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Susanne Kronenberg

Mord im Kloster Eberbach

Norma Tanns neunter Fall


Zum Buch

Im falschen Film Das Rheingauer Kloster Eberbach, berühmt für seinen Weinbau, ist seit den 1980er-Jahren weltbekannt als einzigartiger Schauplatz des Kinoerfolgs „Der Name der Rose“. Bei einer Vorführung des Mittelalter-Thrillers in der Eberbacher Basilika trifft die Wiesbadener Privatdetektivin Norma Tann auf Ecki Winterstein. Der Regisseur will einen Abschnitt der wechselvollen Klostergeschichte in einem Dokudrama aufleben lassen: Im 19. Jahrhundert diente die ehemalige Zisterzienserabtei als Heil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke. Doch während der Filmaufnahmen rüttelt ein Mord das Drehteam auf. Normas ehemalige Kollegen, die Kommissare Milano und Wolfert, verfolgen die Spuren der Verdächtigen. Als Ecki Winterstein Norma um Unterstützung bittet, stößt sie auf ein mysteriöses Ereignis. Im Winter 1985, während der Dreharbeiten zu „Der Name der Rose“, verschwand eine junge Frau aus dem Kloster. Tage später wurde sie gefunden. Sie schien unverletzt, ihre Sprache jedoch hatte sie für immer verloren …

Susanne Kronenberg, in Hameln geboren und im Taunus heimisch, findet die Inspiration für ihre Romane in ihrer Wahlheimat. In ihrem neusten Kriminalroman führt sie ihre Wiesbadener Privatdetektivin Norma Tann in das berühmte Kloster Eberbach im Rheingau, der mit seiner anheimelnden Landschaft und historischen Bedeutung eine wunderbare Heimat für diesen Krimi bildet. Neben Kriminalromanen veröffentlichte die Autorin zahlreiche Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien sowie Jugendbücher, Fachbücher und Bücher zu regionalen Themen. Als Dozentin für Kreatives Schreiben gibt sie Kurse und Workshops. Sie ist Mitglied des „Syndikats“ und Mitgründerin der Wiesbadener Autorengruppe „Dostojewskis Erben“.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E_Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Jareck / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6768-4

1

Kloster Eberbach

Mittwoch, der 15. September

»Ist jemand gestorben? Ihr zieht Gesichter wie auf einer Beerdigung!«

Für einen Moment wandten sich alle Blicke dem Neuankömmling zu, der sich lächelnd umsah und die Aufmerksamkeit aufzusaugen schien. Auch Norma ließ sich in seinen Bann ziehen. Bisher kannte sie Sören I. Wahler nur aus den Abendprogrammen des Fernsehens, in denen er bevorzugt als Koryphäe der Wissenschaften oder Chefarzt zu erleben war. Aalglatte Manager und abgebrühte Rechtsanwälte verkörperte er ebenso überzeugend. Erfolgsverwöhnte Männer, die sich nicht mit Selbstzweifeln belasteten, schienen ihm auf den Leib geschrieben zu sein.

Mit seiner flapsigen Bemerkung hatte der Schauspieler die trübe Stimmung auf den Punkt gebracht. Tuschelnd und mit bedrückten Mienen standen die Gäste in Grüppchen beieinander, obwohl der Grund ihres Zusammentreffens alles andere als Anlass zu Trübsinn gab. Ecki Winterstein, ein renommierter Fernsehregisseur, hatte zum Empfang nach Eberbach eingeladen – ins Mönchsrefektorium des Klosters – und würdigte damit stilsicher den Start der Dreharbeiten für sein jüngstes Projekt. Unter der mit barockem Zierwerk üppig bestückten Stuckdecke, die den einstigen Speisesaal der Zisterzienser überspannte, schienen sich die zwei Dutzend Personen zu verlieren. Wie Sören I. Wahler mochten es vor allem Schauspieler und Schauspielerinnen, aber auch andere Mitwirkende im Drehteam sowie Freunde und Geschäftspartner des Regisseurs sein, vermutete Norma. Alle waren ihr fremd bis auf Timon und Lutz, in deren Begleitung sie gekommen war. Seit Lutz Tann im Ruhestand war und seinen Verlag eher als Liebhaberei denn als Geschäft betrieb, gönnte er sich den Luxus, auch Bücher mit unpopulären Themen he­rauszugeben. Das Manuskript, das ihm Ecki Winterstein ans Herz gelegt hatte, fiel in diese Kategorie. Der Regisseur hatte sich ausgiebig mit der Historie der Psychiatrie beschäftigt, um darüber ein Dokudrama für das Fernsehen zu drehen. In einer Kombination von dokumentarischen Elementen und Spielszenen sollte eine außergewöhnliche Ära Eberbachs im 19. Jahrhundert lebendig werden: bahnbrechende Jahrzehnte, in denen das säkularisierte Kloster als »Irrenanstalt« und später als Heilanstalt Psychiatriegeschichte geschrieben hatte. Das »Buch zum Film«, die Biografie des ersten Direktors der Eberbacher Heil- und Pflegeanstalt, sollte das Projekt vervollkommnen. Mit der Einladung zu diesem Empfang wollte Winterstein seinem Verleger danken.

Als Norma sich umschaute, entdeckte sie Timon und Lutz beim Studium der Weinflaschen, die auf einem Tisch zum Ausschank bereitstanden. Das intensive Betrachten der Etiketten sollte den Männern wohl die Zeit vertreiben. Bisher waren alle Gläser leer geblieben, und kein Gast traute sich, Hand an die Häppchen auf dem Buffet zu legen. Norma konnte niemanden entdecken, der Anstalten gemacht hätte, das Wort zu ergreifen und den Empfang offiziell zu eröffnen. Alle schienen angespannt auf den Regisseur zu warten. Sie bemerkte eine Frau, die nervös an der Fensterreihe entlangstrich und dabei abwechselnd auf ihr Mobiltelefon sah oder erwartungsvoll zum angrenzenden Klosterhof hinausstarrte.

Die Frau, eine sportliche Erscheinung Ende 50 oder da­rüber, taxierte Norma mit intensivem Blick. »Mein Name ist Nelly Nebelsiek. Sie sind Frau Tann, nicht wahr?«

»Wir kennen uns?«, wunderte sich Norma.

»Nicht persönlich, aber wer sollten Sie sonst sein?«, meinte Nelly Nebelsiek lächelnd. »Sie und Ihre beiden Begleiter sind die einzigen Personen in diesem Raum, deren Gesichter ich zum ersten Mal sehe. Ihre Namen sind mir bekannt, weil ich die Einladungen verschickt habe. Der heutige Abend sollte ein wunderbarer Auftakt für unsere Zeit in Eberbach werden. Und nun diese Katastrophe!«

»Was ist denn passiert?«

»Unser Hauptdarsteller fällt aus! Er hatte gestern einen Unfall«, entgegnete Nelly Nebelsiek unverblümt. »Ecki telefoniert sich die Finger wund. Er ist auf 180. Wo findet man von heute auf morgen einen passablen Ersatz?« Sie brach mit einem schicksalsergebenen Seufzer ab.

»Darf ich fragen, was Ihre Aufgabe in der Filmproduktion ist?«

»Oh, ich fungiere je nach Bedarf als Sekretärin, Laufbursche und Seelentrösterin. Ecki nennt mich die ›Mutter der Kompanie‹, und das triff den Nagel auf den Kopf. Vor allem bin ich als ›Wilhelmine‹ engagiert. Ich bin Schauspielerin.« Wieder fühlte Norma sich aufmerksam gemustert. »Ich werde oft fürs Fernsehen besetzt. Vielleicht haben Sie mich gelegentlich in einer Familienserie gesehen?«

Es hatte nebensächlich klingen sollen, aber der Stolz war klar herauszuhören gewesen. Nelly nannte mehrere Titel, mit denen Norma nichts anfangen konnte. Falls ihr die Darstellerin jemals auf dem Bildschirm begegnet sein sollte, hatte dieser Auftritt keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Gegensatz zu der jungen Frau, die mit baumelnden Beinen auf einem Tisch hockte. Ihr Anblick erschien Norma in all seiner Lässigkeit bezaubernd. Die Schauspielerin wirkte im echten Leben ebenso hinreißend wie in den beiden Kinofilmen, denen Marielle Dyckerborn ihren Ruf als Talent mit großartiger Zukunft zu verdanken hatte. Nach dem Hype, der einige Jahre zurücklag, war die Nachwuchskünstlerin allerdings von den Medien vergessen worden. Norma dachte mit Begeisterung an die Filme zurück und hätte Marielle liebend gern angesprochen. Ob das gelingen würde? Zwei Männer und eine Frau mittleren Alters, deren Gesichter in Norma keinerlei Fernsehszenen-Erinnerung weckten, bildeten wie heimliche Verschwörer einen Halbkreis um die Schauspielerin. Waren sie Fans? Oder gehörten sie zu den Leuten des Drehteams, die im Hintergrund agierten? Für Kamera, Licht und Ton oder weitere Aufgaben, die eine Filmproduktion neben Schauspiel und Regie bereithielt?

Nelly entschuldigte sich, um erneut ihr Handy zu checken. Der Regisseur blieb abgetaucht. Mittlerweile hatten die Gäste die Geduld verloren und machten sich eigenmächtig und ohne eine offizielle Eröffnung über Getränke und Snacks her. Norma fing Timons Blick auf. Er stand am Fenster und unterhielt sich mit dem Schauspieler Sören I. Wahler. Norma füllte sich ein Glas mit einem Eberbach Riesling und schlenderte zu den Männern hinüber.

»Darf ich?«, fragte Timon und nippte an Normas Wein. Sie hakte sich bei ihm ein.

Erstaunlich, wie hager der Schauspieler von Angesicht zu Angesicht wirkte. Von einem Künstler seines Formats hätte Norma entschieden mehr körperliche Präsenz erwartet. Eine frappierende Diskrepanz zwischen Bildschirmpersönlichkeit und tatsächlicher Erscheinung.

»Ich kenne Sie aus dem Fernsehen, Herr Wahler«, sagte Norma. »Was ist Ihre Rolle im geplanten Film?«

»Ich spiele einen Arzt. Und eure Jobs im Drehteam?«

Norma wehrte ab. »Oh, nein! Das ist ein Missverständnis. Mit dem Filmgeschäft haben wir beide nichts am Hut. Lutz Tann hat uns hierher mitgenommen. Er ist Verleger und wird ein Buch von Ecki Winterstein herausgeben.« Sie deutete mit einem Nicken hinüber zu Lutz, der in ein Gespräch mit Nelly Nebelsiek vertieft war.

»Nachher gehen wir zur Filmvorführung in die Basilika«, ergänzte Timon. Norma ahnte, dass er vor allem deswegen mitgekommen war. Auf Small Talk mit Promis legte er eher weniger Wert. »›Der Name der Rose‹ am Originalschauplatz! Das wollte ich schon lange erleben.«

Sören I. Wahler warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die klobig wirkte und für Normas Geschmack mit viel zu viel Gold ausgestattet war. »Etwas Zeit bleibt uns noch. Um 18 Uhr fängt es an. Ich bin ein großer Fan und kann den Film immer wieder sehen. Hätte ich nur als mittelalterlicher Mönch mitspielen können!«

»Wohl eher als mittelalterliches Kind«, bemerkte Norma schmunzelnd. »Es ist fast 40 Jahre her, dass Umberto Ecos Roman hier in Eberbach verfilmt wurde.«

Der Kinohit war bereits ein Klassiker gewesen, als sie ihn vor langer Zeit zum ersten Mal gesehen hatte. Trotzdem erinnerte sie sich genau an die mönchische Detektivgeschichte, die der Regisseur Jean-Jacques Annaud detailgetreu und beklemmend ins Bild gesetzt hatte. Der Roman selbst war ihr allerdings als weitaus vielschichtiger erschienen als der Film.

»Mit dem genialen Sean Connery als franziskanischer Meisterdetektiv«, schwärmte der Schauspieler. »Was für ein Typ!«

»Wofür steht das ›I‹ in Ihrem Namen?«, fragte Timon unvermittelt.

»Wie bitte? Ach so. Immanuel«, antwortete er zerstreut, als wäre er mit seinen Gedanken woanders. »Ob Ecki sich beruhigt hat?«

»Ich habe gehört, der Hauptdarsteller ist ausgefallen«, sagte Norma.

»Präzise formuliert: runtergefallen. Vom Gaul!« Sören schien sich über sein Wortspiel zu amüsieren.

»Ist der Mann schwer verletzt?«

Er winkte beruhigend ab. »Halb so wild. Wolfgang Bastiani hat sich den Ellenbogen gebrochen.«

»Der Name sagt mir nichts«, räumte Norma offen ein. Auch Timon konnte nichts mit ihm anfangen.

»Ihr kennt ihn, sofern ihr Liebesromanzen mögt«, vermutete Sören. »So wird Bastiani von den Sendern am liebsten besetzt. Im Grunde ist er ein beachtlicher Bühnenschauspieler. Sonst hätte Ecki ihn nicht engagiert. Aber mit Gipsarm am Set? Undenkbar. Jeder Tag ohne Dreh kostet unseren Regisseur ein kleines Vermögen, denn er ist zugleich der Produzent. Die Stimmung ist am Boden, weil Eckis Laune im Keller ist. Kennt ihr Ecki?« Bei aller Freundlichkeit hatte sein Blick etwas Lauerndes. Norma wusste nicht recht, was sie von Sören I. Wahler halten sollte.

Als sie und Timon verneinten, fügte er mit einem listigen Grinsen hinzu: »Stellt euch einen Mann vor, der wie im Wahn ausrastet. Habt ihr? Dann verdoppelt eure Vorstellung. Ecki ist ein Choleriker, wie er im Buche steht.«

»Die Leute haben Angst vor seinen Tobsuchtsanfällen«, schloss Norma aus seinen Worten.

»Oder vor Ecki persönlich«, meinte Sören knapp. »Sucht euch was aus.«

Glaubte man seinem dominanten Lächeln, schien Sören I. Wahler weder Tod noch Teufel zu fürchten.

