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Susanne Wiesinger mit Jan Thies

Kulturkampf
im Klassenzimmer

Wie der Islam die Schulen verändert

Bericht einer Lehrerin


ISBN 978-3-200-05875-0

eISBN 978-3-200-05946-7

© Edition QVV, Wien 2018

Edition QVV ist ein Verlag der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH


Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Umschlaggestaltung und Satz: Sophie Gudenus

Grafiken: Caterina Krüger

Lektorat: Lucia Marjanović

Druck und Bindung: Neografia

Besuchen Sie uns im Internet: www.qvv.at und www.addendum.org

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

Warum ich nicht mehr schweigen kann

Wie sich der Unterricht verändert hat

Diktierte Moral

Islamischer Religionsunterricht

Kleidungspolizei

Gefangen in der Familie und im Glauben

Sprachlosigkeit

Zwangsverheiratung

Gewalt

Jugendamt

Stadtschulrat

Fortbildung

Lehrergewerkschaft

Was Lehrer brauchen

Nachwort

Zahlen, Daten, Fakten

Glossar

VORWORT

Susanne Wiesingers Bericht ist ein mutiger Beitrag, um die Öffentlichkeit auf Probleme aufmerksam zu machen, die sich täglich in österreichischen Schulen abspielen. Zwar werden Diskussionen um österreichische Bildungsthemen häufig sehr kontrovers geführt, wenn es um Lehrermangel, das Ausbleiben finanzieller Investitionen oder die finanzielle Ausstattung von Schulen geht, aber Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders in einer multikulturellen Welt werden oft ausgeklammert. Die Lehrerin Susanne Wiesinger bietet mit ihrem Buch einen Debattenbeitrag an, denn sie hat gemerkt, dass der Islam die Alltagswelt vieler muslimischer Schülerinnen und Schüler in Österreich sehr stark dominiert. In den Schulen herrscht ein Wertekonflikt, muslimische Schülerinnen und Schüler lehnen Werte wie z.B. die Gleichberechtigung der Geschlechter immer häufiger ab. Sie nehmen nicht am Schwimmunterricht oder an Theatervorstellungen teil, weil es angeblich gegen islamische Werte verstößt. Oftmals erschwert das nur gebrochen gesprochene Deutsch einen Dialog und eine Diskussion über diese Themen.

Entscheidend ist, wie wir als Gesellschaft mit diesen Problemen umgehen wollen. Werden sie verschwiegen und nehmen wir kulturelle Konflikte in den Schulen billigend in Kauf, dann lassen wir nicht nur Lehrpersonal damit im Stich, sondern vor allem Schülerinnen und Schüler und überhaupt ganze künftige Generationen.

Der Islam ist als Religion in den letzten Jahrzehnten zunehmend politisiert worden und wird von vielen Muslimen als eine normative Grundlage für Gesellschaften gesehen und gelebt. Insbesondere Menschen aus dem arabischen Raum haben oft für eine säkulare Staatsordnung kein Verständnis, weil sie es gewohnt sind, gesellschaftliche Normen aus dem Koran abzuleiten. Viele dieser politischen Normen des traditionell-konservativen Islam stehen aber in einem Konflikt zu unseren westlichen Werten wie Gleichberechtigung der Geschlechter oder Religionsfreiheit. Viele Muslime fühlen sich daher hin- und hergerissen zwischen dem Islam, der ihnen in den Moscheen vorgepredigt wird, und den gesellschaftlichen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Dabei müssen Islam und sogenannte westliche Werte nicht im Widerspruch zueinander stehen. Wenn man genau hinschaut, geht es nämlich um universelle Werte der modernen, offenen Zivilgesellschaft: Werte, die weltweit aus vielen Revolutionen, Reformen und Freiheitskämpfen hervorgegangen sind. Vor allem meinen wir das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit, wenn wir heute von sogenannten westlichen oder modernen Werten sprechen.

Wir müssen es schaffen, der nächsten Generation zu vermitteln, dass diese Werte unsere Gesellschaft in Europa zusammenhalten und hier seit vielen Jahrzehnten Frieden garantieren. Diese Werte, die auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention und den nationalen Verfassungen niedergeschrieben sind, müssen alle, die hier leben wollen, einhalten. Eine Gesellschaft ohne einen gemeinsamen Wertekonsens driftet zwangsläufig auseinander.

In dieser Wertedebatte dürfen wir die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen nicht alleine lassen. Dieses Thema betrifft uns als Gesellschaft. Susanne Wiesinger bietet mit ihrem Erfahrungsbericht einen guten Einstieg in eine Debatte, die schon lange überfällig ist. Sie beschreibt, was sie erlebt hat, und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, um den Herausforderungen in der Schule zu begegnen. Es ist ein mutiges Buch in einer Zeit, in der wir Mut sehr gut gebrauchen können.

Seyran Ateş, Berlin, August 2018

Seyran Ateş ist Rechtsanwältin und politische Aktivistin. Unter anderem setzt sie sich für die strafrechtliche Verfolgung von Zwangsehen ein. Ateş ist Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt. Seither erhält sie viele Morddrohungen und steht deshalb unter Polizeischutz.

EINLEITUNG

Mein erster Kontakt mit Susanne Wiesinger war im Februar 2018, telefonisch. Wir recherchierten für die Plattform Addendum zum Thema islamische Kindergärten, als wir den Hinweis bekamen, dass sich eine Lehrerin große Sorgen über den zunehmenden Einfluss des Islam an Wiener Schulen machte. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt primär den vorschulischen Bereich im Blick hatten, wollte ich mich mit Susanne Wiesinger unbedingt austauschen.

Bei unserem ersten Telefonat war sofort zu spüren, dass sie ihre Geschichte schon sehr lange mit sich herumtrug. Sie musste nicht nach Worten suchen. In Gedanken hatte sie alle Ereignisse und Entwicklungen, die sie beunruhigten, schon lange vorher beschrieben. Im Gespräch kamen sie alle nacheinander an die Oberfläche.

Sie erzählte mir in einer Mischung aus emotionaler Betroffenheit und sachlicher Analyse von Vorfällen mit muslimischen Schülern und der Machtlosigkeit der Lehrer im Umgang mit dem Islam. Vorsichtig und zurückhaltend, geradezu abtastend. Noch wusste sie nicht, ob sie mir trauen wollte oder konnte. Für sie stand viel auf dem Spiel. Nie zuvor hatte eine sozialdemokratische Lehrergewerkschafterin und langjährige Personalvertreterin die Probleme mit dem Islam in der Schule öffentlich ausgesprochen. Diese Vorsicht sollte uns in all unseren Gesprächen, die wir bis zur Veröffentlichung dieses Buches führten, begleiten. Bedenken hatte sie immer. Doch ihre Entscheidung stand fest: Sie konnte und wollte nicht mehr schweigen.

Ich wollte unbedingt mehr über Susanne Wiesinger und ihre Geschichte erfahren. Als TV-Journalist dachte ich sofort daran, ihre Erfahrungen filmisch festzuhalten. Wir einigten uns – nach vielen Anläufen – darauf, unseren Austausch in den nächsten Tagen vor der Kamera fortzusetzen. Voraussetzung war meine Zusicherung, nichts ohne ihre Zustimmung zu veröffentlichen. Diese Vereinbarung legte den Grundstein für unsere Zusammenarbeit. Sie gilt bis heute. Es war von Anfang an klar, dass Susanne Wiesinger die Deutungshoheit über ihre Geschichte behalten sollte. Ich half ihr lediglich, diese zu erzählen. Sie bestimmte stets den Zeitpunkt, den Inhalt und die Art und Weise der Veröffentlichung.

