Читать книгу: «Seelensplitterkind»

Шрифт:

1

Tag 1, Montag

2

90 Tage zuvor

3

87 Tage zuvor

4

87 Tage zuvor

83 Tage zuvor

5

Tag 2, Dienstag

6

80 Tage zuvor

7

79 Tage zuvor

8

79 Tage zuvor

9

Tag 3, Mittwoch

10

70 Tage zuvor

11

12

64 Tage zuvor

13

Tag 4, Donnerstag

14 59 Tage zuvor

Im roten Salon

15

Im roten Salon

16

45 Tage zuvor

17

28 Tage zuvor

18

23 Tage zuvor

Tag 5, Freitag

19

23 Tage zuvor

20

21

22

16 Tage zuvor

23

24 Tag 6, Samstag

13 Tage zuvor

25

Im roten Salon

26

Im roten Salon

27

12 Tage zuvor

28

10 Tage zuvor; 5 Tage vor Martin Schlossers Tod

Tag 7, Sonntag

29

4 Tage zuvor; 1 Tag nach Jürgen Hellmanns Tod

30

Tag 8, Montag

Stefan Bouxsein

Seelensplitterkind

Kriminalroman

Der Autor

Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.

Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:

Krimi-Reihe mit Siebels und Till:

Das falsche Paradies, 2006

Die verlorene Vergangenheit, 2007

Die böse Begierde, 2008

Die kalte Braut, 2010

Das tödliche Spiel, 2011

Die vergessene Schuld, 2013

Die tödlichen Gedanken, 2014

Die Kronzeugin, 2015

Projekt GALILEI, 2018

Seelensplitterkind, 2021

Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014

Außerdem:

Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015

Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:

Der nackte Idiot, 2014

Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016

Erotischer Roman von Suann Bonnard:

Die schamlose Studentin, 2017

Mein perfekter Liebhaber, 2019

Erfahren Sie mehr über meine Bücher auf:

www.stefan-bouxsein.de

© 2021 by Traumwelt Verlag

Stefan Bouxsein

Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main

www.traumwelt-verlag.de · info@traumwelt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung:

Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller

www.nuilani.de · info@nuilani.de

Lektorat:

Stefanie Reimann

Titelbild: Adobe Stock

ISBN 978-3-939362-51-7

1. Auflage, 2021

1

Tag 1, Montag

Mit bedächtigen Schritten lief Hauptkommissar Steffen Siebels durch die Flure des Frankfurter Polizeipräsidiums. Es war ein wolkenverhangener Montagmorgen. Vereinzelt kamen ihm Kollegen entgegen, die ihn flüchtig mit einem Kopfnicken begrüßten. Bekannte Gesichter waren nicht darunter. Schon seit Tagen hatte er sich ausgemalt, wie es sein würde, wieder an die ehemalige Wirkungsstätte zurückzukehren. Nachts hatte er sogar davon geträumt. Hatte geträumt, wie er seinen ersten Gang ins alte Büro absolvieren würde: Durch ein Spalier von applaudierenden Kollegen schritt er über einen roten Teppich zu seinem Arbeitsplatz, der mit Girlanden und Luftschlangen geschmückt war. Als er die Schwelle zu seinem Büro übertrat, zündeten die Konfetti-Kanonen, eine Live-Band spielte Blasmusik und eine Truppe Cheerleader tanzte ausgelassen um ihn herum. Der Polizeipräsident persönlich überreichte ihm Dienstausweis und Dienstwaffe und hielt bei einem Sektempfang vor versammelter Mannschaft eine flammende Rede über die Wiederkehr des verlorenen Sohnes.

Es war nur ein Traum, den sich Siebels selbst nicht erklären konnte. Aber als er nun sein Büro betrat, verspürte er doch eine gewisse Enttäuschung. In dem kahlen Raum roch es muffig, niemand erwartete ihn und auf den Schreibtischen lagen mehrere Stapel Akten, die klaglos darauf warteten, bearbeitet zu werden. Till war auch noch nicht da, stellte er fest und ließ sich seufzend auf seinem Stuhl nieder.

Fünf Jahre war es nun schon wieder her, dass er sein erfolgreiches Dasein bei der Mordkommission beendet hatte. Er hatte es sattgehabt, ständig Überstunden zu schieben. Er hatte keine Lust mehr darauf, seine geplanten Urlaube kurzfristig abzublasen, weil er nicht loslassen konnte, wenn er kurz vor der Klärung eines Falles stand. Wenn er einen Fall bearbeitete, befand er sich in einem Tunnel. Dann rannte er wie ein Besessener mit diesem Tunnelblick durch sein Leben. Am Ende des Tunnels stand die Aufklärung eines Mordfalls. Aber kaum hatte er einen Tunnel hinter sich gelassen, betrat er schon wieder den nächsten. Und so ging es in einem fort. Seine Familie, seine Freunde, seine Hobbys, all das befand sich außerhalb der Röhren, in denen er sich bewegte. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem er sich weigerte, den nächsten Tunnel zu betreten. Er wollte frei sein. Wollte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, mit seiner Frau Sabine und Sohn Dennis, der kurz vor der Einschulung stand. Kurzentschlossen quittierte er seinen Dienst. Zu seiner Überraschung vollzog sein langjähriger Partner und Freund den gleichen Schritt. Till Krüger verließ die Frankfurter Mordkommission und folgte dem verlockenden Ruf zum LKA nach Wiesbaden. Eine Ära war damit zunächst beendet.

Siebels stürzte sich voller Elan in einen neuen Lebensabschnitt. Als Hausmann und Papa. Außerdem eröffnete er eine Detektei. Das wollte er nebenbei laufen lassen. Kleine, unbedeutende Fälle, mehr hatte er nicht angestrebt. Aber das ging gründlich schief. Sein Ruf als unermüdlicher Ermittler war ihm vorausgeeilt. Anstatt untreue Ehemänner oder diebische Angestellte zu überführen, bekam er es als Privatdetektiv mit Mafiakillern, Waffenhändlern und den Geheimdiensten fremder Mächte zu tun. Seltsamerweise war bei diesen Geschichten oft auch das LKA involviert und er durchquerte weiterhin gemeinsam mit Till Krüger die dunklen Tunnel der Unterwelt.

Weil das völlig konträr zu seiner angedachten Rolle als sorgender Familienvater verlief, zog seine Frau die Notbremse. Ein erneuter familiärer Rollentausch war die Folge und katapultierte Siebels wieder zurück in sein altes Büro bei der Frankfurter Mordkommission. Und weil es das Schicksal so vorgesehen hatte, kam er nicht allein zurück. Till Krüger war beim LKA zuletzt nicht mehr glücklich gewesen und gelangte zu dem Entschluss, dass er bei der Frankfurter Mordkommission doch viel besser aufgehoben war. Das grandiose Comeback des Duos Siebels und Till war damit besiegelt.

Siebels saß vor seinem Monitor. Er sollte sein Passwort eingeben, hatte aber keins. Langsam fragte er sich, ob hier überhaupt jemand wusste, dass er heute seinen Dienst wieder antrat. Sicherheitshalber schaute er noch einmal auf den Wandkalender. Nicht, dass er sich im Tag geirrt hatte und zu früh angetreten war. An dem Kalender musste er aber erst mal die zurückliegenden drei abgelaufenen Monatsblätter abreißen. Er fing schon an zu zweifeln, ob die Mordkommission in Frankfurt überhaupt noch existierte, als die Tür geöffnet wurde. In freudiger Erwartung auf Till formten sich seine Lippen zu einem Lächeln, aber durch die Tür trat eine junge Frau.

»Hey, Sie sind Steffen Siebels, oder?«

»Ja, der bin ich, zurück an alter Wirkungsstätte.«

»Super, dann können Sie ja gleich loslegen.«

Siebels bekam einen handgeschriebenen Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt.

»Und wer sind Sie?«, erkundigte sich Siebels zaghaft, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte.

»Ach, Entschuldigung, ich bin Jasmin, Ihre Assistentin. Also ich kümmere mich hier um alles und unterstütze Sie und Ihren Kollegen bei Ihren Ermittlungen. Wo ist er eigentlich, der Herr Krüger?«

Siebels sah auf die Uhr. Kurz nach neun. Um diese Zeit war Till früher normalerweise im Büro aufgetaucht. »Ich nehme an, der kommt gleich.«

»Die Spurensicherung ist jedenfalls schon vor Ort, ein Mann wurde tot in seinem Haus aufgefunden.«

»Der läuft ja dann wohl nicht mehr weg«, kommentierte Siebels süffisant.

»Aber die Pietät trägt ihn weg, wenn Sie nicht in die Gänge kommen. Der Einsatz hat heute Morgen schon um sieben begonnen.«

»Ich brauche aber noch das Passwort für meinen Computer, den Schlüssel für meinen Dienstwagen, meine Dienstwaffe und einen Dienstausweis.« Siebels kam sich fast ein bisschen hilflos vor am ersten Arbeitstag in seinem dritten Arbeitsleben.

»Das erledigen wir heute Mittag, ich kümmere mich um alles. Am besten fahren Sie jetzt erst mal mit Ihrem Privatwagen, das rechne ich dann ab.«

»Haben Sie auch einen Nachnamen, Jasmin?«

»Jasmin Müller, aber nennen Sie mich ruhig Jasmin, das ist schon in Ordnung.«

Siebels reichte Jasmin die Hand. »Hallo, Jasmin, auf eine gute Zusammenarbeit. Sie können mich Steffen nennen. Oder Siebels und Du – das machen alle.«

»Alles klar, Siebels. Ich habe übrigens schon viel von dir gehört und freu mich voll auf die Zusammenarbeit. Aber jetzt mach hin, die haben schon dreimal angerufen, ob da heute noch mal jemand vorbeikommt.«

Siebels erhob sich seufzend von seinem Stuhl, als Till gemütlich mit zwei Papiertüten von der Bäckerei ins Büro geschlendert kam.

»Guten Morgen, Herr Kollege«, begrüßte Siebels seinen alten, neuen Partner und freute sich, ihn endlich wiederzusehen.

»Hey super, jetzt seid ihr ja komplett«, mischte sich Jasmin ein. »Ihr könnt mich jederzeit anrufen, wenn ihr Unterstützung bei den Ermittlungen benötigt. Bis später, tschau.«

»Ich habe Croissants besorgt«, sagte Till und schaute ihr verdutzt hinterher. »Nach frischem Kaffee riecht es hier aber noch nicht.«

»Die Kaffeefrage klären wir später mit Jasmin.«

»Wer ist Jasmin?«

»Na die Kleine von eben. Sie ist unsere Assistentin.«

»Wir haben eine Assistentin? Wow.«

»Ich befürchte, die ist noch schlimmer, als es Jensen früher war«, murrte Siebels.

»Eine Assistentin, die schlimmer als ein Staatsanwalt ist? Hm, die Zeiten haben sich wohl geändert.«

»Wo müssen wir denn hin?«, wollte Till wissen, als sie im Wagen von Siebels saßen.

