Читать книгу: «Sturm über Bluewater»
Stig Ericson
Sturm über Bluewater
Aus den Erinnerungen von
Jenny M. Lind, Nebraska 1890
Aus dem Schwedischen
von Regine Elsässer
Saga
Sturm über Bluewater
Übersezt von Regine Elsässer
Titel der Originalausgabe: Jenny från Bluewater
Originalsprache: Schwedischen
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1990, 2021 Stig Ericson und SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726921724
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
www.sagaegmont.com
Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com
Erster Teil
Sturm über Bluewater
Gedungene Cowboys mit lose sitzenden Halftern und schnellen Pistolen unternahmen alles, um die Siedler zu verjagen. Höfe wurden angezündet. Schüsse hallten durch die Nacht, Leute wurden tot aufgefunden. Zeugen wurden gekauft ‒ oder zum Schweigen gebracht.
Onkel Charles
Ich weiß nicht, ob ich nur Angst hatte vor meinem Vater oder ob ich ihn wirklich haßte. Bis zu dem Sommer, in dem ich vierzehn Jahre alt wurde, hatte ich ihn meistens als eine Schreckfigur erlebt. Meine Gefühle für ihn umfaßten alles außer Gleichgültigkeit ‒ und Liebe.
Aber trotz allem kam es manchmal vor, daß ich ihn bewunderte, daß ich stolz darauf war, seine Tochter zu sein.
Meine Gedanken kreisten ständig um Vater.
Er beherrschte meine ganze Kindheit und Jugend.
Mein Vater war eine starke Persönlichkeit, im Guten wie im Schlechten, eine Führergestalt. Und trotz seines Eigensinns, trotz aller seiner kindischen Einfälle und gewalttätigen Ausbrüche wurde er von den Siedlern in der ganzen Gegend um Bluewater respektiert. Er muß so ungefähr 25 Jahre alt gewesen sein, als er seine ersten 160 Ar auf dem Plateau westlich des Flusses absteckte, aber es hat nicht lange gedauert, bis man ihn „Onkel“ Charles nannte. Es gab in der Gegend mehrere Siedler, die Charles hießen, aber mein Vater hatte den wildesten Bart und den schärfsten Blick. Er war auch der erste, der den Spaten in die schwarze Erde zwischen dem Fluß und den Sandhügeln stieß.
Ich sehe es förmlich vor mir, wie er gebeugt zwischen den wilden Sonnenblumen hockt. Die Hosen sind so kaputt, daß die Knie herausschauen. Er zerkrümelt die schwere Erde zwischen seinen groben und doch merkwürdig gefühlvollen Fingern und brummelt etwas in sehr gebrochenem Englisch oder vielleicht auch auf schwedisch. „Wo die Sonnenblumen so hoch wachsen, da muß man auch Mais anbauen können.“
Der erste wirkliche Bauer. Der dickköpfige Schwede. Der Rücksichtslose. Derjenige, zu dem man zuerst ging, wenn es zu trocken war, wenn die schneidenden Winde über das Plateau fegten oder wenn die Viehkönige, die Ranchbesitzer, den Siedlern mit Mord und Totschlag drohten, weil sie Stacheldraht um ihre neuen Besitztümer zogen.
Mein Vater. Mr. Charles J. Lind from Sweden.
Onkel Charles.
Einmal schlug er mich fast tot.
Es war im Spätsommer, die grünen Äpfel wurden reif, ich war vielleicht vier, fünf Jahre alt. Die Äpfel goren in meinem Bauch, es stach wie mit Messern, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich weinte und jammerte, und da kam Vater hochgerannt und fing an zu schlagen . . .
Kindergeschrei war das Schlimmste für ihn. Es war Sache der Frau, die Kinder ruhigzuhalten.
Er schlug immer weiter. Mutter versuchte, ihn davon abzuhalten. „Ach Charles . . .“
Meine Mutter war Deutsche. Sie war einige Jahre nach Vater mit einem ihrer Brüder nach Bluewater gekommen, aber der Bruder starb durch einen Schlangenbiß, und dann kam es, wie es kommen mußte: Sie traf den Eigenbrötler aus Schweden und heiratete ihn. Es war keine Liebe. Es war noch nicht einmal Zugeneigtheit oder Sympathie. Es war eine Möglichkeit zu überleben. Was sollte eine alleinstehende Frau denn sonst tun in dieser primitiven Gesellschaft, wo man entweder Verwandte haben mußte, übermenschliche Kräfte oder Geld, wenn man nicht untergehen wollte, wenn der erste Schnee fiel?
Und vielleicht wusch Vater sich damals auch öfter.
Wenn meine Mutter aufgeregt war, fing sie alle Sätze mit „Ach“ an ‒ wie an diesem Morgen, als Vater mich bewußtlos schlug.
„Ach Charles, du bist ja ganz verrückt . . .“
Mutters schrille Stimme. Vaters graugesprenkelter Bart und sein wild starrender Blick. Das Weiße der Augen in der kalten Morgendämmerung. Schmerz, Schmerz und kein Ende des Schmerzes ‒ und dann eine befreiende Dunkelheit.
Das sind Erinnerungen, die ich behalten werde, solange ich lebe. Meinem Vater merkte man nichts an nach dieser schrecklichen Nacht. Als ich aufwachte, hörte ich ihn Geige spielen. Dann setzte er vermutlich seinen alten Hut mit der abgeschnittenen Krempe auf und ging in seinen geliebten Garten hinaus.
Das erstaunte mich nicht, damals noch nicht. Vater schien eine erstaunliche Fähigkeit zu haben, alles abzuschütteln, woran er nicht denken wollte, alles, was ihn nicht interessierte. Und Kinder waren völlig uninteressant ‒ außer als Arbeitskraft.
Ich erinnere mich an die spröden Geigentöne und daß Mutter auf der Bettkante saß und nach sauberem Leinen roch. Das tat sie immer, ich weiß nicht, wie sie das schaffte. Sie gab mir einen Becher warme Saftsuppe. Der Rand des Bechers war warm und glatt. Mutter sagte fast nichts, aber ihre Augen glänzten und waren gerötet. Danach ging ich Vater wochen- und monatelang aus dem Weg. Ich wünschte mir, daß er sterben würde, daß er verschwinden würde und nie mehr zurückkäme. Allein sein Geruch jagte mir Schrecken ein: Kautabak, alter Schweiß und irgend etwas Süßes, Scharfes, was eingetrocknetes Tierblut gewesen sein muß. Vater war ein eifriger Jäger, und obwohl Mutter protestierte, hatte er immer die gleichen Kleider an, bis sie ihm fast vom Leib fielen.
Die Jagd war ein wichtiger Teil unserer Versorgung. Den ersten Winter wären meine Eltern bestimmt verhungert, wenn Vater nicht so sicher mit dem Gewehr gewesen wäre.
Er trainierte gegen einen Sandabhang hinter dem Haus.
Aber das war nicht das einzige Mal, daß ich meinem Vater den Tod gewünscht hatte, keineswegs.
Ich werde nie den Tag im Spätwinter acht oder neun Jahre später vergessen. Ich war gerade vierzehn geworden, und ich saß in der Schule und buchstabierte mich durch eine Seite in einem Lesebuch mit grünen Deckeln. Ich hatte eine große Warze am Nagel des Zeigefingers, an der ich immerfort knabbern mußte.
