Читать книгу: «Tödliche Flaschenpost & Tausend Träume»

Шрифт:

1. Auflage April 2014

©2014 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-25-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Susanne Limbach

Tausend Träume

&

Tödliche Flaschenpost

© 2014


Die handelnden Personen und ihre Schicksale sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

1. Auflage Mai 2014

©2014 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-gmbh.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-20-7

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhalt

Vorwort Tausend Träume

Gefühl

Glück auf

Sternenbild

Loslassen

Stimmen im Wind

Das Mädchen auf der Treppe

Das geheime Leben der Worte

Erinnerungen zu Besuch

Tausend Träume

Winternostalgie

Die Schatzsucherin

Cosimo

Die geheime Linde

Vorwort Tödliche Flaschenpost

Die Fremde in mir

Die Todesbotschaft

Morgentau

Tödliche Flaschenpost

Der Duft der Kaffeebohne

Heimatlos

Die Geliebte des Blanken Hans

Frauenabend

Tausend Träume

Das sind leise, zarte Geschichten mitten aus dem Leben. Sie erzählen von Liebe, Familie, Neuanfängen und dem Vergessen.

Gefühl

Ich schlage ein Bein über das andere, streiche dabei den hellgrauen Baumwollstoff über dem Schoß glatt und warte. Die Aura einer gut gespielten Eleganz umgibt mich und vorsichtig nippe ich an einem Coffee to go. Es könnte auch der Eindruck entstehen, der Pappbecher wäre ein Glas Champagner.

Heute Morgen habe ich es mir angezogen, habe mich richtig aufgedonnert, mit dem guten Gefühl. Habe eine ganze Zeit vor dem Spiegel verbracht, mich gedreht und gewendet, bis ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass es passt.

Es passt sogar richtig gut. Nichts rutscht oder kneift, es sitzt, als wäre es echt, als gehörte es immer zu mir.

Das gute Gefühl.

Charlotte, meine fast achtjährige Tochter, hat sich zum Mittagessen einen Möhreneintopf mit viiiel Butter gewünscht.

Ich habe noch genau dreieinhalb Stunden Zeit, dem Spiel seinen Lauf zu lassen, bevor sie aus der Schule kommt und ich das Essen fertig haben muss.

Dem Alltag will ich heute ein kleines Schnippchen schlagen.

Ich schüttle einen imaginären Lederbecher und lasse im Geiste die Würfel fallen, heute will ich einmal gewinnen, will eine taffe Frau sein. Eine, die sich nicht ständig fragt, warum gerade bei ihr die kostbaren Zeiten so schnell zu Ende gewesen waren. Die die unendlichen Konsequenzen nicht begreifen muss, und immer wieder versucht, ihnen an den Kragen zu gehen.

Die Atmosphäre des Flughafens hat mich sofort im Griff, sie drückt mich fest auf einen der Stühle in der Wartehalle. Hinter der großen Scheibe in meinem Rücken rangieren die Flugzeuge, heben ab und kommen wieder auf den Boden zurück. Die dröhnenden Motoren zaubern das Flair der Freiheit in die Luft. Ich möchte ein wenig abheben, denn auf den Boden der Tatsachen komme ich eh wieder zurück.

Die perfekte Location für das Spiel.

Ich blicke mich um und beobachte die wartenden Passagiere, die meine Mitspieler werden könnten. Sie sind noch nicht ganz in der Luft, aber bestimmt nicht mehr mit beiden Beinen auf dem Boden.

Mit meinem hellgrauen Kostüm habe ich vorhin das Vakuum des Alltags schon mal durchstoßen, ein paar Blicke, die mir der ein oder andere heimlich zugeworfen hat, konnte ich mir bereits im Geiste notieren. Normalerweise trage ich Jeans und

T-Shirt mit buntem Druck, damit falle ich nicht besonders auf. Ich hole mir einen zweiten Kaffee und bleibe kurz am Last-Minute-Schalter stehen, studiere die Angebote.

Ein Wochenende für zwei in Paris, das wäre doch mal was. Romantik gibt’s sogar gratis.

Das, was ich suche, ist aber nicht dabei.

Ich drehe meine schlanke Silhouette in den Spiegel. Eine fleischfarbene Miederhose, die ich unterm Rock trage, kaschiert meinen untrainierten, etwas schwabbeligen Bauch.

Habe ich schon einmal im Mondschein getanzt?

Ich halte meine Handtasche, in der ich ein Handy, ein Filofax aus Leder, ein Schminktäschchen, einen MP3-Stick und stilles Evian habe, elegant fest.

Dann schwebe ich, wie auf Wolken, zurück zu einem freien Stuhl, lasse mich dort nieder und blicke in meinen Spiegel, um das Make-up zu überprüfen.

„Entschuldigung“, ruft plötzlich jemand neben mir.

Herablassend schaue ich auf einen braun gelockten Hinterkopf, der genau neben meinem linken Schuh liegt.

„Ach Jooonas, pass doch auf.“

Eine junge Frau versucht gerade, den kleinen Jungen wieder vom Boden hochzuziehen, er war wohl über meine Schuhspitze gestolpert.

Ich lächle affektiert, klappe den Spiegel zu, das Gefühl sitzt an der richtigen Stelle, und eröffne das Spiel.

„Das macht doch nichts, meinem Schuh ist ja nichts passiert“, füge ich süffisant hinzu.

Jonas hat sich längst aufgerappelt, nicht einen Klecks seines Cornetto Erdbeer dabei verloren, fasziniert starrt er durch die große Scheibe, den Flugzeugen hinterher.

Die missbilligenden Blicke einiger Passagiere treffen die beiden wie lange, spitze Speere.

Die Würfel sind in meine Richtung gefallen.

„Die meisten Menschen haben kein Verständnis für ihn“, sagt sie, blickt sich peinlich berührt um und lächelt mich an.

„Ich bin froh, einmal Kinder in meiner Nähe zu haben, sonst habe ich es nur mit Erwachsenen zu tun, das ist auch ziemlich anstrengend, glauben Sie mir.“

Ich hole, wie selbstverständlich, meinen Filofax aus der Handtasche, kritzle Termine hinein, wichtig und unaufschiebbar.

„Das stimmt. Darf ich fragen, ob Sie geschäftlich oder privat auf Reisen sind?“

Mir ist ihr bewundernder Blick nicht eine Sekunde lang entgangen, das Gefühl breitet sich bis in den großen Zeh aus. Bingo.

„Aber natürlich.“ Heimlich schiele ich auf die Anzeigentafel des nächsten Fluges.

Dortmund-London, elf Uhr dreißig.

„Ich treffe heute Abend meine Angestellte in London. Wir richten Häuser und Wohnungen in ganz Europa ein.“

Die junge Frau schaut schnell zu ihrem Sohn, dann setzt sie sich mir gegenüber. Neugier steht nun quer in ihrem Gesicht.

„Ich möchte schon mein ganzes Leben einmal nach England, die Landschaft muss einfach herrlich sein, nur einmal aus dem Alltag ausbrechen, hmm, ich beneide Sie.“

Eingebildet lächle ich, die Sechsen gehören mir.