»Auf den Riedberg. Martin Schlosser wurde in seinem Haus heute früh tot aufgefunden. 49 Jahre alt, Rechtsanwalt von Beruf. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Wahrscheinlich ist Anna auch dort«, überlegte Till. »Die war heute Morgen jedenfalls schon weg, als ich aufgestanden bin.«

»Sehr gut. Ich freue mich über jedes bekannte Gesicht. Als ich heute Morgen ins Präsidium kam und ins Büro gegangen bin, kam ich mir vor wie ein Besucher.«

»Was hast du erwartet? Den Polizeichor, der vor dem Eingang auf dich wartet und ein Willkommensliedchen trällert?«

Siebels behielt seinen merkwürdigen Traum für sich. »Irgendjemand, der mich begrüßt und sich erfreut zeigt, dass ich wieder da bin.«

»Ja, ich wollte ja auch eine halbe Stunde eher da sein und das erledigen. Aber ich bin noch mal eingeschlafen, nachdem der Wecker geklingelt hat. Und Anna war ja schon unterwegs.«

»Ich hatte da eigentlich an jemanden Höherrangiges gedacht«, entgegnete Siebels mit einem Schmunzeln.

»Hey, ich bin nicht mehr der kleine Oberkommissar von damals, sondern ein ehemaliger hochdekorierter LKA-Kommissar. Nicht vergessen, gelle.«

»Ich erinnere mich da an einen vom Dienst suspendierten Kommissar. Aber egal, bin froh, dass du jetzt wieder jeden Tag neben mir sitzt.«

»Ja, kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als wir zuletzt für die Mordkommission unterwegs waren.«

»Das war der Fall mit der ermordeten Lehrerin und dem schizophrenen Schüler. Ganz schön heftig war das. Was aus dem wohl geworden ist?«

»Keine Ahnung. Schauen wir lieber nach vorne und nicht zurück. Ein ganz simpler Mordfall für den Wiedereinstieg, das wäre doch mal schön.«

»Einen ganz simplen Mordfall, hatten wir so was überhaupt schon mal?«

»Jedenfalls war keiner dabei, den wir nicht aufgeklärt hätten. Beim LKA war ich nicht immer so erfolgreich.«

»Wir sind schon da«, kam Siebels in die Gegenwart zurück. Die Straße auf dem Riedberg, einer Neubausiedlung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, die den Anschein erweckte, als wäre sie aus einem Lego-Baukasten entstanden, hieß Skylineblick. Von hier aus konnte man auf die Frankfurter Innenstadt und weit darüber hinaus blicken. Mehrere Doppelhaushälften mit unterschiedlichen Farbanstrichen lagen am Rande des Stadtteils, eine davon war mit rotweißem Absperrband weiträumig abgesperrt. Zwei Streifenwagen sowie drei Zivilfahrzeuge standen vor dem Haus.

Siebels stellte seinen Wagen dahinter ab. Als die beiden über das Flatterband steigen wollten, wurden sie von einem uniformierten Polizisten zurückgepfiffen.

»Hey, Sie«, rief er mit empörter Stimme. »Machen Sie sich mal ganz schnell vom Acker, das ist ein abgesperrter Bereich. Oder glauben Sie vielleicht, wir veranstalten hier einen Hindernislauf?«

Siebels machte kehrt, hob beschwichtigend die Hände und ging auf den Mann zu. »Wir sind von der Mordkommission, ich bin Steffen Siebels und das ist mein Kollege Till Krüger.«

»Ach so. Na da müsste ich aber trotzdem erst mal einen Blick auf Ihre Dienstausweise werfen.«

»Die liegen noch bei Jasmin«, seufzte Siebels.

»Aha. Veräppeln kann ich mich auch selbst. Wenn Sie nicht gleich verschwinden, bekommen Sie Probleme, haben wir uns verstanden?«

Siebels stand ratlos vor dem Polizisten, er wusste nicht einmal die Durchwahl von Jasmin. Till hatte aber schon das Handy am Ohr und sprach mit seiner Frau Anna, die als zuständige Gerichtsmedizinerin tatsächlich im Haus war. Sie erschien gleich darauf an der Haustür, rief den Polizisten zu sich und redete kurz mit ihm. Der kam dann kopfschüttelnd zu Siebels und Till zurück.

»Dann gehen Sie mal rein. Aber beim nächsten Mal bitte mit Dienstausweisen. Oder bringen Sie meinetwegen Jasmin mit, wenn die sie hat.«

»Mein Kollege war eigentlich der Meinung, dass ihn jeder Polizist in Frankfurt und dem Rest der Welt auf Anhieb erkennt«, flachste Till und ging zum Hauseingang, wo Anna ihn und Siebels erwartete.

»Das geht ja schon wieder gut los mit euch beiden«, zeigte Anna sich amüsiert. »Na, dann kommt mal rein und verschafft euch einen Überblick. Der Tote hieß Martin Schlosser und wohnte seit seiner Scheidung allein hier im Haus. Das habe ich von den Beamten erfahren, die die Nachbarn schon befragt haben. Er wurde erschlagen, wahrscheinlich mit einer Skulptur, die zur Wohnungseinrichtung gehört.«

Siebels und Till streiften sich Überzieher über die Schuhe und standen kurz später vor dem Toten, der mit Anzug, Hemd und Krawatte bekleidet auf dem Rücken lag, um den Kopf eine Blutlache.

»Die Herren von der Mordkommission sind also auch endlich eingetroffen«, seufzte eine Frau mittleren Alters in Uniform und reichte den beiden Kommissaren die Hand. »Ich bin Petra Schlesinger vom 14. Revier. Wir wurden um 6:30 Uhr verständigt, nachdem ein Notruf eingetroffen ist.«

Siebels stellte zunächst sich und Till vor. »Dann lassen Sie mal hören«, forderte er die Beamtin auf.

»Der Notruf kam von einem Kollegen des Opfers.« Petra Schlesinger zog einen kleinen Notizblock aus der Jackentasche und warf einen Blick darauf. »Dieser Kollege ist wie das Opfer von Beruf Rechtsanwalt. Er heißt Nils Brenner. Das Opfer heißt Martin Schlosser. Die beiden wollten mit dem Auto gemeinsam zu einem Seminar nach Stuttgart fahren und waren hier um 6:15 Uhr verabredet. Die Haustür stand zu dieser Zeit einen Spalt weit offen. Als sich auf das Klingeln und Klopfen von Herrn Brenner nichts rührte, ist er durch die geöffnete Haustür ins Haus gekommen und dort auf den Toten getroffen. Er hat dann unverzüglich den Notruf gewählt. Es gibt keine Einbruchspuren, von den unmittelbaren Nachbarn hat niemand etwas Auffälliges bemerkt.«

»Der Todeszeitpunkt muss gegen Mitternacht gelegen haben«, ergänzte Anna Lehmkuhl. »Es war ein einzelner heftiger Schlag gegen den Hinterkopf. Das Opfer war aber nicht sofort tot. Vorläufig schätze ich, dass er mit der schweren Kopfverletzung noch ungefähr eine Stunde mit dem Tod gerungen hat.«

»Also wurde er gegen 23:00 Uhr niedergeschlagen«, resümierte Siebels. »Und hat zu dieser Zeit noch Anzug, Hemd und Krawatte getragen.«

»Sieht ganz so aus«, bestätigte Petra Schlesinger. »Es gibt allerdings einen interessanten Hinweis auf das Mordmotiv.«

Siebels sah seine Gesprächspartnerin abwartend an. Die schaute sich suchend im Raum um, wo noch zwei Kollegen von der Spurensicherung bei der Arbeit waren. »Verraten Sie mir auch, um welchen interessanten Hinweis es sich dabei handelt?«, fragte Siebels schließlich etwas genervt.

»Ein Foto. Auf der Brust des Toten lag ein Foto. Das hat die Spurensicherung bereits eingetütet.« Petra Schlesinger rief nach einem der Männer, die noch akribisch auf Spurensuche waren, sich nun aber auf die hinteren Teile der Räumlichkeit beschränkten.

Siebels erkannte den Mann, der jetzt auf sie zukam. Peter Lich arbeitete schon seit über zehn Jahren bei der Spurensicherung.

»Es stimmt also tatsächlich«, sagte Peter Lich erfreut. »Siebels und Till sind wieder vereint im Dienst zurück. Herzlich willkommen.«

»Hallo, Peter. Schön, dass es doch noch jemanden gibt, der sich an uns erinnern kann.«

»Ihr seid doch Legenden, schon seit Tagen werden überall eure alten Geschichten wieder aufgewärmt.«

»Ach ja? Gerade haben wir erst einen Anschiss bekommen, weil wir uns dem Tatort nähern wollten. Aber egal, wie geht es dir?«

»Mir geht es gut. Aber ich arbeite lieber, wenn kein Toter mehr im Raum rumliegt.« Er warf einen kurzen Blick auf den Leichnam, der in unmittelbarer Nähe von ihnen auf dem Boden lag.

»Ja, das kann ich verstehen. Ich denke, er kann jetzt auch in die Gerichtsmedizin überführt werden. Fotos habt ihr ja bestimmt gemacht.«

»Natürlich, aber nicht nur gemacht, sondern auch gefunden. Auf der Brust des Mannes wurde ein Foto hinterlassen. Warte, ich habe es schon eingetütet.«

Peter Lich griff in einen geöffneten Aluminiumkoffer, in dem er Utensilien für seine Arbeit aufbewahrte. Er reichte Siebels ein Plastiktütchen, in dem er das Foto verwahrt hatte.

Siebels pfiff leise durch die Zähne. »Und das lag auf seiner Brust?«

»Ja, da wollte wohl jemand eine Botschaft hinterlassen.«

»Das wurde hier im Haus aufgenommen«, stellte Siebels fest. »Sie liegt auf der Couch da.« Siebels deutete auf das schwarze Ledersofa hinter dem Leichnam.

»Wer liegt auf der Couch?«, fragte Till, der sich bisher herausgehalten hatte, weil er die Gelegenheit nutzte, mit Anna noch ein paar Dinge zu besprechen.

Siebels reichte ihm das Foto. Darauf war eine junge Frau abgebildet, die seitlich auf der schwarzen Ledercouch lag, die nur zwei Schritte vom Fundort der Leiche entfernt stand. Sie war Anfang bis Mitte zwanzig und hatte kurzes braunes Haar mit einem frech geschnittenen Pony. Mit abgewinkeltem Arm stützte sie ihr Kinn auf der Hand ab. Lasziv blickte sie in die Kamera - nackt.

»Wow«, entfuhr es Till, bevor er Siebels das Foto zurückgab.

»Das muss ich aber behalten«, sagte Siebels zu Peter Lich.

»Klar, dachte ich mir schon. Die Kleine ist wahrscheinlich des Rätsels Lösung. Fingerabdrücke waren keine drauf. Die wurden abgewischt. Gleiches gilt für die mutmaßliche Tatwaffe, einer Skulptur aus Eisen. Ich brauche nur eine Unterschrift von dir, Entnahme von Beweismitteln, du weißt ja Bescheid.« Lich reichte Siebels auch gleich das entsprechende Formular, das er bereits ausgefüllt hatte.

»Wo ist das Handy des Opfers?«, wollte Siebels wissen.

»Das liegt auf dem Wohnzimmertisch. Da lag es schon, als wir eingetroffen sind. Das hat niemand angerührt.«

Zwei Männer von der Pietät kamen mit einem Sarg herein. Siebels gab ihnen zu verstehen, dass sie noch einen Moment warten sollten. Er legte das Foto mit der jungen Frau auf die Brust des Opfers und versuchte alles andere um sich herum auszublenden. Die Männer von der Pietät, Peter Lich, Anna Lehmkuhl, Petra Schlesinger. Er konzentrierte sich ganz auf das Opfer. Wollte sich einen Eindruck von dem Mann verschaffen, aus dem alles Leben gewichen war. Till stand seinem Kollegen gegenüber und tat es ihm gleich. Sie schwiegen, ließen sich von nichts ablenken und wanderten mit ihren Gedanken in den Fall, der sie nun eine Weile beschäftigen würde. Schließlich gab Siebels den Sargträgern ein Zeichen und begab sich zu der angrenzenden Küchenzeile, wo sich Petra Schlesinger noch aufhielt.