Ich ging das erste Jahr in die Schule ‒ davor hatte es noch keine Schule gegeben ‒ und ich hatte gerade mal eben lesen gelernt. Die Sonne schien, und das Schmelzwasser tropfte vom Dach. Es war ganz still in der kleinen Torfhütte und stickig. Viele Kinder in jedem Alter drängten sich auf den drei langen Bänken.
Mrs. Ryan, die Lehrerin, hatte ihr rotes Kleid an. Es hatte einen runden Kragen und 15 Knöpfe, die wie kleine Sonnen glänzten. Das Kleid raschelte auf eine ganz bestimmte Art, wenn sie sich bewegte. Ich bewunderte sie grenzenlos. Sie gehörte einer anderen Welt an.
Mrs. Ryan hatte gerade ein großes Q an die Tafel gemalt, als wir draußen Pferde hörten.
Dann wurde die Tür aufgemacht, und Vater kam herein mit einigen der ältesten Siedler und einem großen, gebeugten Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Ein Neuankömmling. Er hatte bestimmt viele Kinder. Er sah zumindest so aus.
Vater hatte seinen alten Militärmantel an, und die Haare hingen in grauen Strähnen unter der zerrissenen Fellmütze hervor. Er sah schrecklich aus. Primitiv. Er glich irgendwie einem Tier. Es war peinlich. Wenn er wenigstens nicht diese furchtbare Mütze aufgehabt hätte.
Aber Mr. Charles J. Lind nahm für niemanden die Mütze ab, nicht einmal für Mrs. Ryan.
Das Schlimmste war der Blick, den er mir zuwarf, als er auf die Lehrerin zuging. Er war böse und gemein. Durchdringend. Ich begann zu ahnen, was los war.
Vater war der Meinung, daß die Schule unnötiger Luxus sei, und diese Meinung verheimlichte er auch nicht. Zuerst und vor allem sollten alle dabei helfen, das neue Land zu bebauen, sein Land. Vielleicht träumte er davon, König in einem mächtigen Land mit wogenden Maisfeldern und blühenden Gärten zu werden. Aber ich weiß es nicht. So einfach war das nicht mit meinem Vater.
Einmal habe ich gesehen, wie er LINDSDORF mit dem Gewehrkolben in den Sand hinter dem Haus gemalt hat. Der Ort, der sich im Entstehen befand, hatte noch keinen Namen, der Fluß hieß Bluewater. Und er hatte jede Menge Briefe an die Behörden geschrieben, um die Erlaubnis zu bekommen, ein Postamt zu eröffnen. Ich erinnere mich an das Kratzen der Feder und an Mutters unruhige Augen. Es mußte totenstill im Haus sein, wenn Vater schrieb: Weh dem Kind, das es wagte, den Mund aufzumachen. Und wenn Vater die Erlaubnis bekommen würde, die Post zu verwalten, hätte er auch die Möglichkeit, den neuen Ort zu taufen. Lindsdorf.
Warum nicht?
Ich glaube nicht, daß jemand etwas dagegen gehabt hätte.
Wir Schulkinder wurden hinausgeschickt, und dann waren die Männer allein mit Mrs. Ryan. Nach einer Weile kamen sie heraus. Mrs. Ryan hatte rote Flecken auf den Wangen. Vater kam zu mir und sagte: „So, Jenny, so wird es also gemacht.“
Er schaute mich wieder so an, schwer, grau, aus halbgeschlossenen Augen. Und dann setzten die Männer sich in den Wagen und rollten davon.
Mrs. Ryan schaute mich nicht an, als sie alles erklärte: Wir wüßten ja alle, wie eng es im Schulhaus war, und jetzt hatte eine neue Familie sich ganz in der Nähe niedergelassen, eine Familie mit vielen Kindern. Es gab ganz einfach nicht genug Platz für alle, und deswegen konnte sie diejenigen, die es am weitesten hatten, nicht mehr aufnehmen. Es tat ihr so schrecklich, schrecklich leid, aber es war ja am praktischsten so, und man konnte das Haus auch nicht vergrößern. Im Herbst vielleicht . . . Diejenigen, die es am weitesten hatten ‒ das waren ich und mein Bruder Daniel.
Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, die Tafel und die anderen Sachen in der Felltasche zu verstauen und wegzukommen. Ich weiß nur, daß ich so weinte, daß ich mich in den weichen Schnee setzen mußte, und mich vorbeugte, damit ich nicht erstickte.
Mein Bruder Daniel versuchte, mich zu trösten.
Daniel war vier Jahre jünger als ich. Er war klein und krummbeinig und hatte Mutters hellbraune, milde Augen. Er war bestimmt nicht sehr traurig: Er würde wieder mehr Zeit haben, hinter den Büschen am Fluß zu sitzen und Katzenfische zu angeln ‒ zumindest dann, wenn Vater nicht zu Hause war.
Aber das Angeln war meistens nur eine Ausrede, ein Vorwand, um allein sein zu können und über das Wasser zu schauen.
Er war ein Träumer, mein Bruder, und der netteste Mensch, den es gab. Er war fast zu nett und nachgiebig, wenn das möglich ist.
Er strich mir hilflos über die Haare und sagte, daß ich nicht traurig sein sollte, daß ich auf jeden Fall „nicht so eine verdammte Lehrerin aus Boston“ werden würde.
Das waren Vaters Worte. So nannte er alle Frauen, die nicht mit der Erde arbeiteten, ganz egal, von wo sie kamen.
„Du wirst ganz bestimmt heiraten“, sagte Daniel. „Und einen eigenen Hof bekommen.“
Das war nun wirklich das Schlimmste, was er in diesem Moment hätte sagen können.
Ich war vierzehn Jahre alt, ich war kein Kind mehr, ich schaute mich ab und zu im Spiegel an. Der Spiegel war das blanke Blech auf der Innenseite des Deckels einer schwarzen Blechkiste, die Vater aus Schweden mitgebracht hatte. Ich nannte sie die Schweden-Kiste, und ich erinnere mich, daß Vater immer einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck bekam, wenn er sie anschaute.
Sie schien ihn zu bedrücken. Aber er sagte nichts.
Ich spiegelte mich im Deckel und tat mir leid. Niemand hatte so strähnige Haare, so ungleiche Zähne, ein so kantiges Gesicht. Niemand war so dünn und mager und knochig, auf jeden Fall kein anderes Mädchen.
Das Spiegelbild im Deckel zeigte mir auch, wie ich angezogen war. Das Kleid war geflickt und abgetragen, Mutter hatte den Stoff schon mehrmals gewendet, und wenn ich nicht barfuß war, trampelte ich in alten Männerschuhen umher. Sie waren so groß, daß ein Ei hinter die Ferse gepaßt hätte. Kein Mann würde sich jemals nach mir umdrehen, und das war mir gerade recht.
Es gab nämlich tiefere Gründe dafür, daß ich nicht ans Heiraten denken wollte.
Ich wollte nicht werden wie Mutter.
Ich wollte nicht so unterdrückt werden wie sie, so gebeugt und verbraucht, so voller Sorgen und Not. Und mir wurde schlecht, wenn ich nur an das Allergeheimste dachte, das mußte sie mindestens viermal gemacht haben: Außer Daniel hatte ich noch zwei jüngere Geschwister.
Nach der letzten Geburt hatte sie außerdem noch zwei Zähne im Unterkiefer verloren. Das Kind hatte den Kalk aus ihrem Körper gezogen, sagte sie, wie immer das auch zugehen mochte. Die wenigen Male, die sie lächelte oder lachte, hielt sie die Hand vor den Mund.