„Ich komme sehr viel in der Welt herum, für mich ist das nichts Besonderes mehr. Aber für eine Familie bleibt da keine Zeit. Ich bin sowieso kein Familienmensch, ich könnte so ein langweiliges Leben nie führen. Ich muss mir stets den Wind um die Nase wehen lassen, daran habe ich schon als junges Mädchen gearbeitet, ich wusste schon immer, was ich aus meinem Leben machen wollte“, sage ich bestimmt und blicke ihr überlegen in die Augen, schlage selbstbewusst das andere Bein über, nippe an meinem Kaffee.

„Bevor Jonas geboren wurde, habe ich Schuhe verkauft. Mein Mann drängt mich förmlich dazu, wieder arbeiten zu gehen, Jonas in eine Kita zu bringen, aber ich möchte noch warten, bis er in den Kindergarten kommt.“

Sie blickt zu ihm hinüber, streift automatisch meine neuen Pumps, die sie sicher als den neuesten Trend erkennen wird. Dass diese mich wie verrückt an den großen Zehen drücken, sieht man ja nicht.

„Jonas hält mich ganz schön auf Trab, ich habe im Moment wirklich nur seine ganzen Termine im Kopf. Mein Mann hat gut reden, er ist SAP-Berater und fliegt ständig in der Welt herum. Ich habe das Kind, er die Karriere. Wir überraschen ihn heute, er müsste in der nächsten halben Stunde aus Berlin landen.“

Sie lächelt leise, der schöne Anblick trifft mich wie eine Keule mitten ins Gesicht, sie versucht ihren zerzausten Zopf zu richten, der Anblick wird katastrophal wunderbar, sie zupft an ihrem T-Shirt, ihr Gesicht schimmert perlmuttfarben, war das vorhin auch schon so?

Ich erstarre, weil ich das Glück erkenne, ich weiß sofort wieder, wie es aussieht. In echt aussieht.

Ich versuche es nicht so sehr anzustarren, mein gutes Gefühl lässt mich langsam im Stich, es wird unangenehm, drückt mir die Luft ab. Ich will noch schnell einen Joker würfeln und auch mal eine böse Miene zum guten Spiel machen.

„Tja, als Hausfrau und Mutter steht man eben am Rande der Gesellschaft. Pädagogisch wichtiges Spielzeug, das vitaminreichste Mittagessen, der beste Kindergarten und Secondhandshop. Dabei könnten Sie mir sicher Tipps geben.“

Ich sehe, wie ihr das Lächeln im Gesicht langsam einfriert und eine leichte Röte das Perlmutt verdrängt.

Der Joker grinst, die Würfel reihen sich wie ebenmäßige Zähne perfekt aneinander, bilden eine glänzende Gewinnerstraße. Wie eine Spritze, voll mit flüssigem Honig, kommt das Gefühl zurück, sie kann eben nicht mit mir mithalten.

„Jonas, Papa ist gerade gelandet, komm. Einen guten Flug wünsche ich Ihnen“, sagt sie trotzdem freundlich und zieht ihren, jetzt brüllenden Sohn, einfach hinter sich her.

Das Glück verschwindet, verzweifelt versuche ich mich an dem guten Gefühl von vorhin festzuhalten – vergeblich.

Heimliche Blicke streifen mich wieder, ich nippe an dem Rest Kaffee und fühle mich, als ob ich eine wichtige Rede halten müsste und vergessen hätte, mich zu schminken. Die Nähte der Verkleidung lösen sich unaufhaltsam auf, zerschleißen, fallen in kleinen Stücken an mir herab, ich friere, der Kaffee ist auch kalt geworden.

Das Spiel ist vorbei, ich habe keine Lust auf ein neues, dem Glück einer anderen möchte ich heute nicht noch einmal begegnen. Ich wende mich Richtung Ausgang, die Blicke perlen jetzt wie kühle Regentropfen von meiner Rüstung ab, denn mehr ist es ja nicht, nur eine Rüstung, um mich darunter zu verbergen.

Die Zeit wird knapp, trotzdem werde ich noch einen kleinen Umweg machen, bevor ich nach Hause fahre.

Die dunkelgrüne Vase steht, wie immer, an der gleichen Stelle.

Ich nehme die noch nicht verblühten Rosen heraus und bestücke sie mit vierzehn neuen.

Es sind immer die gleichen.

Vierzehn Rosen, für vierzehn Jahre Glück.

Eine lange Zeit starre ich auf das quadratische Fleckchen Erde, zupfe hier ein Büschel Unkraut heraus, streiche dort über den herzförmigen Stein.

„Charlotte lädt zehn Mädchen zu ihrem Geburtstag ein, obwohl ich nur mit acht einverstanden gewesen bin. Sie sagt, dass sie niemanden übergehen wolle, dass sie eben so viele Freundinnen habe. Kannst du dir das vorstellen, zehn Freundinnen ... unsere Kleine hat sich wirklich gemacht, sie verkriecht sich nicht mehr. Sie braucht keine Verkleidung, um einmal in ein anderes Gefühl zu schlüpfen, sie schafft das auch so, war immer die Stärkere von uns. Sieh doch mal, wie bescheuert ich aussehe.“

Eine Träne kitzelt meinen Mundwinkel, während ich mich einmal um die eigene Achse drehe.

„Dieses Mal war ich eine Innenarchitektin, die sich gerade auf den Weg nach England macht. Schatz, ich habe noch mal nachgesehen, ob es einen Last-minute-Flug zurück in unser gemeinsames Leben gibt ... wieder keiner dabei“, sage ich leise.

Ich küsse in Richtung des Grabsteines und gehe in mein altes Leben zurück.

Unterwegs ziehe ich die Pumps aus und laufe barfuß weiter.

Scheißspiel.

Glück auf

Am Ende des Tages wusste sie nicht einmal mehr, wie sie hierher gekommen war. Dunkle Schatten, Kälte, ein modriger Geruch umgaben sie. Auch wenn sie ihre abgetragene, längst um ein paar Nummern zu kleine Jacke bis zum Hals zuzog, wollte die Kälte mit eisigen Fingern nach ihr greifen.

Eine einsame Träne fiel auf ihre zerschlissene Jeans.

Paula wischte sich die nächste Träne energisch aus dem Auge, zog die Nase hoch und steckte den Kopf wieder zwischen ihre zitternden Knie. Wenn sich doch dieses blöde Leben auch einfach so wegwischen ließe!

Seit einer Stunde saß sie schon hier und fragte sich, wie sie aus alldem wieder herauskommen sollte.

Plötzlich hörte sie dieses schlurfende Geräusch in dem langen, schwarzen und unheimlichen Tunnel. Bestimmt eine fette Ratte, die hungrig durch die Gänge des stillgelegten Stollens kriecht, dachte sie. Vor diesen kleinen Tieren hatte sie keine Angst.

Warum suchst du dir keinen Job, verdammt noch mal? Du kannst dich nicht ewig besaufen und nur noch vor dem Fernseher hocken. Ich schufte mir hier die Hacken ab und nichts bleibt übrig. Mein Vater hat in der Zeche Minister Stein malocht, der hat sich nicht unterkriegen lassen, als sie dichtgemacht haben. Wir hatten auch nie viel, aber wir haben zusammengehalten. Wann habe ich mir zum letzten Mal ein paar Schuhe gekauft? Scheiße, warum willst du kein Malocher sein, warum nicht mal unter deiner Würde arbeiten, tu endlich was. Aber tu es, oder sollen wir ewig so weiter leben? Eine Führungsposition in der Chefetage muss es doch nicht sein, nicht für mich und schon gar nicht für Paula.