2

Als Ecki Winterstein endlich eintraf, wiesen die Platten des Buffets großräumige Lücken auf. Die Anspannung der Gäste hatte sich gelöst, was Norma den süffigen Eberbacher Sekten und Weinen zugutehielt. Unruhige Blicke wurden in der Sorge gewechselt, den Start des Films zu versäumen. Die Vorführungen des Meisterwerks zählten auch deswegen zu den besonderen Anlässen, weil sie nur an wenigen Terminen im September stattfanden. Sie gehörten zu den Highlights im Jahresprogramm des Klosters. Wo sonst könnten ein realer Ort und der cineastische Schauplatz so miteinander verschmelzen wie in der Eberbacher Basilika, die damals Drehort gewesen war und sich an diesem Abend in einen Kinosaal verwandelte?

Ob sich Wintersteins Empfang und die derzeitige Filmvorführung zufällig oder gezielt ineinanderfügten, könnte nur der Regisseur erklären. Kein Zweifel bestand daran, dass ihn die Absage seines Hauptdarstellers am Nachmittag in einen furiosen Wutausbruch getrieben hatte, wie Norma aus den Gesprächen im Mönchsrefektorium he­raushörte. Aufgrund dieser Vorbereitung sorgte Wintersteins Erscheinen auch bei ihr für eine misstrauische Habachtstellung. Norma war auf einen explosiven Hitzkopf gefasst, einen wahren Wüterich. Stattdessen gab sich der Regisseur unerwartet gelassen, wenn nicht sogar heiter, als er den pompösen Barockschrank ansteuerte, der die Stirnseite des Saals beherrschte. Winterstein war von schmaler Gestalt und scheute sich offensichtlich nicht, mittels der durchgängig schwarzen Kleidung – Jeans, Hemd, Schuhe –, den tiefdunklen Haaren, die ihm gekringelt in den Nacken fielen, sowie einer schwarzen Hornbrille bis ins Detail das Klischee des intellektuellen Künstlers zu verkörpern. Mit charmanten Worten bat er um Aufmerksamkeit und dankte den Anwesenden für ihr geduldiges Ausharren.

»Gibt sich sanft wie ein Lämmchen, aber Achtung. Der liebe Ecki ist und bleibt unberechenbar«, warnte Sören flüsternd.

Nach einem Intermezzo mit den Kollegen war er zu Norma und Timon zurückgekehrt. Auch Lutz hatte sich von Nelly Nebelsiek losgeeist und war zu ihnen gestoßen.

Um Aufmerksamkeit heischend, hob Winterstein die Arme wie ein Prediger. »Kinder, ich will mich kurzhalten, damit wir die Filmvorführung nicht verpassen. Ich muss euch nicht erklären, wie glücklich ich bin, an diesem außergewöhnlichen Ort drehen zu dürfen. Und ich wünschte, ich hätte das Kloster viel früher kennengelernt und nicht erst im Rahmen meiner Recherchen zur Psychiatrie. Nun zu dem Problem, das mich den gesamten Tag in Atem gehalten hat. Weil Wolfgang Bastiani die gesamte Produktion gefährdet und uns im Stich gelassen hat …«

»Es war ein Unfall und bestimmt keine Absicht!«

Auf Sörens empörten Einwurf folgte lediglich ein Stirnrunzeln des Regisseurs. In scheinbar unbeirrbarer Gelassenheit wiederholte er: »Weil Bastiani uns im Stich gelassen hat, blieb mir nichts anderes übrig, als mich ans Telefon zu hängen und zu quatschen, als ginge es um mein Leben. Was glaubt ihr, wen konnte ich engagieren?« In die Frage hatte er eine enthusiastische Begeisterung gelegt. Schweigend ließ er die Arme sinken und schaute auffordernd in die Runde.

»Nicht doch, Ecki«, flötete Marielle Dyckerborn mit kindischer Theatralik. »Sag bloß, du hast einen Ersatz aufgetrieben?«

»Wer ist es? Raus mit der Sprache, Ecki!« Die rauchige Stimme in ihrem Rücken gehörte Nelly Nebelsiek, erkannte Norma, ohne sich umzusehen.

»Kinder«, schnurrte Winterstein entzückt und klatschte in die Hände, als applaudierte er sich selbst. »Der Fisch, den ich an Land gezogen habe, gehört zu den richtig fetten Hechten.«

»Nun sag schon, Ecki«, bat die Frau, die Marielle bisher nicht von der Seite gewichen war. Sie mochte um die 40 sein, war von kompakter Statur und hatte die hellbraunen Locken zu einem wirren Knoten zusammengerafft.

Winterstein warf ihr eine Kusshand zu. »Vor allem du darfst dich freuen, meine liebe Wenke. Deine Kamera wird eines der bedeutendsten Bühnengesichter Deutschlands und Frankreichs einfangen.«

»Du nimmst mich auf den Arm«, entgegnete Wenke misstrauisch, als wäre sie von ihrem Regisseur allerhand nervige Spielchen gewöhnt.

Winterstein schaute lachend in die Runde. »Kinder, es ist unglaublich, aber wahr: Die Rolle des Direktor Lindpaintner wird gespielt von …« Er legte eine Kunstpause ein. »Roman Bonheur!«

Wenke schüttelte stumm den Lockenkopf. Marielle kreischte auf wie ein Teenager. Bravorufe wurden laut. Norma stimmte in den begeisterten Applaus ein. Endlich ein Name, der auch sie aufhorchen ließ. Was für ein Coup!

Roman Bonheur, der gefeierte Bühnenstar, gab dem Kloster Eberbach die Ehre.

3

Die freudige Aufregung hielt an, bis es höchste Zeit wurde für den gemeinsamen Aufbruch. Norma folgte Timon und Lutz aus dem Mönchsrefektorium in den Großen Klosterhof. Timon trug die geräumige Reisetasche, auf deren Mitnahme Lutz bei der Abfahrt bestanden hatte, ohne ein Wort über den Inhalt zu verlieren. Neugierig fragte sich Norma, was ihr ehemaliger Schwiegervater darin verstaut haben mochte. Lutz hatte schelmisch gelächelt und sehr geheimnisvoll getan.

An die tausend Sitzplätze bot die ehemalige Klosterkirche. Einer der vier Eingänge in die Basilika führte durch die Klostergasse, deren Zugang im Klosterhof lag. Unter einem Torbogen befand sich die Kartenkontrolle. Das fröhliche Plaudern der Menschen in der Schlange ließ eine entspannte Vorfreude erkennen. Noch bewahrten die Mauern des Cabinetkellers, der eine Seite des Klosterhofs schloss, die Wärme des hochsommerlichen Septembertages. Die Abendsonne ließ den roten Sandstein der Fensterlaibungen leuchten. Mit der Dämmerung würde die Kälte der frühen Herbstnacht heranziehen, weshalb die meisten Besucherinnen und Besucher mit winterlicher Kleidung ausgestattet waren. Nicht wenige hatten eine Wolldecke mitgebracht. Norma hatte ebenfalls vorgesorgt, sich für Jeans, einen leichten Pullover und eine Jacke entschieden, die sie bislang über dem Arm trug.

Lutz eilte voran. Norma und Timon blieben an seiner Seite. Am Ende der Warteschlange stießen sie auf Ecki Winterstein.

Er habe auf Lutz gewartet, meinte der Regisseur, und bat um Verzeihung, weil er nicht früher die Zeit für seinen Verleger und dessen Begleitung gefunden habe. »Schade, dass wir vorhin nicht miteinander reden konnten. Wie gesagt, ich musste mich um die Umbesetzung kümmern.«

Lutz äußerte Verständnis für die besonderen Umstände. »Dafür haben Sie Roman Bonheur für Ihr Projekt gewonnen. Meinen Glückwunsch!«

»Was für eine Erleichterung und Freude«, begeisterte sich Winterstein. »Roman kennt meine bisherigen Dokudramen. Man sieht sie ja auf verschiedenen Sendern. Er ist ein großer Bewunderer meiner Arbeit.« Das Entzücken ließ seine Stimme beben.

Umsichtig, wie es seine Art war, machte Lutz den Regisseur mit seiner Begleitung bekannt. »Norma Tann, Privatdetektivin aus Biebrich, und ihr Lebensgefährte Dr. Timon Frywaldt.«

»Offen gesagt, Sie sind die erste Privatdetektivin, der ich persönlich begegne«, räumte Winterstein ein und fragte, an Timon gewandt: »Und Ihre Profession, Dr. Frywaldt?«

»Ich bin auch eine Art Ermittler«, entgegnete Timon vergnügt.

»Wo sind die anderen Mitglieder Ihres Teams?«, fragte Norma, die weder Sören I. Wahler noch Nelly Nebelsiek oder Marielle Dyckerborn in der Menge entdecken konnte.

Seine Crew würde durch das Mönchsdormitorium in die Kirche geschleust, erklärte Winterstein. »Dort gibt es eine Treppe, von der aus man direkt in die Kirche gelangt, damals der kürzeste Weg für die Zisterzienser zu ihrem nächtlichen Gebet. Was glauben Sie, was hier los wäre, wenn die Leute Marielle oder Sören entdecken würden? Vor lauter Selfies mit den Stars gäbe es kein Durchkommen.«

Die Bedenken konnte Norma nachvollziehen. »Wann erwarten Sie Roman Bonheur in Eberbach?«

Wintersteins Mundwinkel zogen sich erneut zu einem breiten Lächeln auseinander. »Roman ist bereits auf dem Weg in den Rheingau. Ich habe ihn auf seinem französischen Landgut erreicht. Wir können den Dreh wie geplant starten.«

»Vielen Dank für die Karten, Herr Winterstein«, sagte Lutz und fasste in die Innenseite seines Sakkos.

Er zog drei Tickets heraus, von denen er zwei an Norma und Timon weiterreichte. Schritt für Schritt rückten sie an den doppelbögigen Durchgang heran. Lutz machte eine launige Bemerkung darüber, dass Winterstein sich das Gedränge ersparen und wie seine Leute den Zugang über den Schlafsaal hätte nehmen können, wäre er nicht so höflich gewesen, seinen Verleger zu begrüßen. Winterstein schaute zerknirscht, als triebe ihn derselbe Gedanke um.

Endlich gelangten sie durch ein Eisentor in den länglichen Innenhof, der auf das Seitenschiff der Basilika zuführte. Gemächlich ging es im Menschenstrom voran, was Lutz die Gelegenheit gab, sein Wissen über die angrenzenden Gebäude an Norma und Timon weiterzugeben. Historisch interessiert, wie er war, hielt er sich häufig im Kloster auf und lud Geschäftspartner und auswärtige Gäste liebend gern zu Rundgängen ein. Von früheren Besichtigungen kannte auch Norma den hohen Steinbau, der sich rechter Hand erstreckte. Sie erinnerte sich an die riesigen historischen Weinkeltern, die im ehemaligen Laienrefektorium, dem Speisesaal der Laienbrüder, ausgestellt waren. Der Fachwerkbau auf der linken Seite hatte einst die Klosterbibliothek beherbergt. Mächtige Holzpfosten trugen den darunterliegenden Säulengang. Während Norma sich auf die Basilika zubewegte, fiel ihr ein dunkles Blatt Papier auf, das an einem dieser Pfeiler hing. Was darauf abgebildet war, ließ sich aus ihrer Position nicht deuten. Sie ging dicht hinter Winterstein und hatte Timon und Lutz aus den Augen verloren. Die Menschen rundherum zeigten sich bestens gelaunt und erwartungsfroh. Handys wurden gezückt und zum Fotografieren hoch über die Köpfe gehalten. Angeregt tauschte man Erinnerungen über denkwürdige Filmszenen aus. Der tote Mönch im von Schweineblut überquellenden Bottich. Die Folterqualen des Ketzers Salvatore. Die unverwechselbaren, wenn nicht sogar entstellten Gesichter der Klosterbrüder. Und natürlich Sean Connery als unvergleichlicher William von Baskerville!

Die wenigsten Zuschauer schienen »Der Name der Rose« erstmals zu sehen. Normas Vorfreude wuchs mit jedem Trippelschritt, der sie näher an die Kirchenfassade heranführte. Auch der großgewachsene Mann vor ihr, dessen kahler Hinterkopf über die Menge hinwegragte, schien es kaum erwarten zu können. Ungeduldig reckte er den Hals, der dürr war wie der eines gerupften Huhns und im überweiten Kragen seines Karohemds steckte. Der Mann schaute hin und her, als könnte sich an den Seiten ein schnellerer Weg auftun. Dabei wurde sein Blick von irgendetwas gefesselt, denn er stoppte jäh in seiner Bewegung. Angespannt hielt er den kahlen Schädel nach links gewandt. Interessierte ihn der ans Holz gespickte Zettel? Norma war weit genug aufgerückt, um darauf eine Kohlezeichnung zu erkennen: mit reichlich Schwarz und offensichtlich von geübter Hand aufs Papier gebracht. Auch Winterstein schien die Zeichnung bemerkt zu haben. Oder warum sonst sollte er so abrupt stehen bleiben, dass Norma ihm in die Hacken trat. Ihre Entschuldigung schien er nicht einmal wahrzunehmen. Auf Zehenspitzen linste er über die Köpfe hinweg zum Säulengang hinüber.

»He, ihr da vorn! Weitergehen!«, beschwerte sich eine Frau.

Etliche Aufforderungen, den Weg freizugeben, wurden laut. Der Kahlkopf setzte sich in Bewegung. Norma wurde gegen Winterstein geschoben, was diesen zwang, dem großgewachsenen Mann zu folgen. Vor ihnen tauchte die Glatze im Menschenstrom nach unten ab, denn der Eingang in die Basilika lag einige Treppenstufen unterhalb des Niveaus der Klostergasse. In der monumentalen Halle verteilte sich die Menge. Winterstein eilte auf der Suche nach seiner Truppe davon. Norma hob den Kopf und betrachtete die himmelwärts strebenden Pfeiler und die anmutigen Bögen zwischen den Deckengewölben. Bei jedem Besuch fühlte sie sich aufs Neue innig berührt von der schlichten Erhabenheit des dreischiffigen Kirchenbaus. Ein steinerner Altar, eine Reihe verwitterter Grabplatten, ein gotisches Wandrelief: Es gab nur wenige Details, die das Auge von der vollendeten Symmetrie der Säulenreihen hätten ablenken können. Seit die Abtei Eberbach zu Beginn des 19. Jahrhunderts säkularisiert worden war, fanden in der ehemaligen Klosterkirche nur zu besonderen Anlässen Gottesdienste statt. Stattdessen folgten die Menschen häufiger ihrem Ruf als einzigartige Spielstätte für klassische Konzerte und besondere Events wie an diesem Abend.