»Wo ist denn der Mann, der seinen toten Kollegen gefunden hat?«, wollte Siebels wissen.

»Den habe ich wieder nach Hause geschickt, nachdem mir niemand sagen konnte, wann die Mordkommission eintreffen würde.« Sie zückte wieder ihren Notizblock und gab Siebels die Adresse und die Telefonnummer von Nils Brenner. Im gleichen Moment meldete sich ihr Kollege, der vor dem Haus stand, über Funk und machte eine Meldung.

»Draußen steht eine Frau Markowitz«, gab Petra Schlesinger an Siebels weiter. »Sie ist die Putzfrau von Martin Schlosser.«

»Gut, mit der möchte ich mich gerne unterhalten.«

*

Frau Markowitz saß mit Siebels in der Küchenzeile. Sie wirkte geschockt. Als sie das Haus betreten durfte, wurde der Blechsarg gerade rausgetragen. Siebels gab ihr einen Moment, um sich zu sammeln, und reichte ihr ein Glas Leitungswasser.

»Wie oft putzen Sie denn bei Herrn Schlosser?«, begann Siebels behutsam mit seiner Befragung.

»In der Regel zweimal pro Woche. Herr Schlosser mag es ordentlich und sauber.«

»Ja, das sieht man«, bestätigte Siebels und ließ seine Augen durch die Küchenzeile wandern. Kein Krümel war zu sehen. »Wie lange arbeiten Sie schon für Herrn Schlosser?«

»Seit ungefähr einem halben Jahr. Seine Frau ist kurz zuvor ausgezogen. Sie haben sich scheiden lassen.«

»Hatte Herr Schlosser wieder eine Beziehung zu einer anderen Frau?«

Frau Markowitz zuckte mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Im Haus gab es dafür nie Anzeichen. Ich sehe ihn aber nicht oft. Ich weiß nicht viel über sein Leben. Nur, dass er Rechtsanwalt ist und viel arbeitet.«

»Sie haben also einen Schlüssel und putzen immer, wenn er außer Haus ist?«

»Ja. Als ich angefangen habe, war er die ersten Male noch anwesend. Aber da konnte ich nur abends putzen oder samstags.«

»Wie sind Sie zu dieser Anstellung bei Herrn Schlosser gekommen?«

»Ich wurde ihm empfohlen. Von Herrn Brenner. Die beiden arbeiten für die gleiche Kanzlei. Bei Familie Brenner putze ich schon seit vier Jahren. Sie haben drei Kinder. Frau Brenner ist auch berufstätig, halbtags.«

»Ist Ihnen im Haus in der letzten Zeit etwas aufgefallen? Hat sich etwas verändert?«

Frau Markowitz überlegte und sah Siebels fragend an. »Nein, es war alles wie immer. Er wurde ermordet? Stimmt das wirklich?«

»Ja, das stimmt. Mehr kann ich Ihnen dazu aber nicht sagen.«

Frau Markowitz nickte. »Das ist schrecklich. Hoffentlich finden Sie schnell heraus, wer das getan hat.«

Siebels zeigte der Putzfrau das Foto der nackten jungen Frau. »Wissen Sie, wer diese Frau ist?«

Sie schaute es eine Weile an und schüttelte den Kopf. »Nein, das weiß ich nicht. Aber es ist hier aufgenommen worden. Auf der Couch drüben. Sie ist noch so jung. Viel zu jung für Herrn Schlosser.«

Siebels nickte, sagte aber nichts dazu. »Gut, Sie können dann wieder gehen. Aber Ihre Telefonnummer möchte ich mir noch notieren, falls es doch noch Fragen geben sollte.«

2

90 Tage zuvor

Christian Schlosser war 24 Jahre alt, studierte Jura und lebte in einer WG. Er war zufrieden mit seinem Leben. Jedenfalls nachdem er aus seinem Elternhaus ausgezogen war, in dem ein erbitterter Ehestreit zu einem unerbittlichen Scheidungskrieg ausgeartet war. Mit seinen Mitbewohnern Joshua und Daniel verstand er sich gut, sie feierten gemeinsam Partys oder chillten bei angesagten Netflix-Serien vor dem Fernseher.

An einem heißen Sommertag im August ging er allerdings allein ins Freibad. Seine Mitbewohner hatten anderes vor und manchmal genoss Christian es auch, mal wieder ganz für sich zu sein.

Er hatte sein Handtuch auf der großen Liegewiese ausgebreitet und war in Gedanken versunken, nahm das Treiben um sich herum nicht wirklich wahr.

Sein Vater war Rechtsanwalt und teilhabender Partner bei der Kanzlei Lang und Partner. Christian hatte sein Jurastudium begonnen, weil ihm nichts Besseres eingefallen war. Er bezweifelte aber, dass er es durchziehen würde, und dachte darüber nach, etwas anderes zu studieren. Vielleicht sogar Geisteswissenschaften. Germanistik oder Philosophie.

Auch in Sachen Familienplanung wollte er dem Vorbild seines Vaters keinesfalls folgen. Sein Vater hatte damals noch nicht einmal das Studium beendet, als Christian auf die Welt kam. Kurz darauf heiratete er Eva, die seinerzeit Ärztin werden wollte. Aber aus dem Plan war nichts geworden. Sie zog den Sohn groß und hielt ihrem Mann den Rücken frei, damit der sich mit vielen Überstunden in der Kanzlei hocharbeiten konnte. Christian wollte sein Leben lieber so lange wie möglich genießen und sich nicht zu früh an eine Frau binden.

Zwei Meter neben ihm saß schon seit einer Weile eine junge Frau und sonnte sich gedankenverloren. Christians Blicke schweiften immer wieder zu ihr. Um ihn herum lagen und saßen viele Frauen. Manche allein, andere mit Freundinnen oder einem Partner. Nicht wenige davon waren attraktiv. Aber Christian hatte nur Augen für die Eine. Ständig musste er zu ihr rüber schauen, er beobachtete sie regelrecht. Sie war trotz des zurückliegenden heißen Sommers noch recht blass. Ihre makellose Haut schimmerte elfenbeinartig in der tiefstehenden Sonne. Sie wirkte völlig entspannt, ruhte in sich, schien glücklich zu sein. Christian ließ seinen Blick nicht von ihr ab, als sie sich erhob und zum Wasserbecken lief. Sie kühlte sich kurz ab und stieg wenige Minuten später wieder aus dem Becken. Mit anmutigen Bewegungen duschte sie sich ab und ging zurück zu ihrem Handtuch. Sie trug einen cremefarbenen Bikini, das braune Haar kurz geschnitten mit einem frechen Pony. Als sie ihr Badetuch erreichte, erwiderte sie Christians Blick und lächelte ihn dabei etwas verlegen an. Jedenfalls interpretierte er es so.

Er beobachtete sie nun mehr oder weniger unverhohlen und sie warf auch ihm zwischendurch Blicke zu. Christian wollte diese Frau unbedingt näher kennen lernen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, ging auf sie zu und fragte sie, ob sie nicht Lust auf ein Eis hätte. Er deutete auf die kleine Eisdiele, die neben den Umkleidekabinen lag.

Sie sah ihn neugierig an, ihre graublauen Augen funkelten regelrecht. »Ich hatte schon fast aufgegeben und gedacht, ich würde die Wette verlieren«, erwiderte sie und klang dabei leicht verträumt.

»Welche Wette denn?« Mit ihrer Antwort hatte sie ihn gleich aus dem Konzept gebracht, an dem er so lange gefeilt hatte, während er seine Augen nicht von ihr lassen konnte.

»Ob du mich ansprichst oder nicht.«

»Aha. Und mit wem hast du gewettet?«

Sie zuckte mit den Schultern und sah sich um, so, als ob da jemand sein könnte, mit dem sie eine Wette abgeschlossen haben könnte. »Mit mir selbst«, teilte sie ihm zögerlich mit. »Mit wem denn sonst?«

»Das ist ziemlich clever, die Wette hättest du also auf jeden Fall gewonnen«, lachte Christian.

Sie lächelte ihn verträumt an.

»Und, hast du nun Lust auf ein Eis?«

»Ja, sehr gerne«, sagte sie und begleitete Christian leichtfüßig zur Eisdiele. Sie hieß Lena und entschied sich für ein Erdbeereis.

Mit den Eiswaffeln in den Händen setzten sie sich auf eine Bank. Christian fing an, über sich zu erzählen. Dabei klebte sie förmlich an seinen Lippen. Von sich selbst gab sie aber kaum etwas preis. Sie erzählte ihm, dass sie erst seit einigen Monaten in der Stadt sei und ein Zimmer im Studentenwohnheim bewohnen würde. Als Christian wissen wollte, von wo es sie nach Frankfurt gezogen hatte, druckste sie herum. Von ziemlich weit weg, mehr sagte sie nicht dazu. Über ihre Eltern wollte sie auch nicht sprechen. Jedenfalls wich sie aus, als Christian sich erkundigte, ob sie noch guten Kontakt zu ihnen hätte. Eigentlich war das beim ersten Date auch kein gutes Thema, da kam das gebrannte Scheidungskind in ihm durch, ermahnte er sich selbst. Schließlich gestand er ihr, dass er sie sehr süß und attraktiv fand und gerne näher kennen lernen würde. Er fragte sie, ob sie mit ihm später in der Stadt noch etwas trinken gehen wolle. Sie sah ihn versonnen an und schüttelte den Kopf.

»Wir können noch zu mir gehen«, schlug sie stattdessen vor. Sie würde in dem Studentenwohnheim gleich um die Ecke wohnen.

Christians Herz klopfte schneller. Kurz darauf verließen sie händchenhaltend das Schwimmbad. Christian konnte sein Glück kaum fassen.

In ihrer kleinen Bude sprachen sie nicht mehr viel. Sie küssten sich, kuschelten sich in dem engen Bett aneinander, zogen sich gegenseitig aus und liebten sich. Alles, was sie taten, machten sie voller Zärtlichkeit und Hingabe. Als hätten sie sich schon lange gesucht und nun endlich gefunden. Sie liebten sich noch die halbe Nacht und schliefen schließlich eng umschlungen in ihrem viel zu kleinen Bett ein.

Als Christian am nächsten Morgen aufwachte, saß sie mit angezogenen Knien auf dem kleinen Holztisch gegenüber vom Bett und beobachtete ihn mit ausdrucksloser Miene. Sie rauchte eine Zigarette und schnippte die Asche achtlos auf den Boden. Gestern hatte sie nicht eine Zigarette geraucht. Christian rieb sich den Schlaf aus den Augen und murmelte ihr so etwas wie einen guten Morgen entgegen. Sie trug nur ein weites weißes Hemd, das ihr bis knapp über die Knie reichte. Ihre gestern noch so fröhlich funkelnden Augen wirkten heute kalt und abweisend.

»Du kannst dich jetzt verpissen«, sagte sie und auch ihre Stimme klang ganz anders. Nicht mehr lieblich, sondern verächtlich.

Christian erschrak und hatte das Gefühl, im falschen Film aufgewacht zu sein. »Was ist denn los?«, fragte er verdattert.

»Mach dich einfach vom Acker, ich will jetzt allein sein.« Sie drückte ihre Zigarette auf der Fensterbank aus.