Immer wieder hörte Paula die Wörter, die ihre Mutter gesagt hatte. Sah den gequälten Ausdruck in den haselnussbraunen Augen ihres Vaters, die früher listig und unberechenbar gefunkelt hatten. Die eine Überlegenheit und Standhaftigkeit ausgestrahlt hatten, denen niemand etwas anhaben konnte. Bis zu dem Fehler, den er bei einem seiner Geschäfte gemacht und sich damit übernommen hatte.

Weswegen er ohne einen gewissen Alkoholpegel nicht mehr auskommen konnte.

Daraufhin hatte er angefangen mit anderen Dingen zu spielen. Im Casino Hohensyburg hatte er sein allerletztes Geld verspielt.

Davor hatte Paula Angst, vor der Hoffnungslosigkeit in den Augen ihrer Mutter und dem unausweichlichen und tödlichen Aufschlag ihres Vaters.

Wieder das gleiche Geräusch, Paula sprang auf und starrte in das schwarze Loch. Am liebsten wäre sie hinausgelaufen, aber wo sollte sie hingehen? Kein Mädchen in ihrer Klasse wollte etwas mit ihr zu tun haben. Paula besaß keine Markenjacken, kein Handy und erst recht keinen iPod. Sie konnte mit den anderen Kindern nicht mithalten. Wohnte seit einem Jahr in einem schäbigen Hochhaus in der Nordstadt, einem Hochhaus, das Paula wie ein stinkendes Ungeheuer vorkam. Überall roch es nach Essensresten, Zigaretten, leeren Bierflaschen, altem Urin und Trostlosigkeit. Wenn sie nichts unternehmen würde, würde das Ungeheuer sie langsam, aber sicher auffressen.

Da wohnen nur die Opfer, du Opfer, hatte Lea eines Tages zu ihr gesagt. Ein gemeines Mädchen aus ihrer Klasse, die im privilegierten Kreuzviertel wohnte. Sie war wirklich zu einem Opfer geworden, zu einem Hartz-IV-Opfer, wie ihre Mutter einmal geschluchzt hatte.

Paula erinnerte sich noch an die glückliche Zeit, als ihr Vater immer in Anzug und Krawatte aus dem Haus gegangen war. Das war ein ganz anderes Leben gewesen.

Sie hatten in einem Einfamilienhaus in Brackel gewohnt. Einem lustigen Haus, denn ihre Eltern hatten viel gelacht.

Paula beschlich eine schreckliche Angst, denn sie konnte ihre beste Freundin Lotti nicht mehr besuchen, konnte mit ihrer Lieblingslehrerin nicht mehr sprechen. Sie besaßen auch kein Auto mehr. Ihr Leben war Paula fremd geworden. Selbst in diesem Zwielicht hier unten war es heller als in ihrem Kinderzimmer.

„Hallo, ist da jemand?“, rief Paula zögernd in den schwarzen Schlund, sie schlich ein paar Schritte vorwärts und starrte einen festen Punkt am Ende des Ganges an. Plötzlich huschte ein Lichtkegel an der hinteren Wand vorbei, sie schrie auf und wollte schon panisch ins Freie stürzen, als auf einmal ein schwarzes Gesicht mit leuchtenden Augen aus dem Tunnel auftauchte. Die Gestalt trug einen Schutzhelm auf dem Kopf und war von oben bis unten voll schwarzem Dreck. Eine Lampe, die auf seinem Kopf saß, blendete sie. Um den Hals trug er ein Tuch von undefinierbarer Farbe.

„Glück auf, Mädchen“, sagte die Gestalt und ihre weißen Zähne blitzten aus dem schmutzigen Gesicht hervor.

Wollte dieser komische Typ sie etwa auch noch verspotten, so wie Lea es jeden Tag machte?

„Wo ist das Glück?“, fragte sie trotzig und ging vorsichtshalber einen Schritt rückwärts. Der Mann musste ein Bergarbeiter sein, das hatte sie mal in einem Bildband gesehen. Komisch, dachte sie, diese Zeche wurde doch schon lange dichtgemacht. Ihr Opa hatte auch als Bergarbeiter gearbeitet.

„Watt machse denn nu hier, gibz keine Spielplätze mehr im Pott, odda warum bisse hier im Dunkeln am rumsitzen?“

Paula starrte ihn mit offenem Mund an und überlegte immer noch, ob sie lieber das Weite suchen sollte.

„Mach die Klappe zu, deine Milchzähne werden sauer“, sagte er und begann die Felswand abzuklopfen. Den Spruch hatte sie schon einmal gehört, der war auf jeden Fall uralt. Paula hockte sich wieder in ihre Ecke und griff heimlich in ihre Jackentasche, die bereits ein Loch hatte. Sie krallte sich an dem dünnen Heft fest, so als ob er durch den fadenscheinigen Stoff blicken könnte. Aber der schwarze Mann war so sehr mit seinem Abklopfen beschäftigt, dass er es gar nicht bemerkte.

„Willze ein Büttaken mit Leebawuast oder lieber ne Käsekniffte?“, fragte er über die Schulter hinweg. Erst jetzt fiel ihr auf, wie hungrig sie eigentlich war. Ein Leberwurstbrot hatte sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen, es gab zu Hause oft Schmalzbrote. Ab und zu war auch mal die abgepackte Mortadella aus dem Angebot dabei. Paula schüttelte es bei dem Gedanken an ihr morgiges Frühstück. Ihre Mutter schlief immer lange, weil sie neben ihrer Putzstelle beim Stadtplanungsamt auch noch bei Saturn putzen ging. Paula machte sich allein ihr Frühstück, aber meistens ging sie nüchtern aus dem Haus. Wollte sie noch nach Hause gehen? Vielleicht könnte sie mit zu ihm? Wenn es dort Leberwurstbrote gab, dann war er bestimmt ein glücklicher Mensch. Sie wünschte sich auf einmal, dass er ihr Großvater wäre, der urplötzlich aufgetaucht war, um ihr zu helfen. Der vermeintliche Großvater klopfte noch ein paar Mal die Wand ab und drehte sich wieder zu ihr. Schlich sich an ihre Seite, rutschte an der Wand hinab und schaute sie an.

„Du hass doch nich etwa getz Angst, odda? Ich bin der Kallheinz, abba meine Kumpels sagen Kalle zu mir“, damit streckte er ihr seine tiefschwarze Hand entgegen und Paula ergriff sie mit einem Urvertrauen, das sie gar nicht an sich kannte. Normalerweise war sie Fremden gegenüber immer distanziert und vorsichtig.

Aber dieser Kalle hatte etwas so Vertrauliches an sich. „Hasse was mitgehen lassen, odda warum versteckse dich auf Minister Stein, in meinem Schacht?“

Paula erschrak, deshalb kam er ihr so vertraut vor, er sprach genauso wie ihr Opa.

Der, wie ihre Mutter immer lächelnd gesagt hatte, vom alten Schlag gewesen war. Der einen kleinen Schrebergarten in Eving und ein verstimmtes Klavier besessen hatte.

Sie zog ihr Notenheft aus der Tasche.