Ich weiß nicht mehr, was ich zu Daniel sagte, als er mich zu trösten versuchte. Vermutlich sagte ich nichts. Ich war verzweifelt. Ich liebte es, in die Schule zu gehen. Und das hatte viel mit der Sprache zu tun: Der richtigen Sprache ‒ nicht der, die bei uns zu Hause gesprochen wurde.
Vater behauptete manchmal, er sei der einzige gebildete Mensch am Bluewater, der einzige, der etwas vom Anbau verstand, der einzige, der wirklich kapierte, was eigentlich los war. Aber wenn Mutter fragte, in welche Schule er gegangen war, zog er eine mürrische Grimasse und spuckte auf den Boden.
„Sie wollten einen feinen Herrn aus mir machen, einen Arschkriecher, aber das ist ihnen nicht gelungen.“
Mehr sagte er nie.
Aber auch wenn Vater ein gebildeter Mensch war, so unglaublich das auch klingen mochte, er war auf jeden Fall Schwede – und er sprach schlecht englisch.
Mutter stammte aus einem Dorf in der Nähe von Bremen in Deutschland und sprach noch schlechter englisch.
Wenn meine Eltern, was selten genug vorkam, wirklich versuchten, miteinander zu diskutieren, dann taten sie das in einer verkürzten und primitiven Mischsprache, die auch zu meiner Sprache und der meiner Geschwister wurde. Aber die meiste Zeit wurde zu Hause gar nicht gesprochen, und wir hatten selten Gelegenheit, mit anderen Leuten zu reden. Es war weit zwischen den Häusern, und man war immer auf der Hut vor Fremden. Ich wuchs also auf mit einem inneren Schweigen, einer Leere, einer Wortlosigkeit, und um für alle die Gedanken und Gefühle, die mich bedrängten, Ausdruck zu finden, erfand ich eigene Wörter.
Wenn ich in einer bestimmten Stimmung war, dann fühlte ich mich „muddrig“, ich weiß nicht, woher ich das Wort hatte. Ich pflückte „Gelbblumen“ und „Rotblumen“.
Ich fluchte und sagte oft auf schwedisch „bitte“, wenn ich um etwas bitten wollte.
Aber in Mrs. Ryans Schule war diese Leere allmählich mit Wörtern ausgefüllt worden, Wörter, immer neue Wörter. Ich erinnere mich, wie ich die neuen Ausdrücke, die ich gelernt hatte, ausprobierte, wie ich versuchte, so viele Reimwörter wie möglich zu finden. Tuch, Fluch, Buch . . .
So reihte ich Wörter aneinander. Ich lutschte an den neuen Wörtern wie an Kandiszucker oder Eiszapfen, versuchte, sie so oft wie möglich zu verwenden.
Hat sie das wirklich gemacht? Ist das wirklich wahr? Nein, das hätte ich wirklich nicht gedacht . . .
Und es kam natürlich vor, daß die Kinder mich wegen meiner überdeutlichen Aussprache hänselten, oder daß sie mich auslachten, wenn ich in der Aufregung eines meiner selbsterfundenen Wörter benutzte. Aber die meisten Kinder in der Schule waren Neuankömmlinge, ich hielt es also gut aus. Was die Schule betraf, war ich wie Unkraut.
Ich wollte eine richtige Sprache haben. Ich wollte ordentlich lesen lernen ‒ nicht wie manche Erwachsenen: Sie hielten sich die Zeitung vor die Nase und machten komische Bewegungen mit dem Mund und taten nur so, als ob sie lasen . . .
Ich saß im Schneematsch und heulte, Daniel spielte irgendwo, und dann kam der Wagen zurück. Vater saß nicht mehr drin. Der Mann mit den Zügeln hielt das Pferd an. Ich spürte, wie er mich anschaute.
„Ist es so schlimm?“ fragte er.
„Ja, es ist so schlimm“, sagte ich und versteckte meine rotgeweinten Augen in der Armbeuge. „Wirklich und wahrhaftig . . .“
Unerwarteter Besuch
Einige Tage später hörte man am Abend Hufgetrappel auf dem verschneiten Platz vor dem Haus.
Vater konnte es nicht sein, er war auf einer seiner Jagdtouren und würde vermutlich die ganze Woche wegbleiben. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, aber davon war ich gar nicht überzeugt. Was meinen Vater betraf, so konnte man sich auf gar nichts verlassen.
Mutter sah ängstlich aus. Sie zeigte stumm auf das Gewehr in der Ecke neben dem Herd, eine von Vaters vielen Winchesters, eine ziemlich neue 73er, die immer geladen war.
Ich holte das Gewehr herunter und erinnerte mich noch daran, wie schwer es war. Ich schoß sonst immer mit einer kleinen 22er, die nicht entfernt so schwer war. Mutter stand unbeweglich hinter einem Hocker und starrte auf die Tür. In der einen Hand hatte sie einen kaputten Strumpf, in der anderen eine Stopfnadel.
Und sie hatte auch allen Grund, Angst zu haben. Vater hatte viele Feinde, vor allem unter den großen Ranchbesitzern, die Vieh züchteten. Er war ja so etwas wie ein selbsternannter Führer der Kleinbauern, der Farmer, die Stacheldraht um ihre Grundstücke zogen.
Die Rancher haßten Stacheldraht ‒ außer dem, den sie unrechtmäßig auf dem freien Feld ziehen ließen. Ihre ganze Wirtschaft gründete sich darauf, daß die riesigen Herden frei über große Gebiete ziehen konnten. Und es ging um unglaublich große Summen. Deshalb konnten sie diese ,Weichlinge‘, die aus dem Osten kamen, nicht ausstehen, die neuen Farmer, die immer mehr von dem bis dahin freien Land nahmen. Und es war ihnen auch egal, daß die Siedler das Recht auf ihrer Seite hatten, daß ihre Grundstücke registriert waren. Es war weit bis zum Sheriff in Rushville, und für Geld konnte man alles kaufen ‒ auch Polizisten.
Gedungene Cowboys mit lose sitzenden Halftern und schnellen Pistolen unternahmen alles, um die Siedler zu verjagen. Der Stacheldraht wurde durchgeschnitten. Höfe angezündet. Schüsse hallten in der Nacht, Leute wurden tot aufgefunden. Zeugen wurden gekauft ‒ oder zum Schweigen gebracht.
Die wenigen, die das Geld hatten, besaßen auch die Macht.
Vater und viele andere hatten sich richtige Feuergefechte mit fremden Reitern geliefert, die dann schnell in der Dunkelheit verschwunden waren.
Wir hatten also wirklich allen Grund, an diesem Abend Angst zu haben.
In letzter Zeit hatte man sich Sorgen gemacht wegen der Oglalas, der Siouxindianer aus dem Pine-Ridge-Reservat, das einen knappen Tagesritt nördlich lag.
Es gab wenig zu essen da oben, hieß es. Die Roten hungerten. Und sie hatten damit begonnen, ihre wilden Kriegstänze zwischen den Hügeln nördlich des Reservats zu tanzen. Vielleicht würde bald wieder ein großer Indianerkrieg ausbrechen wie damals vor vierzehn Jahren, als Custer und seine Leute oben in Montana erschlagen worden waren. Da würde das Skalp schon lose sitzen, wenn man nicht aufpaßte.
Ich verstand das Ganze nicht so recht. Als ich klein war, hatten wir im Sommer oft Besuch von Indianern aus Pine Ridge. Sie hatten ihre Zelte so nah aufgestellt, daß wir sie vom Haus aus sehen konnten. Sie waren völlig friedlich. Ich war sogar in einem Tipi dringewesen, so nannten die Indianer ihre Zelte. Ich hatte mit Indianerkindern gespielt. Vater war mit den Indianern auf der Jagd gewesen.
Aber jetzt hatten wir seit langem keine Indianer mehr gesehen. Vater war nicht zu Hause, und draußen war es ganz still.
Dann hörte man leichte, schnelle Schritte.
Jemand klopfte an die Tür.
Mutter warf mir einen steifen Blick zu, ehe sie die Tür öffnen ging, und ich nahm das Gewehr hoch . . .
Aber es war kein gedungener Cowboy, der in der Türöffnung auftauchte, und auch kein hungriger Indianer – es war Mrs. Ryan, meine vergötterte Lehrerin Mrs. Ryan!
So im nachhinein kann man die Szene komisch finden: Ich sehe mich selbst, mager und jämmerlich, ich muß mich zurücklehnen, um das Gewehr hochhalten zu können; Mutter hat rote Flecken auf den Wangen und ist steif wie ein Besenstiel, und in der Tür steht die dunkel gekleidete Mrs. Ryan mit einem blauen Tuch über den Schultern und weiß nicht, wie sie dreinschauen soll.
„Ach . . .“, brachte Mutter heraus. „Ach, Mrs. Ryan . . .“
Sie machte ein paar Schritte rückwärts und wäre beinahe über den Hocker gefallen.
Ich weiß noch, daß ich kichern mußte. Mutter starrte in meine Richtung und versuchte gleichzeitig, ein Lächeln hervorzupressen, ohne den Mund zu öffnen.
„Man kann schließlich nie wissen . . . aber so kommen Sie doch herein. Bitte ...“
Mrs. Ryan kam herein. Sie schaute sich rasch um.
„Onkel . . . Mr. Lind ist also nicht zu Hause?“
Mutter schüttelte den Kopf. Sie hatte immer noch den Strumpf in der Hand. Ich fand, daß Mrs. Ryan erleichtert zu sein schien, aber das kann auch Einbildung gewesen sein. Die ganze Situation war so unerwartet, so verwirrend.
Aber in mir stieg auch eine neue Spannung auf, eine Hoffnung. Warum war sie gekommen? Sollten Daniel und ich doch wieder . . .? Ich wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.
Mutter rieb sich die Hände.
„Eine Tasse Kaffee? Es ist ja so kalt.“
„Nein danke.“
Mrs. Ryan machte die Tür hinter sich zu und trat in das ärmliche Zimmer ein. Der Rock raschelte. Sie war wirklich eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Sie setzte sich ganz unten an den großen Tisch. Sie hatte ein Paket unterm Arm. Sie legte das Paket auf den Schoß und schaute erst mich und dann Mutter an.
„Ich habe mir gedacht, daß ich doch noch ein paar Worte sagen muß zu dem, was neulich vorgefallen ist. Ich habe gehört, wie traurig Jenny ist. Und der kleine Daniel. Er schläft wohl schon . . .“
Sie erklärte, daß nicht sie „solche Fragen“ entschied. Sie war nur ein Werkzeug im Dienste der Allgemeinheit. Von sehr niedrigem Rang . . .
Rang, Klang, Zwang . . .
Die Wörter hallten in mir nach. Ich bewunderte sie grenzenlos: Die Art, wie sie die Lippen bewegte, wie sie jede Silbe formte.
Sie sagte noch, daß es im Schulhaus ja wirklich eng sei, sehr eng sogar, aber daß die Rede davon sei, ein größeres zu bauen, im Nachsommer, ehe die Erntearbeiten alle Zeit in Anspruch nahmen . . .
Mutter betrachtete die Lehrerin mit schmalen, braunen Augen. Sie entspannte sich jetzt etwas. Ich sehe sie immer noch vor mir. Sie beugt sich ein wenig vor. Sie sieht hilflos aus, ebenso hilflos wie der löchrige Strumpf, den sie auf den Hocker gelegt hat. Aber was konnte sie denn schon machen? Nichts.
Ich weiß noch, wie traurig sie war, als Daniel und ich an jenem Tag nach Hause kamen. Sie sagte nicht viele Worte, aber sie sprach durch ihr Schweigen, ihre Blicke und ihren Gesichtsausdruck, durch die Art und Weise, wie sie sich bewegte.
Aber sie schwieg nicht nur, weil sie machtlos war. Das Schweigen war auch ein Ausdruck ihrer unwahrscheinlich großen Solidarität: Sie sprach selten oder nie über jemanden, der nicht anwesend war, vor allem nicht, wenn es Vater betraf.
Wenn sie, was ganz selten vorkam, einmal auszudrücken versuchte, was sie dachte und meinte, dann wandte sie sich direkt an ihn. Und wenn er dann etwas brummte von „Frauen sollten sich nicht in Dinge einmischen, die sie nicht verstehen“, dann schaute sie ihn so lange unbeweglich an, bis er hinaus in den Garten floh.
Manchmal folgte sie ihm.
Mrs. Ryan öffnete das Paket. Ich hatte mir schon gedacht, daß Bücher mit grünen Umschlägen drin sein würden. Lesebücher. „Ich habe den ersten und den zweiten Teil dabei“, sagte sie, während sie das Papier mit ihren schmalen Händen faltete. „Bücher haben wir auf jeden Fall genügend ...“
Dann sagte sie noch, daß ich bestimmt Daniel viel helfen würde, und wenn Mrs. Lind mal ein Stündchen erübrigen könnte, dann könnte sie vielleicht die Lehrerin ersetzen.
Mutter nahm schnell die Hand vor den Mund. Sie schien peinlich berührt zu sein, beinahe verlegen. Lesen, doch, das konnte sie schon. Aber ach, die Aussprache. Die Aussprache.
Mrs. Ryan lachte.
Sie war vielleicht vierzig Jahre alt, hatte ein fein gezeichnetes Gesicht und sehr ebenmäßige, weiße Zähne. In diesem Moment fand ich, daß sie schön war. Und möglicherweise habe ich in diesem Moment einen wichtigen Beschluß gefaßt.
Ich würde versuchen, Lehrerin zu werden, genau wie sie. Ich würde alles machen, wirklich alles, um so weit zu kommen wie sie. Ich würde niemals Siedlerfrau werden. Ich würde Miss Lind werden, „so eine verdammte Lehrerin“ ‒ aber nicht aus Boston, sondern aus Bluewater oder Lindsdorf oder wie immer der Ort in Zukunft heißen würde.
Das würde Vater recht geschehen. Das hatte er dann davon. „Das mit der Aussprache wird schon werden“, sagte Mrs. Ryan. „Das kommt mit der Zeit. Das Verstehen der Wörter ist wichtig. Und die Übung im Lesen.“
Dann nahm sie Mutters Hand, lächelte wieder und sagte, daß es schon spät sei, aber daß sie gerne bei einer anderen Gelegenheit „auf eine Tasse Kaffee hereinschauen würde“.
An der Tür schaute sie zu mir.
„Bringst du mich zum Wagen, Jenny?“
Erst da merkte ich, daß ich immer noch das Gewehr in der Hand hatte.
Ohne Mrs. Ryan anzuschauen, hängte ich die Winchester auf. Dann schlüpfte ich in die Schuhe und zog mir ein Tuch um die Schultern. Wenn es draußen kalt war, so spürte ich es nicht. Meine Wangen glühten. Da hatte ich mit dem Gewehr in der Hand dagestanden und dumm geschaut und noch nicht einmal danke gesagt. Aber ich weiß noch, daß es klar und windstill war und daß man im Nordwesten eine dunkle Wolkenwand sehen konnte.
Mrs. Ryan ging zum Einspänner und holte etwas hervor, was unter der Decke auf dem Sitz lag. Das Pferd stand unbeweglich da und hatte das Maul tief im Futtersack.
„Hier . . .“
Sie reichte mir ein Buch, das in Zeitungspapier eingeschlagen war. „Das ist eine Bibel“, sagte sie. „Ich wollte sie nicht mit hineinnehmen, weil ich ja nicht wußte, ob Onkel Charles . . . aber das weißt du ja viel besser als ich.“
Ich war außerstande, das Paket entgegenzunehmen. Ich schlug die Augen nieder und sah Mrs. Ryans glänzende, schwarze, spitze Stiefel vor meinen Kisten von Schuhen im sternhellen Schnee stehen.
Ich hatte Tränen in den Augen. Diese unerwartete Freundlichkeit . . . Und ich verstand nur zu gut, was Mrs. Ryan mit ihren Andeutungen über Vater und die Bibel meinte.
Alle in der ganzen Gegend wußten, daß er seinen Fuß nicht in eine Kirche gesetzt hatte, seit er nach Nordamerika gekommen war. Er gab sogar damit an. Die Natur‒ das war sein Heiligtum, sein einziges Heiligtum, und wenn es einen Gott gab, dann war er da und sonst nirgends.
Alle Leute wußten auch, daß er Priester und Prediger nicht ausstehen konnte, und vielleicht ahnte ich damals schon, daß das etwas mit seinen Studien in Schweden zu tun hatte, seinen „feinen“ Studien. Er nannte sie manchmal „Himmelslotsen“ und fügte hinzu, daß man vor allem hier auf Erden praktische Führung brauchte. Das Himmelreich konnte warten, je länger, desto lieber.
Und er selbst war so etwas wie ein „praktischer Führer“.
Da alles bebaute Land am Fluß entlang abgesteckt war, hatten die Neuankömmlinge es schwer, wenn sie noch freie Grundstücke finden wollten. Vater suchte ihnen geeignetes Land, oft in einem großen, unbewohnten Gebiet, das wir die Sandhügel nannten und das sich westlich vom Fluß weithin erstreckte. Eine solche Tour dauerte oft drei oder vier Tage, und er verlangte dafür fünfundzwanzig Dollar, die „bei Gelegenheit“ bezahlt werden sollten.
Vater war der Freund der Siedler und der Feind der Prediger.
„Ihr habt doch bestimmt keine Bibel im Haus, oder?“ fragte Mrs. Ryan.
Ich schaute auf meine Schuhe und kämpfte mit dem Weinen im Hals. „Keine englische.“
Mutter hatte eine deutsche Bibel, aber sie hatte sie meines Wissens schon lange nicht mehr aufgeschlagen. Vielleicht las sie darin, wenn Vater weg war und wir Kinder schliefen. Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, daß sie die Kirche vermißte, und ich hatte einige Male gehört, daß sie zu Gott bat, er solle doch machen, daß Vater nett würde.
„Nimm sie jetzt“, sagte Mrs. Ryan. „Ich möchte, daß du sie bekommst. Verstehst du? Ich will es.“
„Ich bin nicht wie mein Vater“, sagte ich, und jetzt wußte ich, daß ich nicht anfangen würde zu weinen.
Es war so still auf dem Hof, daß ich sie atmen hörte. Sie steckte mir die Bibel unter den Arm, ich schaute schnell auf, und sie strich mir leicht über die Wange und sagte leise:
„Kleine Miss Jenny Lind. Ich weiß es. Du bist nicht wie dein Vater.“
Dann stieg sie in den Einspänner und wickelte sich in die Decke. „Und jetzt hilf mir bitte mit den Zügeln.“
Jetzt hatte sie wieder ihre normale Stimme. Ich machte die Zügel vom Haltepflock los und reichte sie ihr mit einer Bewegung, die wohl eine Verbeugung darstellen sollte.
Mrs. Ryan schaute Richtung Nordwesten. Die Wolkenwand war näher gekommen.
„Ich muß zusehen, daß ich nach Hause komme, ehe das Unwetter da ist. Viel Glück, kleine Jenny. Und grüße deinen Bruder.“
Sie trieb das Pferd an, und der kleine Einspänner rollte Richtung Fluß davon.
Miss Jenny Lind.
So hatte mich noch nie jemand genannt.
Jetzt faßte ich noch einen Entschluß ‒ einen der eine mehr direkte Wirkung hatte. Ich würde Mutter die Bibel nicht zeigen, noch nicht. Ich würde ein Geheimnis haben.
Ich machte das Zeitungspapier ab, faltete es zusammen und stopfte es in den einen Schuh. Platz genug war da. Dann versteckte ich die Bibel unter ein paar Sachen neben der Tür und ging hinein.
Ich saß am Tisch und blätterte im zweiten Lesebuch, als Hanna zu schreien anfing. Hanna war erst neun Monate alt. John, der Dreijährige würde bestimmt auch aufwachen. Ich spürte Mutters Blick. Es war meine Aufgabe, eine meiner vielen Aufgaben, mich um meine kleineren Geschwister zu kümmern. Meine ganze Kindheit und Jugend war ein einziges langes Kinderhüten. Ich konnte keinen Schritt gehen, ohne ein Kind auf der Hüfte zu haben, und ein anderes, das mit hinterherstolperte.
Das Schreien hörte nicht auf, aber ich tat so, als ob ich nichts hörte.
Schließlich erhob sich Mutter vom Hocker. Sie brummte etwas von „feinen Büchern“ und ging mit müden Schritten die Treppe hinauf in die Dachkammer, wo wir Kinder schliefen. Ich schlich schnell weg und holte die Bibel. Später würde ich sie an einem besseren Ort verstecken. Ich weiß noch, daß ich erst an ihr roch, ehe ich sie aufschlug. Auf dem hellbraunen Papier auf der Innenseite des Deckels stand etwas mit Tinte geschrieben. Es dauerte einige Zeit, bis es mir gelang, in dem schwachen Licht die Buchstaben zu deuten, aber ich werde nie vergessen, was da stand:
Mary Elisabeth Finerty
Johannes 3,16
Omaha, den 4. Juni 1863
Ich wußte, daß Mrs. Ryan Witwe war, und daß sie bei ihrem Bruder wohnte, der Arzt war und ein Holzbein hatte. Er hatte im Krieg gegen die Indianer gekämpft. Und der Bruder hieß Finerty. James Finerty.
Sie hatte mir ihre eigene Bibel geschenkt!
Ich schaute auf die Jahreszahl und rechnete mit den Fingern. 1863. Das war siebenundzwanzig Jahre her. Sie muß ungefähr so alt wie ich jetzt gewesen sein, als sie sie bekam, vielleicht zum Schulabschluß.
Sie hatte mir ihre eigene erste Bibel geschenkt. Das war mehr, als ich begreifen konnte.
Normalerweise habe ich noch nicht richtig den Kopf aufs Kissen gelegt, und schon bin ich eingeschlafen.
Aber an diesem Abend war nichts wie sonst. Ich dachte an Mrs. Ryan, wie sie wohl ausgesehen hatte, als sie so alt war wie ich, was für Kleider sie angehabt hatte. Bestimmt ein weißes Kleid mit vielen Spitzen. Und einen Hut mit roten und blauen Seidenbändern.
„Nimm sie jetzt. Ich möchte, daß du sie bekommst. Verstehst du? Ich will es.“
Genau das hatte sie gesagt. Sie mußte etwas damit gemeint haben, etwas Bestimmtes, etwas, was nur mich betraf.
Es mußte bedeuten, daß sie ein Vertrauen in mich setzte. Genau das Wort tauchte in meinen verwirrten Gedanken auf: Vertrauen.
Und das machte die Bibel, die sie mir geschenkt hatte, zu mehr als nur einem Buch: Sie war der Schlüssel zu etwas, was ich noch nicht kannte. Etwas Großem. Hellem. Schönem.
Das Unwetter
Der Wind pfiff über den Dachfirst. Er heulte im Giebel und zischte durch die Ritzen. Die dünnen Bretterwände knarrten.
Aber hinter all dem war noch ein anderes Geräusch, dumpfer, gewaltiger, unglücksverheißend.
Vielleicht war ich davon aufgewacht, daß ich fror, daß das Kissen naß und kalt war. Als ich mich im Bett aufsetzte, sah ich zuerst, daß die Kammer ungewöhnlich hell war, und es mag eine Weile gedauert haben, bis ich verstand, daß das Helle feiner Schnee war, den der Wind durch die Ritzen geblasen hatte. Fast überall lag Schnee. Auf den Decken, den Kleidern, auf dem Boden.
Und es war kalt. Ich fror bis tief, tief nach innen.
Die anderen schliefen noch. Ich rüttelte Daniel wach.
„Sieh zu, daß die Kleinen besser zugedeckt werden. Nimm unsere Decken. Und dann komm runter.“
Ich zog mich an und kletterte die Treppe hinunter.
Die Öllampe brannte. Auch hier unten lag Schnee. Aber im Herd brannte ein Feuer.
Mutter stand bei der Tür, sie war ganz angezogen. Sie hatte sich ihren alten roten Schal um den Kopf gewickelt, deshalb hörte sie mich erst, als ich ganz nah bei ihr war. Ihr Mund war ein schmaler Strich. Sie sah alt aus. Verbraucht.
„Gut“, sagte sie. „Zieh dir noch was an, vergiß den Kopf nicht.“
Während ich mich anzog, band sie sich eine Rettungsleine um den Bauch. Vater hatte sie verwendet, als er vor vielen Jahren den Brunnen grub. Sie war mindestens 18 Meter lang. Mutter reichte mir das Seilende, und ich fragte mich plötzlich, warum sie mich nicht geweckt hatte. Hatte sie gehört, daß ich wach war? Es schien fast so, als ob sie dagestanden und auf mich gewartet hätte.
Ich fragte sie, ob wir zu den Tieren gehen würden, aber sie schüttelte den Kopf.
„Brennmaterial“, sagte sie. „Wir brauchen dringend Brennmaterial.“ Ich hatte schon Blizzards, heftige Schneestürme erlebt, und ich wußte, was wir machen würden. Bevor ich mir das Seil umband, holte ich noch Axt und Spaten. Im Winter hatten wir alles Werkzeug im Haus.
Mutter nahm den Spaten und wandte sich zur Tür.
„Die Säcke noch . . .“
Jetzt erst fiel mir die Bibel wieder ein, die unter den Säcken bei der Tür lag; ich war ja gerade erst aufgewacht. Aber ich war wach genug um zu begreifen, daß ich sie nicht gleichzeitig versteckt halten und in ihr lesen konnte. Ich war ja nie alleine, und Mutter sah und merkte fast alles.
Ich müßte es ihr erzählen . . .
Aber dazu war jetzt keine Zeit. Später vielleicht ‒ als Überraschung. Ich nahm die beiden Jutesäcke hoch, und da, ganz in der Ecke, lag das schwarze Buch. Mutter sah es nicht.
Mit vereinten Kräften gelang es uns, die Tür aufzudrücken. Wenn sie nicht im Windschatten gelegen hätte, wäre sie vermutlich aus den Angeln gesprungen. Der Sturm pfiff und heulte. Der Schnee war zu dichten Wällen aufgetürmt. Und es war schrecklich kalt. Wir arbeiteten uns durch Schneewehen und wirbelnden Schneerauch vorwärts.
An der Hausecke erfaßte uns der Sturm.
Er war wie ein lebendes Wesen, ein böser Geist, der uns mit seiner Urgewalt vernichten und uns mit seiner Kälte verbrennen wollte.
Wir preßten die Säcke vors Gesicht und drückten uns der Hauswand entlang vorwärts. Der Wind peitschte durch unsere Kleider. Er drang in Ohren, Nase und Mund. Man konnte fast nicht atmen und immer nur für einen kurzen Moment etwas sehen. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns voran, durch ein grauweißes, beißendes, betäubendes Inferno. Aber wir mußten vorwärts. Mußten. Wenn der Sturm anhielt, dann ging es um unser Leben . . .
Irgendwie gelang es uns, bis zum Misthaufen hinter dem Haus zu kommen. Wir hackten die festgefrorenen Fladen los. Wir füllten sie in die Säcke. Wir kämpften uns zur Tür zurück.
Dies machten wir mehrere Male.
Beim letzten Mal schaffte ich es nicht mehr bis zur Tür zurück. Ich sank in den Schnee, wollte mich ausruhen, nur ausruhen. Es war unglaublich angenehm, einfach nur in dem weichen, jetzt fast warmen Schnee zu liegen und zu hören, wie der Sturm immer leiser wurde . . .
Mutter zog am Seil. Sie trat mich. Sie schlug mir auf die Wangen. Sie beugte sich und nahm mich hoch. Und irgendwie gelang es ihr, mich und die Säcke ins Haus zu bekommen.
In ihrem dünnen, ausgemergelten Körper war unglaublich viel Kraft. Ich habe eine schwache Erinnerung daran, daß Daniel uns mit den Knoten half, daß wir irgendwie die Jacken ausbekamen, und daß wir vor dem Herd auf dem Boden saßen und unsere erfrorenen Hände rieben. Meine beiden kleinen Finger waren weiß, das passierte im Winter oft, aber nach einer Weile pochte und klopfte es in ihnen.
Mutter zog mich zu sich.
„Jetzt brauchen wir nicht mehr zu frieren“, sagte sie. „Kleine, starke Jenny.“
Obwohl sie so nah war, schien ihre Stimme von weither zu kommen. Ich hatte immer noch den Sturm in mir.
Die Kuhfladen lagen in Schichten vor dem brennenden Kamin. Die Feuchtigkeit stieg wie dünner, graublauer Rauch auf. Bald würde man mit denen, die zuoberst lagen, heizen können.
Nein, wir würden noch lange nicht frieren müssen. Wir nicht. Mist war ein wichtiges Brennmaterial in diesem Land aus baumlosen Ebenen und Sandhügeln. Die wenigen Bäume, die es entlang der Wasserläufe gab, waren viel zu wertvoll zum Verheizen. Sie wurden zum Bauen, für Zaunpfähle und für Werkzeuge verwendet. Man benützte jedes Stöckchen, jeden Busch und jeden Zweig.
