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Stefan Koenig

2034

10 Jahre nach Corona - 50 Jahre nach Orwells 1984

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Inhaltsverzeichnis

Titel

2034

Stefan Koenig

Empört euch

Zur Beachtung

Auf dem Seziertisch 2022

Was Sie unbedingt noch wissen sollten …

Kurz bevor mich der Pathologe aufschlitzte

Genf, Frühsommer 2009

Gießen, Pathologie, Raum 508

Trottel am Werk

Opfer der Impfstory?

Genf, Schweinegrippe 2009

Nebenbemerkung

New Orwell 2034

Alte Geschichten

Das Video vom Prozess 2025

Das Urteil

Fahrt ins Ungewisse 2034

Auf dem Weg nach Weimar

Weimar, Kulturstadt im Fünften Reich

Ein Fantasie-Urteil auf dem Weg nach Berlin

Das Reichstheater: Er ist wieder da

Dank an

Dokumente aus dem Bunker

Anmerkung des Autors

Falls es Sie interessiert …

Teil 1

Teil II

Teil III

Anhang

Impressum neobooks

2034

Ein wirklich leistungsfähiger

totalitärer Staat wäre ein Staat,

in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber

und ihre Armee von Managern

eine Bevölkerung von

Zwangsarbeitern beherrscht,

die zu gar nichts gezwungen

zu werden brauchen,

weil sie ihre Sklaverei lieben.

(Aldous Huxley in »Schöne neue Welt«)

»Die perfekte Diktatur wird

den Anschein einer Demokratie machen,

in dem die Gefangenen nicht einmal davon träumen auszubrechen.

Es ist ein System der Sklaverei,

bei dem die Sklaven dank Konsum

und Unterhaltung ihre Liebe

zur Sklaverei entwickeln.«

Dieses Zitat wird fälschlicherweise oftmals

Aldous Huxley zugeschrieben.

Es stammt jedoch aus der Feder

einer unbekannten Autorenschaft,

die Huxleys Werk »Brave New World«

lediglich zusammenfasste.

Diese Zusammenfassung ist jedoch

insoweit authentisch,

als Huxley sich inhaltlich

mehrfach ähnlich geäußert hat.

In einer Rede vor Studierenden in Kalifornien sagte er 1959 beispielsweise,

dass er glaube, »dass künftige Diktaturen

Menschen dazu bringen,

ihre Beherrschung nicht als solche

zu empfinden, weil sie durch neue Techniken der Propaganda und Gehirnwäsche

sowie durch pharmazeutische Methoden

manipuliert werden«.

Stefan Koenig

2034

10 Jahre nach Corona

50 Jahre nach Orwells 1984

100 Jahre nach Gröfaz

Bericht über die

willkommene Diktatur

Fantastischer Zeitreise-Roman Band 11

Empört euch

Sie sind wie wir. Doch sind sie es nicht gerne.

Sie machen sich nicht gern mit uns gemein.

Sie schickanier‘n uns lieber aus der Ferne

Und wollen gleich nur unter ihresgleichen sein.

Wir zahlen Steuern und sie setzen ab.

Wir legen Hand an und sie spekulier‘n.

Und halten unsre Ängste klug auf Trab,

Damit wir nichts kapieren beim Verlieren.

Sie sind die Reichen. Manchmal auch die Schönen.

Sie reden Unsinn und der wird gern publiziert.

Sie faseln gern von viel zu hohen Löhnen

Und dass das unsre Wirtschaft ruiniert.

Die Börse jubelt, wenn sie die entlassen,

Die ihnen ihren Reichtum eingebracht.

Gerichtlich sind sie eher nicht zu fassen,

Denn die Gesetze sind für sie gemacht.

Empört euch, beschwert euch

Und wehrt euch, es ist nie zu spät!

Empört euch, gehört euch

Und liebt euch und widersteht!

Die Visionäre spar‘n sich kühnere Entwürfe,

Selbst die Saturierten wirken blutleer, wie kastriert.

Die Demonstranten fragen scheu,

Was sie noch dürfen,

Und an der Börse wird ein Gesslerhut platziert.

Die Menschenwürde, hieß es, wäre unantastbar,

Jetzt steht sie unter Finanzierungsvorbehalt –

Ein Volk in Duldungsstarre, grenzenlos belastbar,

Die Wärmestuben überfüllt,

Denn es wird kalt.

Den meisten ist es peinlich, noch zu fühlen

Und statt an Güte glaubt man an die Bonität,

Man lullt uns ein mit Krampf und Kampf und Spielen

Schau‘n wir vom Bildschirm auf,

Ist es vielleicht zu spät …

Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch.

Wer ihren Atem spürt, duckt sich schon präventiv.

Und nur der Narr ist noch nicht ganz erstarrt,

Er übt noch und wagt zu träumen,

deshalb nennt man ihn »naiv«.

Empört euch …

Verschwört euch …

Wir brauchen Spinner und Verrückte,

Es muss etwas passier‘n.

Wir sehen doch, wohin es führt,

Wenn die Normalen regier‘n.

(Songtext von Konstantin Wecker aus dem Jahr 2011)

Zur Beachtung

Bitte vergessen Sie nicht,

dass es sich bei dem vorliegenden Werk

um eine frei erfundene Story handelt.

Keine Angst also, SIE sind nicht gemeint!

Personen- und Orts-Namen,

die Ihnen vielleicht

bekannt vorkommen mögen,

gehören nicht zu real existierenden

Personen oder Orten.

Jedenfalls gibt es sie so nicht, nicht so!

Orte, Ereignisse und Romanfiguren

sind allesamt Erfindungen.

Nackte Illusionen.

Faktische Fiktionen.

Fiktive Fakten.

Berlin und Frankfurt

– gibt es diese Orte wirklich?

Ich bin mir in nichts mehr sicher.

Vielleicht wissen Sie mehr.

Der Autor legt Wert auf die Feststellung,

dass Alice Weidel und Karl Lauterbach

tatsächlich nicht

mit Adolf Hitler gesprochen

oder Deutschland geteilt haben.

Und noch etwas:

Ich bin Timur Vermes

für seinen Roman

»Er ist wieder da«

äußerst dankbar – ein starkes Buch!

Aber auch diesbezüglich lege ich

Wert auf die Feststellung,

dass der hier erwähnte Timbur Varmes

nicht mit Timo Vermes identisch ist

Auf dem Seziertisch 2022

Was Sie zuvor wissen sollten …

Ich schreibe Ihnen aus dem Jahr 2034. Und ich lebe noch, besser gesagt: gerade noch. Im Jahr 2022 – und damit beginne ich meinen Tatsachenbericht – lag ich als Corona-Impfopfer auf dem Seziertisch der Pathologen, gelähmt und hilflos, mit starren Augen an die Decke schauend, während ich mitbekam, wie man mich aufschneiden wollte. Ich sah mein letztes Stündlein schlagen. Überhaupt – schlagen war »in«. Draußen schlugen sich in Straßenschlachten Geimpfte und Ungeimpfte. Dann erinnere ich mich an einen schrecklichen Wintersturm im selben Jahr – es war der Sturm des Jahrhunderts.

Schließlich folgte ein erholsames und hoffnungsvolles Jahr 2023, und wir riefen die »Freie Republik« aus. Während in der zersplitterten Restrepublik das Covid-Virus und eine ziemlich wirre Politik tolle Blüten trieben, blieb unsere Freie Republik erstaunlich Virus frei. Vor zehn Jahren aber, im Jahr 2024, legte die neue Ampel-Regierung ein Gesetz nach dem anderen vor – was allerdings die grundgesetzliche Substanz unseres Gemeinwesens gehörig untergrub. Rundum spielte zudem die ganze Welt verrückt.

Die Hysterie um Covid-19 bringe mehr Menschen um als Covid selbst, sagten einige. Andere meinten, diese Art Aussagen seien eine Verharmlosung eines gefährlichen Virus, wie ihn unser Planet noch nicht erlebt habe.

Während dieses zweijährigen Pandemie-Palavers verdoppelten die zehn reichsten Familiendynastien der Welt ihr Vermögen auf 1,5 Billionen Dollar, was einem Durchschnittszuwachs von 1,3 Milliarden pro Tag entsprach. Demnach stieg das Vermögen der Milliardäre während der Pandemie stärker als in den gesamten vierzehn Jahren zuvor.

Für Milliardäre glich die Pandemie einem Goldrausch. Regierungen hatten Milliarden in die Wirtschaft gepumpt. Ein Großteil dieser Milliarden blieb bei Menschen hängen, die von steigenden Aktienkursen besonders profitierten. Während ihr Vermögen so schnell wuchs wie nie zuvor und einige von ihnen aus Langeweile und luxuriösester Neugier Ausflüge ins All unternahmen, hatte die weltweite Armut drastisch zugenommen.

Prost!

Zum Wohl!

Nun ja, ich möchte Sie, liebe Leserschaft, nicht mit Trivialitäten langweilen. Wir kennen das alles zur Genüge. »Im Westen nichts Neues« – dieser Anti-Kriegs-Roman von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1928 hatte mich als Gymnasiast besonders beeindruckt. Er handelt vom Ersten Weltkrieg. Ein Nachkriegsroman. Dann kam der Mann aus Österreich mit dem ekligen Schnauzer und verwandelte Remarques Nachkriegsroman in einen Vorkriegsroman.

Ich erinnere Sie ungern, aber es scheint mir angemessen: Noch immer schreibe ich aus dem Jahr 2034. Vor einem Jahr, genau am 30. Januar 2033 – auf den Tag genau hundert Jahre nach SEINER Machtergreifung – rief Alice Weidel in Berlin vom Balkon des neuen Stadtschlosses aus das Fünfte Reich aus. Dabei schwenkte sie die schwarz-weiß-rote Reichsfahne, in der Mitte ein kreisrundes Weiß mit ihrem Konterfei. Gleichzeitig proklamierte Karl Lauterbach in Frankfurt am Main vom Balkon des Römers aus die Fünfte Republik – in Schwarz-Rot-Gold, in der Mitte ein kreisrundes Weiß mit einem fetten Schweizer Roten Kreuz. Das Interessante daran: Beide Staatsformen unterschieden sich kaum. Und dann kam da noch jene bereits erwähnte Gestalt ins Spiel, die jeder kennt – ja, ER war plötzlich wieder da. ER war das Ergebnis jener unsäglichen Corona-Pandemie. Spannend war die Frage, wo er sich feiern lassen würde – bei Alice oder bei Karl?

Diktatoren lieben es, ihre Wiederauferstehung in anderen Gewändern zu zelebrieren. Und die dazu gehörigen feschen Diktaturen verbrämen sich in neuen Staatsformen (möglichst digital) und wollen nicht als Diktaturen erkannt werden. Das alles ist verständlich. (Verkleidete Karnevalisten möchten bei einem vereinsinternen One-Night-Stand auch nicht immer erkannt werden – Alimente, Alimente!). Und wenn ich völlig unbefangen zurückblicke, so begann alles zunächst ziemlich demokratisch.

Wenn ich Ihnen, meine verehrten Leserinnen und Leser, alles der Reihe nach erzählen soll, dann muss ich wohl oder übel bei jenem Übel aus Wuhan anfangen. Vielleicht aber liegt aller Anfang, gewissermaßen die Geburt der Pandemie, in den Köpfen einiger weltbeherrschender Multimilliardäre. Dann würde mich der Erzählstrang erst einmal in die Schweiz führen. Schweizer Käse? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Sie bemerken sicher: Ich befinde mich an einer Weiche und bin bereits jetzt in der misslichen Lage, diese Weiche stellen zu müssen. Die Wege scheinen sich zu trennen – warten wir ab, ob sie wieder zusammenfinden. Verworrene Wege? … Okay, geben Sie sich einen kleinen Ruck und gehen Sie mit mir diese – vielleicht weite, vielleicht aber auch kurzweilige – Strecke mit. Immer in der sprichwörtlichen Hoffnung, dass alle Weg nach Rom führen … oder eben in die Schweiz.

Was Sie unbedingt noch wissen sollten …

Ich habe mir erlaubt, Personen der Zeitgeschichte mit ihren Klarnamen zu benennen. Nur SEINEN Namen habe ich nicht verwenden können, weil er mir bis zum heutigen Tag einfach entfallen ist. SEIN Vorname begann mit »A« und klang so ähnlich wie Arnulf, Alfons oder Arthur. SEIN Nachname begann mit »Hit« oder »Höt« oder »Hät« und könnte Hätler gelautet haben. Aber – ehrlich gesagt – ich weiß es nicht mehr.

In den Fällen, in denen es sich nicht um Personen der Zeitgeschichte handelt, tauschte ich die Namen aus. Wer immer sich wiedererkennen mag, dem sei es unbenommen, sich in die Stiefel einer beliebigen Romanfigur zu stellen. Ich selbst nenne mich so, wie mich mein Autorenname ausweist. Personen, die in diesem Roman nicht vorkommen, obwohl es ihnen vielleicht eine Ehre gewesen wäre, mögen mir verzeihen. Weniger bekannte Personen, die mir gerade deshalb nahe stehen, habe ich verfremdet.

Die hier geschilderte Geschichte gehört zweifellos in die offizielle Geschichtsschreibung und ist somit eindeutig wahr – selbst dann, wenn die Geschichte eines Tages von regierungshörigen Historikern auf Geheiß der Machthaber umgeschrieben werden sollte. Was hier geschrieben steht, ist unverfälschte Zeitgeschichte. Sie ist aus der unmittelbaren Wirklichkeit geschöpft und allein der schöpferischen Suche nach dem Sinn einer Pandemie geschuldet, von denen manche Querulanten vermuten, sie sei erfunden – was ich übrigens sehr bezweifele. Falls Sie die hier geschilderte und heute erlebte Zeitgeschichte so (oder so ähnlich) wie ich empfinden, dann befinden Sie sich auf der gesegneten Seite der Geschichtsschreibung. Natürlich hoffe ich, dass Sie dabei nicht auf dem Seziertisch landeten, wie es mir passierte.

Und jetzt zur Sache!

Es ging um alles. Wenn es um das eigene Leben geht, es sozusagen auf dem Spiel steht, erlebt man eine schauerliche Zitterpartie. Sie können gerne aus Sympathie mitzittern. Der Ehrlichkeit halber aber muss ich Ihnen gestehen: Es ist mir egal.

Jetzt ist es mir egal, völlig egal.

Kurz bevor mich der Pathologe aufschlitzte

Ich liege da; jedenfalls habe ich das unbestimmte Gefühl, dass ich liege. Aber ich weiß es nicht mit hundertprozentiger Gewissheit. Ich habe das Gefühl, dass meine Augen offen sind, doch selbst das könnte ich nicht beschwören, denn es ist so dunkel, dass ich einen Moment lang glaube (wie lange genau, das weiß ich nicht), ich sei vielleicht noch immer bewusstlos. Dann wird mir langsam klar, dass Bewusstlose nicht solche Gefühle haben können. Ein Fetzen Erinnerung dringt zu mir durch und behauptet, das Unglück habe mit der Diskussion um die Corona-Impfung begonnen.

Es stimmt ja auch, noch vor kurzem hatte ich mit meinem Arbeitskollegen Ben (wir arbeiten im gleichen Verlag im gemeinsamen Büro, aber ohne Maske) das sehr spezielle Thema diskutiert: Wer kann wen anstecken? Wer ist für wen gefährlich? Sollten wir uns auf drei Metern Entfernung acht Stunden am Tag gegenüber sitzen und uns unter einer widerlichen Maske bei der Arbeit abquälen?

Kein einfaches Thema: Sollte man das Virus mit einem unwirksamen Impfstoff, den man alle paar Wochen neu spritzen musste, gewissermaßen mit einer Art Dauerimpfschleife, bekämpfen? Oder sollte man auf die Eigenimmunisierung vertrauen, nachdem die erste und aggressivste Virusvariante durch war? Zu letzterem gab es eine Menge länderspezifischer Beispiele. Aber weder Ben noch ich hatten damals das Bedürfnis, uns mit dieser Frage als Hobbyforscher hervorzutun und das Laien-Spiel der »Alleswisser« auf Social Media mitzuspielen.

Und es interessiert mich im Moment auch wirklich nicht. Im Moment habe ich das Gefühl, mich durchs Dunkel zu bewegen, von einem leisen rhythmischen Geräusch begleitet, das nur ein quietschendes Rad sein kann.

Ich bin ziemlich sicher, dass ich mich ohne mein Zutun bewege. Und ich spüre mich; spüre meinen Körper von der rasierten Glatze bis zu den pedikürten kleinen Fußzehen. Ich glaube, etwas rundum riecht nach Gummi oder Vinyl – und dieser Geruch rollt mit mir. Das ist keine Bewusstlosigkeit; meine Empfindungen sind zu echt, um ein Traum zu sein.