„Es ist nur die günstige Version, die für Fortgeschrittene. Ich habe mal gespielt“, sehnsüchtig dachte Paula an ihren wunderbaren Klavierunterricht.

„Wenn ich nur spielen könnte!“, fast hätte sie wieder geweint. Aber das war ihr vor Kalle zu peinlich. Sie klammerte sich an dem Heft fest wie an einem Rettungsanker. Schlug es dann ehrfürchtig auf und fuhr mit schmuddeligen Fingerkuppen und abgenagten Fingernägeln darüber.

Augenblicklich formten sich die Noten zu einem Klang und vollendeten in einer schönen Melodie. Paula lächelte und begann zu erzählen, sie konnte die Worte einfach nicht mehr aufhalten. Sie schlüpften ihr von der Zunge über die Lippen und tanzten wie eine Sonette in der modrigen Luft. Sie erzählte von früher, von ihrem Zuhause, von den Freundinnen und den pingeligen, aber gutmütigen Nachbarn. Von Erdbeereis im Hörnchen, Urlaub an der Ostsee, Omas Biersuppe und Brausebonbons mit Himbeergeschmack.

Die leeren Bierflaschen im Schlafzimmer, den ewig laufenden Fernseher, den Geruch nach abgestandenem Zigarettenqualm und die abgelaufenen Joghurts im Kühlschrank ihres jetzigen Lebens, erwähnte sie nicht.

Und auch Kalle fing zu erzählen an.

„Ich war schon imma aufm Pütt, hab ständig schwarzen Ruß unterm Auge. Ich wohne in Bochum, inne Zechensiedlung, wo alle Häuser grau und gleich aussehen. Es brodelt ständig hier im Revier, mal im Hochofen, mal im Erbsensuppenpott, odda auch ma inne Kneipe. Wenn der Himmel glutrot iss, sagen wir widda, Christkind backt Plätzcken.“

Paula versank in seinen Geschichten, die sie wesentlich spannender als die acht Bände von Harry Potter fand. Die hatte sie sich in der Schulbibliothek einmal ausgeliehen.

Er erzählte mit seinem Ruhrpottdialekt. Von der Früh- und Nachtschicht, von seinen Kumpels, mit denen er die Hälfte seines Lebens verbrachte. Den aufgehängten Broten in ihren fest zugeschnürten Stoffbeuteln, damit sich keine Ratten darüber hermachen konnten. Dem sturen Steiger, der immer nur herummotzte und den sie alle heimlich Karlarsch nannten. Von der Waschkaue, in denen sie laut die aktuellen Hitparadenlieder sangen, von dem Bienenstich, den nur Willis Frau so vorzüglich backen konnte und dem Stielmus, deren vordersten Platz nun unangefochten die Frau von Jupp hielt. Von der monatlichen Lohntüte, die so manch einer schon nach acht Tagen wieder leer gemacht hatte und sich hier und da mal einen Heiermann leihen musste.

Was war denn ein Heiermann?, dachte Paula. Kalle erzählte auch von der Hitze unter Tage und dem Dreck, der wie eine zweite Haut zu ihm gehörte und seinem Alltag den nötigen Bestand und Halt lieferte. Der ihm den nötigen Respekt für seine Zeit unter Tage zollte, ihn wachsam sein ließ und ihn zu einem Teil des Ganzen machte.

Nach einer weiteren Stunde musste Paula sich wirklich auf den verhassten Heimweg machen, mit dem Versprechen, am nächsten Tag wieder herzukommen.

Was sie auch tat.

So wurden sie zu einem Team. Sie hatte endlich jemanden, mit dem sie reden konnte, der ihre Ängste verstand und ihr Mut für die Zukunft machte.

Der ihr befahl, niemals aufzugeben und die Kumpels nie im Stich zu lassen. Manchmal fragte sie sich, von welchen Kumpels er denn redete. Sie sah jedenfalls nie einen, der ihm nur im Entferntesten ähnlich sah. Sie wollte ihn auch nicht fragen, in welcher Sohle seine Kumpels gerade waren. Das war ihr egal, sie schöpfte wieder neuen Lebensmut und besuchte bald eine Klavier-AG in der Schule, die vom Förderverein unterstützt wurde. Auch wenn Lea spottete, lachte Paula nun umso lauter und ließ sie verwirrt hinter sich stehen. Sie bekam neues Selbstvertrauen. Wenn ihre Mutter wieder zu jammern anfing, dass sie eine neue Hose brauche, sagte Paula nur: „Du hast doch mich“, legte die Arme um ihren Hals und küsste sie auf die Wange.

Ab und zu blitzte wieder die alte, die couragierte Mutter hinter ihren traurigen Augen hervor und applaudierte Paula.

Und plötzlich wusste sie, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Familie wieder Halt finden würde, auch wenn der Abgrund immer noch mit schlüpfrigen Stellen lockte.

Ihre Mutter und sie würden sich festhalten können.

Jeden, den sie auf der Straße traf, begrüßte sie mit „Glück auf!“

Die Leute, die zu Anfang nur kopfschüttelnd an ihr vorübergingen, lächelten und grüßten sie bald zurück.

Einer muss immer den Anfang machen, dachte Paula.

Deshalb rief sie schon von Weitem laut „Glück auf“ in den verlassenen Schacht und wartete auf Kalle, auf ihren Freund, ihren Kumpel.

„Keine Kohle, nee datt gaabes bei uns nich, höchstens zu wenig Mettwurst im Eintopf. Man muss mit dem auskommen, watt man hatt und nich, watt man haben will. Watt man sich nich erlauben kann. Kär, watt haben wir imma malocht inne Schicht.“

Kalle hatte dieses Mal einen besonders prall gefüllten Stoffbeutel bei sich und breitete seine Schätze direkt vor Paulas Füßen aus. Sie aßen Fleischwurstbrote mit Gürkchen, Mettbrötchen mit Zwiebeln und Käsestullen mit Butter.

Zwischen lautem Geschmatze und leisen Rülpsern erzählte Kalle wieder von einer Schicht, die ihm fast seinen besten Kumpel gekostet hätte.

„Datt war eigentlich ein ganz normaler Tach, einer, an dene widda an Gott glaubs. Ein Tach, der ne schnelle Schicht und ein frisch Gezapftes am Abend versprach. Es ging widda im Heidentempo inne achte Sohle, ich hatte gleich sonn flaues Gefühl inne Magengegend, als ich meinen Riecher so inne Luft gehalten hab. Datt riecht nach Ärger, hab ich so bei mir gedacht und schon gabs einen Rumms sach ich dir, da wären dir vor lauter Angst die Zwiebeln aussm Mett gesprungen. Ich renn in den Schacht und brülle los, Karlarsch brüllt hinter mir her, abba ich renn weiter, huste, spucke, weil ich nur noch den verdammten Staub einatme. Renn weiter, nur noch nach Gefühl. Eine Decke iss eingestürzt, wie Streichhölzer sind die Holzbalken eingeknickt. Verdammich, denke ich bei mir und brülle nur noch Jupp, wo bisse, sach watt, gib mir Zeichen! Karlarsch war der Erste am Aufzug, der Erste, der mit ein paar Kumpels widda hochgefahren iss. Da iss keiner mehr, höre ich die anderen. Ich abba weiter, Jupp musste hier irgendwo sein. Ich kriech getz, meine Knie spüre ich schon nich mehr, so wund sind die. Noch immer knackt und kracht es über mir und ehrlich gesacht, hätt ich mir beinah inne Hose geschissen, abba ich robbe weiter, huste, spucke, blinzle den Staub ausse Augen. Da seh ich watt und höre ein Stöhnen, Jupp. Der liecht unter einem Haufen Schutt und kann sich nicht selbst befreien.

