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Susanne Zeitz

STURMZEIT AUF ISLAND

Roman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2019

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelfotografie © Susanne Zeitz

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

FAMILIENTAFEL

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

EPILOG

ANMERKUNG DER AUTORIN

ÜBER DIE AUTORIN

FAMILIENTAFEL

Sigrúns Linie

Sigrún (1917-1963) ~ Gustav (1907-1937)

Tochter Steinunn (1937)

Steinunn ~ John O’Sullivan (?)

Tochter Elin (1960)

Steinunn ~ Magnus (1930 – 2007)

Tochter Soley (1965)

Elin ~ Einar (1950-1982)

Tochter Julia (1982)

Elin ~ Michael (1955)

Sohn David (1985)

Sagas Linie

Saga (1917-1997) ~ Carlson (1917-1976)

Tochter Katla (1938)

Tochter Hekla (1939-1963)

Hekla ~ Magnus

Tochter Kristin (1956)

Sohn Olaf (1963)

Kristin ~ Carl (1954)

Sohn Leifur (1980)

PROLOG

Akureyri 1937

Das Schiff verlässt die Bucht. Ein weißer Fleck, der immer mehr zum kleinen, hellen Punkt wird, bis er sich in der weiten Ferne des Atlantischen Ozeans auflöst.

Ob Gustav an der Reling gestanden und an sie gedacht hat?

Saga kauert auf dem Felsvorsprung zwischen Gräsern und Moos überzogenen Lavasteinen. Sie kneift die Augen zusammen und wischt sich ungeduldig die Tränen weg, die ihr der raue Wind in die Augen treibt.

Nein, Saga macht sich nichts vor. Er stand zwar dort, doch er winkte nicht ihr, sondern seiner frischvermählten Frau zu. Seine Gedanken wanderten sicher noch einmal zurück zu dem Tag, an dem er Sigrún in der kleinen Holzkirche in Akureyri sein Jawort gegeben hatte.

Warum nur hat er Sigrún und nicht sie geheiratet? Saga presst ihre Hand auf ihr wild klopfendes Herz.

Wenn er sich für sie entschieden hätte, dann müsste er jetzt nicht allein übers Meer fahren, dann würde sie neben ihm stehen, würde ohne jegliches Bedauern einen letzten Blick auf Hafen und Stadt werfen. Saga wäre mit ihm nach Dänemark gereist, hätte seine Heimat kennen und lieben gelernt. Einmal dort angekommen, hätte es sie nicht mehr zurück in die Kargheit der Heimat gezogen. Kleider aus edlen Seidenstoffen, zierliche Stiefelchen aus glänzendem Leder, Theater, Museen und Tanztees. Das wäre schnell Sagas Welt geworden. Doch die da unten war seine Frau geworden. Die, die ihn nun nicht einmal begleiten kann, weil sie, wie erzählt wird, schwanger sei und die lange Schifffahrt nicht vertragen würde.

Saga schickt einen hasserfüllten Gedanken zu der Frau am Hafen, ihrer ehemaligen Busenfreundin, die ihr den Mann gestohlen hat.

Der Wind zerrt stärker an ihren Haaren und beißt ihr kalt ins Gesicht. Sie erhebt sich, seufzt tief und begibt sich auf den Heimweg. Es macht keinen Sinn mehr, noch länger hier zu stehen und auf das Meer zu starren.

Die Liebe ihres jungen Lebens ist weg. Geblieben sind Traurigkeit, Wut und Hass.

Was sie nicht weiß: Das Schiff wird seinen Heimathafen in Dänemark nie erreichen, wird ihre Liebe mit sich auf den Meeresgrund ziehen, wird die junge Sigrún als Witwe und das ungeborene Kind als Halbwaise zurücklassen.

Einzig Sagas Eifersucht und Hass werden fortbestehen und Früchte tragen.

KAPITEL 1

Elin 2017

Der Alptraum ist zurückgekehrt.

Ausgerechnet ihre Tochter Julia hat ihm die Tür geöffnet.

Elin schlägt die Bettdecke zurück, steht leise auf, um Michael nicht zu wecken, und tritt ans offene Fenster.

Es ist eine dunkle Nacht, ohne das tröstliche Funkeln der Sterne und das milde Licht des Mondes. Aus dem Garten ertönt das heisere Rufen eines Käuzchens, von Ferne sind zwölf dumpfe Schläge der Kirchturmuhr zu hören, ansonsten Stille.

Sie seufzt unwillkürlich laut auf, hält sich jedoch sofort die Hand vor den Mund und horcht auf Michaels tiefe Atemzüge.

Jahrzehntelang war es ihr gelungen, die Erinnerungen auf dem Grund ihrer Seele verborgen zu halten, gleich einem festverschnürten Paket. Nun hat ihre Tochter begonnen, die Paketschnur durchzuschneiden und das Packpapier zu entfernen.

Elin wischt sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Zu den dunklen Gedanken gesellt sich eine drückende Schwüle, die das Schwere, das auf ihrer Seele lastet, verstärkt. Ein gleißender Blitz durchtrennt plötzlich die Dunkelheit und taucht für einen Moment Bäume und Sträucher in ein fahles, grünliches Licht.

Kurz darauf ein ohrenbetäubender Donnerschlag.

Elin zuckt erschrocken zusammen und tritt hastig vom offenen Fenster zurück.

„Kannst du auch nicht schlafen?“ Michael tritt hinter sie.

„Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf“, erwidert sie, lehnt sich an ihn und legt ihren Kopf an seine Brust. Der kräftige, gleichmäßige Schlag seines Herzens beruhigt sie.

Mittlerweile folgt Blitz auf Donner. Ein böig auffrischender Wind bläht die weiße Gardine wie ein Segel.

„Der Disput mit Julia?“

Elin nickt und seufzt.

„Du solltest endlich mit ihr reden.“

„Ich kann nicht!“

„Wie willst du ihr sonst deine heftige Reaktion von gestern Mittag erklären?“

Elin schüttelt eigensinnig den Kopf und tritt wieder ans Fenster. Das Gewitter hat sich entfernt und einem leichten Sommerregen Platz gemacht. Eine Windböe fährt ihr ins Gesicht. Sie atmet tief die gereinigte, kühle, nach Ozon riechende Luft ein.

„Ich kann nicht darüber sprechen, schon gar nicht mit Julia.“

„Meinst du nicht, dass gerade sie ein Recht auf die Wahrheit hätte? Es ist schließlich auch ihre Geschichte. Du könntest sie aufschreiben, vielleicht fällt es dir auf diese Art leichter.“

„Lass mich, bitte!“ Elin nimmt das breite Wolltuch, das über der Stuhllehne hängt, und wirft es sich über die Schultern. Sie streift mit einer sanften Berührung seine Hand ab und verlässt das Schlafzimmer.

„Es tut mir leid“, murmelt sie.

Michael weiß aus Erfahrung, dass es jetzt keinen Wert hat, weiter mit ihr zu diskutieren. Jetzt verkriecht sie sich wieder in ihrem Schneckenhaus und verwehrt jedem den Eintritt.

Michael lauscht ihren leichten Schritten, mit denen sie die Treppe hinuntereilt. Seine schöne, geheimnisvolle Frau. Mit einem Seufzer kehrt er ins Bett zurück.

Elin geht ins Wohnzimmer und kauert sich in den großen Ohrensessel, der vor dem Kamin steht. Ihr Lieblingsort, wenn sie nachdenken oder sich entspannen möchte.

Stille und Dunkelheit, die nur durch sanftes Rauschen des Sommerregens und fernes Wetterleuchten durchbrochen werden.

Sie weiß, dass sie endlich mit ihrer Tochter sprechen muss, doch sie kann nicht. Sie hat Angst vor dem grauen Schleier, der sich sofort wieder auf ihrer Seele niederlässt, sobald sie der Vergangenheit die Tür öffnet.

Doch vielleicht hat Michael recht, und es wäre leichter, die Geschichte niederzuschreiben? Vielleicht könnte sie auf diese Weise das Vergangene verarbeiten und dann endgültig hinter sich lassen?

Doch wann beginnt ihre Geschichte eigentlich?

Hat sie nicht bereits ihren Ursprung viel, viel früher, als die kleine Elin noch gar nicht geboren war? Gibt es nicht immer Geschichten vor den Geschichten? Schicksalsfäden, die von früheren Generationen bis ins jetzige Leben hineingesponnen sind? Großmutter, Mutter, Kind und Enkelin?

Elin fröstelt und zieht den Schal enger um die Schultern. Sie kennt den roten Faden, der die Frauen ihrer Familie miteinander verbindet, hat in ihrer Kindheit immer wieder Bruchstücke aufgeschnappt, die ihr wie vergiftete Brotstückchen hingeworfen wurden. Von Saga, Katla, den Nachbarn. Als Kind die Bedeutung noch nicht verstehend, doch die Seele verletzend.

Trollenkind.

Sie lacht schmerzhaft auf. Wie weh das tat.

„Trollenkind“, spricht sie mit brüchiger Stimme leise vor sich hin. „Trollenkind.“

KAPITEL 2

Julia

Mit gehetztem Blick dreht sie sich einmal um sich selbst. Hier muss es doch eine Straße, Häuser oder wenigstens einen erkennbaren Pfad geben. Doch soweit ihr Auge reicht, nur braune Lavasteine zu bizarren Formationen aufgehäuft.

Wo ist sie?

Wie ist sie bloß hierhergekommen?

Ein eisiger Wind beißt sie ins Gesicht und wirbelt Schneeflocken in einem wilden Tanz durcheinander.

Plötzlich sieht sie in der Ferne eine Bewegung. Sie wischt sich über die tränenden Augen und starrt in das undurchsichtige Blaugrau, das sich über die Landschaft gelegt hat.

Tatsächlich. Drei Gestalten mit wehenden Gewändern kommen direkt auf sie zu.

Ihr Herz schlägt wie verrückt. Sie presst die Hand darauf. Jetzt wird alles gut. Sie ist nicht mehr allein.

Als sie vor ihr stehen, erkennt sie, dass es sich um Frauen handelt. Schlank, groß, in weiße Tücher gehüllt.

Sie lächelt ihnen zu, möchte sie grüßen, doch die Worte bleiben ihr im Hals stecken, als sie in kristallblaue Augen blickt, aus denen ihr kein Lächeln, kein Wohlwollen entgegenkommen.

Eine arktische Kälte geht von ihnen aus und trifft sie bis ins Mark.

Voller Entsetzen wird ihr bewusst, dass sie von ihnen keine Hilfe erwarten kann. Im Gegenteil. Sie rennt los.

Julia wird durch ihr eigenes Keuchen geweckt. Ruckartig setzt sie sich im Bett auf, für einen Moment orientierungslos.

Sie knipst die Nachttischlampe an. Helligkeit erfüllt den Raum und löst die bedrohliche Situation auf.

Ihr Blick fällt auf den Wecker. Vier Uhr.

Erste zaghafte Amselgesänge klingen durch das offene Schlafzimmerfenster.

Was war denn das für ein furchtbarer Traum?

Aus Angst, wieder in das Geschehen zurückzugleiten, verlässt sie das Bett, geht in die Küche und füllt ein Glas mit kaltem Wasser. Das eben Erlebte hinunterspülen, doch die Traumbilder wollen nicht weichen. Sie sieht die Frauengestalten immer noch so deutlich vor sich, als hätten sie den Traum verlassen und befänden sich ganz in der Nähe.

Julia schüttelt unwillig den Kopf. So ein Quatsch! Weg mit diesen unguten Gefühlen.

Sie hat noch nie an Traumdeutung und unsichtbare Phänomene geglaubt und wird jetzt mit fünfunddreißig auch nicht damit anfangen.

Sie geht zurück ins Schlafzimmer und stellt das Wasserglas auf den Nachttisch. Noch ein wenig schlafen wäre schön. Sie kuschelt sich unter die Decke, doch es gelingt ihr nicht, zur Ruhe zu kommen.

Der gestrige Besuch bei ihren Eltern kommt ihr in den Sinn. Die übersteigerte Reaktion ihrer Mutter, als sie von ihrer geplanten Reise nach Island erzählte.

„Nein, nicht nach Island“, rief ihre Mutter entsetzt aus.

Am Kaffeetisch wurde es mit einem Mal still, die Bewegungen wirkten plötzlich wie eingefroren. Ihr Vater, ihr Bruder David und Julia starrten erschrocken Elin an, die von ihrem Stuhl aufgesprungen war und mit blassem Gesicht ihre Tochter anstarrte.

„Nein, überallhin, nur nicht nach Island“, wiederholte sie leise. Sie wirkte wie zerbrochen.

„Was hast du gegen Island? Schließlich bist du dort geboren.“ Julia sah ihre Mutter fragend an.

„Du darfst nicht dorthin! Mehr kann ich dazu nicht sagen“, antwortete Elin, drehte ihr den Rücken zu und flüchtete ins Haus.

„Ich habe bereits gebucht. Übermorgen fliege ich nach Reykjavik, mache eine Rundreise durch den Südwesten und fahre im Anschluss nach Nordisland auf einen Reiterhof. Ich freue mich darauf und lasse mir das von ihr nicht vermiesen“, warf Julia ärgerlich in die erstaunte, schweigsame Runde. Unwirsch zwirbelte sie an ihrem Zopf.

„Warum erzählt sie nicht endlich, was los ist? Weißt du, warum sie so heftig reagiert hat?“ David blickte seinen Vater fragend an.

Dieser seufzte. „Ich weiß auch nicht viel mehr als ihr.“ Michael wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Aber irgendetwas Schweres trägt sie mit sich herum, das spürt man. Hat es mit ihrer Familie zu tun?“, fragte David.

„Ich dachte, alle aus ihrer Familie seien tot. Hat sie auf jeden Fall immer behauptet“, warf Julia ein.

„Wenn eure Mutter nicht darüber reden will, dann müssen wir das respektieren. Lasst uns reingehen, hier draußen wird es langsam unerträglich heiß.“ Michael blickte in den Himmel. „Ich glaube, es gibt heute noch ein Gewitter.“ Er zeigte auf die ersten Wolkentürme, die von Westen heranzogen.

„Kommst du mit schwimmen? Ich brauche jetzt eine Abkühlung.“

„Gute Idee, Schwesterherz. Ich bin dabei.“ David grinste Julia beschwichtigend an. „Komm, mach wieder ein freundliches Gesicht. Sie wird sich schon wieder beruhigen. Du weißt ja, wie Mam ist. Ein kleiner, harmloser Vulkan.“

Julia musste lachen, als sie in das mit Sommersprossen übersäte Gesicht ihres Bruders blickte. Mit seinen wirren, blonden Locken und seinen blitzenden, blauen Augen sah er aus wie ein Wikinger.

„Ein isländischer Vulkan. Toller Vergleich“, ergänzte sie, „und manchmal hat sie was von einem kleinen Troll, wenn sie so ärgerlich und stur ist.“

„Kinder, nun lasst es gut sein! Ab in den See mit euch! Ich kümmere mich derweil um eure Mutter.“ Michael seufzte noch einmal, nahm seine Tochter kurz in den Arm und gab seinem Sohn einen liebevollen Klaps auf den Rücken.

Wieder staunte er über die außerordentliche Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter. Beide klein und zierlich. Lange auffallend rote Haare, die sie meistens zu einem dicken Zopf flochten. Lebhafte, grüne Augen in einem schmalen Gesicht, das jetzt im Sommer mit Sommersprossen übersät war. Seine Elfenfrauen.

Julia und David gingen durch den Garten. Das schlappe Grün schien ebenfalls nach einer Erfrischung zu lechzen. Sie öffneten das kleine Holztor, das ihr Grundstück vom Uferweg trennte. Gleich darauf stürzten sie sich kreischend und prustend in das erfrischende Blau des Bodensees.

