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Susanne Scheibler
Im Zeichen der Sonne
Roman
Saga
Im Zeichen der Sonne
Im Zeichen der Sonne
Copyright © 2021 by Michael Klumb
vertreten durch die AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Die Originalausgabe ist 1984 im Goldmann Verlag erschienen
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1984, 2021 Susanne Scheibler und SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726961225
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
www.sagaegmont.com
Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.
1
Über Straßburg dröhnten die Glocken. Wenn Isabell sich umschaute, sah sie vor und hinter sich die endlose Zahl der auf dem Boden knienden Menschen – eine schweigende, gedemütigte Menge.
Die letzten Strahlen der scheidenden Sonne flirrten über die gewaltige Fassade des Münsters und färbten die Gestalten der in Stein gemeißelten deutschen Kaiser rot. Rot wie das Blut, das die Straßen der freien Reichsstadt an jenem 30. September des Jahres 1681 getränkt hatte.
Isabell sah, daß ihrem Vater die Tränen über das Gesicht liefen. Noch nie in ihrem siebzehnjährigen Leben hatte sie ihn weinen sehen; nicht einmal, als im vergangenen Sommer ihre schöne, fröhliche Mutter gestorben war. Und der schmerzende Kloß in Isabells Brust wuchs und wuchs, daß sie meinte, sie müsse laut herausschreien.
Sie wußte, daß die Tränen ihres Vaters nicht allein Jakob galten, seinem Ältesten, den man heute in der Frühe mit einer Franzosenkugel in der Brust nach Hause gebracht hatte.
Es war mehr geschehen, Schlimmeres, und Jakob war nur eines der vielen Opfer, die dieser Schreckenstag gefordert hatte.
Mitten im Frieden hatte König Ludwig der XIV. von Frankreich Straßburg überfallen und im Handstreich genommen. Die freie deutsche Reichsstadt war französisch geworden. Und am späten Nachmittag hatten die Soldaten des Sonnenkönigs die Bevölkerung auf dem großen Platz vor dem Münster zusammengetrieben, damit sie dem neuen Herrscher den Treueeid ablegten.
Jemand sprach ihn vor, diesen Schwur, der einem vergewaltigten Volk abgepreßt wurde, und die gebeugten Menschen am Boden sprachen ihn nach. Ein dumpfes, auf- und abschwellendes Murmeln war es, in dem Ohnmacht, Groll und Klage mitschwangen.
»Wir schwören und geloben, daß wir keine weltliche Macht anerkennen als die unseres Herrn, des allergnädigsten und allerchristlichsten Königs von Frankreich.
Wir schwören und geloben, daß wir ihm untertan sein wollen als unserem von Gott eingesetzten Herrscher, ihm dienen wollen in Treue und freiwilligem Gehorsam ...«
»Nein!« schrie in diesem Augenblick eine Stimme. »Nimmermehr! Brüder, Freunde – Gewalt hat uns niedergezwungen! Die Habgier eines Königs, der immer mehr blühende Städte und Dörfer, immer mehr Macht an sich reißt. Unser von Gott eingesetzter Herrscher soll er sein? Ein Dieb ist er, ein Mordbrenner!«
Isabells Vater war aufgesprungen. Vergebens versuchte das Mädchen, ihn zurückzuhalten. Meinhard Raven, der Wirt der Silbernen Rose war zeit seines Lebens kein sanfter, stiller Dulder gewesen. Schmerz und Empörung rissen ihn mit sich fort.
»Und wenn es mich den Kopf kostet, Freunde: Nie wird dieser Schwur, der unser Unglück besiegelt, über meine Lippen kommen. Ich weigere mich! Hört ihr’s alle! Ich weigere ...«
Er verstummte, weil sich Soldaten rücksichtslos durch die Menge geschoben hatten. Einer von ihnen hieb Meinhard Raven mit dem Kolben seiner Muskete über den Kopf. Der große, schwere Mann brach in die Knie. Blut floß über sein Gesicht.
Isabell schrie gellend auf. Ein paar Männer wollten Meinhard Raven zu Hilfe kommen, doch die Soldaten drängten sie mit ihren Hellebarden zurück.
Raven versuchte aufzustehen. »Jetzt seht ihr es«, keuchte er, »wie sie es mit uns machen! Mörder sind es ... Mörder allesamt!«
Da waren die Soldaten auch schon über ihm. Sie rissen ihn zu Boden, schlugen auf ihn ein und traten mit ihren schweren Stiefeln in seinen Leib und sein Gesicht, bis er still war.
Isabell warf sich dazwischen. »Vater!« schrie sie. »Vater!«
Rohe Fäuste packten sie. Ihre weiße Leinenbluse zerriß über der Brust. »Aus dem Weg, Hexe!« Einer der Soldaten gab ihr einen harten Stoß, so daß sie zu Boden fiel. Die anderen zerrten Meinhard Raven mit sich fort.
»Gott im Himmel, so helft ihm doch«, wimmerte Isabell. Jemand hielt sie fest, als sie ihrem Vater nachstürzen wollte.
»Es ist zu spät, Jungfer, ihm kann niemand mehr helfen.«
Isabell fuhr herum und brauchte ein paar Augenblicke, ehe sie in ihrer Verstörtheit erkannte, wer da zu ihr sprach. Frau Berthe Breidach war es, die Frau des Kupferschmieds, der ein paar Häuser neben der Silbernen Rose seine Werkstatt hatte. Die rundliche Frau wollte Isabell in die Arme nehmen, doch das Mädchen trommelte mit den Fäusten gegen ihre Brust. »Laßt mich, ich muß ihm nach! Mein Gott, sie werden ihn töten!«
Frau Berthe hielt sie fest. »Wir können nichts tun. Seht die Waffen, die auf uns gerichtet sind. Es wird ein Blutbad geben – es sind doch schon genug gestorben!«
»Isabell!« Ein junger Mann, fast ein Knabe noch, drängte sich an die andere Seite des Mädchens. »Die Mutter hat recht, wir können nichts tun. Nicht jetzt.«
Da erst merkte Isabell, daß ihre Bluse in Fetzen hing. Vergeblich versuchte sie, den zerrissenen Stoff über ihrer nackten, festen Brust zusammenzuraffen. Der junge Mann streifte schnell seinen kurzen Mantel ab und legte ihn ihr um.
»Kommt mit uns. Wir werden zu Hause beratschlagen, was wir tun können. Euer Vater ist ein geachteter Mann. Wenn man eine Bittschaft für ihn abfaßt ...«
»Hans«, sagte Isabell erstickt und fiel unwillkürlich in das vertraute Du der Kindertage zurück, in denen Hans Breidach ihr Spielgefährte gewesen war. »Ach, Hans, weißt du es schon? Jakob ist tot... Und jetzt wollen sie auch noch Vater...«
Sie wankte und brach in die Knie. Hans Breidach fing sie auf. Er biß die Zähne aufeinander vor hilflosem Schmerz, als Isabell ihr Gesicht in die Falten seines Mantels drückte. Wenn man nur helfen könnte! Wenn man nur losschlagen könnte! dachte er.
»Es wird alles gut, Isabell«, sagte er leise. »Kein Unrecht währt ewig. Wir müssen geduldig sein und warten.«
Und jetzt endlich, in der tröstlichen Umarmung des Freundes aus der Kinderzeit, konnte Isabell weinen.
Wenige Wochen später, am 24. Oktober 1681, erreichte König Ludwig XIV. von Frankreich Straßburg. Er wurde von seinem ganzen Hofstaat begleitet. Salutschüsse und Glockengeläut empfingen ihn, als er in der vergoldeten, von acht Apfelschimmeln gezogenen Staatskarosse durch die Straßen fuhr.
In den letzten Tagen war Ruhe in der Stadt eingekehrt. Das anfängliche Entsetzen über den Gewaltstreich hatte sich in Resignation verwandelt. Die neuen Herren führten ein strenges Regiment. Es war nicht ratsam, dagegen aufzumucken.
Freilich lebte der Widerstand in den Köpfen und Herzen zahlreicher Bürger weiter. Doch es gab auch schon Stimmen, die recht franzosenfreundlich klangen und Straßburg unter Ludwigs Herrschaft eine neue Blüte prophezeiten.
Trotzdem waren die Hochrufe etwas dünn, mit denen der König von der Straßburger Bevölkerung empfangen wurde. Die meisten Menschen standen schweigend am Straßenrand, und in vielen Gesichtern spiegelte sich ungläubiges Staunen über die Prachtentfaltung des französischen Hofes, von der man wohl gehört, die man jedoch noch nie zu sehen bekommen hatte.
Eine schier endlose Reihe von Karossen, Equipagen und Berittenen folgte dem Wagen des Königs. Das Sonnenlicht funkelte auf juwelenbesetzten Degengriffen, Agraffen, gold- und silberdurchwirkten Staatsroben und prächtigen Uniformen. Ludwig lächelte und hob ab und zu grüßend die ringgeschmückte Hand. Er war jetzt dreiundvierzig Jahre alt und neigte ein wenig zur Korpulenz. Aber er war immer noch ein schöner Mann mit seinem kraftvollen, edel geschnittenen Gesicht und den großen blauen Augen, die nichts vom Glanz der Jugendjahre eingebüßt hatten.
Neben ihm in der Karosse saß seine Gemahlin, die spanische Infantin Maria Theresia, wie immer ernst und still und trotz ihrer prächtigen Gewänder recht unscheinbar.
Der Wagen des Herzogs von Orléans folgte. Monsieur – wie Philipps offizieller Titel lautete, trat nicht weniger prunkvoll auf als sein königlicher Bruder. Er war geschminkt und trug die leichtgepuderte, tadellos frisierte Allongeperücke auf seinem schwarzen Haar. Sein scharlachroter Staatsrock glitzerte von aufgestickten Edelsteinen. Aber nicht Philipp galten die Hochrufe, die plötzlich zu jubelnder Lautstärke anschwollen, sondern der Frau an seiner Seite. »Es lebe Madame von Frankreich! Hoch Ihre Königliche Hoheit Liselotte!«
Philipp von Orléans wandte sich seiner Gemahlin zu. »Wie es scheint, hat man Euch hier nicht vergessen, Madame.«
Sie nickte. »Fast auf den Tag genau sind es zehn Jahre her, daß ich hier Abschied von meinem Vater nahm.« Ein feuchter Schimmer lag in ihren Augen. Zehn Jahre ...
Gerade neunzehn war sie damals gewesen, die junge Kurprinzessin Liselotte von der Pfalz, ein Mädchen mit übermütigen Augen und einem Mund, der weit mehr zum Lachen denn zum Weinen aufgelegt war.
Hier, im damals deutschen Straßburg, war der Heiratskontrakt zwischen Liselotte und Philipp von Orléans unterzeichnet worden. Hier hatte sie ihren Vater zum letztenmal umarmt, ehe er in die geliebte pfälzische Heimat zurückkehrte.
Liselotte hatte ihn nie wiedergesehen. Im Sommer des vergangenen Jahres war er gestorben, und der Gedanke daran trieb ihr noch heute die Tränen in die Augen. Verstohlen, als sei sie bei einem Unrecht ertappt worden, wischte sie sie ab. Tränen standen der Schwägerin des Königs an einem Tag wie heute nicht an.
Liselotte wußte nicht, auf welche Weise Ludwig Straßburg an sich gerissen hätte. Am Hof von Versailles hatte man nur gesagt, die Stadt habe in früheren Zeiten zu den Gebieten gehört, die durch den Frieden von Nimwegen Frankreich zugesprochen worden waren. Deshalb sei sie jetzt an die Krone zurückgefallen.