Ich brülle ihn an und schaufle mit bloßen Händen den Berch Schutt weg. Dann ziehe ich meinen Kumpel ausse Gefahrenzone und wir stolpern zurück, hinter uns rummst es wieder ohrenbetäubend.“

Paula kaute mit offenem Mund und angezogenen Knien, Kalle schilderte weiter in spannenden Tönen die Flucht aus der achten Sohle und die Rettung seines Freundes Jupp.

„Der wär glatt krepiert, wenn ich, wie Karlarsch, die Fliege gemacht hätte“, sagte er stolz und Paula bewunderte ihn noch mehr dafür.

„Ich habe auch etwas zu berichten“, sagte Paula mit leuchtenden Augen.

„Mein Vater hat eine Stelle im Museum der Zeche Zollern bekommen, er hat sich wieder im Griff, will seine Chance nutzen und aus dem Kreis ausbrechen. Er hat mich in den letzten Monaten beobachtet und erkannt, wie schwach er gegen seine kleine Tochter geworden war. Und hat meine gute Laune als Ansporn für sich genommen. Meine Mutter durfte ihm sogar die Haare schneiden. Sie haben das alte Klavier meines Opas stimmen lassen und mir geschenkt. Mein Vater sagte, dass unsere Eltern alle aus dem Pütt stammten und wir jetzt die Metropole Ruhr sind. Wir sind moderner geworden und können stolz auf unsere Region sein, auch in unserem Leben können und müssen wir ständig sanieren.“

„Glück auf“, antwortete Kalle lächelnd und wurde plötzlich still.

Abrupt, unheimlich und fremd.

Paula gefror das Lächeln im Gesicht, aber sie konnte nicht mal genau sagen, warum.

„Ab morgen bin ich nich mehr hier, muss widda ganz tief runter“, flüsterte er leise und blickte zu Boden: „Du komms auch getz ohne mich klar, da bin ich sicha. Du hass deine Familie gerettet, hast sie auch ausse achte Sohle widda hochgeholt. Familie ist das Wichtigste im Leben, du bissn echta Kumpel.“

Paula starrte ihm hinterher, als er in den dunklen Schacht ging, unfähig, ihn aufzuhalten. Immer kleiner wurde seine Gestalt und die Grubenlampe verblasste, bis nur noch ein blassgelber Schimmer an den Wänden tanzte und schließlich einen dunklen Schacht hinterließ.

Sie ging langsam zurück und trat in die helle Julisonne. Atmete tief ein und hätte fast eine Gruppe Rentner übersehen, die direkt auf den Eingang zuhielt.

Noch nie war sie hier einer Menschenseele begegnet.

„Glück auf“, grüßte sie und sah erst jetzt, dass alle Kerzen in den Händen hielten und sich vor dem Eingang platzierten. Sie blieb stehen und beobachtete die Gruppe, trat näher an sie heran. Sie steckten die roten Grablichter nacheinander an.

Paula stellte sich neben eine der Frauen und flüsterte, um die feierliche Zeremonie nicht zu stören.

„Was ist denn hier los, ist jemand gestorben?“

Aber niemand schien ihre Anwesenheit wahrzunehmen, so sehr war die Rentnergruppe in ihre Zeremonie versunken. Ein kleiner, untersetzter Mann fing laut zu reden an.

„Auf einmal hieß es Schicht am Schacht, keine Arbeit mehr im Stollen, die Zeche wird morgen dichtgemacht. Wir fragten uns, was wir nun tun sollen.

Wir haben unseren Weg mit deiner Hilfe gemacht und wünschen dir, wie jedes Jahr, Glück auf, Kalle, und gute Nacht.“

Plötzlich fing Paula laut an zu schreien, die Rentnergruppe drehte sich erschrocken zu ihr um.

„Ist Kalle tot?“, heulte sie laut auf.

Verwirrt blickten die Rentner sich gegenseitig an.

„Aber Mädchen, er hat sich doch umgebracht, als die Zeche geschlossen wurde.“

„Er konnte ohne seine Kohle und die Kumpels nicht leben, ist einfach in den Schacht hineingelaufen und nie wieder aufgetaucht“, sagte eine der Frauen.

„Wir kommen jedes Jahr hierher“, flüsterte eine andere.

Fassungslos starrte Paula die Gruppe an: „Wie viele Jahre schon?“

„Zwanzig“, sagte die Gruppe wie aus einem Mund.

„Feigling“, dachte Paula, drehte sich um und ging ihrem neuen Leben entgegen.

Sternenbild

Hans Feddersen lehnte sich einen Moment in seinem Bürostuhl zurück und blickte auf die unruhige Nordsee hinaus. Der Blanke Hans schlug seine kräftigen Arme schäumend gegen die Kaimauer am Hafen. Er mochte es nicht, wenn das Wasser so unruhig war wie heute. Ebenso wenig mochte er den Sprühregen im November, der die Hansestadt schon den ganzen Tag über in einen grauen Schleier hüllte. Er fuhr seinen Rechner herunter, 16.00 Uhr, Feierabend.

„Schietwetter heute“, sagte der Busfahrer zu ihm, als er wie jeden Tag in die Linie 146 einstieg.

„Das sagen Sie mal laut, meine Knochen ziepen schon an allen Stellen. Man ist eben nicht mehr der Jüngste.“

Als er durch den Gang ging, um sich wie jeden Tag auf seinen Stammplatz zu setzen, war dieser bereits belegt. Er nahm seinen Hut ab, setzte sich auf den Platz gegenüber und schaute aus dem Fenster. Mit einem leichten Ruck fuhr der Bus an und warme Luft drang durch einen schmalen Schlitz am Boden an seinem Knie entlang. Die Fensterscheibe spiegelte das Bild der Frau, die auf seinem Platz saß, sie schien zu schlafen. Er freute sich auf sein altes, aber bequemes Sofa und die Nachrichten. Wassertröpfchen rannen still die Scheibe herunter.

„Siehst du die Sterne?“, flüsterte die Frau plötzlich und fuhr mit einem Finger die Spur der Wassertröpfchen entlang. Feddersen bekam einen leichten Schreck und starrte die Frau an: „Entschuldigen Sie bitte, was sagten Sie gerade?“

Sie öffnete die Augen: „Unsere Sternenbilder sind wieder da, genauso wie du.“

Er wusste darauf keine Antwort und schaute wieder aus dem Fenster.

„Wo bist du so lange gewesen?“, flüsterte sie.

„Verzeihung, kennen wir uns?“, Feddersen sah die Frau wieder an und bekam ein mulmiges Gefühl im Magen, denn er mochte keine Unterhaltung mit fremden Menschen.