Unser erstes Interview dauerte fast fünf Stunden und wurde immer intensiver. Ich brauchte am Ende kaum noch Fragen stellen. Es war, als redete sie sich die Erfahrungen der letzten Jahre von der Seele, als durchlebte sie die jeweilige Situation noch einmal. Susanne Wiesingers Worte ließen mich schockiert zurück. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Probleme so viele Jahre lang einfach ignoriert worden waren.

Dass ihre Geschichte, die wir in mehreren Video-Interviews auf der Rechercheplattform addendum.org veröffentlichten, für Aufsehen sorgen würde, hatte ich vermutet. Dass sie international diskutiert und in Österreich eine so intensive Debatte über die Rolle des Islam im Klassenzimmer auslösen würde, hätte ich nicht geglaubt. Doch Susanne Wiesinger traf mit ihren ehrlichen Worten den Nerv der Zeit. Die Kritik aus der roten Lehrergewerkschaft und dem Stadtschulrat war entsprechend heftig. Gerechnet hatte Susanne Wiesinger damit, aber wohl nicht in dieser Art und Weise, schließlich hatte sie viele Jahre mit den Kollegen eng zusammengearbeitet und ihre Gedanken regelmäßig in Sitzungen und Gesprächen geäußert. Dass dies dort ignoriert oder verharmlost wurde, gab letztendlich den Ausschlag für den Schritt an die Öffentlichkeit.

Der Preis, den sie für diesen Schritt zahlt, ist hoch. Bis heute. Besonders auch im privaten Umfeld. Viele ihrer Bekannten, meist bürgerliche Linke, verstehen nicht, warum sie diese Kritik äußert. Linke Kreise werfen ihr vor, rechts und islamophob zu sein. Man meidet sie und möchte nicht einmal mehr über die unterschiedlichen Standpunkte diskutieren. Sie würde zu sehr polarisieren. Ihre früheren Gewerkschaftskollegen haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. Wenn es dann doch einmal zu einem Gespräch kommt, dann nur, um ihr mitzuteilen, sie solle sich nicht weiter zu Gewerkschaftsthemen oder dem Islam in der Schule äußern. Sie möge endlich still sein. Sie merke nicht, dass sie von Addendum manipuliert, instrumentalisiert und ausgenutzt werde.

Susanne Wiesinger ist überzeugt: Nur wenn wir die Probleme und Herausforderungen mit muslimischen Schülern anerkennen, können wir zu konstruktiven Lösungen kommen. Dass sie mit ihrer Wahrnehmung nicht allein ist, habe ich in den vielen Gesprächen mit anderen Lehrern erfahren. Viele bestätigten die angesprochenen Probleme im Klassenzimmer. Im Unterschied zu Susanne Wiesinger scheuen sie davor zurück, öffentlich zu sagen, was ist.

Dass ihr Vorstoß für sie persönlich Nachteile hat, ist ihr bewusst. Trotzdem steht sie zu allen ihren Aussagen. Seit wir einander kennen, hat sie nie etwas zurückgenommen, obwohl der moralistische Druck, der in den vergangenen Monaten auf sie ausgeübt worden ist, enorm war. Ihr Arbeitgeber, der Stadtschulrat, beobachtet jeden ihrer Schritte genau. Der Schutz der Lehrergewerkschaft ist weg. Es ist, als ob alle nur darauf warten würden, dass sie einen (dienstrechtlichen) Fehler macht.

Als Gewerkschafterin und Sozialdemokratin, so der Konsens, dürfe man über die Probleme mit muslimischen Schülern nicht so offen sprechen. Und wenn, dann auf keinen Fall mit einem Medium wie Addendum. Denn dieses werde von einem Milliardär finanziert, der, so der Vorwurf, nur das „rote“ Wien und die Gewerkschaft zerstören wolle. Man dürfe ihm und seinen Medien nicht trauen. Susanne Wiesinger tat – und tut – es trotz aller Warnungen dennoch.

Entstanden ist daraus schließlich dieses Buch. Es ist ihre ganz persönliche Geschichte, ihr Erfahrungsbericht aus über einem Vierteljahrhundert als Lehrerin und Gewerkschaftsfunktionärin und zuletzt als Personalvertreterin.

Das mediale Rampenlicht hat sie nie gesucht. Am liebsten wäre ihr gewesen, man hätte die Probleme mit dem Islam schulintern in den Griff bekommen. Auch wenn ihre Kritiker sich nicht davon abhalten lassen werden, weiter überwiegend über die Person Susanne Wiesinger zu diskutieren, wären wir als Gesellschaft gut beraten, den Blick in die zahlreichen Klassenzimmer unserer Brennpunktschulen zu richten. Denn dort entscheidet sich die Zukunft tausender muslimischer Schüler in Österreich. Wir sollten sie – und die anderen Lehrer – nicht noch länger enttäuschen.

Jan Thies, Wien, August 2018

WARUM ICH NICHT MEHR SCHWEIGEN KANN

Am 7. Jänner 2015 verübten zwei Islamisten einen Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Elf Menschen wurden dabei getötet. Weltweit gingen Menschen auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit den Opfern mit dem Spruch „Je suis Charlie“. Politiker aus aller Welt verurteilten den Anschlag.

Nicht so meine Schüler.

Viele meiner Schüler feierten die Attentäter wie Helden. Die Opfer spielten für sie keine Rolle. An diesem Tag wurde mir bewusst, wie stark der konservative bis fundamentalistische Islam unsere Schüler beeinflusst, wie sehr diese Religion die Gedanken der Kinder beherrscht. Ich erkannte, wie weit die Mehrheit in der Schule von den Werten, die wir Lehrer ihnen zu vermitteln versuchten, entfernt war.

Die Ursachen für diesen Terroranschlag waren für viele Schüler in der Politik Israels und der USA zu suchen – und besonders in der Beleidigung des Propheten Mohammed durch Karikaturisten. „Wer den Propheten beleidigt, hat den Tod verdient. Wir Muslime müssen uns gegen den Westen verteidigen. Niemand darf unseren Propheten lächerlich machen. Wir sind dadurch alle beleidigt und müssen die Ehre unseres Propheten verteidigen.“ Das waren nur einige von vielen Aussagen, die mich nachdenklich bis beunruhigt zurückließen.

Viele Mädchen haben geweint. Sie hatten Angst, dass ich sie jetzt nicht mehr mögen würde, weil sie Muslime sind. Die Jungen gingen mit der Situation vollkommen anders um: Sie waren wütend, gereizt und aggressiv. Doch je länger wir mit den Jugendlichen diskutierten und versuchten, auf sie einzuwirken, umso mehr stellten sie ihre islamistischen Sympathien und Theorien infrage. Zumindest für den Moment. Am Ende blieb meist die Vorstellung: Das waren keine Muslime wie wir. Denn wir tun so etwas nicht.

Dieses Erlebnis führte mich zu der Frage: Woher kommt die ablehnende und aggressive Haltung dieser Jugendlichen gegenüber unserer Gesellschaft? Eigentlich wollen diese Kinder ja zu uns gehören und die Freiheiten unseres westlichen Lebensstils genießen. Aber sie können nicht. Es gibt eine Kraft, die sie zurückhält, die stärker ist als alles andere: ihr muslimischer Glaube. Er kontrolliert und lenkt sie.