Am Abend fand ein großer Ball im Schloß statt. Die Säle erstrahlten im Schein Hunderter von Kerzen; man tanzte, trank und amüsierte sich.
Liselotte zog sich bald zurück. Sie war müde. Mit einem erleichterten Seufzen zog sie in ihrem Ankleidezimmer die Handschuhe aus, schleuderte die hochhackigen Seidenschuhe mit den Goldschnallen von den Füßen und bat ihre Kammerfrau, ihr das hochgesteckte Haar zu lösen.
»Dieser Kopfschmuck aus Federn drückt ganz abscheulich! Und die Ohrringe zwicken. Wahrhaftig, ich verstehe die Leute nicht, denen es Vergnügen macht, sich so aufzuputzen.«
Sie verstummte ein wenig schuldbewußt, denn ihr war eingefallen, wie sehr es gerade Monsieur liebte, sich zu schmücken. Philipp von Orléans trieb einen wahren Kult mit seinem Äußeren. Er pflegte seine Haut mit allen möglichen Essenzen und Salben, behängte sich mit Schmuck, und seine Kleidung war voller Spitzen und Bänder. Anfangs hatte Liselotte seine Eitelkeit ziemlich lächerlich gefunden. Aber da sie bemüht war, Philipp eine gute und liebevolle Frau zu sein, hatte sie sich ein solches Herumkritisieren bald untersagt.
Das war zwar nicht immer leicht, besonders in letzter Zeit nicht. Seit der Herzog vor drei Jahren aus dem Krieg heimgekehrt war, hatte er sich sehr verändert. Es war offensichtlich, daß er seine Kinder liebte, den siebenjährigen Philipp und die fünfjährige Elisabeth Charlotte. Aber an der Zuneigung seiner Frau schien ihm nicht viel gelegen.
Liselottes frisches, rundes Gesicht verdunkelte sich, als sie an die schrecklichen Worte dachte, die er einmal zu ihr gesagt hatte: »Ich bitte Sie um Gottes willen, Madame, lieben Sie mich weniger! Es ist mir recht lästig.«
Damals war irgend etwas in Liselotte zerbrochen.
Sie seufzte. Man kann eben nicht alles haben, dachte sie. Und ich darf nicht undankbar sein. Philipp behandelt mich sehr freundlich. Wir haben nie Streit miteinander.
Sie sagte sich das oft, aber recht zu trösten vermochten sie diese Gedanken trotzdem nicht. Ein Streit, der wie ein Gewitter den Ehehimmel blankfegte, wäre ihr manchmal lieber gewesen als Philipps ewig gleichbleibende Höflichkeit.
Die Kammerfrau wollte Liselotte gerade aus der schweren, goldbestickten Atlasrobe helfen, als es an die Tür klopfte. Ein Diener meldete, daß ein Besucher um den Vorzug bitte, Madame von Frankreich seine Aufwartung machen zu dürfen. »Es ist ein Monsieur Coppenstein, Ihro Gnaden.«
Liselottes müde Augen strahlten auf, als seien zwei Kerzen dahinter entzündet worden. »Coppenstein? Ist das wahr? Wo ist er?«
»Er wartet im Vorsaal.«
»Und warum ist er noch nicht hier? Mein Gott, Coppenstein, unser Oberstallmeister aus Heidelberg ... Er soll sogleich hereinkommen!«
Liselotte entließ die Kammerfrau mit einem Wink. Als der alte, grauhaarige Mann, den sie seit ihrer Kinderzeit kannte, den Raum betrat, schossen Liselotte Tränen in die Augen. Die so lange tapfer zurückgedrängte Sehnsucht nach der Heimat brach sich mit aller Macht Bahn. Schluchzend ergriff sie Coppensteins Hände. »Mein Lieber, daß ich Euch wiedersehe – das ist die erste wahrhaftige Freude seit langem. Aber so setzt Euch doch! Nein, nicht dort auf den Stuhl... kommt hierher neben mich.«
Sie zog ihn mit sich zum Sofa und blickte gerührt in sein gealtertes, aber immer noch unendlich vertrautes Gesicht. »Ich kann es noch gar nicht fassen, daß Ihr da seid. Was hat Euch nur hergeführt?«
»Ein Auftrag unserer Durchlauchtigsten Kurfürstin, Eurer Mutter«, antwortete Coppenstein. »Sie möchte Euch wiedersehen, Königliche Hoheit. Als sie von Eurer Reise nach Straßburg hörte, ist sie sofort von daheim aufgebrochen, um Euch zu treffen.«
»Meine Mutter?« wiederholte Liselotte voll ungläubigen Staunens. Sie versuchte, sich das Bild der Frau, die sie geboren und von der man sie als Kind schon getrennt hatte, ins Gedächtnis zu rufen. Es gelang ihr nur unvollkommen. Zu lange war es her, daß sich der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz von seiner schönen, stolzen Gemahlin getrennt und deren Hoffräulein Luise von Degenfeld geheiratet hatte.
Luise, die nach ihrer Heirat den Titel einer Raugräfin von der Pfalz verliehen bekommen hatte, war Liselotte viel vertrauter gewesen als ihre eigene Mutter, auch wenn sie mit ihr schon seit Jahren einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt. Und nun hatte die Mutter eine so weite Reise unternommen, um sie wiederzusehen ...
»Wo ist sie jetzt? Doch nicht schon in Straßburg?« fragte Liselotte.
»Auf einem Gut, nicht weit von hier. Ihr werdet mit der Kutsche nicht länger als zwei Stunden bis dahin brauchen.«
»Gleich morgen in aller Frühe breche ich auf. Dann schläft hier alles noch, und niemand wird mich vermissen.«
»Aber nehmt ein paar Männer zu Eurem Schutz mit. Und noch eins, Madame...« Coppenstein sah plötzlich verlegen aus. »Wenn Ihr mit Eurer Mutter zusammentrefft, solltet Ihr nicht von Eurem Vater sprechen.«
»Sie hat ihm nicht verziehen?« fragte Liselotte betroffen. »Nicht einmal jetzt?«
»Sie sagt, der Tod macht aus einer schlechten Tat keine gute. Versucht, sie zu verstehen, Madame. Sie ist alt und verbittert. Man hat ihr sehr viel genommen.«
»Ja«, sagte Liselotte, »ja, gewiß.« Sie versuchte, sich in die Lage ihrer Mutter zu versetzen. Wenn Philipp sich eines Tages von ihr, Liselotte, trennte? Wenn man sie um das Glück betrog, ihre beiden Kinder heranwachsen zu sehen ... Ein schrecklicher Gedanke!
»Ihr habt recht, Coppenstein«, sagte sie nachdenklich. »Ich werde sehr liebevoll zu ihr sein müssen.« Aber in ihr Lächeln mischte sich Beklommenheit. Liselotte wußte, daß guter Wille allein nicht genügte, um den Weg zum Herzen eines anderen Menschen zu finden – nicht einmal, wenn der andere die eigene Mutter war. Und sie hatte plötzlich ein wenig Angst vor dieser Begegnung nach über zwanzig Jahren.
Das trübe Grau der frühen Morgendämmerung lugte durch das schmale Fenster, als sich Isabell von ihrem Bett erhob. Sie hatte kaum geschlafen in dieser Nacht, der letzten, die sie in ihrem Elternhaus verbrachte. Sie hatte wach gelegen und auf den Wind gelauscht, der draußen im Apfelbaum rauschte und ab und zu einen Zweig mit klatschendem Geräusch gegen ihr Kammerfenster geschlagen hatte, auf das Bellen eines Hundes und das Rasseln eiliger Wagenräder über das Kopfsteinpflaster der Straße.
Es war nicht schön, in der Dunkelheit zu liegen und keinen Schlaf finden zu können. Aller Kummer, alle Ängste wurden riesengroß – Alpträumen gleich, die sich auf die Brust legten und das Atmen schwer machten.
Isabell war froh, daß jetzt der Morgen heraufdämmerte. Ha stig kleidete sie sich an, flocht das schwere, goldbraune Haar, das ihr bis zur Taille reichte, zu einem dicken Zopf und steckte ihn am Hinterkopf auf. Dann warf sie ein Tuch um die Schultern.
Die Straße mit den hohen, schmalen Häusern war menschenleer, als Isabell aus der Haustür trat. Am Himmel verblaßten die Sterne. Eine streunende Katze verschwand in der Toreinfahrt.
Isabell fröstelte im Morgenwind. Sie zog das Tuch enger um sich, nahm ihr Bündel und lief eilig die Straße entlang. Sie blickte sich nicht mehr um, denn sie wußte, daß sie dann den Abschied nicht ertragen hätte.
Aus dem Schatten eines Hauseingangs löste sich eine Gestalt. Es war Hans Breidach. »Isabell...«
Das Mädchen blieb stehen. »Aber Hans! Hast du auf mich gewartet? Wir haben doch schon gestern Abschied voneinander genommen.«
Er schluckte. »Ich mußte dich noch einmal sehen, Isabell. Bitte geh nicht fort!«
»Ich muß doch«, sagte sie leise. »Was soll ich noch hier? Seit mir Gertrude vor zwei Wochen den Dienst aufgesagt hat, war ich ganz allein im Haus. Ich bin Gertrude nicht böse darum. Sie hat es so lange bei mir ausgehalten, wie es ging. Aber in diesen Zeiten können zwei Frauen allein kein Gasthaus führen. Und ob ich einen Knecht gefunden hätte, der bereit gewesen wäre, uns vor betrunkenen Soldaten, vor Plünderung und Gewalttat zu schützen ...« Sie verstummte und senkte den Kopf. »Es gibt keine Silberne Rose mehr, Hans. Sie haben den Weinkeller ausgeräumt, alle Truhen und Schränke leergeplündert, die Matratzen und Polster aufgeschlitzt, ob Geld darin versteckt sei, und – als sie keines mehr fanden – in ihrer Wut selbst die Möbel zerschlagen. Aber warum erzähle ich dir das? Du weißt es doch ...«
Freilich wußte er es. Und für einen flüchtigen Moment überkam ihn Groll auf Isabells Vater. Hätte er nicht um ihretwillen schweigen müssen an jenem Tag, als man ihnen den Treueid abgepreßt hatte? Die Bittschrift, die man eilends verfaßt hatte, war zu spät gekommen; zu diesem Zeitpunkt lebte Meinhard Raven schon nicht mehr. Die Soldaten des Königs machten mit Aufrührern kurzen Prozeß.
Hans Breidach schaute Isabell an. Sie war so schön mit ihrem blassen, traurigen Gesicht... Er konnte sie nicht gehen lassen!
»Und wenn es dir nun nicht gefällt bei deiner Tante in Kehl?« fragte er drängend. »Wenn sie unfreundlich zu dir ist?«
»Der Brief, den sie mir geschrieben hat, war sehr freundlich. Und wo soll ich sonst hin? Ich habe keinen Menschen außer ihr.«
»Doch ...« Hans Breidach griff nach ihrer Hand. »Mich, Isabell! Ich hab’ dich lieb. Ich habe selbst nicht gewußt, wie sehr – bis gestern, als du kamst, um uns Lebewohl zu sagen. Es war bis jetzt immer so selbstverständlich, daß du da warst. Sag, willst du mich heiraten?«
Sie schaute ihn einen Augenblick schweigend an. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, Hans ...«
Sie sah, wie weh sie ihm getan hatte mit ihrer Antwort, aber sie hatte ihm keine andere geben können.
Isabell war siebzehn Jahre alt, sie wußte nicht viel von der Liebe. Da waren nur manchmal Träume gewesen von einem Mann, der eines Tages kommen und dessen Lächeln genügen würde, sie atemlos zu machen. Ein Mann, dessen Berührung sie zittern lassen und allen eigenen Willen auslöschen würde bis auf den einen: ihm anzugehören.
Der blonde Junge, der da vor ihr stand, war nicht dieser Mann.
Isabell griff nach ihrem Bündel, das die wenigen Habseligkeiten enthielt, die sie in ihr neues Leben mitnehmen wollte. »Adieu, Hans. Glaub mir, es ist besser, wenn ich gehe, auch wenn es dich jetzt traurig macht. Eines Tages wirst du über deinen Kummer lächeln.«
»Nie«, erwiderte er erstickt. Er blickte ihr nach, wie sie davonging, und zum erstenmal seit seiner Kindheit war ihm nach Weinen zumute.
Der Himmel im Osten färbte sich mit dem blassen Rot der aufgehenden Sonne, als hinter Isabell die Türme von Straßburg zurückblieben. Sie wanderte die staubige Straße entlang und spähte nach einem Bauernkarren aus, der sie vielleicht ein Stück Weges mitnehmen würde.
Sie hatte wohl noch ein wenig Geld, das sie vor den plündernden Soldaten hatte verstecken können. Es war genug, um mit der Postkutsche nach Kehl zu reisen. Aber Isabell Wußte nicht, was sie bei ihrer Tante erwartete. Deshalb wollte sie die paar Taler für den Notfall zurückbehalten. Sie kannte die älteste Schwester ihres Vaters kaum. Da war nur noch eine verschwommene Erinnerung, daß die inzwischen verwitwete Frau Babette Schollmeyer vor Jahren einmal in Straßburg zu Besuch gewesen war.
Isabell hatte der Tante den Tod von Vater und Bruder in einem Brief mitgeteilt, und Frau Babette hatte umgehend geantwortet.
›Es macht mir große Sorge, daß Du nun ganz allein lebst. Willst Du nicht lieber zu mir kommen?‹
Dann hatte sie noch hinzugefügt, daß sie ›gar greulich an der Gicht leide‹ und deshalb eine junge Hilfe gut gebrauchen könne.
Isabell seufzte. Sie war ja gern bereit, die Tante zu pflegen und zu versorgen. Hoffentlich war sie nur keine nörglige, launenhafte Kranke, der man nichts recht machen konnte.
Inzwischen war die Sonne vollends aufgegangen und vertrieb den Morgennebel, der in den Niederungen lastete. Die Straße führte jetzt durch einen Wald. Es ging ein wenig bergauf, und Isabell verlangsamte ihren Schritt. Plötzlich, an einer Wegbiegung, hörte sie Stimmen vor sich. Die jammernde einer Frau und das Weinen eines Kindes. Jemand lachte; es klang roh und mißtönend. Dann schrie ein Mann auf wie in höchster Todesnot. Ein Pferd wieherte schrill.
Isabell spürte ihr Herz hart gegen die Rippen klopfen. Sie wich in den Schatten der Bäume zurück. Ängstlich bemüht, kein Geräusch zu machen, schlich sie näher.
Hans Breidach und seine Eltern hatten sie gewarnt. Es sei gefährlich, in solchen Zeiten allein unterwegs zu sein. Überall wimmele es von Marodeuren und allerlei Gesindel. Aber Isabell hatte ihre Bedenken zerstreut. ›Bei Tage bin ich sicher. Da sind immer Leute unterwegs.‹
Sie erreichte die Stelle, wo die Straße einen Knick machte. Aus schreckgeweiteten Augen starrte Isabell auf das Bild, das sich ihr bot. Mitten auf dem Weg lag ein umgestürzter Planwagen. Drei verwegen aussehende Männer mit schweren Reiterpistolen im Gürtel und breitrandigen Federhüten auf dem Kopf waren damit beschäftigt, ihn auszuplündern. Johlend schleppten sie Kisten und Kästen ins Freie, rissen das Stroh der Lagerstatt auseinander, um nach ein paar Bettelpfennigen oder verstecktem Silberzeug zu suchen. Ein Mann lag stöhnend am Boden. Aus seinem Mund sikkerte ein dünner Blutfaden. Eine junge, schwarzhaarige Frau kniete neben ihm, ihr weinendes Kind an sich gepreßt. Das armselige Pferd, das den Wagen gezogen hatte, war bereits ausgespannt und wurde von einem vierten Wegelagerer weggeführt.
»Halt’s Maul!« schrie er der Weinenden zu. »Sonst stopfe ich es dir und deinem Balg!«
Isabell zitterte am ganzen Leib. Sie wollte sich umwenden und davonlaufen, den Weg zurück, den sie gekommen war. In ihrer Hast achtete sie nicht darauf, wohin sie trat. Ihr rechter Fuß verfing sich im Gestrüpp, sie stolperte und stürzte. Unwillkürlich schrie sie auf, als Dornen und Zweige ihr die Haut zerkratzten.
Im nächsten Augenblick hörte sie hastige Schritte hinter sich. Eine grobe Faust packte sie und riß sie hoch.
Aus schreckgeweiteten Augen starrte Isabell auf den Mann, der sie festhielt. Er war blond und noch jung, aber sein Gesicht verriet Brutalität und Verschlagenheit. »Sieh an«, sagte er mit einem unangenehmen Lachen, »da habe ich ja einen hübschen Fang gemacht!«
Isabell wehrte sich heftig gegen den rohen Griff des Banditen, aber gegen seine Kraft kam sie nicht an. Er hielt sie an sich gepreßt und pfiff seinen drei Kumpanen, die gleich darauf zwischen den Büschen auftauchten.
»Hol’s der Teufel, ein Mädchen!« schrie einer von ihnen. Er hatte ein rotes, blatternarbiges Gesicht. »Und was für eines!« Mit einem breiten Grinsen zog er vor Isabell den Hut und erwies ihr eine übertriebene Reverenz. »Mademoiselle, ich bin entzückt. Wenn alles an Euch so reizend ist wie Euer Gesicht, hab’ ich heute meinen Glückstag.«
Die anderen lachten gröhlend, als der Bandit nach ihr griff. Ein kurzer Ruck, und Isabells Kleid war bis zur Taille aufgerissen. Der Blonde hielt ihr die Arme fest. Isabell stand völlig wehrlos da, den Blicken der Männer preisgegeben, und sie wußte, sie würden über sie herfallen wie wilde Tiere.
Verworrene Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Werden sie mich töten – nachher, wenn alles vorbei ist? Oder Werde ich es selbst tun, weil der Ekel mich erstickt? Kann man das jemals vergessen? Kann man je wieder die Hände eines Mannes auf seiner Haut ertragen, ohne zu schreien vor Entsetzen? Oder wird man stumpf, ausgehöhlt, empfindungslos ...
Sie schrie nicht, als man sie zu Boden warf. Sie wehrte sich nur mit zusammengebissenen Zähnen, mit der Geschmeidigkeit einer Wildkatze. Und sie dachte immer wieder: Ich kann es nicht ertragen, ich kann es nicht...
Sie sah das feiste Gesicht des Blatternarbigen über sich. Sie hörte, wie der Blonde protestierte: »Laß sie! Ich habe sie entdeckt. Sie gehört mir ...«
Und der andere antwortete mit einem rohen Auflachen: »Warte es nur ab, Söhnchen, du wirst sie schon noch bekommen.«
In diesem Augenblick umkrampften Isabells Finger den Griff eines Messers, das der Bandit im Gürtel trug. Es hatte sich bei dem Kampf gelockert und rutschte sofort aus der Scheide. Isabell handelte ganz mechanisch, ohne zu denken, wie ein in die Enge getriebenes Tier, das im Angriff den einzigen Ausweg sieht. Sie stieß einfach zu, stieß in diesen feisten, schweren Körper, der sie mit seinem Gewicht niederdrückte.
Der Blatternarbige brüllte auf. Er wälzte sich zur Seite und preßte die Hände gegen den Leib. Ehe die anderen recht begriffen, was geschehen war, war Isabell auf den Füßen und rannte davon, tiefer in den Wald hinein. »Das Luder!« schrie der Blatternarbige. »Bringt sie um. Sie hat mir das Messer in die Seite gerannt!«
Der Blonde riß als erster seine Reiterpistole hoch. Isabell hörte den dröhnenden Hall des Schusses. Ihr war, als glitte ein glühendes Eisen in ihren linken Oberarm. Im Laufen preßte sie die Hand dagegen und spürte, wie es heiß und klebrig zwischen ihren Fingern hervorsickerte.
In diesem Augenblick war von der Straße her Pferdegetrappel zu vernehmen. Es mußten mehrere Reiter sein, die da kamen, vielleicht sechs oder acht. Eine Kutsche folgte ihnen. Isabell hörte das Knirschen der Räder auf dem sandigen Boden.
»Verdammt!« schrie einer der Banditen. »Wir müssen verschwinden! Hier – durch das Unterholz; da holen sie uns mit den besten Pferden nicht ein.«
Hastig machten sich die drei davon, noch ehe die kleine Reiterkavalkade auf der Straße zum Halten kam. Ihren verletzten Kumpan ließen sie zurück.
Kriechend versuchte er, das schützende Gebüsch zu erreichen. »Wartet doch«, schrie er, »nehmt mich mit...« Aber niemand hörte auf ihn.
2
Der Graf Henry de Montfort war der Anführer der Eskorte, die an diesem Morgen den Wagen Liselottes von der Pfalz, der jetzigen Herzogin von Orleans, begleitete. Montfort war ein schlanker, achtundzwanzigjähriger Mann mit einem klaren, kühnen Gesicht, zu dem die träumerischen dunklen Augen einen reizvollen Gegensatz bildeten. Da er der kleinen Kavalkade vorausritt, sah er als erster den umgestürzten Planwagen auf der Straße. Die schwarzhaarige Frau kauerte noch immer im Staub bei ihrem Mann, das weinende Kind an sich gedrückt. Es war, als habe das Entsetzen sie blind und taub gemacht für alles, was um sie her geschah.
Montfort zügelte seinen Fuchs und rüttelte die Frau an der Schulter. »Was ist geschehen? Ein Überfall?« Er sprach französisch, und die Frau blickte ihn zunächst aus großen, verständnislosen Augen an. Dann schien sie den Sinn seiner Frage zu begreifen. Sie deutete zum Wald hinüber.
»Dort...« stammelte sie, »Banditen! Sie haben meinen Mann niedergestochen.«
Inzwischen waren die übrigen Reiter mit der Kutsche herangekommen. Die Männer sprangen von den Pferden. Drei von ihnen versuchten sogleich, den Planwagen aufzurichten, während sich die anderen zu Fuß an die Verfolgung der Wegelagerer machten.
Liselotte von der Pfalz hatte die lindgrünen Damastvorhänge an den Kutschfenstern beiseite gezogen und beugte sich hinaus. Henry de Montfort ritt zu ihr hin.
»Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis wir weiterkönnen. Bleibt solange im Wagen, Madame.«
Liselotte war viel zu tatkräftig und warmherzig, um seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie stieg aus und lief zu der Unglücksstelle hinüber. Der Verletzte war nicht bei Bewußtsein. Seine Frau versuchte, ihn auf die Seite zu drehen, in die ihn das Messer getroffen hatte. Das schreiende Kind – es war ein kleiner Junge von vielleicht drei Jahren – hing ihr am Rock.
Kurz entschlossen nahm Liselotte den Kleinen auf den Arm. »Aber Bübele«, sagte sie in ihrem Pfälzer Dialekt, den sie in den zehn Jahren ihres Aufenthaltes in Frankreich nicht verlernt hatte, »wer wird denn als weinen! Du bist doch kein Wickelditz mehr.«
Der Kleine starrte die fremde Dame in dem blauen Samtmantel mit offenem Mund an. Liselotte wischte ihm mit dem Taschentuch das tränenverschmierte Gesichtchen ab. »So, und jetzt bist du fein still. Es ist ja alles wieder gut.«
Seit jeher hatte Liselotte auf Kinder eine besondere Anziehungskraft ausgeübt. Das erwies sich auch jetzt. Die Tränen des Kleinen versiegten, und als Liselotte ihn hin und her wiegte, stahl sich sogar ein zaghaftes Lächeln auf das runde Kindergesicht.
Sie winkte Graf Montfort herbei. »Seid so gut und kümmert Euch um den Verletzten. Glaubt Ihr, daß man ihn mit seinem Wagen ins nächste Dorf bringen kann?«
»Ich denke schon. Er muß auf jeden Fall zu einem Arzt.«
»Holt Decken und Kissen aus der Kutsche, damit er eine bequeme Lagerstatt bekommt und das Rütteln des Wagens nicht so spürt.«
Liselotte wandte sich an die Frau, die begonnen hatte, breite Leinenstreifen von ihrem Unterrock abzureißen, um damit ihren Mann zu verbinden. »Wie heißt Sie, meine Liebe?«
»Katharina ... Katharina Helfrich, Ihro Gnaden. Wir gehören zum fahrenden Volk und wollten nach Straßburg. Der König ist dort, und bei solchen Anlässen gibt es immer einen Jahrmarkt, wo unsereins ein paar Heller verdienen kann. Aber nun ...« Ihre Stimme schwankte.
»Bis Straßburg kann Sie keinesfalls mit Ihrem Mann fahren. Am besten nimmt Sie sich im nächsten Gasthof ein Zimmer.« Liselotte holte ihre bestickte Geldbörse hervor und drückte sie der Frau in die Hand. »Hier – das wird Ihr eine Zeitlang weiterhelfen.«
Zwei Herren von Liselottes Eskorte, der Chevalier d’Orbise und ihr Page Eberhard von Harling, kamen von der Verfolgung zurück. »Wir haben einen der Halunken gefunden!« rief der Chevalier. »Er liegt verwundet im Gebüsch. Aber die anderen sind entkommen.«
Henry de Montfort war inzwischen zu Liselottes Kutsche gegangen und kehrte mit einer pelzverbrämten Decke und einigen Seidenkissen zurück. Und in diesem Augenblick sah er Isabell.
Sie kam aus dem Wald, Monsieur de Trouve führte sie. Das aufgesteckte Haar hatte sich gelöst. In goldbrauner, köstlicher Fülle fiel es ihr über den Rücken. Schultern und Brüste schimmerten durch das zerfetzte Kleid. Bei jedem Schritt, den sie tat, sah man ihre langen, schlanken Beine.
Henry de Montfort war als zwölfjähriger Knabe an den Hof Ludwigs XIV. gekommen. Er kannte die Schönheit einer Madame de La Vallière, einer Montespan, die raubtierhafte Anmut der Gräfin von Soissons, einer Nichte Kardinal Mazarins; er hatte mit den bezauberndsten Frauen in der Spiegelgalerie von Versailles getanzt. Aber dieses Mädchen in seinem zerlumpten Kleid und dem wirren Haar schien ihm schöner als alle, die er bisher gesehen hatte. Sie war wie die Verkörperung aller Träume, die er je von einer Frau geträumt hatte.
»Mein Gott«, entfuhr es auch Liselotte, »welch ein zauberhaftes Geschöpf! Aber sie ist ja verletzt...«
Isabell zitterte. Ihre Augen waren starr und weit aufgerissen, als begriffe sie noch gar nicht, daß sie nun in Sicherheit war. Liselotte setzte den kleinen Buben, den sie bis jetzt auf dem Arm gehalten hatte, auf den Boden und entledigte sich ihres Reisemantels.
»Danke«, murmelte Isabell mühsam, als die Herzogin ihn ihr um die Schultern legte. Sie wollte ihn über der Brust zusammenraffen, aber ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Ihr war, als verwandle sich der Boden zu ihren Füßen in eine zähe, teigige Masse, die sich unter ihr bewegte, hinauf und hinunter. Es gab keinen Halt mehr – nichts ... Nur noch die schwarze Woge einer grenzenlosen Schwäche, die Isabell mit sich riß und sie fortspülte an ein fernes Ufer, wo es keine Schmerzen mehr gab und keine Angst – nur noch barmherzige Dunkelheit.
Der Chevalier de Lorraine hielt mit seinem Fechtmeister eine Übungsstunde ab. Die Degen mit den durch kleine Kugeln gesicherten Spitzen prallten aufeinander. Es gab jedesmal einen hellen, sirrenden Ton. Der Fechtmeister Jean Cressy griff nach ein paar blitzschnell geführten Finten an. Der Chevalier wich dem gegen seine Brust geführten Stoß geschmeidig aus. Cressys Schlag ging ins Leere. Sein eigener Schwung riß ihn nach vorn. Er geriet ins Stolpern und hatte Mühe, sich auf den Füßen zu halten.
Der Chevalier lachte mit blitzenden Zähnen. Diesmal streifte seine Degenklinge um Haaresbreite Cressys Hals. Drei, vier sehr schnell geführte Quarten und Quinten drängten Lorraine wieder zurück. Cressy holte zu einem Kopfhieb von rechts aus. Der Chevalier duckte sich und vollführte eine rasche Quintparade von links. Er versuchte, Cressy den Degen aus der Hand zu schlagen. Die Klinge beschrieb einen blitzenden Halbkreis und berührte die Waffe des Fechtmeisters in einer Second-Bindung.
In diesem Augenblick tauchte ein livrierter Diener in der Tür auf und gab dem Chevalier zu verstehen, daß er ihm etwas auszurichten habe. Der ließ seinen Degen sinken. »Was gibt es, Francois?«
»Der Wagen von Madame de Grancey ist soeben vorgefahren. In ihrer Begleitung befindet sich der Marquis d’Effiat.«
Madame de Grancey war eine nicht mehr junge, aber immer noch sehr schöne Frau. Sie stand am Fenster, als der Chevalier de Lorraine nach einer Viertelstunde den Salon betrat. Er hatte sich umgezogen und küßte der Grancey die Hand. Dann begrüßte er den Marquis.
»Wir haben Neuigkeiten«, sagte d’Effiat. »Ein Kurier ist eingetroffen. Der König und seine Begleitung werden Ende der Woche in Paris zurückerwartet. Im übrigen soll es Differenzen zwischen Seiner Majestät und Madame von Orléans gegeben haben.« Er lächelte maliziös. »Madame geruhte wieder einmal aus der Reihe zu tanzen. Weiß der Teufel, woher sie es erfahren hat – jedenfalls behauptete sie plötzlich, der König habe Straßburg durch einen militärischen Gewaltakt an sich gerissen und dies sei eine Schande, die zum Himmel schreie.«
Die Grancey lachte spöttisch. »Das soll sie Seiher Majestät wörtlich an den Kopf geworfen haben und einiges noch dazu. Wir kennen ja Madame Liselottes Art. Anschließend hat sie sich geweigert, an den Festlichkeiten zu Ehren des Königs teilzunehmen. Statt dessen hat sie sich einige Male ohne Erlaubnis aus Straßburg entfernt, um sich auf einem Landsitz mit ihrer Mutter zu treffen.«
»Und?« erkundigte sich de Lorraine, während er sich affektiert, mit übergeschlagenen Beinen auf einem damastbezogenen Sofa niederließ. »Wie hat der König all das aufgenommen?«
»Verständlicherweise sehr ungehalten. Als Madame auch zu einer Opernaufführung nicht erscheinen wollte, hat er ihre Anwesenheit kurzerhand befohlen. Daraufhin schützte sie eine Krankheit vor, von der sie allerdings augenblicklich genas, als Seine Majestät ihr seine eigenen Ärzte schicken wollte.« Der Marquis ordnete den reichen Spitzenbesatz an seinen Ärmeln. »Man weiß ja, was Madame von unseren Ärzten hält. Quacksalber nennt sie sie und kuriert sich lieber mit ihren abscheulichen, übelriechenden Kräuteraufgüssen, ehe sie einen von ihnen an sich heranläßt.«
»Jedenfalls«, vollendete Madame de Grancey, »erschien Madame an jenem Abend in der Loge des Königs, und sie soll ausgesehen haben, als ob sie an ihrem eigenen Zorn ersticke.«
»Das ist gut, das ist sogar ausgezeichnet«, meinte der Chevalier de Lorraine und läutete nach einem Lakai, um Wein und Konfekt bringen zu lassen. »Ich glaube, wir brauchen gar nicht viel zu tun – Madame Liselotte schaufelt sich ihr eigenes Grab.«
Madame de Grancey preßte die vollen Lippen zusammen. »Morgen oder übermorgen kann sie bei Seiner Majestät wieder in Gnaden aufgenommen sein. Wir kennen ja seine unerklärliche Schwäche für seine Schwägerin. Darum sollten wir schon etwas unternehmen, und die Gelegenheit dazu war noch nie so günstig.«
Bei der hohen Stellung, die Liselotte bekleidete, blieb es gar nicht aus, daß sie Neider und Feinde hatte. Aber der Marquis d’Effiat, der Chevalier de Lorraine und seine Geliebte, Madame de Grancey, waren ihre ärgsten.
Jahrelang hatten diese drei Menschen den verderblichsten Einfluß auf Philipp von Orléans ausgeübt. Damals hatte seine erste Frau Henriette noch gelebt. Die Ehe zwischen ihr und Philipp war sehr unglücklich gewesen. Der Herzog, zwar gutmütig, aber äußerst willensschwach, stand ganz im Bann seiner üblen Freunde. Er feierte wilde Gelage mit ihnen, spielte und trank. Als dann Henriette von Orléans starb, sprach man sogar davon, der Chevalier de Lorraine und der Marquis d’Effiat hätten sie vergiftet. Die Wahrheit dieses Gerüchtes ist nie bewiesen worden, dennoch hielt es sich hartnäckig viele Jahre. Es hatte sicherlich auch dazu beigetragen, daß der König damals die üble Clique vom Hof verbannte und dafür sorgte, daß sich sein Bruder so schnell wie möglich wieder vermählte. Philipps in Ungnade gefallene Freunde aber hatten Liselotte gehaßt, noch bevor sie den Fuß auf den Boden Frankreichs setzte.
Erbittert hatten die Grancey und die beiden Männer beobachtet, daß Philipps zweite Ehe anscheinend glücklich war und daß die verhaßte Pfälzerin sogar beim König in hoher Gunst stand. Erst in den letzten Jahren schien sich Philipps Zuneigung für Liselotte abgekühlt zu haben, und diese Tatsache nutzten der Chevalier, sein Freund und seine Geliebte, sich wieder bei dem Herzog einzuschmeicheln.
Der Grancey gelang es zuerst. Liselotte wußte nicht, was sich vor ihrer Heirat im Palais Royal, dem Stadtschloß der Herzöge von Orléans, abgespielt hatte. Deshalb war sie auch ganz arglos, als Philipp Madame de Grancey zur Erzieherin seiner beiden Kinder ernannte und bald darauf auch der Chevalier de Lorraine und der Marquis d’Effiat immer häufiger in Monsieurs Gesellschaft anzutreffen waren. Der Herzog von Orléans unterhielt einen Hofstaat von mehr als hundert Personen, im Palais Royal wimmelte es von Menschen, über deren Bedeutung oder Charakter Liselotte unmöglich immer Bescheid wissen konnte.
Der Chevalier goß jetzt Wein in die geschliffenen Kelche aus Muranoglas. »Aber was können wir tun? Wir dürfen uns zu keiner Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Ich habe keine Lust, noch einmal für acht Jahre vom Hof getrennt zu werden.«
»Das wird auch nicht geschehen.« Madame de Granceys Augen funkelten böse. »Wir müssen abwarten und Madame Liselotte beobachten. Ich habe schon so meine Pläne, die wir zur rechten Zeit in die Tat umsetzen werden.« Sie hob ihr Glas. »Trinken wir darauf, daß die alten, angenehmen Zeiten bald für uns wiederkehren.«
Versailles ... Das war wirklich der steingewordene Märchentraum eines Königs mit seiner verschwenderischen Pracht aus Gold, Silber und Marmor, der ausgewogenen Harmonie seiner Säle, Zimmerfluchten, Treppen und Galerien.
Ein Märchentraum waren auch die von Le Nôtre geschaffenen Parkanlagen, selbst jetzt, in dieser kalten, grauen Jahreszeit, in der sich früh die Dunkelheit herabsenkte über die weißen Marmorgöttinnen zwischen Thuja- und Buchsbaumhecken, die breiten Alleen und die wasserspeienden Tritonen und Nymphen der Springbrunnen.
Welch ein Anblick müssen diese Gärten erst im Sommer sein! dachte Isabell, als sie im Dämmerschein des Abends von einem Spaziergang zum Schloß zurückkehrte.
Sie blieb auf einer der Terrassen stehen und malte sich das feenhafte Bild aus, wenn die Blumenrabatten in allen Farben glühten, die Wasserspiele im Sonnenlicht glitzerten und vergoldete Barken mit purpurroten Segeln über die künstlich angelegten Kanäle und Teiche glitten.
Isabell war seit drei Tagen in Versailles, und noch immer erschien ihr die Wandlung, die ihr Leben erfahren hatte, wie ein Wunder.
Sie war sehr krank gewesen, nachdem sie damals auf der staubigen Landstraße zusammengebrochen war. Viele Tage hatte sie im Fieber gelegen, ohne zu wissen, was mit ihr geschehen war. Da war nur noch die verschwommene Erinnerung an einen Mann, der sich mit erschrockenem Gesicht über sie gebeugt hatte. Ein schönes, klares Gesicht war es gewesen, mit warmen, dunklen Augen. Er hatte sie zu einer Kutsche getragen, und trotz ihrer Schwäche hatte sich Isabell in diesem kurzen Augenblick seltsam geborgen, beinahe glücklich gefühlt.
Später, in den flüchtigen Momenten schmerzerfüllten Wachseins, hatte sie begriffen, daß sie in einem Bett lag, in einem fremden, freundlichen, hellen Zimmer. Manchmal war eine alte, sehr vornehme Dame bei ihr gewesen und hatte sich flüsternd mit der sommersprossigen Dienstmagd unterhalten, die Isabell gepflegt hatte.
Heute wußte Isabell, wer die alte Dame gewesen war: Kurfürstin Charlotte von der Pfalz, die Mutter von Madame Liselotte. Sie wußte auch den Namen des Mannes, der sie in die Kutsche der Herzogin getragen hatte: Graf Henry de Montfort...
Isabell hatte ihn nach ihrer Genesung ein paarmal aus der Ferne wiedergesehen und hatte sich dabei jedesmal an jene glückhafte Geborgenheit erinnert, die sie in seinen Armen empfunden hatte.
Isabell schrak aus ihren Gedanken auf, als sich Schritte aus einem Seitenweg näherten. Ein Mann trat aus dem Schatten der Bäume und kam die Terrassenstufen herauf. Bei Isabells Anblick blieb er stehen.
Es war noch hell genug, daß er ihr Gesicht erkennen konnte: das bezaubernde Oval der Wangen, den sensiblen, weichgeschwungenen Mund, die großen Augen.
Isabell knickste. Der abendliche Spaziergänger war zwar einfach gekleidet in schwarze Kniehosen und einen Rock aus dunkelgrünem Tuch. Aber es ging etwas von ihm aus, das Isabell instinktiv spüren ließ: Dies war ein Herr von Stand.
Der Fremde lächelte sie an. Es war ein Lächeln, das ihr unerklärlicherweise Herzklopfen verursachte. »Hat Sie sich verlaufen, Mademoiselle? Oder sucht Sie jemanden?«
»Nein. Ich ... ich habe nur einen Spaziergang gemacht.«
»Ihr gefallen die Gärten von Versailles?«
»Sie sind wundervoll«, antwortete Isabell ehrlich. »Nie im Leben habe ich etwas Schöneres gesehen.«
»Ich auch nicht«, sagte der Fremde, aber er schaute Isabell unverwandt an. Sein Blick war wie ein Streicheln. »Sie spricht französisch mit einem fremdländischen Akzent. Woher kommt Sie?«
»Aus Straßburg. Ich bin Deutsche. Nur meine Mutter war Französin. Sie stammte aus Châlons. Sie hat uns Kindern ihre Muttersprache beigebracht.«
Der Mann im grünen Tuchrock runzelte unmerklich die Brauen. »Sie ist Deutsche, sagt Sie? Weiß Sie nicht, daß Straßburg zu Frankreich gehört?«
»Und ob ich das weiß!« entgegnete Isabell bitter. »Es ist uns auf blutige Weise beigebracht worden. Meinen Bruder und meinen Vater hat es das Leben gekostet.«
»Ach ...« Er schien betroffen. »Dann ist Sie wohl nicht gut auf die Franzosen und ihren König zu sprechen, wie?« Und als Isabell nicht antwortete, fügte er mit einem halben Lächeln hinzu: »Sie kann es mir ruhig sagen. Ich werde es dem König gewiß nicht weitererzählen.«
»Ihr seid wohl auch kein Freund von ihm?« fragte Isabell.
Der Fremde hob die Schultern. »Welcher König hat nur Freunde ... Manchmal, das will ich nicht bestreiten, ist er mir nicht unsympathisch. Aber es gibt auch Stunden, in denen er mir recht zuwider ist.«
»Ich hasse ihn!« rief Isabell leidenschaftlich. »Ihr wart nicht dabei in Straßburg. Ihr habt nicht miterlebt, wie man uns überfallen hat. Freilich, Madame von Frankreich versucht, mir meinen Haß auszureden. Sie sagt, der König sei im Grunde ein guter Mensch, obwohl sie selbst noch vor wenigen Wochen einen großen Zorn auf ihn hatte. Aber inzwischen hat sie sich wieder mit ihm versöhnt.«
»Madame von Frankreich?« wiederholte der Unbekannte. »Steht Sie in Diensten bei der Herzogin von Orléans?«
»Ich bin Kammerzofe bei ihr. Madame hat mich aus Straßburg mitgenommen. Das heißt – genau gesagt hat sie mich auf der Landstraße gefunden, nachdem Banditen mich überfallen hatten. Ich war sehr krank danach, und Madame Liselotte hat mich auf ein Gut zu ihrer Mutter gebracht. Als es mir besserging, hat mich die Herzogin ein paarmal besucht und mir schließlich den Vorschlag gemacht, in ihre Dienste zu treten.«
»Und das hat Sie getan?« fragte der Fremde ein wenig spöttisch. »Obwohl Ihr Frankreich so viel Abscheu einflößt?«
»Madame Liselotte war sehr gut zu mir«, antwortete Isabell einfach. »Ich wollte gern bei ihr bleiben.«
Eine Weile herrschte Schweigen. Dann griff der Fremde überraschend unter Isabells Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Die kleine Berührung weckte eine sonderbare Wärme in ihr.
Er war nicht mehr jung, dieser Mann, aber es ging eine faszinierende Anziehungskraft von ihm aus. Etwas, das Isabell atemlos machte und ihr das Blut in schnellen Stößen zum Herzen jagte.
In den großen, blauen Männeraugen sprang ein Funke auf. »Sie ist sehr reizend, weiß Sie das, Sie kleine Königshasserin? Und in einem sind Seine Majestät und ich uns bestimmt ähnlich: Wir lieben die Frauenschönheit...«
Im nächsten Augenblick hatte er sie an sich gezogen und küßte sie. Es war der erste wirkliche Kuß eines Mannes, den Isabell empfing. Und einen kurzen Augenblick überließ sie sich ganz der fremden Seligkeit, die diese warmen, wissenden Lippen in ihr weckten. Dann stieß sie den Fremden zurück. »Was erlaubt Ihr Euch! Oh, ich sollte Euch ohrfeigen für Eure Unverschämtheit!«
Es war weniger Zorn auf ihn, als vielmehr auf sich selbst, auf ihre eigene, schwindelnde Verwirrung, was Isabell so heftig werden ließ. Hastig wandte sie sich um und lief davon, tiefer in das Dunkel des Parkes hinein. Erst im Schatten einer Taxushecke blieb sie stehen und schaute sich mit fliegendem Atem um, ob der Fremde ihr folgte.
Er stand noch oben auf den Terrassenstufen. Seine Gestalt hob sich deutlich gegen den helleren Himmel ab.
Isabell ballte die Fäuste. Wenn er mir nachgelaufen wäre, dachte sie, bei Gott, ich hätte ihn wirklich geohrfeigt!
In diesem Augenblick tauchte auf der großen Mittelallee eine Schar Höflinge mit Windlichtern auf. Als sie des Fremden ansichtig wurden, eilten sie hastig auf ihn zu. Ihre Stimmen drangen bis zu Isabell hinüber.
»Dem Himmel sei Dank, Sire, daß wir Euch gefunden haben! Wir haben Eure Majestät mindestens eine halbe Stunde gesucht und fürchteten schon, Euch sei ein Unfall zugestoßen.«
Der Fremde lachte. »Ihr seid zu besorgt um mich, Chevalier. Hat ein König nicht das Recht, einmal allein zu sein, wenn es ihn danach verlangt?«
Sire ... Eure Majestät...? Isabell stockte der Atem. Sie preßte beide Hände gegen die Schläfen. Der Mann im grünen Tuchrock war der König!
3
Liselotte von der Pfalz saß in einem kleinen, mit apfelgrünen Seidentapeten ausgeschlagenen Kabinett. Vor ihr lag ein angefangener Brief an Carl Ludwig, den Raugrafen von der Pfalz, ihren Halbbruder. Liselotte war allen Kindern ihres Vaters aus seiner zweiten Ehe zugetan, aber Carllutz – wie der junge Raugraf allgemein genannt wurde – liebte sie am meisten. Es bedrückte sie, daß er und seine Schwestern seit dem Tode des Vaters in ziemlich dürftigen Verhältnissen lebten, und sie hatte deshalb in Straßburg auch mit ihrer Mutter über dieses Problem gesprochen.
Davon berichtete Liselotte jetzt Carllutz. Hurtig kratzte ihre Feder über das Papier.
›... Ihro Gnaden, die Kurfürstin, meine Frau Mutter, ist gar nicht verbittert gegen Euch. Sie hat mir gesagt, daß sie Eure Geschwister alle liebhat... Ich habe mein Bestes getan, um Euch bei meiner Frau Mutter zu rekommandieren, ihr auch gesagt, daß sie mir den größten Gefallen von der Welt erweisen würde, sich Eurer anzunehmen ...‹
Liselotte brach ab, als sie eilige Schritte im Vorsaal hörte. Es klopfte.
Die Herzogin wußte sofort, daß Isabell draußen stand. Niemand sonst am französischen Hof pflegte an die Tür zu klopfen. Man kratzte nur mit dem Fingernagel an das Holz, um sich bemerkbar zu machen.
»Komm herein, Isabell!« rief die Herzogin.
Das Mädchen riß die Tür auf und schloß sie sofort wieder hinter sich. Es war blaß und atemlos. »Ihro Gnaden ... Mein Gott, ich bin noch ganz durcheinander! Der König ... Ich bin dem König im Park begegnet und ...«
»Was – und?« Liselotte steckte den Federkiel in das Tintenfaß. »Warum sprichst du nicht weiter?«
Isabell erzählte, was sich zugetragen hatte. Nur, daß der König sie am Ende geküßt und sie ihm deshalb Ohrfeigen angedroht hatte, verschwieg sie. Sie hatte auf einmal das Empfinden, noch einmal die Berührung der weichen, warmen Männerlippen zu spüren. Ein kleiner Schauer überlief Isabell, und unwillkürlich hob sie die Hand zum Mund, als könne sie mit dieser kleinen Geste auch die Erinnerung an jenen Kuß fortwischen.
»Er war abscheulich hinterlistig, Euer vielgeliebter König!« sagte Isabell heftig. »Er hat mich dazu ermuntert, meine Meinung zu sagen, und insgeheim bestimmt darüber gelacht, daß ich ihm auf den Leim gegangen bin. Glaubt Ihr, daß er nun von Euch verlangen wird, mich fortzuschicken?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Liselotte ehrlich. »Man kann bei dem König nie voraussagen, was er tun wird. Nun, heute abend ist appartement. Da werde ich hoffentlich Gelegenheit finden, mit Seiner Majestät zu sprechen.«
Appartements waren die festlichen Abendgesellschaften, die Ludwig XIV. dreimal in der Woche gab. Er war noch nicht anwesend, als Liselotte und Philipp von Orléans die prachtvolle Flucht der sieben Empfangsräume betraten, die zur königlichen Wohnung gehörten. Im Hintergrund erklangen Geigen und Cembalos. Lakaien in blau-silberner Livree reichten Wein und erlesene Lekkerbissen; um die Spieltische drängten sich die Damen und Kavaliere des Hofes.
Königin Maria Theresia winkte Philipp an ihre Seite. An ihrem Tisch wurde Hocca gespielt. Die Goldlouis häuften sich auf der mit kostbaren Intarsien ausgelegten Platte.
Liselotte ging eine Weile ziellos durch die großen Räume, grüßte hierhin und dorthin, bis sie in einer Fensternische des Dianasaals den Dauphin mit seiner Gemahlin und die Marquise von Montespan entdeckte.
Die Maitresse en titre Ludwigs sah wunderschön aus an diesem Abend. Das Kerzenlicht schmeichelte ihrem Teint und verdeckte die Spuren des beginnenden Alters. Sie trug das volle, goldblonde Haar in unzählige kleine Löckchen frisiert und mit einem Samtband zurückgehalten. Ihre Robe war aus französischer Spitze und mit Perlen bestickt.
Die Montespan war lebhaft und heiter wie meist, aber auf dem Grunde iher Augen entdeckte Liselotte eine dunkle Unruhe, die sich in sprühenden Zorn wandelte, als kurz darauf der König erschien. An seiner Seite ging Madame de Maintenon.
Die Witwe des Komödiendichters Scarron, die die Kinder des Königs mit der Montespan erzogen und erst kürzlich von Ludwig den Titel einer Marquise verliehen bekommen hatte, trug, wie immer, keinen Schmuck außer dem großen brillantenbesetzten Kreuz, das an einer Perlenkette von vollendeter Schönheit hing.
Liselotte hörte, wie Athénais von Montespan den Atem kurz und heftig ausstieß. Sie drehte sich zu der Marquise um und sah, daß sie Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten. Impulsiv legte Liselotte ihr die Hand auf den Arm. »Nehmt Euch um Gottes willen zusammen, Madame! Der König verabscheut Tränen und Vorwürfe.«
»Er war also wieder bei ihr«, murmelte die Montespan mit zusammengebissenen Zähnen. »Fast jeden Tag unterhält er sich stundenlang mit ihr. Und ich sehe ihn kaum noch! Madame, könnt Ihr mir erklären, was er an ihr findet?«
Das konnte Liselotte allerdings nicht. Madame de Maintenon war drei Jahre älter als Ludwig. Sie hatte eine lange Nase und ein etwas zu großes, energisches Kinn. Wirklich schön an ihr waren nur die großen, dunklen Augen und die Anmut ihrer Bewegungen.
Liselotte mochte Françoise de Maintenon nicht. Ihre Frömmigkeit hielt sie für Heuchelei, ihre zur Schau getragene Tugendhaftigkeit für den Deckmantel, unter dem sie längst des Königs Geliebte geworden war.
»Es ist empörend«, sagte sie leise zu Athénais. »Ihr habt diese Person an den Hof gebracht, Ihr habt ihr tausend Wohltaten erwiesen, und nun vergilt sie Euch dies alles so übel. Aber seid getrost, eines Tages wird der König einsehen, daß die Maintenon sein Wohlwollen nie verdient hat.«
Athénais von Montespan biß die Zähne aufeinander. Ich muß etwas unternehmen, dachte sie. Es wird Zeit, daß ich wieder einmal Madame Filastre besuche ... Mag sein, daß sie noch einen von ihren vortrefflichen Liebestränken hat.
Wenn irgend jemand Liselotte gesagt hätte, die Marquise von Montespan bediene sich schon seit Jahren allerlei Zaubermittel und besuche sogar Schwarze Messen, um den König an sich zu fesseln, sie hätte ihn empört einen Lügner genannt. Liselotte war viel zu arglos und gradlinig, um zu durchschauen, wer die hübsche, goldblonde Athénais de Montespan, die so hinreißend zu lachen und so geistreich zu plaudern wußte, wirklich war.
Irgend jemand hatte sie früher einmal den ›schönsten Körper Frankreichs‹ genannt. Aber zu diesem Körper gehörte ein Kopf, der von Habgier und skrupellosem Ehrgeiz beherrscht war. Athénais’ ganzes Denken und Streben drehten sich nur um Geld, Schmuck, Kleider und Macht. Und jetzt kämpfte sie wie eine Tigerin darum, den Platz als königliche Favoritin zu behalten, der durch Madame de Maintenon bedroht war.
Als der König durch das Spalier der Prinzen, Herzöge und ihrer Damen auf den Billardtisch zuschritt, der im Dianasaal aufgestellt war, zwang sich Athénais zu einem Lächeln und verneigte sich tief.
»Ah, unsere liebe Marquise de Montespan«, sagte Ludwig obenhin, »reizend wie immer!« Dann wandte er sich an Liselotte, und sein Ton wurde um vieles herzlicher. »Ich hoffe, Madame, Ihr werdet mir nachher die Freude machen, an meinem Tisch eine Partie vingt-et-un zu spielen. Übrigens habt Ihr heute eine besonders aparte Frisur. Ist sie das Werk Eurer neuen Kammerzofe?«
»Ja, Sire ... Sie ist noch jung, aber recht anstellig«, antwortete Liselotte verlegen.
Ein kleiner, amüsierter Funke blitzte in des Königs Augen auf. »Und ein rasches Mundwerk hat sie auch. Sagt ihr, sie solle es in Zukunft vor Fremden ein wenig im Zaum halten. Nicht jeder ist so verschwiegen wie der, dem sie heute begegnet ist.« Er zog den Hut, wie er es vor jeder Dame tat, und erwies Liselotte eine leichte Reverenz. Dann wandte er sich der Dauphine Maria Anna zu. »Erlaubt, Madame, daß ich Euch Eurem Gemahl für eine kleine Weile entführe. Er ist mir noch Revanche beim Billard schuldig.«
Der Hof hielt sich nicht lange in Versailles auf. Ende Januar 1682 übersiedelte der König wieder nach Paris, und hier traf Isabell ihn zum zweitenmal. Es war während eines Balles im Palais Royal, dem Stadtschloß des Herzogs von Orléans.
Liselotte tanzte gerade mit dem König ein Menuett, als man ihr die Nachricht überbrachte, ihre Tochter Elisabeth Charlotte sei plötzlich von einem heftigen Fieber befallen worden.
Der König, der Kinder sehr liebte und der kleinen Mademoiselle von Orléans besonders zugetan war, begleitete Liselotte ins Kinderzimmer.
Die fünfjährige Elisabeth Charlotte lag mit feuerrotem Gesichtchen und schweißnassem Haar in ihrem Himmelbett. Sie klagte über Bauchschmerzen, und Liselotte, die ihre Tochter kannte, vermutete sehr richtig, daß sich die Kleine an zuviel Süßigkeiten den Magen verdorben hatte.
Madame de Grancey, die schon vor Liselotte im Kinderzimmer erschienen war, meinte, man müsse unbedingt einen Arzt holen, der dem Kind Klistiere und Brechmittel eingeben solle. Aber Liselotte winkte energisch ab. Sie hatte nie vergessen, daß ihr erstgeborener Sohn Alexandre Louis an einer solchen Behandlung gestorben war. Bei fast jeder Krankheit verordneten die Ärzte Aderlässe und Abführmittel, bis die ohnehin geschwächten Patienten an völliger Entkräftung starben.
›Kein Kind ist hier vor ihnen sicher‹, hatte Liselotte einmal an ihre Tante, die Herzogin Sophie von Braunschweig-Lüneburg, geschrieben. ›Allein schon fünf von der Königin haben die Herren Doctores in die andere Welt geschickt.‹
Nein, solange sie es verhindern konnte, kam kein Arzt an ihre kleine Tochter heran, auch wenn der König, der sehr viel von der medizinischen Fakultät hielt, ein etwas verärgertes Gesicht machte.
Liselotte lächelte ihn verzeihungheischend an. »Glaubt mir, Sire, Mademoiselle von Orléans fehlt nichts Ernstliches. Sie hat sich mit allerhand Leckereien vollgestopft, und die rumoren jetzt in ihrem Bauch. Alles, was sie braucht, ist ein schmerzlindernder Kräutertee und eine ordentliche Schwitzpackung. Das vertreibt das Fieber.«
Sie verlangte nach angewärmten Tüchern und gab Anweisung, den Tee zuzubereiten. Der König redete währenddessen leise und tröstend auf die kleine Elisabeth Charlotte ein. Er versprach ihr eine Spazierfahrt in seiner Karosse, sobald sie wieder gesund sei, und empfahl Liselotte, noch eine Weile bei dem Kind zu bleiben. »Wenigstens, bis es eingeschlafen ist, Madame. Ich werde inzwischen Monsieur über das Befinden seiner Tochter beruhigen.«
Zwei Diener mit flackernden Windlichtern begleiteten den König über Korridore und Treppen in die Gesellschaftsräume. Auf der Galerie, die sich um den großen Ballsaal zog und an deren Ende eine breite Marmortreppe mit vergoldetem Geländer hinunterführte, blieben sie zurück. Hier war es taghell vom Schein der vielen hundert Kerzen, die in großen Kandelabern brannten und deren Licht die bis zum Boden reichenden Spiegel funkelnd reflektierten.
An der Balustrade, im Schatten von zwei Säulen, stand ein Mädchen und spähte hinunter in den Saal: Isabell. Sie war so in den Anblick der tanzenden Paare vertieft, daß sie erst herumfuhr, als jemand ihre Schulter berührte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie den König erkannte. »Sire ...«
Ludwig deutete in den Saal hinunter. »Das gefällt Ihr wohl, Mademoiselle?«
Sie nickte zögernd. »Es ist sehr prächtig – aber auch ein wenig verwirrend. So viele Menschen! Madame hat erzählt, es seien über sechshundert. Ich verstehe nicht, wie man all die Namen und Gesichter im Kopf behalten kann.«
»Es ist ein bißchen schwierig. Aber im Lauf der Zeit gewöhnt man sich daran.« Ludwig betrachtete Isabell und fand, daß sie noch reizender aussah, als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sein Blick wanderte tiefer, über den schmalen Hals, die feste junge Brust, die das enge Mieder ihres Kleides deutlich abzeichnete, die schmale Taille. Wirklich, sie war bezaubernd!
Keine jener überzüchteten Geschöpfe, wie sie im Treibhausklima des Hofes gediehen, aber auch keine Bauernmagd mit drallen Hüften und groben Händen. Sie war gesund und frisch und voller Unschuld, und gleichzeitig von einer verführerischen Weiblichkeit.
»Wie heißt Sie eigentlich?« fragte Ludwig.
»Isabell, Sire«, antwortete das Mädchen. Es war plötzlich eine sonderbare Gespanntheit zwischen ihnen. Isabell atmete rascher. Seit jener ersten. Begegnung in Versailles hatte sie mit den widerstreitendsten Empfindungen an den König gedacht.
Durch seine mittelbare Schuld waren ihr Bruder und ihr Vater gestorben. Er war ein Tyrann, dessen beispiellose Verschwendungssucht das Volk ausbeutete, ihm immer neue, immer rücksichtslosere Steuern aufzwang. In den Webereien von Reims, den Gobelinmanufakturen von Paris arbeiteten Frauen und Kinder sechzehn Stunden am Tag – und all das für diesen König, für neue Armeen, für neue Schlösser, für noch mehr Macht.
Aber dieser König, dessen Namen unzählige verfluchten und fürchteten, war vor allem anderen ein Mann, dessen Faszination sich keiner entziehen konnte, der ihm einmal begegnet war.
»Isabell«, wiederholte Ludwig leise, »das ist ein hübscher Name für eine hübsche kleine Rebellin ...«
Isabell schluckte. »Sire, ich muß Euch noch um Verzeihung bitten. Hätte ich neulich gewußt, wer Ihr seid ...«
Er unterbrach sie mit einem Lachen. »Ich höre sehr viele Schmeicheleien. Darum lege ich es manchmal darauf an, daß man mir Grobheiten sagt. Sie hätte also dem König von Frankreich nicht mit Ohrfeigen gedroht, wenn er Sie hätte weiterküssen wollen?«
»Nein«, gestand Isabell zögernd.
Er nahm eine Locke ihres langen, seidigen Haares und wickelte sie sich um den Finger. »Das ist zwar kein Kompliment für den Mann, der Sie geküßt hat, aber immerhin! Vielleicht erinnere ich Sie einmal an dieses Versprechen.«
Isabell senkte den Blick. »Müßt Ihr nicht auf den Ball zurück, Sire?«
Er seufzte. »Eigentlich ja. Aber ich würde viel lieber mit Ihr tanzen!«
Sie mußte lachen. »Aber ich kann das doch gar nicht! Jedenfalls nicht diese höfischen Tänze. Was ist das, was die Musikanten gerade spielen? Ein Menuett?«
»Nein, eine Gavotte.«
Eine Weile schaute Isabell in den Saal hinunter. »Es sieht sehr hübsch aus. Aber es ist gewiß schwer, all diese Schritte und Figuren zu erlernen.«
»Sie würden es bestimmt rasch begreifen. Möchten Sie es einmal versuchen?«
»Ich, Sire? Aber das ist doch unmöglich! Ich kann doch nicht hier ...«
Ludwig lächelte. »Hier nicht. Aber wenn Sie sich mir anvertrauen will ...« Er nahm ihren Arm und führte sie rasch ans Ende der Galerie. Dort öffnete er eine Tür und schlug die Samtportieren zurück. Der Raum dahinter war von ein paar Kerzen in silbernen Wandleuchtern matt erhellt. An den Wänden standen Sofas und niedrige Taburetts.
»Hier können sich die Damen ausruhen, wenn sie ein wenig ermüdet sind«, erklärte der König und schloß die Tür. Die Musik war noch deutlich zu hören. Er verneigte sich mit ein wenig ironischer Grandezza. »Mademoiselle, wollt Ihr mir die Ehre erweisen?« Es war herrlich und verrückt zugleich – wie ein Traum, über den man beim Erwachen den Kopf schüttelt. Der König erklärte Isabell die Schritte, die sie zu tun hatte, führte sie an der Hand und summte zwischendurch leise die Melodie mit. Tanzend entfernten sie sich voneinander, schritten wieder aufeinander zu, berührten sich an den Händen, verbeugten sich. Es war wie ein Lokken und Sichversagen, ein Fliehen und Zueinander-hingezogen-Werden.
Als die Gavotte zu Ende war, nahm der König Isabell in die Arme. Und diesmal wehrte sie sich nicht. Sie gestand sich ein, daß sie das gewollt hatte. Seine Lippen auf ihrer Haut, seine Hände, die zärtlich und erfahren zugleich waren und deren Berührung kleine Schauer der Erregung über ihren Körper jagten.
Das, was sie jetzt empfand, war nicht die Liebe, von der sie geträumt hatte! Es war anders, dunkler, schwerer – ein Verlangen, vor dessen Heftigkeit sie selbst erschrak. Ihre Lippen öffneten sich unter Ludwigs Kuß, ihr Kopf sank zurück.
Aber in diesem Moment tauchten Bilder hinter ihren geschlossenen Augenlidern auf, die sich für immer in ihre Netzhaut eingebrannt hatten: die kniende, verzweifelte Menschenmenge vor dem Straßburger Münster... Ihr Vater, den die Soldaten fortführten ... Ihr Bruder, den man mit einer Kugel in der Brust nach Hause gebracht hatte ... Ludwig spürte, wie Isabells Körper in plötzlicher Abwehr erstarrte. Er hob den Kopf und schaute in ihr jäh erblaßtes Gesicht. »Bitte, Sire«, sagte sie leise, »laßt mich gehen. Ich ... ich kann nicht. Es ist unmöglich.«
Er gab sie sofort frei. Erst an der Tür hielt er sie mit einer Frage zurück. »Sag mir nur eines, Isabell: Wen hast du jetzt zurückgewiesen – den Mann oder den König?«
Für einen Moment schaute sie ihn voll an, sein edelgeschnittenes Gesicht, die blauen, leuchtenden Augen. »Den König«, antwortete Isabell dann leise, ehe sie rasch hinausging.
4
Rötlicher Flammenschein zuckte über die mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Wände, malte zitternde Kringel auf den spiegelnden Marmorboden, der mit seltsamen Ornamenten und Schriftzeichen rings um das sternförmige Podest bedeckt war. Das Feuer brannte in einem großen, silberschimmernden Becken. Eine Frau neigte sich darüber. Auch sie war ganz in Schwarz gekleidet. Auf dem Kopf trug sie einen Goldreif mit dem Zeichen der Pharao-Schlange.
Die Augen der Frau waren starr, mit sonderbar geweiteten Pupillen. Murmelnd bewegte sie die Lippen. Dann schwoll ihre Stimme zu einem monotonen Singsang an.
In einiger Entfernung stand Athénais de Montespan. Mit einer Mischung von Grauen und Faszination verfolgte sie die Szene.
Es war nicht leicht gewesen, Madame Filastre zu überreden, noch einmal eines ihrer Zaubermittel zuzubereiten, das die Liebe des Königs zu seiner Maitresse wieder wecken sollte. Es war gefährlich geworden, das Gewerbe der Filastre auszuüben. Seit fast drei Jahren ging eine Verhaftungswelle durch Frankreich. Die Kerker füllten sich mit Männern und Frauen, die sich der Schwarzen Magie verschrieben hatten. Aus Angst vor der Folter oder um den eigenen Kopf zu retten, verriet einer den anderen, und Madame Filastre zitterte vor dem Augenblick, an dem man auch sie ins Gefängnis werfen würde.
Aber vielleicht war es gerade dann gut, eine einflußreiche Beschützerin wie die Montespan zu haben! Diese Überlegung und ein praller Beutel Goldlouis hatten die Filastre schließlich bewogen, die Bitte der Marquise zu erfüllen.
Das Feuer in der Schale war allmählich niedergebrannt. Madame Filastre wandte sich ab und entnahm einem irdenen Tiegel eine Handvoll Kräuter, die sie auf die Glut warf. Weißer Rauch stieg auf, der einen scharfen, betäubenden Geruch verbreitete. Die Gestalt der Filastre verschwand dahinter. Nur undeutlich sah Athénais, wie die Hexe die Arme hob. In den Händen hielt sie eine grünlich schimmernde Phiole. Wieder begann sie mit ihren Beschwörungsformeln, in denen mehrmals der Name der Montespan und des Königs fiel.
Eine halbe Stunde später verließ Athénais de Montespan das Haus der Madame Filastre. Ein paar Gassen weiter wartete ihr Wagen. »Nach Paris zurück«, befahl Athénais dem Kutscher und lehnte sich aufatmend in die Polster zurück. In einem kleinen Beutel auf der Brust trug sie die Phiole mit dem Liebestrank.
Die Zimmer, die Athénais im Louvre bewohnte, lagen neben denen des Königs.
Es war an einem trüben, regnerischen Februarabend, als Ludwig allein im Salon der Montespan saß. Der König sah müde aus.
Erst gegen Mittag war er von der Jagd in Fontainebleau zurückgekehrt. Nach dem Essen hatte er eine lange, ermüdende Besprechung mit seinem Kriegsminister Louvois abgehalten. Danach hatte sich Ludwig eigentlich für eine Ruhestunde zurückziehen wollen, aber die sonderbare Unrast, die ihn gefangenhielt, hatte ihn schließlich doch hierher, zu Athénais de Montespan getrieben.
Ludwig war ein Mann zwischen zwei Feuern. Seit langem schon versuchte Madame de Maintenon, ihn von Athénais zu trennen. Doch nicht – wie fast jeder am französischen Hof vermutete –, um selbst seine Maitresse zu werden, sondern um den König zu einem frommen Lebenswandel zu bekehren. Das, was ihm Françoise de Maintenon über die Todsünde des Ehebruches gesagt hatte, war nicht spurlos an Ludwig vorübergegangen. Aber Athénais war seit fast fünfzehn Jahren seine Geliebte. Er haßte die Szenen, die sie ihm neuerdings machte, dennoch hatte er sich noch nicht so völlig von ihr gelöst, wie Madame de Maintenon es wünschte. Von ihr nicht – und von dem Gedanken an eine andere nicht!
Ludwig stand auf und wanderte unruhig auf und ab.
Als er Isabell an jenem Ballabend im Palais Royal wiedergesehen hatte, hatte er ein kleines galantes Abenteuer gesucht, weiter nichts. Doch dann hatte sie sich ihm versagt, obwohl er genau gespürt hatte, daß ihr Verlangen in seinen Armen wach geworden war.
Ludwig begriff den Grund ihrer Weigerung – und er achtete ihn sogar. Isabell besaß Mut und Stolz. Und außerdem noch eine in des Königs Augen große Tugend: Sie war aufrichtig. Wer war das schon an seinem Hof – außer Madame Liselotte vielleicht!
Der König lächelte. Er hatte viele Frauen in seinem Leben gehabt, und gerade deshalb war ihm klar, welch seltene Kostbarkeit ihm in Isabell begegnet war. Mit Kostbarkeiten aber ging man behutsam um.
Ich will sie wiedersehen, dachte er. Und ich will ihr und mir Zeit lassen. Sie ist zu schade für den flüchtigen Rausch rasch gestillter Begierde.
Er hielt in seiner Wanderung inne, als die Tür geöffnet wurde. Athénais kam herein, sorgfältig frisiert, ein Schönheitspflästerchen auf der gepuderten Wange.
»Sire, ich bitte um Vergebung, daß ich Euch warten ließ. Aber ich war Eures Besuches nicht gewärtig und mußte mich erst umkleiden. Es ist selten geworden, daß der König zu mir kommt.«
Ihr vorwurfsvoller Ton reizte Ludwig sofort. Er war hierhergekommen – halb aus alter Anhänglichkeit für die Frau, die so lange seine Nächte geteilt hatte, halb, weil er gehofft hatte, eine Stunde bei Athénais werde ihn heiterer und ausgeglichener stimmen. Sie konnte sehr witzig sein, wenn sie wollte; wie oft hatten sie früher miteinander gelacht.
»Laßt das doch, Madame«, sagte Ludwig ungehalten. »Meiner Meinung nach habt Ihr keinen Grund, Euch über mich zu beklagen.«
»Wirklich nicht? Nun, dann wollen wir auch nicht mehr davon reden. Ihr seid hier, und ich will mich daran freuen. Darf ich Euch Wein anbieten und ein wenig Konfekt?«
Ihr Stimmungsumschwung erleichterte ihn. Er sah ihr nach, wie sie eine Schale mit Zuckefwerk auf den Marmortisch stellte und dann hinausging, um den Wein zu holen. Zweifellos war sie noch immer schön, aber in diesem Augenblick erkannte Ludwig, daß sie ihre Macht über ihn verloren hatte.
Aber nicht Madame de Maintenons Vorhaltungen hatten das bewirkt, sondern ein Mädchen mit braunem Haar und bernsteinfarbenen Augen. Ein Mädchen, das jung und fröhlich war und ihm, dem reifen Mann, ein Stück der eigenen verlorenen Jugend zurückgeben konnte.
Athénais kam zurück. Sie trug ein Tablett mit einer Kristallkaraffe und zwei Gläsern, die sie schon mit Wein gefüllt hatte.
Ludwig nahm das Glas, das sie ihm reichte. Er war durstig und leerte es in vollen Zügen. Die Marquise beobachtete ihn lauernd. Als er den Kelch zurückstellte, blitzte flüchtiger Triumph in ihren blauen Augen auf. Dann setzte sie sich neben Ludwig und nahm seine Hand.
Sie war plötzlich von forcierter Lustigkeit, redete von allem möglichen und lachte viel. Der König hörte ihr zerstreut zu. Er verspürte plötzlich eine eigenartige dumpfe Benommenheit im Kopf. Athénais’ Stimme tat ihm in den Ohren weh, ihm wurde übel.
Mühsam stand er auf. »Es ist sehr warm hier. Ich werde das Fenster öffnen.«
Er machte ein paar taumelnde Schritte. Dann war ihm, als explodiere in seinem Kopf ein greller Blitz. Aufstöhnend griff er sich an die Schläfen. Er hörte noch, wie Athénais aufschrie, ehe er zu Boden stürzte.
Als Ludwig wieder zu sich kam, lag er auf dem Bett der Montespan. Sein Kammerdiener Bontemps und Dr. Fagon, der königliche Leibarzt, beugten sich über ihn. Athénais stand im Hintergrund, mit schreckensblassem Gesicht, die Hände ineinander verkrampft.
Fagon fühlte Ludwig den Puls und zog ihm prüfend die Augenlider hoch. »Was ist geschehen?« fragte der König mit matter Stimme.
»Eine plötzliche Schwäche, Sire«, erwiderte Fagon. »Vielleicht hervorgerufen durch eine Reizung der Gallenblase. Ich empfehle ...«
Er verstummte, weil sich Ludwig im Bett aufsetzte. Grauenvolle Übelkeit überkam ihn. Bontemps reichte ihm rasch eine Schale und stützte den König, der sich würgend erbrach. Danach fühlte sich Ludwig etwas besser. Er sank in die Kissen zurück, während ihm der Kammerdiener das Gesicht mit parfümiertem Wasser abwusch.
Ludwigs Blick suchte die Montespan. »Ich möchte einen Augenblick mit der Marquise allein sein.« Er wartete, bis Bontemps und Fagon hinter der Tür verschwunden waren. Dann winkte er Athénais heran.
»Seht mich an, meine teure Marquise. Und jetzt sagt mir die Wahrheit: Habt Ihr mich vergiften wollen?«
»Ludwig!« Sie griff nach seinen Händen. »Mein Gott, wie könnt Ihr nur so etwas Entsetzliches glauben!«
»Was war es dann, das Ihr mir in den Wein getan habt? Irgendein Zaubermittel?« Er sah den Schrecken in ihren Augen und wußte, daß er auf der richtigen Fährte war. »Es ist also wahr«, sagte er leise. »De La Reynie hat mich gewarnt, aber ich habe nicht auf ihn gehört. Wißt Ihr, daß ich alle Vernehmungsprotokolle verbrannt habe, in denen Euer Name vorkam?«
Nicolas Gariel de La Reynie war der Polizeioffizier von Paris. Er leitete die Untersuchungen gegen die in Haft genommenen Wahrsagerinnen, Hexen und Giftmischerinnen. Nach ihren Aussagen hatte Madame de Montespan in den letzten Jahren mindestens sechsmal an einer Schwarzen Messe teilgenommen und allerlei Zaubermittel und Liebestränke angewandt, um den König an sich zu fesseln. An letzterem zweifelte Ludwig nicht mehr. Er erinnerte sich, daß er häufig, nachdem er bei Athénais gewesen war, an abscheulichen Kopfschmerzen, Depressionen und Schwindelanfällen gelitten hatte – vermutlich eine Begleiterscheinung der Mittel, die sie ihm heimlich eingegeben hatte. Trotzdem hatte er sich schützend vor die Montespan gestellt. Er fürchtete den Skandal und wollte nicht, daß die Frau, die ihm vier Kinder geboren hatte, vor Gericht gestellt wurde. Athénais’ Lippen zitterten. Unbändige Wut auf die Filastre erfüllte sie. Was hatte die alte Hexe in den Trank getan, den sie ihr für den König mitgegeben hatte?
Trotzdem war die Marquise weit davon entfernt, irgend etwas zuzugeben. »Euer de La Reynie hat mich seit jeher gehaßt«, sagte sie heftig. »Und von Euch ist es nicht recht, daß Ihr den Lügen solchen Gesindels glaubt, wie es entlaufene Priester und Giftmischerinnen sind!«
Der König gab keine Antwort darauf. Er schwieg lange. Dann bat er: »Ruft Bontemps herein. Ich möchte in mein Bett gebracht werden. Und, Madame, es ist wohl in Eurem eigenen Interesse, daß von diesem Zwischenfall nichts bekannt wird.«
Athénais atmete auf. Der König ließ die Angelegenheit auf sich beruhen. Das bedeutete, daß sie gerettet war.
Später, als Ludwig in seinem eigenen weiß-goldenen Bett lag, dachte er über Athénais nach. Sonderbarerweise empfand er keinen Zorn auf sie, nur eine müde Gleichgültigkeit. Sie hatte auf ihre Art gekämpft – und verloren. Offiziell mochte sie seine Maitresse en titre bleiben; die La Vallière war es auch noch viele Jahre lang dem Namen nach gewesen, um die Beziehungen des Königs zur Montespan zu verschleiern. Jetzt mochte Athénais die gleiche Rolle bei ihm und Isabell spielen.
Isabell – immer wieder Isabell!
Ludwig gestand es sich ein: Es war lange her, daß er sich so sehnlichst gewünscht hatte, nicht nur den Körper einer Frau zu besitzen, sondern auch ihre Seele. Zum Teufel mit den Ermahnungen Françoise de Maintenons! Er war noch nicht alt genug, um allein in den lustlosen Umarmungen der Königin Genüge zu finden.
Françoise verstand das nicht. Als blutjunges Mädchen hatte man sie vor die Wahl gestellt, entweder in ein Kloster zu gehen oder den viel älteren, gelähmten Scarron zu heiraten, der sie mit Sicherheit in den Jahren ihrer Ehe nicht berührt hatte. Danach hatte sie in völliger Zurückgezogenheit gelebt, in recht dürftigen Verhältnissen, bis Athénais sie als Erzieherin ihrer Kinder an den Hof gebracht hatte. Arme Françoise! Ludwig war ihr aufrichtig zugetan, aber er konnte und wollte ihretwegen auf Isabell nicht verzichten.
Ich will sie oft um mich haben, dachte er. Wir werden lange Gespräche miteinander führen, damit sie mich besser kennenlernt. Mich, den Menschen, und nicht den König.
Freilich war das nicht möglich, solange Isabell Kammerzofe bei der Herzogin von Orléans war. Oder sollte der König von Frankreich wie ein verliebter Page vor ›Madames‹ Zimmern warten, bis Isabell für eine Weile herauskam? Nein, sie mußte Zutritt zum Hof erlangen – und der einfachste Weg dazu war eine adlige Heirat.
In Gedanken ließ Ludwig die Kavaliere seiner Umgebung, die noch unvermählt waren, Revue passieren. Er kannte die Ehrgeizigen, die einer solchen Scheinehe um ihres persönlichen Vorteils willen sofort zustimmen würden. Lakaienseelen, die ihre Gesinnung für ein Lächeln von ihm verkauften. Einem solchen Menschen verpflichtet zu sein, widerstrebte dem König. Aber wer blieb dann noch übrig?
Ein Gesicht tauchte vor ihm auf, schmal und kühn, große, dunkle Augen mit einem offenen, freien Blick: Graf Henry de Montfort.
1676 war es gewesen, bei der Belagerung von Heurtebise. Bei einem Scharmützel mit den Soldaten Wilhelm von Oraniens war Ludwig in arge Bedrängnis geraten. Man hatte ihm das Pferd unter dem Leib weggeschossen. Ludwig war von den Seinen abgedrängt worden, und hatte mit dem Säbel in der Faust um sein Leben gekämpft. Da hatte sich Henry de Montfort zu ihm durchgeschlagen und ihn aus der tödlichen Gefahr befreit. Als Ludwig ihm später dafür danken wollte, hatte er geantwortet: ›Ihr seid mein König, Sire, ich habe nur getan, was meine Pflicht war.‹
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