Völlig perplex zog Christian seine Klamotten an und versuchte zu begreifen, was hier los war.

»Wie heißt du noch mal?«, fragte sie ihn, als er sich ratlos aus dem Zimmer stehlen wollte.

»Christian. Hast du das schon wieder vergessen?«

»Hast du mich eigentlich gefragt, ob ich die Pille nehme, Christian?«

Christian dachte, nicht richtig zu hören. Das wurde ja immer skurriler. Sein Magen zog sich zusammen. »Du hast gesagt, dass du sie nimmst«, stammelte er.

»Kann ich mich gar nicht dran erinnern. Jetzt aber raus hier, ich muss noch einiges erledigen.«

Christian ging und konnte sich die Wandlung von Lena nicht im Geringsten erklären. Zu seiner Verwunderung fühlte er sich aber auch von dieser derben und dominanten Art, mit der sie ihn völlig unvorbereitet überrumpelt hatte, auf unerklärliche Weise angezogen.

*

Siebels begab sich ins obere Stockwerk, wo Till im Arbeitszimmer zugange war. Die beiden befanden sich mittlerweile allein im Haus.

»Die Scheidung war ziemlich schmutzig«, berichtete Till. »Jede Menge Aktenordner voller Gehässigkeiten, die penibel vor Gericht ausgebreitet wurden. Sie unterstellte ihm Affären zu jungen Frauen und behauptete, von ihm geschlagen worden zu sein. Er stritt alles ab und versuchte sie als psychisch labil und paranoid hinzustellen. Er wollte sie sogar in die Psychiatrie einweisen lassen.«

»Dann haben wir schon mal eine Verdächtige«, seufzte Siebels. »Das Foto auf seiner Brust könnte ja durchaus ein dezenter Hinweis von ihr sein, dass ihre Anschuldigungen nicht aus der Luft gegriffen waren. Hast du ihre Adresse gefunden?«

»Ja, Eva Schlosser wohnt jetzt in der Falkstraße in Bockenheim. Und der gemeinsame Sohn Christian ist Mitglied einer Wohngemeinschaft im Nordend. Er studiert Jura.«

»Tja, besuchen wir erst seine Ex oder erst den Sohn?«

»Erst die Ex. Vielleicht haben wir den Fall dann schon gelöst.«

»Das wäre ja schön. Aber vorher machen wir einen Abstecher ins Büro. Ohne Dienstausweise können wir schlecht in der Gegend herumermitteln.«

»Handschellen können auch nicht schaden, bei einer bösartigen Ex.«

»Richtig. Und Dienstwaffen. Und ein Dienstwagen wäre auch nicht schlecht.«

»Da seid ihr ja wieder«, wurden die beiden von Jasmin begrüßt. Sie saß im Büro nebenan, die Tür stand offen.

»Wir mussten unten wieder eine Viertelstunde warten, bis wir reindurften«, brummte Siebels. »Was machen denn unsere Dienstausweise?«

»Die liegen auf euren Schreibtischen. Sorry, die sollten eigentlich schon letzte Woche fertig sein.«

»Gibt es auch Kaffee?«, fragte Till.

»Ich mache euch ausnahmsweise einen. Einen Willkommenskaffee. Ab morgen könnt ihr euren Kaffee aber selber kochen.«

»Du bekommst dafür auch ein Croissant«, erwiderte Till großherzig. »Schoko-Croissant, habe ich heute Morgen beim Bäcker besorgt.«

»Ich komme gerade aus der Mittagspause und bin satt«, wiegelte sie ab. »Wie läuft es mit eurem Fall? Kann ich was tun?« Jasmin befüllte ihre Kaffeemaschine mit Wasser.

»Unsere Dienstwaffen?«, fragte Siebels knapp.

»Die könnt ihr bei Frau Holderlein abholen, Raum 105.«

»Es geht voran«, frohlockte Siebels. »Und die Schlüssel für den Dienstwagen?«

»Auf deinem Schreibtisch, Siebels. Mit Papieren. Milch und Zucker?«

»Ja bitte. Du wirst mir von Minute zu Minute sympathischer, Jasmin.«

»War ich dir heute Morgen etwa unsympathisch?«

»Na ja, ich habe mir die Begrüßung an meinem ersten Arbeitstag irgendwie anders vorgestellt.«

»Für mich bitte nur mit Milch«, bat Till. »Er ist ein bisschen beleidigt«, klärte er Jasmin über Siebels auf. »Er hatte eigentlich damit gerechnet, einen roten Teppich ausgerollt zu bekommen.«

»Und ein von langer Hand einstudiertes Liedchen vom Polizeichor vorgetragen zu bekommen«, ergänzte Siebels.

Jasmin lachte und trällerte belustigt los.

La la laaaa la.

Der Siebels ist wieder da.

Mörder, Mörder, nimm dich in Acht.

Er hat nämlich auch den Till mitgebracht.

La la laaaa la.

Endlich ist er wieder da.

Alle Polizisten schreien laut: Huurraaaa.

La la laaaa la.

»So, das muss genügen.« Jasmin zwinkerte Siebels zu und reichte ihm die Kaffeetasse.

»Danke, jetzt habe ich endlich das Gefühl, wieder angekommen zu sein.« Siebels wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Auge.

»Na super, dann macht euch an die Arbeit. Ich habe euch noch ein paar Akten mit kalten Fällen auf den Tisch gelegt. Nicht, dass euch hier noch langweilig wird.«

»Ach, eine Sache kannst du doch noch für uns erledigen«, fiel Siebels ein und reichte Jasmin das Foto, das auf der Brust des Opfers gefunden wurde. »Bitte scanne das ein und druck zwei Kopien für uns aus.«

Jasmin warf einen Blick auf die junge nackte Frau und runzelte die Stirn. »Ist das dienstlich?«

Till grinste und Siebels verdrehte die Augen. »Und anschließend bitte bei den Beweismitteln zum Fall Martin Schlosser ablegen.«

»Na, wenn das so ist, mache ich das doch.« Sie zwinkerte Siebels zu und nahm das Foto entgegen.

Bei einem späten Frühstück mit Croissants und frischem Kaffee sichtete die glücklich vereinte Mordkommission die kalten Fälle.

»Hier scheint schon länger niemand mehr so richtig gearbeitet zu haben«, seufzte Till und nahm sich eine neue Akte vor.

»Das Gefühl habe ich auch«, brummte Siebels. Er klappte seine Akte wieder zu und schmiss sie auf den Tisch. »Ich schlage vor, dass wir uns erst mal um den frischen Fall kümmern. Am besten teilen wir uns auf, damit es vorangeht. Ich besuche die Ex von Martin Schlosser und du seinen Sohn. Einverstanden?«

Till schaute Siebels nachdenklich an. »Nö, ich will die Ex befragen.«

»Knobeln wir es mit Schnick-Schnack-Schnuck aus«, schlug Siebels vor.

Till gewann mit drei zu zwei. Im Gegenzug durfte Siebels den neuen Dienstwagen nutzen, während Till sich von Jasmin ein Poolfahrzeug besorgen ließ.

*

Eva Schlosser war 48 und damit ein Jahr jünger als ihr Ex-Mann. Sie hatte langes, gewelltes, blondes Haar, war schlank und 1,74 m groß. Seitdem sie ihren Mann verlassen hatte, bewohnte sie eine Zweizimmerwohnung in der Bockenheimer Falkstraße. Es war bereits früher Nachmittag, als Till vor ihrer Tür stand. Mit Jeans und einem engen Top bekleidet schien sie über den unangemeldeten Besuch eines Kriminalbeamten verwundert zu sein und erkundigte sich zunächst besorgt, ob etwas mit ihrem Sohn sei.

»Es geht um Ihren Ex-Mann« beruhigte Till sie. »Darf ich kurz reinkommen?«

Eva Schlosser machte keine Anstalten, Till in ihre Wohnung zu lassen. »Was ist mit ihm?«

»Er ist tot.« Till schaute ihr in die Augen, konnte aber keine Reaktion darin lesen. Sie starrte ihn einfach nur an. »Er ist tot?«

»Er wurde in seinem Haus ermordet aufgefunden«, klärte Till sie auf.

»Es ist unser Haus. Oder mein Haus. Das wird das Gericht noch klären. Aber wenn er tot ist, ist es jetzt wohl mein Haus. Oder?«

»Sorry, aber ich bin von der Mordkommission, nicht von der Hausgerichtsbarkeit«, zeigte Till sich von seiner ironischen Seite. »Ich hätte ein paar Fragen an Sie. Wollen wir das hier oder lieber drinnen klären?«

»Ich bin nicht allein«, druckste Eva Schlosser herum.

»Dann fahren wir jetzt halt gemeinsam aufs Präsidium, das geht auch.«

»Nein, schon gut. Kommen Sie rein. Es ist aber nicht aufgeräumt.«

»Das stört mich nicht.« Kaum hatte Till die Wohnung betreten, kam ihm aus der Küche ein junger Mann mit schulterlangen Haaren und tätowierten Armen entgegen.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er, nachdem er Till in Augenschein genommen hatte.

»Geh du mal Fernsehgucken und mach die Tür hinter dir zu. Ich habe mit dem Mann was zu besprechen«, sagte Eva Schlosser und führte Till in die Küche. »Mein Freund«, murmelte sie kaum hörbar und schloss die Küchentür von innen. Till nickte nur. Der Kerl dürfte im Alter ihres Sohnes gewesen sein. Als neuen Mann an der Seite von Eva Schlosser im Haus des toten Anwalts konnte er ihn sich nur schwerlich vorstellen.

»Er ist also ermordet worden«, sagte sie und versuchte, diese Information und den damit verbundenen Besuch des Kriminalbeamten einzuordnen.

»Ja, letzte Nacht. In dem Haus, das sie beide bis vor einem halben Jahr noch gemeinsam bewohnt haben«, drückte Till sich diplomatisch aus. »Es gab keine Einbruchspuren. Wir gehen also davon aus, dass er seinen Mörder ins Haus gelassen hat. Da es mitten in der Nacht war, hat er ihn wahrscheinlich gekannt. Oder sie.«

»Ach, daher weht der Wind. Sie verdächtigen mich?«

»Nein, ich befrage Sie nur als seine Ex-Frau. Aber ein Alibi könnte natürlich nicht schaden.«

»Mein Alibi sitzt drüben vor dem Fernseher. Wir haben die Nacht zusammen verbracht.«

»Wohnen Sie mit ihm zusammen?«

Eva Schlosser zuckte mit den Schultern. »Mehr oder weniger. Er hat keine eigene Wohnung. Wenn er nicht hier schläft, schläft er in seinem Zimmer bei seiner Mutter. Das ist hier nur eine Zweizimmerwohnung. Ganz lasse ich ihn nicht einziehen, das wird mir sonst zu eng.«

»Verstehe«, sagte Till. »Wissen Sie, ob Ihr Ex-Mann mit jemandem Probleme hatte? Streitigkeiten? Beruflich oder privat. Abgesehen von der Scheidung mit Ihnen.«

»Nein, keine Ahnung. Wir sahen uns schon länger nicht mehr und kommunizierten nur über unsere Anwälte miteinander. Aber es würde mich nicht wundern. Er ist ein verlogenes, intrigantes Schwein gewesen.« Eva Schlosser schien auch nach dem Tod ihres Ex-Mannes keine versöhnlichen Gedanken an ihn verschwenden zu wollen.

»Ich habe mich heute Vormittag im Arbeitszimmer Ihres Ex-Mannes umgesehen und mir in seinen Unterlagen einen Überblick über Ihre Trennung verschafft«, klärte Till sie auf.

