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Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann

Für Luke, Lianna, Lilli, Judah, Lahn, Lila, Max und Myla



Ein verlässlicher Ort

Vorwort von Margarete Stokowski

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dieses Buch von allen Menschen gelesen werden sollte, die ab und zu mit Mädchen oder Frauen zu tun haben. Oder selbst welche sind. Also: von allen. Auf den ersten Blick mag es ein Buch sein, das von oberflächlichen Dingen wie Schönheitsnormen und Fotos in sozialen Netzwerken handelt. Tatsächlich aber geht Susie Orbachs Untersuchung viel tiefer. Sie zeigt, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, den Körper als etwas Formbares zu betrachten, das unsere Persönlichkeit ausdrücken soll. Dabei erklärt sie nicht nur die psychologische Wirkung der Körperbilder, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind, sondern auch, welche Rolle der kapitalistische Aufruf zur ständigen Selbstoptimierung spielt und wie tief sich die misogynen Abwertungsmechanismen des Patriarchats in unser Denken eingegraben haben.

Die Idee ist dabei aber nicht zu zeigen: Schaut mal, wie schwach ihr alle seid und wie sehr ihr euch von den Medien und der Schönheitsindustrie manipulieren lasst. Sondern: Wer selbstbestimmt leben und sowohl sich selbst als auch anderen Menschen gegenüber fair sein will, muss wissen, woher unsere Impulse kommen, uns zu vergleichen, zu präsentieren oder zu schämen.

Damit ist Bodies auch ein Buch, das die feministische Idee, »das Private ist politisch«, sehr ernst nimmt: Es reicht nicht, wenn einzelne Frauen stark genug sind, gesellschaftlichen Vorstellungen nicht zu entsprechen. Denn kollektive Probleme lassen sich nicht lösen, indem ein paar Leute sich Mühe geben, sich nicht von den geltenden Regeln beeindrucken zu lassen. Vorbilder können wichtig sein, ersetzen aber keine Ideologiekritik, die zeigt, was am System falsch läuft.

Es ist diese Verknüpfung von persönlicher und gesellschaftlicher Ebene, die Susie Orbachs Arbeit von so riesigem Wert für die feministische Bewegung macht. Einerseits zeigt sie sehr genau und nie auf verurteilende Art, wie Menschen ihre Körper behandeln und bewerten und wie viel Leid dabei entstehen kann. Andererseits bleibt sie aber nicht auf dieser Ebene individuellen Verstehens, sondern sagt auch deutlich, wo Dinge komplett aus dem Ruder laufen. In einem Interview erklärte sie mal, wenn ein Kaiserschnitt im OP-Paket mit einer Bauchstraffung angeboten werde, sei das »einfach nur pervers«.

Es wäre leicht, als Lösung dieser Probleme so etwas wie eine »neue Natürlichkeit« zu fordern, aber diesen Fehler macht Orbach nicht, denn sie weiß: Es gibt keinen natürlichen Körper. Was sollte das für einer sein? Schon Zähneputzen ist eine kulturelle Technik, und niemand hat ein Interesse daran, dass Menschen damit aufhören.

Es kann Menschen glücklich machen, sich zu schminken oder sich die Haare zu färben, und nichts daran ist falsch. Gefährlich ist es erst, wenn die Beschäftigung mit dem Körper so obsessiv wird, dass sie in Körperhass und Gefühle der Minderwertigkeit mündet oder immer neue Operationen hermüssen, weil das eigene Bild nie gut genug scheint.

Zum Thema Operationen kann man anmerken, dass Susie Orbach Teil einer Generation von Feministinnen ist, von denen sich leider viele schwertun, trans Frauen als Frauen anzuerkennen. Ich würde Orbach hier in den Bereich derer zählen, die dazugelernt haben. Sie beschreibt einerseits die Probleme, die sie zu Beginn ihrer Arbeit als Therapeutin hatte, mit Geschlechts-OPs umzugehen, erkennt aber inzwischen an, dass diese für manche trans Frauen die einzige Möglichkeit darstellen, sich in ihrem Körper zuhause zu fühlen, und dass es Menschen gibt, die sich weder als weiblich noch als männlich kategorisieren lassen und als solche respektiert werden sollten.

Die Grundidee von Orbach gilt, auch wenn sie viel über Frauen schreibt, sowieso für Menschen jeden Geschlechts: Da wir unseren Körper nun mal nicht ignorieren können, müssen wir einen Weg finden, ihn »zu einem verlässlichen Ort zu machen, von dem aus wir leben können«.

August 2020

Einleitung

Unser Körper ist Gegenstand eines Krieges. Es ist ein Krieg mit unerwarteten Kontrahent*innen und ungewissem Ausgang. Wie in jedem Krieg fallen Ressourcen mal dieser, mal jener Seite in die Hände. Wie in jedem Krieg hüllen die ins Feld geführten Ideologien die Gegner*innen und den Schauplatz in den Nebel des Ungefähren: Manchmal erkennen wir, dass etwas unseren Blick verstellt, ein andermal ist es Teil unseres Normalzustandes, wie die Schwerkraft, unsichtbar, aber unentrinnbar.

Das Terrain des Körpers verändert sich. Neue Entwicklungen und Erkenntnisse – #MeToo, Künstliche Intelligenz, Epigenetik, die Trans-Bewegung, das Einfrieren von Eizellen, Schönheits-OP-Apps für Sechsjährige, Selfies, Snapchat-Dysmorphie, die Kardashians, das Spiegelneuronensystem, Influencer*innen, Black Lives Matter, Vergewaltigung als Kriegswaffe, Politik aus dem Bauch heraus, Leihmutterschaft, Implantate, Sexpuppen – erfordern neues Denken. Zwei Trends stoßen aufeinander: die Schwierigkeit, in unserem derzeitigen Körper mit seinen vielen Dilemmata zu leben, und die Verheißung einer problemlosen, nahezu körperlosen Existenz in einer Zukunft, die durch Algorithmen, KI-Chemie und synthetische Biologie bestimmt ist.1 Und dann ist da noch die Dystopie, die die New York Times kürzlich in einem Editorial entworfen hat: die Wahrscheinlichkeit, dass ein konservativer Supreme Court die Rechte des Fötus über die der Mutter stellt. Jetzt, da einige Bundesstaaten mit ihrem Abtreibungsverbot diese Rechte umgewichtet haben, so argumentierte der Artikel, könnten womöglich auch Trinken und Rauchen während der Schwangerschaft strafrechtlich verfolgt werden. Eine Frau, die sich einer Brustkrebsoperation unterziehen musste, erfuhr beispielsweise, dass ihr, wäre sie schwanger, die Krebsbehandlung verweigert würde, da die Rechte des Fötus Vorrang hätten.2

Unseren Körper als einen biologischen Organismus mit entsprechenden Beschränkungen zu begreifen, ist nicht mehr hinreichend. Der Spätkapitalismus verändert Arbeitsbedingungen und Wesen der Arbeit, verändert Klima und Umwelt, die Konzepte von Regieren und Governance sowie die Definition derer, die dazugehören dürfen, und derer, die als »andere« gesehen werden und außen vor gehalten werden müssen. Soziale Medien bestimmen neu, was Interaktion heißt und was es bedeutet, gesehen und gehört zu werden. In solchen Zeiten wird auch der Körper zum Austragungsort von Kämpfen. Ihm werden ganz neue Formen der Selbstpräsentation und Identität abgerungen, während man uns gleichzeitig auf eine entmaterialisierte Existenz hin coacht, bei der fast alles, was wir unter Leben verstehen – Essen, Atmen, Bewegung, Fühlen, Beziehungen – im Geist stattfinden wird und nicht im physischen, irdischen Körper.

In Südkorea ist das Abtragen des Unterkieferknochens zur Erschaffung eines zierlichen Kinns eine so häufige Schönheitsoperation, dass bereits Kunstwerke ausgestellt werden, die aus dem entfernten Knochenmaterial bestehen. Noch beliebter sind Kontaktlinsen, die die Pupille so vergrößern, dass die Trägerin wie eine Puppe mit riesigen blauen, grauen, violetten, grünen, braunen, türkisen oder schwarzen Augen wirkt. YouTube-Star Anastasiya Shpagina aus Odessa, deren Make-up-Tutorial, wie sie sich als Miley Cyrus schminkt, 5 Millionen Mal aufgerufen wurde, und Kandee Johnson aus Los Angeles, deren Verwandlung in Barbie es auf 35 Millionen Aufrufe bringt, zeigen minutiös, wie man sich das Aussehen nahezu jeder prominenten Person zulegen kann, indem man Kosmetika, Filler und Hairstyling-Techniken so kompetent und raffiniert einsetzt wie die besten Maskenbildner*innen Hollywoods. Jede*r, so scheint es, kann wie jede*r aussehen. Auch wie Barbie oder Ken. Tatsächlich hat Justin Jedlica, ein Instagrammer, 125 Eingriffe auf sich genommen und 185000 Dollar ausgegeben, um wie Ken auszusehen; er ließ seinen Oberkörper, sein Gesicht, seine Oberarmmuskeln und seinen Haaransatz operieren. Sein Video haben über 16 Millionen Menschen gesehen. In China ist Beauty-Blogging ein Riesengeschäft. Eine spezielle Handy-App von Meitu ermöglicht sieben Stufen der Verschönerung von Selfies, und mindestens 3 Milliarden der 6 Milliarden Fotos, die jeden Monat hochgeladen werden, sind damit bearbeitet worden. Laut HoneyCC, einer geschäftstüchtigen Bloggerin und Influencerin, die es durch Werbung für Beauty- und Bodystyling-Produkte zu beträchtlichem Reichtum gebracht hat, sind bearbeitete Selfies inzwischen Teil der chinesischen Kultur. Der Begriff wang hong lian (Internet-Celebrity-Gesicht) bezeichnet den charakteristischen Look dieser Fotos. Hautton, Gesichtsform, Weißheit der Zähne und Styling sind mittlerweile Sache eines Tastendrucks.

Auch bei uns vermarkten Influencer*innen – d.h. Individuen, die auf Instagram und anderen Plattformen über ein Publikum von 30000 Followern aufwärts verfügen – sich selbst und ihre Schönheits- und Körpergestaltungspraktiken. Diese Art von Arbeit wird nicht als Schönheitsarbeit anerkannt, ist aber genau das. Unter dem Begriff der Schönheitsarbeit müssen wir nicht nur die Werbetätigkeit der Blogger*innen ansehen, sondern die Arbeit, die wir alle verrichten, wenn wir uns zurechtmachen. Meine dreijährige Enkelin war kürzlich auf eine Geburtstagsparty in einem Nagelstudio eingeladen, in dem die Kinder von zwei Müttern und zwei Nageltechnikerinnen betreut wurden. Heute habe ich einen Mann gesehen, der sich in einem Kaufhaus fast schon öffentlich die Augenbrauen mit dem Faden zupfen ließ. Schönheitsarbeit gilt zunehmend als unabdingbar für Mädchen, Frauen und Männer. Die Frage ist: warum? Und wie ist diese Arbeit, ob sie nun durch Chirurgie, Zahnmedizin oder Filter geleistet wird, zu etwas Erstrebenswertem geworden?

Dieses Buch vertritt die These, dass der Körper »gemacht« wird. Er gilt nicht mehr nur als etwas, das gewaschen, deodoriert, gekleidet und parfümiert werden muss, bevor wir unseren Tag beginnen. Der Körper ist heute unsere unendlich formbare Visitenkarte, er tilgt oder verkündet unsere Schichtzugehörigkeit, unsere geografische Herkunft, unseren ethnischen Hintergrund, unser Genderzugehörigkeitsgefühl. Aber das ist nicht immer ungefährlich. Die Körper Schwarzer Jungen und Männer sind, speziell in London, Angriffen ausgesetzt. Die Körper von Mädchen und Frauen waren immer schon Angriffsziele, und wir erfahren jeden Tag mehr darüber, was sie in Kriegsgebieten in aller Welt weiterhin erleiden müssen – man denke an die Jesidinnen, an den sogenannten Islamischen Staat, an weibliche Genitalverstümmelung. Wir sehen die schwerwiegenden Angriffe schon in frühen Jahren, wenn Flüchtlingskinder von ihren Eltern getrennt, wenn Mädchen der Genitalverstümmelung unterzogen, wenn Jungen und Mädchen Pädophilen preisgegeben werden. Gleichzeitig mehren sich auf den Straßen die Angriffe auf die, die nach Meinung anderer der falschen Schicht oder dem falschen Geschlecht angehören oder einfach schlechthin »falsch« sind.

Auf einer weiteren Ebene, parallel dazu, intensivieren sich Künstlichkeit und Konstruktion – eine Angriffsform, die so anders ist, dass sie vielleicht gar nicht als schädigend erkannt wird, zumal sie als etwas präsentiert wird, das Spaß macht (was sie auch tatsächlich sein kann), und manchmal sogar als etwas Notwendiges.

Sie möchten aussehen wie ein Filmstar? Eine Akademikerin mit genau dem richtigen Maß an Sex-Appeal, aber nicht zu viel? Ein Banker mit einer künstlerischen Ader? Sie möchten Smokey Eyes, Kulleraugen, Augen, die sexy sind, glamourös, aufreizend, lasziv etc.? Kein Problem. Diese Looks, online wie offline erhältlich, sind mittlerweile gefühlte – wenn nicht sogar tatsächliche – Voraussetzung für Jobs, die nichts mit Aussehen zu tun haben: Es kommt immer und überall aufs Aussehen an.

Das Äußere ist alles, wie Shoppingtempel für Mode und Make-up zeigen. Operative Eingriffe erschaffen Wadenmuskeln, prägnante Wangenknochen, schmalere oder aufgefüllte Lippen, runde oder flache Pos, vergrößerte oder verkleinerte Brüste, flache Bäuche, ewig jugendliche Kinnlinien. Rigide Geschlechterstereotype werden dadurch gesprengt, dass operative Brustentfernung sich ebenso mit einem Penis wie mit einer per Testosteronbehandlung vergrößerten Klitoris kombinieren lässt. Aussehen ist entscheidend, für die Ärztin wie für den Büroassistenten. Der einmal erreichte Look muss über Selfies und Sexting endlos geteilt und bestätigt werden. Die visuelle Dauerberieselung untergräbt, was einst privat oder intim war. Erleben – ob es darin besteht, dem eigenen Kind beim Purzelbaum schlagen zuzuschauen oder eine Mahlzeit zu sich zu nehmen – ist eine unsichere Sache, solange man es nicht postet, damit es gesehen wird. Wir ertappen uns dabei, wie wir unser Erleben dokumentieren, als wäre ohne die visuelle Dauerberieselung nichts gewesen.

Das Bedürfnis nach Bestätigung und danach, gesehen zu werden, ist so mächtig, dass es schon verwunderlich, ja, geradezu ein bisschen pervers wirkt, eine Zeitlang nicht in den Spiegel zu schauen. Aber vielleicht ist das ja nötig, um die zwanghafte Selbstbespiegelung zu durchbrechen, die wir betreiben, ohne zu merken, wie sehr wir sie brauchen. In Mirror, Mirror off the Wall beschreibt Kjerstin Gruys, Dozentin für Soziologie an der University of Nevada, ihren Selbstversuch, ein Jahr ohne Spiegel zu leben. Wohl die wenigsten würden das auch nur eine Woche ertragen, geschweige denn ein Jahr (in Gruys’ Fall das Jahr, in dem sie heiratete), schon gar nicht im Zeitalter der Selfies, in dem junge Mädchen ihr Äußeres wie ein Kunstwerk gestalten, um Likes und Anerkennung zu ernten, was leider nur selten klappt. Eine von der Kommunikations- und Marktforschungsagentur Edelman/StrategyOne für Dove durchgeführte und im Oktober 2015 beim Weltfrauengipfel präsentierte Untersuchung ergab, dass 124 Likes nötig sind, um den jungen Frauen das Gefühl zu geben, okay zu sein, die meisten es aber nicht mal auf ein Fünftel dieser Zahl bringen, was nicht an ihnen liegt, sondern daran, dass alle hinter Likes herjagen und die Zeit gegen sie arbeitet.3 Ein Online-Dasein zu führen, online Anerkennung zu suchen, durch Identifikation zu leben und Celebritys wie Kim Kardashian imitieren zu wollen, ist heute unter Mädchen und jungen Frauen weit verbreitet, aber wieder gilt es zu fragen: warum?

Gleichzeitig ist da der Austausch von Bildern sexualisierter Körperteile im Sexting zwischen Jugendlichen – eine aktualisierte Version von »Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins«. Nur dass meins in diesem Fall nicht deins bleibt, sondern auf den Handys deiner Klassenkamerad*innen landet und von Kontinent zu Kontinent wandert, um schließlich vielleicht als Pornofutter für Pädophile zu enden und zur generellen Übersetzung von Sex in Sehen beizutragen – einer Erotik, die als allgemeine Fetischisierung kaum noch eine solche ist.

Wir sind verrückt geworden, was unser Verhältnis zum Körper angeht. Hochprofitable Industrien – darunter die Kosmetik-, Mode-, Ernährungs-, Diät-, Gesundheits-, Anti-Aging-, Wellness-, Schönheits-OP-, Pharma- und Fitnessindustrie – führen Krieg gegen uns, indem sie den idealen Körper propagieren. Das sind keine kleinen Industrien, es sind riesige Wirtschaftsbranchen, die weiterwachsen. Der Umsatz der Modeindustrie in Großbritannien im Jahr 2017 betrug 32 Milliarden Pfund (gegenüber 1,2 Milliarden Umsatz der Stahlindustrie). Schönheit und Mode dominieren unsere Kaufhäuser – die echten wie die digitalen. Der Preis, den wir dafür bezahlen, sind psychische Auswirkungen auf uns als Individuen und ökologische Auswirkungen auf unseren Planeten – beides bisweilen tödlich. Zwei der reichsten Männer Europas, Bernard Arnault von LVMH und Amancio Ortega von Zara, haben ihr Vermögen mit Mode gemacht. Die reichste Frau, Françoise Bettencourt-Meyers, ist Erbin des L’Oréal-Vermögens. Doch auch der gesellschaftliche Preis ist beträchtlich, da Äußerlichkeitsideale, wie ein 2014 für die britische Regierung erstellter Bericht zeigt, das Selbstwertgefühl von Mädchen und zunehmend auch Jungen untergraben, sie von dem, was ihnen guttut, ablenken und ihre schulischen Leistungen schmälern.4 Hinzu kommen die medizinischen Kosten durch die Zunahme von Körperbild- und Essstörungen, sei es, dass sie sich als Magersucht, Fettleibigkeit oder Bulimie manifestieren, sei es, dass sie wie die meisten Essprobleme unsichtbar bleiben, da die Figur der betroffenen Person nicht anzeigt, welche Qualen sie leidet. Es gibt wenig spezialisierte Hilfseinrichtungen, wenig Wissen über die exponentielle Zunahme von Ess- und Körperproblemen und deren Ursachen. Solange die Gesundheitsbehörden auf Adipositas fixiert sind, entgeht ihnen die enorme Zahl von Menschen, die ihren Körper durch bizarres Ess- und Nichtessverhalten, durch Ritzen, ein Übermaß an Sport oder Fitnesstraining oder durch exzessives Markieren für sich selbst real und lebendig zu machen versuchen. Selten wird gefragt: Was ist das Problem, auf das dieses Verhalten (Essen, Nichtessen, Erbrechen, Ritzen, Fressanfälle, zwanghaftes Training) reagiert? Das Problem der Körperunsicherheit und Körperinstabilität, das epidemische Ausmaße erreicht hat und zunehmend auch Jungen und Männer betrifft, führt eine Lückenexistenz. Es wird allenfalls als mysteriös beklagt, obwohl seine Zunahme proportional zur Kommerzialisierung des Körpers mit all ihren tödlichen physischen, ökologischen und psychischen Folgen verläuft.

Der ganze Wahnsinn fordert seinen Preis, die Flut von gefährlichen Brust- oder Pectoralis-Implantaten, die eine Wiederentfernung notwendig machen, ebenso wie die wachsende Nachfrage nach riskanten Schamlippenkorrektur-OPs. Und zugleich bedeutet er enorme Profite für jene Industrien, die Spaß versprechen, in Wirklichkeit jedoch das Selbstgefühl von Menschen und den Körper, in dem diese sich sicher fühlen sollten, auf verheerende Weise attackieren.

Körpertransformation ist in einem Maß alltäglich geworden, wie wir es uns bis vor Kurzem nicht hätten vorstellen können. Als Kinderspielzeug gibt es heute Schönheits-OP-Apps, die für Mädchen ab sechs vermarktet werden. Dieses Spielzeug wirkt auf den ersten Blick recht harmlos und lustig, ist es aber nicht. Die Apps zerlegen den Körper und zeigen auf, was man alles verändern kann: nicht nur Nase, Mund, Stirn, Kinn, Wangenknochen, Augen und Haaransatz, sondern auch Brüste, Taille, Hüften, Po und die Form der Beine und Füße. Auffallend ist, dass diese chirurgische Markierung eines Körpers die Kleinen nicht schockiert, weil Körpertransformation Teil der Welt ist, in die sie hineinwachsen. Sie benutzen von klein auf iPads und Filter. Fotos von kleinen Mädchen, die glamourös-aufreizend in die Kamera blicken, sind nichts Außergewöhnliches. So wenig wie Fotos von kleinen Jungen, die für die Kamera tanzen oder akrobatische Kunststückchen vollführen. Da draußen gibt es ein Publikum, vor dem man sich darstellt. Das innere Auge wird die erste prüfende Instanz, wenn das kleine Mädchen oder der kleine Junge entscheidet, wie sie oder er sich optimal präsentiert. Wenn wir hören, dass jede dritte junge Frau nicht zur Abstrich-Untersuchung geht, weil sie den eigenen Körper so schrecklich findet, wird klar, wie die frühzeitige Prägung auf kritische Selbstbewertung zum durch und durch »abjekten Körper«5 führt.

Die Kommerzialisierung beschränkt sich nicht auf die Kindheit. Bis eine Frau in die Fünfziger kommt, hat sie bereits gelernt, dass die Menopause ein lästiges Übel ist und mitnichten den Übergang von einem Lebensstadium in ein anderes markiert. Bioidentische Hormone oder eine Hormonersatztherapie mögen für einige Frauen hilfreich sein, vermarktet aber wird beides von großen wie kleinen Pharmaunternehmen mit der Botschaft, dass es das einzig Vernünftige und die optimale Art zu leben sei, diese hormonelle Umstellung zu bekämpfen. Natürlich ist es für manche Frauen physisch und/oder psychisch schwierig, wenn ihre Menstruation ausbleibt, aber die Botschaft, dass das Übel unbedingt bekämpft werden muss, wird mit der dringenden Warnung vor Gedächtnis- und Knochenschwund in die Welt hinausgepumpt. Wir dürfen nicht altern. Altern gilt als Schande, nicht als Ausdruck von Wissen und Weisheit und dann auch eines Abbauprozesses. Siebzig ist das neue Fünfzig. Nur dass das nicht stimmt. Zwanzig Jahre verändern einen Menschen biologisch und auf der Erfahrungsebene. Wünsche und Verlangen verlagern sich, neue Herausforderungen stellen sich, das Denken reflektiert eine längere persönliche Geschichte usw. Das alles liegt auf der Hand und wird dennoch ignoriert.

Frauen werden ermutigt, die Grenzen der Fortpflanzungsfähigkeit zu verschieben und deren lästige Begleiterscheinungen zu kontrollieren. Eine junge Frau mag heute durchgängig die Pille nehmen, um keine Periode mehr zu haben, und sich dann einer Behandlung mit follikelstimulierenden Hormonen unterziehen, um sich Eizellen entnehmen zu lassen. Altern gilt nicht mehr als absolute Fortpflanzungsgrenze. Das Scheinargument lautet, dass es nie eine Rolle gespielt hat, wie alt der Vater war, warum also Bedenken wegen des Alters der Mutter haben? Altern und Sterben werden heute als Gebrechen und als potenziell unnötig begriffen. Fast jede Woche findet sich in britischen oder US-amerikanischen Zeitungen eine Story über den jüngsten Durchbruch bei der Verhinderung des Alterns. Kryonik, Fasten und die Erforschung der Rolle von Genen wie dem MC1R-Gen gehören zum neuen Wissenschaftsgebiet der Alternsforschung. Senolytika genannte Wirkstoffe sollen alternde Zellen töten, und Krebsmedikamente wie Dasatinib oder der Radikalfänger Quercetin werden dazu eingesetzt, die Lebensspanne von Zellen zu verlängern.6 Es wird nicht mehr lange dauern, bis Gentherapie-Kosmetika auf den Markt kommen, die die »Behinderung« aufzuheben versprechen, dass man so alt aussieht, wie man ist, während uns KI helfen wird, verloren gegangene Erinnerungen und Fähigkeiten wiederzuerlangen.

Zugleich verändern Umweltchemikalien den Körper. Penelope Jagessar Chaffer zeigt in ihrem Film Toxic Baby (2016), dass puertoricanische Mädchen, die in der Nähe von Produktionsstätten für Verhütungspillen wohnen, bereits menstruieren, bevor sie in die Schule kommen. Das ist ein schwerwiegender Befund. Eine 2010 in Pediatrics erschienene Studie ergab, dass mittlerweile 15 Prozent der US-amerikanischen Mädchen schon mit sieben in die Pubertät kommen.7 Warum? Man nimmt an, dass die Chemikalie Bisphenol A und verschiedene in Kunststoffen und Dosenbeschichtungen vorkommende Phthalate im Verbund mit den Hormonmengen, die durch die industrielle Landwirtschaft in unsere Nahrungsmittel und unser Grundwasser gelangen, das endokrine System beeinflussen. Wir lernen immer mehr über die Auswirkungen der menschlichen Zivilisation auf das Wasser. Während ich dies schreibe, zeigt ein Bericht der New York Times auf, wie sich das Ökosystem des Pazifiks in Nordkalifornien dadurch verändert, dass die wärmere Wassertemperatur Purpur-Seeigel anzieht. Diese Seeigel-Art grast nämlich den Tang ab, der das Meer reinigt.8 Nicht nur unser Körper, auch die Körper anderer Arten erfahren unerwartete Veränderungen. Ein schlagendes Beispiel sind Frösche, die Atrazin ausgesetzt sind, einem Herbizid, mit dem Mais, Salat und andere Anbaupflanzen gespritzt werden. Wenn dieses Herbizid in Frosch-Habitate einsickert, macht es Kaulquappen zu Zwittern. Dr. Tyrone Hayes von der University of California in Berkeley hat nachgewiesen, dass Atrazin den Testosteronspiegel nominell männlicher Frösche unter den weiblicher Frösche senkt.

Menschliches Gender-Bending stellt die engen und einengenden Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage. Nicht ohne Grund erfahren in jüngerer Zeit Hyperfeminität und Hypermaskulinität eine Renaissance – es ist eine Reaktion auf die in den 1970er-Jahren eingeleitete Aufweichung der Geschlechternormen, die nicht nur ein breiteres Bewusstsein der Tatsache mit sich brachte, dass es Personen gibt, die trans sind, sondern es auch Individuen vermehrt ermöglichte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale zu ändern. Doch diese kulturelle Entwicklung, die viele Menschen sehr begrüßen, lässt sich nicht auf Frösche übertragen, da bei ihnen kein freier Wille vorliegt. Das Paradoxe ist: Die Kultur verändert sich schnell, aber die Natur verändert sich noch schneller, weil Chemikalien, Bohrungen und die Umleitung von Wasserressourcen unseren Planeten schädigen. Und diese Veränderungen könnten irreversibel sein.

Dieses Buch geht der Frage nach, wie und warum unser Körper ein so williges Objekt der Transformation geworden ist – warum er für Transformationen zu haben ist, die zunächst reizvoll sind, sich dann aber als außerstande erweisen, die Leiden und Schrecken einzudämmen, denen wir Individuen ebenso ausgesetzt sind wie unsere Umwelt. Es untersucht, was in unserer Zeit mit dem Körper geschieht und warum. Es stellt einige Extrembeispiele vor, fordert aber gleichzeitig dazu auf, die ganz alltäglichen Dinge, die wir heute tun, kritisch zu überdenken. Es präsentiert eine Entwicklungstheorie aus der Perspektive des Körpers, zeigt auf, wie die Ursprungsfamilie verschiedene Arten von Körperunsicherheit fördern kann, wie sie das Gefühl erzeugen kann, dass der Körper, den wir haben, irgendwie nicht unser wahrer Körper ist. Das Buch erörtert die visuelle Kultur und die Mechanismen, über die sie uns beeinflusst, uns eine Form der Zugehörigkeit in Aussicht stellt, wenn wir nur selbst den Bildern entsprechen, die wir sehen. Und es untersucht, wie die visuelle Repräsentation eines bestimmten verwestlichten Körpertypus junge Menschen in jenen Ländern, die qua Globalisierung in die Moderne eintreten, dazu treibt, sich einen Körper zulegen zu wollen, der möglicherweise mit dem Körper, den sie haben, im Widerstreit liegt. Die Versuche junger Menschen in Japan oder Fidschi, Saudi-Arabien oder Kenia, ihren Körper umzumodeln, stehen symptomatisch für das Problem des Unwohlseins im eigenen Körper rund um die Welt. Körperhass ist mittlerweile ein heimlicher westlicher Exportschlager.

Ein Streben nach Selbstannahme, das sich auf den eigenen Körper fixiert, ist kennzeichnend für unsere Zeit. Durch die nähere Betrachtung von Menschen mit Körperproblemen hoffe ich, Antwort auf diese Frage geben zu können: Warum ist Zufriedenheit mit dem eigenen Körper so schwer zu erlangen? Ich befasse mich mit Phantomgliedmaßen und als überzählig empfundenen Gliedmaßen, und ich beleuchte Formen der Körpertransformation vom Ritzen bis zur Schönheitsoperation, in dem Bemühen herauszufinden, warum solche Praktiken immer verbreiteter werden. Warum ist Sex ein Must-have, beherrscht von Normerfüllung und getränkt mit Fantasien, die Freud schwindelig gemacht hätten? Wie lässt sich das Versprechen, dass der Körper durch Perfektionierung erlöst werden könnte, verstehen? Was ist an unserem Körper, so wie er ist, verkehrt und warum?

Indem ich diesen Fragen nachgehe, hoffe ich, dahin zu kommen, eine Theorie des Körpers unserer Zeit zu entwickeln. Körper sind in keiner Weise naturgegeben, das schlichte Produkt unserer DNA. Gefangen zwischen einer Epoche, in der im Westen für viele Menschen der Körper nicht mehr dazu dient, Güter zu produzieren, und einer Ära, die uns Körperersatzteile aller Art verheißt – von KI und der mit ihr einhergehenden Entkörperlichung ganz zu schweigen –, sind wir verständlicherweise verwirrt. Was genau ist dieser Körper, in dem wir zu leben versuchen? Welchen Teil von uns stellt er dar? Welches Verhältnis haben wir zu ihm? Wie lange werden wir ihn haben? Dieses Buch möchte ein erweitertes Körperverständnis schaffen, unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber neuartigen Angriffen stärken und unserem Körper eine nachhaltige Stabilität geben, damit wir friedlicher mit ihm und durch ihn leben können.

Gegen Körperunterdrückung, Fat-Shaming und Körperhass zu kämpfen, mag trivial klingen, ist es aber nicht. Hinter diesen Phänomenen stecken einerseits scheinbar »weiche«, in Wahrheit aber äußerst eindringliche und hartnäckige Marketingpraktiken und anderseits brutale Produktionsprozesse, die Raubbau an der Umwelt betreiben und Arbeitskräfte in aller Welt ausbeuten, von den Nagelstudio-Arbeiterinnen in New York bis zu den Näherinnen in Bangladesch, Vietnam oder auch Sizilien.9 Zusammengenommen ergibt das einen massiven Angriff auf die Körper von Frauen und Mädchen. Wenn wir dann noch die bekannteren Formen von Gewalt hinzunehmen, Vergewaltigung als Kriegswaffe, sexuelle Gewalt, sexuelle Belästigung, Genitalverstümmelung usw., wird klar, wie verletzlich Frauen gerade dort sind, wo sie am sichersten sein sollten: im eigenen Körper.

Die Protestwelle gegen Übergriffe und Gewalt ist wichtig, genau wie die Millionen Gespräche darüber und die Tausende von Blogs und Websites, die den Status quo herausfordern und sich für das Existenzrecht des Körpers in all seiner wunderbaren Vielfalt und mit all seinen Stärken und Verletzlichkeiten einsetzen.

Durch den Friedensnobelpreis 2018 für Denis Mukwege und Nadia Murad wurde die Bedeutung des Kampfs gegen sexuelle Gewalt anerkannt, und doch machen Wirtschaft und Warlords ungestraft weiter, bereiten ein Feld, auf dem Frauenkörper als eine Art erntereife Frucht zur beliebigen Verwendung gelten. #MeToo ist eine wichtige Form der Gegenwehr. Die Bewegung entspringt aus derselben Quelle wie die Argumentation dieses Buchs, dass und wie wir unser Verhältnis zu unserem Körper verändern müssen. Die Züchtung von Körperunsicherheit macht uns anfällig für Ausbeutung in vielerlei Form. Indem wir dieses Thema ernsthaft angehen, werden wir einen neuen Diskurs entwickeln, nicht nur, um unserer Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, sondern auch, um individuelles Leid in Handeln zu überführen, das dieser Grausamkeit ein Ende bereitet.

London 2019

1|Der Körper in unserer Zeit

Können Sie sich vorstellen, Ihre beiden gesunden Beine loswerden zu wollen, weil sie Sie furchtbar stören – so sehr, dass Sie sich deformiert fühlen, gefangen in einem Körper, der sich falsch anfühlt, nicht so, wie Ihr Körper sein sollte? Und können Sie sich vorstellen, fünfzig Jahre – in denen Sie sechs Kinder in die Welt setzen – mit dem Gedanken zu leben, dass nur eine beidseitige Amputation oberhalb des Knies Ihnen das Gefühl geben kann, ganz und vollkommen zu sein?

Das war das Dilemma von Andrew,10 der von der Vorstellung beherrscht war, sich zuerst von einem seiner Beine und dann vom anderen befreien zu müssen. Als er niemanden fand, der ihm dabei half, seine lästigen Beine loszuwerden, suchte er im Internet und fand eine Community von Menschen, die amputiert werden möchten.

Einen Mann, der seine Beine loswerden will, würden wohl die meisten Leute für verrückt halten. Dieser Wunsch scheint so bizarr und so außerhalb aller Normalität, dass es schwer ist, sich über diese spontane Bauchreaktion hinwegzusetzen. Doch genau das gelang dem Psychologen Dr. Bert Berger, als ihn Andrew im Milwaukee VA Medical Center konsultierte. Wie jeder vernünftige Arzt versuchte sich Dr. Berger in das Leiden seines Patienten hineinzuversetzen. Sein ärztlich-psychologisches Ethos hielt ihn davon ab, Andrew die Operation anzubieten, von der dieser glaubte, sie würde ihn heil und ganz machen. Also versuchte er die psychische Situation zu verstehen, die diesen paradoxen Wunsch hervorgebracht hatte.

In seinen frühen Schriften über Hysterie vertrat Freud die Ansicht, dass man sonderbare körperliche Symptome, wie etwa eine psychische Armlähmung oder das In-fremder-Sprache-Reden, nicht nur verstehen, sondern auch behandeln könne. Wo in der Volksmedizin Heiler*innen und Schaman*innen auf ihre Art das Unbewusste zu beeinflussen versucht hatten, schlug er eine Redekur vor, bei der durch eine spezielle Form des Zuhörens und Assoziierens Ärzt*in und Patient*in den unbewussten Ursachen für die nicht physiologisch begründeten Symptome auf die Spur kommen würden. Durch Reden würden sie die darin eingekapselten Konflikte aufdecken, und die Symptome würden verschwinden. Freuds Fallgeschichten aus dem Jahr 1895 waren revolutionär und überzeugend. Sie bewogen so viele Menschen, die neue Wissenschaft der Psychoanalyse zu studieren, dass es zu der Zeit, als Dr. Berger mit Andrew zusammentraf, für Psychotherapeut*innen jedweder Couleur längst selbstverständlich war, psychologische Methoden für die wirksamste und ethischste Herangehensweise an nichtorganische Körperprobleme zu halten. Wenn Andrew nur tiefgehend verstünde, woraus sich sein Wunsch speiste, so die Theorie, würde er auf eine Operation verzichten können. Oder genauer gesagt: Wenn er sein emotionales Leiden und das psychische Bild, das er von sich nach der Operation hatte, beschreiben könnte, würde ihm das wahrscheinlich neue Wege eröffnen, seinen Körper so, wie er faktisch war, zu akzeptieren.

Diese Art zu denken ist seit 120 Jahren etabliert. Sie hat Menschen mit Körperstörungen geholfen, anders und besser mit und in ihren Körpern leben zu können. Doch wenn es um den Wunsch nach Amputation oder Geschlechtsangleichung geht, reicht reden nicht immer aus. Bei Andrew genügte es jedenfalls nicht. Er wollte nicht nur reden, er wollte die Operation. Und er fand sich durch die Arbeit des Schotten Dr. Robert Smith ermutigt, der in zwei ähnlichen Fällen die Operation befürwortet hatte, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass dies die humanste aller möglichen Behandlungsweisen sei.

Obwohl ich selbst jahrzehntelang mit Menschen mit Körperproblemen gearbeitet hatte, stellte mich Andrews Amputationswunsch vor Rätsel. Und er beunruhigte und schockierte mich auch und zwang mich, mein ganzes Einfühlungsvermögen zu mobilisieren, um irgendwie zu verstehen, welche Umstände einen solchen Wunsch so dringend und zwingend machen können.

Heute wissen wir eine ganze Menge über das umgekehrte Phänomen: Empfindungen und Beschwerden in einem Phantomglied – einem Körperteil, der gar nicht mehr da ist.11 Es ist bekannt, dass Witwen oft noch lange, nachdem sie ihren Mann verloren haben, weiter zwei Kaffeetassen auf den Frühstückstisch stellen. Wie es dazu kommt, können wir verstehen. Unverständlicher ist uns auf den ersten Blick das irritierende Erleben eines Menschen, der versucht, mit einem Arm, den er gar nicht mehr hat, dem Kellner zu winken oder das Telefon abzunehmen. Von geisterhaften Sinnesempfindungen in einem nicht vorhandenen Körperteil geplagt, was ebenso demütigend wie verstörend sein kann, wird dieser Mensch vielleicht befürchten, verrückt zu werden.12

Die Witwe, das verstehen wir, macht einen Entwöhnungsprozess durch, löst sich nur langsam von einem langen Leben mit einem Ehemann und von der damit verbundenen Identität. Sie hat ihre neue Realität nicht immer parat. Verdrängung befördert das vorübergehende Einlullen in Vergesslichkeit. Der Mensch mit dem Phantomglied weiß, dass ihm das Körperglied fehlt, aber sein Körper scheint unabhängig zu agieren – so als wäre das Körperglied noch da. Das Bewusstsein dieses Menschen ist in gewisser Weise gespalten: in das kognitive Wissen um eine körperliche Realität und die fortdauernde sinnliche Wahrnehmung des nicht vorhandenen Körperglieds. In der Tat ein verrückt anmutender Zustand, insbesondere ehe die Erkenntnisse des Neurologen Dr. Vilayanur Ramachandran – auch der Sherlock Holmes des Phantomschmerzes genannt – einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.

Ramachandran zeigte, dass die von ihm untersuchten Patient*innen keineswegs verrückt waren. Ihre Gehirne hatten sich auf eine kuriose Weise an das Fehlen des betreffenden Körperglieds angepasst: Die Neuralbahnen des jetzt nicht mehr vorhandenen Arms, Beins oder Fingers hatten stattdessen andere Körperregionen übernommen. Durch Stimulieren beispielsweise eines bestimmten Wangenbereichs seiner Patient*innen konnte Ramachandran die Empfindungen einer Phantomhand intensivieren. Empfindungspunkte auf der Wange waren jetzt mit Gehirnregionen verschaltet, die eigentlich für die Hand zuständig gewesen waren.

Ramachandrans Erkenntnisse brachten vielen Menschen Erleichterung. Seine bemerkenswerten Fallstudien erhellen die Fähigkeit des menschlichen Körpers, etwas, das gar nicht da ist, auf verblüffendste Art und Weise zu spüren. So schildert Ramachandran etwa den Fall eines Ingenieurs aus Arkansas, der nach einer Unterschenkelamputation ein enorm erweitertes sexuelles Empfinden verzeichnete, da sich sein Orgasmus vom Penis in den Bereich seines Phantombeins ausdehnte.13 Ramachandrans Pionierarbeit hat uns dargelegt, wie phänomenal adaptionsfähig wir sind. Er zeigte, dass Phantomempfindungen keineswegs Einbildung oder Verrücktheit sind, sondern eine materielle Grundlage in der neuronalen Verschaltung des Gehirns haben.14

Andrews Wunsch, sich seiner beiden »überschüssigen« Beine zu entledigen, ist mysteriöser. Ramachandrans Arbeiten beschreiben, wie unser Gehirn unser Körperschema kartiert, und erklären, dass das Gehirn, wenn ein Areal wegen des Fehlens eines Körperglieds unterstimuliert ist, die Neuralbahnen auf eine Art und Weise umkartiert, die Sinnesempfindungen in dem fehlenden Körperglied erzeugen kann. Beruhte Andrews Problem auf dem umgekehrten Phänomen: der Unfähigkeit, seine Beine zu spüren? Blieben die elektrischen Impulse seines Gehirns aus, wenn seine Beine stimuliert wurden? Nein. Das wäre vielleicht einfacher gewesen. Andrews Problem war es, seine Beine übermäßig zu fühlen. Seine Lösung war die Amputation. Aber wenn das die Lösung war, woher rührte dann das Problem? Wie war es dazu gekommen, dass Beine, die doch so integraler Bestandteil des Menschen sind, als etwas Überschüssiges empfunden wurden?

Kinder, die sich nicht geliebt fühlen, glauben oft, dass an ihnen etwas falsch ist, so falsch, dass es sie inakzeptabel macht. Das Gefühl, nicht richtig zu sein, ist schmerzhaft und verwirrend, aber das Kind gibt den Wunsch, geliebt und akzeptiert zu werden, nicht auf. Es verzweifelt daran. Es sehnt sich nach der Erfüllung dieses Wunsches und fürchtet sie vielleicht auch. Doch das Streben danach, geliebt und akzeptiert zu werden, führt gleichzeitig zu dem Bemühen, sich selbst zu verändern, jemand zu werden, den das Kind selbst akzeptieren kann.

Weder als Kind noch als Erwachsener hatte Andrew das Gefühl, dass sein Körper akzeptabel war. Seine Beine waren für ihn so anstößig, dass er trotz seiner vielen Versuche, Hilfe zu finden – unter anderem bei Dr. Berger –, nicht mehr fähig war, sich selbst anzunehmen. Schließlich zwängte er beide Beine in einen Stützstrumpf und packte sie dann in Trockeneis, bis sie abstarben, sodass ein Chirurg die bereits atrophierenden Gliedmaßen amputieren musste.

Wir zucken bei dieser Vorstellung zusammen – wegen der Schmerzen der Amputation und wegen der inneren Qual, die einen Mann in den Fünfzigern zu der Überzeugung brachte, sich niemals selbst akzeptieren zu können, solange ihm nicht beide Beine abgetrennt würden. Ein derart extremes Verhalten scheint uns unverständlich. Wie und warum kommt ein körperlich gesunder Mann, der beim Militär war und dort eine harte körperliche Ausbildung durchlaufen hat, an den Punkt, sich nicht nur seiner Beine entledigen zu wollen, sondern es auch tatsächlich zu tun? Und wir fragen uns auch, wie die Geschichte ausgeht, ob die Amputation das Problem wirklich löst. Wird Andrew den Frieden mit sich selbst finden, den er sich vorgestellt hat? Wird er als Amputierter ein befriedigendes Leben führen können?

In den letzten vierzig Jahren haben wir uns daran gewöhnt, solche Fragen in Bezug auf Menschen zu stellen, die sich »im falschen Körper gefangen fühlen«, was ihr Geschlecht anbelangt, und zunehmend darüber sprechen, wie zwingend ihr Bedürfnis nach körperlicher Geschlechtsangleichung ist.15 Mein erstes Praktikum als angehende Psychotherapeutin machte ich in einer Ambulanzklinik für verurteilte Straftäter, die als zu schwach galten, um die Brutalität eines New Yorker Gefängnisses zu überleben. Diese als Männer gelesenen Häftlinge, die sich als Frauen identifizierten und erwogen, sich ihres als überschüssig empfundenen Penis zu entledigen, stellten, so befand man, für Mitgefangene eine zu große Provokation dar. Also ließ man sie auf Bewährung frei und schickte sie in eine Therapie.

Als meine erste Patientin, Michaela, ihren Penis in eine Vulva umwandeln lassen wollte, war meine erste Reaktion, wenn auch weniger roh als die potenzieller Zellengenoss*innen, doch ziemlich abwehrend. Als junge Feministin, die verstehen wollte, durch welche gesellschaftlichen und psychischen Prozesse wir zu Männern und Frauen gemacht werden, fand ich diesen Wunsch interessant, aber mir war auch unwohl dabei. Der Feminismus vertrat, dass wir uns durch unser biologisches Geschlecht weder definieren noch einschränken zu lassen brauchten, und doch kam ich allmählich dahin zu verstehen, wie gravierend sich Michaela durch das ihre fehldefiniert und eingeschränkt fühlte. Und sie war nicht die Einzige. Andere Patient*innen, Ruby, Maria und George, erschienen zu ihren Terminen mit Kleidern und Schuhen, Handtaschen, Schmuck und Make-up, die eine einzige Zelebration von Weiblichkeit waren und mich schließlich zu der Überzeugung brachten, dass das, was diese Menschen von ihrem Gefühl her waren, nicht zu dem passte, was sie physisch waren.

In dem Maße, wie mein Mitgefühl mit ihrem quälenden Dilemma wuchs, verlor sich mein Unbehagen. Biologie und Psyche waren bei ihnen nicht erwartungsgemäß verschmolzen. Michaelas zwingendes Bedürfnis war die körperliche Angleichung. Sie konnte mit sich als Besitzerin eines Penis so wenig leben wie Andrew mit sich als Besitzer von Beinen. Ihr Penis war eine Unmöglichkeit, und obwohl weder sie noch ich damals, vor mehr als vierzig Jahren, die Worte fanden, die ihr hätten helfen können, erkannte ich sie später in einem 2006 erschienenen Interview mit der Schauspielerin Aleshia Brevard, die die männlichen Genitalien, mit denen sie geboren worden war, als einen »behindernden und oft lebensbedrohlichen Geburtsfehler« bezeichnete.

Dank ihrer Eloquenz vermag sie diese für viele sicher schockierende Aussage in eine so sachliche Form zu kleiden, dass wir das, was sie sagt, ohne Vorurteil oder emotionale Abwehr zur Kenntnis nehmen können. Wir halten erst einmal inne und hören zu. Das Wort »Geburtsfehler« macht uns »den inneren Tumult, … die Verwirrung«16 vorstellbar, die ihr Leben prägten und es ihr verunmöglichten, ihr psychisches Selbstgefühl mit dem physischen übereinzubringen.

Für Aleshia Brevard war es, genau wie für Michaela, eine zwingende Notwendigkeit, ihren Körper zu anzugleichen. Für sie bestand nicht die Adaptationsmöglichkeit des Cross-Dressings, wie es etwa thailändische Ladyboys praktizieren, jene jungen Männer, die als Lustobjekte für Männer aus der westlichen Welt dienen, deren Homosexualität so mit Scham besetzt ist, dass sie sie Männerkörper suchen lässt, die als Frauenkörper verkleidet sind. Aleshia Brevard unterzog sich einer Geschlechtsangleichung und war Schauspielerin und Theaterregisseurin, ehe sie schließlich Schriftstellerin wurde. Die Operation wurde in den späten 1950er-Jahren vorgenommen, als Brevard in den Zwanzigern war, und bedeutete für sie eine ungeheure Erleichterung.

Auch Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, fordern heute die binäre Geschlechterordnung Mädchen/Junge, Frau/Mann, männlich/weiblich heraus. Weiblichkeit und Männlichkeit kulturell infrage zu stellen steht auf der Agenda, und das bringt für unumstößlich gehaltene Gewissheiten ins Wanken. Es ist schwierig, die Vermischung von biologischen, psychologischen und kulturellen Aspekten der Diskussion zu entwirren. Manchen geht es um Kritik an der binären Norm und darum, die rigiden Vorstellungen von Männlichkeit bzw. Weiblichkeit und Geschlechterrollen zurückzuweisen, die nach der massiven Frauen- und Schwulenbewegung und der beginnenden Trans-Bewegung der 1970er-Jahre in den letzten beiden Jahrzehnten in einer Weise reetabliert wurden, die schon an Barbie-und-Ken-Parodien grenzt. Andere, wie Aleshia Brevard, empfinden das Leben in einem feminisierten bzw. maskulinisierten Körper als ihre einzige Möglichkeit. Für uns alle, ganz unabhängig von unserer Geschlechts- und Geschlechtsrollenidentifikation und unseren sexuellen Praktiken, ist der Körper, sowohl materiell als auch imaginiert, ein Ort der Selbstdefinition, eine physische Gegebenheit von größter Bedeutung. Wir mögen behaupten, die ganze Sache mit dem Körper locker zu nehmen, aber diese Haltung ist nicht besonders realistisch. Wir sind vom ersten wachen Moment des Tages an mit unserem Körper befasst: beim Waschen, Urinieren, Essen etc. Wir können ihn nicht ignorieren.

Geschlechtsangleichungen rufen Kritik und Beunruhigung hervor. Vielen Menschen fällt es schwer zu verstehen, warum sich jemand einer Brustentfernung oder einer Behandlung mit Pubertätsblockern unterzieht. Das erscheint befremdlich und irgendwie bedrohlich, sowohl den Angehörigen einer Generation, die darauf aus war, die Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit zu erweitern, restriktive Gendernormen aufzubrechen und perspektivisch die Auflösung der Geschlechterrollen zu erreichen, als auch jenen, die finden, dass »Jungs Jungs und Mädchen Mädchen bleiben sollen«. Wie so vieles sind trans Menschen ein weit geringeres Problem für jüngere Leute, die mit zunehmender Diversität aufgewachsen sind und deren Sexualpartnerwahl fluktuiert. Sie verstehen vielleicht nicht den Zusammenhang zwischen der generellen Körperunzufriedenheit so vieler Menschen und dem drastischeren Wunsch, sich wie das andere Geschlecht zu kleiden oder sich einer chirurgischen Angleichung zu unterziehen. Aber sie wissen, was cisgender Menschen alles tun, um ihre Körperunzufriedenheit zu bezähmen, und dass dazu ebenfalls chirurgische Eingriffe gehören können. Da mein Fokus auf den Problemen des Embodiment liegt, nähere ich mich der Trans-Thematik indirekt: unter dem Aspekt, was sie zur Erhellung der speziellen Mischung von Ephemerem und Materiellem beiträgt, die das Embodiment eines Individuums und einer Kultur ausmacht.

Es fällt uns schwer, Andrews Beine, mit denen er fünfzig Jahre wider Willen leben musste, als eine ähnliche Art von Geburtsfehler zu betrachten. Unsere Vorstellungskraft ist zu beschränkt. Die meisten von uns fürchten körperliche Behinderung. Wir assoziieren eingeschränkte Bewegungsfähigkeit mit dem Alter, nicht mit dem Beginn eines neuen Lebens. Und doch können wir – betrachten wir einmal Andrews Verhältnis zu seinen Beinen und den Wunsch von Transsexuellen nach Geschlechtsangleichung als psychologisch vergleichbar – an seinen Fall ähnlich herangehen. Woher, fragen wir, kommt dieser Wunsch? Wie sieht der familiäre Hintergrund aus? Wie kam es dazu, dass seine Beine eine ähnliche Bedeutung annahmen wie ein unerwünschter Penis?

Um uns einer Vorstellung anzunähern, die bei vielen von uns zunächst so wenig emotionalen Widerhall findet, können wir Fragen formulieren, die uns die Konstruktion eines Bildes erleichtern – eines Bildes, das in diesem Fall vielleicht das Woher und Wozu von Andrews Wünschen und Handlungen zu erhellen vermag.

Hatten sich Andrews Eltern, als er klein war, über seine ersten Gehversuche lustig gemacht? Wurde er immer getragen, sodass seine Beine für ihn ein Anhängsel darstellten, das er von seinem Gefühl her nicht brauchte? Wollte er unbedingt getragen werden, musste aber selbst laufen? Repräsentierten seine Beine für ihn eine Form von Selbstständigkeit, für die er sich nie bereit fühlte? War jemand in seiner Umgebung – Eltern, Verwandte, Lehrer – körperbehindert? Fühlte er sich innerlich »von den Beinen geholt«? Während ich mir diese Fragen stellte, versuchte ich, mich in seine Situation zu versetzen und meine eigenen Beine wegzudenken. Sofort fühlte ich mich extrem exponiert. Meine Sexualität fühlte sich zu bloß liegend an, mein Gesäß zu markant. Das Überraschende war, dass, zumindest in meiner kurzzeitigen Fantasie, weder Schwäche noch Hilflosigkeit das dominante Gefühl war. Aber diese Art der Exploration am eigenen Leib brachte mich nicht sehr weit: Die Situation war mir zu fremd, um in mir ein Echo zu finden. Also wandte ich mich wieder der Frage zu, was an seinem vollständigen Körper für Andrew zu einem solchen Affront geworden sein konnte. Ich ging ihr nach, indem ich reflektierte, was in den USA der 1950er-Jahre mit Körpern passierte und ob darunter etwas war, was eine Amputation erstrebenswert erscheinen lassen könnte.

Andrew wuchs in einem spannungsgeladenen Elternhaus auf. Er beschreibt seine Mutter, die Lehrerin war, als hart und streng, seinen Vater als gleichgültig und vernachlässigend. Als einsames, unglückliches Kind pflegte er aus dem Fenster zu starren und zu hoffen, dass irgendetwas passieren würde. Aber in den weißen vorstädtischen USA jener Zeit passierte nicht viel, was sein Interesse hätte auf sich ziehen können. In allen Häusern ging es, zumindest nach außen hin, mehr oder minder gleich zu.17 Eine gefürchtete Ausnahme war die Kinderlähmung: Die Infektionsangst war allgegenwärtig. Immunisierung durch Impfung war das große Ziel der Gesundheitspolitik. Eine enge Freundin seiner Mutter, die nett zu ihm war, hinkte. Ein Kind in der Schule bewegte sich geschickt an Krücken fort. Eine fröhliche Bilderserie in Life – damals eine wichtige Wochenzeitschrift mit enormer Reichweite – zeigte Kinder mit Kinderlähmung beim Ballspielen. Diese Fotos fesselten ihn. Sie waren ein lebhafter Kontrast zur öden Gleichförmigkeit seiner Tage.

Im Kopf entwickelte Andrew eine Lösung für sein Problem, sich emotional auf dem Trockenen zu fühlen: Er würde aus seinem Körper einen Körper machen, der Mitgefühl weckte – bei anderen und bei ihm selbst. Er begann, sich nach einem Körper zu sehnen, der die seelischen Wunden des Kindes, das sich nicht liebenswert und akzeptabel fühlte, nach außen zeigte. Einem Körper, der seine emotionale Verletzung und Beschädigung widerspiegelte. Einem Körper, der vielleicht etwas Teilnahme auslösen würde. Als er in die Pubertät kam, experimentierte er heimlich damit, beide Beine in ein Hosenbein zu stecken und sich an Krücken fortzubewegen – ein Vorgefühl des Körpers, auf den er fast vierzig Jahre würde warten müssen.

Andrews Situation stellt eine Herausforderung dar. Wir haben wenig gelernt, wenn wir sie nur als Obsession einstufen, als hysterische Fehlinterpretation des faktisch Gegebenen, als bizarres Symptom. Wenn wir das tun, packen wir sie in eine Schublade, sperren unsere eigene Beunruhigung säuberlich weg, aber verstanden haben wir nichts. Auch wenn sich diese Situation zunächst unserem Verständnis entziehen mag – indem wir uns Zeit nehmen und neben dem Intellekt auch unsere eigenen aufgewühlten Gefühle, statt sie als Hindernis zu begreifen, als Werkzeug der Exploration benutzen, gelangen wir zu einer Reihe von Fragen, die den Körper in unserer Zeit generell betreffen und deren Relevanz weit über Andrews konkretes Dilemma hinausgeht.

Dr. Bert Berger berichtet, dass Andrew nach der selbst erzwungenen Amputation ein Leben fand, das für ihn stimmig war. Er erlangte eine Zufriedenheit mit seinem Körper, die vorher für ihn unerreichbar war. Vielleicht ist es in diesem Sinn gemeint, wenn Dr. Berger sagt, Andrew sei nicht psychisch krank. Er hat ja in der Amputation seiner Beine tatsächlich eine Lösung gefunden. Sie hat ihm das Gefühl gegeben, einen Körper zu haben, der für ihn richtig ist. Bei Aleshia Brevard spüren wir deutlich, dass ihr die physische Beseitigung ihres Problems eine ruhige Zufriedenheit mit sich selbst beschert hat. Da ihr »Geburtsfehler« schon früh korrigiert wurde, lebte sie viele Jahre als Frau, mit den üblichen Unzufriedenheiten, die das Frausein in unserer Zeit mit sich bringt.

Natürlich laufen Körper manchmal aus dem Ruder. Nicht auf der medizinisch-organischen Ebene – Körper weigern sich aus irgendeinem Grund, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten sollten. Sie funktionieren nicht mehr erwartungsgemäß. Ein Arm oder ein Bein ist plötzlich gelähmt, oder eine Frau bildet einen schwanger wirkenden Bauch aus, obwohl keine Befruchtung stattgefunden hat. Ein Mann entwickelt vielleicht eine zwanghafte sexuelle Fixierung auf Stöckelschuhe und kann nicht ejakulieren, ohne einen solchen Schuh zu sehen oder zu liebkosen. Solche Phänomene fielen Sigmund Freud im ausgehenden 19. Jahrhundert auf, und ihn faszinierte das Verhältnis zwischen Psyche und Körper, oder genauer gesagt, die psychischen Entstehungswege des körperlichen Symptoms. In Gesprächen mit seinen Patient*innen spürte er den Ursprüngen körperlicher Symptome nach, die nicht konstitutionell oder erblich bedingt waren. Er zog Verbindungen zwischen dem, was die Einzelnen erlebt hatten, ihrer Erinnerung und Konstruktion des Geschehenen und ihrer Einordnung dieses Erlebens im Licht ihrer unbewussten Wünsche und Konflikte. Freud wies überzeugend nach, dass die Psyche großen Einfluss auf den Körper üben konnte. Sein Werk hat, auch wenn es anfangs nur zögerlich aufgenommen wurde, unsere Sicht des Verhältnisses und der Interaktion zwischen Psyche und Körper revolutioniert.

Freuds Erkenntnisse leiten uns zu Recht seit über einem Jahrhundert. Sie sind nicht nur die Grundlage des psychoanalytischen Instrumentariums, sondern haben auch den gesamten medizinischen Bereich durchdrungen, sodass es heute Allgemeingut ist, die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem, das endokrine System und das Verdauungssystem oder auch auf das größte unserer Organe, die Haut, zu berücksichtigen. Wir zögern nicht, Ekzeme mit psychischem Stress in Verbindung zu bringen. Wir ignorieren zwar nicht die chemischen Reizstoffe, die Jucken und Rötung auslösen, belassen es aber kaum je dabei; wir gehen dem Verhältnis zwischen Emotionen, persönlicher Geschichte und den verschiedenen Körpersystemen nach.

Vor allem aber hat uns Freud gezeigt, dass die Annahme einer »natürlichen« menschlichen Sexualität eine irrige Vorstellung ist. Sexuelles Begehren ist durchtränkt von Konflikten, Wünschen und Fantasien. Es gibt gewaltsame Sexpraktiken wie Pädophilie oder Sex mit Tieren, aber auch auf Konsens basierende und dennoch in der Mehrheitsgesellschaft als deviant angesehene Praktiken wie Fetischismus, Klappensex und BDSM, um nur ein paar zu nennen. Im 21. Jahrhundert ist der Körper selbst ein ebenso kompliziertes Feld geworden, wie es zu Freuds Zeiten die Sexualität war. Auch er ist geformt und deformiert durch die früheste Interaktion mit unseren Bezugspersonen, Träger*innen der Normen und Imperative unserer Kultur, wie der Körper auszusehen und wie man mit ihm umzugehen hat. Deren Wahrnehmung eigener körperlicher Mängel und Stärken, ihr Körperideal und ihre Körperängste wirken sich auf das Kind aus. In meinem Sprechzimmer wird dieser Niederschlag im kindlichen Körpergefühl und in der Körperinstabilität des Erwachsenen deutlich. Neu und beunruhigend ist aus meiner Sicht die Häufigkeit, mit der elterliches Körperunbehagen im Körpererleben meiner erwachsenen Patient*innen zum Tragen kommt. Was sich da offenbart, ist die Weitergabe unsicherer Körperlichkeit von einer Generation an die nächste.

In meiner Anfangszeit als Psychotherapeutin hörte ich das ferne Grollen von Körperunsicherheit aus den Ess- und Körperbildstörungen der Menschen in meinem Sprechzimmer heraus. Ich schrieb darüber, wie in Vorstellungen von Dick- und Dünnsein komplexe gesellschaftliche und individuelle Ideen und Gefühle steckten, die sich nicht direkt zu äußern vermochten. Seit meinem Antidiätbuch und meinem Buch Hungerstreik (in England 1976 und 1986 erschienen) haben sich die Probleme, die ich damals zu beschreiben versuchte, massiv ausgebreitet: Essstörungen und Körperunbehagen sind heute für viele Menschen und viele Familien Teil des Alltagslebens. Da immer mehr Länder Anschluss an die globale Kultur erlangen, gelten die symbolischen Bedeutungen, die Dick- und Dünnsein beigemessen werden, inzwischen in den Köpfen vieler Menschen, deren Hauptsorge es noch vor kurzer Zeit war, genug zu essen zu bekommen. Heute zeigen »richtige« Ernährung und die »richtige« Figur die Zugehörigkeit zur modernen Welt an; »nicht richtige« Ernährung und eine »nicht richtige« Figur hingegen stehen für ein beschämendes Versagen oder für die Ablehnung der Werte, an denen wir uns zu orientieren haben. In diesem Kontext erweist sich Freuds Verständnis der symbolischen Bedeutungen im Leben des Individuums zwar nach wie vor als gültig, aber auch als begrenzt. Dass die Einzelnen wie auch das Kollektiv zunehmend Veränderungen des eigenen Körpers erstreben, deutet darauf hin, dass wir die Entwicklungstheorie – unser Verständnis des Übergangs von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenleben – mit den Auswirkungen gegenwärtiger gesellschaftlicher Praktiken zusammenbringen müssen.

Die letzten vierzig Jahre haben unser Verständnis dessen, was psychische Konflikte mit dem Körper anstellen können, erweitert. Sie haben deutlich gemacht, dass wir es mittlerweile mit einer Krise des Körpers selbst zu tun haben. Das hat mich dazu gebracht, das gesamte Konzept des Körpers als eines Organismus, der sich von der Geburt an nach seinen genetischen Vorgaben entfaltet und nur in bestimmten Schlüsselstadien dieser Entwicklung von der Psyche (und der Ernährung) beeinflusst wird, infrage zu stellen. Wenn der Körper nicht mehr etwas im Grunde Stabiles ist, müssen wir neu über das primäre Terrain unserer menschlichen Körperlichkeit nachdenken. Wir brauchen eine körperliche Entwicklungstheorie, parallel zu existierenden Theorien der psychischen Entwicklung. Wir wissen, dass die Entwicklung des Kindes eine Beziehung zu einem oder mehreren »anderen« erfordert, und meine These lautet: So wie innerhalb dieser Beziehung das Seinsverständnis, das Wesen dieser Psyche-zu-Psyche-Beziehung enkodiert wird, so beruht auch die Entwicklung des körperlichen Selbstgefühls auf der Körper-zu-Körper-Beziehung des Kindes zu seinen Bezugspersonen. In dem Maß, wie wir von Psycho- und Körpertherapeut*innen, Neuropsychoanalytiker*innen und Neuropsycholog*innen lernen, werden wir zu einer psychosomatischen Theorie der menschlichen Entwicklung finden. Oder, wie der Neurowissenschaftler Daniel Glaser über die Jahre mir gegenüber in hilfreichen Privatgesprächen vorschlug, zu einer umfassenderen Theorie des Geistes, die den Körper einbezieht, was gegenwärtig nicht auf sinnvolle Weise geschieht. Außerhalb der Psychoanalyse wird derzeit das Gros der Theoriebildung von der Beschäftigung mit dem Gehirn und seiner Verschaltung dominiert. Die herausragendsten Vertreter*innen dieser Schulen begreifen das Bewusstsein als emergente Eigenschaft des Gehirns.18

Das Gehirn spielt die entscheidende Rolle bei der neuronalen Kartierung des Körperschemas, und Ramachandrans Arbeiten beispielsweise haben gezeigt, dass das Phänomen der Phantomgliedmaßen auf einer Umkartierung beruht. In Kapitel 2 werden wir uns außerdem mit der Bedeutung des prämotorischen Kortex und des Spiegelneuronensystems befassen und der Wichtigkeit von Berührung für die Ausschüttung von chemischen Substanzen im Gehirn nachgehen. Ich hätte großes Interesse daran, anhand von Bildgebungsstudien zu erfahren, wie Körper-zu-Körper-Beziehungen, von förderlichen bis hin zu schädlichen, unsere neuronalen Verschaltungen beeinflussen. Ein weiteres interessantes Forschungsprojekt wäre die Untersuchung der Mechanismen, über die sich unsere bildergesättigte Kultur auf den visuellen Kortex auswirkt.

Dies sind meine klinischen Ausgangspunkte und meine theoretischen Vorschläge. Auf der moralischen Ebene schmerzt und beunruhigt mich die homogene visuelle Kultur, mit der uns Industrien überziehen, deren Profite auf dem Schüren von Körperunsicherheit beruhen und deren Schönheitsterror so viele Menschen schädigt. Millionen kämpfen täglich mit negativen Gefühlen und Scham wegen ihrer körperlichen Erscheinung. Das ist für viele Menschen ein großes Problem und kann sich in vielerlei Form manifestieren.19 Dass es ein privater Kampf ist, der sich als Eitelkeit äußern oder fälschlich dafür gehalten werden mag, macht es in keiner Weise trivial. Nur weil es heute so normal ist, sich mit dem eigenen Körper oder Teilen desselben unwohl zu fühlen, spielen wir herunter, wie schwerwiegend solche Körperprobleme sind: Sie sind eine versteckte Gesundheitskatastrophe, die sich nur ansatzweise in den Statistiken über selbstverletzendes Verhalten, Übergewicht und Anorexie zeigt – den sichtbarsten Symptomen einer viel umfassenderen Körperunsicherheit.

Obwohl Menschen wie Andrew Extremfälle des Leidens am eigenen Körper darstellen, sind sie doch in gewisser Weise emblematisch für den heutigen Fokus auf das, was an unserem Körper nicht »stimmt«, und das Gefühl, diesen Körper als ein persönliches Arbeitsprojekt begreifen zu können und zu müssen. Die Unzufriedenheit mit dem Körper zu überwinden, ist heute ein weitverbreitetes Thema. Es ist Gegenstand quälender innerer Auseinandersetzung, individueller Verantwortung und politischer Bestrebungen, insbesondere, wenn es um den »maßlosen« Körper geht. Wenn das britische Gesundheitsministerium und das Ministerium für Jugend, Bildung und Familie, ohne sich lächerlich zu machen, die »Geißel« Adipositas (Fettleibigkeit) mit den Gefahren des Klimawandels auf eine Ebene stellen können, zeigt dies die gegenwärtige Verwirrung und Panik in Bezug auf den Körper, die Ignoranz und Leichtgläubigkeit – in diesem Fall dem Mythos »Adipositas« gegenüber – hervortreibt. Diese Grundeinstellung zum Körper ist kennzeichnend für unsere Zeit. Der Körper gilt als etwas, das außer Kontrolle ist und der Disziplinierung bedarf. Essen ist eine Ebene davon, Sexualität, Alkohol und Drogen sind weitere. Die Kehrseite dieser Einstellung ist der Glaube, dass so gut wie alles am Körper vom Individuum verändert werden kann. Biologische Gegebenheiten waren einmal – Pigmentierung, Nasenform, Lippenform und Alterungszeichen gelten allesamt als korrigierbar. Motor des Strebens nach körperlicher Umgestaltung ist die Kategorisierung von Körpern nach Merkmalen von race – Weiß, Schwarz etc. – und dann nach Klassenmerkmalen – die Körper der Arbeiter*innenschicht,20 Mittelschicht und oberen Mittelschicht unterschieden sich einst in Aussehen, Bewegung, Kleidung und Art zu sprechen –, woraufhin schließlich der einzelne Körper je nach Alter, Statur und Übereinstimmung mit Schönheitsnormen eine spezifische Akzeptanz und Behandlung erfährt. Wenn Körper- oder Gesichtsmerkmale das Individuum einer benachteiligten Gruppe zuordnen, rufen diese Merkmale Stigmatisierung und Geringschätzung hervor.21 An diesem Punkt entsteht dann eine Industrie, die die Umwandlung dieser körperlichen Marker als Ausweg aus der gesellschaftlichen Festlegung anbietet.

Nur noch wenige Körper stellen heute Dinge her. In der westlichen Welt haben Automatisierung, mechanisierte Landwirtschaft, vorgefertigte Produkte von Nahrungsmitteln bis zu Häusern, motorisierter Transport, Hightech-Kriegsführung etc. einen Großteil der schweren körperlichen Arbeit ersetzt. Wir reparieren auch kaum noch Dinge, weil Massenproduktion heißt, dass es billiger ist, den Toaster zu ersetzen, als das zur Reparatur nötige Teil zu bekommen. Unser Verhältnis zur Physis verändert sich. Wo einst arbeitende Körper durch muskelbildende körperliche Schwerarbeit geformt wurden, hinterlassen heute schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungsbereich und computerbasierte Jobs quer durch die Schichten keine solchen physischen Indikatoren mehr. Ja, viele von uns müssen sich schon gezielt bemühen, sich bei der Arbeit oder während ihres gesamten Tagesablaufs überhaupt noch zu bewegen. Früher war es ein Privileg der begüterten Schichten, die keine körperliche Arbeit leisteten, sich zum Zeitvertreib und als soziale Kennzeichnung zu schmücken und zu verschönern. Im Zuge einer Modernisierung und Demokratisierung dieser Sitte sind wir heute alle dazu angehalten. Daher beobachten wir etwas Neues. Der Körper ist zu einer Form von Arbeit geworden. Er verwandelt sich vom Produktionsmittel in das zu Produzierende.

Den Fallout dieser Veränderung sehen wir in den Sprechzimmern von Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Psychoanalytiker*innen und Ärzt*innen. Hier finden wir immer häufiger das, was ich Körperinstabilität und Körperscham nenne. Es wird immer offensichtlicher, dass unser Körperverständnis auf neue Erklärungen und Theorien angewiesen ist. Ob es um die Bereitschaft und den Wunsch so vieler Menschen geht, die Größe oder Form ihres Penis, ihrer Brüste, ihres Gesäßes oder Bauchs zu verändern, ob wir uns bemühen, das Erleben eines Mannes mit einem Phantomglied zu verstehen, quälende psychosomatische Symptome zu decodieren, mit Anorexie, Bulimie oder einer der sonstigen Körperdysmorphien umzugehen – das kartesianische und freudianische Konzept des Körpers erscheint heute unzulänglich. Das Psyche-Körper-Verhältnis verändert sich. Orthodoxe psychoanalytische Theorie über die Fähigkeit der Psyche, den Körper zu beeinflussen, reicht nicht mehr aus. In dieser Zeit der Körperinstabilität wird immer klarer, dass der natürliche Körper eine Fiktion ist.

Wenn man sich in der Welt umschaut und die vielen verschiedenen Arten von Körpersprache und Körperschmuck sieht,22 wird klar, dass Körper immer Ausdruck einer zeitlichen, geografischen, geschlechtsspezifischen, religiösen und kulturellen Einbindung sind. Halsringe, Gesichtsbemalung, Verschleierung, entblößte Fußgelenke, Businessanzüge, gefärbte Haare, Tätowierungen, absichtlich deformierte Füße, Goldzähne, Kopfbedeckungen, Beschneidung, lackierte Fingernägel sind allesamt Formen der Kennzeichnung oder Selbstkennzeichnung von Individuen als Mitglieder einer bestimmten Gruppe. Unsere Körper charakterisieren sich durch die Kleidung, den Gang und/oder sonstige Zeichen, die der Gruppe entsprechen, aus der wir kommen, zu der wir gehören oder mit der wir uns identifizieren wollen. Unsere Körpercodes und unser Körperverhalten konstituieren, wer wir sind. Ob wir die jeweiligen Codes für sinnvoll halten oder nicht, zeigen sie doch in jedem Fall, dass unser Körper weder naturgegeben noch unverfälscht ist, sondern geformt und geprägt durch das Zusammenspiel von Myriaden kleiner kultureller Praktiken. Es gab nie so etwas wie einen simplen, »natürlichen« Körper, sondern immer schon nur einen Körper, der sozial und kulturell geformt ist. Doch der derzeitige kulturelle Diskurs über den Körper verweist auf eine neue Epoche der Destabilisierung des Körpers und eine neue obsessive Beschäftigung mit ihm, beides induziert durch gesellschaftliche Kräfte und vermittelt in der Familie – dort, wo wir unser Körpergefühl erwerben.

Das heißt nicht, dass wir unsere Körperpraktiken als fremd erleben. Wenn wir Sport machen, uns frisieren und kleiden, unterstreichen wir, wie wir gesehen werden wollen und wie wir uns selbst sehen. Wir machen uns mit Vergnügen zurecht. Unsere Körperpraktiken werden uns nicht von oben vorgegeben wie eine Art Katechismus, den es zu befolgen gilt. Kulturelle Identität wird in der ganz alltäglichen, elementaren Interaktion zwischen Babys und Eltern vermittelt. Sie ist das Eltern-Kind-Verhältnis. Die Art, wie Babys getragen, gehätschelt, gefüttert werden, wie man mit ihnen spricht und schmust, sich mit ihnen beschäftigt, ist nicht nur die Summe jener kulturellen Praktiken, die Mütter, Väter, Kinderfrauen und Großeltern selbst als Kinder absorbiert haben und jetzt weitergeben, sie ist auch entscheidend dafür, wie das Kind seinen eigenen Körper erlebt. Körper werden im Säuglingsalter geformt, je nach den gesellschaftlichen und individuellen Gebräuchen der Familie, in die sie hineingeboren werden, sodass sie zu der Sorte Körper werden, die das vor ihnen liegende Leben erfordert.

Das war immer schon so und lief weitgehend unreflektiert ab. Jungen, die zu Kriegern erzogen wurden, entwickelten die dazu nötigen physischen und psychischen Eigenschaften, während Mädchen dazu erzogen wurden, brav und sittsam zu sein, still und nett mit übereinandergeschlagenen Beinen dazusitzen. Die Körper nahmen automatisch den entsprechenden Ausdruck an. Ein englischer Schuljunge der 1960er-Jahre war auf den ersten Blick zu erkennen und von seinem deutschen oder chinesischen Gegenstück zu unterscheiden: durch seine Haltung, seine Kleidung und das räumliche Feld, das sein Körper einnahm. Der Verkörperungsprozess eines jeden Jungen war konstitutiv für sein Selbstgefühl. Schichtzugehörigkeitsmarker wiesen ihn als Angehörigen der Ober-, Mittel-, der Arbeiterschicht aus. Kleidung war in Großbritannien einst in dieser Hinsicht ein ebenso schnell zu deutendes Signal wie die Sprechweise. Heute jedoch ändert sich das, da der globale Körper uns alle auf neue Weise zu erfassen scheint. Wir sehen einen rapiden Rückgang der reichen Vielfalt an Körperexpressionen. Einige wenige idealisierte Körpertypen, auf die hinzuarbeiten sich alle aufgefordert fühlen, treten an die Stelle verschiedener Verkörperungsformen in den verschiedenen Ländern. So wie wir derzeit etwa alle drei Monate eine Sprache verlieren, weil 9,2 Prozent der Sprachen der Welt nur noch von weniger als zehn Menschen gesprochen werden,23 geht uns, fürchte ich, auch die Vielfalt der Körper verloren.

2|Wie der Körper geformt wird

Tony Bell trug tagsüber einen Anzug, doch wenn er nach Hause kam, hatte er es eilig, sich auszuziehen und Luft an seinem Körper zu spüren. Im Anzug fühlte er sich nie wohl. Das war ihm zu beengend. Mit sechzig erzählte Tony, dass er einen Teil seiner Kindheit im afrikanischen Veld verbracht hatte: Er lebte in dieser Zeit bei den Ndebele in einer Region namens Matabeleland im Westen des heutigen Simbabwe. Bis er vier war, wuchs Tony in einer ziemlich typischen englischen Mittelschichtsfamilie auf. Als seine Eltern während des Krieges starben, wurde er zu einer Tante im damaligen Rhodesien geschickt.

Tony erinnerte sich nicht, wie er zu den benachbarten Ndebele kam. Plötzlich bei einer Verwandten gelandet, die schlecht für diese Aufgabe gerüstet war und ihn nicht sonderlich warmherzig aufnahm, muss er sich wohl entweder nach und nach Stammesmitgliedern angeschlossen haben oder aber aus dem Haus der Tante weggelaufen sein. Sechs Jahre, bis er zehn war, lebte Tony bei den Ndebele, passte sich deren Art zu leben an und lauschte ihren Geschichten. Für unser kindzentriertes Denken klingt seine Geschichte unglaublich und zu sehr nach einer kindlichen Adoptionsfantasie.24 Doch wenn wir uns eine unverheiratete Tante in den 1940er-Jahren in einem entlegenen Winkel des britischen Kolonialreichs denken, die plötzlich für ein Kind verantwortlich sein soll, ohne die emotionalen Voraussetzungen dafür mitzubringen, wird schon vorstellbar, dass der elternlose Junge als lästige Bürde empfunden wurde, und es liegt durchaus nahe, dass er immer mehr Zeit mit den Hausbediensteten oder Farmarbeiter*innen verbrachte und sich nach und nach in einem Umfeld zu Hause fühlte, das ihn mit mehr Wärme aufnahm.

Tony identifizierte sich mit seiner neuen Großfamilie, übernahm die Gebräuche der Ndebele, lernte, weite Strecken zu laufen, am Fluss zu spielen und den Geschichtenerzählern zu lauschen. Fünfzig Jahre später waren seine Jahre bei den Ndebele zu einer glücklichen Zeit idealisiert, in hartem Kontrast zu den verstörenden Erfahrungen, die begannen, als ihn weiße Siedler wieder einfingen. Er erinnerte sich, dass er von einem Suchtrupp mit einem Netz gejagt worden war wie ein Tier und man ihn dann zwei komisch gekleideten Frauen übergeben hatte.

Wir können nur ahnen, wie verwirrend seine Rückkehr für die alleinstehende Tante gewesen sein muss. Nachdem er gegen seinen heftigen Widerstand von Kopf bis Fuß abgeschrubbt worden war, fand er sich in einem geschlossenen Raum in ein Bett gesteckt, dessen weiße Laken sich im Vergleich zu dem Erdboden, an den er sich gewöhnt hatte, unangenehm rau anfühlten. Heute stünden Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen bereit, um Tony zu helfen, über seine Erlebnisse zu sprechen und sich wieder in eine Gesellschaft einzufinden, die er so früh hinter sich gelassen hatte. Doch damals, in den 1950er-Jahren, schickte man ihn kurzerhand nach England zurück und erwartete selbstverständlich von ihm, dass er ohne besondere Betreuung, abgesehen von etwas Nachhilfe im Lesen, wieder wie ein englischer Junge lebte.

Was mich im Gespräch mit Tony vor allem interessierte, war die körperliche Prägung durch sein Leben bei den Ndebele. Als er zu ihnen stieß, war er ein kleiner Junge in der formellen englischen Jungenkleidung: kurze Hosen, Hemd, weiße Socken und Sandalen. Dann jedoch verlagerten sich seine Identifikation und sein Zugehörigkeitsgefühl nach und nach von seinen englischen Eltern auf seinen Clan. Die Zeitspanne, die er bei den Ndebele verbrachte, war sehr bedeutsam. Im Alter zwischen vier und zehn Jahren erprobt ein Kind seinen Körper in einem immer weiteren Aktionsradius. Bei uns hätte Tony vielleicht Radfahren und Schwimmen gelernt, hätte auf Schaukeln, Rutschbahnen und Karussells gespielt, gezeltet und sich in Matsch und Dreck vergnügt. In Sachen Kleidung hätte er im Nachkriegsengland keine große Wahl gehabt: Er hätte die gleichen Sachen getragen wie Millionen Jungen seines Alters. Doch Tonys Leben hatte eine ungewöhnliche Wende genommen. Er war kein normaler englischer Junge mehr. Er hatte nicht in einem Haus gewohnt, nicht in warmem Wasser aus dem Hahn gebadet, nicht an einem Tisch mit Messer, Gabel, Löffel und Serviette gegessen. Jetzt musste er sich mit Seife waschen – ein »widerlicher Geruch«, der für ihn fremd und verwirrend war und ihn vom »Geruch des Seins« abschnitt. »Sobald man Seife benutzt«, sagte Tony traurig, »verliert man seinen Geruchssinn. Man riecht nicht mehr, welche Sorte Gras man um sich hat. Man riecht nicht mehr, welche Tageszeit ist. Schließlich«, sagte Tony nach einer Schweigepause, »passt man sich an.«25

Aber Tony Bell passte sich nur zu einem gewissen Grad an. Seine Körperlichkeit war bei den Ndebele geformt worden, und er musste sie in den Midlands der 1950er-Jahre noch einmal neu formen, musste auf einer Schulbank sitzen, einen Stift halten, Kricket spielen und sich daran gewöhnen, Socken, Schuhe und die übliche Kleidung englischer Jungen im Pubertätsalter zu tragen. Jahre später fand es seine Tochter seltsam, einen Vater zu haben, der zu Hause nackt herumlief. Tonys Jahre in Afrika hatten eine Körperprägung hinterlassen, die für einen Mann in England eine gewisse Dissonanz zu seiner Umgebung bedeutet. Er konnte einen Anzug tragen und tat es auch. Aber für ihn war das lediglich eine Körperbedeckung, die ihm kein Zugehörigkeitsgefühl gab. Im Anzug war er nicht im Einklang mit sich selbst. Es fiel ihm schwer, Beziehungen zu Frauen einzugehen, er wollte am liebsten nach Hause kommen und sich sofort ausziehen, was wiederum für seine Freundinnen irritierend war. Tonys körperliche Anpassungsschwierigkeiten zeigen, wie viel von dem, was wir an unserem Körper für selbstverständlich und natürlich halten, tatsächlich durch unsere spezielle Umgebung geformt ist.

Tonys Geschichte erinnert an Victor, den »Wilden von Aveyron«, der als Kind jahrelang unter Tieren in französischen Wäldern lebte, und an die Bemühungen der Menschen, die sich seiner annahmen. Während die Flut von wilden Kindern, die in jüngerer Zeit »entdeckt« wurden, auf wissenschaftliche Skepsis stößt, ist Victors Fall unumstritten. Victor wurde 1788 nahe den Wäldern von Saint-Sernin-sur-Rance gefunden und, ähnlich wie Tony Bell, eingefangen und in einen Haushalt gegeben, aus dem er zweimal entfloh. Am 8. Januar 1800 tauchte er schließlich wieder aus den Wäldern auf, und damit begann der Prozess der Untersuchung, Unterweisung, Versuchssozialisierung und Zurschaustellung, der bis an sein Lebensende dauerte. Victor war deshalb von solchem Interesse, weil sein Auftauchen in der Nähe von Toulouse mit der Debatte der Aufklärung zusammenfiel, worin Bewusstsein bestehe und was den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmache. Mit der Genetik und der durch sie entfachten Debatte um Vererbung versus Lernen, Natur versus Kultur, und jetzt auch noch durch die KI und ihre Verheißung, dass irgendwann unser Gehirninhalt auf Maschinen hochgeladen werden kann, sind diese Fragen noch virulenter geworden. Aber sie wurden ohnehin schon von jeder Philosoph*innen-, Politiker*innen- und Wissenschaftler*innengeneration in einem neuen ideologischen Kontext wieder aufgeworfen.

Ein junger Medizinstudent, Jean Marc Gaspard Itard, versuchte, Victor menschliche Verhaltensweisen beizubringen. Victor konnte nicht sprechen. Er gab lediglich Laute von sich. Er stand nicht aufrecht und konnte auch nicht nach Menschenart gehen. Er bewegte sich geduckt fort, beinah auf allen vieren – in Nachahmung, so glaubte man, der Tiere, unter denen er aufgewachsen war. Im Gegensatz zu Tony Bell hatte er nie gelernt, gekochte Nahrung zu sich zu nehmen und an einem Tisch mit Geschirr und Besteck zu essen. Sein Leben hatte sich in der Wildnis abgespielt. Die Temperaturregulierung seines Körpers hatte sich dahingehend adaptiert, Extreme zu verkraften, die der zivilisierte Mensch ohne schützende Kleidung kaum überstehen würde. Als ihn der französische Naturforscher Pierre Joseph Bonnaterre nackt in die Winterkälte hinausführte, wälzte sich Victor freudig im Schnee und schien sich ganz offensichtlich wohlzufühlen. Sein Körper hatte nicht nur äußerlich nichtmenschliche Züge angenommen. Erstaunlicherweise war auch sein innerer Thermostat auf die Anforderungen des Lebens im Freien geeicht. Wo die Tiere, unter denen er gelebt hatte, in ihrem Fell ein angeborenes Mittel der Temperaturkontrolle besaßen, hatte sein Körper eine immense Anpassungsleistung erbracht, um ähnlich funktionieren zu können – ohne die Kleidung, die wir mit dem Menschen assoziieren.

Itard, ein junger, engagierter Arzt, der bereits als Erster einen Fall von Tourette-Syndrom dokumentiert hatte und zu einer Kapazität auf dem Gebiet des Hörens werden sollte, verwandte viele Jahre auf das Bemühen, Victor das Sprechen beizubringen. Als Victor aus den Wäldern kam, hielt man ihn für etwa zwölf und unterzog ihn einem strengen Erziehungsprogramm, um ein menschenähnliches Wesen aus ihm zu machen. Von den Wissenschaftlern und Philosophen als Kuriosität betrachtet, von Itards Haushälterin Madame Guérin, die für ihn sorgte, hingegen als normales Kind behandelt, wurde Victor für die nächsten zweihundert Jahre der Referenzfall, sobald es um die Dekonstruktion von Konzepten dessen ging, was Menschsein bedeutet.

Natürlich haben Anthropolog*innen gezeigt, welch vielfältige Erscheinungsformen von Menschsein es gibt, und Soziolog*innen haben uns demonstriert, welch unterschiedliche Lebensläufe Menschen haben können, die in derselben Straße von Manhattan oder London aufgewachsen sind. Doch was uns Victor eröffnet, ist die Einsicht, wie weitgehend Körper und Geist eine Art Rohmaterial sind und wie der Körper durch die Umstände seines Aufwachsens geformt wird. Inzwischen wissen wir, dass es für den Spracherwerb einen kritischen Zeitraum gibt. Wer nicht als kleines Kind sprechen lernt, wird es womöglich nie lernen. Das Brabbeln des Babys ist eine Protosprache, die es im Prozess der Strukturierung bestimmter Gesichtsmuskeln entwickelt: Zunge, Lippen, Wangen und Kiefer lernen das zu tun, was zur Hervorbringung der Sprachlaute nötig ist, während gleichzeitig das Gehör Sprachlaute zu differenzieren lernt. Das Baby ahmt nach, was es hört. Es erfordert eine Menge Übung, Zunge, Mund, Kiefer und Wangenmuskeln zu koordinieren und das Gehörte richtig wiederzugeben.

Man braucht nur einmal zu versuchen, einen Satz auf Mandarin oder Xhosa nachzusprechen. Selbst wenn man diese Sprachen im Ohr hat, gelingt die Lautbildung ab einem bestimmten Alter nicht mehr ohne ein hohes Maß an Übung. Und selbst bei größtem Lerneifer ist es schwer, eine fremde Sprache, die man nicht als Kind absorbiert hat, ohne die typische Färbung durch die eigene Muttersprache zu reproduzieren. Man erkennt den Israeli, der fließend Englisch, oder die Italienerin, die perfekt Französisch spricht, weil die für die Lautproduktion benötigten Muskeln im Kiefer- und Kehlbereich für die jeweilige Muttersprache strukturiert worden sind. Natürlich können wir mehrere Sprachen sprechen, aber wenn wir diese Sprachen nicht schon in früher Kindheit gelernt haben, werden unsere Vokale, unsere Intonation und Betonung immer ein klein wenig von der des Muttersprachlers abweichen. Es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen dem Sprechen einer Sprache und dem bloßen Hören. Es hat sich gezeigt, dass der Hype, Babys zur Beschleunigung ihrer Wortschatzentwicklung Sprachlern-Apps vorzuspielen, das Sprechvermögen eher retardiert. Was die Sprachentwicklung fördert, sind melodische »Zwiegespräche«, bei denen die Eltern so tun, als könnte ihr Baby sie verstehen. Mein Englisch, das ich von meiner US-amerikanischen Mutter und meinem walisischen Vater gelernt habe, hat die Lippenartikulation von jemandem, der sowohl in London als auch in New York gelebt hat und mit britischem und US-amerikanischem Englisch von früh auf vertraut war, so wie ein englischer Junge der Arbeiterschicht meiner Generation, der ein Londoner Gymnasium besuchte und dort wie seine Schulkameraden zu sprechen lernte, zwei Sprechstile, zwei Akzente und zwei Repertoires an mimischen Ausdrucksformen und Manierismen erworben hat, die je nach Zuhörerschaft fluktuieren. Eine Körperlichkeit und eine Stimme passen zu der einen Umgebung, die andere Körperlichkeit, Stimme und Intonation zur anderen. Eine Freundin von mir, die mit zwölf Jahren Südafrika verließ, artikuliert in Wörtern noch immer ein langes »a«, wie es im südafrikanischen Englisch üblich ist. Sie mag zwar den Unterschied zwischen ihrem »a« und meinem hören, kann aber meines nicht ohne Weiteres reproduzieren. Ihres ist eine artikulatorische Prägung, in der ihre Geschichte von vor fünfzig Jahren encodiert ist, eine Prägung, die ebenso tief verankert ist wie Victors Thermoregulation, nachdem er jahrelang Schnee, Sonne und Wind ohne schützende Kleidung ausgesetzt war.

Für den Rest unserer körperlichen Strukturierung gilt Ähnliches wie für das Sprechen und die Hauttemperaturregelung. Wir werden jetzt einmal etwas tiefer in den Körper hineingehen und uns anschauen, wie Victor, Tony Bell und wir alle unseren Bewegungssinn entwickelt haben. Wir wissen, dass die Ausbildung der Motorik mit Nachahmung und Übung zu tun hat und dass es beispielsweise eine typische Art zu gehen gibt, die eine Achtzehnjährige aus Bhutan26 von einer gleichaltrigen Mailänderin unterscheidet. Wie wir sehen werden, verschleift die Globalisierung diese Unterschiede und bewirkt eine gewisse Homogenisierung aller Bereiche des Körperlichen, selbst im vergleichsweise isolierten Bhutan. Trotzdem sind die spezifischen Bewegungsmanierismen dieser beiden jungen Frauen immer noch deutlich erkennbar. Beide haben auf irgendeine Weise verstanden, dass ihr Körper das Verhalten ihrer Schwestern, Mütter und Altersgenossinnen widerzuspiegeln hat. Wie also ist das geschehen? Wie sind sie in den Besitz ihrer speziellen Körpergesten gelangt? Wie befähigt uns Beobachtung, die Körperlichkeit der eigenen Mutter, Schwester oder Freundin zu inkorporieren?

Robert Sylvester, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Oregon, verweist auf einen ganz alltäglichen Vorgang zwischen einem Elternteil und einem Baby. Der Elternteil streckt die Zunge heraus, und das Baby antwortet, indem es das Gleiche tut. Wir lachen vielleicht, wenn wir das sehen, und denken nicht weiter darüber nach. Aber wie kann ein Baby einen so komplexen motorischen Akt unmittelbar nach der Beobachtung meistern? Das ist eine gute Frage. Die Zunge herauszustrecken ist ein kompliziertes Unterfangen. Wenn wir uns klarmachen, was die Erwiderung unseres Zungeherausstreckens beinhaltet, erkennen wir, wie viele Prozesse im Gehirn des Babys ablaufen müssen, um diese spontane Reaktion hervorzubringen. Das Baby muss sehen, dann das Sehen in eine Aufforderung zum Antworten übersetzen und schließlich die Muskeln aktivieren, die für die Bewegung von Zunge und Mund zuständig sind.

Wenn wir ins Gehirn blicken könnten, würden wir ein schmales Band von Gehirnzellen sehen, den motorischen Kortex, der sich von Ohr zu Ohr erstreckt und aktiviert wird, sobald eine Bewegung einsetzt. Vor dem motorischen Kortex zur Stirn hin sähen wir Aktivität im prämotorischen Kortex, der Gehirnregion, die die Bewegung vorbereitet. Eine Zufallsbeobachtung von Giacomo Rizzolatti und Vittorio Gallese vor zwanzig Jahren in einem Forschungslabor in Parma, in dem beide an Affen forschten, führte zur Identifikation einer neuen Klasse von Neuronen, die an diesem dualen Phänomen von Sehen und Tun beteiligt sind. Rizzolatti und Gallese verfolgten die Aktivität von Gehirnzellen, wenn Affen die Arme ausstreckten, um nach einer Erdnuss zu greifen. Die Wissenschaftler interessierte, was bei dieser Bewegung im Gehirn vor sich ging. Sie beobachteten, dass dabei jedes Mal eine bestimmte Gruppe von Gehirnzellen in den Frontallappen feuerte. Eines Tages kam ein Wissenschaftler aus einem anderen Labor herein, um etwas mit Rizzolatti und Gallese zu besprechen, und griff beiläufig nach einer der Erdnüsse. Zu ihrem Erstaunen sahen Rizzolatti und Gallese, dass ebenjene Gehirnzellen, die feuerten, wenn die Affen nach einer Erdnuss griffen, genauso reagierten, wenn die Affen den Menschen diese Bewegung machen sahen.27 Die Beobachtung der Handlung beim Menschen löste dieselben neuronalen Vorgänge aus wie die Handlung selbst. Das Gehirn der Affen spiegelte Bewegungen, die sie sahen, auch wenn sie sie selbst gar nicht ausführten.

Viele Experimente später – darunter auch solche mit Menschen, die Handlungen anderer Menschen beobachteten28 – wurde diese Gruppe von Gehirnzellen als Spiegelneuronen bezeichnet. Wenn wir einen anderen Menschen eine Bewegung machen sehen – egal, ob er die Zunge herausstreckt, Päckchen packt, im Gehen einen jähen Schlenker macht, tanzt, isst oder in die Hände klatscht –, feuern unsere Neuronen genau so, als würden wir die Bewegung selbst vollziehen. Aus der Sicht des Gehirns, stellten Rizzolatti und Gallese fest, sind Sehen und Tun recht ähnliche Vorgänge. Das Gehirn hat eine eingebaute Fähigkeit zu Empathie und Nachahmung. Es übersetzt das, was wir sehen, ins neuronale Äquivalent des Tuns. Es ist so strukturiert, dass es sich durch Beobachtung auf Dinge vorbereitet, die wir selbst noch nicht gemeistert haben.

Daraus geht hervor, dass das Gehirn des beobachtenden Babys den Bewegungssinn strukturiert, noch ehe das Kind selbst zu den betreffenden Bewegungen fähig ist. Beim Menschen gibt es ein ganzes Spiegelneuronensystem, in dem Millionen Gehirnzellen gleichzeitig daran mitwirken, dass wir Bewegung durch Beobachtung erlernen, bevor wir sie selbst vollziehen. Dieses Spiegelsystem operiert in allen Bereichen, egal, ob wir bei Sportveranstaltungen zuschauen, als Beifahrer*in im Geist »mitfahren« oder die Emotionen fühlen, die Schauspieler*innen auf der Bühne oder Leinwand darstellen. Victors Fortbewegungsart war buchstäblich kopiert und in den Spiegelneuronen encodiert. Es drängt sich die Vermutung auf, dass Andrews Bild von seinem »eigentlichen«, beinlosen Körper ebenfalls auf die Aktivität von Spiegelneuronen bei der Beobachtung der hinkenden Freundin seiner Mutter und seines an Krücken gehenden Schulkameraden zurückgeht. Die Bewegungen dieser Personen faszinierten ihn, und wir können uns vorstellen, dass er ihre Körperlichkeit auf seine übertrug und auf diese Weise einen vierzig Jahre anhaltenden Wunsch entwickelte, der nicht nur psychisch, sondern auch neuronal verankert war. Im Prinzip ergeht es uns allen so. Die speziellen Gesten und Bewegungen eines Elternteils oder Geschwisters bilden eine visuelle/neuronale Matrix. Das erklärt, warum die Bewegungseigenheiten von Kindern so oft die der Eltern widerspiegeln. Der Grund ist weniger Vererbung als vielmehr visuelle Exposition. Das zeigt sich anschaulich an der Leichtigkeit, mit der Jugendliche Kim Kardashians Auftreten oder die Posen von Models oder Rapper*innen imitieren. Sie brauchen das nicht stundenlang zu üben. Durch bloßes Zusehen haben sie – zum Teil unbewusst – das Gefühl der Bewegung absorbiert, die Idee dessen, was sie zu tun haben. Oder denken wir an die junge Frau, die zu Hause das Kopftuch trägt, es aber abnimmt, wenn sie sich mit ihren nichtmuslimischen Freundinnen trifft. Sie hat zwei Körpermuster inkorporiert, die die verschiedenen kulturellen Sub-Gruppen spiegeln, in denen sie lebt. In übersteigerter Form finden wir diese Flexibilität bei Schauspieler*innen, die ihre jeweilige Bühnen- oder Filmfigur mit ihrer ganzen Person darstellen.29 Schauspieler*innen können in die Haut von jemand anderem schlüpfen, ihre Rolle buchstäblich verkörpern. Dadurch machen sie die Figur, die sie spielen, glaubhaft. Das schaffen sie, indem sie die neuronalen Strukturen aktivieren, in denen diese Aktivitäten bereits in ihnen selbst encodiert sind. Das Spiegelneuronensystem ermöglicht uns also ein tiefes wechselseitiges Verstehen. Es befähigt uns, am Gesicht eines anderen Menschen zu sehen, was dieser fühlt, und dann selbst entsprechend zu fühlen.30

Die Aktivität der Spiegelneuronen, die sich auf der Mikroebene abspielt, ist also Teil der Entwicklung unseres Körpersinns. Die psychoanalytische Forschung, vertreten etwa durch Beatrice Beebe und Miriam und Howard Steele, hat gezeigt, dass wir mental und physisch lernen, wer wir sind, indem uns unser Körper und unsere mentalen Vorgänge widergespiegelt werden. Sie hat Einzelbild für Einzelbild aufgezeigt, was zwischen Mutter und Baby abläuft und welch komplexer und gleichzeitig alltäglicher Prozess das ist. Eltern und Bezugspersonen reagieren auf das Baby und spiegeln ihm, was sie in ihm sehen. Aber was sehen sie in ihren Babys? Was habe ich in meinen Babys und den Babys meiner Freundinnen gesehen, was da gewesen sein mag oder auch nicht?

Das Baby hat seine ganz eigenen Mittel, um uns zu fesseln.31 Es sieht uns an, und wir sehen das Baby an. Der Blickkontakt zwischen Baby und Elternteil ist buchstäblich absorbierend. Beide saugen einander förmlich auf. Der Elternteil wird zur Welt des Babys, und das Baby wird zur Welt des Elternteils. Dieser Blickkontakt ähnelt dem von Verliebten. Beide Beteiligten sehen sich unverwandt in die Augen, und so wie die Verliebten ihre jeweilige Welt von Grund auf umstrukturieren, um den anderen darin unterzubringen, um die Anbetung, die sich in den Augen des anderen ausdrückt, aufzusaugen und zu erwidern, so schmelzen wir auch beim Anblick des Babys und erweitern uns, um in unserer inneren Familienwelt Platz für den Neuankömmling zu schaffen. Wir projizieren unsere familiären Bindungen in das hinein, was jetzt der Mittelpunkt unseres Lebens ist: das Baby. Wir schreiben unserem Baby Attribute anderer Familienmitglieder zu – Großvaters Augenbrauen oder Großmutters Finger – und personalisieren und beleben es auf diese Weise für uns. Wir übermitteln dem Baby das Gefühl, dass es erwünscht ist und in die Familie passt, und wir tun das so, dass das Baby für uns ein lebendiges Körper-Geist-Wesen wird.

1.Laut Harry Rickerby von LabGenius bringt die Kombination von Gensynthese, Maschinenlernen und robotischer Automatisierung gezielt neue Proteine hervor. Siehe: https://www.earlham.ac.uk/articles/labgenius-ai-driven-synthetic-biology [10. 10. 2020].
2.Hier ein Auszug aus der Zuschrift einer Leserin auf ein Editorial der New York Times vom 28. Dezember 2018: »Vor zehn Jahren war ich mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert, und nach mehreren Eingriffen entschloss ich mich zu einer beidseitigen Mastektomie in der Cleveland Clinic, zwei Bundesstaaten weiter. Am Tag des gravierenden Ereignisses – einem sehr schweren Tag, wie man sich denken kann –, unmittelbar vor der Operation, ließen sie mich einen Schwangerschaftstest machen. Wäre ich schwanger gewesen, hätten sie mir nicht ERLAUBT, die OP vornehmen zu lassen – da die Narkose dem Fötus hätte schaden können. Während der postoperativen Behandlung nahm ich mir meinen Chirurgen vor: Wie er es wagen könne, mich und andere Frauen nicht darauf vorzubereiten, dass es zu einem solchen Aufschub kommen könnte. Er war genauso perplex wie ich, hatte keine Ahnung von den Bestimmungen der Klinik. Wenn ich schwanger gewesen wäre – ich hätte keine Handlungsmacht gehabt.«
3.Siehe Theresa M. Senft, Selfies: »The High Cost of Low Self Confidence«, The New York Times Live, 7. Oktober 2015, https://www.youtube.com/watch?v=qsE4RXcqp_s [10. 10. 2010].
4.E. Halliwell, P. Diedrichs und S. Orbach, »Costing the Invisible: A Review of the Evidence Examining the Links between Body Image, Aspirations, Education and Workplace Confidence«, Diskussionspapier, Center for Appearance Research, University of the West of England, 2014. Siehe: https://uwe-repository.worktribe.com/output/806655 [10. 10. 2020].
5.Zum Begriff des Abjekten siehe: J. Kristeva: »Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection«, Paris 1980.
6.T. Tchkonia und J.L. Kirkland, »Aging, Cell Senescence, and Chronic Disease: Emerging Therapeutic Strategies«, Journal of the American Medical Association, Bd. 320, Nr. 13, Oktober 2018, S. 1319–1320.
7.F.M. Biro, M.P. Galvez, L.C. Greenspan, P.A. Succop, N. Vangeepuram u.a., »Pubertal Assessment Method and Baseline Characteristics in a Mixed Longitudinal Study of Girls«, Pediatrics, Bd. 126, Nr. 3, September 2010. Siehe auch https://academic.oup.com/endocrinesociety/pages/thematic_issue_edcs_2019 [10. 10. 2020].
8.The New York Times, 22. Oktober 2018. Siehe: https://www.nytimes.com/2018/10/22/climate/kelp-climate-change-california.html [10. 10. 2020]
9.E. Paton und M. Lazazzera, »Inside Italy’s Shadow Economy«, The New York Times, 20. September 2018. Die Journalistinnen fanden heraus, dass Näherinnen in Puglia für einen Euro die Stunde Mäntel für Marken wie MaxMara, Louis Vuitton und Fendi nähten. Pro Mantel brauchten sie vier bis fünf Stunden, und der Einzelhandel verkaufte die Stücke für das Vierhundertfache dessen, was die Frauen daran verdienen.
10.Im Aufsatz von Berger und seinen Mitautoren Mr. A. genannt. Siehe B.D. Berger, J. Lehrman (Lit. L.), G. Larson u.a., »Non-psychotic, Non-paraphilic Self-Amputation and the Internet«, Comprehensive Psychiatry, Bd. 46, Nr. 5, September-Oktober 2005, S. 380–383.
11.Siehe J.C. Marshall, P.W. Halligan, G.R. Fink u.a., »The Functional Anatomy of a Hysterical Paralysis«, Cognition, Bd. 64, Nr. 1, Juli 1997, S. B1–8.
12.In Umgebungen, in denen der Verlust von Gliedmaßen nicht so selten ist, z.B. unter Minenarbeiter*innen in Südafrika, schämt man sich interessanterweise der Phantomglieder weniger und gibt ihnen sogar Kosenamen.
13.Ramachandran’s Notebook, Fall 4, Nova, PBS TV, 23. Oktober 2001.
14.Ramachandran lieferte nicht nur eine neurowissenschaftliche Erklärung, sondern ersann auch therapeutische Maßnahmen unter Verwendung von Spiegeln, um den Schmerz in dem fehlenden, aber neurologisch noch repräsentierten Körperglied zum Verschwinden zu bringen. Jonathan Miller machte in seiner Reith-Lecture 2003, wo er auf Ramachandrans Arbeiten Bezug nahm, eine profunde Aussage über das Verhältnis von Körper und Gehirn, indem er erklärte, alle Menschen hätten ständig Phantomschmerzen, und nur wenn uns ein Körperglied abhandenkomme, werde uns bewusst, dass das Erleben unserer Körperglieder im Gehirn angesiedelt sei. Siehe z.B. P. Haggard, M. Taylor-Clarke und S. Kennett, »Tactile Perception, Cortical Representation and the Bodily Self«, Current Biology, Bd. 13, Nr. 5, 4. März 2003, S. 170–173.
15.Und wir haben uns – vor allem in Großbritannien durch die Schriften von Jan Morris – ebenso daran gewöhnt, dass die Antwort lautet: Ja, die Geschlechtsangleichung funktioniert.
16.Interview mit Aleshia Brevard, geführt von Mary Weaver, in: N. N. Chen und H. Moglen (Hrsg.), Bodies in The Making: Transgressions and Transformations, Santa Cruz, CA, 2006.
17.Wie auch noch ein paar Jahre später, als Pete Seeger »Little Boxes« sang, Malvina Reynolds’ Song über den Konformismus.
18.Siehe z.B. G. M. Edelman, The Remembered Present: A Biological Theory of Consciousness, New York 1989; R. Penrose, Schatten des Geistes. Wege zu einer neuen Physik des Bewusstseins, Heidelberg 1995.
19.Siehe z.B. B. Xie, C.P. Chou, D. Spruijt-Metz, K. Reynolds, F. Clark u.a., »Weight Perception, Academic Performance and Psychological Factors in Chinese Adolescents«, American Journal of Health Behavior, Bd. 30, Nr. 2, 2006, S. 115–124, und T.A. Florin, J. Shults und N. Stettler, »Perception of Overweight is Associated with Poor Academic Performance in US Adolescents«, Journal of School Health, Bd. 81, 2011, S. 663–667.
20.Man vergegenwärtige sich etwa, dass strapazierte Bluejeans einst geradezu ikonisch für Fabrik- oder Bauarbeiter waren und dass jetzt, im postindustriellen Zeitalter, der entsprechend zerrissene und abgewetzte Jeans-Look quer durch alle Schichten getragen wird, wobei die einzige körperliche Anstrengung für die Träger*innen darin besteht, der Frage nachzugehen, welche Jeansmarke ihnen am besten steht.
21.Professor Harvey Molotch weist darauf hin, dass der muskulöse männliche Arbeiterschicht-Körper mit einer besonderen Kinetik einhergeht: ausladenden Bewegungen und einer besonderen Gestik (mit gewissen Unterschieden je nach der Art der Arbeit: Heben versus Schwingen etc.), die einst weitgehend toleriert, wenn nicht gar bewundert wurden. Doch in der Dienstleistungsökonomie, so Molotch, werden solche Bewegungen zu einem ökonomischen und sozialen Handicap.
22.Siehe z.B. die Studien von Desmond Morris, dargestellt in: Der Mensch, mit dem wir leben, München 1983, und Die nackte Eva. Der weibliche Körper im Wandel der Kulturen, München 2004.
23.Siehe www.rosettaproject.org zu neuen Schätzungen, wie schnell Sprachen verschwinden.
24.Viele Kinder haben Fantasien, dass ihre Eltern gar nicht ihre richtigen Eltern sind, und erfinden oder erhoffen sich eine abenteuerlichere Umgebung.
25.How We Get a Body, BBC Radio 4, 14. Februar 2003, Produktion Jo Glanville, Skript und Sprecherin: Susie Orbach.
26.In Bhutan hielt das Fernsehen erst 1999 Einzug, sodass das Land lange vor intensiven Außeneinflüssen geschützt war.
27.Siehe G. Rizzolatti, L. Fogassi und V. Gallese, »Neurophysiological Mechanisms Underlying the Understanding and Imitation of Action«, Nature Reviews Neuroscience, Bd. 2, September 2001, S. 661–670, sowie Nova, PBS TV, 25. Januar 2005.
28.Siehe beispielsweise D.E. Glaser, J.S. Grezes, B. Calvo u.a., »Functional Imaging of Motor Experience and Expertise During Action Observation«, Society for Neuroscience, Poster 2003.
29.How We Get a Body, a.a.O.
30.Es gibt die interessante – wenn auch nicht unumstrittene – These, dass Kinder, die als autistisch diagnostiziert werden, im Vergleich zu anderen Kindern ein mangelhaft ausgebildetes Spiegelneuronensystem haben. Zutreffend ist jedenfalls, dass zu den Diagnosekriterien für Autismus eine gewisse »Beziehungslosigkeit« gehört, das Zögern, andere anzusehen, und ein mangelndes Gefühl für andere. Sich in den Körper und das Denken anderer hineinversetzen zu können, ist konstitutiv für die menschliche Beziehungsfähigkeit.
31.Siehe C. Trevarthen, »Descriptive Analysis of Infant Communicative Behaviour«, in: H.R. Schaffer (Hrsg.), Studies in Mother-Infant Interaction, London 1977.

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30 июля 2024
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