Die Frau begann leise und fein zu lächeln. Erst jetzt bemerkte er, dass sie unter ihrem Mantel ein weißes Nachthemd trug. Er schaute sich nach den anderen Fahrgästen um, die teilweise in ihren eigenen Unterhaltungen vertieft waren. Ein junges Mädchen wiegte ihren Kopf leicht hin und her, ihm fielen die kleinen Kopfhörer auf, die aus ihren Ohren herausschauten. Sie alle waren in ihrer eigenen Welt, niemand schien ihn und die Frau im Nachthemd zu bemerken. Er scharrte ein wenig mit seinen schmutzigen Schuhen und wäre ihr dabei fast auf die bloßen Füße getreten.

„Muscheln unter unseren Füßen im heißen Sand, salziges Wasser auf den Lippen und unsere Haut, die schon leicht brannte. Und am Abend unsere Sternenbilder am Himmel“, flüsterte sie wieder vor sich hin.

Dabei drehte sie einen schmalen Goldring an ihrem Finger. Vielleicht wäre es am besten, wenn er einfach mitspielte, dachte Feddersen.

Er hatte in seinem ganzen langweiligen Leben niemals eine feste Freundin gehabt, geschweige denn eine Ehefrau. Griesgram, Eigenbrötler nannten die Leute ihn hinter vorgehaltener Hand. Plötzlich nahm sie seine Hände in ihren Schoß, fast wäre er vor Schreck zusammengezuckt, und sah ihm tief in die Augen. Sie waren bernsteinfarben, solche Augen hatte er vorher noch nie gesehen.

„Auf einer unserer vielen Reisen hat das Meer einfach deinen Ring genommen.“

Sprachlos nickte Feddersen und konnte seinen Blick nicht von ihrem fast faltenfreien Gesicht wenden. Jetzt brachte sie ihre fein gezeichneten Gesichtszüge wieder ganz nah an die Scheibe heran und hauchte dagegen. Langsam malte sie mit einem Finger ein großes Herz auf das Glas rund um die Wassertröpfchen herum.

Er spürte einen Schweißfilm auf der Stirn, die Frau griff in ihre Manteltasche und holte ein Stofftaschentuch daraus hervor. Sie schlug es auf und wischte ihm damit zärtlich über die Stirn. Er hatte noch nie ein so sinnliches Gefühl gehabt. Währenddessen hielt der Bus an den verschiedenen Haltestellen und fuhr wieder an. Aber Feddersen achtete nur noch auf die Frau ihm gegenüber, wie sie versuchte, ihre grauen Haare in Ordnung zu bringen oder ein kleines Loch in ihrem Mantel zu verbergen.

„Ich habe immer die Fenster geöffnet und selbst gepflückte Blumen aus unserem kleinen Garten auf den Küchentisch gestellt“, sagte sie jetzt zu ihm und lächelte wunderbar. Er räusperte sich: „Genau so, wie ich es mag“, antwortete er ihr und drückte ihre Hand fest in seine.

„Unser Deich hat mich stets beschützt, wenn du auf dem Meer warst, um zu fischen. Tagelang saß ich auf ihm und habe mich von der Sonne wärmen lassen. Aber sobald ich einen Schatten auf dem Wasser sah, bin ich fast verrückt geworden vor lauter Sehnsucht. Dabei sangen mir die Möwen fröhlich ihr Liedchen vor.“

„Schön, dass du auf mich gewartet hast, auch ich hatte immer Sehnsucht nach dir“, Feddersen begann das Spiel zu gefallen, er mochte ihre Stimme, ihre schöne Ausdrucksweise, ihren reizenden Gesichtsausdruck. Jetzt summte sie vor sich hin und er hätte sie am liebsten in den Arm genommen.

Plötzlich nahm er eine schnelle Bewegung in seinem Rücken wahr und schaute neben sich in den Gang.

„Sind Sie belästigt worden?“, fragte ihn ein stämmig aussehender Mann burschikos.

„Was soll das?“, antwortete Feddersen mit einer Gegenfrage und spürte, wie unangenehm ihm diese Störung war.

Erst jetzt fielen ihm die weißen Klamotten auf, die der Mann trug. Er sah wie ein Arzt aus. Er bückte sich zu der Frau hinunter und griff ihr unter den Arm. Dann zog er sie in die Höhe: „Frau Hein, hab ich sie wieder erwischt. Dieses Mal sind sie Bus gefahren. Sie können es aber auch nicht lassen“, lächelnd sah er der Frau ins Gesicht.

„Knut und ich reisen halt gern“, dabei sah sie Feddersen liebevoll an.

„Ja, das tun wir“, sagte er wie aus der Pistole geschossen zu dem stämmigen Pfleger. Wie um diese zerbrechliche, ihm fremde Frau zu unterstützen. Der Pfleger nickte ihm dankbar zu. Dass die Frau keine Schuhe trug, war für ihn offensichtlich nichts Neues, denn er hatte ein paar rosa Fellstiefel dabei, die er ihr nun rasch anzog. Der Bus hielt so lange an der Haltestelle, bis die beiden ausgestiegen waren. Feddersen beobachtete, wie sie mit dem Pfleger in den Wagen eines Altenheimes stieg und fühlte sich plötzlich so alleine wie noch nie. Als hätte man ihn um einen Schatz beraubt. Während der restlichen Fahrt starrte er aus dem Fenster und fragte sich, wer von ihnen beiden verrückt gewesen war, denn er selbst hatte in den Wassertröpfchen noch nie ein Sternenbild gesehen.

Loslassen

Hatte ich diese senkrechte Stirnfalte, die einen sicheren Platz zwischen meinen fein gezupften Augenbrauen gefunden hat, etwa gestern schon?

Mein Spiegelbild starrt mich an, die Falte bleibt unverändert.

Ich massiere sie mit beiden Mittelfingern, ziehe die Haut straff, fahre jetzt mit allen Fingern darüber und trage Hyaluroncreme in dicker Schicht auf.

Stolz bleibt sie an ihrem Platz, genau so tief, so unwiderruflich sichtbar wie vorher.

Alles hat sich plötzlich verändert.

Ich habe mich gegen den Wind der Zeit gelehnt, wollte ihn mit einem ausgefüllten Alltag hintergehen, ihn ignorieren. Ich wollte alles richtig machen, obwohl er mir den Kontrollverlust immer schneidender ins Gesicht pfiff.

Wie konnte das alles nur passieren?

„Ich bin doch eine gute Mutter!“, sage ich laut zu mir und suche in meinem Spiegelbild nach den unbeschwerten Jahren. Die Melancholie, die ich jetzt darin finde, überrascht mich nicht.

Zwanzig dunkelrote Rosen stehen in einer silbernen Vase neben meiner Seite des Bettes.

Zwanzig Rosen, für zwanzig Jahre Ehe.

Wir gehen nachher zum Italiener um die Ecke, trinken edlen Wein, essen auch das Dessert, ich trage mal Spitze drunter, wir flanieren danach noch durch die Stadt. Endlich wieder ein vorhersehbar schöner Abend, so real wie der Tisch für neunzehn Uhr.

Ich drücke, zweimal mehr, auf den Make-up-Spender.

Die Stirnfalte verschwindet fast unter ihrer zart getönten Decke und nimmt ein wenig von meiner Schwermut mit. Mit einem dichten Pinsel tupfe ich mir schimmernden Puder ins Gesicht und zaubere so die Illusion eines vorzeigbaren Teints.

Wann habe ich das letzte Mal ein nettes Mutter-Tochter-Gespräch mit Laura geführt?