Ich konnte diese Vorfälle nicht mehr als bedauerliche Einzelfälle abtun. Es ging nicht mehr. In meiner Schule hatte sich etwas Grundlegendes verändert, und ich empfand ein wachsendes Unbehagen bei dem Gedanken, dass der Islam für viele Schüler das Wichtigste in ihrem Leben geworden war. Religiöse Gebote und Verbote beherrschten ihr Denken. Sie gehorchten ihrem Glauben. Alles andere musste sich unterordnen. Die Religion hatte unsere Schule im Griff. Das ging so weit, dass diese Schüler mit unserer Kultur nichts zu tun haben wollten, sie hassten und sie immer mehr auch aktiv bekämpfen wollten. So wie die Charlie-Hebdo-Terroristen, die genau deswegen von ihnen bewundert wurden.

Die Anschläge von Paris waren bei uns in der Schule noch sehr lange Thema. Im Lehrerzimmer diskutierten wir intensiv und emotional miteinander, besonders über die Reaktionen unserer Schüler. Sosehr alle über die ausdrücklichen Sympathiebekundungen entsetzt waren, wirklich überrascht war niemand. Die Veränderungen in den Jahren zuvor waren zu offensichtlich. Viele muslimische Schüler und deren Eltern hatten eine immer fundamentalistischere und radikalere Richtung eingeschlagen.

Viele meiner Kollegen hatten die Veränderung auch gespürt, wagten dennoch nicht offen darüber zu sprechen. Bis heute scheuen sich viele Lehrer, Kritik am Islam zu üben. Der Grund des Schweigens liegt in einer Verwechslung von Akzeptanz und Toleranz sowie der Sorge, als überfordert und islamophob diffamiert zu werden.

Dabei sind die Hinweise auf diesen religiösen Wandel nicht zu übersehen. Viele unserer Schüler entglitten uns zunehmend in die Welt des Glaubens. Wir konnten sie dorthin nicht begleiten. Zurückhalten konnten wir sie auch nicht. Die Gräben zwischen uns wurden größer, und wir kamen immer weniger zu ihnen durch. Jeder weitere islamistische Terroranschlag erhärtete den Verdacht: Immer mehr muslimische Schüler haben Verständnis für diese Gräueltaten. Die Sympathien für die Attentäter sind stärker als das Mitleid mit den Opfern.

Lehrer und Schüler leben in zwei völlig verschiedenen Welten, die nicht miteinander vereinbar sind. Und wir Lehrer haben das akzeptiert. Was bleibt uns anderes übrig? Wir haben nicht mehr die Kraft, gegen dieses religiöse Gedankengut unserer Schüler anzukämpfen. Es ist zu stark. Wir sind zu schwach.

Der Stadtschulrat (SSR) für Wien machte sich offenbar zum Zeitpunkt der Pariser Anschläge noch keine großen Sorgen über die Radikalisierung junger Muslime in Österreich. Frankreich sei ein anderes Land mit einer anderen Geschichte und zum Glück nicht einmal ein Nachbarland Österreichs. Bei uns schien, zumindest für den SSR und die Wiener Stadtpolitik, Integration zu funktionieren. Natürlich gab es Beispiele gelungener Integration. Man konzentrierte sich allerdings nur auf diese und übersah dabei die immer größer werdenden Brennpunkte. Als Sozialdemokratin war auch ich jahrelang davon überzeugt gewesen, dass Integration in jedem Fall gelingen müsste. Es braucht nur genügend Ressourcen und die Akzeptanz der österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Diese Einschätzung teile ich heute nicht mehr. Schon damals sprach ich meinen Dienstgeber und die Lehrergewerkschaft auf das Thema „Politischer Islam in der Schule“ an. Bei beiden stieß ich über Jahre auf Unverständnis und Desinteresse. Oft auch auf Kritik und Ablehnung.

Nachdem sich die Anschläge in Europa, wie auch die Vorfälle mit radikalisierten Jugendlichen an Schulen gehäuft hatten, fanden dann schließlich doch einige Veranstaltungen zur Deradikalisierung an Schulen statt. Ich war mit keiner wirklich zufrieden. Die vortragenden Referenten vermittelten mir stets den Eindruck, das Problem nicht verstanden zu haben: „Ändert euch und akzeptiert die Welt, in der eure Schüler leben, wie sie ist. Dann wird Integration gelingen.“ Eine realitätsfernere und naivere Meinung konnte man nicht haben. Ich sollte akzeptieren, dass diese Jugendlichen die religiösen Gesetze unseren weltlichen vorziehen? Ich sollte mich damit abfinden, dass Mädchen nicht schwimmen gehen dürfen und mit Einsetzen ihrer Periode in einer Moschee nach einem passenden Ehemann gesucht wird? Ich sollte zusehen, wie muslimischen Schülern unser kulturelles Leben vorenthalten wird, weil es in den Augen ihrer Eltern harām (religiös verboten) ist?

Einwände vonseiten der Lehrer, die Probleme bei der Integration könnten auch an den Familien und muslimischen Communitys liegen, wurden mit der moralischen Überlegenheit der Vortragenden weggewischt. „Lehrer müssen mehr Selbstreflexion betreiben. Die Türken sind ein stolzes Volk. Das Fasten im Ramadan ist wichtig für Muslime.“ Derartige Aussagen veranlassten mich, bei den Deradikalisierungs-Experten in unseren Seminaren nicht unbedingt Verständnis zu erwarten. Also versuchte ich mein Glück im privaten Umfeld.

Doch auch meine Freunde und Bekannten, allesamt bürgerliche Linke, zeigten wenig Interesse an diesen Entwicklungen. Sie wollten nicht glauben, was ich ihnen erzählte. Ich versuchte in einigen Gesprächen zu erklären, dass muslimische Schüler nicht nur im Internet, sondern sehr wohl auch in ihren konservativen Moscheen und Verbänden bei uns in Österreich radikalisiert werden. Diese Gespräche über Integrationsprobleme führten meist zu Vergleichen mit der katholischen Kirche oder zu positiven Berichten über Reisen durch muslimische Länder, natürlich aus der Jugendzeit. Der beste Beweis für gelungene Integration war dann letztendlich der Brunnenmarkt in Wien, ein türkischer Straßenmarkt, wo man so schön Kaffee trinken und billig einkaufen kann. Angesichts dieser Ignoranz zog ich mich auch im privaten Umfeld immer weiter zurück. Bis heute ist es mir unverständlich, warum Linke den konservativen Islam verteidigen. Jahrelang haben dieselben Linken die katholische Kirche – zu Recht – kritisiert und ihre Anhänger abfällig als „Kerzlschlucker“ bezeichnet.

Als Ansprechpartner für meine Schulprobleme blieben nur noch Familienmitglieder und engste Freunde. Am nächsten waren mir aber immer meine Lehrerkollegen. Nur sie verstanden, was wirklich an Brennpunktschulen passiert. Nur sie bekamen mit, unter welchem furchtbaren Druck viele unserer muslimischen Schüler stehen und wie zerrissen sie sind. Nur mit meinen Kollegen konnte ich auch die schlimmsten Ereignisse besprechen; manchmal zynisch und desillusioniert. Lange Zeit hielt ich mich an die Vorgabe des Dienstgebers und sprach in der Öffentlichkeit nicht über die Probleme an Wiener Schulen. Die Amtsverschwiegenheit schob ich ehrlich gesagt nur vor. Der Hauptgrund war die Sorge, in die Nähe von rechtskonservativen Parteien gerückt zu werden. Einerseits entspricht das nicht meiner politischen Haltung. Andererseits könnte das zusätzliche Isolation im beruflichen wie im privaten Leben bedeuten. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Also schwieg auch ich lange Zeit.

Mein gesamtes Erwachsenenleben stand ich dem linken Rand der Sozialdemokratie nahe. Ich empfand die Aussicht, in die Nähe einer rechten Partei gerückt zu werden, als bedrohlich. Und so besprach ich Probleme nur mehr mit Kollegen, die mit ähnlichen Situationen an ihren Schulen konfrontiert waren. Wir diskutierten zum Beispiel die Motivation von Schülern, Wildschweine zu quälen und zu töten und die verharmlosende Reaktion ihrer Eltern. Wir unterhielten uns darüber, warum unsere Schüler den Ehrenmord an einer afghanischen Schülerin verteidigten, und warum Mädchen meinten, ihre Familie müsste sie töten, wenn sie einen Christen heiraten. Natürlich suchte ich in vielen Fällen auch das Gespräch mit meinem Dienstgeber. Leider nur mit geringem Erfolg. Dies machte die Arbeit mit vielen unserer Schüler nicht unbedingt einfacher.

Als ÖVP und FPÖ im Dezember 2017 an die Regierung kamen, wurde der Druck des Stadtschulrats, der Gewerkschaft, und auch der moralische Druck des privaten Umfelds, nicht über Integrationsprobleme – schon gar nicht von Flüchtlingskindern – zu sprechen, noch einmal erhöht. Meine Frustration darüber war, ehrlich gesagt, manchmal größer als jene über die neue Regierung.

Anfang Jänner 2018 ging ich zur Abschlusskundgebung der großen Demonstration gegen die neue türkis-blaue Regierung auf dem Heldenplatz in Wien. Als Sozialdemokratin kritisierte ich den geplanten Abbau im Sozialsystem, das war meine Hauptmotivation hinzugehen. Ich lauschte einer Rednerin, die uns Demonstranten aufforderte, unsere Körper schützend vor alle Moscheen zu werfen. Tosender Applaus um mich herum! Frauen mit netten Transparenten riefen spontan: „Wir werden Kopftuch tragen!“

Ich war in diesem Moment wie erstarrt und fühlte mich wirklich einsam. Ich musste die Demo fluchtartig verlassen. Natürlich darf kein Mensch aufgrund seiner Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. Meine Gedanken waren aber auch: Würden diese jubelnden Demonstrantinnen ihre Körper auch vor Moscheen werfen, mit deren Hilfe meinen Schülerinnen ein Ehemann vermittelt wird? Werfen sie den Körper auch vor jene Moscheen, die den Koran über unsere Verfassung stellen, die unsere Jugendlichen daran hindern, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren? Wirft eigentlich irgendjemand von diesen aufgeklärten und toleranten Linken seinen Körper vor ein Mädchen, dem mit Mord gedroht wird, wenn es aus starren patriarchalen Familienverhältnissen ausbrechen will?

Die Ignoranz der Sozialdemokraten in meinem beruflichen Umfeld gegenüber Problemen mit muslimischen Schülern sehe ich rein pragmatisch: Sie wollen wiedergewählt werden und ihre Posten behalten. Deswegen darf es kein Problem geben, für das sie verantwortlich gemacht werden können. Die Ignoranz im privaten Bereich ist dagegen von romantischen Vorstellungen geprägt: Links ist gut, Rechts ist böse. Und wir Linken sind die Retter der Unterdrückten. Hinterfragen ist oft schon zu mühsam. Das Leben soll einfach und schön sein. Beides erhöhte den Druck in mir, über die wirklichen Probleme muslimischer Schüler zu sprechen. Denn für mich gehören sie zu uns, und darum muss sich eine Mehrheitsgesellschaft ihrer Probleme annehmen. Ich bin heute davon überzeugt: Was den betroffenen Kindern und Jugendlichen am meisten schadet, sind falsche Toleranz und Stillschweigetaktik gegenüber dem radikal-konservativen Islam.

WIE SICH DER UNTERRICHT VERÄNDERT HAT

Die Schule war einst ein geschützter Raum. Sie war der Ort, an dem Kinder und Jugendliche unterschiedliche Kulturen kennenlernten und sich ziemlich unbeschwert bewegen konnten. Diese Zeiten sind an vielen Schulen vorbei. Endgültig. Das Klassenzimmer ist zu einer Konfliktzone geworden. Immer mehr Schulen gelten aufgrund des prekären sozialen Milieus als Brennpunktschulen. In Favoriten, dem 10. Wiener Gemeindebezirk, gibt es mittlerweile fast nur noch Brennpunktschulen. Dort zeigt sich, wie Integration nicht funktioniert, warum Multikulti scheitert und welche soziale Sprengkraft dieses Versagen birgt.

Wir Lehrer kennen die Gefahren. Denn wir erleben die kulturellen und religiösen Spannungen tagtäglich in der Schule. Wir sind keine Lehrer mehr, wir sind Sozialarbeiter. Lehrer in Brennpunktschulen unterrichten kaum noch. Wir schlichten und verhindern Konflikte. Viele Fähigkeiten und Kompetenzen wie Lesen und Schreiben, die wir lange Zeit für selbstverständlich gehalten haben, sind es nun nicht mehr. Viele Inhalte, die wir noch vor zehn bis 15 Jahren unterrichtet haben, sind aus dem Klassenzimmer so gut wie verschwunden. Der Lehrplan ist für uns zu einer leeren Hülle verkommen. In Schulen mit diesen Problemen kann ihn kaum ein Lehrer erfüllen.

Ich halte viele der islamischen Gebote, Vorschriften und Vorstellungen für archaisch und mit unserer Lebensweise nicht vereinbar. Vom Gegenteil lassen sich kaum noch muslimische Schüler überzeugen. Daher versuche ich dieses Gedankengut, so gut es geht, aus dem Klassenzimmer herauszuhalten. Manchmal ist das nur noch mit militärischer Strenge möglich. Anders lassen sich diese Tendenzen nicht mehr unterdrücken. So wie mir geht es vielen Lehrern an Brennpunktschulen. Wir wollen in der Schule einfach nur in Ruhe unterrichten. Gelingen tut uns das kaum. Unser Problem ist: Die muslimischen Schüler mit einem streng konservativen bis fundamentalistischen Gedankengut bilden mittlerweile die absolute Mehrheit. Wie soll man in einer Klasse mit 25 Schülern 21 Kinder sprachlich und kulturell in unsere Gesellschaft integrieren? Das überfordert jede Lehrkraft. Das kann keiner schaffen. Wohin sollen wir sie auch integrieren? Wir Lehrerinnen sind die Einzigen der österreichischen Mehrheitsgesellschaft, die sie kennen.

Die Folgen dieser homogenen und sehr konservativen muslimischen Schülerschaft sind in den Schulen deutlich zu spüren. Mit normalem Unterricht hat das, was wir dort anbieten können, kaum noch etwas zu tun. Ob Biologie, Deutsch, Musik, Zeichnen, Turnen, Schwimmen oder Geschichte: Die islamischen Gebote und Verbote, gepaart mit desolaten Deutschkenntnissen, haben den Lehrplan für Volks- und Mittelschulen, die mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind, de facto abgeschafft.

Am schlimmsten ist es im Ramadan. Der Fastenmonat bringt Schüler und Lehrer in Schulen mit überwiegend muslimischen Kindern an die Grenzen der Belastbarkeit: körperlich, psychisch und emotional. Fällt der Ramadan nicht in die Ferienzeit, herrscht im Klassenzimmer wochenlang Ausnahmezustand – gesundheitlich. Es ist entsetzlich. Mädchen und Jungen sitzen teilnahmslos in der Klasse. Viele kollabieren. Sie trinken nicht, essen nicht und sind aufgrund des nächtlichen Betens ständig übermüdet. Ich versuche es jedes Jahr aufs Neue wieder: „Bitte trinkt doch wenigstens einen Schluck. Wenn man arbeitet, muss man das Fasten nicht so streng einhalten. Muslimische Fußballer machen das doch auch nicht so rigoros.“ – „Na, Fußballer sind eh keine richtigen Muslime“, kommt mittlerweile prompt die Antwort. Früher waren Fußballer noch die absoluten Stars. Sie waren für viele Schüler Vorbilder. Heute sind sie es nicht mehr, weil sie keine guten Muslime sind.

Das strenge Fasten beginnt für viele schon im Volksschulalter. Dass wir das in öffentlichen Schulen tolerieren, halte ich für unverantwortlich. Es verletzt die Fürsorgepflicht, die wir für diese Kinder haben. Wenn man schon ein Kopftuchverbot für Kindergarten- und Volksschulkinder plant, dann sollten wir auch über eine Einschränkung des Fastens bei Kindern zwischen sechs und 14 Jahren nachdenken. Nicht nur einmal habe ich diese Gedanken während unserer interkulturellen Seminare geäußert. Die Reaktion war immer dieselbe: Das kann man nicht tun, das verbietet die Religionsfreiheit, das sei Diskriminierung. Die Empfehlung: Anstatt darüber nachzudenken, wie wir das Fasten in der Schule einschränken könnten, sollten wir uns besser überlegen, wie wir die Ramadan-Situation für unsere muslimischen Schüler angenehmer gestalten.

In Gesprächen versuchte man uns Lehrer zu begeistern, dass es doch eine gute Idee sei, wenn muslimische Schüler zu ihren Gebetszeiten die Klasse verlassen könnten. In einigen Schulen wurden diese Vorschläge bereits verwirklicht. Es gibt eigene Gebetsräume für muslimische Schüler. Wer diese religiösen Räumlichkeiten schafft, gilt in den Augen des Stadtschulrats und in linken Kreisen als besonders tolerant und verständnisvoll. Auf diese Anerkennung kann ich verzichten. Sie ist nämlich äußerst trügerisch. Muslimische Kinder sollen in der Schule nicht in irgendeinem umfunktionierten Arztzimmer kollektiv beten. Auch nicht im Ramadan. Ich möchte auch nicht, dass sie in den Pausen ihre Füße auf der Toilette waschen, um die rituelle Reinheit vor dem Gebet herzustellen. Wo soll das enden? Wann ist die Grenze unserer Offenheit erreicht? Ich halte es für sehr bedenklich, wenn der Islam in einer öffentlichen Schule so dominant und sichtbar auftritt. Keine Religion sollte so viel Raum einnehmen.

In meiner Schule gibt es noch keine eigenen Gebetsräume. Bei uns beten sie im Ramadan ihre Suren still im Klassenzimmer. Auch das finde ich nicht gut. In dieser Form hat der Glaube in der Schule nichts verloren. Es ist wirklich absurd. Weil wir es aus übertriebener religiöser Rücksichtnahme nicht wagen, von muslimischen Schülern in bestimmten Fragen Anpassung zu fordern, verändern wir uns.

Die für die jeweilige Klassenstufe vorgesehenen Schulbücher können oft nicht mehr verwendet werden. Viele Kinder haben einen zu geringen Wortschatz und sprechen zu schlecht Deutsch. Die trivialsten Zusammenhänge werden nicht verstanden. Alles muss vereinfacht werden. Viele Inhalte werden aus religiösen Gründen verweigert. Die Kombination von sprachlicher Überforderung und inhaltlicher Ablehnung ist der Super-GAU für jeden Lehrer.

Seit vielen Jahren unterrichte ich Deutsch und seit letztem Jahr auch Musik und Bildnerische Erziehung. Schon der Versuch, eine geeignete Klassenlektüre zu finden, wird von Jahr zu Jahr eine größere Herausforderung. Es ist ein Spagat zwischen Sprachproblem und Scharia. Die Ergebnisse sind frustrierend. Übrig bleiben am Ende nur Bücher, die eigentlich in der Volksschule gelesen werden. Alles über diesem Niveau können meine Schüler sprachlich nicht erfassen. Dazu kommt der „Islam-Filter“: Alle inhaltlichen Passagen, die aus Sicht meiner muslimischen Schüler harām, also nach der Scharia verboten sind, dürfen nicht gelesen werden. Und sie werden dann auch einfach nicht gelesen. Ich habe also die Wahl: Entweder nehme ich auf diese religiösen Befindlichkeiten Rücksicht, oder kaum jemand beginnt überhaupt, diese Bücher zu lesen. Es genügt, wenn die 17-jährige Schwester einer Hauptperson in einem Buch einen Freund hat. Sofort bricht die Diskussion los. „Das geht nicht! Wieso hat die einen Freund? Ich lese dieses Buch nicht, das geht gar nicht. Frau Wiesinger, die kann keinen Freund haben. Die ist nicht verheiratet. Das ist verboten.“ Natürlich erwidere ich dann, dass dieses Mädchen das sehr wohl darf. Dass es sogar ziemlich normal ist. Den Rest der Stunde sprechen wir daraufhin nicht mehr über die eigentliche Handlung des Buches, sondern darüber, wie es in Österreich und Europa üblich sein kann, mit 17 Jahren einen Freund zu haben, den nicht die Eltern für einen ausgesucht haben und den man auch nachher nicht heiraten muss.

Selbst muslimische Mädchen finden diese Verbote im Islam vollkommen in Ordnung und hinterfragen sie nicht. Dass für alle Menschen, die in Österreich leben, dieselben Gesetze gelten, auch für sie, überzeugt sie nicht. Sie beharren auf ihrer Position. Schließlich stehe es so im Koran. Obwohl diese Kinder in Österreich geboren sind und viele die österreichische Staatsbürgerschaft haben, steht für sie unmissverständlich fest: Muslime dürfen nur Muslime heiraten. Die Eltern müssen einverstanden sein. Viele Schüler lehnen unsere, in ihren Augen übertrieben freizügige, westliche Lebensweise komplett ab. Und das bereits im Alter von gerade einmal zehn Jahren.

Besonders schlimm ist es für Biologielehrer. Der Sexualkundeunterricht ist ein Albtraum. Er zeigt, wie groß der Einfluss des Islam bereits geworden ist. Immer mehr Schüler weigern sich, Biologiebücher mit nach Hause zu nehmen. Denn darin finden sich Bilder nackter Menschen, und das ist harām. Einige Schüler schneiden diese Abbildungen sogar heraus. Dass Sexualkunde zur Schulausbildung gehört und dass man wissen sollte, wie der menschliche Körper beschaffen ist, ist sehr vielen muslimischen Schülern und deren Eltern ziemlich egal. Es darf darüber nicht geredet werden. Bilder nackter Menschen sind tabu. Ihre Religion verbiete Sexualunterricht. Die Richtung ist klar: Wir hätten diese göttlichen Gebote zu akzeptieren und sollten diese Dinge nicht thematisieren. Sexualität wird als Bedrohung wahrgenommen, für Jungen und Mädchen. Sie wollen gar nicht aufgeklärt werden. Viele Lehrer beugen sich diesem religiösen Diktat. Wir müssen diese absurde Ablehnung tolerieren. Was sollen wir auch anderes machen? Es ist wirklich schrecklich.