Wo also bin ich?

Was passiert mit mir?

Bin ich der, den ich persönlich kenne, wenn ich noch in den Spiegel schauen könnte?

Seien Sie, verehrte Leser, bitte in den kommenden Minuten tapfer. Zumindest Sie sollten unerschrocken und bei Bewusstsein bleiben.

Wenigstens Sie!

Sie wissen, was auch ich weiß: Ich liege im Dunkeln und rolle und glaube, ich sei bewusstlos. Dann dämmert mir langsam, dass Bewusstlose nicht das Gefühl haben, sich durchs Dunkel zu bewegen, von einem leisen, rhythmischen Geräusch begleitet, das nur ein quietschendes Rad sein kann. Das idiotische Quietschen jenes dämlichen Rades verstummt, und ich höre plötzlich auf, mich zu bewegen. Der Gummigeruch bekommt eine zweite Dimension und wird als Knisterton hörbar. Kann so etwas sprechen? Oder ist das eine menschliche Stimme?

Stimme Eins: „Wohin soll er?“

Keine Antwort. (Versinkt jetzt mein Hörorgan in die besagte Bewusstlosigkeit?)

Nach langer Pause, Stimme Zwei: „In die 508, glaub‘ ich ...“ Erneute Pause, jedoch nicht so lange wie zuvor, dann: „Ja, doch, Tiefgeschoss, die Fünfhunderter-Abteilung.“

Ich werde wieder in Bewegung gesetzt, diesmal etwas langsamer. Da schlürfen Füße, wahrscheinlich in irgendwelchen Badelatschen, vielleicht in Clogs. Die Besitzer der Stimmen sind auch die Besitzer der Schuhe. Schon wieder halten sie inne und Stimme Eins sagt:

„Komisch, warum für das Tiefgeschoss die Raum-Nummern aus dem fünften Stock vergeben wurden.“

Stimme Zwei: „Weil es nur vier Stockwerke gibt, Blödmann!“

Ich kapiere das Ganze nicht; ich höre ein Geräusch, als drücke jemand auf einen schwergängigen Knopf, dann höre ich einen dumpfen Schlag, dem ein leises Zischen folgt. Aha, eine Sicherheitstür, die mit Druckluft geöffnet wird.

Hey, was ist hier los?, schreie ich, aber der Schrei tönt nur in mir, wahrscheinlich nur in meinem Kopf. Mein Mund bewegt sich nicht, ebenso wenig wie meine Lippen, die geschlossen bleiben, lose aufeinander liegend. Ich denke, ich kann sie fühlen – und meine bleierne Zunge, die wie eine Flunder auf dem Meeresboden meiner Mundhöhle liegt. Aber ich kann diese Flunder nicht aufscheuchen, nicht in Bewegung bringen. Trotz meiner starken Willenskraft bleibt sie einfach wie betäubt auf dem feuchten Boden und rührt sich nicht.

Das Ding, auf dem ich zu liegen scheine, kommt wieder in Fahrt. Ein großes rollendes Skateboard? Ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich, das kenne ich nur aus der Simpson-Serie! Eher ein rollendes Bett. Ahhh, jetzt dämmert‘s mir: eine Krankentrage. Ich liege auf einer rollbaren Krankentrage. Damit habe ich mal auf einer Anti-Castor-Demo Bekanntschaft gemacht. Damals hatten sich die Sanitäter über meinen zusammengeschlagenen Zustand belustigt und dachten, ich würde sie nicht hören. Sei’s drum. Sehr unsensible Sani-Täter. Egal. Es ist Vergangenheit.

Das Letzte, was mit mir geschehen ist, woran ich mich im Moment erinnere, spielte sich an einem schönen Mai-Nachmittag in einer Kabine in jenem umgeräumten Möbelhaus Roller in Heuchelheim ab – später einmal werde ich behaupten »Heuchelheim« oder auch »Meuchelheim« seien geeigneten Namen für so ein Impfzentrum gewesen.

Ich versuche krampfhaft, mich zu erinnern, was geschehen ist. Da war zuerst der Arzt, der routinemäßig und ziemlich unbeteiligt nach meinen Vorerkrankungen fragte. Ich schilderte ihm ausführlich meine Bedenken. Zwischendurch kamen zwei Mädels in ihren sterilen Impfklamotten und fragten ihn irgendeinen organisatorischen Kram. Schließlich sagte er wie abwesend zu mir: „Alles kein Problem. Kabine 3 ist frei.“

Dann setzte er mir die Spritze. Das Schild auf seinem Kittel weist ihn als Dr. Widuweit aus. Der kurze Pieks, dann zehn Minuten abwarten. Und dann geschah es wohl. Was dann passierte, entzieht sich meiner Erinnerung.

Was mein Hier und Jetzt allerdings betrifft, wird mir aus den Reden der fremden Stimmen klar, dass ich im fünften Stock eines Krankenhauses bin, dass mir etwas sehr Schlimmes zugestoßen ist, und dass ich operiert werden soll. Andererseits liegt das fünfte Stockwerk im Tiefgeschoss … Wie geht das? Wie passt das zusammen?

Da sagt Stimme Eins: „Ist doch einfach Schwachsinn, dem Untergeschoss hohe Raum-Nummern zu verpassen.“

„Wegen der Angehörigen“, höre ich Stimme Zwei antworten. „Die brechen doch sonst in Tränen aus, wenn sie am Telefon erfahren, sie sollen mit dem Aufzug ins Untergeschoss auf -1 fahren, um dann Raum -13 aufzusuchen. Minusgeschosse, Hölle, Tod und Teufel und dazu diese martialische Unglückszahl – 13. Jeder gefühlvolle ärztliche Kondolenz-Versuch wäre für die Katz. Problem verstanden, Bubi?“

Meine Gedanken fliehen zurück zum Krankenhaus und überhören das Gehörte. In der Krankenhaus-Idee stecken viele beruhigende Gedanken. Ich habe keine Beschwerden, spüre keine Schmerzen. Von der Kleinigkeit abgesehen, dass ich in Todesangst schwebe, fühle ich mich total fit. Nur eines wirkt auf mich etwas beunruhigend: Wenn das Krankenpfleger sind, die mich in einen OP-Saal rollen, warum kann ich sie dann nicht sehen, obwohl, wie ich denke, meine Augen offen sind? Und warum kann ich nicht sprechen und sie fragen?

Eine dritte männliche Stimme ruft von etwas weiter her: „Hier zu mir, Jungs!“

Mein rollendes Bett wird in eine neue Richtung geschoben, und die Frage, die mir durch den Kopf geht, lautet: In welche Scheiße bin ich verwickelt?

Und wer hat meine Operation veranlasst?

Hängt das nicht davon ab, wer du bist, frage ich mich, denn das ist wenigstens etwas, was ich weiß, wie ich jetzt feststelle. Ich bin Stefan Koenig, das wird wohl stimmen. Aber was macht man hier mit mir?

Zweite Stimme (spricht direkt über meinem Kopf): „Hui, haben Sie die Haare schön, Frau Doktor!“

Vierte Stimme (weiblich, eher kühl): „Immer wieder nett, Ihre Komplimente, Pit. Aber könnten Sie sich eventuell ein wenig beeilen? Ich möchte gerne zu WER WIRD MILLIONÄR zu Hause sein und einen netten Abend mit meinem Gast aus Amerika verbringen.“

Die Jauch-Sendung um Viertel nach acht. Es muss ein Freitag sein. Es ist noch Nachmittag, vielleicht später Nachmittag, aber hier ist es rabenschwarz, Schwarzer Frühling 2022 hin oder her, warum ist ein Mai-Nachmittag total finster? Was geht hier vor? War ich wirklich im Impfzentrum, bevor ich hierher kam? Was habe ich gemacht? Oder anders gefragt: Was hat man mit mir gemacht? Warum habe ich nicht am PC gesessen und meine Covid-Story zu Ende gebracht? Oder habe ich sie gar schon bei Facebook eingestellt und ich habe ... habe ... habe vielleicht unangenehmen Besuch bekommen?

Ein Geräusch: KLACK! Ein Geräusch, das ich liebe. Ein Geräusch, bei dem ich mich sicher fühle. Ein Anschnallgurt. Aha, ich werde liegend im Auto gefahren. Ich werde wahrscheinlich jeden Moment zu Hause ankommen.

Eine Art Taxi-Service.

Aber alles totaler Quatsch, kann gar nicht sein, denn ein fahrendes Auto macht Geräusche einer anderen Art – das hier quietscht höchstens wie ein kaputtes Rad an einem Kettcar.

Ich werde an Schultern und Waden gepackt und hochgehoben. Das erschreckt mich furchtbar, und wieder versuche ich zu schreien. Wieder bleibt der Schrei irgendwo im Nirwana zwischen Wollen und Können stecken. Kein Ton verlässt meine tonformende Mundhöhle ... Oder vielleicht ein einziges winziges Quietschen nur, viel leiser als das des Rades unter mir. Wahrscheinlich nicht einmal das. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein.

Warum tut meine Zunge nichts? Plötzlich schießt mir ein schrecklich obszönes Bild durch den Kopf, das eine befreundete Malerin für den Kunstverein Laubach, KVL, gemalt hatte. Kurz, sehr kurz, schießt die Erinnerung ein, wie sehr sich der örtliche Karnevalsverein und der Kunstverein um das Kürzel KVL stritten. Ich liebe Vereinsstreitereien. Sie beweisen immer wieder Einsteins Relativitätstheorie – denn es gibt sie tatsächlich, die relative Blödheit. Natürlich hat Einstein weit darüber hinaus gedacht, relativ gesehen. Letztlich entschied zwischen den konkurrierenden Vereinen das Los. Gezogen hatte ich (als neutraler Schriftsteller) jenes friedensstiftende Glückslos. Leider erinnere ich mich im Moment nicht mehr, wer sich nun glücklich fühlen und KVL nennen durfte.

Meine Gedanken reißen ab. Dann, mit einem Mal, werde ich in dem mich umgebenden Dunkel durch die Luft geschwungen. He, lasst mich nicht fallen, ich habe Rückenprobleme, versuche ich zu sagen. Es stimmt zwar nicht, doch wann taugen Notlügen, wenn nicht in dieser Situation? Und auch diesmal bewegen sich weder Lippen noch Zähne. Meine Zunge liegt weiter auf dem Meeresboden. Die Flunder ist inzwischen vielleicht für immer eingeschlafen, und ich habe jetzt einen schrecklichen Gedanken, der Angst auslöst, die fast schon einer gediegenen Panik gleicht: Was ist, wenn sie mich falsch hinlegen, wenn meine Zunge nach hinten rutscht und meine Luftröhre blockiert? Ich werde nicht mehr atmen können. Das meinen Leute, wenn sie sagen, jemand habe seine Zunge verschluckt, nicht wahr? Kein Atem, kein Leben. Kein Leben, kein Buch, kein Bericht über jenes Jahr 2034, von dem ich jetzt nicht einmal weiß, ob ich es je erleben werde. Langsam drehe ich am Rad ...

Ich rekapituliere nun ein drittes Mal, was bisher geschah: Ich glaube, ich bin bewusstlos und werde auf einer Krankenliege zum OP gefahren. Aber das kann nicht stimmen, denn Bewusstlose kriegen eigentlich nichts mit. Ich hingegen kriege allerhand mit. Ich höre mehrere Stimmen, und ich habe das Gefühl, dass ich Gefühle habe. Aber ich sehe nichts. Und ich kann nicht sprechen. Jedenfalls nicht wirklich. Ich spreche mehr in Gedanken. Alles, was sich Erinnerung nennt, besteht darin: Ich saß auf einem Plastikstuhl und starrte, nach der Impfspritze, zehn lange Minuten auf die große Uhr, die vor Bens und meiner Nase an der Frontseite der Beratungskabine tickte – wie eine Zeitbombe.

War das ein überirdischer Hinweis: Deine Zeit läuft ab?

Oder hatte ich einen besonders schwierigen Corona-Ausbruch und bin hinüber – und was ich wahrnehme entspricht jener bekannten Nahtod-Erfahrung?

Oder will man mich retten – wovor auch immer? Komme ich jetzt unters Messer? Warum? Wozu? Was ist hier wirklich los?

Zweite Stimme (Pit): „Der wird Ihnen gefallen, Frau Doktor, er sieht aus wie Stephan Remmler. Vielleicht ist er‘s. Seine Personalien und die Impfakte kommen in den nächsten dreißig Minuten, hat man uns versprochen.“

Ärztin: „Wer ist Remmler?“

Dritte Stimme, scheint ein junger Mann zu sein, kaum älter als ein Teenie: „Das ist dieser Sänger von der Gruppe TRIO. Ihr Jahrgang, Frau Doktor! Sind 1982 mit dem Hit »Da da da« groß rausgekommen. Ich glaub‘ aber nicht, dass er‘s hier ist.“

Das löst Gelächter aus, in das die weibliche Stimme einstimmt (eher zweifelnd), und als ich auf etwas gelegt werde, das sich wie ein ungepolsterter Stahltisch anfühlt, macht Pit bereits den nächsten köstlichen Witz. Er hat anscheinend ein ganzes Repertoire davon auf Lager; vielleicht sogar auswendig Gelerntes von der Facebook-Seite »Humor ist, wenn man trotzdem lacht«. Ich jedenfalls verpasse diese neuerliche Heiterkeit, weil mich jähes Entsetzen befällt. Wenn meine Zunge meine Luftröhre blockiert, werde ich nicht atmen können, das war der Gedanke, der mir noch eben durch den Kopf gegangen war. Aber was ist, wenn ich gar nicht atme?

Was ist, wenn ich tot bin? Was ist, wenn der Tod genauso aussieht? Man kann nicht mehr sprechen, kann nichts mehr sehen – außer schwärzestes Schwarz.

Das passt. Das passt mit schrecklicher Genauigkeit zu allem. Das unheimliche Dunkel. Der Gummigeruch – als Sanitäter bei der Bundeswehr hatte ich einmal eine Inventur für Leichensäcke durchführen müssen, natürlich ohne Leichen. Und jetzt erkenne ich dieses Gefühl, diesen Geruch plötzlich wieder.

Großer Gott, ich bin in einem Leichensack.

Genf, Frühsommer 2009

Lange ist’s her, das Jahr 2009. Die erste große Weltwirtschaftskrise nach 1929. Bumm! – das Platzen der US-Immobilienblase 2007. US-Bankencrash 2008, erweitert von Banken- und Unternehmens-Crashs in Europa in der Folgezeit. Vernichtung von Kapital in Billionenhöhe. Pleite der größten US-amerikanischen Investmentbank »Lehman Brothers« – gegründet 1848 auf dem profitablen atlantischen Geschäftsfeld des Sklavenhandels. Jetzt war alles mit einem Schlag futsch. Die Zeit zwischen 2007 und 2010 – die erste bedrohlich große Krise des Casinokapitalismus.

Es ist Frühsommer. Genf, die Hauptstadt des gleichnamigen Schweizer Kantons. Eine Stadt zwischen den Alpen und dem Juragebirge vor der spektakulären Kulisse des Mont Blanc an der Südspitze des Genfer Sees. Sitz der Weltgesundheitsorganisation, WHO, und diverser Waffenhändler-Ringe und Politkrimineller – was natürlich nichts zu sagen hat. Vielleicht aber ist die unmittelbare Nähe der Gemeinde Cologny, gelegen am östlichen Genfer Seeufer, von etwas mehr Bedeutung. Dort hat Klaus Schwab, Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, WEF, samt seiner Stiftung seinen Geschäftssitz. Und er ist sehr geschäftig. Jahr für Jahr schart er die wichtigsten und mächtigsten Wirtschaftsbosse um sich. Sie beratschlagen. Sie denken nach. Sie planen. Sie spielen Strategien durch. Alles halb so wild.

An jenem Frühsommerwochenende, an einem Samstag, kurz vor Mitternacht, geht die WHO-Chefin, Margaret Chan aus der Volksrepublik China, und WEF-Chef Schwab, ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, schweigsam ihren Gleichgesinnten zum Schwarzen Salon voraus. Nicht alle ihrer sieben Gäste kennen sich in dem langgestreckten, stahlgestärkten Glasgebäude aus. Thierry Malleret, Schwabs strategischer Mitstreiter, ist das erste Mal dabei; Gates hatte darauf bestanden.

Der Sekretär des Präsidenten der Rockefeller Foundation, Edwin R. Embree, und der Schatzmeister dieser einflussreichen Stiftung, Mr LG Myers, haben zwar mit dem Bellagio Center – der Villa Serbelloni im italienischen Bellagio am Comer See – ein äußerst repräsentatives Konferenzzentrum, aber es herrschte von Anbeginn Einvernehmen darüber, dass das heutige Treffen in der Zentrale zukünftiger Entscheidungen hier stattzufinden habe, hier, im Haus der Weltgesundheitsorganisation.

Die neun mächtigen Entscheidungsträger treten wie Verschwörer auf, sind es aber nicht. Im Gegenteil: Ihre Ideen und Absichten sollen sehr publik werden. Sie haben eine Nachtsitzung vor sich. Und überhaupt: Es liegen nicht nur ein paar Nächte, nein, es liegen äußerst schwierige und langwierige Monate der publizistischen Kriegsführung im Namen der Weltgesundheit vor ihnen.

Der Flur liegt verlassen im Halbdunkel, und selbst im Aufzug sind die neun philanthropischen Avantgardisten – denn so verstehen sie sich – unter sich. Nicht einmal die Wachmannschaft des Sicherheitsdienstes hat auch nur einen der Gäste gesehen. Niemand der Security-Leute hat auch nur einen blassen Schimmer von diesem Vorgang. Und sie können das Treffen allein deshalb nicht wahrnehmen, weil die Gruppe das Gelände weitab vom Zentralgebäude über eine unterirdische, unauffällige Einfahrt inmitten der Genfer Altstadt, direkt neben dem zentralen Innenstadtparkhaus, erreicht hat und nun die letzten Meter zu Fuß im Inneren des Glasgebäudes zurücklegt.

Die Geheimnistuerei wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn man trifft sich sowieso in regelmäßigen Abständen auf Konferenzen und Meetings von Denkfabriken und Stiftungen. Doch dieses Treffen war eilbedürftig. Es war kein anderer gemeinsamer Termin frei gewesen. Und die grassierende Schweinegrippe nahm keine Rücksicht auf die Terminkalender der Mächtigen.

Der Mond scheint müde durch ein paar Wolkenfetzen in den Glaspalast hinein, und der Sommer kann sich noch nicht entschließen, ob er sich in Bewegung setzen soll. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Gruppe hier trifft. Doch dieses Treffen ist von höchster Bedeutung. Ein mächtiger Mann geht neben Margaret Chan, die ihm die größtmögliche Aufmerksamkeit zukommen lässt, schließlich ist er – noch vor der Rockefeller Foundation – der größte Geldgeber ihrer Organisation.

Bill Gates steht mit Frau Chan seit ihrer Nominierung als Generaldirektorin der WHO im Jahr 2006 in ständiger Verbindung. Gates und seine Frau Melinda, beide beratende Mitglieder der World Health Assembly, dem WHO-»Parlament«, hatten die Wahl der Chinesin als Generalsekretärin befürwortet. Lange zuvor hatten sie bereits Kontakte zu ihr geknüpft – die Volksrepublik China musste bei ihrem Plan mitspielen, sonst wäre das globale Spiel schon zu Beginn verloren gewesen.

Außerdem bestand die Absicht, das chinesische Hochsicherheitslabor in Wuhan gemeinsam mit personellen und finanziellen Mitteln der »Rockefeller University« und Rockefellers »Johns Hopkins University« in Kooperation mit der Gates-Stiftung zu unterstützen. Dann hatte man einen Fuß in der Tür. Es ging um die Viren-Forschung, genauer gesagt: um die Erforschung von Viren, die durch Mutation vom Tier auf den Menschen überspringen können – „gain of function research“. Das ist Forschung, Viren gefährlicher zu machen, worauf das Institut für Virologie in Wuhan ausgelegt war. So etwas wird in den USA nur dem Militär und den Geheimdiensten erlaubt. Deshalb kann sich daran kein privater Geldgeber beteiligen und mitmischen. Anders in der Volksrepublik China.

Der große ovale Tisch erinnert ein wenig an den Besprechungstisch im Oval Office des Weißen Hauses. Frau Chan hat Wasser und Säfte vor jedem Platz servieren lassen; Salate werden später als Vorspeise kredenzt und irgendwann wird das Menü aufgefahren. Die Generaldirektorin weiß, was sich gehört und wendet sich zu Beginn ihrer Besprechung an die Eheleute Gates: „Ohne die Mittel Ihrer-Stiftung, verehrte Melinda, lieber Bill, wären viele Gesundheitsziele unserer Organisation, etwa die Ausrottung der Kinderlähmung, gefährdet. Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet.“

„Keine Ursache. Das ist Vergangenheit“, ergreift Bill Gates das Wort. „Wir haben ein neues, überaus großes, weltumspannendes Projekt vor uns, das weit über jenes frühe Projekt in Sachen Kinderlähmung hinausgeht. Ich würde mich freuen, wenn die Anwesenden den Vorschlägen meiner Frau und mir folgen könnten.“

Margaret Chan ist beruhigt, dass Bill nicht auf Mr Gostin, ihren Direktor des Collaborating Centre on National and Global Health Law der WHO zu sprechen kommt. Gostin ist notwendigerweise anwesend. Sie hatte befürchtet, das könne zum Einstiegsproblem werden. Erst kürzlich hatte er nämlich ein unglückliches Interview in der Washington Post gegeben. Obwohl er die „Großzügigkeit und den Einfallsreichtum“ von Philanthropen wie Gates lobte, hatte er Bedenken hinsichtlich der übermäßigen Abhängigkeit von privaten Spenden geäußert.

„Der größte Teil der Gates-Gelder ist an spezifische Ziele gebunden. Das bedeutet, dass die WHO nicht selbst Prioritäten setzen kann, sondern einem weitgehend privaten Akteur verpflichtet ist. Und die Gates-Stiftung hat natürlich keine demokratische Rechenschaftspflicht.“

„Zu viel Einfluss?“, hatte daraufhin der letzte Fragesatz in dem Artikel der Washington Post gelautet.

Fast hätte die Sache in einem Pressekrieg geendet, aber Chris Elias, Präsident des »Global Development Program« der Bill & Melinda Gates Foundation, hatte recht diplomatisch eine Gegenmeinung in der Washington Post untergebracht. Es hatte zur Beruhigung der Gemüter beigetragen. Er räumte ein, dass es im Laufe der Jahre „oft Bedenken und Kritik in Bezug auf unseren Einfluss bei der WHO“ gegeben habe. „Aber man muss erkennen, dass die WHO ein globales Programm hat, das von ihren Mitgliedsstaaten beschlossen wird“, hatte er geschrieben.

Und weiter: „Wir haben auch Programme, die von unserem Vorstand entwickelt und geprüft werden. Wir unterstützen also die Bereiche der WHO, die mit unseren Strategien übereinstimmen.“ Dies bedeute aber auch, ergänzte Elias, dass „einige Bereiche besser finanziert werden als andere, weil wir nicht eine Strategie für alles haben.“ Dies sei eine Schwachstelle, mit der sich die WHO auseinandersetzen müsse.

Mr Embree, der Sekretär der Rockefeller Foundation, schaltet sich ein: „Auch wir unterstützen mit unserem »Pandemic Prevention Institute« Ihre Organisation, Mrs Chan. Wir unterhalten globale Netzwerke von Laboren, gemeinnützigen und internationalen Organisationen, Regierungen und Privatunternehmen. Somit haben wir die Kompetenz, um die notwendigen globalen Überwachungskapazitäten zu stärken.“

Heute geht es um besonders wichtige Kapazitäten und um eine Schwachstelle, weshalb Mr Schwab und Thierry Malleret vom World Ecomic Forum an der Besprechung teilnehmen. Und die Schwachstelle hat auch einen Namen: CRASH – der Niedergang des globalen Währungs- und Wirtschaftssystems und die darauf folgende Notwendigkeit: The Great Reset – Der große Umbruch. Die Neue Weltordnung.

Aber um all dies durchzusetzen, muss ein eindrucksvoller Anlass abgewartet werden. Ohne Anlass keine Chance auf eine große gesellschaftliche Umwälzung. Es muss ein Anlass sein, der mit einer grundlegenden Allgemeinangst einhergeht – wie zum Beispiel bei der derzeit grassierenden »Schweinegrippe«. Dann könnten mit »pandemischer Überzeugungsarbeit«, wie Klaus Schwab meint, die Weichen für eine globale Umwälzung der bestehenden Verhältnisse gestellt werden. Und Bill Gates stimmt ihm zu. Dann stünde für die Menschheit der Weg in die Zukunft offen.

Bill Gates geht’s ums Gemeinwohl.

Gießen, Pathologie, Raum 508

Ich denke im Moment weder an den großen Crash noch an die große Erlösung durch die großartigen Erlöser Gates, Schwab, Rockefeller, Bezos, Musk, Zuckerberg und die anderen multimilliardenschweren US-Weltenlenker. Ich bin ganz bei mir, hier in diesem kalten Raum, auf diesem kalten Seziertisch. Ich höre die erste Stimme: „Unterschreiben Sie bitte hier, Frau Doktor? Aber gut aufdrücken – es sind drei Durchschläge.“

Das Geräusch eines Kugelschreibers auf Papier. Ich stelle mir vor, wie der Besitzer der ersten Stimme der Ärztin ein Schreib-Brett hinhält.

Oh Heiliger Bimbam, komme über mich und lass mich bitte nicht tot sein!, versuche ich zu schreien und bringe keinen Ton heraus. Immer noch sehe ich ein Bild vor mir: Wie mich der beratende Impfarzt desinteressiert anschaut, wie er mich mit seinem harmlosen Allerwelts-Lächeln darauf aufmerksam machen will, dass alles gut geht.

Ich versuche erneut, etwas hinauszubrüllen, doch kein Laut kommt über meine bewegungslosen Lippen.

Aber ich atme doch ... stimmt‘s? Ich meine, ich kann nicht spüren, dass ich‘s tue, aber meine Lunge scheint in Ordnung zu sein, sie pocht nicht oder schreit nach Luft, wie sie‘s manchmal tut, wenn ich zu lange unter Wasser war, also muss mit mir alles in Ordnung sein, nicht wahr?

Wärest du tot, murmelt die Stimme in meinem Unterbewusstsein, hättest du den Leichensack aus Vinyl nicht gerochen. Eine Leiche kann nicht riechen, oder kann sie?

Pit: „Was machen Sie nächsten Samstagabend, Verehrteste?“

Wenn ich tot wäre, kann ich dann wirklich hören, was Pit sagt? Und kann ich die Sprache der Lebenden, zu denen ich nicht mehr gehöre, dann noch verstehen? Ich höre doch (und verstehe) die Antwort der Ärztin, die jetzt sagt, dass sie nächstes Wochenende ihren Hund badet, der auch Pit heißt. Was für ein Zufall! … Worauf wieder alle lachen. Wenn ich tot bin, warum bin ich dann nicht entweder gefühllos oder in das blendend weiße Licht eingehüllt, von dem in Nahtod-Berichten so oft die Rede ist? Wo ist das Licht am Ende des Tunnels?

Wo bleibt das Auge Gottes? Und was habe ich zuletzt wirklich gesehen, wenn ich etwas gesehen habe?

Dann ist ein scharfes Reißen zu hören, und plötzlich bin ich in jenes weißes Licht eingehüllt, an das ich gerade gedacht habe. Es ist blendend hell wie die Sonne, wenn sie an einem Wintertag durch die Wolkendecke bricht. Ich versuche meine Augen schützend zusammenzukneifen, aber nichts passiert. Meine Lider gleichen Jalousien, deren Mechanik defekt ist.

Ein Gesicht beugt sich über mich, verdeckt einen Teil des grellen Lichts, das nicht von irgendeinem gleißend hellen Himmelskörper, sondern von in Reihen angeordneten Leuchtstoffröhren an der Decke über mir kommt. Das Gesicht gehört einem gut aussehenden jungen Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Er sieht aus wie einer dieser Muskelmänner, die in Baywatch oder Melrose Place die Strände bevölkert haben. Jedoch geringfügig intelligenter. Eine Menge schwarzes Haar quillt unter seiner achtlos getragenen Chirurgenhaube hervor. Er trägt auch den dazu passenden Kittel. Seine Augen sind kobaltblau, genau die Farbe, auf die angeblich alle Frauen fliegen. Kleine Sommersprossen übersäen seine Wangen.

Ich stelle mir vor, dass sich gleich eine ganze Schar junger Medizinstudenten über mich beugt, um mich neugierig zu mustern, damit sie abends in ihrer Stammkneipe über mich ablästern können, von wegen alter Knochen mit Piercing an der Brustwarze und Tattoo auf der Leiste („Schuster bleib bei deinen Leisten, ha ha ha) und so weiter …

„He, Mann“, sagt der Baywatch-Athlet. Ihm gehört die dritte Stimme. „Dieser Kerl sieht wirklich wie Stephan Remmler aus! Vielleicht nicht mehr gerade der Jüngste …“ Er beugt sich tiefer über mich. Eines der flachen Bänder, mit denen sein grüner Kittel am Hals zugebunden wird, kitzelt mich an der Stirn. „… aber yeah, ich sehe die Ähnlichkeit. He, Stephan, sing uns was!“

Hilf mir!, ist es, was ich zu singen versuche, aber ich kann nur mit meinem starren Totenblick in seine dunkelbraunen Augen sehen; ich kann mich nur fragen, ob ich tot bin, ob die Sache wirklich so abläuft, ob es jedem so ergeht, nachdem die Pumpe versagt hat. Wenn ich noch lebe, wie kommt es dann, dass er nicht gesehen hat, wie meine Pupillen sich verengt haben, als das Licht sie getroffen hat? Aber ich weiß die Antwort darauf … glaube sie jedenfalls zu kennen. Sie haben sich nicht zusammengezogen. Deshalb ist das grelle Licht der Leuchtstoffröhren so schmerzhaft.

Das Kittelband kitzelt meine Stirn wie eine Feder.

Hilf mir!, kreische ich den Baywatch-Mucki-Man an, der vermutlich ein Assistenzarzt oder vielleicht bloß ein Medizinstudent ist. Hilf mir, bitte!

Meine Lippen zittern nicht einmal.

Das Gesicht des jungen Mannes weicht zurück, das Band kitzelt nicht mehr, und all dieses weiße Licht flutet durch meine Augen, die nicht wegsehen können, flutet direkt in mein wehrloses Gehirn. Das ist ein höllisches Gefühl, eine Art Vergewaltigung. Muss ich noch lange hineinstarren, werde ich blind, denke ich, und diese Blindheit wird eine Erleichterung sein.

KLACK! Das Geräusch des einrastenden Anschnallgurtes.

Jetzt beugt sich ein weiteres Gesicht in mein Blickfeld. Darunter ein weißer Kittel statt eines grünen, darüber ein üppiger, zerzauster orangeroter Haarschopf. Ausverkaufs-IQ, das ist mein erster Eindruck. Das kann nur Pit sein. Er trägt ein breites dämliches Grinsen zur Schau, die Art Grinsen, die ich als Oberstufen-Grinsen bezeichne, das Grinsen eines Jungen, der auf einem vergeudeten Bizeps die Tätowierung GEBOREN, UM BÜSTENHALTER ZU ZERREISSEN tragen sollte. Er erinnert mich zudem aber auch an jenen unsäglichen Ewig-Abiturienten-CDU-Zappel-Philipp-Großmaul-Amthor.

Wo haben mich diese Blödmänner aufgegabelt und wie haben Sie mich transportiert? In einem dieser hässlich-grauen Minnas der Pathologen?

„Stephan!“, ruft Pit aus. „Jesus, du siehst guuuut aus! Das ist echt ‘ne Ehre! Sing für uns, großer Junge! Sing, Stephan, sing um dein Leben!“

Irgendwo hinter mir erklingt die Stimme der Ärztin, kühl, nicht einmal mehr vorgebend, diese Possen amüsant zu finden: „Schluss jetzt, Pit.“ Dann in eine andere Richtung: „Was ist mit ihm passiert, Tim?“

Tims Stimme ist die erste Stimme – Pits Partner. Ihm scheint es etwas peinlich zu sein, mit einem Kerl zusammenzuarbeiten, der gerne Oliver Pocher wäre. „Ist im Impfzentrum zusammengeklappt, einfach vom Stuhl gefallen und war sofort mausetot, Herztod. Die Sanis meinen, so schnell könne eine Spritze nicht wirken, wie er vom Stuhl gesegelt wäre, vielleicht vorgeschädigt. Herzdruckmassage habe nicht gefruchtet. Wahrscheinlich hätte ihn sowieso bald irgendein kleiner Schock einfach umgehauen.“

Noch einmal rekapituliere ich: Ich liege hilflos und starr in einem Leichensack, wahrscheinlich in einem Autopsie-Raum. Irgendwelche Idioten erlauben sich Scherze auf meine Kosten, und ich glaube, dass ich atme, aber es nicht merke. Wie sollen es da die Knallköpfe merken, die mich für Stephan Remmler halten? Nur die Aufschnitt-Ärztin („Dürfen es 50 Gramm Aufschnitt mehr sein?“) scheint noch einen Funken Respekt vor meiner Leiche zu haben.

Pit schaut noch immer auf mich herab, blöde und fasziniert. Nicht mein Tod interessiert ihn, sondern meine Ähnlichkeit mit TRIO-Sänger Stephan Remmler. Oh ja, ich bin mir dieser Ähnlichkeit bewusst, bin nicht darüber erhaben gewesen, sie bei bestimmten Gesangsgelegenheiten auszunützen. Ansonsten ist nicht viel damit anzufangen. Und unter diesen Umständen … mein Gott!

„Wer hat den Totenschein ausgestellt?“, fragt die Ärztin.

„Der Impfarzt, Dr. Widuweit, und der herbei gerufene Kollege, ein Notarzt namens Dr. Schlauer. Die beiden haben ihm die Absolution zur Himmelfahrt erteilt“, sagt Tim und blickt dabei kurz auf mich herab. Mindestens zehn Jahre älter als Pit. Schwarzes, an einigen Stellen grau meliertes Haar. Brille.

Wie kommt’s, dass keiner dieser Leute sehen kann, dass ich nicht tot bin?

„Das hier ist Schlauers Unterschrift auf Seite eins … sehen Sie?“, fährt Tim fort.

Das Rascheln von Papier, dann: „Jesus, Maria und Josef! Schlauer! Den kenne ich. Der hat Noah untersucht, nachdem die Arche am Berg Ararat gestrandet war.“

Pit sieht nicht so aus, als habe er den Scherz verstanden, aber er lacht mir trotzdem schallend ins Gesicht. Ich rieche Zwiebeln in seinem Atem, ein kleiner Rest Mundgeruch von einem Döner, und wenn ich Zwiebeln riechen kann, muss ich atmen. Das muss ich, nicht wahr? Wenn ich nur …

Bevor ich diesen Gedankengang zu Ende bringen kann, beugt Pit sich noch tiefer über mich, und mich durchzuckt ein Hoffnungsstrahl. Er hat etwas gesehen und will mich mit Mund-zu-Mund-Beatmung wieder beleben. Gott segne dich, Pit! Gott segne dich und deinen Zwiebel-Atem!

Aber das blöde Grinsen verändert sich nicht, und statt seinen Mund auf meinen zu drücken, ergreift er mit einer Hand meinen Unterkiefer. Jetzt hält er die eine Seite mit seinem Daumen und die andere mit seinen Fingern fest.

„Er lebt!“, plärrt Pit. „Er lebt, und er wird für den Stephan-Remmler-Fanclub von Raum 508 singen!“

Seine Hand packt fester zu – das tut entfernt weh wie das Abklingen einer örtlichen Betäubung mit Novocain. Er fängt an, meinen Unterkiefer so auf und ab zu bewegen, dass meine Zähne klappern. Plötzlich fängt er mit schrecklich atonaler Stimme zu singen an:

„Was ist los mit dir mein Schatz, aha?

Geht es immer nur bergab, aha?

Geht nur das, was du verstehst, aha?

This is what you got to know:

Let you go, it didn’t show.”

Mein Mund öffnet und schließt sich unter dem groben Druck seiner Hand; meine Zunge steigt und fällt wie ein auf der Oberfläche eines schwankenden Wasserbetts liegender toter Hund.

Ich weiß nicht warum, aber ich muss jetzt an eine TV-Krimiserie denken.

„Schluss damit!“, faucht die Ärztin ihn an. Das klingt ehrlich schockiert. Pit, der das vielleicht spürt, hört keineswegs auf, sondern macht fröhlich weiter. Seine Finger graben sich jetzt in meine Wangen. Meine unbeweglichen Augen starren blind nach oben, direkt in sein blödes, singendes Maul:

„Da da da

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.

Da da da

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.

Da da da

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.

Da da da

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.

Da da da“

Ich glaube, ich muss kotzen. Aber nichts passiert. Ich lenke mich mit einem Erinnerungsversuch ab: Was war eigentlich vor dieser Impfung geschehen? War ich nicht mit Ben bei Freunden eingeladen gewesen? Doch, da war etwas. Meine Erinnerung wird sehr konkret. Meine Freunde, ein Pärchen um die sechzig Jahre alt, hatten Ben und mich ausgeladen, weil wir uns noch nicht hatten impfen lassen …

Endlich hört der Schwachsinnige mit seinem schwachsinnigen Song auf, und doch erinnert er mich damit an eine schöne Zeit in den Achtzigern. New Wave, Neue Deutsche Welle, Fehlfarben, Spider Murphy Gang, Geier Sturzflug, Hubert Kah.

Unangenehm spüre ich die Sprengsel seiner feuchten Aussprache auf Stirn und Wangen, aber ich kann nichts wegwischen. Scheiße. Plötzlich beugt er sich wieder über mein Gesichtsfeld und starrt mich wie ein wildgewordener DJ an und singt mit seiner schrägen Stimme weiter:

„Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht – Aha!

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht – Aha!

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht – Aha!

Soso, du denkst, es ist zu spät, aha!

Und du meinst, dass nichts mehr geht, aha!

Und die Sonne wandert schnell, aha!

After all is said and done”

Mir gruselt’s. Werde ich gleich in ein Kühlfach geschoben, zu all den anderen?

Plötzlich muss ich an HIT RADIO FFH denken. Ist das hier alles nur ein Hörspiel? Aber das kann nicht sein!

„Schluss hab ich gesagt!“, zischt die Ärztin jetzt mit einem ganz entschlossenen Unterton. Dann ist sie da, eine Frau in einem grünen Arztkittel, deren Mütze an einem Band um den Hals und wie Cisco Kids Sombrero über ihren Rücken herabhängt. Sie trägt kurzes, aus der Stirn zurückgekämmtes Haar, ist gut aussehend, aber ein wenig streng – eher apart als hübsch. Sie packt Pit mit einer Hand, deren Nägel sehr kurz geschnitten sind, und zerrt ihn von mir weg.

„He!“, sagt Pit empört. „Hände weg von mir!“

„Dann lassen Sie Ihre Hände von ihm“, sagt sie unüberhörbar verärgert. „Ich habe Ihre Dummenjungenstreiche satt, Pit, und wenn Sie nächstes Mal wieder damit anfangen, erstatte ich Meldung.“

„He, nur nicht aufregen“, sagt der Baywatch-Typ (ihr Assistent). Er sagt es offenbar in Richtung von Pit. Das klingt besorgt, als fürchte er, Pit und seine Chefin könnten ihren Streit auf der Stelle mit den Fäusten austragen. „Schluss jetzt, okay?“

„Warum ist sie so eklig zu mir?“, fragt Pit. Er versucht noch immer empört zu wirken, aber tatsächlich winselt er jetzt. Dann in eine andere Richtung: „Warum sind Sie so eklig zu mir? Haben Sie Ihre Tage, liegt’s daran?“

Frau Doktor, hörbar angewidert: „Schaffen Sie ihn hier raus.“

Tim: „Komm jetzt, Pit. Wir müssen uns die Einlieferungspapiere quittieren lassen.“

Pit: „Yeah. Und ein bisschen frische Luft schnappen.“

Ich höre mir das alles an, als käme es aus HIT RADIO FFH jenem Sender, den ich bald schon als private Aktiengesellschaft mit meinen Bücher-Fans betreiben würde. Fabulieren und Rekapitulieren ist hier in diesem schrecklich langen Moment meine einzige geistige Nahrung: Ich liege hilf- und reglos wie ein Toter in einem Leichensack auf einem Stahltisch. So fühlt es sich zumindest an. Depperte Medizinmänner machen sich über meine Leiche lustig, und ich starre ununterbrochen in die grellen Neonröhren über mir und kann die Augen nicht schließen und hoffe, dass ich erblinde, um diese Augenlicht-Folter nicht länger ertragen zu müssen. Die pathologischen Idioten, die sich mit mir beschäftigen, merken nicht, dass ich noch lebe – aber ehrlich gesagt, bin ich mir selbst nicht ganz sicher …

Jedenfalls halten sie mich für Stephan Remmler, den TRIO-Sänger, dessen Hit „Da Da Da“ sie mir laut und respektlos und mit feuchter Aussprache mitten ins Gesicht singen. Und dann gibt’s da noch diese Ärztin, die mich bisher noch nicht einmal richtig angeschaut hat … und jetzt endlich schmeißt sie Pit und seinen Kumpel raus.

Raus mit euch, ihr schrecklich unfähigen, ihr schrecklich ungerechten Pathologen …

Ich sehe jetzt keine Person mehr, kein dämliches oder beleidigtes Gesicht, aber ich kann mir denken, dass Pit ziemlich beleidigt sein muss. Er (oder Tim) gibt ein Räuspern von sich, dann schlurfen Schritte. Sie schlurfen Richtung Ausgang, nehme ich an. Tatsächlich, Pit ist offensichtlich eingeschnappt, denn nun fragt er die Ärztin aus einiger Entfernung, warum sie nicht einfach ein rotes Bändchen um den Arm trägt, wenn sie ihre Tage hat, damit die Leute wissen, woran sie sind. Ich höre noch, wie sie ein wirklich wütendes „RAUS!“ brüllt. Dann ist wieder ein leises Zischen zu hören und wahrscheinlich öffnet sich in diesem Moment die Druckluft-Tür, aber all diese Geräusche vermischen sich in meinem Gehör zu einer völlig neuen und doch irgendwie bekannten Szenerie.

Ich höre mit einem Mal (Vergangenheit, ick hör dir trapsen!), wie es bei mir zuhause im Erdgeschoss klingelt, während ich oben im Badezimmer noch unter der Dusche stehe. Ich erinnere mich jetzt, wie ich mich eilig abrubbelte und an die Sprechanlage eilte. Es war mein Hausarzt, ein guter Bekannter, der mich seit einigen Wochen bekniete, ich möge mich unbedingt impfen lassen. Er meinte es zweifellos gut mit mir. Ich hatte mir schnell einen Trainingsanzug angezogen – so ein Teil war neuerdings kein modisches Verbrechen mehr, vielmehr ein must have.

„Aha“, sagt Dr. Neumann. „Du hast schon dein Krankenhaus-Outfit angezogen.“

Wir hatten gelacht. Dann habe ich ihm ein weiteres Mal erklärt (es war wohl schon mein dritter Versuch), warum ich mich in meinem besonderen Fall nicht mit einem völlig neuartigen, durch keinerlei Langzeitstudie abgesicherten Grippeimpfstoff impfen lassen wollte.

Während ich im Moment immer noch den eiskalten Stahl des Seziertisches unter mir spüre, bin ich mir der damaligen Situation und meiner Argumentation voll bewusst. Das ermutigt und erschüttert mich zugleich. Ich bin mir jetzt sicher, dass ich zwar lebe und dennoch dieser Situation, in die ich geraten bin, hilflos ausgeliefert bin.

Meine Erinnerung trügt mich nicht, mein Gehirn funktioniert noch einwandfrei. 1970 war ich zwanzig Jahre alt und lebte in Westberlin. Damals war in Funk und Fernsehen und von der BILD-Zeitung bis zum SPIEGEL vor einer schrecklichen Infektion, der Hong-Kong-Grippe, gewarnt worden. Deshalb hatte ich mich im Frühherbst 1970 von meiner Hausärztin mit dem gerade ein Jahr zuvor in Europa zugelassenen neuen Influenza-Impfstoff impfen lassen. Innerhalb eines Tages erkrankte ich schwer mit Dauerfieber über vierzig Grad. Meine normale Körpertemperatur beträgt 36,5 Grad. Meine damalige Ärztin in Berlin-Charlottenburg war täglich in unsere Wohngemeinschaft gekommen, um mich mit Fieber senkenden Mitteln zu behandeln. Aber sie schlugen nicht an. Das Fieber zehrte acht lange Tage immer mehr an mir. Dann konnte ich nicht mehr essen und litt abwechselnd unter Dauerschüttelfrösten und enormem Schwitzattacken.

Schlafanzug und Bettwäsche mussten mehrmals am Tag gewechselt werden. Schließlich wies mich die Hausärztin in das Martin-Luther-Krankenhaus ein. Von ursprünglich 78 Kilo war mein Gewicht innerhalb von zehn Tagen auf 54 Kilo heruntergegangen. Meine Muskeln degenerierten zu wabbeligem Pudding. Im Krankenhaus rang ich vier Wochen lang um mein Leben und hing Tag und Nacht an Infusionen. Nachdem ich entlassen worden war, hatte ich für ein halbes Jahr ein durchgehendes Schlappheits- und Mattigkeitsgefühl und keinen Geschmackssinn. Das alles kehrte erst im Laufe des kommenden Jahres langsam und etappenweise wieder zurück.

„Sehr bedauerlich, wirklich, dem ist nichts hinzuzufügen … aber …“, hatte Dr. Neumann meinen Krankenbericht von damals kommentiert, bevor er kurz darauf fortfuhr: „… aber wenn du einmal ein Auto kaufst, dass schon nach einigen Kilometern einen Motorschaden hat, wirst du dir dann niemals mehr ein Auto anschaffen?“

Ich hatte Rainer Neumann, meinen lieben Bekannten, den Arzt meines Vertrauens, mit dem ich in einem gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Flutopfern im Ahrtal zusammenarbeitete, erstaunt angeschaut. Ich war erst einmal ob dieses hanebüchenen Vergleichs sprachlos. Dann setzte ich uns einen grünen Tee auf und sagte nur einen Satz: „Rainer, glaubst du im Ernst, dass dein Vergleich auf die Sache zutrifft?“

Er hatte mich gutgläubig, von seinem Argument absolut überzeugt, angeschaut und mir eine Gegenfrage gestellt: „Was sollte an dem Vergleich falsch sein?“

„Bleiben wir bei den Autos!“, antwortete ich ihm. „Stell‘ dir vor, du fährst auf der Autobahn und hast es satt, von den hinter dir fahrenden Geschossen gejagt zu werden und möchtest entspannt fahren. Du siehst auf der rechten Fahrspur eine große Lücke zwischen zwei LKW, die beide mit ihren angenehmen 100 Stundenkilometern dahinfahren. Freiwillig wechselst du zu ihnen auf die Spur.

Nach einer Weile bremst der vordere Lastwagen langsam ab, du ebenso, aber der hinter dir fahrende LKW-Fahrer reagiert nicht zeitig und du siehst ihn näher kommen und links neben dir schießen die Geschosse vorbei und du kannst nicht ausweichen und wirst in Sekundenschnelle zusammengequetscht.

Dein Auto ist futsch, aber das ist das Wenigste. Du selbst wirst gerade noch lebend aus dem Auto gezerrt, bevor es lichterloh brennt; du hast zahlreiche Knochenbrüche, überstehst das Ganze, auch wenn du noch monatelang darunter körperlich und psychisch leidest und nicht voll funktionsfähig bist. Du zweifelst, ob du jemals wieder gesund wirst, ob du jemals studieren und jemals deinen Lieblingsberuf als Journalist ausüben kannst

Und jetzt meine Frage an dich: Würdest du dich nach einem solchen Erlebnis jemals wieder freiwillig und ohne Not in die rechte Autobahnspur zwischen zwei LKW einfädeln?“

Trottel am Werk

Ich starre immer noch in das grelle Vergewaltigungslicht. Um nicht diesem Dauerschmerz ausgeliefert zu sein, versuche ich meine Augen nach innen zu drehen, was natürlich nicht funktioniert. Also bemühe ich mich um die Gnade meines inneren Auges, auf dass es mich ablenken und darüber aufklären möge, was vielleicht wirklich am Tag meiner ersten Corona-Impfung geschehen war. Vielleicht ist nicht der Stich in den linken Oberarm die Ursache dafür, dass ich nun hier liege. Ich konzentriere mich ganz und gar auf die Frage, was in den Stunden vor meinem gemeinsamen Gang mit Ben zum Impfzentrum geschehen war.

Und wo überhaupt war jetzt Ben?

An diesem Punkt komme ich nicht weiter. Mein Kurzzeitgedächtnis funktioniert im Moment offensichtlich nicht so gut wie meine Langzeiterinnerung. Ich weiß nur eines mit Sicherheit: Nach dem Impfstich dauerte es nicht lange, bis mich eine Dunkelheit überkam … bis ich ein rollendes Gefühl unter meinem Hintern verspürte ... auf einer fahrbaren Krankentrage in einem nach Plastik stinkenden Leichensack mit Reißverschluss, und dann der dämliche Rhythmus des quietschenden Rades und die noch dämlichere Stimme: „In welchen sollen wir ihn bringen?“ (Pit: „508, glaub ich. Ja, doch, Tiefgeschoss, die Fünfhunderter-Abteilung.“)

Wichtig ist, dass ich überhaupt denken kann – und diese idiotischen Staatsdiener in ihrer trostlosen Pathologie, die den ganzen Tag nichts Besseres zu tun haben, als sich über die ihnen anvertrauten Leichen lustig zu machen, merken nicht, dass ich denke, dass ich atme, dass ich lebe. Sie tun so, als sei es das Natürlichste der Welt, dass hier nur Leichen existieren. Real existierende (lebende) Leichen. Kaum zu glauben, dass sie so unsensibel und unkritisch sind und nicht einmal einen winzigen Gedanken-Funken daran verschwenden, dass ich noch leben könnte. Ist natürlich mein Pech.

Allmählich bezweifele ich, dass dieser Raum etwas mit Medizinwissenschaften und Pathologie zu tun hat.

Doktor Schlauer, der Arzt, der am besten TV-Arzt geworden wäre, ich kenne ihn. Ausgerechnet er hat mich für tot erklärt. Wie ich vermuten kann, hat er das ohne große Umstände getan, ganz unbürokratisch, einmal einen Spiegel vor den Mund halten, dann den Puls fühlen, dann die Lampe aufs Auge richten – alles tot und starr, gut so, Leichenschein ausfüllen, ab zur Pathologie wegen ungeklärter Todesursache, unglücklicherweise passiert in einem Impfzentrum, na ja, vielleicht hatte der Typ Corona und ist deshalb so schnell zusammengesackt, wer kann das schon wissen. An sich ist Schlauer ein netter Kerl, Jäger, Skatspieler und heimlicher Trinker, was jedermann weiß. Er ist immer zerstreut, ein Fossil. Ja, ein Fossil hat mich für tot erklärt. Dann hat mich Pit, der Mann mit dem blöden Anstaltsgrinsen und den eindeutigen Absichten hinsichtlich der Aufschnitt-Ärztin, noch einmal für mausetot erklärt.

Diese merkwürdige Ärztin, Mrs Cisco Kid, hat mich noch nicht einmal angeschaut, nicht wirklich. Wenn sie‘s tut, wird sie vielleicht ...

„Ich hasse diesen Trottel“, sagt sie, nachdem die Druckluft leise zischend das automatische Schließen der Tür signalisiert. Jetzt sind wir nur noch zu dritt, aber die Ärztin, die noch irgendwas mit mir vorhat, glaubt freilich, sie seien nur zu zweit. Ich verabscheue diese Unaufmerksamkeit im öffentlichen Dienst. Später wird sie ihre Pension Monat für Monat peinlichst genau prüfen, wird den Kontoauszug anhauchen, versuchen, ihm den Puls zu fühlen, zwischen den Fingern reiben und auf Echtheit überprüfen, weil ihr 5.200 Eier im Monat zu wenig erscheinen.

Da wird sie sehr, sehr aufmerksam sein. Darauf wird sie eine Menge Zeit verwenden. Sie wird die amtliche Bezüge-Stelle in Wiesbaden anrufen und fragen, warum ihre Pensionsbezüge immer noch nicht erhöht wurden und sie wird … weiß Gott was noch alles unternehmen. Aber hier lässt sie mich – ohne mich berührt zu haben – einfach liegen und ins grelle Licht starren; Folter pur. Sie hasst Pit, den Trottel – und ich hasse sie!

Eine meiner Stärken ist mir erhalten geblieben – ich rekapituliere. Das ist eine journalistische Wiederholungstechnik, um mir selbst immer wieder klar darüber zu werden, was wirklich geschah und geschieht und um mich in der Gegenwart zu halten: Ich bin mir jetzt absolut sicher, in einem grässlichen Aufschnittraum zu liegen und empöre mich (rein innerlich, rein gedanklich, denn ich kann weder reden noch zucken, noch blinzeln) – ja, ich empöre mich über den respektlosen Umgang mit mir als Leiche. Noch habe ich die Hoffnung, dass mich die Aufschnitt-Ärztin („Dürfen es ein paar Gramm Aufschnitt mehr sein?“ – „Schon okay, legen Sie ruhig noch die Scheibe Gelbwurst obendrauf!“) gründlich untersucht und entdeckt, dass ich lebe (wenn ich noch lebe, was ich – ehrlich gesagt – gar nicht so genau weiß …)

„Wieso kriege ich immer die Trottel, Klaus?“

„Keine Ahnung“, sagt Klaus, dessen Gesicht ich kurz gesehen habe und der eine schier unheimliche Ähnlichkeit mit Klaus Kinski aufweist. „Pit ist ein Spezialfall in den Annalen berühmter Trottel.“

Ich denke bei dem Wort „Trottel“ sofort an meinen Auftritt bei der Ex-Kanzlerin vor sechs Jahren. Damals war ich, wie Sie sich erinnern werden, als V-Mann für die Regierungschefin tätig und sie hatte mir als Tarnnamen „Trottel“ zugewiesen, weil das am unauffälligsten in ihrer Umgebung sei, und ich hatte bedenkenlos zugestimmt. Hauptsache gutbezahlter V-Mann mit vielen Kreuz- und Querverbindungen, aber immer im Netz der bundesdeutschen Geheimdienst-Seilschaften, eingebunden ins Kartell eines verschwörerischen Schweigens, jenem STASI-Nachfolgekartell, das jedenfalls rechtzeitig die Akten schreddert, bevor das Volk schreit, es sei das Volk – und die Schnüffler-Zentrale stürmt.

Zurück zu den Tatsachen. Ich liege hilflos hier und höre, wie Klaus über seinen Kumpel denkt: „Pit ist ein wandelnder Hirntoter, Frau Doktor; das ist so, damit müssen wir leben.“

Die Ärztin lacht, und etwas klappert. Auf dieses Klappern folgt ein Geräusch, das mich erstarren lassen würde, wenn ich nicht längst erstarrt und stumm (aber leider nicht blind und nicht gehörlos!) hier herumläge: Stahlinstrumente, die aneinander klirren. Sie sind irgendwo links neben mir, und obwohl ich nicht nach links blicken kann, weiß ich, was die beiden Helden hier vorbereiten: die Autopsie. Das regt mich gewissermaßen ein wenig auf, das werden Sie wohl verstehen! Oder soll ich sagen: es regt mich erheblich auf? Nutzt alles nichts, denn ich liege tatsächlich da wie tot, regungslos, fern jeglicher Gemütsäußerung. Blitzschnell taucht ein Bild vor mir auf, das Bild, wo ich für einen Werbefilm als Schönheitschirurg meine sieben Sachen packe, um den interessierten Damen ein passendes Halloween-Outfit zu verpassen. Eigentlich müsste ich mich als Hobby-Chirurg meinen hier tätigen Kollegen durchaus verbunden fühlen. Tu ich aber nicht. Ich habe Angst vor ihnen.

Schon lande ich wieder in der traurigen Realität. Vielleicht wäre es angenehmer gewesen, in einem Leichenschauhaus zu landen, wo man wenigstens seine unaufgeschnittene Ruhe hat. Nein, ich bin in der Pathologie, wo man gerne alles auf einen eiskalten, silberblitzenden Stahltisch legt und aufschneidet – nur so zum Spaß, um festzustellen, dass jemand mausetot ist und an irgendetwas Unheimlichem gestorben ist. Ein Beruf für Nichtzimperliche. Aufklärungsquote an die hundert Prozent, denn die meisten Fälle, die hier anlanden, sind tatsächlich mausetot. Und meistens sind sie an tausend Möglichkeiten gestorben. Aber ich, verdammt noch mal, ich lebe! Ich spüre, dass ich lebe.

Die Nichtzimperlichen wollen mir das Herz rausschneiden. Wahrscheinlich ist es schon längst in einem galanten Vorzugsdeal (in einem schicken Restaurant) an den höchst bietenden Herzchirurgen verkauft, der es zu seinem Spezialangebot macht und unter der Hand so viele Scheine kassiert, wie eine ALDI-Kassiererin in fünf Jahren verdient.

Warum mein Herz? Mein linker Arm!, kreische ich in meinem Kopf. Schaut auf meinen Arm, ihr blinden Hühner, dort seht ihr den Einstich. Aber das wissen sie ja, sie wollen in meinem Inneren nach den Auswirkungen schauen, da bin ich mir sicher.

Vielleicht haben sich meine Augen doch etwas an die Helligkeit gewöhnt. Am obersten Rand meines Blickfelds erkenne ich jetzt ein Gestell aus rostfreiem Stahl. Es sieht wie ein überdimensionierter Zahnarztbohrer aus, aber das Ding an seinem Ende ist kein harmloser Bohrer, der dich die Nerven deines Zahnes einzeln spüren lässt (falls die lokale Betäubung schusseliger Weise vergessen wurde). Es ist eine übliche Kreissäge, nur etwas feiner in Aussehen und Handhabung. Die Mediziner nennen sie Gigli-Säge, womit sie einem die Schädeldecke aufschneiden, um den Kopfinhalt zu überprüfen.

Ein Geräusch. Ein schrecklich realistisches Geräusch. Ich kann nicht tot sein; ein Toter kann so etwas Schreckliches nicht mehr wahrnehmen, sonst wäre er nicht tot. Aber konnte das je in der Vergangenheit jemand bezeugen? Konnten Tote jemals wiederauferstehen und darüber Zeugnis ablegen? Ist meine Argumentation gerichtssicher? Ist die Logik alleine ein Beweis? Das Geräusch lässt mich aus der Haut fahren – aus der Haut fahren?

Klirr. Klirr. Klunk. Eine kurze Pause. Dann so ein lautes KLANK!, dass ich zusammenzucken würde, wenn ich dazu imstande wäre.

„Wollen Sie den Brustkorb öffnen?“ fragt sie.

Klaus, vorsichtig: „Wollen Sie wirklich, dass ich es mache?“

Ich denke, dass es sich anhört wie eine Geflügelschere. Eigentlich wäre mir ein Pizzateiler angenehmer, irgendwie ästhetischer. Doch ich verwerfe meine idiotischen Gedanken, denn ich höre gerade, was die Ärztin antwortet.

Frau Doktor Cisco, freundlich wie jemand, der eine Gunst erweist und Verantwortung überträgt: „Ja, ich denke schon.“

„Also gut“, sagt er. „Sie assistieren mir?“

„Ihre zuverlässige Kopilotin“, sagt sie und lacht. Ihr Lachen wird von einem Schnapp-schnapp-Geräusch kurz unterbrochen. Das ist das Geräusch einer durch die Luft schneidenden Schere.

Die müssen doch erst mal meine Körpertemperatur messen, denke ich. Haben die kein iPad mit integriertem Temperaturfühler? Panik bricht in meinem Oberstübchen aus, echte Panik.

Schon stelle ich mir den blitzeblank geputzten Stahltisch vor, auf dem gleich eine mordsmäßige Sauerei veranstaltet wird. In der ARD – erinnern Sie sich, liebe Leser? – haben seit 2002 Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im Münsteraner »Tatort« Verbrecher gejagt. Man sah Boerne bei seiner Arbeit in jenem klinisch kalten Raum. Ich habe das gerne geschaut und mit Wissbegier! Und deshalb weiß ich genau, was jetzt kommt.

Man wird mich zu Studienzwecken auseinandernehmen wie ein Hühnchen oder wie eine Tierversuchsratte. Wenn ich mich nicht täusche, werde ich das deutsche Fernsehen bald schon nicht mehr erleben können. Auch gut, bewahrt es mich doch vor einigen Enttäuschungen und Karl Lauterbachs Dauerpropaganda, der ich aufgesessen bin. Hätte ich mich nur nicht auf diese Impfung eingelassen. Es ist zu spät. Ich sollte meine falsche Entscheidung in dieser Situation hinweglächeln. Aber ich kann nicht lächeln. Und ich kann diesen beiden Sezieraffen mit nichts klarmachen, dass ich noch voll da bin. Also, so gut wie voll.

Ich weiß, was Klausi und seine Chefin vorhaben. Die Schere hat lange, scharfe Klingen, sehr scharfe Klingen, und große Öffnungen für die feinen Arzthände. Trotzdem muss man wie ein Bayer auf den Wies’n beim Armdrücken kräftig sein, um gegen den Brustkorb zu gewinnen. Die untere Klinge gleitet in den Bauch wie in Butter – oder wegen mir wie durch Margarine … für Cholesteringeschädigte. Dann Schnipp-Schnapp durch die nervösen Nervenbündel des Sternums nach oben und durch das kräftige Geflecht aus Muskeln und Sehnen darüber. Dann ins Zwerchfell. Wenn die Klingen diesmal zusammenkommen, tun sie es mit einem lauten Knirschen, während die Knochen sich teilen und der Brustkorb auseinanderplatzt wie bei einer Weihnachtsgans, deren gut gemeinte Füllung aus aufquellenden Esskastanien besteht.

Ich lausche, hoffe auf ein paar wenige, aber rettende Worte wie zum Beispiel „So, jetzt überzeugen wir uns erst mal selbst von seinem Tod, bevor wir ihn öffnen.“ Aber das Geschirr-Geklapper geht weiter. Ich versuche trotz aller Panik zu rekonstruieren, was mit mir geschehen sein mochte. War ich in den Tagen vor der Impfung mit irgendetwas Ungewöhnlichem in Berührung gekommen? Hatte ich etwas Falsches gegessen? Ich kann mich an nichts Außergewöhnliches erinnern. Woran ich mich jetzt – aufdringlicherweise – noch einmal erinnere, ist jener Morgen, als mir mein Hausarzt einen Überzeugungsbesuch abstattete. Einen Zeugen-Jehova-Besuch.

„Du wirst nur Nachteile ernten, wenn du dich nicht impfen lässt“, hatte Dr. Rainer Neumann gemeint. „Welches Impferlebnis du vor vierzig Jahren hattest, wird niemanden mehr interessieren.“

„Ich habe alle anderen Impfungen davor und danach schadlos überstanden. Ich habe lediglich Vorbehalte gegenüber kurzfristig zugelassenen und nicht hinreichend geprüften Erstimpfstoffen in Sachen Influenza. Politisch verordnete Nachteile sind mir weniger wichtig als meine Gesundheit.“

„Damals, 1970, wurden alle Grippeimpfungen auf Basis von Hühnereiweiß entwickelt und verimpft“, erläuterte Rainer. „Bis etwa 2008 waren es weitgehend hochgereinigte Impfstoffe, aber sie basierten dennoch auf Eiweißbasis. Das hat zu den untypischen Reaktionen bei bis zu zehn Prozent der Geimpften geführt und den schlechten Ruf der Grippeimpfungen begründet.“

„Das war für mich lebensbedrohlich und nicht nur irgendein schlechter Ruf“, hatte ich ein wenig konsterniert eingewendet.

„Heute ist aber alles ganz anders“, fuhr er fort. „Heute werden alle Impfstoffe gentechnisch und damit ohne Fremdeiweiß als Totimpfstoff hergestellt. Ein Unterschied wie Fahrrad und Auto. Beides Verkehrsmittel, aber nicht vergleichbar.“

„Beides sind jedenfalls Impfstoffe, die damals wie heute als superfortschrittlich, modern, medizinisch und medizintechnisch auf dem Höchststand gelobt wurden. Aber sie wurden ohne die notwendigen Langzeitstudien zugelassen.“

„Klar ist jedenfalls, dass auch dich das Virus erreichen wird“, sagte Rainer. „Du fällst in die Altersgruppe der Gefährdeten – das kann für dich zum Hochrisiko werden. Doch ein anderer Aspekt ist von noch größerer Bedeutung: Wie viele andere steckst du an und bringst sie damit in Lebensgefahr? Oder welche Menschen erleiden wegen deiner Infektion unter Umständen lebenslange Dauerschäden?“

Das hatte ich als eine schwere und völlig fehlgeleitete moralische Keule empfunden. Schließlich konnten die Ungeimpften nirgendwo hin, während sich die Geimpften ungeschützt treffen und feiern konnten. Obwohl sie ebenfalls Virenträger sein konnten. Waren denn nicht sie die wahren Virenschleudern? Sie durften Restaurants besuchen und dicht an dicht in Stadions stehen. Es war Unsinn, was Neumann redete, doch ich schwieg. Mir war klar, dass die hier eingeforderte, angebliche Solidarität nicht nur einseitig, sondern auch bloß ein Vorwand und ein bösartiger gesellschaftlicher Spaltpilz war.

Meine Gedankenpause hatte mein wenig sensibler Hausarzt genutzt, um sein nächstes Geschütz aufzufahren: „Und du solltest bedenken, dass du große Intensivkapazitäten blockierst, wenn du möglicherweise im Krankenhaus behandelt werden musst. Dadurch können andere dringende Notfälle nicht behandelt werden.“

Was sollte ich einem solchen Schwachsinn entgegensetzen? Am liebsten hätte ich ihm geantwortet: „Ja, lieber Rainer, ich bin in allen Punkten schuldig. Ich persönlich habe unser Gesundheitssystem ruiniert – nicht der Gesundheitsminister Jens Spahn und seine Ganoven aus Lobby und Partei. Zwar hatte er erst vor zwei Jahren für die weitere Reduzierung der Krankenhausversorgung (»Wir haben zu viele Krankenhäuser«) und für eine weitere »effiziente« Privatisierung die Propagandatrommel gerührt, aber das war wohl nur einer seiner beliebten Scherze. Nein, mein lieber Freund und Doktor, ich gestehe: Ich, der Ungeimpfte, bekenne mich in allen Punkten schuldig!“

Aber ich hatte eisern geschwiegen.

Rainer hatte dies als stillschweigendes Einverständnis gewertet, denn er war ungerührt fortgefahren: „Auch über die erheblichen Zusatzkosten, die durch die Ungeimpften für die Allgemeinheit entstehen, wird wenig gesprochen.“

Das war für mich der unerträgliche Höhepunkt seiner Schwurbellogik. Erst einen Tag zuvor hatte ich eine Studie der People‘s Vaccine Alliance, PVA, gelesen. Die PVA, zu der rund 80 Organisationen wie die international anerkannten Institutionen Oxfam und UNAIDS gehören, nahm sich regelmäßig die Quartals- und Neunmonatsberichte der US-Konzerne Pfizer und Moderna und des deutschen Unternehmens Biontech vor. Nach der Analyse der Zahlen kam man auf einen diesjährigen Gesamtjahresgewinn der Firmen vor Steuern in Höhe von 34 Milliarden Dollar – allein mit den Corona-Impfstoffen.

„Weißt du, dass die Pharmakonzerne Biontech, Pfizer und Moderna mit ihren Corona-Vakzinen 93,5 Millionen Dollar pro Tag oder 1000 Dollar Gewinn jede Sekunde machen? Was glaubst du, wer die Kosten verursacht? Die Ungeimpften oder die Geimpften? Was glaubst du, wer die Kosten trägt? Zahlen die Geimpften ihre Impfung selbst? Oder zahlt die Allgemeinheit, der Staat? Woher kommt wohl das unverschämt viele Geld? Wer wirft es den Pharmakonzernen so willig in den weit geöffneten Rachen?“

Rainer hatte mich erstaunt angeschaut. Und diesmal hatte ich nachgelegt: „In Wahrheit zahlen die Ungeimpften für die Geimpften mit! So herum wird ein Schuh draus!“

Da hatte er endlich seinen Mund gehalten. Ich hatte noch erläutert, dass die erwähnten Pharma-Unternehmen in der Pandemie fünf neue Milliardäre, nämlich die Chefs der Vakzin-Konzerne, hervorgebracht hatten, die zusammen derzeit über ein Nettovermögen von 35,1 Milliarden Dollar verfügen.

Offensichtlich bin ich noch klar bei Verstand, wenn ich mich an diese unerfreuliche Begegnung mit Dr. Neumann erinnern kann. Schließlich hatte ich bis dahin tatsächlich gedacht, er sei der Arzt meines Vertrauens.

Auch dass ich mich an die Zahlen so gut erinnere, gibt mir Mut und Zuversicht – nein, ich kann noch nicht hinüber sein. Aber vielleicht bin ich es bald – und diese Aussicht ist irgendwie zermürbend.

Doch meine Gedanken lassen jetzt keine weitschweifige Vergangenheitsbewältigung zu. Ich male mir schon wieder aus, wie die Schere weiterschneidet, durch die Knochen … Schnipp-KNIRSCH, Schnipp-KNIRSCH, Schnipp-KNIRSCH, etwas splittert in meiner Brust, Muskeln zerreißen wie aufgespannte Gummibänder beim Gummitwist. Dann schauen diese nachlässigen verbeamteten Medizinmänner beziehungsweise diese Medizinfrau auf meine freigelegten Lungen und vielleicht ruft Frau Doktor entzückt aus: „Noch ein Nichtraucher. Wie sauber!“

Ein hohes, durchdringendes Surren – wirklich ein Geräusch wie von einem Zahnarztbohrer.

Klausi-Mausi: „Kann ich …“

Er sieht zwar Kinski ähnlich, er hat aber nicht dessen aufbrausend-cholerisches Durchsetzungsvermögen, denke ich. Gottseidank!

Frau Dr. Cisco-Kid, deren Stimme tatsächlich etwas mütterlich klingt: „Nein! … Damit!“ Schnipp-schnapp. Als Demonstration für ihn.

Das können sie nicht machen, denke ich. Sie können mich nicht aufschneiden … ich kann FÜHLEN!

„Warum?“, fragt er.

„Weil ich es so will“, sagt sie, was erheblich weniger mütterlich klingt. „Wenn Sie später allein verantwortlich arbeiten, Klausi-Boy, dann können Sie machen, was Sie wollen. Aber hier bei mir, in Brigitte Möllers …“

(Aha, so heißt Cisco-Kid in Wirklichkeit!)

„… Autopsie-Raum, bauen Sie keinen Mist, sondern fangen mit dieser Schere an.“

Autopsie-Raum. Sofort denke ich an einen Horror-Schriftsteller. Das ist’s! Endlich. Jetzt ist es heraus. Ein Autorenkollege, ein Experte in Sachen Horror, hat mich als Sezier- und Studienobjekt für seine Geschichte benutzt und entführen lassen. Schriftstellern traue ich jeden Mist zu, nur damit sie ihre Auflage steigern können. Ich bin sein Studienobjekt. Ich bin die Ratte auf dem Seziertisch. Scheiße.

Noch einmal von vorne: Ich liege in einem Autopsie-Raum, vielleicht nackt in einem Leichensack, nur mein Gesicht schaut aus der Hülle, und meine braun-grünen Augen sind gezwungen, in das grelle Neonröhrenlicht zu starren. Meine Schmalzohren müssen das spielerische Schnipp-schnapp der Sezierschere hören, die gleich an meinem Körper zum Einsatz kommt. Und ich kann mich bei den ignoranten Pathologen nicht verständlich machen, obwohl es für jeden normalen Menschen wahrscheinlich wahrnehmbar wäre, dass ich noch lebe.

Mensch Meier, sind das Experten!, denke ich wütend. Doch selbst die Wut bleibt irgendwo in mir stecken. Und dann schreie ich ganz laut: HALLO! HALLO! Aber die da draußen sind taub. Der einzige, der meinen Schrei hört, bin ich.

Mir ist nach einer Gänsehaut am ganzen Körper zumute, aber natürlich passiert nichts; meine Haut bleibt glatt. Meine Gedanken kreisen noch kurz um Ben und eine unserer letzten Corona-Diskussionen. Es ging um Biontech, als das Unternehmen 2019, kurz vor der Pandemie, an der Börse Kapital einwarb. Laut Börsengesetz war es gezwungen, seine Investoren auf »die Risiken in Bezug auf unser Geschäft« hinzuweisen.

Ben hatte mir daraus vorgelesen: „Keine mRNA-Immuntherapie wurde bisher zugelassen. Sie wird möglicherweise auch nie zugelassen. Die Entwicklung von mRNA-Arzneimitteln ist aufgrund der neuartigen und nie dagewesenen Kategorie von Therapeutika mit erheblichen klinischen Entwicklungs- und Zulassungsrisiken verbunden. Unsere Produktkandidaten könnten nicht wie beabsichtigt funktionieren, unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen oder andere Eigenschaften aufweisen, die ihre Zulassung verzögern oder verhindern.“

Das also war Originalton Biontech.

Innerlich seufze ich gerade, was aber außer mir niemand bemerkt. Ich bin es schon gewohnt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Aber ich wehre mich mental gegen jenen Zustand, den man schlichtweg »Resignation« nennt.

Plötzlich unterbricht mich das Dozentengefasel der Pathologin. „Denken Sie daran …“, sagt Dr. Möller (Cisco-Möller; Ärztinnen und Studienrätinnen tragen vorzugsweise Doppelnamen, wahrscheinlich weil sie auf eine Verdoppelung der Pensionsansprüche hoffen), „… jeder Dummkopf kann lernen, den Schalter einer Gigli-Säge zu betätigen und drauflos sägen ... Aber Handarbeit ist immer am besten.“ Ihr Tonfall klingt jetzt dozierend. „Okay?“

„Okay“, bestätigt ihr Anlernling.

Sie werden es tun. Sie werden mich aufschneiden – mit dieser verdammten Geflügelschere. Ich bin sicher, dass sie es im Namen meines Horror-Kollegen tun. Vielleicht haben sie anhand seiner Storys diesen abscheulichen Beruf gelernt. Vielleicht waren Horrorgeschichten in ihrem Studium sogar eine Lern- und Prüfungseinheit mit 100 Credit Points – inklusive einer Studienexkursion in irgendein Gruselhaus der Disney-Parks. Ich denke da an Phantom Manor.

Ich muss irgendeinen Laut, irgendeine Bewegung machen, sonst tun sie‘s wirklich. Quillt oder spritzt gar nach dem ersten Schnitt mit der Schere Blut heraus, werden sie zwar wissen, dass irgendwas nicht in Ordnung ist, aber dann ist es sehr wahrscheinlich zu spät. Zu spät für mich. Dieses erste Schnipp-KNIRSCH wird passiert sein, und meine Rippen werden an meinen Oberarmen liegen, während unter den Leuchtstoffröhren und den entsetzten Blicken dieser sogenannten Pathologen mein Herz in seinem von Blut glänzenden Beutel wie wild um sich schlägt ...

Gerade will ich mich auf meine Brust konzentrieren, um einen Schrei zu starten, da höre ich, wie sich die Druckluft-Tür mit diesem bekannten Zischen öffnet und die Ärztin begeistert ausruft: „Hi, Mr. King. Treten Sie ruhig näher, wir haben Sie bereits erwartet.“

Ich höre näher kommende Schritte. Ich höre wie mein Namensvetter in gebrochenem Deutsch antwortet: „Wie göht es Öhnen? Darf ich?“

Ich höre, wie Kleider abgelegt werden. Klausi-Boy wird von Dr. Möller vorgestellt.

„Holen Sie bitte für Mr King die vorgeschriebene Kleidung, die Haube und den Mundschutz.“

„Okay“, sagt Klaus und man hört eine blecherne Schranktür quietschen und ein Flüstern zwischen der unbekannten Ärztin und dem berühmten Schriftsteller. Dann rascheln Kleidungsstücke, das Flüstern hat aufgehört, und mehrere Schritte nähern sich meinem Tisch. Habe ich »meinem Tisch« gesagt? Das ist natürlich Quatsch, und das wissen Sie auch, verehrte Leserin, verehrter Leser. Es ist ein extra für Stephen King aufgebauter Seziertisch, an dem (aus mir) eine Extrawurst für ihn fabriziert wird – nur, damit seine Story glaubwürdiger klingt.

Wie ich aus seiner Biografie weiß, spricht Stephen King ein mehr oder weniger gutes Schuldeutsch, so, wie man in Maine eben Deutsch lernt, ein breites Quark-quark-quark und die Verben als Substantiv.

„Wo setzen Sie den Schnitt an?“

(„Woa sötzen sö dön Schneiden an?“ So etwa klingt sein Deutsch, ohne dass ich das dramatisch finde – unter anderem weil ich weiß, dass Sie, liebe Leser, ebenso wie ich der Überzeugung sind, dass er ansonsten hervorragend schreibt.)

Dramatisch ist etwas ganz anderes. Dramatisch ist zum Beispiel meine ganz persönliche derzeitige Situation. Ich liege hilflos hier und kann nur im Entferntesten daran denken, jemals wieder eine Geschichte zu schreiben. Ich weiß, dass ich am Ende bin. Ist es das Ende der Geschichte, wie es der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama in einer wirren Analyse vor dreißig Jahren einmal feststellte?

Ich zumindest will noch nicht am Ende sein, und deshalb konzentriere ich mich ganz auf meine Brust. Ich drücke oder versuche es zumindest ... Und höre etwas.

Einen Laut!

Ich habe einen Laut von mir gegeben!

Er bleibt größtenteils in meinem geschlossenen Mund, aber ich kann ihn auch in meiner Nase hören und fühlen – ein leises Summen.

Wäre das toll, wenn ich hier vor Stephen King aus dem Wachkoma erwache! Ich bin mir inzwischen ziemlich klar darüber, dass ich im Wachkoma liege, nur weiß ich nicht sicher, ob das mit jenem Impfstich zu tun hat. Aber das ist im Moment auch wirklich nebensächlich.

Ich freue mich auf Kings Gesichtsausdruck, wenn ich mich plötzlich aufrichte, ihm die Hand reiche und ihm für sein Gesamtwerk danke. Ich konzentriere mich erneut, gebe mir größte Mühe, wiederhole den Vorgang und bringe diesmal einen Ton hervor, der etwas lauter ist und wie Zigarettenrauch aus meinen Nasenlöchern quillt: Nnnnnnn ...

Jetzt muss ich an einen uralten Fernsehfilm von Alfred Hitchcock denken, den ich vor ewig langer Zeit gesehen habe, in dem Joseph Cotten nach einem Verkehrsunfall gelähmt war und den Ärzten schließlich durch eine einzige Träne zeigen konnte, dass er noch lebte. Zumindest hat dieser winzige, an ein Mückensirren erinnernde Nnnnnnn-Laut mir selbst bewiesen, dass ich lebe, dass ich nicht nur ein Überbleibsel des Pfingstgeistes bin, der sich noch in der irdischen Hülle meines eigenen toten Körpers aufhält.

Außerhalb meiner Gedankenwelt höre ich die Schnippelärztin gerade etwas erklären: „Der Unterschied zur Rechtsmedizin, Mr King, ist folgender: Wir Pathologen machen Leichenöffnungen, wenn die Todesursache unklar, aber natürlich ist. Es wirkt vielleicht unlogisch, aber Pathologen dürfen nur sezieren, wenn eine natürliche Todesursache vorliegt. Gerichtsmediziner hingegen sezieren nur dann, wenn fremde Gewalt im Spiel gewesen sein könnte.“

Als ich meine gesamte Konzentration bündle, kann ich spüren, wie Luft durch meine Nase und meine Kehle hinunterströmt, um den Atem zu ersetzen, den ich jetzt verausgabt habe, und dann stoße ich sie wieder aus und arbeite schwerer, als ich je als Teenager zur Weihnachtszeit bei der guten alten Bundespost gearbeitet habe, als ich Geschenkpakete in den vierten und fünften Stock (ohne Aufzug) austrug. Jetzt, auf dem Seziertisch, arbeite ich wirklich schwerer, als ich je in meinem Leben gearbeitet habe, weil ich jetzt um mein Leben arbeite, und die da neben mir müssen mich hören, lieber Jesus, sie müssen!

Nnnnnnnn …

„Hören Sie gerne House-Musik?“, fragt die Ärztin (Sie fragt den berühmten Mr Schriftsteller, nehme ich an). „Ich habe aber auch amerikanische Country-Songs …“, beeilt sie sich hinzuzufügen.

Stephen gibt einen abwehrenden Laut von sich. Ich höre ihn kaum und ziehe keine unmittelbaren Schlüsse aus dem Gesagten, was vermutlich eine Gnade ist.

„Schon gut“, sagt sie lachend. „Ich habe auch klassische Musik.“

„No, nein, nein, no Classics, please!“, ruft Grusel-King aus. „Haben sö dee Toten Hosen?“

„Warum nicht? Eine liegt genau vor uns“, scherzt Frau Dr. Möller und fügt halb singend hinzu: „An Tagen wie diesen …“

„Haben Sie die wirklich in Ihrer Playlist?“, fragt ungläubig Klaus, der unsichere Anlernling. Und ich hoffe schon, dass er über all dem vergisst, mich aufzuschneiden.

„Na, seh‘ ich etwa immer noch spießig aus, wenn ich meinen grünen Kittel ausziehe?“

Ich höre die Stimme der Ärztin und das Rascheln eines Kittels, der gerade abgestreift wird. Sie wird doch vor Stephen King, Klausi-Mausi und mir keinen Striptease hinlegen?

Hört mir zu!, kreische ich in meinem Kopf, während meine unbeweglichen Augen zu dem eisig-weißen Licht aufstarren. Hört auf, wie Hausfrauen auf dem Marktplatz zu schwatzen, und hört mir endlich zu!

Ich fühle mich verzweifelt – wie damals zu meinen besten Facebook-Zeiten, als ich mich selbst mit Bluttransfusionen retten musste und genau wusste, dass die Menge im Beutel nicht ausreichen würde. (Dass sich so vieles im Leben wiederholt, ist eine der Merkwürdigkeiten, die ich mir als Story vorknöpfen werde, sofern ich diesen Seziertisch hier lebend verlasse … Obwohl, stopp: Als nächstes Projekt steht »Willi, der Held von Lich« auf meinem Schreibplan – ein wütender Elon-Musk-LKW, selbstfahrend, selbstdenkend, der gegen ein Logistikmonster kämpft …)

Ich fühle wieder Luft durch meine Atemwege strömen, und das bringt mich auf die Idee, was immer mir zugestoßen ist, könnte allmählich abklingen … aber das ist nur ein schwaches Echozeichen auf dem Radarschirm meiner flüchtigen Gedanken. Vielleicht klingt es ab, aber eine Erholung alleine wird jetzt keine Option für mich sein. Sie müssen mich hören! Meine gesamte Energie ist darauf konzentriert, sie dazu zu bringen, meine zart gehauchten Töne zu vernehmen, und diesmal werden sie mich hören, das könnte ich wetten.

„Gut, dann die Toten Hosen“, sagt sie. „Es sei denn Mr King möchte aus gegebenem Anlass »Mein Herz« von Beatrice Egli hören. You like her?“

Endlich sehe ich das Gesicht meines Protagonisten kurz über mir, sehe seine schräge Brille, sehe, wie er verneinend den Kopf schüttelt („Nein, keine Egli isch kennen“). Ich sehe, wie er seine Brille zurechtrückt, als er wohl die Instrumente in Augenschein nimmt, die links von mir auf einer (dem Klang nach) stählernen Ablage liegen; sehe, wie er wahrscheinlich zur Ärztin schaut, sehe ihren Zeigefinger auf die Gegend deuten, wo mein Herz noch schlägt, was sie und die beiden anderen allerdings nicht wissen.

Jetzt spricht Frau Doktor ihren Helfer an: „Sind Sie einverstanden, wenn ich zu Ehren Ihrer ersten Autopsie und zu Ehren unseres Ehrengastes einen Song der Toten Hosen abspiele?“

„Ist mir eine Ehre!“, ruft er, und alle drei lachen.

Mein Ton beginnt herauszukommen, und diesmal ist er lauter. Nicht so laut, wie ich gehofft habe, aber laut genug. Sie müssen ihn hören, sie müssen! Dann, als ich eben beginne, den Ton wie eine rasch erstarrende Flüssigkeit aus meiner Nase zu pressen, füllt der Raum sich (viel zu laut) mit dem Gitarren-Geklimper und den (für mich) absolut unpassenden Singsangworten: „Ich wart‘ seit Wochen auf diesen Tag …“

„Leiser!“, schreit Frau Dr. Cisco-Möller. Sie schreit komisch übertrieben. Bei diesem ganzen Krach ist mein eigener nasaler Laut, ein verzweifeltes kleines Summen durch die Nase, nicht besser zu hören als ein Flüstern in einer Eisenschmiede.

Jetzt beugt ihr Gesicht sich wieder über mich, und mich erfasst neues Entsetzen, als ich sehe, dass sie eine Schutzbrille aus Plexiglas trägt und ihre Gesichtsmaske über Mund und Nase hochgezogen hat. Sie blickt über ihre Schulter zurück. Gleich wird sie Stephen erklären, wer von ihnen was und warum und wie aufschneidet und wonach sie suchen und was sie zu finden hoffen. Vielleicht erfahre ich in meinen letzten Minuten zumindest von ihr, was mir zugestoßen sein könnte. Eine Vermutung würde mir reichen.

„Ich strippe ihn für Sie“, erklärt sie Klaus, dann beugt sie sich mit einem glitzernden Skalpell in der Hand zu mir her, beugt sich, vom Gitarren- und Gesangsdonner der Toten Hosen begleitet, über mich.

Meine momentan einzige geistige Stärke liegt in der Rekapitulation: Noch immer liege ich starr und steif in einem Autopsie-Raum und rechne damit, dass man mich mit einem zackigen Schnipp-schnapp aufschneidet, um meine angebliche Todesursache zu ermitteln. Zu meiner großen Überraschung tritt Stephen King neben die Aufschnippelmedizinerin und ihr Helferlein (Klausi-Mausi), um sich alles erklären zu lassen, weil er dieses Mal eine authentische Horrorgeschichte schreiben möchte. Er möchte alles möglichst realistisch schildern, wofür ich als Autor durchaus Verständnis aufbringe. Aber nicht als scheintote Nichtleiche, die bloß im Wachkoma liegt und alles (sehr realistisch) mitbekommt. Soll ich ihn jetzt hassen?

Die Pathologin beugt sich über mich, und ich hoffe, dass sie das blanke Entsetzen in meinen Augen erkennen wird. Ich summe verzweifelt, aber das ist zwecklos. Ich kann mich nicht einmal selbst hören.

Das Skalpell schwebt eine kurze Zeit über mir, dann schneidet es.

Ich schreie in meinem Kopf auf, aber ich spüre keinen Schmerz, sondern nur, wie mein Polohemd in zwei Stücken zur Seite gleitet. (Und ich dachte erst, ich sei schon nackt; dabei hatte man mich wahrscheinlich nur aus dem Leichensack befreit.) Mein Hemd fällt auseinander, wie mein Brustkorb es tun wird, wenn Klaus seine erste Brustkorböffnung an einem lebenden Patienten vornimmt.

Ich werde hochgezogen. Mein Kopf fällt nach hinten, und ich sehe einen Augenblick lang Klaus von unten, der sich seine Schutzbrille aus Plexiglas aufsetzt, während er an einem Stahltisch steht und ein erschreckendes Sortiment von Werkzeugen begutachtet. Ich sehe sie nur flüchtig, sehe den erbarmungslosen Satinglanz stählerner Klingen. Dann werde ich wieder flach hingelegt, und mein Hemd ist fort. Jetzt spüre ich meine Haut noch mehr als zuvor.

Ich bin bis zur Taille nackt. In dem Raum ist es kalt. Dann ist wieder Dr. Möllers halbvermummter Kopf über mir.

Sieh dir meine Brust an!, kreische ich sie an. Du musst sehen, wie sie sich hebt und senkt, selbst wenn meine Atmung noch so flach ist! Du bist die gottverdammte Expertin, Herrgott noch mal!

Stattdessen sieht sie durch den Raum und spricht laut, um die Musik der Toten Hosen zu übertönen („In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht, erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht“, singt diese unsensible Band, und ich stelle mir vor, wie ich diesen grölenden Siegersong in den Höllenfluchten bis in alle Ewigkeit hören werde.)

„Worauf tippen Sie? Boxer oder Jockey?“

Mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen erkenne ich, wovon die Rede ist.

„Boxer!“ ruft Klaus zurück.

Von Stephen King höre ich kein Wort, außer vielleicht einem dezenten Räuspern, das zu ihm gehören könnte.

Klaus: „Natürlich! Sehen Sie sich den Kerl bloß an!“

Arschloch!, würde ich am liebsten brüllen. Du denkst wahrscheinlich, dass jeder Ü-Vierziger Boxershorts trägt! Du denkst wahrscheinlich, dass du mit vierzig keinesfalls …

Frau Doktor knöpft meine Bermudashorts auf und zieht den Reißverschluss herunter. Unter anderen Umständen wäre ich wahrscheinlich äußerst glücklich, wenn eine so aparte Frau (ein bisschen streng, ja, aber trotzdem irgendwie hübsch) das täte. Heute jedoch …

„Sie haben verloren, Klaus“, sagt sie. „Jockey-Shorts. Fünf Euro in die Kaffeekasse.“

„Am Zahltag“, sagt er und kommt herüber. Sein Gesicht gesellt sich zu ihrem. Die beiden blicken durch ihre Plexiglasbrillen auf mich herab wie zwei Außerirdische, die einen Entführten begutachten. Ich versuche sie dazu zu bringen, dass sie meine Augen sehen, dass sie sehen, dass ich sie anstarre, aber diese beiden Dummköpfe haben nur Augen für meine Unterhose. Und Stephen King schaut mir auch nicht in die Augen, denn sonst würde ich ihn sehen; wer weiß, wohin er guckt, um seine nächste Story makaber anzureichern.

„Ooooh, und rot!“ sagt Klaus. „Ein Swinger!“

„Ich würd’s eher ein verwaschenes Rosa nennen“, antwortet sie. „Da haben wir uns ja ein besonderes Sonderexemplar für Mr King ausgesucht.“

Ich höre sie lachen, auch das Lachen von Mr King. „Heben Sie ihn für uns hoch, Klaus, er wiegt eine Tonne. Kein Wunder, dass er einen Herzanfall gehabt hat. Lassen Sie sich das eine Lehre sein.“

Ich bin fit!, brülle ich sie an. Und ich wiege keine Tonne! Wahrscheinlich fitter als du, altes Miststück!

Wieder einmal überhören sie mich.

Meine Hüften werden plötzlich von kräftigen Händen hochgerissen. Mein Rückgrat knackt; dieses Geräusch lässt mein Herz erneut jagen.

„Sorry, alter Junge“, sagt Klaus, und ich friere plötzlich noch mehr, als meine Shorts und die rote Unterhose heruntergezogen werden. Ich schäme mich; schäme mich nicht vor Dr. Möller und ihrem Azubi. Ich schäme mich vor Stephen King, der mich und meine ganze schmale Männlichkeit sezierend in Augenschein nimmt, um alle Einzelheiten weltweit in einer seiner Storys zu verwursten.

„Hoch das Bein zum Ersten“, sagt sie und hebt einen Fuß, „und hoch das Bein zum Zweiten“, während sie den anderen Fuß hebt, „runter mit den Mokassins, runter mit den Stinkesocken …“

Sie macht abrupt Halt, und ich schöpfe erneut Hoffnung.

„Hey, Klaus.“

„Yeah?“

„Tragen Leute normalerweise Bermudashorts und Mokassins, wenn sie sich im Mai in ein Impfzentrum begeben?“

„Warum nicht? Es hat draußen 26 Grad.“

„Trotzdem komisch“, sagt sie.

Hinter ihr (aber das ist nur eine Schallquelle, tatsächlich umgibt mich der Krach von allen Seiten) sind die Toten Hosen bei »Steh auf, wenn du am Boden bist« angelangt. Jetzt singen sie: »Nur keine Panik, so schlimm wird es nicht! Mehr als deinen Kopf reißt man dir nicht weg! Komm und sieh nach vorn!« Es ist Frontmann Campino alias Andreas Frege, der da grölt, und ich frage mich, wie irre er tanzen würde, wenn er ungefähr drei Stangen Hi-Core-Dynamit in seinen Hintern gerammt bekäme.

„Wenn Sie mich fragen, hat dieser Kerl sich selbst in Schwierigkeiten gebracht“, fährt die Pathologin fort. „Ich denke, er hätte sich vor der Impfung von einem Kardiologen beraten lassen sollen. Oder wollte er uns mit seinem tollen Herzstillstand erschrecken? Wenn er wüsste, was wir alles zu sehen bekommen …“ Wieder lachen alle drei.

Die Toten Hosen verstummen und ein Radiosender meldet sich mit der Stimme von Frankreichs Präsident Macron zu Wort. Er ist ein Schüler aus Klaus Schwabs Denkfabrik, und er hat es auf Ungeimpfte abgesehen. Mich betrifft es nicht, ich bin ja jetzt geimpft – auch wenn es mir derzeit wenig nützt.

„Ich habe große Lust, die Ungeimpften zu nerven, also werden wir fortfahren, dies bis zum bitteren Ende zu tun“, tönt es aus Macrons Mund – natürlich in Französisch, aber simultan übersetzt von einer deutschen Radiostimme. Er sagt, er wolle die Franzosen grundsätzlich nicht nerven, aber die Gruppe derjenigen, die störrisch seien, verkleinere man so. Hoffentlich unterliege nicht auch ich diesem Reduzierungsprogramm, denke ich. Ich fühle mich in diesem Moment äußerst genervt.

„Ich werde sie nicht ins Gefängnis bringen, ich werde sie nicht zwangsimpfen, aber ich werde sie unendlich nerven!“, fährt der Herr Präsident fort.

Ist das eines demokratischen Präsidenten würdig? Einen Moment lang zerbreche ich mir darüber ernsthaft den Kopf.

Alleine schon seine martialischen Gedanken, er wolle die Leute »natürlich nicht« in den Knast bringen oder zur Zwangsimpfung abführen lassen, sind verräterisch. Es stinkt nach Rache, nach einer schockierend undemokratischen Attitüde. Während sich zu meiner vorhandenen körperlichen Starre noch eine seelische Sonderschockstarre gesellt, führt Macron in aller präsidialen Würde weiter aus, dass in wenigen Tagen Ungeimpfte keinen Zugang mehr zu Restaurants, Kulturstätten und Fernzügen haben sollen.

Im Moment ist mir – mir persönlich – diese Welt aus Konsum und Reisen sehr, sehr fern … Fernzüge hin oder her.

Klaus streckt seine Hände, die in weißen Gummihandschuhen stecken, über meinem Gesicht aus, legt sie aneinander und biegt die Finger zurück. Während seine Knöchel knacken, rieselt Talkumpuder wie Puderzucker auf mich herab.

„Wollen Sie jetzt die Temperaturmessung und Erstuntersuchung übernehmen?“, fragt die Ärztin.

Nein!, brülle ich. NEIN, er ist noch Student, was machst du da?

Klaus betrachtet sie, als sei er auch schon auf diese Idee gekommen. „Das wäre … hm … nicht ganz legal, stimmt’s? Ich meine … Aber für Mr King wäre es auch ein Erlebnis, wenn er über die Glanztaten eines Anfängers berichten könnte, oder?“

Alle drei lachen verhalten.

Ich komme mir plötzlich wie ein Lauscher an der Trennwand vor, der sich Intimitäten anhört.

Während Klaus spricht, sieht sie sich nach Stephen um, begutachtet übertrieben den Raum, und ich beginne, Schmetterlings-Vibrationen in der ärztlichen Frauen-Aura zu spüren, die Schlimmes für mich bedeuten könnten. Ob streng oder nicht, ich glaube, dass Cisco – alias Dr. Brigitte Möller – scharf auf Mr King ist. Jesus, was, wenn sie den Azubi machen lässt und mit Stephen nach Boris-Becker-Manier in irgendeiner Besenkammer verschwindet?

„He“, sagt sie mit heiserem Flüstern wie auf der Bühne, „ich sehe hier niemandem außer uns dreien.“

„Das Tonband …“

„Läuft noch nicht“, sagt sie. „Und sobald es läuft, wird Mr King keine Fragen stellen und schweigen, als wäre er nicht anwesend, right?“

Stephen antwortet mit einem verständnisvollen „Yeah, sure!“

„Und sobald das Tonband läuft“, fährt sie fort, „werde ich die ganze Zeit dicht neben Ihnen sein, Klaus … jedenfalls erfährt niemand etwas anderes. Und das werde ich auch die ganze Zeit sein. Ich will nur diese Dias und Diagramme hier einordnen. Und wenn Sie sich wirklich unbehaglich fühlen …“

Ja!, schreie ich Klaus aus meinem unbeweglichen Gesicht an. Fühl dich unbehaglich! SEHR unbehaglich! ZU unbehaglich!

Dass sie mich aufschnippeln werden, ist schon schwer genug für mich zu ertragen – das werden Sie doch sicherlich verstehen, verehrte Leserschaft! Aber dass man obendrein noch ein Tonbandprotokoll anfertigt, das reißt mich glatt vom Hocker beziehungsweise vom Seziertisch. Diese Stümper merken nicht, dass ich noch lebe. Ihm, Stephen King, kann ich es nicht übel nehmen. Er macht den Scheiß mit, um eine seiner Storys mit glaubwürdigen Tatsachen anzureichern. Doch auf die Ärztin und den doofen Studenten bin ich stinksauer. Wenn ich die Sache überlebe, dann …

Klaus ist höchstens vierundzwanzig, und wahrscheinlich hofft er, dass diese aparte, strenge Frau Pathologin tatsächlich mit Stephen King in irgendeinem abgelegenen Sezierraum verschwindet, damit er freie Bahn hat, mich auseinanderzunehmen. Nach dem Motto: Ja, Mami, ich trau mich ganz alleine an den hier ran!

Ich glaube, er will das ganz allein schaukeln. Ich kann seine Begierde durch die Plexiglasbrille erkennen.

„Sie können gerne bei mir bleiben, wenn Sie wollen … Ich traue mich …“, sagt er – aber er meint das Gegenteil; weder will er, dass sie bei ihm bleibt und sieht, welche Scheiße er anrichtet, noch traut er sich wirklich; er will nur nicht, dass jemand seine Unsicherheit mitbekommt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die smarte Ärztin einen Blick Richtung Mr King wirft.

„Klar“, sagt sie. „Sie müssen irgendwann ins kalte Wasser springen, Klaus. Und wenn’s wirklich sein muss, spule ich das Tonband zurück.“

Er wirkt verblüfft (und Mr King entfährt im Hintergrund ein „Oh!“)

Klaus: „Das können Sie?“

Sie lächelt. „Im Autopsie-Raum 508 gibt’s viele Geheimnisse, mein Lieber.“

„Das glaube ich gern“, sagt er und erwidert ihr Lächeln, bevor er über mein starres Blickfeld hinausgreift. Als seine Hand zurückkommt, hält sie ein Mikrofon, das an einem schwarzen Kabel von der Decke herabhängt. Das Mikro sieht wie eine Träne aus Stahl aus. Der Anblick macht diesen Horror auf eine bisher nicht existierende Weise real.

Aber sie werden mich nicht wirklich aufschneiden, nicht wahr?

Klaus ist zwar kein Veteran der Pathologie, aber sicherlich hat er doch eine Ausbildung als Mediziner, oder? Er muss fühlen, dass mein Herz noch schlägt – wenn er mich vor dem Aufschneiden nur einmal, ein einziges Mal, anfasst, und dann wird er zumindest meine noch immer warme Haut fühlen und endlich Verdacht schöpfen. Er muss Verdacht schöpfen.

Trotzdem sehe ich noch immer die Schere vor mir – diese große Geflügelschere – mit ihrem erbarmungslosen Satinglanz, und ich frage mich, ob ich noch leben werde, wenn er mein tropfendes Herz aus dem Brustraum hebt und es für einen Moment vor meinem starren Blick hochhält, bevor er sich abwendet, um es in die Waagschale plumpsen zu lassen. Ich könnte in jenem grässlichen Moment noch leben, so scheint es mir; das könnte ich wirklich. Heißt es nicht, das Gehirn könne nach einem Herzstillstand bis zu drei Minuten lang weiterarbeiten?

Opfer der Impfstory?

Wenn es stimmen sollte, dass ich ein Opfer der vermaledeiten Impfstory geworden bin, dann hoffe ich auf eine Aufarbeitung. – immer vorausgesetzt, ich überlebe. Aber welcher Art könnte die Analyse sein? In Form einer wissenschaftlich-historischen Grundsatzarbeit an der Berliner Charité? Langweilig! Oder in Form einer medizinischen Studie, die ich gemeinsam mit renommierten Virologen, Infektiologen und Immunologen ausarbeite und bei Pegasus Bücher veröffentliche? Liest kein Mensch!

Am ehesten fände ich eine juristische Aufarbeitung angebracht. Ein Prozess müsste her. Man müsste den oder die Verantwortlichen für meine gesundheitliche Beeinträchtigung ermitteln und in einem Gerichtsverfahren die Problematik für die heutige Öffentlichkeit und für die Nachwelt schonungslos dokumentieren. Das Thema wäre ganz klassisch: Ein Impfzentrumbetreiber und sein ausführender Arzt verursachen Impfschäden, für die sie nicht aufzukommen bereit sind.

Schließlich haben die juristisch unbewanderten und hilflosen Bürger in ihrer panischen Angst vor dem Virus allem bedingungslos zugestimmt, was man ihnen unmittelbar vor der Impfung vor die Nase hielt. Ja, die Hilfe suchenden Impflinge haben in ihrem gehorsamen Vertrauen im Vorgriff all den handelnden und weisungsgebundenen Personen einen Blankoscheck ausgestellt. Sie haben die Betreiber wie die behandelnden Ärzte, aber auch die staatlichen Stellen, die die Kampagne organisieren und am Laufen halten und die Menschen mehr oder minder zur Impfung zwingen, von der Haftung befreit. Wie ich finde: unter Vortäuschung falscher Tatsachen und unter indirektem Zwang. Das müsste ich beweisen. Keine einfache Sache. Schließlich gilt im Bürgerlichen Gesetzbuch wie im Strafrecht: Unterschrift ist Unterschrift. Einverständnis ist Einverständnis. Aber ist es wirklich so einfach?

Vor Gericht müssten sich die handelnden Personen für ihre Taten verantworten. Im Prozess würde es um sehr konkrete, fallbezogene, aber auch um weitreichende Fragen gehen, darunter auch, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz einer pandemischen Virengefahr noch gilt? Wie viele Sterbefälle sind akzeptabel und wie verhält es sich mit der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen, die uns Sicherheit vorspiegeln, aber keinesfalls Sicherheit gewährleisten?

Gilt noch der Rechtsstaat? Oder erheben sich einflussreiche Menschen zu gottähnlichen Machthabern? Ist es nur ein Kampf um Nuancen oder auch ein Kampf ums Leben? Geht es ums Prinzip – aber um welches, und ist es verfassungskonform? Vielleicht löst ein Prozess all meine bisherigen Fragen: Wem kann man noch trauen? Wer sagt die Wahrheit? Wer streut mir Sand in die Augen? Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, eine bestimmte Anzahl Menschen dem Virus zu überlassen?

Wie viel Schutz ist möglich, wie viel Schutz ist erträglich? Darf der Staat mich gegen meinen Willen schützen? Darf der Staat ein Leben gegen ein anderes Leben aufwiegen?

Irgendwie freue ich mich, auf dem Seziertisch liegend, dass ich solch überaus schwierige Fragen im Angesicht meines Todes noch stellen kann – wenngleich ich sie im Moment nicht zu beantworten vermag. Natürlich kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass ich genau diesen Prozess im Jahr 2025, ein Jahr nach dem offiziell verkündeten Ende jener nichtpandemischen Pandemie führen werde.

Ich denke. Also bin ich. Also lebe ich noch.

„Ich bin so weit, Frau Doktor“, sagt Klaus, dessen Stimme jetzt fast förmlich klingt. Irgendwo läuft ein altmodisches Tonband mit. Die neue Technik hat in der guten alten Pathologie noch keinen Einzug gehalten. Ich weiß nicht warum, aber gerade jetzt erinnere ich mich, dass selbst auf Polizeistationen erst zur Jahrtausendwende – das heißt mit zehnjähriger Verspätung – auf die Computeroffensive der Unterwelt mit der Anschaffung von PC’s reagiert wurde. Jahrelang hinkte man mit Schreibmaschinen den Ganoven (auch denen mit weißem Kragen) hinterher.

Heute wissen wir, warum in der Zeit, als sich die internationale Finanzwelt zur globalen Geheimregierung entwickelte, der Staat von dieser Seite keinen Ansporn erhielt, die Informationstechnologie auszubauen. Meine Gedanken werden abrupt unterbrochen – obwohl ich mir einen Sekundenbruchteil lang die Frage stelle, wie es meinem Gehirn möglich ist, in einer solchen Situation wie der meinen, solch heikle Fragen aufzuwerfen.

„Dann mal los!“, lässt sich Frau Dr. Möller mit Schwung in der Stimme vernehmen.

Die Autopsie beginnt.

„Wenden wir diesen Pfannkuchen mal“, sagt sie fröhlich und mit dieser unbekümmert schwingenden Stimme, und ich werde genauso schwungvoll umgedreht. Mein linker Arm fliegt seitwärts, federt zurück und knallt seitlich ans Stahlgestell, dessen hochstehende Kante sich in meinen Bizeps gräbt. Das tut verdammt weh, der Schmerz ist fast unerträglich, aber er macht mir nichts aus.

Ich hoffe inständig, dass die Metallkante meine Haut aufplatzen lässt, bete darum, zu bluten wie eine Sau, was echte Leichen nicht tun. Dann würden diese pathologischen Analphabeten gewiss merken, dass sie am falschen Objekt arbeiten. Gut, dann müsste Stephen King halt wieder unverrichteter Dinge nach Maine abreisen. Na ja, was heißt »unverrichtet«? Vielleicht würde er sich noch ein Schäferstündchen mit Frau Doktor im Nebenraum gönnen. Vielleicht gibt es dort einen gepolsterten Seziertisch. Aber was kümmert‘s mich! Ich muss trotzdem innerlich lächeln, weil mich diese Phantasie einfach nicht loslassen will.

„Hoppla“, sagt Dr. Möller. Sie hebt meinen Arm wieder hoch und lässt ihn neben meinem Körper auf den Tisch plumpsen.

Jetzt ist‘s meine Nase, die mir die meisten Sorgen macht. Mein spitzer und vorwitziger Riechkolben wird auf dem Tisch plattgedrückt. Erstmals sendet meine Lunge SOS-Rufe aus – ein benommenes Gefühl von Sauerstoffmangel. Mein Mund ist geschlossen, meine Nase plattgedrückt und teilweise blockiert (wie sehr, kann ich nicht beurteilen; ich kann nicht einmal spüren, wie ich atme, nicht wirklich). Was ist, wenn ich so ersticke?

Dann passiert etwas, das mich völlig von meiner Nase ablenkt. Ein riesiger Gegenstand – er fühlt sich wie ein Baseballschläger aus Glas an – wird grob (ohne Butter, wie Mama es stets machte) in mein Rektum gerammt. Ich versuche wieder zu schreien und bringe nur dieses schwache, elende Summen heraus.

„Thermometer drin“, sagt Klaus. „Ich lasse den Timer laufen.“

„Gute Idee“, sagt sie und bewegt sich weg. Lässt ihm etwas mehr Freiraum. Lässt ihn dieses Baby Probe fahren. Lässt ihn mich Probe fahren. Die Musik wird etwas leiser gestellt.

„Der Untersuchte ist ein weißer Mitteleuropäer, Alter im Moment unbekannt“, sagt Klaus, der jetzt ins Mikrofon spricht, für die Nachwelt spricht. „Sein Name ist Stefan Koenig, wohnhaft »Auf dem Rücken 20«, aus Laubach.“

Dr. Möller, aus einiger Entfernung: „Sein Alter müsste im Impfpass stehen. Warum ist der nicht bei ihm?“

„Es sollen noch einige Unterlagen nachgeliefert werden. Ging im Impfzentrum wohl alles ein bisschen schnell und drunter und drüber. Na ja …“, sagt die Stimme von Klausi-Mausi entschuldigend, als hätte er persönlich die Sache verbockt.

„Der Untersuchte stammt aus Mainhattan. Bitte korrigieren Sie: Laubach durch Mainhattan ersetzen.“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragt Klaus.

„An seiner Hose war ein Hinweiskärtchen einer Reinigungsfirma aus Mainhattan befestigt.“

„Hmm …“

Eine Pause, dann wieder Klaus, der jetzt leicht nervös zu sein scheint und für das Tonband etwas widerwillig seine Stimme erhebt: „Dr. Möller teilt mir mit, dass der Untersuchte in Wirklichkeit in Mainhattan wohnt, das früher fast Bundeshauptstadt geworden wäre, wenn nicht die Amerikaner ...“

„Schluss mit der Geschichtsstunde, Klaus.“

Lieber Gott, was haben sie mir in den Po gesteckt? Irgendeine Art Thermometer für Kühe und Pferde? Wäre es nur ein wenig länger, könnte ich die Kugel am vorderen Ende ablecken, glaube ich. Und sie haben mit dem Gleitgel arg gespart … Aber wozu auch Gel verplempern? Ich bin schließlich tot.

TOT.

„Sorry, Doktor“, sagt Klaus. Er fummelt in Gedanken nach der Stelle, wo er stehen geblieben ist, und findet sie endlich wieder. „Die folgenden Angaben werden vom Vordruck der Sanitäter übernommen. Sie stammen von einem in Laubach ausgestellten abgelaufenen Rezept für Herzmedikamente. Der Tod wurde festgestellt von, äh, Dr. Schlauer. Der Untersuchte wurde am Auffindungsort im Roller-Impfzentrum für tot erklärt.“

Ich versuche tief einzuatmen, um mich für die Todesursache zu rüsten, aber ich kann es einfach nicht. Mein Atem scheint so schrecklich flach zu sein, dass er sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, auch nicht, wenn er erfährt, warum er so flach ausfällt.

„Als Todesursache kommt eindeutig Herzschlag in Frage“, sagt Klaus. Eine Hand gleitet leicht über meinen nackten Rücken bis zu meiner Arschspalte hinunter. Ich bete, dass er das Thermometer herausziehen wird, aber das tut er nicht.

Stattdessen sagt er: „Rückgrat scheint intakt zu sein, keine anziehenden Phänomene.“

Anziehende was? Phänomene? Scheiße, für was halten Sie mich eigentlich, für eine Insektenfalle?

Kurze Unterbrechung

Sie, verehrte Leserinnen und Leser, werden gewiss verstehen, dass ich an diesem Punkt eine Verschnaufpause benötige. Ich berichte Ihnen zwar aus dem Jahr 2034 und das geschilderte Ereignis hat sich bereits vor zwölf Jahren abgespielt, aber es nimmt mich noch heute mit, wenn ich nur im Entferntesten daran denke.

Eigentlich sollten mich die derzeitigen totalitären Zustände voll in Beschlag nehmen. Wenn ich an mein Hier und Heute denke, könnte ich vor Verzweiflung am laufenden Band schreien … und schreien … und schreien. Aber ich reiße mich am Riemen. Es ist wichtig, dass die, die sich noch erinnern und die noch schreiben können, ihre Erinnerungen in irgendeiner sicheren Form verewigen. Die vergangenen Jahrzehnte, ja, die gesamte Vergangenheit darf nicht ausgelöscht werden.

Es bedarf einer zuverlässigen Form der Dokumentation und Archivierung, damit meine Aufzeichnungen nicht entdeckt und für immer vernichtet werden. Zudem würde man auch mich eliminieren – ein Staatsfeind weniger kann den Herrschenden von heute nur gelegen kommen. Menschenleben zählen nicht mehr. Kurioserweise begann der autoritäre Staat aber schleichend, mehr oder weniger geplant, aber genau mit dieser heuchlerischen Prämisse, man wolle Leben retten – das war damals zwischen 2020 und 2024.

Die Zeiten erscheinen mir wirr und verrückt. Und die Menschen von heute, im Jahr 2034, scheinen mir abgestumpft und in ihrem innersten Wesen zutiefst demokratiefeindlich zu sein – als hätten sie sich schon immer nach einer Wohlfühldiktatur gesehnt. Sie wollen geführt werden. Ohne zu brüllen, brüllen sie nach einem Führer, der heutzutage modernerweise auch eine Führerin sein kann. Natürlich gibt es dem Anschein nach noch unterschiedliche Systeme, weltweit wie auch in deutschen Landen. Sie haben richtig gelesen. Auch in »deutschen Landen«!

Es stimmt, zwei scheinbar unterschiedliche Systeme haben sich in Deutschland herausgebildet. Vor einem Jahr, am 31. Januar 2033, rief Alice Weidel in Berlin vom Balkon des neu restaurierten Stadtschlosses das Fünfte Reich aus – ich erwähnte es bereits. Mein Urteil stand von Beginn an fest: Sie ist eine ungeschminkte Heuchlerin mit all ihren unerfüllbaren Versprechen und miserablen Lügen. Das Fünfte Reich umfasst das ganze einst so widerspenstige Ostdeutschland, und es umfasst die Nordlichter und Westländer und reicht bis zur nördlichen Grenze von Hessen

Die Hessen, die Rheinland-Pfälzer und alle, die südlich davon angesiedelt sind, hat sich der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach unter den Nagel gerissen. Er ist inzwischen der allmächtige Chef der Soziodemographischen Gesundheitspartei Deutschlands, SGD. Die SPD ist untergegangen. Kalle hat es bauernschlau angefangen und seinem gesunden, neuen Deutschland einen republikanischen Anstrich gegeben. Vom Balkon des Frankfurter Römers rief er fünf Tage nach Weidels Berliner Reich die Fünfte Republik aus. Dieses Mal ganz ohne stotterndes Äh und Ähm. Dass solche Witzfiguren einmal Geschichte schreiben würden, war damals, als ich noch auf dem Seziertisch lag, völlig undenkbar.

Ich werde darauf später zurückkommen. Was Sie aber bereits jetzt wissen sollten: De facto machte es keinen Unterschied wo man lebte – beide Systeme waren aus ein und demselben deutschen Eichenholz geschnitzt … hart, unerbittlich, verlogen, ohne Empathie, denunziationsfördernd, herrschsüchtig, Unterwerfung fordernd, Untertänigkeit einfordernd, den Irrsinn als Allgemeinsinn verkaufend – aber immer Weltoffenheit und Toleranz heuchelnd.

Lange habe ich mich gefragt, was damals wohl Ausgangspunkt all dieser wesentlichen Veränderungen gewesen war. Was war die Ursache all dessen? Und was war Wirkung gewesen? Gab es denn überhaupt einen nachweisbaren, einen offensichtlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang? Alles schien so kompliziert geworden zu sein, so undurchschaubar, so unerklärlich, so hoffnungslos komplex. Und wann hatte das alles begonnen? War die einmal ausgemachte Ursache wirklich die ursprüngliche Quelle, woraus sich die Wirkung wie ein Bach ergoss und im weiteren Verlauf zur Quelle weiterer Ursachen wurde? Immer wieder landete ich während meiner Grübeleien bei jener Zusammenkunft in Genf im Jahr 2009.

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9783754185223
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