„Oh Mama, jetzt chill doch mal, was willst du schon wieder, nö, keinen Bock“, diese Worte hängen schon seit Jahren in den sonst so gemütlichen Räumen unserer Doppelhaushälfte, so kommt es mir jedenfalls vor.

Ich blicke wieder in den Spiegel und suche in dem Raum hinter mir nach einem kleinen Mädchen, das sich mit meinen Perlen behängt und knallroten Lippenstift überall im Gesicht verteilt hat. Sie drehte sich immer wieder um die eigene Achse und versuchte, mit meinen schwarzen Pumps nicht umzuknicken. Dabei trug sie einen rosa Schlafanzug mit Cinderellamotiv, dessen ausgebeulte Hose ihr nur noch bis zu den Waden reichte. Ihre blonden Haare standen wirr um den Kopf und signalisierten mir, dass die Haarspraydose leer sein musste.

„Mama, sieh mal, ich bin eine groooße Diena, ich bin ganz schickobello, sagt Papi auch immer!“

„Schatz, das heißt Diva und ja, du bist einfach wunderschön und richtig chic!“

Ich muss lächeln und sehe deutlich diese knallrote Schnute und eine kleine Hand, die den kümmerlichen Rest eines Shiseido-Lippenstiftes zerquetschte.

Den hatte ich zum Geburtstag von meiner Freundin bekommen, das durfte ich ihr gar nicht erzählen, sie wäre schier ausgeflippt.

Kinder hatte sie der Karriere wegen nicht für nötig gehalten. Sie ist Rechtsanwältin, zweimal geschieden und lebt nun allein mit ihrem Mops in einem riesigen, sterilen Penthouse in Frankfurt. Sie war schon immer frei, machte immer nur, was sie wollte, ohne Rücksicht auf Verluste. Vor ein paar Wochen sagte sie zu mir, dass ich doch endlich mehr Freiheit hätte und meinen Lebensinhalt nun auf Bruno und mich lenken könne. Ich sollte doch froh sein und mit Zumba anfangen oder Thai Bo.

Ich hatte ihr zugehört, konnte aber beim besten Willen die Worte nicht verstehen. Kurz nach Lauras Geburt hatte ich mich tatsächlich nach mehr Freiheit gesehnt.

Nach mehr Schlaf und weniger Kilos, nach mehr Freizeit und weniger Wäsche.

Nach mehr Spontanität und weniger Alltagstrott, nach mehr Sex und weniger Kinderkacke.

Nun ist sie da, und kommt doch zu früh.

Mit streichenden Bewegungen gebe ich meinen Wangen die nötigen Konturen, mit ein paar mehr Strichen als sonst. So impressionistisch wie Monet male ich in mein Gesicht und versuche, auch dort die Stille hineinzulassen.

Der Spiegel ist ehrlich zu mir, er kennt keine Gnade und auch heute, an diesem doch so wunderbaren Tag, zeigt er mir eine überlastete Mutter mittleren Alters, die mit ihrer wiedergewonnenen Freiheit nichts anzufangen weiß. Die sich immer noch wie eine Glucke auf ihr einziges Kind setzt und sie mit ihrer Fürsorge erstickt. Die die fortgeschrittenen Jahre einfach zurückdrehen möchte, aber das Rädchen im Dschungel der Gefühle nicht findet. Die sich auf eine ihr fremd gewordene Freiheit noch nicht einlassen möchte, weil sie sich dann vielleicht alt und nutzlos vorkommen könnte. Die Angst vor einem stillen Raum hat, der ihr die Geräusche des Familienlebens vorenthält. Die sich vor einer Langeweile graut, die wie Rübenkraut an ihr haften könnte, um ihre Tage in schwerem Einheitsbrei zu verkleben.

Den Rinderbraten für morgen hatte ich nach dem Einkauf sofort in den Kühlschrank gestellt, die Kartoffeln in den Keller gebracht, die Äpfel aus der Plastiktasche in den Obstkorb gelegt, die Rispentomaten heiß abgewaschen und frisches Basilikum, Thymian und rosa Primeln in Töpfen auf die Fensterbank meiner Küche gestellt.

Gekauftes Frühlingsgefühl.

Daran erinnere ich mich, aber wann ich mit Laura das letzte Mal ohne gegenseitige Vorwürfe, gemeine Bemerkungen und Respektlosigkeit gesprochen habe, weiß ich immer noch nicht.

„Du bist nicht für alles verantwortlich, was in unserem Haus passiert, lass sie endlich mal in Ruhe, sie muss auch mal Fehler machen können und daraus lernen.“

Beim Gedanken an seine Worte spüre ich den warmen Händedruck auf meinen Schultern wie eine warme, vertraute Decke.

„Ach nee, aber wenn deine Unterhosen nicht gewaschen sind, bin ich sehr wohl dafür verantwortlich“, hatte ich ihm, nach einem erneuten Streit mit Laura, gemein geantwortet.

Die Rosen sind wirklich perfekt im Einklang mit der Vase, ein Gefühl von Sicherheit durchströmt mich. Ich bin nicht perfekt, war es nie und wollte es doch immer sein. Ich entscheide mich für den grauen Lidschatten, den von YSL, den guten. Streiche vom äußeren Augenlid nach innen, erst den helleren Ton, dann den dunklen. Tupfe dabei eine einzelne Träne auf, verwische sie mit dem kleinen Pinsel, nur ich weiß um sie, habe ich doch gerade die perfekte Erinnerung im Kopf.

„Mamilein, ich hab dich einfach so so lieb, du bist die allerbeste Mami auf der Welt.“

Laura stürmt, mit genau diesen Worten, in meine ausgebreiteten Arme, wir fallen gemeinsam in den warmen Sand, Möwen singen ihre Lieder in den wolkenlosen Himmel und der Wind streicht durch unsere unordentlichen Haare. Bruno hatte diesen Augenblick auf Sylt mit seiner Digitalkamera festgehalten. In hellblauen Tönen hängt er über unserer Badewanne.

Eingerahmt für die Ewigkeit.

Jetzt tusche ich energischer meine Wimpern, dreimal mehr wiederhole ich die gleichen Bewegungen. Schon achtzehn Uhr, Bruno hat bestimmt unseren Tisch vergessen, was wird Laura morgen essen wollen, ist sie überhaupt morgen Mittag zu Hause, freut Bruno sich auf den heutigen Abend, auf mich?

Vielleicht sollte ich doch dem Rat meiner Freundin folgen und ein wenig Sport machen. Mein Spiegel bejaht diese Frage, indem er bedrohlich wackelt. Ich könnte auch meinen Ganztagsjob suchen und danach noch um den Block joggen. Ich könnte morgens um fünf schon Zeitung lesen und dabei gemütlich auf dem Klo sitzen. Kenne ich schon die neueste Frühjahrskollektion von Esprit?

Ich halte inne, schaue mich an und erinnere mich ein weiteres Mal.

„Mama, ich bin seit gestern Vegetarier, ich hasse Scheißtomaten und warum gibt es in diesem Haus keine normalen Brötchen mehr?“

Lauras Stimme tut mir jetzt schon in den Ohren weh, wenn ich an morgen denke.

Ja, ich werde all das tun und zwar sofort, ich meine ab morgen.