Wir sind ohnmächtig. Und oft denke ich: Die haben gewonnen und wir haben verloren. In Wirklichkeit haben aber die Kinder verloren. Wenn ich beispielweise mit meinen Schülern darüber diskutiere, wie das Universum entstanden ist, merke ich, welchen Stellenwert Wissenschaft in strenggläubigen muslimischen Familien hat: nämlich gar keinen. Was zählt, steht im Koran. Alles andere wird stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen, ignoriert oder abgelehnt. Immer wieder kommen Lehrer erschöpft und aufgebracht ins Lehrerzimmer und knallen die Hefte auf den Tisch: „Ich scheiß jetzt drauf, mir ist das alles schon wurscht. Dann ist die Erde halt eine Scheibe!“ Es sind emotionale Ausbrüche der Verzweiflung. Wir wissen nicht mehr, wie wir zu unseren Schülern mit Inhalten durchkommen. Was ihrer Meinung nach im Widerspruch zum Koran steht, wird zurückgewiesen. Und diese Reaktionen nehmen zu. Ihr Glaube ist wie eine unüberwindbare Mauer, die täglich dicker und höher wird.

Sie ziehen sich in eine Welt zurück, aus der sie nicht mehr zu befreien sind. Es ist eine Welt, die sie zu willenlosen Kindern macht. Zu Abhängigen einer Religion, in der sie kein Gebot hinterfragen dürfen. Aus dieser Welt gibt es für sie kein Entkommen und für uns keinen Zugriff. Wie sollen sie zu reflektierten, aufgeweckten und neugierigen Jugendlichen werden? Ich weiß es nicht mehr. Unsere Möglichkeiten, als Lehrer etwas gegen diesen Wandel zu tun, sind äußerst begrenzt. Die Hilflosigkeit macht mich sehr oft sehr traurig.

In all den Jahren als Personalvertreterin in Wien-Favoriten, Österreichs größtem Schulbezirk, habe ich erlebt, dass es vielen Kollegen ähnlich geht. Sie gehen täglich an die Grenzen der Belastbarkeit, emotional, inhaltlich und persönlich. Lehrer an Brennpunktschulen arbeiten fünf Tage die Woche fast ausschließlich mit Muslimen im Klassenzimmer. Der Großteil der Schüler spricht kaum Deutsch, will eigentlich nichts lernen und hat kaum Hobbys oder Interessen. Dafür werden diese Schüler aber sehr schnell aggressiv und wütend, sobald etwas nicht mit dem Islam im Einklang zu sein scheint. Das Wichtigste ist der Glaube. Ich kann es nicht anders sagen: Diese Kinder sind Gefangene ihrer Religion. Vielen fehlt der Freiraum, sich zu entfalten, einmal herauszufinden, was etwas für sie ist und was nicht. Ohne religiösen Zwang. Ohne familiäre Bevormundung.

Die Mehrheit der muslimischen Kinder spielt stundenlang Playstation. Andere Dinge, die die Persönlichkeit und Individualität der Kinder positiv prägen würden, finden nicht statt. Zu Hause ist alles streng eingeteilt und reguliert. Aus diesem durch kulturelle Normen abgesteckten Rahmen können sie nicht ausbrechen. Wie sollen sie bei uns in der Schule frei und eigenständig arbeiten? Sie haben das nie gelernt. Und es ist wohl auch in der Schule zu viel verlangt. Lehrer können da nicht gegensteuern. Wir haben es sehr lang versucht. Jetzt passen wir uns dem Niveau dieser Schüler an. Auch wenn diese Kapitulation vor der islamischen Welt bei vielen großen Frust erzeugt.

Selbst beim Lehrplan kommen wir unseren Schülern immer weiter entgegen. Seit Jahren findet eine Nivellierung nach unten statt. Auf dem Papier gilt natürlich der offizielle Lehrplan. Nur umgesetzt wird er in vielen Brennpunktschulen kaum noch. Wir schummeln uns durch. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Lehrer, Direktoren und Bildungspolitiker sollten endlich die Tatsache anerkennen: Der offizielle Lehrplan ist an Schulen mit einem hohen Migrantenanteil nicht mehr einzuhalten. Er ist eine leere Hülle, Anspruch und Wirklichkeit klaffen zunehmend auseinander. Aus dem Graben ist eine unüberwindbare Schlucht geworden. In Schulen, die mit diesen gewaltigen Problemen zu kämpfen haben, ist Unterricht nach Plan nicht möglich. Nicht unter diesen Bedingungen. Nicht mit Schülern, die schlecht Deutsch sprechen. Und nicht mit Muslimen, die religiöse Vorschriften über Bildungsinhalte stellen.

Das Leistungsniveau war früher in mancher Sonderschule besser als heute in einigen Wiener Brennpunktschulen. Viele Schüler steigen trotzdem auf, ohne das nötige Wissen zu haben. Wir mogeln uns um ein „Nicht genügend“ sehr effektiv herum. Mit Notenwahrheit hat diese Leistungsbeurteilung nicht mehr viel zu tun. Es sollen so viele durchkommen wie möglich. Das ist auch schon in der Volksschule so. Würde man den Lehrplan strikt einhalten und korrekt benoten, würde mitunter die Hälfte der Klasse den Lehrstoff in mehreren Fächern nicht schaffen. Oft müsste die Hälfte aller Schüler die Klasse wiederholen. Eigentlich. In der Praxis läuft es anders. Würden wir ehrlich benoten, hätte die Stadt Wien nicht nur ein Schulplatzproblem, sondern ein gewaltiges Imageproblem. Das darf natürlich nicht sein. Also drücken wir beide Augen zu. Der Stadtschulrat und die Gewerkschaft tun alles dafür, dass die Öffentlichkeit die Wiener Schulsituation als Erfolgssystem wahrnimmt. Meinem Eindruck nach lautet das oberste Ziel: Wien muss gut dastehen. Dass das mit der Realität in unseren Schulen nicht mehr viel zu tun hat, interessiert die verantwortlichen Bildungspolitiker nicht.

Wer zu viele Schüler schlecht beurteilt, bekommt Probleme. Viele Direktoren signalisieren den Lehrern: Wenn die Leistungen der Schüler zu schlecht sind, dann musst du den Unterricht besser machen und dich mehr um die Kinder bemühen. Wer seine Schüler ehrlich – was oft heißt: negativ – benotet, der hat viel Arbeit. Direktoren wollen dann ganz genau wissen, warum man das „Nicht genügend“ gegeben hat. Alles muss akribisch belegt werden. Vor allem in der Volksschule wird genau geschaut, ob man genug gefördert hat, wie Förderplan und Fördermappe aussehen. Diesen zusätzlichen Stress der Dokumentation und der Auseinandersetzung mit dem Direktor möchte sich kaum noch ein Lehrer antun. Bevor sie persönlich angegriffen und infrage gestellt werden, weil sie möglicherweise nicht genug gefördert haben, nehmen viele Lehrer es mit der Notenwahrheit lieber nicht so genau und geben einen Vierer – wenn auch mit schlechtem Gewissen. Gerade bei Volksschullehrerinnen, die allein für 25 Kinder zuständig sind, ist dieses Verhalten nur allzu gut nachzuvollziehen. Man wird sehr subtil unter Druck gesetzt. „Du bist eine schlechte Lehrerin, du machst keinen guten Unterricht, wenn du ein ,Nicht genügend‘ gibst, dann hast du das Kind nicht genug gefördert.“ Was für die Schule in erster Linie zählt, ist das Ergebnis im Zeugnis. Die fatalen Folgen dieses Durchschummelns und Belügens spürt später die Gesellschaft.

Besonders schlimm ist es für Lehrer bei vielen SPÖ-nahen Direktoren. Diese üben oft furchtbaren Druck auf die Lehrerschaft aus, kein „Nicht genügend“ zu geben. Denn die sozialdemokratische Linie lautet: Wiederholen ist nicht gewünscht. Die Neue Mittelschule muss ein Erfolg sein. Mein Eindruck: Es geht nicht um Schüler oder um uns Lehrer, es geht immer nur um Parteipolitik. Alles ist ein Politikum. Und weil es für die Partei so wichtig ist, gibt es Lehrerinnen, die von ihren Direktorinnen unter Druck gesetzt und fertiggemacht werden, wenn sie zu schlecht benoten.

Schuld ist in unserem System fast immer die Lehrkraft, auch bei Problemen mit verhaltensauffälligen Kindern. Diese können schlagen, kratzen, beißen oder spucken – im Zweifel haben Lehrer einen Fehler gemacht. Aus der Direktion hört man: „Was hast du getan? Du bist ja völlig überfordert! Warum bist du überhaupt Lehrer geworden?“ Ich habe dieses Mobbing in meiner Funktion als Personalvertreterin in Wien-Favoriten oft erlebt. Eine Lehrerin wird von Schülern körperlich attackiert und muss sich dann anhören, selbst daran schuld zu sein. Das ist erniedrigend. Aber es wirkt. Ich denke, so erzieht man sich eine Lehrerschaft, die öffentlich schweigt, lieber alles durchwinkt oder vertuscht, aber früher oder später daran zerbricht. Die Folgen für die Kinder und die Gesellschaft sind verhängnisvoll. Und alles nur, damit eine politische Position als erfolgreich verkauft werden kann?

Natürlich kann man auch darüber reden, ob es aus entwicklungs- und lernpädagogischer Perspektive wirklich immer hilfreich ist, eine Klassenstufe zu wiederholen. Das denke ich nämlich auch nicht. Was wir aber unbedingt brauchen, ist Ehrlichkeit. Was bringt es den Kindern und der Gesellschaft, wenn wir so tun, als wäre alles in Ordnung? Die Wahrheit lässt sich sowieso nur für eine bestimmte Zeit verheimlichen.

Wir sollten die Schüler richtig benoten und danach überlegen, was wir mit all denjenigen machen, die erhebliche Leistungsdefizite haben. So wie das momentan abläuft, hilft es weder den Schülern noch den Lehrern. Viele Direktoren und Funktionäre wissen über diese Situation Bescheid. Es passiert aber zu wenig. Wir dürfen uns nicht länger etwas vormachen. Es ist dringend notwendig, über neue Wege nachzudenken. Jedes Jahr verlassen tausende schlecht ausgebildete Jugendliche unsere Schulen. Bei vielen ist das Einzige, was sie haben, ihre Religion. Es wird Zeit, dass wir beginnen, diesen sozialen Sprengsatz zu entschärfen. Derzeit passiert das Gegenteil: Wir besprechen in Teamsitzungen, wessen Leistungen wirklich ganz schlecht sind. Das betrifft leider immer sehr viele Schüler. Die nächste Frage lautet dann: Bei wem könnte es denn überhaupt was bringen, wenn er oder sie die Klasse wiederholt? Diese Entscheidung ist leider weniger eine inhaltliche, die sich an den Bedürfnissen der Schüler orientiert, sondern durch festgelegte „Wiederholungsquoten“ bereits vorweggenommen. Wir sitzen also zusammen und entscheiden, wen wir wiederholen lassen und wen wir trotz eklatanter Leistungsdefizite weiter durchschleppen.

Ein erster Schritt wäre die Rückkehr zur Notenwahrheit. Lösungsansätze gibt es genug. Wenn ein Schüler beispielsweise nur in einem Fach negativ ist, sollte man nicht ein ganzes Jahr wiederholen, sondern eben nur das Fach. Das Wichtigste ist, den Schülern zu sagen, was sie können und was nicht. Und zwar ehrlich. Leider gibt es auch einige Schüler, bei denen es keinen Unterschied macht, ob sie die Klasse wiederholen würden oder nicht. Diese Kinder werden im Regelbetrieb immer überfordert sein. Sie bräuchten sonderpädagogische Förderung. Doch genau diese wird immer seltener gewährt.

Das Lügen beginnt bereits in den Volksschulen. Die Lüge hat einen Code. Wir Lehrer sprechen von einem „444er“: Wenn ein Kind in der Volksschule einen Vierer in Mathe, Deutsch und im Sachunterricht hat, steht fest: Dieses Kind hat eigentlich einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Diese Kinder hätten Anspruch auf einen Sonderschullehrer, der sich mit ihnen in der Kleingruppe beschäftigt. Für sie müsste eigentlich ein anderer Lehrplan gelten. Weil es aber auch da festgelegte Quoten und Obergrenzen gibt, werden viele Kinder wider besseres Wissen ohne diese Förderung einfach weitergeschickt. Wer diese Förderung im Volksschulalter nicht bekommen hat, erhält sie auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr. Es ist mittlerweile eine Deckelung ohne ausreichenden Bezug zur Realität. Die Leidtragenden sind die Kinder. Und zwar alle in der Klasse: Denn wer nicht gefördert wird und nicht die nötige Aufmerksamkeit und Betreuung erhält, ist permanent überfordert, reagiert entsprechend verhaltensauffällig und erschwert dadurch für alle anderen den Unterricht.

In letzter Zeit bekommen immer wieder Kinder diesen Förderbedarf, für die er aus meiner Sicht nicht gedacht ist. Dazu zählen extrem verhaltensauffällige Kinder, die aufgrund traumatisierender Erfahrungen emotional überfordert sind. Diese Kinder können oft absolut nichts. Das liegt aber nicht an kognitiven Defiziten, daher greift sonderpädagogische Förderung bei ihnen ins Leere. Gleichzeitig fehlen Plätze für diejenigen, die diese Hilfe im Klassenzimmer wirklich brauchen. Wir fördern also nicht nur zu wenige Kinder, sondern oft auch die falschen. Wer lieb, brav und ruhig ist, geht meist leer aus. Wer aggressiv und gewalttätig ist, wird gefördert. Ich möchte damit nicht sagen, dass traumatisierte Kinder nicht gefördert werden sollen, aber der sonderpädagogische Zugang ist nicht der richtige. Lehrer können in diesen Fragen leider nicht viel mitreden. Wir können nur den Antrag stellen. Am Ende – oft muss man lang auf einen Termin warten – entscheiden die Schulpsychologen des Stadtschulrats.

Durch das Durchschleppen und Durchschummeln werden die Konflikte im Klassenzimmer verschärft. Es verbinden sich persönliche Entwicklungsstörungen mit sozialen Problemen und konservativen religiösen Einstellungen. Und mittendrin stehen wir Lehrer und fühlen uns mit den gesellschaftlichen Problemen allein gelassen. Aus den Klassenzimmern sind Konfliktzonen geworden. Die Schule ist der Austragungsort für kulturelle, religiöse und nationale Streitereien. Immer öfter werden diese gewalttätig ausgefochten. Muslime machen die größten Probleme. Bei uns sind das Türken, Tschetschenen und Afghanen. Viele tragen ihr extremes Macho-Gehabe vor sich her, provozieren andere, wo und wann es nur geht. Die türkischen Schüler sind die größte Gruppe. Sie geben den Ton in allen Schulen in Wien-Favoriten an. Sie fühlen sich stark und überlegen. Allen anderen Kulturen und Nationalitäten vermitteln sie den Eindruck, dies sei ihr Revier, man habe sich an ihre Regeln und Gesetze zu halten. Die Tschetschenen und Afghanen sehen das bekanntlich nicht so. Und sie wissen sich zu behaupten. Sie sind die Kämpfer im Klassenzimmer. Fast alle machen Kampfsport und verabreden sich auch gezielt zu Schlägereien.

Die häufigsten Duelle im Klassenzimmer sind: Türken gegen Roma. Türken gegen Kurden. Tschetschenen gegen Afghanen. Oft eskaliert die Situation, ohne dass wir wirklich wissen, worum es eigentlich geht. Die Schüler wissen es leider selbst auch nicht. Es reicht, wenn einer den anderen falsch anschaut. Oder wenn jemand angeblich das Heft eines anderen auf den Boden geworfen haben soll. Mehr braucht es nicht, um einander zu beschimpfen, anzuschreien oder zu prügeln. Die religiösen Spannungen aus den Herkunftsländern werden ins Klassenzimmer hineingetragen.

Am schlimmsten sind die Konflikte zwischen Türken und Kurden. Sie entstehen aus dem Nichts und eskalieren plötzlich. In der Schule gibt es den verbalen Schlagabtausch, außerhalb der Schule die Schlägerei. In vielen Schulen haben sich türkische oder tschetschenische Banden gebildet, die meist von jüngeren nichtmuslimischen Schülern Geld erpressen. Die wenigen Österreicher, die noch in unsere Schule gehen, kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, sind kulturell in der Minderheit und haben es dadurch doppelt schwer. Manchmal trifft es aber auch muslimische Schüler, die anders erzogen und sozialisiert sind. Alle, die noch gewisse Umgangsformen haben und nicht sofort zuschlagen, sind in jeder Brennpunktschule potenzielle Opfer. Viele Kroaten und Polen wollen in Wien-Favoriten nicht mehr leben. Sie fliehen vor den Konflikten im Bezirk. Sie ziehen weg, weil es ihnen zu muslimisch geworden ist. Übrig bleiben Türken, Tschetschenen, Afghanen und Roma.

Die Konflikte im Klassenzimmer sind für uns Lehrer oft nicht mehr zu lösen. Ich kann den Streit mit größtem Aufwand für den Augenblick stoppen. Lösen lässt er sich nicht mehr. Ich habe schon alles Mögliche probiert. Diese Veränderung bereitet mir Sorge. Ich weiß noch, wie viele Konflikte wir während des Jugoslawienkriegs hatten. Damals fanden wir einen Weg. Ich konnte auf die Schüler zugehen, mit ihnen reden und hatte fast immer das Gefühl, bei den Schülern nach verbalen oder körperlichen Konfrontationen eine Haltungs- oder Meinungsänderung zu erreichen. Es hat funktioniert. Das geht jetzt leider überhaupt nicht mehr. Trotz meiner jahrelangen Erfahrung als Lehrerin stehe ich dieser neuen Situation ziemlich hilflos gegenüber.

Unsere Rettung ist manchmal das sogenannte „Teamteaching“. Wir unterrichten in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zu zweit. Eigentlich sollte diese Verstärkung eine bessere Förderung der Schüler ermöglichen. Genutzt wird es primär zur Konfliktberuhigung. Wir können stärker disziplinieren, indem wir Schüler räumlich trennen. In einigen Auseinandersetzungen bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem betroffenen Schüler – manchmal auch mit einer gesamten Schülergruppe – die Klasse zu verlassen. Aus meiner Zeit als Personalvertreterin weiß ich, dass viele Schulen auf derartige Konflikteskalationen nicht vorbereitet sind. Es fehlen klare Richtlinien, wie Lehrer reagieren sollen und was sie rechtlich dürfen. Es mangelt zudem oft auch an jeglichem Gespür. Aufflammende Konflikte werden zu spät erkannt oder schlicht ignoriert. Ich kenne Schulen, in denen man zwanghaft versucht, an bestimmten pädagogischen Methoden wie offenem Lernen oder freier Gruppenarbeit festzuhalten, völlig egal, was sich in der Klasse abspielt.

Bei vielen Konflikten hilft leider nur noch militärische Härte. Das verstehen die Schüler. Diesen Ton sind sie von zu Hause gewohnt. Lehrer müssen den Mut haben, gerade religiöse Streitereien sofort im Keim zu ersticken. „Aus, abbrechen, jeder geht auf den Platz, wir schreiben, zack!“

Wer in diesen Augenblicken nicht klar kommuniziert, riskiert eine Eskalation. Sehr schnell kann es zu wahnsinnigen Schlägereien kommen. Leider verschlimmern einige Direktorinnen diese Situation mit ihrer unangemessenen Kuschelpädagogik. „Na komm, setz dich mal her, kriegst was zu trinken, kriegst ein Zuckerl, kriegst eine Schnitte, kriegst eine Schokolade, was war denn? Hat dich die Frau Lehrerin geärgert?“

Lehrer werden als Schuldige hingestellt, Schüler als Opfer einer überforderten Lehrkraft. Wenn Direktoren den Lehrern so in den Rücken fallen, muss man sich nicht wundern, wenn sich diese Schüler danach schlimmer aufführen als vorher.

Während der Respekt vor den Lehrern abnimmt, steigt die Anzahl an direkten Angriffen. Viele finden sich inmitten der Konflikte wieder und werden immer häufiger Opfer verbaler und körperlicher Attacken. Lehrer werden bespuckt, gebissen, getreten und geschlagen. Beschimpfungen sind unsere geringste Sorge, daran haben wir uns schon gewöhnt. Und auch die Schüler wissen: Es hat keinerlei Konsequenzen, wenn sie einen als „Schlampe“ oder „Hure“ beschimpfen. „Das ist Teil der Jugendsprache. Das dürft ihr nicht überbewerten. Die meinen das nicht so“, lautet die distanzierte Empfehlung von Schulpsychologen.

Egal wie oft Lehrer verbal oder körperlich angegriffen werden, es wird stets als bedauerlicher Einzelfall abgetan. Der Ablauf ist immer gleich: Der gewalttätige Schüler wird in der Regel einige Tage vom Unterricht suspendiert. Die attackierte Lehrerin schreibt einen Bericht. Anzeige wird meist nicht erstattet. Man will dem Schüler und dem „guten“ Ruf der Schule schließlich nicht unnötig schaden. Das Signal an den Schüler lautet: Es ist ziemlich egal, was du machst – vielleicht darfst du einige Tage nicht in die Schule kommen.

Natürlich suchen wir bei Gewaltdelikten in der Schule immer den Kontakt zur Familie und führen ein Gespräch mit den Eltern. Darüber hinaus passiert aber nichts. Vielleicht kümmert sich noch eine Beratungslehrerin, sofern überhaupt vorhanden, um den Täter. Die betroffenen Lehrerinnen sind auf sich allein gestellt. Dabei bräuchten viele unbedingt professionelle Betreuung. Wer spricht mit ihnen über die emotionalen Wunden und die mit dem Angriff einhergehende Verunsicherung? An vielen Schulen gibt es weder einen strukturierten Plan, was nach Übergriffen von Schülern zu tun ist, noch ein Gespür dafür, was Lehrerinnen in diesen sehr belastenden Situationen wirklich benötigen. Diese Vorfälle häufen sich.

Offizielle Zahlen gibt es dazu bis heute nicht. Ein realitätsnahes Bild der Gewaltsituation würde diese Statistik aller Wahrscheinlichkeit nach aber ohnehin nicht zeichnen. Denn viele Übergriffe werden von Vorgesetzten verschwiegen und nicht gemeldet. Das Schweigen hilft schließlich fast allen: Direktoren müssen nicht um den Ruf ihrer Schule bangen, die Eltern bekommen keine größeren Probleme, und der Stadtschulrat kann sich weiterhin der Illusion hingeben, es sei alles in Ordnung. Wenn ein Vorfall an die Öffentlichkeit gelangt, spricht man einfach von einem tragischen Einzelfall. Die Leidtragenden dieser Stillhaltetaktik sind die betroffenen Lehrerinnen und die gewalttätigen Schüler, die lernen, dass ihr Verhalten kaum Konsequenzen hat.

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