»Denk nur, vor 800 Jahren hat es hier kaum anders ausgesehen«, raunte Timon in Normas Ohr.

Rasch füllten sich die langen Stuhlreihen. Jacken wurden angezogen und Wolldecken über den Knien ausgebreitet. Lutz steuerte drei freie Plätze an. Kaum hatte Norma sich zwischen ihm und Timon niedergelassen, spürte sie die Kälte, die ihr die Hosenbeine hinaufkroch. Das würde ein frostiger Abend werden. Oder doch nicht? Mit einem wissenden Lächeln lüftete Lutz das Geheimnis der Reisetasche und brachte drei bunte Plaids zum Vorschein. Die ersten Takte der Filmmusik setzten ein. Das Gemurmel ringsum ebbte ab.

Das Filmvergnügen begann.

4

Der Film endete mit einer bombastischen Feuersbrunst. Da Norma, Lutz und Timon in einer der hinteren Reihen gesessen hatten, gehörten sie nun zu den Ersten, die in die Klostergasse zurückkehrten. Sie waren noch nicht an der Treppe angelangt, als ihnen Hilferufe entgegenschallten. Endlich erreichten sie die oberen Stufen. Die Aufregung draußen schien enorm zu sein.

»Hilfe, hierher! Helfen Sie dem Mann!«

»Schnell, das ist ein Notfall!«

Laute Stimmen tönten aus dem Säulengang. Zwischen den Holzpfosten drängten sich die Menschen zusammen. Timon schlängelte sich, nachdrücklich um Durchlass bittend, zwischen den Umstehenden hindurch. Norma folgte ihm auf dem Fuß, bis sich beide durchgezwängt hatten. Mehrere Personen hatten die hilfreiche Idee, den Bereich mit ihren Handytaschenlampen auszuleuchten. Auf den Steinplatten zwischen ihnen befand sich ein Mann. Er war von kräftiger Statur und lag mit seitlich ausgestreckten Armen auf dem Rücken. Auf den zweiten Blick wurde Norma klar, dass sie ihn kannte. Das nackte Haupt, das karierte Hemd. Unwillkürlich spähte sie zu der Holzsäule hinüber, konnte aus ihrer Perspektive leider nicht feststellen, ob die Zeichnung, die den Kahlköpfigen augenscheinlich gefesselt hatte, noch an ihrem Platz hing. Außerdem gab es jetzt Wichtigeres zu tun, als sich Gedanken über ein Stück Papier zu machen. Der Mann verharrte regungslos auf dem Pflaster. Vor seinem Kopf kniete eine Frau. Sie schien kaum älter als 30 und strahlte eine professionelle Nervenstärke aus, die darauf schließen ließ, dass sie keine Angehörige war. Die Handgriffe, mit denen sie sich am Hals des Liegenden zu schaffen machte, wirkten ebenso geübt wie umsichtig. Timon ging neben dem Mann in die Hocke. Norma kauerte sich auf die andere Seite. Im Zwielicht schimmerte das Gesicht des Fremden ungesund bläulich, und den Augen fehlte jeder Glanz.

»Ich bin Mediziner«, erklärte Timon, an die Frau gewandt. »Ich fürchte, wir sind zu spät?«

»Exitus«, bestätigte sie leise. »Ich war unter den Ersten hier draußen. Obwohl ich Notfallärztin bin, konnte ich nichts tun. Eine Reanimation war nicht möglich.«

»Ich habe ihn im Publikum gesehen«, sagte Norma und ergänzte auf Timons fragenden Blick: »Er war vor mir, bis wir in die Basilika hineingegangen sind.«

Timon beugte sich vor. »Frau Kollegin, was meinen Sie, woran …?«

»Überzeugen Sie sich selbst.«

Nun nahm auch Timon sein Smartphone hervor, aktivierte die Lampenfunktion und lenkte den Lichtschein auf die Kehle des Toten. Auf den Knien robbte Norma ein Stück vor. Um den dürren Vogelhals zog sich eine scharfe Linie, eine eingeschnittene Furche: blutrot, sehr tief. Dies war ein Tatort! Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Der plötzliche Tod des Mannes war keinesfalls die Folge eines Herzinfarkts oder einer Erkrankung. Jemand hatte den Kahlköpfigen erdrosselt! Mit den bizarren und schauerlichen Bildern des Mönchskrimis im Kopf erschien ihr die Situation surreal.

Die junge Ärztin zog denselben Schluss. »Das war Mord«, hauchte sie. »In meinem Beruf bekomme ich viel Schlimmes zu sehen. Verstümmelungen, Verbrennungen, Unfallopfer. Aber bisher niemanden, der aufs Brutalste stranguliert wurde.«

Früher waren verstörende Anblicke für Norma beinahe alltäglich gewesen. Über Jahre hatte sie als Kriminalhauptkommissarin in der Wiesbadener Mordkommission gearbeitet. Und auch danach, als Privatdetektivin, war ihr die Konfrontation mit Kapitalverbrechen nicht erspart geblieben. Ob man nicht abstumpfte mit der Zeit, wurde sie des Öfteren gefragt. Dabei war es genau umgekehrt, spürte Norma beim Anblick des Getöteten. Es wurde mit jedem Mordopfer schwerer.

Mit leichter Hand strich Timon der Ärztin über den Arm. »Kommen Sie, alles Weitere ist Sache der Polizei.«

Alle drei erhoben sich. Die junge Frau zog ihre Jacke aus und machte Anstalten, sie dem Toten über das Gesicht zu legen. Norma hielt sie zurück.

»Besser nicht«, warnte sie. »Der Täter hat möglicherweise Spuren auf der Haut und an der Kleidung hinterlassen. Die winzigste Faser könnte wichtig sein.«

»Sie haben recht«, antwortete die Ärztin. »Ich weiß, ich müsste hierbleiben, aber meine Kinder warten.«

»Gehen Sie nur«, sagte Norma. »Ich werde Ihre Adresse an die Polizei weiterleiten. Man kennt mich dort.«

Die Ärztin überließ ihr eine Visitenkarte und verabschiedete sich eilig. Der Tote sorgte für Aufsehen. Dass die Menschen einen angemessenen Abstand respektierten, war Lutz zu verdanken. Mit der ihm eigenen beharrlichen Höflichkeit hielt er die Neugier der Umstehenden im Zaum, bis vier Männer vom Veranstalterteam erschienen und diese Aufgabe übernahmen.

Die Ordnungskräfte waren in Begleitung einer Frau erschienen: eine Mitarbeiterin der Klosterstiftung, wie dem Namensschild an ihrem Blazer zu entnehmen war. Konzentriert lauschte sie in ihr Telefon hinein, um dann laut und deutlich zu antworten. »Ein Mann, soweit ich weiß, er liegt in der Klostergasse. Wie bitte? Ja, die Klostergasse, das ist ein Innenhof. Sie fahren über den Parkplatz geradeaus und an der Vinothek vorbei … Am besten, ich schicke Ihnen jemanden entgegen.«

Sie gab einem der Männer einen Wink, und er eilte davon. Danach wandte sie sich an Timon und Norma, die dem Toten nicht von der Seite gewichen waren.

»Der Krankenwagen ist auf dem Weg. Mein Name ist Katalin Schatzer«, erklärte sie und warf einen erschrockenen Blick auf den Fremden am Boden. »Was ist mit ihm? Er wird doch nicht … Er ist doch nicht … Um Himmels willen, ist er verstorben?«

»Ihm war nicht mehr zu helfen«, erklärte Timon mit ruhiger Stimme.

Katalin Schatzer griff sich bestürzt an den Kopf, fasste sich aber umgehend und forderte ihre Mitarbeiter auf, so rasch wie möglich Stellwände und Handleuchten herbeizuschaffen und den Säulengang abzuschirmen. Während sich die Angestellte den Vorfall von Timon beschreiben ließ, nahm Norma ihr Handy hervor und wählte eine Wiesbadener Telefonnummer: die Verbindung ins Polizeipräsidium Westhessen, der direkte Draht zu ihrem ehemaligen Arbeitsplatz. Als sie nach den Hauptkommissaren Dirk Wolfert und Luigi Milano fragte, hatte sie Glück. Ihre Ex-Kollegen waren für den Spätdienst zuständig. Kurz darauf dröhnte Milanos brummiger Bass in ihr Ohr.

»Wo brennt es?«, fragte er in gewohnter Knurrigkeit. »Habe ich unsere Verabredung verschwitzt? Dann beklage dich bei Dirk. Er koordiniert die Termine und hat mir nichts gesagt.« Seit sie nicht mehr im Polizeidienst war, trafen sie sich gelegentlich zum Abendessen. Die Tischbestellung lag in den Händen des peniblen Dirk Wolfert.

»Ich bin bei einem Filmabend im Kloster Eberbach«, erklärte Norma hastig. »Vor der Basilika wurde ein Mann umgebracht!«

»Bei Anruf Mord? Verdammt, Norma! Kannst du nicht einfach einen Diebstahl melden?«

Eilig fasste sie das Geschehen zusammen.

»Timon ist auch vor Ort?«, staunte Milano. »Die Privatdetektivin und der Tatortexperte des LKA Hessen stolpern über ein Mordopfer? Ich glaube, mich laust der Affe.« Seine Stimme nahm einen sachlichen Ton an. »Ihr haltet die Leute vom Tatort fern, ich schicke eine Streife voraus. Du sorgst dafür, dass nicht alles auseinanderläuft. Lass niemanden gehen! Dirk und ich brauchen 20 Minuten bis Eberbach.«

Norma wusste nur zu gut, wie entscheidend die ersten Schritte waren. Sie bat Katalin Schatzer um Unterstützung und machte sich gemeinsam mit Timon daran, Milanos Auftrag in die Tat umzusetzen.

5

Die gewaltige Gewölbehalle des Laienrefektoriums wurde zum Wartesaal jener Zuschauerinnen und Zuschauer, die Norma und Timon mithilfe des Ordnungspersonals hatten aufhalten können. Allerdings war damit nur knapp ein Viertel des Publikums zurückgeblieben. Alle Übrigen waren durch die anderen Ausgänge ins Freie gelangt und längst auf dem Heimweg. Norma mischte sich unter die Leute, die sich zwischen den gigantischen Weinpressen he­rumdrückten und sich in Geduld übten. Person für Person wurden Name und Adresse festgehalten. Eine Aufgabe, für die ein halbes Dutzend Schutzpolizisten der Rheingauer Polizeistationen angerückt war. Ausführliche Gespräche mit den Zeugen würden in den kommenden Tagen erfolgen und jede Menge Zeit sowie kriminalistisches Gespür erfordern, wie Norma aus eigener Erfahrung wusste. Als sie nach Ecki Winterstein und den Mitgliedern seines Teams Ausschau hielt, konnte sie keinen von ihnen entdecken. Vermutlich hatte sich der Regisseur seinen Leuten angeschlossen und die Basilika über den uralten Zugang zum Mönchsdormitorium verlassen, was aber kein Problem sein sollte. Die Mitglieder des Drehteams ließen sich leicht ermitteln.

Die Disziplin der Ausharrenden war bemerkenswert. Nörgeleien und Beschwerden blieben weitgehend aus. Im Großen und Ganzen schienen alle aufrichtig betroffen zu sein, dass ein Mensch zu Tode gekommen war, während sie sich mit dem Film vergnügt hatten. Wer über eine Wolldecke verfügte, wärmte sich damit die Schultern. Drei Mädchen in luftigen Sommerkleidern hatten dankbar die Plaids von Lutz entgegengenommen. Nun half er Katalin Schatzer und anderen Mitarbeiterinnen der Klosterstiftung dabei, die Menschen mit Kaffee und Tee zu versorgen.

Auf der Suche nach Timon verließ Norma das Laienrefektorium. Scheinwerfer tauchten die Klostergasse in helles Licht. Eine Polizeifotografin schoss eine Aufnahme nach der anderen. Weiße Kreidestriche auf den Sandsteinplatten kennzeichneten die Lage des Toten, dessen Leichnam bereits auf dem Weg in die Frankfurter Rechtsmedizin war. Rot-weiße Bänder sperrten den Bereich zwischen der Klosterkirche und dem Säulengang ab. Dahinter bewegte sich eine Schar in weiße Overalls gehüllter Gestalten: die Männer und Frauen der Wiesbadener Tatortgruppe. Ein Mann kniete am Boden und setzte ein Nummernschild neben eine Stelle, an der sich möglicherweise eine Spur befand. Der Ablauf war Norma so vertraut, dass ihr das untätige Herumstehen seltsam falsch vorkam. Doch sie hatte getan, was sie tun konnte. Im Schatten eines Pfeilers entdeckte sie Timon, der sich wie sie in die Rolle des Zaungastes fügen musste. Als Mediziner und Biologe arbeitete er an Ermittlungen mit, die in den Kompetenzbereich des hessischen Landeskriminalamts fielen. Verdächtige Todesfälle im Rheingau zu klären, gehörte zum Aufgabenbereich des Polizeipräsidiums Westhessen, das seinen Sitz in Wiesbaden hatte und dessen Einsatzgebiet über die Grenzen der Landeshauptstadt hinausreichte. Milano und Wolfert gehörten seit Jahren zum Ermittlerteam für Tötungsdelikte. Endlich fanden die Kommissare Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Norma und Timon. Über die Verbindung zu Norma bestand zwischen den drei Männern eine gute Bekanntschaft, ja beinahe eine Freundschaft.