„Bin daa“, ruft Bruno in diesem Augenblick vom Erdgeschoss zu mir herauf, aber Laura nimmt erneut meine Gedanken in Beschlag.

„Patrick ist doch kein Schwerverbrecher, er hat halt keinen Bock auf Schule, er lebt in den Tag hinein, na und! Außerdem nehme ich schon lange die Pille. Du hast immer was zu kacken, bist nur noch genervt, nichts kann man dir recht machen. Ich bin sechzehn, Mann, keine sechs. Nein, Nina ist keine Schlampe, sie überredet mich zu nichts, wenn sie in den Brunnen springt, springe ich noch lange nicht hinterher.“

Vorwurfsvoll schleuderten die Worte mir entgegen und es gab kein Schutzschild, das mich vor ihnen geschützt hätte.

Diese Jetztzeit ist mir so fremd, manchmal habe ich das Gefühl, die Hauptdarstellerin in einem scheußlichen Plot ohne Happy End zu sein.

Vorsichtig ziehe ich die Linien meiner Lippen nach und male sie mit dem Lippenpinsel kräftig aus. Der perfekte Glücksmund hebt sich deutlich von meiner Inszenierung ab.

„Hoffentlich hast du meinen schwarzen Anzug gebügelt.“

Bruno stampft ins Zimmer, reißt die Kleiderschranktür mit Schwung auf, lacht über seinen eigenen Witz und fällt fast hinten über.

„Brauche ich auch noch eine Krawatte?“

„Du kannst auch im Jogger gehen.“

Bruno, der pragmatische Fünfundvierziger, der nie ein Ladykiller sein wollte. Bruno, der seine Familie über alles liebt und doch wenig Zeit mit ihr verbringen kann. Der falsch unter der Dusche singt und immer den richtigen Ton trifft. Der in allen zwanzig Rosen steckt, obwohl er ihren Geruch nicht ausstehen kann.

„Laura hat Schluss gemacht.“

„Mit Daniel, das war doch ein ganz patentes Kerlchen“, überrascht zieht er seine dichten Augenbrauen hoch und schält sich dabei umständlich aus seinem Pullover.

„Mit Patrick. Daniel ist leider schon längst Geschichte“, kopfschüttelnd beobachte ich den Mann im Spiegel.

„Anna, lass sie einfach mal in Ruhe, sie muss sich selbst finden.“

„Und die Steine wirft sie mir, auf ihrem Weg dorthin, genau vor die Schienbeine.“

„Du musst Geduld mit ihr haben, sie provoziert dich nur, will selbst entscheiden können. Du nimmst ihr die Luft zum Atmen, lass sie endlich frei!“

Dieses Wort möchte ich nicht hören, sie ist doch mein kleines Mädchen, mein Baby, das mir niemals schlaflose Nächte bereitet hat. Mein Kind, auf das ich immer zählen konnte. Das stets pünktlich, lieb und ehrlich war.

„Sagt dir der Name Zumba etwas?“, frage ich ihn und ernte eine hochgezogene Augenbraue.

„Kann man das essen? Dann hört es sich schön scharf an.“

Typisch.

Eine weitere Erinnerung rast wie ein Intercity in das Zimmer und ich sehe die Bilder ganz deutlich vor mir. Laura läuft weinend durch ihren Kindergarten, weil sie ihre Gruppe einfach nicht mehr finden konnte. Eine Erzieherin entdeckt sie unter der Treppe hockend und schluchzend. Sie nimmt Laura an die Hand und sie gehen gemeinsam durch alle Räume des Kindergartens, bis plötzlich ein erleichtertes „Ja, hier ist mein Hause“ ertönt. Diese Geschichte hatte sich im ganzen Dorf herumgesprochen und wir nannten auch unser Haus seitdem nur noch „Hause“.

Die Vorhänge bauschen sich im Wind und lassen die Erinnerung als alte Dampflok davonzischen. Ich möchte mich am liebsten in ein Abteil hineinsetzen. Traurig blicke ich ihnen hinterher: den Pantoffeln mit Filznase, den bunten Socken mit Loch, den Barbiepuppen mit Glitzerklamotten und dem König der Löwen.

„Die Lehrerin hat mich heute Morgen angerufen, sie stört ständig den Unterricht, gibt patzige Antworten, ihre Noten fallen immer mehr ab, sie hat eine Mitschülerin verprügelt und sie macht manchmal blau“, sage ich stattdessen schon fast verzweifelt.

„Wir reden morgen mit ihr, wir sind immer noch eine Familie, sie ist genau wie du, provozierend und unsicher, immer auf der Suche nach ein bisschen Spaß, nach Action. Du magst es doch auch nicht ruhig und langweilig, warum beschwerst du dich denn, sie hat dein Blut.“ An seinem warmen Händedruck auf meinen verspannten Schultern bemerke ich, dass er längst hinter mir steht und mein Spiegelbild anlächelt.

„Ja, das waren wir vielleicht einmal“, flüstere ich.

„Sie ist ein kleines Mädchen, das erwachsen werden will und nicht weiß, wie das geht“, sagt er und küsst mich in den Nacken.

„Maaaaaaammmmmaaaa“, Lauras schriller Schrei hallt durch das ganze Haus, wir zucken erschrocken zusammen und starren auf die Tür. Schon stürmt sie hindurch, blickt auf den Rosenstrauß und peilt uns mit rasiermesserscharfem Blick an.

„Geile Blumen, von dir, Papa?“

Bruno lächelt geschmeichelt und ich hätte am liebsten geheult.

Sie hat sich schon wieder die Haare gefärbt.

„Ich dachte, ich hätte euch verpasst“, sagt sie, noch ganz außer Atem. „Dennis holt mich erst morgen ab, wir gehen ins Kino, der absolut coolste Typ der Schule, megagenialer Style, heute Abend hätte ich noch frei … Ähhhh, für euch.“

Fassungslos starren wir in ihre ausgestreckte Hand, in der zwei glanzlose Ringe liegen.

„Okay, die sind jetzt nicht von Joop, aber auch nicht aus dem Kaugummiautomaten. Sie werden glänzen, wenn ihr sie tragt.“

Hinter diesen hellblauen Teenageraugen entdecke ich plötzlich eine fast erwachsene Frau und die Erkenntnis trifft mich wie eine Keule. Sie hat nicht vergessen, dass uns die Eheringe vor zwei Jahren aus einem Hotelzimmer gestohlen wurden.

Tränen ziehen eine helle Spur durch mein restauriertes Gesicht. Sie steckt uns die Ringe an, ich versuche den viel zu großen Ring an meinem Finger zu halten, während Bruno seinen über den Finger quetscht, ohne dabei das Gesicht schmerzhaft zu verziehen. Sie strahlt und ich weiß wieder, wie wunderschön sie ist. Bruno küsst sein Ebenbild auf die Wange und blickt dabei verstohlen auf die Uhr. Unser Tisch wird heute für drei gedeckt und mit einem Familienband aus robustem Damast verziert sein.

„Hier ist mein Hause, Mama“, sagt sie zu mir und lächelt immer noch.

Ich schließe Laura ganz fest in meine Arme, sie lässt es endlich zu, drücke ihren schmalen Körper immer fester an mich, um sie loszulassen.

Бесплатный фрагмент закончился.

448,19 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
181 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783942672252
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги