Читать книгу: «Musikgeschichten der Bibel»

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Inhaltsverzeichnis

Wer Ohren hat zu hören, der höre! – Vorwort

Musik im Himmel und auf Erden

Heilig, heilig, heilig – Jesajas Vision

Das große Gotteslob – Psalm 148

Musikalische Gottesbegegnung – Die Einweihung des Tempels

Was Gott nicht hören will – Loblieder ohne rechtes Handeln

Ein neues Lied für Himmel und Erde – Das Lamm Gottes

Alltagsmusik und Festmusik

Gesungener Geschichtsunterricht – Deboras Siegeslied

Ein Lied zur Heimkehr aus dem Krieg – Danklied des Königs für Rettung und Sieg

Pädagogik in Liedform – Das Lied des Mose

Tafelmusik – Sirachs Ratschläge

Ein Lied zur Hochzeit – Die Hochzeit des Königs

Ein biblisches Musikfestival – Die Einweihung der Stadtmauer

Wahre Festlichkeit – Der Oberste Priester Simeon

Musik in Freud und Leid

Trommeln vor Freude – Mose und Mirjam

Siegesfeier mit Gesang und Tanz – Judit

Das Lied eines Schuldbewussten – Davids Bitte um Vergebung

Eine königliche Totenklage – Davids Klagelied über Saul und Jonatan

Hoffnung in der Klage – Klagelieder

Tanz in der Bibel

Kultischer Tanz – Der Tanz um das Goldene Kalb

Ekstatischer Tanz I – Gottes Geist ergreift Saul

Ekstatischer Tanz II – Saul bei den Propheten

Unwürdiger Tanz? – David tanzt vor der Bundeslade

Vergeblicher Tanz – Die Entscheidung am Karmel

Verführerischer Tanz – Der Tanz der Salome

Musik mit besonderer Wirkung

Kriegsmusik mit Durchschlagskraft – Die Mauern Jerichos fallen

Hörnerschall als Kriegslist – Gideons Sieg

Gesang ersetzt Waffen – Joschafats Sieg

Musik mit Heilkraft – David und Saul

Musik als Quelle der Inspiration – Elischas rettende Eingebung

Musik sprengt Ketten – Paulus und Silas im Gefängnis

Hymnen und Lobgesänge

Singen, Jauchzen, Loben – Ein neues Lied für den HERRN

Magnifikat – Lobgesang der Maria

Benedictus – Lobgesang des Zacharias

Gloria – Engelsgesang zu Jesu Geburt

Nunc dimittis – Lobgesang des Simeon

Das schönste aller Lieder – Das Hohelied der Liebe

Ohne Musik ist alles nichts – Nachwort

Reihe Biblische Taschenbücher

Impressum

Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Vorwort

Schon früh begegnet uns in der Bibel Musik. Wir lesen von Jubal, einem Nachfahren Kains, als dem Stammvater aller Zither- und Flötenspieler (1Mose/Genesis 4,21). Ungewöhnlich und gleichzeitig vielsagend ist die explizite namentliche Erwähnung, wirkten doch Musiker bis weit ins Mittelalter hinein vornehmlich in der Anonymität. Die Namensnennung unterstreicht die besondere Bedeutung, die der Musik als einer frühen Kulturleistung des Menschen sowie ihrem Ahnherren in der Bibel zugebilligt werden. Jubal repräsentiert einen der drei Urberufe: Neben den Hirten und Schmieden waren die Musiker offenbar von Anfang an dabei. Von Anbeginn an ist die Musik Teil der menschlichen Zivilisation.

Menschsein ohne Musik, das scheint es auch in der Bibel nicht zu geben. Wir wissen zwar nicht genau, ob schon Adam und Eva gesungen haben. Unwahrscheinlich ist es aber nicht. Wenn Menschen zusammenkommen und zusammen leben, dann singen und musizieren sie – oftmals noch bevor sie miteinander sprechen. Keine Gemeinschaft und keine Gesellschaft existieren ohne Musik. Menschheitsgeschichtlich kommt das Singen vor dem Sprechen, die Musik als »organisierter Klang« (Edgar Varèse) vor der Sprache.

Musik ist zum Hören bestimmt. Das Hören aber – und besonders das genussvolle Hören von Musik – ist nicht selbstverständlich. Es ist ein komplizierter Sinn. Das Hören nur weniger gesungener Takte verlangt dem Gehirn viele Millionen Operationen ab. Langsam nur hat sich das Gehör entwickelt. Unter den Sinnesorgangen ist es ein Spätentwickler – dafür aber ausgesprochen leistungsfähig: Die Hörzellen reagieren bereits auf Reizenergien, die etwa zehn Millionen Mal kleiner sind als die, die z.B. bei Berührungsempfindungen benötigt werden.

Das Hören hat für den Menschen erhebliche Bedeutung. Es warnt ihn vor Gefahr. Es verbindet ihn mit der Welt, mit allem, was zu ihm gehört. Ein akustischer Reiz wird durch das Hören zu einem individuellen Klangereignis. Jeder Mensch hört anders. Hören ist ein Einverleiben, die persönliche Inbesitznahme eines Geräuschs oder Tons und die sehr individuelle Verknüpfung mit spezifischen Emotionen. Was wir hören, das wird ein Teil von uns.

Insofern ist das Hören auch in religiöser Hinsicht wichtig. Das Evangelium soll gehört werden. Im Gottesdienst ist ein ganz wichtiger Aspekt das Zuhören (Kohelet/Prediger 4,17), und nicht nur dort! Jesus selbst hat gesagt: »Wer Ohren hat, soll gut zuhören!« (Markus 4,9)

Christinnen und Christen sind Menschen mit wachen Ohren, Menschen, die gerne hören und gut zuhören (sollten). Bei Jesaja heißt es: »Jeden Morgen lässt er [Gott] mich aufwachen mit dem Verlangen, ihn zu hören. Begierig horche ich auf das, was er mir zu sagen hat. Er hat mir das Ohr geöffnet und mich bereitgemacht, auf ihn zu hören.« (Jesaja 50,4-5) Hören ist ein Grundvollzug des Glaubens: »Hört auf mich, dann werdet ihr leben!« (Jesaja 55,3) Wer Gottes Wort hört, der lässt es durch sich hindurchklingen. Glauben erwächst aus dem Hören. »Sie können nur zum Glauben kommen, wenn sie die Botschaft gehört haben«, schreibt Paulus (Römer 10,14). Und Gott selbst hat sein Volk aufgerufen: »Höre, Israel!« (5Mose/Deuteronomium 6,4).

Die Glaubensgeschichte ist auch eine Hörgeschichte. Immer wieder offenbart sich Gott auf akustischem Wege. Und viele Menschen glauben, ihn gerade in der Musik spüren zu können. »Gott wohnt in der Musik«, sagt ein altes italienisches Sprichwort. Viele werden das bestätigen können.

Während es ausdrücklich verboten ist, sich ein Bild von Gott zu machen (2Mose/Exodus 20,4), so ist es im Gegenteil wichtig, Menschen über das Ohr – durch Worte, aber auch durch eigens gestaltete Klangwelten und Musik – zum Glauben zu bringen. Hierfür sind und waren auch Spezialisten nötig. Einige Musikerpersönlichkeiten aus der Bibel kennen wir, wenn auch nicht deren genaue Lebensläufe: den bereits erwähnten Jubal zum Beispiel, dann natürlich König David, aber auch Asaf, den Anführer des Chores von David, zugleich Verfasser einiger Psalmen und Mitausgangspunkt einer ganzen Tempelmusikerdynastie. Die Bibel überliefert in 1Chronik 25,1-7 die Namen dieser Tempelmusiker, die mit Gesang und dem Spiel von Becken, Harfen und Lauten Gott preisen sollten. Sie alle waren zu ihrer Zeit berühmte Männer, Spezialisten und Könner auf ihrem Gebiet, dem sie sich voll und ganz und ohne Ablenkung widmen konnten: »Die levitischen Sippen, die für den Gesang am Tempel verantwortlich waren, wohnten in den Kammern am Tempel. Sie waren von aller anderen Arbeit befreit, weil sie Tag und Nacht zu ihrem Dienst bereit sein mussten.« (1Chronik 9,33)

288 Sänger werden erwähnt und viele verschiedene Instrumente – das ist eine erhebliche Infrastruktur, die große Vielfalt erlaubt, um auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Menschen und die verschiedenen Anforderungen des liturgischen Dienstes reagieren zu können.

Vielfalt und Wandel – das sind zwei Begriffe, die programmatisch stehen können für die biblische Musikkultur. Musik in der Bibel ist alles andere als eintönig. Sie erscheint in vielerlei Form, in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Die immer gleiche Musik für jeden Anlass gibt es in der Bibel nicht. In Psalm 150 wird diese Mannigfaltigkeit deutlich:

Halleluja – Preist den HERRN!

Rühmt Gott in seinem Heiligtum!

Lobt Gott, den Mächtigen im Himmel!

Lobt Gott, denn er tut Wunder,

seine Macht hat keine Grenzen!

Lobt Gott mit Hörnerschall,

lobt ihn mit Harfen und Lauten!

Lobt Gott mit Trommeln und Freudentanz,

mit Flöten und mit Saitenspiel!

Lobt Gott mit klingenden Zimbeln,

lobt ihn mit schallenden Becken!

Alles, was atmet,

soll den HERRN rühmen!

Preist den HERRN – Halleluja!

Was kommt da nicht alles zum Einsatz? Es klingt alles, was das antike Instrumentarium hergibt: Hörner, Harfen und Lauten, Trommeln und Flöten, Zimbeln und Becken – und dazu wird getanzt. Vielfältig ist die Klangwelt der Bibel also in jedem Fall, und dennoch soll sie nicht bei sich stehenbleiben. In Psalm 149,1-5 heißt es:

Halleluja – Preist den HERRN!

Singt dem HERRN ein neues Lied,

preist ihn, wenn ihr zusammenkommt,

alle, die ihr zu ihm haltet!

Freu dich, Volk Israel: Er ist dein Schöpfer!

Du Gemeinde auf dem Zionsberg,

juble ihm zu: Er ist dein König!

Rühmt ihn mit festlichem Reigentanz,

singt ihm zum Takt der Tamburine,

ehrt ihn mit eurem Saitenspiel!

Denn der HERR ist freundlich zu seinem Volk,

er erhöht die Erniedrigten durch seine Hilfe.

Alle, die zum HERRN gehören, sollen jubeln,

weil er sie zu Ehren gebracht hat!

Sie sollen vor Freude singen,

auch in der Nacht!

Neu sollen das Lied und die Musik sein. Und immer wieder aufs Neue gesungen werden. Da wird nicht musikalischem Stillstand das Wort geredet, nicht die Pflege eines überkommenen Repertoires, sondern im Gegenteil eine fortlaufende Erneuerung der Musik zum Lobe Gottes gefordert. Nicht unentwegt dasselbe, sondern – je nach Anlass, Zeit, Ort – etwas Anderes, etwas Neues.

Es ist sicher bedauerlich, dass die Musik des alten Israel und der frühen Christenheit heute nicht mehr rekonstruierbar ist. Für unsere (musik-)religiöse Existenz aber ist das letztlich nicht wichtig. Wir müssen nicht wissen, welche Melodien David gesungen hat oder wie genau das vielfältige Instrumentarium dieser Zeit geklungen hat. Musikhistorisch ist das sicher spannend, aber unsere liturgische und außerliturgische Musik dürfte (wenn wir ernst nehmen, was in der Bibel steht) eine solche Einsicht nicht beeinflussen.

Die Wirkung einer bestimmten Musik ist nicht universell, also unabhängig von Ort und Zeit. Und natürlich würden wir, geprägt durch unsere jahrhundertelange Musikkultur und ein vielfältiges Musikleben, auf die Klänge einer »Ugab« – einer antiken Flöte – ganz anders reagieren als die Menschen der letzten vorchristlichen Jahrhunderte. Und ob wir, gewöhnt an die Dynamikskala von Lautsprechern und großen sinfonischen Orchestern, den Klang der Harfe als ebenso »rauschend« wie Jesaja empfinden würden (Jesaja 14,11), ist eher unwahrscheinlich. Was Ijob berührt hat, kann uns moderne Hörerinnen und Hörer kaltlassen. Und so wie wir heute kaum noch verstehen, was eigentlich 1913 der große Skandal bei der Aufführung von Igor Strawinskys Sacre du Printemps war, würden wir vielleicht achselzuckend auf die Musik reagieren, die so beruhigend auf Saul wirkte.

Wie weise ist da doch der biblische Aufruf, nicht zwanghaft an Altem festzuhalten, sich Neuem gegenüber nicht zu versperren und auf diese Weise auch immer wieder zu prüfen, ob die Musik den Anforderungen und Erwartungen der Gegenwart genügt. Aus dem Psalmwort spricht die Aufforderung zur immerwährenden Innovation, zum steten Wandel religiöser Musik- und Musizierpraxis.

Musik erscheint in der Bibel nicht als ein den Menschen überlassener Bestand konkreter Stücke oder Instrumente als Teil des göttlichen Schöpfungswerks. Und den Zehn Geboten ist auch kein musikalisches Regelwerk angehängt. Es ist die Fähigkeit zur Musik, die wir Gott verdanken, die uns aber auch dazu verpflichtet, kreativ mit ihr umzugehen. Die Musik ist nach biblischem Verständnis eine Zivilisationsleistung des Menschen, an der Gott Freude hat (»Er, der den Menschen Ohren gab, sollte selbst nicht hören?«, Psalm 94,9), die er in seinen Besitz nimmt und in den Dienst der Liturgie stellt.

Musik erscheint in unterschiedlichen Zusammenhängen: in ganz weltlichen, aber eben immer auch in religiösen. In diesem Sinne ist Musik nicht per se gut. Entscheidend ist die Haltung, aus der heraus musiziert wird, der Zweck, zu dem sie eingesetzt wird. Auch die Gottlosen haben Musik – da macht uns die Bibel nichts vor. An rein musikalischen Fakten jedoch lässt sich deren Musik nicht erkennen. Jede Musik, jeder Stil kann dem Bösen dienen – aber eben auch dem Guten. Die Idee eines »Kirchenstils« ist der Bibel fremd. Viel wichtiger ist, wie man Musik macht, aus welchem inneren Antrieb. Sämtliche Versuche, einzelne Musikrichtungen als grundsätzlich unchristlich zu brandmarken, sind vor dem Hintergrund der biblischen Offenheit der Musik gegenüber zum Scheitern verurteilt. Wer aus der richtigen Haltung heraus – was auch immer – musiziert, der kann nichts falsch machen. Und er kann auch keine falsche Musik spielen: »Denn durch das Wort Gottes und durch unser Dankgebet wird [alles] rein und heilig«, schreibt Paulus (1Timotheus 4,5). Das gilt ganz bestimmt auch für die Musik.

Musik im Himmel und auf Erden

Einmal im Jahr werden sie herausgeholt: kleine Engelsfiguren aus Holz, fein geschnitzt, viele von ihnen haben ein Musikinstrument in der Hand. Mit ganzen Engelsorchestern können manche Haushalte aufwarten und nehmen damit die Vorstellung auf, dass zumindest einem Teil der himmlischen Heerscharen vornehmlich musikalische Aufgaben zukommt. In Literatur und Malerei begegnen uns immer wieder musizierende Engel. Dass Engel singen – und zwar schön –, steht außer Frage. Sie verstehen ihr Handwerk. Und ihr Geschmack ist erlesen. Ob sie wirklich – wie der Theologe Karl Barth in Wolfgang Amadeus Mozart meinte – Mozarts Musik bevorzugen? Oder – »eia, eia« (EG 70,5) – lallen sie vielleicht eher? Vielleicht klingt ihre Musik ja auch für jeden anders, gerade so, wie man es braucht?

So weit unsere Vorstellung von himmlischer Musik. Ein Blick in die Bibel zeigt aber noch eine andere Seite. Das wenige, was wir dort über die Musik der Engel konkret erfahren, ist keineswegs nur gefällig. Richtig harmonisch wird der Posaunenschall, mit dem die Engel zum Jüngsten Gericht rufen, wohl nicht sein. Und auch bei Ezechiël stellt sich die himmlische Klangkulisse nicht so dar, wie wir uns musikalischen Wohlklang vorstellen: Sie ist beherrscht vom »Rauschen der Flügel«, das »wie die Brandung des Meeres, wie ein Heerlager, wie die Donnerstimme des allmächtigen Gottes« dröhnt (Ezechiël 1,24). Das muss nicht unbedingt Missklang bedeuten, aber man merkt doch: Engelsmusik ist nicht nur Harfenglissando und Gesäusel.

Entsprechend vielfältig sind die Versuche, Engelsmusik nachzuahmen. So unklar ihre konkrete klangliche Gestalt, so inspirierend ist offenbar die Vorstellung, dass Engel musizieren und wir als Menschen es ihnen darin gleichtun können. Wer Musik auf Erden macht, der orientiert sich vielleicht auch an himmlischen Vorbildern. Eduard Mörike dichtete: »Wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlisch Gut bekommen. / Denn ihr erster Ursprung ist / von dem Himmel selbst genommen, / weil die Engel insgemein / selbsten Musikanten sein.« (Altes Verslein, vertont in Hugo Distlers Mörike-Chorliederbuch)

Das Singen auf Erden als Abbild, Aufnahme und Weiterführung der himmlischen Kantorei ist ein wesentlicher Impuls für jedes kirchenmusikalische Tun. Weit verbreitet ist die Idee einer gemeinsamen himmlischen und irdischen Liturgie: Menschen und Engel musizieren gemeinsam und preisen auf diese Weise ihren Schöpfer – im Himmel und auf Erden.

Heilig, heilig, heilig
Jesajas Vision

Nur wenige haben – vom sprichwörtlichen Sinn einmal abgesehen – bisher Engel singen hören. Einer von ihnen war Jesaja. Wohl während eines Gottesdienstes im Jerusalemer Tempel ereilt ihn eine Vision von Gottes Herrlichkeit. Teil der sich ihm eröffnenden Szenerie ist eine Schar Feuerwesen mit jeweils sechs Flügeln – die sogenannten Serafen, keine Engel im landläufigen Sinn, sondern kaum fassbare Mischwesen, denen offenbar die Aufgabe zukommt, Gottes Größe unaufhörlich zu preisen. Im biblischen Text ist dieser Lobpreis zwar als ein »Rufen« beschrieben, doch wie anders als gesungen kann man sich ihr »Heilig, heilig, heilig« vorstellen?

Beeindruckend jedenfalls wird es gewesen sein. Jesaja hat es nicht mehr losgelassen. Sein ganzes prophetisches Tun ist geprägt von dieser Erfahrung. Und seit dem 5. Jahrhundert stimmen wir in diesen Gesang der Engel ein, wenn wir Abendmahl feiern. Im »Sanctus« des Gottesdienstes berühren sich musikalisch Himmel und Erde. Engelsgesang und Menschengesang werden eins. (Jesaja 6)

Es war in dem Jahr, als König Usija starb. Da sah ich den Herrn; er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum seines Mantels füllte den ganzen Tempel. Er war umgeben von mächtigen Engeln. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel; mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien den Leib, zwei hatte er zum Fliegen.

Die Engel riefen einander zu:

»Heilig, heilig, heilig ist der HERR,

der Herrscher der Welt,

die ganze Erde bezeugt seine Macht!«

Von ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels und das Haus füllte sich mit Rauch.

Vor Angst schrie ich auf: »Ich bin verloren! Ich bin unwürdig, den HERRN zu preisen, und lebe unter einem Volk, das genauso unwürdig ist. Und ich habe den König gesehen, den Herrscher der Welt!«

Da kam einer der mächtigen Engel zu mir geflogen. Er hatte eine glühende Kohle, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: »Die Glut hat deine Lippen berührt. Jetzt bist du von deiner Schuld befreit, deine Sünde ist dir vergeben.«

Dann hörte ich, wie der Herr sagte: »Wen soll ich senden? Wer ist bereit, unser Bote zu sein?«

Ich antwortete: »Ich bin bereit, sende mich!«

Da sagte er: »Geh und sag zu diesem Volk: ›Hört nur zu, ihr versteht doch nichts; seht hin, so viel ihr wollt, ihr erkennt doch nichts!‹ Rede zu ihnen, damit ihre Herzen verstockt werden, ihre Ohren verschlossen und ihre Augen verklebt, sodass sie mit ihren Augen nicht sehen, mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Verstand nicht erkennen. Ich will nicht, dass sie zu mir umkehren und geheilt werden.«

»Wie lange soll das dauern, Herr?«, fragte ich.

Der HERR antwortete: »Bis die Städte zerstört sind und die Häuser leer stehen und das ganze Land zur Wüste geworden ist. Ich werde die Menschen fortschaffen und das Land wird leer und verlassen sein. Und ist noch ein Zehntel übrig, so wird es ihnen gehen wie den Trieben, die aus dem Stumpf einer gefällten Eiche oder Terebinthe wachsen: Sie werden abgefressen!«

Der Stumpf aber bleibt und aus dem Stumpf wird neues Leben sprossen zu Gottes Ehre.

Das große Gotteslob
Psalm 148

»Erd und Himmel sollen singen, von dem Herrn der Herrlichkeit«, so heißt es in einem neueren Kirchenlied (EG 499,1).

Gottes Herrlichkeit ruft auf zum Lobpreis. Dieser Gedanke bestimmt auch Psalm 148. Alle Welt soll Gott ein »Halleluja« singen: die himmlischen Mächte ebenso wie die Geschöpfe unten auf der Erde. Durch diesen Gesang werden alle eins: Mensch und Natur, Männer und Frauen, Alt und Jung. Ja sogar vermeintlich destruktive Kräfte werden einbezogen: Ungeheuer im Meer, Blitze, Hagel, Schnee und Stürme.

Lobpreis, wohin man hört! Allumfassend und selbstverständlich und unaufgebbar. Rechter Glaube zeigt sich so auch musikalisch. Alles, was ist, ist zum Singen aufgerufen: Engel, Sonne, Mond, Sterne, Natur, Mensch und Tier. Jeder Einzelne. Immer und immer wieder. (Psalm 148)

H

alleluja – Preist den HERRN!

Preist den HERRN, alle seine Geschöpfe,

preist ihn droben im Himmel!

Lobt ihn, alle seine Engel!

Lobt ihn, ihr himmlischen Mächte!

Lobt ihn, Sonne und Mond!

Lobt ihn, ihr leuchtenden Sterne!

Lobt ihn, ihr Weiten des Himmels

und ihr Gewässer über dem Himmelsgewölbe!

Sie alle sollen den HERRN rühmen,

denn sein Befehl rief sie ins Dasein.

Er stellte sie für immer an ihren Platz

und setzte ihnen eine Ordnung,

die sie niemals übertreten dürfen.

Preist den HERRN, alle seine Geschöpfe,

preist ihn unten auf der Erde!

Lobt ihn, ihr Ozeane,

ihr Ungeheuer im Meer!

Lobt ihn, Blitze, Hagel, Schnee und Wolken,

ihr Stürme, die ihr seinen Befehl ausführt!

Lobt ihn, ihr Berge und Hügel,

ihr Obstbäume und Wälder!

Lobt ihn, wilde und zahme Tiere,

ihr Vögel und alles Gewürm!

Lobt ihn, ihr Könige und alle Völker,

ihr Fürsten und Mächtigen der Erde!

Lobt ihn, ihr Männer und Frauen,

Alte und Junge miteinander!

Sie alle sollen den HERRN rühmen!

Denn sein Name allein ist groß;

der Glanz seiner Hoheit

strahlt über Erde und Himmel.

Sein Volk Israel steht ihm nahe;

durch ihn ist es groß und mächtig geworden.

Darum bleibt es ihm treu und preist ihn!

Preist den HERRN – Halleluja!

Musikalische Gottesbegegnung
Die Einweihung des Tempels

Musik wird in vielen Religionen genutzt als ein Mittel, um spirituelle Erfahrungen zu machen. Wer musiziert, so scheint es, der öffnet sich für Neues, begibt sich heraus aus dem Alltag, erkundet sich und seine Umwelt – und kann auf diesen Erkundungsgängen auch Gott spüren. »Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart« – diese Worte hat Johann Sebastian Bach in seine Bibel notiert. An einer Stelle, wo musikalisch Großes geschieht:

Zur Einweihung des von Salomo errichteten Tempels in Jerusalem wurde ein Gottesdienst gefeiert mit großem Tamtam. Alle Priester, alle Tempelsänger mit ihren Becken, Lauten, Harfen und Trompeten sangen und musizierten gemeinsam. Chaotisch hätte dies werden können, aber: »Es klang wie aus einem Mund«.

Das war sicher beeindruckend – und vielleicht mehr als das. In jedem Fall rührte es die Menschen an, riss sie mit. So wie Musik es auch heute tut. Sie ist mehr als schmückendes Beiwerk, sie ist Glaubensaussage. Mit Inbrunst haben Priester und Leviten gesungen: »Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!« – Große Worte, die leicht abstrakt bleiben können, durch Musik aber sinnlich erfahrbar werden. Auch heute berichten Menschen von religiösen Erfahrungen in und durch Musik. Sie erreicht den Menschen unmittelbar. Und so haben wohl einst bei der Einweihung des Tempels alle Anwesenden erlebt: Ja, Gott ist wirklich bei uns – jetzt in diesem Augenblick und überhaupt. Musikalisch herbeigezaubert haben sie ihn nicht, aber in ihrem musikalischen Tun spüren sie seine Nähe. Singend und spielend erfahren sie Gott unmittelbar. (2Chronik 5,1–6,2)

Nachdem König Salomo den Tempel und seine Ausstattung vollendet hatte, brachte er die Gaben, die sein Vater David dem HERRN geweiht hatte, herbei. Das Silber und das Gold und alle Geräte kamen in die Schatzkammern des Tempels.

Nun ließ König Salomo die Ältesten Israels nach Jerusalem kommen, die Vertreter aller Stämme und Sippen. Sie sollten die Bundeslade des HERRN von der Davidsstadt auf dem Zionsberg in den Tempel hinaufbringen. Alle Männer Israels kamen deshalb am Laubhüttenfest im siebten Monat zu König Salomo.

Als die Ältesten versammelt waren, hoben die Leviten die Bundeslade auf ihre Schultern und trugen sie zum Tempel hinauf. Mit Hilfe der Priester aus der Nachkommenschaft Levis brachten sie auch das Heilige Zelt und alle seine Geräte dorthin.

König Salomo und die ganze Festgemeinde opferten vor der Lade eine große Menge Schafe und Rinder, mehr als man zählen konnte.

Dann brachten die Priester die Lade des HERRN an den vorgesehenen Platz im hintersten Raum des Tempels, dem Allerheiligsten.

Sie stellten sie unter die Flügel der Keruben. Die Keruben hielten nämlich ihre Flügel ausgebreitet und überspannten damit die Lade und ihre Tragstangen.

Die Tragstangen waren aber so lang, dass ihre Enden nur zu sehen waren, wenn jemand direkt vor der Tür zum Allerheiligsten stand; vom Hauptraum des Heiligtums aus waren sie nicht zu sehen. Die Lade befindet sich noch heute dort.

In der Lade waren nur die beiden Tafeln, die Mose am Gottesberg Horeb hineingelegt hatte. Auf ihnen steht das Gesetz des Bundes, den der HERR mit den Israeliten geschlossen hat, als sie aus Ägypten kamen.

Die Priester traten wieder aus dem Tempel hinaus. Für diesen Tag hatten sich alle anwesenden Priester so vorbereitet, dass sie rein waren, auch die, deren Dienstgruppe während dieser Zeit dienstfrei hatte.

Auch die Tempelsänger waren vollzählig zugegen: die Leviten Asaf, Heman und Jedutun mit allen ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißen Leinen und standen mit ihren Becken, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars.

Ihnen zur Seite standen hundertzwanzig Priester mit Trompeten. Diese setzten gleichzeitig mit den Sängern, den Becken und anderen Instrumenten ein. Es klang wie aus einem Mund, als sie alle miteinander den HERRN priesen mit den Worten: »Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!«

In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des HERRN. Die Priester konnten ihren Dienst wegen der Wolke nicht fortsetzen, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das ganze Heiligtum.

Da betete Salomo: »HERR, du hast gesagt: ›Ich wohne im Wolkendunkel.‹ Darum habe ich dir dieses prächtige Haus gebaut, eine Stätte, an der du für immer wohnen kannst.«

Was Gott nicht hören will
Loblieder ohne rechtes Handeln

Unser Musizieren kann Gott gefallen. Dann ist alles gut. Zwingend aber ist das nicht. Eure frommen Gesänge öden mich an! – lässt Gott durch den Propheten Amos mitteilen. Ganz schön hart! Da strengen sich Menschen an, geben musikalisch ihr Bestes, und dann das: »Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder!«

Mit schönem Gesang allein ist es also nicht getan. Ja mehr noch: Darauf kommt es gar nicht wirklich an! Gesang muss nicht immer schön sein. Entscheidend ist, dass die Lieder für Gott auch der inneren Haltung der Musizierenden entsprechen. Ein Leben in Saus und Braus, ohne Rücksicht auf Verluste, blind gegenüber den Sorgen und Nöten der Menschen, ist alles andere als gottgefällig. Wie könnte jemand Gott Loblieder singen, ihm aber in seinem Leben keinen Platz einräumen? Dann lieber gar nicht singen! (Amos 5,21-24)

Der HERR sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen. Eure Brandopfer und Speiseopfer sind mir zuwider; das gemästete Vieh, das ihr für das Opfermahl schlachtet, kann ich nicht mehr sehen. Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Euer Harfengeklimper ist mir lästig! Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

Ein neues Lied für Himmel und Erde
Das Lamm Gottes

»Alles neu, macht der Mai, macht die Seele frisch und frei« – so lautet der Text eines beliebten Frühlingsliedes. Der Winter ist vergangen, die kalte Zeit vorbei, wenn es nicht schon grünt und blüht, so wird dies bald der Fall sein. Schönes kündigt sich an, etwas Neues – und wird am besten mit Gesang begrüßt.

Neuanfänge sind spannend und oft ein Grund zur Freude. Einen »neuen Himmel und eine neue Erde« (Offenbarung 21,1) beschreibt der Seher Johannes im letzten Buch der Bibel und schildert uns einen Gott, der alles neu machen, alle Tränen abwischen und keine Traurigkeit mehr zulassen wird. Bei aller Düsterheit, die aus den Visionen des Johannes spricht, wenn er das Gericht über die Welt ankündigt, so ist seine Botschaft doch eine gute: Endlich ist mit Jesus einer da, der Gottes Herrschaft im Himmel und auf Erden errichten kann. Durch sein Leiden, durch seinen Triumph über den Tod gibt es Grund zur Hoffnung und zur Freude. Und so preisen die Himmelswesen Jesus Christus als das »Lamm Gottes« mit einem neuen Lied. Himmel und Erde stimmen mit ein. Der Neuanfang wird vor allem musikalisch bejubelt. (Offenbarung 5)

In der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, sah ich eine Buchrolle. Sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln verschlossen. Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme fragte: »Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?« Aber es gab niemand, der es öffnen und hineinsehen konnte, weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde.

Ich weinte sehr, weil niemand gefunden wurde, der würdig war, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Da sagte einer der Ältesten zu mir: »Hör auf zu weinen! Der Löwe aus dem Stamm Juda und Nachkomme Davids hat den Sieg errungen. Er ist würdig; er wird die sieben Siegel aufbrechen und das Buch öffnen.«

Da sah ich direkt vor dem Thron, umgeben von den vier mächtigen Gestalten und vom Kreis der Ältesten, ein Lamm stehen. Es sah aus, als ob es geschlachtet wäre. Es hatte sieben Hörner und sieben Augen; das sind die sieben Geister Gottes, die in die ganze Welt gesandt worden sind.

Das Lamm ging zu dem, der auf dem Thron saß, und nahm die Buchrolle aus seiner rechten Hand. Und als es sie genommen hatte, warfen sich die vier mächtigen Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nieder. Jeder Älteste hatte eine Harfe und eine goldene Schale mit Weihrauch; das sind die Gebete der Menschen, die zu Gottes heiligem Volk gehören. Sie sangen ein neues Lied:

»Du bist würdig, das Buch zu nehmen

und seine Siegel aufzubrechen!

Denn du wurdest als Opfer geschlachtet,

und mit deinem vergossenen Blut

hast du Menschen für Gott erworben,

Menschen aus allen Sprachen und Stämmen,

aus allen Völkern und Nationen.

Zu Königen hast du sie gemacht

und zu Priestern für unseren Gott;

und sie werden über die Erde herrschen.«

Dann sah und hörte ich Tausende und Abertausende von Engeln, eine unübersehbare Zahl. Sie standen rund um den Thron und die vier mächtigen Gestalten und die Ältesten und riefen mit lauter Stimme:

»Würdig ist das geopferte Lamm,

Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit,

Kraft und Ehre, Ruhm und Preis!«

Und alle Geschöpfe in der Luft, auf der Erde, unter der Erde und im Meer – alles, was in der Welt lebt – hörte ich laut mit einstimmen:

»Preis und Ehre, Ruhm und Macht

gehören ihm, der auf dem Thron sitzt,

und dem Lamm, für alle Ewigkeit.«

Die vier mächtigen Gestalten antworteten: »Amen!« Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Alltagsmusik und Festmusik

Musik ist allgegenwärtig. Aus unzähligen Lautsprechern schallt sie uns entgegen. Dank MP3-Player oder Internet-»Cloud« müssen wir auf unsere Lieblingsmusik (und nicht nur auf die) an keinem Ort und zu keiner Zeit mehr verzichten. Musik prägt und ist unser Alltag – und kommt nicht selten recht profan daher: als Handyklingelton zum Beispiel oder als Beschallung im Jeansladen oder in Telefonwarteschleifen. Meist klingt sie aus der Konserve, Livemusik hören wir selten. Und so spüren wir vielleicht gerade im Fall der Musik, was Walter Benjamin als Hauptmerkmal des »Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« ausmachte: den Verlust seiner »Aura«. Was immer verfügbar ist, kann seinen Reiz verlieren. Die Musik droht nichts Besonderes mehr zu sein.

Welcher Aufwand musste noch vor 150 Jahren betrieben werden, um Musik hören zu können? Man musste ins Konzert oder in die Oper gehen, sein Haus und seinen Alltag verlassen – und wenn einem ein Stück gefiel, dann musste man Klavier spielen können, sich eine Notenausgabe besorgen, üben und hatte schließlich ein ungefähres Abbild des zuvor Gehörten. So war es im 19. Jahrhundert. Davor ging es noch exklusiver zu. Adlige unterhielten kleine Orchester, dem Normalvolk blieb allein das Singen. Nur hin und wieder erlauschte man Musik, die von anderen gespielt wurde: vielleicht auf dem Markt oder während der Vorstellung einer Wanderbühne oder aber in der Kirche. Musik – zumindest aufwändigere Musik – unterbrach den Alltag, war etwas Besonderes, war ein Fest.

Auf der anderen Seite war Musik nie nur Nicht-Alltag. Singen konnten Menschen immer und haben das auch getan: bei der Arbeit auf dem Feld zum Beispiel oder in geselliger Runde im Wirtshaus, sicher auch am Krankenbett.

Auch die Bibel kennt das Nebeneinander von profaner und (quasi-)sakraler Nutzung von Musik. Sie unterscheidet nicht grundsätzlich zwischen geistlicher und weltlicher oder auch zwischen festtäglicher und alltäglicher Musik. Musik ist nicht per se ein »heilig Ding«, gleichwohl sollte der Mensch mit der ihm geschenkten Gabe zur Musik sorgsam umgehen und sich vor einer allzu selbstgefälligen Musizierweise hüten.

Musik – vor allem die Musik im Alltag – sollte maßvoll sein. Nichts spricht gegen ein hin und wieder ausgelassenes Fest mit Trommeln und Gesang, nichts spricht gegen ein Liebeslied und nichts spricht dagegen, bei der Arbeit zu singen. Eindringlich aber warnt die Bibel davor, die Musik zum Ramschartikel werden zu lassen, zu singen, ohne den Grund dafür noch zu wissen, seine Probleme musikalisch zu betäuben. Jesaja warnt: »Weh denen, die schon am Morgen hinter Bier her sind und noch spät am Abend beim Wein in Hitze geraten! Laute und Harfe, Pauke und Flöte erklingen bei ihren Gelagen, aber auf das Tun des HERRN achten sie nicht, sie sehen nicht, dass er hinter allem Geschehen steht« (Jesaja 5,11-12).

Auch ganz alltägliche Musik kann den Menschen innehalten lassen, kann ihn das Besondere des Augenblicks spüren lassen. Und so dient sie ebenso der Ehre Gottes wie der persönlichen Erbauung.

Gesungener Geschichtsunterricht
Deboras Siegeslied

Maßvoll ja, aber nicht asketisch – so kann man vielleicht die biblische Haltung zur Musik beschreiben. Feiern mit Musik? Gern, aber nur, wenn es auch einen Grund dazu gibt. Musik soll kein Mittel sein, um den Alltag zu vergessen oder sich selbst zu preisen. Wenn denn aber etwas Außer-Alltägliches passiert, dann sollte auch gesungen und musiziert werden – am besten aus einer Haltung der Dankbarkeit gegenüber Gott heraus.

Wie dies gehen kann, zeigt Debora. Als einzige Frau in der Männerriege der großen Richter Israels – zudem hoch geschätzt und von ihrem Volk geachtet – hätte sie leicht die Bodenhaftung verlieren können. Und nachdem es ihr zusammen mit ihrem Heerführer Barak auch noch gelungen war, das feindliche kanaanitische Heer vernichtend zu schlagen, hätte ihr der Erfolg durchaus zu Kopf steigen können. Doch die beiden bleiben sich treu, verfallen nicht in einen Siegestaumel, rühmen sich weder ihrer Taten noch ihrer Gerissenheit.

Ganz anders: In der Stunde ihres Triumphes erinnern sie sich der Größe Gottes, ziehen noch einmal Bilanz, rekapitulieren, was war: Wie das Volk unter der Bedrängung durch die Kanaaniter litt, wie Debora und Barak gegen den Heerführer Sisera in die Schlacht gezogen sind und durch Gottes Hilfe am Bach Kischon siegten, und wie schließlich Jaël Sisera mit einem Zeltpflock tötete. Wie eine Ballade klingt Deboras Lied, wie der Versuch, ihren Zuhörern noch einmal zu verdeutlichen, wie alles abgelaufen ist. Es gilt, aus der Vergangenheit zu lernen: Singen als Geschichtsunterricht und als Beispiel für eine wahrlich gottgefällige Haltung, die belohnt wird mit einer für die damaligen unruhigen Zeiten recht langen Phase des Friedens. (Richter 5)

Damals sang Debora zusammen mit Barak, dem Sohn Abinoams, das folgende Lied:

Zum Kampf entschlossen war ganz Israel,

freiwillig stellten sich die Männer ein –

gelobt, gepriesen sei der HERR dafür!

Ihr Könige und Fürsten, hört mir zu!

Dem HERRN zu Ehren will ich singen,

erklingen soll mein Lied und Spiel

zum Ruhm des Gottes Israels!

Als du vom Bergland Seïr auszogst, HERR,

und zu uns kamst von Edoms grünen Steppen,

da zitterte vor dir die ganze Erde,

vom Himmel stürzten Wasserfluten nieder,

die Wolken gossen ihren Regen aus.

Die Berge schwankten, als der HERR sich nahte,

der Gott, den sein Volk Israel verehrt,

der seinem Volk am Sinai erschien.

Zur Zeit, als Schamgar lebte, Anats Sohn,

auch in den Tagen Jaëls, der Keniterin,

da lagen alle Wege menschenleer;

wer damals über Land zu reisen hatte,

der musste auf versteckten Pfaden gehn.

Die Felder wagte niemand zu bestellen,

wie ausgestorben waren alle Dörfer,

bis endlich du, Debora, dich erhobst

und handeltest, du Mutter Israels!

Noch hielt das Volk nach neuen Göttern Ausschau,

da stand auch schon der Feind vor ihren Toren.

Doch von den vierzigtausend Männern Israels

besaß nicht einer Speer und Schild.

Mein Herz schlägt für die Helden Israels,

die Männer aus dem Volk, die willig kamen –

gelobt, gepriesen sei der HERR dafür!

Geht in euch, denkt darüber nach, ihr alle,

die vornehm ihr auf weißen Eseln reitet,

die ihr auf einem weichen Teppich sitzt,

auch ihr, die ihr zu Fuß die Straße zieht!

An allen Brunnen, wo die Hirten lärmen

und Wasser schöpfen, um ihr Vieh zu tränken,

dort soll man laut die großen Taten rühmen,

durch die der HERR sein Volk gerettet hat;

dazu soll Israel aus allen Städten kommen!

Auf, auf, Debora, auf und sing dein Lied!

Auf, Barak, Abinoams Sohn, auch du,

bring die herbei, die du gefangen hast!

Es kamen alle, die noch übrig waren,

und stießen zu den Führern Israels;

gerüstet kam das Volk des HERRN zu ihm:

die Efraïmiten, stark wie Amalekiter,

danach die mutigen Scharen Benjamins;

von Machir kamen mächtige Gebieter,

von Sebulon die Führer mit dem Stab;

die Fürsten Issachars erschienen alle,

gemeinsam mit Debora kamen sie

und Barak folgte ihnen auf dem Fuß –

so stürmten sie hinunter in das Tal.

Die Sippen Rubens hielten lange Rat

und konnten sich trotz allem nicht entschließen.

Was bleibt ihr zwischen euren Hürden liegen

und hört dem Flötenspiel der Hirten zu?

Bei Ruben überlegten sie zu lange!

Von Gad in Gilead war keiner da,

sie blieben auf der andern Jordanseite.

Warum verweilte Dan bei seinen Schiffen?

Am Strand des Meeres wohnen die von Ascher,

sie blieben dort an seinen Buchten sitzen.

Doch die von Sebulon und Naftali

bewiesen auf dem Schlachtfeld ihren Mut

und setzten ohne Furcht ihr Leben ein.

Da kamen sie, die Herrscher Kanaans,

sie rückten an zur Schlacht bei Taanach,

beim Bache von Megiddo kämpften sie;

doch Silberbeute gab es nicht zu holen.

Sogar die Sterne droben griffen ein

von ihren hohen Himmelsbahnen aus,

sie kämpften gegen Sisera mit Macht.

Der Kischon drang heran mit seiner Flut

und riss die Feinde alle mit sich fort. –

Auf, auf, mein Herz,

nimm allen Mut zusammen!

Da jagten sie heran, die schnellen Rosse,

der Boden dröhnte unter ihren Hufen.

Sprecht einen Fluch aus über die Stadt Meros!

– Das sagt der HERR durch seinen Engel. –

Verflucht die Stadt und alle, die dort wohnen,

weil sie dem HERRN nicht Beistand leisten wollten,

weil ihre Krieger ihm nicht halfen!

Doch Gottes Segen komme über Jaël,

die Frau von Heber, dem Keniter!

Gepriesen sei sie unter allen Frauen!

Als Sisera bei ihr um Wasser bat,

da reichte sie ihm sogar Milch zu trinken,

in edler Schale gab sie ihm den Trunk.

Doch dann ergriff sie einen spitzen Zeltpflock

und mit der Rechten packte sie den Hammer.

Dann schlug sie zu, zermalmte ihm den Schädel,

durchbohrte seine Schläfe mit dem Pflock.

Er brach zusammen, stürzte nieder,

vor ihren Füßen blieb er liegen.

Tot lag er da, das war sein Ende.

Zu Hause wartet ängstlich seine Mutter,

voll Sorge späht sie durch das Gitterfenster.

»Wo bleibt er?«, fragt sie. »Warum kommt er nicht?

Wann höre ich das Dröhnen seines Wagens?«

Die klügste ihrer Edelfrauen sagt –

die Mutter spricht es immer wieder nach:

»Gewiss, sie haben Beute, teilen sie:

ein Mädchen oder zwei für jeden Mann,

für Sisera gewebte, teure Stoffe

und zwei gestickte, bunte Tücher

für jede Frau, die sie erbeutet haben.«

Wie Sisera so soll es allen gehen,

die dir, HERR, feindlich gegenübertreten!

Doch deine Freunde sollen siegreich sein,

der Sonne gleich, die strahlend sich erhebt!

Vierzig Jahre lang hatte das Land nun Ruhe vor Feinden.

Ein Lied zur Heimkehr aus dem Krieg
Danklied des Königs für Rettung und Sieg

Triumphmärsche gibt es einige. Mit Pauken und Trompeten lassen sich siegreiche Kriegsheimkehrer gern feiern. Leise Töne sind da selten. Und auch David hätte Grund zum Jubel. Wieder einmal hat er gewonnen, seine zweifellos glanzvolle Karriere einmal mehr aufpoliert. Er hätte allen Grund, sich selbst auf einen Sockel zu stellen, sich einen musikalischen Triumphbogen zu errichten. Königen und Politikern ist ein solches Tun nicht fremd. Ganz anders jedoch David: Er ist erleichtert und er weiß, wem er seinen Sieg zu verdanken hat. Nicht sich selbst rühmt er in der Stunde seines Sieges, nein, er lobt Gott – und zwar auf eine für ihn ganz typische Weise: mit einem Lied. (2Samuel 22)

Nachdem der HERR ihn vor Saul und vor allen anderen Feinden gerettet hatte, dichtete David das folgende Lied:

»Du, HERR, bist mein Fels, meine Burg, mein Retter,

du, Gott, bist meine sichere Zuflucht,

mein Beschützer, mein starker Helfer,

meine Festung auf steiler Höhe!

Zu dir kann ich fliehen,

du schützt mich vor aller Gewalt.

Wenn ich zu dir um Hilfe rufe,

dann rettest du mich vor meinen Feinden.

Ich preise dich, HERR!

Das Wasser ging mir bis an die Kehle,

vernichtende Fluten stürzten auf mich ein,

die Totenwelt hielt mich mit Schlingen fest,

die Falle des Todes schlug über mir zu.

In meiner Verzweiflung schrie ich zum HERRN,

zu ihm, meinem Gott, rief ich um Hilfe.

Er hörte mich in seinem Tempel,

mein Hilferuf drang an sein Ohr.

Da wankte und schwankte die Erde,

da bebten die Fundamente des Himmels,

sie zitterten vor seinem Zorn.

Aus seiner Nase quoll dunkler Rauch,

aus seinem Mund schossen helle Flammen,

und glühende Kohlen sprühten hervor.

Er neigte den Himmel tief auf die Erde

und fuhr hernieder auf dunklen Wolken.

Er ritt auf einem geflügelten Kerub

und erschien auf den Flügeln des Sturmes.

Er hüllte sich ein in Finsternis,

in Wassermassen und schwarzes Gewölk.

Sein strahlender Glanz

war wie glühende Kohlen.

Dann ließ er vom Himmel den Donner grollen,

laut dröhnte die Stimme des höchsten Gottes.

Er schoss seine Pfeile

und verjagte meine Feinde;

er schleuderte seinen Blitz

und stürzte sie in Schrecken.

Da zeigte sich der Grund des Meeres,

das Fundament der Erde wurde sichtbar,

als du, HERR, deinen Feinden drohtest

und ihnen deinen Zorn zu spüren gabst.

Vom Himmel her griff seine Hand nach mir,

sie fasste mich und zog mich aus der Flut,

entriss mich meinem mächtigen Feind,

den überstarken Gegnern, die mich hassten.

Sie überfielen mich am Tag meines Unglücks,

jedoch der HERR beschützte mich vor ihnen.

Rings um mich machte er es weit und frei.

Er liebt mich, darum half er mir.

Der HERR hat mir meine Treue vergolten;

er hat mir Gutes getan,

denn meine Hände sind rein.

Stets ging ich die Wege, die er mir zeigte;

nie habe ich mich durch Schuld von ihm entfernt.

Seine Anordnungen standen mir immer vor Augen

und seine Befehle wies ich nie zurück.

Ich tat genau, was er von mir verlangte,

und ging dem Unrecht immer aus dem Weg.

Ja, der HERR hat meine Treue vergolten;

er weiß es, ich bin ohne Schuld.

Den Treuen, HERR, hältst du die Treue;

für vollen Gehorsam gibst du volle Güte;

den Reinen zeigst du dich in reiner Klarheit;

doch den Falschen begegnest du als Gegner.

Die Erniedrigten rettest du aus Unterdrückung,

aber den Hochmütigen bist du Feind

und holst sie vom hohen Ross.

Du, HERR, bist mein Licht,

du selbst, mein Gott,

machst alles Dunkel um mich hell.

Mit dir schlage ich feindliche Horden zurück,

mit dir, meinem Gott,

überspringe ich Mauern.

Alles, was dieser Gott tut, ist vollkommen,

was der HERR sagt, ist unzweifelhaft wahr.

Wer in Gefahr ist und zu ihm flieht,

findet bei ihm immer sicheren Schutz.

Kein anderer als der HERR ist Gott!

Nur er, unser Gott, ist ein schützender Fels!

Er gibt mir Kraft und Stärke

und öffnet mir einen geraden, gut gebahnten Weg.

Er macht meine Füße gazellenflink

und standfest auf allen steilen Gipfeln.

Er bringt meinen Händen das Fechten bei

und lehrt meine Arme, den Bogen zu spannen.

HERR, du bist mein Schutz und meine Hilfe;

dass du mir nahe bist, macht mich stark.

Du hast den Weg vor mir frei gemacht,

nun kann ich ohne Straucheln vorwärts gehen.

Ich verfolgte meine Feinde und bezwang sie;

ich ließ nicht ab, bis sie vernichtet waren.

Ich schlug sie zu Boden und brachte sie zur Strecke;

sie fielen vor meine Füße.

Du gabst mir die Kraft für diesen Kampf,

du brachtest die Feinde in meine Gewalt.

Sie mussten vor mir die Flucht ergreifen,

alle, die mich hassten, konnte ich vernichten.

Sie schauten nach Hilfe aus,

doch da war kein Retter.

Sie schrien zu dir, HERR,

doch du gabst keine Antwort.

Ich zermalmte sie zu Staub,

den der Wind aufwirbelt.

Ich trat sie nieder

wie den Schmutz auf der Straße.

Du hast mich gerettet

vor den Aufrührern aus meinem Volk,

du hieltst deine Hand über mich

und machtest mich zum Herrscher ganzer Völker.

Mir unbekannte Stämme unterwerfen sich,

Ausländer kommen und kriechen vor mir,

sie hören, was ich sage, und gehorchen sofort.

Sie haben keine Kraft mehr zum Widerstand,

zitternd kommen sie hervor aus ihren Burgen.

Der HERR lebt!

Ihn will ich preisen, meinen schützenden Fels!

Gott, meinen Fels und Retter, will ich rühmen!

Du hast mich Rache nehmen lassen

und hast mir die Völker unterworfen.

Du hast mich mitten aus meinen Feinden gerettet,

mich ihren grausamen Händen entrissen

und mir den Sieg gegeben über meine Gegner.

Darum will ich dich preisen, HERR,

und deinen Ruhm besingen unter den Völkern.

Du verleihst deinem König große Siege,

du erweist deinem Erwählten deine Güte.

Das tust du für David und seine Söhne

in allen kommenden Generationen.«

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141 стр. 2 иллюстрации
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9783438072009
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