Milano strich sich eine Locke aus der Stirn. Lag es am Kunstlicht, oder mischten sich in die dunklen Haare, die ihm über den Kragen reichten, tatsächlich graue Strähnen? »Dein erster Eindruck, Timon. Was mag die Tatwaffe sein? Ein dünner Draht?«

»Dem würde ich zustimmen«, sagte Timon. »Die Kollegen in Frankfurt werden dazu sicher bald Genaueres sagen können.«

»Der Tote machte einen muskulösen Eindruck«, beschrieb Wolfert seine Beobachtung. »Wie jemand, der vor allem im Freien arbeitet. Kein hilfloses Opfer, wie mir scheint.«

»Der Angreifer muss ihn von hinten überwältigt und die Schlinge blitzschnell und mit aller Kraft zugezogen haben«, vermutete Timon. »Auf diese Weise hat selbst ein kräftiger Mann wenig Chancen.«

»Grundsätzlich müssen wir von einem zu allem entschlossenen Täter ausgehen«, knurrte Milano. »Und der ist längst über alle Rheingauer Berge! Wir können nur hoffen, dass jemand aus dem Publikum etwas Entscheidendes beobachtet hat.«

Wolfert wandte sich Norma zu und blinzelte angestrengt hinter seinen starken Brillengläsern. »Du hast vorhin erwähnt, dass dir der Mann vor der Filmvorführung aufgefallen war. In der Menge vor der Basilika. Was genau war da los?«

»Ich hatte eine Zeichnung entdeckt, die an einer Säule hing«, sagte Norma. »DIN-A4-Format. Viel Schwarz, wie mit Kohlestift gemalt. Auch der Glatzköpfige hat sie bemerkt – und er wirkte erschrocken.«

»Der Mann war ein Stück weit vor dir, Norma«, bemerkte Milano misstrauisch. »Wie willst du das beurteilen?«

»Er hat hinübergestarrt, und ich konnte sein Gesicht im Profil sehen. Und seine Körperhaltung. Er war wie versteinert … als wäre das Blatt Papier eine Warnung.« Dieser Gedanke hatte sich gebildet, während sie ihn aussprach.

»Eine Warnung?«, wiederholte Wolfert nachdenklich. »Wenn ja, hat er sie wohl nicht ernst genug genommen. Hast du die Zeichnung ebenfalls gesehen, Timon?«

Timon verneinte. »Leider nicht in diesem Gedränge. Was genau konntest du darauf erkennen, Norma?«

Sie rief sich den Anblick ins Gedächtnis. »Eine Reihe von Tannen, die Spitzen tanzend im Wind. Eine Hütte, davor eine Gestalt. Ein Mensch, geduckt wie ein … wie ein verängstigtes Tier. Irgendwie … gruselig.« Ihr fiel etwas ein. »Winterstein ist die Zeichnung ebenso nicht entgangen.«

»Winterstein?«, stutzte Wolfert.

»Ecki Winterstein, ein Regisseur.« Die Stimme ertönte hinter Norma. Es war Lutz, der die letzten Sätze aufgeschnappt hatte. Von dem Stück Papier habe er vorhin nichts mitbekommen, fügte er an.

Eine Schutzpolizistin näherte sich der kleinen Gruppe um Norma und wedelte mit einem Schreibblock. Sie stellte sich als Leiterin der Rheingauer Einsatzgruppe vor. »Eine Reihe von Zuschauern konnten wir bereits nach Hause schicken. Insgesamt wird es sicher noch ein, zwei Stunden dauern, bis wir von den restlichen die Daten aufgenommen haben. All die Menschen zu ermitteln, die vorher gegangen waren, wird eine Mammutaufgabe. Danke, dass Sie diese Leute aufgehalten haben«, sagte sie, an Norma und Timon gewandt.

»Konnten Sie Angehörige des Toten ausfindig machen?«, fragte Wolfert.

»Offenbar war er allein gekommen, aber wir wissen jetzt seinen Namen«, erklärte die Schutzpolizistin zufrieden. »Ein Kollege kannte ihn, und mehrere Zeugen haben die Identifizierung anhand eines Handyfotos bestätigt. Axel Teubener, ein Rheingauer Winzer.« Sie überreichte Wolfert einen Zettel mit der Adresse.

Milano ließ ein lobendes »Benissimo!« hören. »Wir fahren sofort los. Gibt es noch etwas?«

»Nun, Axel Teubener hat keine Vorführung von ›Der Name der Rose‹ ausgelassen«, sagte die Schutzpolizistin.

»Warum auch nicht?«, meinte Wolfert. »Der Film ist schließlich einer der Filmklassiker schlechthin.«

Norma mischte sich in die Unterhaltung ein. »War er nur ein großer Fan, oder gab es einen besonderen Grund dafür?«

»Er war vor allem Fan der eigenen Schauspielkunst. Teubener hat 1985 als Statist mitgewirkt. Wussten Sie, dass es damals im Rheingau eine Menge Männer mit Tonsur gegeben hat?«, fügte die Schutzpolizistin mit einem belustigten Lächeln hinzu.

»Ich hätte mich auch als Komparse anheuern lassen«, erklärte Wolfert zu Normas Verblüffung.

Nachdem sich die Kommissare für die Informationen bedankt hatten, kehrte die Schutzpolizistin ins Laienrefektorium zurück.

»Lasst uns nach der Zeichnung suchen«, drängte Norma. »Vielleicht stammt sie vom Täter …«

»Oder ist schlicht das Werk eines Hobbymalers«, fiel ihr Milano ins Wort. »Wenn dir das Gekritzel so wichtig erscheint, dann kopiere es.«

»Ich kann nicht zeichnen«, protestierte sie.

»Das kriegst du hin«, entgegnete der Kommissar mit süffisantem Grinsen. »Auf, Dirk! Wir sollten mit den Angehörigen reden, bevor sie auf Facebook von Axel Teubeners Ableben erfahren.«

Absolut uneinsichtig erteilte er Normas Bitte, sie zum Weingut begleiten zu dürfen, eine kompromisslose Abfuhr.

6

Rheingau

Donnerstag, der 16. September

Er taucht tief ab in einen Ozean von Grün, ein vibrierendes Maigrün, wellenschlagend und leuchtend, von der Sonne durchdrungen wie auf einem Gemälde von Claude Monet. Als er die satte Farbe mit gespreizten Fingern auffächert, entdeckt er die Trauben, die prall und von Saft strotzend durch das Weinlaub schimmern. Sich wundernd über die Reife, die ins Frühjahr fällt, schaut er auf Alinas Lachen. Die blitzenden Zähne, die Grübchen, das weiche Kinn. Sie hat die Arme um ihren Bauch geschlungen und flüstert den Namen ihrer ungeborenen Tochter. Wispert und säuselt, ruft und schluchzt, doch er versteht die Worte nicht. Er hört ihre Stimme klar und warm, doch der Name lässt sich nicht fassen, verflüchtigt sich. Alina streckt ihm beide Arme entgegen, er will ihre Hände greifen, aber je näher er ihr kommt, desto schneller weicht sie zurück, wird erbarmungslos hineingezogen ins schwarze Nichts. Er fleht um Hilfe, das Telefon klingelt und klingelt …

Als er aufwachte, klebte ihm der Pyjama am Körper wie eine nasse Fischhaut. Die Bilder des Traums tanzten vor seinen Augen, und der süße Nachklang von Alinas Stimme verlor sich im schrillen Dauergedudel. Mit schwerem Arm griff er nach dem Telefon und schaute auf das Display. Er widerstand dem Impuls, den Anruf wegzudrücken. Das hätte ihm nur einen kurzen Aufschub verschafft.

Eine verunsicherte Stimme traf auf sein Ohr. »Daniel?«

»Was fragst du, Hanna?«, herrschte er seine Schwester an. »Wer sollte drangehen außer mir? Alina aus dem Totenreich? Die Grabesstimme unseres verstorbenen Vaters?«

»Bitte, Daniel, sei nicht zynisch!«

»Was erwartest du? Frohsinn und Heiterkeit eines Witwers?«

Dabei war ihm bewusst: Seine Angriffslust war ebenso ungerecht wie herzlos und grob. Ohne Hanna und Felix, seinen Schwager, wäre er nicht durch die vergangenen Monate gekommen. Seine Urne hätte längst ihren Platz neben Alinas Asche eingenommen. An jedem einzelnen Sommertag hatte er gedanklich jede vorstellbare und unvorstellbare Möglichkeit durchgespielt, um seinem Dasein durch eigene Hand ein Ende zu setzen. Dass er trotz allem am Leben war, verdankte er der ausdauernden Kontrolle und ständigen Sorge seiner älteren Schwester. Wobei ihm der Begriff »verdanken« wie ein Euphemismus erschien. Die meiste Zeit nahm er Hanna die aufdringliche Fürsorge ebenso übel wie ihr peinigendes Bestreben, ihn zurück in die Gesellschaft zu bringen, wie sie ihre Aktivitäten rechtfertigte. Hilflose und von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuche wie der gestrige Überfall, mit dem sie und Felix ihn ins Kloster Eberbach bugsiert hatten; getrieben von der irrwitzigen Annahme, er könnte beim Betrachten eines uralten Mittelalterthrillers vergessen, warum er vor zwei Monaten nicht Vater einer Tochter geworden war.

Trotz aller aktuellen Schwierigkeiten folgten ihre Streitereien einem seit frühster Kindheit gepflegtem Drehbuch, das von Hanna verlangte, als Erste wieder für gute Stimmung zu sorgen. So entsprach sie auch jetzt ihrer Rolle und beteuerte in milderer Tonlage ihr Verständnis für seine Trauer. Er machte sich darauf gefasst, dass den tröstenden Worten ein Themenwechsel folgen würde, und sollte sich nicht täuschen.

»Daniel, warum bist du gestern so plötzlich verschwunden? Nach der Pause warst du fort ohne ein Wort. Nicht sehr höflich! Wir haben uns Sorgen gemacht.«

»Ich hatte genug und bin zu Fuß heim.«

Der Weg war nicht weit, geschätzt keine drei Kilometer. Sein Winzerhof lag inmitten der Weinberge und quasi in Alleinlage – wenn man von einem benachbarten Weingut absah. Zur Heirat hatte der Vater ihm den Betrieb überschrieben. Mit hochfliegenden Plänen, die das Familienunternehmen für kommende Zeiten wappnen sollten, überzeugte Alina ihren frisch angetrauten Ehemann und brachte sogar den skeptischen Schwiegervater auf ihre Seite. Eine Vinothek mit allem Schick, den die kultivierte Kundschaft verlangte. Eine noble Gaststube als Gutsschänke und vor allem, als Investition in eine glänzende Zukunft, die Terrasse: weitläufig, umrahmt von wogenden Rebflächen wie aus dem Urlaubskatalog und mit einem Panorama, das selbst im von herrlichen Aussichten verwöhnten Rheingau seinesgleichen suchte. Weinproben, Winzerabende, Konzerte mit Jazz und Klassik im festlichen Rahmen – Alina besaß ein Händchen für exklusive Veranstaltungen. Bald strömten die Gäste in Scharen herbei. Daniel gewöhnte sich daran, wieder durchzuschlafen, anstatt sich mit dem Grübeln über haushohe Kreditsummen durch die Nächte zu quälen. Das Weingut Lenges erlebte eine Winzer-Erfolgsstory, mit der sich Hochglanzmagazine schmückten.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt! Schillers Tell, oder? Daniel, der gewiss kein Freund schlauer Sprüche war, hatte sich dieser Lebensweisheit wider Willen fügen müssen. Wenn Gäste seines Weinguts ihren SUV oder die Limousine auf der Parkfläche des Weinguts Teubener abgestellt hatten, fanden sie später einen Zettel unter dem Scheibenwischer vor: Botschaften des Nachbarn, deren Tonfall sich von missmutig über aggressiv bis grob unflätig erstreckte. Als Daniel noch überlegte, wegen dieser Beleidigungen die Polizei einzuschalten, kam ihm Axel Teubener zuvor und schickte ihm selbst eine Streife auf den Hof. Ruhestörung! Der Nachbar fühlte sich von der Tanzmusik einer Hochzeitsgesellschaft belästigt. Das Brautpaar – Angehörige der wohlhabenden Gesellschaftsschicht – zeigte wenig Bereitschaft für leisere Töne. Warum auch, wenn die Feiernden im Gegenzug von nebenan mit Schlagern beschallt wurden? Das Fest endete in einem Fiasko. Da fiel es kaum noch ins Gewicht, dass Alina am Morgen danach auf der Terrasse einen Haufen erbärmlich stinkenden Hühnermists entdecken und sich – bereits hochschwanger – in einen Buchsbaumkübel übergeben musste. Alina …

Hannas tadelnde Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. »Deine Schlägerei mit Teubener gestern, Daniel! Musste das sein? Mitten in der Basilika? Vor allen Leuten? Ich habe mich geschämt für meinen Bruder! Warum lässt du dich von dem Ekelpaket provozieren?«

Aufs Neue sprudelte seine Wut auf wie überschäumende Hefe im jungen Wein. Sie waren früh dran gewesen, unter den ersten Zuschauern, als Teubener plötzlich aufgetaucht war. Ein Wort hatte das andere ergeben, ein Faustschlag folgte auf den anderen, bis die Ordner einschritten und das Gerangel beendeten. Hannas diplomatischem Geschick war es zu verdanken, dass man ihn nicht umgehend rausgeworfen hatte.

Daniel platzte der Kragen. »Der Schweinehund hat meine Frau und mein Kind auf dem Gewissen.«

»Es war ein Unglück! Ein Unfall, an dem auch du nicht völlig schuldlos bist.«

»Glaubst du, ich mache mir keine Vorwürfe? Aber es wäre niemals passiert, hätte uns Teubener nicht im Weinberg aufgelauert.«

Hanna seufzte nachsichtig. »Gott hat ihn gestraft.«

»Wie jetzt?«, fragte er verwirrt.