„Wer zuerst an der Boje ist“, rief David und begann mit ausholenden Armbewegungen zu kraulen.

„Gewonnen!“ Ihr Bruder hielt sich kurz darauf an der Boje fest und blickte seiner älteren Schwester triumphierend entgegen.

„Bin momentan nicht so in Form“, japste Julia und hielt sich hustend an seiner Schulter fest.

„Momentan? Ich gewinne doch immer“, entgegnete er frech.

Julia schnitt eine Grimasse und patschte mit der Hand ins Wasser.

„Was für ein Geheimnis Mam wohl mit sich herumträgt? Komisch, dass nicht einmal Paps davon weiß. Ob es was mit meinem leiblichen Vater zu tun hat?“ Julia blickte ihren Bruder fragend an.

„Keine Ahnung, aber lass uns zurückschwimmen. Es wird langsam kühl. Schau, der See beginnt sich bereits zu kräuseln und große Sturmwarnung haben wir auch.“

Heftiger Wind und Donnergrollen trieben die Geschwister ans Ufer und ins Haus zurück.

Ihr Vater erwartete sie bereits. „Gut, dass ihr wieder zurück seid.“

Als die Geschwister nach kurzer Zeit wieder ins Gartenzimmer kamen, stand ihr Vater an der offenen Verandatür und beobachtete das Naturgeschehen.

Der Wind fuhr in die Bäume, zauste die Hortensien, Rosenblätter wirbelten durch die Luft und die Taglilien wiegten sich im wilden Tanz. Blitze erhellten den dunklen Himmel, grollender Donner folgte. Doch der Regen blieb aus. Das Gewitter verzog sich so schnell, wie es gekommen war. Die Windböen verloren an Kraft. Die Sonne brach durch die Wolken und brachte die Schwüle zurück. Eine Amsel ließ sich auf dem Kirschbaum nieder und begann voller Inbrunst, ein frühes Abendlied zu singen.

„Wo ist Mam?“, fragte Julia ihren Vater.

„Sie hat sich in ihr Atelier zurückgezogen.“

„Kommt sie nicht runter? Und unser gemeinsames Abendessen?“

„Ich soll euch ausrichten, vor allem dir Julia, dass sie ihre heftige Reaktion bedauere. Sie möchte jetzt allerdings allein sein“, sagte Michael.

„Am liebsten würde ich hochgehen und ihr die Meinung sagen“, grollte Julia und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

„Julia! Lass sie in Ruhe!“ Ihr Vater hielt sie am Arm fest.

„Komm, lass uns zum Italiener gehen“, schlug David vor.

Julia nickte resigniert. „Tut mir leid, Paps. Richte ihr einen Gruß aus. Doch ich fliege trotzdem!“

Michael begleitete seine Kinder zur Haustür und blickte ihnen hinterher, als sie in ihre Autos stiegen.

Julia hatte die Sturheit ihrer Mutter geerbt und David das Verbindende und Versöhnende von ihm.

Er seufzte und schloss die Tür. Irgendetwas bedrückte ihn. Nicht nur heute, sondern schon seit längerer Zeit. Lag es an ihrer Beziehung? Manchmal war er sich nicht sicher, ob er Elin überhaupt richtig kannte. Nun waren sie seit über dreißig Jahren verheiratet und er wusste nicht, ob ihre Familie auf Island noch lebte oder nicht. Warum vertraute sie ihm nicht?

Er seufzte wieder und ließ sich schwer in den Sessel fallen. Er fühlte sich mit einem Mal alt.

Julia steht auf, stößt das Schlafzimmerfenster weit auf und legt sich wieder aufs Bett.

Draußen ist es mittlerweile hell und der Vogelchor hat sich vergrößert. Doch sie hat kein Ohr für den betörenden Gesang. Ihre Gedanken, die um ihre Mutter kreisen, sind lauter. Warum nur reagiert sie jedes Mal fast hysterisch, wenn die Sprache auf Island kommt? Hat es etwas mit ihrem Vater zu tun?

Julia weiß nur, dass er Einar hieß und bereits vor ihrer Geburt gestorben ist. Mehr hat ihre Mutter in all den Jahren nicht preisgegeben. Es gibt keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, gar nichts.

„Du hast einen guten Vater, was willst du mehr“, lautet jedes Mal Elins Antwort, wenn Julia Näheres erfahren will. Was ja auch stimmt. Michael hat sie adoptiert, als sie zwei Jahre alt war. Er liebt sie wie sein eigenes Kind und macht keine Unterschiede zwischen David und ihr. Trotzdem möchte sie endlich mehr über ihren leiblichen Vater erfahren. Ist das zu viel verlangt?

Wie sah er aus? Hat sie Ähnlichkeit mit ihm? Was war er von Beruf? Wie ist er gestorben? Ihre Mutter muss es ihr endlich erzählen. Sie hat ein Recht darauf!

Doch jetzt kommt erst einmal ihre Reise nach Island. Zwei Wochen Freiheit. Auf dem Rücken eines Islandpferdes durch wilde Landschaften reiten, kristallklare Flüsse durchqueren, vorbei an Vulkanen und Geysiren. Der weite Himmel des Nordens über ihr und Nächte, die nicht dunkel werden.

Sie kann es kaum mehr erwarten.

Morgen um diese Zeit wird sie bereits im Flieger nach Keflavik sitzen.

Julia wird von einem vorwitzigen Sonnenstrahl im Gesicht geweckt.

Als sie sich aus dem Fenster lehnt, lacht ihr ein freundlicher Sommertag entgegen. Im Kastanienbaum gegenüber unterhält sich lautstark ein Krähenpaar und in der Rotbuche gurrt ein Täuberich.

Julia streckt sich und nimmt einen tiefen Atemzug. Die Luft ist durch das gestrige Gewitter gereinigt. Der See liegt ruhig und glitzernd in der Morgensonne. Weit draußen Fischerboote und ein weißes Ausflugsschiff, das elegant über seine blaue Oberfläche gleitet und eine weiße Spur hinter sich herzieht.

Das Telefon reißt sie aus ihrem meditativen Schauen.

„Julia, möchtest du zum Frühstück kommen?“ Die Stimme ihrer Mutter klingt bittend an ihr Ohr.

„Ich bin gerade erst aufgestanden“, entgegnet sie zögerlich. Sie hat keine Lust, das Streitgespräch von gestern fortzusetzen, außerdem muss sie noch ihren Koffer packen und ihre Wohnung einigermaßen aufräumen.

„Bitte Julia.“

„Also gut, aber keine Diskussion mehr über meinen Urlaub. Ich fliege morgen und damit basta.“

„Einverstanden.“ Ihre Mutter seufzt.

„Kommt sie zum Frühstück?“ Michael blickt seine Frau fragend an.

Elin nickt. „Aber sie lässt sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Ich musste ihr versprechen, nicht wieder davon anzufangen.“

Michael nimmt seine Frau liebevoll in den Arm. „Hast du über meine Idee, deine Geschichte niederzuschreiben, nachgedacht?“

Elin nickt. „Ich glaube, das werde ich tun, auch wenn ich Angst davor habe.“

„Aber die Vergangenheit kann dir heute nichts mehr anhaben. Und ich bin ja schließlich auch noch da. Ich werde dich gegen Wikinger, Vulkane und alte Geister verteidigen“, lacht Michael und lässt seine Armmuskeln spielen.

„Woher weißt du?“ Elin schaut ihren Mann entsetzt an.

„Weiß ich was?“, fragt Michael erstaunt.

„Von den Unsichtbaren?“ Elin lässt sich erschöpft aufs Sofa fallen. Ein Häufchen Elend.

„Wovon redest du?“ Michael kniet sich neben sie und greift nach ihrer Hand. „Du bist ja ganz bleich. Elin, was ist denn los?“ Er schüttelt sie sanft, als sie nicht reagiert.

Elin zuckt zusammen. „Ich wusste, dass sie mich nicht in Ruhe lassen würden“, sagt sie leise. „Irgendwann musste es soweit kommen.“

„Wer? Was?“, fragt Michael beunruhigt.

Die melodische Klingel der Haustür unterbricht sie.

Elin steht auf. „Lass jetzt. Du wirst es erfahren, aber du kannst mir nicht helfen. Die Unsichtbaren muss ich selbst versöhnen.“

Michael erhebt sich ebenfalls. „Die Unsichtbaren? Du sprichst in Rätseln.“ Er schüttelt den Kopf.

Elin zuckt mit den Schultern und eilt zur Tür.

„Julia, mein Schatz, schön, dass du gekommen bist.“ Sie nimmt ihre Tochter in den Arm. „Es ist so warm, dass wir im Garten frühstücken können.“

Julia hält ihrer Mutter eine Bäckertüte unter die Nase. „Versöhnungsbrötchen“, meint sie lächelnd und folgt ihr in die Küche, wo ihr Vater gerade dabei ist, ein vollbeladenes Tablett in den Garten zu tragen.

„Paps, soll ich dir was abnehmen?“ Bevor er etwas erwidern kann, greift Julia die Kaffeekanne und bringt sie in Sicherheit.

Michael zwinkert seiner Tochter schelmisch zu. „Ich kann so was“, meint er und geht in den Garten.

„Dein Vater ist unmöglich! Erst kürzlich sind ihm zwei Teetassen vom Tablett gerutscht“, sagt Elin leicht ärgerlich. „Meine Lieblingstassen aus England.“

Kurz darauf treten sie auf die Holzveranda, wo Michael sonnengelbe Teller und Tassen auf den hellgrün gestrichenen Holztisch stellt.

Julia setzt sich auf die mit dicken Kissen ausgestattete Bank und lässt ihren Blick schweifen. Tontöpfe mit rosa und blauen Hortensien, die ihre kugeligen Blütendolden der Morgensonne entgegenstrecken. Der kleine Teich, den Elin liebevoll angelegt hat, glitzert im Morgenlicht und spiegelt das Türkis einer Libelle wider, die um die Seerosen schwirrt. Ein Büschel Schilfgräser wiegt sich beinahe meditativ im lauen Lüftchen. Der süßliche Duft des Geißblattes, das sich an der Hauswand emporrankt, steigt ihr in die Nase und das Summen der Bienen dringt an ihr Ohr.

„Euer Garten ist wirklich ein Traum. Mam, du bist eine richtige Gartenkünstlerin.

„Es macht mir auch großen Spaß, im Garten zu werkeln.“ Elin stellt den Brotkorb auf den Tisch. „Warum schaust du mich eigentlich so prüfend an?“

„Du siehst immer noch so jung aus“, erklärt Julia.

Elin streicht verlegen ihren geblümten Wickelrock gerade. „Ach was. Das täuscht. Zurzeit fühle ich mich wie achtzig.“

„Ich glaube nicht, dass Achtzigjährige ihren Zopf mit einer gelben Blüte schmücken würden“, lacht Julia.

„Deine Mutter ist mit ihren siebenundfünfzig jung und wunderschön“, betont Michael, nimmt seine Frau in den Arm und gibt ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund.

Julia lenkt ihre Aufmerksamkeit rasch auf eine Amsel, die einen fetten Wurm im Schnabel hält. Hätte sie ihrer Beziehung mit Rainer vielleicht doch noch eine Chance geben sollen?

„Wo liegt denn der Reiterhof?“ Elin nippt an ihrem Kaffee. Vielleicht hat sie gestern tatsächlich überreagiert. Was soll schon passieren? Julia weiß von nichts und Island ist groß. „So groß auch wieder nicht, vor allem die besiedelten Gebiete nicht“, kontert ihre Angststimme.

Julia schaut ihre Mutter leicht unwillig an. Es geht doch hoffentlich nicht schon wieder los?

„Ich fliege bis Keflavik. Unser Hotel ist in Hafnarfjördur. Von dort aus unternehmen wir Tagesausflüge. Nach einer Woche fahre ich mit dem Bus in den Norden. Akureyri und andere Orte, die ich mir nicht merken kann. Isländisch scheint eine schwere Sprache zu sein. Warte ich lese es vor.“ Julia kruschtelt in ihrem Rucksack und zieht die zerknitterte Reisebeschreibung des Veranstalters heraus.

Städtenamen und Orte plötzlich ausgesprochen, lassen Szenen aus Elins Vergangenheit lebendig werden. Das Kaleidoskop eines verdrängten Lebens.

Sie entführen Elin auf die Vulkaninsel ihrer Kindheit.

Eine kleine Elin auf dem Pferdehof ihres Stiefvaters in der Nähe von Akureyri, meistens allein und unbeachtet. Einkaufsfahrten mit der Mutter in das nahe Städtchen mit seinen farbenfrohen Holzhäusern, für sie immer ein Ausflug in die moderne, weite Welt. In diesen Stunden hatte sie ihre Mutter für sich allein. Keine eifersüchtige Kristin und keine missbilligenden Blicke der Großmutter. Sie fieberte diesen monatlichen Ausfahrten regelrecht entgegen.

Dann eine ältere Elin, schon fast erwachsen, in einem Café in Reykjavik. Ihr gegenüber Einar, ihr Geliebter, den sie bald heiraten wird.

Elin zieht hörbar die Luft ein.

„Mam, hörst du mir überhaupt zu?“

Elin fällt aus ihrer Erinnerungsreise. „Ja, ich habe zugehört. Du fährst nach Nordisland.“ Ihre Stimme klingt sehnsuchtsvoll. „Nach Akureyri“, setzt sie leise hinzu und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

„Ach Mam.“ Julia greift über den Tisch nach den Händen ihrer Mutter und drückt sie fest. Was soll sie sagen?

Elin schüttelt den Kopf und wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen. „Ist schon gut. Mach dir keine Gedanken. Wer möchte noch eine Tasse Kaffee?“ Sie setzt ein Lächeln auf und versucht, Gelassenheit zu vermitteln, doch ihr dunkler, weiter Blick und ihre zitternden Hände, mit denen sie die Kaffeekanne hält, sprechen eine andere Sprache.

„Geht Rainer eigentlich mit?“, fragt Michael.

„Ja, habt ihr euch wieder versöhnt?“, will Elin wissen.

Julia schluckt und zupft an ihrem Zopf, der ihr über die linke Schulter hängt.

„Nein, wir haben uns vor kurzem endgültig getrennt“, gibt sie zu und spürt, wie ihr die Röte ins Gesicht steigt.

„Ach Julia, das tut mir aber leid. Was ist denn passiert?“ Elin blickt ihre Tochter mitleidig an.

„Ich möchte jetzt nicht darüber reden“, erwidert Julia barsch und schenkt sich einen Kaffee ein. Allerdings mit zu viel Schwung, denn die Hälfte landet auf dem weißen Tischtuch.

„Oh, sorry.“ Julia, erleichtert, der lästigen Fragerei zu entkommen, eilt ins Haus und kommt mit einem nassen Lappen zurück. Hektisch beginnt sie, den Fleck zu bearbeiten.

„Lass sein. Du machst es nur noch schlimmer. Ich steck sie später in die Waschmaschine. Sag mal, wie lange bleibst du eigentlich weg?“

„Zwei Wochen, habe ich doch gesagt. Aber wer weiß? Vielleicht gefällt es mir ja so gut auf Island, dass ich gar nicht mehr zurückkomme.“

Elin blickt ihre Tochter entsetzt an.

„Mam, das war nur ein Scherz.“

„Ich kann mich aber schon darauf verlassen, dass du in vier Wochen bei uns im Büro anfängst?“ Auch Michael klingt leicht beunruhigt.

„Klar doch, wollte nur Mam ein bisschen ärgern. Drei Wochen sind geplant. Schade übrigens, dass du keine Verwandten auf Island hast“, lenkt Julia vom Thema ab, „die hätte ich besuchen können.“

Elin zuckt zusammen, als hätte sie einen Schlag bekommen. Sie senkt rasch den Kopf und nestelt an einem herunterhängenden Zipfel des Tischtuchs. Michael wirft ihr einen prüfenden Blick zu. „Schatz, alles in Ordnung?“

„Oder gibt’s doch Verwandte dort oben, die ich besuchen könnte?“

Elin schüttelt verneinend den Kopf. Ihre Augen glänzen verräterisch, ihr Blick irrt unstet zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter hin und her.

