, in denen sie in den letzten Wochen abgestiegen ist, sagen alle unisono, dass sie nicht sehr viel gesprochen hätte, aber freundlich und unkompliziert gewesen wäre. Sie benutzt eine Kreditkarte, die sie für fast alles verwendet und deren Konto sie jeden Monat ausgleicht.“

„Und woher nimmt sie das Geld dafür, wenn sie nicht mehr arbeitet?“

„Auch das konnten wir bisher noch nicht nachvollziehen. Offiziell heißt es, sie hätte eine Erbschaft gemacht. Allerdings gestaltet sich die Glaubwürdigkeit dieser Aussage etwas schwierig, da sich weit und breit kein Verwandter mehr in Frau Wagners Umfeld befindet, der ihr etwas vererben könnte, weder lebend noch tot. Und da sie auch kaum Freunde und Bekannte hat … bis auf jene beiden ehemaligen Schulfreunde, mit denen sie sich in Wittenrode getroffen hat, Greger Sandmann und Eva Haack. Sandmann ist inzwischen nicht mehr am Leben, wie wir wissen. Frau Haack wurde in der Kapelle an ein Kreuz genagelt und hat die Sache nur knapp überlebt. Beide verfügen über keinerlei Vorstrafen und scheinen nur durch Zufall in die Geschichte geraten zu sein.“

„Wissen wir, warum sich die beiden mit Frau Wagner in Wittenrode trafen?“

„Zur Beerdigung einer weiteren alten Freundin: Kerstin Jakob. Sie hatte sich im Gefängnis das Leben genommen, nachdem sie den Mord an ihrem Mann gestanden hatte.“

„Dem Schlachter von Wittenrode“, erinnerte sich Carina Färbert. „Den sie aber gar nicht getötet hat.“

„Nein. Auch dahinter steckte Wolfgang Lange.“

Die Oberstaatsanwältin zog düster die Augenbrauen zusammen, und Martin kam eilig zum Ende: „Julia Wagner verfügt über keinerlei uns bekannten Schulden. Kein Ärger mit dem Finanzamt. Sie fährt einen ziemlich alten Volvo. Mit amtlicher Zulassung und bezahlter Versicherung. Das war es.“ Damit klappte er den Notizblock zu und legte ihn zurück auf seinen Schoß.

Zwanzig Sekunden blieb es daraufhin still, während Carina Färbert nachdenklich an ihrer Unterlippe zupfte. Dann richtete sie sich auf und sagte: „Gut. Nein, ganz und gar nicht gut.“ Sie seufzte. „Wir werden uns mit Frau Wagner unterhalten, sobald sie in der Lage dazu ist.“

„Wir?“ Martin blinzelte.

„Nun, ich war schon lange nicht mehr draußen auf dem Schlachtfeld. An der Basis, sozusagen.“ Carina Färbert nickte unterstreichend. „Und in diesem Fall bin ich unbedingt der Meinung, dass ich mich persönlich mit Frau Wagner unterhalten sollte. Und dann … Nun ja, je eher die Akte geschlossen ist, desto besser.“

„Und Sie arbeiten wirklich bei der Mordkommission?“, fragte Sissi, deren Nachname Zander schon wieder entfallen war, zur gleichen Zeit und zog dabei kokett die blonden Augenbrauen nach oben. „Wie ist das so? Was müssen Sie da so alles sehen? Lieber Himmel, das muss ja aufregend sein!“ Sie gestikulierte mit den Händen, während die Worte ohne Atempause aus ihrem Mund purzelten.

Zander lehnte sich schwer in seinen Stuhl zurück. „Es ist ein Job. Und irgendjemand muss ihn schließlich machen, nicht wahr?“

Nebeneinander saßen sie am Ende eines ausgezogenen Wohnzimmertisches, bei seiner Schwester Nicole in Mainz. Er trank einen großen Schluck Kaffee und ließ den Blick zum Schrank schweifen, der die ganze Wand einnahm. Er war deckenhoch und erdrückte alles andere im Raum. Symptomatisch für den Rest des Hauses bogen sich die Borde unter einer Flut von Porzellan, Kleinkram und von Kindern getöpferten Kunstwerken und Bildern. Überall verteilt standen Familienfotos, darunter auch eins von ihm selbst.

Auf der anderen Seite des Tisches saß Nicole, die ihr glattes dunkles Haar lose hochgesteckt hatte und mit ihrem Mann Jonas und den beiden Kindern gestikulierte. Es war ihr dreiundvierzigster Geburtstag, deshalb saßen sie alle zusammen hier, aßen Kuchen und tranken Kaffee. Das Lachen und die hohen Stimmen hallten von der niedrigen Decke wider und versetzten Zanders rundem Schädel, der ohnehin schon ohne Unterlass brummte, noch zusätzliche spitze Stiche. Für gewöhnlich freute er sich, mit seiner Familie zusammen zu sein, aber er hatte in der letzten Nacht nicht gut geschlafen. Eigentlich passierte ihm das selten, er hätte auch nicht sagen können, warum.

„Es tut mir leid“, sagte Sissi.

Mühsam konzentrierte er sich wieder auf sie. „Was?“

„Ich wollte nicht so überrascht klingen, aber ich verbringe meine Tage mit Vorschulkindern im Kindergarten, während Sie … Kann ich mir das vorstellen wie im Fernsehen? Wie im Tatort, oder so?“

„Nein, in der Wirklichkeit ist es ganz anders.“

„Mein Bruder hatte schon mit einigen sehr interessanten Fällen zu tun“, schaltete Nicole sich in das Gespräch ein, während sie ihm ein weiteres Stück Käsekuchen auf den Teller schaufelte. „Frag ihn, ob er dir davon erzählt, Sissi.“

Sissi produzierte ein schwaches Lächeln, und Zander warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu, den sie jedoch ignorierte.

Er seufzte leise auf. Das hatte sie sich fein ausgedacht. In drei Jahren würde er fünfzig werden, und seine Schwester war fest entschlossen, ihn diesen Tag nicht allein und als Single erleben zu lassen. Dafür konnte er nun schwerlich Sissi einen Vorwurf machen, die hoffentlich – wahrscheinlich aber eher nicht – ahnungslos war. Sie sah eigentlich ganz nett aus, und sicher war sie das auch, aber Zander hatte kein Interesse – und er hatte auch nicht die Absicht, seine Schwester die Fäden ziehen zu lassen, nur weil er ihrer Meinung nach nicht alleine sterben sollte.

Er bemerkte, dass die Kaffeekanne leer war, und erhob sich dankbar. Sofort wirkte es, als fülle er das ganze Zimmer aus. Das lag zum einen an seiner Größe, er war beinahe einen Meter neunzig groß, und zum anderen an seiner Breite, er wog um die hundertzwanzig Kilo.

Zander wusste, dass er dringend abnehmen musste, aber er war der Meinung, dass die Menschen erst einmal aufhören sollten, sich gegenseitig umzubringen. Wenn ihnen das gelang, dann würde er auch anfangen zu fasten.

Kaum hatte er die Küchenzeile erreicht, stand Nicole auch schon hinter ihm und zischte: „Ich mach das. Setz dich sofort wieder hin.“

Zander seufzte und trat den Rückweg an. Das Stechen in seinem Kopf wurde immer schlimmer.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte Sissi, kaum dass er wieder neben ihr Platz genommen hatte. „Ach so … Ich wäre nie darauf gekommen, was für einen Beruf Sie haben.“

„Sie meinen, ich sehe nicht aus wie ein Polizist?“

„Sie sehen jedenfalls nicht so aus, wie ich mir einen Kriminalbeamten immer vorgestellt habe. Sie wirken so …“ Sissi überlegte. „Seriös. Eher wie ein Politiker.“

Damit spielte sie auf Zanders teuren dunklen Anzug, die perfekt dazu abgestimmte Krawatte und die sauber geputzten, glänzenden Schuhe an.

Er hob die Schultern. „Ich mag es eben, wenn die Dinge ordentlich zusammenpassen.“

„Später kommt Fußball“, kam ihm Nicoles Mann Jonas endlich zu Hilfe. „Bleibst du, Schwager?“

Zander wollte zu einer Antwort ansetzen, als er das Vibrieren seines Handys in der Hosentasche verspürte. Er holte es heraus und stand schnell auf, mehr als dankbar für die Unterbrechung.

Er ging in die Diele und stieß mit dem Fuß die Tür zu, ehe er das Gespräch annahm.

Kurz darauf hatte er sich verabschiedet und war verschwunden.

18:34 Uhr

Julia wollte schlucken, stellte aber fest, dass ihre Zunge taub und wie gelähmt war. Auch ihre Augen konnte sie nicht öffnen. Ihr ganzer Körper fühlte sich an wie mit einem Presslufthammer bearbeitet.

Aus weiter Ferne vernahm sie eine Stimme, die mit ihr redete, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. Dann spürte sie, wie jemand ihre Stirn berührte.

„Hallo? Können Sie mich hören?“

Sie wollte sich bewegen, doch im selben Moment durchzuckte ein höllischer Schmerz ihre linke Seite. Sofort erschlaffte sie wieder in der Bewegung.

„Können Sie die Augen aufmachen?“

Sie tat es widerwillig.

Zuerst sah sie nur seltsame Lichtpunkte, bis sich verschwommen eine Gestalt vor ihr abzeichnete. Sie sah ein fremdes Gesicht. Ein Mann. Dunkelhaarig. Bartstoppeln.

„Hallo“, sagte er. „Ich bin Doktor Michael Jöst. Sie befinden sich in einem Krankenhaus. Sie sind schwer verletzt, und wir mussten Sie notoperieren. Wissen Sie, wie Sie heißen?“

„Julia“, krächzte Julia.

„Sehr gut. Und jetzt zählen Sie bitte bis zehn.“

Julia tat wie geheißen.

Bei acht schlief sie wieder ein.

Als sie das nächste Mal zu sich kam, verspürte Julia einen dumpfen Kopfschmerz, der jedoch noch gar nichts war gegen den noch viel übleren, stechenden Schmerz in der linken Seite, der sie förmlich zu übermannen drohte. Als würde sie in Flammen stehen.

Mühsam versuchte sie, ihre Gedanken zu sammeln. Nach und nach kamen mehr und mehr Bruchstücke der Erinnerung zurück. Und als sie sich dann erinnerte, ergriff sie ein paar Sekunden lang Panik.

Wolfgang Lange.

Mit der rechten Hand tastete Julia vorsichtig ihren Körper ab und stellte dabei fest, dass sie vom Unterleib bis zur Brust dicke Verbände trug.

Dieser Mistkerl.

Dieser satanistische Höllenhund.

Sie erinnerte sich an den Moment, in dem die zweite Kugel ihren Körper getroffen hatte. Das war der Moment, in dem sie sicher war, dass sie sterben würde. Ganz alleine und ohne ein Leben, das vor ihrem inneren Auge Revue passierte. Einfach so.

Und jetzt lag sie da und wunderte sich, dass sie doch noch lebte.

Sie wusste nicht mehr genau, was sonst noch alles geschehen war, aber sie erinnerte sich schemenhaft an die alte Kapelle und an Eva, die am Kreuz hing.

Eva!

Julias Herz begann zu rasen. War sie noch am Leben?

Was mit Pastor Jordan passiert war, hätte Julia in diesem Moment auch nicht beschwören können, aber sie glaubte nicht daran, dass er überlebt hatte.

Und dann fiel ihr plötzlich wieder ein, dass sie Ebeling gesehen hatte. Ebeling, den Wittenroder Dorfpolizisten. Sie war nicht sicher, ob sie es nicht vielleicht nur geträumt hatte, aber sie erinnerte sich an die Tür zur alten Kapelle, die mit einem Mal aufflog, und an tausend kleine Holzsplitter, die in der Luft herumwirbelten.

Einen winzigen Moment öffnete Julia die Augen, dann schloss sie sie wieder. Lange hatte es also nicht geschafft, sie mitzunehmen. Sie hätte glücklich darüber sein müssen, wenigstens erleichtert, aber merkwürdigerweise regte diese Tatsache so gar nichts in ihr. Keine Freude, keine Erleichterung.

Nichts.

Nächster Tag

9:28 Uhr

„Frau Wagner, können Sie mich hören?“

Julia öffnete nicht die Augen.

„Mein Name ist Anita, ich bin Ihre Krankenschwester.“

Keine Reaktion.

„Sie brauchen keine Angst zu haben.“

„Ein Psychopath wollte mich umbringen.“

Die Schwester zögerte kurz. „Nun, das ist wohl richtig. Aber Sie sind noch am Leben, und Ihre Prognose ist gut.“

Julia öffnete die Augen immer noch nicht. „Was ist mit Eva?“

„Mit wem?“

„Eva Haack. Meine Freundin.“

„Ah, Sie meinen die Frau, die gemeinsam mit Ihnen eingeliefert wurde. Nun, sie hatte es ebenfalls ziemlich heftig erwischt, aber sie schwebt nicht in Lebensgefahr.“

„Wo ist sie?“

„Sie liegt ein paar Zimmer weiter. Aber Sie sollten sich jetzt ganz auf sich selbst konzentrieren, um wieder völlig gesund zu werden.“

Julia dachte kurz darüber nach, ob sie es wohl schaffen würde, aus dem Bett zu steigen und persönlich nach Eva zu sehen. Doch dann schob sie den Gedanken beiseite. Sie bekam ja kaum die Augen auf, geschweige denn, dass sie atmen konnte, ohne dass die Schmerzen überhandnahmen.

Aber sie würde es tun. Sie würde nach Eva sehen.

So bald wie möglich.

Der Tag darauf

14:32 Uhr

„Wie geht es Ihnen, Frau Wagner?“

Mühsam hob Julia die Schultern etwas an.

„Ich bin Oberstaatsanwältin Carina Färbert“, stellte die Frau sich vor. Dann deutete sie auf den Mann neben sich. „Und das ist Klaus Martin.“

„Landeskriminalamt“, fügte er erklärend hinzu.

Julia nickte und wartete ab.

„Ist es Ihnen recht, wenn wir das Gespräch aufzeichnen?“, wollte Carina Färbert wissen.

Wieder hob Julia nur leicht die Schultern an.

„Sie haben also keine Einwände?“

Kopfschütteln.

„Gut. Dann schalte ich jetzt ein. Donnerstag, 14. April. Gespräch mit Frau Julia Wagner.“ Carina Färbert warf Martin einen kurzen Blick zu, dann sah sie Julia wieder an. „Würden Sie uns erzählen, was in der Nacht vom 9. auf den 10. April genau geschehen ist, Frau Wagner?“

Keine Antwort.

„Frau Wagner?“

„Ich war in einer Kapelle.“

„Waren Sie alleine dort?“

Schweigen.

„Sie brauchen keine Angst zu haben.“

„Komisch. Das sagt mir jeder.“

Carina Färbert räusperte sich und fragte noch einmal: „Waren Sie alleine in der Kapelle?“

Wieder Schweigen.

„Frau Wagner?“

„Eva Haack. Pastor Jordan. Wolfgang Lange. Und ich.“

„Sie waren also zu viert?“

Nicken.

„Was haben Sie in der Kapelle gemacht?“

„Ich weiß es nicht mehr.“

„Sind Sie sicher?“

„Ziemlich sicher.“

„Warum nur ‚ziemlich sicher‘?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich an alles erinnere.“

„Versuchen Sie es.“

Keine Reaktion von Julia.

„Pastor Jordan und Wolfgang Lange sind tot, Frau Wagner.“

„Greger Sandmann auch.“

„Also erinnern Sie sich doch.“

Julias Gesicht blieb unbewegt. „Nicht gut genug.“

„Frau Wagner …“ Carina Färbert zögerte einen kleinen Moment, so als müsste sie ihr weiteres Vorgehen genau überdenken. „Wir waren inzwischen in Langes Haus und haben dort einige Dinge gefunden.“ Sie zog einen durchsichtigen Plastikbeutel hervor. Aus den Augenwinkeln erkannte Julia, dass sich Fotos darin befanden. Und ein zusammengefaltetes Stück Papier.

Carina Färbert zog das Papier heraus, faltete es vorsichtig auseinander, und reichte es an Julia weiter.

Es war die Kopie eines alten Zeitungsartikels. Er berichtete über den Autounfall, bei dem ihre Eltern vor über zwanzig Jahren ums Leben gekommen waren und den sie selbst nur knapp überlebt hatte. Julia reichte den Artikel wieder zurück. Sie hatte das alles schon tausendmal gesehen und gelesen.

Carina Färbert zog nun die Fotos hervor, die sie ebenfalls an Julia weiterreichte. Die griff widerwillig danach, blinzelte ein paarmal und konzentrierte sich dann. Das erste Foto zeigte sie selbst in einer Sporthalle beim Handball, damals musste sie so ungefähr neun Jahre alt gewesen sein. Am Rande des Spielfeldes war ihr Vater zu sehen, der aufmerksam das Spiel beobachtete. Das zweite Foto zeigte sie und ihren Vater gemeinsam in einem Schwimmbad, das musste etwa ein Jahr später aufgenommen worden sein. Das dritte Foto zeigte sie und ihre Eltern bei ihrer Einschulung.

„Die Fotos haben Sie bei Lange gefunden?“, fragte Julia.

„Ja. Wir fanden sie, als wir sein Haus durchsuchten.“

„Frau Wagner“, schaltete Klaus Martin sich nun ein, „was uns an den Fotos besonders interessiert, ist der Hintergrund. Sehen Sie bitte noch einmal genau hin.“

Julia betrachtete noch einmal jedes einzelne Foto, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.

„Sehen Sie ganz genau hin“, forderte Martin sie auf.

Julia tat wie geheißen. Nichts.

Der LKA-Beamte zog einen schwarzen Filzstift aus seiner Brusttasche und kreiste damit eine männliche Gestalt ein, die in der Sporthalle hinter ihrem Vater stand. Der Mann war kaum zu erkennen, inmitten all der anderen Zuschauer. Genau genommen war er nicht mehr als ein verschwommener Fleck, der einen langen Mantel und einen schwarzen Hut trug und in Julias Richtung zu blicken schien.

Martin machte einen weiteren Kreis, auf dem nächsten Foto, hinter ihr und ihrem Vater im Schwimmbad. Wieder befand sich der Mann in einem Pulk anderer Menschen. Es war Sommer, und es musste ziemlich heiß gewesen sein. Trotzdem war er schwarz gekleidet, dieses Mal trug er allerdings keinen Hut, stattdessen eine Sonnenbrille. Er stand allerdings so weit im Hintergrund, dass es jeder x-Beliebige hätte sein können. Tatsächlich konnte man kaum etwas erkennen.

Das dritte Foto. Martin machte eine weitere Markierung, dieses Mal stand der Mann hinter einer Gruppe von Eltern, am Eingang zur Schule. Allerdings war er nun im Profil abgebildet, deutlicher und aus geringerem Abstand. Irgendetwas an seiner Haltung, der Wölbung seiner Stirn, an seinem Nasenrücken brachte Julia dazu, sich etwas aufzurichten. Es dauerte noch einen Moment, dann sagte sie: „Nein.“

„Wie bitte?“ Carina Färbert zog die Augenbrauen nach oben.

„Ich weiß, was Sie hier versuchen. Aber das kann nicht sein.“ Julia schaute noch einmal genauer hin. Der Mann auf dem Foto hatte keinerlei Ähnlichkeit, was die physische Erscheinung betraf, vermutlich war er sogar fünfzehn Kilo leichter als Wolfgang Lange. Trotzdem kam er ihr bekannt vor. Dies jedoch sprach sie nicht aus. Stattdessen sagte sie: „Das ist nicht Lange. Es besteht überhaupt keine Ähnlichkeit.“

„Das denken wir allerdings doch.“

Julia hob den Blick, sah Carina Färbert an. „Wenn das Lange ist, wer hat dann die Fotos gemacht?“

Die Oberstaatsanwältin erwiderte den Blick ohne zu blinzeln. „Das wissen wir noch nicht. Aber wir sind uns sicher, dass er es ist. Und dass er Sie damals schon beobachtet hat.“

„Warum?“, wollte Julia wissen.

„Aus Liebe.“

„Aus Liebe?“

Carina Färbert räusperte sich. „Wir gehen davon aus, dass Wolfgang Lange Ihre Mutter geliebt hat, Frau Wagner. Wir haben in seinem Haus eine Art Schrein gefunden, den er für sie errichtet hat. Lange hat zweifellos viele schreckliche Dinge getan. Aber wenn er jemanden geliebt hat, dann Ihre Mutter.“

„Das ist Käse.“ Julia warf einen letzten Blick auf die Fotos, dann ließ sie sie auf die Bettdecke sinken und presste die Lippen zusammen.

Carina Färbert steckte die Bilder zurück in die Plastiktüte und holte nun etwas ganz anderes heraus. „Das hier haben wir ebenfalls in Langes Haus gefunden.“ Sie reichte Julia den Gegenstand, und der blieb nun endgültig das Herz stehen. Eine in der Regel übertriebene Aussage, aber genauso fühlte es sich an. Als würde eine Hand in ihre Brust greifen und ihr Herz so fest zusammendrücken, dass es nicht weiterschlagen konnte.

„Frau Wagner?“

Julias Hand bewegte sich wie von selbst, führte den Gegenstand dicht vor ihre Augen.

„Frau Wagner?“, sagte Carina Färbert noch einmal.

„Das ist der Ehering meiner Mutter“, sagte Julia leise.

„Das ist uns bekannt“, erklärte Klaus Martin. „Und genau darum sind wir hier.“

„Sie möchte nicht mit Ihnen sprechen, Herr Zander.“ In Dr. Jösts Blick lag ehrliches Bedauern.

„Aber warum nicht?“

„Sie ist schwer traumatisiert.“ Der Arzt brach ab, fügte aber sofort hinzu: „Sie wird wieder auf die Füße kommen. Nichtsdestotrotz hat es sie schlimm erwischt. Sie hatte zwei schwere Schussverletzungen, als sie eingeliefert wurde, und diverse Prellungen. Außerdem war sie von Kopf bis Fuß schmutzverkrustet und mit blauen Flecken übersät. Ich glaube, wir können uns alle nicht vorstellen, was in jener Nacht in dieser alten Kapelle vor sich gegangen ist.“

„Und gerade deshalb muss sie mit mir reden.“

Jöst stellte seine Kaffeetasse beiseite und strich sich über den weißen Kittel. „Nicht wir müssen mit diesem Albtraum zurechtkommen. Sie muss es. Und das muss sie erst lernen.“

„Redet sie denn mit Ihnen?“, wollte Zander wissen.

„Nein. Im Augenblick redet sie mit niemandem. Außer mit der Polizei. Und das wohl auch nur leidlich.“

„Dann lassen Sie mich zu ihr, verdammt! Ich will ihr helfen, und ich weiß, dass ich das kann.“

„Das hier kann man nicht angehen, so wie Sie es meinen.“

„Nein? Wie kann man es dann angehen? Sie war völlig hilflos in einer düsteren Kapelle, vollkommen verloren und ganz bestimmt außer sich vor Angst …“

„Es kann nicht mehr geändert werden“, unterbrach Jöst, „und es kann auch nicht mehr verhindert werden, denn es ist bereits geschehen. Wir müssen uns jetzt auf die Zukunft konzentrieren.“

„Am liebsten würde ich diesen Mistkerl von den Toten zurückholen und noch einmal umbringen. Nur geht das leider nicht.“

„Nein, das geht leider nicht. Aber immerhin, sie hat es überlebt. Und wenn sie wieder ins Leben zurückfindet, dann sind Sie da, Herr Zander. Ist Ihnen bewusst, was das bedeutet? Sie werden da sein, wenn sie Sie braucht, und Sie werden ihr helfen, sich dieser Geschichte zu stellen. Sie werden ihr dabei helfen, ihre Vergangenheit zu akzeptieren und sich einer neuen Zukunft zu widmen.“

„Und wie lange wird es dauern, bis sie sich darauf einlässt?“, wollte Zander wissen.

Darauf konnte der Arzt nicht antworten. Vermutlich weil er ahnte, dass es von diesem Tag an noch sehr, sehr lange dauern würde.

1. KAPITEL

Die finstersten Nächte

Drei Monate später

Dienstag, 26. Juli

22:07 Uhr

Sie wusste, dass sie so schnell wie möglich verschwinden musste. Dass sie in Gefahr schwebte und verloren war, wenn er erst auf sie aufmerksam wurde. Sie musste laufen. Doch gerade als sie sich abwenden wollte, stand er auf einmal wie aus dem Boden gewachsen vor ihr und sah auf sie herab.

In seinen Augen war nicht die Spur eines Gefühls zu erkennen. Als er sprach, war seine Stimme genauso kalt wie seine Augen: „Was machst du hier?“

Sie schluckte. „Nichts. Ich …“ Sie brach ab. Ich bin das Licht, er ist der Schatten, dachte sie bei sich. Und: Wäre ich in meinem Zimmer geblieben, hätte ich ihn nicht getroffen. Nicht jetzt. Nicht hier. Und: Wäre ich immer das brave Mädchen geblieben, zu dem man mich erzogen hat, dann wäre ich überhaupt nicht hier gelandet.

Aber für Reue war es nun zu spät. Sie war hier, an diesem Ort namens „Mönchshof“, einer geschlossenen psychiatrischen Klinik, in der alle kranken und verlorenen Seelen der Stadt begraben waren. Bildlich gesprochen. Auf jeden Fall ein düsterer, trostloser Ort.

Jeder Einzelne hier konnte eine lange Geschichte darüber erzählen, wie er hier gelandet war, und sie wusste genau, dass einige der Geschichten hier enden würden. Vielleicht auch alle. Auf jeden Fall war dies die finsterste Nacht ihres Lebens. In jeder Hinsicht. Sie konnte kaum etwas erkennen, die Mondsichel hinter dem vergitterten Fenster wurde von einer dicken Wolkenschicht verdeckt. Ihn aber sah sie, wie er sie von oben bis unten musterte, ehe er eine leichte Kopfbewegung machte. „Warum bist du nicht in deinem Zimmer?“

„Ich bin … gerade auf dem Weg dorthin.“ Sie überlegte, ob es vielleicht doch noch nicht zu spät war, um wegzulaufen. Oder wie lange es wohl dauern würde, bis jemand käme, wenn sie anfing zu schreien. Eindeutig zu lange. Nein, wenn ihr an ihrem Leben etwas lag, dann musste sie tapfer weiterlächeln und hoffen, dass er sie gehen ließ.

Und so lächelte sie tapfer weiter. Das Lächeln erwiderte er jedoch immer noch nicht. Er betrachtete sie nur weiter aus diesen starren Augen, die so kalt waren, als wäre überhaupt kein Leben in ihnen. Sie spürte sein Misstrauen, seinen Argwohn, und ihre Angst bekam nun einen Geschmack, eine Konsistenz und brannte in ihrer Kehle wie Galle, während er herauszufinden versuchte, ob sie etwas gesehen hatte. Er schien das Risiko abzuwägen, das sie darstellte. Dann zischte er: „Wenn du was sagst, bist du tot.“

Sie antwortete nicht, sondern wandte sich um und rannte los.

Stefan Versemann begriff zuerst nicht, was draußen vor sich ging.

Er war gerade auf der Toilette gewesen, nun wusch er sich die Hände, als er mit einem Mal reglos innehielt und aufsah. Für einen kurzen, dämmrigen Moment war er davon überzeugt, draußen auf dem Flur etwas gehört zu haben.

Er verließ das Badezimmer, öffnete die Tür einen Spalt und schaute hinaus. Und da war tatsächlich etwas. Ein verschwommener Schatten, der über den Flur zu schweben schien.

Versemann hielt die Luft an und ärgerte sich, dass er seine Brille nicht aufhatte.

Der Geist Annegrets? War das etwa ein schwarzer Umhang gewesen, den er gesehen hatte? Elisa Kirsch erzählte ständig davon, dass Annegret Lepelja nachts durch die Flure der Klinik geisterte. Allerdings war Elisa auch permanent auf Tranquilizern.

„Müssen Geister eigentlich auch mal auf den Topf?“, hatte Robert Campuzano gefragt, woraufhin sie ihn nur wortlos angestarrt hatte.

„Im Ernst“, sagte Campuzano. „Muss so ein Geist noch Geschäfte verrichten, oder ist das für die kein Thema mehr?“

Wie idiotisch, dachte Versemann nun. Geister. Natürlich gab es keine Geister. Damit schloss er die Tür wieder und legte sich zurück in sein Bett. Es war ein Mensch gewesen, den er dort draußen gesehen hatte, dessen war er sich nun sicher. Und dieser Mensch war natürlich nicht geschwebt, er war lautlos gerannt.

Oder doch nicht?

Doch die tote Annegret?

Versemann seufzte auf. Auf einmal war er sich überhaupt nicht mehr sicher. Auf einmal war er sich nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt etwas auf dem Flur gesehen hatte.

Er seufzte noch einmal leise auf. War das der Wahnsinn, von dem alle hier sprachen?

Aus dem Tagebuch von Annegret Lepelja, 1881:

Wär’s abgetan, so wie’s getan ist, dann wär’s gut. Nun, da ich wieder alleine bin, gestehe ich mir ein, dass ich zur Mörderin geworden bin. Oder zur Vollstreckerin, so wie Svetlana es mir auftrug.

Vielleicht bin ich nur närrisch, doch sind meine Gedanken derart leuchtend bunt gefärbt, dass es mich überrascht, dass die Welt sie nicht aus meinem Schädel bersten sieht. Ich habe diese Gedanken tief in meinem Inneren begraben. Denn dies ist eine riskante Zeit, und ich brauche Nerven wie aus Stein gemeißelt.

Die Gefahren wurden vorher sorgfältig von mir abgewogen. Doch woher sollte ich wissen, wie hätte ich mir je vorstellen können, wie es wäre, es so tot vor mir liegen zu sehen? So still.

Es ist das Beste, nicht mehr daran zu denken.

Jetzt ist es an der Zeit, an mich selbst zu denken.

Vorsichtig und vor allem ruhig muss ich sein. Mir ist kein Fehler unterlaufen. Und so muss es bleiben. Ich werde meine Gedanken tief in mir begraben, damit niemand sie hört.

Dies war Kind Nummer eins.

2:18 Uhr

„Können Sie schon wieder nicht schlafen, Frau Kirsch?“, fragte Felix Effinowicz mit einem leichten Anflug von Gereiztheit. Er war hundemüde und hatte noch beinahe vier Stunden Nachtdienst vor sich.

Elisa Kirsch, ein Spatz von einer Frau, gerade mal ein Meter fünfundfünfzig groß, Prima Ballerina längst vergangener Tage, trug schon wieder ihre bunten Gummistiefel unter einem langen Nachthemd und einer offenen Strickjacke. „Den hier hat sie nach mir geworfen!“, sagte sie und hielt ihm einen dunklen Keramikaschenbecher unter die Nase, der aussah wie ein Hundenapf. „Sehen Sie? Die eine Seite ist ganz abgesplittert. Das ist passiert, als er auf den Boden gefallen ist.“

„Ich verstehe“, sagte Effinowicz, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sie einfach zu ignorieren, und dem Pflichtbewusstsein, seinen Job zu machen, was beinhaltete, ihr zuzuhören, irgendwie Verständnis zu zeigen und sie wieder zurück in ihr Bett zu bekommen. Sein Pflichtbewusstsein siegte. „Der Aschenbecher ist also durch die Luft geflogen.“

„Ich hätte die anderen Teile aufheben sollen“, stellte Elisa erschrocken fest. „Hab ich nicht dran gedacht.“ Sie begann, ihre Strickjacke bis zum Kinn zuzuknöpfen, als würde ihr das etwas mehr Zeit geben, um diese Information zu verarbeiten.

„Ist schon in Ordnung. Ich werde gleich danach sehen. Und jetzt gehen Sie wieder ins Bett.“

Elisa rührte sich nicht. „Ich hab gesehen, wie er hoch in der Luft geschwebt ist! Und dann ist er direkt auf mich zugerast. Verstehen Sie?“ Sie zuckte zur Seite, als würde das Ding erneut auf sie zufliegen. „Schnell. Richtig schnell!“

„Okay.“ Effinowicz gähnte. „Und jetzt gehen Sie zurück in Ihr Zimmer und legen sich wieder schlafen.“

Elisa blinzelte. „Sie glauben mir nicht! Natürlich glauben Sie mir nicht! Aber ich weiß doch, was passiert ist! Ich weiß es!“

„Ja. Davon bin ich überzeugt.“

„Denken Sie nicht, Sie wären stärker als sie. Sie fordert, was ihr zusteht.“

„Elisa, gehen Sie jetzt …“

„Sie ist hier, ich weiß es. Aber Sie begreifen es nicht.“

„Das macht nichts“, sagte Effinowicz. „Ich bin es gewohnt, dass ich manches nicht begreife. Und jetzt gehen Sie wieder in Ihr Zimmer, sonst muss ich nachhelfen.“

Elisa hob das Kinn und machte sich davon, allerdings ließen ihre Wortsalven dabei keinesfalls nach: „Dich wird sie sich auch noch holen, wenn du hier weiter große Töne spuckst! Was glaubst du denn? Dass du stärker bist als sie? Und meine Tabletten geben sie mir auch nicht! Aber ich weiß, was ich gesehen habe! Ich weiß es!“

Effinowicz ließ sich schwer auf einen der Stühle im Pflegerzimmer sinken und murmelte: „Ich brauche dringend einen Kaffee.“

4:10 Uhr

Wer würde bestreiten wollen, dass die Seelen der Menschen abgründig sind? Dass ihr Wesen aus dunklen Kammern und unzähligen verwinkelten Gängen besteht? Dass der feste Boden, auf dem wir uns bewegen, gar nicht fest ist? Niemand würde das tun.

Im Gegenteil. Der feste Boden, auf dem wir uns bewegen, ist nichts weiter als eine Illusion. Unter uns befinden sich Abgründe, Hohlräume, tiefste Dunkelheit, und wir bewegen uns darüber, im festen Vertrauen darauf, aus der Gegenwart, im Hier und Heute, eine einigermaßen annehmbare Zukunft formen zu können – und die Vergangenheit zu vergessen.

Aber die Vergangenheit lässt sich nicht übertünchen, egal, was wir auch versuchen. Zu vieles bleibt tief in uns verankert und stößt uns immer wieder an, damit wir es nur ja nicht vergessen. Es quillt hervor wie flüssige Lava, und alles, was ihm in den Weg gerät, zerfällt zu Asche.

Dies war die neunundvierzigste Nacht. Und genau wie in den achtundvierzig Nächten zuvor kroch der Traum wie ein langsam wirkendes Gift in Julias Körper und lähmte sie, während er in die dunkelsten Winkel ihrer Erinnerung vordrang. Es gab kein Entrinnen, keine Möglichkeit die Augen von dem Grauen zu verschließen. Sie war gezwungen, hinzusehen, sie erkannte den Ort. So, wie sie Sandmanns entstellte Leiche erkannte. Die Blutlache, die sich unter seinem reglosen Körper ausbreitete, während das Leben in ihm längst erloschen war.

Dann war auf einmal alles um Julia herum dunkel. So dunkel, dass sie die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. So lange, bis ein kleines Licht die Schwärze erhellte und auf sie zukam. Die Wände waren unendlich hoch, und es gab nur dieses eine kleine Licht. Das Licht einer Kerze. Sie wusste, dass er es war, und in ihr lieferten sich Angst und Hass einen erbitterten Kampf.

Einen Augenblick lang hörte sie die Stimme ihres toten Vaters: Nur eine einzige Entscheidung, Julia. Und nur du kannst sie treffen. Dann trat Wolfgang Lange aus dem Schatten, lautlos, wie ein Geist. Sie sah es in seinen Augen. Etwas Wildes, Primitives. Seine Lippen formten sich zu einem boshaften Lächeln. In jeder Nacht dasselbe boshafte Lächeln.

Julia wollte schreien, fliehen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie war starr. In der nächsten Sekunde befand sie sich mit unerträglichen Schmerzen auf dem Boden. Sie konnte nicht mehr schlucken, nicht mehr atmen, kroch verzweifelt rückwärts. Dann sah sie das überdimensionale Kreuz.

An dem Kreuz hing Eva.

„Es ist Zeit, mich um deine Freundin zu kümmern. Sie ist überreif, sozusagen.“

Langes Stimme prallte von den Wänden ab, und in diesem Moment verlor Julia endgültig die Nerven. Sie schrie, aber kein Ton kam aus ihrer Kehle.

Das Messer in seiner Hand wurde zu einer Pistole, zu ihrer eigenen Pistole, ein Schuss krachte wie ein Donnerschlag, und ihr Körper explodierte. Dann ein zweiter Schuss, und Julia sah sich selbst, wie sie zur Seite sackte. Der Boden kam ihr entgegen, sie schlug mit der Schläfe auf und hörte in weiter Ferne Evas Weinen. Der Boden unter ihrer Wange fühlte sich kalt an, aber ihr eigenes Blut wärmte sie, während sie spürte, wie ihr Körper immer schwächer wurde. Die Welt um sie herum verschwamm vor ihren Augen, ehe völlige Dunkelheit sie verschlang.

In dieser Sekunde schlug Julia die Augen auf. Sie blinzelte, versuchte, sich zu orientieren, und stellte fest, dass sie in ihrem Bett lag, vermeintlich sicher in einer psychiatrischen Klinik.

Sie atmete ein paarmal tief durch, um ihren Herzschlag zu beruhigen. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Schweiß klebte auf ihrem Gesicht, und ihr T-Shirt war völlig durchnässt. Sie würgte. Ihre Augen brannten. Decke und Wände drehten sich um sie herum.

Kraftlos wollte sie sich vom Bett erheben und sank doch nur auf den Boden davor, rang weiter nach Luft, aber ihre Lungen wollten sich nicht beruhigen, schenkten ihr keinen Sauerstoff.

Mit mehr Kraft, als sie eigentlich besaß, zwang Julia sich auf die Füße und eilte ins Badezimmer, ehe sie sich in die Toilette übergab.

Eine ganze Weile blieb sie anschließend neben der Schüssel sitzen und starrte auf die kalten Fliesen. Dann richtete sie sich auf, zog das feuchte T-Shirt aus und warf es auf den Boden, zwang sich auf die Füße und blickte in den Spiegel. Sie blinzelte nicht, starrte sich einfach nur an. Sie war älter geworden. Oder vielleicht wirkte sie inzwischen auch nur viel älter als zweiunddreißig Jahre. Sie hatte immer noch dieselben dunkelbraunen, halblangen Haare, denselben langen Pony, der ihr über das linke Auge fiel, dieselbe Größe, dieselbe Figur, dieselben Tätowierungen. Aber nun war noch etwas anderes hinzugekommen. Sie betrachtete die beiden Narben, eine unterhalb des Herzens und eine etwas tiefer auf der linken Seite, und plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Frau Dr. Sattler, der Psychologin.

„ Ich habe mit Ihrem Kollegen Zander über Sie gesprochen, Frau Wagner.“

„ Exkollegen.“

„ Sie haben ihn schon wieder hinausgeworfen. Warum wollen Sie nicht mit ihm sprechen?“

Keine Antwort.

„ Er macht sich große Sorgen um Sie. Er würde Ihnen gerne helfen.“

Schweigen.

„ Sie sind nicht sehr mitteilsam, Frau Wagner.“

„ Sie stellen nicht die richtigen Fragen.“

„ Wolfgang Lange war Ihr Mentor, richtig? Sie haben ihm vertraut.“

„ Ich habe zu vielen Menschen vertraut. Und zu viele Menschen haben mir vertraut.“

„ Sie haben in unserem letzten Gespräch angedeutet, er wollte beweisen, dass er besser ist als Sie.“

Schweigen.

„ Aber das war er nicht, sonst hätten Sie jene Nacht im April nicht überlebt. Sie waren besser als er.“

Nichts.

„ Und Sie sind es noch, denn Sie sind hier. Sie haben sich freiwillig in eine Behandlung begeben, weil Sie leben wollen.“

„ Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich das wirklich will.“ Julia klappte den Mund zu, und wieder herrschte ein paar Sekunden lang Schweigen.

Dann fragte Frau Dr. Sattler: „Warum wollte dieser Mann Sie töten?“

Keine Antwort von Julia.

„ Frau Wagner?“

Julia stand auf, stopfte die Hände in die Taschen ihrer Jogginghose und lief im Zimmer auf und ab. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sagte: „Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht.“

„ Wirklich nicht?“

Erneutes Schweigen.

„ Sie gestatten es sich nicht, wütend zu sein“, blieb die Psychologin am Ball.

„ Weshalb sollte ich wütend sein?“

„ Weil dieser Mann Sie zerstören wollte.“

Keine Antwort.

„ Aber er ist tot. Und Sie sind noch am Leben. Wie auch Ihre Freundin noch am Leben ist. Wo ist sie jetzt?“

„ Eva? Sie ist abgereist. Mit unbekanntem Ziel. Wer kann es ihr verübeln?“

„ Sind Sie jetzt wütend?“

„ Wenn ich es bin, dann nicht auf Eva.“

Julia starrte sich immer noch im Spiegel an.

Die Realität hat die lästige Eigenschaft, immer das letzte Wort zu haben.

Selbst wenn die Träume und Erinnerungen nicht gewesen wären, allein durch diese beiden Narben auf ihrem Körper würde sie jeden Tag an das Geschehene erinnert werden.

Sie sah sie, und sie spürte den Schmerz. Und so würde es bleiben.

2. KAPITEL

Störung

Fast genau drei Stunden später, um 7:06 Uhr, gab es in der Klinik eine „Störung“. Gerade hatten die Patienten noch im Speiseraum beim Frühstück gesessen, nun fanden sie sich auf dem Flur wieder und beobachteten interessiert, wie Heide Sacher und Jan Jäger mit großen Schritten auf das Zimmer von Karl Waffenschmied zueilten und dann darin verschwanden. Nur wenige Sekunden später kam auch schon Dr. Silvia Sattler angerannt. Auch sie verschwand in dem Zimmer.

Man sagt, das Schlimmste in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik sei die Langeweile. Und tatsächlich, dies entspricht der Wahrheit. Denn wenn man nicht gerade eine Therapiestunde hat, tut man als Patient den ganzen langen Tag nichts anderes, als sich vom Frühstück zum Mittagessen und vom Mittagessen zum Abendessen zu schleppen. Dazwischen raucht man sich zu Tode – sofern man raucht und über genügend Zigaretten verfügt –, führt belanglose Gespräche – sofern man jemanden findet, der dazu in der Lage ist, sich auf belanglose Gespräche einzulassen – und tut ansonsten … nichts.

Vielleicht spielt man gelegentlich ein Gesellschaftsspiel, was wiederum davon abhängt, ob man jemanden findet, der dazu in der Lage ist, den Sinn und die Spielregeln eines solchen Unterfangens zu erfassen. Oft genug ist dies nicht der Fall, was zur Folge hat, dass Prügeleien entstehen, Spielbretter durch die Luft geworfen oder Spielsteine samt Würfel einfach verschluckt werden, was wiederum jede Menge „Störungen“ zur Folge hat. Ansonsten, wie gesagt, tut man nichts. Außer vielleicht die Welt hinter dem Fenster zu betrachten und sich vorzustellen, was all die freien und – mehr oder minder – gesunden Menschen dort draußen jetzt wohl gerade taten. Vielleicht denkt man auch an die Familie, was dieselbe Frage zur Folge hat. Im Sommer ist es besonders schlimm. Weil die Sonne für jeden scheint. Nur nicht für die Patienten in der Klinik.

Nun also überzog mehr oder minder lautes Gemurmel den Flur, denn endlich passierte wieder einmal etwas.

Der Einzige, dem die Ablenkung von aller Tristesse nicht gefallen wollte, war Stefan Versemann. Störungen jedweder Art brachten seinen Rhythmus durcheinander, und das mochte er gar nicht, weil es ihn unsicher machte. Er brauchte feste Konstanten. Dinge, die absolut sicher waren, die sich beständig wiederholten und auf die er sich verlassen konnte. Deshalb legte sich sein Blick nun auch unwillig auf Waffenschmieds verschlossene Zimmertür. Vermutlich hatte der Alkoholiker, der hier schon zum x-ten Mal eine Entgiftung machte, sein Bett angezündet. Das tat er ständig. Genau genommen war das auch schon wieder eine Konstante, auf die man sich verlassen konnte. Beinahe erleichtert atmete Versemann auf. Dann sah er sich um, und sein Blick fiel auf Robert Campuzano. Der große Mann mit den langen Haaren und den vielen Tätowierungen stand, die Arme vor der Brust verschränkt, vor der Tür zum Speiseraum. „He, Schlaumeier“, sagte er.

„Guten Morgen“, murmelte Versemann und wandte den Blick schnell wieder ab. Er hatte es sich zum Grundsatz gemacht, einen großen Bogen um diesen riesigen Kerl zu machen. Allerdings brachte er es auch nicht fertig, ihn nicht zu grüßen. Campuzano war nämlich höchst aggressiv und leicht reizbar. Man durfte ihn auf keinen Fall provozieren.

Ganz in dessen Nähe stand der alte Viktor Rosenkranz, der wieder einmal sein Jesuskind in den Armen hielt. Das Jesuskind war eine Plastikpuppe, die er immer bei sich trug, niemals losließ und beständig fest an sich drückte.

Viktor litt unter Demenz und war in diesem Augenblick ganz bestimmt in einer ganz anderen Welt, denn wäre er in dieser gewesen, dann hätte er sich nicht so nahe bei Campuzano aufgehalten. Jeder, der noch irgendwie – und wenn auch nur andeutungsweise – klar denken konnte, machte einen großen Bogen um den Mann. Und gerade der alte Viktor, der die achtzig bereits überschritten hatte, konnte sich kaum wehren, was ihn zu einem beliebten Opfer machte.

Versemann sah sich weiter um.

Von Elisa Kirsch war weit und breit nichts zu sehen. Von ihr wusste er nur, dass sie früher einmal eine einigermaßen erfolgreiche Balletttänzerin gewesen war. Er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sehr er sich wunderte, als er zum ersten Mal davon hörte.

„Man darf Menschen nicht nur nach ihrem Jetzt-Zustand beurteilen“, hatte Effinowicz damals zu ihm gesagt. „Für sie alle gab es auch einmal ein Leben vor der Klinik.“

Wie auch immer, Elisa war schwer zu berechnen. Sie nahm nicht täglich am Frühstück teil, obwohl das eigentlich zum Pflichtprogramm gehörte, und es war Versemann noch nicht gelungen, eine echte Regelmäßigkeit in ihren Zeiten zu entdecken. Darüber ärgerte er sich, kam aber nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, weil er in diesem Moment Ilona Walter entdeckte, die offenbar die Chance nutzte, sich unbemerkt vom Frühstück zu entfernen und für einen Moment in ihrem Zimmer zu verschwinden, um wenig später mit einem Kulturbeutel unter dem Arm wieder heraus und in Richtung Duschraum zu eilen. Das war merkwürdig, denn sonst duschte sie immer schon vor dem Frühstück. Irritiert zog Versemann die Augenbrauen in die Höhe. Eben noch beim Frühstück hatte er Ilona heimlich beobachtet, wie sie sich eine Tasse von dem koffeinlosen Gebräu eingeschenkt hatte, das sie hier Kaffee nannten. Dann hatte sie die Tasse in kleinen, langsamen Schlucken leer getrunken. Neben ihr hatte eine alte, zerfledderte Zeitschrift gelegen, aber sie hatte nicht hineingeschaut. Sie hatte nur vor sich hingeblickt. Das tat sie oft. Und wie meistens hatte Versemann bei sich gedacht: Sie ist sehr, sehr unglücklich.

Sich wieder konzentrierend, sah er sich nun weiter um. Um den Kreis in seinem Kopf zu schließen und die Störung einigermaßen verarbeiten zu können, fehlten ihm noch drei Personen. Unsicher setzte er sich in Bewegung und schritt suchend den Flur ab. Weder Weinfried Tämmerer noch Susanne Grimm hatten am Frühstück teilgenommen. Julia Wagner war zumindest körperlich anwesend gewesen, jetzt aber gerade nicht zu sehen.

Er ging an Aufenthaltsraum und Pflegerzimmer vorbei. Beide Räume lagen sich direkt gegenüber und verfügten über hohe Glastüren – wobei das Glas natürlich kein Glas war, sondern aus Kunststoff bestand –, damit die Pfleger alles im Blick hatten und sofort einschreiten konnten, wenn es im Aufenthaltsraum zu Streitereien kam.

Susanne Grimm hielt sich im Pflegerzimmer auf. Sie war dort mit der Spüle beschäftigt und schien sich nicht für die Störung zu interessieren. Dafür umso mehr für die Freiheit jenseits des Fensters. Immer wieder warf sie sehnsüchtige Blicke hinaus.

Erleichtert atmete Versemann auf. Auch das war eine Konstante. Dieser sehnsüchtige Blick nach draußen war symptomatisch für die Frau mit den bunten Haaren. Sie stand fast immer am Fenster und blickte hinaus. Natürlich wohnte die Sehnsucht nach Freiheit, nach der Rückkehr in die „normale“ Welt, in ihnen allen. Aber bei Susanne Grimm schien sie besonders stark ausgeprägt.

Jetzt schritt auch Julia Wagner an Versemann vorbei. Auch sie schien sich nicht für die Störung zu interessieren, was ebenfalls nichts Ungewöhnliches war. Die Frau schien sich ohnehin für nichts zu interessieren, was um sie herum geschah. Deshalb nahm er ihr auch nicht übel, dass sie ihn nicht grüßte, ging er doch davon aus, dass sie ihn überhaupt nicht wahrnahm. Sie hatte sich völlig in sich zurückgezogen, sprach so gut wie nie, weshalb man auch nicht viel über sie wusste. Untereinander aber munkelten die Patienten, dass ihr etwas ganz Furchtbares passiert sein musste. Etwas, das sie völlig aus der Bahn geworfen hatte.

So schloss sich der Kreis in Stefan Versemanns Kopf. Jedenfalls beinahe.

Noch einmal sah er sich suchend um.

Wo war Weinfried Tämmerer?

Julia hatte Versemann sehr wohl bemerkt. Er interessierte sie nur schlicht nicht. In ihrem Kopf spielten sich ganz andere Dinge ab. Wie in Trance versuchte sie sich auf die Zimmernummern zu konzentrieren, an denen sie vorbeiging, die geraden Zahlen rechts, die ungeraden links. Auf gar keinen Fall wollte sie nachdenken – und konnte es trotzdem nicht verhindern. Einmal mehr hatte sie das letzte Zusammentreffen mit Eva vor Augen …

An jenem Tag im Mai hatte es geregnet, und Julia hatte sich gefragt, warum zum Teufel es auf einmal so heftig regnete. Genau genommen hatte es geschüttet wie aus Eimern. Die Bäume vor dem Fenster bogen sich im Sturm. Von fern grollte der Donner. Ein heftiges, lautes Maigewitter.

Mit bleierner Mattigkeit in den Knochen, die es ihr schwer machte, sich überhaupt zu erheben, hatte Julia Minuten damit zugebracht, sich unter heftigen Schmerzen ein frisches Sweatshirt überzustreifen, als es an die Tür des Krankenzimmers klopfte. Und dann stand sie auf einmal da. Eva.

Das Licht von draußen brachte ihre hellen roten Locken zum Leuchten, und ihre grünen Augen blickten Julia aufmerksam an.

So standen sie sich ein paar Sekunden gegenüber, unbeholfen, jede erwartete von der anderen, dass sie den ersten Schritt tat und damit den Tenor ihres Wiedersehens bestimmte. Und Julia hatte bei sich gedacht: So ist sie also, die Begrüßung, über die ich so lange nachgedacht habe. Zwei ehemalige Freundinnen, die dem Tod nur knapp entkommen sind, sich nun wiedersehen und nicht mehr wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Dann fiel ihr auf, dass ein Koffer an Evas Seite stand. „Du gehst.“ Mehr fiel ihr nicht ein.

„ Ich bin heute entlassen worden.“

„ Schön.“ Julia fühlte ein merkwürdiges Stechen in der Brust und blickte zu Boden.

Eva machte zwei Schritte auf sie zu, dann legten sich ihre Finger einen Moment lang auf Julias Hand. „Es ist besser für mich, wieder dahin zurückzugehen, wo ich hingehöre.“

Julias Blick verharrte auf dem Verband, der um Evas Hand gewickelt war. Sie senkte die Augen und blickte auf die andere Hand, die ebenfalls umwickelt war. Die beiden Verbände verbargen die Narben, die die Nägel darin hinterlassen hatten. Noch. Ein Stigma. Auf alle Ewigkeit deutlich sichtbar für jeden.

„ Es tut mir so leid, Eva. Es tut mir so unendlich leid.“

Julia hatte gedacht, es würde ihr besser gehen, wenn sie es ausgesprochen hatte. Irgendwo in einem kindischen, idiotischen Winkel ihres Gehirns hatte sie die vage Hoffnung genährt, alles würde irgendwie besser werden, wenn sie sich entschuldigt hatte. Vielleicht würde Eva sie beschimpfen, aggressiv werden. Wahrscheinlich hätte es Julia sogar geholfen, wenn es so gewesen wäre. Aber Eva schimpfte nicht. Sie war auch nicht wütend. Sie stand einfach nur da, und Julia stellte fest, was für eine Idiotin sie doch gewesen war. Naiv war das Wort, das sie heute für jene Gedanken von damals fand. Wenn ein Mensch um ein Haar sein Leben wegen eines anderen Menschen verlor, dann war man ein Idiot, wenn man glaubte, eine Freundschaft würde dadurch keinen Schiffbruch erleiden.

„ Wir müssen beide damit leben“, sagte Eva leise. „Du für dich und ich für mich. Verzeih mir.“

Damit ging sie, und die Tür fiel hinter ihr zu.

Julia zählte die Schritte, die sie den Flur auf und ab machte. 199, 200, 201 … Alles war in jenem Augenblick in ihr zerbrochen, sosehr sie Eva auch verstand. Sie fragte sich, was sie wohl getan hätte, wenn auch sie ihretwegen gestorben wäre. Sie musste schon mit Sandmanns Tod leben, wie hätte sie auch noch Evas Tod verkraften sollen?

In diesem Augenblick konnte Julia wieder Langes Gelächter hören. Es war einfach überall, und sie spürte schon wieder einen Anfall von Übelkeit in sich.

Es wäre so einfach, dachte sie. So einfach, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Das Ringen zu beenden. Die Stimmen zum Verstummen zu bringen und die Albträume ein für alle Mal zu zerschmettern. Die Vorstellung war verlockend. In gewisser Weise bot sie sogar die Lösung auf alles. Aufhören zu atmen. Aufhören zu träumen. Aufhören zu denken. So, wie Kerstin es getan hatte. Ein Schritt genügt. Ende und aus.

Als Julia das nächste Mal den Blick hob, stellte sie fest, dass sie gerade an Zimmer Nummer 9 vorbeikam. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre, sie registrierte es nur. Doch dann trat sie mit ihrem Turnschuh auf etwas und hielt inne. Eine Serviette. Sie bückte sich, um sie aufzuheben.

Es war eine ganz normale, weiße Papierserviette, wie sie jeden Tag zu Dutzenden im Speiseraum ausgegeben wurden. Der einzige Unterschied zu den anderen war der, dass jemand mit einem dicken schwarzen Stift, vermutlich einem Edding, die Zahl 5 darauf geschrieben hatte.

Julia sah sich um. Hatte jemand die Serviette verloren? Die Patienten hier sammelten alles Mögliche, warum nicht auch Papierservietten?

Julias Blick blieb an der Tür hängen, vor der sie gelegen hatte. Sie stand ein Stück weit offen und als sie genauer hinsah, entdeckte sie im Inneren des Zimmers etwas, was sie nicht sofort einordnen konnte. Ein roter Fleck auf dem Fußboden.

Aus dieser Entfernung hätte alles Mögliche dahinterstecken können, aber Julia wusste instinktiv, dass es sich dabei um nichts Gutes handelte.

Sie zwang sich, einen Schritt auf die halb offene Tür zuzugehen. Dann sah sie etwas, was aussah wie ein ausgestreckter Arm, der sich nach Hilfe reckte. In der nächsten Sekunde kippte das Bild vor Julias Augen und formte sich neu. Sie ließ eine Minute verstreichen, zählte die Sekunden. Dann betrat sie das Zimmer.

3. KAPITEL

Was zu tun oder zu lassen ist

Susanne Grimm beugte sich über den Ausguss der Spüle und löste mit der Zange den Wasserhahn. Dann wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und sah noch einmal für einen kurzen Moment aus dem vergitterten Fenster.

Ich hab schon beinahe vergessen, wie sich die Sonne auf meinem Körper anfühlt. Oder der Regen.

Es war Sommer, aber die Farben existierten nur draußen.

Das einzig Gute war, dass der heutige Tag nicht wesentlich schlimmer werden konnte als der gestrige. Aber war das wirklich ein Trost?

Susanne seufzte leise, und während sie weiterarbeitete, versuchte sie sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal Sex gehabt hatte. Etwas, an das man sich eigentlich ohne Schwierigkeiten erinnern sollte, aber vor ihrem inneren Auge entstand kein Gesicht. Jedenfalls nicht gleich. Es war einfach zu lange her. Wahrscheinlich auch nicht wichtig genug. Vermutlich auch nicht gut genug.

Doch dann erinnerte sie sich plötzlich wieder. Damals – vor ein paar gefühlten Jahrhunderten –, als sie noch Bass in einer Band gespielt hatte, mit ihrer unvergänglichen Liebe zu Punk. „Punk ist unser Lebensgefühl!“, hatten sie zu Beginn jedes Auftrittes ins Publikum geschrien. Und mit dieser Erinnerung kam auch die Erinnerung an die letzte Frau zurück, mit der sie im Bett gewesen war. Und an den Sex. Und an die Enttäuschung danach. Gerade mal ein bisschen Zeit, um zu tasten und zu schmecken, ein bisschen Gestöhne, und schon trat die Langeweile ein und schimmerte in ihrer ganzen Pracht oberhalb des Bettes.

Der nächste Gedankenschnitt. Susanne sah noch einmal die beiden Polizisten vor sich, die sie vor zwei Monaten aus ihrer Wohnung geholt hatten. Der eine war ziemlich groß gewesen und hätte mit seinem hellbraunen welligen Haar und dem Oberlippenbart perfekt zu den Village People gepasst. Der andere war um einiges kleiner, wesentlich gepflegter, mit schütterem grauem Haar. Beide hatten demonstrativ die rechte Hand an ihre Waffen gelegt, während sie in ihrer Wohnung standen.

„ Ziehen Sie sich etwas an und kommen Sie mit“, hatte der mit dem Oberlippenbart gesagt und sie dabei auffordernd angesehen.

Susanne hatte sich nicht gerührt, die beiden nur angesehen. Immerhin, sie hatte gelächelt. Die beiden lächelten jedoch nicht zurück.

Und dann vergingen Sekunden. Eine nach der anderen, so lange, bis einer von ihnen etwas sagen musste. Erneut entschied sich der Oberlippenbart dafür: „Es liegt eine Anzeige gegen Sie vor, wegen schwerer Körperverletzung. Ziehen Sie sich jetzt etwas an und kommen Sie mit.“

„ Hat das Schwein mich also tatsächlich angezeigt?“ Susanne hatte dem Kleineren einen Blick zugeworfen, doch der hob nur die Schultern. Vermutlich versuchte er sich gerade vorzustellen, wie sich die Sache im Hinterhof der Kneipe abgespielt haben könnte.

„ Sie wissen, was der Typ getan hat?“, wandte Susanne sich wieder an den Oberlippenbart.

Der reckte leicht den Hals, als hätte er Schmerzen. „Ziehen Sie sich jetzt an und kommen Sie mit. Sonst müssen wir Gewalt anwenden.“

„ Oh, das möchte ich natürlich nicht. Ich bin grundsätzlich gegen Gewalt, auch wenn Sie mir das jetzt wahrscheinlich nicht glauben.“

Sie glaubten es ihr tatsächlich nicht, und schließlich hatte Susanne sich angezogen und war mit ihnen gegangen.

In dieser Sekunde kam Heide Sacher völlig außer Atem ins Pflegerzimmer. Sie griff nach einer Kaffeetasse, ehe sie in der Bewegung innehielt und sich erstaunt zu Susanne umwandte. „Sind Sie etwa immer noch hier?“

„Sie haben mich nicht rausgeschickt, ehe sie mit Jäger abrauschten“, bemerkte Susanne und legte einen neuen Dichtungsring ein.

„Aber Sie dürfen nicht alleine hier sein. Das wissen Sie doch selbst am besten, Frau Grimm.“

Susanne lächelte dünn und drehte die Zange mit ganzer Kraft. „Keine Sorge, ich hab nichts angefasst. Ich wollte hier nur fertig werden. Hat Waffenschmied mal wieder sein Bett angezündet?“

Seufzend ließ die Pflegerin sich auf einen Stuhl sinken. „Allerdings.“ Sie trank einen Schluck Kaffee und fügte hinzu: „Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht anfahren. Aber wenn so etwas schon am frühen Morgen passiert … Wie geht es Ihnen denn inzwischen?“

„Geht so.“ Susanne richtete sich auf und wusch sich die Hände. Dann drehte sie den Wasserhahn wieder zu und nickte zufrieden, als er nicht mehr tropfte.

Heide lächelte ebenfalls anerkennend. „Wenn Sie hier wieder raus sind, können Sie jederzeit aufs Klempnern zurückgreifen, falls es mit Ihrem eigentlichen Job nicht klappt.“

„Wissen Sie, genau das hab ich meinem Vater auch gesagt, als ich mich damals an der Uni einschrieb. Aber er fand das damals überhaupt nicht witzig.“

„Was haben Sie eigentlich studiert?“

„Spanisch und Französisch. Auf Lehramt.“ Susanne schob die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Fußballen. „Danach fand ich leider keine Stelle als Lehrerin und hab mich leidlich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten.“

Heide konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Ich kann Sie mir so gar nicht als Lehrerin vorstellen.“

Susanne lächelte ebenfalls und wollte etwas darauf antworten, doch sie wurde abgelenkt. Sie wandte den Kopf und blickte hinaus auf den Flur. Dort entdeckte sie ihre Zimmernachbarin, von der sie nicht mehr wusste, als dass sie Julia hieß, und beobachtete, wie diese etwas vom Boden aufhob, was aussah wie eine Serviette. Dann schwankte sie leicht und verschwand kurz darauf in Zimmer 9.

Ohne ein weiteres Wort verließ Susanne das Pflegerzimmer und folgte ihr über den Flur.

Das ganze Zimmer stank nach Tod.

In dem Augenblick, in dem Julia es betreten hatte, hatte sie bereits das Schlimmste befürchtet. Und sie hatte recht behalten. Nun stand sie da und versuchte sich zu sagen, dass das, was sie da vor sich sah, nicht real war.

Aber es war die Wirklichkeit.

Die nächste Frage, die Julia sich stellte, war, wie lange der Mann hier schon so liegen mochte. Sie wusste es nicht, aber es waren sicher schon ein paar Stunden. Eine Fliege summte an ihrem Ohr. Mit dem Handrücken wischte sie sie weg. Ihr Herz pochte derart heftig, dass es in ihrem Brustkorb schmerzte.

Warum immer ich? Warum, verdammt noch mal, immer ich?

Die unausgesprochene Frage hallte in Julias Kopf nach.

Wenn sie etwas nicht – und überhaupt nie mehr – gebrauchen konnte, dann das. Deshalb begann sie bereits in der nächsten Sekunde abzuwägen, was sie tun musste und was sie sich erlauben konnte, nicht zu machen: Sie konnte Alarm schlagen, hierbleiben und auf die Polizei warten. Oder sie konnte sich umdrehen, leise wieder verschwinden und darauf warten, dass jemand anders die Leiche fand.

„Oh, mein Gott!“

Erschrocken fuhr Julia herum.

Hinterher sollte sie sich noch oft an Susannes Augen erinnern, die so sehr geweitet waren, dass die Pupillen die ganze Iris einzunehmen schienen angesichts des Unfassbaren, das da vor ihnen auf dem Bett lag.

Susanne wollte einen Schritt auf die Leiche zugehen. „Ist er tot?“

Schnell hob Julia eine Hand. „Bleib, wo du bist.“ Auf die gestellte Frage antwortete sie erst gar nicht. Denn dass der Mann tot war, daran gab es nun wirklich keinen Zweifel. Einer ihrer Mitpatienten, der einfach nicht mehr existierte. Er würde nicht mehr im Speiseraum an einem der Tische sitzen. Er würde an keiner Gruppensitzung mehr teilnehmen. Vor allem aber würde dieser Mann nie wieder die Sonne draußen vor dem Fenster sehen können. Denn davon abgesehen, dass er tot war, hatte er auch keine Augen mehr. Lediglich zwei blutige, leere Höhlen starrten noch an die Decke.

„Was, um Himmels willen …“ Susanne sah aus, als würde sie sich jeden Moment übergeben.

Julia schluckte ebenfalls, riss sich aber zusammen. Die Entscheidung war gefallen. „Wir brauchen die Polizei“, sagte sie. „Schnell.“

4. KAPITEL

Die Pläne Gottes

Der Tag hatte so verheißungsvoll begonnen.

Gerade wollte Charlotte Gärtner es sich in ihrem Liegestuhl im Garten bequem machen, bereit, den Beginn ihres freien Tages zu genießen. Die Musik aus dem Radio dudelte leise, und die frühe Morgensonne schien bereits jetzt auf sie herab, so als hätte jemand einen himmlischen Scheinwerfer eingeschaltet, der nur für sie leuchtete.

Charlotte fühlte sich aus Raum und Zeit geschoben und war absolut zufrieden. Ja, das war sie wirklich. Vielleicht mochte sie etwas überholt wirken für ihre fünfundvierzig Jahre, mit dem dünnen Blümchenschal, den sie irgendwann einmal auf einem Flohmarkt erstanden hatte und seitdem immer trug, den blonden kurzen Haaren, die in alle Richtungen abstanden, dem dicken Hintern und den stämmigen Beinen. Aber das war alles nichts gegen ihren Mann – vielmehr Exmann –, der inzwischen aussah wie ein alternder Playboy, mit den wenigen Haaren, die er noch hatte, und den viel zu bunten Hemden, die er über einem unmöglich zu übersehenden Bierbauch trug. Aber immerhin musste er ja das junge Ding mit dem übertriebenen Make-up und den viel zu engen, kurzen Röcken beeindrucken, das er seit ihrer Trennung mit sich herumschleppte.

Charlotte seufzte leise auf. Das war vorbei. Sollte er machen, was er wollte. Sie verbrachte wegen ihm keine schlaflosen Nächte mehr, und sie hatte auch keine Tränen mehr in den Augen.

Gerade dachte sie darüber nach, sich noch eine weitere Tasse Kaffee zu holen, um dann in aller Ruhe die Zeitung zu lesen und Gott einfach einen guten Mann sein zu lassen, als das Telefon im Haus klingelte.

Das bedeutete nichts Gutes, und Charlottes gute Laune verflog sofort.

Niemand wagte es, sie um diese Zeit an ihrem freien Tag anzurufen, nur um ein bisschen zu plaudern.

Sie betrat das Haus, nahm den Hörer ab, hörte einen Moment zu und legte ihn dann mit einem resignierten Seufzer zurück auf die Gabel.

Das war er gewesen, ihr erster freier Tag seit Wochen.

Und, oh ja, sie hätte ihn genossen.

Aber Gott schien an diesem Tag andere Pläne für sie zu haben.

Die Straßen waren erstaunlich leer, deshalb dauerte die Fahrt in ihrem roten BMW Z4 nur knapp zwanzig Minuten. Der Kauf des Wagens war eine Übersprungshandlung gewesen, entstanden kurz nach der Scheidung von ihrem Mann, als sie etwas brauchte, um sich die Laune aufzubessern. Das hatte auch funktioniert, etwa zwei Wochen lang. Inzwischen kam sie sich nur noch albern vor, weil das auffällige Auto ständig angestarrt und kommentiert wurde, vor allem von ihrer Mutter, die süffisant bemerkte, wie lächerlich es doch war, wenn eine Person, der es kaum gelang, die einzelnen Kleidungsstücke ihrer Garderobe aufeinander abzustimmen, einen so auffälligen Sportwagen fuhr.

Blödes Spielzeug, dachte Charlotte einmal mehr und nahm sich auf ein Neues vor, den Wagen schnell wieder zu verkaufen.

Um 8:44 Uhr parkte sie nun auf dem großen Schotterparkplatz vor der psychiatrischen Klinik Mönchshof, die umgeben war von einer hohen Ziegelmauer. Einlass bot lediglich ein nicht weniger hohes schmiedeeisernes Tor, das jedoch verschlossen war.

Charlotte nahm sich einen Moment Zeit, sich umzusehen. Das alte Kloster, das hinter Ziegelmauer und Tor emporragte, wirkte schlicht und nüchtern. Nichts wies heute mehr darauf hin, dass hier vor rund siebenhundert Jahren einmal Mönche gelebt hatten, außer der überlieferten Tatsache, dass es halt mal ein ehemaliges Kloster war. Es erinnerte auch nichts mehr daran, dass dieses Kloster irgendwann überfallen und geplündert und die Mönche an den Außenmauern aufgeknüpft worden waren. Und ebenso wenig daran, dass es danach für sehr lange Zeit unbewohnt geblieben war. Erst in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde es wieder benutzt, seitdem befand sich die geschlossene Psychiatrie darin.

Charlottes Blick fiel auf den großen Park jenseits des schmiedeeisernen Tors, eine wirklich beeindruckende Anlage. Auf endloser Rasenfläche erhoben sich alte Ulmen, elegante Ahornbäume und ausladende Rhododendren. Zwischen Blumenrabatten schlängelten sich kleine Wege dahin. Ganz hinten entdeckte sie einen Ententeich. Und noch weiter hinten einen kleinen Friedhof.

Am Tor war ein Schild befestigt mit der Aufschrift: Psychiatrischer Bereich. Bitte klingeln. Unbefugte haben keinen Zutritt.

Charlotte tat wie geheißen und drückte auf die Klingel, was ein kratzendes, metallisches Schrillen provozierte, das ihr durch Mark und Bein ging.

Als nichts geschah, klingelte sie noch einmal, und dieses Mal tönte es aus der Gegensprechanlage: „Ja?“

„Gärtner. Kriminalpolizei. Machen Sie bitte auf.“

Es summte, Charlotte packte den rauen Eisengriff, betrat die Anlage und folgte dem schmalen Weg, der sie zum Hauptgebäude führte.

Auch hier hing wieder ein Schild, das sie dazu aufforderte, zu klingeln. Sie tat wie geheißen, und kurz darauf ertönte eine weitere Stimme durch die Sprechanlage.

Noch einmal erklärte Charlotte, wer sie war, und die Tür wurde geöffnet.

Im Inneren der Klinik war die nächste Tür, auf die Charlotte zutrat, eine schwere Eichentür, die jedoch nur angelehnt war. Dahinter war die Stimme einer Frau zu hören, die mit einer Art wütender Präzision fluchte: „Verdammt! Verdammt! Und noch einmal verdammt!“

Dann die Erwiderung eines Mannes mit noch recht junger Stimme: „Warum nimmst du dir nicht gleich ein Messer und stichst es mir zwischen die Rippen, Heide?“

Dann wieder die Frau: „Jan, du weißt, wir brauchen hier jeden Mann. Aber ich muss mich auf dich verlassen können. Und die Frage ist: Kann ich das?“

„Du konntest dich noch immer auf mich verlassen.“

„Du musst etwas tun.“

Charlotte hob die rechte Hand und klopfte gegen die Tür, ehe sie mit schnellem Schritt hindurchtrat.

Das Erste, was ihr entgegenschlug, war der Geruch von Schweiß und … Kohl. Kohl?

Charlotte schnüffelte.

Tatsächlich. Kohl.

Eine kräftig gebaute Frau stand mit dem Rücken zu ihr. Der junge Mann, mit dem sie gerade gesprochen hatte, lehnte an der Wand, die Hände in den Hosentaschen einer weißen Hose. Beide wandten sich um und blickten Charlotte aufmerksam entgegen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Frau, und Charlotte stellte fest, dass sie sehr blass war. Aufgrund ihrer durchdringenden dunklen Augen wirkte sie noch weißer, beinah milchig hell, und ihre große, römische Nase verstärkte ihre hochmütige Ausstrahlung.

„Mein Name ist Charlotte Gärtner“, sagte Charlotte. „Mordkommission.“

„Ja. Natürlich.“ Die Stimme der Frau klang nun wieder ruhig und sachlich und verriet nichts mehr von der Wut, die sich gerade eben noch darin manifestiert hatte.

„Und wie ist Ihr Name?“, wollte Charlotte von ihr wissen.

„Heide Sacher. Ich bin eine der Pflegerinnen. Das dort ist mein Kollege Jan.“

Der junge Mann, Ende zwanzig, höchstens ein Meter siebzig groß und sehr schmal, mit hellbraunem Haar und modischem Schnitt, zog die rechte Hand aus der Hosentasche und machte einen Schritt auf Charlotte zu. „Jan Jäger.“ Kurz reichten sie sich die Hand.

„Bitte folgen Sie mir“, sagte Heide Sacher dann in Charlottes Richtung und drehte sich dabei so schnell um, als habe sie Rollen unter den Füßen. Beinahe lautlos glitt sie den Flur entlang, wohingegen Charlotte regelrecht hinter ihr herpolterte und Mühe hatte, Schritt zu halten.

Sie arbeiteten sich durch eine Traube von Menschen, die sich im Flur versammelt hatten und überall im Weg herumstanden. Patienten, natürlich. Und immer wieder dieser fürchterlich muffige Geruch aus Schweiß, Kohl und … Angst.

„Wann genau wurde der Tote gefunden?“, wollte Charlotte von Heide Sacher wissen.

„Vor etwa einer Stunde.“

„Und von wem?“

„Von zwei Patientinnen.“

Charlotte vermerkte diese Aussage auf ihrem internen Notizzettel. „Ich nehme an, Sie machen hier die Frühschicht?“, fragte sie dann weiter.

„Ja.“

Charlotte hatte immer noch Mühe, der Pflegerin zu folgen. „Mit wie vielen Kollegen arbeiten Sie in einer Schicht?“

„Nur mit Jan.“

„Und wer hat das Verbrechen bei uns gemeldet?“

„Das war ich.“

Charlotte wollte noch etwas fragen, als sie einen Schatten hinter sich bemerkte. Jemand folgte ihnen lautlos. Sie wandte sich um und stellte fest, dass es sich um einen alten Mann handelte – um einen sehr alten Mann –, der fest eine Puppe in den Armen hielt.

Tief durchatmen, sagte Charlotte sich. Einfach ignorieren. „Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches auf der Station aufgefallen?“, wandte sie sich wieder an Heide Sacher.

Die Pflegerin blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Hier passieren jeden Tag die ungewöhnlichsten Dinge, Frau Kommissarin. Wir befinden uns in einer Psychiatrie. Bitte schön. Das hier ist Zimmer Nummer 9. Ihre Kollegen haben sich bereits eingefunden. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte wieder. Die Arbeit wird nicht weniger, die Patienten sind völlig durcheinander, und wie Sie wissen, sind wir nur zu zweit.“ Das Lächeln, das daraufhin folgte, war flüchtig und enthielt nur wenig Freundlichkeit. Und kurz darauf war Heide Sacher auch schon wieder verschwunden.

Wie eine knorrige alte Eiche, so stand Viktor Rosenkranz da und blickte sich unsicher um. Wenn er nur nicht schon wieder vergessen hätte, weshalb sich alle um ihn herum auf einmal so fürchterlich hektisch und aufgeregt benahmen. Aber er erinnerte sich nicht.

Etwas ganz Außergewöhnliches war passiert, das verstand er immerhin. Aber was? Verschiedene Sätze und Satzfetzen schwirrten in seinem Kopf umher wie Mücken, aber er erinnerte sich einfach nicht, und das ärgerte ihn. Früher war er nicht so vergesslich gewesen, höchstens ein bisschen zerstreut. In letzter Zeit allerdings hatten sich die zerbrechlichen Verbindungen zwischen Denken und Handeln immer weiter aufzulösen begonnen. Statt der Erinnerung war in seinem Kopf nichts als Leere.

„Hallo, Herr Rosenkranz“, sprach ihn jemand an, und er sah auf. Immerhin, diesen jungen Mann erkannte er. Es war Jan Jäger, der Pfleger.

„Passen Sie wieder auf das Jesuskind auf?“, wollte er wissen.

In Viktors Blick legte sich Verwunderung. Das Jesuskind? Erst jetzt fiel ihm wieder die Puppe ein, die er in den Armen hielt. „Ja“, sagte er. „Ja.“

„Das ist gut“, sagte Jäger und lächelte aufmunternd. „Lassen Sie es nicht aus den Augen.“

Der alte Mann nickte und wandte sich ab. Dann schlurfte er mit der Puppe im Arm in die Richtung, in der er sein Zimmer vermutete.

5. KAPITEL

Ein Toter ohne Augen

9:01 Uhr

Zu Lebzeiten musste der Mann recht gut ausgesehen haben, groß und schlank, mit vollem dunklem Haar, von silbernen Strähnen durchzogen, das ihm wellig aus der hohen Stirn fiel.

Das mit dem recht gut aussehen war nun allerdings vorbei. Der Unterkiefer hing herunter, die Oberlippe war hochgezogen und die Vorderzähne wie zu einem Knurren gebleckt. Ein dünner Blutfaden war aus dem linken Nasenloch gesickert und schwarz eingetrocknet. Und er hatte keine Augen mehr.

Charlotte blinzelte und unterdrückte eisern ein Flattern im Magen. „So etwas habe ich ja noch nie gesehen“, murmelte sie.

Der Kollege von der Spurensicherung schoss ein paar Fotos. Der Auslöser klickte und surrte. „Eine Leiche ohne Augen ist mir bisher auch noch nicht untergekommen.“

„Haben wir seinen Namen?“

„Weinfried Tämmerer. Wurde kurz vor 8:00 Uhr gefunden.“

Charlotte nickte und bewegte sich ein Stück zur Seite, um dem Mann nicht im Weg zu stehen. „Und was können Sie mir sonst erzählen?“

„Er wurde erschossen, und das – wie ich für den armen Kerl hoffe –, bevor man ihm die Augen entfernt hat. Was das Kaliber der Waffe betrifft, möchte ich mich nicht festlegen. Die Kriminaltechniker werden Ihnen da mehr helfen können als ich.“ Der Kollege legte ein Lineal neben den Blutfleck, der sich unter dem Kopf des Opfers ausgebreitet hatte, und beugte sich etwas nach vorne, um ein weiteres Foto zu machen. „Was ich Ihnen aber sagen kann, ist, dass es sich um keinen Raubmord handelt. Brieftasche und ein paar Münzen lagen unangetastet in der Nachttischschublade.“ Er hob den Blick, sah zur Tür und seufzte leise auf. „Na, großartig … Kennen Sie Madame?“ Als Charlotte daraufhin den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: „Na, dann passen Sie mal auf.“

„Also bitte, was darf es heute sein?“ Frau Dr. Hannelore Strickners Stimme fiel durch knappe, präzise Aussprache auf, und Charlotte fuhr bei ihrem Klang unwillkürlich zusammen. Als sie den Kopf wandte, konnte sie die Frau sehen, die in der Tür aufgetaucht war. Sie war Ende fünfzig und ihre grauen, mit blonden Strähnchen durchzogenen, auftoupierten Haare standen wie Stacheln in alle Richtungen. Auf ihrer Nasenspitze saß eine rote Diorbrille, und in der rechten Hand hielt sie einen großen metallenen Koffer, den sie schnaubend neben sich abstellte. „Entschuldigen Sie die Verspätung, aber leider beinhaltet mein Etat noch keinen Hubschrauber, mit dem ich von einem Gewaltopfer zum nächsten fliegen kann. Aber nun, da ich endlich hier bin … Was haben wir?“

Charlotte räusperte sich. „Eine männliche Leiche. Keines natürlichen Todes gestorben.“

„Was Sie nicht sagen“, bemerkte die Strickner.

Charlotte räusperte sich erneut. „Er hat keine Augen mehr.“

Die Ärztin machte sich gar nicht erst die Mühe, auf etwas zu antworten, was sie selbst sehen konnte. Stattdessen wandte sie den Kopf, um Charlotte besser ins Visier nehmen zu können. „Und wer sind Sie?“, wollte sie wissen.

„Gärtner“, sagte Charlotte. „Mordkommission.“

„Ah. Die neue Kommissarin.“ Für einen Moment wurden die Augen der Strickner schmal hinter der roten Brille, dann konzentrierte sie sich wieder auf die Leiche. Sie klappte ihren Koffer auf und streifte sich Handschuhe über. Dann beugte sie sich etwas nach vorne, um den Toten besser in Augenschein nehmen zu können. „Ganz schön abartig“, murmelte sie. „Die Augen wurden ihm offenbar gewaltsam herausgerissen.“

Charlotte spürte schon wieder Übelkeit in sich aufsteigen, schloss für einen Moment die eigenen Augen, froh, dass sie diese noch besaß, und dachte darüber nach, dass es viele Gründe geben konnte, warum ein Mörder seinem Opfer die Augen ausriss. Ihr fiel nur im Moment keiner ein.

„Aber immerhin, ich würde vermuten, dass es für den armen Mann ziemlich schnell ging“, bemerkte die Ärztin nach ein paar Sekunden und wandte ihre Aufmerksamkeit nun der Schusswunde zu. „Ein Schuss in die Schläfe. Am Einschussloch ist schwarzes, angetrocknetes Blut.“ Sie schien den Inhalt ihres Koffers blind zu kennen, denn sie griff ohne hinzusehen zielsicher nach einer Lupe und studierte damit die Haut rings um das Loch. „Sehen Sie das?“ Ohne aufzublicken, hielt sie Charlotte die Lupe hin. „Der graue Schimmer auf dem Schwarz der Einschusswunde deutet darauf hin, dass er aus nächster Nähe erschossen wurde, der Schuss aber nicht aufgesetzt war. Ich tippe auf etwa einen halben Meter.“

Charlotte beugte sich etwas hinunter und starrte durch die Lupe.

„Die Asymmetrie der Verfärbung zeigt, dass der Schütze stand und schräg nach unten geschossen hat“, fügte die Strickner hinzu.

„Können Sie erahnen, was für eine Waffe verwendet wurde?“, fragte Charlotte.

„Ballistik ist nicht mein Fachgebiet, Frau Kommissarin.“

„Seltsam, dass niemand den Schuss gehört hat“, bemerkte der Mann von der Spurensicherung, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

„Schalldämpfer“, gab die Strickner zurück, ebenfalls ohne aufzusehen.

„Was?“, entfuhr es Charlotte. „Wie zum Teufel sollten die Herrschaften hier an einen Schalldämpfer gelangen?“

„Gegenfrage: Wie zum Teufel sind die Herrschaften hier an eine Pistole gelangt?“

Charlotte seufzte tief auf und nickte. „Todeszeitpunkt?“

„Irgendwann um Mitternacht herum, würde ich sagen.“ Die Strickner runzelte die Stirn, widmete sich noch einmal dem Körper des Toten und deutete nun auf mehrere Blutergüsse am Oberkörper. „Sehen Sie die Hämatome hier? Jemand muss ihn kurz vor seinem Tod noch ordentlich verprügelt haben.“ Damit richtete sie sich auf und legte die Instrumente ordentlich in den Koffer zurück. „Zuerst verprügelt und wenig später erschossen. Mehr kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich ihn auf meinem Tisch hatte.“

Und das war es dann auch. Die Ärztin schnappte sich ihren metallenen Koffer und verschwand, ohne einen weiteren Blick auf die Leiche zu werfen.

6. KAPITEL

Nichts Ungewöhnliches

„Was ist hier passiert?“

Heide Sacher erwiderte den Blick der Patientin, deren Haare ihr schwarz, strähnig und fettig ins Gesicht fielen. Zwang sich, nicht wegzusehen. „Herr Tämmerer ist tot.“

Die Worte hingen einen Moment lang in der Luft. Die Hand der Patientin fuhr zum Mund. Man vermochte beinahe zu sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete, wie sie die Information zu bewältigen versuchte. Als wäre sie betrunken, ging sie ein paar Schritte im Halbkreis. Dann wandte sie sich plötzlich ab und stürzte sich ohne Vorwarnung auf Jan Jäger.

„Frau Yilmaz!“, rief Heide noch, aber die Frau reagierte gar nicht auf sie.

„WAS HABEN SIE GETAN, UM IHM ZU HELFEN?“

Jäger hob abwehrend beide Hände in die Höhe.

„SIE HÄTTEN IHN SCHÜTZEN MÜSSEN! WAS HABEN SIE GETAN, UM IHN ZU SCHÜTZEN?“

„Frau Yilmaz!“ Heide Sacher packte die Hände der Patientin und drehte dabei deren Hände nach oben. Zutage kam ein Zickzack frisch vernarbter Schnittwunden am Unterarm.

„FASSEN SIE MICH NICHT AN!“

Und dann begann ein ungleicher Kampf mit ungleichen Mitteln. Ein verbissen harter Kampf, bei dem niemand aufgeben wollte. Zekine Yilmaz hatte keine Waffe, aber die brauchte sie auch nicht. Sie selbst war die Waffe. Sie schrie, schlug um sich, trat, boxte, kratzte und spuckte. Heide Sacher versuchte, ihre Arme festzuhalten und an ihren Körper zu pressen. Sie war deutlich größer und schwerer als die junge Frau, aber die schreckte vor keinem Mittel des Kampfes zurück. Sie rammte Heide ihr Knie in den Unterleib, und als diese mit einem unterdrückten Schrei zurückwich und sich für einen Moment nach vorne krümmte, nutzte Zekine die Gelegenheit, um mit geballten Fäusten auf Jäger einzuschlagen. Ihr Kopf schwankte dabei unkontrolliert hin und her. Zornestränen liefen aus ihren Augen.

Heide rappelte sich auf und warf sich von hinten auf sie. „Halt ihre Hände fest!“, befahl sie ihrem Kollegen.

Erneut entbrannte ein heftiger Kampf, doch dann hatten die beiden Pfleger es geschafft. Mit vereinten Kräften packten sie die Frau und schafften sie in ihr Zimmer.

Zehn Minuten später zog Heide mit zitternden Fingern ein Taschentuch aus ihrem Kittel. „Das war unglaublich!“, entfuhr es ihr, während sie sich Blut von der Lippe tupfte.

Jäger rückte seinen weißen Kittel zurecht und fuhr sich durch die Haare. Wer ihn nicht kannte, hätte ihm keinen solchen Kraftakt zugetraut, so schmal und zierlich wie er war. Allerdings atmete auch er ziemlich schwer. „Sie ist völlig durcheinander. Kann man ja auch verstehen.“

„Auf jeden Fall war es ziemlich knapp.“ Heide faltete das Taschentuch so, dass sie eine saubere Ecke benutzen konnte. Als sie sich dann abwenden und das Pflegerzimmer verlassen wollte, sah sie sich Charlotte Gärtner gegenüber, die in der Tür stand und sagte: „Ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie beide.“

Jäger seufzte leise auf. Heide sagte mit deutlich zerknirschter Stimme: „Natürlich.“

Zufrieden nickend zog Charlotte einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und stellte fest, dass sie schon wieder keinen Notizblock zur Hand hatte. Sie entdeckte einen Papierkorb, zog ein Blatt heraus, auf dem jemand Strichmännchen gezeichnet hatte, glättete es und sah sich um. Da das Zimmer nicht sehr geräumig war – viel mehr als ein Tisch mit zwei Stühlen, eine Spüle und ein Medizinschrank mit mehreren Schlössern passten nicht hinein –, entschied sie sich, stehen zu bleiben. Sie sah in Jägers Richtung und sagte: „Die Patientin von eben scheint kein großer Fan von Ihnen zu sein.“

Er räusperte sich. „Sie denkt, wenn wir Tämmerer besser beschützt hätten, dann wäre der Mord nicht passiert.“

„Und? Hat sie recht damit?“

„Natürlich nicht“, antwortete Heide für ihn. „Wir nehmen unseren Job sehr ernst, Frau Kommissarin. Aber wie, bitte schön, hätten wir diesen Mord verhindern sollen?“

Charlotte warf den beiden jene Art von Blick zu, die jedem anderen normalerweise feuchte Hände bescherte, beließ es aber vorerst bei dieser Aussage. „Wann haben Sie Weinfried Tämmerer das letzte Mal lebend gesehen?“

„Oh, das war gestern Mittag im Speiseraum.“ Das kam nun von Jan Jäger. „Gegen zwölf Uhr.“

„Und da sind Sie sich sicher?“

„Aber ja. Ganz sicher.“

Charlotte notierte und fragte weiter: „Und wie wirkte er da?“

„Da uns nichts an ihm aufgefallen ist, wird er wohl wie immer gewesen sein.“ Die Stimme der Pflegerin klang schon wieder reichlich feindselig.

„Und heute Morgen?“, fragte Charlotte weiter.

Kopfschütteln von Heide Sacher.

Kopfschütteln von Jan Jäger.

Charlotte seufzte leise auf. „Nun, da er heute Morgen um sieben Uhr bereits tot war, gehe ich nicht davon aus, dass er am Frühstück teilgenommen hat. Und das ist Ihnen nicht aufgefallen, nein?“

Jäger schürzte die Lippen. „Doch. Natürlich. Ich war ja noch bei seinem Zimmer und habe laut an die Tür geklopft, aber er reagierte nicht.“

„Wann war das?“

„Um kurz nach sieben. Vielleicht fünf Minuten nach.“

„Was haben Sie dann gemacht?“

„Ich wollte gerade in das Zimmer gehen, als es eine Störung gab, und dann …“

„Entschuldigen Sie“, unterbrach Charlotte. „Ich bin noch nicht ausreichend eingeführt in die psychiatrisch-klinische Sprache. Was genau ist ‚eine Störung‘?“

„Wenn der geregelte und vorgegebene Ablauf innerhalb der Station durch außergewöhnliche Situationen unterbrochen wird, das nennt man Störung“, erklärte Jäger geduldig. „In diesem Fall hatte einer der Patienten sein Bett angezündet, und ich musste helfen, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Ich dachte mir, dass ich Tämmerer dann eben später holen würde, falls er dann immer noch in seinem Bett läge. Er konnte mir ja kaum entkommen, nicht wahr?“

Charlotte sah den Pfleger aufmerksam an. „Die Tür war also verschlossen, als Sie um kurz nach sieben davorstanden?“

„Ja.“

Einen Moment wurde es still.

„Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen einfällt?“

Kopfschütteln von Jäger.

Kopfschütteln von Heide Sacher.

„Haben Sie auch zur Klärung der Störung beigetragen?“, wollte Charlotte von der Pflegerin wissen.

„Natürlich“, antwortete Heide Sacher. „Wir müssen solche Dinge immer zu zweit angehen. Das ist Vorschrift.“

„War sonst noch jemand dabei?“

„Frau Doktor Sattler.“

Wieder eine kurze Notiz auf dem bemalten und welligen Papier. Dann legte sich Charlottes Blick noch einmal auf Jäger. „Und Sie sind danach nicht noch einmal zu Tämmerers Zimmer zurückgegangen?“

„Ich kam nicht mehr dazu.“ Der Pfleger zog die schmalen Schultern in die Höhe. „Die Situation war kaum unter Kontrolle, da wurde seine Leiche auch schon entdeckt.“

Charlotte nickte. Es gab nichts mehr zu fragen. Vorerst. „Halten Sie sich zur Verfügung“, sagte sie deshalb nur noch.

Heide Sacher und Jan Jäger nickten. Erleichtert, wie es schien.

7. KAPITEL

Die Julia Wagner?

9:37 Uhr

Es war das erste Mal, dass Julia sich die Mühe machte, Susanne näher zu betrachten. Bisher hatte sie sich wenig bis gar nicht mit ihren Mitpatienten beschäftigt, und ganz bestimmt hätte sie das auch weiterhin nicht getan, wenn sie sich nicht in einer derart misslichen Lage befunden hätte. So aber sah sie nun etwas genauer hin, schätzte Susanne auf ungefähr dreißig Jahre alt und stellte fest, dass sie eher hübsch als klassisch schön zu nennen war, dass ihr dunkles Haar mit hellrosa, hellgrünen und blauen Strähnen durchzogen war, ihr Gesicht mit leichten Sommersprossen gesprenkelt, der Mund ein wenig breit, die Lippen voll und die Augen hellbraun mit einem goldenen Einschlag.

„Denkst du, die Serviette hat etwas mit dem Mord zu tun?“, fragte sie gerade.

Julia zog eine Zigarette aus ihrer Hosentasche und zuckte mit den Schultern.

„Und wenn ja, was könnte es dann bedeuten?“ Susanne beugte sich etwas zu ihr herüber, um ihr Feuer zu geben. „Ich meine …“

In dieser Sekunde betrat eine kräftige Frau mit kurzen blonden Haaren und sehr blauen Augen den Aufenthaltsraum. Sie hätte vermutlich gar nicht mal so unsympathisch gewirkt, wenn sie nur ein klein wenig gelächelt hätte. Das jedoch tat sie nicht. Vielleicht lag das an Heide Sacher, die ihr dicht auf den Fersen war und sie mit strengem Blick zu bezwingen versuchte, jedoch scheiterte. „Bitte regen Sie die Patienten nicht noch mehr auf! Hier geht ohnehin schon alles drunter und drüber!“

„Ich gebe mir Mühe“, sagte die Frau und schloss die Tür vor ihrer Nase. Dann trat sie auf Julia und Susanne zu, zog mit einer routinierten Bewegung ihren Ausweis aus der Tasche und sagte: „Charlotte Gärtner. Mordkommission. Wie geht es Ihnen beiden?“ Es war deutlich zu erkennen, dass das eine rhetorische Frage war, die sie nur aus Höflichkeit stellte.

„Grauenhaft“, antwortete Susanne trotzdem mit gepresster Stimme.

Julia schwieg.

„Sie beide haben den Toten also gefunden?“, war die nächste Frage, die Charlotte stellte.

Die Antwort darauf war ohnehin klar, deshalb ersparte Julia sich wieder eine Antwort. Susanne hingegen antwortete erneut: „Ja.“

Charlottes Blick wanderte von ihr zu Julia und wieder zurück und blieb dann doch wieder an Julia hängen. „Erzählen Sie mir, was genau heute Morgen passiert ist.“

Obwohl es nur allzu deutlich war, wie sehr sich alles an und in ihr dagegen sträubte, begann Julia mit einer derartigen Klarheit und Präzision zu erzählen, wie sie nur eine gewisse Routine mit sich brachte. Nur hin und wieder hielt sie kurz inne, um sich ein Detail ins Gedächtnis zu rufen, und am Ende befanden sich die Augenbrauen in Charlottes Leichenbittermiene vor lauter Fragezeichen beinahe am Haaransatz. „Warum haben Sie das Zimmer von Weinfried Tämmerer überhaupt betreten?“, wollte sie wissen.

„Ich habe auf dem Boden vor seinem Zimmer eine Serviette gefunden.“ Inzwischen fein säuberlich eingetütet, reichte Julia ihr das vermeintliche Beweisstück.

„Eine Serviette?“ Charlotte nahm die Tüte entgegen. „Und die haben Sie vor Tämmerers Zimmer gefunden?“

„Ja.“ Keine weiteren Ausführungen. Julia wusste nur zu gut, dass man sich mit einer allzu ausführlichen Antwort leicht selbst ein Bein stellen konnte. Und Charlottes Interesse wuchs immer weiter. „Warum haben Sie sich überhaupt für die Serviette interessiert?“

„Ich bin aus Versehen draufgetreten, als ich den Flur entlangging. Ich hob sie auf und stellte fest, dass jemand eine Zahl daraufgeschrieben hat.“

Charlotte betrachtete die Serviette in der Tüte genauer und untersuchte die Zahl 5, die mit einem dicken schwarzen Stift daraufgeschrieben worden war. „Wo haben Sie diese Serviette noch mal gefunden?“

„Wie ich gerade sagte, vor Tämmerers Zimmertür.“

„Und dann haben Sie sie aufgehoben und was getan?“

„Ich habe mich umgesehen, ob sie vielleicht jemand verloren hat. Und dabei stellte ich fest, dass die Tür offen stand.“

„Moment“, hakte Charlotte ein. „Die Tür stand offen, sagen Sie?“

Julia nickte.

„Und da sind Sie ganz sicher?“

„Ja.“ Julias Haltung blieb unverändert. „Sonst hätte ich wohl kaum das Blut auf dem Boden und dem Arm gesehen …“

Charlotte nickte.

„Und dann wäre ich auch nicht rein“, beendete Julia den Satz.

„Warum sind Sie überhaupt hineingegangen?“

„Ich wollte nachsehen.“

„Warum?“

„Hätten Sie es nicht getan?“

„Ich hätte vermutlich laut um Hilfe geschrien.“ Charlotte schwieg einen Moment nachdenklich, während sie die Tüte zwischen den Fingern drehte. „Ihre Mitpatientin, Frau Grimm, war zu dem Zeitpunkt noch nicht dabei?“, fragte sie dann weiter.

„Nein. Sie kam erst, als ich das Zimmer bereits betreten hatte.“

„Und was haben Sie getan, nachdem Frau Grimm das Zimmer betreten hatte?“

Julia zog an der fast abgebrannten Zigarette und inhalierte tief. „Ich sagte ihr, dass wir die Polizei rufen müssen.“

„War es so?“, wollte Charlotte von Susanne wissen.

„Genau so war es“, bestätigte diese.

„Kannten Sie Weinfried Tämmerer gut?“, war Charlottes nächste Frage. Und da nicht ganz klar war, an wen sie gerichtet war, bekam sie ein synchrones Kopfschütteln zur Antwort.

„Aber immerhin leben Sie hier doch auf sehr engem Raum zusammen“, bemerkte Charlotte mit leiser Skepsis.

„Auf sehr engem Raum zusammenzuleben heißt aber nicht automatisch, dass man sich auch kennt“, erklärte Susanne. „Ich kannte Tämmerer jedenfalls nicht näher.“

„Ich auch nicht“, fügte Julia hinzu.

„Aber Sie beide haben sich vorher schon gekannt?“, fragte Charlotte weiter.

Erneutes synchrones Kopfschütteln.

„Jedenfalls nicht näher“, schob Susanne erklärend hinterher. „Unsere Zimmer liegen nebeneinander.“

„Stimmt das?“, wollte Charlotte von Julia wissen, und die nickte.

„In Ordnung. Falls Ihnen weitere Einzelheiten einfallen, verständigen Sie mich bitte umgehend.“ Charlotte betrachtete ein letztes Mal die Serviette in ihrer Hand. „Warum haben Sie sie eingetütet?“, wollte sie von Julia wissen.

„Für die kriminaltechnische Untersuchung. Ich dachte, es wäre einfacher, wenn …“

„Sie scheinen sich auszukennen, Frau …?“

Schweigen.

„Wie war nochmal Ihr Name?“, hakte Charlotte nach.

„Julia.“

„Ich meine Ihren Nachnamen.“

„Den habe ich Ihren Kollegen bereits genannt.“

„Ich würde ihn aber gerne von Ihnen wissen.“

Julia zögerte. Zwei Sekunden. Drei. Dann sagte sie: „Wagner.“

Im nächsten Moment veränderte sich Charlotte Gärtners Gesichtsausdruck. Quasi innerhalb des Bruchteils einer Sekunde. „Die Julia Wagner?“

„Ja“, antwortete Julia. „Die.“

8. KAPITEL

Keine Wahl

All die Leute, die zu Zander sagten: „Das wird schon wieder. Sie wird sich wieder fangen.“ Alles Menschen, die es gut meinten. Natürlich. Und er, der murmelte: „Klar … sicher … wird schon wieder.“ Obwohl er sich keineswegs sicher war, dass es wieder werden würde, so wie es immer irgendwie wieder geworden war.

Sie wird sich wieder fangen.

Zum x-ten Male betrachtete er die verschiedenen Zeitungsartikel, die er auf dem Bett verteilt hatte. Er hatte die einzelnen Berichte so oft gelesen, dass er sie längst auswendig kannte. Trotzdem starrte er sie immer und immer wieder an, und sein Blick blieb an einzelnen Passagen hängen.

Der Erste stammte aus dem Jahr 1987:

Staatsanwalt und Frau sterben bei tragischem Autounfall. Tochter (10) kämpft ums Überleben.

Weiter ging es im April 2010:

Der Polizeipräsident bekümmert: „Wir verstehen es alle nicht. Sven Wagner war einer unserer besten und fähigsten Männer. Nichts an ihm hat je auf eine derartige kriminelle Energie schließen lassen.“

Dem folgten eine ganze Menge weiterer Artikel, in denen man zum Schluss kam, dass Sven Wagner mit Wolfgang Lange unter mehr als nur einer Decke steckte; in denen Wagner als Randfigur der Mafia verdächtigt und mit Korruption, Bestechung und anderen Straftaten in Verbindung gebracht wurde. Weiter wurde behauptet, Wagner und seine Frau wollten sich scheiden lassen, und die Frage gestellt, ob sie hinter seine kriminellen Machenschaften gekommen war und beide sich deshalb im Wagen gestritten hatten, als der tragische Unfall geschah.

Die neuesten befassten sich mit Julias Person:

Was weiß die Tochter von Sven Wagner? Neue Teufelsmorde: Wieso Julia Wagner?

Während er zum Fenster ging, um es etwas weiter zu öffnen, fragte Zander sich, wie er wohl zurechtgekommen wäre, wenn Lange es tatsächlich geschafft hätte, Julia umzubringen. Er hätte recht unmännlich geweint, dessen war er sich sicher. Und er hätte sich betrunken, obwohl er sonst kaum trank.

Einen Moment stand er einfach nur da, bewegte sich nicht.

In Zanders Leben gab es immer eine Strategie, eine systematische Methode zum Umgang mit den Dingen. Niemals hatte es jemand mitbekommen, wenn es in ihm brodelte. Nie hatte ein Verdächtiger im Vernehmungsraum seine Euphorie bemerkt, wenn das Falsche an der richtigen Stelle gesagt worden war und ihm ein Verbrecher damit in die Falle ging.

Zander war ein Profi. Unerschütterlich. Stark. Verlässlich.

Im Falle von Julias Tod jedoch hätte es keine Strategie, keine systematische Methode mehr gegeben. Zanders Verstand war untrennbar mit ihr verbunden und hütete die Erinnerungen an sie.

Und genau deshalb war er nun hier. In Hannover, einer Stadt, die nicht seine war. Weit weg von Mainz. Deshalb hatte er sich unbezahlten Urlaub genommen, und überraschenderweise hatte Burkhart, sein Chef, sogar Verständnis dafür gezeigt. „Ist eine Scheißsache, Herr Zander. Vielleicht sind es ja wirklich Sie, den sie jetzt braucht.“

Das hatte Zander ihm hoch angerechnet, und in diesem Moment war ihm auch klar geworden, wie sehr Burkhart Julia immer geschätzt hatte.

Er schritt zum Bett zurück und riss eine Packung mit Keksen auf. Jetzt fuhr er jeden verfluchten Tag in diese Psychiatrie, wo sie sich weiterhin beharrlich weigerte, mit ihm zu sprechen, während er weiterhin versuchte, irgendwie an sie heranzukommen. Auch weiter optimistisch zu klingen. Eben unerschütterlich. Aber es nützte nichts. Am Ende warf sie ihn immer hinaus.

Kaum zu ertragen. Er fühlte sich todmüde.

Es wird schon wieder. Sie wird sich wieder fangen.

Das alles wäre nicht passiert, wenn sie in Mainz geblieben wäre, davon war Zander überzeugt. Wenn er weiter ein sorgsames Auge auf sie hätte haben können, so wie er es immer getan hatte. Aber sie war gegangen. Sie hatte den Dienst quittiert und war mit unbekanntem Ziel verschwunden.

Und jetzt hatte sich schlagartig alles verändert.

Noch einmal wanderte Zanders Blick zu den Zeitungsartikeln, glitt über die verschiedenen Fotos. In diesem Moment klingelte sein Handy, er griff danach und hob es ans Ohr.

„Entschuldigen Sie die Störung“, sagte eine Frauenstimme am anderen Ende. „Spreche ich mit Herrn Zander?“

Er richtete er sich etwas auf. „Ja. Und mit wem spreche ich?“

„Mein Name ist Paula von Jäckle. Wir müssen uns unbedingt treffen. Es geht um Julia Wagner.“

Was Zander zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass er längst beobachtet wurde. Und nicht nur das.

Etwa zur selben Zeit hüpften und tanzten jede Menge bunte Punkte vor den Augen eines Mannes mit dem Namen Kurt Gassmann. Er schwitzte – und das, obwohl er in seinem Büro eine Klimaanlage besaß.

Er schwitzte deshalb so sehr, weil er vor etwa einer halben Stunde Besuch von einem Mann bekommen hatte. Und dieser Mann war alles andere als angenehm gewesen. Im Gegenteil, er war unheimlich. Angst einflößend.

Er war auch gleich zur Sache gekommen. Sie bräuchten Hilfe, hatte er gesagt. Um ein Handy zu orten.

Das wäre nicht das Problem gewesen, weil es im Grunde relativ einfach war. Ein eingeschaltetes Handy sendete jede halbe Stunde ein Signal aus, das von den Basisstationen in der Stadt aufgefangen wurde. Kannte man die Abdeckung der einzelnen Stationen, die das Signal auffingen, so konnte man über Kreuzpeilung ganz leicht herausfinden, wo in der Stadt sich ein Handy befand. In der Regel mit einer Genauigkeit von weniger als einem Quadratkilometer.

Trotzdem musste eine solche Aktion erst mit seinem Chef abgesprochen werden, darauf hatte Gassmann hingewiesen. Das hatte den Mann jedoch gar nicht beeindruckt. Er, Gassmann, solle eine Handynummer überwachen (die, wie er inzwischen herausgefunden hatte, einem Mann mit dem Nachnamen Zander gehörte), erklärte er weiter, und die Daten aller Personen an ihn weitergeben, die der Gesuchte in den nächsten Stunden kontaktieren würde.

Gassmann sah sich gezwungen, noch einmal darauf hinzuweisen, dass er dies nicht ohne Genehmigung tun könne. Und das, was der Mann daraufhin zu ihm sagte, hatte ihm den Schweiß auf den Rücken getrieben: „Sie werden es tun. Im Gegenzug werden wir gegenüber Ihrer Frau und Ihren Vorgesetzten nichts davon erzählen, dass Sie es sich gerne mal auf Autobahntoiletten von fremden Männern besorgen lassen. Wir haben da ein paar schöne Fotos von Ihnen …“

Gassmann hatte geschluckt, während eine Welle von Ohnmacht und Hilflosigkeit durch ihn hindurchschwappte.

Jetzt schluckte er immer noch.

Und er schwitzte.

Er hörte gar nicht mehr auf zu schwitzen.

Wir haben da ein paar schöne Fotos von Ihnen.

Er hatte keine Wahl. Er musste es tun.

9. KAPITEL

Mord …?

„Ich kann einfach nicht glauben, dass ihn wirklich jemand umgebracht hat“, sagte Susanne, während sie nebeneinander über den Flur gingen. „Ich meine, das …“ Sie brach ab und sah zu Julia herüber. „Meinst du, das war ein Verbrechen aus Hass? Weil er … du weißt schon … so war, wie er war?“

Eigentlich wollte Julia lieber nicht darauf antworten. Eigentlich wollte sie überhaupt nicht reden. Sie wollte viel lieber wieder alleine sein, ganz für sich, aber immerhin hatten sie und Susanne gerade zusammen eine Leiche entdeckt. Und Susanne wirkte überhaupt nicht so, als wolle sie jetzt alleine sein. Deshalb antwortete sie: „Ich weiß es nicht. Vielleicht.“

„Was hat die Kommissarin eigentlich gemeint, als sie sagte ‚die Julia Wagner‘?“

Wieder wollte Julia lieber nicht antworten. Sie schluckte, rang mit sich und sagte dann doch: „Ich war auch mal bei der Polizei. Deshalb sagt ihr mein Name wohl etwas.“ Das war zwar nur die halbe Wahrheit, genau genommen nur die gedrittelte, aber sie musste genügen.

Susanne hielt in der Bewegung inne. „Wirklich? Du warst bei der Polizei?“

„Hmm.“

„Und was hast du dort gemacht? Ich meine, es gibt da ja so einiges. Drogen, Sitte, Diebst…“

„Mordkommission.“

„Mord…?“ Susanne formte den Anfang des Wortes mit den Lippen und ließ es dann verklingen. „Wow! Und warum bist du dort nicht mehr?“

„Lange Geschichte.“ Das war es. Julia hatte nicht die Absicht, weiter darauf einzugehen, und Susanne schien immerhin zu wissen, wann es keinen Sinn machte, weiter nachzubohren. Seufzend hob sie etwas die Schultern an. „Und was meinst du, was die Polizei jetzt als Nächstes vorhat?“

„Sie werden die ganze Station auf den Kopf stellen. Wenn du also irgendwo ein paar Augen versteckt hast, dann solltest du sie noch rechtzeitig beseitigen.“ Damit wandte Julia sich ab und ging in Richtung ihres Zimmers davon.

10:37 Uhr

Wie sich herausstellte, war Professor Dr. Ulrich Malwik, der Leiter der Klinik Mönchshof, ein kleiner drahtiger Mann von Mitte fünfzig, mit wirren abstehenden Haaren und einer verblüffenden Ähnlichkeit mit Albert Einstein.

Er schien entschlossen, den Deckel so lange wie möglich auf der Sache zu halten. Am liebsten wäre ihm wohl für immer gewesen. Aber das ging natürlich nicht.

Wie auch immer, er begrüßte Charlotte und bat sie, auf der anderen Seite seines Schreibtisches Platz zu nehmen. „Alles andere als ein guter Tag“, stellte er fest und setzte sich ebenfalls. „Ein tragischer Tag, trifft es wohl eher. Was für eine grässliche Geschichte.“

Charlotte nickte und wollte etwas sagen, doch der Psychiater war noch nicht fertig. Er sprach bereits weiter, wobei seine Hände tanzten und hüpften wie die eines Dirigenten: „Die Geschichte des Klosters, in dem wir uns befinden, ist zwar von Gewalt geprägt, aber das ist ja nun schon lange her. Jetzt allerdings … Nun, vielleicht sollte ich Ihnen zuerst etwas über unsere Klinik erzählen. Sie wurde 1960 eröffnet, und inzwischen beherbergen wir im Schnitt fünfzig Patienten, aufgeteilt in Einzel-, Zweibett- und Mehrbettzimmer, wobei es sich um mehr Einzel- als Zweibettzimmer handelt. Mehrbettzimmer haben wir inzwischen nur noch drei. Ich war noch nie ein Fan davon, Menschen mit den verschiedensten psychischen Krankheiten in einem Zimmer zusammenzupferchen, weil das nur unnötig Störungen provoziert, die wiederum unnötig den geregelten Stationsablauf behindern.“ Er seufzte leise und fuhr dann fort: „Wir haben sieben Vollzeit- und zwei Halbtagskräfte und arbeiten nicht vollständig autonom, das heißt, wir haben kein eigenes Krankenhaus und auch keine eigene Küche. Wir beschäftigen nicht nur Psychiater, sondern auch eine Ergotherapeutin sowie zwei Sozialarbeiter, weil wir wollen, dass die Patienten sich in der Außenwelt zurechtfinden können, wenn sie uns wieder verlassen. Sie sollen in jeder nur erdenklichen Form gestärkt sein und in der Lage, ihr Leben zielgerichtet in die eigene Hand zu nehmen.“

„Nun ja“, setzte Charlotte an. „Das mit dem ‚zielgerichtet in die Hand nehmen‘ scheint einem Ihrer Patienten letzte Nacht ja schon recht gut gelungen zu sein.“

Malwik hörte auf zu dirigieren und legte nun die Hände aneinander wie ein Pfarrer, der seine Gemeinde zum Gebet versammelt. „Ich bin selbst am unglücklichsten darüber, das dürfen Sie mir glauben. Sie haben ja keine Vorstellung, was hier auf einmal los ist. Die Patienten strömen in Scharen zu mir, und jeder Einzelne erwartet natürlich, dass ich ihm berichte.“

„Und was berichten die Patienten selbst?“

„Ah … Was das betrifft, hat mich leider niemand eingeweiht.“ Malwik schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich wäre besser informiert.“ Er seufzte unglücklich auf, erhob sich und trat ans Fenster. „Das dort unten ist unser Park.“ Als hätte Charlotte nicht hindurchlaufen müssen, um überhaupt ins Innere der Klinik gelangen zu können. „Ich habe ihn bereits zur Kenntnis genommen“, gab sie zurück. „Er ist sehr hübsch. Wer kümmert sich eigentlich darum?“

„Wir haben eine externe Gärtnerei damit beauftragt.“

„Dürfen die Patienten in den Park?“, wollte Charlotte weiter wissen.

„Normalerweise nicht, es sei denn, sie erhalten eine gesonderte Erlaubnis und werden von einem Pfleger begleitet.“

Arme Patienten. Da hatten sie das Paradies vor Augen, durften es aber nicht betreten.

„Was mich interessiert“, wechselte Charlotte das Thema, „ist die Frage, was für ein Mensch Weinfried Tämmerer war. Wie hat er sich hier eingefügt? Wie war die Beziehung zwischen ihm und den anderen Patienten? Ich brauche absolute Offenheit, Herr Professor.“

Der Appell war eindeutig, und Malwik reagierte prompt und empört. „Bei allem Respekt, Frau Kommissarin, ich habe nicht die Absicht, Ihnen etwas zu verheimlichen. Die Beziehung zwischen Tämmerer und den anderen Patienten war alles andere als harmonisch.“

„Warum?“

„Es gab … Differenzen.“

„Welcher Art?“

„Nun, aus irgendeinem Grund, den wir bisher noch nicht nachvollziehen konnten, gelangte seine Diagnose unter die anderen Patienten, und das führte zu gewissen … Spannungen. Natürlich war dieser Umstand … unglücklich. Aber es war nun einmal passiert.“

„Und wie lautete seine Diagnose?“

Malwik schwieg und rieb sich das Nasenbein.

„Er ist tot, Herr Professor“, sagte Charlotte. „Er wurde umgebracht. Es gibt keinen Grund mehr, auf Ihre ärztliche Schweigepflicht zu pochen. Also bitte, wie lautete seine Diagnose?“

„Pädophilie. Und“, fügte der Psychiater schnell hinzu, „er fürchtete sich im Dunkeln.“

Charlotte blinzelte und fragte sich, ob sie gerade auf den Arm genommen wurde. Doch Malwik schien es ernst zu meinen. Er kratzte sich am Kopf und fügte hinzu: „Tatsächlich. Die Angst vor der Dunkelheit, die Heimstatt aller Schrecken, befindet sich in uns allen, Frau Kommissarin.“

Das war nicht das Thema, das Charlotte am meisten interessierte. „Bleiben wir bei der Pädophilie“, verlangte sie.

Es dauerte noch einen Moment, dann sagte der Professor: „Tämmerer war Lehrer an einer Hauptschule. Vor einem Jahr musste er den Beruf aufgeben, weil er eine seiner Schülerinnen angefasst haben soll.“

„Gab es eine Anzeige gegen ihn?“

„Ja, die gab es. Allerdings wurde sie wenig später wieder zurückgezogen.“

„Weswegen?“

„Das konnte abschließend leider nicht mehr geklärt werden.“

Charlotte runzelte die Stirn. „Aber es gab diesen Übergriff?“

„Ja.“

„Also war Tämmerer tatsächlich pädophil.“

„Ja. Allerdings hatte er den festen Willen, gegen die Krankheit anzugehen. Deshalb war er hier.“

Charlotte lachte trocken auf, sie konnte nicht anders. „Das nenne ich mal eine praktische Lösung für ein grundlegendes Problem: Man geht für ein paar Wochen in eine Klinik, und schon ist man von allem geheilt. Wo doch jeder Mensch weiß, dass man Pädophilie nicht heilen kann.“

„Nein. Aber man kann lernen, gegen den Drang in sich anzugehen“, erklärte Malwik steif. „Es ist ein langer und zweifellos kein leichter Weg, aber man kann ihn gehen, wenn man bereit dafür ist.“

„Und Tämmerer war bereit dafür?“

„Ja.“

Charlotte überlegte einen Moment. „Wie alt war das Mädchen?“

„Zwölf.“

„Also tatsächlich noch ein Kind.“

Malwik sah Charlotte an. „Ich ahne, was Sie jetzt denken, Frau Kommissarin, aber wir leben in einer ekelerregenden Welt. In einer Welt, die in wachsendem Maße von Zerfall geprägt ist. Eine Klinik wie unsere ist nicht mehr als ein Spiegel dieser Welt.“

„Haben Sie Tämmerer selbst behandelt?“

„Nein, meine Kollegin. Frau Doktor Sattler.“

Charlotte dachte wieder einen Moment nach. „Er hat also wegen dem Mädchen den Schuldienst aufgegeben?“, fragte sie dann weiter.

Malwik nickte. „Er sah keine andere Möglichkeit. Durch die Geschichte war eine Hetzkampagne gegen ihn gestartet worden, die über Monate anhielt. Wäre er nicht freiwillig gegangen, so wäre er von der Schulbehörde suspendiert worden. Wenigstens bis zur Aufklärung des Vorfalles. Dem wollte er zuvorkommen.“

Draußen schlug eine Tür zu.

„Wie heißt das Mädchen, das Tämmerer missbraucht haben soll?“, fragte Charlotte weiter.

„Lilly Jensen. Leider lebt das Kind nicht mehr. Es hat sich vor etwa einem halben Jahr das Leben genommen.“

Charlotte atmete tief durch. „Und diese Geschichte gelangte – unter mysteriösen Umständen – unter die anderen Patienten, habe ich das richtig verstanden?“

Malwik nickte. „Es ist mir unerklärlich, wie das geschehen konnte. Aber es passierte tatsächlich genau so.“

„Sie werden doch wohl eine Untersuchung eingeleitet haben.“

„Sicherlich. Aber es kam nichts dabei heraus. Wir konnten weder einen der Pfleger noch einen von uns Ärzten dafür verantwortlich machen. Dass einer der Patienten an Tämmerers Akte gelangt sein sollte, war von vorne herein auszuschließen.“

„Und dass Tämmerer es selbst erzählt hat – warum auch immer?“

„Auf gar keinen Fall.“

Noch einmal atmete Charlotte tief durch. „Seine Diagnose gelangte also an die anderen Patienten. Und ich nehme an, von da an hatte er nichts mehr zu lachen.“

Malwik nickte. „Tatsächlich wurde es von da an sehr schwer für ihn.“ Er brach ab, fügte aber eilig hinzu: „Dennoch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihn jemand deshalb umgebracht haben sollte. Schon gar nicht auf diese Art und Weise. Es muss eine andere Erklärung geben, und ich hoffe, Sie finden sie. Sie scheinen über einen wachen Geist zu verfügen, Frau Kommissarin, auf den ich vertraue.“

Darauf ging Charlotte nicht ein. „Wissen Sie, ob er sich vor jemandem auf der Station ganz besonders fürchtete? Gibt es jemanden, den man als seinen größten Feind bezeichnen konnte? Jemand, der ihn so sehr hasste, dass er ihn tot sehen wollte?“

Malwik schien zu überlegen, ehe er darauf antwortete: „Wir haben mehr als einmal mit ihm darüber gesprochen. Aber er hat sich leider nie ausreichend dazu geäußert.“

Charlotte war sich nicht sicher, ob sie das glauben konnte, beließ es aber vorerst dabei. Der Professor sprach auch schon weiter: „Wir dachten natürlich darüber nach, ihn in eine andere Klinik zu überweisen, aber das wollte er nicht. Er wollte es … fast bin ich geneigt zu sagen: aushalten.“

„Das hier wurde vor seiner Zimmertür gefunden.“ Charlotte reichte ihm die eingetütete Serviette.

Malwik nahm sie entgegen und betrachtete sie ausgiebig. „Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat, Frau Kommissarin.“

„Nun denn …“, sagte sie und nahm die Serviette wieder an sich. „Wir werden jetzt alle Zimmer und auch den ganzen Rest der Station durchsuchen, Herr Professor.“

„Auf gar keinen Fall.“ Sofort war Malwik auf den Beinen und verschränkte die Arme vor der Brust wie ein Türsteher in einem Privatklub, was lustig aussah, bei seiner beeindruckenden Größe von gerade mal einem Meter fünfundsechzig. „Ich möchte nicht, dass die Patienten noch mehr durcheinandergebracht werden.“

„In Ordnung. Wie Sie möchten. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn jemand etwas findet.“

„Was meinen Sie?“

„Eine geladene Waffe, zum Beispiel. Oder eine Kugel im Kopf eines weiteren Patienten.“

Der Psychiater rang mit sich. „Meinetwegen“, sagte er schließlich. „Aber bitte, tun Sie es so zurückhaltend und so schonend wie möglich.“

10. KAPITEL

Seltsame Erscheinungen

Seufzend wandte Charlotte sich an den jungen Kollegen, der zu ihrer rechten Seite stand, und fragte: „Sind Sie bereit?“

Der Mann mit dem Namen Michael Tech nickte unsicher. Gerade erst zur Mordkommission gekommen, war dies der erste große Fall, an dem er mitarbeitete, und entsprechend nervös war er. Dies hätte Charlotte gerade noch hingenommen, immerhin hatten sie alle irgendwann einmal angefangen; bei Tech lösten Nervosität und Unsicherheit allerdings den unangenehmen Reflex aus, sich den Zeigefinger ins Ohr zu stecken und dann zu betrachten, was er daraus hervorholte. So wie jetzt.

Sie verkniff es sich, ihm wie einem Kind auf die Finger zu hauen, wandte sich stattdessen ab und sagte: „Also dann. Fangen wir an.“

Eine ausgesprochen seltsame Erscheinung erwartete sie im ersten Zimmer: ein Mann mit schütterem Haar, ungepflegtem Zottelbart und burgunderrotem Gesicht, der einen Pullover trug, welcher schon deutlich bessere Zeiten gesehen hatte, und sich so linkisch bewegte, dass er fast über seine eigenen Füße stolperte.

„Mein Name ist Charlotte Gärtner“, stellte Charlotte sich vor und fügte mit einer knappen Handbewegung hinzu: „Das dort ist mein Kollege Tech. Wir sind von der Kriminalpolizei und werden jetzt Ihr Zimmer durchsuchen.“

Der Mann nickte weder noch schüttelte er den Kopf. Aber er trat zur Seite, und sie schritten an ihm vorbei.

Sofort schlug Charlotte ein säuerlicher Gestank aus Müll und Schweiß entgegen. Aber nicht nur das. Es roch auch noch nach etwas anderem. Nach kaltem Rauch. Aber nicht nach Zigaretten. Sie schnüffelte kurz, dann wandte sie sich dem Mann zu. „Wie ist Ihr Name?“, wollte sie wissen.

„Karl“, sagte er mit überraschend heller Stimme. „Hamm Se mal ’ne Kippe für mich?“

„Ich rauche nicht.“

Der Mann mit dem Namen Karl wandte sich an Tech. „Sie?“

Auch der junge Beamte hob bedauernd die Schultern.

„Shit. Stürm’ Se am helllichten Tag in mein Zimmer und hamm nit mal was zum Qualmen?“

„Tut mir leid“, sagte Charlotte. „Wie ist Ihr Nachname?“

„Waffenschmied.“

Sie nickte, trat zum Bett in der Ecke, schob die Decke zur Seite und stellte überrascht fest, dass sich kein Betttuch über der Matratze befand. Stattdessen ein großes dunkles Loch in der Mitte.

„Hab heut Morgen mein Bett angezündet“, erklärte Waffenschmied in ihren Rücken. „Deshalb hamm se mir die Streichhölzer und die Kippen weggenommen.“

„Ach“, machte Charlotte. „Dann waren Sie also für die Störung verantwortlich.“ Sie hob die Matratze an, legte sie wieder zurück auf den Rost und schaute dann unter das Bett.

„Hab nicht aufgeräumt“, redete Waffenschmied weiter in ihren Rücken.

„Das ist mir bereits aufgefallen.“ Charlotte richtete sich wieder auf.

„Hätt ich gewusst, dass Frauenbesuch kommt, hätt ich aufgeräumt.“

„Sie können immer noch durchlüften.“

„Hab ’ne Frau. Erika. Hab ich öfter ma hart angefasst. Da isse mir weggelaufen. Dann kam der Alkohol. Hat mich vom Weg abgebracht. Aber ich werd wieder.“

„Das freut mich für Sie.“ Den aufgeplatzten Äderchen und den nach unten gezogenen Mundwinkeln zufolge hatte Erika ihn schon vor einer ganzen Weile verlassen.

„Sie hamm ja keine Ahnung, wie einen das hier fertigmacht“, redete er weiter in Charlottes Rücken. „Wie Tiere im Käfig halten die uns hier. Jawohl. Wie Tiere im Käfig.“

Es entstand ein leises Scharren, als Charlotte einen alten grünen Sessel zur Seite schob, um zu sehen, ob sich darunter etwas befand. „Kannten Sie Weinfried Tämmerer?“, fragte sie währenddessen.

„Sie hamm ja keine Ahnung. Wie Tiere im Käfig. Jawohl.“

Charlotte wischte sich mit dem Ärmel ihres Hemdes über die Stirn. Dann trat sie zum schmucklosen Schrank und öffnete ihn.

„Könn Se mich hier rausholen?“

„Dazu habe ich leider keine Befugnis.“

„Ich bin nicht blöd, wissen Se. Obwohl se mich hier so behandeln, als wär ich’s.“

Charlotte schob jede Menge muffiger Wäschestücke zur Seite und dankte Gott, dass es Latexhandschuhe gab.

„Sie könnten ’nen Deal mit ’m Doc machen und ihm sagen, dass ich Ihnen bei den Ermittlungen geholfen hab.“

„Dazu müssten Sie mir aber erst einmal bei meinen Ermittlungen helfen.“

„Hab ihn gestern Abend gesehen. Im Fernsehzimmer. Wir hamm hier nämlich nur einen Fernseher“, fügte Waffenschmied hinzu, als rechne er damit, dass Charlotte ihm das nicht glauben würde.

„Wen?“, wollte sie wissen. „Tämmerer?“

Der Alkoholiker beugte sich etwas nach vorne. Seine Lippen zitterten unter dem zotteligen Bart. Er nickte.

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, fragte Charlotte weiter.

Wieder Nicken.

„Und was hat er gesagt?“

„Weiß nicht. Bin Alkoholiker. Macht die Zellen im Kopf kaputt, sagt der Doc. Bring’ Se mich hier raus?“

„Dazu müsste Ihnen erst wieder einfallen, was Tämmerer gestern Abend zu Ihnen gesagt hat.“

„Versprechen Se’s. Sonst sag ich nix.“

„Ich kann Ihnen nichts versprechen, Herr Waffenschmied, aber Professor Malwik und ich werden darüber reden. Was hat Weinfried Tämmerer zu Ihnen gesagt?“

„Fällt mir bestimmt wieder ein, wenn Se mit ’m Doc gesprochen hamm.“ Damit klappte der Alkoholiker den Mund zu, was zur Folge hatte, dass der Rest der Durchsuchung in Stille verlief.

Das nächste Zimmer. Der nächste Patient. Sein Name war Stefan Versemann, und er sah außergewöhnlich gut aus. Groß und schlank, hatte er ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine gerade Nase und einen kräftigen Zug um den Mund. Dazu blondes Haar und kluge blaue Augen hinter einer randlosen Brille – was mochte diesen Mann in die geschlossene Psychiatrie gebracht haben?

Die meisten Menschen erwarten, dass psychisch kranke Menschen hässlich und gedrungen aussehen, dass man ihnen ihre Verrücktheit quasi schon von Weitem ansieht. Natürlich ist das ein Irrglaube, aber wer hat schon die Gelegenheit, hinter solche Mauern blicken zu können, sofern es einen nicht selbst oder jemanden aus der Verwandtschaft betrifft?

Dieser Mann hier war auf jeden Fall wirklich schön, ein anderes Attribut kam Charlotte für ihn nicht in den Sinn.

„Wie geht es Ihnen, Herr Versemann?“

„Kenne ich Sie?“, gab er unsicher zurück. „Ich kenne Sie nicht.“

„Mein Name ist Charlotte Gärtner. Ich bin von der Kriminalpolizei und muss jetzt Ihr Zimmer durchsuchen.“

„Wegen der … Sache mit Tämmerer?“

„Ja.“ Charlotte trat ein, gab Tech ein Zeichen und machte sich an die Arbeit.

„Das Ganze darf aber nicht länger als fünf Minuten dauern“, sagte Versemann schnell. „Sonst komme ich zu spät zu meiner Therapie.“

„Ich fürchte, die fällt heute aus.“

„Oh …“ Er senkte den Blick und begann an der Kordel seiner Trainingshose zu zupfen. „Aber die Therapie ist wichtig für mich. Wenn ich sie mache, geht es mir besser.“

Charlotte sagte: „Ich verstehe Sie. Aber hier ist letzte Nacht ein Mord geschehen. Und das ist eine sehr ernste Angelegenheit.“

Versemann zwirbelte die Kordel noch etwas heftiger. „Natürlich.“

„Was machen Sie eigentlich beruflich, Herr Versemann?“ Das war zwar nicht die Standardfrage, mit der Charlotte sonst begann, aber es interessierte sie.

„Ich bin hochbegabt.“

Charlotte seufzte und besann sich wieder auf den Grund ihres Besuches. Während Tech sich im Badezimmer zu schaffen machte, kümmerte sie sich auch hier zuerst um das Bett. „Kannten Sie Weinfried Tämmerer?“, fragte sie währenddessen.

„Nicht sehr gut.“ Versemann hörte für einen Moment auf, mit der Kordel zu spielen, fing aber sofort wieder damit an. „Er war immer alleine. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Weil … weil er …“

„Pädophil war?“

Nicken.

„Können Sie sich vorstellen, wer ihn umgebracht haben könnte?“

„Nein.“

„Konnte ihn jemand ganz besonders nicht leiden?“

„Campuzano.“ Das kam relativ flott. Dazu ein weiterer unsicherer Blick in Charlottes Richtung. „Kennen Sie Robert Campuzano?“

„Noch nicht.“

„Tämmerer hatte große Angst vor ihm.“

Na, das ist doch schon mal was, dachte Charlotte. „Und warum hatte Tämmerer so große Angst vor Campuzano?“

„Das darf ich Ihnen nicht sagen.“

„Warum nicht?“

Die Antwort war nicht mehr als ein Wispern: „Weil er mir dann auch wehtut.“ In der nächsten Sekunde hörte Versemann auf, mit der Kordel zu spielen, richtete sich zu voller Größe auf und sagte in ganz normalem Ton: „Und jetzt muss ich wirklich zu meiner Therapie, Frau Kommissarin.“

In das nächste Zimmer kamen sie gar nicht erst hinein, weil ihnen eine Frau in bunten Gummistiefeln den Weg versperrte. Sie war Mitte fünfzig, mit feinem Haar, das die Farbe von stumpfem Gold hatte, ihre Augen waren auffallend bernsteinfarben, und sie knurrte wie ein Hund: „Nein!“

„Glauben Sie mir, ich bin auch nicht scharf darauf, Frau Kirsch“, sagte Charlotte, „aber es ist mein Job.“

Elisa bewegte sich nicht von der Stelle, hob nur einen Finger in die Höhe, der rund war wie ein Würstchen. „Ich weigere mich.“

„Frau Kirsch, machen Sie es uns nicht …“

„Ich habe meine Tabletten nicht bekommen. Und ich bin kein Verbrecher.“

„Treten Sie zur Seite, ich verspreche Ihnen, es geht auch ganz schnell.“

Elisa funkelte Charlotte nur weiter böse an, während Tech sich nervös den Finger ins Ohr bohrte.

„Die sollen uns hier gesund machen. Jedenfalls ist das so gedacht.“

„Frau Kirsch, wenn Sie nicht freiwillig zur Seite gehen, muss ich …“

„Stattdessen geben sie uns das Gefühl, dass wir zu nichts zu gebrauchen sind. So läuft das hier.“

„Hören Sie, es tut mir wirklich leid, aber hier ist ein Mörder unterwegs, und ich hab nicht ewig Zeit.“ Damit schob Charlotte die kleine Frau einfach beiseite.

„Weshalb geben sie mir wohl meine Tabletten nicht?“, ereiferte sich Elisa hinter ihr.

Tech machte sich auf den Weg in Richtung angrenzendem Badezimmer.

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Charlotte und sah sich in dem mit allerlei Nippes vollgestopften Zimmer um. Überall standen und hingen seltsame Gegenstände, jeder Zentimeter freie Fläche war bedeckt. Wünschelruten, Glockenspiele, Mobiles lagen auf dem Boden oder hingen von der Decke. Und alles in den Farben Indigo, Anthrazit, Taubenblau oder Schiefergrau. Die Vorhänge waren zugezogen und an einigen Stellen mit altmodischen Broschen und keltischen Motiven zusammengesteckt. Die einzige Lichtquelle war eine schwach leuchtende Tischlampe. Den Tisch selbst zierte ein Kreis aus Kristallen. Charlotte erkannte sie nicht alle, nur den Rosenquarz, den Amethyst und den Basalt. Und mittendrin lag wie in Omas guter Stube ein gehäkeltes Spitzendeckchen. Auch der Sessel davor war am Rücken und an den Armlehnen mit Kristallen verziert. Den Grund für all das kannte wohl nur Elisa selbst, doch die hatte gerade ganz andere Sorgen.

„Weil sie nicht wollen, dass ich etwas sage!“, ereiferte sie sich weiter. „Ich habe nämlich etwas gesehen. Und jetzt geben sie mir meine Tabletten nicht. Und das ist die Wahrheit.“

Charlotte, die gerade die Vorhänge aufziehen wollte, um bei der Durchsuchung mehr Licht zu haben, drehte sich zu ihr um. „Sie haben etwas gesehen?“

„Habe ich, allerdings.“

„Was haben Sie gesehen, Frau Kirsch?“

„Annegret! Ich habe sie gesehen! Aber das interessiert ja niemanden!“

„Doch. Mich interessiert es. Wer ist Annegret?“

Elisa biss sich auf die Lippen, als fiele es ihr schwer, sich daran zu erinnern, was sie eben noch gesagt hatte. „Annegret Lepelja“, sagte sie dann. „Sie ist eine von denen, die nicht gehen. Und jetzt wollen sie mir meine Tabletten nicht geben.“ Sie brach ab und fügte hinzu: „Ich war dort. Und das ist die Wahrheit.“

„Wo waren Sie? In Tämmerers Zimmer? Als er umgebracht wurde?“ Wenn nicht dort, was meinte sie dann?

Noch einmal hob Elisa einen Finger in die Höhe, und dieses Mal klang es so, als doziere sie: „Die Balance um uns herum ist tief gestört. Verwirrung, Zweifel und Furcht haben die Herrschaft übernommen. Annegret ist unser Schicksal, im Guten wie im Bösen. Und mehr sage ich nicht, bevor ich nicht meine Tabletten bekomme.“ Damit verschränkte sie die Arme vor der Brust und klappte ebenso resolut den Mund zu, wie Karl Waffenschmied zwei Zimmer zuvor.

Die nächste Tür. Zekine Yilmaz. Jene zierliche junge Türkin, die am Morgen auf Jan Jäger losgegangen war. Nun saß sie etwas schief in einem alten orangefarbenen Sessel, offenbar mit Tabletten ruhiggestellt, und gab nur noch kurze, unterdrückte Schluchzer von sich, die mehr an einen Schluckauf als an Weinen erinnerten.

„Ich weiß, das ist kein guter Zeitpunkt“, sprach Charlotte sie an. „Aber wir müssen Ihr Zimmer durchsuchen.“

Die junge Frau reagierte nicht darauf, deshalb gab Charlotte Tech ein Zeichen, dass er anfangen konnte, und begann dann ebenfalls mit der Durchsuchung.

Ein paar Minuten vergingen daraufhin schweigend. Dann sagte Zekine auf einmal ganz leise, kaum verständlich: „Diese Art von Tod … hat niemand verdient.“

Erstaunt wandte Charlotte sich zu ihr um und sah gerade noch, wie sie aufschluchzte und heftig schluckte und nach Luft schnappte. Um dann, in der nächsten Sekunde, völlig wegzutreten.

Als Tech den Kopf aus dem Badezimmer streckte, war sie bereits vom Sessel auf den Boden gesackt und dort regungslos liegen geblieben.

11. KAPITEL

Die Lady und der Freak

Wie viele Stunden war sie schon hier?

Charlotte stellte fest, dass solche Kliniken ihre ganz eigenen Zeitzonen erzeugten. Während sie durch den schlecht beleuchteten Flur schritt, dachte sie daran, dass sie einmal von einem Krankenhaus geträumt hatte, das sich als Hölle herausstellte, in deren Mitte sich ein riesiger Kessel mit kochendem Wasser befand, in den die Pfleger und Krankenschwestern nach und nach einen Patienten nach dem anderen stießen.

Sie seufzte leise auf und riss sich zusammen.

Die nächste Tür wurde von einer attraktiven Frau mit langem, dunkelbraunem Haar geöffnet. Die Kleidung, die sie trug, ließ auf Geld schließen, und sie besaß das sichere Auftreten einer Person, die genau wusste, was sie wollte. Dazu zeigte ihr Gebaren keinerlei Anzeichen von Nervosität oder Unruhe. Im Gegenteil, sie schien völlig ruhig. „Mein Name ist Ilona Walter“, stellte sie sich vor und trat zur Seite. „Soll ich das Zimmer so lange verlassen?“

„Nein. Sie können bleiben.“ Erneut ein Zeichen an Tech, und der verschwand auf ein Neues im Badezimmer.

„Sie befinden sich gerade in der Parksuite“, begann Ilona in Reiseleiterimitation, während Charlotte wie immer mit dem Bett begann. „Ich habe das Zimmer so genannt, weil man von hier aus einen wunderbaren Blick auf den Park hat. Originell, nicht wahr? Das Zimmer links von mir, ich vermute, das ist das Zimmer, aus dem Sie gerade kommen – ich meine das von Frau Yilmaz –, nenne ich die Halbmondsuite. Ja, ich weiß, sagen Sie nichts, das ist nun wiederum nicht sehr originell.“

Charlotte hatte unter dem Bett nachgesehen, die Bettwäsche zur Seite geräumt, die Matratze angehoben, nichts gefunden, keine Augen, keine Waffe, und machte sich deshalb an den Schrank.

„Die Suite, die Sie nach meiner betreten werden“, fuhr Ilona währenddessen fort, „bewohnt ein durchgeknallter Rockmusiker auf Kokainentzug, der sich benimmt wie ein schlecht erzogenes Kind, das von den Eltern in ein Ferienlager geschickt wurde.“

„Wie ist sein Name?“, fragte Charlotte.

„Campuzano.“

„Von ihm habe ich bereits gehört.“

„Und nichts Gutes, nehme ich an.“ Ilona warf Charlotte einen Blick zu. „Mit Recht. Seien Sie auf alles gefasst, wenn Sie ihm gegenübertreten.“

„Sie mögen ihn also nicht?“

Ilona hob die Schultern in die Höhe. „Er ist verrückt und außerdem noch schlecht erzogen, benimmt sich, als wär er der König und dies hier sein Schloss. Aber das werden Sie ganz schnell selbst herausfinden.“

„Und Weinfried Tämmerer?“, hakte Charlotte nach, während sie den Schrank durchsuchte. „Mochten Sie ihn auch nicht?“

„Ich hatte nicht sonderlich viel mit ihm zu tun. Lediglich einmal habe ich ganz kurz mit ihm gesprochen. Oder besser: er mit mir. Das war etwa vor drei Tagen.“

„Was hat er zu Ihnen gesagt?“

„Er meinte, er hätte etwas Schlimmes getan, und nun würde er die Hölle erleben. Vielleicht erwartete er Mitleid von mir, ich weiß es nicht.“

„Was haben Sie geantwortet, als er das zu Ihnen gesagt hat?“

„Nun, falls er damit so etwas wie Reue zeigen wollte, so habe ich sie ihm jedenfalls nicht abgenommen. Meiner Meinung nach war Tämmerer nämlich ein eiskalter Mensch. Kein Opfer, ein Täter. Deshalb sagte ich ihm, dass er überhaupt keine Ahnung davon hätte, was die Hölle ist.“ Jetzt schlich sich so etwas wie offene Verachtung in Ilonas Stimme. „Es ist die Hölle, wenn ein kleines Mädchen hilflos einem erwachsenen Mann ausgesetzt ist. Es ist die Hölle, wenn es fürchterliche Dinge über sich ergehen lassen muss, weil es nicht in der Lage ist, sich gegen diesen Mann zu wehren. DAS ist die Hölle. Und deshalb, es tut mir leid, hält sich mein Mitleid mit Tämmerer in Grenzen.“

Charlotte hatte die Durchsuchung des Schrankes beendet und wandte sich der Frau nun zu. „Er ist tot, Frau Walter. Und sein Mörder läuft immer noch frei herum.“

Ilona nickte. „Ich weiß. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass Tämmerer schon lange vorher tot war. Ein Zombie. Äußerlich am Leben, aber innen tot. Ich bin mir sicher, er hatte keine Ahnung, welchen Schaden er angerichtet hat, und es ist gut möglich, dass es ihm egal gewesen wäre, hätte er es gewusst. Aber das spielt nun ja keine Rolle mehr, nicht wahr? Er weilt nicht mehr unter uns. Was ändern da noch Reue oder gar Bedauern?“

„Mehr haben Sie nicht dazu zu sagen?“

„Nein.“ Ilona verschränkte die Arme vor der Brust. „Mehr habe ich nicht dazu zu sagen. Tut mir leid, Frau Kommissarin.“

Charlotte war sich nicht sicher, was sie als Nächstes erwartet hatte, jedenfalls keinen derart großen, tätowierten und langhaarigen Freak.

Sie hatte auch ganz sicher nicht damit gerechnet, auf Anhieb Robert Campuzanos beste Freundin zu werden, aber dieser Mann hatte etwas an sich, was sie von der ersten Minute an gegen ihn einnahm. Ilona Walters Beschreibung war nicht gerade freundlich gewesen, aber jetzt fand Charlotte, dass sie sogar noch sehr zurückhaltend war, denn er stand breitbeinig in der Tür, zog den Schleim hoch, spuckte ihn gnädigerweise aber nicht aus und knurrte: „Was wollen Sie?“

Sofort steckte Techs Finger wieder im Ohr.

Charlotte sagte: „Kriminalpolizei. Wir werden jetzt Ihr Zimmer durchsuchen. Je eher Sie zur Seite treten, desto schneller geht’s.“

Campuzano bewegte sich nicht von der Stelle. Er legte lediglich die linke Hand über die rechte und zog daran. Es gab ein krachendes Geräusch, so als würde er sich die Finger ausreißen. „Warum sollte ich Sie reinlassen?“

„Weil Ihr Mitpatient, Weinfried Tämmerer, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.“

„Ich hab ihn nicht gekillt.“

„Wir müssen trotzdem rein.“

„Warum?“

„Das habe ich Ihnen gerade erklärt.“

Daraufhin verrannen die Sekunden. Campuzanos fast vollkommen schwarze Augen funkelten. Charlotte hielt seinem Blick stand. Techs Finger verschwand fast vollständig im Ohr.

Dann endlich wurde die Tür geöffnet, allerdings nur so weit, dass sie sich gerade so hineinschieben konnten.

Die Luft im Inneren des Zimmers war zum Schneiden. War es in den anderen schon kaum auszuhalten gewesen, hier war es noch um ein Dreifaches schlimmer.

Charlotte wandte sich um und stellte fest, dass Tech sich bereits ins angrenzende Badezimmer verdrückt hatte. Während sie sich selbst an die Arbeit machte, sagte sie: „Ich erinnere mich, irgendwann einmal von Ihnen gehört oder gelesen zu haben. Sie sind der Leadsänger einer deutschen Rockband, nicht wahr?“

„Überflieger, so heißt meine Band.“ Plötzlich zeigte der Freak so etwas wie ein Lächeln. „Jau Mann, ich schwör, ich rock Ihnen den Arsch ab, Frau Kommissarin.“

„Schade nur, dass die Überflieger einen mächtigen Absturz hinlegten, nachdem Sie dem Sänger einer anderen Band im Koksrausch den Kehlkopf zugedrückt haben“, bemerkte Charlotte, ohne darauf einzugehen.

Unschuldig hob Campuzano die Hände in die Höhe. „Wir leben in einer bösartigen Welt. Da muss man sich ja wohl verteidigen dürfen.“

„Hier drinnen scheinen Sie auch nicht gerade den ersten Preis für Umgänglichkeit zu gewinnen.“

„Na und?“

Charlotte seufzte leise auf. „Sie haben recht. Lassen Sie uns zum Thema kommen: Wie gut kannten Sie Weinfried Tämmerer?“

Campuzano verschränkte die Arme vor der Brust, und als er sich dabei ein klein wenig drehte, erkannte man im Profil, dass seine Nase schon mindestens zweimal gebrochen war. „Ich hatte nichts mit ihm zu tun.“ Er brach kurz ab, dann fügte er hinzu: „Er war eine Drecksau. Er hatte es verdient.“

„Was genau hatte er verdient?“

„Meinetwegen auch den Tod.“ Campuzano trat in die Mitte des Raumes, die Arme immer noch vor der Brust verschränkt. „Der hat kleine Mädchen gefickt. Dafür verdient man den Tod. Keiner wird ihn vermissen.“

„Haben Sie ihn umgebracht?“

„Nein.“

„Haben Sie ihn schikaniert?“

Ein verächtliches Lächeln legte sich auf die Lippen des Freaks. „Ich hab ihm nur ein paar Manieren beigebracht. Wenn’s seine Eltern schon nicht getan haben. Sind Sie jetzt fertig, Frau Kommissarin? Ich schreib nämlich grad an einem neuen Song. Wenn ich hier raus bin, starte ich wieder voll durch. Was interessieren mich da dreckige, tote Kinderficker?“

12. KAPITEL

Etwas Dunkles

Ein wirklich schöner und heißer Tag in einer Stadt, die er persönlich für eine der schönsten Städte Deutschlands hielt: Hannover. Der Pigmentlose lächelte trotzdem nicht. Stattdessen warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. 14:34 Uhr.

Dann griff er in eine kleine durchsichtige Tüte, die zwischen seinen Beinen klemmte, zog ein Bonbon hervor und steckte es sich den Mund. Anschließend beugte er sich nach vorne übers Lenkrad und beobachtete mit hellen reglosen Augen weiter den Eingang des Friedhofes.

Eine Katze mit grauer Schnauze kam über die Mauer geklettert und blieb einen Moment lang stehen, als sie ihn im Auto sitzen sah. Dann sprang sie von der Mauer und verzog sich in ein Gebüsch. Er folgte ihr mit den Augen. Katzen bedeuteten Glück. Oder Pech. Je nachdem, von welcher Warte aus man es betrachtete. Aber der Pigmentlose war nicht abergläubisch.

Als Nächstes schlurfte ein Friedhofsgärtner vorbei, auch nicht mehr der Jüngste.

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann sah er ihn kommen, und sofort spürte der Pigmentlose etwas, das ihm bis ins Mark drang. Er griff nach seinem Handy und wählte.

„Sprich“, sagte eine Stimme am anderen Ende.

„Er ist gerade angekommen.“

„Gut. Lass ihn nicht aus den Augen.“

Der Pigmentlose legte auf und verließ ohne die geringste Regung im Gesicht den Wagen. Vorher jedoch steckte er sich noch ein weiteres Bonbon in den Mund.

Das Grab sah unscheinbar aus. Nur eine dunkle Marmorplatte und – bis auf eine gelbe Rose – keine Blumen.