»Du weißt es also noch nicht?« Die Schwester schwenkte um in den überheblichen Tonfall, den sie in Perfektion beherrschte. »Wirf einen Blick ins Internet, Bruderherz.«

»Sag schon!«

Durch das Telefon vernahm er den tiefen Atemzug, mit dem sie sich für die Antwort wappnete. »Teubener ist tot. Ermordet! Gestern Abend, während der Film lief. Ich sage es nicht gern, aber ich an deiner Stelle würde mich auf den Besuch der Polizei vorbereiten.«

7

Sie kamen, kaum dass er sich angezogen hatte. Seine Fischhaut war aufgequollen, der Nachtschweiß pappte zäh zwischen den Schulterblättern. Trotzdem hatte er es nicht fertiggebracht, sich seelenruhig unter die Dusche zu stellen, während ein fremder Wagen gegenüber vor Teubeners Einfahrt stand. Zivilfahrzeug. Kombi. Wiesbadener Kennzeichen. Kriminalpolizei? Zwei Männer verließen das Nachbarhaus, ein Schwergewicht mit pomadiger Mafiosofrisur und ein Beamtentyp mit Schlips und Kragen. Hinter der Küchengardine erspähte Daniel die dürre Silhouette von Annegret Teubener, die ihrem Axel nur wenige Tränen nachweinen würde. Der Schlaksige eilte vorweg und nahm dabei den niedergewalzten Lattenzaun in Augenschein – Teubeners jüngste Monstertat. Obwohl die Gutsschänke seit Alinas Tod geschlossen war, hatte Teubener sich weiterhin von seinen zerstörerischen Launen treiben lassen. In manchen Wochen war nichts geschehen, dann überkam es ihn, und er zertrümmerte Daniels letzte unversehrte Blumentöpfe mit dem Vorschlaghammer. Vor drei Tagen hatte Teubener seinen Weinbergtraktor kurzerhand in den Nachbargarten hineingelenkt, ohne den Umweg über die Einfahrt zu nehmen. Daniels Bemühungen, die Fassung zu bewahren und die hinterhältigen Attacken wie einen Hagelschauer im Weinberg hinzunehmen, fruchteten nie. Das anschließende Wortgefecht war heftig ausgefallen.

Er bat die Männer ins Wohnzimmer, das halbwegs ordentlich aussah, weil Hanna regelmäßig zum Putzen kam, und kehrte in die Küche zurück, um den Kaffeeautomaten in Gang zu setzen. Auch wenn die Männer, die sich als Hauptkommissare Luigi Milano und Dirk Wolfert vorgestellt hatten, nichts trinken wollten – er brauchte Koffein, um das Gespräch durchzuhalten. Nach kurzem Zaudern kippte er einen Schuss Wodka in den schwarzen Kaffee und trug den Becher ins Wohnzimmer. Die Polizisten standen mitten im Zimmer, als hätten sie sich nicht von der Stelle gerührt. Trotzdem war er überzeugt, dass sie sich die Bilderrahmen auf dem Sideboard angeschaut hatten. Alina im Weinberg, Alina mit einem Tablett voller Gläser, Alina einfach nur als Alina: die leuchtenden Augen, das bauschige Haar um die Schultern. Sie war viel zu hübsch, um übersehen zu werden.

Sie setzten sich an den Esstisch, Daniel auf der einen, die Polizisten auf der anderen Seite.

Der Dicke, Milano, machte den Anfang. »Sie wissen, warum wir hier sind?«

Daniel nickte. »Mehr oder weniger.«

»Das heißt was?«, fragte Kommissar Wolfert, dessen Augen hinter den Brillengläsern froschartig hervortraten.

Daniel starrte auf die Tischdecke – ein Lavendelton, Alinas liebste Farbe –, um keinen Blickkontakt mit den Froschaugen zu riskieren, als er so unaufgeregt wie möglich erklärte: »Ich habe eine Vermutung, warum Sie eben mit Annegret Teubener gesprochen haben, frage mich aber, was Sie von mir wollen.«

»Wir helfen Ihnen gern auf die Sprünge, Herr Lenges«, polterte der schwergewichtige Kommissar. »Gestern Abend wurde Ihr Nachbar ermordet. Axel Teubener!«

Daniel duckte sich. Laute Männer schüchterten ihn ein. Was für ein elendiger Morgen. »Ich weiß, meine Schwester hat mich angerufen. Sie hat es in den News im Internet gelesen.«

»Kommen wir zum Punkt, Herr Lenges«, sagte der Frosch­äugige mit gesenkter Stimme, die nicht weniger bedrohlich klang als das laute Organ des Kollegen. »Sie hatten gestern Abend einen Streit mit Teubener, eine handgreifliche Auseinandersetzung in der Eberbacher Basilika. Dafür gibt es mehr Augenzeugen, als wir nötig hätten.«

»Der Dreckskerl hat mich provoziert«, verteidigte sich Daniel und nahm einen großen Schluck aus dem Becher. Der Kaffee war lau, dafür sickerte ihm der Alkohol prickelnd durch die Kehle. »Dieser Mann ist der Teufel in Person. Er hat mein Leben zerstört und mir die Familie genommen.«

»Sie schwitzen, Herr Lenges«, stellte der Dicke fest. »Ist Ihnen unser Besuch unangenehm?«

»Ich habe schlecht geträumt«, murmelte Daniel. Wie immer schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben.

»Ein Alptraum von Ihrer zweiten Begegnung mit Axel Teubener gestern?«, fragte Wolfert bohrend. »Ihr Nachbar hat die Basilika vor dem Ende des Films verlassen. Haben Sie Teubener in der Klostergasse aufgelauert? Wir sind informiert darüber, dass Sie in der Pause gegangen sind. Für beides gibt es Zeugen.«

»Keine Ahnung, wo er hin ist«, widersprach Daniel heftiger als beabsichtigt. Er musste die Nerven behalten. Mit dem Ärmel wischte er sich über die schweißnasse Stirn. »Ich wollte nach Hause. Letztes Jahr habe ich ›Der Name der Rose‹ gemeinsam mit Alina gesehen. Das kam alles wieder hoch.«

»Wir sind über den Unfall Ihrer Frau im Bilde«, bemerkte Milano, nun überraschend milde klingend. Die Kommissare schienen sich darin einig zu sein, abwechselnd zu sprechen. Oder hatte sich das im Verlauf einer jahrelangen Zusammenarbeit so ergeben? »Herr Lenges, Sie waren mit Ihrer schwangeren Frau in den Weinbergen unterwegs, wo Sie mit Teubener aneinandergerieten. Ich verstehe das, Sie waren aufgewühlt, ein rabiater Streit. Danach sind Sie zu forsch angefahren. Der Traktor stürzte um, es war in einer Steillage, und begrub Ihre Frau unter sich. Dann kam der Rettungshubschrauber, brachte sie nach Wiesbaden in die HSK, wo sie leider verstarb. Und mit ihr das ungeborene Kind. Habe ich das richtig wiedergegeben?«

Daniel nickte stumm. In ihm brodelte es. Sein Kopf drohte zu zerplatzen wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon. Sein Atem stockte. Am liebsten wäre er zum Hof hinausgestürzt. Die Sehnsucht nach der Stille der Weinberge schien übermächtig.

»Herr Lenges?« Der Schmächtige säuselte ihm ins Ohr.

Daniels Blick versank in Alinas Lieblingsblau.

Milano schnurrte: »Haben Sie Ihren Nachbarn Axel Teubener getötet?«

»Ich will einen Anwalt sprechen.« Das war der einzige Satz, den Daniel in dieser vertrackten Situation herausbrachte.

8

Wiesbaden

Donnerstag, der 16. September

Norma begann den Morgen mit dem Checken der neusten Nachrichten – im Bett und mit dem Smartphone in der Hand. Mehrere Kanäle berichteten über den Mord im Kloster Eberbach. In Details verlor sich kein Artikel, und von möglichen Verdächtigen war ebenfalls nicht die Rede. Falls es entscheidende Entwicklungen geben sollte, hatten die Ermittler sie nicht an die Presse weitergegeben. Kurz wog Norma ab, bei Wolfert oder Milano nachzufragen, entschied sich aber fürs Abwarten. Je weniger sie die Ex-Kollegen mit wissbegierigen Anrufen nervte, desto mehr würden sie später von sich aus preisgeben, hatte sie die Erfahrung gelehrt. So nutzte sie die Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen. Seit Tagen war sie ohne Arbeit, ein Umstand, der sie früher nervös gemacht hätte. Mittlerweile war sie entspannt genug, um die freie Zeit zu genießen und darauf zu vertrauen, dass der nächste Auftrag nicht lange auf sich warten ließe. Meistens kam er in Gestalt einer eintönigen, aber profitablen Recherche; ob für eine Versicherung oder einen Geschäftsmann. An diesem Morgen fehlte ihr zur Entspannung nur noch der schnurrende Kater. Zu ihrem Bedauern ließ sich Leopold nicht wie sonst am Dachfenster blicken, um mauzend Einlass zu verlangen. Sofern er nicht über die Biebricher Dächer streifte, hatte er sich womöglich in sein eigentliches Zuhause in der mittleren Etage zurückgezogen. Dort wohnte Eva Vogtländer, der neben dem Haus auch der Kater gehörte. Freilich bestand der Besitzanspruch an dem Tier nur der Form halber. Leopold war sein eigener Herr. Als unabhängiger Geist zeigte er sich mit seinem Personal zufrieden und verteilte seine Gunst auf beide Frauen.

Schläfrig rollte sich Norma in die Bettdecke ein. Lutz und Timon waren bis spät in der Nacht bei ihr geblieben. Aufgewühlt durch das Verbrechen, hatten sie in der winzigen Küche über den Tod und das Leben philosophiert. Die Männer kannten und schätzten sich. Dennoch kam es selten zu gemeinsamen Stunden. Umso mehr hatte sie es genossen, die beiden Menschen, die ihr die liebsten waren, gleichzeitig um sich zu haben. Lutz war zuerst aufgebrochen. Wenig später hatte sich Timon verabschiedet, um vom Biebricher Rheinufer ins Zentrum zu radeln – zu seinem Heim auf Zeit. Seit Jahren führte er ein freiwilliges Nomadenleben und hütete Wohnungen, deren Besitzer für eine Weile im Ausland lebten.

Der Appetit aufs Frühstück trieb Norma schließlich aus dem Bett. Kaum saß sie am Tisch, klingelte die Türglocke.

Vor der Schwelle wartete die Hausbesitzerin. »Hast du einen Moment für mich?«

»Klar, komm rein, Eva.«

Leopold hatte sich ihr angeschlossen. Der Kartäuserkater stolzierte an Eva vorbei und trabte in die Küche vo­raus. Dort bediente Norma den Kaffeeautomaten. Das Verlangen ihrer Vermieterin nach Koffein war nicht weniger ausgeprägt als ihr eigenes. Mit einem Dank nahm Eva den Becher entgegen und sank auf einen Stuhl nieder.

»Musst du nicht zur Schule?«, fragte Norma und setzte sich ebenfalls. Eva unterrichtete Deutsch und Geschichte an einem Wiesbadener Gymnasium.

»Erst heute Nachmittag, vorher wollte ich etwas Wichtiges mit dir besprechen«, antwortete Eva, während sie den Becher hin und her rückte.

So angespannt kannte Norma ihre Vermieterin nicht. Sie erschrak. War jetzt der Tag gekommen? Würde sie ihr Zuhause verlieren? Seit geraumer Weile trieb sie die Sorge um, Eva könnte die Dachwohnung ihrem langjährigen Partner überlassen wollen. Bislang war er in Köln zu Hause, jedoch hatte Eva in letzter Zeit öfter erwähnt, wie gern sie tagtäglich mit ihm zusammenleben würde. Es wäre ein schmerzlicher Verlust! Norma liebte die urgemütlichen Zimmerchen mit den Schrägen und die Ausblicke auf den Rhein mit seinen vorbeituckernden Lastschiffen. Sie hatte ihre Freude an den krächzenden Schwärmen der wilden Alexandersittiche, die im nahen Schlosspark lebten. Zu den praktischen Annehmlichkeiten gehörte das Büro im Erdgeschoss. Zuvor hatte der Raum als Blumenladen gedient und eine Weile leer gestanden.

Sie bemühte sich, unbekümmert zu klingen, als sie sagte: »Verstehe. Seit Jahren verbringst du jedes Wochenende und die Ferien in Köln. Also habt ihr genug von der Wochenendbeziehung?«

»Du triffst den Nagel auf den Kopf«, bestätigte die Vermieterin.

Sie würde sich nicht querstellen, hatte Norma sich vorgenommen. »Wann soll ich die Wohnung räumen? Ach, auch das Büro?«

Mit einem dumpfen Plopp landete Evas Becher auf der Tischplatte. »Um Himmels willen! Bitte bleibe hier, solange du möchtest«, widersprach Eva entschieden. »Es verhält sich genau andersherum. Ich ziehe nach Köln.«

»Puhh«, machte Norma vor Erleichterung, um sich gleich über eine neue Misere klar zu werden. Bedrückt schaute sie zu Leopold hinüber. Ohne die geringste Vorstellung von den Plänen seines Frauchens hockte der Kater wie eine Sphinx auf dem Fensterbrett und bemühte sich, das heftig turtelnde Taubenpaar hinter der Scheibe mit Missachtung zu strafen. »Dann wird Poldis Revier auf dem Dach bald allein den Vögeln gehören.«

Eva strich sich eine Haarsträhne zurück, eine dieser dichten, roten Locken, dank deren die Lehrerin stets auf perfekte Art unfrisiert aussah. »Das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich habe eine Bitte.«

»Raus mit der Sprache!«

»Könntest du dir vorstellen, Poldi zu übernehmen? Ich meine, wo er die meiste Zeit sowieso bei dir verbringt?«

»Keine Frage, das weißt du doch«, sagte Norma erleichtert. Den Kater zu verlieren, hätte nicht nur sie geschmerzt. Auch Timon hätte den Stubentiger vermisst. »Wird es dir nicht sehr schwerfallen, Poldi zurückzulassen?«

»Das wird nicht einfach für mich, leider geht es nicht anders. Er hat hier sein Zuhause. Außerdem leidet mein Freund unter einer schlimme Katzenhaarallergie. Das ist der Grund, warum er mich nie besucht. Bei dir weiß ich Poldi in den besten Händen.«

Eva stand auf, und auch Norma erhob sich. Ob Eva nicht ihre Schule vermissen würde, fragte Norma. Wie oft hatte Eva von ihrem Kollegium geschwärmt.

»Man muss manchmal auch etwas Neues wagen«, erklärte Eva entschlossen. »In Köln werde ich an einer Privatschule unterrichten. Darauf freue ich mich. Danke, Norma! Für den Kaffee, für alles.«

Sie verließen die Küche. Leopold blieb auf seinem Platz, blinzelte träge und rührte keine Pfote.

Im Flur wandte Eva sich um. »Eine Bitte noch. Meine Wohnung … Ich suche einen Mieter. Falls du jemanden weißt …?« Sie wollte das Angebot diskret handhaben, um nicht von Anfragen überrollt zu werden. Sympathischen Interessenten absagen zu müssen, fiele ihr schwer.

Norma versprach, sich umzuhören. In der Küche erklang ein Signalton. »Entschuldigung, mein Handy. Bis bald, Eva!«

Das Smartphone brummte auf dem Küchentisch. Eckhard Winterstein! Ob sie Zeit für ein Gespräch hätte. Wenn möglich zeitnah im Kloster Eberbach.

Norma hatte nichts Besseres vor. Eine halbe Stunde später steuerte sie ihren kleinen Toyota durch den Rheingau.

9

Kloster Eberbach

Donnerstag, der 16. September

Eckhard Winterstein wartete vor der Vinothek, ihrem verabredeten Treffpunkt, und winkte sie auffordernd näher heran.

»Sind Sie einverstanden, wenn wir in meinem Wohnmobil reden?«, fragte er höflich. »Eigentlich könnte ich jeden Tag hierherfahren. Ich müsste nur über den Rhein, ich lebe in Mainz. Aber ich will am Drehort bleiben, Tag und Nacht, um seine Atmosphäre in mich aufzunehmen. Eine allumfassende Inspiration, Sie verstehen doch?«

Norma folgte ihm mit dem Entschluss, das Treffen auf der Stelle abzubrechen, sollte der Regisseur seinem Ruf gerecht werden und sich ausfallend oder cholerisch benehmen. Der Weg führte sie um das ehemalige Hospital herum und am Kleinen Klosterhof entlang.

»Die Fraternei«, erklärte Winterstein und deutete wie ein Gästeführer auf das breite Gebäude, dem sie entgegenstrebten. »Darin befand sich der sogenannte Brüdersaal, in dem die Zisterzienser Bücher abgeschrieben haben und wo, in neuerer Zeit, ein berühmter Film gedreht wurde. Denken Sie an gestern: der tote Mönch im Holzbottich!«

Sie verstand, worauf er anspielte. Schummriges Licht, voluminöse Weinfässer und dazwischen ein Bottich mit Wasser, durch dessen Oberfläche der blasse, aufgedunsene Körper einer korpulenten Leiche schimmerte. »Die Szene mit dem vergifteten Mönch spielt also dort drin?«

»So ist es, der Zuber aus ›Der Name der Rose‹ stand im Cabinetkeller, wie man die Fraternei auch nennt.«

»Hätten Sie selbst gern bei dem Epos mitgewirkt?«, fragte sie neugierig.

Winterstein seufzte leicht theatralisch. »Welcher Filmschaffende träumt nicht davon? Ich war zu meinem Leidwesen nicht dabei. Kloster Eberbach habe ich letztes Jahr erstmals besucht, um für meinen neuen Film zu recherchieren. Kommen Sie!«

Hinter dem Cabinetkeller öffnete sich der Große Klosterhof. Anders als am vergangenen Abend lag der gepflasterte Platz verlassen da bis auf ein Grüppchen Männer und Frauen, allem Anschein nach Touristen, die mit interessierten Mienen umherspazierten. Ob die Besuchergruppen von dem Mord erfahren hatten, fragte sich Norma unwillkürlich. Die zwei halbrunden Durchgänge zur Klostergasse, in der der tote Winzer gelegen hatte, waren durch Gittertore versperrt. Dahinter lag der innere Bereich des Klosters, der nur mit einer Eintrittskarte besichtigt werden konnte. Der Regisseur schritt weit aus wie jemand, der es gewohnt war, seine Arbeit schnell und zielorientiert zu erledigen. Auch Norma hielt sich für gewöhnlich ungern mit Schlendern auf. Nun jedoch ging sie absichtlich langsam. Sie wollte Zeit gewinnen und den Regisseur in ein Gespräch verwickeln, um ihn besser einschätzen zu können, sobald er auf den speziellen Grund seiner Einladung zu sprechen kam. Bisher hatte er nur erwähnt, dass es um sein Filmprojekt ginge.

»Verzeihen Sie meine Offenheit«, begann sie. »Gehen Sie mit Ihrem Dokudrama nicht ein wenig attraktives Thema an? Bei dem Wort ›Irrenanstalt‹ habe ich sofort die schlimmsten Bilder im Kopf. Menschen in Lumpen, verzweifelte Gestalten in Ketten. Was reizt Sie daran?«

Er hatte sich ihrem Schneckentempo notgedrungen gefügt. »Eben genau das ist mein Anliegen. Diese beklemmenden Assoziationen, wer hat sie nicht? Ich will eine vergessene Zeit ins Licht rücken. Mein Dokudrama erzählt die Geschichte der Psychiatrie in authentischen Bildern. Keine Frage, im 19. Jahrhundert gab es menschenverachtende Übergriffe, andererseits hatte die sogenannte Obrigkeit durchaus den aufrichtigen Willen, psychisch Kranken und geistig Behinderten zu helfen. Entscheidende Fortschritte werden wir in Spielszenen darstellen. Im Kloster Eberbach geschah Bahnbrechendes, Frau Tann!«

Hier spricht jemand, der von seinem Stoff überzeugt ist, erkannte Norma und fragte, von seiner Begeisterung mitgerissen: »Sie meinen Entwicklungen, die Persönlichkeiten wie Direktor Lindpaintner zu verdanken sind? Die Hauptrolle, für die Roman Bonheur einspringen wird?«

»Unbedingt! Philipp Heinrich Lindpaintner war 23 Jahre alt, als er in Eberbach zum Direktor berufen wurde – kein Arzt oder Psychiater, wie man vermuten würde, sondern ein Jurist. Das war 1817 und das Kloster mittlerweile säkularisiert. Lindpaintner wollte mit Humanität und Menschlichkeit wirken, ein ehrgeiziges Vorhaben für einen so jungen Mann.«

»Wurde er diesem Anspruch gerecht?«, fragte Norma mit wachsendem Interesse. Die Entwicklung der Psychiatrie war für sie ein unbekanntes Buch, und den Namen des Eberbacher Direktors hatte sie beim Empfang im Mönchsrefektorium zum ersten Mal gehört.

»Natürlich war er ein Kind seiner Zeit«, gab Winterstein zu bedenken. »Aus heutiger Sicht erscheinen uns die Methoden, die Lindpaintner zur Disziplinierung der Patienten angeordnet hat, als brutal und widersinnig. Das reicht von Schröpfkuren und Brechmitteln bis hin zum Hohlen Rad. Aber dennoch: Philipp Lindpaintner war ein Vorreiter, der auf Bildung und Beschäftigung der Patienten baute, anstatt die Kranken in Zellen zu verwahren.«

Norma hielt im Gehen innen, wandte sich um und warf einen Blick auf den dreiseitig geschlossenen Hof, der trotz seiner Pracht und beachtlichen Ausmaße einen Randbezirk bildete. »Ist es nicht ein Glückfall, dass Sie am Originalschauplatz drehen können?«

»Wie ein göttliches Geschenk, Frau Tann! Verzeihen Sie den blumigen Ausdruck. Die Atmosphäre ist wahrhaftig einzigartig. Die Gebäude aus der Zeit Lindpaintners sind alle noch da.«

»Also können Sie ohne große Umstände loslegen?«

Er lachte lauthals, was wie das Meckern einer Ziege klang. »So simpel ist es leider nicht. Wir müssen mit Kulissen nachhelfen. Zwar stehen die Gebäude noch, aber von dem mobilen Inventar ist nichts übrig geblieben. Wie Sie selbst sagen: Das Thema ›Irrenanstalt‹ weckt allenthalben deprimierende Fantasien. Deshalb hat man im 19. Jahrhundert alles entfernt, was an die ›Irren‹ erinnerte. Sogar die alten Mönchszellen im Dormitorium! Darin hatten die Patienten gehaust. Bis auf die nackten Wände wurde alles herausgerissen und fortgeschafft. Danach verfiel das Kloster in einen Dornröschenschlaf und wurde nur noch als Weingut genutzt.«

»Was geschah mit den Patienten?«

»Eberbach war zu klein geworden, zu unmodern. 1849 wurden neue Gebäude bezogen, quasi in Sichtweite, dort drüben auf dem Eichberg. Die heutigen Kliniken haben ihren Ursprung hier in Eberbach. Kommen Sie, wir sind am Ziel.«

Hinter einem von hohem Buchs gesäumten Tor, das ein Stück Bruchsteinmauer durchbrach, wurde das Heck eines Wohnmobils sichtbar. Gestutzte Buchenhecken begrenzten die Fußwege zu den Stellplätzen. Winterstein öffnete die Tür seiner fahrbaren Unterkunft und bat Norma hinein. Solange er mit einem Espressokocher hantierte, schaute sie sich unauffällig um. Neben der Psychiatriegeschichte hatte sich mit dem Wohnmobil eine weitere Wissenslücke aufgetan. So ein Gefährt hatte sie nie zuvor betreten, und es erschien ihr überraschend geräumig. Der Tisch diente Winterstein offensichtlich als Büro. Darauf verteilten sich ein Laptop und mehrere prall gefüllte Ordner. An den Wänden und Fensterscheiben klebten Bleistiftskizzen von Frauen unter breitkrempigen Hüten und Männern mit Zylindern und langen Bärten. Angedeutete Szenen mit Bonheur und weiteren Schauspielern, wie Norma vermutete.

»Sie sind ein talentierter Zeichner«, sagte sie anerkennend und dachte an ihren stümperhaften Versuch, noch in der Nacht die Kohlezeichnung aus der Klostergasse zu kopieren. Selbst wenn sie sich genauer an die Details erinnert hätte, wäre es ihr wohl kaum besser gelungen. Winterstein war eindeutig geübter.

»Was das betrifft, bin ich vom alten Schlag«, bekannte er. »Heutzutage gehören digitale Techniken selbstverständlich dazu, auch für mich. Aber für die Entwicklung einer Szene sind mir Papier und Bleistift immer noch das Liebste. Bitte, nehmen Sie Platz. Zucker?« Ohne die Antwort abzuwarten, stellte er ein Päckchen Würfelzucker und zwei Espressotassen auf den Tisch.

Norma rutschte auf die Bank. Leder. Anthrazitfarben. Ganz schön nobel, das Domizil des Regisseurs. »Ist Ihnen gestern in der Klostergasse die Kohlezeichnung aufgefallen?«

Er hatte den Espressokocher auf die Herdplatte in der winzigen Küchenzeile gesetzt und wandte sich um. »Wovon sprechen Sie?«

»Von einer Kohlezeichnung! Sie hing an einem Pfosten in der Klostergasse. Ich hatte den Eindruck, das Blatt wäre auch Ihnen nicht entgangen.«

Würziges Kaffeearoma stieg ihr in die Nase. Winterstein trug die Kanne an den Tisch und füllte mit elegantem Schwung die Tässchen, ohne etwas zu verschütten. Dann brachte er die Kanne zurück und setzte sich in den einzigen Sessel. Mit Daumen und Zeigefinger schnappte er sich ein Zuckerstück aus der Packung und ließ es in den Kaffee fallen.

Erst jetzt reagierte er auf ihre Bemerkung. »Mir ist gar nichts aufgefallen. Wie kommen Sie darauf?«

»Weil Sie so angestrengt hinübergeschaut haben.«

»Unsinn«, wehrte er ab. »Vergessen Sie Ihren Kaffee nicht.«

Sie schnupperte an der Tasse, aus der es verführerisch duftete. Sie nippte. Espresso kochen konnte er. »Kannten Sie Axel Teubener?«

»Den Ermordeten?« Er schüttelte heftig den Kopf. »Er war ein Winzer aus der Gegend, wie ich gehört habe. Meinen Wein kaufe ich mal in Rheinhessen, mal im Rheingau und auf unterschiedlichen Weingütern. Einem Axel Teubener bin ich meines Wissens nie begegnet.«

»Auch gestern Abend nicht?«

Er lachte sein Ziegenmeckern. »Ist das die Frage nach meinem Alibi? Ich habe bis zum Ende des Films zwischen Nelly und Marielle gesessen und war auch während der Pause mit den Damen zusammen. Zufrieden?« Falls er verärgert war, überspielte er dies geschickt.

»Bitte verzeihen Sie die Neugier einer ehemaligen Mordermittlerin. Ist eine Berufskrankheit.« Sie stellte die Tasse ab. »Kommen wir zur Sache. Also, warum wollten Sie mich treffen?«

»Mein Sicherheitsmann hat mich im Stich gelassen«, erklärte er in sachlichem Ton. »Nicht mit Absicht, er musste kurzfristig zu seiner Familie ins Ausland. Nun brauche ich jemanden, der ein Auge auf das Geschehen am Set hat. Absperrungen aufstellen, Schaulustige auf Abstand halten, so was in der Art.«

»Aha! Und zum Spannen der Flatterbänder brauchen Sie eine Privatdetektivin?«, gab sie zweifelnd zurück.

Auffordernd beugte er sich vor. »Hören Sie, ich habe bedeutende Geldsummen in dieses Filmprojekt gesteckt. Ich bin Regisseur und Produzent in Personalunion und muss Verträge erfüllen, mit dem Sender, mit meinen Mitarbeitern. Ängste und Verunsicherung meiner Leute kann ich mir nicht leisten, nicht einmal, wenn quasi vor den Augen der Mannschaft ein Mord geschah. Das verstehen Sie doch?«

Die berechnende Bemerkung über sein Team hatte ihn Sympathiepunkte gekostet. Andererseits musste der Druck, den ihm das Filmvorhaben bereitete, erheblich sein. Was zudem den Tobsuchtsanfall erklärte, zu dem ihn der Verlust seines Hauptdarstellers getrieben hatte.