Im Sommer und im Herbst war es die Aufgabe der kleineren Kinder, Brennmaterial zu sammeln. Sie legten die Fladen in die Sonne und drehten sie einige Male, bis sie durchgetrocknet waren, und dann stapelten sie hinter dem Haus ordentliche Häufen auf.
Jetzt hatten wir Brennmaterial für mehrere Tage, es knisterte im Herd und im Kamin, und Daniel, ich und der kleine John, der drei war, saßen am Tisch und tranken warmen Saft.
Mutter hatte sich auf eine Decke vor den Herd gesetzt und fütterte Hanna, das Baby.
Finger und Fußzehen taten weh. Ich konnte fast nicht stillsitzen. Es war wie in der Schule. In der ersten Stunde saß man immer da und rutschte herum und versuchte zu vergessen, wie die Frostbeulen juckten und brannten.
Aber Schule gab es jetzt ja keine mehr.
Ich dachte wieder an die Bibel. Sie lag für jedermann sichtbar auf der langen Bank bei der Tür.
Aus irgendeinem Grund entschied ich mich dafür, selbst nichts zu sagen. Ich wollte, daß einer von den anderen sie entdecken würde, und dann, erst dann, würde ich erzählen, wie nett Mrs. Ryan zu mir gewesen war.
Natürlich entdeckte Daniel sie zuerst, der liebe kleine Daniel, der immer mehr sah, als er zugab.
Er ging hinüber und holte sie, und er konnte den Mund nicht halten.
„Was ist das?“
„Das siehst du doch, ein Buch.“
„Was für ein Buch?“
„Guck doch selbst.“
Und Daniel schaute.
„Das ist ja eine Bibel.“
„Genau.“
„Wem gehört sie?“
„Sie gehört mir . . .“
Ich spürte, wie Mutter mich anschaute.
„Wovon redet ihr eigentlich?“
„Wir reden von meiner Bibel“, sagte ich.
Ich sagte es mit lauter Stimme, und vielleicht vergaß ich für einen Moment das Brennen in den Frostbeulen.
„Deine Bibel?“
Mutter legte Hanna auf die Decke und kam zum Tisch.
„Zeig her.“
Sie nahm die Bibel und schlug sie auf. Sie stand einen Augenblick still da. Rote Flecken erschienen auf ihren furchigen Wangen. „Ach, Mädchen. Du hast sie doch nicht . . .“
Sie verstummte und warf mir einen fast bösen Blick zu. Ich weiß nicht, ob sie glaubte, ich hätte sie gestohlen ‒ Stehlen war bei diesen kleinen Leuten in einer Gesellschaft ohne Schlösser ein unglaubliches Verbrechen –, vielleicht wußte sie es selbst nicht. Ich weiß nur, daß sie den Verdacht gehabt haben könnte, daß alles ganz verkehrt war, und daß ich mich tief verletzt fühlte ‒ und gleichzeitig einsah, daß ich einen großen Fehler gemacht hatte. Ich hätte es natürlich erzählen sollen.
Als ich nun versuchte, alles zu erklären, fand ich nur schwer die richtigen Worte.
„Ich habe sie von ihr geschenkt bekommen. Gestern abend. Da draußen. Ganz bestimmt. Und ich werde sie lesen . . .“
In Mutters Stimme war Traurigkeit.
„Aber warum hast du denn nichts gesagt?“
Ich fand keine Worte. Das Schweigen zwischen uns war klaftertief. Alle Geräusche des Sturms schienen plötzlich größer zu werden: das Brausen, das Pfeifen, das Knarren in den Wänden und Fenstern. Ich starrte auf eine große Wehe aus feinem Schnee, die unter der Tür hervorwuchs. Die Wangen brannten mehr als die Zehen.
Aber etwas mußte ich sagen.
„Ich wollte, daß es eine . . .“
Weiter kam ich nicht. Ein Wort wie „Überraschung“ paßte überhaupt nicht, wenn Mutter mit solchen Augen schaute.
„Ich wollte, daß es etwas zwischen ihr und mir war.“
Ich sagte es schnell, und vielleicht hatte die Enttäuschung und die Unsicherheit die Stimme ungewöhnlich hart klingen lassen.
„Ach so . . .“ Mutter legte die Bibel vorsichtig, fast andächtig vor mich und drehte sich weg. Sie ging langsam zu Hanna zurück und fütterte sie weiter, immer noch mit abgewandtem Gesicht.
Es dauerte eine Weile, bis ich kapierte, daß Mutter weinte.
Mutter weinte.
Das kam nicht oft vor.
Ich ging zu ihr, hockte mich neben sie, versuchte, ihren Blick zu fangen ‒ aber das ging nicht.
„Laß mich. Bitte . . .“
Aber ausnahmsweise machte ich nicht, was sie wollte. Ich strich ihr übers Haar, ihr weiches, rotbraunes Haar, auf das sie so stolz war, das sie jeden Morgen und jeden Abend hundertmal bürstete. Unter meinen rauhen, glühenden Fingern fühlte es sich kühl und weich wie feinste Seide an.
Ich bat sie um Verzeihung.
Ich sagte, daß ich genauso traurig sei wie sie, daß ich kindisch und gedankenlos gewesen sei.
Ihr Kopf bewegte sich unter meinen Händen langsam hin und her.
„Das ist es nicht, das nicht“, brachte sie heraus.
„Was ist es denn?“
Sie bewegte den Kopf nicht mehr. Schien nachzudenken. Und dann sagte sie leise:
„Du warst genau wie dein Vater.“
Schweig, und verstumme . . .“
Mit Vater verglichen zu werden . . .
Das war so verkehrt. So ganz und gar und vollständig verkehrt! Ich wollte doch überhaupt nicht sein wie er. Ich war doch . . .
Ich war alles mögliche und alles ‒ nur das nicht.
„Ich bin nicht wie Vater . . .“
Das hatte ich auf dem Hof zu Mrs. Ryan gesagt, und sie hatte mir ihre Bibel geschenkt und mir über die Wange gestreichelt und mich „Kleine Miss Jenny Lind“ genannt.
„Ich weiß“, hatte sie gesagt. „Du bist nicht wie dein Vater.“ Und sie konnte sich doch nicht irren. Mrs. Ryan konnte sich doch nicht irren.
Nein, ich war überhaupt nicht wie mein Vater. Mutter hatte das nur gesagt, weil ihr nichts anderes einfiel.
Sie weinte, weil ich sie ausgeschlossen hatte, weil ich gestern abend nicht zu ihr hineingerannt war und ihr freudestrahlend von dem schönen Geschenk erzählt hatte.
Und vielleicht weinte sie auch, weil sie diesen Verdacht gehabt hatte: Daß ich auf unehrliche Weise an die Bibel gekommen war, daß ich sie aus der Schule mitgenommen hatte, aus Protest. Sie hatte sicher gesehen, wie sehr mich ihr Blick vorhin gekränkt hatte. Zwischen Mutter und mir war jetzt ein tiefer Graben.
Wenn wir doch nur miteinander reden gekonnt hätten. Wenn wir nur eine Sprache gehabt hätten. Eine gemeinsame Sprache . . .
