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Sylvia Kling
Ab 40 wird’s einfach nicht schwer
Roman
I. Teil der Trilogie
LADIES LOUNGE
Impressum
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Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.
Copyright © 2020 bei EDITION LadiesLounge, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH, 1. Auflage
Korrektorat: Andreas März
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Covergestaltung: Nele Schütz Design, München
E-Book: Mirjam Hecht
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Made in Germany
ISBN 978-3-95669-149-2
www.bookspot.de
Inhalt
Impressum
Widmung
Vorrede
Prolog
1. Kapitel
Tränen auf Eis
2. Kapitel
Hans, der Träumer
3. Kapitel
14 Tage – Er
4. Kapitel
Das Leben geht immer weiter
5. Kapitel
Seltsame Überraschungen
6. Kapitel
Schröders Geschichten
7. Kapitel
Die Ü40-Party und Reini kehrt ein
8. Kapitel
Die Nachwehen
9. Kapitel
Reini, Dresden und neue Pläne
Rückblick
10. Kapitel
Schröders Diagnose
11. Kapitel
Der Ausflug und die Wiederbegegnung
12. Kapitel
Berlin, Berlin …
Sophia – Die Geschichte der guten Einsamkeit
13. Kapitel
Julian und Julia
Rückblick
13. Kapitel
Carola und »Anastasias Kolibri«
Auf ein Wort
Danksagung
Die Autorin
Weitere Titel im Bookspot-Verlag
Leseprobe: Sylvia Kling »Ab 40 wird’s eng«
Der Beginn vom schaurigen Ende meiner Spätpubertät
Widmung
Für Stefanie Schmidt, meine liebe Freundin
Möge die Liebe, die du anderen schenkst,
zu dir zurückkehren.
Vorrede
In der guten Einsamkeit möge es dir gelingen,
die Monotonie nicht als hemmend zu betrachten,
sondern als angenehme Umkehr
zu den Kapriolen des Lebens.
Prolog
Silke Liebmann wollte schon immer fliegen. Wenn es sein musste, auch allein.
»Du wirst schon noch fliegen«, meinte ihre Freundin Sandra aufmunternd. Sandra aß wieder, Gott sei Dank! Monatelang war sie in der Psychiatrie gewesen, weil sie gehungert und unter schweren Depressionen gelitten hatte. Viel gesünder sah sie heute noch nicht aus, aber immerhin.
Silke war neunundvierzig Jahre. Sie trug ihr kastanienbraunes Haar bis zur Taille, hatte eine umwerfende, weibliche Figur, braune Augen und einiges hinter sich. Als sie gerade selbst eine schwere Krankheit überstanden hatte, die ihr nach monatelangen Kortisoninfusionen dreißig Kilogramm mehr auf den Rippen einbrachte, war ihre geliebte Jugendfreundin Martina schwer erkrankt. Sie starb. Ihr Kolibri, den sie nicht fliegen lassen wollte. Diese unglaublich lebenslustige, blond gelockte und liebevolle Frau, ihr mutiger und zarter Engel Martina. Die Trauer hatte sie überwältigt. Doch damit nicht genug. Sie hatte ihren Ehemann Harry verloren, der an einem Herzinfarkt gestorben war. Einfach so. Mitten in der Nacht. Während sie geschlafen hatte. An einem Sonntagmorgen, sie kochte wie immer am Wochenende den Kaffee, hatte sie Harry wecken wollen, diesmal sogar mit dampfenden und duftenden Brötchen und in einem verführerischen Negligé.
»Ey, du Langschläfer!«, hatte sie fröhlich gerufen, als sie ins Schlafzimmer zurückgekommen war. Er schlief immer noch. Hatte sie geglaubt. Doch die Stille, die sie umgab, war stiller als sonst. Irgendetwas war anders, wirkte starr. Sie war stehen geblieben, hatte das Tablett mit dem Kaffee und den Brötchen leise auf Harrys Nachttisch abgesetzt, um ihn nicht zu stören. Sie starrte ihn an, auf das schlafende, unheimlich bleiche Gesicht. Ich gehe jetzt zu Harry, gebe ihm einen Kuss auf den Mund. Wie immer, hatte sie gedacht, dieses aufsteigende Gefühl von Entsetzen missachtend. Sie war zu seinem Bett geschlichen. Wie eine Wachspuppe hatte er dagelegen, reglos. Sie hatte sich wie in Trance gebückt, küsste ihn mit geöffneten Augen auf die Wange – und schrie. Immer wieder schrie sie seinen Namen. Sie hatte es bereits begriffen, als sie das Zimmer betrat. Das Haus hatte nach Tod gerochen. Sie war Witwe geworden. Einfach so.
Lange Zeit schlief sie in seinen T-Shirts und trug sogar seine Socken. Sie musste weiter Kaffee kochen, jeden Tag. Sie musste weitermachen, denn ihr Sohn Julian war gerade erst zehn Jahre jung. Jeden Tag besuchte sie mit ihm Harrys Grab, tröstete den Sohn, sprach mit ihm. Sie weinte mit ihm, sie fing seinen Schmerz auf. Vier Wochen konnte Julian nicht zur Schule gehen, weil es ihm sehr schlecht ging. Vier lange Wochen erlebte sie den Schmerz doppelt, als ob sich ihrer noch mehr füllen, mit Steinen beschwert werden würde. Ihrer beider Schmerz wurde zu einer Insel, auf die sie nach diesen vier Wochen immer wieder zurückkehrten. Selbst nach sechs Monaten hatten sie Angst, er würde gehen. Mit dem Schmerz würde auch Harry für immer verschwinden, so dachten sie.
Für Julian gab sie alles. Jetzt sah sie Harry und Martina oft in ihrem Spiegel. Wenn es ihr besonders gut oder schlecht ging, stellte sie sich so lange im Bad vor den Spiegel, bis sie die beiden sah. Manchmal sprach nur sie mit ihnen, manchmal antworteten Harry und Martina. Manchmal nur einer der beiden. Der andere lächelte liebevoll. Das erzählte sie niemandem, denn es würde ihr niemand glauben.
Als ihr Sohn Julian eines Tages auszog, um das Leben zu lernen, verlor sie sich beinahe selbst. Erst mithilfe ihrer Freundinnen zog sie sich wieder aus dem Sumpf und lernte, von nun an endlich wieder Frau, nicht nur Mutter zu sein – besser gesagt: Glucke, denn zu nichts anderem war sie damals mutiert. Sie war Mutter und hatte den Vater ersetzt. Zumindest war das ihr Ziel gewesen. Ein Doppelleben. Ihre Zeit als Frau und eigenständiger Mensch begann. Genau jetzt.
1. Kapitel
Tränen auf Eis
»Eine Frau, die viel liest, malt, Gitarre spielt
und gern lacht – die sollte nicht alleine sein.«
Hans, der Träumer
Sie spielte inzwischen wieder Gitarre und begann zu malen. Ihr war es gleich, ob ihre Bilder jemandem gefallen würden. Es steckten ihre Gefühle in ihnen, es waren ihre Farben; sie waren ein Teil ihrer Selbst. Wieder war ein neues Bild entstanden: »Tränen auf Eis«.
Warum auch immer, es war ihr danach, nach Tränen und nach Eis. Müde streckte sie ihre Glieder und ging zur Küche, um eine Flasche Rotwein zu öffnen. Es war Sommer und alles blühte. Als Silke auf die Terrasse trat, trällerte ihre nette Nachbarin Frau Schröder irgendeinen alten Schlager vor sich hin.
»Hallo, Frau Schröder, Sie sind aber gut gelaunt«, rief Silke hinüber. Die alte Dame trat an die Hecke und strahlte Silke an.
»Natürlich, ich habe allen Grund dazu. Wir sind gesund, die Sonne scheint und mein Mann hat mir heute zum Hochzeitstag einen großen Wunsch erfüllt.«
Silke lächelte und ertappte sich wieder bei diesem grässlichen Gefühl des Neids. Schnell wischte sie es weg, als ob sie auf ihrer Leinwand einen Farbklecks beseitigte, der hässliche Flecken hinterließ.
»Na, wenn das nicht genug Gründe sind, um zu singen«, stimmte Silke zu und nippte an ihrem Glas.
»Was trinken Sie denn da?«, fragte Frau Schröder.
»Einen Bordeaux natürlich.« Silke grinste breit.
»Das ist mein Lieblingswein! Ach, tun Sie mir doch den Gefallen, liebe Nachbarin, und besuchen Sie uns mal! Vielleicht gleich heute?«
Silke zögerte. Frau Schröder fügte rasch noch hinzu:
»Natürlich nur auf ein Gläschen Wein. Mein Mann würde sich auch freuen, ist er doch ein Verehrer von Ihnen.« Sie zwinkerte verschmitzt.
Das Haus der Schröders war entzückend eingerichtet. So viele Jahre wohnten sie nun schon nebeneinander und sie war noch nie in deren Haus gewesen. Als hätte Herr Schröder Silkes Gedanken gehört, strich er sich eine weiße Strähne aus dem Gesicht und flüsterte ihr bei der Begrüßung zu:
»Na, Silke, jetzt wird es aber mal Zeit, dass Sie uns in unseren heiligen Hallen beehren, oder?« Sie lachte. Herr Schröder war ein Gentleman, ganz alte Schule. Hatte er sich so schnell umgezogen, nachdem seine Frau ihm verkündete, dass die Nachbarin sie in wenigen Minuten besuchen würde, oder war er immer so gut gekleidet? Er trug eine moderne dunkelblaue Jeans, dazu ein weißes Shirt und darüber ein blau-weißes Holzfällerhemd. Andere in dem Alter trugen doch eher alte Jogginghosen zu Hause, oder irrte sie sich? Er rückte der »schönen Nachbarin«, wie er sie nannte, sogar den Stuhl zurecht, etwas, was Silke gar nicht mehr kannte. Der Feminismus, so erklärte sie sich, sei etwas Wunderbares, wenn man ihn nicht so maßlos übertreiben würde. Sie verstand diese »Überfrauen« nicht, die behaupteten, es sei diskriminierend, wenn ein Mann einer Frau in den Mantel helfe, »als ob wir das nicht alleine könnten«. Sie behaupteten doch nicht etwa, wir würden kleingehalten werden und als beschränkt dargestellt, nur weil ein Mann uns die Tür aufhalte. Was sollte dieser Quatsch? Frauen wollten Anerkennung und, verdammt noch mal, durchaus verwöhnt und hofiert werden. Was war daran falsch? In ihre Überlegungen hinein servierte Frau Schröder Salzgebäck in einer wunderschönen weißen Porzellanschale mit bemalten Rosen. Sie sah Silkes Blick.
»Echtes Meißner, schauen Sie mal drunter. Aber erst, wenn die Schale leer ist, wenn ich bitten darf«, und sie lachte über ihren eigenen Scherz am lautesten. Als Silke einstimmte und das Lachen verstummte, fügte Frau Schröder hinzu:
»Sie ist noch von meiner Mutter. Lange habe ich sie nicht benutzt, aus Angst, sie könnte kaputt gehen. Aber jetzt, wo ich alt bin, will ich sie sehen und mich dabei an meine Eltern erinnern.« Sie lächelte traurig in sich hinein.
»Mein Elternhaus traf eine Bombe, als ich gerade bei meiner Tante war«, flüsterte sie. Silke berührte sanft ihren Unterarm.
»Aber jetzt wollen wir nicht in Melancholie versinken, sonst vertreibe ich Sie gleich bei Ihrem ersten Besuch«, lachte Frau Schröder. Silke fühlte sich wohl in diesem Wohnzimmer und es roch unglaublich frisch. Wieso erwartete man bei alten Leuten eigentlich immer einen abgestandenen, unangenehmen Geruch? Angeblich hinge das ja mit dem Stoffwechsel zusammen, aber auch mit Medikamenten. Dazu kam noch, dass man alten Leuten nachsagte, sie lüfteten weniger, weil sie schneller froren. Das hatte Silke zumindest mal gelesen. Worüber sie sich aber auch immer Gedanken machte! Staunend sah sie sich um. Frau Schröder hatte Geschmack. Auf den zwei Anrichten standen nur wenige Schmuckstücke, dazwischen ein Strauß roter Rosen. Auch auf dem Echtholztisch vor der Couch thronte ein Strauß weißer Rosen. Die Couch schmückten nur zwei riesige, rot-weiße Kissen. Eigentlich war das kaum ein Wohnzimmer alter Leute, es hätte durchaus zu ihrem Alter gepasst. Einzig die vergilbten Fotos in braunen Rahmen deuteten darauf hin, dass hier Menschen wohnten, deren Verwandte noch den Krieg erlebt hatten.
Sie unterhielten sich über viele Dinge, auch über Kunst und Kultur. Silke war erstaunt, wie gebildet die beiden waren. Als Herr Schröder von der Musik Chopins und Beethovens erzählte und Details beschrieb, klappte Silke die Kinnlade runter.
»Ich habe sogar mal die Klaviersonate Nr. 1 gespielt. Es glaubt mir nur niemand«, meinte Herr Schröder. Sie kam aus dem Staunen kaum mehr heraus.
»Er war mal Dozent an einer Hochschule für Musik«, erklärte Frau Schröder stolz. Silke lauschte Herrn Schröder gern, der oft überlegen musste, was er schon erzählt hatte und was noch nicht. Frau Schröder hing an seinen Lippen, obwohl sie das sicher schon sehr oft gehört hatte. Ein süßes Paar, dachte Silke, nicht ohne Wehmut. Nach über zwei Stunden verabschiedete sie sich erschöpft, aber glücklich. Die Schröders könnten im Laufe der Zeit zu lieben Vertrauten werden. Vielleicht sollte es so sein, denn mit ihrer Mutter konnte sie nichts anfangen. Und ihr Vater? Der lebte auf einer eigenen Insel und versiegelte seine Vergangenheit. Wahrscheinlich träumte er von Erich Honecker und Egon Krenz oder Mielke oder sonst welchen alten, roten Socken und fuhr wieder Trabi, um sich den Geruch der alten Zeit einzuverleiben. Ewig zurückgeblieben.
Als Silke wieder in ihr Haus hinüberging und die gewohnte Stille sie empfing, kamen ihr Tränen. Verdammt! Diese Einsamkeit. Es ist nichts hier. Nur diese Lautlosigkeit, die mir einen erneuten Abend ohne freundliche und liebevolle Augen einbringt. Immer wieder, dachte sie und ließ sich auf ihre weiße Ledercouch fallen. Ihr Kater kroch von seiner Lieblingsdecke auf der anderen Seite der Couch zu ihr. Hier waren Augen, Katzenaugen! Immerhin. Sie griff nach ihrem Laptop. Ohne viel darüber nachzudenken, öffnete sie eine kostenlose Kontaktbörse und meldete sich an.
»Lass uns reden«, hieß die Plattform, deren Name nicht sehr einfallsreich war, aber besser als nichts. Schnell hatte sie ein Profil angelegt und ein Foto von sich eingestellt. Vorlieben, Lieblingsessen, Lieblingsbücher, Lieblingsfilme, Charaktereigenschaften … Warum musste man eine Single-Plattform aufsuchen, um so intensiv über sich nachzudenken? Über eine Stunde beschäftigte sie sich mit den Fragen für ihr Profil. Dann sah sie es: fünfundzwanzig Nachrichten innerhalb weniger Minuten. Alle von Männern: junge Männer im Alter von Julian, Männer in ihrem Alter, Männer um die sechzig und Männer im Greisenalter. Um Himmels willen! So viel wollte sie nun auch wieder nicht reden. Sind die alle so einsam wie ich?, dachte sie und öffnete die Nachrichten, eine nach der anderen. Nach der zehnten loggte sie sich aus. Ihr Herz raste. Das durfte doch nicht wahr sein! Waren das die Männer von heute; die Welt von heute? War das die neue Kommunikation? Silke goss sich noch ein Glas Wein ein, machte es sich auf der Couch bequem und starrte vor sich hin. Einen liebevollen Partner finden – wie denn? So? In ihrem Kopf tauchten die Nachrichten wie auf einem Bildschirm auf, eine nach der anderen.
JOGI123: »Hey süße Frau schönes Pic« »Satzzeichen unbekannt« hätte sein Nickname lauten müssen.
Biertrinker6: »Alles klar bei dir? schöne Augen.« Autsch!
leckwilliger65: »Schreib mir mal oder komm gleich vorbei, ich zeig’s dir.« Niemals!
bunterhund: »Hallo« Aha.
montenbike59: »Wow! Hast Lust auf nen Sex-Chat?« Nö.
lehrjahre: »Bin alleine, du auch?« Du nicht, hast ja immer einen mitlaufen.
kraftprotz: »Brauche dich, bist du bereit?« Na klar, zum Abschießen.
lastminute: »Nichts los heute hier, außer dich.« Hilfe!
derandere: »Lass uns doch treffen, jetzt.« Noch was?
lebendigsein58: »Ey, Lust zu chatten?« Lieber will ich tot sein.
Das waren nur die ersten zehn. War’s das also für mich? Das ist unsere neue Welt? Keine Begrüßung, kein freundliches Wort, mit der Tür ins Haus fallen; stillos. Wo sind die Männer von damals, die mit den witzigen Frisuren, mit den Briefen, Anrufen, den ersten Dates?, dachte Silke verzweifelt. Wo waren die Jungs von damals, die sie zum Tanzen aufforderten, ihr Zettel mit »Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja/Nein/Vielleicht« in die Tasche steckten, wo die witzigen Einfälle der Männer vor fünfundzwanzig Jahren? Sie waren jetzt alle auch so alt wie sie – hatten sie inzwischen alles vergessen?
Am nächsten Tag öffnete sie wieder ihr Postfach der Singlebörse »Lass uns reden«. Und ihr graute. Vierzig Nachrichten! Sie hechelten hinter ihr her. Wie die Ausgebrannten, Vergessenen, Vereinsamten.
»Deine Möse ist bestimmt dauernass, oder?«, schrieb Hemmungsloser80. Igitt! Erster Kontakt … Es kam noch schlimmer.
»Hast du es schon mal mit einem Hund getrieben?«, fragte Planloser. Der Nickname war sicher berechtigt … Silke graute es. Doch es kam noch viel schlimmer. Legendärer schrieb eine lange Nachricht. Das war schon ein Höhepunkt, an dem sie nicht vorbeiklicken wollte:
»Simone …« (Wie bitte? Schon jetzt Namensverwechslungen oder nur copy und paste?)
»Dich möcht, will, muss ich unbedingt kennenlernen, um Dich im Optimalfall zu entsingeln … betrachte dich schon mal als vom Markt genommen … damit Du schon mal bissl weisst wie ich tick: ich bin selbstverständlich toll, wunderbar, dauerarm aber ansonsten ziemlich perfekt … die letzten Jahre mit nem ollen Bus, arbeitend, durch ganz Europa getingelt um wieder hier in der Gegend zu landen und mich in nen Minihexenhäusl zu verknallen welches ich grad zur ›Burg‹ ausbau. Ich hab der Berufe mehrere gelernt, trink kein Bier, geh liebend gern früh zum Bäcker … hasse allerdings ansonsten jedwedes Eingekaufe (der Job wird wohl an Dir hängen bleiben) … ich mag meinen Morgenkaffee mit ganz viel normaler Milch … was mich aber trotzdem nich zum augenbrauenzupfenden Betamännchen werden lässt. Ich liebe das Leben, steh auf Kurztrips und möcht teilen … ja tatsächlich nen Ankommen auch wenn’s arg nach Klischee klingen mag … ich will vögeln mit Vertrauen, Hingabe und Gefühl, wies nur in ner Partnerschaft geht. Fakt is, wir haben alle nur verdammt wenig Zeit zum Leben, so ists um jede verschenkte oder verzögerte Minute, welche nicht mit gemeinsam Glücklichsein verbracht wird … echt Schade.«
Bei der Nachricht hatte der Typ sicher schon drei Achtel auf dem Kessel! Das Dilemma war leider noch nicht beendet und überrascht von so viel unglaublicher Selbstüberschätzung, schlechtem Deutsch und dazu noch Dummheit, musste sie weiterlesen:
»… und bei allem Humor is das recht ernst gemeint … zumal so Internetkennlerngeschreibsel ja gar nicht so einfach is und Du gefällst mir nun mal … na irgend ne Gier nu geweckt … ich will ganz viel wissen … wie wohnst? Bunt? Ikea? Modern? Schwarz? Konservativ oder oder? Mit was bist zu begeistern? Mit was zu ärchern? Was hast für Vorlieben? Was für Nogos? Wie gehen wir das Ding mit dem Weltfrieden an? Wann stehste da, um sich zeitnah gegenseitig zu beriechen mit irgendwas aus Flaschen … im Optimalfall mit gegenseitig kosten? Was willst noch vom Leben? Was hast für Träume? Was für Ängste? Was Deine Schlechtigkeiten? Und und und … alles halt … all so Zeugs musst, darfst, mir berichten … mach was draus … ich würd mich einfach riesig freuen, wir sollen unprobiert aneinander vorbeilatschen?«
Was war das? Die Nachricht triefte nur so von Zwinker- und Lach-Smileys und Auslassungspunkten. Und wie kam dieser Mann zu seinem Nicknamen? Das war eine Frage, die sich nicht lohnte zu beantworten.
Gerade wollte sie den Laptop wieder zuklappen und die nächsten Nachrichten ungelesen löschen, als etwas ihre Aufmerksamkeit weckte: ein hübsches, zartes Männergesicht. Die anderen Fotos der User zeigten tätowierte Oberarme, prollige Gesichter mit Sonnenbrille, einer auf einem protzigen Motorrad, einer im offenen Cabrio, einer fotografierte gleich seinen unteren Bereich – zum Glück bedeckt mit einer – wenn auch mehr als knappen – Badehose. Aber nun, ein hübsches, sympathisches Männergesicht! Sie öffnete die Mail und atmete tief durch.
»Hallo, mein Name ist Ralf. Ich bin 46 Jahre alt (oder jung), habe zwei Kinder, die mich häufig besuchen und bin Elektriker. Ich wandere gern, lese auch mal ein gutes Buch, höre viel Musik und bin nicht gern länger allein. Wenn Du mit diesen ersten Infos was anfangen kannst, würde ich mich sehr über eine Nachricht von Dir freuen.«
Wow! Ganze Sätze mit vollständiger Grammatik, völlig ohne sexistischem Inhalt. Silke vergrößerte sein Bild und sah den schlanken Mann im Ganzen. Schon immer gefielen ihr die Sanften. Harry war beides gewesen: Er konnte zart und kraftvoll sein. Ralf war durchaus ein süßes Kerlchen. Sie antwortete ihm:
»Lieber Ralf, vielen Dank für Deine Mail und die vollständigen Sätze. Ich bin begeistert! Viele Grüße, Silke.«
Mehr fiel ihr nicht ein. Es stand ja fast alles von ihr im Profil und er fragte nichts. Schon eine Minute später kam seine Antwort.
»Jetzt habe ich gelacht. Ich kann mir vorstellen, was Du für Nachrichten hier bekommst, mit dem hübschen Gesicht. Eigentlich wollte ich mich schon längst abmelden und nun bin ich froh, damit noch gewartet zu haben …«
Silke lächelte.
»Ja, ich werde hier auch nicht alt. Was ist das hier – eine Pornoseite?«
Sie setzte einen Lach-Smiley dahinter. Prompt kam die Antwort von Ralf.
»Ich bekomme solche Nachrichten nicht, aber unsere Sekretärin hat die Mails, die sie hier bekam, ausgedruckt und uns mitgebracht. Da ging so manche Pause drauf. Es ist schon peinlich, was Männer so ablassen. Ich schäme mich …«
Okay, er schämte sich. Nicht schlecht.
»Du musst Dich nicht schämen. Hat die Sekretärin jetzt einen Mann gefunden?«
»Ja. Sie hätte es gleich leichter haben können, denn mein Kollege war schon lange in sie verknallt.« Lach-Smiley. Silke lachte.
Eine Frage wollte sie noch loswerden: »Frauen sind nicht so drauf hier – oder gibt es da auch welche? Das kann ja nur ein Mann beurteilen.« Auch darauf kam seine Antwort schnell. »Manche sind schon auch extrem – aber eher stellen Frauen schnell Fragen nach dem Beruf, von dem sie glauben, den Verdienst ableiten zu können. Und mit einem alten VW Golf muss man vielen auch nicht kommen.« Jetzt war sie an der Reihe. »Hm, jetzt schämen wir uns also synchron.« Daraufhin schickte Ralf einen Lach-Smiley. »So kann es sein, das Leben ist verrückt, oder?« Das war es tatsächlich; nach ihrem anschließenden Telefonat mit ihrer Freundin Anett war zumindest das sicher.
»Willst du Studien betreiben?«, fragte Sandra sie, als sie beim Shoppen eine Pause einlegten und ihren Latte Macchiato schlürften.
»Klar, warum nicht? Ich möchte wissen, ob es noch mehr solcher Filous gibt, noch so einer auf der Leitung steht wie Anetts und beinahe mein ›Ralfi‹!«, antwortete Silke vergnügt.
»Sagt mal, was bequatscht ihr so ohne mich? Wer ist ›Anetts Ralfi‹?«, maulte Sandra. Ach ja, das wusste sie noch nicht; Zeit für eine Aufklärung.
»Gestern habe ich noch mit Anett telefoniert und ihr von den Chats erzählt, auch von Ralf. Ihr war das gar nicht so fremd. Und erst recht nicht dieser Mann …«
»Erzähl!«
Sandra konnte es kaum erwarten.
»Anett hatte sich vor einigen Monaten mal mit dem getroffen. Ich habe ihr gestern ein Foto von Ralf per WhatsApp geschickt. Er war es wirklich.«
»Ja, was denn? Spann mich nicht so auf die Folter!«
Silke kostete Sandras Ungeduld aus. Dramatisch begann sie ihren Bericht:
»Anett und Ralf trafen sich an einem abgelegenen See, sahen sich in die Augen und schon war es klar. Sie wollten es beide. Also, Tür zu. Das Auto war groß genug. Als Anett nach vollzogenem Akt, der nur höchstens zwei Minuten gedauert hatte, nackt in seinem Auto lag, sah er sie mit skeptischem Ausdruck lange an, von oben nach unten, und wieder zurück. ›Was?‹, fragte Anett. ›Na ja, du bist etwas …‹, stotterte Ralf. ›Was bin ich etwas …?‹, bohrte sie. ›Etwas rund an den Hüften, finde ich.‹ ›In der Tat! Ich bin eine Frau. Schon bemerkt?‹, meinte Anett spitz. ›Ja, schon … aber auf dem Bild sahst du zierlicher aus. Auch deine Brüste, sie sind ehrlich gesagt nicht mein Ding, ich stehe auf die kleinen‹, rückte er mit der Sprache raus. ›Na, aber hoch gekriegt hast du deinen kleinen Freund trotzdem, sofern man das so bezeichnen kann …‹, konterte sie und schämte sich. Wie unglaublich erniedrigend! Sie meinte, in ihrem sexuell deutlich unterversorgten Zustand selbst schuld daran zu sein. Schließlich war sie mit dem netten Ralf gleich in die Kiste gestiegen, oder besser gesagt ins Auto und hatte sich danach beleidigen lassen. ›Und schon war Ralf hässlich. Aber so was von‹, sagte sie mir gestern.
›Also, kleiner Mann‹, er war immerhin kleiner als sie, ›das ist ja alles schön und gut. Ich wollte es dir erst nicht sagen, aber wenn wir hier so ehrlich miteinander umgehen, was ich total gut finde, muss ich dir sagen, dass dein Schwanz meinen Bedürfnissen nicht entspricht. Ich würde das, was da unten bammelt, eher als bewegliche Bügelfalte bezeichnen‹, warf sie ihm an den Kopf.«
Sandra prustete los.
»Weiter, weiter!«, bettelte sie.
»Ralf sah Anett an und kniff die Lippen zusammen, während sie sich in aller Ruhe anzog. Anett warf ihr Haar zurück, verließ seinen Transporter und schickte sich hocherhobenen Hauptes an, den Weg nach Hause zu Fuß anzutreten. Einige Meter von seinem Auto entfernt, drehte sie sich fröhlich um und winkte. Ralf war fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes.«
Silke beendete den Bericht mit einem feierlichen Kopfnicken.
»Autsch! Das war Anett sicher Wasser auf den Mühlen, wo sie ständig gegen ihre Pfunde kämpft …«, konstatierte Sandra.
»Ja, das kann man sagen, aber sie ist tough, das verkraftet sie schon. Als sie zu Hause angekommen war, ging sie sofort ins Bad. Sie duschte und duschte und schimpfte laut; auf sich, auf Ralf, auf alle Männer, auf die ganze Welt.
»›Es ist schon peinlich, was Männer so ablassen‹«, hatte er geschrieben.
»Reihe dich ein, du Schwachstromelektriker!«, meinte Sandra, nachdem Silke ihr anschließend von ihrem Chat mit Ralf berichtete.
»Also meinst du, ich sollte mich mit meiner Figur an ihn ranschmeißen – meine Kindermaße imponieren ihm sicher …«, grinste Sandra. Silke imponierte auch etwas, und zwar an Sandra: Sie nahm sich selbst nicht zu ernst. Sandra trug inzwischen Gr. zweiunddreißig/vierunddreißig – oder eben Mädchengröße hundertsechsundsiebzig.
»Ein Kinderf…«, gluckste Sandra. War das lustig?
»Und dazu steht er sicher noch auf die kleinen Zuckertüten mit Bommel und Höfen so groß wie Scheinwerferlichter«, prustete Sandra los.
An diesem Abend öffnete sie ihren Laptop und es leuchtete ihr eine zweiunddreißig im Posteingang entgegen. Ach du lieber Himmel! Die Nachrichten der Kommunikationsverweigerer ließen sich schon in der Vorausschau vollständig lesen: »Hallo du« von Chauvinist oder »Hey, alles easy?« von Simson-Fan – sicher ein alter Ossi mit DDR-nostalgischer Rotzbremse. Schon waren ganze zweiundzwanzig Nachrichten verschwunden.
»Wow! Die Auslese ist leicht. Wir kämpfen uns zur Elite vor«, murmelte Silke und biss dabei herzhaft in einen Apfel.
»Hallo Aufbrechende«, schrieb einer der Übriggebliebenen. Zugegeben, ihr Nickname war auch nicht gerade eine ihrer besten Ideen.
»Ich weiß ja nicht, was oder wen du so aufbrichst, aber ich biete mich gerne an.«
Immerhin ein Satz mit vollständiger Grammatik und sogar die Kommasetzung war okay. Aber der Inhalt … Löschtaste. Zehn kleine – Männerlein und es waren nur noch neun.
»Dein Profil klingt ja mega spannend, schöne Frau. Mit dem Lesen habe ich es nicht so, aber für klassische Musik könnte ich mich begeistern. Irgendwo habe ich gelesen, dass Franz Liszt immerhin der erste Rockstar der Welt war! Würde mich freuen, mal mit dir zu einem Konzert zu gehen.«
Da hatte sich einer auf Webseiten getummelt, deren Geschäft es war, sich an Leute zu richten, die gern über Dinge Bescheid wussten … Hüstel. Wichtigtuer, Spinner. Löschtaste. Und es waren nur noch acht.
»Hallo, wunderschöne Frau. Ich suche neuen Schutzengel. Meiner ist mit den Nerven am Ende. Bist du bereit?«
Mit Begrüßung drei Sätze – das ist ja schon beinahe grandios. Das Späßchen mit dem Schutzengel hatte einen langen Bart.
»Bin ich vielleicht deine Mutter, du Piefke?«, schimpfte Silke vor sich hin und brauchte jetzt nur noch eins: Wein. Das konnte man nicht nüchtern ertragen. Sie schlurfte in die Küche, schenkte sich einen Roten ein und kehrte lustlos zu ihrem Couchtisch zurück. Jetzt aber – das Bild von dem Engel Suchenden musste sie sich ansehen. Ein Klick – vergrößern. Ein Foto wie aus dem Bilderbuch. Wieder einer auf seinem Liebling, dem Motorrad. Eine Honda, wenn sie es richtig erkennen konnte. Klar, der brauchte einen Schutzengel als potenzieller Organspender … Löschen. Und es waren nur noch sieben.
Die nächsten vier liefen nach ähnlichem Muster ab, nur die Rechtschreibung und der Inhalt waren noch grauenhafter. Und es blieben nur noch drei. Das Glas Wein war geleert, Silkes Kopf dröhnte. Aber der Rest musste jetzt noch sein. Vielleicht war einer dabei, den sie weder retten noch dem sie erklären musste, dass Franz Liszt kein Rockstar war, oder der gar aufgebrochen werden wollte. Der nächste war Tommy67.
»Hallo, ich heiße Tom und bin 52 Jahre alt – oder jung, das liegt im Auge des Betrachters. Ich fühle mich manchmal jung genug, um noch mal von vorn zu beginnen und manchmal zu alt, um meine Zeit einsam zu verbringen. Dein Profil gefällt mir sehr gut und ich würde mich freuen, wenn Du mir ein kleines Zeichen gibst. Es grüßt Dich aus Ebershofe, Tom.«
Wow, wow, wow! Was für eine Nachricht. Die Elite ist zu ihr durchgedrungen! Tom – ein schöner Name. Die anderen hatten ja nicht mal einen. Aber immer schön langsam, zwei warteten noch auf ihre müden Augen. Am Ende sollten die Fotos und die Sympathie entscheiden – vielleicht ein Lächeln, ein Grübchen, ein Strahlen in den Augen? Schnell noch ein Glas Rotwein geholt und weiter ging es mit DresdenMyLove. Der Name deutete auf einen Heimatliebenden hin.
»Eine Frau, die viel liest, malt, Gitarre spielt und gern lacht – die sollte nicht alleine sein. Solche Profile sind hier selten, das ist erst einmal festzustellen. Ich würde Sie gern kennenlernen. Aber zuvor – schreiben Sie mir bitte, ich freue mich riesig auf Post von Ihnen. Beste Grüße aus dem schönen Dresden, Markus.«
Wow, wow, wow, wow! Einer, der sie siezte, den hatte sie noch nicht. Einer, der eine gute Einleitung (wenn auch recht sülzig, aber immerhin bemüht) findet, der sich mit Respekt zu artikulieren verstand!
»Okay, ganz ruhig! Einen, einen habe ich noch. Mal schauen …«, flüsterte Silke und Bing – die nächste Nachricht sprang ihr regelrecht in die Augen.
Hans, der Träumer – schon der Nickname verursachte in ihr eine wohlige Wärme. Mein Gott, bin ich verkitscht, und das in meinem Alter …, dachte sie, verhaspelte sich vor Aufregung auf der Tastatur und flog aus dem Datingportal.
»Mist, verdammter!«
Fluchend grapschte sie nach der Maus und ihr Rotweinglas, inzwischen wieder gefüllt, kippte auf ihre weiße neue Hose. Salz, schnell! Fluchend wie ein Droschkenkutscher zog sie die Hose aus, rannte in die Küche und kippte die noch vorhandene halbe Packung Jodsalz auf die Hose, lief in ihr Schlafzimmer, packte in Windeseile eine schwarze Jogginghose (Karl Lagerfeld würde sich im Grabe umdrehen), schlüpfte hinein und flog beinahe zum Couchtisch. Denn Hans, der Träumer, wartete.
»Lass uns reden« im Lesezeichen öffnen, einloggen und schnell zu Hans.
»Ich heiße im realen Leben natürlich nicht ›Hans‹, aber ich bin real – ein Träumer. Hoffentlich übertrete ich jetzt nicht Regeln der Contenance, indem ich sogleich zum vertrauten ›Du‹ übergehe? Dein Profil ist sehr schön. Es hat etwas Weiches, zugleich Starkes, ist präzise, zugleich bleiben in mir viele Fragen offen. Welche Bücher liest Du gern? Malst Du auf Leinwand? Du spielst Gitarre – da schnappte ich nach Luft, denn ich spiele auch, mehr schlecht als recht allerdings (also bitte keinen Eric Clapton erwarten). Bitte verzeih mir, ich wäre kein Mann, wenn ich nicht bewundernd auf Deine ausdrucksstarken Augen sehen – und zu träumen beginnen würde. Wenn Du einen kleinen Teil Deiner geschätzten Aufmerksamkeit mir widmen würdest, so wäre das mein schönster Augenblick.«
Wow, wow, wow, wow, wow! Ein wenig gestelzt, aber mit Stil. So mochte sie es. Doch nun – immer noch war Besonnenheit von höchster Priorität, um die Elite der Elite zu finden. Zwei würde sie auswählen, damit ihr zur Not noch ein Rettungsanker zur Verfügung stünde. Die Fotos. Immer schön der Reihe nach. Zuerst Tom. Er saß auf einem Stuhl, mit dem rechten Arm auf einen Schreibtisch aufgestützt, auf dem sich einige Akten stapelten. Seine schmächtige Statur ließ den Schreibtisch massiver wirken. Eine Hornbrille saß auf dem auffällig kleinen Gesicht, eine riesige Hakennase zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Ein Mann jedoch musste nicht schön sein; er sollte nur »wirken« – und er wirkte nicht auf sie. Nun zu Markus, dem Heimatliebenden. Ein kräftiger Mann mit schütterem ergrautem Haar und einem Achselshirt auf dem »Hilfe!« stand. Silke zoomte das Bild größer, denn schon im kleinen Modus verhieß die Zahnreihe nichts Gutes. Hinter ihm hing die legendäre Dynamofahne. No Chance. Ihm konnte sie nicht helfen. Sie wusste schon vorher, wer übrig blieb. Wahrscheinlich auch, wenn einer der Typen wie Richard Gere ausgesehen oder sie mit strahlenden Augen und umwerfenden Grübchen angestrahlt hätte: Hans, der Träumer. Er war die Elite der Elite, der Edelmann auf dieser Plattform. Wann war die Nachricht eingetroffen? Ah, ja, gestern. Okay, sie konnte ihm heute schon schreiben. Und es ging los. Gib alles, Silke, für diesen Charismatik-Bolzen! Alles!
»Hallo, Hans, auch wenn du nicht ›Hans‹ im realen Leben heißt …«
Nein, das war blöd. So vielleicht:
»Hallo, Träumer, der nicht ›Hans‹ heißt, danke für Deine bezaubernde Nachricht. Wie Du siehst, macht es mir nichts aus, wenn wir gleich die Regeln der Contenance brechen – gibt es diese heute überhaupt noch?«
Das war gut, es ließ gleich durchblicken, dass sie die eingezogene KommunikationsAsozialität kritisierte.
»Ich beantworte Dir gern alle Fragen aus Deiner Nachricht. Ich lese alles, was es wert ist – bin da nicht festgelegt. Besonders mag ich historische Romane oder Biographien. Ich male meist auf Leinwand, mit Acryl und oft abstrakt. Ich spiele auch nicht Gitarre wie Jennifer Batten, also keine Sorge. Vielen lieben Dank für das Kompliment zu meinen Augen. Nun kommt der Augen-Blick (wie passend), auch ich habe Fragen an Dich. Meinst Du, ich könnte diese bald im Realen stellen?«
»Ein Wink. Gut so, mutig. Wir leben immerhin im 21. Jahrhundert«, führte sie halblaut aus, als müsste sie sich überzeugen, es richtig gemacht zu haben. Silke war guter Dinge, denn sein Foto – das war er. Mit dem gewissen Etwas, was sie fesselte. Viel konnte sie nicht erkennen, nur einen Mann mit wenig Haaren, einer Nickelbrille und schlanker Statur. Ein Intellektueller – sehr gut. Absenden. »Nachricht an Hans, der Träumer gesendet« blinkte auf. Was für ein Tag!
Die Hose! Silke rannte in die Küche. Das Salz war eingezogen. Die rote Wunde klaffte. Es kam ihr vor, als sähe die Hose sie vorwurfsvoll an.
»Für Hans, den Träumer, Hose. Ich verspreche dir, dafür hast du ein großes Opfer gebracht. Danke.«
Während sie mit ihrer Lieblingshaushose sprach, versuchte sie mit aller Kraft, die Flecken zu scheuern. Ohne Erfolg. Das Ende der Hose war besiegelt. Für ihren Traum.
2. Kapitel
Hans, der Träumer
»Leben! Das strahlen deine Bilder aus.
Leben und Sinn, ja, sogar Sinnlichkeit!«
Peter Meyer
An einem sonnigen Mittwochvormittag war es so weit. Silkes Kater Whiskey schlich ihr zuvor die ganze Zeit um die Beine, als ob er mit ihr gemeinsam aufgeregt wäre.
»Mensch, Tier, störe mich jetzt nicht! Ich muss perfekt aussehen, verstehst du? Und mach mich jetzt nur nicht mit Katzenhaaren voll!«
Rote Katzenhaare auf einer weißen Sommerjeans, welch ein Grauen. Whiskey schien zu verstehen. Beleidigt zog er sich in den Flur zurück und starrte sie aus der Ecke heraus an. Silke überprüfte ihr Make-up, puschte ihre vollen Haare immer wieder auf und stellte fest, dass sie wieder mal zugenommen hatte. Egal jetzt. Darum konnte sie sich später kümmern.
Endlich klingelte es. Sie ging betont langsam zur Tür. Whiskey schlängelte sich an ihren Hosenbeinen an ihr vorbei und während sie die Tür öffnete, sagte sie laut:
»Geh weg, du Doofer!«
»Was für eine zauberhafte Begrüßung!«, lächelte sie der Träumer an.
»Nein, nein, ich meinte Whiskey …«, stotterte Silke, peinlich berührt, auf den davonlaufenden Kater zeigend.
»Und was für ein zauberhafter Name für einen Kater!«, konterte er wieder. Das Eis war gebrochen. Silke lachte. Sie erinnerte sich an die Bemerkung des Nachbarn von gegenüber, als sie eines Abends ihr Tier ins Haus rufen wollte.
»Whiskey!? Whiskey!? Wo ist mein feiner Whiskey, ja, wo ist er denn?!«
Der Nachbar, der mit ein paar Freunden gegrillt hatte, schrie rüber:
»Bist wohl schon zum Alki mutiert, hä?«, und seine Gäste hatten sich schiefgelacht. Aber das wollte sie dem träumenden Hans vielleicht später erzählen. Sie hatten ja Zeit. Hoffentlich.
»Komm erst mal rein.« Mit einer einladenden Geste öffnete sie die Tür.
»Gern doch, sehr nett«, entgegnete er galant und trat ein. Während sie ihn in ihr Wohnzimmer führte, betrachtete sie ihn genauer. Er war einige Zentimeter größer als sie, auf jeden Fall über eins achtzig, und von sehr schlanker Gestalt. Das gefiel ihr. Wie bei vielen Männern dieses Alters musste er sich keine Mühe mehr beim Haarekämmen geben, denn da war nicht viel zu richten und wie sie an den wenigen Muzeln, die sich wie ein Kranz um seinen Kopf legten, erkennen konnte, war sein Haar rot. Was ihr aber besonders ins Auge fiel, war seine ausgesprochene Blässe, typisch für Rothaarige. Die Nickelbrille passte zu ihm. Während sie ihn musterte, betrachtete er ihr Wohnzimmer.
»Schön hast du es hier, wirklich sehr geschmackvoll«, lobte er und sah sich sehr genau um.
»Setz dich doch«, meinte sie. Jetzt wäre es angebracht, sich gemütlich zu unterhalten.
»Bitte sei nicht böse, lass mich noch einige Minuten stehen. Ich saß gerade eine Stunde im Auto«, bat er und betrachtete den Inhalt der Glasvitrine an ihrer antiken Kommode an.
»›Warum wir hemmungslos verblöden‹, ›Einigkeit und Recht und Doofheit‹ und ›Generation Doof‹ – ich habe es gewusst.« Er lächelte versonnen.
»Was hast du gewusst?«, fragte sie nach.
»Das passt. Es passt zu deiner Beschreibung im Profil. Ich bin begeistert.«
Silke stutzte. Okay, fein. Das hätten wir geklärt. Jetzt bin ich dran, dachte sie und startete.
»Na, komm, setz dich jetzt mal und wir unterhalten uns. Immerhin lasse ich dich in mein Haus und kenne noch nicht einmal deinen richtigen Namen.«
Sie wollte lächeln, aber eigentlich auch nicht, denn sie meinte das ernst. Und es saß. Er beendete abrupt seine Vitrinen-Beschau.
»Entschuldige, natürlich hast du recht. Wie unhöflich von mir. Ich bitte, es mir nachzusehen, denn ich bin geflasht.«
Sie setzte sich auf ihre Couch und deutete auf den Platz neben sich. Der Träumer folgte ihr.
»Ich heiße Peter. Peter Meyer.«
Na, das war ja schon mal ein Anfang.
»Schön, angenehm«, versuchte sie, die Situation zu entschärfen und reichte ihm die Hand.
»Möchtest du einen Kaffee?«
»Ja, sehr gern, wenn ich dich begleiten darf. So kann ich wieder ein paar Schritte gehen.«
Er lächelte sein Träumerlächeln.
»Klar, du darfst.«
Gemeinsam gingen sie in die Küche und er half ihr, als sei es das Selbstverständlichste. Es fühlte sich gut an. Silke konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann ihr jemand zum letzten Mal beim Kaffeekochen zur Hand gegangen war. Während der Kaffee lief, holte sie zwei Tassen, Milch und Zucker hervor und stellte alles auf den Couchtisch. Beim Kaffeetrinken schien der letzte Eisbrocken zu schmelzen. Eine Unterhaltung kam in Gang, so vertraut, wie sie es das letzte Mal mit Harry hatte erleben dürfen. Sie schwelgte nicht in Erinnerungen an ihren Mann, sie befand sich im Hier und Jetzt, bei Peter. Beim Träumer. Und träumte mit ihm.
Peter erzählte von sich, der Trennung von seiner langjährigen Lebenspartnerin Beate. Fast dreißig Jahre waren sie zusammen gewesen.
»Ich möchte gleich ehrlich zu dir sein. Ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentner.«
Er sah sie erwartungsvoll an. Dachte er, sie würde in Ohnmacht fallen? Silke war so gefesselt von ihm, dass ihr das nichts ausmachte. Warum auch? Was sagten ein Beruf oder ein sozialer Stand schon über einen Menschen aus?
»Du sagst das, als sei es etwas Verwerfliches«, meinte sie und sah ihm tief in seine klaren, blauen Augen.
»Nun ja, offenbar ist es das in dieser Gesellschaft. Du glaubst nicht, wie viele Frauen sich nicht mehr meldeten, wenn ich diese Botschaft verkündete!«
Seine Augen vergrößerten sich, drückten mehr aus, als sein Mund sagte. Sie stutzte kurz. Um gleich darauf dahinzuschmelzen.
»Verstehe ich nicht!« Das war alles, was sie zunächst sagen konnte. »Warum bist du erwerbsunfähig? Magst du es mir erzählen?«
Er mochte.
»Als junger Mann studierte ich, wollte Ingenieur werden. Doch ich schaffte es nicht. Darüber ärgere ich mich bis heute. Dann war ich viele Jahre als Optiker tätig. Irgendwann lief meine Beziehung zu Beate nicht mehr gut, um es vorsichtig auszudrücken. Sie war, mit Verlaub gesagt, eine Bestie. Ich weiß nicht, warum es so war, aber ich konnte mich nie angemessen gegen sie wehren. Sie attackierte mich, nichts war ihr recht; sie beschimpfte mich. So bekam ich Depressionen, die leider über mehrere Jahre anhielten. Aus der Beziehung zu ihr konnte ich mich nicht mehr befreien. Ich war zu schwach. Zunächst ging ich noch arbeiten, immer mal wieder. Dann aber kam der Zeitpunkt, da stellte man eine psychische Erkrankung fest und ich wurde in Erwerbsunfähigkeit geschickt. Keine gute Vita, ich weiß.«
Er senkte den Blick. Silke wurde es heiß und kalt. Sie verstand die Menschen schon lange nicht mehr, aber nun vor allem nicht das Verhalten dieser Beate. Ihr schossen Tränen in die Augen. Oh mein Gott! Sie jammerte um ihr Schicksal und dieser ehrliche und liebe Mann konnte sich gegen eine Frau nicht wehren! Gegen eine Frau! Er war in allem, was er sagte, so klar und kompetent. Und was er alles wusste! Hinter seinem Allgemeinwissen konnte sie sich nur verstecken. Ein kluger Kopf. Er wirkte traurig und sie überlegte, wie sie ihn ein wenig ablenken könnte von seinen Erinnerungen, die ihn bedrückten.
»Darf ich dir etwas zeigen?«, fragte sie ihn und lächelte ihr schönstes Lächeln.
»Ja gern«, antwortete Peter dankbar. Sie ging mit ihm auf den Dachboden, um ihm ihre gemalten Bilder zu zeigen.
»Wow! Die sehen ja wundervoll aus!«, staunte er, schritt zwischen den Bildern umher und bewunderte ausgiebig jedes einzelne, sinnierte halblaut über die Farben und die Pinselführung.
»Leben! Das strahlen deine Bilder aus. Leben und Sinn, ja, sogar Sinnlichkeit!«, rief er begeistert aus. Silke schwebte auf Wolke sieben. Er hatte sie im Sturm erobert, der Träumer.
Im Wohnzimmer angekommen, sagte Peter:
»Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich meine Gitarre hole und ein wenig spiele?«
»Nein, gar nicht!« Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Er ging kurz zu seinem Auto hinaus und kehrte mit einer außergewöhnlichen Gitarre zurück, einer Minarik Guitar. Silke kannte sich schließlich aus. Die fanden vor allem im Heavy Metal Verwendung. Hut ab! Sein Spiel war eher gewöhnungsbedürftig, passte kein wenig zur Gitarre. Als er kurz unterbrach, sah er sie erwartungsvoll an.
»Und?«
Sie schluckte.
»Gefällt es dir?«
Für den Träumer schwindelte sie.
»Ja, schöööööön! Was ist das eigentlich, was du spielst?«
Das wollte sie schon wissen.
»Ich improvisiere nur. Kennst du Estas Tonne?«
Natürlich kannte sie den. Da kippten die Spirituellen, Yoga-Tanten und Reismilchfanatiker reihenweise um. Sie nicht.
»Ja, den kenne ich.«
Wenigstens war das nicht gelogen.
»Estas ist mein großes Vorbild«, schwärmte er und seine Augen wurden wieder größer, schienen sich im Radius zu verdoppeln. Wie machte er das? Okay, das alles war ein Minuspunkt, aber eben nur einer. Jeder hatte seine Macken.
Als er endlich zu spielen aufhörte und Silkes Ohren zu rauschen begannen, der Kaffee ausgetrunken war und es draußen zu dämmern begann, schwiegen sie. Silke legte ihren Kopf an seine Schulter. Wenige Minuten später neigte Peter seinen Kopf in ihre Richtung. Sie sah zu ihm auf und ihre Lippen fanden sich. Es war besiegelt. Der Träumer und die Träumerin hatten sich gefunden. Peter blieb. Vierzehn Tage lang.
3. Kapitel
14 Tage – Er
»Der Kaffee ist fertig, klingt das net unglaublich lieb.«
Peter Cornelius
Die ersten Tage vergingen wie im Rausch. Silke ging zur Arbeit, hatte Mühe, sich zu konzentrieren und beeilte sich, nach Hause zu kommen, wo jemand auf sie wartete. Jemand, der mit ihr träumen wollte. Peter erwies sich als großartiger Hausmann. Sie musste nichts mehr tun, außer sich ihm und ihren gemeinsamen Interessen zu widmen. Die erste Woche war berauschend schön. Als sie zum ersten Mal miteinander schliefen, eröffneten sich ihr neue Welten. Er war zärtlich und auf seltsame Weise besonders. Peter hatte beinahe etwas Feminines an sich, etwas Fragiles. Sie mochte keine Muskelprotze oder zu großen Männer. Die machten ihr Angst. Er spielte mit ihr und sie spielte mit ihm, mit ihrer Erotik. Jene, die sie wiederentdeckte. Manchmal dauerte es ihr fast zu lange. Sie war solch eine Ausdauer seit Jahrzehnten nicht mehr gewohnt. Silke erlebte himmlische Orgasmen, oft mehrere nacheinander und manche Male musste sie sich anstrengen, noch genügend Luft zu bekommen. Wenn ein Orgasmus besonders intensiv war, verdrehte sie ihre Augen und Peter lachte.
»So etwas habe ich noch nie gesehen! Ich dachte, du stirbst!«
Nur mit Harry, mit Harry vollzog sich in diesen Tagen eine Veränderung, ein unerwarteter Rückzug. Sie sah ihn nicht mehr im Spiegel. Auch Martina ließ sich nicht mehr blicken. Was war geschehen? Machte sie etwas falsch?
Peter brachte sie zum Lachen. Er hatte eine herrlich erfrischende Art und lag mit Silke auch hier auf einer Wellenlänge. Er konnte unglaublich witzig, dabei aber auch eloquent sein. Dieser Mann war eine Offenbarung! Als sie am Dienstag der zweiten Woche nach Hause kam, grub Peter ihr Beet um. Dabei zuckte sein Kopf hin und her. Sie stand hinter ihm und wusste nicht, was das war, bis sie seine Ohrstöpsel sah. Ach, er hörte nur Musik. Was glaubte sie denn? Dass er spastische Anfälle hatte? Er war psychisch krank, nicht körperlich. Was hatte er, wie hieß diese Krankheit gleich? Es fiel ihr nicht mehr ein. Vielleicht, weil es ihr nicht wichtig war. Er erzählte ihr, mehrfach in der Psychiatrie gewesen zu sein. Aber jetzt, nachdem er sich endgültig auf die Flucht vor Beate begeben hatte, ginge es ihm immer besser. Sie hörte Beates Namen in seinen Berichten so oft, dass sie glaubte, sie selbst hätte mit ihr gelebt, sie selbst hätte das alles durchgestanden. Welch eine schreckliche Frau musste das sein, die ihren Mann so behandelte?
»Hey, du bist aber wieder fleißig«, sagte sie und tippte ihm zart auf die Schulter. Er erschrak und drehte sich zu ihr um, richtete sich aus der hockenden Stellung auf und riss sich die Ohrstöpsel aus den Ohren.
»Musst du mich so erschrecken?«, sagte er in ungewohnt scharfem Ton. Silke zuckte zusammen und sah ihn aufmerksam an. Seine Augen, sie waren wieder so groß. Was war das nur bei ihm mit diesen Augen?
»Entschuldige, aber wie sollte ich mich sonst bemerkbar machen?«, entgegnete sie.
»Schon gut, hast ja recht. Ich war nur so erschrocken. Hach, morgen habe ich bestimmt eine Schreckblase an den Lippen und du, du musst mich pflegen. Das wird der Vorteil sein«, lachte er, zog sich die Handschuhe aus, nahm Silkes Gesicht in beide Hände und küsste sie zärtlich auf den Mund. Sie schmolz dahin. Alles war vergessen, der scharfe Ton, die Bauchschmerzen, die sie trotz dieser unvergleichlich schönen Woche seit Neuestem hatte.
»Das mache ich doch gern, mein Liebling«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Und noch mehr. Er nahm sie an die Hand und zog sie hinter sich her ins Haus. Im Korridor küssten sie sich leidenschaftlich und rissen sich die Sachen vom Leib. Er drehte sie um, sie stand mit dem Gesicht zur Wand. Dann ging er auf die Knie und streichelte langsam ihre Beine hinauf, zu ihrer Mitte, um sie dort bewusst oberflächlich zu berühren. Er wusste, wie rasend sie das machte. Dann stellte er sich leise hinter sie und berührte von hinten ihren Busen, streichelte die längst aufgerichteten Knospen. Silke stöhnte und wand sich.
»Mehr, mehr«, bettelte sie.
»Immer schön langsam, du geiles Weib!«, flüsterte er ihr ins Ohr und knabberte an ihrem Ohrläppchen, dabei mit der rechten Hand von ihrer Brust hinabgleitend zum Bauch. Sie wusste es, sie wusste, was kommen würde und stöhnte laut.
»Na, bist du heiß?«, raunte Peter ihr zu.
»Ich bin nicht nur heiß, ich will …«
Sie kam nicht weiter, denn jetzt ließ er seine Finger langsam zu ihren Schamlippen gleiten und rieb ihre Klitoris. Sie konnte es kaum noch ertragen. Seine andere Hand berührte ihren Po, erst sanft, dann fester. Er holte aus und schlug auf ihre Pobacke.
»Na, meine kleine, heiße Stute, auf zum Galopp, oder?«
Ehe sie antworten konnte, schob er einen Finger in sie hinein, bewegte ihn darin und rieb dabei mit der anderen Hand ihre Klitoris weiter. Ihr Atem wurde immer schneller, bis sie aufschrie. Sie hechelte, schrie. Und wieder von Neuem das süße Spiel.
»Soll ich zwei Finger nehmen?«, fragte er, höchst erregt. Sie spürte sein steifes Glied an ihrem Hintern.
»Ja, nimm zwei.« Peter lachte laut auf.
»Ich bin aber kein Bonbon!« Darauf konnte sie nicht eingehen, sie war zu erregt.
»Oh, wie schön nass du bist, du tropfst ja regelrecht. Sicher könntest du auch squirten.«
Äh, was bitte? Sie wusste es nicht. Es war ihr auch gerade egal. Hauptsache, es war nichts Brutales. Ihr Bauch, verdammt noch mal. Was war mit dem los? Peter war perfekt, der Sex mit ihm war der Hammer! Warum also dieser bohrende Zweifel?
»Fick mich!«, bettelte sie. »Steck mir deinen Schwanz rein, jetzt!«
»Oh, du schmutziges Weib! Ja! Das tu ich«, keuchte er, drehte sie zu sich um und küsste sie, knetete ihre Brüste und sie hob ihr rechtes Bein an.
»Was sagtest du vorhin, ich könnte auch squir…, was?«, fragte sie ihn, als sie verschwitzt auf ihrer Couch lagen, sich aneinanderschmiegten und streichelten.
»Das heißt Squirting. Kennst du das nicht?«
Peter lächelte.
»Würde ich es kennen, müsste ich nicht fragen.«
»Stimmt, mein Schatz. Also, was viele nicht wissen: Auch eine Frau kann ejakulieren. Bei der weiblichen Ejakulation fließt etwa ein Teelöffel voll Flüssigkeit aus der Harnröhre. Manche Frauen aber ejakulieren viel mehr – das wird auch Squirten, also Spritzen genannt. Ich könnte mir vorstellen, dass du zu diesen Frauen gehörst, du bist immer so schnell erregt und extrem nass.«
Er grinste sie an. Oh, là, là! Da musste sie so alt werden, um derartig ausgefallene Sachen zu erfahren?
»Hm, das klingt sehr technisch. Muss man aus einem Liebesakt eine technische Beschreibung machen? Ist das heute modern? Für mich hat Sex etwas mit Gefühl, mit Hingebung zu tun – mit Liebe.«
»Muss ich dich an dein Vokabular beim Akt erinnern? Das war nicht von Gefühl oder Liebe geprägt, sondern von purer Geilheit. Frag mich danach noch einmal, ob die Beschreibung des Squirtings modern ist …«
Peter kniff sie liebevoll in den Arm.
»Ich widerspreche dir. Mein Vokabular hat nichts mit ›modern‹ zu tun, sondern mit Vertrauen. Ich vertraue dir, darum benutze ich dieses Vokabular. Einen Mann, dem ich nicht vertraue, lasse ich auch nicht in meine geheimen sexuellen Wünsche und Begierden eintauchen, dem gebe ich mich nicht so hin«, erklärte sie ernst und küsste ihn auf die Wange. Sie lagen noch lange so da und erzählten sich aus ihrem Leben und von ihren Träumen, bis sie einschliefen.
Silke erwachte von einem eigenartigen Geräusch. Lief da jemand auf dem Dachboden auf und ab? Das konnte doch nicht sein! Sie schaute auf die Seite neben sich. Peter war nicht da. Angestrengt horchte sie nach oben. Wieder hörte sie oben etwas. Den Bademantel übergeworfen, der neben ihr auf dem Fußboden lag, tastete sie nach dem Lichtschalter. Licht beruhigte sie. Nachdem sie sich im Wohnzimmer orientiert hatte, stand sie auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging langsam die Treppe zum Dachboden hinauf.
»Peter? Hallo? Bist du es?«
Das war vielleicht blöd! Wer sollte es sonst sein? Es kam keine Antwort. Noch einmal rief sie ihn beim Aufstieg und kam auf dem Boden an. Da stand er, vollständig angezogen, mit ernstem Gesicht und starrte auf eines ihrer gemalten Bilder; ›Tränen auf Eis‹.
»Was machst du hier mitten in der Nacht?«
Besorgt sah sie ihn an. Sah diese extrem weit aufgerissenen Augen. Vielleicht sollte sie ihn damit beim »Supertalent« anmelden?
»Ich sehe mir dein Bild an, was sonst?«
Seine Stimme klang kalt. Silke fror, obwohl es auf dem Dachboden noch ungewöhnlich warm war für diese Uhrzeit.
»Warum jetzt?«
»Ich konnte nicht schlafen. Irgendetwas stört mich daran.«
»Woran bitte?«
Silke ahnte es. Ihr Bauchgefühl, es war bisher noch immer ein verlässlicher Indikator gewesen. Oder übertrieb sie?
»An dem Bild. Es hat etwas Aggressives. Hat dir das schon mal jemand gesagt? Deine Farben hier …«
Er deutete auf die Mitte des Bildes, auf dem Eisblau in ein Nachtblau verlief, aus dem Auge heraustropfend.
»Es ist mein Bild, es sind meine Gefühle, es ist mein Werk. Was hast du damit zu tun!? Was daran ist bitte schön aggressiv?«
Das ging ihr zu weit. Er ging ihr zu weit.
»Kümmere dich nicht um mich. Ich sagte dir auch nur meine Meinung, nicht mehr und nicht weniger, Beate!« Beate? Silke zuckte zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Mit ihm nicht.
Ein Schwert waren seine Worte; nicht mehr und nicht weniger. Scharf, böse. Und seine Haltung unterschwellig angriffslustig. Sie konnte seine Anspannung spüren.
»Gut, dann gehe ich jetzt wieder schlafen. Viel Spaß noch, Jens«, sagte sie, leise, aber bestimmt; verstimmt. Wenn sie Beate war, hieß er eben Jens. Aber ob er es überhaupt bemerkte? Peter drehte sich zu ihr und bevor sie sich anschickte, den Dachboden zu verlassen, sah sie es wieder. Als ob seine Augäpfel aus den Augenhöhlen treten würden. Sie fror. Wieder. Und ging nach unten. Bis zum Morgen lag sie wach. Ein Gefühl von Angst beschlich sie und sie schalt sich.
»Er hat eben seine Anwandlungen, wird ja nicht grundlos in Rente sein. Wer weiß, was er durchmachen musste, der arme Kerl«, sprach sie sich selbst zu.
Viele andere Ausreden fand sie für sein Verhalten. Sie wechselten sich ab mit dem lauten Grummeln in ihrem Bauch und mit dem ungekannten Gefühl Angst.
Peter schlief in dieser Nacht überhaupt nicht und war am Morgen hellwach. Irgendwann musste sie noch einmal eingenickt sein, in einen sehr leichten Schlaf. Als sie Geräusche in der Nähe hörte, schreckte sie auf.
»Guten Morgen, mein Schatz, möchtest du einen Kaffee?«, tönte es gut gelaunt aus der Küche.
»Ja, gern!«, rief sie ihm zu. Und schluckte schwer.