»Ich habe ihm 25 Jahre lang den Rücken freigehalten, damit er seine Karriere vorantreiben konnte. Zum Dank dafür hat er mich belogen und betrogen. Ich weine ihm keine Träne nach.«

»Sie haben ihm Affären mit anderen Frauen vorgeworfen«, ging Till auf sie ein. »Er hat das aber abgestritten. Haben Sie ihn mit einer anderen Frau gesehen?«

Eva Schlosser sah Till verletzt an. »Eine Frau spürt so etwas. Er zeigte keinerlei Interesse mehr an mir, außer wenn er Streit suchte. Und den suchte er oft. Unser Sohn hat es bei uns im Haus nicht mehr ausgehalten.« Eva Schlosser sah Till plötzlich erschrocken an. »Weiß Christian es schon? Unser Sohn? Er wohnt in einer WG.«

»Mein Kollege Steffen Siebels ist zu ihm gefahren. Wenn er ihn dort antrifft, klärt er ihn auf. Sie sollten mir aber auf alle Fälle seine Handynummer geben.«

Eva Schlosser nickte geistesabwesend. »Ja, da muss ich nachschauen, ich habe sie nicht im Kopf. Eine Sekunde bitte.«

Sie kam mit ihrem Handy zurück und suchte nach der Nummer ihres Sohnes. Es dauerte einen Moment, bis sie sie gefunden hatte. Till speicherte sie in seinem Gerät.

»Er kam mit seinem Vater gut aus«, sagte sie leise vor sich hin.

»Mit Ihnen auch?« Till hoffte, jetzt nicht in ein Fettnäpfchen getreten zu sein.

»Früher kamen wir sehr gut miteinander aus. Aber ich glaube, er hat hauptsächlich mir die Schuld an dem Krieg mit seinem Vater gegeben. Als er mitbekommen hat, dass ich mit Paul zusammen bin, hat er den Kontakt zu mir abgebrochen. Die beiden sind etwa im gleichen Alter. Dass sein Vater sich mit jungen Frauen rumgetrieben hat, interessierte ihn allerdings weniger.«

Till zog nun das Foto hervor und legte es vor ihr auf den Tisch. »Kennen Sie diese Frau?«

Eva Schlosser atmete schwer aus. »Dieses Schwein. Das Flittchen räkelt sich auf unserer Couch in unserem Haus.«

»Haben Sie sie schon einmal gesehen? Wissen Sie, wer das ist?«

Sie konnte ihren Blick nicht von dem Foto lassen. »Die ist doch noch keine zwanzig. Wann wurde das aufgenommen? Woher haben Sie das?«

»Es lag auf seiner Brust, als sein Leichnam gefunden wurde. Ich weiß nicht, wann es aufgenommen wurde.« Till nahm das Bild und steckte es wieder weg.

»Vielleicht glaubt mir ja jetzt jemand, dass er es ständig mit jungen Dingern getrieben hat«, spie sie aus.

»Sie wissen aber nicht, wer die Frau ist?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich eine Aushilfsstudentin aus der Kanzlei. Sie können das Foto ja dort mal vorzeigen. Dann erfahren seine Kollegen auch, was für ein verlogener, schwanzgesteuerter Mistkerl er in Wirklichkeit war.«

»Ich denke, für heute belassen wir es dabei. Ich müsste mich aber noch einmal kurz mit Ihrem Freund unterhalten.«

»Wegen meinem Alibi? Verdächtigen Sie wirklich mich?«

»Wegen Ihrem Alibi, richtig. Noch verdächtigen wir niemanden. Wir machen nur unsere Arbeit.«

»Verstehe. Wer kümmert sich denn nun um die Beerdigung? Muss ich das machen?«

»Vielleicht macht das Ihr Sohn?« Till sah sie etwas hilflos an, dann ging er ins Wohnzimmer zu ihrem Freund Paul.

Paul lag auf dem Sofa und guckte Fernsehen. Till zeigte ihm seinen Ausweis. »Wo waren Sie letzte Nacht?«, fragte er ihn ohne weitere Erläuterungen.

Paul stellte den Fernseher leiser und schaute zur Tür raus. Eva Schlosser war aber in der Küche geblieben, was ihn scheinbar etwas verunsicherte. »Warum wollen Sie das wissen?«

»Das ist nur eine Routinefrage bei unseren laufenden Ermittlungen«, beschwichtigte Till ihn.

»Bei was für Ermittlungen?«

»Der Ex-Mann von Frau Schlosser ist ums Leben gekommen.«

»Echt jetzt? Ich habe mit dem aber nix zu tun. Ich kenne den nicht.«

»Aber Sie kennen seine Ex-Frau. Wir müssen leider mit allen Personen reden, die zu seinem Umfeld gehören. Auch wenn es gar keinen persönlichen Kontakt zu Herrn Schlosser gab. Ich müsste jetzt nur wissen, wo Sie letzte Nacht waren, und dann können Sie wieder ganz ungestört Fernsehgucken.«

»Na ja, hier war ich. Ich habe letzte Nacht hier geschlafen. Mit Eva. Wir sind so gegen zehn zusammen ins Bett und morgens bin ich um neun wieder gegangen.«

»Danke, das war es auch schon. Der Form halber muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass Sie sich mit einer Falschaussage strafbar machen.«

»Wieso Falschaussage?«

»Der Form halber. Manchmal sagen die Leute halt nicht die Wahrheit, wenn die Polizei ganz höflich nachfragt.«

»Ich habe hier gepennt. Das kann Eva bestätigen.«

»Ja, das hat sie schon. Einen schönen Abend noch. Tschüss.«

3

87 Tage zuvor

In den drei Tagen nach seinem denkwürdigen Date mit Lena hatte Christian mehrmals den Entschluss gefasst, sie anzurufen. Und es dann doch nicht getan. Die Vernunft sagte ihm, dass er dieses noch kurze Kapitel seines Lebens nicht weiterschreiben sollte. Aber sein Herz sprach eine andere Sprache. Oder war es nur sein Jagdinstinkt, der ihn antrieb, den Kontakt zu dieser merkwürdigen Frau aufrecht zu erhalten? Er dachte an die zurückhaltende, liebliche Lena, die ihn angehimmelt hatte. Mit der er eine unvergessliche Nacht verbracht hatte. Eine Nacht, von der er zu gerne noch viele weitere erlebt hätte. Und er dachte an die Lena, die ihn am nächsten Morgen auf äußerst unfreundliche Weise aus ihrem Zimmer verwiesen hatte. Nur aus ihrem Zimmer oder auch aus ihrem Leben? Auch diese Lena hatte es ihm angetan, weil sie eine Herausforderung darstellte, die er gerne annehmen würde. Aber welche von beiden würde sich melden, wenn er die Nummer anrief, die die scheue, liebevolle Lena ihm gegeben hatte? Wie sollte er sich verhalten, wenn sie sich meldete? Wie sollte er sich verhalten, wenn das Spiel sich wiederholen würde? Hatte sie ihn einfach nur veräppelt? Er dachte ständig darüber nach, konnte sich aber keinen Reim auf die ganze Geschichte machen. Schließlich wählte er mit einem mulmigen Gefühl im Magen ihre Nummer und war gespannt, was passieren würde. Als er die liebliche Stimme von Lena am Telefon vernahm, schlug sein Herz höher.

»Hallo, Lena. Ich bin es. Christian.«

»Hallo, Christian. Ich dachte schon, du würdest dich nicht mehr melden. Was war denn los? Habe ich was falsch gemacht?«

Christian bekam einen Kloß im Hals. Sie tat so, als hätte es den Morgen danach nie gegeben. »Ich war mir nicht sicher, ob du mich wiedersehen möchtest«, stammelte er.

»Warum? Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, warst du verschwunden und hast auch keine Nachricht hinterlassen.«

»Du hast mich rausgeschmissen, erinnerst du dich?« Christian versuchte sich vorzustellen, was für ein Gesicht sie jetzt machte. Er stellte sie sich mit einem verdatterten Gesichtsausdruck vor.

»Oh. Tatsächlich? Entschuldige, das war dann nicht wirklich ich.«

»Das Gefühl hatte ich irgendwie auch.«

»Habe ich dir denn gefallen? Vorher, meine ich? Fandest du es schön mit mir?«

»Ja, sehr sogar. Du gefällst mir sehr gut, Lena. Ich muss ständig an dich denken.«

»Mir hat es auch gut gefallen. Ich musste auch oft an dich denken.«

Einen Moment lang blieb es still zwischen den beiden. Christian wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Lena überlegte, wie sie es sagen sollte.

»Es ist manchmal nicht ganz einfach mit mir«, verriet sie ihm schließlich mit leiser Stimme.

»Hast du einen Freund? Einen anderen Mann?« Christian wollte die Frage eigentlich nicht stellen, aber er suchte nach einer Erklärung für Lenas merkwürdiges Verhalten.

»Wie kommst du darauf?«

»Weiß nicht. Ist nur so eine Frage.«

»Möchtest du herkommen? Zu mir? Jetzt? Ich würde mich freuen.«

Christian war es nicht verborgen geblieben, dass sie ihm seine Frage nicht wirklich beantwortet hatte. Aber die Aussicht darauf, gleich wieder mit ihr zusammen zu sein, blendete all seine Bedenken und Fragen aus. Er wollte sie einfach nur wiedersehen. Einfach nur in ihrer Nähe sein. So nah wie möglich. Und die Nacht mit ihr in ihrem Bett verbringen.

»Ja. Ich bin in einer halben Stunde bei dir. Ist das in Ordnung?«

»Sehr schön. Beeil dich. Bis gleich.«

*

Siebels stand vor der Wohnungstür einer Altbauwohnung in der Holzhausenstraße im Frankfurter Nordend. Drei Namensschilder waren an der Tür angebracht. Zizkowitz, Schlosser, Krampmann. Ein junger Mann mit schwarzen Locken öffnete und schaute Siebels fragend an.

»Ich möchte zu Christian Schlosser«, erklärte Siebels und sein Instinkt sagte ihm, dass der Mann an der Tür es nicht war.

»Einen Moment«, bekam er zur Antwort. Der junge Kerl rief lauthals nach Christian und entfernte sich dann kommentarlos. Siebels blieb allein vor der geöffneten Tür stehen und wartete geduldig, bis ein gleichaltriger Mann mit kurzgeschnittener Frisur erschien.

»Was gibt es?«, fragte er mit einer Spur Misstrauen in der Stimme.

»Christian Schlosser?«

»Ja, und Sie?«

Siebels zeigte ihm seinen Dienstausweis und stellte sich vor. »Können wir uns drinnen ungestört unterhalten?«

Christian Schlosser machte zunächst keine Anstalten, Siebels in die Wohnung hereinzubitten. »Worüber denn?«

»Über Ihren Vater«, hielt Siebels sich noch bedeckt.

Christian Schlosser machte einen unschlüssigen Gesichtsausdruck. Schließlich nickte er und ließ Siebels herein. Sie gingen durch den Flur auf sein Zimmer. Dort gab es außer dem Bett nur einen Stuhl als Sitzgelegenheit. Die beiden blieben zunächst stehen, Siebels schloss die Tür hinter sich.

»Was ist mit meinem Vater?«, fragte Christian Schlosser und in seiner Stimme klang die Sorge mit.

»Es tut mir leid, Ihnen diese Nachricht jetzt übermitteln zu müssen. Ihr Vater ist tot.«

Christian Schlosser sah Siebels mit großen, ungläubigen Augen an. Er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Erst langsam, dann schneller.

»Vielleicht setzten wir uns besser«, schlug Siebels vor.

Wie in Trance ließ Christian sich auf die Bettkante sinken. Siebels nahm auf dem Stuhl Platz.

»Ihr Vater wurde heute früh in seinem Haus von einem seiner Kollegen tot aufgefunden«, fuhr Siebels fort. »Es handelt sich um einen Todesfall mit Fremdeinwirkung. Ihr Vater wurde erschlagen.«

»Erschlagen? In seinem Haus?« Christian sah Siebels immer noch ungläubig an. »Ein Einbruch?«

»Nein, das können wir ausschließen. Es gibt keine Einbruchsspuren. Soweit wir das beurteilen können, wurde auch nichts gestohlen. Das müssten Sie bei Gelegenheit aber noch prüfen.«

»Aber Sie wissen auch nicht, wer es war?«

»Nein, bisher haben wir noch keine Spur zum Täter. Wissen Sie, ob Ihr Vater mit jemandem Probleme hatte? Streit?«

»Mit meiner Mutter«, flüsterte Christian. »Aber die beiden sind geschieden und leben getrennt«, schob er schnell hinterher. »Weiß meine Mutter es schon?«

Siebels nickte. »Ein Kollege von mir ist gerade bei ihr.«

»Ich habe schon seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zu ihr. Jetzt sollte ich mich bei ihr melden«, grübelte er vor sich hin.

»Ja, das sollten Sie wohl tun«, pflichtete Siebels ihm bei. »Wissen Sie, ob Ihr Vater nach der Trennung wieder eine Beziehung zu einer Frau hatte?«

»Nein, hatte er nicht. Warum?«

»Weil wir uns ansonsten gerne auch mit dieser Frau unterhalten hätten.«

»Meine Mutter hat ihm ständig vorgeworfen Affären mit jüngeren Frauen zu haben. Aber da ist nichts dran. Stattdessen hält meine Mutter sich jetzt einen jungen Liebhaber. Der ist in meinem Alter. Das ist doch alles verrückt.«

»Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrem Vater?«

Christian überlegte kurz. »Das ist jetzt bestimmt schon über drei Monate her. Wir haben telefoniert. Er wollte Karten für das nächste Spiel der Eintracht besorgen und mich ins Stadion einladen. Ich sagte ihm, dass ich schon anderweitig verplant sei.«

Siebels schaute den jungen Mann mitfühlend an. »Ich muss Sie das jetzt fragen, fürs Protokoll. Wo waren Sie gestern am späten Abend und in der letzten Nacht?«

»Ich bin gestern Abend gegen neun Uhr hier eingetroffen und seitdem nicht mehr aus dem Haus gewesen.«

»Kann das jemand bezeugen?«

»Ja, meine Mitbewohner. Joshua und Daniel. Wir haben bis nach Mitternacht zusammengesessen.«

»Gut. Eine letzte Frage habe ich noch.« Siebels zeigte ihm das Foto, das auf der Brust von Christians Vaters hinterlassen wurde. »Kennen Sie diese Frau?«

Christian warf zunächst nur einen flüchtigen Blick auf das Bild. Dann nahm er das Foto in die Hand und starrte drauf. Plötzlich sprang er auf und rannte aus dem Zimmer. Siebels schaute ihm hinterher, wie er schräg gegenüber im Bad verschwand. Dort übergab er sich. Das Foto hatte er im Flur fallengelassen. Siebels hob es auf und steckte es ein.

»Geht es wieder besser?«, erkundigte er sich, als Christian mit einem Glas Wasser zurückkam.

»Ja, Entschuldigung. Dass mein Vater wirklich tot ist, muss ich erst noch verarbeiten. Ich fühle mich gerade ziemlich elend.«

»Ich will Sie heute auch nicht weiter belästigen. Soll ich einen Arzt rufen, der nach Ihnen schaut?«

»Nein danke, es geht schon wieder. Kann ich meinen Vater noch mal sehen? Muss ich ihn denn noch identifizieren?«

»Das wird nicht nötig sein. Wir melden uns bei Ihnen, wenn Sie ihn sehen können. Im Moment geht es leider noch nicht.«

»Okay, ich bringe Sie noch zur Tür.«

»Die Frau auf dem Foto, kennen Sie sie?«

Christian schüttelte den Kopf. »Ach so, nein. Die habe ich noch nie gesehen. Wer soll das sein?«

»Das hätte ich ja gerne von Ihnen gewusst. Sie liegt nackt auf der Couch im Haus Ihres Vaters.«

»Ja, das habe ich gesehen. Aber ich habe dafür keine Erklärung. Woher haben Sie das Foto?«

»Wir gehen davon aus, dass es der Mörder Ihres Vaters absichtlich am Tatort hinterlassen hat. Können Sie sich vorstellen, warum?«

Christian wurde leichenblass, krümmte sich leicht und schien sich gleich wieder übergeben zu müssen. »Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht erklären«, presste er hervor.

»Brauchen Sie wirklich keinen Arzt?«

»Nein, ich muss mich aber hinlegen, mir ist schlecht.«

Siebels legte seine Karte auf den Stuhl. »Rufen Sie mich an, falls Ihnen noch etwas einfällt.«

Bevor Siebels losfuhr, rief er Till an. »Hast du Eva Schlosser angetroffen?«

»Ja, ich bin gerade wieder auf dem Weg zurück zum Präsidium.«

»Ich dachte, wir treffen uns noch bei Nils Brenner, dem Kollegen von Martin Schlosser, der ihn gefunden hat.«

»Na gut«, seufzte Till. »Wo wohnt der?«

»In Eschborn.« Siebels gab Till die genaue Adresse durch.

*

Eine halbe Stunde später traf Siebels vor dem Haus von Nils Brenner ein, wo Till noch im Auto sitzend auf ihn wartete. Familie Brenner bewohnte ein schmuckes freistehendes Einfamilienhaus. Im Vorgarten waren ein Sandkasten, eine Schaukel und eine Spielhütte aufgebaut.

»Hier scheint das Familienglück noch in Ordnung zu sein«, bemerkte Siebels.

»Wäre nicht die erste herausgeputzte Fassade, hinter der es bröckelt«, gab Till launisch zurück und betätigte den Klingelknopf.

Die Tür wurde von Frau Brenner geöffnet, zwei kleine Kinder tobten um sie herum. »Kommen Sie rein, mein Mann erwartet Sie schon.« Die Kinder wurden zur Ruhe ermahnt und die Polizisten ins Arbeitszimmer begleitet.

»Ich warte schon den ganzen Tag auf jemanden von der Kripo«, sagte Nils Brenner und deutete seinen Besuchern an, sich auf bereitgestellten Stühlen niederzulassen.

»Es ging leider nicht früher«, entschuldigte Siebels sich halbherzig.

»Ist ja auch egal, ich versuche mich halt seit Stunden irgendwie abzulenken, aber das gelingt mir nicht.«

»Das kann ich verstehen. Wie lange kannten Sie Herrn Schlosser?«

»Schon lange, wir haben uns während des Studiums kennen gelernt.«

»Sie waren also nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde?«

»Ja, wir waren gut miteinander befreundet. Früher haben wir auch öfter gemeinsam mit unseren Familien was unternommen. Aber Martins Familie hat sich leider aufgelöst. Er bewohnte das Haus zum Schluss allein.«

»Erzählen Sie doch bitte mal ganz genau, wie Sie heute Morgen Ihren Freund aufgefunden haben«, bat Siebels.

Nils Brenner zuckte mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich wollte ihn abholen, zusammen wollten wir zu einem Seminar nach Stuttgart fahren. Wir hatten uns für Viertel nach sechs heute Morgen verabredet. Ich war um zehn nach sechs da und habe noch zehn Minuten im Auto auf ihn gewartet. Als er nicht kam, bin ich zum Haus, habe geklingelt und geklopft. Aber es hat sich nichts gerührt. Die Haustür stand einen spaltweit offen. Ich habe sie aufgedrückt und ihn gerufen. Als keine Antwort kam, bin ich reingegangen. Da habe ich ihn liegen sehen. Mit seinem Kopf in einer Blutlache. Ich habe ihn angesprochen, habe ihn leicht gerüttelt und seinen Puls gefühlt. Aber es war offensichtlich, dass er tot war. Also habe ich den Notruf gewählt und die Polizei verständigt.«

»Sonst ist Ihnen nichts aufgefallen? Jemand, der sich in der Nähe des Hauses aufgehalten hat? Ein geparktes Auto vor dem Haus?«

»Nein, da war niemand. Auch kein Auto.«

Till stellte sich vor, wie der Mann seinen langjährigen Freund und Kollegen aufgefunden hatte. Warum hatte er das Foto nicht erwähnt, das auf dem Opfer abgelegt worden war? Till fragte ihn direkt und zeigte ihm seine Kopie des Fotos.

Nils Brenner nickte bedächtig. »Ja, das hat auf seiner Brust gelegen. Ehrlich gesagt, war ich schon drauf und dran gewesen, es einzustecken und verschwinden zu lassen. Aber ich habe es nicht angerührt.«

»Kennen Sie die Frau auf dem Foto?«, wollte Siebels wissen.

»Nein, ich habe sie noch nie gesehen.«

»Hat Martin Schlosser vielleicht mal eine Bemerkung gemacht, dass er eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat? Unter guten Freunden spricht man doch über solche Dinge. Jedenfalls wenn man geschieden ist und sich keine Sorgen mehr um die Treue machen muss.«

»Nichts dergleichen. Eva hat ihm vorgeworfen, Affären mit jungen Frauen gehabt zu haben. Martin hat sich aber immer nur ganz der Arbeit in der Kanzlei gewidmet. Er war einer von zwei Partnern. Deswegen ging auch seine Ehe in die Brüche. Er war mehr mit der Kanzlei als mit Eva verheiratet und hat sich letzten Endes auch für die Kanzlei entschieden.«

»Das Foto spricht aber eine andere Sprache«, bemerkte Siebels trocken.

Nils Brenner druckste ein wenig herum. »Es gab wohl hin und wieder ausgelassene Herrenabende in der Führungsriege um Tobias Lang und seinen Partnern. Da wurden auch mal leichte Mädchen einbestellt. Jedenfalls ging das in der Kanzlei mal durch die Gerüchteküche. Vielleicht stammte das Foto ja von solch einer Gelegenheit.«

Till dachte wieder an das Gespräch, das er zuvor mit Eva Schlosser geführt hatte. Dass ihr niemand geglaubt hatte, dass an ihren Vorwürfen gegenüber ihrem Mann etwas dran sein könnte, war ihr übel aufgestoßen. Dass sie sich jetzt selbst einen jungen Liebhaber hielt, schätzte Till als Trotzreaktion einer verletzten Frau ein. »Ich würde mich gern kurz mit Ihrer Frau unterhalten«, kam es Till bei seinen Überlegungen spontan in den Sinn.

Nils Brenner schaute Till überrascht an. Dann sah er auf die Uhr. »Sie wird die Kinder gerade ins Bett bringen. Was wollen Sie denn von ihr?«

»Ich möchte ihr nur ein paar Fragen stellen. Mein Kollege wird sich in der Zeit mit Ihnen weiter unterhalten.«

»Wenn es sein muss. Aber stellen Sie Ihre Fragen bitte nicht vor den Kindern.« Nils Brenner machte einen äußerst unglücklichen Eindruck.

»Keine Sorge«, beruhigte Till ihn und verließ das Arbeitszimmer.

Die Kinder tobten im oberen Stockwerk noch herum, aber Marlene Brenner setzte sich mit Till ins Wohnzimmer. Mit lauten Rufen ermahnte sie ihren Nachwuchs, sich schon mal die Zähne zu putzen, dann widmete sie ihre ganze Aufmerksamkeit Till.

»Ihr Mann hat Ihnen ja sicherlich erzählt, was passiert ist?«

»Ja, natürlich. Ich kann es immer noch nicht fassen.«

»Haben Sie noch Kontakt zu Eva Schlosser?«

»Seitdem sie geschieden sind, hatte ich keinen Kontakt mehr zu Eva. Zu Martin auch nicht mehr so oft. Hin und wieder kam er abends mal vorbei und hat mit Nils ein oder zwei Bier getrunken.«

»Wie war denn Ihr Verhältnis zu Eva Schlosser, als die Ehe der beiden noch intakt war?«

»Es war okay. Wir waren nicht die besten Freundinnen, kamen aber miteinander aus. Ihr Sohn war ja schon ein Teenager, als ich das erste Mal schwanger wurde. Sie war selbst noch sehr jung, als sie Mutter wurde. Von daher hatten wir also schon verschiedene Sichtweisen auf das Leben.«

»Welche Sichtweise hatte Eva Schlosser denn?«

»Sie war mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau nicht ausgefüllt. Aber sie hatte sich damals darauf eingelassen und dann war der Zug irgendwann abgefahren. Wie das eben so ist. Sie war unzufrieden mit sich und ihrem Leben und gab ihrem Mann die Schuld dafür. Jedenfalls nachdem Christian älter geworden war.«

»Hatte sie Affären, als sie noch verheiratet war?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nur so ein Gefühl«, sagte Till und es blieb ihm nicht verborgen, dass Marlene Brenner sich bei dieser Frage nicht sehr wohl in ihrer Haut fühlte. »Sie können sich darauf verlassen, dass ich dieses Gespräch vertraulich behandele.«

»Und wenn es so wäre, was hätte das denn mit dem Mord an Martin zu tun?«

»Wahrscheinlich nichts. Aber wenn jemand im eigenen Haus erschlagen wird und ein Einbruch ausgeschlossen werden kann, haben wir es zumeist mit familiären Motiven zu tun. Oder mit Leuten, die in irgendeiner Weise mit der Familie in Verbindung stehen oder standen.«

»So wie wir?«

»Zum Beispiel. Wussten Sie, dass Eva Schlosser jetzt mit einem Mann zusammenlebt, der ungefähr im Alter von ihrem Sohn Christian ist?«

»Ups. Nein, das wusste ich nicht. Es wundert mich aber auch nicht wirklich.«

»Warum nicht?«

Marlene Brenner druckste zunächst ein wenig herum. »Na ja, ich glaube, sie hatte schon seit längerer Zeit ein Faible für jüngere Männer. Für deutlich jüngere Männer.«

»Obwohl sie ihrem Mann vorgeworfen hatte, Affären mit jungen Frauen zu haben?«

»Ja, das war ja das Merkwürdige. Frei nach dem Motto: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.«

»Gibt es auch ein konkretes Beispiel, das ihr Faible für deutlich jüngere Männer belegt? Während ihrer Ehe?«

»Gibt es«, seufzte Marlene Brenner. »Aber das habe ich nie jemanden erzählt. Nicht mal meinem Mann.«

*

Siebels war von Tills plötzlicher Eingebung, Frau Brenner befragen zu wollen, etwas überrascht und versuchte sich nun wieder auf das Gespräch mit Nils Brenner zu konzentrieren. »Kommen wir bitte noch einmal auf das Foto zu sprechen. Das erweckt eigentlich nicht den Eindruck, als wäre es auf einem feuchtfröhlichen Herrenabend entstanden. Ganz im Gegenteil. Auf mich macht es eher den Eindruck, als würde zwischen Fotografen und Modell eine vertraute, intime Atmosphäre herrschen. Meinen Sie nicht?« Das Foto lag noch vor Brenner auf dem Tisch. Er warf erneut einen flüchtigen Blick darauf.

»Möglich. Ich weiß es nicht. Das mit den leichten Mädchen war ja auch nur ein Gerücht. In der Kanzlei wird unter vorgehaltener Hand viel erzählt. Manches stimmt, manches nicht. Ich versuche mich bei dem Tratsch eigentlich rauszuhalten. Ich hätte es nicht erwähnen sollen.«

»Kommen wir mal zu etwas Anderem. Auf welche Gebiete ist die Kanzlei denn spezialisiert?«

»Wir übernehmen Mandate für Wirtschaftsunternehmen. Unsere Kernkompetenzen liegen im Wirtschaftsrecht, Gesellschafts- und Handelsrecht sowie im Immobilienrecht. Martin war für einige unserer größten Kunden zuständig. Zum Beispiel für zwei große Wohnungsgesellschaften. Und für die Deutsche Bahn.«

»Gab es da in letzter Zeit irgendwelche Probleme?«

»Anwälte leben von Problemen«, erwiderte Brenner.

»Ja, von den Problemen ihrer Mandanten. Ich meinte aber, ob es innerhalb der Kanzlei Probleme oder Streitigkeiten gab.«

»Das sind Interna. Darüber darf ich keine Auskünfte geben«, versuchte Brenner sich der Frage zu entziehen.

»Doch, doch, der Mordkommission dürfen Sie alles erzählen, was im Zusammenhang mit dem Opfer steht. Und in diesem Fall war das Opfer nicht nur Ihr Kollege, sondern auch ein guter Freund. Jetzt können wir noch ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen führen. Morgen werden wir eine Befragung in der Kanzlei durchführen. Vielleicht können wir das aber auch abkürzen und jetzt ganz in Ruhe darüber sprechen. Sie wissen ja, die Gerüchteküche brodelt schneller, als man schauen kann. Je kürzer wir uns in der Kanzlei aufhalten müssen, desto weniger wird es hinterher brodeln. Immerhin haben Sie das Opfer in seinen Privaträumen aufgefunden. Also, gab es da etwas in der Kanzlei, von dem ich wissen sollte?«

Nils Brenner ließ einen Bleistift durch seine Finger wandern und schien die Lage, in der er sich befand, abzuschätzen. »Ich will aber nicht, dass Sie falsche Schlüsse aus Begebenheiten ziehen, die mit Martins Tod nichts zu tun haben«, gab er sich bedenklich.

»Keine Sorge, wir ziehen keine voreiligen Schlüsse. Wir ermitteln in alle Richtungen und lassen nichts außer Acht. Was sich davon als ermittlungsrelevant erweist, können wir schon richtig einordnen. Also?«

»Also gut. Martin und Jürgen Hellmann hatten in letzter Zeit ein bisschen Stress miteinander. Die beiden sind die Partner von Herrn Lang und stehen demnach ganz oben in der Hierarchie. Martin hat sich das hart erarbeitet. Jürgen Hellmann wurde vor ungefähr zwei Jahren zum Partner berufen. Als Ersatz für einen Kollegen, der in den Ruhestand getreten ist. Die Personalie Hellmann war eine ziemliche Überraschung. Es hat überhaupt nichts darauf hingedeutet. Im Gegenteil, er war und ist bestenfalls ein mittelmäßiger Anwalt. Er war von allen in Frage kommenden Kollegen eigentlich der Letzte, dem man so einen Aufstieg zutrauen konnte. Eher wäre damit zu rechnen gewesen, dass er die Kanzlei verlässt, weil er den Ansprüchen nicht genügte. Aber plötzlich wurde er von Herrn Lang mir nichts dir nichts in die Führungsetage befördert. Die Qualität seiner Arbeit hat sich dadurch nicht verbessert. Zuletzt hat er einen ziemlichen Bock gerissen. Die Kanzlei hat dadurch einen wichtigen Kunden verloren. Bei Lang kam er damit trotzdem durch, Martin war ziemlich angefressen.«

»Okay, worum ging es dabei genau?«

»Einer unserer Kunden, eine Investorengesellschaft, hat in ein neu erbautes Hochhaus in Frankfurt investiert. Jürgen Hellmann hat die Kaufverträge mit dem Bauherrn ausgearbeitet. Laut dem Vertrag konnten Baumängel bei dem fertiggestellten Hochhaus ausgeschlossen werden. Dazu wurden alle möglichen Gutachten von uns in Auftrag gegeben. Nach Abschluss des Kaufvertrages hat sich aber herausgestellt, dass die Brandmeldeanlage nicht voll funktionstüchtig war und aufwendige Nacharbeiten notwendig wurden.«

»Aha. So etwas kommt also nicht nur in Berlin vor.«

»Leider. Das hat unseren Mandanten viel Geld gekostet. Geld, das er von uns zurückfordert.«

»Herr Schlosser hatte aber keine Schuld an dem Desaster?«

»Nein, definitiv nicht. Das hatte Hellmann allein zu verantworten. Das Gutachten, das er erstellen ließ, war das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben stand. Hellmann wollte Geld sparen und hat einen Gutachter beauftragt, der mit einer technischen Anlage in dieser Größenordnung völlig überfordert war.«

»Dieser Herr Hellmann hatte deswegen aber keine Konsequenzen zu fürchten?«

»Wenn es nach Martin gegangen wäre, wäre er hochkant rausgeflogen. Herr Lang hat es ihm aber durchgehen lassen. Obwohl Herr Lang in der Regel sehr hart durchgreift. Viel härter als Martin. Er ist ein Alphatier der schlimmsten Sorte. Nur bei Hellmann drückt er regelmäßig ein Auge zu.«

»Woran das liegt, können Sie sich aber nicht erklären?«

Brenner schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist mir ein Rätsel. Zumal Hellmann auch ein Alkoholproblem hat. Noch so eine Sache, die Tobias Lang normalerweise nicht dulden würde.«

4

87 Tage zuvor

Lena öffnete Christian die Tür zu ihrer kleinen Studentenwohnung und lächelte ihn schüchtern an. »Schön, dass du so schnell kommen konntest.«

Christian umarmte und küsste sie. Sie erwiderte seinen Kuss, schmiegte sich an ihn, schien sich mit ihm wohlzufühlen. Christian bugsierte sie langsam zum Bett, sie ließ es gerne zu. Sie machten es sich auf dem Laken bequem, küssten sich ohne Unterlass, fingen an, sich gegenseitig auszuziehen.

»Nimmst du die Pille?«, fragte Christian und öffnete ihren BH. Beim letzten Mal hatte sie ihm diese Frage schon bejaht. Aber am darauffolgenden Morgen hatte sie davon anscheinend nichts mehr gewusst.

»Ja, ich nehme die Pille. Du musst dir keine Sorgen machen«, hauchte sie ihm ins Ohr.

Christian blieb misstrauisch, begehrte sie aber noch mehr als bei ihrem ersten Treffen. Beim ersten Mal hatte Lena sich ihm bereitwillig hingegeben, war aber weitestgehend passiv geblieben. Jetzt zeigte sie sich fordernder. Sie streifte ihm die noch verbliebene Unterwäsche vom Körper, konnte es kaum erwarten, von ihm geliebt zu werden. Christian konnte und wollte es auch nicht länger hinauszögern. Er machte sich keine Gedanken mehr darüber, ob sie nun tatsächlich verhütete. Er glaubte ihr, vertraute ihr, wollte sie, schlief mit ihr, war glücklich und spürte, dass auch sie glücklich war.