Michael bemerkt es mit Staunen. Was sie wohl vor uns, vor mir verbirgt? Er schluckt einen bitteren Geschmack hinunter. Nicht einmal ihm vertraut sie. Das schmerzt.

„Naja, wie du meinst. Ich sollte jetzt langsam aufbrechen. Morgen geht’s in aller Frühe los und ich muss noch meine Sachen packen.“ Julia nimmt ihre Mutter in den Arm. „Wenn ich wieder zurück bin, dann müssen wir reden“, sagt sie leise.

„Wir werden sehen. Aber bitte versprich mir, dass du auf dich aufpasst. Wenn was ist, dann ruf sofort an.“

Julia blickt ihre Mutter irritiert an. „Was soll denn sein? Denkst du an was Bestimmtes?“

Michael streicht Julia über die Haare. „Deine Mutter hat das nur so gesagt. Wir wünschen dir eine schöne Zeit“, betont er und legt beschützend den Arm um seine kleine Frau.

„Ich habe das nicht nur so daher gesagt“, murmelt Elin.

Julia dreht sich am Gartentor noch einmal um, winkt ihren Eltern zu, dann steigt sie in ihr Auto. Im Rückspiegel sieht sie ihre Mutter, die auf die Straße getreten ist und winkt. Ein verzweifeltes Winken, so als wäre es ein Abschied für immer. Julia schluckt. Sie ist froh, wegzukommen.

Ihr ist, als würde sie plötzlich einen schweren Mantel tragen, gewebt aus Schicksal und Leid. Auf ihrer Brust lastet ein Gewicht und ihr Herz pocht dumpf. So kann sie nicht nach Hause fahren. Kurz entschlossen biegt sie in die Straße ein, die zum See hinunterführt. Wenig später schlendert sie die Seestraße entlang. Langsam entspannt sie sich und es gelingt ihr, den schweren Mantel wieder abzustreifen.

Die Terrasse des Seehotels Riva wirkt so einladend, dass sie sich entschließt, dort einzukehren. Sie findet einen freien Tisch unter einem cremefarbenen Sonnenschirm. Während sie genüsslich an ihrem Eiskaffee nippt, lässt sie ihren Blick über die blühenden Rhododendrenhecken des Hotelgartens und über die dahinter vorbeiführende Seestraße schweifen. Es herrscht ein buntes, sonntägliches Treiben. Spaziergänger, Hunde, Kinder, Badende mischen sich mit Radfahrern und Joggern.

Der blaue See, auf dem Segelboote dahingleiten, im Hintergrund die Schweizer Alpen, die sich in einen leichten Dunst hüllen, das alles erfüllt Julias Seele mit Frieden und gibt ihr nach und nach die Leichtigkeit zurück, die ihr die Mutter genommen hat.

Beschwingt kehrt sie nach Hause zurück.

Elin greift nach Michaels Hand. „Komm mit mir, ich möchte dir etwas zeigen.“

Sie zieht ihn mit sich die Treppe hinauf und öffnet die Tür zu ihrem Atelier.

Ein großer, ausgebauter Raum unter dem Dach ihres Einfamilienhauses mit einer breiten Fensterfront. Das späte Morgenlicht fällt in schräger Bahn durch das Glas und zeichnet helle Streifen auf den dunklen Holzboden.

Elin blickt zum Fenster hinaus. Ein traumhafter Blick über den See, bis hin zu den Schweizer Alpen.

Michael überreichte ihr zu ihrem dreißigsten Geburtstag ein Kuvert. Als sie es aufriss, fand sie eine Skizze ihres zukünftigen Ateliers darin. Ein paar Wochen später begann er mit dem Dachausbau. Seitdem ist hier ihr Rückzugsort, wo sie in all den Jahren mit Pinsel, Farben und Kreiden in ihre Heimat gereist ist.

Elin dreht sich zu ihrem Mann um, geht an ihm vorbei und öffnet eine Schublade ihrer Zeichenkommode.

„Schau Michael, das ist meine Heimat, mein Island, wie ich es in Erinnerung habe“, sagt sie leise und entnimmt einer Mappe große bemalte Papierbögen.

Bunte Holzhäuser vor grünen Vulkanbergen und schneebedeckten Gletschern, mächtige Lavafelsen im aufgewühlten Meer, Wasserfälle und blühende Wiesen sind zu sehen.

„Sie sind wunderschön“, sagt er leise und räuspert sich.

Elin kniet sich zu ihm auf den Boden und schaut ihn erwartungsvoll an. „Ich habe meine Heimat nie vergessen, auch wenn es auf euch so wirken muss. Manchmal ist das Heimweh so stark, dass ich die Bilder, die in mir aufsteigen, malen muss, sonst würde ich es nicht ertragen“, flüstert sie und wischt sich die aufsteigenden Tränen aus den Augen.

„Michael nickt und greift nach ihrer Hand. „Danke, dass du sie mir gezeigt hast.“

„Ich werde die Geschichte aufschreiben. „Ich muss mich endlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und Frieden schließen.“

„Und dann gehen wir zusammen nach Island“, schlägt Michael begeistert vor. Ich möchte deine Heimat gern kennenlernen.“

Elin schüttelt traurig den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder zurückkehren kann. Die Unsichtbaren werden es nicht erlauben.“

„Schatz, was hat es mit diesen Unsichtbaren auf sich? Wer sind sie?“ Michael spürt, dass ihm trotz der Hitze ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft.

„Du wirst es erfahren. Aber gib mir noch ein wenig Zeit. Bitte!“

Michael nickt und erhebt sich mühsam. „Die alten Knochen“, stöhnt er lächelnd.

Elin legt die Bilder vorsichtig in die Kommode zurück.

„Lass uns einen Seespaziergang machen. Ich brauche jetzt Bewegung“, schlägt Elin vor und greift nach Michaels Hand.

Sie bleiben stehen und blicken auf den See mit seinen glitzernden Lichtpunkten. Warmer Wind streichelt ihre Gesichter, Wellen plätschern halbherzig ans Ufer und ein Schwarm flatternder, kreischender Möwen streitet um ein aufgeweichtes Stückchen Brot, das ans steinige Ufer geschwemmt wurde.

„Weißt du, Island besitzt nicht diese Lieblichkeit. Seine Schönheit ist rau und kraftvoll. Nicht jeder fühlt sich dort wohl, doch ich habe die Insel immer geliebt.“

Michael sieht den Schmerz in ihren Augen. „Jetzt lade ich dich ins Strandcafé ein.“ Er legt den Arm um sie und zieht sie an sich.

Auf der Badewiese herrscht munteres Treiben. Beachvolleyballspieler, Sonnenhungrige auf ihren Handtüchern und planschende, juchzende Kinder. Das Sonntagsprogramm an einem Sommertag am Bodensee.

Elin löffelt genüsslich ihren Eiskaffee, während Michael sich mit einem kühlen Weizen erfrischt.

„Geht’s dir wieder besser?“, fragt er seine Frau.

Elin nickt und deutet lächelnd auf seinen Mund. „Bierschaum.“

Michael wischt sich grinsend über den Mund, dann wird er ernst. „Ich werde irgendwann mit dir nach Island fahren, das schwör ich dir.“

Elin blickt ihn erstaunt an. „Das wäre schön“, flüstert sie, „aber …“

„Kein Aber. Wir werden uns doch nicht von irgendwelchen Geistern einschüchtern lassen.“

Elin zuckt mit den Schultern. Vielleicht hat er recht. Sie wünscht es sich so sehr.

KAPITEL 3

Julia

Julia wird vom Rauschen des Regens geweckt. Schwungvoll verlässt sie das Bett. Nach einer erfrischenden Dusche kehrt sie ins Schlafzimmer zurück, schlüpft in die bereitgelegte hellblaue Jeans und einen dunkelblauen Baumwollpulli.

Nach einem hastig eingenommenen Frühstück verlässt sie mit ihrem Gepäck die Wohnung und steigt in das wartende Taxi.

Ihr Islandabenteuer beginnt.

Das Flugzeug verliert an Höhe und bereitet sich auf die Landung vor. Kurz darauf setzt es mit einem harten Ruck auf der Landebahn auf.

Julia blickt durch das kleine Fenster. Der Flughafen von Keflavik. Regennasser Asphalt unter einem trüben, wolkenverhangenen Himmel.

Sie zupft aufgeregt an ihrem Zopf. Die Frage, die sie sich schon während des Fluges gestellt hat, drängt sich wieder in den Vordergrund. Wie wird sie sich hier fühlen, im Land ihrer Eltern und Vorfahren? Wird sie überhaupt etwas spüren? Vielleicht ist es einfach nur eine Urlaubsinsel?

Julia schließt den obersten Knopf ihres Anoraks und stülpt die Kapuze über den Kopf. Kalter Wind und Nieselregen. Sie schluckt die aufkommende Enttäuschung hinunter. Sie ist schließlich auf Island und nicht auf Mallorca. Wenig später bringt sie der Bus in ihr Hotel nach Hafnarfjördur.

Lavafelder entlang der Straße, karge Vulkanberge, im Norden das Meer im blaugrauen Dunst, fast eins mit dem Himmel. Julia kann sich nicht sattsehen. Das ist also das Land ihrer Eltern.

Der Bus hält vor einem modernen Touristenhotel in leuchtend grüner Farbe. Nicht romantisch, eher zweckmäßig.

Nachdem Julia eingecheckt und sich in ihrem Zimmer eingerichtet hat, fährt sie mit dem Bus nach Reykjavik.

Das Wetter hat sich zum Positiven verändert. Der graublaue Himmel reißt immer mehr auf und gibt einer milden Sonne die Möglichkeit, die feuchte Luft zu erwärmen.

Reykjavik ist eine moderne, pulsierende Stadt. International und jung. Julia fühlt sich sofort wohl, doch sie vermisst ein wenig das Alte und Romantische der südlichen Städte.

Sie besichtigt die bekannte Hallgrims-Kirche und fährt mit dem Aufzug auf die Aussichtsplattform des Turms. Der Blick über die roten, blauen und grünen Wellblechdächer der kleinen Häuser, die sich an das Ufer des Stadtsees schmiegen, ist wunderschön.

Gemächlich schlendert sie durch die Altstadt und fotografiert die kleinen, bunten Holz- und Wellblechhäuser, die sie an Norwegen erinnern. Nicht weit entfernt, im alten Hafen, schaukeln Fischerboote und kleine Segeljachten. Daneben das Konzerthaus Harpa, ein architektonisches Meisterwerk aus Hunderten von Glasbausteinen.

Julia geht ein Stück an der Uferpromenade entlang. Steine zu Figuren aufgetürmt, erinnern sie an den Bodensee, und sie fühlt sich nicht mehr so fremd.

Sie dreht dem Hafen den Rücken zu und lässt sich durch die Einkaufsstraßen treiben. Imbissbuden, Restaurants, Bäckereien und Cafés bieten kulinarische Stärkung an, um für Buchläden, schrille Boutiquen und Souvenirläden gerüstet zu sein. Isländische Wollpullover, Schmuckstücke aus geschliffenen Lavasteinen, bunte recycelte Designerklamotten und originelle Handtaschen reizen zum Kauf, doch als Julia die Preisschilder sieht, verflüchtigen sich die Gedanken an Mitbringsel schnell.

Als ihr der verführerische Kaffeeduft aus dem Inneren eines Cafés in die Nase steigt, kann sie nicht widerstehen. Sie braucht jetzt eine Stärkung, denn ein Blick auf die Uhr zeigt, dass sie bereits seit drei Stunden durch die Stadt marschiert.

Sie hat Glück und findet einen freien Platz an einem kleinen Tisch vor dem Café. Aufatmend lässt sie sich auf den Stuhl fallen. Als Erstes raus aus den Schuhen. Während Julia auf ihren Kaffee wartet, dringen Wortfetzen verschiedener Sprachen an ihr Ohr. Englisch, Französisch, mitunter auch Deutsch. Am Tisch gegenüber unterhält sich eine Gruppe Japaner in ihrem für sie eigenen Singsang.

Entspannt streckt sie ihr Gesicht einem milden Sonnenstrahl entgegen und öffnet den Reißverschluss ihrer Jacke. Dann nimmt sie ihr Smartphone aus dem Rucksack, macht ein Selfie und schickt es ihrer Mutter mit einer kurzen Nachricht:

Bin in Reykjavik. Es ist wunderschön hier. Auch das Wetter! Fühle mich sehr wohl.

In dieser entspannten, freudigen Stimmung trifft sie plötzlich ein Blick, der sich wie ein Messerstich anfühlt. Spitz und schmerzhaft. Julia zuckt zusammen. Ein graugrünes Augenpaar scheint Laserstrahlen in ihre Richtung zu schleudern. Was ist denn los? Ist sie gemeint? Aber warum?

Julia wendet sich ab, tut so, als ob sie in ihrem Reiseführer lese und mustert die Frau verstohlen aus den Augenwinkeln. Das Klischeebild einer Gouvernante Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts. Graubraune Klamotten, streng aus dem Gesicht gekämmte graue Haare, sicher als Dutt am Hinterkopf zusammengedreht. So Anfang siebzig, schätzt Julia, obwohl, sie könnte auch erst um die sechzig sein.

Die Frau wendet ihr hageres Gesicht nun ihrer Begleiterin zu, sagt irgendetwas, worauf auch diese nun zu Julia herüberschaut.

Julia spürt, wie Ärger in ihr aufsteigt.

So ein unmögliches Benehmen. Wenn es um ihre auffallende Erscheinung geht, dann soll sie halt wegschauen. Julia ist daran gewöhnt, die Blicke wegen ihrer leuchtend roten Haare auf sich zu ziehen, doch sind diese meist bewundernd, wohlwollend, nicht ablehnend, fast hasserfüllt, wie jetzt.

Herausfordernd erwidert Julia den Blick, doch die Frau schaut sofort weg.

Kurz darauf steht sie abrupt auf, schleudert Julia noch einen wütenden Blick zu, legt Geld auf den Tisch, verabschiedet sich von ihrer Begleiterin und verlässt mit gehetzten Schritten das Café.

Als ob sie vor mir auf der Flucht wäre, denkt Julia und schaut der hageren Peron hinterher. Hoffentlich kein schlechtes Omen für meinen Islandaufenthalt! Julia läuft ein kalter Schauer den Rücken hinab. Nervös zupft sie an ihrem Zopf.

Sie greift zum Smartphone und schreibt ihrer Mutter eine WhatsApp:

Gerade eine merkwürdige Begegnung mit einer Frau gehabt. Hat mich entsetzt angeschaut, so als ob sie einen bösen Geist gesehen hätte.

Julia wartet, doch ihre Mutter antwortet nicht. Schade. Enttäuscht steckt sie ihr Handy in die Tasche.

Wolken bedecken mit einem Mal den Himmel. Woher sie so plötzlich gekommen sind? Das Wetter scheint hier schnell zu wechseln und mit dem Verschwinden der Sonnenstrahlen ist auch die laue Wärme weg. Julia schließt den Anorak, nimmt ihren Schal aus dem Rucksack und kuschelt sich hinein. Ein bisschen Geborgenheit. Ein Blick auf die Uhr. Es wird Zeit, langsam ins Hotel zurückzukehren. Bald gibt es Abendessen. Julia verlässt schnell das Café. Das leere Gefühl und ein Anflug von Heimweh drängen sie in die Sicherheit der Reisegruppe und des Hotels.

In ihrem Zimmer angekommen, fällt ihr Blick in den Spiegel. Eine bleiche Julia mit ängstlichen Augen schaut sie hilfesuchend an. Sie schüttelt bei ihrem Anblick ärgerlich den Kopf.