Plötzlich stieß Hanna einen Schrei aus. Sie hatte sich am heißen Herd verbrannt. Gleichzeitig warf John, der Dreijährige, seinen Becher mit Saft um ‒ und als David versuchte, ihn vom Tisch wegzuziehen, ehe der heiße Saft ihm über die Kleider lief, stieß er den Stuhl um . . .
Mutter richtete sich auf. Sie reichte mir die schreiende Hanna und stand auf. Jetzt war sie wieder wie immer, oder fast wie immer. „Ach, diese Kinder . . .“
Ich blies Hannas arme kleine Fingerchen und versuchte, sie zu beruhigen, und Mutter sagte, daß es höchste Zeit sei für uns, an die Arbeit zu gehen.
Zuallererst mußten wir alle Schüsseln und Töpfe, die es im Haus gab, zusammensuchen. Wir mußten den Schnee, der hereingetrieben wurde, hineinschaufeln, ehe er schmelzen konnte. Und wie sah es wohl oben in der Kammer aus? Da lagen bestimmt schon große Schneewehen . . .
Mittem am Tag war der Schnee schon bis weit übers Fenster gestiegen, und es war fast so dunkel wie nachts. Die Lampe war angezündet. Der Sturm raste mit voller Kraft, und nichts deutete darauf hin, daß er sich legen würde.
Aber obwohl das Unwetter so viele Geräusche hatte, konnte man die Stille in unserem eingeschneiten Haus beinahe mit Händen greifen. Es war eine beängstigende Stille. Eine feuchte, klebrige, muffige Stille. Eine Stille voller Unruhe und Gedanken.
Natürlich dachten wir an Vater ‒ auch wenn wir uns nicht direkt Sorgen um ihn machten. Er hatte schon viele Stürme und Schneestürme überlebt. Dieses Mal hatte er sich bestimmt zu einem der neuen Siedler bei den Sandhügeln durchgeschlagen. Da jagte er meistens.
Vielleicht dachten wir uns ihn fast unsterblich, unzerstörbar, wie jemanden, den es einfach immer geben mußte, egal wie.
Vater war immer gegenwärtig ‒ auch wenn er nicht zu Hause war. Wie ich schon gesagt habe, war er vor allem Gärtner, Jäger und Pfadfinder, aber wir hatten auch einige Tiere.
Die Arbeitspferde, die Milchkühe, die kleinsten Kälber und die Hühner waren in einem Schuppen einige hundert Schritt von Haus entfernt. Die übrigen Tiere, ungefähr zehn Rinder, bewegten sich frei in einem großen eingezäunten Gebiet weiter weg.
Und um die Tiere machten wir uns vor allem Sorgen.
Wie für die Menschen war der Schneesturm auch für die Tiere gefährlich. Sie wurden hysterisch. Sie versuchten dann, dem erstickenden Schnee zu entfliehen. Sie brachen aus Ställen und Gehegen aus. Sie rasten in wilder Panik mit dem Wind davon. Sie blieben im Stacheldraht hängen oder versanken im Schnee. Sie erfroren. Sie bekamen Lungenentzündung. Sie wurden verrückt und mußten geschlachtet werden . . .
Während des schlimmen Wintersturms vor drei Jahren, 1887, waren allein in unserem Teil der Ebene viele tausend Tiere verendet. Pferde waren erstickt, als sie versuchten, aus ihren Boxen herauszukommen. Ein Ranchbesitzer hatte über sechshundert Tiere verloren. Und noch lange Zeit danach hatte man vom Frost entstellte Tiere sehen können: eine Kuh ohne Schwanz, ein Kalb ohne Ohren, einen Stier mit abgefrorenem Maul und verwachsenen Hufen . . .
Wir dachten an Vater, und wir machten uns Sorgen um unsere Tiere. Wir wußten, daß es unser Ruin sein würde, wenn zu viele starben. Vater hatte sich Geld auf der Bank geliehen, damit er sie kaufen konnte, und wir waren davor schon sehr verschuldet gewesen. Aber wir redeten nicht darüber, was sein würde und wie es kommen könnte.
Das, was einen am meisten beunruhigt, darüber spricht man nur selten.
Am Abend bat Mutter mich, etwas aus der Bibel vorzulesen. Vielleicht wollte sie wirklich Gottes Wort hören. Aber ich glaube eher, daß es ihre Art war, um Verzeihung zu bitten, ein Versuch, es wieder ins Lot zu bringen.
Die Bibel hatte den ganzen Tag auf dem Tisch gelegen. Niemand hatte sie anfassen wollten. Sie war der Anlaß zum Mißverständnis gewesen, für das Weinen und zum Teil auch für die erstickende Stille.
Ich setzte mich hin, zog die Lampe zu mir und fing an zu blättern. Und nicht nur Mutter und die Geschwister schauten mich an. Ich meinte auch, Mrs. Ryans klare, graublaue Augen zu sehen.
Ich sagte, daß ich es nicht könne.
„Manche Wörter sind so schwer.“
„Aber . . . Ach, versuch es . . .“
Ich schaute Mutter an und sah, daß es ihr wichtig war, daß ich las oder zu lesen versuchte. Aber wo sollte ich anfangen? Mutter dachte nach.
„Jesus stillte einen Sturm, schau bei Markus nach.“
Ich höre sie immer noch „stillte einen Sturm“ sagen, mit ihren dicken T’s und dem rollenden R.
Nach vielem Blättern fand ich die richtige Stelle, Markus 4,37, und während der Sturm heulte und der Schornstein oben auf dem Dach knarrte buchstabierte ich mich mühsam durch die Worte des Apostels:
„ Und es erhob sich ein großer Wirbelwind und warf die Wellen in das Schiff, also daß das Schiff voll ward. Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf . . . “
„Das sind die Apostel“, flüsterte Mutter. „Seine Jünger, die ihm nachfolgten. Und ,Er‘, das ist Jesus Christus.“
„. . . und sie sprachen zu ihm: Meister, fragst du nicht danach, daß wir verderben? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme!“
Ich folgte beim Lesen den Zeilen mit meinem warzigen Zeigefinger. Aber ich sah auch das Gesicht des kleinen John auf der anderen Seite des Tischs. Er schaute mich mit großen Augen an. Sein Mund stand offen, und die Unterlippe glänzte im Lampenschein. Als ich zu „Schweig und verstumme“ kam, las ich lauter, und da lächelte er.
„. . . Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander. Wer ist der, denn Wind und Meer sind ihm gehorsam.“
Obwohl es ein paar altertümliche Ausdrücke gab, die ich nicht verstand, war das Lesen erstaunlich leichtgegangen; als ob die Worte eine magische Kraft in sich trügen. Ich hatte mich nur ein paarmal verhaspelt.
Es war, als ob ich eine Schwelle überschritten hätte. Jetzt wußte ich, daß ich viel mehr in der Bibel würde lesen können.
Die Stille danach war nicht mehr so quälend wie vorher. Ich hörte Mutter flüstern: „Amen“, und dann sagte der kleine John mit seiner hellen Stimme: „Schweig und verstumme!“
Er sagte es mehrmals hintereinander, er rutschte von seinem Stuhl herunter und lief im Kreis umher, zwischen all den Töpfen, Eimern und Schüsseln.
„Schweig und verstumme! Schweig und verstumme! Schweig und verstumme . . .“
Und dann lachte er so, daß er kaum mehr das Gleichgewicht halten konnte.
Wir anderen lächelten uns das erste Mal seit langem an.
Draußen raste das Unwetter.
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