Dieser Tag verlief ruhig, aber Peter wirkte immer noch seltsam angespannt. Er musste ständig etwas zu werkeln haben. Einmal rannte er zum Beet, obwohl es wie aus Kannen schüttete, dann kam er durchnässt ins Haus, ging wortlos ins Schlafzimmer, zog sich um und verkündete fröhlich:
»Einmal im Monat in den Regen gehen, das ist ein Muss. Vielleicht wachsen meine Haare nach!« Er lachte über seinen eigenen »Witz« und erklärte Silke, dass ihre Lampenschirme dringend geputzt werden müssten und er sie morgen von der Arbeit abholen wolle, um mit ihr shoppen zu gehen.
»Mir ist aufgefallen, dass wir ruhig mal unter Leute gehen sollten, mein Schatz!«, schmetterte er überdreht.
Silke wurde immer unruhiger. Das Ganze gefiel ihr nicht. Am nächsten Tag holte er sie tatsächlich von der Arbeit ab und lud sie zum Essen ein. Im Restaurant plapperte er unentwegt, was er noch alles vorhatte. Im Kaufpark drängelte er sie in die Parfümerie Douglas.
»Mein Schatz, welches Parfüm möchtest du gerne haben? Such dir eins aus!«
Wie großzügig. Sie verdiente zwar nicht viel, aber durch den Wegfall der Kredite für ihr Haus stand ihr genug zur Verfügung, um selbstständig zu sein. Sie brauchte keinen Mann, der ihr – grundlos mitten in der Woche – ein Parfüm kaufte. Oder war sie den Feministenpredigerinnen aufgesessen? Sie wollte ihren Frieden. Irgendetwas an seinem Verhalten seit der vorigen Nacht auf dem Dachboden alarmierte sie. Nur nichts Falsches sagen! Sie schnupperte sich durch, bis sie nicht mehr wusste, welches Parfüm wie roch, und griff nach dem billigsten. Peter war nicht dumm.
»Das Billigste also, dachte ich mir. Meine Traumfrau!«, meinte er laut und theatralisch. »Wie wäre es mit diesem hier?« und hielt ihr Chanel No. 5 vor die Nase. Frieden, einfach nur Frieden.
»Oh! Das ist ein himmlischer Duft«, rief sie aus. Neben ihr stand eine junge Frau, die sie pikiert fixierte und sicher dachte: Tussi. Wohlhabende, verwöhnte Tussi. Silke atmete tief durch. In Ordnung. Bin ich das eben heute. Nur heute. Für den Frieden. Peace, yes!
»Ja, Liebling, das nehme ich sehr gern«, flüsterte sie ihm zu und er grinste wie ein Honigkuchenpferd. Als sie den Laden verließen, glühten Silkes Wangen. Ihr war speiübel.
»Meine liebste Silke, brauchst du noch etwas?«
Peter sah sie an. Mit diesen tellergroßen Augen. Also doch Supertalent.
»Nein, ich habe alles, was ich brauche«, versuchte sie glücklich strahlend von sich zu geben.
»Natürlich, ich bin ja auch bei dir!«, und er lachte sein Ich-lache-über-mich-selber-am-lautesten Lachen.
»Hihi, das stimmt, Peter.«
Sie sprach seinen Namen aus. Und dann auch noch so trocken, dass sie selbst erschrak. Vielleicht hatte er es nicht bemerkt?
»P-e-t-e-r?«, wiederholte er gedehnt, »seit wann das?«
Er blieb abrupt stehen und glotzte, ja, glotzte, sie an. Ohne zu lächeln.
»Na, so heißt du schließlich.«
»Ja, sicher, aber du sprichst ihn mit keiner positiven Schwingung aus!«
Er sah sie an. Mit diesen schrecklichen Augen. Immer wieder. Herrje! Man konnte doch nicht ständig seinen Partner mit diesen schrecklich abgedroschenen Kosenamen ansprechen! Schatzi, Mausi, Hasi, Mausebär, Blubsibär – wie albern. Allein bei Schatz drehten sich im Discounter mindestens zehn Männer auf einmal um. Und Tiernamen, nun ja, die kommen nicht mal bei Franzosen an, geschweige denn bei den Deutschen. So verrückt schienen nicht mal Deutsche zu sein, dass sie sich tierisch fühlten.
Aus ihren Gedanken, die Silke amüsierten, holte sie ihr Fettschwanzmaki. Nun war es so weit, er bekam doch einen Tiernamen. Silke begann lauthals zu lachen. Es erwischte sie. Sie bückte sich, hielt sich mitten im Kaufcenter den Bauch und hockte sich auf eine Bank, um ihrem Lachrausch zu frönen. In ihrer ganzen inneren Anspannung sah sie nun dieses Tierchen vor sich, über das sie kürzlich eine Doku gesehen hatte: Fettschwanzmaki. Riesengroße Augen, flauschiger Schwanz. Sie blickte auf und in Peters Gesicht. Ihr Lachen erreichte den Höhepunkt. Er stand vor ihr, der Schritt vor ihren Augen. Flauschiger Schwanz. Ihre Augen tränten. Hoffentlich war ihre Schminke nicht verlaufen. Wenigstens daran dachte sie, wenn schon nicht an das arme, jetzt hilflos vor ihr stehende Peterlein.
»Ich würde zu gern in dein Lachen einstimmen«, sagte er gereizt und Silke fiel auf, wie gestelzt er manchmal sprach, der Möchte-gern-Intellektuelle, der nicht mal sein Studium zu Ende gebracht hatte. Woher kam plötzlich ihr Sarkasmus? Der war es nicht allein. Sie fühlte Abscheu vor ihm in sich aufsteigen.
»Das glaube ich allerdings nicht«, entgegnete sie, sich langsam beruhigend, und holte einen Spiegel aus ihrer Handtasche, hielt ihn sich vors Gesicht, tupfte die verlaufene Mascara unter den Augen weg, legte schnell Puder nach und sah Peter nicht mehr an. Um sich – und vor allem ihm – einen erneuten Lachanfall zu ersparen.
»Meine Liebe, meine gute Laune ist jetzt nicht nur marginal abgeklungen. Fahren wir nach Hause!«, sprach er pathetisch und mehr befehlend als vorschlagend oder gar bittend. Nicht nur marginal, aha.
»Okay, gern.« Am besten, du zu dir und ich zu mir. Doch sie sagte es nicht. Sie hatte ohnehin den Bogen schon überspannt. Peace!
Der restliche Tag und Abend verlief mit kühler Atmosphäre und einer merklichen Spannung zwischen ihnen, beinahe lauernd sahen sie sich an und schwiegen die meiste Zeit. Silke war froh, als es endlich Zeit wurde, schlafen zu gehen.
Mitten in der Nacht wachte sie von Gerumpel auf. Sie schrak hoch und binnen weniger Sekunden tauchte vor ihrem geistigen Auge ihre jahrelange, immer wiederkehrende Angst vor Einbrechern auf, bis ihr gewahr wurde, dass sie nicht allein lebte – gerade. Peter! Sie sah auf »seine« Seite. Leer. Was zur Hölle … Aus dem Bett taumelnd zog sie sich den Bademantel an und ging die Treppe nach unten, dem Geräusch folgend. Dabei sah sie auf die Uhr im Treppenhaus. Vier Uhr dreßig. Mitten in der Nacht. Samstag. Sie könnte ausschlafen. Während der Woche stand sie jeden Morgen um sechs Uhr auf, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Mist verdammter! Der Krach kam aus der Abstellkammer, die sie mit einem erstaunlich munteren Ruck öffnete. Peter stand inmitten von Kisten und Regalen, vollkommen konzentriert.
»Was zum Teufel machst du da?«, fragte sie so streng, wie sie auch wollte. Er sah überrascht auf, musterte sie mit seinen Glubschaugen, die im Halbdunkel noch beängstigender wirkten und sagte monoton:
»Ich räume die Abstellkammer auf.«
»Mitten in der Nacht?«, kreischte sie.
»Es ist ein Morgen, meine Liebe.«
Wieder diese Arroganz in der Stimme, diese Gleichgültigkeit; Monotonie, die ihr die Härchen auf den Armen aufstellte.
»Sag mal, geht es noch? Das ist mein Haus, meine Abstellkammer, mein Schlaf!«
Sie nahm die nächstbeste Kiste, hob sie an und warf sie gegen die Wand, direkt neben Peter kam sie auf. Schluss mit Beherrschung! Er schien kein wenig erschrocken zu sein. Mit stoischer Ruhe nahm er die Kiste, aus der Nägel, Taschenlampen und alte Handys fielen, und packte den Krempel wieder hinein. Silke stapfte wütend davon. Dieser Mann war keine Offenbarung. Er war eine Katastrophe!
Sie konnte nicht mehr schlafen. Die Morgensonne schien durch die Fenster. Silke wartete nur darauf, endlich aufzustehen und schob den Vorhang beiseite, der ihr den Blick auf den Kirschbaum verwehrt hatte. Er stand in voller Blüte. Ob Frau und Herr Schröder schon wach waren? Sicher kochte er ihr wieder den Kaffee und wenn sie noch schlief, so brachte er ihn an ihr Bett. Er stellte das Tablett auf ihrem Nachtschrank leise ab und küsste sie auf die Stirn, wie er es immer tat. Seit Jahrzehnten. Frau Schröder hatte es ihr kürzlich erzählt.
»Nach so vielen Jahren! Stellen Sie sich das vor«, hatte sie geschwärmt.
Vor ihrem Fenster rekelten sich die Blüten. Und sie?
Sie fühlte sich, als wäre sie aus Glas.
Silke hörte ein Lied. Direkt neben sich. War das ein Traum? Sie blinzelte und wollte wach werden. Oder lieber nicht. Während dieser Überlegungen sang ein Mann neben ihr:
»Der Kaffee ist fertig, klingt das net unheimlich zärtlich.
Der Kaffee ist fertig, klingt das net unglaublich lieb.
Wenn die ersten Sonnenstrahl’n auf meine Aug’n niederfall’n, dann hör’ i dei’ Stimm’, die wie Glock’n klingt …«
Es erinnerte sie – woran nur? Die Augen wieder geschlossen, fiel es ihr ein. Peter Cornelius, der Mann unter den Hochsensiblen. »Ein Diamant verbrennt«, ein alter Schinken, aber sie weinte jedes Mal, wenn sie das Lied hörte. Woher kam dieses Kaffeelied? Sie traute sich, ihre Augen wieder zu öffnen, folgte der Musik und setzte sich im Bett auf. Da sah sie es. An ihrem Fußende stand ein Radio. Im Moment des Erkennens trat Peter feierlich in ihr Schlafzimmer, auf dem Tablett eine dampfende Tasse Kaffee und auf dem Gesicht ein schrecklich breites Lächeln, als hätte er in der Nacht eine Gesichtslähmung erlitten. Spontan fiel Silke der Spruch ein: »Liebe, lache, lebe. Wenn das nicht funktioniert: Lade, ziele, schieße.«
Ob sie ihr altes Luftgewehr noch fand? Es war doch im Keller? Ihr Kapiervorgang zu diesem Mann war schon seit Tagen abgebrochen. Sie sah ihn an, versuchte sich in einem nicht ganz so bekloppten Lächeln, zeigte aber immerhin ihre schönen, gepflegten Beißerchen; und sie fühlte sich elend.
»Einen wunderschönen guten Morgen, mein Engelchen!«, säuselte das abgemagerte, glatzköpfige Honigkuchenpferd.
»Moin«, entgegnete sie kurz und knapp.
»Hast du gut geschlafen?«, raspelte er weiter Süßholz und sie überlegte wieder – plötzlich auf den Geschmack eines wundervollen Gedankens gekommen –, nämlich den, wo denn nun ihr altes Gewehr war. Immerhin war sie wenige Jahre zuvor noch Schützenkönigin von Bärwalde gewesen. Da sollte doch was gehen? Oder besser schießen.
»Geht so!«, antwortete sie muffig. Du Homo novus, was fragste denn so nen Scheiß, nach der Nacht, hä?, dachte sie, diesmal im gewollt sächsischen Dialekt, und kochte innerlich. Ihre Wut ballte sich immer mehr zusammen. Schlimmer aber war die Angst, die er ihr einjagte, um sie am darauffolgenden Tag mit einem vor Schmalz triefenden, uralten Song zu wecken und sich zu trauen, ihren geliebten und heiligen Kaffee auch nur anzusehen und sie dabei anzuglotzen wie ein zu groß geratener Daumenlutscher seine Mama, damit sie ihm die Brust freimachte.
»Nimm den Kaffee wieder mit runter. Ich komme gleich«, blaffte sie ihn an. Warum sollte sie kuschen, in ihrem eigenen Haus? Widerrede oder seine arroganten, gestelzten Wortkreationen erwartend, bei denen man ein Fremdwörterbuch verschluckt haben musste, um sie zu verstehen, stellte sie sich darauf ein zu schießen. Erst einmal mit Worten.
Aber Peter zog eine Schmollschnute und sah zum Brüllen aus. Der war ja auch noch feige! Das war auch so einer, der vor einer Frau einen auf dicke Hose machte und dann kniff. Super. Richtig gut. Als Peter ihr Schlafzimmer verlassen hatte, war Silkes gedankliches Schimpfwörterrepertoire vorerst aufgebraucht. Hastig zog sie sich ihren Bademantel über und lief nach unten. Normalerweise kämmte sie sich erst die Haare. Sie war so eitel, dass sie sich vorm Sterben noch einen Friseurtermin geben lassen würde. Es störte sie aber nicht im Geringsten, jetzt wie ein aufgeplatzter tasmanischer Teufel auszusehen. Den Mann wollte sie ohnehin nicht heiraten.
Wieder verspürte sie dieses eigenartige Grummeln in der Magengegend. In ihrem Wohnzimmer angekommen, sah sie ihn. Er lief, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, durch den Raum, von einem Ende zum anderen. Wie ihr Großvater, der seine Arme hinter den Rücken legte, weil er eine Kriegsverletzung hatte und der rechte Arm ihn so weniger schmerzte. Dieser Mann hier hatte wohl auch eine Verletzung, die aus einem anderen Krieg stammte. Angestrengt und die Mundwinkel nach unten gezogen, starrte er vor sich hin. Er schien nichts wahrzunehmen. Sie wollte diesmal keine Angst haben. Einen frischen Kaffee eingegossen, schlürfte sie provokant laut daran. War das schön! Er konnte es nicht leiden, es wäre gegen die Etikette. Welche bitte? Sie schlürfte nur in ihrem Haus, draußen wusste sie sich zu benehmen. Und verdammt noch mal – ja! In ihrem Haus furzte sie auch, wenn es sein musste; rannte in Jogginghose herum und pfiff auf Lagerfeld, den armen Kerl, der jetzt gar nichts mehr tragen durfte. Alles für die Katz. Da hatte sie es besser.
»Peter, ich möchte, dass du gehst. Und nicht wiederkommst!«
Basta, du Vogel. Es wird Zeit, dass du davonfliegst, ehe ich dir die Federn aus den Flügeln reiße und mein Haar damit schmücke. Er blieb nicht stehen, sondern lief weiter.
»Hörst du mich? Hast du heimlich was geraucht, oder was ist mit dir?«, rief sie ihm laut und mit ihrer ganzen seit Tagen angestauten Aggression zu.
»Mache ich«, sagte er und lief weiter, diesmal nach oben, um seine Reisetasche zu packen. Sein Werkzeug aus der unverschämt aufgeräumten Abstellkammer nahm er auch mit. Er sah sie durch seine komische Brille nicht einmal mehr an. Ihr Korridorlicht warf ihm einen Lichtstrahl auf die Glatze. Der Heiligenschein war es nicht. Aber er sah jetzt auf dem Kopf aus wie ihr Deoroller, wenn sie ihn rollte und er ihr neue glänzende Flüssigkeit anbot.
»›Wenn einer weggeht, muss man die Tür schließen. Es wird sonst kalt‹, sagte schon Brecht«, murmelte sie in sich hinein und ging vergnügt in ihr Bad, um zu duschen. Der Dreck musste runter. Unbedingt.
4. Kapitel
Das Leben geht immer weiter
»Er wartet jeden Tag auf Sie.«
Herr Walter
»Das war knapp«, sagte Silke zu ihrer Freundin Anett, als sie sich kurz danach mit ihr im »Café zur Allee« zum Plaudern traf. Es war ein sonniger Tag Ende Mai, an dem Silke glaubte, bereits die Bienen summen zu hören, und man konnte fast schon den Sommer riechen, den Duft nach Wiesen und Leichtigkeit. Sie atmete tief ein und schlürfte an einem Irish Coffee, als wolle sie ihn nie austrinken.
»Du hast noch mal Glück gehabt, Silke. Pass doch mal besser auf. Der Typ hätte ein Irrer sein können, der dich zerstückelt und im Keller vergräbt!«
Silke verschluckte sich an ihrem Kaffee, der jetzt schon nicht mehr irisch, sondern eher wie deutsche passierte Bohnensuppe schmeckte.
»Jetzt hör aber mal auf, du alte Krimitante!«, lachte sie, wenn auch nicht herzlich genug. Verdammter Mist, ganz unrecht hat sie nicht. Was, wenn der mir was getan hätte? Wenn das so ein Psycho gewesen wäre? Ein Frauenmörder? Er hatte sich so gut verkauft, dass sie ihm alles glaubte. Woher wusste sie denn schon, ob das alles stimmte? Ihr Magen rebellierte. Anett sah sie schräg an.
»Du wirst so blass. Ist alles in Ordnung?«
Sie legte den Arm um Silke.
»Na hör mal, du bläst mir eine mörderische Fantasie ins Hirn und fragst mich dann, ob alles in Ordnung ist?«
»Sorry, meine Liebe, das war blöd«, meinte Anett kleinlaut.
»Schon in Ordnung, du hast leider nicht ganz unrecht.«
Einige Minuten waren die Frauen still. Und Silke lächelte.
»Ist das Leben nicht schön?«, sinnierte Anett ungewohnt phrasenhaft und grinste Silke aus den Augenwinkeln an.
»Silke, bald ist wieder eine Hammer Ü40-Party in ›Fortunas Licht‹.«
Was für ein bescheuerter Name für eine Kneipe, die Veranstaltungen für die Vergessenen und Übriggebliebenen ausrichtete. Sie war da mal kurz drin gewesen. Es kam ihr eine abgewrackte Frau mit fettigen Haaren entgegen, und zwar so gar nicht Fortuna: mit einer völlig unweiblichen Zigarre im Mund, schief stehenden Zähnen und einem pervers tiefen Ausschnitt, der infolge hochgeschnallter Brüste die Haut unansehnlich faltete. Silke hatte damals gedacht, sie sei in einem der alten Cowboyfilme, in dem die Jungs in diverse Häuser einkehrten und die Mutter der jungen Dirnen sie begrüßte.
»Du kennst meine Meinung dazu, Anett!«
»Mensch, langsam könntest du doch wirklich mal etwas lockerer werden«, warf Anett ihr vor.
»Ha, klar doch, ich habe inzwischen eine ganze Orangenplantage auf der Haut. Und mit der soll ich zum Tanz gehen? Wer will denn meine Orangen pflücken? Das tu ich mir – und erst recht anderen – nicht an.« Dabei lächelte sie ununterbrochen.
»Sag mal …«, übersprang Anett ihre Bemerkung, »warum lächelst du eigentlich ständig, obwohl es gerade gar nichts zu lächeln gibt? Auch vorhin, beim Mordszenario, da wurdest du blass – und du l-ä-c-h-e-l-t-e-s-t.« Anett schaute sie ungläubig an.
Silke stutzte. Es stimmte. Ein gewisser Automatismus hatte sich wohl eingeschlichen. »Ich überlege mir, wie ich meine Ernstfalten um den Mund entfernen könnte«, antwortete sie .
»Aha, deshalb läufst du als Permanentgrinserin durch die Gegend? Um die Falten um den Mund zu glätten? Weißt du, du siehst dabei ziemlich dämlich aus! Als wärest du aus dem ›Hotel zur lockeren Schraube‹ abgehauen.«
Silke lächelte weiter. Anett schüttelte entsetzt den Kopf und fuhr fort: »Mädchen, du bekommst Wechseljahrbeschwerden, oder?«
Silke hörte auf zu lächeln.
»Blöde Kuh!«, sagte sie und rief die Kellnerin, um zu zahlen. Es dauerte nicht mehr lange und die Frauen begannen zu lachen.
Es war ein anstrengender Arbeitstag gewesen. Ihr Chef kam wahrscheinlich auch ins Klimakterium – oder er war schon scheintot. Zumindest roch er so und das wurde immer schlimmer. Vor allem, wenn sie am PC saß, er neben ihr stand und sich mit einem Arm am Regal über ihr abstützte. Dann bekam ihre Nase die volle Geruchspalette ab, als säße ein alter Ziegenbock in seiner Achselhöhle. Dabei soll der Achselschweiß voller Pheromone stecken, das waren die Botenstoffe, die uns in Sekundenschnelle Dinge mitteilten, für die wir mit dem Intellekt womöglich Jahre benötigen würden. Ihr Intellekt jedenfalls reichte dafür, binnen weniger Sekunden Botenstoffe zu empfangen, die sie für den Rest des Lebens vom männlichen Wesen entfremden lassen könnten. Für ihre Diät war es von Vorteil, denn nach dieser Ziegenbock-Ammoniak-Zwiebel-Sonstwas-Vielfalt konnte sie nichts mehr essen. Mindestens drei Tage die Woche. Heute hatte er sie angegrinst und seine gelben Zähne entblößt. Wann hatte Silke nur versäumt, seine Wandlung zu registrieren? Schön war er noch nie gewesen, aber gepflegter.
»Nu, Frau Silke, hammer jetze das Schreiben fürs Amtgerischt fertsch?«, fragte er. Dabei fragte sie sich, warum sein Foto nicht auf Zigarettenschachteln abgebildet wurde.
»Rauchen Sie nicht, sonst …« – nein, das war zu böse! Oder doch nicht? Sie konnte sich gerade nicht bremsen. Vielleicht wäre sein Foto auf Empfängnisverhütungsmitteln gut: »Überlegen Sie sich genau, mit wem Sie unverhütet schlafen.« Sein Sohn jedenfalls, der Junior-Chef, sah aus, als wäre der Junge auf der Kinderschokolade inzwischen erwachsen geworden.
»Nu, abor, Frau Silke, was läscheln se denn jetze? Isses nu fertsch oder nisch?«, brabbelte er wieder in seinem schrecklichen Sächsisch. Das machte alles noch schlimmer.
»Ja, natürlich, Chef, das Schreiben ist bereits vor zwei Tagen raus«, antwortete sie und verbiss sich ein erneutes Lächeln. Wie wäre es eigentlich, wenn man einen Tag lang die Wahrheit sagen müsste? Sie wäre ihren Job los. Mindestens. Mit einer Klage am Hals. Oder mehreren.
Martha, die einstige Büroschönheit, hatte noch immer die Stimme einer zarten Elfe, körperlich aber leider alles Elfenhafte verloren. Was war passiert?
Silke hatte kürzlich in einem Artikel gelesen: »Eine Heirat und eine Scheidung – beides verursacht Stress, wenn auch auf jeweils andere Art und Weise.« Und wer im Stress war – na klar, der futterte.
Silke hatte eine weniger geschwollene, dafür aber ganz natürliche Erklärung: Martha hatte eine lang ersehnte Zufriedenheit mit ihrem Körper erreicht. Nun schmeckte nicht mehr der Mann, sondern das Essen.
Martha hatte ja außerdem bereits, was sie wollte: Sie tauschte schlanke Figur gegen dicke Brieftasche. Also kein Grund mehr, sich weiter abzumühen. Silke schüttelte den Kopf. Und dann noch dieser Fatalismus: Der Mann liebt uns ja so, wie wir sind, auch mit einigen Kilos mehr. Was braucht die Seele noch? Da macht es nichts, wenn wir Frauen beim zweiten Stück Kuchen nicht Nein sagen können. Frust macht dick. Wer will schon eine wiederkäuende Kuh? Eine tofuverehrende, am Salatblatt knabbernde, vor Hunger schlechtgelaunte und sexmuffelige Schnepfe, die beim Duschen durch den Abfluss rutschen könnte? Bin ich heute wieder abgrundtief böse? Wann bin ich nur zu solch einer kratzbürstigen Emanze mutiert? Trotzdem musste sie lachen und bedauerte beim Öffnen ihrer Weinflasche diese Frau. Martha, arme Martha.
Nach diesem Tag brauchte Silke etwas Schönes. Als Erstes überlegte sie, wann sie endlich in Rente gehen konnte. Und als Nächstes brauchte sie die Stimme ihres Sohnes. Gut, dass er noch nichts von ihrem Ausflug in den exotischen Zoo wusste; vom Fettschwanzmaki. Sie wählte Julians Nummer. Es dauerte ziemlich lange, ehe der Anruf entgegengenommen wurde.
»Marcel Schmidt«, meldete sich der Mitbewohner ihres Sohnes.
»Hallo, hier ist Silke, Julians Mutter. Ist Julian zu sprechen?«
»Hallo, nein, Julian hält in der Uni einen Vortrag«, sagte Marcel feierlich.
»Er hält einen Vortrag?«, fragte Silke unsinniger Weise.
»Hat er Ihnen das nicht erzählt?«
»Nein …«
»Na ja, Julian wurde vom Prof ausgewählt, vorerst einmal wöchentlich eine Vorlesung zu halten. Er hält Julian im Fach Psychologie für einen Überflieger. Toll, oder?«
»Ja, das ist in der Tat toll. Ich rufe später noch mal an«, gackerte Silke in den Hörer, als hätte sie Wasser aus dem Jungbrunnen getrunken. Als sie aufgelegt hatte, konnte sie es nicht fassen: Julian hielt Vorlesungen? Ihr Julian? Sie musste unbedingt mehr erfahren. Aber da musste sie sich noch gedulden.
Was machte sie mit dem freien Nachmittag? Sie entschloss sich zum Joggen und trat zehn Minuten später in ihrer neuen modernen Sportkleidung aus dem Haus. Frau Schröder zog vor ihrem Haus gedankenversunken Unkraut und blickte auf, als sie Silkes Haustür ins Schloss fallen hörte.
»Silke, Sie sehen aus wie ein junges Mädchen mit Ihrer flotten Jacke und dem Pferdeschwanz!«, rief sie begeistert aus.
»Na ja, beim Aussehen bleibt es auch – aber nur auf hundert Meter!«, trällerte sie. Es sollte lustig klingen.
»Sie sind immer so selbstkritisch. Was würde ich dafür geben, noch einmal in Ihrem Alter zu sein!«
Natürlich. Silke war einfach blöd. Was jammerte sie auch ständig auf hohem Niveau?
»War eigentlich auch nur Spaß!«, versuchte sie ihre Aussage zu relativieren.
»Das dachte ich mir schon. Wann kommen Sie uns wieder besuchen, Silke?«, fragte Frau Schröder und zeigte ihre immer noch fantastisch intakten, weißen Zähne. Ihre grünen Augen strahlten. Jetzt wirkte sie jünger als Silke in ihrem Frust.
»Morgen wäre es mir recht. Wie sieht es bei Ihnen aus?«, entgegnete sie und zog ihren Zopf enger.
»Wunderbar! Das passt! Wir freuen uns. Wein ist genug da. Wir trinken ja allein nicht mehr. Oder besser, nicht mehr so viel«, lachte Frau Schröder. Jetzt war sie sechzig Jahre jünger geworden.
Silke lief bis zum Ende des Dorfes. Bärwalde war beinahe beängstigend klein. Hundertfünfzehn Einwohner, nur eine Straße. Keine Infrastruktur. Langweilig, öde. Sie wollte damals nicht hierher, aber ihr Mann hatte sich durchgesetzt.
»Das nennst du ›Dorf‹? Hier gibt es nichts. Weniger als nichts – nicht mal eine Kirche!«, hatte sie sich bei Harry beschwert.
»Aber Menschen leben hier und es ist göttlich ruhig. Ich habe lange genug in einer Großstadt gelebt. Der Krach geht mir auf die Nerven. Sieh doch mal …«, Harry hatte die Straße entlang gedeutet und in Richtung Wald gezeigt.
»Du liebst doch die Natur so sehr. Dort ist gleich der Wald, viel Wald, und mehrere Seen. Die Stadt ist nur fünf Kilometer entfernt«, hatte er versucht, sie zu überzeugen. In der ersten Woche nach ihrem Umzug war Silke die Straße entlanggelaufen, die einzige eben, und sie hette gezählt. Dreißig Häuser standen schnurgerade. Sie war von Hundegebell, Gänseschnattern und Schafsblöken begleitet worden. Ans Ende des Dorfgebietes grenzte ein altes Militärgelände.
Überall standen noch die Schilder:
»Betreten verboten! Lebensgefahr!« Da hatten einst die Russen gekämpft. Silke machte einen großen Bogen darum. Irgendwann hatte sie mit ihrer Wahlheimat Frieden geschlossen und begonnen, sich mit der seltsamen Ruhe dieses Dorfes sogar anzufreunden. Nur die Menschen, bis auf die Schröders – und selbst diese kleine Freundschaft entwickelte sich erst spät – blieben ihr ein Rätsel. Sie erinnerte sich an ihr erstes und zugleich letztes Dorffest, kaum sechs Monate nach dem Umzug ins Dorf. Harry war nicht mitgekommen, er hatte arbeiten müssen. Die Alteingesessenen hatten Silke stehen gelassen, bis eine alte Dame rief:
»Da ist die fleißige Läuferin aus der Stadt! Kommen Sie zu uns!«
Silke glaubte zwar damals, dass die Oma sicher schon einen zu viel hinter die Binde gegossen hatte, war aber freudig an den Tisch der fünf Dorfältesten gegangen und hatte mit ihnen Kräuterschnaps getrunken. Die einladende alte Dame mit dem verschmitzten Blick hatte mit geröteten Wangen und einem uralten Kopftuch am Tisch gesessen und alle fünf Minuten den jungen Mann gerufen, der verschiedene Schnapssorten in einem Körbchen mit sich trug, um sich ihr Glas nachfüllen zu lassen.
»Das hat wohl ein Loch«, hatte sie vergnügt gerufen und die anderen alten Damen freuten sich wie kleine Kinder. So hatten sie mit ihren Zahnlücken vor sich hin gegluckst und sich gegenseitig wehmütig an ihre alten Zeiten erinnert. Mit schmalen Lippen und alkoholtränenden Augen schwelgten sie in Erinnerungen. Silke hatte die Damen einfach hinreißend gefunden. Da war wenigstens noch Leben, da fand sie etwas, was sie bei den anderen vermisste. Im Hintergrund lebte der alte Holzmichel noch und die Organisatorin des Festes hatte ihre Bratwürste an wie eine Marktschreierin angeboten. Alle diese unliebsamen Geräusche ausblendend, hatte sich Silke auf ihren Kräuterschnaps und die gesellige Altdamenrunde konzentriert. Dann hatte sie sich kurz entschlossen und tapfer entschieden, auch die anderen Schnäpschen zu probieren. Nach dem zweiten anderen Schnäpschen nahm sie dann nur noch nebulös wahr, dass sie einige der Einheimischen auf diesem Fest ansahen, als hätte sie einen lebendigen Gorilla im Gesicht.
»Prima«, hatte sie vergnügt in sich hineingelallt. Sie war ja nun einmal ein Stadtkind gewesen und ihr Kleiderschrank mit wesentlich mehr Sachen gefüllt, als lediglich zwei Jogginghosen: eine für gut und eine für den Hof. Absichtlich hatte sie die unauffälligsten Sachen aus dem Kleiderschrank gefischt: eine Jeans und eine schwarze Sweatjacke. Schließlich wollte sie so unscheinbar und farblos wie möglich wirken. Erst recht wollte sie die Frauen des Dorfes nicht ärgerlich stimmen. Ihre Eitelkeit hatte an diesem Tag keine Priorität gehabt. Die langen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, damit sie nicht aus dem Rahmen fiel. Julian hatte vergnügt und lautstark mit den Jungen des Dorfes Fußball gespielt und schien sich wohlzufühlen. Sie hatte den Kindern zugesehen, die für ihre Sicht der Welt noch keinen Kräuterschnaps benötigten. Da ich ja eine gute Mutter bin, bleibe ich, hatte sie gedacht und sich auch nach ihren alten Zeiten gesehnt. Zeiten der bunten, lebendigen Stadt, der modernen Leute, eiligen Schritte, der Anonymität. Ihre Augen hatten bei ihren heroischen Gedanken wie wild flatternde Schmetterlinge geblinzelt.
»Ich trinke noch paar von diesen wunderbaren Kräuterschnäpsen. Danach sieht die Welt sicher anders aus«, hatte sie sich Mut zugesprochen.
Am Ende der Feierlichkeit, wenn man das so bezeichnen durfte, war Julian endlich müde gewesen und ihre Welt hatte tatsächlich anders ausgesehen, denn sie hatte einen dicken Kopf. Das hatte sie ja mit Bravour gemeistert. Vielleicht würde sie doch noch Freunde hier finden? Der Zustand in dem Dorf hatte sich jedoch nie geändert. Die anfängliche Idylle trübte sich allerdings zusehend, als eine Familie der Nachbarschaft versucht hatte, Harry und sie mit allen Mitteln aus dem Dorf zu ekeln. Solche Verhaltensmuster waren ihr vollkommen fremd gewesen, und ehe sie begreifen konnte, was sie bezweckten, hatte sie in einer Jahreszeit den Garten umgegraben und den Baum hinter dem Haus abgesägt. Zumindest liebte sie inzwischen die Natur, die Stille, das Zwitschern der Vögel, das Knacken der Äste und dieses Gefühl, mit der Natur eins zu sein, mit ihr zu verschmelzen. Ihre besten Ideen sammelte sie im Wald, umgeben von der reinen, beinahe unberührten Luft und mit der Klarheit einer von außen Unbeeindruckten. Das alles konnte ihr die Stadt nicht bieten. Die winzigen begrünten Orte, die es dort noch gab, wurden von Touristen bevölkert oder durch Häuser und feudale Gebäude ersetzt.
Inzwischen war sie am Ende des Dorfes, also der einen Straße, angekommen, wo ein älteres Haus stand. Es war von Herrn Walter bewohnt; er war schätzungsweise etwas älter als sie selbst und hatte einen jungen Schäferhund: Harry. War es Schicksal, dass der Hund genau so hieß wie ihr verstorbener Mann? Anfangs hatte Hunde-Harry immer gebellt, wenn sie vorbeigejoggt war. Er war eben ein echter Hofhund, also sprach sie immer mit ihm. In den ersten Wochen bellte er trotzdem weiter, wenn sie dem Hof nahekam. Eines Tages sagte sie:
»Harry, mein Lieber, ich bin es doch nur. Ich komme jeden Tag, das weißt du doch.«
Harrys Bellen war plötzlich verstummt. Er sah sie an und winselte leise. Silke hatte übersetzt:
»Okay, du hast mich überredet.«
Dann war er innerhalb des Hofes am Zaun mit ihr entlanggelaufen, bis sein Zaun endete. Sie sagte:
»Gleich komme ich wieder, Harry.«
Als habe er das verstanden, war er fast andächtig zurückgelaufen, um sich im Hof niederzulassen. Das wiederholte sich beinahe täglich. War Harry mit seinem Herrchen Gassi, war sie traurig und freute sich inständig, ihn bald wiederzusehen.
An diesem wunderschönen, sonnigen Tag freute sie sich besonders auf ihre Waldrunde. Endlich schien sich der Frühling anzumelden. Die ersten Vögel stimmten ihre Melodien an und in den Kronen der Baumwipfel schimmerte goldgelbes Licht. Silke hatte die sanfte Wärme genossen und fotografierte immer wieder neue Eindrücke auf ihrem Weg, die sie fesselten. Da war der Bogenbaum und der Gabelbaum oder die eitlen, sich in der Pfütze des letzten Regengusses spiegelnden Bäume, der vergessene Handschuh am Baumstumpf und die Wolken, die Figuren zeichneten. Da waren dieser Sonnenweg, mitten im Wald, und ihr Gefühl von Freiheit. Als sie zurückkehrte, stand der junge Schäferhund schon da und sah ihr entgegen. Sie verstanden einander.
»Harry, da bin ich wieder. Nur eine Stunde war ich weg.«
Wieder winselte Harry kurz und lief mit Silke innerhalb des Hofes in ihre Richtung am Zaun entlang. Wie immer machte sie an den Granitsteinen ihre Dehnungsübungen, trank gierig aus der Wasserflasche und schnallte den Sportgürtel ab. Harry saß am Zaun und sah ihr zu. Normalerweise trabte er nach wenigen Minuten gelangweilt zu seinem Herrchen zurück. An diesem denkwürdigen Tag aber sah er ihr fünfzehn Minuten lang tatsächlich zu. Silke lachte.
»Na, mein kleiner Racker?«, rief sie, als sie auf den Zaun zuging. Harry wedelte mit dem Schwanz. Herr Walter kam vom Holz schneiden.
»Er wartet jeden Tag auf Sie.«
Schüchtern lächelte er Silke an und sie war den Tränen nahe. Er wartet jeden Tag auf Sie. Wer wartete schon jeden Tag auf sie? Kein Mensch jedenfalls. Sie war noch nie für Dorfgeschwätz. Nun hielt sie eins. Über Gott und die Welt, ein angeregtes erfrischendes Gespräch. Sie war sehr überrascht, dass auf diesem Fleckchen Erde, am Ende des Dorfes, ein so interessanter und gesprächiger Mensch wohnte. Er lebte zurückgezogen. Herr Walter war Lehrer, siehe da. Sie sprachen über Bücher, über die Gesellschaft, über Menschen und den Verfall von Werten. Ihre Einstellung zu den Dingen teilte er und begründete es sogar. Er war etwas kleiner als sie, was keine Kunst war bei ihrer Größe. Selbst ihr Menschen-Harry war gerade so groß wie sie gewesen und sie hatte auf Absatzschuhe verzichten müssen. Herr Walter war an den Haaren bereits ergraut, von schlanker Gestalt und trug eine Brille. Insgesamt war Harrys Herrchen eher ein unauffälliger Geselle. Das war er auf dem ersten Blick. Silke sah ihm in die Augen und er hielt ihrem Blick stand. Ein gestandener Mann mit ausgesprochener Liebe zur Natur, das war er. Seine ruhige, ausgeglichene Art imponierte ihr. Wenn sie sich in der Nähe eines Menschen wohl, irgendwie aufgehoben fühlte, dann waren es jene, deren unerklärliche Ruhe auf sie wirkte. Keine ihrer Freundinnen, außer Birgit, die Psychologin, hatte diese Ruhe. Das war mit sanften Wellen zu vergleichen, auf denen sie sich treiben lassen konnte.
Als sie zu ihrem Haus zurückkehrte, funkelte die Abendsonne in ihre Augen. Auf dem See am Ende des Dorfes schimmerte es kupferfarben mit jadegrünen Streifen. Der Himmel wurde blaugrau und die Wiesen begannen sich zu verändern, als wäre ein Nieselregen auf sie niedergegangen. Aufgewühlt ging Silke nach Hause. Dort, am Ende dieses kleinen Ortes, wohnte ein tierischer Harry, der sie vermisste. Damit hatte sie nicht gerechnet. Erschöpft, aber glücklich und heiß geduscht sank sie zurück in ihre Einsamkeit, die heute anders aussah: Sie trug ein schönes, farbenfrohes Kleid zur Feier des Tages.
5. Kapitel
Seltsame Überraschungen
»Ja, wie dir sicher nicht entgangen ist, tu ich das oft;
mich mit Essen trösten.«
Martha
Chef senior hatte Urlaub. Dafür hampelte der Junior wie ein Aufziehmännchen durch das Büro. Ganz so junior sah er zudem nicht mehr aus, wie er vorzugeben versuchte. Die Überproduktion seiner Schweißdrüsen war offenbar ein Gendefekt. Als Silke direkt vor ihm stand und er sie fragte, ob sie den Beschluss des Amtsgerichts zur letzten Klage der Schüsslers für den Versand bereit hätte, stieg ihr ein beißender Geruch in die Nase. Vor ihrem inneren Auge erschien das fatale Versäumnis des vergangenen Sommers, als sie vergessen hatte, einen Rest Gulasch zu entsorgen, bevor sie für zwei Wochen in den Urlaub gefahren war. Bei der Rückkehr war der Gestank in ihrer Küche betäubend gewesen. Und genau solche Partikel wehten ihr nun vom Juniorchef entgegen. Vielleicht erhöhte der Ärger über die Familie Schüssler seine Schweißproduktion. Diese Familie hatte es sich zum Hobby gemacht, vor Gericht zu klagen – und sei es um die abgebrochene Nase eines Gartenzwergs. Der Gedanke: Bei jedem Atemzug, den ich mache, stirbt ein Mensch, traf hier wohl zu. Ob die Stuten-Martha ihn noch küsste? Silke schüttelte sich.
»Ist Ihnen kalt?«, fragte der Junior, fast schon besorgt, und wieder erreichte sie der Müllkippenwind. Indes kam die liebe Martha hereingeeilt. Sie rauschte an ihrem Angetrauten vorbei und beachtete ihn nicht im Geringsten.
»Martha, schön, dass du da bist«, hörte sie in tadelndem Ton den ehemaligen Heißsporn rufen. Nun war sie gespannt.
»Könntest du so nett sein und mir einen Kaffee bringen?«
Gerade wollte sie schnurstracks in Richtung ihres Arbeitsplatzes gehen, da drehte sich Martha abrupt um.
»Natürlich, gern!«
Das sprach sie in dem Tonfall von »Du Arsch!« aus. Ihre Augen funkelten. Als sie an Silke vorbei auf die Küche zusteuerte, hörte sie Martha wütend zischen:
»Zu Hause fragst du nicht so freundlich!«
Aha, da lag der Hase im Pfeffer. Zu gern wollte Silke wissen, wer oder was noch im Pfeffer lag. Sie wartete eine Minute, um dann aufzustehen und gemächlichen Schrittes die Küche aufzusuchen, die sich nur zwei Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt befand. Martha hatte da etwas im Blick, was sie stutzig machte. Das war nicht nur ein kleiner Ehestreit, nicht nur eine kleine Wut. Da war mehr. Oder alles? Unauffällig ging sie auf die Küche zu und lehnte sich an den Türrahmen. Marthas aggressive Stimmung war im Raum beinahe greifbar. Sie faltete hektisch den Kaffeefilter, der Silke beinahe leidtat, und schüttete einen Großteil Wasser nicht in den dafür vorgesehenen Behälter, sondern daneben, fluchte, wischte das vergossene Wasser mit fahrigen Bewegungen weg und – weinte.
»Langsam, warte, ich helfe dir«, sagte Silke leise. Martha drehte sich erschrocken um. Sie war so mit ihrer Wut beschäftigt gewesen, dass sie Silke nicht bemerkt hatte.
»Geht schon!« Martha schniefte.
»Nein, es geht eben nicht. Ich mache den Kaffee für deinen Mann.«
Silke nahm einen Stuhl vom Küchentisch, stellte ihn verkehrt herum in die Küche und schloss die Tür.
»Komm. Setz dich bitte. Mach mal eine Pause und atme tief durch. Das hilft manchmal.«
Martha blinzelte sie erstaunt, aber dankbar an. Zwischen ihren Wimpern glitzerten Tränen. Betont ruhig setzte Silke die Kaffeemaschine in Gang. Dann holte sie zwei ihrer Lieblingsjoghurts aus dem Kühlschrank und reichte Martha einen davon, setzte sich neben sie und gab ihr einen Löffel. Martha lächelte. Ein gutes Zeichen!
»Manchmal muss man einfach etwas essen, oder?« Silke legte der verzweifelten Frau kurz die Hand auf die Schulter.
»Ja, wie dir sicher nicht entgangen ist, tu ich das oft; mich mit Essen trösten.«
Silke dachte: Du wolltest Müllkippen-Junior doch unbedingt haben …, aber sie verkniff es sich, etwas zu sagen. Martha tat ihr leid. Und dann, als hätte die Frau Silkes Gedanken gehört, sprudelte es aus ihr heraus:
»Ich wollte den Sohn vom Stinkerwilli ja unbedingt haben. In den Arsch beißen könnte ich mich dafür, der ja jetzt genug Platz für die Bisse einer ganzen Nation hat!«
Sie lachte ein verzweifeltes Lachen, um gleich danach wieder in Tränen auszubrechen.
»Unser Sohn leidet auch unter ihm.«
Ach stimmt, da war ja noch so ein kleiner Kugelblitz. Silke war immer der Meinung gewesen, hässliche Kinder gäbe es nicht, ebenso wie keine hässlichen Erwachsenen. Es gab Menschen, die besonders aussahen, ungewöhnlich. Hässlich wurden sie nur durch ihre Art, ihren Charakter, ihr Auftreten. So auch diese kleine Hüpfburg. Silke hatte ihn ein einziges Mal erlebt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als dieses Kind nie wiedersehen zu müssen. Er schrie nicht; nein, er krähte, rannte durch das Büro, zog alle Schubläden auf, krachte sie wieder zu, riss nacheinander alle Türen auf, knallte sie zu und kreischte dabei ununterbrochen wie ein Zalando-Model. Und die Eltern? Martha war dem Kind hilflos hinterhergerannt und hatte einen puterroten Kopf bekommen. Der Junge machte unbeeindruckt weiter. Er habe ADHS, so lautete die kleinlaute Erklärung der Ex-Büro-Pink-Schönheit. Silke sah Martha nachdenklich an.
»Worunter leidet der Junge bei deinem Mann, Martha? Magst du darüber reden?«
Diese schluchzte immer noch.
»Ich weiß nicht, ob das gut ist, mit dir darüber zu sprechen. Immerhin ist er dein Chef«, gab sie zu bedenken.
»Martha, kennst du mich inzwischen ein bisschen?«
Sie nickte und es flossen neue Tränen.
»Am Anfang war er nett, ungefähr das erste Jahr. Dann ging er in den Puff und sah sich heimlich Pornos an. Okay, dachte ich, damit müssen andere Frauen auch leben.«
Mussten sie das? Silke zweifelte daran. Vielleicht gab es doch noch Männer, die sich mit einer Frau zufriedengaben? Egal, sie wollte alles wissen. Es wurde gerade richtig interessant.
»Dann aber«, Martha stockte kurz, »… begann er, immer mehr von mir zu verlangen. Nicht nur im Bett, auch im Haushalt. Er macht inzwischen gar nichts mehr. Ich rotiere, vor allem, seit unser Sohn geboren ist. Der Herr geht nur noch shoppen oder herumhuren. Er beleidigt mich zu Hause, jagt mich durch die Gegend, erteilt Befehle. Er ist ein Arsch, der größte, den ich kenne.«
Pause.
»Außer meinen.«
Silke wollte nicht lachen, nein, auf keinen Fall! Nicht lachen! Aber als Martha sie durch ihre tränenverschleierten Augen verschmitzt ansah und sie regelrecht aufforderte, genau das zu tun, gab es keinen Halt mehr. Martha stimmte in das befreiende, herzhafte Lachen mit ein. Sie hielt sich dabei an Silkes Arm fest, eine ungewöhnliche Situation. Ihr Lachen schallte durch das Büro, und es kam, wie es kommen musste. Die Tür wurde aufgerissen und der gewichtige Kotzbrocken stand im Rahmen mit weit aufgerissenen Augen – sie erinnerten Silke an den Träumer Hans. Beinahe hätte sie noch weiter und viel lauter gelacht, wenn nicht der erstarrten Martha der Schrecken im Gesicht gestanden hätte.
»Was gibt es hier zu lachen? Haben die Damen keine Arbeit?«, fauchte er die beiden an, sah aber dabei zu Martha.
»Ach, wissen Sie, haben Sie schon mal etwas von einer guten Arbeitsatmosphäre gehört? Sie soll die Leistungsfähigkeit steigern. Ihr Herr Vater hat Sie doch sicher adäquat in die Leitungsebene eingearbeitet?«
Ruhe. Silke saß entspannt und ruhig auf ihrem Stuhl und tastete mit der linken Hand nach Marthas, fand sie und streichelte sie kurz.
»Aha. Na dann, an die Arbeit, nicht wahr? Da kommt ja jetzt Konstruktives!«
Er klatschte in die Hände und zeigte ins Büro. Inzwischen hatte sich Martha die Tränen abgewischt und lief rotwangig an ihren Arbeitsplatz zurück. Zwei Stunden später machte sie Feierabend, um den Sohn aus der Kindertagesstätte abzuholen. Beim Verlassen des Büros reichte sie Silke einen Zettel, auf dem stand:
Ich weiß nicht, wie ich das verdient habe, dass du so nett zu mir bist. Du hast mir den Tag gerettet, auch den meines Sohnes. Denn heute werde ich nur noch lachen. Ich sage einfach nur DANKE.
6. Kapitel
Schröders Geschichten
»Wer nie gegen tobenden Sturm läuft,
wird auch von der Windstille nichts erfahren.«
Lydia Schröder
Schröders zu besuchen bedeutete immer etwas Besonderes. Als Silke aus dem Haus trat, fiel ihr im düsteren Licht der Straßenbeleuchtung auf, dass der Sommer sich langsam zu verabschieden begann. Drei Monate flossen dahin, ohne eine Änderung in ihrem Leben, sei es zum Guten oder Schlechten. Silke fühlte die Magie, wenn die Bäume mit jedem Tag etwas mehr ihre nackte Haut preisgaben und sich die Luft nach und nach immer frischer anfühlte. Sie atmete tief ein und klingelte beim Nachbarhaus. Frau Schröder öffnete und trocknete ihre Hände an der umgebundenen Schürze ab. Die Frauen von damals trugen noch Schürzen. Silke fand das beruhigend; es erinnerte sie an ihre Großmutter väterlicherseits. Das Gesicht, ihre weiche, blasse Haut mit den tiefen Falten und den lebendigen, dunkelgrauen Augen, erschien vor ihrem inneren Auge. Es war die Zeit, da anständige Ehefrauen Schürzen getragen, Wäsche gebleicht und gern gekocht hatten. Auf ein besonderes Essen hatte man sich noch gefreut, denn es war nicht selbstverständlich gewesen. Frau Schröder ähnelte Silkes Großmutter. Nur ihre Augen waren anders besonders. Die jadegrüne Farbe von Frau Schröders Augen war Silke gleich aufgefallen, als sie die Nachbarin Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Etwas Mystisches strahlte aus ihnen. Wahrscheinlich waren deshalb im Mittelalter Menschen mit grünen Augen oft als Hexen oder Hexer bezichtigt worden. Frau Schröder unterbrach Silkes Gedanken:
»Hereinspaziert, hereinspaziert, Sie werden sehnsüchtig erwartet, meine Liebe!«
Sie zwinkerte und die Mystik war verschwunden. Eine moderne Dame, die ihre alte Zeit nicht vergessen hatte und trotzdem mit der neuen ging.
»Mein Mann ist immer ganz aufgeregt, wenn Sie uns besuchen«, flüsterte sie Silke zu und führte sie ins Wohnzimmer, in dem sich nie etwas veränderte – außer den Blumensträußen.
»Da kommt sie ja, die schöne Silke!«, rief Herr Schröder begeistert aus und führte sie zu »ihrem« Stuhl, wo sie immer saß, wenn sie zu Besuch kam, dort, wo sie sich auch wie zu Hause fühlte, wo sie »andocken« konnte. Frau Schröder verschwand in der Küche und kehrte mit einer dampfenden Schüssel zurück.
»Ich wollte Ihnen doch schon immer mal eine original Omas schlesische Leberkloss-Suppe kochen und hoffe, Sie haben ein wenig Appetit mitgebracht.«
Silke staunte und roch an der Suppe.
»Lecker!«
Tatsächlich hatte sie Hunger. Wenn sie allein war, vergaß sie oft zu essen. Es machte keinen Spaß, sich an den Tisch zu setzen und vor sich hin zu starren. Als die Teller auf dem Tisch standen und sie zu essen begannen, schlürfte Silke genüsslich die köstliche Suppe und wollte gar nicht mehr aufhören.
»Das ist ja eine süffige Hitparade der Aromen«, schwärmte sie und nahm sich einen zweiten Teller.
»Wie war Ihr Tag heute?«, fragte Frau Schröder.
»Ganz gut.«
Sie erzählte von Martha, die sie nie gemocht hatte, die ihr heute aber leidgetan und der sie den Tag hatte retten können. Frau Schröder lachte, als sie zu Marthas Selbstironie gelangte.
»Vielleicht ist sie gar nicht so schlecht, wie Sie immer dachten. Manche Menschen sind nur geprägt von ihrem Leben, setzen die falschen Prioritäten«, meinte Frau Schröder. Ihr Mann funkelte sie an.
»Gerade du, du sagst so etwas? Wo du mir immer predigst, es gibt kein Richtig oder Falsch? Wer bestimmt denn – so deine Worte –, was richtig oder falsch und was verrückt ist? Wer setzt denn die Normen, hm?«
Silke lachte.
»Frau Schröder, Sie sind ja eine richtige Psychologin! Das hätte ich nicht gedacht!«
Die alte Frau schenkte ihr einen Bordeaux nach, wollte bei ihrem Mann fortfahren, der aber mit der Hand das Glas abdeckte.
»Ja, genau. Das ist sie.«
»Siggi, weißt du, das muss nicht sein«, grummelte Frau Schröder. Jetzt erst begriff Silke.
»Was? Sie sind, Sie waren wirklich Psychologin?«
Ein Schulterzucken und Nicken der alten Dame folgten, als müsse sie sich dafür entschuldigen.
»Es kamen sehr spannende Menschen in meine Praxis. Menschen, die mit dem, was um uns geschah, nicht umgehen konnten, die sich nicht ›richtig‹, nicht gut platziert fühlten.«
Jetzt war Silke auch klar, warum sie sich immer so beobachtet gefühlt hatte und es ihr trotzdem nie unangenehm war.
»Das ist wirklich eine Überraschung für mich. Meine Freundin Birgit ist auch Psychotherapeutin, in einer Suchtklinik. Bei ihr habe ich oft das Gefühl, sie fragt mich bei jedem Problem in meinem Leben: ›Und wie fühlst du dich jetzt?‹ – Schrecklich.«
»Eine Berufskrankheit«, stimmte Frau Schröder zu und lachte laut. Fröhlich räumten die Frauen gemeinsam den Tisch ab.
»Wollen wir noch das Geschirr spülen?«, fragte Silke.
»Um Himmels willen! Ich habe einen Geschirrspüler, die Zeiten des Spülens sind längst vorbei!«
»Sie sind eben modern.«
Frau Schröder sah auf.
»›Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit‹. So sagt man doch.«
Mit geübten Griffen räumte sie das von Silke gereichte Geschirr in die Spülmaschine und pfiff dabei. Warum konnte ihre Mutter nicht so liebenswert sein? Nein, sie hatte eine Furie »erwischt«. Als sie zum Tisch zurückkehrten, fragte Frau Schröder unvermittelt:
»Silke, da war doch vor einiger Zeit so ein seltsamer …, ich meine, außergewöhnlicher Mann bei Ihnen. Glauben Sie mir bitte, ich bin nicht neugierig. Siggi und ich haben uns für Sie gefreut. Aber er war nicht lange da und er kam auch nicht wieder. Danach wirkten Sie etwas verstört.«
Verstört? Das war Silke gar nicht bewusst gewesen. Sie glaubte eher, sie hätte sich erleichtert gefühlt. Nun war sie an der Reihe.
»Das war ein Irrer. So was, was bei Ihnen früher sicher auch in die Praxis kam. Der hatte irgendeine psychische Störung, den Namen habe ich schon wieder vergessen.«
Frau Schröder atmete schwer auf.
»Das ist gar nicht gut. Ich sage es nicht gern, aber das ist furchtbar. Leider weiß ich, wovon ich spreche. Sie müssen mir also gar nichts weiter erzählen.«
Sie reichte Silke ein hübsches Kristallglas mit Salzstangen und forderte sie auf zuzugreifen. Silke nahm einige Salzstangen und knabberte gedankenverloren. »Wer nie gegen tobenden Sturm läuft, wird auch von der Windstille nichts erfahren.« Die Nachbarin sah Silke in die Augen, die in diesem Moment aufhörte zu kauen.
»Und nun? Möchten Sie sich weiter nach einem Partner umsehen oder lieber alleine bleiben?«
Herr Schröder grinste.
»Also wirklich, Lydia. Das muss doch nicht sein. Am Ende verscheuchst du unsere Nachbarin, wenn du sie so ungehörig aushorchst!«
Er tätschelte Silkes Arm.
»Nein, nein, es ist in Ordnung, wirklich. Meine Mutter interessiert sich nicht für mich, da bin ich froh, wenn jemand an meinem Leben teilnimmt.«
Frau Schröder nickte, als wisse sie das bereits.
»Ich weiß nicht, ich muss mich wohl entscheiden. Ich will nichts mehr auf Krampf, aber manchmal scheint mir, ich würde unter Torschlusspanik leiden. Überhaupt finde ich Entscheidungen immer sehr schwierig.«
Die Lider gesenkt und die Hand an ihrem Glas, sagte die alte Dame:
»Unser ganzer Lebensweg ist mit Entscheidungen gepflastert. Oft haben wir Angst, die falsche zu treffen und dann mit den Konsequenzen leben zu müssen. Wir haben so viele Gedanken, was alles schiefgehen könnte, dass wir uns davor fürchten. Und je älter man wird, desto schwerer wird es, sich zu entscheiden. Ich möchte Ihnen etwas erzählen, Silke, eine kleine Geschichte. Es war an einem Sonntagmorgen, ich war erst fünfzig Jahre alt und hatte meinen zweiten Sohn verloren. Wussten Sie das?«
Silke schluckte schwer. Das wusste sie nicht. Frau Schröder hatte ihren Sohn verloren? Das war schlimmer, als den Ehemann zu verlieren. Ein Kind sollte niemals vor den Eltern gehen. Ihre Augen wurden feucht. Doch sie wollte die Geschichte hören und schüttelte nur den Kopf. Frau Schröder lächelte wieder ihr weises Lächeln, dieses besondere.
»Unser Sohn litt an einem Aneurysma, einer gefährlichen Gefäßerkrankung, die vorher nicht erkannt worden war. Ich befand mich lange in einer Art Schockstarre, funktionierte wie eine Maschine, ging weiter arbeiten in die Praxis, hörte mir das Leid fremder Menschen an und fühlte mich leer. Das Begreifen setzte erst nach und nach ein. Aber unser Leben änderte sich viel schneller. Manche Freunde wandten sich von uns ab. Einst gute Bekannte wechselten die Straßenseite, wenn sie uns sahen. Es war schlimm. In dieser Zeit habe ich viel über Menschen gelernt. Ich war nur noch ein Schatten meiner Selbst und musste mich entscheiden. Wollte ich mich im Schmerz vergraben oder weiterleben?
An einem Morgen, als alles im Dorf noch schlief, umgab mich eine wunderbare Ruhe. Ich atmete die kühle Morgenluft tief ein und streckte mich. Endlich konnte ich mich langsam in Bewegung setzen und wieder einmal spazieren gehen. Ich entschloss mich, einen anderen Weg als den mir gewohnten zu nehmen. Es verging eine Stunde, ehe ich einen verlassenen Bauernhof entdeckte. Ich liebte diese verlassenen Häuser, die mir Geschichten erzählen konnten, die meine Fantasie lebendig werden ließen. Aber diesmal war es nicht das alte Gemäuer oder die ziemlich graue, melancholisch wirkende Umgebung.
Irgendetwas schimmerte in meinen Augenwinkeln, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Und da sah ich sie, eine gelbe Rose. Sie stand einsam zwischen vertrocknetem Gestrüpp, alten verdorrten Apfelbäumen. Es sah so aus, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie leben oder sterben wollte. Ihre Blüten glänzten beinahe schüchtern, doch ihre Blätter hingen trostlos welk an ihr herab. Ich bückte mich, nahm ein Häufchen Erde in meine Hand und rieb sie zwischen meinen Fingern. Sie war vertrocknet. Der Mutterboden bot der gelben Rose keinen Nährstoff mehr. Vor dieser Rose blieb ich lange stehen, betrachtete das vergängliche Leben in ihr. Wie sah sie einst aus? Wer pflegte und hegte sie früher? Wer erfreute sich einst ihrer Schönheit? Vorsichtig sah ich mich um. Pflückte ich die Rose, erginge es ihr dann besser als hier auf diesem elenden Boden, auf verwahrlostem Grund? Oder raubte ich ihr damit die Freiheit, die Luft zum Atmen? Wie würde sie sich fühlen, abgebrochen in einem Wasserglas? Wie lange könnte sie noch bewundert werden, bevor ihr Leben für immer verginge? Oder würde sie lieber allein verwelken an einem ihr vertrauten Ort?
Eilig drehte ich mich um und lief weiter, ohne zurückzublicken. Es fiel mir schwer, mich zu entscheiden. Nach einer ruhelosen Nacht erwachte ich sehr früh. Der Tau schien die Gräser wie einen Mantel zu bedecken. Die Katze des Nachbarn saß aufmerksam auf dem Mauersims vor unserem Haus und bewegte sich nicht. So stand ich am Fenster, knabberte an einem trockenen Brötchen und bewunderte das Morgenbild. An anderen Tagen hätte mich dieses Bild so fasziniert, dass ich mich nicht freiwillig davon losgerissen hätte wollen. Doch mich erfasste eine seltsame, aufwühlende Unruhe. Immer wieder sah ich die Rose vor meinem geistigen Auge, die in meinem Traum als einsame, traurige Fee weinend im Schmutz kniete. ›Alle sind gegangen‹, hauchte sie mir zu. Mit diesen Worten der Fee schreckte ich aus dem Schlaf auf. Was sie wohl meinte?
Hastig kleidete ich mich an und lief zu dem alten Bauernhof. Ich suchte die gelbe Rose, wusste ich doch genau, wo sie stand. Einen Augenblick lang zweifelte ich an meiner Vernunft. War denn alles nur ein Traum gewesen? Doch als ich genauer hinsah, erinnerte ich mich; hier hatte sie gestanden, die gelbe Rose. Zwei zartgelb schimmernde Blütenblätter hingen zwischen den Grashalmen, die ein Hauch des Windes umschmeichelte. Jemand hatte die gelbe Rose gepflückt. Jemand, der sich entscheiden konnte.«
Tränen. Sie waren das Einzige, was Silke an diesem Abend blieb. Sie stand auf, hockte sich zwischen die Stühle der zwei alten Leute und legte ihre Arme um sie. Herr Schröder weinte bitterlich und lächelte dazu.
An diesem Abend konnte Silke kaum Ruhe finden. Frau Schröder war eine überaus faszinierende Frau; weise, freundlich, mütterlich, liebevoll. Sie hatte in manchen Minuten die Ausstrahlung eines jungen Mädchens, im nächsten Moment konnte man die Lebensspuren und den Charme alter Menschen an ihr erkennen.
»Ich will auch mal so sein wie sie.«
Mit diesem Gedanken kuschelte sie sich in ihre Decke und schlief ein.
7. Kapitel
Die Ü40-Party und Reini kehrt ein
»Ihr benehmt euch gerade schwer spätpubertär!«
Sandra
Anett, die Nervensäge, hatte Silke überredet, zu dieser Party der Vergessenen in »Fortunas Licht« mitzukommen. Im Moment hatte sie sogar Lust darauf, und zwar auf Studien an Menschen. Es war schließlich Samstag, »müllkippenfreier« Tag sozusagen. Das sollte sie feiern. Schlimmer als die Wochentage konnte es nicht werden. Beschwingt machte sie sich am Abend zurecht. Was sollte sie nur anziehen, um dort nicht aufzufallen? Zu wenig chic – da fiele sie sicher auf. Eine wollte mehr glitzern als die andere. Zu viel? Ging auch nicht. Da würde sie eine ganze Herde Frauen gegen sich aufbringen. Sie sah sich schon beim Frauenwrestling. Zwei Stunden brauchte sie, ehe sie sich entschied: schwarzer Rock, zehn Zentimeter über dem Knie mit einer silber-schwarzen Bluse, die nur minimal glänzte. Die Haare blieben, wie sie waren. Ein wenig Make-up, Lidschatten. Die Show konnte beginnen. Gegen achtzehn Uhr nahm sie ihren Mantel, um Anett und Sandra abzuholen, und war gespannt, wie sich die beiden verkleidet hatten. Bei Anett konnte sie es ahnen, die ging eher in gedeckten Farben und schämte sich ihrer Weiblichkeit. Nur bei Sandra war sie sich nicht sicher. Nach ihrem starken Gewichtsverlust hatte sie sich die Haare ungünstigerweise kürzen lassen und verpasste ihnen regelmäßig massig Locken, die seltsam struppig aussahen. Auch ihre Kleidung war mehr als gewöhnungsbedürftig. Silke fand es trotzdem spannend, denn das machte ihre Freundinnen aus.