»Verzeihen Sie, ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen, Frau Tann«, fuhr er fort, als Norma schwieg. »Sie waren eine hoch geschätzte Hauptkommissarin und sind aus freien Stücken aus dem Dienst geschieden. Die Mordkommission habe nur ungern auf Ihre Fähigkeiten verzichtet, hat man mir versichert. Auch Ihre Reputation als Privatdetektivin kann sich sehen lassen.«

Bei wem mochte er nachgefragt haben? Bei seinem Verleger? Vermutlich. Lutz würde ein unverbindliches Lob geäußert haben, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Diskretion war einer seiner wesentlichen Charakterzüge. Solange Norma mit seinem Sohn Arthur, einem renommierten Wiesbadener Kunsthändler, verheiratet gewesen war, hatte sie ein wohlwollendes, aber distanziertes Verhältnis zu ihrem Schwiegervater. Nähergekommen waren sie sich durch die Trauer um Arthur und die aufwühlenden Erlebnisse, die seinen Tod begleitet hatten. Nach und nach hatte sich ihre Beziehung zu einer tiefen und vertrauensvollen Freundschaft entwickelt. Auch Milano und Wolfert waren ihre Freunde. Wenn es darauf ankam, konnte sie sich auf beide gleichermaßen verlassen. Einem Fremden gegenüber würden sie nichts über ihre Vergangenheit im Polizeipräsidium ausplaudern. Für andere Ex-Kollegen wollte sie nicht die Hand ins Feuer legen. Bis zu ihrer Kündigung hatten Klatsch und unverhohlene Häme die Runde gemacht. Eine Kommissarin, die sich wie eine naive Touristin von südamerikanischen Rebellen entführen lässt! Als ob sie diese Vorwürfe nicht selbst bis aufs Blut gequält hätten. Wo waren ihre Instinkte geblieben, als Arthur sich von einem Künstler zu einer Fahrt in die kolumbianischen Berge hatte überreden lassen? Arthur vertraute dem Maler, dessen Werke er in seiner Wiesbadener Galerie ausstellte. Was für ein Irrtum! Lange Tage saßen Arthur und Norma im Dschungel fest, bedroht und bewacht von einer Horde schwerbewaffneter Männer, die sich als Guerillakämpfer ausgaben und nichts anderes waren als Koka kauende Ganoven. Die Entführung durch angebliche FARC-Terroristen zog weite Kreise durch das Außenministerium, das BKA, das hessische LKA, bis hinein ins Wiesbadener Kollegium. Nach ihrer Befreiung hatte Norma allen Halt verloren und sich unfähig gefühlt, ihre Arbeit zu tun. Wenn also jemand aus dem früheren Umkreis so freundlich Auskunft über sie gegeben hatte, musste er ihr wohlgesonnen sein.

Winterstein hatte sich zurückgelehnt. Mit verschränkten Fingern erwartete er ihre Antwort.

Bedächtig stellte sie das leere Tässchen zurück, bevor sie sagte: »Sie sprechen von Ängsten und Unsicherheit in Ihrem Team, was verständlich ist. Allerdings liegt die Mordermittlung in den Händen der Polizei.«

»Keine Frage«, pflichtete er ihr bei. »Meine Bitte ist: Sie, Frau Tann, halten sich am Set auf und vermitteln dem Team Ruhe und Sicherheit.«

»Also vermitteln, nicht ermitteln?«, entgegnete Norma schmunzelnd. Eindringlich fragte sie: »Fühlen Sie sich persönlich bedroht?«

Er hob abwehrend die Hände. »Gott bewahre! Ich habe Neider und bin so manchem auf die Füße getreten. Aber warum sollte mir jemand nach dem Leben trachten?«

»Sie wollen mich demnach als Sicherheitsbeauftragte engagieren, verstehe ich das richtig?«

»Unterstützt von einer erfahrenen Polizistin wie Ihnen«, sagte er mit breitem Lächeln, »werden wir mit der erforderlichen Gelassenheit und Konzentration arbeiten können.«

»Ex-Polizistin«, stellte sie klar.

Nach kurzer Diskussion stimmte er ihren Honorarforderungen zu. »Meinetwegen, aber unter einer Bedingung: Sie wohnen hier auf dem Gelände. Ich habe vorsorglich ein Zimmer im Hotel Kloster Eberbach gebucht. Sie können heute Mittag einziehen.«

Über den Befehlston ließ sich Norma vom ausgehandelten Verdienst hinwegtrösten. Sämtliche Übereinkünfte tippte Winterstein akribisch in seinen Laptop. Offenkundig verließ sich ihr Auftraggeber nicht auf mündliche Vereinbarungen.

Nachdem sie den Vertrag in zwei Ausführungen unterzeichnet hatten, streckte Winterstein ihr die Hand hin. »Ab jetzt bin ich ›Ecki‹ für dich. Willkommen im Drehteam, Norma!«

So vernuschelt, wie er das Wort aussprach, klang es in ihren Ohren wie »Dreamteam«.

10

Wiesbaden

Donnerstag, der 16. September

Nach dem Gespräch mit Ecki Winterstein fuhr Norma nach Hause, um eine Reisetasche zu packen. Während sie einige Kleidungsstücke zusammensuchte, dachte sie über den Auftrag nach. Hatte sie unüberlegt eingewilligt? Sicherheitsbeauftragte für eine Filmcrew, eine Bezeichnung, die alles und nichts bedeuten konnte. Reizvoll war daran vor allem die Aussicht, die kommenden Tage im Umkreis eines Tatorts zu verbringen. Tief in ihrer Brust schlug nun einmal das Herz einer passionierten Mordermittlerin. Zumal sie dem Opfer im wahrsten Sinn des Worts hautnah gekommen war. Ein Mann in den besten Jahren hatte auf grausame Weise sterben müssen. Was verrieten die Umstände, die es in den Tod befördert hatten, über das Opfer? Was sagte die Tötungsart über den Täter aus? Dass er kräftig sein musste zum Beispiel und kaltblütig genug, um einen Mann – nur durch eine Kirchenmauer von knapp 1.000 Menschen getrennt – zu strangulieren. War der Kahlköpfige ein Zufallsopfer? Oder hatte der Mörder ihm gezielt aufgelauert? In diesem Fall hatte er den Winzer womöglich aus der Basilika zur Klostergasse hinausgelockt.

Sie stellte die gepackte Tasche aufs Bett, hockte sich daneben und nahm ihr Smartphone zur Hand. Das digitale Presseportal des Polizeipräsidiums Westhessen verkündete im »Mordfall Winzer« keine Neuigkeiten, was nichts bedeuten musste. Norma konnte ihre Ungeduld nicht länger beherrschen. Wolfert oder Milano, überlegte sie. Der schwergewichtige Kommissar gefiel sich in der Rolle des Wissenden und ließ sich interne Informationen mit Schmeicheleien entlocken. Im Gegenzug würde sie sich seine rauen Pöbeleien anhören müssen. Bei Wolfert hatte sie einen dicken Stein im Brett, was ihn jedes Mal aufs Neue in die Bredouille brachte, wenn er zwischen Freundschaft und der Verschwiegenheit des korrekten Beamten abwägen musste. Welche Seite gewinnen mochte, ließ sich nicht vorhersagen. Ein flinkes Tippen und Wolfert war am Telefon. Nach der erfreuten Begrüßung schlich sich eine hörbare Anspannung in die Stimme. Er stecke mitten in den Vorbereitungen für eine Vernehmung.

»Ihr habt schon einen Verdächtigen?«

»Allerdings, und die Meldung geht heute noch an die Öffentlichkeit. Die Leute warten ungeduldig auf erste Ergebnisse. Bis dahin behalte es für dich.«

»Dirk, du weißt, ich kann schweigen wie ein Grab. Also?«

»Was also?«, fragte er unwillig.

»Wer A sagt, muss auch B sagen«, versuchte sie, ihm Informationen zu entlocken. »Bitte, spann mich nicht auf die Folter. Wen habt ihr im Visier?«

Das unwillige Murren hätte von Milano stammen können. Auf eigenartige Weise schienen sich die Kommissare mehr und mehr anzugleichen.

Widerstrebend gab Wolfert ein weiteres Detail preis. »Der Verdächtige ist ein Weinbauer, er wohnt in der Nähe des Klosters. Über Jahre lag er im Clinch mit seinem Nachbarn.«

»Was du nicht sagst! Und dieser streitbare Nachbar war unser Toter? Axel Teubener?«

»Korrekt. Teubener hat die Leute nebenan, ein Winzerpaar, aufs Übelste schikaniert. Er terrorisierte regelrecht deren Kundschaft, das ging an die berufliche Existenz. Zu allem Unglück kam die Frau unseres Verdächtigen ums Leben, unmittelbar nach einer Auseinandersetzung mit Teubener, was er diesem anlastet. Die Frau erwartete ein Kind! Wen wundert’s, wenn so jemand rotsieht?«

»Hört sich furchtbar an. Was habt Ihr Handfestes gegen ihn?«

»Norma!«

»Ach, komm schon!«

»Also gut, so viel darf ich dir verraten: Teubener wurde mit einem Stück Weinbergdraht zum Tode befördert.«

»Hmm, so ein Draht ist vermutlich in jedem Weingut zu finden.«

Sein Seufzer hörte sich enttäuscht an. »Unser Pech. Ein absolut übliches Produkt. Wir haben die Schlinge in der Klostergasse gefunden.«

»DNA? Fingerabdrücke?«

»Negativ«, brummte Wolfert. »Der Täter war vorsichtig.«

»Was sagt euer Mann?«

»Daniel Lenges verweigert jede Aussage.«

»Danke für den Namen«, erwiderte sie verblüfft.

Wolferts leises Lachen drang an ihr Ohr. »Den Namen hättest du mit einem Klick selbst herausgefunden. Du muss im Netz nur nach ›Winzerquerelen im Rheingau‹ suchen.«

Genau das tat Norma, nachdem sie sich von Wolfert verabschiedet hatte. Sie wechselte vom Bett an den Küchentisch und ging, von frisch gebrühtem Espresso belebt, die lange Ergebnisliste zum Winzerstreit durch. Die seriösen Quellen begnügten sich damit, die Kontrahenten als »Axel T.« und »Daniel L.« zu bezeichnen. Andere Medien scheuten nicht davor zurück, die vollständigen Namen zu nennen. Die Weingüter Teubener und Lenges lagen zentral zwischen den Winzerstädtchen Hallgarten, Hattenheim und Kiedrich, wie Norma anhand der Onlinekarte sehen konnte: in nachbarschaftlicher Alleinlage inmitten von Rebhängen und nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt vom Kloster Eberbach. Als Auslöser des Streits, so stand es in den Onlineberichten einhellig zu lesen, galt die schicke Neugestaltung der Gutsschänke im Weingut Lenges. Mit der »extravaganten Edel-Vinothek mit Traumausblicken auf Rheintal und Rebstöcke«, wie ein Journalist euphorisch berichtete, habe die Straußwirtschaft des Nachbarhofs nicht mithalten können. Eine Einschätzung, die Norma nach einem Blick auf die Webseiten der Weingüter nur teilen konnte. Anstatt sich wie bei Lenges zwischen gediegenen Bruchsteinwänden, schimmerndem Holz und edlem Leder mit einem Schoppen niederzulassen, musste man sich nebenan im abgewirtschafteten Gastraum zwischen Gelsenkirchener Barock, schmiedeeisernen Deckenlampen und geblümten Gardinen zuprosten. Während sich das Winzerpaar Lenges vor Buchungen kaum habe retten können, sei die Bude nebenan leer geblieben, vermeldete ein Artikel im Netz. Der schöne Schein war nicht alles gewesen. Zwischen den Zeilen ließ der Verfasser durchblicken, dass Winzermeister Teubener selbst seine treusten Gäste mit schlechter Laune vergrätzt und regelrecht zu den Nachbarn hinübergetrieben habe.

Weitere Berichte beschrieben den Unfall, der Daniels Ehefrau das Leben gekostet hatte. In Steillage war ein Traktor umgestürzt und hatte Alina Lenges unter sich begraben. Die schwangere 26-Jährige verstarb kurz darauf im Krankenhaus. Der Fahrer des Traktors war ihr eigener Ehemann gewesen. Hatte Wolfert nicht gesagt, dass Lenges den Tod seiner Frau dem zänkischen Nachbarn anlastete? Bevor Norma herausfinden konnte, inwieweit Axel Teubener in das Unglück verwickelte war, unterbrach ein Anruf ihre Nachforschungen. Es war Winterstein, der sie zum Mittagsessen einlud. Bei der Gelegenheit wollte er sie dem Team als neue Kollegin vorstellen. Norma versprach, sich in Kürze auf den Weg zu machen. Sie spülte die Tasse ab, verstaute das Tablet in der Reisetasche und drehte eine Runde durch die Wohnung, um nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen waren. Auf dem Dachfenster im Schlafzimmer zeichnete sich ein dicker, dunkler Kloß ab: Kater Leopold im Gegenlicht. Mit einem gnädigen Maunzen sprang er ihr in die Arme, nachdem sie ihm geöffnet hatte. Mit dem gewichtigen Kartäuser über der Schulter schloss sie das Fenster wieder, nahm die Reisetasche auf und verließ die Wohnung.

Eine Etage tiefer, im mittleren Stockwerk, klingelte sie bei Eva und überreichte ihr den Kater mit der Erklärung, sie habe einen Auftrag und wohne deswegen für eine Weile im Rheingau. Dabei fiel ihr ein, dass sie nicht darüber gesprochen hatten, wann Eva ausziehen wollte.

»Frühestens im Oktober«, antwortete Eva.

Norma kraulte den Kater zum Abschied zwischen den Ohren, wünschte Eva einen schönen Tag und machte sich auf den Weg nach Eberbach – mit gespannter Erwartung, was der Job als Sicherheitsbeauftragte bereithalten würde.

11

Heilanstalt Eberbach

Montag, der 9. Juli 1832

Philipp Lindpaintner schwingt den Spazierstock, schreitet mit wippendem Gehrock weit aus und schlägt einen Bogen um zwei Frauen, die vor dem Hospital in eifriger Geschäftigkeit die Hofbesen zum Einsatz bringen. Die Ältere, deren aufgerollter Zopf sich in grauen Strähnen verliert, hält inne und schaut schüchtern zu ihm auf. Die Jüngere rafft eilig Rock und Schürze zusammen und sinkt zu einem Knicks nieder. Gerührt von der Ehrerbietung schenkt der Direktor den fleißigen Patientinnen ein gütiges Nicken. Mit einer aufmunternden Bemerkung erwidert er die scheuen Grüße dreier Männer, die damit beschäftigt sind, die Mauern eines Stalltrakts mit Kalk zu weißen. Der weitere Weg führt ihn durch die Gärten und Obstwiesen hinauf zum stattlichen Barockportal, das in spielerischer Verschwendung auf den Ursprung des Klosters hinweist. Präzise herausgearbeitet aus dem roten Sandstein, lassen sich im Giebel ein Bach mit zwei prächtigen Fischen sowie der Eber ausmachen, denen das Kloster seinen Namen verdankt. Der Direktor war nicht gekommen, um in aller Muße die lateinische Inschrift zu studieren. Mehrmals zieht er eine goldene Taschenuhr aus der Westentasche und schaut ungeduldig umher, bis ein Geräusch seinen Blick auf eine Reihe schmaler Steinstufen lenkt. Die Treppe führt den Abhang neben dem Tor nach oben und in den Wald hinauf. Hinter den Bäumen sind Schritte zu hören, gleich darauf steigt ein Mann die Stufen herab. Der Fußgänger wirkt derangiert, als hätten ihm die sommerlichen Temperaturen zugesetzt. Auf der grauen Weste, die den Bauch mit zu wenig Stoff überspannt, zeichnen sich Schweißflecken ab. Heller Staub bedeckt den schwarzen Frack, und auch die hochgeschnürten Beinkleider sind verschmutzt. Um ein Haar wäre der Mann ins Stolpern geraten.