„Was ist denn los mit dir? Du wirst dich doch nicht von dieser unsympathischen Frau einschüchtern lassen?“, fragt sie ihr Spiegelbild streng. Sie ist schließlich hier, um Urlaub zu machen und sich wohlzufühlen. Sie wird sich ihre Ferien nicht von den dunklen Vorahnungen ihrer Mutter und erst recht nicht von dieser unfreundlichen Person vermiesen lassen! Punkt.

Sie begibt sich unter die Dusche. Das warme, nach Lavendel duftende Geriesel spült die dummen Gefühle weg.

Erfrischt, die Haare hochgesteckt, die Augen mit ein wenig Lidschatten und Mascara betont, schlüpft sie in hellgrüne Jeans und zieht eine weiße Spitzenbluse an. Wieder einen Blick in den Spiegel. Schon besser, findet sie, legt sich ein goldgrün gemustertes Plaid um die Schultern und verlässt beschwingt das Zimmer in Richtung Speisesaal. Ihr Magen knurrt erwartungsvoll. Sie ist gespannt auf ihre Reisegruppe. Hoffentlich sitzt sie mit netten Leuten an einem Tisch.

KAPITEL 4

Kristin

Kristin hastet zu ihrem Auto. Ihre zittrigen Hände haben Mühe, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Kurz darauf fährt sie mit quietschenden Reifen los. Ihr Blick fällt auf den Tacho. Schnell nimmt sie den Fuß vom Gaspedal.

Der Schreck sitzt ihr in den Knochen.

Den ganzen Morgen hatte sie bereits gespürt, dass etwas passieren würde. Etwas Schicksalsträchtiges schwebte schon beim Aufwachen wie ein dunkler Schleier über ihr.

Nachdem der Sozialdienst Carl bei der Morgentoilette geholfen hatte, frühstückten sie zusammen. Wie immer schweigsam, von ein paar kurzen, nichtssagenden Sätzen abgesehen. Anschließend, wie jeden Morgen, lenkte Carl seinen Rollstuhl geschickt durch die geräumige Küche in sein Arbeitszimmer, wo er die nächsten Stunden verbringen würde. Als bekannter isländischer Schriftsteller schrieb er an seinem neuen Roman.

Kristin hätte ihm gern von ihrer dunklen Ahnung erzählt, doch so nahe standen sie sich schon lange nicht mehr, dass sie ihm Einblick in ihr Innenleben gewährt hätte.

Kristin blickte ihm schweigend hinterher. Er sah immer noch gut aus mit seinen lockigen, silbergrauen Haaren.

Sie hatten sich bei einer Vernissage kennengelernt. Kristin erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen.

Riesige Leinwände mit düsteren Farben und wirren Motiven hatten die kleinen Räume der Galerie in eine Höhle verwandelt. Entsprechend war die Luft dumpfig und warm. Die Gäste drängten sich um den Laudator, der mit seinen Lobeshymnen auf den Künstler kein Ende zu finden schien.

Kristin trat unruhig von einem Bein auf das andere und schielte immer öfter zum Ausgang. Warum war sie nur mitgegangen, fragte sie sich, krempelte die Ärmel ihrer Bluse hoch und fächerte sich mit der Einladungskarte frische Luft ins Gesicht.

„Ach komm doch mit. Du kannst nicht jeden Abend deine Nase in irgendwelche Kitschromane stecken. Du versauerst ja langsam. Draußen spielt sich das wahre Leben ab“, hatte ihre Freundin Eva auf Kristins Absage geantwortet. Womit sie Recht hatte. Kristin verbrachte ihre Wochenenden gewöhnlich auf dem Sofa, las und träumte von ihrem Traummann.

„Vielleicht findest du deinen Prinzen ja heute Abend. Bei Vernissagen kannst du interessante Typen kennenlernen“, hatte die Freundin gelockt und sie schließlich überredet.

Kristin musste hier raus. Sofort. Fast panisch bahnte sie sich den Weg zum Ausgang, übersah eine Stufe und fand sich an der Brust eines Mannes wieder, der bis dahin lässig an einer Säule gelehnt hatte. Carl, groß, schlank, längere braune Haare und ein sympathisches Lächeln.

Über Kristins Gesicht huscht ein Lächeln, als sie die Szene wieder vor sich sieht.

Sie verließen gemeinsam die Galerie und Carl lud sie auf ein Glas Rotwein ein. Sie tauschten zwar ihre Telefonnummern aus, doch sie dachte nicht im Traum daran, dass er sich tatsächlich schon am nächsten Tag bei ihr melden würde.

Kristin hatte sich nie etwas vorgemacht. Sie war nicht hübsch. Groß, hager, mit kantigem Gesicht, aschblonden, dünnen Haaren und graugrünen Augen. Welch ein Unterschied zu ihrer Stiefschwester Elin mit ihrer zierlichen Figur, der langen, roten Mähne, den strahlenden grünen Augen, und dem herzförmigen Gesicht.

Das hässliche Entchen neben einem wunderschönen Schwan. So hatte sie sich immer gefühlt.

Und nun war Elin zurückgekommen. In junger Ausführung. Die Vergangenheit ist wieder lebendig geworden.

Hafnarfjördur.

Kristin wäre beinahe an dem Ortsschild vorbeigefahren. Sie drosselt das Tempo und biegt in den Ort ein.

Die Straße führt um größere und kleinere Lavafelsen herum. Elfenwohnungen.

Kristin liebt diesen Ort. Für sie besitzt er etwas Magisches, Geheimnisvolles.

Sie hält vor einem hellblauen Wellblechhaus. Ihre Hände zittern so stark, dass sie Mühe hat, die Haustür aufzuschließen.

Sie wirft ihre Jacke auf einen Stuhl und stürmt in das Zimmer ihres Mannes.

„Carl, ich muss dir was erzählen“, stößt sie atemlos hervor.

Carl, der mit dem Rücken zur Tür sitzt, schrickt zusammen. Unwillig über die Störung dreht er sich zu ihr um.

„Musst du so reinstürmen und mich erschrecken? Was ist denn passiert?“ Er blickt Kristin unwillig an.

„Sie ist wieder da“, keucht sie. „Jetzt kommt das Unglück zurück.“ Kristin beginnt, aufgeregt hin und her zu laufen.

Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche, denkt er und versucht, die lieblosen Gedanken zu verdrängen. „Von wem sprichst du denn?“

„Von Elin natürlich, von wem denn sonst.“

„Würdest du dich vielleicht setzen und mir in aller Ruhe erzählen, um was es eigentlich geht?“ Hoffentlich ist sie bald fertig. Er möchte endlich an seinem Kapitel weiterschreiben. Er kämpft seinen Ärger nieder und ringt sich zu einem freundlichen Lächeln durch.

Kristin lässt sich in den schweren Ledersessel vor seinem Schreibtisch fallen. Wann hat sie hier zum letzten Mal gesessen und hat sich von Carl aus einem neuen Kapitel vorlesen lassen? Merkwürdig, dass gerade jetzt dieser Gedanke auftaucht. Sie verscheucht ihn ohne Antwort wie ein lästiges Insekt. Daran ist nur Elin schuld! Kaum ist sie wieder auf der Insel, schon mischt sie sich in ihr Leben ein. „Aber Elin ist doch gar nicht auf Island“, entgegnet ihre innere Stimme leise.

„Elin ist wieder da, das heißt nicht sie selbst, sondern ihre Tochter. Auf jeden Fall sieht sie Elin sehr ähnlich.“

Carl schaut sie an. Seine rechte Augenbraue hebt sich ein wenig.

Kristin spürt, wie Hitze in ihr aufwallt. „Du glaubst mir nicht, das sehe ich dir an!“

„Lass uns nicht streiten, erzähl einfach.“

„Ich habe mich heute mit Anna getroffen, du weißt schon, mit meiner Freundin aus Deutschland.“

Carl nickt und versucht, die Ungeduld zu unterdrücken.

„Wir sind ins Café gegangen und da habe ich sie gesehen. Elin in junger Ausführung. Dieselben roten Haare, die grünen Augen und so weiter. Da gibt es keinen Zweifel! Es muss ihre Tochter sein. Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag.“ Kristin holt tief Luft. „Ich habe heute Morgen schon gespürt, dass etwas Dunkles in der Luft liegt.“ Sie fuchtelt wild mit den Händen.

„Hast du sie angesprochen?“

„Was? Spinnst du? Ich will mit Elin und ihrer Brut nichts zu tun haben. Sie hat schließlich unser Leben zerstört. Auf was für Ideen du kommst! Ansprechen, ha!“ Kristin wirft ihrem Mann einen funkelnden Blick zu und schüttelt aufgebracht den Kopf. „Es darf niemand erfahren, dass sie auf der Insel ist. Hörst du? Niemand! Versprich mir das!“ Sie greift über den Schreibtisch nach Carls Arm und drückt ihn fest. Wie muskulös und stark er ist. Eine leise Sehnsucht erfüllt sie.

Carl schüttelt ihre Hand unsanft ab. „Du meinst Steinunn und Soley, nicht wahr?“ Seine Stimme ist schneidend.

Kristin zuckt kurz zusammen, dann richtet sie sich kerzengerade auf. „Genau, die meine ich. Sonst geht alles wieder von vorne los. Sie gehört nicht mehr in unser Leben, hat eigentlich noch nie zu uns gehört.“

„Du machst mich krank mit deiner ewigen Eifersucht und mit deinem Hass auf deine Schwester.“

„Stiefschwester“, korrigiert sie ihn sofort.

„Du hast unser ganzes Leben damit vergiftet.“ Er spricht leise, mehr zu sich selbst: „Und ich kann und mag nicht mehr.“

„Wie meinst du das? Schließlich war sie es, die Unglück über uns alle gebracht hat.“ Ihre Stimme klingt schrill. „Was machst du da?“

Carl antwortet nicht, sondern greift zum Telefon.

„Wen rufst du an?“

Carl schüttelt unwillig den Kopf. „Hallo Soley“, sagt er stattdessen mit seiner ruhigen, dunklen Stimme.“

Kristin macht Anstalten, ihm das Telefon zu entreißen.

„Wage es ja nicht“, zischt er.

„Soley, Kristin hat heute höchstwahrscheinlich Elins Tochter in Reykjavik gesehen.“

Am anderen Ende herrscht für einen Moment Stille.

„Soley, bist du noch dran?“

„Was sagst du da? Ihre Tochter? Kommt sie hierher? Soll ich es Mutter sagen?“ Soley sprudelt wie eine Mineralquelle.

„Wir wissen nicht, wo sie abgestiegen ist, ob sie es überhaupt ist. Kristin hat sie leider nicht angesprochen. Sag also Steinunn noch nichts davon. Sie würde sich nur unnötig aufregen.“

„Sie hat sie einfach gehen lassen, ohne sie anzusprechen?“ Soley ist fassungslos.

„So ist es. Immer das alte Lied“, seufzt Carl.

„Dann werden wir sie also nicht treffen?“ Soley klingt geknickt.

„Ich weiß es nicht, doch ich habe da so eine Idee“, verkündet Carl und zuckt zusammen, als Kristin die Tür hinter sich zuschlägt. Dann weiht er seine Schwägerin in seinen Plan ein.

Kristin lässt sich in ihrem Zimmer schluchzend auf ihr Bett fallen. Angst, Hass, Verunsicherung und Eifersucht erfassen sie wie eine mächtige Welle und tragen sie mit sich fort. Als sie wieder an Land geschwemmt wird, übernimmt die kleine Kristin die Führung.

KAPITEL 5

Akureyri 1963

Der Sturm heult um das rote Holzhaus und rüttelt an den geschlossenen Fensterläden.

Kristin rekelt sich behaglich in ihrem Bett. Es ist dunkel in ihrem Kämmerchen wegen der geschlossenen Holzläden, aber auch wegen des Novembers, der das Tageslicht immer mehr verdrängt.

„Die Sonne scheint jetzt in Afrika und wärmt die Löwen“, so hat es ihr die alte Saga, ihre Oma, erklärt und die muss es ja schließlich wissen.

Kristin spitzt die Ohren. Unten in der Küche werkelt die Magd. Sie heizt sicher den großen Herd an und schiebt die Brötchen hinein. Die Treppe knarrt und ächzt. Sagas schwere Schritte kommen langsam nach oben. Sie öffnet die Tür zur Elternkammer und tritt ein. Die tiefe, rauchige Stimme der Oma mischt sich mit der hellen, jugendlichen von Kristins Mutter. Kristin lächelt in sich hinein, als sie an den dicken, runden Bauch der Mutter denkt. Da ist ihr Bruder Olaf drin und der kommt nun bald heraus und liegt dann wie das Jesuskind in der Krippe.

Sie freut sich auf das Brüderchen, auf Weihnachten und auf den neuen Pullover. Sie hat im Sommer gesehen, wie die Oma fleißig die Stricknadeln in ihren knochigen Händen bewegte, am Abend, als Kristin eigentlich schon hätte im Bett sein sollen. Sie musste aber noch einmal auf das Klohäuschen und da sah sie durch den Spalt der Stubentür, wie die Großmutter das Strickteil der Mutter zeigte und sagte, dass es für sie, Kristin, sei.

Schnell schlüpft Kristin in die bereitgelegten Kleider, bindet sich das Schürzchen um und geht zur Mutter.

Hekla blickt ihre Tochter zärtlich an, als diese sich bückt, um einen Wollschal aufzuheben. „Bald ist es soweit“, meint sie und ein Lächeln zieht sich über ihr bleiches, aufgequollenes Gesicht und nimmt ihren blauen Augen für einen kurzen Moment die Müdigkeit der letzten Wochen.

Sie sieht aus wie der große Walfisch, den die Fischer gestern an Land gezogen haben, denkt Kristin grinsend und schmiegt sich an den dicken Bauch der Mutter. „Woher weißt du, dass es ein Junge wird? Vielleicht kommt auch ein Mädchen.“ In ihrer Stimme schwingt Hoffnung mit.

Die Mutter lacht. „Die Elfenkönigin vom großen Lavahügel hat es der Saga verraten. Aber ich vertraue dir ein Geheimnis an. Über so ein liebes, kleines Mädchen, wie du es bist, würde ich mich auch sehr freuen.“ Sie streicht ihrer Tochter zärtlich über den Kopf und flicht mit raschen Fingern deren aschblonde Haare zu einem Zopf.

„Jetzt lass uns runtergehen. Das Frühstück ist sicher schon fertig.“

Leicht hüpft Kristin die Treppe hinunter. Hekla folgt ihr langsam und bedächtig.

In der Küche haben sich bereits alle um den schweren Holztisch versammelt. Der Bauer, die zwei Knechte, die Oma und die Magd. Schnell nimmt Kristin neben ihrer Großmutter Platz, während sich Hekla schwer auf den Stuhl neben ihrem Mann Magnus gleiten lässt. Kristin entgeht der kurze, liebevolle Blick nicht, den die Eheleute miteinander tauschen. Ein kurzes Gebet, dann nehmen sie schweigend das Morgenessen ein.

Ihrer Familie geht es gut. Sie besitzen eigenes Land, Schafe, Pferde und ein paar Milchkühe. Käse, Milch, Haferbrei und frisch gebackene Brötchen kommen jeden Tag auf den Tisch und im Vorratsraum hängt Trockenfisch für den langen Winter. Sogar ein paar Säcke Weizen lagern dort. Sie sind nicht so arm wie die Fischer, die mit ihren kleinen Booten auf dem rauen Meer ihr Brot verdienen müssen. Oft ein gefährliches Unterfangen. Kristin kennt einige Familien, in denen der Vater, Bruder oder Onkel nicht mehr zurückgekommen ist. Sie hat Angst vor der grauen, tobenden See, die sich mit hohen, schäumenden Wellen an die Klippen wirft und diejenigen in die Tiefe reißt, die ihr nicht den nötigen Respekt zollen. Kristin weiß, dass sie nicht allein am Strand oder gar auf den Klippen spielen darf. Saga hat ihr vom großen Wassergeist erzählt, der nur darauf warte, ungehorsame Kinder in sein grünes Muschelschloss auf dem tiefen Grund des Meeres zu verschleppen.

Als der große Küchentisch abgeräumt ist, Magnus und die Knechte wieder ihrer Arbeit nachgehen, rücken die Frauen ihre Stühle näher an das Herdfeuer und beginnen mit ihren Handarbeiten. Socken und Hemden müssen geflickt und schwere, dicke Pullover für die Männer bis Weihnachten fertiggestrickt werden.

Kristins Mutter arbeitet emsig an einem Babyjäckchen, während ihre Tochter an einer wollenen Überdecke strickt, die ein Geschenk für das Geschwisterchen werden soll.

Draußen tobt der Sturm ums Haus und treibt Schneewolken vor sich her. So kalt, dunkel und unwirtlich es draußen ist, so heimelig und hell ist es in der Küche. Kristin fühlt sich geborgen und sicher. Erwartungsvoll schaut sie zu Saga hinüber.

„Oma, bitte erzähl uns etwas von den Trollen oder noch besser von der Elfenkönigin, die in der Alfaborg lebt. Sag, gibt es wirklich gute und böse Elfen?“

Saga scheint sie nicht gehört zu haben. Sie sitzt zusammengesunken auf ihrem Stuhl, die Wolldecke über die Beine gebreitet und starrt in das lodernde Herdfeuer. Ihre sonst so emsigen Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß. Zerfurcht und verrunzelt erinnern sie Kristin an braune Lavasteine. Sie weiß nicht, was ihr mehr Unbehagen bereitet, der starre Blick oder die untätigen Hände. Sie schaut hilfesuchend zu ihrer Mutter. „Was ist mit Oma?“, flüstert sie.

„Sie wird müde sein. Lass sie in Ruhe.“ Ihre Mutter scheint die Schwere, die plötzlich über dem niedrigen Raum schwebt, nicht zu spüren. Sie stemmt sich mit beiden Händen am Tisch ab und erhebt sich schwerfällig. „Ich lege mich eine Weile aufs Bett. Ich bin so müde“, entschuldigt sie sich, hüllt ihre Strickarbeit feinsäuberlich in ein Stofftuch, legt sie ins Regal und stapft mit schweren Schritten die Treppe hinauf.

„Saga, was siehst du?“, fragt nun die Magd und blickt bang zu der alten Frau, auf deren faltigem Gesicht die Flammen unruhige Schatten zeichnen.

„Nichts Gutes. Es kommt Unglück über uns! In der Nacht sind Elfen an unserem Haus vorbeigezogen. Sie haben ein trauriges Lied gesungen.“ Saga spricht leise und hält ihren Blick weiter auf die Flammen gerichtet. „Sie haben mit ihren langen Armen auf unser Haus gezeigt.“ Jetzt zittert sie am ganzen Körper. Kristin springt auf und greift nach ihren Händen. Wie kalt sie sind! Wie aus der Trance erwacht, schaut die Alte ihre Enkelin an. Ihre Augen scheinen das Kind jedoch nicht wahrzunehmen, ihr Blick geht durch sie hindurch. Tief und dunkel.

„Unglück kommt“, murmelt sie vor sich hin. „Ein schweres Unglück.“

„Was wird passieren?“, fragt die Magd ängstlich.

„Ich weiß es nicht“, antwortet Saga, schüttelt sich und richtet sich auf. „Lasst uns mit der Arbeit fortfahren, sonst werden wir bis Weihnachten nicht fertig.“

Der Dezember bringt viel Schnee. Der Sturm tobt und heult weiterhin mit unverminderter Kraft ums Haus. Die Tage vergehen langsam in der nicht enden wollenden Dunkelheit.

Kristin zählt voll angstvoller Ungeduld die Tage bis Weihnachten. Wenn erst das Christkind da ist, dann kann ihnen das Unheil nichts mehr anhaben.

Der Tag vor dem zweiten Advent beginnt mit einer schicksalsträchtigen Unruhe. Während Kristin sich in ihrer Kammer ankleidet, hört sie aufgeregte Schritte auf der Treppe. Hinauf und hinunter. Vertraute und fremde Stimmen, immer wieder werden Türen geöffnet und geschlossen. Alles mündet im Zimmer ihrer Mutter, wie große Wellen, die auf das Land zulaufen. Kristin öffnet vorsichtig die Tür, linst durch den Spalt auf den schmalen Flur und spitzt die Ohren. Seufzen und Stöhnen, ab und zu kleine, spitze Schreie. Ihr Herz schlägt unruhig. Was hat das alles zu bedeuten? Plötzlich eilt eine fremde Frau in das Zimmer ihrer Mutter. Kristin erstarrt. So rote Haare hat sie noch nie gesehen. Das kann nur eine Elfe sein. Mit einem Schrei rennt sie die Treppe hinunter und landet direkt in den Armen der Großmutter.

„Eine Elfenfrau ist in Mutters Kammer verschwunden“, weint sie, steckt ihren Kopf in Sagas Rock und umschlingt mit beiden Armen ihre rundliche Taille.

„Kind, ich habe jetzt keine Zeit für dich. Die Hebamme ist gerade gekommen. Ich muss zu deiner Mutter. In der Küche steht Haferbrei für dich.“ Ungeduldig schüttelt sie das Kind ab und stürzt die Treppe hinauf.

Kristin bleibt vor der offenen Küchentür stehen. Die Puppe an sich gepresst, die Augen vor Schreck weit geöffnet und am ganzen Leib zitternd. So findet sie die Magd.

„Kindchen, musst keine Angst haben. Wird schon alles gut. Das Brüderchen kommt heute auf die Welt und das tut der Mama halt Schmerzen machen.“ Mit diesen Worten, die aber nicht zu ihrem aufgeregten, ängstlichen Gehabe passen, schiebt sie Kristin in die Küche, drückt sie auf den Stuhl und stellt eine Schüssel Brei vor sie auf den Tisch. Lustlos stochert Kristin darin herum. Irgendetwas Ungutes liegt in der Luft. Sie spürt es genau. Ängstlich faltet sie ihre Hände. „Lieber Gott. Bitte hilf der Mama.“

Zum Mittagessen treffen sie sich in der Küche. Auf dem großen Holztisch steht ein dampfender Topf mit Suppe. Leise betreten nach und nach die Knechte die Küche. Mit ernstem Gesicht kommt der Vater an den Tisch. Mechanisch streicht er Kristin über die Haare.

„Wir müssen beten“, murmelt er, „wir müssen beten!“

Nach einer Weile betritt Saga die Küche, im Schlepptau die rothaarige Frau. Kristin greift nach der Hand des Vaters. Ihr kleines Herz pocht ängstlich. Verstohlen mustert sie die Elfenfrau, die sich schwer auf den Stuhl fallen lässt. Leuchtend rote Haare und grüne Augen, die ihr gütig zublinzeln. Kristin schaut schnell weg. Was hat Saga vor kurzem gesagt? „Du darfst einer Elfe nie in die Augen schauen, sonst gibt es ein Unglück.“ Und jetzt sitzt eine Elfe sogar an ihrem Tisch und lächelt ihr zu. Kristin versteht das alles nicht. Hilfesuchend schaut sie zu ihrer Oma, doch diese flüstert mit der Magd und schenkt Kristin keine Beachtung.

„Du solltest den Arzt rufen. Da genügt die Hebamme allein nicht mehr“, sagt die Frau leise zu Magnus. Dem Kind wirft sie einen mitleidigen Blick zu.

Am Abend, als Kristin zu Bett geht, darf sie ihrer Mutter einen kurzen Besuch abstatten.

„Mama?“ Kristin blickt scheu in das wachsweiße, aufgedunsene Gesicht einer Fremden.

„Komm zu mir, mein Schatz“, flüstert Hekla und streckt ihrem Kind die Hand hin. „Jetzt kommt bald das Brüderchen und dann geht es mir bald wieder besser.“ Ihre Stimme klingt kraftlos, wie die Hand, mit der sie ihrer Tochter über den Arm streichelt. Der Hauch eines Schmetterlings. Kristin erschaudert und eine undefinierbare Angst erfüllt sie.

„Geh nun ins Bett, mein Liebling, und Gott segne und behüte dich.“

Kristin erwacht von einem markerschütternden Schrei. Danach Stille. Mit einem Ruck setzt sie sich im Bett auf und knipst das Nachttischlämpchen an. Ihr Herz pocht und das Blut rauscht in ihren Ohren. Angstvoll presst sie ihre Puppe an sich. Schritte eilen die Treppe hinauf und hinunter. Laute, aufgeregte Stimmen, dazwischen Schluchzen und Weinen.

Kristin springt aus dem Bett, öffnet ihre Tür und linst vorsichtig um die Ecke. Niemand zu sehen. Leise schleicht sie über den Flur. Gleich ist sie bei der Mama.

„Kristin, nicht!“ Ihr Vater eilt mit großen Schritten auf sie zu und zieht sie von der Tür weg. „Du kannst jetzt nicht hinein. Geh auf dein Zimmer und sei ein braves Mädchen.“

Kristin greift nach seiner Hand, doch er stößt sie unsanft weg. „Verschwinde! Sofort!“ Kristin zuckt zusammen. So böse hat der Vater noch nie mit ihr gesprochen. Ängstlich drückt sie sich an die Wand. Ihr Vater und der Hausarzt verschwinden im Zimmer der Mutter und ziehen die Tür fest hinter sich ins Schloss.

Kristin lässt sich weinend mit der Puppe im Arm vor ihrer Tür auf den Boden sinken. Etwas Schreckliches geht vor sich, das spürt sie tief in ihrem kleinen, wild pochenden Herz.

Noch einmal ertönt ein lauter, durchdringender Schrei, dem kurz darauf ein heller Schrei folgt, wie der eines neugeborenen Lämmchens. Danach ist es unheimlich still. Plötzlich das laute Weinen der Großmutter. Die Tür wird aufgestoßen. Der Arzt tritt heraus, seinen Arm um den Vater gelegt. Der sonst so aufrechte, große Mann wankt. Kraftlos und gebeugt.

„Eklampsie, ihr war nicht mehr zu helfen, aber wenigstens lebt der Junge. Es tut mir leid, Olafson.“ Der Arzt klopft ihm auf die Schulter und eilt die Treppe hinunter.

„Muss mich beeilen, im Nachbarort ist die Grippe ausgebrochen. Da liegen einige im hohen Fieber.“

KAPITEL 6

Kristin

Das Zuschlagen der Haustür lässt Kristin aus ihrem Tagtraum erwachen. Verwirrt schlägt sie die Augen auf. Sie braucht einen Moment, um sich zu orientieren. Sie streicht sich die nassgeschwitzten Haare aus der Stirn, dann steht sie auf. Ihre Hände zittern, als sie sich neue Kleider aus dem Schrank nimmt.

Verwirrt blickt sie in den Schrankspiegel. Sie kann das eben Erlebte noch nicht richtig einordnen. Eine lange Reise zurück in ihre Kindheit. Wie real sie alles erlebt hat. Wie lebendig die einzelnen Szenen waren. Wie unendlich schmerzhaft!

Auf dem Ablagetisch im Flur liegt ein Zettel. Carls Handschrift.

Bin mit Leifur unterwegs. Warte nicht auf mich, es kann spät werden. Carl

Kristin knüllt ärgerlich den Zettel zusammen und lässt ihn auf dem Tisch liegen. Was er wohl vorhat? Und warum nimmt er unseren Sohn mit, fragt sie sich leicht beunruhigt. Ob es etwas mit Elins Tochter zu tun hat? Sie bereut jetzt, dass sie ihm davon erzählt hat. Aber eigentlich kann nichts passieren, denn keiner weiß, in welchem Hotel sie untergebracht ist und wohin sie ihre Reise führt.

Julia

Als Julia den Speisesaal des Hotels betritt, hat sie die ungute Begegnung im Café bereits vergessen. Sie lässt sich vom Ober an ihren Tisch begleiten. Ein älteres Ehepaar und eine junge Frau sitzen bereits am Tisch.

„Machen Sie die ganze Rundreise mit?“, fragt die junge Frau, die sich als Lisa Maier vorstellt.

Julia nickt. „Im Anschluss habe ich noch eine Woche Reiten auf einem Hof in der Nähe von Akureyri gebucht.“

„Oh, Sie Glückliche. Sie können reiten?“ Lisa blickt sie bewundernd an. „Ich würde mich nie auf ein Pferd trauen. Na ja, passt vielleicht auch von meiner Figur nicht ganz“, meint sie lächelnd. „Das arme Pferd“, fügt sie grinsend hinzu und steckt sich einen vollgehäuften Löffel Kartoffelbrei in den Mund. „Also das Essen hier ist bis jetzt prima. Nur schade, dass der Kuchen so teuer ist. Ich glaube, jetzt wäre die beste Gelegenheit abzunehmen.“ Sie kichert gutgelaunt in sich hinein.

Julia findet sie sofort sympathisch und freut sich, mit der rundlichen Frohnatur Lisa die Mahlzeiten einzunehmen.

Julia ist gerade im Begriff, ihr Zimmer im ersten Stock aufzusuchen, als sie ihren Namen hört. Sie dreht sich um und sieht Lisa auf sich zukommen.

„Hätten Sie Lust, auf einen kleinen Spaziergang? Es ist so hell draußen, dass ich mir nicht vorstellen kann, jetzt schon ins Bett zu gehen. Wäre irgendwie schade.“

„Ja, gerne. Ich hole mir eine Jacke und komme runter. Treffen wir uns in der Lobby?“

Als Julia kurz darauf den Aufzug verlässt, tönt ihr Lisas fröhliches Lachen bereits entgegen.

„Wussten Sie, dass Hafnarfjördur eine Elfensiedlung ist?“ Lisa wedelt mit dem Reiseführer vor Julias Nase herum. „Habe ich gerade gelesen. Und es gibt sogar einen Elfengarten. Den müssen wir unbedingt besuchen und den kleinen Hafen müssen wir auch anschauen.“ Lisa hängt sich bei Julia ein und spult weiter ihr angelesenes Wissen ab. „Das Städtchen ist auf Lavafeldern gebaut. In den kleinen Hügeln und Steinansammlungen leben die Elfen. Hier gehen alle respektvoll miteinander um. So funktioniert das Zusammenleben ganz gut, habe ich gelesen. Die Elfen werden nur ungemütlich, wenn man sie bedrängt und ihre Burgen zerstört.“

Julia fühlt sich plötzlich unbehaglich. Den Elfengarten wird sie sicher nicht besuchen. Allein schon der Gedanke daran, vermittelt ihr Unbehagen. Sie hüllt sich fester in ihren breiten Wollschal und steckt die Hände in die Taschen. Irgendetwas ist da, das sie unangenehm berührt. Eine Kühle hüllt sie ein, die nicht nur von der feuchten Meeresbrise herrührt.

„Ich glaube, ich möchte langsam ins Hotel zurück. Ich bin ziemlich müde“, murmelt sie. Lisas ständiges Reden und Lachen gehen ihr mit einem Mal auf die Nerven.

Als sie an einem hellblauen Haus vorbeikommen, meint sie noch dazu, wieder die spitzen Blicke von heute Mittag im Rücken zu spüren. Als sie sich umdreht und zu den Fenstern hinaufblickt, werden hastig Gardinen zugezogen.

Julia beschleunigt ihre Schritte. Nichts wie weg! Die erstaunte Lisa folgt ihr mit kleinen Trippelschritten. Ein bisschen außer Atem erreicht sie nach Julia die Drehtür des Hotels.

„Habe ich Sie irgendwie verärgert?“, fragt sie verunsichert. „Ich weiß, manchmal rede ich zu viel. Das dürfen Sie mir ruhig sagen.“ Sie blickt Julia treuherzig an.

„Nein, das hat nichts mit Ihnen zu tun. Ich bin einfach nur müde und möchte mich jetzt hinlegen. War doch alles ein wenig viel heute. Bis morgen dann.“ Julia hastet die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Mit zitternden Händen schiebt sie die Karte in den Schlitz. Ihr Herz klopft und sie spürt einen unangenehmen Druck im Magen. Sie knipst, trotz der Helligkeit der Mittsommernacht, die kleine Nachttischlampe an und zieht die Vorhänge fest zu. Die Elfen und die bösen Blicke sind jetzt erst einmal ausgesperrt.

Julia lässt sich aufs Bett fallen. Vielleicht hätte sie auf ihre Mutter hören und nicht hierherkommen sollen. Wer weiß, was hier noch alles geschehen wird?

Sie kuschelt sich unter die Bettdecke und löscht das Licht.

„Morgen ist ein neuer Tag und wir werden mit dem Bus unterwegs sein. Da bin ich in der Gruppe und in Sicherheit“, redet sie sich selbst gut zu. „Wahrscheinlich bin ich wirklich übermüdet. Schluss mit der blöden Angst.“ Langsam beruhigen sich ihre Gedanken, der Druck lässt nach und eine angenehme Müdigkeit hüllt sie ein.

Kristin

Ein paar Häuser weiter, lässt sich das Ungute nicht so einfach vertreiben.

Kristin steht am Fenster und genießt den Ausblick. Sie liebt das helle Sonnenlicht, das, obwohl es schon auf zehn Uhr abends zugeht, die Lupinen vor ihrem Haus mit einem warmen Schimmer überzieht und in ein violettes Meer verwandelt. Zwei Frauen spazieren an ihrem Haus vorbei. Wahrscheinlich Touristinnen aus dem nahen Hotel. Eine klein und rundlich, die andere zierlich mit leuchtend roten Haaren. Kristin lehnt sich weiter aus dem Fenster. Das kann doch nicht wahr sein! Tatsächlich! Elins Tochter!

Jetzt starrt sie auch noch zu ihr herauf! Kristin zieht mit einem Ruck die Gardinen zu und tritt schnell vom Fenster weg. Ihr Herz klopft zum Zerspringen. Sie wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Was will sie hier? Möchte sie Kontakt zur Familie? Ist Elin auch auf Island? Fragen über Fragen.

Kristin läuft wie ein gefangener Tiger in ihrem Wohnzimmer hin und her. Sie spürt förmlich, wie das Schicksal näher und näherkommt. Bald wird es erneut zuschlagen. Und Carl ist auch noch nicht zurückgekommen, denkt sie ärgerlich. Was der wohl treibt?

Kristin kramt aus dem hintersten Eck ihrer Schreibtischschublade einen Flachmann hervor. Kurz zögert sie, dann setzt sie die Flasche an den Mund. Es ist lange her, seit sie das letzte Mal Wodka getrunken hat. Ach, heute hat sie ihn sich verdient. Eine Ausnahmesituation. Die Schärfe lässt sie husten. Sie setzt die Flasche noch einmal an. Der heutige Tag ist eine einzige Katastrophe. Eine Achterbahn der Gefühle. Auch mit Wodka lassen sich die Gedanken nicht einfach abschalten. In ihrem Inneren ist der Vulkan der Vergangenheit erwacht und brodelt heiß vor sich hin, steht kurz vor dem Ausbruch. Als sie endlich in einen unruhigen Schlaf fällt, kommt die kleine Kristin zurück und nimmt sie wieder mit auf die Reise in ihre Kindheit.

KAPITEL 7

Akureyri 1964

Der Morgen bringt mit seiner Dunkelheit auch noch eine unheimliche Stille mit. Eine traurige Stille, die allerdings bald durch das Kommen und Gehen der Nachbarn und Freunde durchbrochen wird. Alle statten der Verstorbenen einen letzten Besuch ab und versammeln sich anschließend in der großen Küche zu einem Umtrunk.

Kristin tritt aus ihrer Kammer. Die Puppe fest an sich gedrückt, schleicht sie über den Flur. Vorsichtig drückt sie die Türklinke hinunter und stößt die Tür ein klein wenig auf. Da liegt doch die Mutter immer noch im Bett! Ach, sie ist ja so froh. Schnell eilt Kristin zu ihr. Doch irgendetwas stimmt nicht. Diese fremde Frau mit den starren, wächsernen Gesichtszügen und den heruntergezogenen Mundwinkeln ist nicht ihre Mutter. Hat die Elfenfrau sie etwa verzaubert, sie gegen eine Puppe ausgetauscht? Zaghaft berührt sie die auf der Decke liegenden, gefalteten Hände. Eiskalt! Kristin weicht erschrocken zurück, dreht sich um, rennt aus dem Zimmer und versteckt sich unter ihrer Bettdecke.

Die Tage vergehen in dumpfer Traurigkeit, die auch dem Weihnachtsfest, auf das sich Kristin so sehr gefreut hat, den hellen, feierli-chen Glanz nimmt. Es gibt keinen Baum mit Strohsternen und Goldengeln und auch keinen flauschigen Wollpullover.

Katla, Sagas erstgeborene, unverheiratete Tochter, zieht ins Trauerhaus, um sich um das Baby zu kümmern. Sie löst die Hebamme ab, die endlich das Haus verlässt. Kristin atmet auf. Die rothaarige Frau ist ihr unheimlich, auch wenn die Oma gesagt hat, dass sie keine Elfenfrau sei. Trotzdem, irgendetwas hat sie mit dem Tod ihrer Mutter zu tun.

Die Tage werden allmählich wieder heller, der Winter mit seinen eisigen Winden zieht sich zurück und der Frühling flattert wie ein bunter Schmetterling über das Land. Menschen und Tiere atmen auf.

Auch Kristin fühlt sich leichter. Die Trauer verliert ihre Schwere, das Leben kehrt wie in die Natur, so auch in die Familie zurück.

Kristins siebter Geburtstag fällt auf einen sonnigen Julitag, der im Garten mit einer großen Geburtstagstorte gefeiert wird. Endlich liegt auch der Weihnachtspullover fertig gestrickt auf ihrem Gabentisch.

Eines Abends, als Kristin noch einmal das Klohäuschen aufsuchen muss, wird sie ungewollt Zeugin einer lautstarken Unterhaltung zwischen ihrer Oma und ihrem Vater. Sie bleibt vor der geschlossenen Küchentür stehen und spitzt die Ohren.

„Du solltest Katla zu deiner Frau nehmen. Du weißt, dass sie dich liebt, schon immer geliebt hat. Hekla würde sich freuen, wenn ihre Schwester an ihre Stelle treten würde. Sie wäre den Kindern eine gute Mutter“, hört sie Saga sprechen.

„Ich habe mich damals in deine jüngste Tochter verliebt und nicht in Katla. Ich bin ihr sehr dankbar, was sie für Olaf und Kristin tut, aber ich kann sie nicht heiraten, weil ich mich in eine andere verliebt habe“, erwidert Magnus mit kalter Stimme. „Sie wird im Herbst hier als neue Bäuerin einziehen und sie wird den Kindern eine gute Mutter werden.“

„Das kannst du Katla nicht antun!“

„Ich habe ihr nie was versprochen. Das weißt du ganz genau!“

„Wer ist sie?“

„Steinunn, die Hebamme“, antwortet Magnus ruhig.

„Dieses rothaarige Weib mit ihrem Trollenkind?“, kreischt Saga. Das verhasste Bild einer anderen Frau drängt sich in den Vordergrund. Sigrún, Steinunns Mutter. Die Frau, die ihr damals Gustav weggenommen hat. Saga spürt, wie ihr die Hitze in den Kopf schießt.

„Weib, pass auf, was du sagst! Sie ist eine ehrwürdige Frau und ich liebe sie.“ Magnus schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Das ging ja schnell, dass du meine Tochter vergessen hast. Meinen Segen bekommst du jedenfalls nicht für diese Heirat. Sie wird uns mit ihrem Balg nur Unglück bringen, wie ihre Mutter damals über mich Unglück gebracht hat“, kreischt Saga.

Magnus schüttelt ärgerlich den Kopf, dreht sich um und reißt so unvermittelt die Tür auf, dass es Kristin nicht mehr gelingt, sich unbemerkt davonzuschleichen. Sie landet direkt an seiner Brust.

„Solltest du nicht längst im Bett sein?“ Ihr Vater runzelt ärgerlich die Stirn. „Und gelauscht hast du auch?“

„Entschuldige, das wollte ich nicht“, stottert Kristin. „Du darfst die Elfenfrau nicht heiraten“, entschlüpft es ihr.

„Was redest du denn da! Geh sofort ins Bett, bevor ich mich vergesse“, droht er und hebt die große Hand.

Kristin rennt heulend die Treppe hinauf in ihre Kammer. Die Elfenfrau zieht hier ein und bringt ein Trollenkind mit, hat die Oma gesagt. Kristin weint sich verzweifelt in den Schlaf.

Als der November mit Nebel und Eisregen den nahen Winter ankündigt, bringt Magnus Steinunn und ihre kleine Tochter Elin ins Haus.

„Schau Kristin, das ist jetzt deine neue Mutter und das ist Elin, deine neue Schwester.“ Stolz und voller Freude stellt er die beiden seiner Tochter vor.

Kristin erstarrt. Der Alptraum ist also wahr geworden und gleich in zweifacher Ausführung, denn Elin sieht ihrer Mutter mit denselben roten Haaren und grünen Augen sehr ähnlich.

„Meine Mutter ist im Himmel. Ich brauche keine neue und ich brauche auch keine neue Schwester. Ich habe Olaf“, ruft sie aufgebracht. Zornige Tränen steigen ihr in die Augen. Nein, sie will keine neue Mutter! Mit wehendem Kleid reißt sie sich von seiner Hand los und stürzt die Treppe hinauf in ihre Kammer. Die Tür fällt mit einem lauten Knall hinter ihr ins Schloss.

„Kristin, komm sofort herunter!“, schreit Magnus und stürmt mit puterrotem Kopf hinter ihr her.

„Magnus lass sie! Sie wird sich schon an uns gewöhnen“, ruft ihm Steinunn hinterher.

„Ich verlange von dir Respekt und gutes Benehmen. Haben wir uns verstanden?“ Er steht breitbeinig in der offenen Tür. Seine Stimme klingt drohend.

Kristin nickt ängstlich mit dem Kopf. So wütend hat sie ihren Vater noch nie erlebt. Er liebt sie nicht mehr!

„Ich höre nichts“, herrscht er sie an.

„Ja, ich hab’s verstanden“, antwortet sie leise.

Als ihr Vater die Kammer verlässt, sinkt sie verzweifelt auf ihr Bett. Er kann sie nicht zwingen, die neue Frau liebzuhaben. Sie wird ihre Mutter niemals verraten, das nimmt sie sich fest vor.

Als Steinunn kurz darauf mit Elin Kristins Kammer betritt, um sie in das leere Bett gegenüber zu legen, dreht sie den beiden den Rücken zu und gibt vor zu schlafen.

Mit dem Vorsatz, der Mutter treu zu bleiben und die Eindringlinge zu hassen, fällt sie in einen unruhigen Schlaf.

KAPITEL 8

Elin, Konstanz 2017

Elin verlässt als Letzte das Antiquitätengeschäft und schließt die Tür hinter sich ab. Es hat zu regnen begonnen. Ein leichter, freundlicher Sommerregen, der die drückende Hitze wegspült. Elin nimmt einen tiefen Atemzug. Sie ist froh über die Abkühlung. Zum Glück befindet sich ihr Geschäft in der Konstanzer Altstadt. Die gewölbeartigen Räume sind im Sommer angenehm kühl.

Nachdenklich gestimmt, schlendert sie unter ihrem großen Sonnenblumenschirm durch die alten Gassen der Niederburg. Es herrscht viel Betrieb. Sommergäste, Geschäftsleute und Einkaufende bevölkern die Altstadt. Vom nahen Münster sind sieben Schläge der Turmuhr zu hören.

Wie es Julia wohl geht? Ob ihr Island gefällt?

Heute Abend wird sie mit dem Niederschreiben ihrer Geschichte beginnen. Sie hat sich in der Mittagspause ein Heft mit gemustertem Cover gekauft, dazu einen leuchtend roten Kugelschreiber.

„Elin, schön, dass du wieder da bist. Hast du viel Kundschaft gehabt.“ Michael nimmt seine Frau liebevoll in die Arme.

„Stell dir vor, ich habe das Viktorianische Teeservice und den roten Samtsessel verkauft“, platzt sie freudig heraus.

„Wolltest du ihn nicht für dein Atelier?“

Sie nickt. „Bevor er ein Ladenhüter geworden wäre, hätte ich ihn selbst genommen, aber so ist es natürlich besser. Und ich habe einen super Preis erzielt.“

Elin liebt ihren Beruf als Antiquitätenhändlerin und die damit verbundenen Reisen. Sie vermitteln ihr ein Gefühl von Freiheit und Selbständigkeit. Noch dazu läuft der Laden gut. Wenn sie unterwegs ist, hält Karol, ihre Freundin und Partnerin, die Stellung. Sie liebt das Verkaufen und Beraten, während Elin ein sehr gutes Händchen dafür hat, kostbare und teilweise ausgefallene Stücke bei Auktionen, Wohnungsauflösungen und Flohmärkten aufzuspüren.

„Hast du Lust zum Italiener zu gehen?“, fragt Michael hoffnungsvoll und folgt seiner Frau ins Wohnzimmer. „Eine große Pizza mit Meeresfrüchten, ein Glas Rotwein und zum Dessert ein Tiramisu“, schwelgt er und streicht sich lächelnd über den kleinen Bauchansatz. „Beeil dich. Ich habe Hunger.“

„Das hört man. Ich ziehe mich nur kurz um, dann können wir gehen“, meint Elin lachend.

Im Schlafzimmer fällt ihr Blick auf ihr Smartphone, das auf der Kommode liegt. Ach, hier ist es!

Zwei neue Nachrichten von Julia. Die erste erfüllt sie mit Erleichterung. Sie freut sich, dass ihre Tochter sich in Reykjavik wohlfühlt.

Die zweite WhatsApp jagt ihr einen kalten Schauer den Rücken hinunter. Sie hat geahnt, dass die Schatten der Vergangenheit nicht vor Julia Halt machen würden. In einem Café in Reykjavik. Das kann nur ihre Schwester Kristin gewesen sein. Aber immer noch dieser Hass, nach all den Jahren?

Ihr ist plötzlich kalt und die Lust auf einen Besuch beim Italiener gründlich vergangen. Im Bad blickt ihr eine bleiche Elin aus dem Spiegel entgegen. Die grünen Augen hell und ohne Glanz.

Langsam geht sie die Treppe hinunter. Der Elan und die Freude von vorhin sind wie von einer Windböe erfasst und weggeweht. Sie findet Michael im Gartenzimmer.

Er steht in der weit geöffneten Tür und blickt in den Garten, der gierig die Regentropfen aufsaugt. Er scheint so in Gedanken versunken zu sein, dass er auf Elins Kommen nicht reagiert.

Als sie ihn so stehen sieht mit hängenden Schultern und leicht gebeugtem Kopf, erschrickt sie. Er wirkt so traurig und einsam.

„Schatz, was ist mit dir?“ Sie tritt hinter ihn und umfasst ihn mit beiden Armen.

„Ach, ich weiß auch nicht. Stress mit dem neuen Bauherrn. Vielleicht sollte ich langsam an die Rente denken und das Architekturbüro an David übergeben“, sagt er leise.

„Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee.“ Elin streichelt ihm sanft über den Rücken. „Lass uns daheimbleiben. Ich richte uns ein paar Brote und du öffnest eine Flasche Wein. Ich habe sowieso keinen großen Hunger mehr.“

Michael dreht sich zu ihr um. „Was ist los?“ Missmut schwingt in seiner Stimme. „Ich dachte, wir gehen zum Italiener?“

„Ich mache mir Sorgen um Julia. Sie hatte in einem Café in Reykjavik eine sehr unschöne Begegnung mit einer Frau. Ihrer Beschreibung nach könnte es meine Stiefschwester Kristin gewesen sein.“ Kaum ausgesprochen, könnte sie sich auf die Zunge beißen. Unsicher blickt sie ihren Mann an und dreht nervös an ihrem Zopf.

„Deine Stiefschwester? Ich dachte, du hättest keine Familie mehr.“

„Ich habe eine Halbschwester und zwei Stiefgeschwister. Ob meine Mutter und mein Stiefvater noch leben, weiß ich nicht“, flüstert Elin.

„Ich fasse es nicht! Wir sind nun schon so lange verheiratet und du hast mich bis jetzt im Glauben gelassen, dass es auf Island keine Verwandten mehr gibt, dass deine Familie gestorben ist.“ Michael blickt sie ungläubig an. „Du hast mich belogen, die ganze Zeit. Hast mich nie an deinem Leben teilhaben lassen. Immer Schweigen und Geheimnisse. Warum Elin? Warum nur? Ich bin schließlich dein Mann.“ Aufgebracht läuft er mit großen Schritten im Zimmer hin und her. „Das kann einfach nicht wahr sein!“, grollt er.

„Es tut mir leid. Es ist nicht direkt gelogen. Für mich sind sie tatsächlich gestorben, als ich die Insel verlassen habe“, rechtfertigt sie sich leise.

„Das ist doch krank! Man kann nicht einfach seine ganze Familie sterben lassen! Das hat sich auf unser ganzes Leben ausgewirkt. Immer deine Stimmungen, deine Alpträume. Glaubst du, das war und ist für mich einfach? Trösten, ohne zu wissen warum? Ich habe immer gehofft, dass du einmal zu mir kommen und mich ins Vertrauen ziehen würdest. Ich wollte dich nicht bedrängen. Mittlerweile frage ich mich allerdings, auf was wir unsere Ehe überhaupt aufgebaut haben. Vielleicht auf isländischem Lavagestein?“ Michael schüttelt den Kopf und stürmt in den Garten hinaus.

„Michael, bitte! So ist das nicht!“, ruft sie in die Dunkelheit. „Bitte komm wieder rein! Du wirst ja ganz nass. Michael!?“ Elin tritt auf die Terrasse. Das Gartentor steht weit offen. Sie eilt hinter ihm her. Er läuft wie gehetzt den Uferweg entlang.

„Michael, warte auf mich!“, ruft sie und beginnt zu rennen. Ihr Herz klopft wie wild, Panik erfasst sie. Immer wieder verschluckt ihn die Dunkelheit.

„Michael“, schreit sie, „Michael!“ Tränen laufen ihr übers Gesicht und mischen sich mit dem Regen, der kontinuierlich auf sie niederprasselt. Ihr Zopf schlägt schwer hin und her, der Pullover klebt mittlerweile auf ihrer Haut und die Turnschuhe geben bei jedem Schritt klatschende Geräusche von sich.

In jener Nacht hatte es auch geregnet. In einem anderen Leben. Auf Island.

Endlich dreht er sich um.

„Michael. Ich liebe dich!“ Zitternd bleibt Elin vor ihm stehen und streckt die Hand nach ihm aus. Die Distanz zwischen ihnen ist riesengroß.

Elin weicht erschrocken zurück. „Michael, bitte. Mach jetzt nicht alles kaputt“, fleht sie. „Ich werde dir alles erzählen. Es wird keine Geheimnisse mehr geben, das verspreche ich dir.“ Mittlerweile schlottern ihr die Knie. Sie friert bis ins Mark.

„Lass uns gehen“, brummt Michael und nimmt ihren Arm. Schweigend gehen sie nebeneinander her. Kleine Wellen rollen mit einem Plätschern ans dunkle Ufer. Von der Schweizer Seite leuchten die Lichter herüber und zaubern helle Streifen auf den unruhigen See. Mond und Sterne haben sich hinter Wolken versteckt.

Zuhause angekommen, in trockenen Kleidern, treffen sie sich im Wohnzimmer. Elin kuschelt sich mit einer Wolldecke auf die Couch und trinkt in kleinen Schlucken eine heiße Schokolade. Michael sitzt ihr gegenüber in dem großen Ohrensessel, ein Glas Rotwein vor sich. Im Kamin verzehrt ein Feuer knackend die Holzscheite. Tanzende Schatten an der gegenüberliegenden Wand und eine wohlige Wärme zaubern eine heimelige Atmosphäre, die jedoch von den beiden Anwesenden nicht wahrgenommen wird. Ihre Blicke treffen sich. In ihnen spiegeln sich Unsicherheit und Angst, sowie Verletztheit und Ärger.

Elin räuspert sich. „Wo soll ich beginnen? Am besten in meiner Kindheit.“ Sie schließt die Augen. Und mit einem Mal ist es ganz einfach. Ihre Angst verschwindet und die kleine Elin betritt den Raum. Sie nimmt sie mit auf die Reise in ihre Kindheit.

KAPITEL 9

Elin Akureyri 1964

Die dreijährige Elin spielt mit ihrer Puppe und mit ihrem kleinen Holzpferd im Garten. Sie genießt die warmen Sonnenstrahlen, die der kurze Sommer heute schenkt. Die Nächte werden nicht dunkel, um das kleine Holzhaus blühen die Gräser und neigen ihre weißen Köpfchen im lauen Wind. Überall violette, gelbe und weiße Farbtupfer auf den grün bemoosten Lavasteinen. Weiter weg das Blöken der Schafe und Lämmer, die ausgelassen über die frischen Moos- und Grashügel springen und sich am saftigen Grün sattfressen.

Steinunn tritt aus der niedrigen Haustür. Auch sie genießt die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie seufzt. Manchmal wünscht sie sich in den Süden. Irgendwo hin, wo die Winter nicht so hart, nicht so ewig lang, dunkel und kalt sind.

In der Stadtbücherei hat sie ein Buch über Italien mit nachhause genommen und es zusammen mit ihrer Tochter Elin angeschaut. Sonnengeflutete Plätze, warmes, blaues Meer, Blumen in allen Farben, dazu Zitronenbäume und Zypressen. Sie seufzt noch einmal, als sie an die Bilder denkt. Ihr Traum. Einmal im Leben dorthin. Sie schüttelt den Kopf. Schluss jetzt mit der Träumerei. Immerhin hat sie ein Dach über dem Kopf, wenngleich ein undichtes, und eine Arbeit, die es ihr und ihrer Tochter ermöglicht, unabhängig zu leben. Zwar nicht im Wohlstand, doch sie hungern nicht und das ist schon viel, sehr viel wert.

Sie blickt zu ihrer kleinen Tochter hinüber. Ihre Haare leuchten in der Sonne feuerrot. Das grüne, selbstgenähte Kleidchen ist schon bald wieder zu klein. Wie schnell die Zeit vergeht, denkt sie ein bisschen wehmütig. Noch vor kurzem war sie ihr Baby, morgen feiert sie bereits ihren vierten Geburtstag.

„Elin, komm zu mir. Ich muss dir was sagen“, ruft sie ihre Tochter.

Elin kommt freudig zu ihr gelaufen, wie immer mit einem Lächeln auf dem zarten Gesicht, das ihre grünen Augen wie Sterne strahlen lässt.

Steinunn fängt sie auf und dreht sich mit ihr im Kreis, bis Elin laut jauchzt.

„Du bekommst einen neuen Papa, eine ältere Schwester und ein ganz kleines Brüderchen. Im Herbst ziehen wir zu ihnen. Es wird dir dort gefallen. Es gibt Schafe, Kühe und Pferde. Du wirst sehen, es ist sehr schön dort.“

Sie hofft, dass sie mit Magnus die richtige Wahl getroffen hat. Sie braucht einen Mann und einen Vater für Elin. Allein kommt sie kaum mehr über die Runden. Als Hebamme hat sie keine regelmäßigen Einnahmen, auch die kunstvoll gestrickten Wollpullover und Socken, die sie in der Stadt verkauft, bringen nicht genügend Geld ein. Das karge, regelmäßige Einkommen muss sie sich mit Waschen und Bügeln verdienen. Sie wünscht sich mehr, vor allem für Elin. Nach der Schule ein Studium, vielleicht sogar im Ausland. Das alles ging ihr durch den Kopf, als Magnus Olafson ihr einen Heiratsantrag machte. Ein liebenswürdiger Mann, der sich in ihre roten Haare verliebt hat und der ihr und ihrem Kind ein Zuhause schenken möchte.

„Eine neue Schwester und ein Brüderchen?“ Elin tanzt vor Freude und hüpft von einem Bein auf das andere. „Oh ja und viele Tiere. Darf ich die alle streicheln?“

Die Mutter nickt und streicht ihr die widerspenstigen Löckchen aus dem verschwitzten Gesicht.

Elin hüpft zurück zu ihrer Puppe. „Ich bekomm ein Brüderchen. Ich bekomm ein Schwesterchen“, singt sie.

Steinunn ist beruhigt. Ihr kleines Sonnenkind wird sich sicher sehr schnell in die neue Familie einfügen.

Staunend steht die kleine Elin neben ihrer Mutter vor ihrem neuen Zuhause. Es ist so groß, dass ihr kleines Holzhaus viermal hineinpassen würde. Verzagt greift sie nach der Hand ihrer Mutter. Gemeinsam treten sie durch die Holztür.

Vor dem neuen Vater ist ihr ein bisschen bange. Er ist groß und lacht laut. Aber er ist nett, kneift sie in die Wange und streicht ihr über das rote Köpfchen. Elin ist in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, daher muss sie sich erst an den großen Mann gewöhnen. Sie vermisst die Oma, die vor einem Jahr gestorben ist und die mit Mama und ihr in dem schiefen Haus wohnte. Aber sie hat der Mama versprochen, eine brave Tochter zu sein und alle im Haus liebzuhaben und das möchte sie auch.

Die erste Begegnung findet in der Küche statt. Magnus öffnet die Tür und lässt die beiden eintreten.

Um einen großen Holztisch sitzen die Knechte und die Magd, die sich sogleich erheben und mit neugierigen Blicken die neue Frau und das kleine Mädchen mustern. Sie haben sie vor einem Jahr schon einmal gesehen, als Steinunn als Hebamme der verstorbenen Bäuerin beistand. Dass sie jetzt allerdings als Hausfrau hier einzieht, ist für alle ein wenig fragwürdig. Dazu das fremdartige Aussehen. Beide diese leuchtend roten Haare, die grünen Augen und die zarten Gesichter. Elfenfrau und Trollenkind hat die alte Saga gesagt und die muss es ja wissen.

Elin spürt kein Wohlwollen, keine Wärme, als sie brav ihren Knicks vor der alten Frau macht, die vor dem Herdfeuer sitzt. Auch die jüngere Frau, die am Herd steht und sich langsam umdreht, hat kein Lächeln übrig. Elin weicht erschrocken zurück und versteckt sich hinter dem Rock der Mutter. „Ich will zum Brüderchen und zum Schwesterchen“, bettelt sie leise und versucht, ihre Mutter aus dieser eisigen Atmosphäre zu ziehen.

Da öffnet sich die Tür und Magnus schiebt ein Mädchen in den Raum. Elin linst neugierig hinter dem Rücken der Mutter vor. Das muss die neue Schwester sein. Ein offenes Lächeln überzieht ihr kleines Gesicht.

„Schau Kristin, das ist Elin, deine neue Schwester und das ist deine neue Mutter.“

Das Mädchen wirft ihnen einen bösen Blick zu. „Ich will keine neue Mutter und keine neue Schwester“, ruft sie, dreht sich um und stürmt mit lauten Schritten die Treppe hinauf.

Elin, die ein paar Schritte auf das Mädchen zugegangen ist, greift schnell wieder nach der Hand der Mutter und steckt den Kopf in ihren Rock. Unsichtbar werden, nicht mehr hier sein, das wünscht sie sich und kämpft mit den Tränen. Auf Elins Sonnenwesen legen sich erste Schatten.

Elin fährt sich über die Augen. Wie lebendig und überaus deutlich die Bilder der Vergangenheit waren.

Michael blickt gedankenverloren in die Flammen.

„Können wir morgen weiterreden?“, fragt sie leise. „Ich fühle mich so unendlich müde.“

Michael steht auf und setzt sich vor Elin auf den Teppich. „Es tut mir leid, dass ich so aufgebracht war. Doch ich trage die Enttäuschung schon so lange mit mir herum. Jetzt hat sie sich halt einen Ausgang gesucht. Vielleicht ist es auch gut so, denn jetzt können wir endlich alles Trennende aus dem Weg räumen.“ Er berührt leicht ihre Hände. „Du bist ja ganz heiß. Hast du Fieber?“ Er fühlt ihre Stirn. „Du hast tatsächlich Fieber.“

„Liebst du mich noch?“, fragt sie leise. Ihre Augen sind riesengroß und dunkel.

„Natürlich, was denkst du denn“, erwidert er betroffen über die Verzweiflung, die mitschwingt.

„Dann ist es ja gut.“ Sie schließt die Augen. Michael trägt sie die Treppe hinauf, legt sie behutsam aufs Bett und deckt sie zu.

Draußen tobt der Sturm um das kleine Holzhaus. Drückt und presst sich mit sirrendem Geheul dagegen. Er rüttelt an den Fensterläden, als wolle er hereinkommen, um ihr das mühsam aufgebaute Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu rauben. Elin kauert sich tiefer in den breiten Ohrensessel und zieht sich die Wolldecke bis ans Kinn.

Sie ist ihnen ausgeliefert. Sie kann nichts anderes tun, als zu warten. Sie werden kommen, das spürte sie bereits am Morgen, als der Schnee mit harmlosen Flocken das karge, braune Vulkanland mit einem funkelnden, weißen Teppich bedeckte.

Plötzlich flackert das kleine Gaslicht, gebärdet sich in seinem Glasgehäuse wie wild, zuckt noch ein paarmal wie im Todeskampf, dann gibt es auf und erlischt. Dunkelheit erfüllt den kleinen Raum. Elin schreit leise auf, doch sie bleibt wie gelähmt sitzen und harrt der Dinge, die nun kommen, zwangsläufig kommen müssen.

Der Wind nimmt an Kraft zu, drückt so stark gegen den dünnen Holzladen, dass dieser mit Ächzen und Knarzen nachgibt und bricht. Holzteile bohren sich durch das Fenster. Glas klirrt und gibt den Weg frei für die eisigen Böen mit ihrer Schneelast.

In kürzester Zeit sind der braune Holzfußboden und der runde, fadenscheinige Teppich von einer Puderzuckerschicht bestäubt.

Das Herdfeuer gibt nun auch den Kampf auf. Kälte breitet sich aus, kriecht unter Elins Wolldecke, hüllt sie ein.

Plötzlich liegt ein Singen in der Luft. Hohe Töne, schrill schwingend, dringen durch das offene Fenster zu ihr herein.

Elin zieht die Beine auf den Sessel und stülpt sich die Decke über den Kopf.

Die Elfen aus Hafnarfjördur. Jetzt ist die Zeit der Abrechnung gekommen!

Elin schreit gellend auf.

Michael fährt aus dem Schlaf hoch, tastet nach der Lampe und knipst das Licht an.

Neben ihm wirft sich Elin von einer Seite auf die andere. Ihre Hände schlagen auf die Bettdecke, deren untere Hälfte bereits auf dem Boden liegt. Ihr rotes Haar klebt feucht an der schweißnassen Stirn und den Schläfen.

„Elin, wach auf!“ Michael schüttelt sie behutsam. Wie heiß sie ist. „Elin, komm schon. Schatz wach auf!“ Er schüttelt sie noch einmal. Endlich schlägt sie die Augen auf. Sie hat Mühe, ihren unsteten Blick auf ihren Mann zu richten.

Michael reicht ihr ein Glas Wasser und kühlt ihre heiße Stirn mit einem kalten Waschlappen. Besorgt schaut er sie an. „Elin, es ist alles gut. Du hattest nur einen bösen Traum.“ Er streicht ihr eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht.

Elin blickt ihn an, möchte etwas sagen, doch dazu fehlt ihr die Kraft. Kurz darauf fällt sie wieder in einen unruhigen Schlaf.

Michael löscht seufzend das Licht. Die Reise in die Vergangenheit wird nicht einfach werden.

KAPITEL 10

Julia

Julia wird vom Rauschen des Regens geweckt. Der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes. Tiefhängende, graue Wolken, die den Himmel bedecken und sich bis zum Horizont ausdehnen.

Ein eigenartiges Land. So karg und naturgewaltig. Wie ihre Mutter hier wohl gelebt hat? Ob Island ihre Heimat werden könnte? Bis jetzt hat sie ihr wahres Zuhause noch nicht gefunden. Ein Job nach dem anderen, von einer Stadt in die nächste. Nirgends hält sie es lange aus. Dasselbe mit ihren Beziehungen. Julia seufzt unwillkürlich auf. Der Tag der Trennung von Rainer schiebt sich in ihr Gedächtnis.

Sie war gerade dabei, ihre Sachen in die Reisetasche zu stopfen, als sie eine Bewegung an der Schlafzimmertür wahrnahm. Rainer schien sie bereits seit einer Weile zu beobachten. Sie hatte ihn nicht kommen hören, dachte er sei noch unterwegs.

„Du gehst tatsächlich?“, fragte er. Seine Stimme klang traurig. „Warum nur? Ich verstehe es nicht. Wir hatten es doch schön miteinander. Habe ich irgendwas falsch gemacht?“

Sie schüttelte den Kopf. Der Grund lag nicht bei ihm, sondern bei ihr. Aber wie hätte sie ihm die plötzlich auftretende Unruhe, die sie jedes Mal nach einer Weile erfasste und immer wieder zum Weitergehen zwang, erklären sollen. Sie verstand es ja selbst nicht.

Sie war vor zwei Jahren nach Zürich gezogen. Hatte eine kleine, einfache Wohnung bezogen und einen neuen Job als Bauzeichnerin in einem renommierten Architekturbüro angenommen. Dieses Mal würde sie bleiben, schwor sie sich. Jetzt war endlich die Zeit gekommen, sich niederzulassen. Ein paar Wochen später lernte sie in einer Jazzkneipe Rainer kennen. Er war fünf Jahre älter als sie, ledig und auf der Suche nach einer festen Beziehung. Es hatte noch am selben Abend zwischen ihnen gefunkt. Sie war glücklich mit ihm, bis Rainer vor vier Wochen anfing, von Heirat und Kindern zu sprechen und ihr einen hochkarätigen Verlobungsring an den Finger steckte. Zuerst freute sie sich, doch es dauerte keine zwei Tage, da wurde sie wieder von dieser diffusen Unruhe erfasst. Sie konnte nicht bleiben, musste fort.

„Was willst du denn noch mehr?“, wollte ihre Mutter wissen und schüttelte den Kopf, nichtverstehend, warum Julia zögerte, den Antrag anzunehmen. „Ihr seid jetzt seit bald zwei Jahren zusammen, da weiß man doch, ob man sich liebt und zusammengehört.“

Julia wusste es jedoch nicht, das heißt, sie war sich zu diesem Zeitpunkt sicher, dass es für sie höchste Zeit wurde, weiterzuziehen.

Sie kündigte ihren Job, packte ihre Siebensachen in drei große Reisetaschen und fünf Kartons und flüchtete an den Bodensee. Ihr Vater besorgte ihr eine möblierte Zweizimmerwohnung im Dachgeschoss eines Dreifamilienhauses und bot ihr einen Job in seinem Architekturbüro an.

Julia spürt bei dem Gedanken an den Job und die neue Wohnung einen Druck auf der Brust. Sie kann sich nicht vorstellen, im Büro ihres Vaters zu arbeiten und die kleine Wohnung beengt sie. Es muss etwas anderes kommen. Es muss einfach!

Julia zwirbelt an ihrem Zopf. Warum fällt es ihr nur so schwer, endlich sesshaft zu werden? Eine gemütliche Wohnung mit eigenen Möbeln. Warum ist sie immer auf dem Sprung?

Sie schluckt und wischt sich die Tränen aus den Augen. Wovor laufe ich denn immer weg?

Als ihr Blick erneut auf den Wecker fällt, stellt sie mit Erschrecken fest, dass die Frühstückszeit fast vorbei ist. Sie hat zu viel Zeit mit Grübeln verbracht.

Nach einer erfrischenden Dusche, die die restlichen, schweren Gedanken mit in den Abfluss spült, fühlt sie sich für den heutigen Tag gewappnet.

Der Speisesaal ist fast leer. Krümel auf der Tischdecke und benutztes Geschirr zeugen davon, dass ihre Sitznachbarn bereits mit dem Frühstück fertig sind. Hastig kippt Julia ihren Kaffee hinunter, schnappt zwei Brötchen und steckt sie in den Rucksack.

Kurz darauf sitzt sie im Bus, der vor dem Hotel auf die Gruppe wartet und sie nach Pingvellir bringt.

Julias Blick schweift über begrünte Berghänge, die manchmal sanft, fast fließend die Ebene berühren, dann wieder schroff auseinanderklaffen und den Weg freigeben für glasklare Wasserfälle.

Ein starker Wind peitscht den Regen an die Busscheiben. Die Aussicht bald auszusteigen, ist nicht beflügelnd. Julia würde am liebsten sitzen bleiben und vom Bus aus die Landschaft betrachten.

Doch als der Bus hält, hüllt sie sich in ihre Regenkleidung und macht sich tapfer auf den Weg, der gesäumt von bizarren Lavafelsen trotz der Nässe sehr reizvoll ist. Nach und nach lichtet sich der dichte Regenvorhang, die Tropfen werden weniger, bis nur noch ein leichter Niesel vom Wind über das weite, grüne Tal von Pingvellir getragen wird.

„Ist das nicht traumhaft?“, fragt Lisa.

Julia nickt und lässt ihren Blick über das Land wandern. Moos, Gräser, dazwischen gelbe und pinkfarbene Blütenköpfe, die sich im Windtanz hin und her biegen. Dazwischen schroff aufgetürmte Felsbrocken und ein Fluss, der sich durch das Tal schlängelt. Mitten im Grün und im Lavagestein eine Ansammlung weißer Häuser inmitten einer Gruppe von Bäumen. Julia erinnert das Bild an eine Oase in der Wüste. Ein bisschen Zivilisation inmitten mächtiger Natur.

„Schau mal da drüben. Dieser Lavahügel sieht aus wie eine Elfenburg“, stellt Lisa fest und zeigt auf eine aufgetürmte Steinformation.

Julia fährt ein kalter Schauer über den Rücken, als sie die rauen, kantigen Steinhügel betrachtet. Ob man die Elfen spüren kann, fragt sie sich. Sie lässt ihre Hand vorsichtig über die Steine gleiten. Kalt, hart, glitschig, mit weißen Flechten und feuchtem Moos bewachsen. Plötzlich meint sie, Wärme und ein sanftes Streicheln zu spüren. Erschrocken zieht sie die Hand weg, tritt hastig zurück, stolpert über einen Felsbrocken und landet unsanft auf ihrem Hinterteil.

„Julia, hast du dir weh getan?“ Lisa stürzt zu ihr, auch die Reiseleiterin nähert sich mit besorgtem Blick.

„Nein, nein. Es ist nichts passiert“, murmelt Julia und ergreift Lisas Hand, um sich aufhelfen zu lassen. Ärgerlich wischt sie über ihre Jeans und kämpft mit dem Regencape, das wie ein aufgeblähtes Segel um sie herumflattert und ihr die Sicht raubt.

„Deine Hose ist nicht dreckig, nur ein bisschen feucht.“ Lisa hilft ihr, das Plastikungetüm zu bändigen, indem sie es auf beiden Seiten mit Klammern an Julias Anorak befestigt.

Als sie weitergehen, riskiert Julia einen kurzen Blick zurück. War die Berührung echt oder nur ein Spiel ihrer Fantasie?

Plötzlich kommt ihr der Traum wieder in den Sinn. Ob das tatsächlich Elfen waren? Aber wie würde das zusammenpassen? Einmal diese Ablehnung und jetzt diese fast zärtliche Berührung? Ihr Herz schlägt unruhig. Schnell schiebt sie die Gedanken zur Seite. Weg mit diesen Fantasiegebilden.

„Die Isländer nennen sie die Unsichtbaren“, erklärt Lisa und schießt ein Foto von Julia, die mit weit geöffneten Augen in die Ferne blickt. „He Julia, wach auf!“

Kurz darauf bringt sie der Bus zum Gullfoss.

Der goldene Wasserfall. Julia erklimmt vorsichtig die glitschigen Felsen und blickt von der Aussichtsplattform in das weiße, laut rauschende und mächtige Getöse. Der Wind treibt weiße Gischtwolken über die Felsen nach oben, durchsichtige Wassergeister, die sich nach einem kurzen Tanz in der Luft rasch auflösen. Ein immerwährender Kreislauf von Entstehen und Vergehen.

Julia starrt wie gebannt auf das Naturschauspiel.

„Es ist traumhaft“, ruft Lisa ihr zu. Julia schrickt aus ihrer Betrachtung und nickt fast andächtig.

Das nächste Ziel ist das Geysirgebiet im Tal Haukadalur. Als sie den Strockur erreichen, reihen sich Julia und Lisa in den Kreis wartender Touristen ein und starren wie alle anderen erwartungsvoll auf das blubbernde Wasserloch. Dann mit einem Mal eine heftige Eruption. Der Geysir schleudert seine zwanzig Meter hohe Wasser- und Dampfsäule zischend in den Himmel. Riesen mit weißen Kleidern recken sich in die Höhe.

Ein kurzer Spuk, der sich alle fünfzehn Minuten wiederholt.

Nach einem ereignisreichen Tag ist Julia froh, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu können. Lisas Einladung, einen Spaziergang zu unternehmen, schlägt sie aus. Sie ist noch zu erfüllt von den Tageseindrücken und möchte sie in Ruhe auf sich wirken lassen. Heute hat sie einen ersten, kleinen Einblick in das raue Wesen Islands bekommen.

Sie schiebt einen Sessel ans geöffnete Fenster und blickt in die strahlende Sonne. Nachts braucht man auf Island die Sonnenbrille. Das stimmt tatsächlich. Julia staunt, als ihr Blick auf den Wecker fällt. Dreiundzwanzig Uhr und immer noch so hell.

Wo ihre Mutter wohl aufgewachsen ist? Und wie sie hier gelebt hat? Fragen über Fragen gehen ihr durch den Kopf. Es wäre schön, wenn sie jetzt hier wäre, wenn sie mit ihr diese faszinierenden Eindrücke teilen könnte.

Lautes Klopfen reißt sie aus ihren Gedanken. Wer will denn jetzt noch was von mir, fragt sie sich erstaunt.

„Bist du noch wach?“, ertönt Lisas Stimme.

Was will die denn noch? Unwillig öffnet Julia die Tür einen kleinen Spalt.

„Entschuldige die Störung, aber ich muss dir unbedingt was zeigen.“ Sie wedelt mit einem Stück Papier vor Julias Nase herum.

Julia versucht, sich ihren Unmut nicht anmerken zu lassen.

„Schau mal, das hing am Hoteleingang.“ Sie reicht Julia das Blatt. Diese wirft einen gelangweilten Blick darauf und erstarrt.

„Das bist doch du. Oder irre ich mich?“ Lisa blickt ihr Gegenüber neugierig an.

Julia starrt auf das Bild. Ein altes Foto von ihrer Mutter. Die Ähnlichkeit ist enorm.

Darunter steht in englischer Sprache:

Wenn Sie die Tochter von Elin Olafson sind, dann melden Sie sich bitte bei uns. Ihre Verwandten würden sich sehr freuen, Sie zu treffen. Carl und Leifur Oleson, Hafnarfjördur.

Darunter zwei Handynummern.

Julia schießt die Hitze ins Gesicht. Ihr Herz klopft aufgeregt. Ihre Gedanken rasen mit Vollgas durch ihren Kopf. Es gibt also doch Verwandte!

„Und, bist du gemeint?“, fragt Lisa gespannt.

Julia nickt. „Danke, dass du es mir gezeigt hast. Dann gute Nacht.“ Julia schließt hastig die Tür hinter sich.

„Ja dann schlaf mal gut.“ Lisa klingt enttäuscht.

Die Begegnung in Reykjavik fällt ihr wieder ein. Ist sie eine Verwandte? Und wer sind Leifur und Carl?

Julia lässt sich aufs Bett fallen und kuschelt sich unter die Bettdecke. Ihr ist mit einem Mal kalt. Was soll sie tun? Eine dieser Telefonnummern anrufen? Und was dann?

Sie nimmt ihr Smartphone und ruft ihre Mutter an. Sie wird schließlich am besten wissen, was zu tun ist. Statt Elin tönt Michaels sanfte Stimme an ihr Ohr.

„Hallo Paps. Ich muss unbedingt Mam sprechen.“

„Ist was passiert?“, fragt Michael besorgt, „du klingst so aufgeregt.“

„Ja, stell dir vor, Mams Familie sucht mich mit einem Steckbrief“, sagt sie und versucht, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen.

„Wie bitte?“

„Irgendjemand hat mich wohl gesehen, meine Ähnlichkeit mit Mam festgestellt und nun haben sie einen Flyer mit einem Jugendbild von Mam an die Hoteltür gehängt und bitten, dass ich sie anrufe. Weißt du, ob sie Verwandte hat?“

„Ja, sie hat noch Geschwister und vielleicht lebt sogar ihre Mutter noch. Sie hat es mir gestern erzählt.“

Julia schluckt. „Also Tanten und eine Oma und sie hat sie einfach totgeschwiegen? Das ist schon ein dicker Hund! Ich möchte sie sprechen!“

„Das geht leider nicht. Sie hat Fieber und schläft schon.“

„Oh das tut mir leid. Ich wollte sie fragen, was ich jetzt machen soll.“

„Vielleicht ist es eine gute Gelegenheit, endlich deine Familie kennenzulernen und etwas über deinen leiblichen Vater zu erfahren. Lass dich von deinem Gefühl leiten, dann wirst du schon wissen, was für dich richtig ist.“

Julia legt das Handy auf den Nachttisch. Deine Familie, hat Michael gesagt. Das stimmt. Ihre Oma, ihre Tanten, vielleicht sogar Cousins und Cousinen. Je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr verspürt sie das Bedürfnis, sie endlich kennenzulernen.

Doch der böse Blick dieser Frau, vielleicht ihrer Tante, schiebt sich vor ihr inneres Auge. Was hat es damit auf sich? Steht sie vielleicht mit einem Mal im Mittelpunkt einer Familienfehde? Was ist damals geschehen? Warum hat ihre Mutter jeglichen Kontakt nach Island abgebrochen? Es müssen schwerwiegende Gründe sein, dass sie bis heute geschwiegen hat. Die Büchse der Pandora. Was verbirgt sich in ihr? Soll sie den Deckel heben?

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
272 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783961457090
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