Die eingravierten Namen lösten eine tiefe Traurigkeit in Zander aus. Vielleicht war es die Angst, dass auch Julia, obwohl noch am Leben, trotzdem nicht mehr in dasselbe zurückfinden würde. Dass, selbst wenn er alles tat, nichts mehr so sein würde, wie es einmal war. Er wusste es nicht.

Er konzentrierte sich auf die Frau, die vor dem Grab kniete, und sprach sie an. „Sind Sie Frau von Jäckle?“

Sie sprang auf, drehte sich zu ihm um, und er stellte fest, dass sie etwas untersetzt war, Anfang fünfzig, mit intelligentem Blick und nicht sehr groß. Sie trug Jeans, ein rotes Hemd und einen grauen Pferdeschwanz.

„Ich habe Sie gar nicht kommen hören“, sagte sie. „Ja. Ich bin Paula von Jäckle.“ Dabei nickte sie unterstreichend, wobei ihr grauer Pferdeschwanz auf und abwippte.

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken“, gab Zander entschuldigend zurück. „Ich dachte, Sie hätten meine Schritte gehört.“

„Nein. Ich war … Nennen wir es: konzentriert.“

Er deutete auf die gelbe Rose. „Von Ihnen?“

„Ja. Ich habe sie mitgebracht, auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass Frau Wagner so etwas wie Blumen auf dem Grab ihrer Eltern gerne sehen würde. Ich vermute eher, sie würde so etwas Buntes und Farbenfrohes hier nicht ertragen.“

Zander nickte. „Das denke ich auch.“ Noch einmal legte sein Blick sich auf die beiden eingravierten Namen. Sven und Christine Wagner.

Paulas Augen folgten den seinen. „Die Wurzeln der Vergangenheit“, sagte sie. „Wir können sie verdrängen, aus unserem Leben ausschließen, aber sie sind und bleiben dennoch für immer fest in uns verankert.“ Sie hob den Blick und sah ihn wieder an. „Es tut mir schrecklich leid, was passiert ist.“

Er nickte. „Sie haben mir am Telefon gesagt, dass Sie so etwas wie ein Medium sind. Bevor wir uns unterhalten, sollte ich Sie darauf hinweisen, dass ich nicht an Hellseher glaube.“

Das schien Paula nun fast ein wenig zu erheitern. „So in etwa hat es Frau Wagner auch ausgedrückt, und am Ende kam sie trotzdem nicht umhin, meinen Worten Glauben zu schenken. Davon abgesehen bin ich keine Hellseherin, ich bin, wie Sie bereits richtig bemerkten, ein Medium. Ein stilles Medium. Aber diesen Unterschied konnte ich ihr auch nur mühsam beibringen.“ Sie brach ab und schwieg ein paar nachdenkliche Sekunden, dann redete sie weiter: „Frau Wagner und ich lernten uns vor drei Monaten in Wittenrode kennen. Von Anfang an habe ich etwas Dunkles in ihrer Aura gespürt. Etwas, das sie permanent umgibt, so wie ein Mantel. Trotzdem war ich nicht in der Lage, ihr zu helfen. Ich konnte nicht verhindern, was am Ende in der Kapelle geschah.“ Sie sah auf und Zander wieder in die Augen. „Deshalb bin ich hier. Weil ich dieses Mal schneller sein möchte. Schnell genug.“

„Wie sind Sie ausgerechnet auf mich gekommen?“, wollte er wissen.

„Nun ja, ich habe recherchiert. Es gibt nicht sehr viele Menschen, die Frau Wagner nahestehen. Und die noch am Leben sind. Sie sind einer davon. Und gerade Sie, Herr Zander, haben einen großen Einfluss auf ihr Leben.“

„Ich?“, entfuhr es Zander. „Da irren Sie sich leider. Sie schließt mich seit Wochen völlig aus ihrem Leben aus.“

„Das meine ich nicht.“ Paula atmete tief durch. „Ich rede von einem anderen Einfluss.“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich habe Frau Wagners Tod in den Karten gesehen.“

Zanders Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. „Was reden Sie denn da?“

In der nächsten Sekunde legte Paula ihre Hand auf seinen Arm, und sofort verspürte er ein Kribbeln, als sei der Stoff seines Jacketts auf einmal elektrisch aufgeladen. Er wollte den Arm zurückziehen, doch es gelang ihm nicht. Ihre Finger schienen mit ihm verschmolzen.

„Er ist immer in ihrer Nähe.“

„Wer?“, stieß Zander hervor.

„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass er das Böse ist. Das ultimative Böse. Er tötet für seine Macht. Das habe ich in den Karten gesehen. Und ich habe gesehen, dass er Angst vor ihr hat.“

„Vor Julia?“

Nicken. „Nur sie kann ihn aufhalten. Deshalb soll sie sterben. Sie ist ihm ebenbürtig.“

„Ich verstehe kein Wort“, sagte Zander. „Von wem zum Teufel sprechen Sie? Wer ist dieser Mensch?“

Paula sah ihm weiter in die Augen. Ihr Blick war derart intensiv, dass er glaubte, sein Gehirn würde von ihr durchbohrt werden. „Leider kann ich diese Frage nicht beantworten. Aber noch etwas habe ich in den Karten gesehen: Sie war bei ihm, als Kind.“

Aus dem Kribbeln in Zanders Arm wurden nun regelrechte Stromstöße.

„Drei Männer kamen auf sie zu, und dann war sie verschwunden“, fügte Paula hinzu.

„Sie meinen, sie wurde entführt?“ Zander sagte es so leise, dass seine Stimme kaum zu hören war. „Aber daran müsste sie sich erinnern. Sie …“

„Unterschätzen Sie ihn nicht. Er ist das Böse.“ Paula ließ seinen Arm los und deutete auf das Grab. „Ihr Vater ist der Schlüssel. Helfen Sie ihr, Herr Zander. Sie sind der Einzige, der es kann.“

13. KAPITEL

Mit uns kann man’s ja machen!

Die Durchsuchung war beendet, die ganze Station auf den Kopf gestellt. Keine Waffe, keine Augen. Nichts.

Einigermaßen ernüchtert stand Charlotte in ihrem improvisierten Büro – einem ehemaligen Patientenzimmer, das leidlich, aber immerhin einigermaßen zweckdienlich, eingerichtet worden war – vor ihren insgesamt zehn Kollegen, die sich mühsam hineingequetscht hatten, lauschte dem Gemurmel und sah jedem Einzelnen einen Moment lang ins Gesicht. Dann hob sie die rechte Hand und sicherte sich so die Aufmerksamkeit der Männer. Das Gemurmel verebbte, es wurde still.

„Leider hat die Durchsuchung der Station nichts ergeben“, setzte sie an. „Aber wir sind trotzdem noch lange nicht am Ende.“ Sie deutete auf eine Magnettafel hinter sich. „Hier sehen Sie die Station aufgezeichnet sowie jedes einzelne Zimmer mit Namen des entsprechenden Patienten, der es zurzeit bewohnt. Wir müssen lernen, uns alles durch die geistige Umgebungskarte des Täters vorzustellen.“

„Sie meinen, wir sollen das Irrenhaus durch seine Augen sehen?“, fragte jemand.

Charlotte warf dem Mann einen Blick zu. „Wir befinden uns in einer Psychiatrie“, korrigierte sie. „Und ja. Wir alle haben verschiedene Sichtweisen auf eine Umgebung. Selbst wenn wir in derselben Gegend leben, haben wir unterschiedliche geistige Landkarten in unseren Köpfen. Ein Busfahrer, zum Beispiel, wird seine Umgebung ganz anders sehen als ein Mensch, der noch niemals Auto gefahren ist. Das heißt, unser Täter hat eine ganz eigene Karte dieser Station im Kopf. Einige Orte, an denen er sich bewegt, werden ihm wichtig sein oder sicher vorkommen. Andere Stellen wird er meiden.“

„Und inwiefern bringt uns das weiter?“, wollte ein anderer Kollege wissen.

„Sie alle werden sich in den nächsten Tagen mehr und öfter auf dieser Station aufhalten als zu Hause. Und in dieser Zeit müssen Sie die Augen nicht nur offen halten, Sie müssen intensiv beobachten.“

Ein dritter Kollege stöhnte auf. „Aber wie sollen wir den Verrückten unter lauter Verrückten finden?“

Charlotte wandte den Kopf und sah dem Mann direkt in die Augen. „Das Verhalten des Mörders wird einen Hinweis auf seine Identität geben. Es wird sich in der ein oder anderen Weise in seinem täglichen Leben hier widerspiegeln, und es liegt an uns, das zu erkennen. Also, meine Herren, Sie wissen, was Sie zu tun haben. Halten Sie Augen und Ohren offen. Wann immer Ihnen etwas auffällt, zögern Sie nicht, zu mir zu kommen und mit mir darüber zu sprechen. Und sollte es eine noch so kleine Kleinigkeit sein. Wir überwachen und überprüfen alles. Von heute an kommt kein Besuch mehr auf diese Station, ohne dass er bis auf die Unterwäsche untersucht wird. Und es geht auch niemand ohne die entsprechenden Leibesvisitationen. Wir kriegen ihn. Er weiß, dass wir ihm auf den Fersen sind.“

Die Beamten gingen nach und nach hinaus. Aus ihren Blicken konnte man lesen, dass sie hofften, Charlotte würde recht behalten.

Zwanzig Minuten später war der Aufenthaltsraum brechend voll und die Hitze ebenso unerträglich wie der Lärmpegel.

In Professor Malwiks Kielwasser befand sich seine Kollegin Dr. Silvia Sattler, die sich jedoch zurückhielt. Es war der Psychiater, der in die Mitte des Raumes trat, sich räusperte und sagte: „Meine Damen und Herren, wir haben Sie hierhergebeten, um noch einmal deutlich festzuhalten, dass kein Grund zur Panik besteht.“

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, murmelte Susanne, die mit verschränkten Armen neben Julia stand.

„Dennoch sollten wir im Interesse unserer eigenen Sicherheit ein paar einfache Verhaltensregeln beachten.“ Malwik nickte Charlotte zu. „Frau Kommissarin?“

Charlotte trat nach vorne. „Meine Damen und Herren, mein Name ist Charlotte Gärtner, ich bin von der Kriminalpolizei und werde Ihnen nun …“

Weiter kam sie nicht.

„Tämmerer ist tot!“, rief jemand.

„Wir wollen wissen, was Sie jetzt vorhaben, Frau Kommissarin?“, rief ein anderer. „Werden Sie den Irren kriegen, der das getan hat?“

„Wir tun unser Bestes“, sagte Charlotte.

„Mit anderen Worten, Sie haben keine Spur und keine Ahnung.“ Susanne konnte sich diese Bemerkung nicht verkneifen, und sie stieß auf zustimmendes Gemurmel.

„Wir wissen bisher nicht mehr über den Täter als das, was wir aus seiner Tat lesen können“, setzte Charlotte erneut an. „Aber wir sind ihm auf den Fersen, und wir werden ihn kriegen.“

„Pure Hilflosigkeit!“, rief jemand.

„Die Polizei ist niemals hilflos“, erklärte Charlotte ernst. „Wenn es so wäre, wären wir nicht die Polizei. Wir haben zahlreiche Spuren. Allerdings können wir auch nicht behaupten, dass die Festnahme eines Tatverdächtigen unmittelbar bevorsteht. Aber Sie alle können bei der Aufklärung des Verbrechens mithelfen. Ich möchte Sie bitten, darüber nachzudenken, ob Sie in der letzten Nacht – oder auch in den letzten Tagen – etwas gesehen oder gehört haben, was Ihnen merkwürdig vorkam. Ich möchte, dass Sie ganz genau überlegen. Und denken Sie daran, dass auch die kleinste Kleinigkeit, die Ihnen selbst vielleicht unwichtig vorkommt, genau das Detail sein könnte, das zur Aufklärung führt.“

„Sollte die Klinik nicht besser geschlossen werden?“, fragte Susanne. „Ich meine, solange der Irre frei herumläuft und Sie nur auf der Stelle treten, ist doch keiner von uns hier mehr sicher.“

„Es wäre sinnlos, die Klinik zu schließen“, schaltete Professor Malwik sich wieder ein. „Dann müssten alle Patienten anderweitig untergebracht werden. Und falls der Mörder ein Patient oder ein Mitglied der Belegschaft ist, würden wir das Problem damit nicht lösen, sondern nur verlagern. Nein, nein. Die Polizei arbeitet auf breiter Front.“ Er räusperte sich. „Ich habe vollstes Vertrauen.“

Das schien die Leute nicht wirklich zu beruhigen.

„Wischiwaschi-Gelaber!“

„Mit uns kann man’s ja machen!“

Malwik hob eine Hand in die Höhe. „Sie helfen mit derartigen Äußerungen niemandem, schon gar nicht sich selbst.“ Damit malte er einen entschiedenen Schlussstrich in die Luft.

„Ich habe bereits ein Zimmer auf der Station bezogen“, nahm Charlotte den Faden wieder auf. „Außerdem werden überall Posten aufgestellt. Die Polizei ist also immer in Ihrer Nähe. Bitte haben Sie Verständnis für alle weiteren Routineuntersuchungen, die von nun an stattfinden werden. Wir bedauern, falls es zu Unannehmlichkeiten kommt, und danken Ihnen schon jetzt für Ihre Unterstützung und Geduld. Einen Rat noch: Bewegen Sie sich von jetzt an wenn möglich nur noch zu zweit oder in Gruppen. Wie ich gerade sagte, wir sind immer in Ihrer Nähe. Vertrauen Sie auf uns. Sie sind nicht alleine.“

Unzählige gerötete Augenpaare starrten sie nur weiter zweifelnd an.

Eine weitere Stunde später wurde im selben Aufenthaltsraum eine improvisierte Gedenkstunde abgehalten. Irgendjemand hatte eine Kerze in die Mitte gestellt. Die einen beteten im Stillen, die anderen saßen einfach nur stumm da. Wieder andere murmelten unverständliche Dinge vor sich hin.

Dann wurde eine Hand gehoben, und eine kleine Glocke läutete. Alle Blicke richteten sich auf Silvia Sattler, die aufmerksam in die Runde schaute. Die gesamte Körpersprache der Psychologin signalisierte Beherrschung und Stärke, ebenso ihre ruhige Stimme, die den ganzen Raum erfüllte: „Wir haben uns hier eingefunden, weil etwas Unglaubliches geschehen ist. Etwas, von dem wir nie gedacht hätten, dass es passieren könnte, und ich denke, wir alle sind erschüttert und verwirrt. Es hat einen Menschen aus unserer Mitte auf tragische und brutale Weise getroffen, und wir müssen nun lernen, damit umzugehen.“ Sie brach ab und deutete auf den Platz zu ihrer Linken. „Das hier ist Kommissarin Gärtner. Sie alle haben sie inzwischen kennengelernt. Sie möchte an dieser Sitzung teilnehmen, weil sie das Bedürfnis hat, uns noch ein bisschen besser kennenzulernen. Begrüßen wir sie in unserer Runde.“

Der Kreis von Gesichtern wandte sich Charlotte zu, und mehr oder weniger freundliches Gemurmel durchdrang den kleinen Raum. Sie grüßte zurück, wobei sie sich im Klaren darüber war, dass jeder Versuch, sich innerhalb dieser Runde zwanglos zu benehmen, lächerlich wirken musste. Sie war nicht als Patientin und auch nicht als Freundin hier, und egal, was sie sagte oder tat, nichts konnte diese Tatsache verschleiern. Aber diese Gedenkstunde hatte einen entscheidenden Vorteil: Aussagen, die in ihrem Beisein gemacht wurden, konnten sogleich hinterfragt werden, und eventuelle Beziehungen untereinander, welcher Art auch immer, würden vielleicht leichter ans Tageslicht kommen.

„Möchte jemand etwas zu den tragischen Ereignissen der letzten Stunden sagen?“, fragte Silvia Sattler in die Runde.

„Ich würde gerne wissen, was einen Menschen dazu bringt, andere Menschen zu töten“, sagte Stefan Versemann an Charlotte gewandt.

„Ich weiß es nicht“, gab diese offen zurück. „Ich bin seit über zwanzig Jahren bei der Polizei und habe noch keine befriedigende Antwort darauf gefunden.“

„Was soll das Scheißgelaber?“ Das kam von Robert Campuzano. „Tämmerer war ein Arsch. Er hatte es verdient. Ich wein ihm jedenfalls keine Träne nach.“

„Das Jesuskind … Das Jesuskind …“

Alle blickten von Campuzano zu Viktor Rosenkranz, der sich schon wieder – oder immer noch – mit verkrümmten Gichtfingern an der Puppe in seinem Arm festhielt, den Blick unverwandt auf Charlotte gerichtet. Er nahm sie jedoch überhaupt nicht wahr, dessen war sie sich sicher. Er war völlig abwesend.

Campuzanos Aufmerksamkeit schweifte von dem alten Mann zurück in die Runde, und während seine Stimme beunruhigend anschwoll, schnaubte er wie ein wütender Stier: „Ich hab’s ihm gesagt. Ich hab ihm gesagt, dass er es bedauern wird, und das für den beschissenen Rest seines Lebens. Und wisst ihr, was er mir geantwortet hat? Wir müssten alle unser Leben leben, und das wäre seins. Das hat er mir geantwortet. Und wohin hat’s ihn gebracht? Ich hab ihn nicht gemocht, geb ich zu. Und jetzt ist er tot. Prima. Denn wer nicht hören will, der muss fühlen. So laufen die Dinge nun mal. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.“

„Arschloch“, knurrte Susanne in seine Richtung.

„Was willst du schon wieder von mir?“ Voller Verachtung starrte Campuzano sie an. „Nimm’s Geld von deinem reichen Papi und geh dahin zurück, wo du hergekommen bist. Auf dich kann ich genauso gut verzichten, Klugscheißerin.“

Silvia Sattler räusperte sich. „Wir alle wissen, dass gewisse Dinge ans Tageslicht gelangt sind, die niemals unter die Patienten hätten gelangen dürfen. Dinge, die zur Behandlung und damit in die Privatsphäre jedes Einzelnen gehören. Der Umgang untereinander verlangt eine gewisse Dosis Wahrheit und eine gewisse Dosis Verschwiegenheit, damit alles im Lot bleibt. Nun ist es leider nicht mehr zu ändern, die Dinge sind aus besagtem Lot geraten und …“

„Vielleicht warst du es ja!“, rief Campuzano dazwischen und meinte offenbar immer noch Susanne, denn seine Augen blitzten weiterhin gefährlich in ihre Richtung. „Bist du nicht hier, weil du ’nem Typen ’ne verdammte Glasscherbe in den Rücken gerammt hast? Deswegen bist du doch hier, oder nicht? Warum dann nicht auch den Tämmerer killen? Hä? Warum eigentlich nicht? Klugscheißerin!“ Er wandte sich an Charlotte und spie hinterher: „Fragen Sie die doch mal nach ihrem Alibi! Die ist nämlich gar nicht so verfickt harmlos, wie sie tut.“

„Aber du bist harmlos, ja?“, gab Susanne zurück. „Du warst doch ständig damit beschäftigt, Tämmerer zu verfolgen und zu schikanieren.“

„Um Himmels willen“, schaltete Ilona Walter sich ein. „So hören Sie doch beide auf.“

In der nächsten Sekunde erhob sich Elisa Kirsch von ihrem Stuhl. „Ich hab es gesehen! Ich hab alles gesehen. Aber mir glaubt ja keiner. Und meine Tabletten gibt man mir auch nicht.“ Damit setzte sie sich wieder hin, klappte den Mund zu und verschränkte die Arme vor der Brust.

Campuzano machte sich erst gar nicht die Mühe, seinen Unmut zu zügeln. „Du lügst doch auch wie gedruckt!“, zischte er in ihre Richtung.

„Das ist nicht wahr!“, stieß Elisa hervor. „Es ist dunkel dort, und man kann nicht atmen. Es ist wie in einem U-Boot. Alle werden von ihrem Schatten zermürbt. Und dann sterben sie. Und mehr sage ich nicht, bevor ich nicht meine Tabletten bekomme.“

„Du erzählst gequirlte Scheiße!“, brüllte Campuzano.

„Reden Sie nicht so mit mir!“

„Ach, leck mich doch! Ich rede, wie’s mir passt! Du hast überhaupt nichts gesehen! Du willst dich nur wichtigmachen! Weil du irre bist! Das weiß doch jeder!“

„Beruhigen Sie sich, Herr Campuzano“, versuchte Silvia Sattler einzugreifen, doch dieses Mal wurde sie von Karl Waffenschmied unterbrochen, der als Nächster von seinem Stuhl aufsprang und sagte: „Zuhörn! Wir brauchen ’nen Plan! Verteidigung! Posten aufstellen! Jawohl! Posten!“ Und noch einmal: „Zuhören! Verteidigung! Posten! Wir brauchen Posten!“

Mehrere Patienten nickten zustimmend. Das ergab Sinn. Jedenfalls für sie.

Nur der alte Viktor Rosenkranz saß immer noch auf seinem Stuhl wie ein alter Tabakbeutel. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er weiter in Charlottes Richtung. Aber er war immer noch nicht richtig da. Wo auch immer er gerade sein mochte, es war ganz bestimmt ein besserer und friedlicherer Ort als der, an dem sie sich gerade alle befanden.

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