»Dr. Windt!«, ruft Lindpaintner ihm zu. »Sind Sie wieder einmal den ganzen Weg von Eltville gelaufen?«

Erschöpft bewältigt Windt die letzten Stufen. Im Näherkommen hebt er grüßend den Zylinder an. »Hätten Sie Ihrem Anstaltsarzt nur einen Wagen geschickt! Warum wollten Sie mich sprechen? Es gibt hoffentlich keinen Notfall unter unseren Irrsinnigen?«

»Keine Sorge, Doktor«, beruhigt ihn Lindpaintner. »Die Patienten befinden sich alle wohlbehalten an der frischen Luft. Ein jeder geht der ihm zugewiesenen Beschäftigung nach.«

»Ihr Verdienst, mein Freund, Ihr Verdienst! Ohne Ihre Beharrlichkeit und Weitsicht würden die bedauernswerten Geschöpfe wie in den Jahrzehnten zuvor in Ketten und in Kerkern schmoren.«

»Ein Irrenhaus darf kein Gefängnis sein«, erklärt Lindpaintner nicht ohne Pathos. »Das war mein Ansinnen, als ich meine Stellung vor 15 Jahren antrat. Ich wollte nicht, dass der Ausblick ins Freie an ein Verlies erinnert.«

»Eine menschliche Entscheidung«, bemerkt der Doktor mit leichtem Lächeln. »Auch Ihre anderen Neuerungen sollten Schule machen. Dass Sie unsere kranken Schützlinge nicht mehr mit gemeinen Straftätern zusammensperren wie andernorts, hat Ihnen auf jeden Fall meine persönliche Anerkennung eingebracht.«

Lindpaintner bedankt sich für das Lob. »Allerdings bedurfte es keiner besonderen Maßnahmen, nur einer Zwischenwand in der früheren Abtei. So wurden Gefängnis und Anstalt getrennt, und Patienten wie Korrektionäre bleiben unter sich.«

Wieder lupft der Doktor den Zylinder, um ihn dieses Mal nach intensivem Kratzen des grauen Haarschopfs zurück an seinen Platz zu drücken, ohne dafür die andere Hand in Anspruch zu nehmen. »Erlauben Sie mir ein persönliches Geständnis, mein lieber Lindpaintner. Ich habe meinen Dienst in der Anstalt ein Jahr später als Sie angetreten und muss demütig einräumen, damals plagten mich ernste Zweifel, ob ein Bursche von 23 Jahren und zudem nicht Arzt, sondern Jurist, der richtige Mann für deren Leitung wäre. Aber, Gott zum Lob, Ihre Schaffenskraft hat mich vom Gegenteil überzeugt.«

»Danke, danke«, erwidert Lindpaintner sichtlich geschmeichelt. »Unser durchlauchtigster Fürst bot mir anno 1817 die großherzige Gelegenheit, meine dürftigen Talente in diese wichtige Aufgabe einzubringen.«

»Nur keine falsche Bescheidenheit«, gibt Windt entschieden zurück. »Ohne Ihr pädagogisches Prozedere würde ein alter Quacksalber wie meine Wenigkeit in schwierigen Fällen wohl weiterhin vor allem auf Brenneisen, Schröpfkuren und Narrenkappen setzen. Womit ich nicht sagen möchte, dass man, bei aller gebotenen Menschlichkeit, grundsätzlich auf Zwangsmittel aller Art verzichten könnte.« Dabei schüttelt er mit gespielter Drohung den Zeigefinger und zwinkert Lindpaintner schelmisch zu.

»Ganz im Sinne und zum Wohl des Kranken, sofern er sich nicht uneinsichtig zeigt«, pflichtet Lindpaintner dem Mediziner bei. »Ungehorsam ist bei keinem Geisteskranken zu dulden. Ohne Strafe keine Heilung, nicht wahr?«

Windt lockert den bis zum Kinn aufragenden Vatermörder etwas, um sich Luft zu verschaffen. »Was für eine Hitze. Erhielten Sie Nachrichten aus dem Fürstenhaus?«

Ein Strahlen erfasst das Gesicht des Direktors. »Deswegen ließ ich nach Ihnen schicken! Endlich ist die Depesche der Fürstin Marie zu Wied eingetroffen. Die durchlauchtigste Familie hat unserem Angebot entsprochen.«

»Donnerwetter«, entfährt es dem Doktor. »Das heißt, die Schwiegermutter der Fürstin Marie wird tatsächlich nach Eberbach übersiedeln. Wo wird die Dame residieren? Hat die fürstliche Familie ihre Wahl getroffen?«

»Fürstin Marie zu Wied ließ mir mitteilen, man habe sich für den Gaisgarten als Wohnsitz der Schwiegermutter entschieden. Ein guter Ort, denke ich. Nahe genug gelegen, um die Patientin mit allem Nötigen zu versorgen, und zugleich weit genug entfernt von allen anderen Insassen. Fürstin Sophie wird mit einer Gesellschafterin ins Obergeschoss einziehen, unten wohnt ein Dienerpaar. Diese Leute habe ich bereits eingestellt.«

»Und wann dürfen wir die Verwirrte erwarten?«

»Heute in einer Woche, am 16. Juli. Fürstin Sophie wird direkt aus Siegburg anreisen.«

»Weil die Kollegen der dortigen Anstalt ihr unheilbaren Wahnsinn diagnostizierten, wurde sie als Patientin aufgegeben«, bedauert Windt verständnislos. »Nun, bei Ihnen und mir wird die Fürstin in den besten Händen sein. Wir kümmern uns schließlich auch um solche Kranken, die in ihrem Wahn gefangen sind, gleichwohl aber weiterhin betreut werden müssen. Das Finanzielle ist ebenso geregelt?« Sein begieriger Blick streift den Direktor.

»Es wird weder zu Ihrem Nachteil noch zum Schaden der Anstalt sein, wenn wir eine so hochgeborene Patientin beherbergen«, lautet Lindpaintners zufriedene Antwort. »Die Schwiegertochter hat keinen Zweifel daran gelassen, wie sehr ihr am Wohlergehen der Fürstin gelegen ist. Das Salär ist, sagen wir, mehr als angemessen.«

»Fürstin Marie muss sich nicht sorgen«, verspricht Dr. Windt zuversichtlich. »Ich werde Fürstin Sophie wöchentlich mit meiner Visite beehren und jederzeit zusätzlich, wenn es gewünscht oder notwendig ist. Für die einzige Eberbacher Privatpatientin lasse ich alles stehen und liegen.« Zufrieden lächelt er in sich hinein, als überschlage er im Stillen seine Honorarforderungen.

Lindpaintner nickt zustimmend. »Eins noch, Dr. Windt. Die ehrwürdige Dame wird inkognito bei uns leben. Die Fürstenfamilie bittet darum, die Patientin als ›Frau Sophia von Roth‹ zu führen.«

12

Kloster Eberbach

Donnerstag, der 16. September

Lindpaintner und Dr. Windt im Dialog unter dem Barocktor. Vor seinem inneren Auge ließ Ecki den Direktor und seinen Anstaltsarzt weiterparlieren. Die historischen Figuren seines Filmprojekts waren ihm ans Herz gewachsen, seit er sie in seiner Fantasie auferstehen ließ. Genau so müsste das Gespräch ablaufen. Genau so wäre die Szene perfekt!

Ecki hatte es sich im Wohnwagen auf der Schlafcouch bequem gemacht und genoss das wohlige Glücksgefühl, das der imaginierte Ablauf in ihm hinterlassen hatte. Er hatte keine Vorstellung davon, wie andere Regisseure bei der Umsetzung ihrer Projekte vorgehen mochten, und es war ihm sowieso komplett egal. Was kümmerten ihn die Methoden der Konkurrenz? Lieber verließ er sich auf die eigene Inspiration. Bis ins Detail erarbeitete er sich jede Szene in seiner Vorstellungskraft. Ein ebenso erfüllender wie anstrengender Schaffensprozess, während dem er tagelang an den Einzelheiten feilte, bis jedes Wort, jede Geste, jeder Blick mit seinen ästhetischen und logischen Ansprüchen übereinstimmte – und nur noch von den Schauspielern umgesetzt und nachgespielt werden musste.

Doch in diesem »nur noch« lag der Hund begraben. Die vorkonzipierten Abläufe quasi aus seinem Kopf heraus in die der Schauspieler hineinzutransportieren, kostete Nerven. Darsteller zu sein, das bedeutete nichts anderes, als eine Leinwand zu sein: willfährige Marionetten im Dienst der Kunst. Zu seinem Leidwesen begriffen viele Darsteller diese simplen Zusammenhänge nicht. Nicht hinter jedem schönen Gesicht verbarg sich ein heller Verstand. Vor allem bei Marielle Dyckerborn – seiner irrsinnigen Sophia von Roth – machte er sich auf reichlich Schatten im Denkapparat gefasst. Er hatte sie zum ersten Mal engagiert. Was Ecki außerdem nicht ertrug, waren Akteure mit eigenen Einfällen und womöglich sogar Vorschlägen. Wer mit ihm arbeiten wollte, hatte sich seinen Anweisungen ohne Wenn und Aber zu fügen!

Der Durst trieb ihn auf die Beine. Während er den Wasserkocher auffüllte und sich an der Teekanne zu schaffen machte, sinnierte er über seine männlichen Hauptdarsteller nach. Sören I. Wahler würde es auf Anhieb gelingen, dem Anstaltsarzt Windt einen liebenswürdigen Zynismus zu verleihen. Daran zweifelte Ecki nicht. Bedauerlicherweise neigte ausgerechnet er zum Diskutieren und Zerreden. Sören hatte sich jedoch bei früheren Produktionen durch gezielte Wutausbrüche einschüchtern lassen. Und Roman Bonheur? Würde sich der Bühnenstar bereitwillig unterordnen und Philipp Lindpaintners ebenso menschenfreundliche wie pedantische Charakterzüge glaubhaft herausarbeiten? Oder käme Bonheur daher wie eine preisgekrönte Theatergröße? Auftrumpfend und besserwisserisch?

Eckis Enthusiasmus angesichts der Aussicht, mit einer solchen Berühmtheit zu arbeiten, begann zu schwinden. Wolfgang Bastiani fehlte ihm! In der Rolle des Direktor Lindpaintner wäre er grundsolide und ohne künstlerische Sperenzien aufgegangen. Zwar lag sein schauspielerischer Ruf vom Renommee eines Kalibers wie Bonheur so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Doch er war den Fernsehzuschauern dank seiner permanenten Präsenz auf dem Bildschirm vertraut wie ein guter Nachbar. Eine Popularität, die vor allem den zahlreichen Wiederholungen geschuldet war, aber in jedem Fall dem Dokudrama zugutegekommen wäre. Damals auf der Schauspielschule – einem sündhaft teuren, privaten Institut, das sie vor Jahrzehnten gemeinsam besucht hatten – war Bastiani mit Charme und Spiellust als ein Schwan unter Enten aufgetreten. Ecki hatte zweifellos zu den Enten gehört. Als ihnen das Schulgeld ausging, bot man Bastiani ein Stipendium an, und Ecki wechselte zur Filmhochschule: dank der goldrichtigen Erkenntnis, dass seine Talente hinter der Kamera zu finden waren. Während seiner letzten Produktion war Ecki aufgefallen, dass Bastiani nicht mehr mit vollem Herzen bei der Sache war. Er gefiel sich besser in der Rolle des Cowboys, der seiner Squaw das Lagerfeuer warmhielt. Wobei zu seinem unbeschwerten Leben der Umstand beitragen mochte, dass die Ehefrau als erfolgreiche Unternehmensberaterin das Bankkonto füllte. Der Rolle des Anstaltsdirektors hatte Bastiani vor allem aus Bequemlichkeit zugestimmt. Er hätte nicht einmal ins Hotel ziehen müsste. Sein Ponyhof lag keine halbe Autostunde vom Kloster Eberbach entfernt. Hätte der Cowboy nur nicht beim Rodeo versagt!

Mit dem aufgebrühten Tee in der Hand setzte Ecki sich an den Tisch und schaffte mit wenigen Handgriffen zwischen Notizzetteln und Skizzen Platz für Kanne und Becher. Liebte er nicht die Herausforderung? Mit Bonheur würde er schon fertigwerden, auch wenn es krachen könnte. Waren die Szenen erst einmal im Kasten, hatten sich alle wieder lieb. So war es immer. Während er den heißen Kräutersud schlürfte, drehten sich seine Gedanken um die Privatdetektivin. Eine abgehalfterte Hauptkommissarin, psychisch am Ende nach einer Entführungsgeschichte in Südamerika: Diese Einschätzung hatte sich ein Polizist aus dem Wiesbadener Präsidium aus der Nase ziehen lassen. Wollte man dagegen dem Verleger Lutz Tann Glauben schenken, gehörte Norma Tann zu den hellsten Kerzen auf der Torte. Ecki beschloss, die Ex-Polizistin irgendwo dazwischen einzuordnen. Um die Bedenken der Crew zu entkräften, sollten ihre Fähigkeiten hoffentlich ausreichen. Und wie stand es um seine eigene Sicherheit? Darum müsste er sich selbst kümmern.

Eiskalt schlich sich die Angst in sein Herz.

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25 мая 2021
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9783839267684
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