Anett wohnte nur fünf Kilometer von Silke entfernt. Gut, dass es Smartphones gab. Eine Nachricht über WhatsApp und bei ihrem Eintreffen stand Anett schon vor der Tür. Sie winkte Silke überschwänglich zu. Na, prima. Bereits jetzt war sie aufgescheucht wie ein Huhn; das konnte lustig werden. Als Anett näher kam, stockte Silke kurz der Atem. Ihre Freundin war bekanntermaßen ein Vollweib, wogegen nichts einzuwenden war. Vollweiber konnten sehr gut aussehen, wenn sie ihre Kurven geschickt in Szene setzten. Das richtige Kleid, die richtigen Hosen und Oberteile, und sie waren ein absoluter Hingucker. Wie sooft lag Anett auch an diesem Abend in ihrem Outfit vollkommen daneben. Sie trug ein knallrotes, hautenges Kleid, das nicht nur ihren Bauch und die Röllchen an Taille und Hüfte zeigte, sondern sie über Gebühr hervorhob, dabei aber ihre eigentlichen Vorzüge untergrub. Die blonden Haare musste sie wohl atomblond nachgetönt und auftuppiert haben. Sie sah aus wie die blondierte Tina Turner nach monatelanger Essorgie. Stolz drehte sie sich vor Silkes Auto.
»Na, wie sehe ich aus?«
»Anett …«
Silke wollte die Wahrheit sagen, denn sie mochte ihre Freundin.
»Anett …«, setzte sie wieder an.
»Da bist du baff, oder? So hast du mich noch nie gesehen!«
In der Tat. So hatte sie die Freundin noch nie gesehen und hätte gern darauf verzichtet.
»Fühlst du dich wohl? Das ist doch die Frage …«, versuchte Silke einen weiteren Anlauf, Anett diskret auf eventuell andere Reaktionen als erhofft hinzuweisen.
»Und wie! Ich habe fünf Kilogramm verloren, endlich passe ich in dieses hinreißende Kleid!«
Wo? Am kleinen Zeh? Okay, halt den Mund, Silke, halt nur den Mund!, schrie sie sich in Gedanken an. Anett quälte sich auf den Beifahrersitz. Das Kleid war viel zu eng. Offenbar konnte sie sich kaum bewegen.
»Hihi!« Sie lächelte unbeholfen.
»Fertig?«, fragte Silke, die kaum hinsehen konnte. Erst kam der Hintern auf den Sitz, dann drehte sie ihn mit geschlossenen Beinen, die sie mit beiden Händen unter den Knien haltend anhob. Silke erinnerte sich an den Transport ihrer Mutter nach deren Hüftoperation, die damals genauso vorsichtig und umständlich hatte einsteigen müssen.
»Ja, fertig, wunderbar, einfach Klasse!« Anett war wieder glücklich. Silke auch.
Es ging weiter zu Sandra.
»Schick ihr eine Nachricht, damit wir nicht warten müssen«, bat Silke ihre sehr aufrecht sitzende Beifahrerin. Tatsächlich stand Sandra wie eine Eins vor ihrer Haustür, als das Damentaxi vor der Einfahrt hielt. War das wirklich Sandra? Kaum zu glauben! Hatten die zwei heute ihre Rollen vertauscht, oder war Sandra jetzt Stammkundin bei der Typberatung? Was war mit der Frau passiert? Ungefähr vier Monate zuvor hatte Silke ihre Freundin das letzte Mal gesehen. Seitdem wog sie einige Kilogramm mehr, was ihr sehr gut stand. Die Haare waren geglättet und umrahmten in dezent blonden Strähnen ihr Gesicht. Sie trug unter ihrem offenen grauen Mantel einen schwarz-grauen Rock und ein hellgraues Oberteil mit leichten bordeauxfarbenen Glitzerfäden. Anett und Silke saßen mit offenem Mund im Auto und starrten ihre Freundin an. Nur die, natürlich zum Outfit passende, schwarz-graue Brille erinnerte an die »alte Sandra«. Silke kamen die Tränen, als Sandra lächelnd auf ihr Auto zusteuerte. Was war sie nur für ein Emotionsbolzen?
»Mädchen, was ist mit dir los? Dir verläuft noch die Schminke«, lächelte Sandra.
»Was ist mit dir los, diese Frage stellt sich eher!«, krächzte Silke und sah ihre Freundin bewundernd an.
»Wann habe ich deine Wandlung versäumt, hm?« Sandra kicherte.
»Ich kenne da eine Dame, die mir oft unmissverständlich klarzumachen versuchte – und manchmal ›von hinten durch die Brust ins Auge‹ –, dass ich aussehe, als wollte ich mit Kleidung von Gucci für die Welthungerhilfe Werbung machen. Wo hast du das eigentlich hergehabt?« Sandra prustete los.
Silke saß wie versteinert auf dem Fahrersitz. So etwas Böses hatte sie zu Sandra gesagt?
»Es hat doch gewirkt, wie du siehst, oder? Komm, entspann dich doch mal. Ich weiß ja, von wem es kam«, munterte Sandra die verdutzte Freundin auf.
Anett, bisher nur stumme Zeugin der Szene, begann zu lachen.
»So ist sie, unsere Silke, immer für einen Spaß zu haben, nicht wahr?«, rief sie und stieß Silke mit dem Arm in die Seite, die sich wieder fing.
»Du siehst jedenfalls umwerfend aus. Wie du diese Verwandlung hinbekommen hast, erzählst du uns später, ja? Unbedingt! Ich will alles wissen! Vielleicht wird ja aus mir auch noch was?«, meinte Silke, nachdem sie sich einigermaßen gefangen hatte.
Die beiden Frauen gackerten wie die Hühner und Silke startete. The Show must go on.
Vor der Kneipe tummelten sich bereits einige Gäste. Die meisten von ihnen rauchten und standen in Grüppchen. Damen und Herren noch für sich, verstand sich.
»Ach du Schande! Der erste Eindruck ist schon niederschmetternd«, flüsterte Sandra Silke zu, die daraufhin nickte.
»Lass uns reingehen, schlimmer kann es nicht werden!«
Anett zerrte ununterbrochen an ihrem Kleid und versuchte, kleine Schritte zu machen. An der Fassade von »Fortunas Licht« prangerte das Motto des Abends: »Älternabend mit den besten Hits aus den Achtzigern und Neunzigern.« Sollte sie lieber gehen? Diese Hinterwäldler! Den Älternabend hatten sie geklaut, das war irgendeine erste »Mumienshow« in München, noch weiter früher. So weit früher, dass deren Gäste bestimmt schon längst kalt gewesen waren. Nicht mal eigene Ideen hatten die … Egal. Schon jetzt bereute Silke, mitgekommen zu sein und dann auch noch in diese Kaschemme. Wie hatte sie sich dazu hinreißen lassen können, irgendwo hinzugehen, wo die Nichtzugehörigkeit zum Zeitgenössischen bereits im Namen geführt wurde? Und wo die meisten hier in dieser Nacht für alles, wirklich für alles, offen und dankbar waren? Wo man schon im Motto erbarmungslos daran erinnert wurde, dass die Jugend höchstens noch melancholische Erinnerungen sein konnten? Wenn man von 2020 zurückrechnete … Immerhin hieß Fortuna »Macht des Schicksals«. Hoffentlich verhieß das nichts Schlimmes.
Ehe sie es sich noch anders überlegen würde, betraten sie die »Senioreneinrichtung«. Oha! Die hatte ihr Innenleben zumindest heute verschönt. Es wirkte sauber und die äußerst spartanische Einrichtung mit alten Holztischen, noch älteren Stühlen und den altmodischen Lampen aus Zeiten der DDR (passend zu den Partygästen) wurde mit warmem, gedämpftem Licht wettgemacht. Wenigstens was! Die Tische waren einigermaßen geschmackvoll dekoriert. Auf jedem Tisch stand ein kleiner, »natürlich künstlicher« Blumenstrauß und eine Kerze auf weißem Tischtuch. Mehr konnte man hier nicht erwarten. Die Frauen sahen sich um und wählten ihren Tisch. Zum Tanzen war nicht gerade ausnehmend viel Platz, aber er würde reichen – sofern hier überhaupt getanzt wurde. Seit dem Rauchverbot in Gaststätten sah man bei längeren Veranstaltungen die Gasträume meist zur Hälfte leer und davor Menschenansammlungen. Außerdem herrschte in den Kneipen eine Fluktuation wie auf dem Bahnhof.
Ihr ausgewählter Tisch befand sich am Ende der Kneipe, sodass die Frauen alles überblicken konnten.
»So habe ich das gern«, grinste Sandra und nahm den beiden anderen die Mäntel ab, hängte sie an den Haken und verschwand in Richtung Toilette.
»Hallo, und einen schönen guten Abend!«, plärrte eine kratzig tiefe Stimme. Frau oder Mann? Frau. Schien zumindest so. Fortunas Wirtin, besser gesagt, offenbar Fortunas Urgroßmutter, kam aus der Küche und begrüßte Silke und Anett.
»Zauberhafte Frauen, zau-ber-haft!«, donnerte sie, das letzte Wort affektiert dehnend.
»Da werden sich unsere Männer aber heute um Sie scharen!«
Die Chefin, die wahrscheinlich noch gar nicht so alt war, aber mit zentnerweise Indianerbemalung so aussah, entblößte ihre Zähne, schniefte auffällig laut und rief:
»Habt Fun, Ihr hübschen Hühner!«
Dazu lachte sie wie Hexe Baba Jaga und verschwand erst mal hinter den Tresen. Die dünnen grauen, vermutlich ehemals blonden Haare hatte sie zur Feier des Tages hochgesteckt. Silkes Blick wanderte an ihr hinunter, denn sie stand jetzt seitlich zum Tresen. Oh nein! Eine Verschlimmbesserung sozusagen! Ein türkis-rosa hautenges Oberteil, in der Art »Plastik Doll Kostüm« und dazu eine glänzende, ebenso hautenge Leggins. Das ging gar nicht! Hatte die Frau die Zeiten verschlafen? Anett kicherte:
»Oh mein Gott! Erspart mir keiner dieses Elend?«
Anetts Outfit war an diesem Abend auch nicht gerade Silkes Geschmack, aber gegen die Plastik-Doll-Oma eine Augenweide.
»Es hätte schlimmer kommen können«, flüsterte Silke ihr zu. »Nur an den Brustansatz darf man auf keinen Fall sehen. Die Antifaltencreme hat sie sicherlich auf den Spiegel, anstatt die Haut aufgetragen!«
Anett lachte laut los. Genug der Boshaftigkeiten. Silke biss sich auf die Unterlippe und zog Anett lieber aus dem Lokal, ehe die anderen, die inzwischen den Gastraum betreten hatten, auf sie aufmerksam wurden.
Sandra wollte nichts verpassen, als sie von der Toilette kam und Anett mit hochrotem Gesicht vorfand. Silke sah sie betont unschuldig an und weil Anett noch immer nicht sprechen konnte, erzählte sie ihr, was sie gerade gesehen hatten und warum Anett lachte.
»Geh mal rein, guck dir das Auslaufmodell an!«, forderte sie Sandra auf und drängelte sie regelrecht in Richtung Gastraum.
»Du bist ein richtig böses Weib, weißt du das? Zu mir warst du das auch …« Da war es wieder.
»Nun ja, ich habe hervorragende Lehrerinnen«, konterte Silke.
Vor der Tür wurden es immer weniger Leute und das Lokal füllte sich.
»Schnell rein, sonst sehen die nicht, dass unser Tisch besetzt ist!«, drängelte Sandra jetzt.
Zwanzig Uhr. Die Horrorshow konnte beginnen, endlich. Je eher sie begann, desto schneller war sie überstanden. Der kleine Saal füllte sich zunehmend und damit erhöhte sich der Geräuschpegel. Keiner der weiblichen Gäste kam allein; sie waren meistens zu zweit, zu dritt oder zu viert und saßen an einem Tisch. Silke begann ihr Studium, als Fortunas Wirtin die Gäste begrüßte. An dem Tisch neben ihrem saßen vier Frauen. Drei davon waren wahrscheinlich Stammkundinnen in der Malerabteilung des Baumarktes. Die überschminkten Gesichter wirkten maskenhaft. Die vierte Frau aber sah erstaunlich natürlich aus und blickte sich gelangweilt um, während ihre Begleiterinnen aufgeregt gackerten. Sie schlürfte an einem Mixgetränk. Mit dem ersten eingespielten Lied musste Silke ihre Studien vorerst unterbrechen. »Brother Louie« lief an und schon sah man, wie alle mit den Köpfen oder Füßen wippten. Ja! Das war ein Lied, das uns alle an die schönen, alten Zeiten erinnert, wo wir noch ungestraft die Sau rauslassen konnten. Und wenn man den Text übersetzte, krachte es schon heftig in der ersten Strophe:
Liebe, Liebe ist ein brennendes Feuer
Bleib, denn dann werden die Flammen höher
Babe, lass ihn nicht dein Herz stehlen
Es ist ganz einfach
Mädchen, dieses Spiel kann nicht ewig dauern …
Egal, dieser Titel durfte nirgends fehlen. Anett sang mit, wie immer falsch, und zerrte dabei weiter an ihrem Kleid, zog sichtlich den Bauch ein, denn sie wirkte extrem verkrampft. Wie konnte sie da noch singen? Sandra unterhielt sich gerade mit einem Mann an der Bar, schien aber nicht sehr interessiert an ihm zu sein und verdrehte die Augen, als sie zu ihrem Tisch zurückkehrte. Silke sah, wie er ihr verdutzt nachblickte und noch immer den Mund nicht schloss.
»Was für ein geistiger Tiefflieger! Der brachte keinen anständigen Satz zustande«, schimpfte sie.
»Sag mal, was hast du denn zu ihm gesagt? Der guckt so verdattert?«, fragte Anett.
»Nichts weiter, warum?«, fragte Sandra mit aufgesetzt unschuldigem Blick.
»Grrr …« Anett grinste.
Sandra schüttelte den Kopf: »Nö, ehrlich.«
»Wahrscheinlich hast du ihn mit deinen Blicken fast getötet, das kannst du gut«, meckerte Anett.
Der Stehengelassene bewegte sich jetzt in Richtung seiner Kumpane. Er schlenkerte beim Laufen mit den Beinen und sah dabei aus wie eine rennende Kuh. Dazu trug er Schuhe – solche hatte Silke noch nie gesehen. Im Halbdunkel sahen sie weiß aus, mit auffällig bunten, schrecklichen Nähten und Gummizug an der Seite, mit Umrandungen, so breit wie eine Autobahn. Himmel! Noch war niemand auf der Tanzfläche, womöglich mussten erst alle einen gewissen Pegel erreichen. Ob einige der Herren überhaupt tanzen konnten? Zumindest waren sie laut. Manche hielten sich an ihrem Bier fest, andere an ihren vergessenen Manieren. Aus mancher Ecke hörte man es rülpsen. Was hatte sie auch erwartet? An einem der Herrentische unterhielt Mann sich angeregt. Sie hörte Wortfetzen wie »Bayern München« oder »Dortmund«. Ah ja, um Fußball ging es, worum auch sonst. Einer von ihnen war schon ziemlich alt, sicher weit über sechzig. Für den konnten die doch hier »Schöner fremder Mann« von der Connie Francis spielen? Oha! Jetzt stand er auf. Hilfe! Er kam schnurstracks auf Silkes Tisch zu! Glaubte der etwa, sie hätte ihn aus Interesse beobachtet? Natürlich, aber es war ein anderes Interesse, als er womöglich vermutete. Ihr Herz schlug immer schneller. Bitte nicht! Der Mann watschelte wie eine angeschossene Ente, knöpfte beim Laufen sein kariertes Sakko zu und steuerte in Richtung Anett. Die rutschte jetzt von einer Pobacke auf die andere. Schlagartig wurde ihr Gesicht fleckig und ähnelte einer aufgeplatzten Tomate.
»Meine Dame«, brachte der Herr keuchend zustande und grinste Anett mit gelben Zähnen dümmlich an.
»Darf ich bitten?«
Silke und Sandra schielten zu der Seite, wo er stand, und drehten sich synchron wieder weg. Im Sitzen war der Blick auf seinen monströsen Leibesumfang unumgänglich. Anett schluckte.
»Danke, ich kann momentan nicht tanzen.« Sie versuchte, höflich zu bleiben, die Liebe.
»Oh, das ist aber jammerschade, es ist so ein schönes Lied!«
In diesem Moment erst hörte Silke auf den gerade gespielten Titel.
»Neue Männer braucht das Land.« Sie sah Sandra an. Diesen Ausdruck in ihren Augen und das Zucken um den Mund kannte sie nur zu gut. Und nun konnte sie kaum an sich halten und fing an zu lachen.
»Sie finden das Lied wohl nicht schön?«, fragte der Mann. Sie sah, wie er zu schwitzen begann und Anett sie mit riesengroßen Augen anschaute.
»Doch, doch, es ist toll«, antwortete Silke mit einem sarkastischen Unterton. Der Mann ging wieder zu seinem Tisch, diesmal mit einem Schuss mehr in den Beinen. Seelenruhig nahm Silke ihren Martini in die Hand, schlürfte genüsslich, setzte das Glas ab und sah zu dem Herrn, der sich wieder an seinen Tisch gesetzt hatte und sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn abtupfte. Mit einem Stofftaschentuch! Wer in Gottes Namen benutzte heute noch Stofftaschentücher? Sandra indessen lachte und versuchte krampfhaft, es zu verbergen.
»Du bist unmöglich!«, schalt Anett und sah Silke in die Augen.
»Was, ich? Warum das? Also wirklich, ich habe nichts gesagt!«
»Gesagt nicht, aber dein Tonfall war unmissverständlich!«, regte sie sich auf.
»Es ging nicht anders. Die Situation war einfach zu grotesk. Der Herr wird es überleben.« Anett schüttelte den Kopf, musste aber nun doch lächeln.
»Ihr Miststücke!«
»Sagst ausgerechnet du … Ich werde dich das nächste Mal, wenn du deine Krallen ausfährst, daran erinnern, meine Liebe.«
»Ihr benehmt euch gerade schwer spätpubertär!«, lachte Sandra und schon war alles wieder gut. Nur das gemeinsame Lachen war jetzt gedämpfter als sonst.
»Spätpubertär … Das passt; ich muss jetzt jedenfalls mal für kleine Mädchen«, stellte Silke fest und verschwand.
Die Damenklos selbst waren nicht mehr so sauber wie zu Beginn der Veranstaltung. Auf der Toilettenbrille perlten noch frische Urintropfen, ein Stück benutztes Papier lag neben dem WC und davor eine Pfütze. Pfui! Gingen die Frauen zu Hause auch so mit ihrem stillen Örtchen um? Was veranlasste gerade das Geschlecht, von dem man Sauberkeit und Pflege erwartete, fremde Lokusse so zu verlassen? Silke rümpfte die Nase und öffnete die Tür daneben, in der Hoffnung, dieses WC sauberer vorzufinden. Keine Tropfen auf der Brille, dafür aber kein Papier. Oh nein! Es wurde ein größeres Geschäft vollzogen und die Bürste stand nur zur Zierde neben dem Klosett. Weiter, zur nächsten und letzten Tür. Jetzt wurde es aber Zeit, sie kniff schon die Beine zusammen. Kurze Inspektion, okay, über die Brille hocken (immerhin trainierte sie ihre Beinmuskulatur, das musste ja einen Sinn haben) und – oh! – endlich! Nur nebenbei, konzentriert auf ihre Erleichterung, nahm sie wahr, dass die erste Tür der Toiletten geöffnet wurde. Es raschelte und atmete jemand schwer. Hatte da eine Asthma? In dem Fall könnte Silke mit einem Notfallspray aus ihrer Handtasche durchaus behilflich sein. Wieder schweres Atmen, dann ein Kichern. Ah! Zwei Frauen in einer Kabine? Nun gut, sollte es auch geben. Aber was war das?
»Hm! Du bist lecker!«, flüsterte eine tiefe Männerstimme. Die Frau kicherte.
Die machen …, die … wie jetzt? … die paaren sich – hier?, schoss es Silke durch den Kopf und kaum gedacht, ging die Post ab.
»Komm, ist keiner da, wir müssen aber schnell machen!«
Ein Grunzen.
»Klar, mein Rösslein, ich bin gaaaaaaaanz schnell!«
Na, hoffentlich! Verhaltenes Stöhnen, vor allem vom Mann. Rösslein feuerte den Lover an:
»Na, komm, mein geiler Bock, oh ja, fick mich!«
Das Grunzen wurde hastiger. Lange musste sie nicht warten. Das wollte Silke jetzt wissen und öffnete ihre Kabinentür leicht. Es raschelte und knisterte. Sie zogen sich an. Da! Sie sah eine extrem dünne Frau auf rot gelackten High Heels aus der Toilettenkabine staksen. Silke schielte aus dem Türspalt. Die trug einen, wie konnte es anders sein, extrem kurzen Rock, der auch als Gürtel hätte durchgehen können. Sie stakste taumelnd zum Waschbecken. Wie konnte man sich auf diesen dünnen Beinen fortbewegen, dazu auf solch hohen Schuhen? Das war Silke ein Rätsel. Sie starrte perplex auf diese Frau; auf die schrecklich unnatürlich gebräunte Haut, die zu ihrem Typ nicht passte und die schon einige Falten schlug. Sie war Silke bisher noch gar nicht aufgefallen. Vielleicht war sie die ganze Zeit auf dem WC? Was der Solariumgrillhenne an Gewicht fehlte, glich ihr Beglücker aus, ein unansehnlicher Kerl mit Vollbart und Glatze. Er schlurfte wenige Sekunden nach, richtete dabei sein Shirt und seine Hose. Silke schob die Tür leise wieder zu. Bloß nicht richtig schließen! Das Geräusch würde sie verraten.
»Hihi, das war geil. Ich war so was von untervögelt«, piepste sie. Der Mann gab eigenartige Laute von sich.
»Können wir gern später wiederholen, du meine Zuckerschnute.« Und dazu wieherte er wie ein krankes Pferd. Silke setzte sich auf die geschlossene Klobrille. Das war nicht zum Aushalten. Wie konnte man auf so einer dreckigen Toilette das Schönste der Welt vollziehen? Als die beiden verschwunden waren, schlich sie sich aus dem WC und hörte im Vorraum zum Lokal, wie die Grillhenne einer ihrer Freundinnen zuraunte:
»Männer machen es schließlich auch so, oder?«, zischte sie lispelnd, die Frauen nickten. Verdammter Feminismus. Silke grinste vor sich hin, als sie zu ihren Freundinnen stieß, die gerade an der Bar saßen.
»Ihr glaubt nicht, was ich gerade erlebt habe!«
Anett saß betont aufrecht auf dem Barhocker und atmete wahrscheinlich gar nicht mehr. Ihre Haut war stark gerötet.
»Was denn, hattest du Durchfall? Wäre ja kein Wunder, hier kann man nur Schiss kriegen!«
Sandra lachte über ihren eigenen Witz, Anett lächelte gequält und Silke plapperte weiter:
»Da haben zwei …, na, ihr wisst schon! Die Zaunslatte dort …«, sie zeigte möglichst unauffällig auf Grillhähnchen alias Zuckerschnute, die mit ihrer Freundin, in die sie fünf Mal reingepasst hätte, ebenfalls an der Bar stand.
»Was, die? Und wie?«, fragte Sandra.
»Also ehrlich mal, war ich dabei? Hast du keine Fantasie?«
Anett hielt sich auf den Bauch, warum auch immer und lachte laut. Irgendwann musste sie schließlich mal atmen.
»Und der Kerl? Wo ist der?«
Silke sah sich um. In der Ecke saß der Sexprotz und trank genüsslich sein Bier. Sein »Auftrag« für diesen Abend war offenbar erledigt.
»Igitt, das ist ja widerlich!«, prustete Sandra los.
»Na ja, das abgeknabberte Hähnchen war ›chronisch untervögelt‹, hat sie selbst zum Besten gegeben.«
Die drei drehten sich zur Bar und kicherten sich aus. Als sie sich beruhigt hatten, begann Silke die Herren der Schöpfung zu beobachten, wenigstens jene, die sie gut sehen konnte.
»Darf ich Sie um diesen Tanz bitten?«, fragte eine nicht gerade tiefe Männerstimme neben ihr und Silke blickte erschrocken auf. Jetzt war der Augenblick gekommen. Egal wen er meinte: Sie war alt. So was sagten früher die alten Leute oder heute noch bei vornehmen Gesellschaftstänzen, doch nicht hier in dieser billigen Absteige! Mit diesen Gedanken drehte sich Silke zur Seite und sah den Sprecher. Er schaute sie an, sie. Anett und Sandra schienen jetzt beide die Luft anzuhalten.
Zum Glück lief gerade der Song »People are People« von Depeche Mode, denn zuvor leierte gerade Trio sein unerträgliches »Da, da, da« herunter. Ein Song für Intelligenzallergiker. Wie das jemals jemand gut finden konnte, würde für sie ewig unergründlich bleiben. So blöd war man doch nicht mal in den Achtzigern, oder? Jetzt wurde es aber Zeit, ehe die People auch noch aussingen würden. Sie nickte, stand auf und ging mit dem Herrn auf die Tanzfläche. Kaum dort angekommen, stürmten nacheinander vier weitere Pärchen herbei. Der Mensch war eben ein Herdentier. Zumindest daran hatte sich im Zeitenlauf nichts geändert, wie beruhigend! Endlich konnte sie ihren Tanzpartner mustern. Eine Augenweide gegen die anderen hier! Warum hatte sie ihn bis dahin noch nicht bemerkt? Er kam ihr näher und schrie ihr ins Ohr:
«Cooler Song, was?« Danach lachte er kurz und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Ihr schlug ein starker Duft von Parfum entgegen. Ziemlich aggressiv, diese Marke. Nun ja, zumindest trug er welches auf. Ein Zeichen von Selbstliebe, fand sie. Sie nickte zustimmend. Er tanzte seltsam. Manchmal vollzog er ausladende Hüftschwünge, dann wiederum sah er aus, als ob er mit einer Kettensäge loslegte, später warf er die Hände nach oben und bewegte sie, als ob er nach den Sternen greifen wollte, um später mit einer Schrittkombination zu überraschen, die er sicher noch aus Tanzschulzeiten in der Oberstufe mitgenommen hatte. Amüsiert sah Silke zu und dachte: Wer weiß, wie ich aussehe? Jedenfalls war es bald überstanden.
»Jetzt habe ich aber Durst«, raunte sie dem Tanzbären zu.
»Na klar! Wir trinken was.«
Sie standen an der überfüllten Bar. Das konnte dauern.
»Ich bin übrigens Reinhold. Die meisten nennen mich Reini. Und wie heißt du? Ha ha.«
Der sprach aber schnell, war sicher aufgeregt, der Gute.
»Ich bin Silke.«
Er grinste und gab ihr die Hand.
»Angenehm!«
Alte Schule, wie schön. Wenn sie nicht zu alt war, mochte es ja zu ertragen sein.
»Bist du öfter hier?«, fragte er und wartete ihre Antwort nicht ab, sondern sprach weiter.
»Ich war schon ein, zwei Mal vor paar Jahren hier … Da hat es mir nicht gefallen. Ein wenig anspruchsvoll darf man ruhig sein … Du bist ein Augenschmaus auf dem Friedhof der ausgestopften Kuscheltiere. Haha.«
Diese vier Sätze sprach er so schnell, dass Silke überlegen musste, was er gesagt hatte. Sicher war es die Aufregung, denn er musterte sie hingebungsvoll. Reini hatte noch volles Haar, eine Seltenheit bei den Herren der Schöpfung dieses Alters, himmlisch blaue Augen und ein hinreißendes Lachen mit verschmitzten Grübchen. Volle Punktzahl. Er trug ein knallrotes Shirt mit einer modernen Aufschrift und eine Blue Jeans mit leichten Rissen, sehr aktuell.
»Wie alt bist du?«, fragte sie ihn ungeniert, nachdem sie seine Hose begutachtet hatte.
»Gerade achtundfünftig geworden.«
Silke schluckte. Achtundfünfzig?
»Wow! Du siehst wesentlich jünger aus!«, rutschte ihr raus. Er grinste sie wieder an.
»Und du? Ich darf das doch fragen?«
Klar durfte er.
»Ich bin neunundvierzig.«
Immer schön bei der Wahrheit bleiben!
»Na, du hast dich auch gut gehalten, hahaha«, versuchte Reini es mit einem Kompliment. Jetzt fiel ihr auf, dass er nach jedem Satz lachte und immer gleich. Sei nicht so empfindlich, schalt sie sich. Der Typ hier war das Vernünftigste, was ihr an diesem Abend passieren konnte, das stand fest. Endlich waren sie an der Reihe, was man nicht unbedingt so bezeichnen konnte. Ein Schubsen und Drängeln, hier und da ein halb (nicht ernst gemeintes) entschuldigendes Lächeln, bisschen Ellenbogen und Reini:
»Zwei Sex on the beach, bitte«, bestellte er. Fehlte nur noch der Strand.
Die Gläser über die hinter ihnen wartenden Köpfe balancierend traten sie in den überfüllten Gastraum. Inzwischen waren fast alle aufgeweckt unterwegs. Nur an manchen Tischen sahen vor allem einige Herren der Schöpfung aus, als wollten sie jeden Augenblick zur Seite kippen. Aber auch manche Frauen machten keine gute Figur mehr. Es stank nach mit Schweiß vermischten Parfums aller Art. Und dazu lief wieder ein passendes Lied. Das schienen die sich heute auf die Fahne geschrieben zu haben. »Jenseits von Eden« – das war es auch. In dem ganzen Getümmel sah sie das Grillhähnchen betrunken auf der Tanzfläche taumeln. Wie peinlich. Ihre Spargelbeinchen gehorchten ihr nicht mehr und flogen umher wie die einer defekten Marionette. Das Haar hing an einer Seite herunter und das Make-up quoll auf ihren Wangen mit der Akne um die Wette. Daneben ihre Freundin, die den Fußboden mit Bewegungen attackierte, die an einen irischen Volkstanz erinnerten – nur das diese anschaulicher waren. Silke wandte sich angewidert ab. Nie wieder gehe ich in so einen Laden der Vitalitätsschwankungen!, schwor sie sich. Reini folgte ihrem Blick und schüttelte den Kopf.
»Wirklich traurig … viel mehr beschämend. Wollen wir bisschen an die Luft gehen? Hier ist es so stickig, hahaha«, ballerte er wieder im Eilzugtempo raus, als hätte er ihre Gedanken erraten und fügte dem Satz sein drolliges Auflachen hinzu.
»Ja, unbedingt, da kann ich gleich eine rauchen!«
Musste das sein? Wenn der Mann nun einer der penetranten Nikotinhasser war?
»Du rauchst?«
Diesmal kein Lachen. Da war es schon. Mist.
»Ab und zu nur.«
Er nickte. Keine Moralpredigt, keine hohlen Phrasen. Schwein gehabt. Dreiundzwanzig Uhr!, bemerkte Silke mit einem Blick auf ihr Handgelenk. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Fast hatte sie den Abend überstanden. Obwohl – jetzt schien er doch noch nett zu werden. Vor der Tür tummelten sich die Fluchtwilligen und Rauschsüchtigen. Sie nahm sich eine Zigarette aus der Handtasche und zündete sie an. Den Rauch genüsslich ausblasend, plapperte Reini los.
»Ich freue mich echt, dass wir uns hier kennengelernt haben. Normalerweise gehe ich gerne weg, fast jedes Wochenende unternehme ich was … Ich bin nicht der Stubenhocker … Das kann ich noch machen, wenn ich achtzig bin. Ich will noch was erleben und höre total gern Musik, auch die aktuelle … man ist ja mit bald sechzig, noch kein Opa. Wenn ich manche in meinem Alter sehe, da bin ich entsetzt. Die tun so, als ob sie scheintot wären. Nein, das brauche ich nicht … auf keinen Fall …«
Dff, dff, dff, dff, dff, wie ein Gewehr. Wieder sein kurzes Lachen. Was hatte er gesagt? Silke betätigte in ihrem Kopf die Rücklauftaste, drückte Pause, spielte wieder ab. Aha. Gut. Jetzt konnte sie resümieren.
»Reini, sei so lieb und sprich etwas langsamer. Oder fürchtest du, ich würde gehen, bevor du alles gesagt hast?«
Oh Mann! Warum musste sie immer so schrecklich direkt sein? Anett hatte recht. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah ihm in die Augen. Nichts Schlimmes geschah. Reini lachte. Er war offenbar eine Frohnatur.
»Jaja, ich weiß, dass ich schnell rede. Bei meiner Tochter muss ich immer Zungenbrecher wie ›Fischers Fritze fischt frische Fische‹ sprechen, damit ich langsamer rede. Sie meinte, im Internet gelesen zu haben, dass Zungenbrecher Schnellrednern helfen würden.«
Und wieder lachte der Mann. Silke sah ihn ungläubig an. Er hatte Humor und vor allem lachte er über sich selbst. Nicht schlecht. Für den Anfang.
»Kluge Tochter!«, meinte Silke und das kam aus vollem Herzen.
»Wie alt ist sie denn?« Reini steckte die Hände in seine Hosentaschen und grinste.
»Sie ist fünfundzwanzig und nicht nur klug, sondern auch sehr hübsch.«
Er griff in einer Gesäßtasche nach seiner Brieftasche und zog ein Foto heraus. Wie in alten Zeiten. Andere nahmen das Smartphone in die Hand und öffneten die Fotos in der Galerie. Wer hatte heute noch ein Foto in der Brieftasche? Sie sah ein ausnehmend schönes Mädchen mit dunklem Haar und zarten Gesichtszügen.
»Wow! Sie ist wirklich sehr hübsch. Ich gratuliere dir zu solch einer Tochter.«
Das Kompliment saß. Der stolze Papa grinste von einem Ohr zum anderen.
»Und du? Hast du auch Kinder?«
Jetzt war es so weit, man begann mit seinem Lebenslauf.
»Ja, fünf«, entgegnete Silke, »eigentlich wollte ich elf, hat nicht geklappt.«
Reini riss stumm die Augen auf. Bei ihm war das sicherlich kein gutes Zeichen. Dann lachte er sein putziges, kurzes Lachen. Da er danach immer noch aussah, als wäre er verblüfft, klärte sie ihn auf:
»Das war ein Witz. Ich habe nur einen Sohn.«
Reini lachte wieder. Gott sei Dank!
»Jetzt sehe ich mal nach meinen Freundinnen.«
Das musste sie unbedingt, denn sie hatte Anett eine Weile nicht mehr gesehen. Sandra hatte sich mit der Natürlichsten in diesem Saal, die mit den Indianerbemalten am Nebentisch saß, angeregt unterhalten. Warum gingen sie eigentlich aus, wenn Frauen am Ende untereinander die besten Gespräche hatten? Egal, Anett war die, um die sie sich gerade sorgte.
»Kann ich bitte deine Telefonnummer haben? Hahaha«, schmetterte Reini ihr so laut und hektisch entgegen, dass sie den spontanen Impuls verspürte, in Deckung gehen zu müssen.
»Klar«, sagte sie und fischte einen Zettel aus ihrer Handtasche. Er reichte ihr galant einen Stift und lachte. Warum, das wusste sie nicht.
»Suche mal deine Freundinnen, ich mach los … Ich melde mich, okay?«, rannte Reini durch die Worte und lachte.
Als Silke den Saal betrat, fiel sie fast um. Nicht nur ein unerträglicher Dunst kam ihr entgegen, auch die Atmosphäre in diesem Raum war erdrückend. In einer Ecke sah sie ein Grüppchen Leute. Man beugte sich über eine Frau, die offensichtlich an der Wand lehnte und schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie beleidigte die besorgten Umstehenden, bis sich die meisten von ihr abwandten. Das wollten sie sich offenbar nicht antun. Silke erkannte jetzt das Grillhähnchen. Nur deren Freundinnen ließen sich nicht abschrecken. Eine von ihnen schwankte so stark über ihr, dass Silke befürchtete, sie würde jeden Augenblick auf sie fallen. Ob sie das überleben würde? »Lasst mich doch in Ruhe, ihr Verrückten! Wisst ihr, worauf ich Lust habe? Den Kerlen mal zu zeigen, wo der Hammer hängt! Die können doch nur Kinder machen und sich verziehen, eh! Und wenn dann was schiefgeht, schieben sie alles auf die Mütter. Blödmänner. Mein Junge schiebt sich dafür eine Spritze nach der anderen in den Arm und ich? Ich bin schuld …!« Der Ansage folgte ein Schluckauf, ein Sturzbach von Tränen und weitere Schimpftiraden. Aha, da lag das ganze Dilemma bei der Frau. Es war traurig, einfach nur traurig. Weiter konnte Silke nicht denken; sie wollte unbedingt Anett finden. Wo war sie nur? An der Bar war Sandra noch immer mit der netten Frau vom Nebentisch ins Gespräch vertieft. Sie gestikulierte, die Frau sah ihr interessiert zu und nickte. Silke steuerte die beiden an. Sandra bemerkte sie nicht mal, legte liebevoll die Hand auf den Unterarm der Frau. Eine freundschaftliche Geste? Oder doch …? Nein! Sandra und … Aber warum nicht? Sie erinnerte sich an eine Szene, als Sandra ihr erklärte, dass sie Männer abscheulich fand und warum es besser sei, lesbisch zu werden. Aber im Augenblick wollte sie Anett finden.
»Hey, Mausi, da bist du ja!«, rief Sandra überdreht, als sie Silke endlich wahrgenommen hatte.
»Das ist meine Freundin Silke – das ist Diana«, stellte sie die beiden einander vor. Diana nickte Silke freundlich zu.
»Freut mich«, rasselte Silke runter, um gleich mit ihrem Anliegen rauszuplatzen. »Weißt du, wo Anett ist? Ich habe sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!«
Sandra zog die Stirn in Falten.
»Nein, oh …, jetzt, wo du es sagst … stimmt, ich habe sie auch schon eine Weile nicht gesehen.«
»Okay, ich schau mal auf der Toilette nach. Bleib du bitte hier und pass auf, ob du sie zu Gesicht bekommst.«
Sandra war besorgt. Sie glaubte nicht, Anett auf dem WC zu finden. Warum sollte sie die ganze Zeit dort verbringen, außer – sollte sie wie das Grillhähnchen …? Nein! Doch nicht Anett. Manchmal war sie wirklich eine oberflächliche Hupfdohle, aber nur nach außen. Sie eilte zu den Toiletten, öffnete die Tür und sah, dass nur eine Tür verschlossen war. Sie ging in das WC daneben, schloss die Tür und horchte an der Wand zur Nachbartoilette. Es schniefte und klang nach unterdrückten Schluchzern.
»Anett?«
Ruhe. Dann ein lauteres Schniefen.
»Anett?«, wiederholte sie.
»Ja«, kam es zaghaft aus der Kabine.
»Was ist los? Ich suche dich schon eine Weile und habe mir Sorgen gemacht!«
Anett weinte immer mehr und lauter.
»Ich komme rüber, mach die Tür auf, verdammt noch mal!«
Der Türschließer drehte sich von innen. Als Silke die Kabine betrat, traf sie fast der Schlag. Sie stutzte, erstarrte und glotzte regelrecht auf Anett. Nicht nur, dass deren Mascara jetzt über das ganze Gesicht verteilt war, was auf dem verweinten Gesicht gruselig aussah, sie hatte auch noch ihr Kleid ausgezogen und saß in einer viel zu engen Strumpfhose und in BH auf dem geschlossenen WC. Silkes Blick wanderte nun genauer zu dem Kleid, auf dem noch ein anderes Kleidungsstück lag. Ein Bauchweggürtel? Ein Korsett? Was war das? Warum, zum Henker …?
»Ich kann das nicht mehr anziehen. Mir ist so schlecht«, schluchzte Anett.
»Ich musste mich im Saal bücken, weil mir etwas runtergefallen war und als ich … als ich … da platzte hinten das Kleid auf.«
Ihr Weinen wurde lauter und hysterisch.
»Bitte, Anett, beruhige dich, ganz langsam, bitte!«
Sie nickte.
»Hinter mir standen die drei aufgedonnerten Frauen vom Nebentisch. Die fingen so laut an zu lachen, dass alle, die in der Nähe waren, alles mitbekamen und sich hinter mich drängelten. Ich konnte mich gar nicht so schnell umdrehen und wenigstens versuchen, den großen Riss am Po zu verbergen!«
Und wieder wurde das Weinen zum Schreien.
»Und dann? Was dann, Anett?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Alle standen hinter mir und lachten, aufgestachelt von den drei Frauen. Es war furchtbar! Ich habe mich so geschämt. Ich bin selbst schuld, ich dumme Pute. Da ziehe ich ein viel zu enges Kleid an, kann deshalb den ganzen Abend keinen Spaß haben und mache mich so zum Affen, dass ich das nie, nie vergessen werde! Die Weiber haben mich vor den anderen noch so richtig zur Sau gemacht, selbst als die genug gesehen hatten, hörten sie nicht auf und zeigten auf mich!«
Anett kreischte förmlich. Das reichte.
»Du bleibst hier! Und du schließt nach mir ab und verhältst dich ruhig. Klar?«
Die Frau brauchte jetzt klare Anweisungen, das stand fest.
Sie musste Sandra einweihen. Festen Schrittes lief sie in den Saal zurück. Was für ein Abend! Sandra hatte inzwischen den Arm um die Taille der Frau gelegt, deren Wangen eine eigene Sprache sprachen. Mit den Fingern in ihrem langen brünetten Haar spielend, sendete die von Sandra Umgarnte eindeutige Signale; die schlanken, langen Beine übereinandergeschlagen und einen Augenaufschlag, um den sie Romy Schneider beneidet hätte. Egal, sie musste die Turteltäubchen stören.
»Sandra!«
Befehlston. Die war gerade im Säuselmodus, da brauchte es Generalsvokabular.
»Mitkommen!«
Betroffen und zugleich entsetzt sah sie Silke an, die sie zu sich winkte. Sandra zuckte bedauernd mit den Schultern, rief ihrer neuen Freundin »Warte auf mich!« zu und wurde von Silke aus dem Saal gezogen. Im WC konnten sie nicht reden, jetzt waren die anderen zwei Kabinen besetzt. Also standen sie davor, als würden sie auf das Freiwerden dieser einen Kabine warten. Als die Frauen nach dem Haare richten, Make-up und Lippenstift nachlegen, den Sitz von Rock und Kleid prüfen und gegenseitigen Versicherns, gut genug auszusehen, endlich die Toilette verließen, sperrte Anett ihre Tür auf. Sandra sah das Dilemma und lachte. Wütend stieß Silke sie mit dem Ellenbogen in die Seite.
»Aufhören! Was machen wir?«
Und dann war Sandra, ihre Problemlöserin, wieder die Alte.
»Wir brauchen eine Klamotte. Lass uns zur Fortunachefin gehen!«
Gute Idee. Aber: Diese Frau war zu dünn, hatte sicher nur Kleidergröße sechsunddreißig/achtunddreißig. Anett brauchte mindestens die vierzig, eine zweiundvierzig wäre noch besser. Egal, vielleicht hatte sie etwas Größeres. Frauen waren da vielfältig.
»Schließe wieder ab, wir kommen wieder.« Anett nickte artig und dankbar wie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hatte, nach der verlorenen Mama zu suchen.
Sie gingen im Gänsemarsch in den Saal, preschten sich zur Bar vor, nutzten dabei alle Mittel, die ihnen zur Verfügung standen und plärrten die hübsche Bardame an:
»Wo ist die Chefin? Wir müssen dringend mit ihr reden!«
Sie gab gerade einem Gast eine Cola und brüllte zurück:
»Meine Mutter ist oben. Was ist denn los? Kann ich euch vielleicht helfen?«
Silke klappte die Kinnlade runter. Dieses hübsche Frauenzimmer war die Tochter der abgewrackten Chefin? Das konnte doch nicht wahr sein!
»Nein, kannst du nicht. Wir brauchen deine Mutter mal!«, schrie Sandra in »Santa Maria« hinein und schüttelte sich kurz. Dieses Lied war ein Grauen. Aber offenbar genau richtig zu dieser Zeit. Einige Paare hatten sich gefunden und schleckten sich nun voller Inbrunst eng umschlungen ab. Töchterchen bat den Langhaarigen neben sich, kurz zu übernehmen, rief ihnen »Moment, ich hole sie« zu, lächelte sogar noch liebreizend und verschwand. Es dauerte nicht lange, da sprang sie wie ein junges Reh wieder hinter die Bar. Die Tür zur Küche öffnete sich und das Mütterchen schlurfte mit Hausschuhen an den Tresen.
Warum zum Teufel verkleidete sich die Frau sonst so? Warum machte sie sich mit ihren verkorksten Outfits wie vorhin hässlicher, als sie in Wirklichkeit war? Das war nicht zu fassen. Wieder stand Silke, diesmal gefolgt von Sandra, mit offenem Mund vor der Frau. Die hatte es sich offensichtlich in ihrem trauten Heim über der Kneipe gemütlich gemacht und trug eine lockere Baumwollhose, einen schlichten, aber modernen Pullover, das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden; war nicht mehr geschminkt und sah in diesem Aufzug sogar attraktiv aus. Was war nur mit manchen Frauen los? Aber Silke und Sandra mussten sich rasch wieder fangen und gaben der Chefin Handzeichen, ihnen doch in den Vorraum zu folgen, um sich störungsfreier artikulieren zu können. Dort angekommen, schilderten sie in groben Zügen das Problem.
»Mensch, Mädels, ich dachte, es sei etwas Schlimmes passiert!«, scherzte sie.
»Das ist kein Problem. Ich hatte bis vor einem Jahr Krebs und davor war ich einige Kilos schwerer. Von den Klamotten konnte ich mich jedenfalls nie trennen, zumal mir meine Tochter geraten hatte, sie aufzuheben. Man weiß ja nie, ob sich das Gewicht nicht wieder normalisiert. Aber bisher, nun ja, der Krebs hat eben seine Spuren hinterlassen.«
Das war einer jener Momente, in dem Silke sich hasste. Sie zogen über die Frau her, sie urteilten sie ab und wussten nichts von ihr. Nichts. Sie hatten kein Recht dazu. Die Dame des Hauses wirkte jetzt völlig normal, kein wenig aufgedreht.
»Welche Größe hat eure Freundin denn?«, fragte sie Silke, da diese vor ihr stand, nur auf der Unterlippe kaute und nun ob der Frage zusammenzuckte.
»Vierzig/zweiundvierzig«, sagte sie knapp und musste ihre Tränen zurückhalten. Das war heute Abend alles zu viel.
»Kein Problem, Mädels. Wir kommen auch von hier in meine Bude. Folgt mir und wir suchen fix etwas Nettes für eure Freundin.«
Gesagt, getan. Sie gingen eine Treppe nach oben und der Frau einfach nach. Als sie ihre Wohnungstür aufgeschlossen hatte, empfing sie ein überaus angenehmer Duft. Drinnen angekommen, wartete die nächste Überraschung auf sie. Man sagte ja, die Wohnung einer Frau sage sehr viel über sie aus; überall war es sauber, gepflegt und wunderschön dekoriert.
Im Schlafzimmer traute sie ihren Augen kaum. Die Dame schlief in einem Himmelbett und es wirkte nicht einmal albern. An den Wänden: Gemälde, die nicht nach Billigkram aussahen, eine große Pflanze in der Ecke des Zimmers. Als die Frau den Kleiderschrank öffnete, war Silke nicht mehr auf Überraschungen eingestellt. Wer solch eine geschmackvolle Wohnungseinrichtung hatte, konnte im Kleiderschrank unmöglich ein Chaos führen. So war es auch. Ihnen strömte ein angenehmer Duft von Jasmin entgegen. Wahrscheinlich hatte die Frau ihre Pullover mit dem Lineal ausgerichtet. Ich muss unbedingt mal wieder meinen Kleiderschrank aufräumen. Ich will auch so ordentlich sein, dachte Silke. Die Kleider hingen der Farbe nach geordnet im Schrank.
»Ich habe die Kleider auch nach Größe geordnet«, sagte die Frau und wies auf die rechte Seite des Schrankes.
»Sucht euch eins aus«, bat sie und lächelte. Sandra war die Modequeen und griff nach einem Schwarzen, sah beim eingenähten Schild nach der Größe und meinte:
»Das ist schon gut und es ist Größe zweiundvierzig, passt auf jeden Fall.«
Die Frau nickte.
»Ein sehr schönes Kleid, ich habe es geliebt, aber leider nur zweimal tragen können, bevor …«
Sie schluckte. Silke bekam den Impuls, sie in den Arm zu nehmen. Bloß keine Sentimentalitäten! Die Frau öffnete die Schublade ihres Nachtschrankes und holte ein Foto hervor.
»Hier. Auf dem Foto habe ich das Kleid getragen. Das war zum fünfundzwanzigsten. Geburtstag meiner Tochter.«
Melancholisch sah sie auf das Bild und reichte es Sandra, die es nahm, mit großen Augen auf das Foto, dann zur Frau und wieder zurück auf das Foto blickte und schwer schluckte. Silke trat an Sandra heran und traute ihren Augen nicht. Doch noch eine Überraschung. Auf dem Bild war eine wunderschöne Frau zu sehen, das blonde Haar lang und lockig, mit weiblicher Figur und einer unübersehbaren Lebenslust in den Augen. Die Frau ähnelte sich jetzt kaum noch. Silke sah sie an.
»Ich weiß, dass man denken könnte, das sei nicht ich. Doch das war ich, vor der Krankheit. Wäre meine Tochter nicht gewesen, wer weiß, ob ich den Krebs überlebt hätte. Sie hat immer zu mir gestanden, mir Mut gemacht. Aber so wie damals werde ich nie wieder aussehen, dazu habe ich zu viele Federn gelassen.«
Sie grinste schräg und fast verlegen.
»Das Wichtigste ist doch aber, dass Sie überlebt haben …«, versuchte sich Silke und wusste, es klang einfach nur platt. Wie damals bei Martina. Ihr Kolibri. Schnell vertrieb sie die Gedanken an ihre verstorbene Freundin. Eine Frau war eine Frau, war eine Frau. Und eine Frau wollte schön, attraktiv, begehrenswert sein. Am schlimmsten war es für sie, einmal genau das gewesen zu sein und durch Erlebnisse, egal welcher Art, sich nicht mehr schön zu fühlen.
»Ja, ich weiß«, flüsterte die Frau, die Silke bis vor einigen Minuten noch mit Fregatte und anderen Schimpfwörtern betitelt hatte. Wie oft musste sie noch darauf hingewiesen werden, wie das Leben sein konnte? Es hatte nichts Bodenloses. Wohl dem, der dies zu erfassen vermochte. Zum Philosophieren war jedoch keine Zeit. Anett wartete unten, saß weinend auf dem Klo und hoffte, dass sie bald erlöst würde. Silke hatte eine Idee. Die Frau war ihr sympathisch geworden, warum sie nicht einweihen und fragen?
»Weißt du, Anett hat erst einige Kilos abgenommen, sie kämpft, seit ich sie kenne, gegen ihre Pfunde. Sie war so glücklich und dachte, sie könnte sich mit diesem Kleid belohnen«, begann Silke vorsichtig, um die Frau emotional in ihr Boot zu holen.
»Doch es war etwas zu früh, das Kleid war zu eng. So sind wir Frauen eben«, fuhr sie fort und grinste verlegen.
»Leider ist unsere Anett von so ein paar Schabracken ausgelacht worden, als ihr das Kleid mitten im Saal platzte – ausgerechnet am Allerwertesten. Die stellten sich hinter sie, lachten laut und machten dadurch auch noch einige Gäste auf sie aufmerksam. Anett hat sich so geschämt! Ehrlich! Wie alt sind die? Zwölf? Das geht doch gar nicht!«, entrüstete sich Silke, warf Sandra einen Blick zu, den diese richtig deutete.
»Es war furchtbar, wie wir Anett vorgefunden haben!«, sprang Sandra ein.
»Ja, die haben eine kleine Abreibung verdient«, ergänzte nun Silke, um zum Punkt zu kommen. Die Frau sah die beiden an und schüttelte entsetzt den Kopf.
»Da habt ihr recht, aber wie sollte das gehen?«
»Nun ja, ich habe überlegt. Es soll ja nichts sein, womit wir uns strafbar machen würden. Aber wie wäre dieser Plan: Wir geben Anett das Kleid von dir, sie zieht sich um, wir zahlen bei deiner Tochter und danach locken wir die drei ›netten‹ Damen in das WC. Ein wenig Einfallsreichtum ist hier eben noch vonnöten. Du schließt das WC mal für eine viertel Stunde ab. Ein bisschen klaustrophobische Anwandlungen dürfen die ruhig kriegen. Und wenn du später aufschließt, dann tust du ganz unschuldig. Du hättest gedacht, alle wären raus. Damit eine unbefugte Nutzung deiner Toiletten ausgeschlossen werden könnte … und so was eben. Meinst du …?«, Silke unterbrach sich und sah die Frau unschuldig an. »Meinst du, dass wir das von dir verlangen dürfen?«
Sie war einfach ein Biest. Aber sie würde die Frau nicht fragen, wenn das Eis nicht zuvor gebrochen worden wäre, sonst hätte sie sich nur blamiert oder noch selbst was eingesteckt.
»Warum nicht«, meinte diese, reichte Silke die Hand und sagte: »Ich bin übrigens Carola.«
Jetzt hatte »die Frau« einen ordentlichen Namen. Silke und Sandra stellten sich ihr auch vor.
»Aber nun hopp, hopp, geht zu eurer Freundin!«, lachte Carola und gab Silke geistesgegenwärtig noch einen leeren Plastikbeutel.
»Für die alten Klamotten«, meinte sie.
»Ich weiß nicht, ob ich Diana überreden kann, sie ist immerhin mit diesen Frauen gekommen«, gab Sandra zu bedenken.
»Einen Versuch ist es wert, sonst müssen wir eben umdisponieren. Aber Diana bleibt nichts anderes übrig, wie sollte sie sonst nach Hause kommen, wenn ihre Begleiterinnen eingesperrt sind?«
Silke schob Sandra zur Wohnungstür. Sie liefen aufgeregt wie Teenager, die sich zum ersten Mal zur Disko trauten, die Treppen runter, um Anett zu erlösen.
»Bring du das Kleid zu Anett, ich suche Diana und rede mit ihr, okay?«, flüsterte Sandra Silke zu.
Den Kopf müde an die Wand gelehnt, saß Anett noch immer im geschlossenen WC. Schwerfällig öffnete sie Silke die Tür.
»Hör zu, zieh das an, pack die alten Klamotten in den Beutel und dann warte hier, bis ich dich hole. Es dauert nicht lange«, bat sie Anett, die wieder gehorsam nickte. Der Frau konnte man jetzt alles auftragen. Silke lief in den Gastraum, den man kaum noch betreten konnte, ohne umzufallen. Sie atmete schwer. Ihre Augen begannen sofort zu tränen, obwohl dort nicht geraucht wurde. Konnten diese Leute nicht wenigstens lüften? An ihrem seit einiger Zeit verwaisten Tisch sah sie Sandra mit Diana flüstern. Wie zuvor sprach ausschließlich Sandra. Diana himmelte sie hingebungsvoll an und nickte. Das sah gut aus! Schnurstracks steuerte Silke auf die beiden zu und platzte ohne Umschweife in das Gespräch hinein: »Und?« Sandra nickte und winkte Silke zu sich runter, die sich daraufhin zu ihr beugte.
»Diana kennt die kaum, sie hat kein Problem damit. Im Gegenteil, die haben sich auch über sie dauernd lustig gemacht. Also, no Problem, Baby.«
Warum Sandra immer einen so eigenartig »denglisch-coolen« Sound in ihren Wortschatz aufnahm, sobald jemand dabei war, dem sie offenbar imponieren wollte, erschloss sich Silke nicht. Aber egal, sie war eben, wie sie war.
»Diana, sollen wir dich dann gleich mitnehmen und nach Hause bringen?«, fragte Silke die kleine Hübsche im grünen Overall, der ihre mädchenhafte Figur betonte, und einem Gesicht, das an Janis Joplin erinnerte.
»Ja, gern«, antwortete diese mit zartem, aber sehr angenehmem Stimmchen.
»Okay, lets go, ihr Süßen!«, denglischte Sandra wieder.
»Moment, ich sehe nur nach, ob Anett auch wirklich fertig ist und sage Carola Bescheid.«
Anett war fertig, nicht nur mit dem Umziehen. Ihre Wimperntusche verteilte sich mittlerweile bis zum Hals und sie sah aus, als würde sie sich um die Hauptrolle in dem Horrorfilm »Annabelle« bewerben. Aber das Kleid saß. Wenigstens was. Sie schob Anett zum Auto, die sich anschließend widerstandslos auf den Rücksitz verfrachten und anweisen ließ, das Auto nicht zu verlassen. Aufs Klo würde sie ganz bestimmt nicht mehr müssen.
Silke lief wieder zurück, die Treppen hoch, klopfte bei Carola an die Wohnungstür, die direkt dahinter gewartet haben musste, die Tür öffnete sich sofort.
»Ich gehe zu meiner Tochter hinter die Bar, gib mir dann ein Zeichen. Ist die Gaststube leer?«
Das war sie fast, nur noch ein paar angetrunkene Männer grölten dort herum, und die mussten schließlich nicht auf die Frauentoilette. Na gut, nicht unbedingt, wie Silke an diesem Abend erlebt hatte. Aber Frauen waren keine mehr zu sehen, außer die drei Gazellen mit knallrotem Lippenstift, den sie sich wahrscheinlich teilten.
»Ja, bis auf ein paar Herren und eben die drei Frauen, meine Freundin Sandra und Diana, die mitmacht. Hier …«, Silke gab Carola einen Zettel mit ihrer Handynummer.
»Vielleicht kannst du mir Bescheid geben, wenn alles funktioniert hat?«
Carola lächelte erschöpft. Silke überkam ein schlechtes Gewissen.
»Du bist müde. Es tut mir leid …«
Das meinte sie ehrlich.
»Ist schon in Ordnung, ich kann sowieso nur schlecht schlafen, zumal wenn unten noch nicht alles zu ist. Das ist das Schicksal von Gastronomen. Deshalb bin ich froh, das Ganze bald an meine Tochter abzugeben, glaub mal«, meinte Carola und gähnte herzhaft. Silke drückte ihre Hand.
»Danke.«
Das war alles, was sie noch sagen konnte, bevor sie wieder nach unten ging.
An der Bar zahlte sie, sagte Sandra und Carola, die inzwischen hinter dem Tresen stand, dass es in fünf Minuten losgehen würde, ging nach draußen und zündete sich eine Zigarette an, drückte sie nach der Hälfte wieder aus und lief ins Haus zurück.
Am Gang sammelte sie sich kurz, vergewisserte sich, dass die Toilette leer war, riss die Tür zur Gaststube auf und rief so laut sie konnte: »In der Toilette ist was los! Irgendjemand schreit da! Da ist was total komisch! Hilfe!«
Sie lief filmreif wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Raum, Sandra und Diana kamen sofort zu ihr.
»Was? Um Himmels willen!«, zeterten sie mit und rissen ihre Augen auf.
Die drei Damen klönten gerade an der Bar und schlürften am zigsten Mixgetränk, sahen nicht mehr besonders frisch aus und blickten mit wässrigen Augen zu ihnen.
»Hä?«, sagte die eine und verdrehte ihre Augen so sehr, dass man fast nur noch das Weiße sehen konnte.
»Kommt, schnell, helft uns!«, forderte Silke sie auf.
»Bitte!«, und schob die Frauen zur Tür, die mit kleinen, albernen Schritten und dümmlich lachend vor ihnen hertänzelten. Es entstand ein Gerangel vom Feinsten. Sandra und Diana seufzten laut, brabbelten irgendwelchen Quatsch vor sich her, schoben die Frauen mit, die im alkoholisierten Zustand gar nicht mehr anders konnten, als sich schieben zu lassen, dann sprang Sandra am Gang vor sie, um die Tür zu den Damentoiletten zu öffnen. Silke und Diana quasselten weiter aufgeregt und schoben die Frauen rein. Schon war Carola zur Stelle und schloss die Tür zu den Toiletten ab.
»Was ist hier los?«, hörten sie die verdutzten Stimmen von drinnen.
«Eh!«, hämmerte es an die Tür.
»Macht auf!«, plärrten die Frauen hysterisch. Silke grinste zufrieden. Sie klatschten sich ab.
»Los, macht euch vom Acker!«, meinte Carola. »Ich schaffe das schon, meine Tochter weiß auch Bescheid. Also alles unter Kontrolle, Mädels«, fügte sie verschwörerisch hinzu. So verließen Silke, Sandra und Diana dieses Haus und verschwanden eilig im Auto. Silke ließ den Motor an und brauste davon.
»Shit, was für ein Abend!«, brummte Sandra in die Stille hinein. Was für ein Mist, dachte Silke. Eigentlich wollten wir längst erwachsen sein.
Sie setzte nicht nur Diana zu Hause ab, sondern mit ihr auch Sandra. Arm in Arm verschwanden sie in Dianas Haus. Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten, dachte Silke und grinste. Anett sagte die Fahrt über keinen Ton mehr und schniefte ununterbrochen. Silke reichte ihr Taschentücher und ließ das Auto wieder an. Nach fünfzehn Minuten kamen sie vor Anetts Haus an. Sie brachte ihre Freundin, die sich in desolatem Zustand befand, in ihre Wohnung und empfahl ihr, sich schlafen zu legen. Wieder nickte Anett nur. Als sie ihr eigenes Haus erreichte, atmete Silke tief und erleichtert durch. Seit dem Verlassen von »Fortunas Licht« war über eine Stunde vergangen und ihr Handy piepte.
»Mission erledigt. Mehr morgen, besser gesagt heute. Schlaf gut, C.«
Gute Frau! Es war ein Uhr. Zeit, schlafen zu gehen und an was Schönes zu denken. Zum Beispiel an Reini?
8. Kapitel
Die Nachwehen
»Aber die trug komische Alternativklamotten, solche Säcke aus Leinen, das war ja gar nichts für mich, hahaha.«
Reini
Silke erwachte um neun Uhr dreißig und fühlte sich wie gerädert. Es dauerte, bis sie sich bewusst wurde, wo sie sich befand und ihr die vergangene Nacht wieder in den Sinn kam. Oh nein! Worum ging es eigentlich ursprünglich bei dieser Party? Sollte es da um eine restlose Verausgabung mit offenem Ausgang gehen, um eine streng befristete und nostalgische Unterbrechung der Existenz im Jetzt, in der wir jeden Tag daran erinnert wurden, alt zu werden? Und das in einer Zeit, in der wir schon die ersten Todesmeldungen mit unserem Geburtsjahr im Internet entdeckten? Silke sah erst Anett und dann die betrunkene Dürre auf der Tanzfläche vor sich, die Männer und die stinkende Gaststube, die dreckigen Damentoiletten, ihren perfiden Racheplan und schüttelte sich angewidert. Aber es nützte nichts, sie musste sich diesem Tag stellen – und wollte es auch. Gestern war gestern. Behäbig stand sie auf und zog die blickdichten Vorhänge zurück, öffnete weit das Fenster, beugte sich hinaus und sah in den Garten. Der August neigte sich dem Ende zu. Wie Perlen hingen Tautröpfchen an den Fäden der Spinnennetze. Die abgeernteten Getreidefelder und das frische Heu verströmten einen satten Duft. Das mochte sie besonders am Dorfleben. Im Schlafanzug lief sie die Treppen hinunter in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Der erste Kaffee war immer der beste. Laut schlürfte sie ihn Schluck für Schluck. Peter war schließlich nicht mehr da. Mit einem Grinsen schlürfte sie noch geräuschvoller, als ihr Handy piepte. Sie hatte es in der Nacht in ihrer Handtasche gelassen. Sollte es doch piepen, egal. Jetzt Kaffee, Terrassentür öffnen, in den Garten hinaustreten, und zwar im Schlafanzug.
»Einen wunderschönen guten Morgen, Silke. Na, Sie haben aber lange geschlafen. War wohl eine sehr lange Nacht?«, lachte Frau Schröder sie herzlich an. Der Frau konnte sie nichts übel nehmen, bei einer anderen hätte sie jetzt, in ihrer Verfassung, über Mord nachgedacht. Bevor der erste Kaffee nicht bis zum letzten Tropfen ausgetrunken war, durfte sie niemand ansprechen, gleich gar nicht nach solch einer Nacht.
»Moin, Frau Schröder, oh ja, und sehr aufregend, das kann ich Ihnen versichern«, lachte Silke zurück und richtete ihr Haar, als sie daran dachte, wie sie aussehen musste. Frau Schröder seufzte.
»Ach, wenn ich daran denke, wie oft mein Schatz und ich die Nächte durchgemacht haben. Herrlich! Möchten Sie uns wieder mal besuchen?«
Nur nicht heute, bloß nicht, dachte Silke und versprach Frau Schröder, in der Woche darauf vorbeizukommen. Freudig nickte die alte Dame zurück und säuberte die Vogeltränke, um sie anschließend mit frischem Wasser zu füllen.
»Das muss regelmäßig gereinigt und das Wasser erneuert werden, um das liebe Federvieh vor Krankheiten zu schützen«, erklärte sie Silke. Diese nickte und verabschiedete sich ins Haus. Ihr war gerade nicht nach Vögeln. Sie brauchte noch einen Kaffee und eine kalte Dusche. Ob Reini sich heute melden würde? Endlich wieder ein wenig Aufregung, nicht nur verrückte Frauenzimmer, die sich – sie eingeschlossen – benahmen wie Teenager auf Drogen.
Nach der Dusche und frischen Klamotten fühlte sie sich wie neugeboren und dachte an das Piepen ihres Handys. Sie holte es aus der Tasche und sah nach. Vier Nachrichten: eine von Carola, eine von Sandra, eine von Anett und – eine von Reini. Sie wollte es sich selbst spannend machen.
Carola: »Hey, schöne Dame der Nacht. Die Frauenzimmer haben gebrüllt, als ob sie abgeschlachtet würden. Ich hätte fast eher aufgeschlossen, so leid taten sie mir. Aber ich war tapfer. Du glaubst nicht, wie sie aussahen, als sie nach knapp einer Stunde herauskamen! Sie waren nicht mehr wiederzuerkennen. Na gut, vorher waren sie schon keine Schönheiten, aber danach … Die hätte man in der Gespenstershow als Hauptattraktion engagiert. Leider haben sie mich beschimpft und mit einer Anzeige wegen ›Freiheitsberaubung‹ bedroht. Na und? Wer soll mir das nachweisen? Also alles okay, war eine gute Aktion. Diese Bosheit konnte nur mit Bosheit bestraft werden. Melde dich mal, würde mich freuen. Schönen Sonntag, Caro.«
Das hat sie gut gemacht. Silke wollte sich später auf jeden Fall bei ihr melden. Sie würde ihr nicht sagen, wie sie am Beginn des »Tanzabends für Vergessene« über sie gedacht hatte, so ähnlich nämlich wie Caro über die Damen. Auf keinen Fall!
Sandra: »Huhu, meine Sonne, wie hast du geschlafen? Ich hoffe doch, gut? Ich ja. Das kannst du dir ja denken. Eine Klassefrau, meine Prinzessin Di. Muss ich dir dringend erzählen. Bis später!«
Oh nein! Wie war das gleich mit dem blauen Elefanten …?
Anett: »Moin, Silke. Danke für alles. Bin immer noch fertig, ich schäme mich so. Aber du warst große Klasse, bist eben eine echte Freundin.«
Wenn sie wüsste! Sie wird es erfahren, dessen war sich Silke sicher.
Reini: »Hallo, mein Party-Engel, wie wäre es heute mit einem Wiedersehen? Würde dich gern auf einen Kaffee einladen.«
Komisch. Sie las die Nachricht so schnell, wie er sprach, nur konnte sie nicht so schnell tippen:
»Hallo, Reini, ja, bin vorhin von den Toten auferstanden und bis zum Nachmittag hoffentlich wieder salonfähig.«
Reini war gerade online.
»Bist du doch hundert Pro jetzt schon. Fünfzehn Uhr im ›Cafe Hundert‹?«
Klar, die Location war ihr bekannt. Was für ein Snob!
»Okay, bis dahin«, schrieb sie zurück, ließ sich Kaffee Nummer vier ein, schlürfte wieder, so laut sie konnte, und ging nach oben, um sich Gedanken über ihre Garderobe für den Nachmittag zu machen.
Am Nachmittag kam sie kurz nach fünfzehn Uhr vor dem Café an. Reini wartete schon, wie sich das gehörte, wie sie fand. Der Mann sollte früher da sein, die Frau sollte sich ein paar Minütchen verspäten. Das hatte sie zumindest mal gelesen. Reini trug ein leichtes, sportlich-elegantes schwarzes Sakko, darunter ein sorgsam gebügeltes Leinenhemd und eine dunkelblaue Jeans, diesmal ohne Risse und passend zum vornehmen Café. Kaum hatten sie sich begrüßt, entfuhr es ihm wie gehabt im Eilzugtempo:
»Wow! Du siehst wieder sehr schick aus. Ich habe gestern schon bemerkt, dass du einen tollen Geschmack hast – so schlicht und trotzdem mit Klasse, finde ich gut. Gefällt mir. Hahaha.«
»Danke schön«, antwortete Silke artig und sah, als müsse sie sich daran erinnern, an sich herunter. Sie trug einen schwarz-weißen Glockenrock und eine lockere weiße Bluse. Noch war es warm genug.
»Wollen wir reingehen … habe extra vorher angerufen … ist doch immer voll hier … da ist es besser, man bestellt vor … hahaha«, tönte er und öffnete Silke die Tür. Das konnte was werden. Hoffentlich gewöhnte sie sich an dieses ulkige Sprechen und Lachen am Ende jeden Satzes. »Ich habe heute angerufen und zwei Plätze bestellt«, sagte Reini auf Nachfrage des edel gekleideten Kellners und nannte seinen Nachnamen. Ohne Lachen! Der Kellner führte sie an einen kuscheligen Platz am hinteren Ende des Cafés. Der Platz war perfekt. Reini schob ihr den Stuhl zurecht. Old School, auch perfekt. Sie bestellte einen Kaffee und er einen Cappuccino.
»Ich vertrage nicht so viel Kaffee, trinke nur früh zum Munterwerden eine Tasse und dann nicht mehr«, und er lachte. Ich nicht, dachte Silke. »Wenn du nicht deine sechs Tassen Kaffee am Tag bekommst, müssen deine Mitmenschen aufpassen, nicht auf deine schwarze Liste zu geraten«, so hatte ihr Sohn sie vor einigen Jahren geneckt. Aber Reini fragte sie nicht nach ihrem Suchtmittelkonsum und sie schwieg.
»Ist schön hier, oder?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, plapperte er weiter:
»Ich war schon paarmal hier, auch mit meiner Tochter und mit einem Freund … ein paarmal sogar alleine. Ich gehe gerne weg, hocke nicht so gern zu Hause am Wochenende … irgendwas mache ich immer … ich muss einfach raus … sonst würde ich verrückt werden … das muss einfach sein … gehe total gerne in die Disko und tanze … manchmal gehe ich sogar alleine ins Kino oder ich gehe essen … sehe mir was an oder fahre mit dem Auto herum, bis ich was finde, was mir gefällt … da steige ich aus und laufe bisschen herum … was machst du so an deinen Wochenenden? Hahaha.«
Atme, Reini, atme!, sprach Silke in Gedanken und meinte auch sich. Sie bemerkte, wie sie die Luft anhielt, wenn Reini sprach. Hatte er sich nicht vergangene Nacht bereits als Vielunternehmender geoutet? Wenn das so weiterging, musste sie an diesem Abend eine Beruhigungstablette nehmen.
»Ich gehe gern laufen, treffe mich mit Freundinnen oder lese, wenn mir danach ist.«
Das Interesse für Kunst ließ sie bewusst weg. Reini lachte sein putziges Lachen.
»Du liest? Ach so … nein, das ist mir gar nichts … ich kann mich nicht konzentrieren beim Lesen … ist mir zu langweilig … aber Fußball sehe ich gern … bin Bayern München-Fan … hahaha.«
Hahaha. Genau. Er las nicht. Er war Fußballfan. Er litt unter Konzentrationsproblemen. Silkes Diagnose: ADHS. Ob er Ritalin nahm? Denk an gestern, denk an Carola! Warte ab, bevor du wieder Urteile fällst!, mahnte sie sich.
»Schaust du Fußball? Manche Frauen mögen ja sogar Fußball … meine Ex konnte es ganz gut leiden … und meine Tochter sieht mit mir auch gern ein Spiel … das finde ich toll … manchmal geht sie sogar mit mir ins Stadion«, schwatzte er weiter, überschlug sich fast und verschlang manche Endungen. Das Schlimmste, was Silke auffiel, und daran konnten sie keine Mahnungen ihrer neuen inneren Stimme ändern, war der Speichel, der sich an Reinis Mundwinkeln beim Reden festsetzte. Klar, er konnte die Spucke ja nicht mehr kontrollieren, wenn er ohne Punkt und Komma redete. Ihr wurde übel. So ein attraktiver Mann und dann dieses Desaster. Gut, okay. Bleib ruhig. Vielleicht muss ihn jemand darauf aufmerksam machen? Vielleicht hat das bisher noch nie jemand getan? Aber warum ich? Warum immer ich? Weil ich vom lieben Gott oder sonst wem die Aufgabe bekommen habe, allen Menschen die Wahrheit zu sagen und mich damit ins Unglück zu stürzen? Nö. Will ich nicht.
Während Silke sinnierte, hörte sie Reini quasseln und quasseln. Das war, als ob jemand eine Kassette im Vorlaufmodus abspielte oder wie damals, bei den alten Kassettenrecordern, wenn sich das Band ineinander verhedderte. Was hatte er nun wieder gesagt? Aber es schien keine Rolle zu spielen, denn Reini lachte und nippte jetzt an dem Cappuccino. Wenigstens da sprach er nicht, wie schön. Er fragte sie etwas und wartete keine Antwort ab. Silke langweilte sich und begutachtete das Café etwas genauer. Überall schnieke angezogene Leute, die meisten offenbar Touristen, was man am farbenfrohen, völlig anderen Kleidungsstil und der gesunden Hautfarbe erkannte. Das Schlimmste war: Reini ermüdete sie langsam. Sie hatte genug von ihm gehört und nichts Neues erfahren.
»Wollen wir nächste Woche mal schön ausgehen? Dazu hätte ich wirklich Lust mit dir … mit so einer attraktiven Frau … vielleicht in die Disko? Hahaha.«
Silke lächelte ihn an. Hatte er etwas gesagt? Reini sah sie kurz verdutzt an und wiederholte seine Fragen. Disko? Um Himmels willen! Sie hasste Diskos, schon früher, als sie noch dahingegangen war, um erste Erfahrungen mit Jungs zu sammeln und der erste, der ihr gefiel, ihr mitteilte, dass sie zu dick sei. Bevor er sie zum Tanzen aufgefordert hatte, konnte er sie nur bis zur Schulter an der Bar sehen.
»Hast ja ein bildhübsches Gesicht«, hatte der große, schlanke Junge nach dem Lied gesagt.
»Aber die Figur, die geht gar nicht.«
Punkt. Wunder Punkt. Ganz wunder Punkt. Nachdem er wahrscheinlich erschrocken war, hatte er den einen Tanz tapfer durchgehalten, um sie dann mit der Wahrheit zu konfrontieren. Reini sah sie freundlich an.
»Ich mag ja Frauen, die sich richtig modern und schick kleiden. Manchmal habe ich ganz hübsche Frauen kennengelernt, hahaha. Eine von ihnen hatte wirklich ein niedliches Gesicht …« (Sprach er von einer Katze?)
»Aber die trug komische Alternativklamotten, solche Säcke aus Leinen, das war ja gar nichts für mich, hahaha.«
Ist ja gut, du Macho!, grummelte Silke in sich hinein und sagte:
»Zur Disko werde ich nicht gehen.«
Ihr Ton und der Klang ihrer Stimme waren unmissverständlich – sogar für jemanden, der sie nicht kannte.
»Schade, aber na ja … vielleicht ein anderes Mal … hahaha«.
Ganz sicher nicht!
»Oder wir machen was anderes. Samstag?«, fragte er unverblümt. Na gut, sie wollte ihn nicht schon jetzt vor den Kopf stoßen.
»Du, ich glaube, die letzte Nacht sitzt mir noch in den Knochen. Ich fahre jetzt nach Hause und leg mich mal aufs Ohr.«
Reini lachte.
»Na gut, ich habe ja die Hoffnung auf nächste Woche, hahaha.«
Er zahlte, sie verließen das Café und verabschiedeten sich. Nachdem er ihr einfach einen Kuss auf die Wange gedrückt hatte, sah sie auf seine Mundwinkel. Da klebte gerade nichts. Welch ein Glück! Im Auto nahm sie trotzdem ein Feuchttuch und rieb sich die geküsste Wange ab.
Den restlichen Sonntag brauchte Silke, um sich zu erholen und schaltete alles ab, auch das Handy. Die neue Arbeitswoche kam gewiss schneller, als ihr lieb war; und mit ihr eine neue Geruchspalette.
Reini meldete sich jeden Tag mehrfach über WhatsApp.
»Guten Morgen und einen schönen Tag für dich«, Rose, Lach-Smiley. Mit letzterem hörte sie schon sein »Hahaha«. An manchen Tagen kam am Nachmittag:
»Na, du schöne Lotosblüte, schon Feierabend?«, Lach-Smiley. Hahaha. Und: Seit wann durfte er sie einfach »Lotosblüte« nennen? Wo hatte er diesen Mist her? Dunkel erinnerte sie sich an einen DDR-Komiker, Rolf Herricht. Hatte der nicht in einem Sketch dieses Wort benutzt? Die Nostalgie kannte keine Grenzen. Am Abend:
»Huhu, bin fertig mit der Arbeit, schönen Abend dir!«, Daumen hoch, Lach-Smiley. Am dritten Tag wusste sie bereits, wann und was er schrieb. Der Samstag jedenfalls rückte immer näher und damit der zu Mensch gewordene Lach-Smiley.
Große Lust hatte sie nicht, aber vielleicht kam sie noch? Beim Essen kam schließlich auch der Appetit. Sie verabredeten sich für achtzehn Uhr in Dresden in der Nähe der Hofkirche. Am meisten freute sich Silke auf Dresden. Endlich wieder in einer Großstadt sein und Leben genießen, Menschen sehen und Vielfalt. Vielleicht konnte sie Reini überreden, mit ihr in das Grüne Gewölbe zu gehen? Schon viel zu lange war sie nicht mehr dort gewesen. Hatte es nach dem Diebstahl überhaupt wieder geöffnet? Sie sah im Internet nach. Ja, hatte es. Nun kam doch noch Freude auf das bevorstehende Treffen auf. Nach dem Bad wickelte sie sich in ihren Bademantel und sah versonnen aus dem Fenster. Wie schön! Der Sommer ließ sich tatsächlich noch Zeit, die Führung an den Herbst abzugeben. Eine moderne Sommerjeans und eine tolle Bluse dazu, Strickjacke und fertig.
9. Kapitel
Reini, Dresden und neue Pläne
»Bitte, lass uns doch mal einen Moment
nichts sagen, Reini!«
Silke
Sie erschien kurz nach achtzehn Uhr am Treffpunkt. Reini erspähte sie schon von weitem und sein Lachen wurde breiter. Bald würde sie es auch hören. Als sie näher kam, war sie wieder von seinem Aufzug angetan. Geschmack hatte er, das musste man zugeben. Mit seiner grauen Jeans und dem schwarzen Hemd, den schwarzen, nicht billigen Schuhen und einer grauen Lederjacke über dem Arm stach er unter so manch ortsansässigem Mann seines Alters deutlich hervor. Dazu roch er zwar wieder für Silkes Geschmack etwas zu aufdringlich nach Parfum, so als hätte er sich damit übergossen, aber er war sehr gepflegt. Mundwinkel wurden abgecheckt, dann Küsschen links, Küsschen rechts, ein »Hahaha« durfte natürlich nicht fehlen.
»Gut siehst du aus!«, krähte Reini.
»Danke, du auch«, entgegnete Silke und Reini lachte sein kurzes »Hahaha«. Alles war also in Ordnung. »Ich war lange nicht mehr in Dresden und freue mich riesig darauf«, schwärmte Silke und strahlte.
»Echt? Wie lange nicht?«, fragte Reini und sie erzählte ihm, dass sie das letzte Mal neun Monate zuvor da gewesen war. Sie hatte Dresden vermisst. Es war besonders, hatte seinen eigenen Charme. Aber es hatte sich im Laufe der Jahre verändert, war hektischer und unruhiger geworden. Das stimmte sie traurig. Dabei hatte diese Stadt immer etwas seltsam Verträumtes, was man sonst kaum in einer Großstadt fand. Als wäre sie zwar mit der Zeit gegangen, aber dazwischen, zwischen den Häusern, zwischen den neuen, feudalen Gebäuden, da hockte noch das kleine, in sich gekehrte, beinahe schüchterne Dresden. Die Straßenbahnen mit ihrer gelb-schwarzen Aufschrift erinnerten Silke noch immer an die alte Zeit, in der die Straßenbahnen langsamer und lauter fuhren und sie die ersten Grübchen auf ihren Wangen entdeckt, Kirschen in Gärten geklaut und überlegt hatte, wie sie auf der Prager Straße an Marx und Engels hätte hochklettern können. Ihre alte Zeit vermischte sich gerade mit der neuen und es trieb ihr Tränen in die Augen, als Reini ihre Gedanken mit gewohnter Geschwindigkeit unterbrach.
»Wo wollen wir am besten hingehen? Worauf hast du Lust? Wollen wir spazieren gehen, ein Eis essen, Dampfer fahren oder was wollen wir machen? Also ich …«, plapperte er unaufhörlich weiter und dehnte seine Welt aus.
»Ich wäre gern mal wieder ins Grüne Gewölbe gegangen.«
Reini sah sie verdutzt an, fing sich jedoch rasch wieder und platzte ein »Wieso? Willst du was klauen?« raus. Total witzig. Damit sie sich nicht weiter ärgerte, wollte sie ihn jetzt ein wenig foppen. Mal sehen, was er wusste, ob er sich für seine Stadt interessierte.
»Ach«, schwärmte sie und sah zur Hofkirche hinauf, »sie ist so schön!«
Reini folgte ihrem Blick, sah zu ihr, wieder zur Kirche. »Hahaha.« Aha. Weiterging es.
»Wusstest du, dass sie während der Luftangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 mehrmals von Sprengbomben getroffen worden ist? Dabei stürzten Dach und die Gewölbe im Innenbereich ein. Erst 1965 wurde der Wiederaufbau beendet.«
Sie sah ihn von der Seite an und lächelte betont versonnen.
»Nein, das wusste ich nicht, hahaha.«
Das war zwar gemein von ihr, aber, ein bisschen Zicke sein konnte nicht schaden.
»Ich bin zwar nicht so der Kunstfanatiker, aber bisschen Bildung kann ja nicht verkehrt sein, hahaha«, und dann plapperte er weiter. Über seine Tochter, die sich sehr für Kunst interessierte und ihn schon einige Male mitnehmen wollte; er sie aber dann doch überredete, etwas anderes zu machen, und, und, und. In dieser Zeit stiegen sie die Treppe zur Brühlschen Terrasse hinauf. Reinis Mund stand nur beim letzten Drittel des Aufstiegs still und sie hörte ihn keuchen. Hahaha. Sie genoss diese zwei Minuten, denn kaum bekam er wieder genug Luft, versuchte er es mit der nächsten Wortkanone.
»Bitte, lass uns doch mal einen Moment nichts sagen, Reini!«
Dabei blieb sie höflich.
»Hahaha, ja, machen wir.«
Sie trat an das Geländer, um die schöne Aussicht auf die Elbe und den herrlichen Blick zu genießen und atmete tief durch. Schon wollte sie in ihrer Begeisterung:
»Ist das nicht zauberhaft?«, rufen, als sie sich entschied, es lieber zu lassen. Denn das hätte Reini als Aufforderung für eine neue Redeattacke aufgefasst. Silke lehnte sich an das Geländer und blickte sich auf dem Balkon Europas um. Unweit von ihnen saß eine Frau alleine auf einer Bank, mit einem Buch in der einen und einem Kaffee in der anderen Hand. Die Glückliche! Kaum gedacht, wahrscheinlich war Reini schon am Platzen, weil seine Welt sich schon wieder füllte, schnatterte er los; diesmal so schnell wie noch nie zuvor. Oh! Da hatte sich etwas angestaut in den drei oder vier Minuten!
»Hach, ist das nicht schön hier … ich erinnere mich, dass ich doch mit meiner Tochter mal hier war … und ganz früher sogar mit meinem Sohn … der ist ja jetzt schon viel älter … na ja, viel reden wir nicht miteinander … aber ich bin ja froh, wenn wir uns wenigstens ab und zu hören und sehen … ist auch alles nicht so einfach … er lebte von Anfang an bei seiner Mutter … und die war nicht gerade angenehm … wollte den Umgang unseres Sohnes mit uns nicht so haben … war ja damals noch nicht so offen wie heute … wird mehr Rücksicht auf die Väter genommen … da beschweren sich ja manche Mütter darüber … die können heutzutage nicht einfach so ihr Kind dem Vater vorenthalten … aber damals … na ja, war eben so … hahaha … so ist das eben … alles hat man nicht im Leben … aber ich bin trotzdem zufrieden … man muss immer positiv denken … hahaha …«
Dff, dff, dff, das Feuer war eröffnet! Sie hatte das Gefühl, wenn er noch einen Satz sagte, würden seine Worte in ihrem Gesicht explodieren. Was sollte das im Grünen Gewölbe werden? Sie musste sich umentscheiden, lieber wollte sie mit einer Freundin bei Gelegenheit ihren Wunsch erfüllen.
»Reini, ich habe eine Idee.«
Er sah sie neugierig an.
»Raus damit, ich bin für alles zu haben, hahaha«.
Das glaubte sie ihm auf’s Wort.
»Lass uns bei diesem schönen Wetter nicht unsere Zeit in einem Gewölbe, sondern lieber draußen verbringen. Was hältst du davon, wenn wir hier noch ein wenig schlendern und dann auf die Münzgasse in ein Café gehen?«
Wie ein kleines Kind zappelte er. Also doch ADHS. In unseren Zeiten gab es ja solche Symptome nicht. Wir waren ruhig und gelassen oder wir waren temperamentvoll und ausgelassen. Da gab es höchstens noch verhaltensauffällige Kinder, aber die mussten schon sehr auffällig sein. Wir waren einfach nur Kinder. Sie schweifte wieder in ihren Gedanken ab und betrachtete ihn von der Seite, als sie an plastischen Elementen vorübergingen und schließlich an die Büste für den Bildhauer Ernst Rietschel gelangten. Silke bestaunte sie, obwohl sie es schon oft gesehen hatte.
»Beeindruckend!«, entfuhr es ihr. Reini stand wie ein begossener Pudel daneben.
»Ich glaube, meine Tochter wüsste darüber alles, hahaha«, brabbelte er seine Unsicherheit weg. »Schau mal, da«, und sie zeigte auf die drei Reliefs.
»Diese Reliefs stellen die Geschichte, Poesie und Religion dar.«
Reini lächelte.
»Oh! Wie schön! Hahaha.«
Er kratzte sich am Kinn.
»Und was bedeuten die drei Figuren da?«, zeigte er sich interessiert. Immerhin.
»Die symbolisieren das Zeichnen, Modellieren und Meißeln. Spannend, oder?«
Eigentlich war das wieder dieses Necken, denn inzwischen war eins klar: Das war für Reini auf keinen Fall »spannend«. Aber siehe da! Reini begutachtete die Inschrift auf dem Denkmal, als wolle er einem Hund in die Schnauze schauen wollen.
»Auf der Stätte seines Schaffens«, las er laut vor. Das obligatorische »Hahaha« fehlte schon zum zweiten Mal hintereinander. Silke musste überlegen und in ihren Erinnerungen aus dem Studium kramen. Sie hatte Geschichte immer besonders gemocht. Wie vergesslich man im Laufe der Jahre werden konnte! Dann fiel es ihr ein.
»Rietschel hatte sein Atelier im Brühlschen Gartenpavillon, der zuvor an dieser Stelle gestanden hatte.« Reini nickte ernsthaft.
»Du weißt zu viel, du musst weg. Hahaha«, versuchte er zu witzeln. Okay. Aussichtslos.
»Lass uns jetzt zur Münzgasse laufen«, schlug sie vor.
»Gute Idee, hahaha.«
An diesem Abend würde sie Nerventee brauchen.
In der Münzgasse schlossen sie sich einer Menschenmenge an. Hier strömte pures Leben. Wie hatte ihr das gefehlt! So viele verschiedene Nationalitäten; edel Gekleidete oder Alternative, schräge Gestalten – eben bunt gemischtes Publikum. Bunter ging es nicht.
»Hier laufen Vögel rum«, plapperte Reini, als ihnen ein Mann entgegenkam, der auffiel. Seine Haare hatte er zu zwei, stark vom Kopf abstehenden Zöpfen geflochten, an den Seiten war er glattrasiert. Dazu abstehende Ohren und die Augen extrem geschminkt. Auf seinem Shirt stand:
»Mein Ex hat einen Kleinen.« Und er trug einen Wickelrock, das war wirklich schräg, aber interessant. Reini sah ihm nach und schüttelte angewidert den Kopf. Jetzt reichte es ihr.
»Sag mal, du wohnst doch in Dresden, in einer Großstadt. Da musst du es doch gewohnt sein, auf allerlei Menschen zu treffen!«
Ihr Ton war etwas spitz.
»Na ja, schon, aber der ging ja gar nicht! Wie kann man sich so in der Öffentlichkeit zeigen? Hahaha.«
Sie schlängelte sich an der nächsten Gruppe vorbei und sagte trocken:
»Und wer bestimmt, was ›geht‹ oder nicht?«
Er lachte nur. War der so blöd, oder konnte er keine anständige Diskussion führen? Egal, Silke rollte mit den Augen und wünschte sich Sandra oder Anett oder heute noch lieber ihre »Kunstfreundin« Birgit herbei. Das hätte gut gepasst. Es zupfte sie jemand grob am Arm. Schon wollte sie den Arm wütend entziehen, da erkannte sie, dass Reini sie in ein Café zerren wollte. Das fehlte noch. Ein Mann zog sie am Arm! Sie riss sich los.
»Ich komme ja schon, mein Gott!«
Langsam wurde sie aggressiv und die einzige Chance, sich zu beruhigen, war jetzt Koffein. In Dresden trank man schließlich zum Nachmittag immer Kaffee. Eierschecke dazu wäre natürlich der Bringer. Sie hatten Glück, am Rande der Münzgasse wurden Plätze frei. Sie mochte zwar diese runden Holzgartentische und klapprigen Holzstühle nicht, aber man konnte glücklich sein, zwei Plätzchen ergattert zu haben. Ihre Füße schmerzten sie und noch mehr ihre Ohren. Es dauerte eine Weile, ehe der Kellner kam. Sie bestellten ihren Kaffee und zwei Stück, ja tatsächlich, Eierschecke. Darauf freute sie sich jetzt, während die Menschen dicht an dicht an ihr vorüberliefen. Und niemand von ihnen schien gestresst zu sein. Alle unterhielten sich, lachten, manche sangen sogar. Dresden, ich liebe dich! Und diese Liebe endet nie!, sinnierte Silke pathetisch. Das war auch vorerst der letzte Gedanke, denn Reini hatte vor, sein Männerköpfchen leer zu quatschen. Achtung, fertig, los:
»Also, hier ist ja was los … hahaha … heute ist wirklich extrem viel los … als ich mit meiner Tochter letztens da war, war wesentlich weniger los … aber meiner Tochter würde das hier gut gefallen … na ja, die jungen Leute stehen eben auf viel Leben … ich eigentlich auch … vielleicht, weil ich auf Arbeit oft alleine bin … deshalb freue ich mich, unter die Leute zu kommen … hahaha … und vor paar Wochen war ich zur Disko … da habe ich eine Frau kennengelernt … die war ganz süß … aber als wir uns unterhalten haben, da kam der Hammer … sie hatte Garten und Hund und Enkel … so was will ich nicht … da wüsste ich schon, was auf mich zukommen würde … so ein Heimchen … hahaha.«
Dff, dff, dff, dff, alle erschießen, und zwar mit Worten. Es gab ja Sachen, die sollte ein Mann bei den ersten Dates für sich behalten. Da erzählte Mann eben nicht, dass Mann eine andere Frau süß fand. Das war zwar etwas Normales, aber Frau wollte das nicht wissen. Und überhaupt: diese Überheblichkeit gegenüber Frauen mit Garten, Hund und Enkeln! Reini kontrollierte außerdem den Luftraum. Das ging gar nicht. Stille und Ruhe wären sein sicherer Tod, diagnostizierte Silke gedanklich und nickte nur, während weitere Wortschwalle sich wie ein Platzregen über sie ergossen. Wenn er gerade erzählt hätte, sie in die Elbe werfen zu wollen, hätte sie genickt. Als sein Mund plötzlich für einen klitzekleinen Moment stillstand, erschrak sie regelrecht. Was? War sein Vokabular erschöpft? Mitnichten. Reini sah sich ihre Fingernägel an.
»Du hast ja schöne Fingernägel, sind die echt?«
Ja, natürlich! Es war ihr zu langweilig, sich stundenlang ins Nagelstudio zu setzen und ihre Hände einem fremden Menschen hinzuhalten wie ein Hund seine Pfötchen dem Herrchen. Es war ihr höchst unangenehm, wenn jemand an ihren Händen herumfummelte oder ein Mann sie küsste, womöglich seine Sabber hinterließ, wenn ein Hund sie ableckte oder sie Hühnchen mit den Fingern essen sollte. Und sie aß so gern Hühnchen! Früher hatte sie mit ihrem Vater ein Spiel gespielt. Wer zuerst mit dem Abknabbern der Hühnchenschenkel fertig gewesen war, hatte gewonnen. Mitten in ihre Gedanken platzte ein neues »Sturmgewehr«.
»Also ich mag Frauen, die ihre Fingernägel lackieren.«
Machte sie auch. Mit unauffälligem Glanznagellack oder einer Nude-Farbe.
»Ja, mache ich.«
Reini zog die Stirn zusammen, glättete sie wieder und schmetterte ihr entgegen:
»Na ja, ich mag so richtig roten Nagellack. Würdest du für mich mal solchen drauf machen?«
Was, heiße ich vielleicht Olga oder Ludmilla? Vielleicht noch knallroten Lippenstift? Hat der Herr noch einen Wunsch?, war Silke kurz vorm Platzen.
»Schmeckt dir der Kaffee …« und schon wollte er weiter ballern. Da schrie sie:
»JA!« Am Nebentisch drehten sich zwei Pärchen um und kicherten. Silke hörte, wie eine der beiden Frauen meinte: »Der würde mich auch wahnsinnig machen« und die anderen drei nickten lachend.
Reini sah sie nur erschrocken an.
»Ich möchte jetzt gehen«, fügte sie leiser, aber bestimmt hinzu. »Und es wäre mir lieb, wenn wir das tun könnten, ohne dass du beim Reden durch die Haut atmest!«
Ruhe. Endlich. Sie schlenderten zur Hofkirche zurück und Silke nahm nichts mehr um sich herum wahr. Ich will nur noch nach Hause!, stöhnte sie gedanklich. Kühl verabschiedete sich von Schwafelreini, in dessen Mundwinkeln getrocknete Spucke klebte. Sie merkte, wie ihr kalt wurde. Mensch, eine Stunde Fahrt nach Hause. ›Wenn es sich wenigstens gelohnt hätte, dachte sie und betätigte beim Fahren den Schaltknüppel, als ob sie mit dem Spaten den harten Boden ihres Gartens bearbeiten wollte. Sie stellte das Autoradio auf CD und drehte AC/DC auf volle Lautstärke. Die CD war noch vom letzten Mal drin, als sie wütend war. Nach zehn Minuten, in denen sie sich zu »Highway to Hell«, »Let There Be Rock« und anderen Hits der Hard-Rock-Band die Seele aus dem Leib schrie, schaltete sie auf Radio um und atmete wieder ruhiger. Zu Hause nahm sie ein Bad, kuschelte sich in ihre Lieblingsdecke und schrieb Sandra über WhatsApp:
»Hey, Aufreißerin, sehen wir uns morgen? Es gibt doch sicher Gesprächsstoff …«
Es dauerte, wie gewohnt, keine zwei Minuten, bis Sandra antwortete. Sie saß quasi auf ihrem Smartphone.
»Es ist furchtbar, wenn ich dir eine Nachricht schreibe und du stundenlang nicht reagierst!«, hatte sie Silke mal angemeckert.
»Mensch, ich habe das Ding doch nicht an der Backe kleben!«, hatte sie sich gewehrt. Sandra schon.
»Klar, Mausebär, wann?«, antwortete Sandra jetzt.
Mausebär. Wie sah solch ein Viech eigentlich aus? Eine Maus und ein Bär in einem?
»Wann kannst du denn?«, fragte Silke zurück, ohne »Mausebär«.
»Für dich immer«, rotes Herz-Smiley.
»Okay, lass uns Mittag zusammen essen. Nudeln?«
Prompt die Antwort:
»Was ist denn mit dir los? Du bist ja gar keine gute Hausfrau mehr. Nudeln zum Sonntag? Wo bleibt deine gute Erziehung?«
Grrrr! Silke schüttelte den Kopf.
»Dann iss doch woanders, du verwöhnte Schnepfe!«
Sie sah Sandra vor sich, wie sie sich ausschüttete vor Lachen.
»Ey, nicht so böse. Was war heute los? So bist du nur, wenn du fünf Messer unter dem Kleid trägst!«
Sie kannte Silke.
»Mir doch egal, du weißt, dass Essen mir egal ist«, schrieb Silke und schickte ein Zwinker-Smiley hinterher.
»Mir aber nicht mehr. Nudeln sind gut, Selberschnepfe. Morgen zwölf Uhr und – ohne Messer«, antwortete Sandra und Silke fühlte sich schon wieder viel besser gelaunt.
Am Sonntag schlief sie lange, kroch gegen neun Uhr behäbig aus dem Bett und sah nach dem Kaffeekochen zum Terrassenfenster hinaus. Langsam wollte der Sommer sich endgültig verabschieden und bald schon würde er mit dem Herbst Hand in Hand gehen. Schade, und doch; bestimmt zeigten sich bald schon erste Herbstzeitlose am Waldrand und die Fette Henne in ihrem Garten schmückte sich mit rötlicher Farbe. Sie mochte es, wenn sich die grünen Blätter der Bäume langsam rot, gelb und braun einfärbten und sie das Gefühl bekam, alles leiser zu erleben. Außer Reini. Der Gedanke katapultierte sie aus ihrer Träumerei in die laute Wirklichkeit. Es war Sonntag und Sandra kam wie immer fünfzehn Minuten zu spät. Sie flog in einem lilafarbenen, knielangen Kleid ein und sah zwar immer noch sehr schmal, aber gesünder aus als noch vor Monaten. Ihre weiße Strickjacke warf sie auf den Sessel im Wohnzimmer.
»Mensch, bei dir sieht es wieder aus wie im Museum. Wohnst du hier auch?«, neckte sie.
»Bla, bla, bla. Nur weil du schlampig bist, muss ich es doch nicht sein.«
Das saß. Kaum waren sie zusammen, mussten sie sich hochnehmen.
»Ich bin lediglich geistig abwesend beim Niederlegen von Gegenständen«, konterte Sandra.
»Na klar, du und das Motto: ›Ordnung ist das halbe Leben und ich lebe in der anderen Hälfte.‹«
Sandra stieß Silke spielerisch in die Magengegend und diese schrie gekünstelt »Aua!« Mädchenspiele alternder Diven. Silke stellte den Topf mit dem Nudelwasser auf den Herd und das italienische Pesto auf den Tisch.
»Hast du gestern wieder AC/DC gehört?«
Sandra lachte neckisch.
»Logisch. Du musst darüber nicht lachen. Ich sag dir was: Leute, die Hard-Rock hören, sind in ihrem realen Leben weniger aggressiv!«
Ihre Freundin zog die Stirn in Falten und machte einen Schmollmund.
»Ja, da brauchst du nicht so gucken! Rate mal, warum es nach Hard-Rock-Konzerten weniger Schlägereien und Ausschreitungen gibt als nach den Wildecker Herzbuben oder anderen Schmalzheinis? Weil die ihre Aggressionen – im Übrigen hat die jeder Mensch, nur dass es wenige zugeben – bei der Musik lassen und nicht hinterher an anderen Leuten abbauen!«
Sandra schien zu überlegen.
»Sagtest du: ›Wildecker Herzbuben‹? Sind das nicht die Süßholzraspler – mit Wangen, die so rund sind wie meine Arschbacken?«
Silke prustete los.
»Du erst!«
Jetzt war Sandra in ihrem Element.
»Na, ehrlich mal, ist doch kein Wunder, wenn sich die Leute nach den Konzerten prügeln. So viel Gefühlsduselei verträgt kein Mensch und wenn ich mir zwei Stunden diese Kitschbacken ansehen müsste, würde ich danach auch einen verkloppen wollen!«
Tratsch und Klatsch, das war jetzt gut.
»Die Leute brauchen eben auch diesen larmoyanten Mist, um sich von ihren Sorgen abzulenken, denke ich«, begann Silke zu philosophieren.
»Larmo… was?« Sandra zog die Augenbrauen hoch.
»Rede bitte Deutsch mit mir, und zwar so, dass ich es verstehe, mein Schatz!«
»Ist so was wie gefühlsduselig eben. Mal was anderes: Immerhin ist der eine Schunkelheini mit Bruce Willis verwandt. So etwas kann nicht jeder vorweisen!«, konterte Silke, um den Dialog voranzutreiben, der ihre Energie wieder auflud.
»Gliems Schwiegermutter ist die Cousine von Willis’ Mutter Marlene und die haben das Herzilein und seine Familie sogar mal besucht«, erinnerte sich Silke. Klatschzeitungen las sie in Wartezimmern bei Ärzten.
»Oh, na dann, Bruce, der Hübsche, der Schönste aller Schönen«, schwärmte sie, besann sich, zuckte dabei und rief plötzlich kreischend:
»Bruce ist verwandt – mit Herzilein? Da liegt ein Defekt in der genetischen Übertragung vor! Und überhaupt: wieso verwandt? Die Schwiegermutter von dem Klops, nicht seine Mutter, ist die Cousine. Ach egal. Lass uns von der Liebe reden!«, flötete Sandra in versuchter Alt-Tonlage einer Opernsängerin.
»Erzähl mal!«, forderte Sandra sie auf.
»Wovon?«, stellte sich Silke dumm.
»Wovon schon?«, verdrehte die Freundin ihre Augen. »Von dem attraktiven Mann, den du bei der Party aufgegabelt hast.«
Aufgegabelt! Was für ein Ausdruck.
»Na hör mal, er hat eher mich aufgegabelt, besser gesagt ›aufgelabert‹«, wehrte sich Silke.
»Egal, wie ist er so?«
Silke erzählte von den ersten zwei Begegnungen. Zum Schluss kam sie zu der Spucke an den Mundwinkeln und dass diese schnell eintrocknete, wenn er mal paar Minuten nicht sprach. Sandra schüttelte sich und meinte:
»Vielleicht hat er Tollwut?«
Das fand sie so lustig, dass sie sich beim Lachen auf die Schenkel klopfte. Hoffentlich brach sie sich nicht die Knochen.
»Tupf doch vor dem Küssen seine Mundwinkelchen ab, so wie eine Mama ihrem Kleinkind den Mund nach dem Essen säubert«, schlug sie vor. Grundgütiger! Ein Mann, der sich von einer Frau im Gesicht herumwischen ließ, hatte definitiv die Kontrolle über sein Leben verloren. Das wusste doch jeder, der sich mit Beziehungen beschäftigte. Genauso, wie kein Mann seiner Frau zum Geburtstag oder zu Weihnachten Haushaltsgeschirr schenken sollte, denn damit war eins klar: Die Frau war nicht mehr seine Geliebte, sondern die Haushälterin.
»Aber du, wenn er weiter so viel und schnell spricht, hält das ja kein Mensch aus!«
Silke nickte und schien nachzudenken.
»Gut sieht er doch aus, oder? Vielleicht ist er auch gut im Bett? Dann gibt es nur die eine Möglichkeit, und zwar dem Mann den Mund zuzukleben. Fertig«, meinte Sandra trocken, breitete ihre Arme aus, als sei die Sache damit erledigt und zeigte ihr böses Grinsen.
»Probiere ihn aus und du weißt es.«
»Du bist echt blöd!«, schimpfte Silke und musste nun doch lachen.
»I-c-h h-a-b-e K-o-p-f-k-i-n-o!«, rief Silke und drehte sich im Kreis.
Doch das Mittag bereitete sich nicht von selbst zu; sie unterbrachen ihre Flunkereien. Während Silke die gekochten Nudeln in das Sieb goss, naschte Sandra per Dreifingertechnik aus dem Schälchen mit geriebenem Parmesan. Silke klopfte ihrer Freundin auf die Hand.
»Du bist wie Julian, der hat das auch immer gemacht und wie bei dir landeten haufenweise Krümel auf dem Tisch. Vom Schälchen bis zum Mund ist es schließlich eine ordentliche Strecke. Ich hasse das!«, schimpfte sie und wischte mit dem Lappen gleich die verlorenen Krümel weg. Mit vollem Mund gackerte Sandra:
»Na ja, du hasst alles, was nicht klinisch rein ist. Ich wette, heute wurde schon dein Glastisch geputzt und die Spiegel im Bad und was weiß ich noch alles.«
Das stimmte. Und zwar alles. Sie wollte Harry und Martina schließlich nicht mit Staubwolken und Schlieren begrüßen. Aber das wollte sie Sandra nicht erzählen.
»Trotzdem, hör auf. Und außerdem: Mit vollem Mund spricht man nicht!«
Sandra rieb sich gehorsam die Hände über dem Waschbecken sauber und schluckte den Käse runter.
»Ja, Mama«, sagte sie, deutete eine leichte Verbeugung an und deckte den Tisch. Beim Essen schwiegen sie eine Weile.
»Ich könnte jeden Tag Nudeln essen«, meinte Sandra begeistert.
»Na, das wäre auch vorteilhaft für dich.«
Silke sah ihr Gegenüber an und biss sich auf die Unterlippe. Musste das sein? Sie wusste von ihren Essstörungen, das war kein Spaß. Es gab immer noch zu viele, die daran starben. Aber die Freundin nahm es gelassen.
»Vielleicht mache ich das bald, paar Kilos könnte ich schon noch vertragen. Das meinte auch mein Schmetterling.«
Schmetterling? Silke rollte die Augen. Jetzt ging es los. Hoffentlich war der blaue Elefant noch zu haben. Sie wusste, Sandra erwartete Fragen. Beim Abräumen also tat sie genau das.
»Schmetterling, hm? Feiner Kosename. Ist sie schon geflogen?«
Schönes Wortspiel, fand sie.
»Witzig. Aber ja, könnte man so sagen. Sie flog mit mir ins Universum der Liebe«, rief Sandra im Überschwang.
»Rege du dich noch einmal über die Herzbuben auf, echt mal«, lachte Silke.
»Bist du neidisch? Meine Prinzessin sabbert wenigstens nicht«, foppte Sandra zurück und erntete eine weit herausgestreckte Zunge.
»Ich habe noch nie so einen zarten und doch leidenschaftlichen Sex erlebt wie mit ihr. Mit einer Frau ist das ganz anders als mit einem Mann, das kannst du mir glauben! Eine Frau weiß ganz genau, wo und wie sie die andere berühren muss; sie ist zärtlicher, sensibler, aber nicht weniger …«, scheinbar musste sie nach Worten suchen.
Silke schüttelte sich unübersehbar.
»Na, sag mal, seit wann bitte bist du so prüde? Es geht doch um eine Frau, keinen Mann. Ich erzähle dir schließlich nichts von Schwanzlängen und dergleichen.«
Silke rief: »Aus!«
Sandra grinste schief. »Bin ich ein Hund?«
»Nö, aber bald tot, wenn du nicht aufhörst.«
Sie verstanden sich. Trotzdem wollte Silke nichts mehr hören.
»Bitte, erspare mir die Details«, bat sie.
»Warum denn? Du erzählst mir doch auch von deinen Männergeschichten und wie einer im Bett war und so weiter. Warum darf ich das nicht?«
»Na hör mal, das ist erstens selten genug – ich kann mich an das letzte Mal gar nicht mehr erinnern – und außerdem etwas anderes!«, wehrte sich Silke. Sandra schwieg, sah sie nachdenklich an und sagte nur ein Wort:
»Warum?«
Ein Wort nur, eine Frage. Sandra schwieg noch immer und sah Silke ohne jegliche Regung an. Sie wartete auf ihre Antwort. Es half nichts.
»Na ja, weil es vielleicht ungewöhnlich ist. Ich kenne dich so lange und immerhin warst du einige Jahre verheiratet, hast Kinder mit deinem Ex und bist seit deiner Scheidung nur mit Männern zusammen gewesen, viele One-Night-Stands und …«
Weiter kam sie nicht.
»Und? Vielleicht ist es dir entgangen, aber ich bin nicht die Einzige, der das passiert. Sogar Männer sind oftmals viele Jahre verheiratet, haben Kinder mit ihrer Frau gezeugt und fühlen sich dann, gerade im mittleren Alter, zu Männern hingezogen. Meistens war diese Neigung schon immer vorhanden. Männer drücken das nur häufiger weg als Frauen. Sie schämen sich.«
Sandra hatte sich mit dem Thema offenbar auseinandergesetzt.
»In mir sind diese Neigungen seit einigen Jahren vorhanden und auch ich habe sie mir zunächst nicht eingestanden. Mit Männern komme ich weder auf mentalem noch sexuellem Gebiet klar. One-Night-Stands, was glaubst du, warum es nur noch solche waren? Ich hätte jederzeit mit Männern nach einer Nacht weiter Kontakt haben können, vielleicht sogar Beziehungen; viele wollten das. Aber ich wollte es nicht. Ich kam mit ihnen nicht mehr klar. Doch sobald ich Diana traf, hat es Klick bei mir gemacht. Ich kann mich mit keinem Mann, mit nicht einem einzigen, so gut unterhalten wie mit ihr und ich rede dabei nicht von Sex, Silke. Was ist daran falsch? Bin ich jetzt unnormal für dich?«
Sandra blieb völlig ruhig und sachlich.
»Du hast recht«, gestand ihr Silke ein. »Ich muss mich nur erst daran gewöhnen, dass du jetzt …«, sie schluckte.
»Dass ich lesbisch bin?«, vollendete ihre Freundin den Satz. Silke nickte beschämt. »Ja, solltest du, denn durch die Begegnung mit Diana ist mir klar geworden, was ich will. Und weißt du, was irre ist? Ich finde immer mehr zu mir, zu meiner alten Energie. Ich esse sogar mehr, ich schlafe besser. Als hätte sich in mir etwas gelöst; als hätte ich mich aus den eigenen Ketten befreit. Ey, deine Freundin Birgit hätte jetzt ihre Freude an mir und könnte an mir ein Exempel statuieren.«
Sandra grinste schelmisch. Das Eis war gebrochen. Die Nase kraus gezogen und mit fröhlichen Augen saß sie auf dem Sessel im Wohnzimmer, die Beine elegant übereinandergeschlagen und der Rücken kerzengerade. War das »ihre« Sandra?
»Ich freue mich für dich, wirklich!«
Silke stand auf, umarmte die Freundin und küsste sie auf die Wange.
»Vorsicht! Nicht, dass ich dich jetzt anbaggere!«
Diesen kleinen, aber freundschaftlichen Seitenhieb genoss Sandra. Silke gab ihr einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.
»Erhöht das Denkvermögen!« konterte sie lachend.
»Lass uns doch mal zu viert was unternehmen; du und die Quasselstrippe, Diana und ich. Was meinst du? Das könnte lustig werden.«
»Okay, mal sehen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie lange ich es mit dem Kerl noch aushalte!«
Vom Sessel hochgeschnellt rief Sandra:
»Schlaf doch erst mal mit ihm. Wenn er nicht gut ist, dann schieß ihn ab.«
»Ist ja gut! Ich habe das vorhin schon verstanden«, lachte Silke. Bald verabschiedete sich Sandra. Ihr »Schmetterling« wartete auf sie. Als Silke wieder allein war, machte sie es sich gemütlich, zog eine Schlabberhose an, setzte Kaffee auf und kuschelte sich mit Whiskey auf dem Sofa zusammen.
»Keiner kann so gut schnurren wie du«, flüsterte sie ihm zu. Als hätte der Kater sie verstanden, schnurrte er noch lauter und sie schlief ein.
Das Klingeln ihres Telefons weckte sie. Sie zuckte zusammen, sprang von der Couch und der Kater in einem Satz erschrocken von dannen.
»Sorry«, rief sie ihm zu und er verkroch sich hinter dem Sessel. Nach dem Telefon in der Station angelnd, stürzte sie fast über ihn. Auch das noch!
»Ja, hallo?«, hauchte sie atemlos in den Hörer.
»Hey, Mama, ich bin es, Julian.«
Schon strahlte sie.
»Na hallo, deinen Namen brauchst du aber nicht dazu sagen, ich erkenne dich immer noch an der Stimme«, flunkerte sie. Julian war schrecklich förmlich geworden.
»Ja, ich weiß. Ich wollte mal hören, wie es dir geht.«
Wollte er zum Apfelkuchen essen kommen? Die Zeit kam ihr in den Sinn, als er gerade erst ausgezogen war, um in Berlin zunächst Journalistik zu studieren. Sie hatte ihn so vermisst, dass sie sich oft in ihrem Haus verkroch und weinte. Nix da, das war vorüber. Jetzt war sie eine unabhängige Frau, ja, sie war erwachsen geworden, außer …
»Ja, mein Schatz, mir geht es gut. Sandra war heute da und wir haben zusammen Nudeln mit Pesto gegessen.«
»Ah, Sandra, sie isst? Wirklich?« Silke schluckte.
»Ja, sie isst wieder«, meinte sie kurz angebunden und klang störrisch.
»Das ist gut. Auf ihren Rippen konnte man Klavier spielen«, merkte Julian an. Blödes Bodyshaming. Aber sie selbst war ja darin inzwischen geübt.
»Deshalb rufst du aber nicht an, mein Sohn, habe ich recht? Wie läuft es mit deinem neuen Chef und was gibt es sonst Neues?«, lenkte sie das Gespräch in eine andere Richtung. Ob er ihr das mit dem Professor erzählte?
»Mein neuer Chef ist ein Stinkstiefel. Aber eins muss man ihm lassen: Er ist kompetent, er weiß, was er tut. Und Neues, nun ja, ich gebe jetzt Vorlesungen.«
Sehr gut, er erzählte ihr noch etwas.
»Ja, ich weiß. Ich hatte mal bei dir angerufen und dein Freund sagte mir das.«
»Die alte Quasselstrippe«, lachte Julian. Da kannte er Reini nicht …
»Ich freue mich jedenfalls für dich. Du hast viel erreicht. Wie laufen die Vorlesungen?«
»Ganz gut. Am Anfang bin ich mit Lampenfieber rein und mein Kopf hat geglüht. Aber das wird mit der Zeit immer weniger. Die Studenten ziehen auch gut mit. Ich denke, das ist was für mich. Deshalb …«
Oh, was noch? »Deshalb?«, hakte Silke nach.
»Ja, deshalb habe ich vor zu promovieren.«
Wow! Ihr Sohn ein »Herr Doktor«? Sie setzte sich geplättet hin.
»Mama?«
»Ja, ich bin da. Ich bin nur gerade – begeistert; und ich bin so, so stolz auf dich!«
»Mama, vielleicht wird es Zeit, mal auf dich selbst stolz zu sein? Ohne dich und deine Unterstützung hätte ich es niemals so weit gebracht.«
Tränen. Die kamen einfach so.
»Mama? Bist du noch da?«
Sie schluchzte.
»Ja«, schniefte sie in den Hörer: »Jetzt werde ich im Alter noch sentimental.« Julian lachte auf.
»Im Alter? A-l-t-e-r? Das meinst du nicht ernst, oder? Du glaubst nicht, was beim Mann in dieser Zeit alles passiert!«
Oha! Auch das noch. Der arme Kerl, womit der sich so beschäftigen musste! Aber er wollte es ja so, als er sich während des Journalistikstudiums entschieden hatte, zur Psychologie zu wechseln.
»Wahrscheinlich müsste ich mal eine deiner Vorlesungen besuchen, mein Schatz.«
»Das kannst du gern tun. Komm doch nach Berlin. Hast du nicht bald mal wieder Urlaub?«
Eine gute Idee! Warum war sie nicht von alleine darauf gekommen? Anstatt etwas Vernünftiges zu machen, schloss sie Mondgesichter und Russinnen-Duplikate in Toiletten ein, schaute einem Endfünfziger beim Sabbern zu und überlegte, ob sie ihm vor dem ersten Kuss wie einem Baby den Mund säubern sollte.
»Das ist eine hervorragende Idee, Schatz. Ich rede nächste Woche gleich mal mit meinem Chef. Hoffentlich lässt er seine Arme unten.«
Eigentlich hatte sie den letzten Satz nur denken wollen.
»Wie meinst du das?«
»Sorry, Schatz, aber der Kerl stinkt wie mein Mülleimer, wenn ich den vier Tage stehen lasse!«, beschwerte sie sich.
»Mama, schlimm genug, wenn du deinen Mülleimer vier Tage stehen lässt!«
Eigentor. Gut, dass Julian jetzt in seinem Thema war.
»Es sind zerfallende Proteine, die jedem Menschen eine individuelle Duftnote verleihen, Mama. Wenn er allerdings so schlecht riecht, könnte es an den Bakterien liegen«, klugscheißerte ihr Sohn.
»Das hast du aber sehr vornehm ausgedrückt. Wenn du unter ihm sitzt und er … egal.«
»Er ist gegebenenfalls auch in den Wechseljahren, oder hat er früher schon so unangenehm gerochen?«
Wie nobel: »unangenehm gerochen« sagte ihr Sohn.
»Nein, vor zehn Jahren war er zwar nicht gerade eine Schönheit, aber gepflegt«, räumte sie ein.
»Siehst du, da haben wir es. Aber ich glaube, wenn wir das jetzt weiter besprechen, bin ich wieder im Arbeitsmodus und ich habe heute frei«, bemerkte Julian.
»Ich sage dir auf jeden Fall Bescheid, wann ich Urlaub bekommen kann. An welchen Tagen hältst du denn Vorlesungen?«
»Das ist unterschiedlich. Ruf mich einfach an, wenn du Näheres weißt, und ich schaue nach, okay?«
Das klang plausibel.
»Sag mal, Mama«, begann er und räusperte sich. Bei ihrem Sohn bedeutete dieser Laut, dass ihm etwas unangenehm war.
»Ja?«
Jetzt wurde es interessanter, als über den Achselschweiß ihres Chefs zu reden; das konnte sie ahnen.
»Hast du denn mal jemanden kennengelernt?«
»Du meinst, einen Mann?«
»Ja, was sonst?«
»Na, du hast nur nach ›jemandem‹ gefragt.«
Ein bisschen spitzfindig durfte sie schon bei einem angehenden Doktor der Psychologie werden. Aber sie wollte ihn nicht auf die Folter spannen.
»Ja, habe ich, bei dieser Oldtimer-Ausstellung.«
Sie hörte Julian tief ein- und ausatmen und erzählte ihm, natürlich nur in stark verkürzter Version, von ihrem Abend und Reini.
»Ach, ich dachte schon, du hättest jetzt wirklich eine Vorliebe für alte Autos«, meinte Julian.
»Nein, ich wollte diese Party nur umschreiben. Aber vom Geruch her – Oldtimer riechen ja immer so seltsam nach altem Benzin.«
Sie wusste es, sie konnte ihren Sohn hin und wieder von seinem Ernsthaftigkeitstrip holen. Er lachte. Von ihrer »Toilettenaktion« hätte sie ihm allerdings niemals erzählt, denn er hätte ihr Verhalten umgehend tiefenpsychologisch analysiert und das, das wollte sie nicht wirklich wissen.
»Er spricht schnell? Das kann daran liegen, dass …«
Hätte sie nur nichts gesagt!
»Stopp! Julian, bitte nicht. Du wolltest heute freihaben«, würgte sie seine weiteren Ausführungen ab.
»Stimmt, Mama.« Er lachte.
»Du bist wirklich ein Vollblutindianer!«, witzelte sie.
»Von wem ich das wohl habe?«
Am Ende des Gesprächs war alles gesagt. Bald würde sie zu Julian fahren, der für Besuche bei ihr kaum noch Zeit hatte. Berlin! Sie setzte sich auf ihre Couch und versank in Erinnerungen. Martina. Dort hatte sie gelebt. Dort war sie gestorben. Ralf, der Witwer, hat sich seit dem Tod Martinas nicht mehr hören oder sehen lassen; er schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Rückblick
»Du bist wie ein Kolibri«
Ralf Severin
Diese tolle Frau, die ich liebte wie eine Schwester, die in meinem Leben immer wieder ein Fels in der Brandung war, die mir aber auch genug Gründe zum Lachen gab; diese hinreißende Frau lag in einem hässlichen Krankenhausbett mit aufgeklebtem Namensschild am Fußteil, in verwaschener Bettwäsche.
»Ich glaube nicht, dass ich es schaffe, Mausi.«
Martina sprach leise. Das Lächeln war verflogen, ihr Unterkiefer zitterte.
»Ich habe angefangen zu beten, stell dir das mal vor! Ich, die überzeugte Atheistin! Vor zwei Nächten hab ich von Paradiesvögeln geträumt. Ja, wirklich! Ich stand auf meinem Scheunendach und Hunderte von diesen Vögeln flogen an mir vorüber. Ich duckte mich, hielt die Hände vors Gesicht, doch es half nichts. Sie nahmen mich mit. Ich glaube, das war ein Zeichen …«
Noch immer blieb ich stumm. Ich hatte das Gefühl, nie wieder in meinem Leben einen Ton herausbringen zu können. Martina sah mir fest in die Augen. Ich hielt ihre zarte Hand so fest, dass ich rote Abdrücke darauf hinterließ. Martina hielt das aus. Diese Stille wollten wir beide. Dann sagte sie: »Ralf ahnt sicher auch, dass ich … gehen werde. Weißt du, was er gesagt hat?«
Sie wartete meine Antwort nicht ab.
»Du bist wie ein Kolibri. Egal, wo du sein wirst, wenn du kommst, werden Rosen blühen, es wird Gold regnen, die Grillen werden das Geschrei der Raben übertönen und Trauerweiden ihre Zweige heben.«
Ich legte mich zwei Stunden lang zu Martina ins Bett. Als die Schwester das Krankenzimmer betrat, um den Tropf zu wechseln, erwartete ich ein Donnerwetter. Doch sie schenkte uns ein Lächeln. Martina und ich unterhielten uns über jene Zeit, in der wir noch glaubten, sie wäre endlos. Ich küsste sie auf die Nasenspitze, umarmte sie und atmete gierig ihren frischen Duft ein. Wange an Wange weinten wir und schwiegen. Und dann, Wochen später, bekam ich die Nachricht. Sie hat den Krebs nicht besiegen können. Ohne meine Martina, ohne meinen blonden Engel, wie sollte das gehen? Ich sah sie vor mir, mit ihrem kahlen Kopf, diese tapfere Frau, die ihr Leben jenen Menschen verschrieben hatte, denen es nicht gut ging. Die Frau, die sogar noch lachte, als sie schon spürte, dass sie bald sterben würde. Und ich? Ich jammerte damals über meine Figur, bemitleidete mich. Ich war so erbärmlich. Und der Kolibri flog.
Sie schreckte aus ihren Gedanken. Dorthin, nach Berlin, sollte sie nun fahren. Zu ihrem Sohn. In die Nähe des Damals, hinein in ihre Erinnerungen. Silke lächelte, stand auf und lief atemlos ins Bad, trat vor den Spiegel, berührte ihn mit einer Hand.
»Bist du da?«
»Meinst du mich?«
Harry.
»Na ja, eigentlich …«
Er lächelte.
»Ich verstehe, du wartest auf sie.«
Er warf seiner Frau eine Kusshand zu und verschwand.
»Hey, mein Braunedel, ich bin da«, lächelte Martina.
Wie schön sie war!
»Hallo, mein Semmelpilz. Ich vermisse dich.«
Martina sah sie lange an.
»Ich bin doch da.« Ja. Jetzt war sie da.
»Ich fahre nach Berlin, zu Julian. Dort bist du …«
Sie nickte. Ihre blonden Locken umspielten das herzförmige, schöne Gesicht.
»Ich habe Angst. Ich war nicht bei dir, als du … ich hätte da sein müssen.«
»Mein Semmelpilz, ach du, du hättest nicht Tag und Nacht bei mir sein können. Der Tod hat seinen eigenen Rhythmus und kommt, wenn er es für richtig hält. Und Angst musst du keine haben. Denk einfach daran, wie viel schöne Zeit wir miteinander hatten, in Berlin und anderswo. Vielleicht kannst du das spüren, wenn du Julian besuchst. Ich bin immer bei dir, immer. Bitte vergiss das nicht. Glaubst du wirklich, dass die Toten gehen? Vielleicht körperlich, aber ihre Seelen sind unter euch. Schau, jetzt werde ich im Tod sogar noch spirituell.«
Martina lachte. Sie hatte schon immer ein unvergleichliches Lachen gehabt. Authentisch, herzlich, hell und keineswegs aufdringlich. Silke senkte den Blick.
»Wie geht es Julian überhaupt?«, fragte Martina.
»Er wird bald Doktor der Psychologie«, antwortete Silke und ihr Gesicht hellte sich auf.
»Siehst du, das Leben ist voller Wunder. Er ist ein guter Junge. Das hast du richtig toll gemacht. Du bist nicht grundlos meine beste, liebste Freundin.«
Ihr engelgleiches Lächeln ließ Silke Tränen in die Augen steigen. Sie konnte nichts mehr sagen, legte eine Hand auf den Spiegel, wollte ihre Freundin berühren. Martina verschwand. Vielleicht wurde sie verrückt? Sie setzte sich auf den Badewannenrand und schluchzte. Manchmal tat es so weh, die beiden zu vermissen, dass sie es nicht auszuhalten glaubte. Einerseits freute sie sich, Martina und Harrry zu sehen, andererseits machte es ihr Angst. Konnte sie sich vielleicht dadurch nie von diesem Schmerz lösen, der sie oft heimsuchte? Julian sollte sie davon lieber nichts erzählen. Aber sie musste darüber reden.
Im Augenblick wollte sie sich mit nur noch einem Menschen unterhalten und das war Carola, mit der sie sich immer häufiger lustige oder innige WhatsApp-Nachrichten schrieb. Die Frau faszinierte sie. Sie war stark, flippig und wunderbar eloquent.
»Kann ich dich mal anrufen?«, fragte sie per Nachricht. Es dauerte keine zwei Minuten, bis Carola »Klar!« zurückschrieb.
»Hallo, du«, begann sie das Gespräch.
»Selber hallo, du«, lachte Carola. Silke bemerkte ein seltsames Rasseln in ihrer Stimme.
»Bist du erkältet?«, erkundigte sie sich.
»Ja, ein bisschen, eigentlich in letzter Zeit dauerhaft. Ich fühle mich nicht so besonders wohl. Aber hey, das geht vorüber und darüber wollen wir doch nicht reden, meine Liebe, oder? Spuck es aus! Was beschäftigt dich?«
»Ich möchte dich was fragen«, und sie begann ohne Umschweife, Carola von ihren »Begegnungen« im Spiegel zu erzählen, von Harry und Martina aus der Anderswelt.
»Ich mache mir Sorgen um meine Psyche«, beendete sie ihren Bericht und hörte Carola tief einatmen.
»Mein Schatz, das ist nicht ungewöhnlich und verrückt bist du gleich gar nicht. Als mein Mann damals starb, ging es mir genauso. Er war nicht krank oder so. Er war einfach umgekippt und tot. Ich hatte lange Zeit große Angst, ihn zu vergessen. Erst recht wollte ich ihn nicht aus meinen Gedanken streichen, als hätte es ihn nie gegeben. Dann hätte ich ihn ja noch mal verloren. Ich hielt mich weiter an ihm fest, weil er immer noch auf irgendeine Art da war, weil meine Liebe weiterexistieren durfte und sollte. Es war mein Weg, mit diesem Verlust umzugehen und ich pfeife heute noch auf die Ratschläge von Leuten, wie: ›Du findest einen neuen Partner. Das Leben muss weitergehen.‹ Das klingt, als ob man eine kaputte Waschmaschine durch eine neue ersetzt. Du hast deinen eigenen Weg der Trauer gefunden, Silke, und der ist der richtige. Sei dankbar dafür, solch eine tiefe Bindung zu Harry und Martina noch immer fühlen zu können.«
Stille. Silke konnte nicht sprechen. Sie weinte.
»Meine Liebe, weine. Auch das gehört dazu. Jede Träne ist Gold wert. Wir hören und lesen uns später, okay? Hab dich lieb.«
Als Antwort reichte es nur noch zu einem Schluchzer.
10. Kapitel
Schröders Diagnose
»Warum müssen Frauen immer über alles philosophieren?«
Siegfried Schröder
Der Abend war für Schröders reserviert. Was für ein Tag! Um achtzehn Uhr schloss Silke die Tür zu ihrem Haus schon etwas müde zu, denn nach dem Telefonat mit Carola hatte sie lange geweint, obwohl sie es nicht wollte.
Auf dem Weg zum Nachbarhaus flogen Silke Spinnfäden ins Gesicht. Altweibersommer, wie schön!, dachte sie und strich sich einen hell glänzenden Faden von der Wange, der sie an das silbrige Haar von Frau Schröder erinnerte. Diese öffnete gleich nach dem Klingeln die Tür und als hätte sie Silkes Gedanken geahnt, hatte sie ihr silbrig glänzendes Haar heute besonders schön gelegt. Sie trug das schulterlange Haar diesmal offen, an den Spitzen mit einer Föhnwelle nach innen. Was für eine interessante Frau! Lieber Gott, lass mich in diesem Alter auch so faszinierend sein!, dachte sie und ließ sich von ihr umarmen.
»Kommen Sie, Silke, wie schön, dass sie uns nicht vergessen haben!«
Im Wohnzimmer saß Siggi bereits kerzengerade auf der Couch und blickte ihr freudig entgegen.
»Hach, unsere Silke, schön wie immer!«, schmeichelte er.
»Du alter Charmeur!«, lachte Frau Schröder und scheuchte ihn hoch. »Mach lieber den Tisch fertig!«
Gehorsam erhob sich Herr Schröder und begab sich in die Küche, um Teller und Besteck zu holen.
»Frau Schröder, haben Sie etwa wieder gekocht? Sie sollen …« Weiter kam Silke nicht. Die alte Dame winkte ab.
»Hören Sie auf, Silke, ich weiß doch, dass Sie für sich allein nichts kochen.«
»Also … ganz so ist es nicht, ich koche schon mal.«
»Nudeln?«, grinste Frau Schröder.
»Ja, genau und wenn ich richtige Lust habe, auch mal Blumenkohl.«
»Der, der sie immer an Frisuren mancher Frauen erinnert?«, lachte die alte Dame beherzt. Oh! Das wusste sie also noch.
»Ich bin böse, oder?«, fragte Silke, ein wenig unsicher.
»Nein, Sie haben Humor und manchmal ist er etwas schwarz. Das verträgt nicht jeder, aber ich! Wenn der verboten würde, dürfte heute keiner dieser neuen Comedians mehr auftreten. Was die von sich geben, ist teilweise grenzwertig. Aber gut, auch Humor ist subjektiv, nicht wahr?«
Zustimmend lachend folgte Silke der alten Dame in die Küche, um ihr zur Hand zu gehen.
»Was ist das?« Silke betrachtete staunend die duftenden Speisen am Herd.
»Heute gibt es Schlesisches Himmelreich mit Semmelknödeln, das schmeckt vorzüglich«, schwärmte die Köchin selbst und sah strahlend auf ihre Kreationen. Wie kam es eigentlich, dass sie völlig ohne Hungergefühl dieses Haus betreten hatte und ihr nun, betört von diesen Düften, das Wasser im Mund zusammenlief?
»Nun aber ab in die Stube. Sie sind Gast und wir haben den ganzen Tag gesessen. Lassen Sie sich mal verwöhnen!«
Sollte sie der fleißigen Frau wirklich glauben, sie hätte den ganzen Tag gesessen? Aber Silke gehorchte ihr ebenso wie zuvor Siggi und trabte artig ins Wohnzimmer. Dort setzte sie sich zu ihm an den Tisch. Er zwinkerte ihr lächelnd zu. Frau Schröder brachte zuerst die Klöße, dann eine weiße Porzellanschüssel mit Fleisch, das so köstlich duftete, dass Silke am liebsten nur den Geruch in sich aufgenommen hätte. War das nicht zu schade zum Essen?
»Na, nun greifen Sie zu. Das ist zum Essen und nicht zum Ansehen«, lachte Frau Schröder, die wohl nicht nur Psychologin, sondern auch Hellseherin war. Als Silke die ersten zwei Gabeln mit Häppchen zu sich nahm, glaubte sie sich im Paradies. So gut hatte sie schon ewig nicht mehr gegessen. Das war kein gewöhnliches Fleisch. Was war das nur?
»Frau Schröder, was ist das? Es schmeckt so außergewöhnlich!«
»Tja, schlesische Küche ist eben sehr delikat. Das Kasseler wurde mit Dörrobst, Backpflaumen und Zimtstange angereichert. Ich könnte Ihnen das Rezept geben, wenn Sie mögen.«
Silke hatte sich während Frau Schröders Erklärung schon Nachschlag genommen. Mit aufgerissenen Augen kauend meinte sie: »Das können Sie gern. Vielleicht überrasche ich Julian damit, sollte er mal wieder zu Besuch kommen.«
Das war ein Stichwort. Sofort wurde sie zu Julian ausgefragt und konnte Schröders Neugier befriedigen.
»Doktor der Psychologie! Mein Gott! Wer hätte das gedacht, der kleine, stille Julian.«
Und so merkte Silke gar nicht, wie schnell abgeräumt und ihr Glas nachgefüllt wurde.
»Wie sieht es denn sonst bei Ihnen aus? Haben Sie jemanden kennengelernt?«
Herr Schröder schüttelte den Kopf.
»Lydia, weißt du … muss das immer sein?«
»Silke, nehmen Sie mir das übel, wenn ich frage?«
»Nein, wie auch letztes Mal nicht.«
Sie lächelte. Warum sollte sie nicht von Reini erzählen? Frau Schröders Meinung war ihr wichtig. Also berichtete von der Ü40-Party und ließ kaum etwas aus, diesmal auch nicht ihre Toilettenaktion. Die Schröders lachten so herzlich, dass Silke gar nicht anders konnte, als mit einzustimmen. »Das meinte ich vorhin. Sie haben ihre eigene Art, mit den Dingen umzugehen – warum nicht? Wie langweilig wäre es doch, wären wir alle gleich und hätten den gleichen Blick auf die Dinge, würden gleich reagieren? Das macht uns Menschen doch aus«, meinte Frau Schröder und wischte sich dabei die Tränen des Lachens von den Augen. Als Silke dann erzählte, wie sie Carola erst be- beziehnungsweise verurteilte und was diese Frau mittlerweile für sie war, schwiegen sie. Frau Schröder sah sie lange an, als Silkes Augen wässrig wurden.
»Silke, keiner will Vorurteile haben, aber jeder hat sie. Schublade auf, Meinung rein, Schublade zu. Frauen können nicht einparken. Professoren sind durcheinander oder verrückt. Man fasst Menschen in Gruppen zusammen. Ein völlig normaler, automatisch ablaufender Prozess! So muss man über Dinge, die möglicherweise auf die große Mehrheit einer Gruppe zutreffen, nicht jedes Mal neu nachdenken. Die schnell abrufbaren Stereotypen können den Umgang mit anderen vereinfachen.«
Silke sah sie erstaunt an.
»Nein, nein, das ist im Wortlaut nicht von mir. Erst kürzlich las ich dazu einen Artikel im ›Deutschlandfunk‹, der das sehr gut und plausibel erklärte und meine alten Zellen auffrischte. Sie müssen sich also deshalb keine allzu großen Vorwürfe machen. Aber wissen Sie, was ich sehr gut finde? Sie denken nach, reflektieren selbstkritisch. Das können nicht alle Menschen, glauben Sie mir. Bei seinen Vorurteilen zu bleiben ist ja viel bequemer.«
Silke nickte. Sie sollte Carola wieder anrufen und sich bald mit ihr treffen. Und sie sollte ehrlich zu ihr sein, das hatte sie verdient.
»So, ihr Psychotanten, jetzt will ich aber mal was Schönes hören. Warum müssen Frauen immer über alles philosophieren?«, klagte Herr Schröder. Die Frauen sahen sich an und prusteten los.
»Siehst du? Ein Vorurteil: Warum müssen Frauen immer über alles philosophieren?« Frau Schröder kicherte und ihr Siggi tat so, als ob er schmollte.
»Und der Mann?«, hakte dann Frau Schröder nach.
Ach ja, der Mann! Silke erzählte von »ihrem Sabberheini«. Eigentlich hoffte sie auf neue Lacher. Aber die Schröders hörten zu, lächelten höchstens und staunten.
»Na, Reini sabbert nicht nur und redet zu viel. Er hat auch ein kleines Machoproblem, höre ich heraus«, schlussfolgerte die Nachbarin.
»Die Tochter scheint ziemlich pfiffig zu sein, denn sie hat genau den richtigen Vorschlag gemacht: Er solle Sprachübungen machen, und zwar regelmäßig. Aber Sie sind nicht seine Erzieherin oder Heilpraktikerin, Silke.«
Dem konnte sie nur aufatmend zustimmen. Dann holte die alte Dame zum psychologischen Rundumschlag aus.
»Wenn diese Vielredner nicht sprechen oder einem Reiz ausgesetzt sind, überschwemmen sie ihre Gedanken und Gefühle schnell. Negative Gefühle werden oft durch Essen, Unterhaltung und andere Ablenkungen verdeckt. Sein Gegenüber kann sowieso nur seiner Meinung sein, denn das ist doch die einzig richtige. Wozu also sollte sein Gegenüber noch sprechen? Er kennt seine Meinung doch schon; es ist ja die gleiche wie seine eigene. Seinen Redeschwall mit einem Nicken zu bestätigen, reicht also völlig.«
»Hä?«, fragte Silke verdutzt.
»Es könnte sein, dass er einfach nur unsicher ist«, ergänzte Frau Schröder.
»Hm …«, sinnierte Silke halblaut, »es könnte aber auch möglich sein, dass er sich selbst am liebsten reden hört und auf die Ausführungen anderer gern verzichtet, oder nicht?«
»Genau. Nur dieses ständige Lachen am Ende jeden Satzes macht mich stutzig.«
»Mich auch, und ich sage Ihnen, das nervt schon nach spätestens zwei Stunden, hahaha«, äffte sie nach.
»Gibt es denn wirklich keine anständigen und normalen Männer mehr?«, mischte sich Herr Schröder kopfschüttelnd ein.
»Offensichtlich nicht. Oder sie sind verheiratet oder schwul.«
Jawohl. So musste es sein.
»Und nun? Werden Sie ihn trotzdem noch einmal treffen?«
Frau Schröder sah sie neugierig an.
»Ja, das werde ich und dann – mal schauen.«
Sie sagte der alten Dame natürlich nicht, was Sandra ihr geraten hatte:
»Probiere ihn aus und du weißt es.«
Na, prima, das waren Aussichten! Wahrscheinlich um dieses unselige Thema abzuschließen, rief Herr Schröder fröhlich: »Lydia, du hast uns heute noch keine Geschichte erzählt.«
»Muss ich das?«, lächelte sie ihren Mann an.
»Nein, aber wir würden uns freuen, nicht wahr, Silke? Sie hat noch mehr schöne Geschichten, müssen Sie wissen, ein ganzes Buch davon.«
Warum überraschte Silke das nicht?
»Ja, Frau Schröder, bitte, bitte!« Silke klatschte dabei in die Hände.
»Na, na, Sie müssen aber deshalb nicht ins Vorschulalter zurückkehren«, lachte die alte Dame.
»Gut, dann tu ich euch den Gefallen. Eine schöne Liebesgeschichte vielleicht?«
»Oh ja!« Das Händeklatschen ließ Silke diesmal weg.
»Die Geschichte heißt: ›Die Frau von gegenüber oder Jeden Tag‹:«
Matthias war Ende fünfzig. Sein Leben betrachtete er als beinahe abgeschlossen und doch waren da noch Träume. Ein wenig verschüttet vielleicht, aber sie waren spürbar. Jede Nacht, bevor er in den Schlaf glitt, stellte er sich vor, wie schön doch das Leben sein könnte, ohne diese verdammte Einsamkeit. Er hatte sich daran gewöhnt. An manchen Tagen genoss er es, allein mit sich selbst zu sein, allein zu essen, seine Musik zu hören, ohne jemanden fragen zu müssen und den Tag nach seinen Vorstellungen zu leben.
Doch wieder häufiger sehnte er sich nach Gemeinsamkeiten mit einem anderen Menschen. Er erinnerte sich an Maria, seine Frau. Sie waren dreißig Jahre glücklich, bis sie glaubte, sich verwirklichen zu müssen. Oder waren sie gar nicht glücklich gewesen? War das eine Illusion? Seine Tochter warf ihm vor, dass er Maria gar nicht mehr wahrgenommen habe.
Seine Tochter war grausam gegen ihn.
»Sie sehnte sich einfach nach Aufmerksamkeit. Du hast sie doch gar nicht mehr gespürt, Vati!«, warf sie ihm vor. Er war wütend und zog sich enttäuscht von ihr zurück.
Maria lebte jetzt ganz nach ihren Vorstellungen. Sie ging aus, traf Freundinnen, verreiste und pflegte eine Affäre mit einem fünfzehn Jahre jüngeren Mann, einem windigen Immobilienmakler. So sah also die Aufmerksamkeit aus, die sie brauchte? Einen jungen, neureichen Gockel, der ihr den Hof machte, ihr, einer alternden, sich neu entdeckenden Henne, die sich für eine Diva hielt?
Matthias wollte einfach nicht mehr an die beiden denken. Es wurde Zeit, dass auch er lebte, wie es ihm gefiel und sich mit den Gegebenheiten abfand. Seine Tochter sprach inzwischen wieder mit ihm und bei ihren Besuchen versuchten sie, das Thema »Mutter« nicht mehr zu berühren. Das ließ ihn tief durchatmen. Ja, es war Zeit für einen Neubeginn. Er wusste noch nicht, wie er das schaffen sollte, aber er war nach zwei Jahren des Alleinseins endlich bereit dafür.
Erwartungsfroh trat er auf die Straße. Die Sonne blendete ihn. Er hätte seinen Hut mitnehmen sollen. Ständig vergaß er, dass er sich vor der Sonne schützen musste, seit ihm die Haare ausgegangen waren. Im vorigen Sommer hatte ihm ein Sonnenbrand so zugesetzt, dass er nächtelang nicht schlafen konnte. Darum ging er schneller zum Auto, welches er am Straßenrand geparkt hatte.
Das Haus gegenüber wurde von der Sonne beleuchtet. Schon immer gefiel ihm dieses Haus besonders gut. Die Fassade hatte einen satten, dunklen Grünanstrich, welcher angenehm mit den zart braunen Fensterläden in Kontrast stand.
Ob jene Frau wieder am Fenster saß? Er blickte zur Wohnung im Erdgeschoss und musste seine Augen anstrengen, um erkennen zu können, ob sie da war. Ja, da saß sie. Ihr blondes Haar trug sie an diesem Tag offen. Matthias hielt die Hand an die Stirn, um die intensiven Sonnenstrahlen abzuwehren.
Wie an jedem Tag waren die Augen der Frau unbeweglich auf die Straße gerichtet. Nie bewegte sie sich, wenn er sie von der Straße aus beobachtete. Er fand ihren Anblick diesmal besonders interessant. Das Haar fiel weich auf ihre schmalen Schultern, doch ihr Mund wies Spuren von Verbitterung auf. Sogar aus der Ferne konnte er das erkennen. Sie trug eine königsblaue Bluse und er konnte das Glänzen einer langen Kette erkennen.
Nachdenklich schloss er die Fahrertür seines alten Fords auf und stieg bedächtig ein, ohne den Blick von der Frau abzuwenden.
Als er von seinem Einkauf zurückkehrte, war die Frau von gegenüber verschwunden.
Er schlief kaum in dieser Nacht. Irgendetwas war anders als sonst.
Immer wieder stand er auf. Von seinem Küchenfenster aus hatte er eine gute Sicht zu dem Fenster der Frau von gegenüber. Doch alles war dunkel. Matthias zitterte. Die Nacht war angenehm warm, warum zitterte er? Er holte sich eine Decke und legte sie sich über. Vielleicht wurde er krank?
Verdrießlich ging er in sein Schlafzimmer zurück. Erst gegen drei Uhr fiel er in einen unruhigen Schlaf. Durchgeschwitzt erwachte er und konnte sich noch sehr lebendig an den Traum dieser kurzen Nacht erinnern:
Maria war wieder da. Mit einem Nerz und lockig hochgestecktem Haar stand sie vor ihm und lachte laut und mondän. Ihr Gesicht war überschminkt, der rubinrote Lippenstift über ihre Lippenform hinaus gemalt. Es war ein groteskes Bild. Sie sah nicht schön aus. Er hatte immer ihre Natürlichkeit, die graugrünen Augen, die ihn forschend ansahen und das rotblonde wehende Haar geliebt. Andere Frauen ihres Alters trugen die Haare kurz und färbten irgendwelche feuerroten Strähnchen hinein. Matthias wunderte es, dass es deren Männern gefiel. Marias Einstellung war glasklar.
»Warum müssen sich die Frauen die Haare abschneiden, sobald sie unter der Haube sind? Soll das etwa verdeutlichen, dass sie der Männerwelt nicht mehr zur Verfügung stehen?«
Matthias hatte damals über die Deutlichkeit und Zielsicherheit gelacht, mit welcher Maria die Dinge aussprach.
In diesem Traum aber sah sie aus wie ein abgemagertes Model. Dabei hatte er auch ihre Formen, die Weiblichkeit an ihr geliebt.
Er schüttelte sich, als könne er den Traum damit abwerfen. Müde stellte er die Kaffeemaschine an und wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Scheinbar hatte er die Ehe noch nicht abgeschlossen. Maria ging einfach nicht. Oder wollte er sie nicht gehen lassen? Dabei war mittlerweile genau das sein Wunsch.
Nach dem Frühstück wollte er spazieren gehen. Er sehnte sich nach der Natur, dem Wald, der Stille und nach Frieden seiner inneren Welt.
Beschwingt kehrte er nach zwei Stunden von seinem Spaziergang zurück. Als er in seine Straße einbog, blickte er schon neugierig zu dem grünen Haus. Da war sie ja wieder! Wie entzückend sie aussah! Wie ein junges Mädchen hatte sie ihr helles Haar mit einem schwarzen Tuch gebunden und einen ebenso schwarzen Schal um ihre Schultern gelegt. Es schien sie trotz der Wärme zu frieren, was Matthias wunderte. Wieder blickte sie unbeweglich auf die Straße. Matthias war guter Dinge und stellte sich genau dorthin, wo sie hinzuschauen schien. Dann winkte er freundlich und lächelte.
Aufmerksam beobachtete er ihr Gesicht. Sie zeigte keine Regung. Er winkte noch einmal, diesmal heftiger. Da! Sie neigte ihren Kopf zur Seite und ja, sie schien zu lächeln. Oder bildete er sich das nur ein?
Fröhlich kehrte er in sein Haus zurück. Seit diesem Tage suchte ihn Maria in seinen Träumen nicht mehr heim. Mit jedem Tag wurde er fröhlicher und zufriedener und jeden Tag sah er diese bezaubernde Frau in dem jägergrünen Haus am Fenster. Jeden Tag sah sie anders aus und jeden Tag perfekt.
So verging der Sommer. Die Sonne verzog sich immer häufiger hinter dunklen Wolken. Der Regen wusch den Staub von den Straßen, Herbstnebel wandelte über die angrenzenden Felder. Als der Winter begann, war Matthias verliebt.
Eines Tages verließ er wieder in freudiger Erwartung sein Haus, die Frau von gegenüber sehen zu dürfen. Der Platz am Fenster jedoch war leer, die Rollläden waren heruntergezogen.
Matthias erschrak. Was war geschehen? Er lief zum Auto, öffnete seinen Kofferraum und übte das Falten der widerspenstigen Einkaufstüten, in der Hoffnung, noch länger vor ihrem Fenster verweilen zu können. Immer wieder sah er hinüber, als ob jede Sekunde der Rollladen nach oben gehen und er seine Zauberfee erspähen könnte. Doch nichts dergleichen geschah.
So entschloss er sich, bei den Nachbarn zu klingeln, denn ohne eine Auskunft konnte er nicht wieder zurück in sein Haus gehen. Keine Nacht würde er mehr schlafen können. Wenige Wochen noch bis Weihnachten. War sie verreist? Er brauchte Antworten.
Die Stimme eines jungen Mädchens erklang in der Sprechanlage. Er fragte nach der Frau von gegenüber.
»Frau Silbermann meinen Sie? Die ist im Krankenhaus. Herzinfarkt«, sprach die junge Stimme monoton. Sein Atem ging schneller. Ihm wurde schwindlig.
»Wissen Sie, wo sie ist?«, fragte er.
»Na, im Krankenhaus eben. Wir hörten nur den Notarzt und Krankenwagen kommen. Der Sohn war da und holte ihre Sachen. Die Silbermann spricht ja hier mit niemandem. Meine Mutter sagt: Das kommt von zu viel Einsamkeit!«
Die junge Stimme gab im Tonfall zu erkennen, dass sie kein Interesse hatte, weitere Fragen zu beantworten.
Mit hängenden Schultern und schweren Schritten stapfte Matthias zu seinem Haus zurück, hängte Mantel und Schal auf die Garderobe, schlüpfte aus den Schuhen und ließ sich auf die Couch fallen. Das durfte doch nicht wahr sein! Was sollte er nur tun? Warum hatte dieser Engel einen Herzinfarkt?
»Das kommt von zu viel Einsamkeit«, hatte die Göre gesagt. Was hat die schon für eine Ahnung von Einsamkeit? Überhaupt, wie sprachen diese Menschen nur über …, »Frau Silbermann«, hieß sie. Was war das für ein wunderschöner Name! Ja, Silber, das passte zu ihr. Nicht Gold, nein, Silber. silberblond wie ihr Engelshaar.
Unendliche Stille umgab ihn. Die erste und zweite Adventswoche verging. Seine Tochter und sein kleines Enkelkind kamen zu Besuch. Für ihn verging die Zeit zu langsam. Sie schien stillzustehen. Sollte er verreisen, um die Frau von gegenüber zu vergessen? Vielleicht war sie verbittert, wollte mit niemandem reden? Wie ging es ihr nur? Würde er sie jemals wiedersehen?
Kurz vor dem dritten Adventssonntag trat Matthias wieder aus dem Haus. Der Schnee war inzwischen getaut. Das milde Wetter und die spärliche Wintersonne besänftigten ihn ein wenig. Wie jeden Tag in den vergangenen Wochen schweifte sein Blick zu dem grünen Haus hinüber.
Plötzlich hielt er inne. Die Rollläden! Sie waren hochgezogen! Und da saß sie, sein blonder Engel. Matthias zitterte. Er begann hemmungslos zu weinen, lehnte sich an seinen alten Ford und verbarg das Gesicht in den Händen. Nachdem die Tränen der Erleichterung versiegt waren, sah er mit verschleiertem Blick zu der Frau von gegenüber. Er traute seinen Augen kaum. Sie hob ihre Hand und winkte ihm zu. Ihr Gesicht bewegte sich. Sie lächelte. Matthias winkte zurück. Sie schüttelte leicht den Kopf und schloss für einen Moment die Augen.
Nur noch wenige Tage bis Weihnachten und Matthias blühte jeden Tag mehr auf. Seine Wangen röteten sich, er fühlte sich kräftig wie ein junger Kerl. Die Frau von gegenüber wurde mit jedem Tag schöner.
Am Heiligabend wusste er, was er tun würde. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Mit einem wunderschönen, bordeauxroten Tuch als Geschenk, einer Flasche Sekt und einem glitzernden Weihnachtsstern stand er vor dem grünen Haus und klingelte bei »Silbermann«.
Es dauerte recht lange, bis eine warmherzige Stimme in der Sprechanlage in seinen Ohren erklang. Seine Knie wurden weich. Er fühlte sich wie ein junger Mann, wie damals, als er Maria das erste Mal getroffen hatte, vor über zweiunddreißig Jahren.
»Mein Name ist Matthias«, sagte er langsam.
»Sind Sie der Mann von gegenüber mit den freundlichen Augen?«, fragte die Stimme. Er lächelte.
»Ja, ich denke schon.«
Es summte. Er drückte gegen den Knauf der Eingangstür und atmete tief durch. Einen Spaltbreit öffnete sich eine gegenüberliegende Tür und die warmherzige Stimme rief: »Kommen Sie!« Matthias trat vor die Tür.
Die Frau von gegenüber sah ihn von unten an. Es dauerte einige Sekunden, ehe Matthias realisierte. Sie saß im Rollstuhl.
Über ihrem Schoß lag, sorgfältig gelegt, eine weiße Decke. Ihr Gesicht war übersät von Sommersprossen. Ihre kleine Stupsnase bewegte sich. In ihren blauen Augen leuchtete all das, was er viele Jahre vermisst hatte, auch an Maria. Diese Frau versprühte in wenigen Sekunden mehr Leben, als er in zweiunddreißig Jahren gelebt hatte.
»Treten Sie ein, bitte«, sagte Frau Silbermann mit einer einladenden Handbewegung und rollte die Räder ihres Rollstuhles langsam nach hinten.
»Niemand sollte zu Weihnachten alleine sein. Einsamkeit ist nicht gut für das Herz.« In klaren Worten sagte sie das, sah ihn an und blinzelte wie ein junges Mädchen.
Ab diesem Weihnachtstag waren sie zehn Jahre lang keinen Tag mehr einsam. Die Frau von gegenüber zog in sein Haus ein. Mit Matthias blühte sie auf, wurde jeden Tag kräftiger, stabiler und fröhlicher. Ihr Herz gesundete allmählich.
Gemeinsam nahmen sie sich jeden Tag die Zeit, um am Fenster zu sitzen und sich die Geschichte ihrer Begegnung zu erzählen. Jeden Tag entdeckten sie eine neue Einzelheit. Jeden Tag begaben sie sich auf eine neue Spur ihrer Liebe.«
Silke saß mit Tränen in den Augen da und schwieg. Die Geschichte war schnulzig-schön und offenbar war heute der Tag des Weinens. Als sie sich von Schröders verabschiedete, hatte sie nur noch einen Wunsch: nach Hause zu gehen. Sie würde sich bald mit Carola treffen und dieses neue Pflänzchen der Freundschaft gießen. Sie würde nach Berlin fahren zu ihrem Sohn. Sie würde mit ihren Freundinnen ausgehen, lachen und das Leben auf sich zukommen lassen. Und sie wollte noch immer – fliegen.
11. Kapitel
Der Ausflug und die Wiederbegegnung
»Alles, was ich brauche,
ist bisschen mehr vom Nichts,
weniger vom Alles,
aber genug vom Viel.«
Silke Liebmann
Der Sommer ging mit dem Herbst bereits Hand in Hand. Noch behielten einige Blumen ihre Kraft und Farben, aber viele Pflanzen waren verblüht, und als Silke nach der Arbeit ihre Laufrunde begann und den Wald erreichte, glaubte sie, den Herbst bereits riechen zu können. Roch es nicht schon nach Moos, nach frischem, herbem Holz und Laub? Als sie zurückkehrte, wartete der Hund Harry wieder hinter dem Zaun des Grundstücks.
»Hey, du Racker, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen.«
Harry antwortete mit einem kurzen Bellen, drehte sich um und lief zu seinem Herrchen, der in dem einzigen Beet seines Gartens die Erde umgrub. Als er den aufgeregten Harry bemerkte, stand er auf, klopfte die Hände ab, entledigte sich der Handschuhe und kam langsamen Schrittes auf Silke zu.
»Hallo, es konnte ja nur einen Grund haben, dass Harry so unruhig ist«, lachte er sie an.
»Sie haben Gartenarbeit?«, fragte sie unsinnigerweise.
»Ja, ich bereite schon das Einsetzen der Tulpen und anderer Frühblüher vor, denn die müssen im Herbst gesetzt werden. Das Einzige, was ich mir hier gönne.«
Er wies auf das Beet. Ihre Kenntnisse im Gartenbereich waren beschränkt, obwohl sie sich nach Harrys Tod mehr damit beschäftigen musste. Aber das verstand sie. Sie wusste: Gartenfreunde hatten ihren eigenen Herbstanfang.
»Der reife Holunder und die Zwetschgen- und Birnenreife zeigen uns ja schon den Frühherbst an«, versuchte sie mit Wissen zu glänzen.
»Ja, es geht los. Bald werden die Sonnentage weniger, wir sollten noch jeden einzelnen genießen.«
Das waren sie also nun: die Gespräche der Alternden. Da unterhielt man sich nicht mehr über den letzten Schrei, die aktuelle Musik oder Mode, sondern über Wetter und Garten.
»Unbedingt! Haben Sie noch einen schönen Nachmittag und Abend, Herr Walter«, verabschiedete sich Silke. Harry wedelte mit dem Schwanz und folgte ihr hinter dem Zaun, bis sie auf die einzige Straße ihres Ortes abbiegen musste.
Nach der heißen Dusche klingelte das Handy. Sie sah auf das Display: Reini-Alarm! Also grüner Hörer, Handy weit weg vom Ohr halten – es wurde scharf geschossen.
»Hallo«, meldete sie sich.
»Hallo Silke … können wir uns treffen … ich würde mich so freuen, dich wiederzusehen … vielleicht können wir zusammen ausgehen … Disko magst du ja nicht so, hahaha … aber wir finden bestimmt was anderes … wie wäre es denn mit einem schönen Ausflug … noch ist es nicht so kalt … es könnte sogar noch mal mit Baden klappen, wenn wir Glück haben … hahaha …«
Es nahm und nahm kein Ende. Pffft, pffft, pffft. Es ballerte. Ob sie Sandras Rat annehmen sollte?
»Ja, am Samstag können wir zusammen was machen. Aber erst einmal haben wir noch die Arbeitswoche vor uns«, sagte sie, während sie in aller Ruhe ihre Kaffeekanne ausgewaschen und ihre Küche fast vollständig sauber gemacht hatte, solange Reini redete und redete. Er strebte ganz offensichtlich nach keiner Antwort.
»Meine Tochter hat … habe mir wieder schöne Shirts gekauft … ich mag ja die Mode gerade … und … Auto … schön … hahaha.«
Sie nahm teilweise nur Wortfetzen auf.
»Hast du eine Idee, wo wir hinfahren könnten?«
Jetzt kam eine Frage. Silke schreckte auf, ließ den Putzlappen fallen und griff nach dem Handy, das seit einigen Minuten auf dem Küchentisch hinter ihr lag. Das war wie mit einem Radio, das konnte man auch laufen lassen. Wollte er tatsächlich eine Antwort von ihr? Was hatte er gleich gefragt? Sie überlegte kurz. Ah ja! »Die Arbeitswoche müsse erst mal geschafft werden«, waren ihre Worte gewesen. Man hätte sich doch daraufhin mal über andere, alltägliche Dinge unterhalten können. Unterhaltung war ein Dialog, kein Monolog. Nein, Reini hackte auf seiner nächsten Unternehmung herum.
»Hallo? Ha, ha,ha«, plärrte es aus dem Telefon.
»Du, das werden wir noch sehen! Wir haben gerade Montag.«
»Na, man muss schon bisschen planen, nicht dass wir am Samstag erst anfangen zu überlegen … oft vergeht dann der Tag ungenutzt … und man ärgert sich dann … ich werde mal schauen, wo wir hinfahren könnten … hahaha … ich freue mich schon darauf, kannst du mir glauben …«
Danke, Reini, auf der Arbeit war es heute wirklich mal wieder ganz gut. Alle waren gut gelaunt und das zum Montag! Martha mag mich jetzt so sehr, dass sie mir oft Kleinigkeiten mitbringt, zuletzt eine selbst gebastelte Herbstdekoration für die Haustür. Richtig geschmackvoll war die und ich staunte wieder einmal mehr. Der Herbst kommt gewiss, hat Martha gemeint und mir zugezwinkert. Wir haben gemeinsam Kaffee getrunken und sind in der Mittagspause zusammen rausgegangen. Und wir lachten. Martha ist lustig, habe ich entdeckt, ja, sie ist nicht verkehrt. Der Chef hatte ein neues Deo, was die Geruchsbilanz des Montags etwas erträglicher ausfielen ließ. Und die letzte gute Nachricht war dann auch noch eine Gehaltserhöhung. Gut, was?
Silke grinste bei ihren Gedanken, denn Reini fragte nicht nach ihren Alltäglichkeiten.
»Bei mir war heute auf Arbeit was los, sage ich dir … ich habe das Gefühl, dass die alle verrückt werden … ein Durcheinander war das … manche sind so pessimistisch … finde ich … man kann doch im Leben nun wirklich mal etwas positiv denken … das Leben ist doch zu kurz, um sich dauernd so schlecht zu fühlen …«
Aha. Da lag der Reini-Hase also im Pfeffer. Reini war ein Realitätsverweigerer. Er quatsche die Realität weg.
»Bis demnächst«, sagte Silke und legte einfach auf. Merkte er das nicht? Was war mit dem Typen los? Sie wartete auf eine WhatsApp, so nach dem Motto:
»Warum hast du einfach aufgelegt?« und Traurig- oder sogar Wütend-Smiley. Schon überlegte sie sich eine Antwort. Nach zehn Minuten Telefonat, in denen er neun davon selbst gesprochen hat, spürte sie einen Unmut in sich aufsteigen, der kaum definierbar war. Bing. Eine WhatsApp:
»Wünsche dir noch eine schöne Woche. Bis Samstag. Freu mich. Reini« Kuss-Smiley und fünf Lach-Smileys. Realitätsverweigerer eben.
Das Wochenende kam schneller als gedacht. Inzwischen konnte Silke dem Herbst bei seiner Einkehr zusehen. Als sie am Samstagmorgen aus dem Fenster blickte und sich streckte, sah sie, wie der Tau nach der kühlen Nacht in der Sonne glitzerte. Nach dem Frühstück traf schon die erste WhatsApp-Nachricht von Reini ein:
»Hey, schöne Frau. Ich freue mich auf später. Hab auch schon eine Idee, was wir machen.«
Du lieber Himmel! Hoffentlich nichts Schlimmes! Am Nachmittag zog sie sich eine Jeans, ein Shirt und eine leichte Jacke über. Wie immer fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit traf sie am Treffpunkt ein. Reini sah aus, als sei er einem Modeheft für reife Männer entsprungen. Sogar die Pose passte. Die leichte Lederjacke mit einer Hand über die Schulter gehangen, die andere Hand leger in der Hosentasche. Dann glitt ihr Blick zur Hose. Sie hatte mehrere Risse wie die Hosen von jüngeren Leuten. Oha! Der Mann wollte definitiv alles sein, nur nicht älter. Trotzdem: Ein Blickfang war er. Aber nur bis …
»Hallo, du Sonnenschein, da bist du ja … hahaha … du siehst wieder umwerfend aus … ich mag deinen Geschmack …«
Weiter kam er nicht. Silke drückte ihm einen Kuss auf die Wange und stellte eine Frage.
»Wohin gedachtest du zu fahren oder zu gehen?«
»Ah, ja, habe ich dir noch gar nicht geschrieben … lass uns nach Stolpen fahren … da war ich das letzte Mal, als meine Tochter noch klein war … habe gute Erinnerungen daran … und das Wetter ist noch traumhaft … hast du bequeme Schuhe an? Ich mag ja Absatzschuhe total gern … aber heute sind sie eher nicht so praktisch … hahaha …«, ballerte er los und sah auf Silkes Schuhe. Bevor er weiterschoss, meinte sie: »Ja, die Schuhe sind bequem. Also lass uns fahren.«
»Okay, fein … wir lassen dein Auto hier stehen und fahren mit meinem … das wird das Beste sein … hahaha.«
Gut. Ob sie das überleben würde, war ihr nicht klar, aber wer A sagte, musste auch B sagen. Ob er nun in seinem oder ihrem Auto den Wortschatz einer Frau von fünf Tagen verlor, war egal. An seinem Auto angekommen, öffnete er ihr galant die Tür, ließ sie einsteigen, schloss die Tür und sprang eilig um sein Auto herum, um auf den Fahrersitz zu springen. Hatte er Angst, sie würde flüchten? Noch war sie nicht so weit. Reini ließ den Motor an und damit kam das Radio in Gang. Ach, du lieber Himmel! Helene Fischer sang. Von »Achterbahnen«, »Hundert Prozent« und »Freiheit«. Passte irgendwie nicht, aber gut.
»Magst du die Musik? Ich bin großer Helene Fischer-Fan. Meine Tochter auch … wenn sie bei mir ist, hören wir nur ihre Musik … eine Hammer Sängerin!… Natürlich die Frau erst! Die ist so hübsch … einfach der Knaller … die schönste Frau Deutschlands!«
Den Rest hörte Silke nicht mehr. Sie schaltete auf Durchgang. War der Kerl nicht bei Sinnen? Das sollte ein Mann niemals tun, zumindest nicht bei den ersten Treffen. »Die schönste Frau Deutschlands« müsste doch die Frau sein, die man für sich gewinnen wollte, oder nicht? Zumindest wäre es gut, die Frau so etwas glauben zu lassen. Da galt es, die Angebetete zu hofieren, sie zu umwerben, sie zur Einzigen zu machen. Das wusste doch nun wirklich jeder Mann mit Verstand! Helene Fischer war dünn und blond, Silke war schwarzhaarig und normal gebaut. Finde den Fehler, dachte Silke und biss sich angestrengt auf die Unterlippe. Derweil trällerte die Fischer »Nur mit dir«. Reini versank mit einem dämlichen Lächeln in seiner eigenen Welt und hielt endlich seine Klappe. Sicher träumte er gerade, Helenchen sänge das gerade für ihn, nur für ihn. Die schönste Frau Deutschlands? Blödmann! Sollte Silke ihn darum bitten, umzukehren? War das nicht zu albern? War sie überempfindlich?
»Hach, ist das schön«, schwärmte er, als der Song endlich ausgeschmalzt war. Er fragte sie nicht mal, ob es ihr recht war, diese Musik zu hören. Er fragte nur das Nötigste. Auf der einen Seite galant wie ein Gigolo, auf der anderen Seite überschritt er ständig Grenzen. Sie schwieg einfach nur. Endlich kamen sie in Stolpen an. Das war das Beste! Schon vor der Ankunft sah sie die Sonne auf die Burg scheinen und ihr eröffnete sich ein wunderschöner Blick. Wieder besser gelaunt stieg sie am Parkplatz aus und streckte sich kurz. Sie würdigte Reini keines Blickes. Das Auto hatten sie am Markt abgestellt. Hoffentlich schweigt er jetzt, dachte Silke und sah sich auf dem bezaubernden Markt Stolpens um. Sie wusste, dass er als Kulturdenkmal unter besonderem Schutz stand. Das Rathaus mit seinem Dachreiterturm war ein Blickfang. Sie überquerte den Markt und blieb vor der Löwenapotheke stehen, um dann das alte und neue kurfürstliche Amtshaus zu bestaunen, in dem sich das Stadtmuseum befand, auch Reste der Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert mit dem Niedertor und imposanten Basaltgewölbekeller. Reini lief ihr nach wie ein Dackel. Sogar sein Kopf wackelte so, fand sie.
»Gefällt dir … da habe ich ja alles richtig gemacht heute …«
Und schon wollte er weiterballern.
»Alles richtig gemacht?« Noch war der Tag nicht vorüber! Ihr Blick brachte ihn zum Schweigen. Noch einmal sah sie sich auf dem Markt um und bat ihn mit dem Tonfall einer Aufforderung, auf die Burg zu gehen. Nach fünf Minuten gelangten sie über die Schlossstraße zur Burg. Ihr kam es vor, als würde sie durch Jahrhunderte wandern. Der Markt zuerst – modern und doch mit antikem, beschaulichem Anstrich, dann der Weg zur Burg mit liebevoll sanierten Gebäuden. Silke hörte in ihrer Fantasie die Kutschen auf dem Pflaster, sah elegante Damen in hinreißenden Kleidern und einem Fächer in der Hand aus dem kleinen Fenster der Kutsche blicken. Nur wenige historische Orte hatten solch ein romantisches Flair wie Stolpen. Und dann die imposante Burg, die sich vor Silkes Augen aufbaute wie ein riesiger Felsen.
Wie mochte es Anna Constantia von Cosel, der berühmtesten Mätresse Augusts des Starken, damals während all der Zeit dort wohl ergangen sein? Neunundvierzig Jahre war sie auf der Burg Stolpen gefangen gehalten worden; eine faszinierende Frau, deren Ausstrahlung bis in die Gegenwart ein Thema blieb. Der Gräfin waren politische Interessen und Eifersuchtsdramen zum Verhängnis geworden. 1706 wurde Anna Constantia zur Gräfin von Cosel ernannt und schenkte August bis 1712 drei Kinder. Schnell wurden allerdings ihr Temperament und ihre versuchte Einflussnahme am Hof berüchtigt. Das Blatt wendete sich endgültig gegen sie, als sich August der Starke aufgrund politischer Interessen eine neue Mätresse nahm. Es kam zwischen Anna Constantia und August zum Streit und die Gräfin von Cosel wurde am Weihnachtsabend 1716 auf die Burg Stolpen verbannt, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Sie starb im – für damalige Verhältnisse wahrhaft gesegneten – Alter von vierundachtzig Jahren.
»Ob sie wirklich in den letzten Jahren ihres Lebens auf der Burg bleiben musste – oder ob sie es wollte?« Das hatte Silke immer interessiert.
»Wen meinst du?«, fragte Reini, der für seine Verhältnisse schon extrem lange geschwiegen hatte. Sie konnte sogar ihre Gedanken zu Ende denken. Die Zahnfee natürlich, dachte Silke.
»Gräfin Cosel, wer denn sonst?«, entgegnete sie gereizt.
»Das weiß ich nicht. Steht das nicht irgendwo? Hahaha.« Dummkopf. Es stand nicht irgendwo. Das wusste nämlich bis heute mit Ausnahme von Fachleuten niemand.
»Ach, ich sollte mir wieder mal einen Film über sie anschauen. Sie muss eine eindrucksvolle Person gewesen sein«, meinte Silke und sah Reini von der Seite lauernd an.
»Jaja, sicher … hahaha.« Ja, Reini, ganz sicher. Und faszinierender als Helene Fischer auf jeden Fall. Klar? Silkes Missfallen wollte nicht weichen. Schnell lenkte sie ihre Gedanken in eine andere Richtung. An den Film »Gräfin Cosel – Aufstieg und Fall einer Mätresse«, konnte sie sich noch sehr gut erinnern. Den wollte sie sich unbedingt als DVD besorgen. Jawohl. Und den Film ohne Reini sehen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Sie befanden sich noch in der Vorburg mit dem Eingang zu den Kasematten, einer drei Meter tiefen Zisterne und schließlich dem Kornhaus mit den drei Kornschüttböden. Gegenüber der Hauptwache befanden sich der ehemalige Marstall und die Folterkammer der Burg. Die wollte sich Silke unbedingt ansehen und tat dies dem Mann an ihrer Seite kund.
»Du stehst auf Foltern … hahaha … das konnte ich mir ja schon fast denken …«, versuchte er es mit einem dummen Witz, über den Silke gar nicht lachen konnte. Sie strafte ihn mit einem Blick dozierte im Oberlehrerton:
»Es ist ein historischer Ort, ein Zeichen der Erbarmungslosigkeit im Mittelalter, Reini, und wenn du keine Lust hast, mitzukommen, wartest du eben hier auf mich und machst inzwischen eine gute Figur!«
Verdutzt sah er sie an. Sie hielt seinem Blick stand, daraufhin senkte er seinen und schaute sie kurz darauf wie ein gescholtenes Kind mit großen blauen Augen an. Ob sie ihm einen Lolly anbieten sollte?
»Nein, nein, ich komme gern mit … bin zwar nicht für solche Dinge zu haben … aber …« Bla, bla, bla. Für welche Dinge war er zu haben? Für Disko, roten Nagellack, Absatzschuhe, für halb zerrissene Jeans, die ihr Sohn nicht mal im Teeniealter angezogen hätte, für Helene Fischer natürlich und für Fußball. Er watschelte wieder neben ihr her. Vielleicht hätte sie eine Leine mitnehmen sollen, damit der Dackel … Nein, das war böse. Sie las sich die Hinweistafeln durch. Kaum zu glauben, was sich Menschen antaten. Es grauste ihr beim Anblick der Foltergeräte. Dieser Ort wurde bis zum Ende der Folter in Sachsen unterhalten. In einer Großvitrine konnte man Folterinstrumente betrachten. Auch Gerätschaften, die Gefangenschaft und Vollzug von Strafen veranschaulichten. Die ganze Anatomie des Menschen von Kopf bis Fuß kam bei der Folter gnadenlos zur Anwendung. Silke schüttelte sich. Wie hatten die Menschen das nur ausgehalten? Sie würde schon beim puren Anblick des ersten Gerätes vor Angst sterben.
»Nicht gerade schön, was man hier sieht«, meinte Reini und das Lachen am Ende des Satzes fehlte. Ein Empathiekünstler! Aber zumindest stellte er verniedlichend fest, dass es »nicht gerade schön« war. Sie sollte künftig nur noch Folterkammern mit ihm besuchen.
Zurück beim Auto knatterte Reini wieder los.
»Wollen wir noch etwas unternehmen … nach der Kultur noch etwas tanzen gehen … oder so? Das wäre doch ein guter Ausgleich … meinst du nicht? Hahaha«, trötete er während der Fahrt und stellte für den weiteren Redefluss sogar die geliebte Helene leiser.
»War das nicht ein schöner Tag? Also, die Folterkammern haben mir zugesetzt … wie die damals drauf waren … das ist ja furchtbar … wie die das nur ausgehalten haben … gut, dass es so was heute nicht mehr gibt … da können wir froh sein … diese ganzen Verurteilungen … Ketzerei … Hexerei … heute würden keine Frauen mehr leben, wenn es noch so wie damals wäre … hahaha.«
Wie lustig! Und so ging es weiter. Jetzt bremste er vor einem Zebrastreifen, den eine junge Frau mit einem Kinderwagen und zwei Kindern im Kleinkinderalter überquerte.
»Mensch, müssen sich junge Frauen so gehen lassen? Wenn sie so einen Hängebusen hat, kann sie ihn doch nun wirklich besser verdecken! Den sollte man nicht zeigen … und muss man so dick sein, wenn man Kinder hat?«, schimpfte er. Mit offenem Mund sah sie ihn von der Seite an.
»Weißt du …«, eröffnete sie betont freundlich. »Männer, die sich so äußern, müssten für jedes Kind, das Frauen für sie bekommen, einen Ziegelstein quer scheißen!«
Das war raus. Es ging nicht anders. Der Mann regte sie auf. Ein lautes »Hahaha« war alles, was sie noch erreichte.
»Wir können gern noch ein Glas Wein zusammen trinken«, schlug sie vor. Der Mann war zwar oberflächlich, aber harmlos. Also konnte sie ihn mit nach Hause nehmen? Wenn sie mit zu ihm ginge, müsste sie nach einem Glas Wein ziemlich lange warten, ehe sie nach Hause fahren konnte. Und so müsste er warten – auch nicht gut. Aber sie wäre schon zu Hause, das war wiederum der Vorteil. Also? Einen einzigen Versuch hatte der Quasselkopp. Für etwas musste er doch gut sein?
»Gerne, gerne … ja, gute Idee … ich hätte mich gar nicht getraut zu fragen … bin eben doch schüchtern … hahaha.«
Silke sah zum Fenster raus und verdrehte die Augen.
»Wir müssen mein Auto holen!«
»Ah! Ja, stimmt … ich hatte es fast vergessen … ja, das müssen wir noch machen … unbedingt … wir können das Auto ja nicht stehen lassen … hahaha.«
Warum musste er eigentlich alle Aussagen so ausdehnen? Wenn der wüsste, dass ihm ein alles entscheidender Test bevorstand! Er plapperte vergnüglich allerlei Zeug vor sich hin, fragte nichts und Silke konnte abschalten. Sein Gerede war wie ein Monolog mit Musik. Helene trällerte nebenher und Reini bewegte sein Gesicht dazu wie eine Taube. Nur dass Tauben das taten, weil sie damit in alle Richtungen blickten und vor allem scharf sehen konnten. Bei Reini sah es eher aus, als würde er ständig etwas Ekliges essen und sich dabei schütteln. Und dazu sang er mit der Fischer aus Leibeskräften, oder er redete und redete. Von wegen, Männer wären nicht multitaskingfähig! Endlich konnte sie in ihr Auto umsteigen. Jetzt hatte sie eine Stunde Ruhe und vor allem gute Musik. Reini fuhr ihr nach. Im Rückspiegel sah er noch grotesker aus. Am Auffälligsten jedoch war sein Dauergrinsen. Anett sollte noch einmal auf ihrem ständigen Grinsen herumhacken! Ihre CD lief, und zwar AC/DC.
Vor ihrem Haus parkte sie das Auto auf ihrem Stellplatz und zeigte ihm mit Handbewegungen, wo er seines abstellen konnte. In ihrem Dorf war man schließlich auf Ordnung bedacht. Er grinste immer noch. Das konnte ja was werden.
»Schön hast du es hier … wirklich hübsch … aber wohnen könnte ich hier niemals … du wohnst ja am Arsch der Welt … gibt es hier nur die eine Straße, oder geht es da hinten weiter? Hahaha«, und er wies Richtung Wald.
»Nein, da hinten ist nur Wald. Man kann sicher über die Waldwege in den nächsten Ort gelangen, aber das ist nicht gestattet«, antwortete sie knapp. Und es kam, wie es kommen musste. Während sie die Haustür aufschloss, sich der Schuhe entledigte und die Jacke an die Garderobe hängte, gackerte Reini vor sich hin.
»Ein schönes Haus … sehr hübsch … aber das dachte ich mir schon … nur diese Einöde, wo du wohnst … das ist ja schrecklich … ich könnte nie aus Dresden wegziehen … gleich gar nicht auf ein Dorf … ich brauche Leben um mich … Bewegung … Menschen …Cafés … will in kurzer Zeit von A nach B kommen … nein … wie kannst du hier wohnen … hier sagen sich doch Fuchs und Hase schon morgens um zehn Uhr ›Gute Nacht‹ … ach nee … das wäre nichts für mich … also sollten wir mal zusammenkommen … müssten wir uns was einfallen lassen … du müsstest dann zu mir ziehen …, hahaha.«
Damit nicht genug. Er sah sich in ihrem Wohnzimmer um.
»Und die Bücher könntest du auch nicht alle zu mir mitbringen, die müssten in den Keller«, plärrte er. Hahaha. Wenn es um ihre Bücher ging, hatte sie kein Erbarmen.
»Reini, nun lass mal die Kirche im Dorf, wenn sie auch nicht vorhanden ist! Ich ziehe nirgendwo hin und ich habe ein Auto, kann jederzeit in die Stadt fahren. Im Gegensatz zu dir brauche ich die Stadt nicht. Und bevor meine Bücher in einem Keller landen, bist du noch weiter drunter!«
Reini stutzte, bevor er sein obligatorisch dämliches »Hahaha« von sich gab. Sie erzählte ihm lieber nicht, wie sie sich anfangs gegen Harrys Wunsch gesträubt hatte, in diese Einöde zu ziehen. Es hätte ihn ohnehin nicht interessiert. Sie setzte sich auf die Couch.
»Komm, lass es uns gemütlich machen«, meinte sie und verspürte den Impuls, auf die Sitzfläche der Couch zu klopfen – wie bei einem Hund, dem man damit andeutet, dahin zu kommen.
Während Reini auf die Couch zuging, ballerte er weiter.
»Ich finde gut, dass du ziemlich modern bist, hahaha.«
»Ziemlich? Das ist wie ›eigentlich‹, eine Einschränkung.«
Sie wollte das erklärt haben.
»Na ja, bisschen anders bist du schon. Aber weißt du, ich habe Frauen kennengelernt, die ihr Leben über ihre Enkel und ihren Garten in der Kleingartensparte definierten. Nein, das ist gar nicht meins, hahaha. Ich mag Frauen mit richtigen Absatzschuhen und …«
»… rotem Nagellack, ich weiß!«, ergänzte Silke kurz vorm Platzen. Was wollten die Männer eigentlich? Eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, sich als hervorragender Familienmensch perfekt präsentierte, dazu noch gut und flott aussah und auch sonst sollte sie möglichst ein Multitalent sein? Sie wollte jetzt nicht weiterdenken, sonst hätte sie ihre eigene auferlegte Mission nicht erfüllen können. Da sie nichts auf seine letzten Ausführungen entgegnete, setzte er sich und sah sich um.
»Aber schön hast du es … sehr geschmackvoll … wie die ganze Frau.«
Jetzt war der Augenblick gekommen.
»Geschmackvoll – wie die Frau? Das weißt du doch noch gar nicht«, zwinkerte sie ihm zu. Eindeutig zweideutig. Endlich! Sein Lachen ertönte, diesmal in fünffacher Ausfertigung. Sie stimmte ein, machte gedämpfte Musik an, stellte zwei Weingläser auf den Tisch, öffnete den Rotwein und schenkte ihnen ein.
»Ach schön, ist das toll, hahaha«, freute er sich. Gut, das schaffte schon mal Stimmung. Jetzt brauchte sie welche. Aber Reini war gar nicht so dumm und verstand ihre Signale. Er legte den Arm um sie, zog sie grob an sich heran und wuselte dann in ihrem Haar herum, als kraulte er einem langhaarigen Hund den Kopf. Wollte er gleichzeitig ihre Kopfhaut massieren, oder war das seine eigene Form von Zärtlichkeit? Als sie darüber nachdachte, schielte sie zu seinen Mundwinkeln. In Stolpen hatte sich wieder darin Speichel abgesetzt, jetzt nicht. Guter Reini!
»Bist echt eine Hübsche, hahaha«, schmetterte er in den Raum. Sie sah ihn an; sein Mund landete auf ihrem. Nicht etwa beginnend mit geschlossenen Lippen. Nein! Ihre waren noch geschlossen, seine geöffnet. Das hatte zur Folge, dass der Bereich um ihren Mund klitschnass wurde. Also auch hier, wie beim Reden, ein ICE. Sie öffnete schnell die Lippen und gedachte, ihm ihre Zunge sanft zu präsentieren. Aber weit gefehlt! Reini war ausdrücklich am Austausch von Körperflüssigkeiten interessiert, denn er nässte stark. Und dann auch noch die Geschwindigkeit! Seine Zunge drehte sich schneller als ihre Waschmaschinentrommel beim Schleudergang. Litt er auch noch unter Zungenspastik? Dann kam noch der Clou: Er steckte seine Zunge so tief in ihren Hals, dass sie fast zu ersticken glaubte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, diese Farce zu beenden. Doch schon wanderten Pranken auf ihrem Shirt umher. Das waren keine Hände. Oder war der Mann im ersten Leben Fleischer gewesen? Er sollte doch kein Schwein schlachten! Nachdem er ohne jede zärtliche Berührung an ihren Brüsten herumknetete, als würde er Hackepeter mit Zwiebeln vermischen, hätte sie abbrechen müssen, tat es aber nicht. Sie tat gar nichts, sie wartete. Die Haut an ihren Brüsten schmerzte. Schnell zog er ihr Shirt aus, danach seines und schlabberte sie ab wie ein Hund, der sich über das Eintreffen seines Frauchens freute: am Hals, an den Wangen.
»Ach, ist das schön, mal wieder eine Frau anzufassen«, hechelte Reini. Diesmal ohne »hahaha«. Das war ihm jetzt wahrscheinlich in die Hose gerutscht. Und überhaupt: War sie eine Ziege im Streichelzoo? Ehe sich Silke versah, stand er auf, schlüpfte aus genau dieser und nestelte an ihrem Hosenknopf. Sie ließ es geschehen. Vielleicht kam ja noch – der Höhepunkt? Der kam, aber anders, als sie sich erhoffte. Reini grapschte grob über ihren weichen Bauch, während er dabei wütend vor sich hin schlabberte, und ein weiteres Mal fuchtelte er an ihrem Bein herum und wollte ihr dabei den Slip ausziehen.
»Stopp!«, schrie sie und sprang auf. Reini erschrak, sah zu ihr auf und es kam, was kommen musste.
»Was hast du denn, hahaha?«
»Was ich habe? Ich möchte das nicht.«
Den Rest verkniff sie sich, um sich sammeln zu können. Whiskey kam zu ihm. Er »streichelte« ihn genauso wie zuvor sie. Mein Gott! Er konnte gar nicht anders! Der Kater war klüger. Er sah Reini böse an und sprang in einem Satz vom Sofa, verkroch sich unter dem Stuhl in der Essecke und glotzte den Fremdling beleidigt an. Warum hatte sie es nicht nach dem Kuss abgebrochen? Warum hatte sie ihn überhaupt mit in ihr Haus genommen? Der Augenblick des Abschiedes hätte bei der schönsten Frau Deutschlands kommen müssen. Reini trank gerade seinen letzten Schluck Wein.
»Ich möchte, dass du jetzt gehst«, sagte sie. Fragend blickte er sie an.
»Was ist denn?« Das war sein Fehler.
»Selbst Tiere lieben sich inniger. Das eben hatte nicht mal was mit Zuneigung, geschweige denn Respekt zu tun.«
Reini schwieg, stand auf und ging. Ohne Fragen, ohne Laberei, ohne »Hahaha«.
Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, sprang Silke in ihr Badezimmer, entkleidete sich und duschte ausgiebig. Sie war so blöd! Das musste ja bestraft werden. Wütend ging sie zum Telefon. Sie brauchte jetzt ihre verrückten Mädchen. Zuerst rief sie Anett an. Die war nicht besonders erschüttert, als Silke ihren Bericht atemlos beendet hatte.
»Meine Liebe, du bist ja eine Seele von Mensch, zumindest meistens, aber du hast zu wenig Erfahrung.«
»Auf manche kann Frau aber auch verzichten, oder etwa nicht?«, hakte Silke nach.
»Ja, sicher, aber was glaubst du, wie dein Fleischer weitergemacht hätte? Da kann ich dir von meinem Erlebnis berichten …«
Was? Hatte sie Reini etwa auch gekannt, so wie Ralf?
»Wie meinst du das?«, fragte Silke lauernd. Anett lachte.
»Keine Angst, ich kenne schließlich nicht alle Männer, mit denen du Kontakt hast.«
Aufatmend ließ sich Silke auf ihren Sessel fallen.
»Ich bin ganz Ohr.«
»Genau so einen Kerl hatte ich auch mal: einen oberflächlichen, grobschlächtigen Macho, der zu viel gequatscht hat; ist ein Jahr her. Erzählt hatte ich es euch nicht, weil ich mich geschämt habe.«
»Seit wann bitte schämst du dich?«, konnte sich Silke nicht verkneifen.
»Hahaha.«
Bitte nicht! Dagegen war sie inzwischen allergisch.
»Willst du es nun hören oder nicht?«
Sie wollte.
»Der Typ grapschte genau so an mir herum, wie du es mir gerade beschrieben hast. Ich dachte: Halt durch, Anett. Vielleicht ist am Ende alles gut. Ich dachte: Jeder ist nun mal anders. Er zog mir den Slip aus, drehte mich herum und erledigte seine Bedürfnisse aus dieser Stellung, ohne den kleinsten Blickkontakt. Und zwar im Eilzugtempo, dreißig Sekunden. Fertig. Als ob ich in einen Zug eingestiegen wäre, der nur kurz anfuhr, besser gesagt, kurz ruckelte. Sofort wieder aussteigen und keinen Meter vorankommen, das war sein Sex. Ich kam mir vor wie ein Kaninchen; schlimmer noch! Ich hatte das Gefühl, vergewaltigt worden zu sein, keine Erotik, keine Zärtlichkeiten. Dann ließ er von mir ab und setzte sich grunzend auf die Couch. Unter meinem Couchtisch lagen Kosmetiktücher. Der sollte bloß nicht meine neue Couch mit dem ekligen klebrigen Zeug vollmisten! ›Nimm die Tücher!‹, befahl ich ihm. Ich selbst packte meine Klamotten und verschwand im Bad, kehrte zurück und besah mir ›die Männlichkeit‹, inzwischen wieder angezogen. Dann habe ich ihn aus meiner Wohnung hinauskomplimentiert.«
»Okay, wie ich. Nur habe ich eher die Reißleine gezogen. So was mag ich nicht. Sex, wenn er auch noch so versaut ist, hat für mich mit Liebe zu tun. Deshalb ärgere ich mich, ihm nur einen Millimeter meiner Haut gezeigt zu haben. Ich finde, erlaubt ist, was beide wollen. Oder bin ich altmodisch?«
»Na ja, manchmal sind deine Ansichten wirklich etwas angestaubt. Wir Frauen sollen uns nicht das nehmen, was Männer sich zu nehmen gedenken. Wozu haben Frauen um Gleichberechtigung gekämpft, hm?«
Das stimmte schon.
»Du willst auf dein Erlebnis mit Ralf hinaus?«
»Ja, zum Beispiel!«
»Was hattest du davon, außer einer Demütigung?«
»Nichts, aber ich hätte etwas davon haben können«, lachte Anett.
»Zu viele Konjunktive, meine Liebe.«
»Mag sein, wir machen eben auch Fehler, wir Frauen.«
Auch das stimmte, wie Silke bezüglich dieses Tages schlussfolgerte.
Das Gespräch mit Anett hatte sie noch nicht überzeugt. Sie wählte Sandras Nummer. Die hob ab und kaute gerade. Nachdem sie Silkes Stimme hörte, meinte sie mit vollem Mund: »Warte, mein Hasilein, ich schlucke erst mal runter.«
Wieder ein neuer Kosename, den sie überhörte.
»Du kannst ruhig weiterkauen, hör mir einfach zu. Weißt du was mir passiert ist?« Und dann schoss sie genauso los wie Reini. Ohne Punkt und Komma, allerdings auch ohne ha ha ha. Als sie endlich fertig war, holte sie tief Luft und wartete.
Sandra begann so laut zu lachen, dass Silke den Hörer vom Ohr weghielt.
»Was gibt es da zu lachen? Ich finde das nicht lustig.«
»Doch! Du warst, wie sagte die Solariumgrillhenne in ›Fortunas Licht‹ gleich? – ›chronisch untervögelt‹, nicht wahr?«
»Na hör mal, wer hat mir das denn unbedingt empfohlen: ›Probier ihn aus!‹?«
»Entschuldigung, aber du bist des eigenen Denkens mächtig, ja?«
Das wollte Silke gerade nicht hören, obwohl sie es wusste. Momentan brauchte sie wenigstens für kurze Zeit eine Schuldige.
»Das war einfach furchtbar!«, jammerte sie.
»Tja, ich sag’s ja, deshalb kommt mir kein Mann mehr ins Haus. Da hat es mein Vibrator besser gemacht. Du kennst ja meinen Spruch: Wenn ich mal eine Plastikallergie bekomme, bin ich aufgeschmissen! Endgültig!«
Sandras Lachanfall ebbte nicht ab. Schließlich musste auch Silke mitlachen. Sie war selbst schuld an dieser Misere und lachte sich selbst einfach kräftig aus.
»Das war es also mit Schlabberreini?«, wollte Sandra wissen.
»Was für eine Frage. Natürlich!« Silkes Stimme überschlug sich.
»Siehst du, und da wunderst du dich, dass ich lesbisch geworden bin? Vor einigen Monaten schickte mir so ein Kerl ein Foto von seinem behaarten Penis. Ich weiß nicht, was solche Schwachmaten sich einbilden!«
»Was? Wirklich?«, entsetzte sich Silke. »Und wie hast du reagiert?«
Das interessierte sie unbedingt. Von Sandra konnte nur etwas sehr Eigenwilliges kommen, selbst wenn es – wie bei Anett auch – zuweilen ordinär wirkte. Und es kam.
»Ich schüttelte mich erst mal, verzichtete auf meine nächste Mahlzeit und ärgerte mich darüber, denn du weißt ja, dass ich jetzt wieder ordentlich essen will.«
Hoffentlich kam sie bald zum Punkt.
»Ja, das glaube ich. Und dann?«, drängelte Silke.
»Na, warte, ich schau mal nach.«
Es raschelte.
»Jetzt habe ich mein Handy, kleinen Moment. So, hier: ›Jetzt pass mal auf, du bist mit einer der Gründe, warum Frauen die Schnauze voll haben von euch! Ihr denkt auch, ihr könnt euren Fleischknochen überall reinstecken. Seid ihr schon so verzweifelt, dass ihr es bei jeder probiert? Und ganz ehrlich: Dein Ding ist nicht die Welle! Sieht aus wie eine ausgelutschte Blutwurst, bei der die Schweineborsten noch dranhängen. Da habe ich schon Bessere gesehen.«
Es ging nicht mehr anders, Silke schüttete sich vor Lachen aus, konnte kaum wieder aufhören. Erst als Sandra dem Ganzen noch die Krone aufsetzte, hielt sie kurz inne, damit sie nichts verpasste, um gleich darauf wieder loszuwiehern.
»Also wirklich, der schickt voller Inbrunst so einen halb gestorbenen Piepmatz durch die Gegend?!«
Der Abend war für Silke gerettet. Jedes Mal, wenn sie an Sandras Bezeichnungen dachte, setzte sich ihr Kopfkino in Gang und sie prustete aufs Neue los. Diese Frauen waren seltsam, aber sie waren ihre Freundinnen. Why not? Whiskey fand das nicht lustig. Er hatte es sich bei ihr gemütlich gemacht und sprang jedes Mal entsetzt zur Seite, wenn es sie wieder vor Lachen schüttelte.
»Sorry, mein Hübscher, aber ich sage dir: Sei froh, dass du Katzen- und nicht Menschenmann geworden bist!«
Ungläubig sah Whiskey sie an und versuchte wieder, sich bei Frauchen einzukuscheln. »Aber ich verrate dir was. Sie sind nicht alle so. Du hättest Harry kennenlernen sollen. Der hätte dir gefallen«, flüsterte sie ihm zu und merkte, wie ihr Brustkorb enger wurde. Er fehlte ihr. Jeden verdammten Tag fehlten ihr sein Herz, seine Innigkeit, sein Humor, seine Art, das Leben zu betrachten, sein Sex-Appeal. Ihr fehlte es sogar, wie er war, wenn er zornig war, sich seine Augenbrauen zusammenzogen und die Augen scheinbar in Regenbogenfarben Blitze aussendeten. Da konnte keiner mithalten, erst recht nicht Reini.
Die neue Arbeitswoche begann. Der Regen prasselte an ihre Schlafzimmerfenster. Sie liebte das, es beruhigte sie auf besondere Weise. Für eine Weile stellte sie sich ans Fenster und sah zum Himmel. Was für ein Bild! Trotz des Regens blitzte ein fantastisches Blau auf sie herab. Als sie nach Osten sah, dominierten imposante dunkle Wolken. Wie konnte das gehen? Kaum konnte sie sich losreißen.
Im Büro begrüßte Martha sie an diesem Montag mit einem besonders schelmischen Lächeln, beinahe, als führe sie etwas im Schilde, außerdem irritierte Silke etwas an ihrem Äußeren. Nach der allgemeinen Begrüßung im Büro lief sie zu ihrem Schreibtisch und traute ihren Augen kaum. Eine Vase mit Margeriten stand dort und daneben lag, hübsch eingepackt, ein kleines Päckchen Mon Chéri.
»Was ist das?«, stotterte Silke. »Ich habe heute aber nicht Geburtstag.«
»Muss man dafür Geburtstag haben?«, wandte Martha ein.
»Martha, du warst das?«
Eigentlich eine überflüssige Frage in Anbetracht ihres verschmitzten Lächelns.
»Wo zum Teufel hast du jetzt noch Margeriten aufgetrieben?«
»Na, hör mal, du brauchst wohl etwas Nachhilfe in Botanik? Wenn das Wetter mitspielt, blühen sie auch noch im Frühherbst. Nur den Frost vertragen sie dann nicht mehr. Erst im Oktober ist es dann meist vorbei mit dem Blühen«, erklärte ihr Martha voller Stolz. Das war schon was, worauf sie stolz sein konnte, fand Silke und bedankte sich.
»Na, Sie ham ja nette Kolleginnen!«, hörte sie den Chef hinter sich sächseln. Wieder mal kratzte er sich am kahlen Kopf – wohl ein Tick – und grinste breit. Sein Bauch schien von Woche zu Woche dicker zu werden.
»Ja, habe ich. Neidisch?«, scherzte sie. »Ein bisschen schon …«, griente er und der Bauch bewegte sich wie der Gymnastikball, auf dem Silke mal in der Physiotherapie hatte herumhüpfen müssen. Und wie der Mann heute gut gelaunt war! Das wollte sie nutzen.
»Ach, Chef, wir müssen Sie auch mal verwöhnen«, schmeichelte sie ihm. Der Endfünfziger wurde so rot, dass seine Wangen sie an Bilder von Sankt Nikolaus erinnerten. Nur der Bart fehlte.
»Sie Schmeichlerin. Was wollen Sie denn?« Herausfordernd sah er sie an. Durchschaut. Er kannte sie schon zu lange.
»Urlaub.« Es half nichts. »Sehr bald Urlaub«, ergänzte sie.
Chefchen kratzte sich wieder auf der Glatze und leckte an seiner Oberlippe. Das war ein gutes Zeichen! Wenn er das tat, standen ihre Chancen gut.
»Wann genau?«
»In den nächsten zwei Wochen?«, fragte sie vorsichtig.
»Okay. Sie ham es sich verdient. Wohin geht’s denn?«
»Zu meinem Sohn nach Berlin. Ich möchte mal sehen, wie er sich so macht als angehender Doktor der Psychologie«, gab sie an, reckte ihr Kinn und strahlte.
»Das ist ja wunderbar!«
Martha hüpfte vor Aufregung und klatschte in die Hände. Dabei fiel Silke auf, dass die Frau abgenommen hatte. Ah! Das war es, was sie vorhin irritiert hatte! Und noch was. Martha war flott gekleidet, und zwar nicht in Pink. Aus ihr ist ein ein echter Hingucker geworden, dachte Silke und bewunderte Martha. Aber erst einmal freute sie sich über den genehmigten Urlaub.
Etwas Zeit war noch bis dahin. Da bei Julian in der WG zu wenig Platz für sie war, buchte Silke in einer Steglitzer Pension ein Zimmer, traf erste Reisevorbereitungen und bemerkte bei Durchsicht ihres Kleiderschrankes, dass sie noch einiges brauchen würde. Sie musste dringend shoppen gehen, und das, obwohl sie es nicht mochte. Auf in die Stadt! Als sie das Kaufhaus betrat, erinnerte sie sich an jene Zeit, als sie sich noch mit dreißig Kilogramm mehr auf den Rippen herumplagte und versuchte, etwas Vernünftiges zum Anziehen zu bekommen, was nicht aussah, als hätte sie sich in Carportplanen eingewickelt. Auch dachte sie an die Damen mit den Blumenkohlfrisuren und den alten Herren, der sie lüstern betrachtet hatten, während sie verschiedene Büstenhalter in die Hände nahm. Sie hatte sich mit ihrem Gewichtsdrama beschäftigt, als gäbe es nichts anderes. Bis Martina an Krebs erkrankt war. Bis Martina … Dann wurde alles anders. Auch sie. Doch jetzt wollte sie sich auf das Leben konzentrieren und marschierte sicheren Schrittes in den H&M. Ein Kleid fiel ihr sofort ins Auge, als sie jemand an der Schulter berührte.
»Hey, das gibt’s do ni, Silke?«, fragte eine weibliche Stimme mit extrem sächsischem Dialekt. Sie drehte sich um. Vor ihr stand eine kräftige Frau mit rotem Haar und stark geschminkten Lippen, die sie förmlich anschrien.
»Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind.«
»Nu, sache ma! Erkennste mich wirklich ni? Nu gud, ich bin fett geworden, aber sonst?«
Aber sonst …, ja, der Dialekt, die wässrig-blauen Augen, war das Sabine …
»Sabine?«
»Nu glor, Mensch, du! Ich freu misch so, disch zu sähn!«, schnatterte Sabine fröhlich und drückte Silke freudig an sich. Die ließ es geschehen und fragte sich, wie lange sie Sabine nicht mehr gesehen hatte. Sie kam nicht darauf, aber die alte Schulfreundin klärte sie auf.
»Mensch, mir ham uns bestimmt schon acht Jahre ni mehr gesähn!«
Aha, das war eine lange Zeit.
»Koofste no viel? Woll mer dann ä Schälschen Heeßes trinken gehen?«
Eigentlich wollte sie sich auf ihre Klamotten konzentrieren, aber gut.
»Ich probiere nur dieses Kleid an, okay? Dann gehen wir einen Kaffee trinken.«
»Ä scheenes Kleid, du! Was is’n das für ne Größe?«, fragte sie und sah auf das Schild.
»Dä Viertsch? Nu, du hast’s gud. Da würdsch ni ma mit eem Been reingehn!«, lachte Sabine laut. Na, Selbstironie hatte sie. Silke steuerte auf die Kabinen zu, schlüpfte in das Kleid, gefiel sich darin, verließ die Kabine und zahlte. Sabine folgte ihr auf Schritt und Tritt. Zumindest schwieg sie dabei. Beim Verlassen des Ladens hakte sie sich bei Silke unter, als wären sie beste Freundinnen, und strahlte wie eine »Fettbemme«.
»Lass uns doch zum Italiener in die erste Etage gehen, ich hätte auch Lust auf ein Eis und die machen den besten Kaffee«, schlug Silke vor.
»Nu, das machen wir. Wohin du willst! Mensch, bin isch froh, disch getroffen zu ham. Hab so viel an disch gedacht, vor allem, seit de Martina … ist das schlimm. Es ist schon länger her, aber isch kanns immer noch ni fassen!«
Dazu schlug sie die Augen nieder. Nicht das noch! Beim Italiener angekommen, holte sich Silke zwei Kugeln Eis und einen Kaffee. Sabine verlangte es nach einem großen belegten Brötchen, XXL. Kaum saßen sie an ihrem Tisch, wurde Silke schon nach den letzten Jahren gefragt. Sie erzählte, was sie erzählen wollte, und hielt sich kurz.
»Und de Liebe?«
Nix da Liebe. Liebe war aus.
»Nichts«, antwortete sie knapp.
»Wie jetzt: ›nüscht‹?«
»Na, nichts. Nichts ist nichts, ist nichts.«
»Isch hab den Mario geheiratet«, berichtete Sabine stolz.
»Und? Bist du zufrieden?«, erkundigte sich Silke, weil ihr darauf nichts Besseres einfiel.
»Na klar, er ist ä gudder Kerl. Und er ist jetzt genau so dick wie ich. Da muss isch keene Angst ham, dass er mir wegrennt. Der kommt ni mehr weit!«, merkte sie dazu an und lachte. Silke sah sie ungläubig an und konnte sie wieder vor sich sehen, wie sie damals gewesen war. Und sie erinnerte sich sehr viele Jahre zurück: Silke hatte nach der Schule nach Hause gehen wollen, doch ein paar Jungs aus den Parallelklassen hatten ihr aufgelauert, sie beschimpft und nicht vorbeilassen wollen. Als Martina, das kesse und hübscheste Mädchen aus ihrer Klasse mit Sabine gekommen war, hatten die beiden Mädels die Jungs buchstäblich auf die Knie gezwungen. Die folgende Zeit, in der sie sich mit Martina angefreundet hatte und sie unzertrennlich geworden waren, stand ihr wieder deutlich vor Augen. Als beste Freundinnen hatten sie sich »Semmelpilz« und »Braunedel« genannt und hoffnungsfroh in die Zukunft geblickt.
Und dann hatte sie allein an Martinas Grab gestanden; sie konnte den Verlust einfach nicht fassen. Monatelang kämpfte sie mit ihrer Trauer. Immer wieder dieses Nichtbegreifen. Warum Martina?
Silke sah Sabine an. Wie hatten sie sich beide verändert! Wo war die Zeit nur geblieben? Es trieb ihr die Tränen in die Augen.
»Was is’n mit dir?«
In Sabines verschwommen wirkenden eisblauen Augen sah Silke nichts. Die gefärbten roten Haare fielen steif auf die Schultern der früheren Schulfreundin und bewegten sich nicht einmal, wenn sie den Kopf drehte. Sie klebten an ihrem Haupt, sie lebten nicht. Silke überkam Melancholie, die sie beim Betreten des Kaufparks noch zu verdrängen gesucht hatte. Ob sie mit Sabine darüber sprechen sollte? Warum nicht? Es gab nichts mehr zu verlieren.
»›Ich weiß nicht‹, würde ich am liebsten sagen. Aber ich weiß es. Ich weiß nur nicht, ob du verstehst, was es ist, was es wirklich ist.«
»Versuche es, bitte!«, bettelte die alte Freundin.
»Ich habe versucht, zu glauben. Ich habe geglaubt, ich könnte noch mal einen Partner finden. Nicht so einen wie Harry, denn ich weiß, so einen Mann gibt es nur ein einziges Mal im Leben einer Frau. Aber ich bleibe allein. Manchmal ist es gut, aber nicht immer. Harry und Martina fehlen mir jeden einzelnen Tag. Alles wird anders. Fremd. Weißt du noch, wie es früher war? Als das Leben langsamer ging? Liegt es daran, dass sich unsere Leben im Größenwahn auflösen, dass wir in unserem Immer-mehr-haben-wollen die einst kleinen Räume vergessen haben, in denen wir lebten und glücklich waren? In denen wir gestritten und uns wieder versöhnt haben? Kann es sein, dass wir gar nicht mehr merken, wie wir innerlich erkalten und die schönen, warmen Heizungen in unseren Wohnungen nicht das ausgleichen, was wir dabei sind zu verlieren? Wir werden kalt, verstehst du? Wir werden solange kalt, bis wir wieder warm werden. Und dann ist es zu spät.«
»Ich verstehe disch, doch – ich glaube, ich verstehe disch, Silke!« Sabine ergriff Silkes Hand mit ihren beiden, angenehm warmen Händen. Eine ehrliche Berührung, bevor sie sich verabschiedeten und Silke in den vielen Blicken Fremder verschwand. In Blicken, die sie trafen und doch nicht bei ihr blieben, die sich verloren in gemeinsamer Einsamkeit und nichts preisgaben. Diesen Blicken, die nicht sprechen konnten. Die nicht Tag waren und nicht Nacht.
Silke wollte heute nur noch nach Hause. Vielleicht konnte sie sich in Berlin eindecken? Dort gab es viel mehr Möglichkeiten. Nur noch zwei Tage und ein neues Abenteuer erwartete sie. Bei ihrem Sohn in Berlin. In der Nähe von Martinas letzter Stätte. Es war noch einiges zu tun. Whiskey musste versorgt werden, was wie immer bestimmt die Nachbarskinder von gegenüber erledigen würden. Die Blumen vertraute sie Frau Schröder an. »Alles, was ich brauche, ist bisschen mehr vom Nichts, weniger vom Alles, aber genug vom Viel«, flüsterte sie Whiskey zu, als er sich am Abend auf ihren Schoß legte.
12. Kapitel
Berlin, Berlin …
»Das ist Berlin, das ist eben echtes Leben, Mama.«
Julian Liebmann
Als sie sich auf die Reise nach Berlin machte, war es Anfang September. Die Schwalben und Gänse begannen in wärmere Gebiete zu ziehen. Silke mochte es, die Vogelzüge zu beobachten. Es stimmte sie melancholisch, wenn sie an die Freiheit der Vögel dachte.
Die Autofahrt verlief reibungslos. An den Tankstellen anzuhalten, sämtliche Dialekte und Sprachen zu hören, sich in eine Vielfalt einzufügen, hob ihre Stimmung noch mehr. Jeder war wichtig, doch keiner beachtete den anderen. Man wurde sichtbarer und zugleich unsichtbar. Eine seltsame Anonymität herrschte hier, vielleicht ein Porträt der Gesellschaft – und ihr doch nicht unangenehm. Gerade fuhr sie wieder an einer Tankstelle vor, um sich einen Kaffee zu holen. Niemand drängelte. Sie hatte Zeit. Vor ihr stand ein holländisches Ehepaar, das sich angeregt unterhielt. Diese Sprache hörte sie gern, obwohl es immer klang, als hätten die Menschen einen Knödel im Mund und würden versuchen, damit zu sprechen. Hinter ihr kicherten zwei alte Damen aus Polen mit knallrotem Lippenstift, die mit einem Reisebus angekommen waren. Viel Polnisch verstand sie nicht, aber einige Wortfetzen kamen ihr bekannt vor. Verträumt und glücklich stand sie inmitten dieser Leute, die sie nicht kannten.
Ein kleiner Junge drängelte sich zwischen ihr und dem holländischen Paar vorbei, sodass sie einen Schritt zur Seite treten musste. Dabei trat sie einer der polnischen Frauen auf den Fuß. Die kreischte kurz auf. »Przepraszam«, sagte Silke erschrocken, was auf Deutsch »Entschuldigung« hieß. »Proszę, proszę, wszystko dobrze«, beruhigte sie die alte Lady freundlich und lächelte Silke mit einer großen Zahnlücke an. Ihre goldenen Ohrringe drehten sich um die eigene Achse. Bezaubernde Damen. Warum reiste sie nicht öfter? Nachdem sie den Kaffee getrunken hatte und weiter das Kommen und Gehen in der Raststätte beobachtete, ging sie noch mal auf die Toilette. Auf dem Weg zurück sah sie, wie die zwei polnischen Damen verzückt einige Plüschtiere in die Hand nahmen und diskutierten. Sie schnappte Wortfetzen auf, vielleicht die Namen ihrer Enkel. Mit ihren rot lackierten Fingernägeln, die Reini gefallen hätten, inspizierten sie jedes einzelne Plüschtier, wackelten wie kleine Kinder mit deren Ohren und bewegten die Beine. Sie erfreuten sich daran, als wären sie um einige Jahrzehnte zurückkatapultiert worden. Ihre Wangen wurden vor Erregung rotfleckig, bis sich jede für ein Kuscheltier entschieden hatte und es der anderen stolz vor die Nase hielt.
Auch Süßigkeiten mussten noch mit. Silke grinste, warf den beiden ein »Do widzenia!« und ein freundliches Lächeln zu und ging wieder zu ihrem Auto. Sie sah, wie die zwei Damen hinter dem Glas der Raststätte standen, die Hände voller Mitbringsel und versuchten, wenigsten mit zwei Fingern zu winken, dabei krampfhaft das Erstandene festhaltend. Das war Leben. Als sie weiter über die Autobahn raste, dachte sie über Langsamkeit nach. Die schwermütigen Geräusche der Lastwagen ließ sie genauso hinter sich wie ihre eigenen. Sie hörte nicht AC/DC, sondern Reinhard Mey; und sie fühlte sich frei. Dass sie sich dem Berliner Ring näherte, merkte sie auch ohne Hinweisschilder. Der Verkehr wurde dichter, eine gewisse Hektik war spürbar. Sie ließ sich nicht beirren und hörte der angenehmen männlichen Stimme des Navis zu, die sie nach Steglitz lotste – auch für ihn keine leichte Aufgabe. Julian war aus dem Studentenviertel, wo er während seines Studiums gewohnt hatte, ein Jahr zuvor weggezogen, ausgerechnet nach Steglitz, aber er war eben ein Spießer geworden und das gab er auch zu.
»Mama, wenn du lange genug da gewohnt hast, kommt der Tag, an dem du rauswillst. Außerdem bin ich jetzt zu alt für diese Verrückten.«
Es waren seine Entscheidungen; es war sein Leben.
Endlich kam sie an. Erleichtert und erschöpft stieg sie aus und streckte sich lange, bevor sie sich die Pension von außen ansah. Was für ein hübsches Haus! Die Bilder auf der Internetseite hatten nicht zu viel versprochen. Und das in der Nähe des Botanischen Gartens und in einer Seitenstraße der Schlossstraße, wie schön! Die Balkone waren mit Blumen geziert, alles wirkte aufgeräumt und einladend. Bevor sie mit dem Koffer auf die Pension zuging, schrieb sie Julian:
»Ich bin gut in Steglitz gelandet. Wann sehen wir uns? Liebe Grüße, Mama.«
An der Rezeption begrüßte sie ein netter, älterer Herr mit weißem Hemd und roter Weste.
»Herzlich willkommen, die Dame! Haben Sie ein Zimmer bei uns reserviert?«
Silke dankte ihm und nannte ihren Namen.
»Na, da schau ick mal nach.«
Der Rest ging schnell. Sie unterschrieb, bekam ihren Schlüssel und die kurze Beschreibung zum Zimmer. In dem Haus konnte man sich nicht verirren, alles war übersichtlich und so betrat sie kurz darauf einen gemütlichen Raum, in dem sie also nun einige Tage ihres Lebens verbringen sollte. Links der Zimmertür stand ein großes Bett mit einem Nachtschrank mit einer kleinen Leuchte, gegenüber ein weißer Schreibtisch und eine rote, geschmackvolle Tischlampe. Der anthrazitfarbene Teppich verlieh dem Zimmer heimelige Wärme. Vom Zimmer ging das überschaubare, saubere Bad mit Waschbecken, WC und Badewanne ab. Sie hatte alles richtig gemacht. Erleichtert streifte sie die Schuhe ab, ließ sich auf das Bett fallen und nickte ein.
Wie neugeboren wachte Silke nach einer Stunde auf und sah auf ihr Smartphone.
»Bist du angekommen? Gib mal ein Zeichen. LG, Caro.«
»Hey, Grinserin, alles Paletti? LG Sandra.«
Und:
»Hast du mit deinem kleinen Flitzer alle auf der Autobahn abgehängt? Wie ist die Pension? LG Anett.«
Warum zum Teufel schrieben die Leute »Liebe Grüße« nicht aus? Das waren gerade mal acht Buchstaben mehr! Hatten sie alle keine Zeit mehr für einen anständigen Gruß?
»Bin gut angekommen, Pension ist super. Liebe Grüße, Silke«, schrieb sie an Caro und kopierte die Nachricht, um sie den beiden anderen auch zu schicken. Nur nicht auf »Weiterleiten« gehen. Jeder wollte schließlich nicht einfach nur »weitergeleitet« werden und seine eigenen Worte lesen. Ich rege mich über die Abkürzungen auf und schicke jeder meiner Freundinnen kopierte Worte. Mit schlechtem Gewissen schrieb sie Caro noch hinterher:
»Wenn ich wieder zurück bin, treffen wir uns endlich und machen einen drauf, okay?«
Caro war noch online und prompt kam:
»Klar, Süße, ich will noch viel von dir erfahren und mit dir was erleben!Küsschen, Caro.« Das wollte Silke auch. Sie wollte wissen, welch eine Frau sich hinter Caros Fassade versteckte, und ahnte: Dort schlummerte eine weiche, sensible und trotz allem, was sie erlebt hatte, lebensfrohe Person. Warum war ihr aber so seltsam zumute? Letztens rasselte Caros Atem und sie schickte kaum noch ihre Kuss-, Umarmungs- oder Affen-Smileys. Vielleicht hatte sie nur Stress? Immerhin betrieb sie eine Kneipe. Um ihr schlechtes Gewissen weiter zu bereinigen, schrieb sie an Sandra:
»Was macht Dein Engelchen?«
Auch sie war noch online.
»Mein Engelchen fliegt um mich herum und macht mich völlig verrückt.« Lach-Smiley. Danach ein riesiges pulsierendes Herz.
»Ich bin gespannt, was ich hier erleben werde. Wenn ich wieder zu Hause bin, machen Sandra, Caro, Du und ich einen drauf, verlass Dich drauf!«, schrieb sie Anett hinterher.
»Klar doch. Und verdreh den preußischen Offizieren nicht den Kopf mit Deinem Charme!«, und ein Ganz-dolle-Lach-Smiley flog nach. Witzig.
»Ich will hier keinen Mann finden, sondern meinen Sohn sehen, ihn als Dozent erleben und ein wenig Kunst und Kultur genießen.« Augenroll-Smiley.
»Logisch, was sonst? Tu nicht immer so artig, ich weiß, was in Dir schlummert! Den Rotzbengel Reini hast Du nach Hause geschickt, weil er nach der Brust gesabbert hat!« Zwei Ganz-dolle-Lach-Smileys. Waren die Mädels heute wieder friedfertig!
»Ja, habe ich. Schrecklich, muss ich nicht wieder haben, so etwas.«
»Dafür habe ich gute Neuigkeiten. Ich habe nämlich einen netten Mann kennengelernt, vor einer Woche an der Tankstelle.«
»Wie jetzt, an der Tankstelle? Hast Du den Zapfen nicht gefunden?«
»Sehr witzig, Silke. Nein, mein Tankdeckel ging nicht auf. Die Tankstelle war fast leer, bis ein Transporter ankam. Da stieg ein Traummann aus!« Herz.
»Und? Hast Du ihn gefragt, ob er den Hahn bei Dir einlassen kann?«
Jetzt war Silke dran: Drei Ganz-dolle-Lach-Smileys. Sie hatte von ihren Freundinnen viel gelernt.
»Dumme Pute! Er hat mir geholfen und es hat gleich ›Ding‹ gemacht.«
»Ding? Oder … Ding?«
»Wie bist Du denn heute drauf? Wieder chronisch untervögelt?«
»Kein Wunder! Mein letzter körperlicher Kontakt, obwohl man das nicht unbedingt so bezeichnen kann, fand mit Maschinengewehr-Reini statt und da fühlte ich mich fast schon wie ein Huhn unterm Hahn. Du hast selbst gesagt, was auf mich zugekommen wäre. Wusstest Du, dass der Sex von Hühnern genau so kurz und brachial ist, wie seine zoologische Bezeichnung? Tret-Akt. Hätte nur noch gefehlt, ich hätte Blut und Federn dabei gelassen.«
»Ich kann gleich nicht mehr vor Lachen!« Anett schickte gleich fünf Lach-Smileys.
»Lach nur! Wenn ich ihn hätte machen lassen was er wollte, hätte ich danach zehn Eier gelegt! Die wären aber definitiv verfault gewesen!«
Anett schickte viele Lach-Smileys in unterschiedlicher Ausfertigung. Wahrscheinlich lachte sie gerade dermaßen, dass die Wände wackelten. Silke hörte ihr außergewöhnliches Lachen förmlich, das dem Meckern einer Ziege glich. Nach einer Pause folgte nur noch:
»Du Scherzkeks, dafür liebe ich Dich so. Und weil Du mich gerettet hast. Wird Zeit, dass wir wieder mal die Sau rauslassen. Nur eins versprich mir: Sperre niemanden mehr für mich ein. Okay?«
Upps. Sie wusste also davon. Bestimmt würde Silke bei ihrem nächsten Treffen erfahren, woher.
»Na, hör mal! Hättest Du nicht dieses bekloppte, viel zu enge Kleid und darunter auch noch ein Korsett getragen, wäre es gar nicht erst dazu gekommen!«
»Ist doch gut, war nur Spaß. Außerdem war es ein ›Bauchweg-Gürtel‹, kein Korsett! Hast Du eigentlich schon eine Anzeige von den netten Damen bekommen?«
»Nö. Sollten sie sich auch nicht erlauben, sonst fallen mir noch andere Sachen ein. Caro hat denen die Segel aus dem Wind genommen. Gute Frau!«
»Stimmt, die ist voll in Ordnung. Wenn man bedenkt, wie wir über sie geredet haben …«, erinnerte Anett sie ungünstigerweise.
»Ja, ja, ich weiß doch. Caro ist eine dufte Frau. Ich freue mich, sie bald zu unserem Kreis der klimakterisch akzentuierten Emanzen zu zählen. Ich mag sie sehr.«
»Sie passt zu uns, stimmt. So, Süße, jetzt mache ich mich hübsch für meinen Star-Tankwart.«
»Wie heißt er überhaupt?«
»Er heißt Max und ist siebenundvierzig Jahre alt, arbeitet als Dachdecker, ist total lieb und hat eine traumhafte Figur!«
Angeberin!
»Zieh Dir aber etwas an, das Dir passt! Oder such Dir keinen Dachdecker, sondern einen Schneider.«
Der saß.
»Dumme Kuh«, kam’s zurück. So war es brav.
Zum Abendessen machte sich Silke salonfähig und stiefelte im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren neuen weißen Stiefeletten, einer dunklen Jeans und weißer Bluse in den Gastraum. Schade, er war noch fast leer. Sie bestellte aus der Speisekarte den »Steglitzer Abendtraum«. Um das Ganze abzurunden, nahm sie noch einen trockenen Rotwein dazu.
»Jefällt Ihnen det Zimmer?«, sprach sie jemand von hinten an. Sie erschrak. Es war der ältere Herr von der Rezeption und er strahlte sie an.
»Ja, sehr, es ist überaus gemütlich«, antwortete sie wahrheitsgemäß.
»Det freut mir aber, Fräujlein.«
Mit einer angedeuteten Verbeugung entfernte er sich. Es dauerte nicht lange, da brachte ihm eine Frau in Silkes Alter das bestellte Abendbrot. Sie wusste es! Die Berlinerinnen waren nicht zu verachten. Die Männer im Preußenland brauchten keine Frau aus Sachsen. Ihr blondes, kräftiges langes Haar hatte sie zum Pferdeschwanz gebunden. Ihre schmalen, ebenmäßigen Gesichtszüge wirkten weich, weiblich, und dann diese Figur! Sie wusste sicher, was sie tat, denn sie hatte eine rot-weiße Schürze eng in der Taille zusammengebunden. Beneidenswert schlank, dachte Silke nicht ohne Wehmut. Die Steglitzer Schönheit stellte den Teller und Wein vor ihr ab und hatte das gleiche Lächeln mit entzückenden Grübchen wie der alte Herr.
»Herzlich willkommen bei uns und lassen Sie es sich schmecken. Wenn Sie irgendwelche Probleme oder Fragen haben, kommen Sie jern zu mir oder meinem Vater«, sie deutete in Richtung des alten Herrn, der gerade in der Nähe ein Tischtuch wechselte und fröhlich zu ihnen herüberwinkte, als er ihre Blicke bemerkte. »Das mache ich, danke.«
Beinahe hätte Silke »Det« gesagt. Sie würde dann auch zu den Menschen gehören, die nach einer Woche Aufenthalt in anderen Regionen versuchten, deren Dialekt anzunehmen und dabei schrecklich albern klangen.
Die Schlossstraße hatte ihren Reiz. Inzwischen waren zwar die Geschäfte geschlossen, aber sie wusste: Da würde sie fündig werden; Shoppingcenter, Bekleidungsgeschäfte, Schuhläden, Uhrmacher und Schmuckläden. Ihrer Kreditkarte standen harte Tage bevor. Nach einer Stunde kehrte sie in die Pension zurück und sah auf ihr Handy. Julian:
»Hey, Mama, heute schaffe ich es leider nicht mehr, aber morgen habe ich den ganzen Tag Zeit. Ich hole Dich um zehn Uhr ab, ist das in Ordnung?«
Und wie das in Ordnung war.
»Ja, super, ich freue mich«, antwortete sie, duschte und fiel schnell in einen tiefen Schlaf.
Nach einem kräftigen Frühstück in der Pension wartete sie schon ab neun Uhr aufgeregt in ihrem Zimmer, prüfte ständig ihre Frisur, zog den Lippenstift nach, zog sich die Schuhe an und wieder aus, als würde sie sich auf ein Date vorbereiten. Dann rannte sie zum Badezimmerspiegel und sah lange hinein. Bisher waren ihr Harry und Martina nur im heimischen Spiegel erschienen. Ob sie vielleicht …? Eine Weile stand sie davor, doch sie sah nur sich selbst. Auch Tote haben ihren eigenen Willen, dachte sie und lachte über diesen grotesken Gedanken. Jetzt war kein Raum für Wehmut. Endlich war es fast zehn Uhr. Sie schnappte sich die Handtasche und lief beschwingt die Treppen runter, vorbei an dem älteren Herrn, der sie auf seine erfrischend schnoddrige Weise grüßte, und wartete vor der Pension. Wie gerufen strahlte die Sonne und huldigte mit ihrer letzten Kraft dem Sommer. Kaum ein Lüftchen wehte.
Sie kannte Julians neues Auto nur von Fotos, die er ihr immer wieder mal schickte. Ein Auto sagte auch viel über einen Menschen aus. Sein silberner Mercedes rollte langsam und ohne jegliches Geräusch in ihre Richtung. Hatte dieses Vehikel überhaupt so was wie einen Motor? Und hinter dem Lenkrad, war das ihr Sohn? Wann zum Teufel war er so erwachsen geworden? Und wieso bekam sie davon nicht viel mit? Julian stieg aus und ging ihr lächelnd entgegen. Im ersten Augenblick stutzte Silke. Er schien ihr fremd geworden zu sein. Vor ihr stand ein gestandener Mann mit klugen, wachsamen, fast schwarz funkelnden Augen und buschigen Augenbrauen hinter einer Brille mit schwarzen Rändern. Sein schwarzes Haar war modern kurz geschnitten. Er trug eine dunkle Jeans, ein weißes, perfekt gebügeltes Hemd und ein schwarzes Sommersakko mit Stehkragen und silbernen Knöpfen an den Ärmelenden. Mit seinem Dreitagebart sah er noch älter aus, als er in Wirklichkeit war. Sie schluckte.
»Mama, wie schaust du denn aus der Wäsche? Ich bin es, Julian, dein Sohn, und kein Geist«, witzelte er und brach damit das Eis, das nur durch die räumliche und monatelange Entfernung entstanden war. Als sie seine Stimme hörte, die wie immer klang, entspannte sie sich.
»Ja, klar, mein Kind, du bist nur so – erwachsen!«
Jetzt fehlte nur noch, dass sie zu heulen anfing. Seit wann war sie so schnell aus der Fassung zu bringen? Alte Damen weinten auch immer, sogar bei einer Rosamunde Pilcher-Verfilmung.
»Ja, das kann sein. Ich bin ja auch erwachsen«, konterte er. Schon lagen sie sich in den Armen. Nachdem sie sich gelöst hatten, glänzten Silkes Augen und Julian strich ihr übers Haar.
»Mama, du wirst immer hübscher!«, meinte er und sah sie bewundernd an.
»Hör auf, du Schmeichler!«
»Doch! Glaub mir! Werde nur nicht wieder dünner, die Figur jetzt steht dir ausgezeichnet!«
Du lieber Himmel! Als hätte sie es geahnt, fuhr er mit seinen psychologischen Betrachtungen fort.
»Wirklich! Ab einem gewissen Alter sollten Frauen nicht mehr hungern oder sich ständig Diäten unterwerfen. Es schadet den Hormonen und es macht alt. Psychologisch betrachtet ist es so …«, wollte er weiter ausholen.
»Oh bitte, mein Schatz, verschone mich damit. Ich bin schon ein großes Mädchen«, warf sie ein. Julian grinste.
»Berufskrankheit! Hättest du Lust auf den Alex?«
»Welchen Alex? Kenne ich den?«
»Mama, denkst du denn immer nur an Männer?« Ihr Sohn begann lauthals zu lachen. Immerhin, das hatte sie lange nicht mehr bei ihm gesehen.
»Den Alexanderplatz meinte ich!«
»Ja doch, ich habe es ja schon begriffen. Gern, lass uns fahren.« Sie schickte sich an, die Beifahrertür seines Wagens zu öffnen.
»Vergiss es. Nicht mit dem Auto. Wenn wir in der Nähe des Alex parken, könnten wir uns das Mittagessen nicht mehr leisten. Und wie du weißt, wäre das für mich dramatisch. Wir gehen zur Bahn. Am Rathaus Steglitz können wir mit der S1 direkt bis zum Alex fahren.«
»Ach, stimmt. Wir sind in Berlin. Aber bitte, ich möchte mich mal kurz in dein Auto setzen, ja?«
Galant hielt Julian ihr die Beifahrertür auf. Sie hatte ihn gut erzogen. Als sie im Wagen saß, staunte sie.
»Was für ein Spießerwagen!«, entfuhr es ihr. Er grinste.
»Ich weiß, sag nichts. Mercedesfahrer sollen arrogant, ernst, unsportlich und was weiß ich noch alles sein.«
»So ein Unsinn! Diese Klischees immer! Ich fahre einen Renault. was sind diese Frauen dann?«
»Mama, Frauen werden bei Autos nicht so stark kategorisiert. Sie entscheiden sich häufig für Kleinwagen, weil diese ganz einfach praktischer sind. Für sie ist das Gefühl der Unabhängigkeit primär.«
Es ging schon wieder los. Ich glaube, ich muss meinen Sohn mal ganz unpsychologisch auflockern, dachte sie amüsiert.
»Berlin ist spannend«, meinte Julian, als sie sich neugierig in der S-Bahn umsah.
»Wenn man hier lebt, muss man das wirklich wollen. Für mich war es am Anfang eine enorme Umstellung, wie du weißt.«
Ja, das wusste sie. Als Julian auszog, um sich ohne sie in sein eigenes Leben zu stürzen, hatte sie ihre Zweifel gehabt, ob er mit einem so enormen Wechsel zurechtkommen würde. Von den eher maulfaulen Sachsen zu den aufgeweckten und aufgeschlossenen Berlinern? Ihr introvertierter Julian? Das war für sie kaum vorstellbar. Und nun? Er wohnte in einer Gegend der Gutsituierten und war Doktorand.
Am Alex angekommen, wurde Silke unruhig. Was hier los war! Von Weitem auf den Alexanderplatz blickend, kam er ihr wie ein bunter Ameisenhaufen vor. Aber es waren Menschen; mit verschiedenen Nationalitäten, Menschen in jedem Alter, mit unterschiedlichen Outfits.
»Oh mein Gott! Was ist denn da los?«, rief sie aus.
»Nun ja, wenn ich mich recht entsinne, passieren täglich etwa dreihunderttausend Menschen den Alexanderplatz. Das ist Berlin, das ist eben echtes Leben, Mama.«
Wie wahr! Und wie das Leben war! Silke war überwältigt. Diesen Anblick musste sie erst mal sacken lassen. An der Weltzeituhr blieb sie stehen, um all das in sich aufzunehmen, es sollte sie durchdringen und in ihr bleiben. Neben ihr schien ein Mann um die dreißig auf jemanden oder etwas zu warten. Er sah ständig auf die Uhr, als ob sich innerhalb von Sekunden etwas Entscheidendes an der Zeit ändern würde. Dabei räusperte er sich nervös, trat von einem Bein auf das andere und strich sich über sein blondes, sehr kurzes Haar, als ob er diese Frisur noch richten müsse, die nicht mal ein Sturm durcheinandergebracht hätte. Julian stand ruhig neben seiner Mutter und gab ihr Zeit, alles zu betrachten. Spannend wurde es für sie, als eine junge Frau, ungefähr in Julians Alter, auf den Wartenden zukam. Am auffälligsten war ihr langes, glänzend kohlrabenschwarzes Haar und die zierliche Gestalt mit der Statur einer Zwölfjährigen. Silke tat so, als würde sie nicht hinsehen, beobachtete aber alles genau aus den Augenwinkeln.
»Hallo, bist du Patrick?«, und sie lächelte ihn so lieblich an, dass es selbst den härtesten Kerl aufgeweicht hätte.
»Ja, der bin ich. Und du bist Kate?« Sie nickte, ging noch einen kleinen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. Sie musste sich dabei auf die Zehenspitzen stellen und noch strecken, so klein war sie. Nachdem sie sich gelöst hatten, grinste Julian seine Mutter von der Seite an und räusperte sich.
»Tja, Mama, das ist ein beliebter Treffpunkt, auch für potenzielle Liebespärchen. Du musst allerdings mit deinem Sohn vorliebnehmen.«
Das sagte er etwas zu laut, denn Patrick drehte sich zur Seite und strahlte sie an.
»Eine gute Wahl, halt sie fest«, flüsterte Silke ihm augenzwinkernd verschwörerisch zu und er nickte eifrig. Das war der Vorteil des Älterwerdens. Mamas durften so was, fand sie. Sie durften Ratschläge erteilen, auch wenn andere sie nicht hören wollten, und meistens wurden sie dafür nicht mal kritisiert. Außer von den eigenen Kindern.
»Komm jetzt, du Spannerin, wir wollen los. Wenn du weiter hier rumstehst und gute Ratschläge erteilst, ist bald Mittagszeit.«
Essen und Julian. Julian und Essen. Das gehörte unzertrennlich zusammen.
»Okay, ich komme ja schon. Es ist nur alles so fesselnd. Auf unserem Dörfchen zu Hause sehe ich Harry und sein Herrchen, die Schröders und auf der Arbeit sind es auch immer dieselben Gestalten.«
»Jaja, ich lass dich ja, du Provinzlerin. Aber wir wollen doch noch mehr sehen, oder?«
Sie brauchten nicht weit zu gehen, schon standen sie vor einem großen Springbrunnen, der schräg gegenüber der Weltzeituhr sprudelte. Wahrscheinlich war kein einziger Zentimeter mehr auf dem Rand des Brunnens ungenutzt. Einige Kinder tanzten um ihn herum. Viele aßen oder tranken, quatschten oder kuschelten sich aneinander.
»Da ist kein Platz mehr für uns. Wollen wir zum Fernsehturm?«
»Ja, gut.«
In ihrem Magen grummelte es. Dort angekommen, besah sich Silke den imposanten Turm.
»Weißt du, wie hoch der ist?«
Sie glaubte, Julian würde die Angst in ihrer Stimme hören, aber er war wahrscheinlich stolz, sein Wissen zum Besten zu geben.
»Er ist mit knapp dreihundertsiebzig Metern das höchste Bauwerk in Deutschland und damit der vierthöchste Fernsehturm Europas. Wir können zur Bar hochfahren.«
»Ja.«
»Mama, hast du Angst? Musst du nicht, die Bar befindet sich bei zweihundertdrei Metern, bis ganz hoch brauchst du nicht«, lachte er.
»Ist da nicht dieses Drehrestaurant?«
»Genau, und das solltest du schon genießen. Also, komm.«
Er nahm seine Mutter am Arm und führte sie in das Eingangsareal. Sie kauften Karten und begaben sich zum Fahrstuhl, der sich bald in Bewegung setzte, sobald er voll war. Dicht an dicht stand Silke mit einem älteren Pärchen. Das Parfum der Frau erinnerte sie an … Ja woran? Ihr Herz raste, sie lenkte sich ab. Woher kannte sie nur den Duft? Oma Hilde. Genau. 4711. Ihre Großmutter hatte es getragen. Nicht gerade ihre Duftnote, aber die Erinnerung war schön. Sie hatte leider nicht mehr viel von ihr gehabt; Oma war gestorben, als Silke sieben Jahre alt gewesen war. Aber der Geruch, der sie lange nach ihrem Tod an Insektenvernichtungsmittel erinnerte, blieb Oma Hildes Vermächtnis. Der Fahrstuhl ruckelte nicht, er fuhr einfach nur nach oben. In Silkes Kopf begann es sich zu drehen. Das konnte auch die Erinnerung an Oma Hilde nicht mehr verhindern.
»Mama, du bist blass. Ist dir nicht gut?«, fragte Julian besorgt.
»Nein, alles gut, alles in bester Ordnung, mein Schatz«, piepste sie.
»Wir sind gleich da.«
Ungläubig sah Julian seine Mutter an. Endlich geschafft! Der Fahrstuhl hielt. Überglücklich, im Restaurant angekommen zu sein, fanden sie sogar zwei Plätze. Kaum hatten sie sich dankbar gesetzt, in der Hoffnung, jetzt einen guten Kaffee und ein Wasser bestellen zu können, sah sie kurz nach unten. Alles um sie herum begann sich zu bewegen. Glaubte sie.
»Bewegt sich das gerade?« Ihre Stimme klang heiser. Das durfte doch nicht … Sie hielt sich den Bauch und fühlte Schweiß auf ihrer Stirn.
»Ja, es geht gerade los, es dreht sich, sieh nur«, rief Julian aufgeregt.
»Ich war selbst lange nicht mehr hier. Es ist immer wieder eindrucksvoll!«
In diesem Moment sah er zu seiner Mutter.
»Um Gottes willen! Was ist mit dir?«
Kreideweiß im Gesicht und die Stirn voller Schweißperlen, krallte sie sich an der Tischkante fest und blickte starr geradeaus. Ihr lag in zweihundertdrei Metern Höhe und mit atemberaubenden dreihundertsechzig Grad immerhin die Hauptstadt zu Füßen! Und ihr wurde schlecht?!
»Warum habe ich mich bloß darauf eingelassen?«, stöhnte sie leise. Ihr Magen krampfte sich zusammen.
»Mama?«
Silke konnte ihren Sohn kaum noch hören. Am Nebentisch stand ein Mann auf und kam auf sie zu.
»Ich bin Arzt, kann ich helfen?«
»Ja, ich glaube, meiner Mutter geht es nicht gut.«
»Ist sie krank? Ich meine, hat sie eine chronische Erkrankung, Herz, Kreislauf, Diabetes oder anderes?«
Julian schüttelte mit inzwischen fleckig gerötetem Gesicht den Kopf.
»Ich glaube, dann kenne ich das Problem«, meinte der ältere Herr und nickte ihm freundlich zu.
»Wie heißt Ihre Mutter?«
»Silke.«
Wie eine Statue saß sie da, bewegte sich nicht mehr und schien nicht mehr anwesend zu sein.
»Silke?«
Der Mann sprach leise. Mit schweißnassen Händen drückte sie nun auf ihrer Handtasche herum. Er nahm ihre Hand, die er nur mühsam von der Tasche lösen konnte und fühlte den Puls.
»Der Puls ist sehr hoch. Sie hat eine Panikattacke. Wussten Sie, dass sie Höhenangst hat?«
Mit weit aufgerissenen Augen sah Julian den Mann an.
»Niemals! Ich bin schließlich ihr Sohn, das müsste ich doch wissen! Sie ist mit mir früher immer in die Höhe gefahren oder gegangen, sie konnte nicht genug davon bekommen.«
»Ja, das glaube ich Ihnen. So was kann auch später eintreten. Hat sie Ihnen nichts gesagt, bevor Sie hierhergekommen sind?«
»Nein, hat sie nicht.«
»Silke?«, sprach der Mann wieder leise und nahm ihre kalte Hand.
»Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie sind in Sicherheit. Alles ist gut. Schauen Sie, hier ist Ihr Sohn, hier bin ich und ich bin Arzt. Ihnen passiert nichts. Sie sind in Sicherheit.«
Jetzt bewegte sie ihren Kopf, rang nach Luft, hechelte dann und drückte seine Hand fest.
»Atmen Sie ganz ruhig!«, forderte sie der Arzt mit einer angenehm tiefen, sanften Stimme auf. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Silke ruhiger atmete, strich er vorsichtig über ihren Arm.
»Kommen Sie, wir gehen, ja? Ihr Sohn und ich schaffen Sie jetzt hier weg und Sie atmen weiter tief ein und aus.«
Julian griff nach ihrer Handtasche. Silke ließ sich von dem Arzt wie eine Puppe aufstellen und ging neben ihm, als wäre sie blind.
»Sie müssen wieder mit dem Fahrstuhl runter, das nützt nichts«, flüsterte der Arzt Julian zu.
»Reden Sie beruhigend auf sie ein und halten Sie Ihre Mutter fest. Sie wissen schon …«, riet der Arzt.
»Ich weiß, ich bin Psychologe«, entgegnete Julian deutlich angespannt und sah zu seiner Mutter, deren Gesichtsfarbe sich wieder ein klein wenig rötete.
»Ah ja, das ist ja wunderbar. Da kann ja nichts mehr schiefgehen.«
Der Arzt lächelte.
»Danke für Ihre Hilfe.«
Julian nahm seine Mutter am Arm und stieg mit ihr in den Fahrstuhl. Als der anfuhr, wurde sie wieder blasser und abwesend. Vor dem Fernsehturm führte er sie zu einer Bank. Nur langsam wich die Anspannung aus ihrem Gesicht und machte zehn Minuten später Erleichterung Platz.
»Danke«, flüsterte Silke mit rauer Stimme. Die Farbe kehrte wieder in ihr Gesicht zurück.
»Warum hast du mir davon nichts erzählt? Ich wäre niemals mit dir hochgefahren, Mama. Aber ich hätte es merken müssen, du warst schon vorher seltsam. Bitte entschuldige.«
In seiner Stimme schwang neben Traurigkeit auch die Enttäuschung über sich selbst mit. Durfte einem Psychologen so etwas passieren, bei der eigenen Mutter die Warnsignale einer Phobie nicht wahrzunehmen?
»Ich wusste es nicht. Ich wusste schon, dass mir Höhe seit zwei Jahren zu schaffen macht. Aber nicht so … Mach dir nur keine Gedanken, du kannst nichts dafür!«
»Gibt es noch mehr Auffälligkeiten?«
Sie sah ihn entsetzt an.
»Was? Meinst du, dass ich einen an der Waffel habe?«
»Nein, ob du neben der Höhenangst auch in engen Räumen Probleme hast oder anderes.«
Silke schluckte schwer, denn es war ihr aufgefallen, doch sie hatte es verdrängt.
»Ja, ich fühle mich schnell eingesperrt, halte Enge kaum aus. Das Schlimme daran ist, sich ausgeliefert zu fühlen, wie zum Beispiel in einem Tunnel oder in Fahrstühlen.«
»Mama, wie der Arzt vorhin auch erwähnte, das kann vorkommen, wenn man älter wird.«
Sie hatte nichts davon registriert, was der Arzt gesagt hatte.
»Du musst gegen diese Angst etwas tun. Schließlich bist du noch jung, kannst dir noch so viel ansehen. So wie dir geht es vielen. Frauen leiden darunter doppelt so häufig wie Männer. Wenn du dich jedes Mal scheust, irgendwo in die Höhe zu fahren, versäumst du viel Schönes. Die Welt von oben zu betrachten vermittelt ein großartiges Gefühl der Freiheit. Und genau das passt zu dir, Freiheit. Vielleicht könntest du eine Konfrontationstherapie machen, mit einem Psychologen? Dahinter steht das Prinzip, dass man durch die Angst hindurchgehen muss. Auch Entspannungstechniken wie Atemübungen können hilfreich sein.«
»Um Himmels willen, Julian, ja. Aber jetzt nicht. Ich möchte nur noch paar Minuten sitzen bleiben, zur Besinnung kommen und dann mit dir weiter die Gegend unsicher machen, okay?«
»Okay«, resignierte Julian. Es hatte keinen Sinn. Er kannte seine Mutter; sie hatte ihren eigenen Willen und den setzte sie für gewöhnlich durch.
Nach einigen Minuten spazierten sie Richtung Berliner Schloss, als wäre nichts geschehen. Vor dem ehemaligen Palast der Republik stand ein Brunnen mit einem faszinierenden Wasserspiel. Es war noch warm genug und Kinder sprangen fröhlich durch die Fontänen.
»Alexanderplatz, das ist Leben«, sinnierte sie und strahlte ihren Sohn an.
»Oh ja, hier hat man immer das Gefühl, das Leben ist ein Fest oder ein Markt.«
Silke sah einen Currywurst-Stand.
»Ich habe Hunger, lass uns was essen. Und ich muss unbedingt so eine Currywurst haben, die schmeckt nur hier.«
»Gute Idee! Wir können ja später noch mal was Richtiges essen?«
Silke lachte laut.
»Für mich ist das was Richtiges, aber ich weiß schon …«, neckte sie ihn, »du Fresssack!«
Der Tag verging schneller, als ihr lieb war. Sie ging noch shoppen und erstand rot-schwarz gemusterte Traumschuhe, zwei bezaubernde Röcke, eine flotte Hose und eine grüne Lederjacke. Die Läden waren brechend voll. Sie staunte, dass ihr sogar das Einkaufen Spaß machte. Hier war eben alles anders. Später sahen sie sich das bezaubernde Nikolaiviertel an und sie nahm sich vor, ein anderes Mal auch eine Brückenfahrt zu machen, wenn das Wetter es erlaubte. Die Panikattacke hatte ihr zugesetzt, obwohl sie es sich selbst nicht gern eingestehen wollte.
»Ich bin noch paar Tage da, Julian. Für heute ist es genug.«
»Ja, das sehe ich auch so. Du siehst abgekämpft aus. Lass uns zurückfahren.«
»Wir könnten in der Pension was ›Richtiges‹ essen. Was meinst du?«
»Was haben die denn da so?«
Das war klar. Julian ließ sich nicht mit oberflächlichen Informationen hinsichtlich potenzieller kulinarischer Genüsse abspeisen.
»Die haben auch Schnitzel«, grinste Silke ihn an.
»Ey, du bist gemein! Aber so bist du mir lieber als heute im Fernsehturm.«
In Steglitz angekommen, war der Tag dabei, sich langsam zu verabschieden. Wie ein Gemälde wirkte die Pension, die in warmes Abendsonnenlicht getaucht wurde. Verglichen mit der regen Lebendigkeit am Alex war es hier auffällig still. Einige Gäste rauchten vor der Pension, unterhielten sich und grüßten freundlich.
»Ein schöner Tag war das heute, das Wetter spielt mit!«, rief ihr die Frau mit kölschem Dialekt zu. Das war jetzt etwas, was sie brauchte. Unterhaltungen über das Wetter, Normalität und – Boden unter den Füßen.
»Morgen muss ich leider den ganzen Tag arbeiten. Aber wir könnten uns am Abend sehen, wenn du magst«, schlug Julian vor, nachdem er Schnitzel und Pommes gierig verschlungen hatte.
»Ja, gern. Ich würde gern tanzen gehen«, schlug sie zu ih-rem eigenen Erstaunen vor. Reini hätte sich gefreut, hahaha.
»Tanzen?«
Verdutzt sah er seine Mutter an.
»Ja, warum nicht? Ich habe gehört, dass in Berlin Mitte ein richtig schönes Tanzhaus sein soll, sehr traditionell: ›Clärchens Ballhaus‹.«
»Ja, ich weiß. Aber das ist geschlossen, der Besitzer hat gewechselt und es muss erst saniert werden. Sag mal, du bist lange nicht mehr tanzen gewesen. Ich dachte, du magst das nicht?«
»Mir geht es auch nicht unbedingt ums Tanzen, sondern um die Atmosphäre dort.«
»Okay, dann schaue ich mal, wo Tanzveranstaltungen stattfinden, ich glaube, ich erinnere mich, etwas über eine gute Location gehört zu haben und sage dir Bescheid, wenn ich zu Hause bin, ja?«
Die Berliner Schöne kam an den Tisch und strengte sich besonders an.
»Darf ick euch noch wat bringen?«
Ihre Augen waren auf Julian gerichtet. Du bist schön, aber leider schon ein altes Mädchen, dachte Silke amüsiert und beobachtete das Gebaren der Frau weiter. Julian war wie immer.
»Ja, gern, ich würde noch einen Espresso vertragen. Du auch, Mama?«
»Ja, eine gute Idee.«
Die Berlinerin versuchte sich im Flirt mit Julian.
»Jern, jeht gleich los«, zwitscherte sie wie ein junges Vögelchen und wippte davon. Silke schüttelte den Kopf.
»Was ist los?« Julian hob die Augenbrauen nach oben und sah seine Mutter an.
»Hast du das nicht gemerkt?«
»Was denn?«
War ihr Sohn immun gegen die Signale einer Frau?
»Na, die Kellnerin baggert – sie baggert dich an.«
Er zuckte mit den Schultern, es interessierte ihn nicht. Ob er mit dieser Haltung mal eine Freundin fand? Sie wagte es nie, ihn danach zu fragen. Nachdem sie bei der feschen Berlinerin gezahlt und sich voneinander verabschiedet hatten, freute sich Silke auf eine heiße Dusche und ihr Bett. Sie brauchte lange, ehe sie einschlafen konnte. Viele Gedanken spukten ihr im Kopf herum und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Kam es ihr nur so vor, oder wurde das Verhältnis zwischen ihr und Julian in den letzten Jahren distanzierter, je weniger sie sich sahen? Er erzählte ihr kaum etwas, wenn sie getrennt waren, und auch sie berichtete ihm viel weniger aus ihrem Leben, als es ihr lieb war. Wie weit ließ man einer Mutter Einblicke in das eigene, erwachsene Leben gewähren und wie weit seine Kinder? Seit Harrys Tod schien auch der lebendige und fröhliche Teil Julians mit ins Grab seines Vaters gegangen zu sein. Daran hatten die Sitzungen beim Kinderpsychologen nichts geändert. Julian blieb verschlossen. Er lernte viel, trieb Sport, er hatte Freunde. Sein Leben wirkte jedoch immer etwas konstruiert, als ob er es so lebte, weil er dachte, es müsse so sein. Julian konnte man emotional kaum »greifen«. Auf seinem Gesicht lag ein merkwürdiger Schatten; sein Schmerz. Wie sehr hätte sich Silke jetzt ihre liebe Frau Schröder hergewünscht, die immer die richtigen Worte für sie hatte. Sie würde ihr vielleicht jetzt eine Geschichte erzählen und Silke mit ihrem beruhigend mütterlichen Lächeln besänftigen.
»In Ihnen steckt noch ein wenig das kleine Mädchen. Sie hatten sicher mal Zöpfe.«
Das hatte Frau Schröder zwei Monate zuvor gesagt, als sie Silke geholfen hatte, ein paar neue Samen im Beet zu setzen.
»Das kann möglich sein«, hatte sie geantwortet. »Und Zöpfe hatte ich tatsächlich. Steckt nicht in uns allen ein bisschen vom ›inneren Kind‹?«
Frau Schröder hatte ihre Gartenarbeit unterbrochen und sie eindringlich angesehen.
»Sie wissen es doch: Manchmal müssen wir unser inneres Kind an die Hand nehmen, es trösten, liebkosen, ihm gut zureden und ihm Hoffnung geben. Glauben Sie nicht, ich müsste das nicht auch manchmal tun, gerade wenn ich an meine Eltern denke und wie sie in den Bomben umkamen, als ich gerade bei meiner Tante war? Das hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt. Ich brauchte immer wieder neu Trost, Zuspruch und Gespräche mit dem Mädchen von damals.«
Und dann hatte sie sich die Hände gewaschen und gemeint:
»Ich komme gleich wieder.« Als sie zurückgekehrt war, hielt sie ihr kleines Büchlein in der Hand.
»Setzen wir uns in den Schatten, Silke.«
Dort hatte sie ihre Hand genommen, das Buch aufgeschlagen und zu lesen begonnen:
Sophia – Die Geschichte der guten Einsamkeit
Sophia erwachte, als der Morgen die Dunkelheit der Nacht ablöste. Sanftes Licht kitzelte durch die Vorhänge. Sie blinzelte. Neben Sophia lag ihr Krokodil aus Plüsch. »Guten Morgen«, flüsterte sie und nahm es in den Arm. Ob es richtig war, diesen infantilen Bedürfnissen nachzugehen? Das Bett neben ihr war kalt und leer. Er war gegangen. War er jemals wirklich da gewesen?
Sophias Körper glühte nicht. Ihre Haut fühlte sich kalt an, schal. Sie sah langsam und beinahe ängstlich an sich herab. Hatte ihre Haut nicht bereits einen grauen Schimmer angenommen; die Spuren fehlender Zärtlichkeit und des Alters? Es war doch noch gar nicht so lange her, dass sie den Schmetterlingen hinterhergelaufen war und so lange in die Grashalme gepustet hatte, bis ihr die Luft weggeblieben war. Unbeschwert war sie über Pflastersteine gehüpft, hatte ihrer eigensinnigen Großmutter gebannt zugehört und sich über schlechte Zensuren geärgert.
Was hatte ihr die Zeit angetan? Aber, war sie ihr etwas schuldig?
Die Sonne streichelte ihre Haut, kitzelte sie behutsam und ein wenig neckend an der zierlichen Nase. Sophia stand behäbig auf, ging zum Spiegel, berührte die stummen Zeugen der Bitterkeit, die ihren Mund umgaben. Dunkel schimmernde Ringe unter ihren Augen, die sie seit einem halben Jahr jeden Morgen ertragen musste, waren Indizien für die täglich quälende Ermüdung. Sophias Augen waren matt, trübe und leblos. Sie suchte den alten Glanz, das Leben darin. »Hör auf!«, brüllte sie ihr Spiegelbild an.
Und dann schrie sie haltlos. Sonst war sie nie laut gewesen; sie konnte nicht wütend sein, anderen nicht zeigen, wenn sie verletzt wurde. Erschöpft von ihrem Gefühlsausbruch kauerte sie sich hin, schlang die Arme um ihre Beine und schaukelte ihren Körper beruhigend hin und her. Sie fühlte sich, als säße sie inmitten einer Ruine. Kalte Wände ließen ihren Körper erschauern; sie sahen trist und grau, voller Hass auf sie herab. Sophia fühlte sich allein. Dann vergingen einige Minuten, in denen sie nichts spürte. Sie wrang ihren Schmerz nicht aus, dachte nicht, sondern pendelte nur ihren Körper wie in einer friedlichen Melodie. So hatte ihre Mutter sie einst gewiegt, wenn Sophia geweint hatte. Das war zu einer Zeit gewesen, als ihre Zöpfe noch im Wind sprangen, wenn sie mit den anderen Kindern um die Häuser gelaufen war und Verstecken gespielt hatte.
Endlich kehrte Ruhe in Sophia ein; jene Ruhe, die sie in ihre eigene Welt dringen ließ, welche sie liebevoll lähmte. Sie mochte jetzt nicht aufhören zu träumen.
Was hielt sie an? Die Zeit? Das Leben? Ihr Sein?
Mit einem Ruck sprang sie auf und hüllte sich in einen hellen Kuschelbademantel, der mit ihrer Porzellanhaut zu verschmelzen schien. Der Kaffee dampfte vor sich hin. Das Ticken der Küchenuhr machte ihr bewusst, dass sie wach war.
Ihr sicherer Hafen war die Wohnung. Sehr bewusst hatte sie die Farben gelb und orange als Wandfarben gewählt, um sich mit Frische und Lebendigkeit zu umgeben. Meine Wohnung ist lebendiger als ich, dachte sie, als sie sich später im Schlafzimmer wie jeden Tag prüfend vor dem Spiegel betrachtete. Noch fand sie sich hübsch. Lange dunkelblonde Haare fielen weich über ihre Schultern, schmeichelten ihrem Hals, ihrem Gesicht. Seit einigen Jahren war die Hüfte breiter geworden, die Brüste größer.
Ihr Gesicht dagegen wurde härter, schmaler. Diese ungeliebten Augenringe zeichneten sich deutlich ab. Es waren Fragmente der Zeit, des vergangenen Leides; es waren Spuren eines Lebens, welches zu schnell verging. Kaum hatte sie bemerkt, wie eilig es das Leben zu haben schien, als wolle es sich davonstehlen.
Heute jedoch war ein besonderer Tag, so wunderbar trist und einsam. Die Räume ihrer Zufluchtsstätte wurden weit; Sophia atmete und weinte darin, lachte und sie wuchs über sich hinaus. Sie wollte bei sich bleiben.
Leise, und doch seltsam eindringlich, hörte sie Musik, die eindrucksvollen Klänge der Sehnsüchte und der Freude. Ihre Arme begannen, sich nach oben zu bewegen. Sie glitt mit ihren Händen durch ihr langes Haar, berührte ihre Wangen, ihren Mund, ihre Augen und sang. Ihre Stimme hatte einen sanften Klang. Sie kniete sich auf den Boden, ihr Rücken wölbte sich wie der einer Katze, die auf dem Sprung war. Sie weinte und lachte, fühlte sich selbst und glaubte, sie sei verrückt.
Endlich wartete sie auf nichts mehr. In diesem Moment war sie nur sie selbst. Erschöpft stand sie auf. Ihre Bewegungen waren langsam, als sie lächelnd den Kühlschrank öffnete und einen erfrischenden Schluck Wasser trank. Es rann an ihrem Kinn zu ihrem Hals und hinab zwischen ihre Brüste. Die Kühle erschreckte Sophia zunächst. Dann aber warf sie spontan den Bademantel von sich und begann nackt zu tanzen. Das Haar schlang sich wild um ihren Körper, ihre Brüste bebten nach der unliebsamen Enthaltsamkeit, tanzten Freiheit und die Berührung mit dem Leben.
Ihr fiel das lilafarbene Lieblingskleid ein, das sie schon zwei Jahrzehnte lang besaß und nur zu besonderen Anlässen getragen hatte.
Sie kramte es hektisch aus ihrem Schrank, streifte es sich fast dramatisch über den Kopf, bürstete ihr Haar in derselben Geschwindigkeit und schloss die Wohnungstür hinter sich zu. Es dämmerte schon ein wenig und die Sonne glitt wie eine liebevolle Gefährtin durch die Wolken.
Sophia lief in den Wald zu ihren Lieblingsbäumen, die mit ihr gewachsen waren, seit sie Zöpfe getragen hatte. Sie streckte sich neben ihnen aus wie auf einem seidenen Kissen. Ein Gefühl der Vergänglichkeit, der Freiheit, der Wandelbarkeit überkam sie. Erst dann lief sie weiter, auf dem Weg der guten Einsamkeit.
Frau Schröder hatte ihr sanft über den Kopf gestreichelt.
»Sie machen alles nach Ihrem Rhythmus – es ist Ihr Leben, es sind Ihre Gefühle, als kleines Mädchen oder als erwachsene Frau.«
Nach einer ruhigen und traumlosen Nacht sah Silke aus dem Fenster des Pensionszimmers. Der Regen trommelte ans Fensterglas, auf den Straßen sammelte er sich in großen Pfützen. Am Himmel jagte eine düstere Wolke die nächste. Ein Tag zum Lesen und Ausspannen also. Beim Frühstück in der Pension langten alle mit gutem Hunger am Büfett zu, denn bereits um halb neun Uhr war der Joghurt alle. Die blonde Schönheit war pfiffig und schnell wurde aufgefüllt. Als Silke ihren Kaffee schlürfte, kam sie an ihren Tisch.
»Det war jestern ihr Sohn?«
»Ja«, antwortete Silke.
»Ein janz Hübscher, aber det weiß er sicher.«
Und bei diesem Satz streckte sie ihren Busen demonstrativ raus, als ob Julian noch da wäre. Silke nickte, lächelte gezwungen und kaute an ihrem Brötchen. Neben ihrem Tisch saß ein Ehepaar in ihrem Alter, das sich in einem unschönen Dialog befand. Silke bemühte sich, den Streit möglichst zu überhören, was angesichts der Lautstärke schwierig war. Ob sie sich an einen anderen Tisch setzen sollte? Da schwang so viel aufgestauter Frust aus den Wortfetzen der beiden mit, dass sie sich der bedrückenden Stimmung kaum entziehen konnte. Vor allem störte das laute Gekeife. Kein schöner Tagesbeginn.
»Also wirklich, du bist faul, einfach nur faul«, lamentierte die Frau aus der Sparte »Blumenkohlfrisur« und ihre Wangen zitterten seltsam beim Sprechen.
»Warum denn? Es regnet heute. Da fahre ich nicht nach Berlin rein, um durch Pfützen zu laufen und nichts davon zu haben. Am Ende hole ich mir wieder eine Erkältung. Und dann?«
Die tiefe Stimme des Mannes klang danach, dass er gelernt hatte, sich zu wehren.
»Du hast immer eine Ausrede: zu warm, zu kalt, zu viel Regen, zu weit … Warum sind wir dann überhaupt in den Kurzurlaub gefahren? Da hätten wir auch zu Hause bleiben können!«, warf die Dame ihm mit vollem Mund vor und verschluckte sich. Der wohlerzogene Gatte klopfte ihr hilfreich auf den Rücken. Nachdem der Husten nachgelassen hatte, blieb er noch immer ruhig.
»Weil ich zu Hause von einem Meeting zum nächsten haste, weil ich teilweise sechzehn Stunden täglich arbeite, weil ich auch Mitte fünfzig und kein junger Hüpfer mehr bin; weil ich mich endlich mal nach Ruhe und Erholung sehne und nicht ein Highlight nach dem nächsten brauche, auf Teufel komm raus, verdammt noch mal!«
Im letzten Teil seiner Ansprache wurde seine Stimme leiser, wirkte fast drohend.
»Und ich arbeite nicht?«, schmetterte die Ehefrau ihm entgegen.
»Du arbeitest seit fünfundzwanzig Jahren zwanzig Stunden in der Woche. Den Rest verbringst du in Frisör- und Nagelstudios. Allerdings frage ich oft nach dem Erfolg dieser Ausflüge!«
Der saß. Silke musste nach unten sehen, denn ihr entfloh ein glucksender Ton. Die Situation war zu komisch, aber auch traurig. Was sollte sie nur tun? Sie versuchte, sich einzig und allein auf das Bestreichen der nächsten Brötchenhälfte zu konzentrieren. Kurz blickte sie auf und sah, wie der Herr ihr zuzwinkerte. Seine Gattin befand sich hochroten Kopfes im Vorstadium eines Wutanfalls. Silke überlegte jetzt ernsthaft, sich umzusetzen. Die Frau presste die Lippen aneinander und zischte:
»Dann suche dir doch was Besseres! Denkst du, ich hätte nicht gesehen, wie du der Möchtegernpocahontas zugezwinkert hast? Ha! Du glaubst sowieso, ich wäre blöd, oder? Wie lange vögelst du denn schon deine Assistentin, hm?«
Autsch. Ich bleibe doch lieber single, dachte Silke. Sie schlürfte hingebungsvoll ihren Kaffee weiter und begann, sich ihrer Müslischüssel zu widmen.
»Was ist mit dir nicht in Ordnung? Das frage ich mich allerdings schon länger«, warf der Herr seiner Frau hin.
»Nein, was mit dir nicht in Ordnung ist, das ist die Frage!«
Ein seltsamer Dialog.
»Ich habe dir eine Frage gestellt, die du beantworten solltest.«
»Doch nicht hier, im Frühstücksraum. Wir klären das im Zimmer.«
»Warum? Jetzt ist offenbar der Moment der Wahrheit gekommen!«
Ihre Stimme wurde immer schriller.
»Weil uns Gott und die Welt zuhört. Willst du uns zum Narren machen?«, fauchte er sie an. Daraufhin schwieg sie und sah sich endlich um. Auf der linken Seite ihres Tisches frühstückten gerade zwei junge Männer, gegenüber ein altes Ehepaar. Betroffen sahen sie alle zu ihnen. Die Berliner Schöne stand mit offenem Mund am Tresen. War das ein Bild! Wie in einem Stummfilm, den man auf »Pause« gedrückt hatte. Das reichte der Frau als Beweis, dass sie diesen Dialog im Zimmer weiterführen sollten. Die Streithähne standen wortlos auf und verließen den Raum. Dabei konnte sich die aufgebrachte Frau nicht verkneifen, Silke einen bösen Blick zuzuwerfen. Nach und nach hörte man von den anderen Tischen wieder Geräusche, Klappern von Geschirr, Wortfetzen und vor allem Kichern. Was für ein Start in den Tag!
Sie entschloss sich trotz Regens zu einem Verdauungsspaziergang. Gut, dass sie auch Praktisches in den Koffer gepackt hatte. Mit flachen Stiefeletten und einer Regenjacke bekleidet lief sie in Richtung der bekanntesten und beliebtesten Einkaufsstraße in Steglitz. Sandra hatte ihr von der zweitwichtigsten Einkaufsmeile Berlins, der Schlossstraße, vorgeschwärmt. Also wäre ein solcher Sauwettertag genau richtig dafür. Sie musste nicht weit gehen und schon beim ersten Anblick war sie überwältigt. Auch andere ließen es sich trotz des schlechten Wetters nicht nehmen, hier zu flanieren; ein Geschäft neben dem anderen.
Sie lief am »Turmrestaurant Bierpinsel« vorbei, das nicht mehr betrieben wurde, dann am Lichtspieltheater »Titania-Palast«, in dem jetzt ein modernes Multiplex-Kino sowie mehrere Geschäfte untergebracht waren. Letztendlich endete sie in einem Kaufhaus. Mit zwei Taschen bepackt kehrte sie zufrieden zurück. Als sie in der Pension die Treppe in die erste Etage zu ihrem Zimmer hinaufging, hörte sie, wie hinter ihr die Pensionstür geöffnet wurde. Auf der Treppe überholte sie ausgerechnet der Blumenkohl, dem die Röschen eingefallen waren. Die Dame hat doch nicht etwa ihre Wut im Regen verrauchen lassen? Als sie drei Stufen über ihr stand und damit Silkes Körpergröße übertraf, sah sie abfällig auf die vermeintliche Konkurrentin.
»Na, shoppen gewesen?«, schleuderte die Frau ihr schnippisch entgegen. Silke lächelte die Dame nur liebreizend an und ging ruhig die Treppe nach oben, um in ihr Zimmer zu gelangen. Die Frau schien frustriert zu sein, das wollte sie ihr nicht übel nehmen.
Im Zimmer duschte sie lange und so heiß wie möglich. Ihr war kalt geworden. Und jetzt Zeit für einen Freundinnenplausch. Mal sehen, wer dafür gerade ansprechbar ist. Vergnügt tippte sie:
»Hey, Caro, bin nun schon den zweiten Tag hier. Heute regnet es in Strömen, da mache ich einen Ruhigen. Wie sieht es bei dir so aus?«
»Hey, Sandra, heute war Shoppen dran. Was soll man sonst machen bei dem Sauwetter? Alles okay bei dir?«
Sandra schien wirklich auf ihrem Smartphone zu sitzen, damit sie dessen Vibrieren körperlich spürte.
»Hey, Mausi, was, du? Da warst du ja schon zwei Mal shoppen? Ich glaube es nicht! Du wirst dich noch für Shopping-Queen bei VOX anmelden.« Zwinker-Smiley, Lach-Smiley.
»Ha, ha, never! Mich bekommt niemand in so eine Frauenverdummungssendung und wage es ja nicht, mich irgendwo ungefragt anzumelden!« Zwinker-Smiley.
»Auch nicht in Sendungen wie ›Ein Tisch für zwei‹?« Zungenrausstreck-Smiley.
»Ich würde Dich umbringen!« Wütend-Smiley.
»Weiß ich doch. Und da ich noch bisschen leben will, lass ich es. Sonst noch was?« Kuss-Smiley.
»Wie meinst Du das?« Große-Augen-mach-Smiley.
»Ob Du sonst noch was erlebt hast – natürlich!« Augenroll-Smiley.
»Klar, ich habe einen Ehestreit im Frühstücksraum mitbekommen und die Frau hat mich beleidigt, weil ihr Gatte mir mitten im Streit zuzwinkerte. Das war extrem unangenehm. Muss ich Dir mal in Ruhe erzählen.« Lach-Smiley.
»Oh, oh, das klingt nach Gesprächsstoff für unsere nächste Mädelsrunde. Ich stelle schon mal den Sekt kalt!« Zwei Lach-Smileys.
»Okay, mach das. Bei Dir alles paletti?«
»Na ja, geht so. Hatten gestern den ersten Streit.« Wein-Smiley.
»Hm … Streiten klärt Konflikte, das weißt Du doch.« Kuss-Smiley.
»Auf diese Konfliktklärung hätte ich gern verzichtet.« Kein Smiley.
»Worum ging es denn?«
»Sie hat mit einer anderen geflirtet, und zwar wie mit mir damals in ›Fortunas Licht‹. Ich war stocksauer.« Kotz-Smiley.
»Manche flirten gern, das hat nicht immer was zu sagen.« Umarm-Smiley.
»Schreibst ausgerechnet Du?« Nachdenk-Smiley.
Das stimmte.
»Das war blöd von mir, okay? Aber sie weiß jetzt, dass DU das nicht magst. Akzeptiert sie es?«
»Jein. Aber wir sind immer noch in Gesprächen. Der Versöhnungssex war jedenfalls schon mal toll.« Zwei Herz-Smileys. Jetzt war der Zeitpunkt, sich zu verabschieden.
»Na siehste, wird alles. Wir sehen uns ja bald. Ich gehe jetzt mal unter die Dusche, mir ist kalt.« Kuss-Smiley. Sie hatte gelogen, aber nur für einen guten Zweck. Es war schließlich kein Platz im kleinen Pensionszimmer für einen Elefanten.
»Bis bald, Mausi, und pass auf Dich auf!« Zwei Kuss-Smileys. Anett schrieb nur:
»Huhu, mein Herz, das machst Du richtig. Erhole Dich gut. Bei mir ist alles super. Max ist himmlisch! Und: Ich habe wieder vier Kilo abgespeckt, ich glaube, das ist die Liebe … Bald würde das rote Kleid passen, wäre es nicht kaputt. Küsschen.« Zwinker-Smiley, Lach-Smiley, Herz.
Schön! Aber jetzt war Zeit für ihr Buch. Endlich konnte sie anfangen zu lesen.
»Ein ganzes halbes Jahr«, schon lange erschienen, wartete auf sie. Erst am Abend flog eine Antwort von Caro ein.
»Hallo Du Liebe, genieße Deinen Urlaub. Liebste Grüße und eine herzliche Umarmung von Deiner Caro.«
Eine Rose, ein Umarmungs-Smiley. Immerhin. Es wurde Zeit, dass sie sich wiedersahen. Der restliche Tag verging wie im Fluge. Zum Abendessen sah sie das streitende Paar nicht mehr. Mit Julian hatte sie schon am Vormittag vereinbart, dass sie sich erst am Tag darauf sehen würden. Er hatte im Ballhaus Berlin-Mitte zwei Karten reserviert.
13. Kapitel
Julian und Julia
»Du bist ein Glückspilz. Weißt du das überhaupt?«
Julian Liebmann
An diesem dritten Tag schlief sie lange. Nach dem Frühstück ging sie spazieren, sah, wie die Streithähne in mieser Stimmung auscheckten, obwohl der ältere Pensionswirt sie aufzumuntern versuchte. »Na, det nächste Mal kommen Sie und alles ist jut, glooben Sie nem ollen Mann!« Der Herr lächelte gezwungen und der Blumenkohl der Gattin hatte wieder seine ursprüngliche Form angenommen.
Auf dem Zimmer las Silke noch einige Kapitel in ihrem Buch und ging die Garderobe durch. Sie wollte für diesen Abend das Richtige auswählen. Noch war genug Zeit, das Tablet vom Schreibtisch zu nehmen und nach dem Ballhaus zu googeln. Die Fotos allein waren schon sehr ansprechend und was sie las, noch mehr. »Berliner Ballhaus: Im Ballhaus Berlin glühen die Tischtelefone«. Jawohl! So wollte sie es haben. Das erste Mal in ihrem Leben würde sie mit ihrem Sohn eine Tanzveranstaltung besuchen. Das allein war phänomenal und durch nichts zu überbieten.
»Du siehst umwerfend aus! Womöglich wird man dich für meine Freundin halten«, rief Julian für seine Verhältnisse überschwänglich aus.
»Mein Sohn, Du bist ein Charmeur mit Neigung zu maßloser Übertreibung. Aber das ist gut so, es könnte eines Tages nützlich sein.«
Sie sah ihn dabei vielsagend an.
»Mama. Ich weiß, du wartest darauf, dass ich dir mal eine Schwiegertochter präsentiere. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich hatte zu viel mit meinem Studium zu tun und jetzt bin ich mit den Vorlesungen und der Promotion voll ausgelastet. Da passt keine Frau rein.«
Die erste Erklärung, die sie von Julian diesbezüglich hörte. Also war er nicht schwul. Selbst das hatte sie als Möglichkeit in Betracht gezogen.
»Und wenn?«, hatte ausgerechnet Sandra gewettert.
»Was, und wenn? Was erwartest du von mir, zum Teufel? Dass ich vor Begeisterung, nie einen Enkel zu bekommen, aus dem Häuschen wäre? Nein. Aber ich würde es respektieren.«
»Da kann Julian aber froh sein.« Und ihre Freundin hatte mit den Augen gerollt. Julian unterbrach ihre Gedanken, als sie Richtung Autobahn fuhren.
»Die Atmosphäre soll dort wunderbar sein«, erklärte er geschwollen.
»Ja, total geil, ich habe Bilder gesehen und freue mich schon riesig!«
Sie erntete einen strafenden Blick ihres Sohnes und dachte nach. Ach ja, sie hatte »geil« gesagt und das mit fast fünfzig Jahren. Das glich schon einem Kardinalsfehler, wenn es nach ihrem Sohn ging.
»Heute ist Samstag, da gibt es ab einundzwanzig Uhr Livemusik«, schwärmte er, als ob er seine Mutter noch motivieren müsste.
»Ehrlich? Das ist ja abgefahren.« Na gut, das war Absicht.
»Mama, geht das schon wieder los?«
»Mensch, Sohn, mach dich mal locker. Du bist so ein Spießer geworden!«
»Nein, bin ich nicht. Der Umgang formt den Menschen und wahrscheinlich sind Sandra und Anett …« Das reichte.
»Julian, ich bin bald fünfzig. Meinst du nicht, dass ich erwachsen genug bin zu entscheiden, wer für mich gut ist, und dass ich ein Recht darauf habe, mich von gestrengen Ritualen zeitweise entfernen zu dürfen, wenn mir danach ist?!« In diesem Satz steckte zwar eine Frage, im Tonfall allerdings eine Feststellung.
»Ist ja gut, wir wollen uns nicht streiten. Aber dann lass auch mich, wie ich bin, und schimpfe mich nicht einen ›Spießer‹.« Einige Minuten sprachen sie nicht mehr. Als sie über die A 100 rollten, hing jeder seinen Gedanken nach.
»Jetzt wird es spannend«, brach Julian das Schweigen, als sie in Berlin Mitte auf die Chausseestraße fuhren.
»Hoffentlich bekommen wir einen Parkplatz.« Sie hatten Glück.
Auch hier tummelten sich überall Menschen. Berlin, eine lebendige Stadt, immer am Puls der Zeit. Trendig, multikulturell, verrückt und nichts für Langweiler. Diese Stadt hatte etwas Grenzenloses. Sie betraten das Ballhaus um zwanzigUhr. Genau das, was sie auf der Homepage des Hauses las und sah, erwartete sie hier. Alles im Stil der wilden Zwanziger gestaltet, fühlte sie sich sofort in dieses Jahrzehnt versetzt mit den années folles, wie die Franzosen sagen würden. Es war die Zeit, in der Frauen selbstbewusst in der Öffentlichkeit rauchten, möglichst mit langer Zigarettenspitze, um mondän zu wirken; die Männer Knickerbocker und Schiebermützen und die Frauen elegante Topfhüte trugen. Die wilden Zwanziger, wo sich die Kunst immer weiter aus akademischen Zwängen befreite und »Schamloses« modern wurde; diese spannende Zeit der Veränderung konnte man hier förmlich spüren. Stuck an den Wänden, an den Decken imposante Kronleuchter, die den Räumen eine warme Atmosphäre verliehen. Überall, wo sie hinsah, Nostalgie und Magie zugleich. Sie betraten den Festsaal, in dem sie die nächsten Stunden verbringen wollten. Silke hatte das Gefühl, zu träumen. Der hohe Raum mit Holzvertäfelung, einer Wendeltreppe und Holzbalustraden, versetzten sie in eine andere Zeit. Sie musste fast fünfzig Jahre alt werden, um so ein Abenteuer zu erleben? An jedem Tisch war ein antikes Telefon befestigt. Sie kannte das bisher nur aus Filmen und sah sich um, ob irgendwo ein Filmteam zu sehen war. Wenn sie kein Mascara aufgetragen hätte, würde sie sich die Augen gerieben haben. Julian war nicht weniger begeistert und drückte das auf seine Art aus.
»Es ist Faszination pur, unglaublich!«
Silke nickte nur. Ihre Begeisterung konnte sie nicht in Worte fassen. Der Raum füllte sich jetzt mit Gästen. So mancher kam im Outfit der Zwanziger.
»Wo bleibt die Kamera?«, flüsterte Silke ihrem Sohn zu.
»Welche Kamera?« Kurz darauf begriff er.
»Ah, ja, das dachte ich vorhin auch. Es wirkt, als ob wir in einem Film mitspielen. Ich habe gelesen, dass die Telefone aus dem Jahr 1938 seien. Ist da nicht meine Oma geboren worden?«
»Ja, stimmt.«
»Na, wenigstens sind die Telefone aus diesem Jahr gut.« Wenn es um ihre Mutter ging, hatte Julian keinen Sinn für Anstand.
»Julian, bitte! Sie ist immerhin meine Mutter, wir hatten das Thema schon oft genug.«
Er winkte ab.
»Einunddreißig Tische sind es, ich habe sie gezählt«, meinte er versöhnlich.
»Was, in der kurzen Zeit?«
»Na klar«, grinste er. Im Hintergrund lief eindeutig Jazz der Zwanziger. Feierlich schritten sie die Wendeltreppe empor und setzten sich an ihren Tisch.
»Hier kann ich alles überblicken. Wie hast du das nur wieder hinbekommen, hier oben einen Tisch zu reservieren?«
»Das ist mein Geheimnis«, flüsterte er. Sie hatten kaum Platz genommen, wartete er wieder mit seinem Wissen auf.
»Hörst du die Musik?«
»Nein.« Sie grinste ihn an. Da war es wieder …
»Ist ja gut«, lachte er auf. »Im Ernst, wusstest du, dass die Zwanziger nicht nur als das goldene Zeitalter, sondern auch als das Zeitalter des Jazz gelten? Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollten die Menschen wieder aufatmen, ihre neue Freiheit leben, in den Nächten tanzen und feiern, Alkohol trinken, einfach ihrer Lebenslust frönen.«
»Streber.«
»Ja, bin ich. Ich habe das gestern alles gegoogelt, um meiner Mutter zu imponieren.«
Sie lachten beide. Es war nicht nötig, weitere Erklärungen abzugeben.
»Es ist interessant. Und was hast du noch herausgefunden?«
Jetzt kam Julian in seinem Element an.
»Nun ja, in der Musik gab es große Wendungen. ›Die Menschen erwachten aus einer Art Verpuppung‹, hieß es auf einer Webseite, ›sie schlüpften in neue Persönlichkeiten, lebten ihre inneren Ängste aus, die in schrillen Tönen und Gesängen verarbeitet wurden. Die Massenkultur erwachte‹.«
»Okay.«
Silke schielte zur Kellnerin, die bereits die ersten Gäste bediente.
»Ich glaube, ich muss darüber auch mal was lesen. Aber schau, im Moment habe eher Durst.«
»Entschuldige, ich labere und meine Mutter dehydriert.«
Er winkte der Kellnerin, die in diesem Moment zu ihnen sah. Die fesche junge Frau im kurzen Kleid kam zu ihnen und sie bestellten zwei Drinks. Bis sie alle Eindrücke in sich aufgesogen hatten, war es einundzwanzig Uhr und die aus fünf Männern bestehende Ballhaus Band begann zu spielen. Sie spielten Musik von früher und doch von heute, Alt und Neu vereint; diese Mischung machte es besonders.
»Das sind coole Typen«, entfuhr es Silke.
»Welcher gefällt dir am besten?«, forschte ihr Sohn nach.
»Was für eine Frage! Aber warte.«
Und sie besah sich die Männer der Reihe nach.
»Der Sänger, würde ich sagen.«
»Der ohne Haare?«
»Siehst du einen anderen?«
Julian nippte an seinem Glas und grinste wieder. Immerhin, er grinste und gelacht hatte er an diesem Tag auch schon.
An manchen Tischen saßen Paare, aber die meisten Gäste kamen als Singles. Ob sie wirklich zur partnerlosen Kategorie zählten, wusste man nie. Es dauerte nicht lange, da beschritt das erste Pärchen das Tanzparkett.
»Sieh mal, sie tanzen!«, rief Silke begeistert aus. Julian schlürfte sein Ginger Ale.
»Das hat eine Tanzveranstaltung so an sich.« Er grinste sie an.
»Sehr witzig, sieh doch mal, wie sie tanzen! Und diese Frau! Sie ist umwerfend.«
Gelangweilt ließ er von seinem Getränk ab, sah auf die Tanzfläche und riss die Augen auf. Nicht nur er, auch alle anderen Gäste starrten auf die Tanzenden. Eine junge, große und grazile Frau mit langer, feuerroter Mähne tanzte einen Charleston, dazu noch synchron mit ihrem Tanzpartner. Ihre Hüften und Schenkel zitterten, die Hände und Arme bewegten sich unabhängig voneinander, mit den Beinen tanzte sie die typische X/O-Kombination des Charleston, dann bebte der Rumpf der Frau und ihre Mähne legte sich wie ein sich ausbreitendes Feuer um ihren Kopf. Silke versuchte, sich das Gesicht der Tänzerin näher anzusehen, was auf die Entfernung keine leichte Aufgabe war. Sie würde die Frau nicht zu den »typischen Schönheiten« zählen. Ihr Gesicht war sehr schmal und auffällig blass, die Augen auseinanderstehend wie die einer Katze, auch ihr Hals war lang und erinnerte sie an den einer Ballett-Tänzerin, die sie viele Jahren zuvor im Urlaub kennengelernt hatte. Auf ergreifende Weise war sie faszinierend. Etwas Zerbrechliches, zugleich Starkes und Elegantes war an ihr. Sie lachte wie ein sehr junges Mädchen und tanzte wie eine Göttin. Mit vor Berührung wässrigen Augen schielte sie zu Julian hinüber. Hoffentlich sah er nicht, dass sie schon wieder nah am Wasser gebaut war. Er bemerkte es nicht, saß wie versteinert auf seinem Stuhl und wirkte, als würde er nicht atmen. Ohne auch nur eine Sekunde den Blick von der Tanzfläche abzuwenden, hielt er den Mund leicht geöffnet, und was war das in seinen Augen? Eine Träne benetzte den Augenwinkel. Die Musik verebbte und das Tanzpaar umarmte sich fröhlich. Tosender Applaus! Mit roten Wangen und vielen Verbeugungen verließen sie die Tanzfläche. Julian sah ihr nach und streckte sich, um genau zu sehen, wohin sie gingen.
Ruhig, aber gespannt, das Kinn auf die Hand gestützt, lächelte Silke ihren Sohn an und zog die Augenbrauen hoch.
»Was?«
»Wie, was?«
»Ich kenne diesen Blick, Mama. Also?«
»Na, hör mal, ich weiß gar nicht, was du meinst«, sagte sie unschuldig und stellte fest, dass Julian dunkelrot gefärbte Wangen bekommen hatte.
»Eins ist klar: Deine Wangen sehen jetzt aus wie das Haar der jungen Tänzerin«, meinte sie zu ihrem Sohn.
»Ja, es war ein sehr schöner Tanz. Wusstest du, dass der Charleston nach der Hafenstadt in South Carolina benannt wurde, von wo schwarze Hafenarbeiter ihn nach New York brachten? Er wurde aber in Europa nach 1920 erst durch Josephine Baker bekannt«, plapperte Julian aufgeregt.
»Nein, das wusste ich bis eben noch nicht, zumindest nicht so genau.«
»Mir gefallen solche Tänze, zumal ich selbst Salsa mag, der im Viervierteltakt getanzt wird. Der Charleston ist aber ein verhältnismäßig schneller Tanz bei fünfzig bis fünfundsiebzig Takten pro Minute«, erklärte Julian ihr.
Auch das war ihr neu. Trotzdem, er lenkte ab. Sie kannte ihren Sohn gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt lieber nicht nachfragen sollte. Es war ihm unangenehm. Der Abend war noch jung.
»Sag jetzt nicht auch noch, du hast Salsa tanzen gelernt!«
Julian trank von seinem Ginger Ale und nickte.
»Auch andere Tänze, die ich zwar nicht so gut beherrsche wie Salsa, aber immerhin«, bemerkte er. Silke schüttelte den Kopf und fragte sich, ob sie ihren Sohn überhaupt noch kannte.
»Tanzen befreit.«
»Wann hast du damit angefangen?«
»Schon im dritten Semester. Ein Kommilitone hatte mich mitgenommen, für mich war es eine Art Ausgleich und dazu noch ein Sport. Fitnessstudios sind ja nicht so meins.«
»Du hast mir nie davon erzählt«, stellte sie fest, ohne Vorwurf in der Stimme.
»Sei doch mal ehrlich, du hast doch bestimmt schon geglaubt, ich sei schwul, weil ich nie eine Freundin hatte. Stell dir vor, ich hätte dir von den Tanzkursen erzählt …«
Silke lachte auf. »Das stimmt allerdings.«
Die Tanzfläche hatte sich längst gefüllt, der Saal begann ein Eigenleben zu entwickeln. An der Bar tummelten sich Leute, und überall, wo man hinsah, war die Stimmung fröhlich.
»Mama, ich sehe mich mal ein wenig um. Du langweilst dich nicht ohne mich?«
Gern wäre sie mitgegangen. Ihr Hintern schmerzte bereits vom Sitzen. Doch sie vermutete, Julian wollte auf Pirsch gehen.
»Nein, geh nur. Ich komme gut klar«, schwindelte sie. Kaum verschwand er im bunten Treiben, klingelte es neben ihr. Sie zuckte zusammen und wollte nach dem Handy greifen, bis ihr gewahr wurde, dass das Klingeln vom Tischtelefon kam. Sie nahm den Hörer ab.
»Hallo?«
War das ulkig! Sie saß mitten in einer Tanzveranstaltung und bekam einen Anruf direkt an den Tisch.
»Hallo, schöne Frau. Gefällt es Ihnen hier?«, hauchte eine männliche Stimme, die sich nicht anstrengen musste, erotisch zu klingen.
»Ja, es ist bezaubernd. Und Ihnen?«
Sie sprach automatisch vornehm und wünschte sich jetzt eine von den Zigaretten mit den ewig langen Spitzen herbei.
»Auch mir gefällt es außerordentlich. Sind Sie das erste Mal in diesem Etablissement?«
Seine Stimme war sehr tief, aber auch angenehm warm.
»Ja, das bin ich. Und Sie?«
»Ich war schon oft hier, manchmal mit meiner Schwester und deren Mann, aber auch mit meiner Tochter.«
Oh! So schnell eine persönliche Information!
»Sie sind nicht von hier, nehme ich an? Ich höre eine kleine Nuance sächsischen oder niedersächsischen Dialekt heraus. Verraten Sie es mir?«
Da dachte sie, sie würde Hochdeutsch und vornehm reden und nun?
»In der Tat, ich komme aus dem Land mit dem schönsten Fluss der Welt.«
»Nein, nein, meine Dame, der schönste Fluss der Welt ist die Spree.«
Sie hörte sein verhaltenes, sympathisches Lachen.
»Da muss ich Ihnen deutlich widersprechen, mein Herr. Die Elbe ist der viertgrößte Fluss Europas, die Spree ein knapp vierhundert Kilometer langer Nebenfluss.«
Sie benahm sich gerade wie Julian und gab mit ihrem Google-Wissen an. Dabei sah sie sich im Saal um, welcher Herr gerade telefonierte. Ein aussichtsloses Unterfangen, da einige Herren und ebenso viele Damen telefonierten. Die Flirtleitungen glühten.
»Die Dame ist ein überaus kluges Geschöpf. Dennoch wage ich zu bemerken: Wir sprachen nicht von Länge, sondern von der Schönheit. Und wenn wir bei dieser sind, möchte ich die Ihre preisen und Sie höflich bitten, mit mir einen Cocktail an der Bar zu trinken.«
Wie unerhört geschwollen, aber schön!
»Mein Herr, diese Einladung nehme ich dankend an«, raunte sie in den Hörer. Was für ein herrlich burleskes Spiel!
»Es ist mir eine große Ehre. Voller Freude erwarte ich Sie in wenigen Minuten an der Bar. Suchen Sie nach einem Herrn mit sehr hellem Haar und weinroter Fliege.«
War das aufregend! Die Überlegung, schnell noch auf der Toilette zu verschwinden, um sich der Unversehrtheit ihres Make-ups zu versichern, verwarf sie schnell. Der Herr sah sie, sie ihn aber nicht. Wenn er beobachtete, dass sie sich extra aufhübschen ginge, wäre ihr das peinlich. So unauffällig wie möglich holte sie sich ihren kleinen Spiegel aus der Kosmetiktasche und hielt ihn neben ihr Glas. Alles war in Ordnung. Noch ein-, zweimal an den Haaren gezupft, was zwar nichts änderte, sie aber beruhigte, den Lippenstift schob sie geöffnet in die Handfläche, hielt sich die Hand vor das Gesicht, als wolle sie husten und legte nach. Gut, dass sie keinen roten Lippenstift benutzte, sie würde jetzt aussehen wie ein Clown – ganz nach Reinis Geschmack …
Betont langsam stand sie auf und ging aufrecht mit betont eleganten Schritten in Richtung Bar. Das hatte sie lange üben müssen. Nach ihrer Hauptzeit als Mutter und Glucke mit Turnschuhen und Leisetretern hatte sie den eleganten Gang verlernt; sie war gelatscht wie eine Bäuerin, die sich gerade anschickte, eine Kuh zu melken.
An der Bar tummelte sich wieder alles, was nicht mehr sitzen konnte, aber auch nicht tanzen wollte. Junge Leute, Leute in ihrem Alter, aber auch Männer und Frauen um die siebzig. Es war schwierig, dort jemand Bestimmten auszumachen. Ein Mann sah ihr zu, wie ihre Blicke durch die Gäste schweiften und lächelte versonnen. Als sie ihn ausmachte, hielt sie für einen kurzen Moment die Luft an. Sein Haar war nicht hell, sondern weiß; er hatte außergewöhnlich blasse Haut, weiße Augenbrauen und trug eine Brille mit dunklen Gläsern. In dem dunklen Anzug sah er mit seiner großen, schlanken Statur und seiner Gesamterscheinung edel aus. Schnell fasste sie sich und ging auf ihn zu.
»Sind Sie der nette Herr, der mich auf einen Cocktail eingeladen hat?«
»Der bin ich, meine Dame, und ich freue mich, Sie aus der Nähe betrachten zu dürfen.«
Sein Blick streifte ihren engen schwarzen Rock, die königsblaue Bluse und wanderte zu ihrem Gesicht. Er nahm ihre Hand und deutete auf dem Handrücken einen Kuss an.
»Lassen Sie uns einen Drink bestellen.«
Nachdem sie einen Longdrink ausgewählt hatten, deutete er zur Seite der Bar.
»Wollen wir etwas aus der Menge treten, damit wir uns ungestört unterhalten können? Was meinen Sie?«
»Sehr gern.« Etwas abseits stehend kamen sie ins Gespräch und tauschten ihre Namen aus. Das antiquierte Vokabular wurde schnell abgelegt.
»Sie werden es bemerkt haben, Silke. Ich gehöre zu den Menschen mit Albinismus. Es ist ein Gendefekt, von dem nur einer von sienzehntausend Menschen weltweit betroffen ist. Früher sagte ich: ›Ich leide unter Albinismus‹. Jetzt leide ich nicht mehr darunter, im Gegenteil.«
Er forschte in ihrem Gesicht nach einer Regung.
»Das ist gut, Stefan, denn damit sind Sie etwas Besonderes. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Die Durchschnittlichkeit hat ohnehin von uns Besitz ergriffen.«
»Wie Sie das sagen, Silke, das ist einfach hinreißend! Genau so ist es.«
Stefan setzte zur Demonstration des Gesagten seine Brille ab. Sie hatte noch nie in solche hellen Augen gesehen, fast durchsichtig, als blicke man in seine Seele. Gleichzeitig bohrten sich diese Augen in ihre, als ob sie einen Zugang zu ihrem Herzen suchten. Wieder hielt sie den Atem an. Ihre Wangen wurden heiß.
»Erschrocken?«
Eine erste Unsicherheit bei ihm, die sofort ihr »Solidaritätsprogramm« aktivierte.
»Nein. Warum sollte ich erschrecken? Es gibt keinen Grund dafür.«
Und sie sagte die Wahrheit. Sie war fasziniert, innerlich aufgewühlt, bewegt; nicht erschrocken.
»Auch Ihre Augen sind besonders.«
»Da bin ich erleichtert«, lächelte er, doch seine Stimme war gesenkt und klang traurig. Was er schon mit Frauen erlebt haben musste? Versuchte er seine äußerliche »Normabweichung« deshalb mit übertriebenem Charme wettzumachen? Das war unnötig, fand sie.
»Ich bin neugierig: Machen Sie in Berlin Urlaub?«
»Ja und nein. Mein Sohn hat in Berlin studiert und so wie es aussieht, will er hierbleiben. Er promoviert momentan und gibt Vorlesungen.«
Warum zur Hölle gab sie ständig an? Am liebsten hätte sie den letzten Satz gestrichen, aber er war gesprochen.
»Bin ich eine Angeberin?« Jetzt half nur noch die Offensive.
»Nein, eine stolze Mutter.« Er lachte sie an. »Denken Sie etwa, ich gebe nicht überall mit den Leistungen meiner Tochter an, die nicht meine eigenen sind?«
Erleichtert schenkte sie ihm ein kleines Lächeln.
»Es sind doch auch Ihre, denn durch Sie ist Ihre Tochter in die Lage gekommen, das zu erreichen. Sogar Julian, mein Sohn, sagte das kürzlich zu mir. Aber bei ihm ist das kein Wunder, er muss alles analysieren, sogar das Sexualleben der Pflastersteine.«
Jetzt übertönte sein Baritonlachen die Geräuschkulisse an der Bar. Einige drehten sich kurz um und lächelten ihm zu.
»Sie haben Humor, das gefällt mir. Was hat Ihr Sohn studiert, Philosophie?«
»Es wundert mich nicht, dass Sie auf Philosophie kommen. Nein, er hat mit Journalistik begonnen, aber zur Psychologie gewechselt. Und was macht Ihre Tochter?«
»Meine Tochter ist Lehrerin. Ich weiß also, was Sie mit den Analysen Ihres Sohnes meinen. Wenn sie mir zu schulmeisterlich kommt, bremse ich sie.«
Silke nickte zustimmend.
»Das mache ich bei Julian auch.«
»Ihr Sohn heißt Julian? Das ist ja witzig. Meine Tochter heißt Julian ohne ›n‹ am Ende. Sie ist ein Sonnenschein und war es schon immer. Leider ist meine Frau früh verstorben, ich habe sie allein erzogen. Aber offenbar habe ich viel richtig gemacht.«
Wie das passte! Den Blick gesenkt, rang Silke nach Worten.
»Mein Mann ist auch früh verstorben. Julian war zehn Jahre alt.«
»Das tut mir leid«, flüsterte er.
»Julia kann sich kaum an ihre Mutter erinnern, aber wir sprechen viel über sie und manchmal, besonders zu Feiertagen, sehen wir uns die alten Fotos an. Aber lassen Sie uns nicht weiter traurige Themen wälzen. Was machen Sie beruflich, darf ich weiter neugierig sein?«
»Ich bin juristische Mitarbeiterin – und Sie?«
»Meine Arbeit ist fast so trocken, wie Ihre sein dürfte. Ich arbeite als Gutachter für Versicherungen.«
Eine Weile schwiegen sie.
»Ich weiß, es ist gegen die Anstandsregeln, aber wir leben in einer modernen Zeit: Wollen wir nicht dieses ›Sie‹ ablegen?«, schlug Silke vor. Begeistert stimmte Stefan zu und sie stießen darauf an.
Kurz darauf hob sich die Stimmung im Saal. Die Band spielte einen bekannten, flotten Jazztitel.
»Lass uns das Tanzbein schwingen, hast du Lust?«
Und ob sie Lust hatte! Sie hüpften auf der Tanzfläche, versuchten, es einem anderen Tanzpaar gleichzutun, das sich im Tanzstil der Zwanzigerjahre auskannte, und lachten über ihre eigenen ungelenken Schritte. Stefan tanzte sich näher an Silke heran und rief ihr völlig außer Atem zu: »Ich sehe sicher total albern aus!«
»Ich bestimmt nicht anders. Ist doch egal, Hauptsache, wir haben Spaß!«, rief sie zurück. Stefan nickte.
»Aber jetzt muss ich pausieren. Mein Gott, ich werde alt! Kommst du?«
»Ja, lass uns was trinken gehen.«
Sie verließen die Tanzfläche in dem Moment, als der Titel zu Ende war, die Band sich für den nächsten bereit machte und alle an die Bar oder ihre Tische strebten. Plötzlich entdeckte Silke ihren Sohn, der nicht allein war. Er lächelte. Und zwar anders, als Silke es kannte; es war ein besonderes, liebevolles, fast schüchternes Lächeln. Silke reckte den Kopf, um zu sehen, wer neben ihm stand: die rothaarige schöne Tänzerin. Sie strahlte Julian an, griff seine Hand und zog ihn auf die Tanzfläche, auf dem sich jetzt nur noch ein weiteres Paar befand. Stefan war zu sehr mit sich und seiner Atemlosigkeit beschäftigt, um zu registrieren, wie Silke perplex zur Tanzfläche starrte.
»Kommst du mit, oder magst du hier warten?«, fragte er sie und bemerkte erst jetzt, dass sie nicht ansprechbar war.
»Was ist mit dir? Siehst du einen Geist?«
»Nein, zwei.« Stefan folgte ihrem Blick.
»Na, da ist sie ja, meine Julia!«, rief er begeistert aus und winkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
»Das ist … die Frau mit den roten Haaren ist …«
»Meine Tochter, jawohl!«, stimmte er stolz zu.
»Sie hat offenbar einen Begleiter gefunden. Warum schaust du so?«
»Der Begleiter ist Julian.«
Stefan sah sie ungläubig an.
»Was? Das ist ja ein Zufall!«
Gemeinsam starrten sie auf die Tanzenden, als hätte sie der Blitz getroffen. Nachdem er sich gefangen hatte, begann Stefan zu lachen.
»Komm schon! Sei doch froh! Ich hole uns schnell einen Drink und wir sehen ihnen beim Tanzen zu, okay?«
Silke konnte nur noch nicken. Fassungslos sah sie zu, wie die beiden zu »Baby it’s cold outside« einen Swing aufs Parkett legten. Julian wirkte frei und gelöst, als gäbe es nichts anderes auf dieser Welt als diesen Tanz und diese Frau. Das war ein Moment, den sie nie vergessen wollte, ein Feuerwerk für Julian mit der Frau und ihrem Feuerhaar. Sie strahlten sich an, harmonierten miteinander, als tanzten sie schon immer zusammen. Was war mit ihrem Sohn geschehen? Wo war der analysierende, immer etwas trockene und steife Julian, dem das Lachen schwerfiel, seit er zehn Jahre alt war? Die Tränen flossen ungefragt. Ein Gurt, den Julian um sein Herz geschnallt hatte, schien sich gelöst zu haben. Stefan stand schon eine Weile neben ihr, hielt beide Gläser in Händen und schwieg. Er fühlte die Kostbarkeit dieses Augenblicks.
»Entschuldige«, flüsterte Silke später und nahm ihm das Glas ab.
»Ich verstehe dich, zumindest glaube ich es.«
»Ich denke nicht. Du beschreibst Julia als fröhlich, als einen Sonnenschein. Nicht dass Julian nicht mein Sonnenschein wäre, aber er ist oft zu ernst, schon seit damals, als sein Vater …«
»Ich dachte mir das schon. Silke, Julian war damals älter, er kannte seinen Vater. Julia war erst vier Jahre alt, als ihre Mutter starb. Sie war zu klein, um sich an konkrete Details erinnern zu können. Genau das ist der Unterschied. Hey, meine Kleine,« er zog Silke an sich.
»Sei glücklich darüber, weine Freudentränen!«
Sie schmiegte sich an ihn und war dankbar, dass er es geschehen ließ und dabei zurückhaltend blieb. Noch einmal in diesen Minuten sah sie das Feuer tanzen und die Augen ihres Sohnes wie Kohlen glühen. Julia nahm Julian wieder an der Hand und hüpfte wie ein Gummiball, ohne dabei affektiert zu wirken, in ihre Richtung, sodass sie Julian eher hinter sich herzog, der Mühe hatte, mitzuhalten.
»Papa!«, rief sie fröhlich und kaum außer Atem. Vertraut umarmte sie ihren Vater.
»Wie waren wir?«
»Wie immer fantastisch, mein Kind«, tätschelte er die Tochter am Arm. Silke musterte sie neugierig. Neben der jungen Frau stand Julian lächelnd seinen Mann. Stefan wandte sich an seine Tochter.
»Darf ich dir vorstellen, das ist Silke« und zu Silke:
»Das ist meine Tochter Julia.« Das Spiel wiederholte sie, indem Silke ihm Julian und ihrem Sohn Stefan vorstellte. Am Ende grinsten sich die vier vielsagend an.
»Dass Sie ausgerechnet meinen Vater hier treffen und ich Ihren Sohn, nenne ich keinen Zufall mehr«, meinte Julia.
»Es gibt auch keine Zufälle«, entgegnete Silke freundlich zwinkernd. Sie fing Julias bedeutungsvollen Blick auf und sah ihr in die Augen. Hoffentlich verletzt sie ihn nicht, dachte Silke.
Erst gegen ein Uhr verließen sie zu viert vergnügt das Ballhaus. Stefan überreichte Silke seine Visitenkarte.
»Ich würde mich freuen, von dir zu hören, und danke dir für diesen wunderschönen Abend. Es ist lange her, dass ich mich so gut unterhalten habe – dazu noch mit einer so zauberhaften Frau.«
»Ich werde noch rot bei der Fülle deiner Komplimente und habe dir zu danken. Mir geht es genauso wie dir. Das letzte Mal musste ich einen Abend und eine Nacht mit einer Herde aufgescheuchter Hühner verbringen, sperrte Frauen zur Strafe in der Toilette ein und tröstete meine Freundin, weil ihr mitten im Saal das viel zu enge Kleid am Hintern aufgeplatzt war. Dieser Abend heute war einfach wunderbar für mich!«
»Du bist ein Spaßvogel! Das gefällt mir! Nimmst dir kein Blatt vor den Mund, oder?«, lachte Stefan.
»Manchmal schon, wenn es eben nicht anders geht, aber nicht gern.«
»Bevor ich es vergesse … Ich wollte dich noch fragen: gefällt dir Berlin?«
»Ja, sehr! Die Leute hier sind vollkommen anders als bei mir zu Hause. Hier kannst du im Schlafanzug oder in Kosmonautenausrüstung durch Berlin laufen, es würde niemanden interessieren!«
»Welch eine Beschreibung«, schmunzelte er. Spontan umarmte sie Stefan und küsste ihn auf die Wange. Er roch gut. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie Julian und Julia. Sie standen sich betreten gegenüber. Julian redete und Julia nickte. »Lass uns in Verbindung bleiben, bitte«, hörte sie Julia sagen. Ihr Sohn umarmte sie und sie hielten sich fest. Die Kohle wurde ins Feuer geworfen.
Auf der Rückfahrt brach Silke die Stille.
»Es war ein großartiger Abend, findest du nicht?« Julian nickte.
»Stefan hat recht, Julia ist ein wahrer Sonnenschein«, wollte sie das Gespräch in diese Richtung drängen.
»Ja, das ist sie.« Er blieb reserviert.
»Sie mag dich«, gab Silke nicht auf.
»Vielleicht«, antwortete er lakonisch.
»Es passt doch eine Frau in dein Leben.«
»Mama, bitte sei ruhig.«
Gut, ich schweige. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, dachte Silke.
Es folgte eine unruhige Nacht. Immer wieder wachte sie auf, drehte sich von einer Seite auf die andere, lag minutenlang wach und fand keine Ruhe. Erst in den frühen Morgenstunden fiel sie in einen tiefen Schlaf und wachte gegen halb zehn Uhr auf. Nur langsam kam sie in die Gänge, kroch behäbig aus dem Bett und sah aus dem Fenster. Den Himmel bedeckten Schleierwolken, die sich langgezogen vor die Sonne legten. Sie kündigten baldigen Regen an. An diesem Tag würde sie nicht die Welt einreißen. Fürs Frühstücksbüfett war es zu spät; sie konnte sich also Zeit lassen. Nach einer Stunde verließ sie die Pension, um sich etwas Essbares auf der Schlossstraße zu suchen. In einem Café fand sie es, setzte sich und rührte verträumt in ihrem Cappuccino. In ihrer Tasche brummte es. Mit dem Handy in der Hand, biss sie von ihrem belegten Brötchen ab.
»Guten Morgen, Mama, ich hoffe, Du hast gut geschlafen?«, schrieb Julian.
»Ja, ganz gut, danke«, log sie. »Und Du?«, fügte sie hinzu.
»Nicht so gut, ich war aufgewühlt.«
Wenigstens ihr Sohn war ehrlich. Sie würde den Teufel tun und noch einmal nachfragen. Wenn er sich ihr mitteilen wollte, würde er es tun.
»Das denke ich mir.« Sie blieb wortkarg.
»Morgen gebe ich eine Vorlesung in der Uni. Möchtest Du kommen?«
»Unbedingt! Schreib mir bitte noch, wo und wann, okay?«
»Das mache ich, heute Nachmittag melde ich mich. Verbring einen schönen Tag!«
»Gut, ich freue mich. Ich werde mich heute erholen. Für nächtliche Ausschweifungen bin ich offenbar zu alt geworden und der letzte Wein muss schlecht gewesen sein«, witzelte sie. Julian antwortete mit einem Lach-Smiley.
Bei ihrem ausgedehnten Spaziergang erreichte sie die Matthäus Kirche. Etwas Besonderes konnte sie an ihr zunächst nicht entdecken. Kirchen zogen sie an, obwohl sie nicht gläubig war. Sie waren urban, gleichzeitig real, wirken strukturiert und zugleich virtuell. Sie luden zur Besinnung ein, zum Innehalten. An einer Tafel las sie etwas über die Geschichte der Kirche. Bei einem alliierten Luftangriff wurden fast alle Kirchenfenster durch Druckwellen zerstört. 1957 ist sie durch den Architekten Gabler renoviert worden. 2014 drohte der Kirchturm einzustürzen. Im Innenraum der Kirche entdeckte sie doch noch Bemerkenswertes. Die Vierung war hier anders, als sie es kannte. Dadurch wirkte die Kirche geschlossen, zusammengefasst. Einige Minuten setzte sie sich auf eine Bank und schloss die Augen.
Zu Mittag aß sie in der Pension. Den alten Herrn konnte sie nicht entdecken. Sie brauchte nicht nach ihm zu fragen, seine Tochter war gesprächig.
»Heute ist ein seltsamer Tag, finden Sie nicht?«, meinte sie und klang traurig.
»So würde ich es nicht nennen. Manche Tage sind schon am Morgen eigensinnig, da kann man nichts machen«, versuchte sie, sich bedeckt zu halten.
»Da haben Sie recht. Meinem Vater jeht es seit dem Morgen schlecht. Erst dachte ick, es sei sein Diabetes. Aber die Werte sind in Ordnung. Der Arzt wird dann zu einem Hausbesuch kommen und ick hoffe, es ist nichts Ernstes«, meinte die Schöne besorgt.
»Das tut mir sehr leid. Ich wünsche Ihrem Vater gute Besserung. Hoffentlich kommt er bald wieder auf die Beine. Er ist ein lustiger, feiner Kerl.« Die Blonde lachte.
»Das ist er, schon immer. Er ist der beste Vater der Welt«, rief sie ehrlich aus. Verdutzt sah Silke sie an. Sie begann, die Nudeln in ihrem Auflauf hin- und herzuschieben. Was ihr Vater wohl machte? Vielleicht lebte er gar nicht mehr. ›Es ist wirklich ein seltsamer Tag. Die Wolken schieben sich vor die Sonne, ich verpasse das Frühstück, gehe in eine Kirche und denke über meinen Vater nach. Höchste Zeit, dieser Melancholie ein Ende zu setzen. Ich brauche Sandra.‹ Entschlossen ließ sie die Hälfte des Essens stehen. Auf ihrem Zimmer zog sie sich bequeme Sachen an, nahm ihr Handy und schrieb:
»Hallo Sandra, ich war gestern mit meinem Sohn beim Tanzen. Was sagst Du nun?« Wie immer ging Sandra sofort online.
»Wow! Wie war’s?«
»Klasse, richtig schön. Ich habe einen Mann kennengelernt, der der Vater der Frau ist, die Julian kennengelernt hat.«
»Hä? Wie jetzt? Der Cousin der Nichte der Freundin der Mutter, oder was?« Lach-Smiley.
»So kompliziert ist es nun auch wieder nicht. Ich habe einen Mann kennengelernt, einen Albino. Der erzählte …, das ist doof. Warum telefonieren wir nicht?« Rotes Fragezeichen.
»Stimmt. Ich rufe dich an.«
»Noch mal, bitte!«, forderte Sandra sie ohne Umschweife auf. Silke erzählte ausführlich von ihrem Abend.
»Und wie hast du Stefan so erlebt?«
»Er ist sehr lieb und nett; vor allem ist er kultiviert, ohne spießig zu sein.«
»Okay, also uninteressant«, schlussfolgerte Sandra.
»Wieso das? Müssen wir Frauen denn nur auf Arschlöcher abfahren? Er ist l-i-e-b, n-e-t-t und k-u-l-t-i-v-i-e-r-t – gute Eigenschaften bei einem Mann, oder etwa nicht?«
»Ist ja gut. Und ist er in deinen Augen attraktiv?«
»Klar ist er attraktiv. Auch sein Schicksal ist dem meinem ähnlich; seine Frau starb, als die Tochter vier Jahre alt war. Er hat das Kind allein großgezogen und weiß somit aus eigener Erfahrung, was das bedeutet.«
»Wunderbare Voraussetzungen für eine Liebschaft: Ihr seid beide verwitwet und habt ein Kind allein großgezogen«, warf Sandra ein.
»Na und? Was will ich denn mit einem Lebemann, Chauvinist, Blender oder einem Adonis, der jede Frau anbaggert? Ich brauche solide Werte.«
»Und das würde dir reichen? Wie wäre es mit Leidenschaft, Zuneigung, Liebe?«
»Die kann doch kommen! Ich halte nichts von der Liebe auf den ersten Blick. Liebe muss entstehen, wachsen.«
»Du klingst wie dein Sohn, Mausi. Du analysierst etwas, was sich nicht abhandeln lässt.«
»Kann sein. Aber hör mal, Julian und Julia – klingt das nicht gut? Sie hat mit einer Fackel meinen Sohn tatsächlich aus seinem Schneckenhaus gelockt. Du hättest ihn sehen müssen, als sie zu Beginn der Veranstaltung tanzte. Ihm klappte der Mund gar nicht wieder zu! Er war vom ersten Augenblick an verliebt in sie, das wette ich!«
Sandra hüstelte künstlich.
»Aha, ich denke, das gibt es nicht?« Das Eigentor saß.
»Puh! Du bist mir heute zu munter«, lachte Silke.
»Kann sein, denn mein Engelchen war heute Nacht nicht bei mir, da bin ich gestern schon um zweiundzwanzig Uhr ins Bett geschlüpft und habe von ihrem schönen Busen geträumt …«
Aus! Zurückspulen!
»Ich werde sehen, wie sich das mit Stefan weiterentwickelt. Noch mehr bin ich gespannt, wie das mit Julian und Julian ohne ›n‹ fortschreitet. Das wird spannend«, lenkte Silke sich selbst vom Busenkopfkino ab.
»Auf jeden Fall, meine Maus, das wird spannend!«
»Pieps.« Das konnte sich Silke nicht verkneifen.
»Blödfrau!«, meckerte Sandra.
»Selber«, gab Silke zurück.
»Wann fährst du zurück? Es wird Zeit, dass du dich wieder bei uns sehen lässt.«
»In drei Tagen ist Abfahrt. Morgen sehe ich Julian beim Psychologisieren zu.«
»Thema?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Okay, dann viel Spaß und pass gefälligst auf dich auf! Wir wollen dich im Ganzen zurück, mit oder ohne Weißhaar!«
»Meckerziege!«
»Selber«, gackerte Sandra. Alles war gut.
»Hallo Mama, morgen beginnt meine Vorlesung um 11.00 Uhr. Ich freue mich, dass Du kommen möchtest!«, schrieb Julian wie versprochen am Nachmittag. Sie war schon gespannt. Den Abend ließ sie still ausklingen, ging zeitig zu Bett und konnte es kaum erwarten, ihren Sohn in dieser Position zu erleben. Vorstellungen, wie er als Dozent sein konnte, hatte sie nicht, was sie stutzig machte.
»Man muss sein Kind nicht kennen wie die eigene Westentasche«, hatte Anett mal getönt. »Das hat etwas mit Loslassen zu tun.« Vielleicht hatte sie recht.
Wie erwartet, begann der Tag mit Regen. Große und quellende Wolkenmassen türmten sich am Himmel. Gewitter standen in Aussicht. Das sollte sie nicht stören und nur die Wahl ihrer Kleidung beeinflussen, nicht ihre Laune. Im Frühstücksraum begrüßte sie der alte Herr, zwar ein wenig blass um die Nase, aber herzlich wie immer.
»Meine liebe sächsische Zuckerschecke, bin ick froh, Sie wiederzusehen!«
»Sie meinten sicher ›Eierschecke‹, oder?«, scherzte sie.
»Jut, stimmt, war det nich der feine Kuchen, den ihr in Sachsen zuhauf zu euch nehmt?«
»Ja, so heißt der Kuchen. Aber ich bin erst mal froh, dass Sie wieder wohlauf sind!«
»Jo, jo, det ist so im Alter, da steht der Tod in Wartestellung. Aber mir kann er nich holen, ick hänge zu sehr am Leben.«
Diese Menschen hier mochte Silke. Sie hatten eine Art, der man nicht widerstehen konnte, ob man nun wollte oder nicht. Sie wirkten frei, eigenständig, manchmal frech oder vorlaut, aber immer authentisch.
»Das hoffe ich doch!« Sie tätschelte ihn am Arm.
»Nun, junge Dame, wat wolln se heute tun?« Silke berichtete ihm von ihrem Vorhaben.
»Wat? So ’nen klugen Sohn ham se? Det is ja spitze. Da wünsch ick Ihnen viel Freude«, zwinkerte er ihr zu und machte sich ans Falten von neuen Servietten. Silke ließ sich beim Frühstücken viel Zeit und nahm zwischen den Bissen ihr Handy, um nachzusehen, ob ihre Nachricht an Caro endlich gelesen worden war. Nichts. Immer noch ein einziger Haken.
Bewaffnet mit einem Regenschirm verließ Silke die Pension, um über die Autobahn zum Institut für Psychologie der Humboldt Universität zu fahren. Trotz dichten Verkehrs kam sie flüssig durch und parkte das Auto in einem nahegelegenen Parkhaus. Es war halb elf, sie konnte in Ruhe in Richtung Institut laufen; ein moderner Gebäudekomplex. Julian hatte ihr beschrieben, wie sie den Saal finden würde. Einige Studenten tummelten sich dort, unterhielten sich angeregt und diskutierten fachmännisch.
»Aber ehrlich«, hörte sie eine große Studentin mit strohblondem Haar tönen, »was meint ihr zum ›Modell der Big Five‹? Es verfolgt doch den lexikalischen Ansatz, dem die Annahme zugrunde liegt, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen.«
Du lieber Himmel! Über was heute junge Leute sprachen! Sie verstand nur Bahnhof. Ein Student neben der jungen Frau, augenscheinlich indischer Abstammung, versuchte, mit ihr standzuhalten.
»Der ›Big Five-Ansatz‹ ist in den vergangenen Jahrzehnten oft repliziert worden und akzeptiert«, ergänzte er mit starkem Akzent. Die Große sah ihn anerkennend an und nickte.
»Ob wieder Herr Liebmann die Vorlesung hält oder der Prof?«, warf die Studentin in die Runde ein.
»Ich denke, der Liebmann. Er soll wohl promovieren. Wenn er die Vorlesung hält, kapiere ich auch was«, entgegnete ein anderer Student und erntete von den Umstehenden Zustimmung.
Sehr interessant. Silke stand abseits, niemand beachtete sie.
Als sie von der Toilette zurückkam, füllte sich der Saal und Julian stand am Pult. Seine Haut war fleckig, er war aufgeregt. Sie winkte ihm kurz zu und setzte sich in eine der hinteren Reihen. Der Professor tauschte mit Julian den Platz und begab sich an das Pult.
»Wollen wir beginnen, liebe Studentinnen und Studenten«, rief er in den Saal. Die Stimmen wurden leiser, bis es nach wenigen Sekunden völlig still war.
»Es freut mich, Sie so zahlreich hier begrüßen zu dürfen, und ebenso freue ich mich, dass Herr Liebmann diese Vorlesung hält. Wer regelmäßig an den Vorlesungen teilnimmt, dürfte ihn kennen, wer nicht, hat Pech.«
Ein Raunen ging durch die Menge.
»Herr Liebmann wird über ›Psychologische Diagnostik‹ sprechen. Bitte schön.«
Mit einer Geste bat der Professor Julian ans Pult.
Dieser begann die Vorlesung mit den Worten:
»Heute ist meine Mutter da, also muss ich mich benehmen.«
Damit hatte er die Humorvollen unter den Studenten auf seiner Seite. Alle sahen sich um und erkannten sie schnell als seine Mutter; sie war neben dem Professor die Älteste im Saal und bemerkte, wie der Prof erstaunt zu ihr, noch verblüffter aber zu Julian blickte. Ihr Sohn rückte seine Brille zurecht.
»Psychische Merkmale und Zustände lassen sich nicht genauso messen wie Länge und Masse. Deshalb werden Sie in Ihrem Studium lernen, Erleben und Verhalten zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und zu verändern. Sie werden lernen, wie Sie solche Erfahrungsdaten mit unterschiedlichen diagnostischen Verfahren und Methoden sammeln können, zum Beispiel mit Tests zur Erfassung der Intelligenz oder Konzentrationsfähigkeit, oder mit Persönlichkeitsfragebögen, mithilfe von Interviews, durch Beobachtungssysteme, aber auch durch apparative Verfahren zur Messung der Hautleitfähigkeit oder der Aktivierung bestimmter Hirnareale. In der Psychologischen Diagnostik sind zahlreiche Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, beispielsweise Rechtsvorschriften und ethische Richtlinien, die man kennen muss. Ich beginne heute mit einem Beispielfall.«
Julian sprach flüssig, keineswegs monoton und vollkommen überzeugt von dem, was er sagte. Das verlieh seiner Ausstrahlung Autorität. Diese Seite war ihr an ihm noch nie aufgefallen. Dazu kam ein eigener Charme, den er in seinen weiteren Ausführungen spielen ließ, eine Mischung aus Zurückhaltung, Selbstbewusstsein, Witz und Selbstironie. Es wurde Zeit, ihren Sohn als Mann wahrzunehmen und diese neuen Facetten kennenzulernen. Einiges verstand sie, vieles auch nicht. Julian schmiss mit Fachbegriffen nur so um sich und die Studenten schienen sehr aufmerksam zuzuhören. Manchmal stellte ein Student eine Frage, etwa:
»Wofür braucht man das Gelernte im späteren Berufsalltag?«
Julian erklärte es ihm und meinte am Ende:
»Vielleicht sind Sie eines Tages derjenige, der darüber entscheidet, wer besser keinen Führerschein mehr erhalten sollte. Hauptsache, Sie kennen mich dann nicht mehr.«
Wieder war die Antwort der Studenten lautes Lachen. Am Ende der Vorlesung verabschiedete er sich:
»Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie gern auf mich zu« und ergänzte verschmitzt lächelnd:
»Ich bin immer bereit für bedeutungsvolle soziale Interaktionen.«
Dem Lachen der Studenten folgte ein langes Klopfen und begeisterte Zurufe.
Dann leerte sich der Saal, bis auf Julian und den Professor. Silke blieb sitzen und konnte kaum fassen, was sie gerade erlebt hatte. Julian winkte sie zu sich. Langsam stieg sie die Treppe hinab.
»Na, hat es dir gefallen?«
»Ich habe wahrscheinlich nur fünfundzwanzig Prozent verstanden, aber es hat mir gefallen.«
Der Professor lachte.
»Herr Professor Steiner, das ist meine Mutter«, er sah zu Silke, »Mama, das ist Professor Steiner, mein Mentor.« Sie reichte ihm die Hand. Jetzt konnte sie ihn näher betrachten. Was für ein charismatischer Herr! Von Schönheit im herkömmlichen Sinn konnte keine Rede sein. Seine große gebogene Nase erinnerte sie an den Schnabel eines Adlers. Er trug eine sehr starke Brille, durch die sie strahlend blaue Augen aufmerksam ansahen. Seine Gesamterscheinung war umwerfend.
»Du hast mir nie erzählt, solch eine hübsche Mutter zu haben, Julian.«
Sie duzten sich also bereits.
»Nein, das habe ich nicht. Stell dir vor, ich hätte dir von meiner Mutter vorgeschwärmt … in welche Persönlichkeitsstruktur hättest du mich gesteckt?«
Der Professor lachte auf und klopfte Julian freundschaftlich auf die Schulter.
Am Abend gingen Julian und sie gemeinsam essen. Er machte einen gelösten Eindruck, war deutlich aufgeblüht und gesprächiger als sonst.
»Julia hat sich gemeldet«, erzählte er strahlend.
»Wir wollen uns nächste Woche treffen und tanzen gehen.«
»Das ist ja toll! Ich freue mich!«
»Ich bin jetzt schon aufgeregt. Sie hat mich umgehauen. Wenn ich bisher von Schmetterlingen im Bauch hörte, dachte ich, es sei eine Mär. Ist es aber nicht. Bei mir fliegen Raumschiffe durch den Bauch.«
Silke lachte und legte ihre Hand auf seine.
»Alles wird so, wie du es dir wünschst, glaub deiner alten Mutter.«
»Nun hör aber auf. ›Alte‹ Mutter … Sagst du das, um Komplimente zu fischen?«, neckte er sie.
»Von meinem Sohn? Nein, eher nicht. Aber als ich heute deine Studentinnen sah, da fiel mir auf, dass ich alt werde. Es ist doch nichts Schlimmes, sondern der Lauf der Zeit.«
»Stimmt schon, aber du siehst fantastisch aus. Niemand wird dir in zwei Monaten die fünfzig abnehmen. Julia schwärmt regelrecht von dir!«
»Sie schwärmt von mir? Sie sollte von dir schwärmen«, lachte Silke.
»Mal sehen. Sie ist Lehrerin, ich bin Psychologe. Das könnte sehr spannend werden.«
»Das ist wahr. Aber besser spannend als langweilig, mein Sohn.«
Der Abend ging dem Ende zu. Nur noch ein Tag, übermorgen würde sie abreisen. Und sie hatte begonnen, ihren Sohn neu kennenzulernen.
Als sie am folgenden Morgen erwachte, wusste sie es. Sie wollte zum Grab von Martina gehen. Seit ihrem Tod war sie nie da gewesen. Ihren Kolibri trug sie im Herzen; sie sah Martina im Spiegel. An einem Grab zu stehen, das wollte sie nie. Ihr reichte Harrys Grab, das sie nie verließ, ohne zu weinen.
Martina war auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beerdigt. Ungefähr wusste sie noch, wo es sich befand. Es gibt Momente im Leben, in denen man entweder nichts um sich herum wahrnimmt oder jede Einzelheit. An jenem sonnigen Tag hatte sie alles registriert. Sie gelangte über die B 1 nach Zehlendorf und kam nach fünfzehn Minuten am Friedhof an. Heute hätte sie sich gewünscht, etwas länger fahren zu müssen. Sie wollte sich mental vorbereiten. Wie würde das Grab aussehen? Ob Ralf es regelmäßig pflegte – oder seine Eltern? Wie ging es ihm und wo wohnte er jetzt? Hatte er eine neue Partnerin gefunden? So viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf, für die sie Zeit gebraucht hätte. Doch sie hatte sich spontan entschieden und musste da jetzt durch. Ihr Herzschlag beruhigte sich, als sie langsamen Schrittes die Wege entlangging, die sie acht Jahre zuvor gegangen war, um Martina die letzte Ehre zu erweisen. Da wusste sie noch nicht, dass sie ihrer Freundin im Badezimmerspiegel begegnen würde. Sie hatte geglaubt, ihren Engel nie wiederzusehen. Vielleicht war sie deshalb gerade ruhiger, als sie es für möglich gehalten hätte. Nach einigen Minuten auf diesem Weg schreitend, setzte sie sich auf eine Bank. Erinnerungen durchströmten sie.
Rückblick
Martina war der Semmelpilz. Wir waren zusammen so oft Pilze sammeln, dass wir uns als Fünfzehnjährige diese Spitznamen füreinander ausdachten. Sie, die Blonde, ich die Brünette. Wir waren nicht immer Freundinnen gewesen. In der Schule hatten wir uns eher gemieden. Martina, die Kecke, konnte mit mir, dem Mauerblümchen, erst nichts anfangen. Ich bewunderte sie, mied sie aber.
Bis zu jenem Tag in der siebten Klasse, als sie mich mithilfe von Sabine vor den bösen Jungs beschützte.
Wir wurden Freundinnen und schworen einander ewige Treue. Für uns gab es keinen Zweifel daran, dass wir später auf einer Parkbank sitzen und uns täglich Geschichten aus unserem Leben erzählen würden. Es würde nie langweilig werden und das Älterwerden sollte uns nichts anhaben, sondern unsere Schönheit noch durch die Ausstrahlung von Erfahrung unterstreichen. Nie wollten wir vergessen, wie toll das Leben war. Die Gegenwart würden wir als Geschenk betrachten, um die Vergangenheit zu würdigen und der Zukunft einen eigenen Namen zu geben, unseren Namen.
»Das Leben wird auf uns warten wie ein ungeduldiger Geliebter«, hatte Martina in ungewohntem Pathos gemeint.
»Okay, mein lieber Semmelpilz, so wird es werden. Ein verschrumpelter Semmelpilz und vertrockneter Braunedel. Was für eine Vorstellung!«
Ich kicherte und gab ihr einen Schmatzer auf die Stirn.
»Schimmelpilz und Weißedel sind wir dann wohl eher!«, antwortete Martina und wir lachten in unsere Zukunft hinein.
Nun saß sie allein auf der Bank, einer Friedhofsbank. Ohne Martina. Sie ließ ihre Tränen laufen und achtete auf nichts um sich herum. Carola hatte gesagt, sie solle weinen. Frau Schröder würde sie in den Arm nehmen und streicheln, bis ihre Tränen versiegt wären. Doch auch allein zu weinen hatte in diesem Augenblick seinen Sinn.
Einige Minuten später erhob sich Silke und ging den Weg langsam weiter, den sie in Erinnerung hatte. Sie besann sich – es war ein heller Marmorstein mit bronzefarbener Schrift und einer Rose, die über den Stein hinausragte. Ralf hatte ihr noch ein Foto geschickt, bevor sie ihn aus den Augen verlor. Es dauerte nicht lange und sie stand vor dem Grab.
»Martina Severin, geb. Köhler
geb. am 8. August 1969,
gestorben am 9. September 2011
Wo du sein wirst, werden Rosen blühen,
es wird Gold regnen,
die Grillen werden das Geschrei der Raben übertönen
und Trauerweiden ihre Zweige heben.«
Ralf hatte jene poetischen Worte als Aufschrift gewählt, die er zu Martina am Krankenbett gesagt hatte, als sie ihm von ihrem Traum erzählte. Sie hatte vom Tod geträumt. Später hatte sie auch mit Silke darüber gesprochen und Ralfs Worte wiederholt.
Das Grab war liebevoll gestaltet. Man sah, dass sich hier jemand mit Hingabe um die Pflege kümmerte. Frische Blumen leuchteten bunt, eine Kerze brannte und um sie herum standen fünf Herzen, die auf Stielen in der Erde befestigt waren. Silke schloss die Augen. So hatte sie es sich vorgestellt.
»Mein Kolibri, heute bin ich hier, nach so langer Zeit. Dabei sehen wir uns so oft«, lächelte Silke mit tränenverschleierten Augen und schickte sich an, sich umzudrehen, um nach einem Behälter und Wasser für ihre Blumen zu suchen.
»Silke?« Eine Männerstimme. Sie drehte sich erschrocken um. Da stand er.
»Ralf!«
Mehr brachte sie nicht heraus. Es war auch nicht nötig. Spontan umarmte er sie.
»Es ist so schön, dich wiederzusehen.«
Seine Stimme war unverändert klar. Doch von dem einst schönen und muskulösen Traummann war nichts mehr übrig. Er hatte deutlich an Gewicht verloren, seine Wangen waren eingefallen, sein Haar nicht mehr schwarz, sondern fast vollständig weiß. Nicht nur der Zahn der Zeit hatte an ihm genagt, auch der unübersehbare Schmerz.
»Erschrocken?«, fragte er. Es gab Momente im Leben, da musste man schweigen.
»Ich freue mich auch so sehr, dich zu sehen. Ich habe dich nie vergessen, wir haben uns einfach verloren«, sagte sie leise.
Er schüttelte den Kopf.
»Ich wollte keinen Kontakt, zu niemandem, der Martina kannte, und erst recht nicht zu dir, die so eng mit ihr befreundet war. Ich konnte nicht den Schmerz anderer auch noch sehen. Mein eigener hat mich fast von innen aufgefressen, wie du siehst.«
Silke verstand. Jetzt verstand sie.
»Wo ist dein Mann – oder bist du allein in Berlin?«, fragte Ralf. Verdutzt sah sie ihm in die trüb gewordenen Augen.
»Ralf, Harry ist vor vielen Jahren verstorben.«
Er schloss die Augen und schüttelte langsam den Kopf.
»Wenn es einen Gott gibt, warum nimmt er sich zuerst die Besten? Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht?«
Natürlich hatte sie.
»Simba fragt seinen Vater Mufasa: ›Vater, warum sterben die tollsten Leute immer zuerst?‹ Da antwortet der Vater: ›Wenn du auf einer Wiese voller Blumen bist, welche reißt du zuerst ab?‹«
Ralf lächelte. »Ich kenne es. Es ist aus ›König der Löwen‹. Martina liebte es. Aber, Silke, das ist ein Trickfilm. Ich sprach von Gott! Während meiner Therapie hatte ich mich viel damit beschäftigt und mit einem Pastor gesprochen. Und da, ja, da habe ich alles verstanden. Gott entscheidet das nicht. Die Tragödien kommen vom Teufel, der uns in die gottferne Verzweiflung treiben will. Die paar Jahre oder Jahrzehnte hier unten in unserer vergänglichen Hülle sind ein Nichts in Relation zu dem, was auf uns wartet: Der Himmel, die herrlich paradiesische Gemeinschaft mit Gott. Und das für alle Zeit. Die Ewigkeit hat kein Ende.«
Ralf hob theatralisch die Hände und wandte sein Gesicht mit geschlossenen Augen dem Himmel zu. Silke beobachtete ihn fassungslos. Jetzt starrte er sie mit weit aufgerissenen Augen an. Was war mit diesem Mann nur geschehen? Was redete er nur für wirres Zeug? Vor allem: wie? Sie schwieg. Sie hatte nicht das Recht, seine Ansichten zu kritisieren. Seine Jahre und seinen Schmerz hatte sie nicht gelebt. Mit einem lauten Lachen riss Ralf sie aus ihren Gedanken, griff Silke am Arm und schüttelte sie, während er mit erhobener Stimme weitersprach:
»Weil wir dadurch lernen können, ihm, unserem himmlischen Vater, unserem Schöpfer, zu vertrauen. Er möchte, dass wir ihn an erste Stelle setzen. Unsere Lieben sehen wir einige Jahre, Gott sehen wir in Ewigkeit, wenn wir selbst sterben und zu Jesus gehen. Verstehst du, Silke? Es ist alles ganz einfach!«
Er lachte irre. Jetzt konnte sie es sehen. Stand er unter Drogen? Seine Pupillen waren geweitet. Das war nicht mehr Martinas Ralf. Es war ein anderer. Ein Mensch, der versuchte, eine Lösung zu finden, um zu verstehen, um einfach weiterzuleben. Ralf hatte den Faden verloren, den Martina immer in der Hand gehalten hatte.
»Ralf, ich muss jetzt nach einem Behälter und …«
Weiter kam sie nicht.
»Natürlich, aber ja!«
Wieder hob er seine Hände pathetisch und ging dann in seltsam ungelenken Schritten vor ihr her. Silke versuchte, nicht zu weinen. Sie spürte, wie sich ihr Brustkorb zusammenzog.
Nachdem die Blumen auf Martinas Grab einen würdigen Platz gefunden hatten, gab sie Ralf ihre Telefonnummer und Anschrift.
»Es wäre vielleicht schön, wenn wir uns nicht wieder verlieren würden. Was meinst du?«
»Wir werden uns nie verlieren, Martina. Niemals. Der Herr wacht über uns.«
»Martina« sagte er und verdrehte dabei seine Augen. Silke umarmte ihn und rannte panisch vom Friedhof.
Wie sie in die Pension gelangt war, wusste sie nicht. Auch nicht, wie viele Stunden seit ihrer Rückkehr vergangen waren. Erst durch ein Klopfen an der Tür schrak sie vom Bett auf.
»Mama?« Julian! Erschöpft rief sie »herein« und versuchte, sich aufzurichten. Ihr Sohn kam drei Schritte ins Zimmer herein und blieb abrupt stehen.
»Mama? Was ist passiert?«, rief er und eilte zu Silke, die mit zerzaustem Haar und verweinten Augen zu ihm hin sah. Und wieder. Ein Sturzbach von Tränen brach aus ihr heraus. Julian hielt seine Mutter im Arm. Erst als sie sich etwas beruhigt hatte, konnte sie schluchzend von ihrer Begegnung mit Ralf erzählen.
»Er ist abgestürzt«, schlussfolgerte ihr Sohn. Sie nickte.
»Mama, ich möchte das nicht psychologisch analysieren. Vielleicht wäre dazu ein anderes Mal der rechte Augenblick, nicht jetzt. Wichtig ist, dass du das verdaust, dass es dir besser geht.« Sie nickte.
»Wie soll ich das nur Martina erklären?«
Als Julian sie beunruhigt ansah, wurde ihr bewusst, was sie gesagt hatte.
»Wie meinst du das, Mama?«
»Manchmal sehe ich sie eben, im Badezimmerspiegel. Deinen Papa auch«, antwortete sie schluchzend. Es war gesagt. Julian biss sich auf die Unterlippe.
»Okay, Mama, halten wir mal eins fest: Du bist ein Glückspilz. Weißt du das überhaupt?«
Keine psychologische Predigt, keine Kritik oder etwa die Bitte, dass sie sich an einen Psychologen wenden sollte. Julian lächelte versonnen.
»Wenn ich dich besuche, darf ich dann mal … in deinen Spiegel sehen?«, fragte er. Und weinte. Einfach so. Mitten in seinem Leben. Endlich.
Zwei Stunden später, erschöpft vom gemeinsamen Weinen, entschlossen sie sich, aufzubrechen und den Tag mit anderen Eindrücken abzuschließen. Sie sahen sich die Alte Galerie an, schlenderten durch Parkanlagen, unterhielten sich lange und viel und gingen essen. Julian war wie ausgewechselt. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich wiedergefunden hatten, Mutter und Sohn. Und Berlin hatte es ihr angetan. Sie wollte bald wiederkommen.
»Das nächste Mal bin ich dran«, meinte Julian zum Abschied.
»Apfelkuchen und Nudelsalat?«
»Logisch!« Er umarmte sie fest und flüsterte:
»Putz den Spiegel, bevor ich komme!«, zwinkerte ihr zu und küsste sie herzhaft auf die Wangen.
»Vielleicht kommst du nicht allein?«
»Vielleicht.«
Das war ein Anfang.
13. Kapitel
Carola und »Anastasias Kolibri«
»Dieser Brief, meine Silke, wird Ihnen eines Tages Kraft geben. Ich weiß es.«
Lydia Schröder
Nach ihrer Rückkehr versuchte Silke drei Tage lang Carola zu erreichen. Aber ihr Handy schien ausgeschaltet zu sein. Was war nur los? Langsam wurde sie unruhig und dachte zurück. In den ersten zwei Tagen ihres Aufenthalts in Berlin hatte sie sich mit Carola noch über WhatsApp ausgetauscht und ihr Bilder vom Alexanderplatz, von Julian und sich geschickt. Sie sah auf ihr Smartphone, um sich zu vergewissern. Caro hatte darauf noch am zweiten, dem Regentag, geantwortet. Am dritten Tag hatte Silke ihr wieder Fotos und liebe Grüße geschickt, am vierten Tag ein paar Bilder vom Ballhaus und das Foto, das Julia von ihr und ihrem Sohn geschossen hatte. Die Nachricht war gelesen worden, aber es kam keine Antwort. Na und? Caro war nicht ihr Eigentum. Jeder hatte die Freiheit, sein Smartphone auszuschalten. Oder ihr Handy war einfach nur kaputt, das konnte ja schließlich vorkommen! Wenn nur dieses flaue Bauchgefühl nicht wäre!
Die Koffer waren längst ausgepackt, die Wäsche gewaschen und noch hatte sie Urlaub. Am Freitagmorgen sah sie wie so oft aus dem Fenster, während die Kaffeemaschine lief. Inzwischen hatte der Herbst die Bühne betreten. Sie freute sich schon darauf, wenn sie mit den Füßen durch das Laub rascheln oder die schönsten farbigen Blätter sammeln und wenn sie endlich ohne Fliegenklatsche durch ihr Haus gehen konnte. Doch immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Caro. Spontan entschlossen zog sie sich nach dem Frühstück an und fuhr mit ihrem Auto zu »Fortunas Licht«. Mit einem seltsam alarmierenden Gefühl in der Magengrube stieg sie aus und setzte Schritt für Schritt wie im Zeitlupentempo in Richtung Haus. Still war es, sehr still. Wie … nein. Sie musste die Nerven bewahren. Schließlich hatte man noch Vormittag, der Betrieb begann erst am frühen Abend. Auf ihr Klingeln hin musste sie ziemlich lange warten, bis sich die Tür öffnete. Carolas hübsche Tochter erschien mit einer schwarzen Jeans und einem schwarzen Shirt. Das Haar lag wie ein Kranz um ihr Gesicht. Sie war so blass, dass Silke zurückschrak.
»Ja?«, fragte sie und rieb sich die Augen, die von dunklen Schatten umrandet waren.
»Ich bin Silke, erinnerst du dich an mich? Ich bin mit deiner Mutter über WhatsApp in Kontakt, kann sie aber seit Tagen nicht erreichen.«
Die Tochter winkte sie herein und bat sie, sich in der leeren Gaststube zu setzen.
»Kaffee?«
»Ja, gern.«
Sie könnte doch nun wirklich Carola rufen, immerhin wohnt sie nur einen Treppenaufgang entfernt!, dachte Silke und hämmerte sich diesen Satz ein: Gleich kommt Caro die Treppe runter, verrückt, herzlich und in ihrer bequemen Hose, einem sportlichen Shirt und ungeschminkt, wie sie am besten aussah. Sie starrte zur Tür. Sie wird kreischen vor Freude, ich werde mit ihr kreischen, wir werden uns herzen und verdammt noch Mal echte Freundinnen werden. Ganz genau so! Silke starrte zur Tür. Doch dieses leere Gefühl in ihrem Magen, obwohl sie gefrühstückt hatte, konnte sie nicht ignorieren. Wie damals, in ihrem Schlafzimmer, war hier die Stille anders als sonst. Die Tochter bereitete zwei Kaffees zu und setzte sich zu Silke, sah ihr lange in die Augen und senkte dann traurig den Blick.
»Mutti ist vor zwei Tagen verstorben.«
Es brauchte keiner Worte mehr. Die Tränen konnte Silke nur mit Mühe zurückhalten. Sie sollten später kommen.
»Sie fühlte sich schon seit Wochen nicht wohl, weigerte sich aber, wieder ins Krankenhaus zu gehen. ›Mit diesen Chemos machen die mich noch mehr kaputt, als der Krebs es tut‹, behauptete sie. ›Wenn ich sterben soll, dann will ich das hier, zu Hause tun. Bei meinen Lieben!‹ Sie verbot mir, den Arzt zu rufen. Mein Mann meinte, ein Mensch würde spüren, wann es unwiderruflich dem Ende zugeht. Er bettelte mich an, meiner Mutti das Recht einzuräumen, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Vorgestern rief sie uns zu sich und wir hielten ihre Hand. Sie ist friedlich eingeschlafen.«
Die Tochter begann zu weinen. Silke umarmte sie und hielt sie fest, wiegte sie wie ein Blatt im sanften Wind. Als sie sich lösten, war der Kaffee schon kalt und Silkes Augen noch immer trocken. Die Tränen schlummerten in ihrem Herzen. Sie spürte es, wenn sich ihr Brustkorb zusammenzuziehen schien, wenn ihr Herzschlag sich beschleunigte und ihre Augen brannten. Zum Abschied übergab die Tochter ihr einen Brief.
»Für mich?«, stutzte Silke.
»Ja, für dich. Mutti sagte: ›Das ist auch so eine liebe Verrückte, gib ihr den Brief.‹ Du weißt ja, wie sie ist. War.«
Silke nickte. Sie wusste, was Carolas Tochter gerade durchmachte.
»Darf ich zur Beerdigung kommen?«
»Natürlich, warum fragst du das? Gib mir deine Nummer und ich schreibe dir den Termin, sobald wir ihn kennen.«
Sie tauschten ihre Nummern aus und Silke ging zitternd hinaus. Wie sie nach Hause gekommen war, wusste sie später nicht mehr. Nur, dass dieser Schmerz von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Ein Schmerz, den sie kannte.
»Liebe Silke,
jetzt scheint es bald so weit zu sein, dass ich mich von meinem Leben verabschieden muss. Ich hatte es nicht geschafft, den Krebs für immer zu besiegen. Er kam wieder. Ich habe ihn dann einfach an der Hand genommen und gesagt: ›Wie ich sehe, kannst du nicht von mir lassen. Ich scheine ja sehr interessant zu sein. Gut, dann gehen wir gemeinsam den Weg bis zum Ende.‹ Ich mochte es noch nie, wenn die Leute sagten: ›Kämpfe gegen den Krebs.‹ Warum sollte ich gegen etwas kämpfen, was in meinem, ja, in meinem Körper ist und sich dort zu Hause fühlt? Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt, dass ich gern noch weiterleben möchte und er sich überlegen sollte, ob er nicht noch warten könnte. Oder ob er nicht noch ein wenig außerhalb meines Körpers spazieren gehen möchte. Aber offenbar hat er an mir einen Narren gefressen.
Lächelst Du jetzt? Ich würde es mir so sehr wünschen, dass Du ins Leben strahlst. Und ich hätte Dich so gern näher kennengelernt. Du bist etwas Besonderes: wie ich ein bisschen irre, eine liebe Seele und eine ehrliche Haut (na gut, bis auf … Du weißt schon). Ja, ich weiß, dass Du mich anfangs nicht leiden konntest. Bitte mach Dir deshalb keine Vorwürfe!
Gerne hätte ich noch erlebt, wie mein Enkelkind geboren wird, denn meine Tochter ist im dritten Monat schwanger. Aber leider ist mir das nicht vergönnt. Dafür glaube ich ganz fest daran, dass es irgendwas nach dem Tod gibt und ich Euch alle sehen kann. Nicht so wie jetzt. Anders, aber nicht weniger schön.
Meine Liebe, bitte genieße Dein Leben. Vielleicht siehst Du mich auch mal in Deinem Badezimmerspiegel? Es würde mich freuen. Aber nicht so lange, Du weißt, warum.
Mach’s gut!
Deine Caro
PS: Wäre der Brief ein Smartphone, würde ich ein ordentliches Herz schicken. So male ich Dir eins, schief und bucklig, aber dieses Herz kommt von Herzen.«
Unter dem Brief leuchtete ein rotes Herz, das nur mit Mühe als solches erkennbar war. Und gerade das brachte Silke aus der Fassung. Sie ließ den Brief sinken und verkroch sich in ihrem Wohnzimmer, schloss die Fenster, ließ die Jalousien runter und weinte. Manchmal leise, manchmal so laut, dass die eigenen Ohren schmerzten.
Am Samstagmorgen klingelte es an ihrer Haustür. Wer sollte das sein? Im Schlafanzug und nach tränenreicher Nacht, mit verweinten Augen, die Haare noch ungekämmt, öffnete sie vorsichtig die Tür. Frau Schröder.
»Hallo, Silke, was ist passiert?«, kam sie sofort zur Sache. Silke sah zu Boden und begann wieder zu weinen.
»Caro … sie ist …«
»Lassen Sie die Tür auf, ich komme gleich wieder«, flüsterte die alte Dame und kehrte kurz darauf mit ihrem Geschichtenbuch zurück. Sie setzten sich zusammen auf Silkes Couch.
»Sie ist einfach gestorben. Ich habe zu lange gewartet. Sie ist tot. Nicht mehr da. Wie Martina. Wie Harry. Weg. Einfach so …«, stammelte sie. Frau Schröder streichelte ihre Handfläche und nahm sie dann in den Arm. Die Nachbarin wiegte sie nun wie Silke tags zuvor Carolas Tochter. Silke löste sich kurz und übergab Frau Schröder den Brief, den sie gleich las. Und lächelte. Dieses weise Lächeln mit den weichen Lippen einer Mutter.
»Ein wunderschöner Brief, voller Liebe und Sehnsüchte. Carola war eine zauberhafte Person. Dieser Brief, meine Silke, wird Ihnen eines Tages Kraft geben. Ich weiß es.«
Wieder weinte Silke und wieder nahm Frau Schröder sie in den Arm.
»Soll ich Ihnen eine Geschichte vorlesen?«
»Ja«, flüsterte Silke und schnäuzte sich.
»Legen Sie sich hin, machen Sie es sich bequem.«
Sie griff nach einer Wolldecke auf der Couch und legte sie liebevoll über Silke.
»Wissen Sie, ich wollte meine Geschichten immer veröffentlichen, ließ dann aber davon ab. Manches sollte man nur Menschen zeigen, die verstehen. In dieser Geschichte geht es ums Loslassen, wenn auch auf andere Weise. Es geht um Leben und Vertrauen. Sie heißt ›Anastasias Kolibri‹.
Anastasia saß gedankenversunken an ihrem Schreibtisch und feilte an Worten. Es wollte ihr heute nicht so recht gelingen, ihrer Geschichte die nötigen Akzente zu setzen. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Emilio ab, der ihr Herz im Sturm erobert hatte und mit seinem italienischen Charme unglücklicherweise alle Frauen begeisterte. Es war schrecklich. Egal wo sie zusammen auftauchten, er zog die Menschen regelrecht in seinen Bann. Oft musste er kaum etwas dafür tun. Seine unglaubliche Aura verzauberte Frauen wortlos. Seine Augen strahlten wie meeresblaue Sterne. Mit seinem Schnurrbart wirkte er gediegen und gleichzeitig lustig. Er vereinte in sich all das, was die Menschen offenbar brauchten. Für Anastasia war das ein Dilemma. Emilio war zu allen, denen er im Alltag begegnete, freundlich und zuvorkommend.
Natürlich war er, ihrer Meinung nach, zu den jungen Frauen mit langen Haaren besonders freundlich. Da bekam sein Lächeln eine exquisite Note, eine eigenartige Süße zierte seinen Mund. Sie stand manchmal daneben und sah zu, wie die Frauen sein liebliches Lächeln mit Koketterie quittierten.
Anastasia fühlte sich in diesen Momenten unwohl und nicht selten hatte sie den Impuls, davonzulaufen. Es gab immer wieder Reibungspunkte zwischen ihnen und offenbar fühlte er sich mit ihrer ständigen Eifersucht überfordert. Sie führten eine sehr warmherzige, tiefgründige und enge Beziehung, wenn sie allein waren. So wollte sie das auch, denn die Vergangenheit hatte sie gelehrt, dass Oberflächlichkeiten ihr nichts gaben. Sie hatte gezwungenermaßen schon zu oft versucht, sich zu verbiegen. Nun war die Zeit gekommen, kein Bäumchen mehr zu bleiben, sondern ein Baum zu werden, über sich herauszuwachsen.
Da war die Autonomie, die ihr wichtig war, aber auch die Bedingungslosigkeit und das grenzenlose Vertrauen. Erst kürzlich schrieb sie eine Abhandlung darüber, wie weit in dieser sexuell offenen Gesellschaft eine tiefe Liebe noch Bestand haben konnte. Da kannte sie Emilio noch nicht. Ihr Lektor bemühte sich um Sachlichkeit, doch als sie ihre Arbeit in einem Café besprachen, schmunzelte er ein wenig zu oft, wie sie fand.
Heute schien sie ihre Eifersucht beinahe zu zerreißen und sie hasste diese negativen Gefühle, die sie überschwemmten und ihr keinen Raum ließen. Sie störten ihre Ruhe, ihre Kreativität und die innere Ordnung, die sie so mochte. Emilio hatte ihr in einem Streitgespräch einmal vorgeworfen, sie würde in einem Elfenbeinturm leben und ihre eigene Lebensphilosophie zu einem Dogma auswachsen lassen. So empfand sie das nicht. Einerseits versuchte Emilio stets, ihr zu zeigen, wie wichtig sie ihm war. Gleichzeitig aber schmierte er anderen Frauen Honig ums Maul, was sie ärgerte und beunruhigte.
So schloss sie sich in ihren Gedanken ein. Die Vorhänge waren nur leicht geöffnet. Es schimmerte gerade so viel Licht hindurch, wie sie zum Schreiben brauchte. Anastasia lehnte sich zurück und atmete tief durch. Doch so kam sie nicht weiter. Sie sehnte sich jetzt nach ihrem Lieblingsort, um die Natur zu genießen und Freiheit zu spüren. Wenn sie nur nicht so müde wäre …
Die Luft war warm, beinahe schwül. Mit Jacke, Decke und einer Wasserflasche spazierte sie in Richtung See. Es war ihr großes Glück, von so viel Natur umgeben zu sein, und sie freute sich auf ihr geliebtes Plätzchen. Schon nach zehn Minuten gelangte sie an den See. Im Sommer gingen die Anwohner der umliegenden Dörfer hier sogar baden. Anastasia blieb stehen und lauschte dem Gekreische aufgeregter Vögel. Es dauerte jedoch nicht lange und der Krach verstummte. Sie vernahm nur noch ein leises Summen im Schilf. Der sanfte Wind spielte mit den Blättern der Bäume. Die Stelle, an der sie immer saß, war nicht zu übersehen. Das Gras war plattgedrückt und in einen Radius von drei Metern von hohem Schilf umgeben. Man blickte gerade noch durch den dichten Bewuchs auf den See. Sie mochte ihre Oase, ihr kleines Rückzugsgebiet, ihre heimliche Idylle.
Anastasia hockte sich hin. Der laue Wind spielte mit ihrem Haar. Fast andächtig legte sie die Decke auf den Platz mitten im Schilf und streckte sich genüsslich darauf aus. Die Jacke knüllte sie zusammen und schob sie unter ihren Kopf. Sie schloss die Augen und dämmerte vor sich hin. Neue Ideen für ihre Geschichte keimten in ihr, als sie es ganz nahe zwitschern hörte. Anastasia öffnete erst ein Auge, dann das andere und glaubte kaum, was sie sah. Ein Kolibri sah sie mit großen Augen an und zwitscherte so entzückend, dass sie kaum zu atmen wagte. Dieser kleine wunderschöne Vogel schwirrte tatsächlich unmittelbar vor ihrer Hand auf und ab.
Er bewegte seine Flügel kaum hörbar und doch unglaublich schnell.
»Was machst du denn hier, du kleiner Schöner?«, flüsterte sie und bewegte sich noch immer nicht. Dann geschah das Unglaubliche. Der Kolibri hüpfte mit einem kleinen Satz auf ihre Hand und rieb seinen Schnabel an ihrem Finger.
Irgendwann muss ich mich ja mal bewegen, dachte sie und flüsterte wieder leise: »Du bist ja ein sehr zutrauliches Vögelchen!«
Unbeirrt zwitscherte das Vögelchen weiter. Ab und an sah es zu ihr auf. Anastasia schüttelte tief bewegt den Kopf und glaubte zu träumen.
Der Kolibri hatte wunderschönes Gefieder. Es glänzte beinahe metallisch grün und an seinem Kopf, der Kehle und Brust waren die irisierenden Farben kaum zu unterscheiden. Solch einen wunderschönen Vogel hatte Anastasia noch nie gesehen.
Es dauerte lange, ehe der Kolibri sich mit einem leichten Flügelschlag erhob und davonflog. Anastasia drückte die Tränen weg, die in ihren Augenwinkeln hockten. So etwas Wunderbares hatte sie noch nie erlebt. Ihre Glieder fühlten sich von der langen Bewegungslosigkeit steif an und sie bewegte sich vorsichtig, um ihren Körper wieder zu beleben. Eine Stunde lag sie noch auf ihrem Lieblingsplatz und dachte über das zahme Vögelchen nach. Zwischendurch nickte sie ein wenig ein, während die Sonne auf dem See in einem Lichtspiegel zu versinken schien.
Am nächsten Tag konnte sie nichts mehr halten. Sie achtete darauf, zur selben Zeit wie am Vortag am See zu sein und ließ sich bei ihrem Lieblingsplatz nieder. Es dauerte nicht lange und der Kolibri nahm wieder auf ihrer Hand Platz. Er rieb possierlich sein Schnäbelchen an ihrem Zeigefinger.
Heute sprach sie mit ihm etwas lauter und bewegte sich auch ein wenig. Wenn sie sprach, stand der Schnabel des Kolibris still. Kaum schwieg sie, zwitscherte er wieder munter los. Es schien, als ob der Vogel ihr antwortete. Er bewegte sein niedliches Köpfchen auf und ab. Anastasia lachte darüber und imitierte ihn.
So traf sie ihren kleinen Freund jeden Tag. Immer wieder flog er auf ihren Finger und nach einer gewissen Zeit wieder davon.
Sie fühlte sich glücklich und war regelrecht vernarrt in ihren gefiederten Freund. Als er begann, immer zutraulicher zu werden, betrachtete sie seine Zunge. Sie war extrem lang und wenn das Vögelchen begann, mit ihrem Finger sprechen zu wollen, streckte er sie weit heraus.
An den Abenden dachte sie kaum noch an ihre Beziehungsprobleme. Emilio war in ihren Gedanken gegenwärtig, aber nicht mehr mit dieser negativ besetzten Rolle des Frauenjägers. Bereits nach dem zweiten Tag gab sie ihrem Kolibrifreund den Namen »Kolimein« und sie wünschte sich inständig, malen zu können. Sie würde Kolimein auf Leinwand malen und die Stimmung des Vertrauten zwischen ihr und ihm einfangen.
Die Zeit spielte auf dem Bild keine Rolle, auch nicht der Nieselregen, der sie am Vortag zu vertreiben drohte. Das Bild wäre wunderschön und sie malte es in ihrer Fantasie. Die Zuneigung, die ihr dieser kleine Vogel so völlig unerwartet schenkte, machte sie weich. Es gab keinen Tag, an dem sie befürchtete, er käme nicht wieder.
Das Wetter schlug um, der Wind wirbelte bereits erste Blätter durch die Luft. Immer wieder regnete es, die Luft wurde kühler und dunkle Wolken hingen über dem Dorf. Das machte Anastasia unruhig, denn die erfüllende Zeit mit Kolimein neigte sich ebenso wie der Sommer ihrem Ende zu. Die Trauer verschleierte ihren Blick, das düstere Wetter verstärkte ihre trübe Stimmung.
Anastasia fasste einen Entschluss.
Sie fuhr in die Kleinstadt in ihrer Nähe und kaufte einen wunderschönen Käfig mit bunten Verzierungen am Rande der Einfassung. Dieser Käfig war ein Einzelstück, sie trug ihn stolz und behutsam nach Hause. Das Unikat war genau richtig für ihr besonderes Vögelchen. Als die Zeit ihres Treffpunktes näher rückte, konnte sie es kaum erwarten.
Wie jeden Tag lief sie voller Erwartungen zu ihrem Treffpunkt. Kaum setzte sie sich, eingepackt in eine warme Jacke, auf ihre flachgedrückte Stelle, flog auch schon ihr geliebter Kolimein auf ihren Finger. Sie lachte und wie schon seit einigen Tagen machte sie einen Kussmund. Kolimein drückte sein Schnäbelchen sanft auf ihren Mund. Das war mittlerweile ihr Begrüßungskuss. Sie sprach mit ihm und er erzählte mit lustigem Gezwitscher seine eigenen Geschichten. Manchmal schien es ihr, als ob sich bei bestimmten Lichteinflüssen die Farbe des Kolibris veränderte. Sie war fasziniert von seiner Schönheit.
Die Zeit verging wie im Fluge. Kolimein saß noch immer auf der Innenfläche ihrer Hand. Anastasia bewegte langsam den Daumen, hielt damit seine kleinen Krallen fest, umfasste den bunten kleinen Körper mit der anderen Hand und steckte ihn behutsam in den Käfig. In diesem Moment verstummte Kolimein. Seine Augen schienen größer zu werden und dunkler.
»Jetzt müssen wir uns nicht trennen, mein geliebtes Vögelchen«, sagte Anastasia vergnügt und trat ihren Heimweg an.
Zu Hause angekommen, stellte sie den Käfig neben ihre Couch. Sie setzte sich, um ihren Freund weiter sehen zu können. Kolimein aber sah sie nicht mehr an. Er zwitscherte nicht mehr, verkroch sich auf der Sitzstange in die äußerste Ecke des Käfigs. Sein Köpfchen verbarg er in seinem Gefieder.
Nun gut, dachte Anastasia, er wird sich schon daran gewöhnen. Sie war so glücklich, mit ihrem Vögelchen für immer zusammen sein zu können, und pfiff fröhlich vor sich hin.
Am nächsten Morgen sah sie als Erstes nach Kolimein. Noch immer saß er in einer Ecke des Käfigs und blieb stumm. Er fraß nicht, er trank nicht, er zwitscherte nicht. Sie redete auf ihn ein:
»Mein süßes Vögelchen, was ist mit dir?«
Kolimein hob kurz den Kopf und sah sie an. Anastasia fröstelte. Sie verstand. Ihr fehlte das lustige Zwitschern ihres Freundes, seine Zuneigung und dieses wunderbare Gefühl von Zusammengehörigkeit und Vertrauen, welches sie in den vergangenen Wochen so beglückt hatte. Ihr fehlte das Leben in Kolimein. Selbst sein Gefieder wirkte jetzt matt und glanzlos.
So nahm sie den Käfig, lief mit ihm an ihren Lieblingsort und weinte bitterlich. Als sie ankam, bemerkte sie Bewegung im Käfig. Kolimein sprang auf und ab und sogar ein leises Zwitschern konnte sie vernehmen. Sie öffnete die Tür des Käfigs und setzte sich. Kolimein sprang in einem Satz aus der Tür hinaus und flog mit heftigem Flügelschlag davon. Dem schimmernden Grün seines Gefieders schaute sie hinterher, als er in den Wipfeln eines Baumes verschwand. Sie weinte Tränen der Scham. Wie konnte sie das Vertrauen des Kolibris missbrauchen, ihn fangen, ihm der Freiheit berauben, nur um ihn nicht zu verlieren?
In der Nacht schlief sie kaum und dachte nach. Ihr war schwer ums Herz, sie fühlte sich schlecht. Am folgenden Tag ging sie trotzdem wieder zur selben Zeit an ihren stillen Ort. Sie konnte es kaum glauben: Ihr Vögelchen kam freudig zwitschernd zu ihr und setzte sich wieder auf ihren Zeigefinger.
Anastasia weinte vor Glück.
»Entschuldige bitte, mein kleiner Freund. Ich war egoistisch und dumm. Ich habe dich so lieb, dass ich dich einsperren wollte. Doch nun weiß ich, dass du die Freiheit brauchst, um zu mir zurückzukehren.«
Sie hielt Kolimein ihren Mund hin und das Vögelchen verabschiedete sich mit einem Kuss.
»Bis zum nächsten Jahr, mein Schatz!«, rief sie ihm zu, als er sich in die Lüfte erhob. Zu Hause stellte Anastasia den leeren Käfig wieder neben ihre Couch.
Sie lag mit dem Kopf auf ihrem Schreibtisch. Anastasia stöhnte. Ihr Hals fühlte sich steif an. Langsam schlug sie die Augen auf. Dann hob sie vorsichtig den Kopf und bewegte ihn zum Auflockern hin und her. Sie war müde. Suchend blickte sie sich im Raum um. Es war inzwischen dunkel geworden. Die Straßenbeleuchtung warf einen schwachen Lichtstrahl durch ihre Vorhänge. Anastasia versuchte, ihre Umgebung in sich aufzunehmen. Sie ging bedächtig in ihr Wohnzimmer und suchte den Käfig mit den wunderschönen asiatischen Verzierungen an der Einfassung. Er war nicht auffindbar. Anastasia tastete nach dem Lichtschalter.
Die plötzliche Helligkeit blendete sie. Mit den Händen vor den Augen suchte sie erneut den Raum ab.
Ihre Wangen wurden feucht. Mit der Zunge schmeckte sie die salzigen, befreienden Tränen.
Anastasia nahm das Telefon und rief Emilio an.
Frau Schröder streichelte Silke sanft übers Haar.
»Woher wissen Sie …«, flüsterte Silke heiser. Frau Schröder sah sie fragend an. »Ich habe Martina ›Kolibri‹ genannt. Ich wollte meinen Kolibri nicht fliegen lassen.« Die alte Dame lächelte.
»Vielleicht sind wir enger miteinander verbunden, als es uns bewusst ist. Meine tapfere Silke. Sie werden Harry, Martina und Carola loslassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Jetzt aber dürfen Sie leben. Und denken Sie daran: Sie wollen einmal fliegen.«
»Mit Höhenangst?«, fragte sie schluchzend. Die alte Dame nickte.
»Wenn Sie sich vorstellen, was sein könnte, versäumen Sie, was ist.«
Auf ein Wort
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
bekanntlich steckt der Teufel im Detail. Frauen bestehen aus Details.
Sie können alles sein: liebenswert, zickig, boshaft, intrigant, tiefsinnig, leidenschaftlich – und sind für Männer nicht leicht zu durchschauen.
Manche von Ihnen haben vielleicht meinen ersten Roman »Ab 40 wird’s eng« gelesen, der 2019 bei BC Publications GmbH erschienen ist. Dort begann Silkes Geschichte und ich ahnte, für mich ist sie noch lange nicht vorüber. Als eine Rezensentin schrieb: »Wozu sind Fortsetzungen da?« wusste ich es sicher.
Alle Figuren sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Und doch: Es könnte sie alle geben, mitten unter uns. Im Leben.
Während meiner Recherchen für dieses Buch kam ich mit einigen Frauen zusammen, die mir von ihren Erfahrungen mit Singlebörsen und Dates berichteten oder mir von Partys erzählten. So manches Mal blieb mir der Mund offen stehen. Also denken Sie nur nicht, alles sei Fantasie. Machen Sie sich gern Gedanken.
An manchen Stellen tendierte ich absichtlich zur Übertreibung und zum Sarkasmus, indem ich in die Haut einer Figur schlüpfte und unsere Norm- und Werteorientierung hinterfragte.
Wichtig waren mir Menschen mit Ecken und Kanten sowie die Herausarbeitung psychologischer Details. Wer will schon von perfekt anmutenden Menschen lesen?
Ich hoffe, Ihnen hat dieser erste Teil meiner Trilogie gefallen und Sie sind schon neugierig auf die Fortsetzung. Hinterlassen Sie mir gern eine Rezension auf einschlägigen Seiten. Auch auf meiner Homepage freue ich mich über Ihren Besuch: sylvia-kling.net und sylvia-kling.de.
Bleiben Sie gesund und neugierig.
Ihre Sylvia Kling
Danksagung
Mein Dank gilt meinem Sohn Ferenc, der mich immer wieder ermunterte, auch in nicht so blumigen Zeiten zu schreiben und der sich über jeden Fortschritt zu freuen vermochte. Auch bedanke ich mich von ganzem Herzen bei meinen Testleserinnen Marion Bock/Berlin und Angelika Wittenbecher-Hennig/Dresden für ihre Anregungen und Hinweise, damit dieses Buch zu dem wurde, was es ist.
Wie wunderbar war es, den drei starken und humorvollen Frauen M. Weber, F. Kehrer und K. Lachmann zuzuhören – bei einem sächsischen Kaffee und einem Stück vorzüglich traditioneller Eierschecke in Dresden-Blasewitz, am bekannten Blauen Wunder. Danke, ihr Heldinnen, für eure Hilfe in Form der Zuarbeiten zu Chat-Inhalten und anderen Pfiffigkeiten. Heute mag ich es euch gestehen: Erst nach dem Ende des Romans konnte ich endlich darüber lachen und ich hoffe, ihr verübelt es mir nicht.
Einen Dank möchte ich ebenfalls meinem Verleger Burkhard Bierschenck aussprechen, der mich zu dieser Trilogie ermunterte und an meine Fähigkeiten glaubt.
Die Autorin

© Sylvia Kling
Sylvia Kling, geboren 1967 bei Dresden, drei Kinder, lebte 40 Jahre in Dresden und zog 2019 nach Meißen. Sie schreibt seit 1979 Gedichte, seit 2008 auch Erzählungen, Kurzgeschichten, Aphorismen sowie Liedtexte. In ihren poetisch-musikalischen Lesungen kann man Sylvia Kling nicht nur als Autorin und Lyrikerin, sondern auch als Sängerin und Entertainerin erleben.
Mit »Ab 40 wird’s eng« hat Sylvia Kling im Jahr 2019 ihren ersten Roman vorgelegt, in dem sie ihre Protagonistin auf einer frech-einfühlsamen Suche nach sich selbst begleitet.
Weitere Titel im Bookspot-Verlag

Leseprobe: Sylvia Kling »Ab 40 wird’s eng«
Der Beginn vom schaurigen Ende meiner Spätpubertät
Es war ein Tag wie jeder andere, so glaubte ich jedenfalls. Ich stand am Morgen auf und bereitete meinem achtjährigen Sohn Julian das Frühstück zu. Mein Mann Harry rief, wie jeden Morgen, den Kleinen: »Hey! Mach hin, es geht gleich los!« und lief im Korridor hin und her, um alle seine Utensilien einzusammeln. Ich gab meinem Mann ein Küsschen und auch Julian, der mich mit seinen wachen, lustigen Augen ansah und versuchte, seinen monströsen Schulranzen auf den kleinen Rücken zu wuchten. Ich schloss die Tür und sah am Küchenfenster, wie das Auto davonfuhr. Es war alles wie immer. Heute ging es mir gut und ich beschloss, den Tag nicht mit lästigen Hausarbeiten zu vergeuden, sondern ihn einzig und allein mir zu widmen. »Ich mache meine Haare schön, creme mich ein, zupfe meine Augenbrauen, ziehe mich mal etwas besser an als sonst und fahre ins Einkaufszentrum, um endlich nach meinen Traumschuhen für das nächste Frühjahr zu schauen. Diesen Monat muss ich mir unbedingt wieder etwas gönnen«, sprach ich selbst mir zu, als ob ich mich vergewissern müsste, dass ich das Recht dazu hatte.
Ich sprang unter die Dusche, wusch meine Haare, cremte mich ein und spann einen Faden beschwingter Gedanken. Ein neues Tuch könnte ich auch mal wieder gebrauchen. Ich wusste, dass ich mindestens 20 Tücher besaß und doch nur ungefähr acht davon trug, war aber der absoluten Überzeugung, dass ich das nächste Tuch ganz besonders lieben würde. Es war also alles wie immer.
Im Schlafzimmer war ich bereit für diesen wundervollen Tag, an dem ich mich nach monatelanger Krankheit wie neu geboren fühlte. Die Sonne blinzelte etwas schüchtern durch die Vorhänge hindurch. Es war ein milder Winter, der mich trotzdem – wie immer – etwas schläfrig und düster stimmte. Ich warf meinen Bademantel von mir und begann, meinen Kleiderschrank nach geeigneter Garderobe zu durchstöbern: schwarz, braun, grün, schwarz, schwarz, weiß, weiß, dunkelrot, schwarz, schwarz, schwarz. Wieder wurde mir bewusst, wie eintönig meine Kleidung war. Ich entschloss mich, mich jetzt nicht weiter zu quälen und wählte ein weißes Oberteil im Babydoll-Schnitt. Die Monate während meiner Erkrankung trug ich meistens »bessere« Jogginghosen. Mehr brauchte ich in dieser Zeit nicht. Ich führte beinahe das Leben einer Einsiedlerin. Nicht, dass ich es so wollte, nein, ich wurde dazu gezwungen. Es gab Wochen, da glaubte ich, die anderen Menschen da draußen würden mein Leben mit leben. Wie sie lachten, wie sie sich bewegten, wie sie die Frechheit hatten, einfach gesund zu sein! Damit war jetzt Schluss. Der Krankheit hatte ich gezeigt, wo es langging und dass ich keine Frau war, die man einfach so mit Fieberattacken, Lungenentzündungen, Nierenbeckenentzündungen und sonstigen Immunschwächen malträtieren konnte. Das war mein Leben und ich beschloss, es mir zurückzuholen.
Die Hose, die ich für diesen Tag tragen wollte, war keine Jeans, sondern die einzige und wundervollste schwarze Baumwollhose, die ich jemals besessen hatte. Euphorisch wählte ich in Gedanken mein Schuhwerk aus: schwarze Stiefeletten mit kleinen Absätzen. Ich war sowieso meistens größer als die anderen Frauen, trug also selten oder nie hohe Absätze. Zufrieden wollte ich nun die Anprobe starten. Ich streifte vorsichtig das weiße Oberteil über meinen Kopf, was sich als schwierig erwies, denn ich hatte vergessen, den Handtuchturban vom Kopf zu nehmen. Unbeirrt und geduldig fädelte ich meinen Kopf durch die Öffnung des Oberteiles. Irgendetwas stimmte plötzlich nicht. Das Teil umspielte nicht meinen Körper, wie es das getan hatte, als ich es kaufte, sondern klebte regelrecht an meinem Busen, dem Bauch und den Hüften. Ich hatte das Gefühl, es würde mich zerquetschen. Instinktiv wollte ich dieser Tatsache aus dem Weg gehen. »Es ist eingelaufen«, redete ich mir ein. Es war wirklich schwer, sich selbst so großartig zu belügen. Vor allem hinkte diese Lüge, da ich das Teil nie gewaschen hatte.
Die Hose lag vor mir. Ich bewegte mich nun betont grazil, schließlich war ich schlank und geschmeidig. Also konnte ich mich auch so bewegen. Ich summte vor mich hin und zog die Hose über meine Schenkel. »Es ist alles so eigenartig heute«, dachte ich. »Na ja, ich bin frisch eingecremt, da will der Stoff auf der Haut nicht so gleiten«, beruhigte ich mich sogleich. Die Hose erfuhr nun ihre größte Herausforderung, seit sie in meinem Besitz war. So kämpfte sie sich über meine Schenkel, hielt inne und wies meinem Hintern an, sich schlängelnd zu bewegen, damit sie sich über die Hüften arbeiten konnte. Mein Hintern gehorchte ohne Widerstand und die Hose erreichte mit Mühe und Not mit ihrem Bund meine Taille, bahnte sich tapfer den Weg über den Bauch. »Los, es geht! Gib dir Mühe! So schlimm wird es nicht!« Es war nicht die Hose, die mit mir sprach. Das war auch gar nicht nötig, denn meine Finger versuchten, den Knopf in den dafür vorgesehenen Schlitz zu schieben, was ihnen nicht gelang. Meine Hände befahlen meinem Bauch, sich zurückzuziehen. Dieser gehorchte mit Murren und Knurren. Dazu machte ich auch gleich einige Atemübungen. Ich hielt die Luft an. ›Von wegen, ich habe Asthma! Das ist Unsinn. Wie gut das geht und wie flach sich jetzt mein Bauch anfühlt, wunderbar. Oh, das ist toll!‹ Der Knopf fand in den Schlitz. Es vergingen wenige Sekunden, die mir endlos erschienen.
Mir wurde schwindlig, alles drehte sich um mich herum, meine Bronchien signalisierten, dass sie dringend nach dieser gehaltvollen Luft aus der hübschen blauen Spraydose verlangen. Diesem Verlangen gab ich widerstandslos nach, denn die Dose lag auf meinem Nachtschrank. Schnell atmete ich wieder ruhig und fühlte mich alarmiert. Das Alarmsignal kam jedoch nicht aus meinem Brustkorb, sondern tief aus meiner Frauen- (Mädchen-?) Seele.
Langsam bewegte sich mein Kopf in Richtung Spiegel. Da war es, das Gefühl, der Boden unter meinen Füßen würde sich bewegen. In meinem Kopf drehte es sich, alles um mich verschwand im Nirgendwo oder wirkte zerbrochen. Fühlte sich so vielleicht ein Erdbeben an? Im Spiegel begegnete mir etwas, was so ähnlich aussah wie eine Presswurst. Mein Busen quoll aus dem hübsch und zierlich aus feiner Spitze genähten Brustteil regelrecht hervor. Die Naht unter dem Brustteil verschwand im Rückenbereich in einer Fettwulst. Meine schon immer gebärfreudigen, doch bisher wunderbar weiblichen Hüften gebärdeten sich, inklusive des fleischig anmutenden Bauches, als Kampffeld und … und … Hiiiiiiiiiilfe! Ich drehte mich hin und her, doch der Spiegel blieb gnadenlos. Die Erkenntnis ereilte mich mit einer Wucht, die mich umhaute: Ich bin fett!
Erschöpft sank ich auf das Bett nieder, beugte meinen Oberkörper nach vorn und legte mein Gesicht in die Hände. Jetzt nur nichts mehr sehen! Dunkelheit, ich brauchte Dunkelheit, ganz eindeutig. »Warum habe ich dieses Elend nicht schon früher bemerkt? Warum sehe ich es erst heute? Ich bin doch nicht über Nacht, so ganz urplötzlich, fett geworden?« Sofort überlegte ich krampfhaft, was ich gestern gegessen hatte: Ein doppeltes Weizenbrötchen mit Honig (warum nicht Vollkorn, du dumme Pute?), eine Hühnersuppe (hm, ganz okay), ein Stück Kuchen (ist doch nicht wahr, oder? Buchstabiere das Wort K u c h e n!). Sei vernünftig, sei realistisch, es gab Tage, da hast du mehr gegessen, viel mehr, ganz viel mehr. Ich konstatierte: Das ist also der Grund! Du verfressene Kuh! Selbstzerfleischend beschimpfte ich mich mit allen Ausdrücken, die mir einfielen und rannte dabei mindestens zehn Mal ums Bett. Meine nassen Haare peitschten, wie zur Bestätigung meiner Hässlichkeit, an meine Wangen. Ich berührte sie kurz. Blöde Haare! Ach, wie liebte ich sie sonst, wie wurde ich beneidet um diese dicken, kastanienbraunen Haare. Ich setzte mich auf die Bettkante, jetzt noch mehr erschöpft. Haare, Haare, ja! Und mein Gesicht, klar! Die Rettung! Ja, ich war ein der Sonne zugewandtes Geschöpf (so glaubte ich jedenfalls immer), und so kam ich zu dem Entschluss aufzustehen und meiner Rettung entgegenzulaufen, mich selbst aus dem Schlamm zu ziehen und mich wieder zu mögen. Fahrig glättete ich das Babydoll-Oberteil, welches sich eigentlich durch den prallen Sitz auf meinem Körper als faltenlos entpuppte. Erleichtert bei dem Gedanken, dass ich ja im Bad nur mein Gesicht zu sehen bekam, lief ich mit energischen Schritten zum Waschtisch.
Ach, das Licht war noch aus. Mein Mann hatte am Spiegel eine Lampe angebracht, damit »Frau sich besser sah beim Schminken«, wie er sagte. Ich knipste das Licht an. Guter Dinge und mit dem noch ungebrochenem Willen, die Vernichtung meiner Schönheit vor einigen Minuten zu vergessen und Lügen zu strafen, öffnete ich die Augen. Es begann langsam, dieses Drama, aber es war nicht aufzuhalten. Erst sah ich meine einst großen, haselnussfarbenen Augen in einem Schattengebilde versinken. Das wiederum war umgeben von Krähenfüßen und einer durchdringenden, unübersehbaren Kraftlosigkeit. Dann sah ich hinab zu meiner Nase mit den zwei unterschiedlich großen Nasenlöchern, die mich bisher noch nie gestört hatten – bis heute. Heute war irgendwie alles anders, heute war ein Tag des Schreckens. Wurde meine Nase nicht immer größer und unförmiger? Ich sah eine Frau der Frauen vor meinem geistigen Auge, wie sie mir scheinbar zu tausenden täglich begegneten: nichtssagend, vom Leben geprägt, mit ausgeweinten Augen und lebensverschnupfter Nase. Doch das war noch immer nicht genug. Mein Blick wanderte weiter hinab, in der Erwartung, einen schönen, vollen und sinnlichen Mund zu erspähen. Jetzt kam der Schock. ›Oh, gleich falle ich um!‹, dachte ich noch. Ich fiel natürlich nicht, sondern blickte mit weit aufgerissenen Augen in dieses unverschämte Glas hinein. In Sekundenschnelle dachte ich an den Spiegel, damals bei Douglas, den die dick geschminkte Verkäuferin mir vorhielt, um mir ungerührt zu demonstrieren, dass meine Haut mitnichten so toll aussah, wie ich glaubte, und in der mir jede kleinste Unreinheit wie eine wuchtige Anhäufung einer schlammigen Masse erschien. Jener Spiegel, der mir klar machte, dass das teuerste Make-up noch nicht ausreichte, um wieder ansehnlich zu werden und meine eigene Abscheu zu überwinden.
Nun tat mir dieses Elend mein eigener Spiegel an, was für Desaster! Meine Mundwinkel fielen herab. Neben ihnen sah ich tiefe Kerben, die von Bitterkeit und Schmerz zeugten. »Ich habe schon einen Mund wie die Angela!«, rief ich aus und dieser Satz schallte durchs Bad. Warum musste mein Mann auch solch ein riesiges Bad bauen, mit einer solchen Akustik? Kein Mensch hatte so ein großes Bad. Mist, es ist doch alles Mist! Was soll ich denn mit der fremden Frau dort im Spiegel anfangen?
Wieder überrollte mich die nächste Erkenntnis wie ein Feuerball: Ich bin alt!
Der Tag war gelaufen. Nichts war wie sonst. Mein Lieblingstuch war immer noch das bordeauxrote, das ich mir zum meinem 44. Geburtstag gekauft hatte. Ich werde nie wieder einkaufen. Nie wieder! In meiner Größe gibt es doch nur Säcke. Ich kann doch nicht als Sack mein weiteres Leben fristen! Was machte man mit einem Sack? Man schmiss ihn in den Müll, erst recht, wenn er so alt und schwer war! Wer weiß, ob ich überhaupt jemals in diesem Leben noch einmal auf die Straße gehen werde?
Niemand wird mich ansehen können. Sie werden davonlaufen, werden sich ekeln oder über mich lachen, sie werden mich zu Ernährungsberatern schicken, zu jenen Leuten, die ich bisher in meinem jugendlichen Leichtsinn für völlig überflüssig hielt. Oder noch schlimmer: Sie werden mich fragen, ob ich mir schon Gedanken gemacht hätte, für meine Beerdigung zu sparen, so wie das eben alte Leute tun, um ihren Kindern nach dem Tod nicht zur Last zu fallen … Ich bin ja so was von am Ende! Mein Leben ist vorüber, alt, hässlich und zerknautscht wie ich bin.


