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Stefan Thomma
Das Mündel des Apothekers
Historischer Roman

Zum Buch
Anno Domini 1620 Nachdem die Ehe des Apothekers Riesinger kinderlos blieb, nimmt der Witwer ein Mündel an, um seinen stattlichen Besitz vererben zu können. Das Mündel, Katharina, wird im zarten Alter von 16 Jahren mit dem geldgierigen und machthungrigen Wilhelm Hofmeister verheiratet. Ihr Traum Ärztin zu werden platzt. Als der Apotheker ermordet aufgefunden wird, begibt sie sich auf die Suche nach dem Verbleib ihres Gatten, der im 30-jährigen Krieg auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Da Katharina ihn zwingend zum Erbantritt benötigt, entscheidet sie sich dazu, mit ihrem Jugendfreund Simon ins ferne Augsburg zu reisen. Aber jemand scheint alles daran zu setzen, dass sie ihr Ziel nicht erreichen. Katharina hat nur zwölf Wochen Zeit, um ihren Ehemann zu finden, anderenfalls geht das Erbe an die Stadt. Eine Odyssee beginnt.
Stefan Thomma wurde 1970 in Oberstdorf im Allgäu geboren und wuchs als Sohn des Museumspflegers auf, was seine Affinität zu Historischem früh prägte. Geschichten und Erlebtes erzählte er seit seiner Jungend schon gerne und schmückte sie reichlich aus. Nach seiner Meisterprüfung im Heizung-Sanitär-Handwerk veränderte er sich räumlich und lebt heute mit seiner Familie in Thannhausen im Mittelschwaben und leitet eine Niederlassung im Fachgroßhandel für Haustechnik. Bei der Recherche für einen Tagesausflug stieß der Autor auf alte Aufzeichnungen der ehemals freien Reichstadt Nördlingen, die ihn fesselten und zum Schreiben eines historischen Romans animierten.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vermeer_Lady_Maidservant_Holding_Letter.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Noerdlingen-1643-Merian.jpg
ISBN 978-3-8392-6892-6
Personenverzeichnis
Personen in Nördlingen:
Katharina Riesinger, Mündel des Apothekers
Benedikt Riesinger, Apotheker und Ratsmitglied
Elfriede Breitenbach, Haushälterin der Riesingers
Simon Mühlbichler, Zimmermann
Eberhard Widmann, Pastor
Erich Stracke, Stadthauptmann
Mathilda Holzinger, Hebamme
Georg Schillinger, Bürgermeister
Wolfgang Gundelfinger, Ratsmitglied
Jakob Seefried, Richter des Stadtgerichts
Nepomuk Fromme, Bader
Hans Griebel, Totengräber
Jörg Egger, Scharfrichter
Wilhelm Hofmeister, Kaufmannssohn
Josef Hofmeister, Kaufmann und Vater von Wilhelm
Heidrun, Base der Bäckerin aus der Judengasse
Elena Rittmeister, Hübschlerin
Erzherzog Ferdinand*, König von Ungarn, Kroatien, Böhmen. Ab 1637 als Ferdinand III. deutscher Kaiser
Heinrich, Söldner
Timo, Söldner
Luise Furtner, Gewürzhändlerin aus Heidelberg
Helmut Furtner, Gewürzhändler aus Heidelberg
Personen in Augsburg:
Martha Stützle, Hebamme
Engelhard Metzner, Stadtmedicus
Michael Metzner, Doktor und Sohn des Stadtmedicus
Sigismund Franz von Habsburg*, Bischof von Augsburg
Personen in Saint Hubert:
Vinzenz von Hüttenstein, Abt
Ferdinand I.*, Kurfürst und Erzbischof von Köln, Hildesheim, Lüttich und Münster
Schwester Judith, Krankenschwester
Personen in Florenz:
Francesco de Manzoni, Händler aus Neapel
* historisch belegte Personen
Vorwort
Nach dem »Prager Fenstersturz« begann am 23. Mai 1618 der Große Krieg, der erst wesentlich später als der »30-jährige Krieg« in die Geschichtsbücher einging. Kämpften anfangs noch Protestanten gegen Katholiken und standen sich die Landsknechte noch aus Überzeugung gegenüber, änderte sich das im Verlauf des Krieges. Nicht selten wechselten Söldner mehrmals die Seiten und kämpften für den, der mehr bezahlte.
Die entscheidende Kampfhandlung und die mit den meisten Opferzahlen in kürzester Zeit war wohl die Schlacht bei Nördlingen. Die protestantische und damals Freie Reichsstadt sympathisierte mit den Schweden zum Erhalt ihres gemeinsamen Glaubens.
Nach der Rückeroberung Regensburgs zogen die kaiserlich-bayerischen Truppen Richtung Nördlingen, um die Schweden endgültig aus Süddeutschland zu vertreiben. Mehrere Hundert Bürger unterstützten ihre Glaubensbrüder und trafen Vorkehrungen, um eine Belagerung der Stadt zu erschweren. Häuser und Hütten außerhalb der Stadtmauern wurden abgerissen, um den Angreifern die Deckung zu nehmen. Dunghaufen vor den Toren sollten die Geschosse abbremsen und die Feuergefahr dezimieren. Selbst die St. Emmeranskirche auf dem Friedhof wurde niedergebrannt und Grabsteine entfernt.
Hunger und Not der einfachen Bevölkerung bereits vor dem Krieg ist für uns moderne Menschen kaum vorstellbar. Die erwirtschafteten Mittel reichten in den wenigsten Familien aus, um alle zu ernähren. An den Erwerb von Kleidung und Alltagsgegenständen war kaum zu denken. Die marodierenden Söldnerheere zogen durch das Land und nahmen sich noch von dem, was ohnehin nicht ausgereicht hatte. Der Krieg ernährte den Krieg. Es wurde gebrandschatzt, geraubt, erpresst, geplündert, vergewaltigt und gemordet. Im Schlepp der Söldner zog der Tross, der oft größer war als das eigentliche Heer. Frauen begleiteten ihre Männer im nicht enden wollenden Krieg, gebaren ihre Kinder im Feldlager und zogen weiter von Schlachtfeld zu Schlachtfeld. Marketender1 belieferten die Kämpfer mit Alltagsgegenständen und Hübschlerinnen2 sorgten sich um Männer, die keine Frau hatten. Mit Krankheiten und Seuchen im Gepäck, infizierten sie die bereits ausgezehrten Menschen. Etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung überlebte dies nicht. In Nördlingen waren von 4.000 Einwohnern nur noch 800 übrig. Am 3. Februar 1635 fanden zeitgleich 25 Hochzeiten statt, da es nach der Belagerung eine große Zahl von Witwen gab. Unverheiratete wurden dazu genötigt, den Bund der Ehe einzugehen, um geschäftsfähig zu werden oder es zu bleiben. Im reformierten Glauben wurde die Ehe gestärkt und als von Gott gewolltes höchstes Gut gepredigt.
Frauen waren während dieser Zeit rechtlose und bevormundete Geschöpfe. Bis zu ihrer Heirat unterstanden sie dem Vater, der das Oberhaupt der Familie bildete. Danach war der Gatte ihr Vormund. Das Erbrecht war regional unterschiedlich geregelt. In den meisten Fällen konnten weibliche Nachkommen ohne ihren Ehemann keine Erbansprüche stellen, auch wenn es sich um Nachlässe ihrer eigenen Eltern handelte. Wie sich das Ganze im Adoptivfall verhalten hatte, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen.
Allein der Beruf, und somit der Stand der Eltern, entschied über die Zukunft der in die Familie hineingeborenen Kinder. Die unterste Gesellschaftsschicht bildeten die Unehrenhaften. Das waren zum einen jene, die als unehrlich galten, wie Schäfer, Müller, Türmer3, Leineweber, und zum anderen Menschen, die Berufe ausübten, die mit Schmutz oder Tod in Berührung kamen, wie beispielsweise Henker, Abdecker, Bader, Totengräber, Prostituierte, Gassenkehrer oder Büttel. Als ebenso unehrenhaft galt das »fahrende Volk«. Hausierer und Schauspieler wurden nicht selten als »gott- und herrenloses Gesindel« beschimpft. Wer einmal unehrenhaft war, der blieb es sein Leben lang. Heiraten von Angehörigen unterschiedlicher Stände war zwar möglich, allerdings verlor der Bessergestellte dadurch seinen Stand. So heirateten Henker meist untereinander, weshalb sie sich auch gegenseitig »Vetter« nannten.
Da auch in größeren Städten wesentlich weniger hingerichtet wurde, als man vermuten könnte, übten Scharfrichter viele weitere Tätigkeiten für den täglichen Broterwerb aus. Sie leerten Abortgruben, waren für die Sauberkeit in der Stadt zuständig oder unterstützten bei Bedarf den Totengräber oder Abdecker. Der Verkauf von »Glücksbringern« in Form von abgetrennten Daumen eines erhängten Diebes oder von Seilstücken vom Galgen brachte so manchen Kreuzer in die Familienkasse. Ihre medizinischen Kenntnisse standen dem Fachwissen eines studierten Medicus oft nicht nach oder übertrafen diese sogar. Durch die Versorgung der gefolterten Delinquenten und das Sezieren von Gerichteten, woran kaum jemand Anstoß nahm, erlangten sie ihre heilerischen Fähigkeiten.
Betäubungsmittel im heutigen Sinne gab es nicht. Es soll sogenannte »Schlafschwämme« gegeben haben, eine Mixtur aus verschiedenen Kräutern, die auf einen Schwamm oder ein Tuch geträufelt wurden. Allerdings war die Dosierung äußerst schwierig und führte nicht selten zum Tod. Als Pflanzen zur Herstellung werden oft Bilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche und Alraunwurzel genannt. Letztere wuchsen laut Aberglauben am besten auf dem Schindanger direkt unter dem Galgen. Genährt von Blut, Sperma und Exkrementen der Gehängten, würden sie prächtig gedeihen.
Der Aberglaube der unwissenden Bevölkerung war so weit verbreitet wie der christliche Glaube selbst. Alles, was nicht rational erklärt werden konnte, wurde dem Teufel zugeschoben und musste Hexerei sein. Nahm sich jemand selbst das Leben, wurde er automatisch zu einem Wiedergänger. Dieser könne, wenn er auferstanden war, allein durch Berührung Menschen töten. Selbstmörder wurden geköpft, mit Gesicht und Bauch nach unten begraben, damit die schädigenden Kräfte ins Erdinnere abgeleitet wurden und so keinen Schaden anrichten konnten. Teilweise wird berichtet, dass Pfähle durch die toten Körper getrieben wurden, um ein späteres Auferstehen zu verhindern. Ein Dornengestrüpp erfüllte aber in der Regel auch diesen Zweck.
1 Ein Marketender begleitet und versorgt Soldaten und Truppen mit Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs.
2 Früherer Name für Prostituierte.
3 Turmwächter.
Prolog
Augsburg, 10. November Anno Domini 1620, abends
Im flackernden Schein des Talglichts erschien der Gebärstuhl wie ein Folterinstrument, auf dem die völlig entkräftete Frau schon seit Stunden saß. Ein Sturm von Schmerzen fegte wie Hagelschlag über ihren Körper hinweg, als die Wehen erneut einsetzten. Ihr Atem quoll in weißen Schwaden aus dem Mund, den sie für einen weiteren Schmerzensschrei aufgerissen hatte.
Die Lehrmagd der Hebamme kniete weinend und vor Kälte zitternd am Boden und betete. Ihre erste Geburt hatte sie sich bei Gott einfacher vorgestellt. Wenn die erfahrene Geburtshelferin jetzt nicht bald käme, würde der Tod der Gebärenden und ihres Kindes unausweichlich eintreten.
Schweiß tropfte der Wöchnerin aus dem Haar. Trotz geschlossener Fenster spürte sie einen Windstoß, als der Novembersturm wieder Fahrt aufnahm. Elena war die Kälte jedoch gewohnt. Seit Kriegsbeginn lebte sie in einem Zelt und zog mit dem Tross der kaiserlichen Truppen. Im letzten Winter kam sie mit etwas Glück beim Augsburger Stadtmedicus unter. Er überließ ihr eine spartanisch eingerichtete Kammer, die über einen separaten Eingang zu erreichen war. Bei seinen wohlhabenden Freunden konnte sie sich einiges verdienen. Doch nachdem der feiste Tuchhändler ihr beiwohnte, blieb das Monatsblut aus. Er versicherte ihr, sie zu unterstützen, und bezahlte im Voraus ihre Unterkunft.
Elenas kraftlose Schreie wichen einem Wimmern, als die Türe krachend aufgestoßen wurde und die Hebamme hereinstürmte. Mit ihr drängten sich dutzende Schneeflocken in die Kammer.
»Heilige Maria und Josef sei Dank! Sie ist da!«, rief die Magd und wischte sich die Tränen von den Wangen.
»Ich hoffe, ich komme noch nicht zu spät!«, keuchte Martha Stützle. »Die Wege sind kaum passierbar.«
»Sie hat keine Kraft mehr, sich noch länger auf dem Stuhl zu halten. Das Kind will aber einfach nicht kommen!«
»Ist es ihre erste Geburt?«, erkundigte sich die Hebamme, während sie den Bauch von Elena abtastete.
»Ja. Und ich hab extra eine Axt unter den Gebärstuhl gelegt, um böse Geister zu vertreiben und ihre Entbindung zu erleichtern.«
»Die mag wohl die Geister vertrieben haben, aber gegen eine Steißlage hilft sie halt nicht.«
Mit wenigen Handgriffen hatte die erfahrene Geburtshelferin die Lage des Ungeborenen korrigiert.
»So, und jetzt pressen!«, wies sie die Wöchnerin an.
Elena nickte mit geschlossenen Augen fast unmerklich. Mit fest aufeinandergepressten Lippen folgte sie den Anweisungen von Martha, die schon Hunderte von Frauen entbunden hatte. Immer wieder forderte sie die Gebärende auf, zu pressen.
»Ich kann nicht mehr!«, stöhnte Elena.
»Wenn du jetzt aufgibst, stirbst nicht nur du, sondern auch dein Kind. Reiß dich zusammen! Und noch einmal!« Ein letztes Mal sammelte die Hübschlerin all ihre Kräfte. Das Greinen eines Neugeborenen erklang. Erschöpft nahm Elena ihr Kind entgegen.
»Es ist ein gesunder Junge.« Wieder setzten die schon bekannten Schmerzen ein.
»Bekomme ich noch ein Kind?«
»Nein, das ist nur die Nachgeburt. Gleich hast du alles überstanden.« Doch erneut erklang das Greinen eines Kindes, das schnell in Leinen gepackt, Marthas Lehrmagd übergeben und aus der Kammer geschafft wurde.
»Wo ist mein zweites Kind?«
»Du hast nur eines auf die Welt gebracht, meine Liebe. Ich habe dir doch erklärt, dass die erneuten Wehen von der Nachgeburt ausgelöst wurden.«
»Aber ich habe es doch gehört! Was habt ihr mit meinem Kind gemacht?«, schrie Elena panisch und versuchte aufzustehen.
»Du bleibst schön sitzen!« Martha drückte sie wieder zurück in den Gebärstuhl.
»Die Strapazen der Geburt haben dich ja total verwirrt. Jetzt schlaf erst einmal und ruh dich aus. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«
*
Am darauffolgenden Abend peitschte der Schneeregen gegen die Butzenglasscheiben, die kaum noch Licht in das Haus ließen, als das Pochen an die Türe der Nördlinger Stadtapotheke immer heftiger wurde.
»Jaja«, murmelte die Haushälterin Elfriede Breitenbach, während sie in Richtung Hauseingang schlurfte. Ihre Gelenke machten sich seit langem durch ihr Übergewicht schmerzhaft bemerkbar, wodurch alles etwas langsamer ging. Viele Jahre war sie nun schon in Diensten des ehrwürdigen Apothekers Benedikt Riesinger. Seit dem Tod seiner Frau lebten die beiden allein in dem großen Patrizieranwesen nahe dem Rathaus. Knarzend öffnete sich die Türe zur Offizin4. Triefend nass stand eine schwarze Gestalt auf den Stufen.
»Hochwürden? Was verschafft uns die Ehre eines so ungewöhnlichen Besuchs?«
»Hier ist euer Mündel5 und ich muss dringend den Apotheker sprechen«, erwiderte Pastor Eberhard Widmann und übergab Elfriede das kleine Bündel.
»Ein Mündel?«, wiederholte die Haushälterin verblüfft.
»Das hat schon seine Richtigkeit. Riesinger weiß, dass ich heute komme.«
»Aha. Er ist oben in seinem Arbeitszimmer am Kamin. Ich werde Euch gleich bei ihm ankündigen. Kann ich Hochwürden etwas anbieten?«, fragte sie der Höflichkeit halber nach.
»Macht Euch keine Umstände, ich bin in Eile«, murrte der hagere Kirchenmann im Vorbeigehen und war schon auf der Treppe, die in das obere Stockwerk führte. Seine knochigen Hände hielten sich bei jedem Schritt am Treppengeländer fest und hievten den dürren Körper Stufe um Stufe empor. Schmunzelnd blickte die Haushälterin in das zufriedene Gesichtchen des Neugeborenen.
»Mein Gott, bist du ein süßes Kind. Jetzt werden wir uns erst einmal um dich kümmern.«
»Mein lieber Benedikt«, begann der Pastor im Vieraugengespräch mit dem Apotheker, »es hat besser geklappt, als ich befürchtet hatte. Nur der Rückweg war sehr beschwerlich. Ich hoffe, der Herrgott wird uns verzeihen.«
»Mit Sicherheit, Hochwürden. Danke für Eure Hilfe. Ich werde mein Wort halten. Die St. Georgskirche soll ihre Seitenorgel bekommen, wie Ihr es euch gewünscht habt. Und ich hab einen Erben und jemanden, der sich um mich kümmert, wenn ich alt und krank bin. Ach, noch etwas, Hochwürden. Ich brauche ja nicht zu betonen, dass unsere Unterhaltung hier nie stattgefunden hat. Und das Kindlein hat ein grausamer Mensch einfach in der Kälte vor der Kirche abgelegt.«
»Ich unterliege der kirchlichen Schweigepflicht. Das versteht sich doch von selbst, werter Riesinger. Gehabt Euch wohl!«
4 Werkstatt, Arbeitsraum mit angeschlossenem Verkaufsraum.
5 Unmündige Person, die eines Vormundes bedarf.
Kapitel 1
Nördlingen, 9. Juli Anno Domini 1634 14 Jahre später.
Ein heißer Luftschwall blies Katharina ihre strohblonden Locken ins Gesicht, als sie die Türe des Schulhauses öffnete und ins Freie hinaustrat. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand bereits erreicht und verwandelte die Freie Reichsstadt in einen Backofen. Schon um 5 Uhr begann der Unterricht, als es noch kühl und der Gestank in den Gassen erträglich war. Der Stadtrat hatte zwar einige Verbote erlassen, doch es wurden nach wie vor die Inhalte der Nachtpfannen in den Gassen entleert und verendete Tiere mussten oft tagelang auf ihre Abholung warten.
»Psst«, vernahm sie von der Seite.
»Simon? Hast du etwa auf mich gewartet?«
»Ja, ähm, ich wollte dich fragen, ob wir nicht später zur Eger … ich meine, ob wir uns nicht abkühlen sollten bei der Hitze«, stotterte Simon Mühlbichler mit hochrotem Kopf. Der sonst recht redegewandte Junge brachte gegenüber Katharina kaum einen ganzen Satz über die Lippen. Seit Wochen hatte er sich vorgenommen, das hübsche Apothekermündel anzusprechen, hatte es aber im letzten Moment immer wieder verschoben, weil er sich fürchtete, eine Abfuhr von ihr zu bekommen.
»Mein Stiefvater ist am frühen Nachmittag meistens beim Bader, um Heilmittel auszuliefern. Da könnte ich mich eine Weile davonschleichen.«
Sichtlich erleichtert stapfte der Zimmermannssohn neben seiner Angebeteten über das bucklige Kopfsteinpflaster, als sich ihnen hinter der nächsten Hausecke vier Halbwüchsige in den Weg stellten.
»Na, was haben wir denn hier für ein hübsches Paar«, spottete ihr Rädelsführer. Katharina kannte ihn. Es war der Kaufmannssohn Wilhelm Hofmeister. Seine Eltern gehörten zu den reichsten Patriziern in der Stadt. Mit seinem feuerroten Haarschopf und der blassen Haut wirkte er kränklich, war aber von kräftiger Statur. Im Gesicht wuchs ihm nur ein leichter roter Haarflaum, obwohl er einige Jahre älter war als Katharina und Simon. In seiner Handfläche zappelte eine einbeinige Spinne und kämpfte gegen ihren bevorstehenden Tod an.
»Die schöne Apothekerstochter und das hässliche Holzwürmchen. Weiß dein Vater, dass du dich mit bettelarmen Handwerkern herumtreibst, die sich nicht mal eine ordentliche Kleidung leisten können?«
»Das geht dich nichts an. Lasst uns in Frieden!«
Wilhelm trat einige Schritte auf Simon zu, packte ihn an seinem Hemdkragen und kam ihm dabei so nahe, dass sich ihre Nasen fast berührten.
»Pass auf, was du tust, Holzwürmchen. Such dir das Weibsvolk unter deinesgleichen aus. Hast du mich verstanden? Und jetzt verschwinde, bevor wir dich windelweich prügeln.«
»Hört sofort auf damit!«, schrie Katharina und stürmte auf Wilhelm zu. Sie ergriff seinen Arm, der noch immer Simons Hemdkragen zuschnürte, und biss mit aller Kraft in sein blasses Fleisch. Sofort ließ er von Simon ab, sprang einen Schritt zurück und brüllte laut auf:
»Ah! Du elendes Miststück! Da meint man es gut mit euch Weibern und das ist dann der Dank dafür! In der Hölle sollst du schmoren! Los, kommt! Soll sie doch mit Bettlern ihr Nachtlager teilen!«, schimpfte er und verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war.
»Geht es dir gut, Simon?«
»Geht schon wieder. Der Kerl hätte mir die Kragenweite beinahe auf null gestellt. Sollen wir trotzdem noch zur Eger heute?«
»Gerne, ist ja keinem etwas passiert. Mit Mädchen in meinem Alter komme ich ohnehin nicht klar. Die sind neidisch, weil ich als Einzige auf die Lateinschule darf.«
»Das hat bestimmt dein Stiefvater eingefädelt, weil er im Rat sitzt. Stimmt’s?« Katharina nickte und strich sich ihre Haarsträhne hinter das Ohr.
»Am Baldiger Tor ist links ein kleines Waldstück. Da ist der beste Platz. Beim schiefen Baum. Ich werde auf dich warten«, versprach er und lief nach Hause.
Wie Katharina geahnt hatte, packte Apotheker Riesinger nach dem Mittagessen einige Kräuter und Heilmittel in einen Korb.
»Ich bin eine Weile außer Haus. Der Bader Fromme erwartet dringend meine Lieferung.« Katharina wusste genau, dass es ihm nicht um die Lieferung ging. Dazu hätte er auch sie schicken können. Vielmehr sehnte er sich nach einer Unterhaltung unter Fachleuten, und beim Bader traf man eben diesen und jenen.
Kaum war Benedikt Riesinger außer Sichtweite, schlich sich das Apothekermündel aus dem Haus. Als sie die Stadt am Baldiger Tor verlassen hatte, blickte sie sich mehrfach um und fand schnell die Stelle, die Simon ihr beschrieben hatte. Doch sie war allein.
Hat Mühlbichler kalte Füße bekommen nach dem Zusammentreffen mit Wilhelm?
»Psst, hier oben!« Über sich sah sie Simon aus dem Fensterausschnitt eines Baumhauses auf sie herabschauen. Seine Gesichtszüge erhellten sich, als ihre Blicke sich trafen. Mit ein paar gekonnten Schwüngen hangelte er sich vom Baum.
»Schön, dass du da bist, Katharina. Das Wasser ist so herrlich erfrischend, lass uns gleich hineinspringen.«
»Ich setze mich nur ans Ufer und kühle meine Beine ab.«
»Wie? Bist du wasserscheu?«
»Ich kann nicht schwimmen! Ist deine Neugierde jetzt befriedigt?«
»Das tut mir leid, aber warum kannst du nicht schwimmen? Jeder kann das.«
»Ich glaube, es war ein Fehler, hierherzukommen.«
»Na, wenn das kein Zufall ist«, spottete Wilhelm Hofmeister, der diesmal ohne seine Freunde durch das Gebüsch schlüpfte. »Und wieder in so reizender Begleitung.«
»Himmelherrgott, was willst du ständig von uns? Wer bist du? Ein Büttel? Der Bürgermeister oder der Pastor?«, fragte Katharina wütend.
»Hör auf zu fluchen und halt dein vorlautes Maul, Weib!«, schrie Wilhelm. Er bückte sich, riss einige kniehohe Brennnesseln aus dem Unterholz und peitschte damit auf Simons Rücken ein.
»Und du verkaufst mich wohl für blöd! Das ist meine letzte Warnung!«
»Bist du von Sinnen? Hör sofort auf damit!«, schrie Katharina und stürzte sich auf Wilhelm. Es entstand ein wildes Handgemenge. Gemeinsam überwältigten sie Hofmeister und warfen ihn in die Eger. Die Strömung trieb ihn rasch einige Meter flussabwärts.
»Das werdet ihr mir noch büßen!«, schrie der Kaufmannssohn und ruderte heftig mit den Armen. Simon und Katharina mussten unweigerlich lachen. Als sie sich etwas beruhigt hatten, strich sie ihm über den Rücken.
»Das sieht böse aus. Gib mir dein Hemd.« Sie tauchte es in den Fluss und legte Simon das tropfnasse Stück Stoff über die Schultern.
»Das tut gut, danke!«
»Ich muss wieder nach Hause. Wenn mein Stiefvater vor mir zurück ist, gibt es mächtigen Ärger.« Katharina drückte seine Hand und verschwand im Unterholz.
Kaum hatte sie die Türe zur Offizin hinter sich geschlossen, kam ihr Stiefvater nach Hause.
»Wo steckst du denn schon wieder, Katharina«, rief die Haushälterin. »Dachte ich’s mir doch. Kind, du sollst lernen, wie man einen Haushalt führt, anstatt dich für Kräuter und Salben zu interessieren!«
Katharinas Interesse lag mehr an den Heilmitteln und den Geheimnissen der Medizin als an Putzen und Kochen. In der Offizin ihres Stiefvaters herrschte akribische Ordnung, was nicht zuletzt auch Katharinas Verdienst war. In den Regalen aus gewachstem Nussbaumholz standen irdene Töpfe und Glasbehälter sorgfältig aufgereiht und mit deren Inhalt beschriftet. An der Decke hingen Sträuße von Kräutern und Heilpflanzen zum Trocknen, bis sie weiterverarbeitet werden konnten. Der massive Verkaufstresen, auf dem eine Waage und verschiedene Mörser bereitstanden, war noch von Benedikts Eltern, die das Geschäft aufbauten. Die Riesingers hatten in den letzten Jahrzehnten durch den Handel mit Barchent und anderen Tuchwaren einen stattlichen Reichtum erwirtschaftet. Benedikt schwenkte dann auf den Verkauf von Heilmitteln um, als die Pfingstmesse in Nördlingen immer mehr an Bedeutung verlor.
»Elfriede hat recht«, mischte sich jetzt auch ihr Stiefvater ein. »Du wirst schon bald heiraten und Kinder bekommen, da nützt dir das Apothekerwissen nichts. Dein Mann wird für euch sorgen.« Entsetzt blickte Katharina zwischen Elfriede und Benedikt hin und her.
»Herrgott, ich will aber nicht heiraten, vor allem wüste ich ja nicht mal, wen.«
»Hör auf zu fluchen! Und das lass mal meine Sorge sein. Ich finde schon den Richtigen für dich.«
»Ihr wollt mich verschachern wie ein Stück Vieh?«
»Katharina, es ist doch nur zu deinem Besten«, erklärte ihr Stiefvater. »Merkst du denn nicht, wie die Kerle, allen voran dieser Zimmermannssohn Mühlbichler, dir hinterherstellen wie brunftige Hirsche? Ich kann dich nicht ewig vor Übergriffen schützen.«
Ohne ein weiteres Wort rannte Katharina aus dem Apothekerhaus. Schnellen Schrittes marschierte sie in nordwestlicher Richtung durch die Stadt. Dicke Wolken schoben sich vor die Sonne. Der auffrischende Wind blies Katharina den Straßenstaub in die Augen. Beim Brot- und Tanzhaus kam ihr Mühlbichlers jüngerer Bruder entgegen.
»Michel, lauf schnell zu Simon und sag ihm, ich muss ihn dringend sprechen. Ich warte am schiefen Baum auf ihn«, bat Katharina den Dreikäsehoch und verließ die Stadt am Baldiger Tor.
»Ist der Teufel hinter dir her, Mädchen?«, lachte ein Wachmann und seine Kameraden pfiffen ihr hinterher. Vor der Brücke, unter der die Eger floss, bog sie links zum bewaldeten Flussufer ab. Einen Steinwurf entfernt, verdeckt durch Büsche und Sträucher, stand der schiefe Baum. Die Baumkrone der Weide ragte fast bis zur Mitte des Flusslaufs. Zusammengekauert saß sie in einer Ecke des Baumhauses und wickelte sich in eine löchrige Decke. Regen setzte ein. Dicke Tropfen klatschten auf das Laub der Bäume und in den Fluss.
»Was ist denn passiert?«, fragte Mühlbichler außer Atem. Katharina erzählte, was ihr Stiefvater vorhatte.
»Der Tag musste ja irgendwann mal kommen. Weißt du denn schon, wer der Glückliche sein wird?«
»Nein, aber allein die Tatsache, dass ich heiraten soll, ist schon schlimm genug. Somit platzt auch mein großer Traum, die erste studierte Ärztin von Nördlingen zu werden.«
»Du willst Medizinerin werden? Keine Universität dieser Welt lässt ein Weib studieren!«
»Da irrst du, mein Lieber. An der Medizinschule von Salerno sind auch Frauen zugelassen.«
»Ach, daher warst du erst beim Stadtmedicus. Zuerst dachte ich, du wärst krank.«
»Du spionierst mir nach?«
Simon wurde rot und senkte seinen Blick.
»Nun ja. Du bist kein Mädchen, das man als Junge einfach so anspricht. Ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, und bin dir gefolgt.«
»Hm. Ja, ich war dort. Aber auch das erste und letzte Mal.«
»Warum? Was ist denn passiert?«
»Ach, dieser aufgeblasene Neunmalklug. … ›Das Gehirn eines Weibes ist nicht in der Lage, die komplexen Abläufe im menschlichen Körper zu erfassen. Denn das weibliche Gehirn ist erwiesenermaßen kleiner als das des Mannes …‹ Eine Unverschämtheit war das.«
»Schließt die Tore! Wir werden angegriffen!«, rief ein Wachmann.
»Was zum Teufel ist da draußen los?«, fragte Simon, während er und Katharina durch den kleinen Fensterausschnitt auf das Baldiger Tor blickten. Regungslos beobachteten sie, wie berittene Soldaten mit Hellebarden6 und Schlachtschwertern die Egerbrücke überquerten.
»Warum verriegeln die das Tor nicht? Mein Gott, das sind ja Hunderte«, stellte Katharina fest. Die Wachen schafften es nicht mehr rechtzeitig, das Tor zu schließen. Die ersten Soldaten waren schon auf der anderen Seite der Stadtmauer.
Als die beiden ans Baldiger Tor schlichen, wunderten sie sich, dass es immer noch offen stand. Auch von kriegerischen Handlungen war nichts zu hören. Stattdessen waren Männer damit beschäftigt, einen Erdhügel aufzuschütten, um die Brücken vor den Toren zu blockieren.
»Was waren das für Soldaten?«, fragte Katharina den Wachmann am Tor.
»Schwedische Kämpfer, die uns helfen, die kaiserlichen Truppen zu vertreiben. Es wird nicht mehr lange dauern und die Katholischen werden uns belagern. Seht ihr die Häuser vor den Stadttoren? Die werden heute alle noch abgerissen, damit die kaiserlichen Truppen keine Deckung haben. Selbst die St. Emmeranskirche auf dem Totenhügel wird heute noch niedergebrannt. Macht lieber, dass ihr heimkommt.«
Entsetzt blickten Simon und Katharina sich an.
»Ich bringe dich nach Hause«, flüsterte Mühlbichler und legte seinen Arm um sie.
Bürger rannten besorgt durch die Straßen und verschwanden in ihren Häusern. Ein Bub zerrte ein quiekendes Schwein in den Stall. Manch einer vernagelte die Fenster oder verbarrikadierte die Haustüre.
Katharina und Simon schauten verwundert, als sie Soldaten vor der Apotheke sahen.
*
Kopfschüttelnd kontrollierte Riesinger währenddessen die langen Zahlenkolonnen in seinen Geschäftsbüchern.
»Da stimmt doch etwas nicht!« Die Haushälterin stürmte mit ihrem Wäschekorb ins Haus, dass die Türe, vom Wind angetrieben, ins Schloss knallte. Riesinger erschrak und zuckte zusammen.
»Herrgott, Elfriede! Jetzt kann ich von vorn anfangen!«
»Irgendetwas scheint in der Stadt los zu sein«, berichtete sie außer Atem.
»Was wird schon los sein? Anderen wird der Wind auch Türen und Fensterläden zuschlagen.« Im selben Augenblick stürmten Soldaten in die Offizin. Die Eingangstüre krachte gegen die Wand, dass ein Stück Putz herausbrach und auf den Dielenboden bröselte.
»Einquartierung!«, rief der Stadthauptmann Stracke.
»Wie bitte?«, erwiderte der Apotheker entgeistert.
»Wir haben 500 schwedische Soldaten zu versorgen. Diese sind unter der Führung von Oberstleutnant Deubitz in die Stadt eingezogen. Ich selbst habe das Kommando über 600 Nördlinger Bürger. Habt Ihr nicht gesehen, dass an allen Ecken und Enden Vorbereitungen auf einen Angriff der kaiserlichen Truppen laufen?«
»Ähm, nein.«
»Wie Ihr wisst, sind die schwedischen Besatzer Protestanten wie wir. In Regensburg konnten sie die kaiserlich-bayerischen Truppen nicht mehr aufhalten. Vor vier Tagen wurde die Stadt Regensburg übergeben und wir sollen das nächste Ziel sein. Um weiterhin evangelisch zu bleiben, mussten wir die Hilfe von unseren schwedischen Freunden, Feldmarschall Horn und Herzog Bernhard, annehmen. Erste Dörfer im Ries wurden von den Katholischen bereits geplündert.«
»Und warum erfahre ich das als Ratsmitglied erst jetzt? Wir sollen uns gegen Tausende Kaiserliche stellen?«, entgegnete Riesinger.
»Ich führe nur die Befehle aus! Unsere Stadt ist nahezu uneinnehmbar. Vergesst das nicht. Und in einigen Tagen erwarten wir 25.000 Mann zur Verstärkung. Das sollte wohl reichen, werter Herr Apotheker. Ihr werdet zwei Offiziere bei Euch aufnehmen!« Nachdem ihn der Apotheker nur anstarrte, fuhr er fort: »Ich kann bei Euch auch vier verlauste einfache Soldaten einquartieren, wenn Euch das lieber ist.«
»Nein, das ist schon in Ordnung. Sie sollen hereinkommen. Meine Haushälterin wird ihnen ihre Unterkunft zeigen.«
Elfriede führte die Soldaten die Treppe hinauf, während Katharina und Simon die Offizin betraten.
»Ah, der junge Mühlbichler hat unsere Tochter ausgeführt«, spottete der Apotheker. Seine Augen formten sich zu schmalen Schlitzen und musterten den Burschen.
»Für dich ist es besser, du gehst jetzt. Und lass die Finger von Katharina!«
»Aber er hat doch niemandem was getan. Im Gegenteil, er hat mich beschützt.«
»Ich denke, wir haben uns verstanden.«
Die junge Frau ballte ihre Fäuste, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
6 Speerartige Stoß- und Hiebwaffe im späten Mittelalter, die aus einem langen Stiel mit axtförmiger Klinge und scharfer Spitze besteht.
Kapitel 2
Mit einem gewaltigen Knall schlugen die ersten Kanonenkugeln der kaiserlichen Truppen in der Stadtmauer ein. Mütter zerrten ihre Kinder nach Hause und verbarrikadierten sich. Jeder wehrfähige Bürger war in Alarmbereitschaft oder bereits auf dem Wehrgang. In einer nächtlichen Aktion gelang es den kaiserlichen Truppen, die Eger umzuleiten. Die Kornmühle stand dadurch still und Brände konnten nur noch schwer gelöscht werden.
Nachdem Katharina mit Hilfe von Simon einige Fässer mit Wasser befüllt hatte, eilten sie ins Gerberviertel, um ihrer Freundin, der Hebamme Holzinger, zu helfen.
»Wir müssen uns beeilen!«, trieb Mühlbichler sie an. »Es ist nur noch ein klägliches Rinnsal im Flussbett.«
»Ja, und die Leute wühlen den ganzen Dreck auf beim Abschöpfen. Hoffentlich ist das Wasser noch genießbar, bis wir bei Mathilda sind.«
»Die Felder außerhalb der Stadt sind auch komplett verwüstet. Überall sieht man Laufgräben und Geschützstellungen.«
»Glaubst du, die Tore halten den Geschützen stand?«
»Die Schweden haben direkt vor die Stadteingänge Hügel aus Erde und Kuhmist aufgeschüttet. Das soll die Geschosse so weit abbremsen, dass sie keinen Schaden mehr anrichten.«
»Auf Ideen kommen die«, staunte Katharina.
Das Gerberviertel hatte wesentlich stärker unter den Angriffen gelitten als die Mitte der Stadt. Mathilda lief schimpfend um ihre kleine Kate7.
»Schaut nur!«, rief sie zu Simon und Katharina, »die haben mir doch glatt ein Loch ins Dach geschossen. Na, denen werde ich jetzt helfen. Auf alte Weiber mit Kanonen schießen.«
»Was hast du vor, Mathilda?«, fragte Katharina.
»Den katholischen Herren da draußen werde ich jetzt ein leckeres Süppchen kochen!« Achselzuckend sahen sich Simon und Katharina an. Über Mathildas Feuer hing ein Kessel, in dem eine Mischung aus Harz, Öl und Tierfett brodelte.
»Kommt her und helft mir!« Gemeinsam schleppten sie den schweren Kessel die Treppe zum Wehrgang hinauf. Frauen warfen mit Steinen nach den Belagerern, die mit Sturmleitern versuchten, die Stadtmauer zu überwinden.
»Macht mal Platz für ein schweres Geschütz!«, bat Mathilda die Steinewerferinnen. Nachdem sie den Kessel abgestellt hatten, rief die Hebamme zu den Angreifern: »Seht mal her, ihr Hübschen!«, und walkte ihre großen Brüste unter ihrem Kleid. »Schaut es euch genau an! Ihr werdet es nur einmal sehen!«, spottete sie und kippte den Inhalt des Kessels auf die Soldaten hinab. Brüllend vor Schmerz wälzten sich die Getroffenen auf dem aufgeschütteten Dunghaufen. »Und das ist für das Loch in meinem Hausdach«, schimpfte sie weiter und schleuderte einen faustgroßen Stein hinunter. Sie traf einen Soldaten am Brustbein, der atemringend zusammenbrach. »Kommt, wir machen noch mal eine Mischung an«, lachte Mathilda und stapfte mit ihrem Kessel die Treppe hinab.
»Was ist los mit dir, Mathilda?«, fragte Katharina besorgt, als sich die Hebamme, geplagt von Schwindel, am Türstock festhielt.
»Es geht bestimmt gleich wieder«, beschwichtigte sie. »Ich bin schließlich keine zwanzig mehr. Der Kessel war mir wohl zu schwer.« Mathilda tropfte der Schweiß von den Haaren, die unter ihrer Haube herauslugten.
»Du bist blass, als hättest du dich übergeben! Leg dich lieber etwas hin.« Simon reichte ihr einen Becher Wasser, den sie in einem Zug austrank.
Katharina wischte mit einem Tuch den Schweiß von ihrer Stirn. Erschrocken zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
»Du hast ja Fieber! Und was ist das für eine Schwellung an deinem Hals?«
»Mir geht es seit heute Morgen schon nicht so gut.«
Ein junges Mädchen stürmte in die Kate, dass alle drei erschrocken hochfuhren.
»Wir brauchen eine Hebamme! Dringend!«, rief sie.
»Bist du nicht die Kleine vom Bäcker aus der Judengasse?«, fragte Katharina.
»Ja. Meine Mutter liegt seit gestern Nacht in den Wehen.«
»Seit gestern Nacht? Und warum braucht ihr dann erst jetzt eine Hebamme?«
»Der alte Geizkragen wollte sich bestimmt wieder meinen Lohn sparen!«, krächzte Mathilda. Das Mädchen blickte beschämt zu Boden und stocherte mit ihren nackten Füßen in den Binsen. »Sag ihnen, ich mach mich gleich auf den Weg.«
»In deinem Zustand kannst du unmöglich dort hin!«, schimpfte Katharina.
»Dann wirst du das erste Mal allein ein Kind auf die Welt begleiten.«
»Ich?«, entrüstete sich das Apothekermündel. »Ich bin doch keine Hebamme. Ich hab dir zwar schon öfter mal geholfen, aber allein kann ich das nicht!«
»Wenn ihr meiner Mutter nicht helfen wollt, wird sie sterben«, schluchzte das Mädchen.
»Und was wird aus dir?«, fragte Katharina die Hebamme.
»Keine Angst, ich hab schon Schlimmeres mitgemacht. Und Simon ist ja auch noch da.«
»Er wird den Bader für dich holen! Versprich mir das!«
»Ja, und jetzt verschwindet, bevor es zu spät ist.«
»Dann musst du mir aber zur Hand gehen!« Die Bäckerstochter nickte eifrig.
»Und wenn es die Kaiserlichen zu bunt treiben, werde ich ihnen ordentlich den Hintern versohlen«, kicherte die Hebamme.
Gebückt, als könnten sie sich somit vor den kaiserlichen Kanonen schützen, huschten die beiden durch die Straßen. Gesteinsbrocken der geborstenen Mauern erschwerten ihr Vorankommen. Mehrfach erschraken sie, wenn weitere Einschläge der Geschütze zu hören waren. In den Gassen saßen Bauern und Handwerker aus den umliegenden Dörfern, die vor den Soldaten in die Stadt geflüchtet waren. Schon wenige Tage nach der Belagerung Nördlingens waren ihre Vorräte aufgebraucht. Hunger war jetzt ihr ständiger Begleiter.
Der Bader Nepomuk Fromme sägte vor der Baderstube einem verletzten Soldaten ein Bein ab. Dieser wurde von den Schmerzen bewusstlos und bekam von all dem nichts mehr mit. Frommes Bademägde versorgten die Verwundeten im überfüllten Haus.
»Zunächst brauche ich heißes Wasser und Leinenstreifen«, wies das junge Apothekermündel die umherstehenden Frauen an. Die nassgeschwitzte Bäckerin war geschwächt und stöhnte. Die Tochter hielt ihre Hand und wischte den Schweiß von der Stirn ihrer Mutter. Nachdem Katharina den Bauch der Gebärenden abgetastet hatte, erklärte sie:
»Das Kind liegt falsch herum. Aber ich hab Mathilda schon mal zugeschaut, wie sie das im Leib gedreht hat.«
»Sie hat schon mal zugeschaut«, wiederholte Heidrun, die Base der Bäckerin, abwertend. »Ich hab’s ja gleich gesagt, dass ein so junges Ding keine Ahnung hat.«
Katharina schmierte sich die Hände mit Gänsefett ein und ertastete die Lage des Kindes. Mit Hilfe eines Stockes führte sie eine Schnur ein und befestigte eine Schlinge um ein Beinchen des Ungeborenen. So sollte die Steißlage aufgehoben und das Kind mit den Beinen voran das Licht der Welt erblicken.
»So, und jetzt pressen!«, forderte Katharina die sichtlich geschwächte Frau auf, während sie sanft an der Schur zog. Sie bekam das Beinchen zu fassen.
»Gleich habt Ihr es geschafft.« Mit letzten Kräften bäumte sich die Bäckerin noch einmal auf.
Die Anwesenden starrten auf das Neugeborene. Das Gesicht war blau angelaufen. Der Körper leblos. Katharina tätschelte seine Wange und gab ihm mehrmals einen Klapps auf den Hintern. Vergebens.
»Bäckerin, Euer Kind … es atmet nicht. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals gewickelt und es erstickt«, berichtete ihr Katharina voller Mitgefühl.
»Kindsmörderin!«, schrie Heidrun.
»Hätte ich nicht geholfen, wären jetzt beide tot«, versuchte sie sich zu rechtfertigen.
»Du hast dem Kind beim Drehen im Leib die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Hexe!«
»Ich bin mir sicher, sie hat ihr Möglichstes getan«, beschwichtigte die Wöchnerin. »Hab Dank für deine Hilfe.«
»Nein, nein! So einfach kommst du mir nicht davon, Kindsmörderin! Scher dich raus hier! Du wirst noch von mir hören!«, prophezeite ihr Heidrun.
*
Aufgewühlt und den Tränen nahe schlich sie in die Offizin, um einige Heilkräuter und etwas zu essen für Mathilda herzurichten. Als sich Katharina an diesem Tag erneut davonschleichen wollte, versperrte ihr der Stiefvater den Weg.
»Nein, du bleibst hier! Deine Hebamme muss ab jetzt ohne dich zurechtkommen. In den Straßen wimmelt es vor Pestilenz- und Ruhrkranken8. Der Totengräber bekam vom Rat die Anweisung, die eisenbeschlagenen Räder vom Leichenkarren mit Filz zu umwickeln, weil die Bürger fast durchdrehen, wenn sie das ratternde Geräusch ständig hören müssen.«
»So viele sind schon gestorben?«, fragte Katharina entsetzt. Benedikt nickte nur betroffen.
»Die meisten Bürger hassen uns, weil wir uns das tägliche Brot noch leisten können. Vier Gulden verlangen die mittlerweile für einen Laib! Nur wenige können sich das noch leisten.«
»Ich kann nicht einfach zuschauen, wie Mathilda stirbt. Sie hat doch sonst niemanden.«
»Sei vernünftig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die kaiserlichen Truppen über unsere Stadt herfallen. Dann Gnade uns Gott! Gestern gelang es ihnen, in den beschädigten Deininger Turm einzudringen und auf unsere Männer zu schießen. Die letzte Chance war, den Turm anzuzünden und die Angreifer auszuräuchern.« Dass die halb verhungerten Nördlinger die verkohlten Leichen aßen, verschwieg er ihr vorsichtshalber.
»Was ist da draußen los?«, wunderte sich Katharina und öffnete die Türe der Offizin.
»Habt ihr es schon gehört?«, fragte der Pastor Widmann.
»Was gehört?«
»Einige unserer Männer haben heute Nacht die Eger wieder in die Stadt geleitet. Die Mühle arbeitet also wieder. Und sie erbeuteten sogar haufenweise Lebensmittel von den Kaiserlichen. Deshalb feiern wir jetzt einen Dankgottesdienst. Wir haben gesiegt!«
»Das ist ja wundervoll«, freute sich Katharina und blickte zu ihrem Stiefvater, der ebenfalls erleichtert war.
Die Glocken vom Daniel läuteten, bis sich die St. Georgskirche bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Freude und Erleichterung war in den Gesichtern der Nördlinger zu sehen. Selbst verfeindete Nachbarn schenkten sich ein Lächeln.
Kurz nachdem Pastor Widmann mit der Messe begonnen hatte, stürmte der Bürgermeister in die Kirche. Die Gläubigen drehten neugierig ihre Köpfe Richtung Haupteingang. Widmann stockte in seinem Satz. Die Schuhe des Stadtoberhaupts klopften bei jedem Schritt auf den Steinboden, bis er in der Mitte stehen blieb.
»Ich weiß nicht, wer das Gerücht des Sieges in die Welt gesetzt hat, aber es ist nicht wahr! Die kaiserlichen Truppen haben das lang erwartete Heer vernichtend geschlagen. Man sagte mir, dass wohl mehr als 12.000 schwedische Soldaten nicht mit dem Leben davongekommen und über 4.000 in Gefangenschaft geraten sind. Die davonlaufenden Schweden wurden von der kaiserlichen Reiterei verfolgt und getötet.«
»Das ist eine Lüge!«, schrie einer.
»Die Kaiserlichen haben doch gar keine Munition mehr!«, brüllte ein anderer. Ein lautes Stimmengewirr entstand. Bürgermeister Schillinger bestieg die Kanzel, um sich Gehör zu verschaffen.
»Die kaiserlichen Truppen sind bereits auf dem Rückweg. Wir werden spätestens morgen die bedingungslose Kapitulation unterzeichnen müssen. Geht nach Hause und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Versteckt oder vergrabt alles, was von Wert ist!«
7 Hütte, einfaches Haus.
8 Die Ruhr: Schwere Durchfallerkrankung, oft mit blutigem Stuhl.
Kapitel 3
Seit fast drei Tagen versteckte sich Katharina im Dachboden des Apothekerhauses und hoffte, so den Übergriffen der Kaiserlichen zu entkommen. Die Besatzer zogen plündernd durch die Stadt. Was sie gebrauchen konnten, stahlen sie, und in den Wirtshäusern wurde gesoffen, ohne zu bezahlen. Frauen wurden auf offener Straße Opfer lüsterner Landsknechte. Wer sich gegen sie stellte, bezahlte mit seinem Leben.
Neben Soldaten und Verwundeten strömte auch Trossvolk nach Nördlingen. Allen musste Quartier gegeben werden. Bei den Riesingers wurden einige Marketenderinnen und Hübschlerinnen aufgenommen. Der Apotheker war fest davon überzeugt, dass Schillinger das mit Absicht so eingefädelt hatte, gab es doch in der letzten Zeit einige Unstimmigkeiten zwischen ihnen beiden.
Elfriede brachte dem Apothekermündel täglich mehrmals zu essen und versorgte sie.
»Wenn es stimmt, was die Leute sagen, kommt heute noch Erzherzog Ferdinand nach Nördlingen. Ich hoffe sehr, dass er dem Treiben hier ein Ende setzt.«
»Das wird auch langsam Zeit! Hier oben ist es alles andere als gemütlich«, murrte Katharina.
Unter dem Dach des Patrizieranwesens war ab der Mittagszeit eine fast unerträgliche Hitze und die kleinen Fenster an den Giebelseiten des Hauses ließen nur wenig Licht in den Raum. Von den Dachbalken hingen Spinnweben, die wie graue Tücher wirkten. Alles war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Aus Langeweile begann Katharina, Kisten und Säcke zu durchstöbern, die vor längerem achtlos abgestellt worden waren. Sie enthielten Tuchballen aus vergangenen Tagen, andere Kleidung ihrer längst verstorbenen Stiefmutter.
Nicht mehr lange, dann würden sie mir vielleicht passen, dachte sie sich. Ein Kleid nach dem anderen betrachtete sie und hielt es vor ihren Körper, um abzuschätzen, wie es an ihr wirkte. Auf dem Boden der Kiste blieb ihr Blick auf einem Buch haften.
Der Einband war aus dunkelbraunem Leder gefertigt und an den Ecken mit schweren Metallbeschlägen versehen. Um es aufzuschlagen, musste ein Riegel geöffnet werden. Es war unverschlossen. Katharina setzte sich unter eines der kleinen Fenster und fing an zu blättern.
›Freitag, 3. Februar 1612: Wenn ich ihn sehe, schlägt mein Herz schneller. So also fühlt sich die Liebe an.
Mittwoch 11. Juli 1612: Heute ist es passiert. Josef war so einfühlsam und trotzdem wild und stürmisch. Das würde ich mir von Benedikt auch wünschen …‹
Was zur Hölle waren das für Aufzeichnungen? Und wer war Josef?, fragte sie sich.
›Benedikt hat mir ja schon lange nicht mehr beigewohnt. Er war so außer sich, als er erfuhr, dass ich mich ausgerechnet einem Hofmeister hingegeben habe. Ich kann von Glück reden, dass Benedikt es für sich behalten hatte. Sonst hätte man mich wohl mit der Schandgeige um den Hals aus der Stadt gejagt. Es tut mir leid, Benedikt. Es war ein Fehler von mir …‹
Katharina blieb der Mund offen stehen. Daher also der Familienstreit.
Als sie weiter im Buch blätterte, fiel eine einzelne Seite heraus. Ein Brief an meinen Stiefvater. Vom Augsburger Stadtmedicus?
›Mein lieber Freund Benedikt, sicherlich erinnert Ihr Euch noch an Elena, die im Doktorenhaus die kleine Kammer bewohnte. Sie behauptet, von Euch schwanger zu sein. Ich dachte mir, Ihr solltet das erfahren. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres daran. Euer alter Freund Engelhard Metzner, Augsburg 8. März 1620.‹
Das wird ja immer besser. Meine Stiefmutter lässt sich auf einen Hofmeister ein und der Stiefvater schwängert eine Frau in Augsburg. Moment mal. 8. März 1620?
Nachdem sich immer mehr Menschen auf dem Rathausplatz einfanden und ein wirres Stimmendurcheinander entstand, blickte Katharina neugierig aus dem kleinen Giebelfenster.
»Nördlinger Bürger, hört mich an«, begann Erzherzog Ferdinand seine Rede. »Ihr habt mich enttäuscht. Meineidig seid ihr geworden, eines irren Glaubens wegen. Ihr alle seid beschuldigt, ein freiwilliges Bündnis mit den Schweden eingegangen, und dem nicht genug, habt ihr Widerstand während der Belagerung dem Kaiser gegenüber geleistet. Die bedingungslose Kapitulation wurde bereits am 7. September unterzeichnet und sämtliche Waffen der Stadt konfisziert. Ich fordere von Euch eine Brandschatzung in Höhe von 100.000 Reichstalern sowie 8.000 Reichstaler für die der Artillerie entstandenen Kosten. Alle Besitzungen, die Gustav Adolf der Stadt vermacht hat, sind an die katholischen Klöster zurückzugeben. Im Gegenzug wurden meine Offiziere angewiesen, Plünderungen, Diebstähle und Misshandlungen aufs Härteste zu bestrafen. Die Stadt Nördlingen soll weiterhin den Status der Freien Reichsstadt und der evangelischen Konfession behalten dürfen, wenn …« Jubel brach unter den Bürgern aus. Freudig umarmte jeder seinen Nebenmann.
»… wenn ihr mir den Treueeid neu leistet«, beendete der kleine, bucklige Erzherzog unter Jubel seine Ansprache.
Na endlich komme ich aus diesem staubigen Loch, freute sich Katharina und stürmte die Treppen hinab.
Vor dem Apothekerhaus stapelte sich der gesamte Warenbestand der Trossweiber. Riesinger hatte ihn für einen guten Preis aufgekauft.
»Schafft einfach alles in die Offizin«, wies Riesinger die Marketenderinnen an.« Die Kühe und Ziegen bringen wir vorerst im Pferdestall unter.« Neben Mehl und Getreide waren es hauptsächlich württembergischer Wein, Bier, Speck und Salz, aber auch Töpfe, Pfannen, Seile und eben alles für den täglichen Bedarf. Die Waren hatten die Trossweiber den Soldaten abgekauft, die in württembergischem Gebiet plünderten. Doch das störte den Apotheker nicht sonderlich. Bei der momentanen Lage würde er nicht lange auf seiner Ware sitzenbleiben. Es gab immer noch einige Familien, die sich etwas leisten konnten, und die Bauern würden ihn für das Vieh einfach kostenlos mit Milch und Fleisch versorgen, bis die Schuld abgetragen war.
Elfriede humpelte schimpfend in gebückter Haltung, unter dem Gelächter der Hübschlerinnen, einem ausgebüxten Huhn hinterher. Doch dieses genoss gackernd und flügelschlagend seine Freiheit.
»Wir wollten uns bei euch bedanken und uns verabschieden, Elfriede. Wir ziehen mit dem Tross weiter. In Nördlingen bleibt ja nur ein kleiner Trupp.« Die Haushälterin stützte ihre Arme in die Hüften und streckte den Rücken durch.
»Wir haben zu danken. Eure Waren und Lebensmittel hat uns der Himmel geschickt. In Zeiten wie diesen ist es nicht einfach als Händler. Und vielleicht kommt ihr wieder mal in die Gegend. Ihr seid immer willkommen«, bedankte sich die Haushälterin und verabschiedete die Frauen.
Auf dem Marktplatz bildete sich erneut eine Menschenansammlung. Einige schimpften und hoben drohend die Fäuste.
»Was ist denn nun schon wieder!«, murrte Elfriede und stapfte neugierig Richtung Rathaus.
»Im Namen des Kaisers werden die hier Anwesenden der gemeinschaftlichen Plünderung und Unzucht angeklagt und zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Die Urteile werden heute Mittag auf dem Galgenberg vollstreckt!«, rief ein kaiserlicher Offizier auf dem Marktplatz aus.
»Hängt die Lumpen doch gleich hier auf, dann sparen wir uns den Fußmarsch!«, brüllte der Schmied.
»Das Urteil ist viel zu milde! Die Bastarde gehören aufs Rad geflochten!«, schimpfte ein anderer. Als Elfriede dem Apotheker davon berichtete, hörte dieser interessiert zu und verschwand darauf wieder in der Offizin.
*
Bereits eine Stunde vor Mittag fanden sich Dutzende Neugierige vor dem Hexenfelsen ein. Riesinger hatte auf seinen Pferdekarren einen provisorischen Verkaufsstand gezimmert und verpflegte die Anwesenden mit Bier und württembergischem Wein.
Es herrschte schon eine ausgelassene Stimmung, als der Nördlinger Scharfrichter kurz vor Mittag die beiden Verurteilten zur Richtstatt brachte. Seine Miene war ausdruckslos. Die quer über sein Gesicht verlaufende Narbe schien zu leuchten. Die gefesselten Todeskandidaten wurden auf den zehn Fuß hohen Hexenfelsen geführt, somit hatte auch bei größeren Zuschauermengen jeder eine gute Sicht. Die Verurteilten hatten ihre kniende Haltung bereits eingenommen, als der kaiserliche Offizier die Anklage noch einmal verlas.
»Fangt endlich an!«, erklangen Rufe aus der Menge.
»Genau, sonst geht vorher der Wein noch aus!«, lachte ein Mann. Der Henker hielt das Richtschwert mit beiden Händen und holte zum Hieb aus. Durch seinen Schwung mit dem Schwert glitten ihm die Füße auf dem moosigen Untergrund weg und er landete samt seinem Mordwerkzeug auf dem Hintern. Die Menge grölte und brüllte vor Lachen.
»Wohl etwas aus der Übung, Egger!«, spotteten die Ersten. Sichtlich nervös, holte der Scharfrichter erneut aus, verfehlte sein Ziel und streifte den Kopf des Verurteilten nur leicht. Das Richtschwert traf klirrend den Felsen, dass es Funken schlug. Wieder grölten und brüllten die Zuschauer. Dem kaiserlichen Offizier gelang es nur mit Mühe, seine stoische Miene zu bewahren. Der Henker hatte einen hochroten Kopf. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sollte es ihm diesmal nicht gelingen, würde ihn die Menge wahrscheinlich lynchen.
»Hier, Henker, trink mal einen kräftigen Schluck Zielwasser, dann wird es schon klappen«, spottete ein junger Bursche unter Gelächter der anderen und reichte ihm einen Becher Wein. Sichtlich erbost, schlug Egger dem Lümmel das Gefäß mit dem Fuß aus der Hand und rief:
»Ich mach das nicht! Die beiden sind unschuldig! Die waren ja gestern noch nicht einmal in der Stadt! Und Befragung gab es auch keine! Das sind willkürlich Verurteilte!«
Der Offizier glaubte nicht richtig zu hören. So etwas hatte es ja noch nie gegeben. Ein Henker, der die Vollstreckung verweigerte. Sichtlich durcheinander, begann der Kaiserliche:
»Die Hinrichtung wird bis zur Klärung der genauen Sachlage verschoben. Geht nach Hause!« Murrend und schimpfend, ihres Vergnügens beraubt kehrten die Zuschauer zurück in die Stadt.
»Henker, das hat ein Nachspiel. Wie willst du da wieder rauskommen?«, drohte ihm der kaiserliche Offizier.
*
Zielstrebig steuerte Katharina auf die kleine Kate der Hebamme Holzinger im Gerberviertel zu. Sie bestand aus nur zwei Räumen. Im Erdgeschoss eine Küche, im oberen Stockwerk ein kleiner Schlafraum. Vor dem Eingang war ein gepflegter Kräutergarten. Über der Türe pendelte ein Holzschild quietschend im Wind, auf dem das Zeichen der Hebammen abgebildet war. Ein rotes Kreuz und der Stadtadler Nördlingens.
Vorsichtig öffnete Katharina die Eingangstüre. Der Geruch von Fäulnis, Exkrementen und Verwesung schlug ihr entgegen. Durchgeschwitzt und mit fahlem Gesicht lag die Hebamme in ihrer Schlafstatt. Vor dem Bett stand ihre übervolle Nachtpfanne. Katharina presste sich den Handrücken unter ihre Nase und verzerrte das Gesicht.
»Mathilda, wie geht es dir? Kannst du mich hören?«
»Komm mir lieber nicht zu nahe, Kind. Die Pestilenz hat dieses Mal keinen Bogen um mein Haus gemacht. Es hat mich mit voller Wucht erwischt.«
»Das habe ich fast befürchtet!« Katharina presste ihre Lippen aufeinander. »Ich hab dir was zum Essen mitgebracht. Und ich kaue Engelwurz, das soll gegen eine Ansteckung helfen.«
»Ach, die Gerberin hat auch Engelwurz gekaut und trotzdem ist sie an der Beulenpest gestorben. Es ist wohl doch eher in Gottes Hand, wann und wie wir von dieser Welt gehen.«
»Ich bete jeden Tag für dich. Du wirst doch wieder gesund, nicht wahr?«
»Bader Fromme hat mir die Beulen aufgestochen und den Saft abfließen lassen. Er sagt, dass man dadurch eher überlebt. Wir werden ja sehen, ob Gott sich meiner armen Seele erbarmt.«
»Du warst immer gut zu den Menschen. Warum soll er sich deiner nicht erbarmen?«
Mathilda verzog nur das Gesicht zu einem gequälten Lächeln.
»Was du jetzt brauchst, ist frische Luft, und die stinkende Nachtpfanne muss dringend raus hier!« Nachdem sie gelüftet und den Nachttopf geleert hatte, wusch sie der Kranken das Gesicht und flößte ihr zu trinken ein.
»Herrje, es wird ja schon bald dunkel. Ich sollte längst zu Hause sein. Ich schau morgen wieder nach dir! Versuch zu schlafen!«, riet Katharina der Pestkranken und verabschiedete sich.
In der Abenddämmerung trat sie ihren Heimweg an. Die Gassen waren menschenleer und in den Häusern wurden die ersten Lichter entzündet. Schon kurze Zeit später bemerkte sie, dass ihr jemand folgte. Nach einem Blick über die Schulter sah Katharina eine dunkle Gestalt. Eine große Hutkrempe verdeckte das Gesicht des Unbekannten. Sie beschleunigte ihre Schritte und hoffte, so ihrem Verfolger zu entkommen, doch die Geräusche kamen näher.
Ihr Herz klopfte schneller.
Sie spürte das Blut durch ihre Adern rauschen. Kurz vor dem Hafenmarkt blickte sie sich erneut um. Nur noch wenige Schritte trennten den Schwarzgekleideten von ihr.
Katharina raffte ihre Röcke und rannte, so schnell sie konnte.
Vergebens. Die Gestalt ließ sich nicht abschütteln. Als er sie erreichte, spürte Katharina ein feuchtes Tuch im Gesicht. Sie wollte schreien, aber es gelang ihr nicht. Beißender Geruch drang in ihre Nase.
Dann wurde es dunkel um sie.
*
Georg Schillinger lief aufgeregt im Sitzungssaal des Rathauses auf und ab.
»Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?«, schrie er den Scharfrichter an. »Kannst du dir vorstellen, wie ich vor den kaiserlichen Offizieren jetzt dastehe? Die haben mir zwar nichts zu sagen, da ich direkt dem Kaiser unterstehe, doch sollte sich herumsprechen, dass mir ein ehrloser Henker auf der Nase herumtanzt, verliere ich meine Glaubwürdigkeit und Autorität!«
»Mit Verlaub, werter Herr Bürgermeister, die beiden können das unmöglich gewesen sein. Die waren ja vorgestern noch nicht mal in der Stadt. Auch die Offiziere wissen das. Und ich hab die Sattlerfamilie befragt. Es wurde nicht geplündert. Ihre Tochter wurde geschändet, kann sich aber an nichts mehr erinnern, weil sie wohl ohnmächtig wurde. Das passt doch alles nicht zusammen.«
Schillinger überlegte und strich mit Zeigefinger und Daumen über sein Kinn.
»Das sind schwerwiegende Anschuldigungen. Soll ich den Offizieren ins Gesicht sagen, dass sie mich anlügen?«
»Vielleicht waren es sogar die Offiziere selbst und jetzt brauchen sie einen Sündenbock.«
»Deine Theorien werden ja immer abenteuerlicher! Mach deine Arbeit ordentlich und hör auf, deine Nase in Dinge zu stecken, die dich nichts angehen. Sonst hat Nördlingen bald einen neuen Scharfrichter.«
Hans Griebel, der Totengräber, platzte in die Schreibstube des Bürgermeisters.
»Verzeihen Sie, Herr Bürgermeister, die Störung …«, begann dieser hastig.
»Griebel! Hat man dir keinen Anstand beigebracht? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?«, schrie Schillinger erbost. »Was gibt es so Wichtiges?«
»Verzeihung, Herr Vorsitzender«, entschuldigte sich Hans. »Eine blonde junge Frau wurde tot aufgefunden. Im Gerberviertel nahe der Stadtmauer.«
»Die beiden verurteilten Soldaten können es ja schlecht gewesen sein. Die sitzen ja bereits im Feilturm9«, sagte Egger mit Genugtuung.
»Das weiß ich auch, dass die es nicht waren!«, blaffte Schillinger den Henker an. »Der Bader soll sie sich anschauen, woran sie gestorben ist! Und ihr haltet den Mund. Kein Wort zu irgendeinem. Habt ihr verstanden? Wir haben schon genug Gerede in der Stadt. Und jetzt schert euch raus!«
*
Elfriede drückte währenddessen ihre Nase an die Scheibe und starrte aus dem Fenster.
»Wo, um Himmels willen, treibt sich Katharina wieder herum?«
»Ist sie denn noch nicht zu Hause?«, fragte Riesinger.
»Nein. Und ich mach mir langsam Sorgen. Es ist mittlerweile stockfinster draußen.«
Heftig pochte es gegen die Eingangstüre. Die Haushälterin sah zu Benedikt, der achselzuckend am Schreibpult der Offizin saß. »Ich erwarte niemanden mehr.« Gemächlich schlurfte Elfriede zum Eingang.
»Der junge Mühlbichler. Was wollt Ihr um diese Zeit noch hier?«
»Ich wollte nur wissen, ob Katharina da ist.«
»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst dich von ihr fernhalten«, murrte der Apotheker aus dem Hintergrund.
»Das tue ich, Herr Riesinger. Ich möchte ja auch nur wissen, ob sie zu Hause ist und ob es ihr gutgeht. Der alte Griebel hat heute die Leiche einer jungen Frau aufgefunden.« Die entsetzten Blicke von Elfriede und Benedikt trafen sich.
»Herr im Himmel!«, entfuhr es der Haushälterin.
»Katharina ist heute Nachmittag zur Hebamme Holzinger ins Gerberviertel. Sie ist aber immer noch nicht zurück«, stotterte Elfriede.
»Ich geh zum Totengräber. Ich will die Leiche sehen. Ich sage Euch Bescheid, sobald ich etwas Neues erfahren habe«, erwiderte Simon.
»Pass auf, dass dich die Stadtwachen nicht ins Narrenhäuschen sperren, wenn du dich so spät noch in der Stadt herumtreibst!«, rief ihm die Haushälterin hinterher. Simon hob den Arm als Zeichen, dass er verstand.
Kurz vor Sonnenaufgang hämmerte Simon an den Eingang von Griebels Kate. Das klägliche Anwesen hatte schon bessere Zeiten gesehen. Im Dach klaffte ein großes Loch seit dem Einschlag einer kaiserlichen Kanonenkugel und die Türe hing schief in den Angeln.
»Hans!«, schrie Simon, während er an den Eingang hämmerte.
»Spinnst du, Mühlbichler? Du kannst mir ja gleich die Türe eintreten und ganz Nördlingen aufwecken mit deinem Geschrei!«, schimpfte Griebel, nachdem er ihm geöffnet hatte. Simon starrte auf dessen Bruche10, die er wahrscheinlich noch nie gewaschen hatte. Das einst wohl weiße Leinen war gelb, grau bis braun verdreckt. Und so roch es auch.
Er hatte Simon bis Sonnenaufgang vertröstet mit der Beschau des weiblichen Leichnams, weil die provisorische Leichenhalle am Totenhügel außerhalb der Stadtmauern lag. Griebel kannte Katharina zwar, war sich aber nicht mehr ganz sicher, ob sie es war, die er am vorherigen Tag aufgefunden hatte.
Als die beiden das Berger Tor passierten, konnten sie die behelfsmäßige Holzbaracke, die als Leichenhalle diente, bereits sehen. Nur wenige Minuten Fußmarsch trennte Simon noch von der Gewissheit, ob seine langjährige Freundin noch lebte. Mit gemischten Gefühlen betrat er mit Griebel die Leichenhalle. Auf einem Tisch, mit einem Tuch abgedeckt, lag der leblose Körper. Nachdem der Totengräber das Leinen weggezogen hatte, konnte Simon die Frauenleiche sehen. Die Tote war jung und blond, aber es war nicht Katharina.
»Das ist doch das Weib vom Bäcker aus der Judengasse«, gab Mühlbichler erleichtert von sich. »Und sie hat sich wohl selbst getötet, wie man an den aufgeschnittenen Handgelenken sieht.«
»Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen! Ach du meine Güte! Das muss ich dringend dem Schillinger melden, sonst bekomme ich Schwierigkeiten«, jammerte Griebel und stapfte Richtung Ausgang.
9 Gefängnisturm in Nördlingen
10 Mittelalterliches Kleidungsstück, meist knielang, Unterhose.
Kapitel 4
Am nächsten Morgen runzelte der Bürgermeister ungläubig die Stirn.
»Und es ist sicher, dass es sich um Selbstmord handelt?«
»Ohne Zweifel, werter Herr Bürgermeister«, bestätigte der Bader. »In ihrem Körper ist kein einziger Tropfen Blut mehr. Seht ihr die aufgeschnittenen Handgelenke?« Widerwillig beäugte Schillinger die Tote.
»Das hat uns gerade noch gefehlt. Als ob wir nicht schon genug Gerede in der Stadt hätten.«
»Etwas ist mir noch aufgefallen. Auf dem Hintern der Toten ist ein Zeichen.«
»Was für ein Zeichen?« Fromme und Griebel drehten den Leichnam auf den Bauch.
»So etwas hab ich noch nie gesehen. Es sieht aus wie ein umgedrehtes V und auf dessen Spitze ist ein Kreuz«, erklärte der Bader.
»Was hat das zu bedeuten?«
Fromme zuckte nur mit den Achseln. »Sprich mit Pastor Widmann oder vielleicht weiß der Stadtarchivar etwas darüber. Aber sonst zu niemandem ein Wort. Habt ihr mich verstanden? Ihr könnt sie jetzt beerdigen«, sagte er zu Griebel und lief mit Fromme zurück in die Stadt.
»Das Fenster klemmt, ich bring es nicht auf«, schimpfte Griebel.
»Lass mich mal ran«, murrte der Henker.
»Ich kann das nicht verstehen, einen solchen Wirbel um eine Selbstmörderin zu machen. Kann man sie nicht einfach zur Tür hinaustragen?«
»Na, weil nur die ehrbaren Bürger durch die Türe das Haus verlassen dürfen. Das war schon immer so.«
»Aber auf dem Totenhügel in geweihter Erde darf ich sie begraben. Das soll mir mal einer erklären.«
»Kannst du dich nicht mehr an den alten Schambeck erinnern, der sich in seiner Scheune erhängte? Dort wurde ein Loch in die Wand geschlagen, um ihn nach draußen zu bringen, weil es keine Fenster und nur die eine Türe gab.«
Als sie den toten Körper der Bäckerin durch das Fenster des Leichenhauses bugsiert hatten, verluden sie ihn auf den Schinderkarren und transportierten ihn zur Richtstätte. Dort wurde der Leichnam enthauptet und beide Teile wieder zurück auf den Totenhügel gebracht.
»Wir können froh sein, dass sich in Nördlingen nicht jeden Tag einer selbst das Leben nimmt. Ein ganzer Tag Arbeit für nur einen Toten. Was für ein Aufwand!«, schimpfte der Totengräber. Das Grab hatte er bereits vor einigen Tagen geschaufelt. Wenn er sonst nichts zu tun hatte, legte er die Gruben schon mal auf Vorrat an. Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis jemand starb. Sieben Werkschuh tief. So lautete die Vorschrift. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen wurde die Bäckerin, mit dem Bauch nach unten, in der Grube abgelegt. Ihr Kopf fand, mit dem Gesicht nach unten, zwischen ihren Füßen Platz.
»Damit die schädigenden Kräfte ins Innere der Erde abgeleitet werden«, erklärte der Henker.
»So, noch eine Schicht aus Dornengestrüpp, dann können wir das Loch schon wieder verschließen«, murmelte der Totengräber vor sich hin.
»Dazu brauchst du mich ja nicht mehr, Hans. Ich hoffe, der Selbstmord der Bäckerin spricht sich nicht herum. Fast jeder in der Stadt ist abergläubisch. Da können wir uns sonst auf etwas gefasst machen«, prophezeite Egger und fuhr auf dem Schinderkarren zurück in die Stadt.
Die alte Mühlbichlerin und Heidrun, die Bäckersbase, wechselten die Straßenseite, als ihnen der Henker entgegenkam.
»Ja, es war Selbstmord, aber die kleine Apothekerhexe ist ja letztendlich daran schuld«, erzählte Heidrun.
»Was Ihr nicht sagt! Was hat die denn damit zu schaffen?«
»Die? Die steckt mit dem Teufel unter einer Decke! Verhext hat sie die arme Bäckerin. Die Nabelschnur um den Hals des Kindes gewickelt, dass es schließlich erstickt und tot zur Welt kam. Und verscharrt wurde die Arme wie ein räudiger Köter, nachdem der Henker ihr den Kopf abgeschlagen hat. So etwas hat niemand verdient.«
»Ihr sagt es! Selbst verendete Viecher werden anständiger bestattet.«
»Auf den Scheiterhaufen gehört die elende Metze!«, schluchzte Heidrun.
»Da scheint wohl was in der Familie zu liegen.«
»Was meint Ihr damit?«
»Die Mutter des Apothekers landete im Herbst 1590 während der Hexenprozesse auf dem Scheiterhaufen. Da war der Pferinger noch Bürgermeister und der Röttinger leitete damals die Befragungen. Und die Riesingerin hatte sogar die Altbürgermeisterswitwe Gundelfingerin der Hexerei beschuldigt. Oder war es die Lempin, die die Gundelfingerin angeschwärzt hatte? Egal.«
»Was Ihr nicht sagt! Na, jetzt wundert mich nichts mehr. Ich hab mir schon so etwas gedacht.«
»Die treibt sich doch immer bei dieser Hebamme im Gerberviertel herum. Da munkelt man ja auch, dass sie eine Hexe sei. Da passt doch eins zum anderen. Jetzt muss ich aber weiter, sonst bekomme ich kein Brot mehr.«
*
Stadthauptmann Stracke betrat in Begleitung zweier Wachen die Apotheke.
»Katharina Riesinger. Im Namen des Kaisers, Ihr seid verhaftet wegen Hexerei.«
»Was? Wer wirft mir so etwas vor, Erich?«
»Herr Stracke oder Herr Stadthauptmann, wenn ich bitten darf! Das wird Euch der Stadtrichter Seefried schon noch erzählen! Abführen!« Ohne ein Wort zu sagen, stand Benedikt hinter seinem Schreibpult und beobachtete den Vorgang. Erinnerungen stiegen in ihm auf an den unseligen Tag, an dem seine Mutter vor mehr als 30 Jahren wegen Hexerei angeklagt worden war.
Katharina schämte sich fürchterlich, als sie von den Stadtwachen zum Rathaus gebracht wurde. Jeder, der ihr begegnete, glotzte ihr nach.
»Was hat die denn ausgefressen?«, hörte sie jemanden lachen.
Das Loch, wie man das Gefängnis im Rathauskeller nannte, diente als Arrestzelle, bis der Prozess abgeschlossen war. Katharina hatte Mühe, die bucklige Steintreppe hinabzusteigen, ohne zu stolpern. In den fensterlosen Raum drang weder Tageslicht noch frische Luft. Auf dem Steinboden war etwas Stroh ausgelegt, das nach Schweiß und Urin stank. Das Apothekermündel kauerte sich in eine Ecke des Kerkers und umschlang ihre Beine mit den Händen.
Verhaftet wegen Hexerei! Wie kommen die da nur drauf? Hatte das mit der seltsamen Ohnmacht zu tun? Katharina erinnerte sich, dass sie vor einigen Tagen verfolgt und, nachdem sie das feuchte Tuch im Gesicht spürte, ohnmächtig wurde.
Als sie in Mathildas Kräutergarten damals wieder zu sich gekommen war, setzte gerade die Morgendämmerung ein. Sie fühlte sich elend. Ihr Kopf brummte, als hätte sie ein Wespennest in den Haaren. Ihr war speiübel und sie fror, als hätte sie die Nacht in einem Regenfass verbracht. Erst da bemerkte Katharina, dass ihr Kleid zerfetzt war. Sie blickte mehrmals um sich, aber es war niemand zu sehen. Nur langsam kam die Erinnerung zurück, dass sie am Vorabend von einer dunklen Gestalt überfallen worden war.
Was hatte der mit mir gemacht? Wer war das? Wäre es nur nicht schon so dunkel gewesen! Hatte er vielleicht Bocksfüße? War der Verfolger der Teufel? Vielleicht war ich auf einem Hexensabbat gewesen und kann mich nur nicht mehr dran erinnern? Eine weitere Welle der Angst durchfuhr das Apothekermündel. Sie musste schlucken und bekreuzigte sich.
Oder steckte hinter alledem nur Heidrun, die Bäckersbase, die sich an ihr rächen wollte?
Schon während der Niederkunft hatte sie Katharina als Hexe beschimpft. Aber dass diese so weit ging, hätte sie ihr nicht zugetraut. Die Gedanken kreisten in Katharinas Kopf. Wann würde die peinliche Befragung beginnen? Man berichtete von unsagbaren Schmerzen über Stunden hinweg.
Drei Stockwerke über ihr berichtete der Bader dem Bürgermeister von seinen neuen Erkenntnissen.
»Jeder sieht in dem Zeichen, was er kennt oder was er sehen will. Das umgedrehte V mit dem Kreuz darüber ist für Pastor Widmann ein Berg mit einem Gipfelkreuz. Wenn man das Ganze aber umdreht, könnte es dann nicht auch eine Schlucht darstellen und ein umgedrehtes Kreuz? Die Schlucht zur Hölle mit dem Teufelszeichen, dem umgedrehten Kreuz?«
»Hör auf, von so etwas zu sprechen!« Schillingers Gesichtsfarbe wechselte in ein fahles Grau.
»Ich war aber auch bei Richter Seefried, der im Stadtarchiv interessante Aufzeichnungen fand. In den alten Akten zu den Hexenprozessen von 1590 wurde er fündig. Die angeklagten Hexen hatten immer wieder berichtet, nicht sie seien schuld am Tod von den Betroffenen, sondern ein Wiedergänger. Wenn man über das Kreuz bei dem Zeichen einen Kreis malt, entsteht eine Strichzeichnung eines Menschen. Aber ein Wiedergänger ist ja bekanntlich ohne Kopf. Daher das umgedrehte V mit dem Kreuz drüber.«
»Mit so übersinnlichen Dingen bin ich so empfindlich! Am liebsten hätte ich damit nichts zu tun!«
»Das bedeutet im Klartext, ein Wiedergänger hat der Bäckerin das Zeichen eingeritzt! Aber die einzige Selbstmörderin und so der einzige Wiedergänger in den letzten Jahren ist die Bäckerin. Sie soll sich das selbst eingeritzt haben? Am Hintern?«
»Oder der Satan höchstpersönlich!« Schillinger bekreuzigte sich und musste unwillkürlich schlucken. Heftiges Anklopfen ließ den Bürgermeister zusammenzucken. Ohne hereingebeten zu werden, stürmte der Totengräber ins Amtszimmer.
»Wir haben ein weiteres Opfer zu beklagen, Herr Bürgermeister! Heute früh, unweit der letzten Fundstelle, hat Mathilda Holzinger einen leblosen Frauenkörper gefunden.«
»Verflucht!«, rutschte Schillinger heraus.
»Und sie hatte auch wieder das Zeichen am Hintern«, fügte Griebel hinzu.
»Der Wiedergänger. Das hat gerade noch gefehlt, so eine Mordserie. Gut, Griebel. Macht Eure Arbeit weiter. Ach, geht vorher noch zum Stadthauptmann. Den muss ich dringend sprechen.«
»Selbstverständlich, Herr Bürgermeister«, erwiderte ihm der Totengräber mit gesenktem Kopf und schloss die Türe hinter sich.
»Meine Güte, wenn wir dem Übeltäter nicht bald das Handwerk legen, können wir uns auf etwas gefasst machen«, murmelte Schillinger vor sich hin. Das Übersinnliche, der Teufel und alles nicht Greifbare, jagte dem Ratsherren eine fürchterliche Angst ein.
»Herr Bürgermeister, Ihr wolltet mich sprechen?«, fragte der Stadthauptmann.
»Stracke, Ihr verdoppelt die nächtlichen Wachen bis auf weiteres. Es gab erneut ein Opfer durch diesen Wiedergänger. Haltet besonders das Gerberviertel im Auge. Dort wurde heute schon wieder ein Mädchen gefunden.«
»Glaubt Ihr wirklich, dass es von Nöten ist, jetzt, wo die Apothekerhexe im Gefängnis sitzt?«
»Welche Apothekerhexe? Wovon redet Ihr?«
»Na, vom Riesingermündel. Heidrun, die Base der Bäckerin, hat sie der Hexerei bezichtigt. Und bis der Vorfall geklärt ist …«
»Seid Ihr wahnsinnig, Stracke!«, unterbrach ihn Schillinger. »Ihr steckt ohne mein Wissen die Tochter eines Ratsmitglieds ins Loch! Noch dazu die Tochter vom ehrwürdigen Apotheker. Wollt Ihr dieselbe Massenhinrichtung wie vor 30 Jahren? Auf der Stelle bringt Ihr mir die Riesingertocher hierher. Und wehe, Ihr fasst sie unsittlich an, Stracke, dann Gnade Euch Gott! Und jetzt geht mir aus den Augen!«
Kapitel 5
Nördlingen, 13. Oktober Anno Domini 1636 2 Jahre später
Knisternd loderten die Flammen auf, als Elfriede ein Holzscheit in die Glut nachlegte. Riesinger bedankte sich mit einem Nicken, woraufhin die Haushälterin das Arbeitszimmer wieder verließ. Der Kaufmann Josef Hofmeister schwenkte den Rotwein in seinem Kelch und beobachtete das Feuer im Kamin. Danach wendete er sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
»Ja, mein Wilhelm ist ein paar Jahre älter als deine Tochter. Aber daran wird sie sich schon gewöhnen. Wichtig ist doch die gute Verbindung zweier so erfolgreicher Kaufmannsfamilien. Und vor allem sind sie sich nicht fremd. Sie kennen sich schon ihr ganzes Leben.«
»Dann sind wir uns ja einig«, freute sich Riesinger und streckte Hofmeister seine Hand entgegen.
Neugierig schaute Katharina aus dem Fenster, als der alte Hofmeister das Apothekerhaus verließ.
»Was wollte der denn hier?«, fragte sie ihren Stiefvater. »Ich dachte, unsere Familie hat seit Jahren mit den Hofmeisters Streit?«
»Nicht mehr. Wir haben uns versöhnt. Er wird dein Schwiegervater werden. Damit haben wir es besiegelt.«
»Wie bitte? Und wer soll das sein, den ich heiraten soll? Doch nicht etwa der Wilhelm, dieser Spinner!«
»Für unsere Familie ist es das Beste. Durch den Zusammenschluss wirst du einen dir kaum vorstellbaren Reichtum erwirtschaften können.«
»Und was soll ich mit dem ganzen Geld und Reichtum, wenn ich unglücklich bin und einen Spinner als Mann habe?«
»Jetzt reiß dich zusammen! Dutzende Weiber in Nördlingen wären froh, sie hätten einen Mann wie Wilhelm Hofmeister! Glaubst du, ich konnte heiraten, wen ich wollte? Hochzeiten werden nun mal arrangiert. Nicht einmal unser deutscher Kaiser hatte eine Wahl!«
»Das ist mir egal! Den werde ich jedenfalls nicht heiraten! Vorher gehe ich ins Kloster!«, schrie Katharina und rannte die Treppen hinauf in ihre Kammer.
Weinend und schluchzend lag sie auf ihrem Bett. Wie konnte ihr Stiefvater ihr das nur antun. Sie hatte immer damit gerechnet, dass sie nicht den Mann ihrer Wahl heiraten konnte, aber ausgerechnet diesen Irren.
Die Hofmeisters handelten auch seit vielen Generationen mit Stoffen und edlen Tuchwaren, weshalb die Konkurrenten sich nicht mochten. Durch Riesingers Umstieg auf Heilmittel, Kräuter und Salben hatten sie plötzlich keinen Grund mehr für einen Familienstreit. Doch die Affäre seiner Frau mit Josef Hofmeister hinterließ einen faden Beigeschmack.
»Ach Kindchen«, tröstete Elfriede das Apothekermündel. »Nimm dir das doch nicht so sehr zu Herzen. Du willst doch nicht so enden wie ich. Ohne einen einflussreichen Mann wirst du nie ein eigenständiges Leben führen können. Sieh es doch einfach als Einstieg in eine gute Zukunft. Und die Liebe kommt schon noch mit der Zeit.«
»Ich schätze dich sehr. Du warst für mich mehr als eine Mutter. Aber wie es in mir drin aussieht, weiß nur ich. Diese Hochzeit kommt für mich einem Verrat gleich. Ich fühle mich wie eine Sklavin, die an einen Henker verkauft wurde«, erklärte sie und brach wieder in Tränen aus.
*
Schon wenige Wochen später war der große Tag.
»Du siehst aus wie eine Adlige«, freute sich Elfriede, als sie Katharinas Hochzeitskleid musterte. Es war aus sündhaft teurem, schwarz gefärbtem Barchent. Darüber ein dunkelblauer Umhang aus Samt mit Kapuze, umsäumt von goldfarbenen Bordüren.
»Jetzt mach doch kein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter«, versuchte die Haushälterin sie aufzumuntern. »Es hat sogar aufgehört zu schneien.«
Als ihr Stiefvater Katharina zur St. Georgskirche geleitete, fühlte sie sich wie ein Schwein, das zur Schlachtbank geführt wird. Tausende Gedanken kreisten in ihrem Kopf. In der Kirche war kein Sitzplatz mehr frei. Menschen standen hinter den letzten Bankreihen, um noch einen kurzen Blick auf Braut und Bräutigam zu erhaschen. Wilhelm Hofmeister wartete ungeduldig vor dem Hochaltar. In seinem Gesicht war ein leichtes Schmunzeln zu erkennen.
Hier stand sie nun neben ihrem zukünftigen Ehemann. Von all dem, was der Pastor Eberhard Widmann sprach, bekam Katharina nichts mit. Sie hörte seine Worte wie weit entfernt und verschwommen.
»Willst du, Wilhelm Hofmeister, die hier anwesende Katharina Riesinger zu deinem Eheweib nehmen? Sie lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?«
»Ja, ich will«, erklang die Stimme von Wilhelm selbstsicher.
»So frage ich dich, Katharina Riesinger, willst du den hier anwesenden Wilhelm Hofmeister zu deinem Ehemann nehmen? Ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?« Es herrschte Totenstille. Keiner wagte zu husten oder gar etwas zu sagen.
»Ich frage dich noch einmal. Willst du den hier anwesenden Wilhelm Hofmeister zu deinem Ehemann nehmen? Ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?«, wiederholte Widmann jetzt in einem lauten Ton. Wieder sagte Katharina nichts. Ein Raunen ging durch die Kirche. Einige der Anwesenden begannen zu tuscheln. Benedikt stieß seiner Stieftochter den Ellbogen in die Rippen.
»He … ähm … ja«, stotterte sie.
»Dann erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Ihr dürft die Braut jetzt küssen.« Als die Lippen der beiden sich berührten, ekelte sich die frisch Vermählte. Wilhelms roter Vollbart roch nach Dünnbier und Zwiebel und kitzelte sie im Gesicht. Hunderte von Augenpaaren musterten die Eheleute auf dem Weg ins Freie. Einige jubelten, andere starrten sie nur an.
Die Kutsche hielt vor dem Anwesen der Hofmeisters. Das Gesinde erwartete ihren Herren bereits am Eingang. Von der jungen Frau an seiner Seite nahm allerdings kaum jemand Notiz.
Das Innere des Hauses wirkte lieblos und kalt, obwohl der Kachelofen eingeheizt worden war. Aus der Küche wurde Fleisch und Gesottenes getragen und aufgetischt. Weinkrüge standen auf der Tafel bereit.
»Auf uns«, sagte Wilhelm zu seiner Ehefrau und reichte ihr einen Becher Wein, den Katharina in einem Zug leerte. Sie hoffte auf eine baldige Wirkung des Alkohols, um die fürchterliche Situation für sie erträglicher zu machen.
Im Laufe des Abends wurde die Braut mit dem Schwiegervater bekannt gemacht, was aber auch eine eher kühle Begegnung war. In einem Gespräch erfuhr sie, was für Pflichten in den kommenden Tagen auf sie warteten.
Gegen Mitternacht ergriff Josef Hofmeister das Wort:
»Verehrte Gäste, liebes Brautpaar. Ich möchte mich noch einmal bei allen für das zahlreiche Erscheinen bedanken. In ganz besonderem Maße natürlich bei unseren neuen Familienmitgliedern und Geschäftspartnern, den Riesingers. Pastor Widmann hat soeben das Brautbett gesegnet und ihr werdet entschuldigen, dass die frisch Vermählten sich jetzt zurückziehen werden. Möge Katharina ihrem Wilhelm viele Nachkommen schenken! Ein dreifaches Hoch auf das Brautpaar!«
»Hoch, hoch, hoch!«, rief die gesamte Hochzeitsgesellschaft.
Als die Türe zu Wilhelms Kammer ins Schloss fiel, pochte Katharinas Herz wie die Paukenschläge eines Orchesters. Ein Talglicht brannte auf dem kleinen Nachtschränkchen, das neben dem Bett stand. Am Ende des Raumes stand eine Kommode, auf der sich eine Waschschüssel und ein Wasserkrug befanden.
»Zieh dich aus und leg dich hin!«, wies Wilhelm seine Frau an. Mit hochrotem Kopf begann sie, ihr Kleid zu öffnen. Vor Scham hielt sie die Arme vor ihre Blöße. Am liebsten hätte sie jetzt noch einen Becher Wein getrunken, um sich zu beruhigen. Leicht gebeugt, als könne sie damit noch mehr verdecken, huschte Katharina unter die Decke. Ihren Gatten störte es hingegen nicht im Geringsten, sich vor ihr zu entkleiden. Als sie seinen massiven Körper und sein mächtiges Geschlecht sah, wurde ihr angst und bange.
Das Bett gab unter Wilhelms Gewicht ein Stück nach, als er sich zu ihr legte. Unter einem leichten Ächzen begab er sich über sie. Verkrampft und eingeschüchtert starrte sie an die Decke der Kammer. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Unterleib, als er in sie eindrang. Fest presste sie ihren Mund zusammen und schloss die Augen. Tränen rannen über ihre Schläfen in ihre blonden Locken. Sie hatte einmal gehört, dass es auch schön sein konnte. Doch sie war weit davon entfernt, Gefallen daran zu finden. Der Schmerz blieb. Nach einem kurzen Aufbäumen stöhnte Wilhelm kurz auf und ergoss sich in sie.
Er legte sich neben Katharina, rollte sich in seine Decke ein und es dauerte nicht lange, bis er schnarchend einschlief. Sie fühlte sich benutzt wie ein schmutziger Leinenfetzen. Mehr als Ekel konnte sie ihrem Gatten nicht entgegenbringen.
Die kommenden Tage verliefen wie erwartet. Ihr Schwiegervater kommandierte das Gesinde und auch Katharina durch das Haus und fand immer wieder Arbeiten, die sofort zu erledigen waren. Wilhelm war nach dem zweiten Tag der Hochzeit wieder zu den kaiserlichen Truppen gestoßen. Die Aussicht auf schnelles Geld durch Plünderungen vertrieben seine Angst, verwundet oder gar im Kampf getötet zu werden. Der Handel mit Tuchwaren war durch den Krieg ohnehin fast zum Erliegen gekommen und warf nur noch Almosen ab.
Katharina fühlte sich einsam. Unter den Bediensteten war niemand, dem sie vertrauen und ihr Herz ausschütten konnte. Ab und zu schlich sie fort, um sich heimlich mit Simon im Baumhaus zu treffen. So hatte sie zwar jemanden zum Reden, aber helfen konnte er ihr auch nicht.
So zogen Wochen und Monate durchs Land. Hin und wieder kehrte Wilhelm für ein oder zwei Tage von den Kriegsgeschehen zurück, forderte seine ehelichen Rechte, um anschließend wieder für Wochen zu verschwinden. Katharina war mittlerweile ein Schatten ihrer selbst geworden und funktionierte einfach nur noch.
Kapitel 6
Nördlingen, 8. Mai Anno Domini 1648 12 Jahre später
Wiehernd galoppierte das reiterlose Pferd vom Hallgebäude in Richtung Rathaus. Riesinger war auf dem Heimweg von einer Ratssitzung, als ein brauner Kaltblüter dampfend vor Schweiß auf ihn zuritt.
»Ho, ho!« Er streckte beide Arme über seinen Kopf, um das wild gewordene Tier zu beruhigen. Tatsächlich verlangsamte es sein Tempo und stellte sich wiehernd auf die Hinterbeine. Als es sich weiter beruhigte, konnte Benedikt die Zügel fassen. Riesinger blickte sich mehrfach um, doch die Straße war menschenleer.
So führte er das Tier die letzten Schritte zum Apothekerhaus und versorgte es im Stall hinter dem Haus. Der Sattel war aus feinstem Leder gefertigt und mit bronzenen Broschen und Schnallen verziert. Benedikt musste einiges an Kraft aufwenden, um den ungewöhnlich schweren Reitsitz vom Rücken des Pferdes zu hieven.
»Woher mag das kostbare Tier nur kommen?«, murmelte er vor sich hin.
Die Neugierde über seine Herkunft trieb Benedikt zurück auf die Straße.
»So g’sell so«, ertönten die Rufe der Türmer, die so beweisen sollten, dass alle auf ihren Posten waren. Ziellos marschierte der Apotheker durch die Gassen, konnte aber nichts über die Herkunft des Pferdes herausfinden.
Als Riesinger den Hafenmarkt erreichte, bemerkte er, dass er nicht allein war. Er drehte sich um, doch es war niemand zu sehen. So ging er weiter, wenn auch etwas schneller. Er hörte sich nähernde Schritte. Er schluckte.
Sollte ein Büttel ihn ohne Laterne antreffen, würde er die Nacht im Narrenhäuschen verbringen müssen. Auch war um diese Uhrzeit nur noch Gesindel unterwegs.
Er vernahm ein metallisches Geräusch und spürte die Klinge eines Dolches am Hals. Er wagte sich nicht zu bewegen.
»W… was wollt Ihr von mir? Mein Geld? Dann nehmt es Euch! Oder ist es wegen des Pferdes? Ihr könnt es gerne wiederhaben. Ich hab es ja nur versorgt und … ah, ah … Was soll das?« Benedikt spürte einen brennenden Schmerz an seiner Kehle. Er wollte um Hilfe rufen. Aber er konnte nur noch ein gurgelndes Geräusch von sich geben.
Durch ein lautes Kreischen wurde Katharina aus dem Schlaf gerissen. Müde rieb sie sich die Augen.
»Ist es denn nicht möglich, in dieser Stadt zu schlafen, ohne dass ich vor Sonnenaufgang geweckt werde?«, schimpfte sie und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Es dauerte einen Moment, bis Katharina begriffen hatte, wo sie war.
Seit einigen Monaten gab es von Wilhelm, ihrem Ehemann, kein Lebenszeichen. Seine Kameraden waren aus den Schlachten längst zu ihren Familien zurückgekehrt. Wegen des schlechten Verhältnisses zu ihrem Schwiegervater hatte sie sich entschieden, zurück zu Elfriede und ihrem Stiefvater zu ziehen. Es kostete den Apotheker einiges an Überredungskunst, Josef Hofmeister davon zu überzeugen, dass Katharina bei ihm besser aufgehoben war. Eine beträchtliche Summe für den Verlust von Katharinas Arbeitskraft ließ den Tuchhändler letztendlich einlenken.
Nachdem sie nun schon wach war, ging sie in die Küche, um sich eine Tasse von dem bitteren, schwarzen Kaffee aufzubrühen, den ihr Benedikt aus Venedig mitgebracht hatte. Eigentlich mochte sie ihn nicht besonders, aber er weckte ihre Lebensgeister.
Im Nachthemd tapste Katharina die breite Holztreppe nach unten. In der Küche brannte Licht. Elfriede hatte den Küchenofen bereits angeschürt. Es war zwar schon Mai, doch die Nächte waren immer noch kalt und teilweise war sogar noch Frost an den Fenstern.
»Guten Morgen, Katharina. Du sollst doch nicht immer barfuß auf dem kalten Steinboden gehen«, murrte Elfriede.
»Guten Morgen«, erwiderte die Angesprochene kurz und hob eine Augenbraue.
Heftig klopfte es an die Haustüre. Beide sahen sich fragend an.
»Wer kommt denn jetzt in aller Herrgottsfrüh?«, wunderte sich Elfriede und schlurfte zum Eingang.
»Simon? Was treibt dich um diese Uhrzeit hierher?«
»Benedikt wurde eben ermordet aufgefunden!«
Entsetzt starrten sie sich an. Elfriede hielt die Hand vor den Mund. Katharina blickte ins Leere.
»Jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«
»Der kopflose Reiter!« Elfriede vergrub ihr Gesicht in den Handflächen.
»Der Stadthauptmann sagte, es sei ein Raubmord gewesen. Wohl ein Bettler oder Beutelschneider. Da es aber jeder gewesen sein konnte, wurden die Ermittlungen erst gar nicht aufgenommen. Seine Geldkatze hing gefüllt an seinem Gürtel, sagte die Hebamme Holzinger, die ihn gefunden hatte. Da passt doch etwas nicht!«
»Das war das Pferd vom kopflosen Reiter, das er eingefangen hatte«, befürchtete die Haushälterin.
»Ach, Elfriede, das sind doch alles nur Märchen«, rügte Katharina sie.
»Märchen? Als ich noch ein Kind war«, begann Elfriede zu erzählen, »war ich mit ein paar Freunden auf dem Heimweg. Wir hatten die Gräber für Allerheiligen geschmückt und das Unkraut gezupft. Plötzlich, wie aus dem Nichts, stand uns ein Leichenzug gegenüber. Aber das war kein gewöhnlicher Leichenzug. Keiner der Personen hatte einen Kopf. Wir hatten zuerst gedacht, da erlaubt sich jemand einen Scherz und der Josef hatte sie ausgelacht, ja sogar beschimpft. Einer der Kopflosen hatte ihm eine Maulschelle verpasst. Er hatte den nächsten Morgen nicht erlebt.« Elfriede zitterte. Katharina nahm sie in den Arm. Keiner sagte etwas.
»Er war wie ein Vater für mich«, unterbrach Katharina die Stille. »Er war zwar streng, aber auch gerecht, und er hatte es mich nie spüren lassen, dass ich nicht seine leibliche Tochter bin.«
In der Zeit des langen Krieges waren Mord, Plünderungen und Vergewaltigungen an der Tagesordnung gewesen. Doch man hoffte immer, es würde andere treffen. Nun war nach fast einem Jahr nach Ende des Kriegs der Tod doch noch in ihrer Familie angekommen.
Als Katharina kurze Zeit später die Apotheke verließ, bemerkte sie, dass der Frühling die Stadt wieder zum Leben erweckt hatte. Nach den kalten Wintermonaten trafen sich die Bürger wieder auf dem Markt, nicht nur, um Einkäufe zu erledigen, sondern um mit dem ein oder anderen, den man schon lange nicht mehr gesehen hatte, wieder mal ein Schwätzchen zu halten. Marktfrauen boten ihre kargen Reste der letzten Ernte feil und Gerber legten ihre Felle und Lederstücke zum Verkauf aus.
Katharina war auf dem Weg zum Rathaus, das auf der anderen Seite des Marktplatzes lag. Durch den heimtückischen Mord an ihrem Stiefvater war sie immer noch nachdenklich und in sich gekehrt. Entgegenkommende musterten die junge Frau mitleidig.
Sie war zu einer erwachsenen Frau herangewachsen. Mit ihren blondgelockten Haaren wirkte sie wie die Engel auf den Fresken der Kirche und auf ihrem gut gefüllten Mieder blieb so manch ein Männerblick länger haften, als der Anstand es erlaubte. Ihre hochgewachsene Gestalt überragte die meisten Nördlinger.
Ihr Herz pochte, als sie die Stufen zum Rathaus emporstieg, und nicht nur, weil sie gleich beim Bürgermeister vorsprechen würde, sondern weil sie den Kaffee nicht gewohnt war.
»Werte Frau Hofmeister, es ist unmöglich für Euch, eine Erbschaft anzutreten«, begann Bürgermeister Schillinger. »Kennt Ihr die Gesetzeslage denn nicht?«
»Ich verstehe nicht ganz, Benedikt Riesinger hat mich doch adoptiert und somit bin ich doch erbberechtigt.«
»So weit ist das ja richtig, aber eine Frau ohne Ehemann kann nicht erben.«
»Ich bin doch verheiratet, nur ist mein Mann eben vermisst.«
»Wir brauchen hier eine Unterschrift Eures Gatten, damit die Erbschaft auch rechtskräftig wird. Keine Unterschrift, kein Erbe! Ich mach Euch einen Vorschlag, Frau Hofmeister. Erich Stracke, der Stadthauptmann, würde sich Eurer gerne annehmen. Und Euren Wilhelm könnten wir für tot erklären. Dann wäre doch allen geholfen, oder nicht?«
»Der stinkende Fettwanst, der nur noch ein paar faule Zähne im Maul hat und ständig besoffen ist? Niemals! Vorher erhänge ich mich am nächsten Baum. Wie viel Zeit bleibt mir, meinen Mann zu finden?«
»Zwölf Wochen. Zwölf Wochen, dann heiratet Ihr entweder den Erich oder das Erbe geht an die Stadt. Das ist mein letztes Wort. Gehabt Euch wohl, Frau Apothekerin.«
Sie brauchte dringend Hilfe, aber wem konnte sie vertrauen? Als Katharina die 350 Stufen auf den Daniel stieg, schlug die Turmuhr der St. Georgskirche dreimal. Keuchend und außer Atem erreichte sie die Türe zur Turmstube. Wenn ihr einer helfen konnte, dann der Stadthauptmann. Sie war zwar nicht scharf auf ein Gespräch mit dem Widerling, doch er hatte Verbindungen zu den Truppen und kannte wichtige Soldaten.
Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie anklopfte. Ein ihr unbekannter Wachsoldat öffnete ihr die Türe zur Turmstube. Im Hintergrund konnte sie bereits Erich sehen, der in eine vor Fett triefende Keule biss.
»Waff für eine erfreuliche Überraffung«, schmatzte dieser mit vollem Mund, so dass Teile seiner Mahlzeit durch die Luft flogen. »Lasst uns allein, wir haben etwas zu bereden«, wies Stracke seine Kollegen an. Als sie die Türe hinter sich schlossen, bot Erich ihr einen Platz an.
»Setz dich, meine Hübsche. Das hier sind die Habseligkeiten, die Riesinger bei sich getragen hatte, als man ihn aufgefunden hatte«, erklärte der Stadthauptmann und überreichte ihr die Geldkatze des Stiefvaters.
»Das ist alles? Wo sind seine Kleidung und seine Taschenuhr?«
»Willst du etwa behaupten, ich hätte die Sachen an mich genommen?«
»Nein, es ist nur… Man hatte ihn doch nicht etwa wegen einer Taschenuhr ermordet!«
»Hungernde würden wegen einer Scheibe Brot morden! Wo seine Kleidung ist, weiß ich nicht. Frag den Totengräber!«
»Weshalb ich eigentlich hier bin: Ihr wart einer der Letzten, die Wilhelm lebend gesehen haben. Könnt Ihr mir noch irgendeinen Anhaltspunkt geben, wo er sein kann, falls er noch lebt?«
Entgeistert sah der Wachmann sie an.
»Das hab ich dir doch schon alles hundert Mal erzählt. Wilhelm hat den Oberbefehlshaber Graf von Holzappel nach Augsburg gebracht. Mehr weiß ich nicht! Ich dachte, du kommst wegen unserer Hochzeit zu mir. Willst du dich davor drücken und hoffen, deinen Wilhelm wiederzufinden? Bin dir wohl nicht gut genug, hä?«
»Ich glaube, es war ein Fehler von mir, hierherzukommen«, bemerkte Katharina und stand auf, um zu gehen. Erich umfasste ihre Hüften und lächelte sie an, dass seine wenigen braunen Zähne zum Vorschein kamen.
»Wir wären doch ein hübsches Paar«, hauchte er ihr ins Gesicht. Katharina schloss die Augen und drehte ihren Kopf zur Seite. Sein fauliger Atem ließ sie beinahe würgen.
»Lass mich los! Das bringt doch nichts!« Doch ihn beeindruckten ihre Worte nicht. Er versuchte, sie zu küssen. Katharina drehte ihren Kopf zur Seite und so schmierte Erich mit seinem fettigen Mund über ihre Wangen.
»Hör auf!« Panik stieg in ihr auf. Er ließ von ihr ab, griff in ihren Ausschnitt und fetzte mit einem Ruck ihr Mieder in zwei Hälften. Versteinert vor Entsetzen stand sie mit entblößtem Oberkörper vor ihrem Peiniger. Mit einem fiesen Grinsen öffnete Stracke seinen Hosenlatz und trat näher. Sie ließ ihr Knie mit voller Wucht nach oben schnellen. Der Stadthauptmann sackte schmerzverzerrt zusammen.
»Du dreckige kleine Hexe!«, brüllte Stracke, nach Atem ringend. Katharina raffte ihre Strickjacke und stürmte die Stufen hinab.
Am Eingang standen einige Wachsoldaten, die Katharina musterten.
»Eurem Hauptmann geht es nicht so gut. Ich glaube, er hat Leibgrimmen«, sagte sie beim Vorbeigehen mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Entgeistert sahen die Männer ihr nach.
Ihr Weg führte Katharina ohne Umwege zu ihrem Jugendfreund. Simon Mühlbichler war mittlerweile zu einem stattlichen Mann herangewachsen. Er hatte durch die schwere körperliche Betätigung in der Zimmerei einen sehnigen Körper, der von der Arbeit an der Sonne gebräunt war. Sein schwarz gelocktes Haar reichte bis zu seinen Schultern. Das bartlose Gesicht wurde von einer schiefen Nase unterstrichen, die er sich gebrochen hatte, als er aus dem Baumhaus stürzte.
»Alles, was ich vom Verschwinden von Wilhelm erfahren habe, ist, dass er den schwerverletzten Oberbefehlshaber, Graf von Holzappel, nach Augsburg gebracht haben soll. Danach verliert sich jede Spur«, erklärte ihm Katharina. »Ich muss sofort nach Augsburg, um ihn zu suchen!«
»Wie willst du als Frau allein in Augsburg jemanden finden?«
»Ich bin nicht allein, du wirst mich begleiten«, schmunzelte sie.
»Ich kann hier nicht einfach so weg. Mein Vater springt mir an die Kehle. Jetzt wo wir endlich wieder genug Arbeit haben, kann ich ihn doch nicht einfach allein lassen!«
Simon sah Katharina in die Augen und überlegte.
»Allerdings kann ich dich ja nicht im Stich lassen. Wann soll’s denn losgehen?«
»Am besten gleich morgen früh, dann sind wir abends in Donauwörth und, wenn alles gut läuft, übermorgen in Augsburg.« Wie es dann weitergehen sollte, wusste Katharina auch noch nicht. Sie würden sich einfach durchfragen und hoffen, dass Wilhelm dort irgendwelche Spuren hinterlassen hatte.
Kapitel 7
Mit Tränen in den Augen winkte Elfriede Breitenbach Simon und Katharina auf ihren Pferden hinterher, bis sie die beiden nicht mehr sehen konnte. Sie hatten die Stadt durch das Reimlinger Tor verlassen und bald waren nur noch einzelne Bauern zu sehen, die ihrer Arbeit auf den Feldern nachgingen.
Sie waren jetzt im Gebiet des Grafen Johann von Oettinger-Wallerstein und würden heute noch die Harburg passieren, den Stammsitz des Grafen. Der war auf die Nördlinger nicht sonderlich gut zu sprechen. Der Graf Oettinger-Wallerstein sollte vor langer Zeit die Nördlinger Wachen bestochen haben, damit diese das Tor nachts nicht verriegelten. So sollte ein Überfall auf die Stadt gelingen. Durch einen Zufall sah die Frau des Lodwebers, wie sich eine Sau am offen stehenden Tor kratzte. Die rannte sofort zum Bürgermeister und schlug Alarm. Die bestechlichen Torwächter wurden daraufhin gevierteilt.
Als die Sonne den höchsten Stand erreichte, bog Simon in ein Waldstück ab. Sie kamen an eine Lichtung, durch die ein kleiner Bach floss. Hier hatte er des Öfteren Rast gemacht, um die Pferde zu tränken. Der Waldboden war dick mit Moos bewachsen und sah im Sonnenlicht wie ein flauschiger Samtteppich aus.
Mit Speck, einem Kanten Brot und etwas Käse stärkten sich die beiden.
»Mein Gott, hast du deinen gesamten Hausstand mitgenommen?«Simon grinste, als er den Leinenbeutel von Katharina musterte.
»Nein«, lachte sie. »Da ist nur eben alles drin, was man so braucht. Reiseproviant, Schlageisen und Zunder zum Feuermachen, Nadel und Faden für Reparaturen der Kleidung, getrocknete Pfefferminzblätter für frischen Atem, Salben und Kräuter für die verschiedensten Leiden, Leinenstreifen zur Herstellung eines Wundverbands und noch vieles mehr.«
Nach längerem Schweigen brach Katharina die Stille.
»Warum hast du bis jetzt nicht geheiratet?«
Nachdem Simon seinen Bissen hinuntergeschluckt hatte, erklärte er:
»Es ist mir nicht nur einmal im Leben passiert, dass ich mich in eine Frau verguckt habe, die später zwangsverheiratet wurde. Ich bin es leid geworden. Da bleibe ich lieber allein.«
»Ich wünschte, mir wäre das damals alles erspart geblieben.« Katharina stocherte mit einem kleinen Ast im moosigen Waldboden.
»Wir sollten weiter«, unterbrach Simon ihre Gedanken. »Es ist noch ein gutes Stück bis Donauwörth.«
Nach einem langen Ritt rief Simon zu Katharina:
»Siehst du den Turm vor uns? Das ist das Kloster Heilig Kreuz von Donauwörth. Dort werden wir versuchen, ein Nachtlager zu bekommen.«
»Das sieht ja nicht besonders einladend aus!«
»Dafür kostet es nichts!«
Als sich nach mehrmaligem Klopfen eine kleine Luke in der Klosterpforte öffnete, schaute ein Augenpaar mit getrübten Linsen verwundert auf die Reisenden.
»Was wollt ihr? Wir nehmen keine Fremden auf!«
»Wir würden euch nur für diese Nacht belästigen und sind mit der einfachsten Kammer zufrieden«, beschwichtigte ihn Katharina. »Wir kommen aus Nördlingen und haben wichtige Erledigungen in Augsburg zu tätigen.«
»Meinetwegen, aber Ansprüche braucht ihr nicht zu stellen. Seit dem Krieg sind große Teile des Klosters zerstört und zu essen habe ich für euch auch nichts«, murrte der Mönch, während er die Klosterpforte einen Spalt öffnete. Beim Durchschreiten des verwilderten Klostergartens erzählte er weiter:
»Seit dem Tod von Bruder Jakobus letztes Jahr bin ich allein hier. Man muss aufpassen, es ist viel Gesindel unterwegs. Ich bin übrigens Bruder Antonius.
Hier könnt ihr schlafen. Wenn ihr noch etwas braucht, findet ihr mich in der Kirche beim Abendgebet.« Dankend schloss Katharina die schwere Türe hinter dem Mönch.
»Da sind wir mal keine Minute zu früh hier angekommen«, bemerkte Simon, als er durch das Fenster blickte. Mit Blitz und Donner entlud sich ein heftiges Gewitter. Wasser rann über das Glas der Fenster. Im dämmrigen Abendlicht sah Simon eine Gestalt in Mönchskutte über den Klosterhof eilen. Sagte Bruder Antonius nicht, er sei alleine hier? Er konnte das ja unmöglich sein. Er hat das Zimmer ja gerade erst verlassen. Um Katharina nicht zu beunruhigen, wendete sich Simon seinem Nachtlager zu.
Seine Begleiterin hatte inzwischen einen Kienspan11 aus ihrem Leinenbeutel hervorgeholt und entzündet. Im Schein der rußenden Flamme lagen sie wortlos unter ihren Decken.
»Simon?«, unterbrach Katharina die Stille. »Hältst du mich fest? Ich hasse Gewitter.« Dann lag Katharina in Simons Armen. Ihre Hand strich zärtlich über seine Brust. Als sich ihre Blicke trafen, lächelten sie sich kurz an, schauten dann aber beide verlegen weg.
»Ist schon ein komisches Gefühl, wenn man sich schon so lange kennt wie wir«, flüsterte Katharina.
»Ja, das stimmt.« Einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
»Mein Gott, du bist ja immer noch so schüchtern wie zur Schulzeit!«, lachte Katharina. Sie drehte sich zu ihm und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Es dauerte eine Weile, bis Simon realisierte, was eben geschehen war. Als sich ihre Blicke trafen, mussten beide herzhaft lachen. Danach wurden ihre Mienen wieder ernst. Vorsichtig reckte Simon seinen Kopf. Katharina befeuchtete ihren Mund mit der Zunge und kam ihm entgegen. Dann fanden sich ihre Lippen zu einem Kuss. Erst ganz vorsichtig, dann immer wilder und fordernder. Hände erkundeten fremde Haut, Kleidung wurde achtlos abgestreift.
Katharinas Atem beschleunigte sich. So hatte sie das noch nie gefühlt. Ihre Zungen tanzten und umkreisten sich, während sie zu einer einzigen Einheit verschmolzen. Ein Gefühl von Wärme und Glück durchströmte die Liebenden.
Sie glitten hinüber in einen zufriedenen Schlaf.
Aufgeweckt von Schritten auf dem Flur, löste sich Simon von Katharina. Seine Gedanken waren wieder bei dem unbekannten Mönch, den er im Klosterhof gesehen hatte.
Neugierig öffnete er die Türe zum Flur, um zu sehen, was dort mitten in der Nacht vor sich ging. Doch es war stockfinster und auch nichts mehr zu hören. Plötzlich spürte er ein Brennen. Als er sich an den Bauch fasste, musste er feststellen, dass ein Messer in ihm steckte. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, dann verlor er das Bewusstsein.
*
Als Katharina erwachte, war es immer noch dunkel und ihr Schädel dröhnte, als hätte sie gestern mehrere Krüge Wein getrunken. Schnell begriff sie, dass sie nicht mehr mit Simon im Nachtlager des Klosters lag, sondern in einer Holzkiste auf einem Fuhrwerk unterwegs war.
»Wer seid ihr? Und was wollt ihr von mir?«, rief sie panisch. Aber alles, was sie hörte, war das monotone Rumpeln der eisenbeschlagenen Räder.
Was war nur passiert? Jemand musste sie niedergeschlagen haben. Und wo um Himmels willen war Simon, dachte sie sich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, als ihre Schmerzen in den Knochen schon fast unerträglich wurden, stoppte das Gefährt. Als die Kiste geöffnet wurde, kniff Katharina ihre geblendeten Augen zusammen.
»Wer seid ihr? Und wo bin ich hier?«
»Willkommen in Augsburg. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise«, sagte einer der beiden unbekannten Männer übertrieben vornehm. Ohne ein weiteres Wort führten sie die junge Frau in ein großes Gebäude.
»Ihr hattet ein schönes Zimmer im Eisenhaus12 bestellt«, machte sich der andere der beiden über sie nun lustig. Entsetzt hörte sie qualvolle Schmerzensschreie einer Frau und wurde in eine Zelle gestoßen. Krachend flog die Gittertüre hinter ihr ins Schloss.
»Was wird mir vorgeworfen?«, schrie Katharina verzweifelt. Doch sie bekam keine Antwort. Ihre Zelle war gerade so groß, dass sie sich nach allen Seiten ausstrecken konnte. Auf dem kalten Steinboden war Stroh ausgelegt. Außer dem Eimer für die Notdurft war die Zelle leer. Katharina kauerte sich in eine Ecke, umschlang ihre Beine mit den Armen und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
»Flieht von hier, wenn Ihr könnt. Der Herrgott wacht und der Pfaffe lacht«, hörte sie einen alten Mann sprechen, der in der Zelle gegenüber angekettet war. Er schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Sein graues langes Haar und sein Bart waren Zeugen eines wohl schon längeren Aufenthalts. Dennoch hat er seinen Humor nicht verloren, dachte sich Katharina.
»Pfaffentrug und Weiberlist geht über alles, was ihr wisst«, wieder lachte der Alte.
»Wenn die Hexe stirbt, möchte ich nicht in deiner Haut stecken, Henker. Wir brechen die Befragung für heute ab. Sperrt sie wieder in die Zelle!« Zwei Männer schleiften eine bewusstlose Frau in Katharinas Zelle und ließen sie zu Boden fallen wie einen Mehlsack. Die Apothekerin hielt vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Die Arme der Frau waren unnatürlich nach hinten gebogen, die Haut an den Daumen aufgeplatzt und nur notdürftig mit einem schmutzigen Lappen umwickelt.
»Es ist nicht Not, dass die Pfaffen heiraten, solange die Bauern Weiber haben!«, krächzte der Alte aus der gegenüberliegenden Zelle.
»Mein Gott, spart Euch doch Eure dämlichen Sprüche für andere auf. Hier liegt eine fast zu Tode gefolterte Frau und Ihr macht immer noch blöde Witze«, rief Katharina, sichtlich erbost. Die gefolterte Frau stöhnte leise.
»Kannst du mich hören? Wie heißt du?«, fragte die Heilkundige.
»Martha, die Hebamme«, wisperte sie.
»Ich werde dir jetzt leider noch einmal wehtun müssen, Martha. Deine Schultergelenke sind ausgekugelt.« Martha nickte fast unmerklich. Sie drehte die Frau auf den Rücken und stellte ein Bein auf ihre Brust, packte Martha am Handgelenk und riss mit einem schnellen Ruck an ihrem Arm. Erneut war ein Knacken in der Schulter von Martha zu hören. Die gepeinigte Frau brachte nur ein Stöhnen über ihre Lippen. Auch die zweite Schulter war auf gleiche Weise schnell in ihre ursprüngliche Lage gebracht. Ein leises »Danke« kam über ihre Lippen.
Als Martha sich nach mehreren Stunden etwas erholt hatte, fragte sie: »Wer bist du, dass du weißt, wie man Gelenke einrenkt?«
»Katharina, die Apothekerin aus Nördlingen.«
»Und weshalb bist du hier?«
»Das weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht mal, wie ich hierhergekommen bin. Keiner gibt mir eine Antwort auf meine Fragen. Ich war mit einem Freund aus Nördlingen aufgebrochen, um meinen verschollenen Ehemann zu suchen. Im Kloster Heilig Kreuz in Donauwörth wurden wir dann überfallen. Was mit meinem Freund passiert ist, weiß ich auch nicht. Mein Gott, Simon!«
Martha nahm Katharina trotz ihrer Schmerzen in den Arm und tröstete sie:
»Nicht weinen. Es wird schon alles gut werden. Dann ist es doch so, wie ich denke. Nur Augsburger und bekannte Personen werden hier hingerichtet. Die anderen werden weggebracht. Aber wohin, weiß ich nicht.«
»Der Herrgott wacht und der Pfaffe lacht«, krächzte der Alte wieder. Es näherten sich wieder Schritte. Zwei Büttel führten einige Männer in Ketten Richtung Ausgang. Als Katharina den Wachmann genauer betrachtete, blieb ihr fast das Herz stehen.
Wilhelm? Sie brachte kein Wort über ihre Lippen.
»Wer war die Wache mit den roten Haaren und dem Vollbart?«, fragte Katharina die Hebamme.
»Beim Namen kenne ich die auch nicht.«
»Der rote Willi bringt die Brauchbaren von uns hier weg«, krächzte der Alte aus der Zelle gegenüber.
»Was sagtest du, wie der heißt?«
»Der rote Willi. Ist noch recht neu hier. Nicht mal ein Jahr. Flüchtet, solange ihr noch könnt. Der Herrgott wacht und der Pfaffe lacht.«
»Oje, jetzt gehen die Sprüche wieder los«, sagte Katharina und verdrehte ihre Augen. Schritte näherten sich. Klimpernd schlugen Schlüssel aneinander, als eine Wache die Gittertüre der beiden Frauen entriegelte.
»Hände auf den Rücken!«, befahl ihr der Hüne und fesselte Katharina.
»Was soll das jetzt werden?«, wollte Katharina wissen, als ihr die Wache mit einem Stück Leinen die Augen verband.
»Plapper nicht, Weib. Du sagst nur was, wenn du gefragt wirst!« Sie hörte, wie die Zelle hinter ihr wieder verschlossen wurde, und spürte einen festen Männergriff an ihrem Arm.
Er führte sie nach rechts von der Zelle weg und bog nach wenigen Schritten links ab. Kurz darauf blieb er stehen. Ein Klicken und ein knarzendes Geräusch waren zu hören.
»Bück dich«, sagte die Wache zu ihr und drückte Katharinas Kopf nach unten. Ein leichter Zugluft blies der Apothekerin entgegen. Es roch noch muffiger und feuchter als in ihrer Zelle. Eine ganze Weile marschierten sie geradeaus.
»Jetzt die Treppe hoch!« So stapfte sie eine Vielzahl von Stufen empor, bis sich vor ihr wieder knarzend eine Türe öffnete. Der Modergeruch war plötzlich verschwunden.
Als ihr die Augenbinde abgenommen wurde, staunte Katharina nur noch. So viel Pracht und Prunk hatte sie in ihrem Leben noch nie gesehen. Sie war in einer Halle, die gut zwei Steinwurf lang und einen breit war. Sie hätte einen Stein wohl nicht so hoch werfen können, um die Decke der Halle zu treffen. An dieser waren Malereien, umrahmt von goldenen Verzierungen. Es war unglaublich hell durch die vielen Fenster.
»Da staunst du, was!«, lachte der Wachmann.
»Lass uns allein«, befahl ein gut gekleideter Mann, der einige Jahre jünger als Katharina sein musste. Der Wachsoldat verbeugte sich und entfernte sich.
»Man hat mir wirklich nicht zu viel versprochen. Eure Schönheit raubt mir fast den Atem.«
»Danke, aber wer seid Ihr?«, fragte Katharina neugierig.
»Oh, verzeiht mein rüpelhaftes Verhalten. Sigismund Franz von Habsburg. Wie ist Euer werter Name?«
»Katharina Hof … ähm … Riesinger«, stotterte sie. Es war wohl besser, nicht den Namen des roten Willi zu erwähnen.
»Na dann, Katharina, leistet mir ein wenig Gesellschaft. Lasst uns ins Fürstenzimmer hinübergehen. Hier im goldenen Saal ist es etwas ungemütlich«, erklärte Sigismund und reichte ihr den Ellbogen.
»Warum hält man mich hier gefangen?«
»Das, meine Liebe, entzieht sich meiner Kenntnis.«
»Aber Ihr seid doch hier das Oberhaupt, dann müsstet Ihr doch wissen, wer wegen welcher Straftaten inhaftiert wird.«
»Ich glaube, Ihr seid Euch nicht ganz bewusst, wen Ihr vor Euch habt. Ich bin Erzherzog und Bischof von Augsburg. Mein Onkel war Kaiser Ferdinand II. Meine Schwester wird am 2. Juli Ferdinand III., den römisch-deutschen Kaiser, meinen Cousin, heiraten. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass ich Wichtigeres zu tun habe, als zu wissen, wer bei uns im Kerker sitzt? Ohne Grund ist dort niemand«, verschärfte sich der Ton des edlen Mannes.
»Tut mir leid, wenn ich Euch widersprechen muss, Eure Exzellenz. Ich leider schon. Und es wurde mir bisher nicht gesagt, was mir überhaupt vorgeworfen wird.«
»Wärt Ihr nicht ein so bezauberndes Wesen, würde ich Euch für diese Unverschämtheit hinrichten lassen«, erwiderte ihr der Erzherzog mit lächelnder Miene. »Aber lasst uns doch das Thema wechseln. Ihr kommt aus Augsburg?«
»Nein, ich komme aus Nördlingen. Mein Stiefvater hatte dort eine Apotheke, die ich erst kürzlich übernommen habe. Aber es gibt Probleme mit der Erbschaft. Warum können hierzulande Frauen nicht erben?«
»Warum? Weil schon das Alte Testament lehrt: Mach dir die Frau zu deinem Untertan. Wozu also soll ein Weib eine Erbschaft machen?«, fragte er sie und blickte ihr in die Augen. Darauf wusste sie keine Antwort. Sie konnte sich nicht auch noch in Anwesenheit des Bischofs gegen die Kirche stellen.
»Wie, sagtet Ihr, ist Euer Name?«
»Riesinger.«
»Nie gehört den Namen. Aus Nördlingen kenne ich nur einen Hofmeister.« Katharina schluckte.
Was hat Wilhelm mit dem Bischof zu schaffen, dachte sie sich.
»Hab Ihr schon einmal von einer Silbermine in Eurer Gegend gehört?«
»Eine Silbermine? In Nördlingen? Nein.«
Sigismund Franz von Habsburg schaute enttäuscht.
»Gut, Katharina. Es wird Zeit, mich zu verabschieden. Auf mich wartet noch eine Menge Arbeit. Hat mich sehr gefreut, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich werde gleich einer Wache Bescheid geben, die Euch zurückbringen wird.«
11 Holzspan aus geharztem Kiefernholz als Beleuchtungsmittel. Brenndauer ca. 20 min.
12 Ehemaliges Augsburger Gefängnis. Es wurde 1882 abgerissen. Das Grundstück wurde nicht mehr bebaut und bildet den heutigen Elias-Holl-Platz.
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