Sie seufzten und stöhnten im Takt. Schneller, langsamer, schneller, lauter und leiser. Wimmernd, fordernd, bittend. Bis sie erschöpft liegen blieben, nachdem sie sich gegenseitig zum Höhepunkt hochgeschaukelt hatten.

Christian verharrte noch eine Weile mit geschlossenen Augen auf ihr, bevor er sich neben sie rollte und sie verliebt anlächelte.

»Bleibst du heute Nacht wieder bei mir?«, fragte sie und schaute ihn hoffnungsvoll an.

Christian nickte nachdenklich. Jetzt dachte er wieder an den Morgen danach und rätselte, ob sich das wiederholen würde. »Rauchst du?«, fragte er sie.

Lena schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe noch nie geraucht. Warum?«

»Nur so.«

Lena blickte an ihrem nackten Körper herunter. »Gefalle ich dir?« Sie schien sich nicht sicher zu sein, ob sie ihm wirklich gefallen könnte.

Christian fing an, sie mit zärtlichen Küssen zu verwöhnen. Am Hals, auf der Brust, am Bauch. »Du bist wunderschön«, säuselte er und meinte es auch so. »Ich kann meine Augen nicht von dir lassen.«

»Möchtest du ein Foto von mir machen? Jetzt? So, wie ich hier liege? Nackt. Dann kannst du mich immer betrachten, auch wenn wir nicht zusammen sind.«

»Ja, das wäre toll.«

Lena legte sich auf die Seite, posierte mit der Hand unter dem Kinn. »Worauf wartest du? Du hast doch dein Handy dabei, oder?«

Christian zögerte noch. Tat sie das nur, um ihm eine Freude zu bereiten? Machte sie das öfter, auch mit anderen Männern? Ihr koketter Augenaufschlag wischte seine neuerlichen Bedenken beiseite. Er holte sein Handy und fotografierte sie, so wie sie vor ihm lag und sich ihm von ihrer schönsten Seite präsentierte.

*

»Hat sich das Gespräch mit ihr gelohnt?«, wollte Siebels von Till wissen. Die beiden saßen in Siebels Wagen vor dem Haus der Brenners und tauschten sich noch aus, bevor sie ihren ersten Arbeitstag ausklingen ließen.

Till bezog sich zunächst auf seinen Besuch bei Eva Schlosser. »Sie hält sich jetzt einen jungen Liebhaber. Mir kam das komisch vor. Vor allem, weil sie ihrem Mann ja schwere Vorwürfe wegen Affären mit jungen Frauen gemacht hatte. Deswegen wollte ich mich mit Frau Brenner unter vier Augen unterhalten. Und siehe da, ich hatte anscheinend den richtigen Riecher. Ihrer Meinung nach hatte Eva Schlosser schon während ihrer Ehe unzüchtigen Umgang mit einem Nachbarsjungen. Sie hat sie zumindest einmal in flagranti erwischt. Irgendwas ist da faul mit der guten Frau und ihrer schmutzigen Scheidung. Wie ist dein Gespräch mit dem Sohn von ihr verlaufen?«

»Hmm«, brummte Siebels und kratzte sich am Kinn. »Der war ziemlich mitgenommen und musste kotzen. Erst dachte ich, die Nachricht vom Tod seines Vaters wäre ihm auf den Magen geschlagen. Aber der Auslöser seines Übelseins war eher das Foto, das ich ihm gezeigt habe. Er behauptete, die Frau noch nie gesehen zu haben und keine Ahnung zu haben, wer das sein könnte und warum ihr Aktbild auf der Brust seines toten Vaters hinterlassen wurde. Aber das kaufe ich ihm nicht ab. Der musste kotzen, weil er diese Frau kennt. Und weil sie jetzt als Aktmodell bei seinem ermordeten Vater auftauchte.«

»Da haben wir es mit einer ziemlich verkorksten Familie zu tun, kann das sein?«

»Da tun sich Abgründe auf. Aber es gibt auch noch einen Hinweis, der in eine andere Richtung führt.« Siebels berichtete von der Sache mit der verpfuschten Brandmeldeanlage und den damit verbundenen Problemen der Kanzlei.

»Dann haben wir morgen jedenfalls keine Langeweile«, freute sich Till. »Erst die Kanzlei Lang und Partner und dann der durch unzüchtiges Verhalten aufgefallene Nachbarsjunge der Schlossers?«

»Ja, falls Jasmin uns nicht anderweitig eingeplant hat. Die ist auf Zack, schätze ich.«

*

83 Tage zuvor

Lena befand sich im roten Salon. So nannten sie den Kellerraum, weil eine alte und abgenutzte rote Couchgarnitur dort vor sich hingammelte. Niemand benutzte diesen Raum, der als Abstellraum in Vergessenheit geraten war. Hier konnten sie sich in Ruhe über alles unterhalten. Oft stritten sie aber auch. Mal saßen sie hier nur zu zweit, manchmal zu dritt oder zu viert. Selten sogar zu fünft.

Lena saß im Schneidersitz und mit verschränkten Armen auf dem Sessel und war beleidigt. Wie meistens, wenn sie eine Auseinandersetzung mit Kristie hatte. »Er mag mich und er findet mich schön«, sagte sie trotzig.

»Blödsinn«, entgegnete Kristie, die mit angezogenen Beinen auf dem Dreisitzer-Sofa saß. »Er nutzt dich nur aus. Der will dich nur ficken und du schmeißt dich ihm völlig verblödet an den Hals.«

»Woher willst du das denn wissen? Du hast doch gar keine Ahnung. Misch dich einfach nicht ein und alles wird gut.«

Kristie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. »Ich werde mich bestimmt nicht raushalten und zusehen, wie du uns immer weiter in die Scheiße reinreitest.«

»Er liebt mich und ich liebe ihn«, jammerte Lena.

»Er liebt mich und ich liebe ihn«, äffte Kristie sie mit kindischer Stimme nach. »So ein Quatsch. Du hast doch keine Ahnung, was Liebe überhaupt ist. Du machst deine Beine breit, das ist alles. Du benimmst dich wie eine Nutte. Liebe? Pfff, dass ich nicht lache.«

»Du machst alles kaputt, wie immer.« Lena wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie hatte sich noch nie durchsetzen können. Schon gar nicht gegen Kristie.

»Ich mache alles kaputt? Du hältst dich nicht an die Regeln, das ist das Problem.«

Lena war drauf und dran, den roten Salon fluchtartig zu verlassen, aber da kam Silvia herein und schaute die beiden streng an.

»Ihr streitet ja schon wieder. Hört das denn niemals auf?«

»Lena hat sich verliebt«, spottete Kristie und verdrehte genervt die Augen.

»Ja, wir lieben uns«, sagte Lena trotzig.

»Du solltest in diesen Dingen nicht immer so voreilig sein, Lena.« Silvia versuchte zu schlichten und die Sache wieder auf die Reihe zu bringen.

»Ich muss mich ja immer beeilen, bevor Kristie alles gleich im Keim erstickt.«

»Du solltest dich auch nicht immer so voreilig einmischen«, ermahnte Silvia Kristie. »Wenn ihr euch an die getroffenen Vereinbarungen halten würdet, müsstet ihr nicht ständig streiten. Also haltet euch einfach an unsere Absprachen.«

Kristie nickte, dachte aber nicht im Traum daran, sich an die Vereinbarungen zu halten. Lena gewann sich ein hoffnungsfrohes Lächeln ab.

*

»Na, erzähl schon. Wie war dein erster Tag im alten Job?«

Sabine und Steffen Siebels saßen nach dem gemeinsamen Abendessen im Wohnzimmer. Ihren Sohn Dennis hatten sie bereits ins Bett verfrachtet. Sabine öffnete zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein.

»So, als hätte es meine glorreiche Zeit als Privatdetektiv nie gegeben«, fasste Siebels seine Eindrücke zusammen. »Na ja, wir haben jetzt eine Assistentin«, fiel ihm dann noch ein.

»Oh, ist sie hübsch?« Sabine rückte auf der Couch ein Stück näher an ihren Mann heran und schaute ihn neugierig an.

»Sehr hübsch. Tolle Figur. Sie ist noch ziemlich jung. Aber sehr selbstbewusst. Dumm ist sie auch nicht. Und sie ist sehr stolz darauf, so einen erfahrenen und erfolgreichen Kriminalhauptkommissar bei der täglichen Arbeit unterstützen zu dürfen.«

»Sollte ich Anna besser warnen?« Sabine grinste übers ganze Gesicht.

»Wieso Anna?«

»Na, wenn eure Assistentin so scharf darauf ist, Till bei seiner Arbeit zu unterstützen, sollte Anna vielleicht besser ein Auge auf ihn werfen. Nicht, dass er noch Dummheiten macht.«

»Du bist eine böse Frau«, murmelte Siebels gespielt beleidigt vor sich hin.

»Und warum hast du so eine böse Frau geheiratet?«, neckte Sabine ihn weiter.

»Weil ich da Jasmin noch nicht kannte.« Jetzt grinste Siebels übers ganze Gesicht.

»Jasmin?«

»Jasmin, unsere neue Assistentin.«

Siebels bekam den Ellbogen seiner Frau in die Hüfte gerammt.

»Autsch«, rief Siebels. Dann schaute er Sabine tief in die Augen. »Weil ich dich über alles liebe, meine Schöne.« Damit hatte sich Siebels eine Schmuseeinheit verdient, die er sehr genoss.

»Habt ihr denn schon einen Fall in Bearbeitung?«, erkundigte sich Sabine nach der kleinen Schmuserei und schenkte noch Rotwein ein.

Siebels berichtete von seinem neuen Fall und einer scheinbar ziemlich verkorksten Familie.

»Frauen können wirklich böse sein«, resümierte Sabine, nachdem sie über die kleinen Widersprüche im Leben der Eva Schlosser unterrichtet worden war. »Jedenfalls, wenn sie schwere Enttäuschungen erlebt haben.«

»Soll heißen, wenn Frau böse wird, ist immer Mann dran schuld?«

»Vielleicht nicht immer. Aber fast immer.«

»Dann bin ich aber sehr beruhigt, dass ich so eine liebe, herzenswarme Frau an meiner Seite haben darf. Das kann ja dann nur an mir liegen.«

Sabine lachte. »Umkehrschlüsse sind in diesem Fall nicht zulässig.«

Till und Anna hatten sich Pizza beim Lieferservice bestellt. Till konnte es sich nicht verkneifen, während des gemeinsamen Abendessens die neue Assistentin zu erwähnen.

»Ich kenne sie«, sagte Anna und kaute dabei auf ihrem Pizzastück herum. »Sie hat ein paar Tage bei uns in der Gerichtsmedizin verbracht, um die Abläufe bei der Mordkommission besser zu verstehen. Das ist aber schon zwei oder drei Monate her.«

»Und, was hältst du von ihr?«

»Sie ist taff. Ihr könnt froh sein, so jemanden im Team zu haben.«

»Sie hat sogar ein Willkommens-Liedchen für Siebels gesungen, weil der über seinen nicht stattgefundenen offiziellen Empfang ein bisschen enttäuscht war.«

»Ja, ich glaube, die passt ganz gut zu euch. Ich habe übrigens auch schon die ersten amtlichen Erkenntnisse zu eurem neuen Fall.«

»Kann ich erst meine Pizza fertigessen?« Till war ein wenig empfindlich, wenn Anna detailliert über ihre gerichtsmedizinische Arbeit berichtete. Jedenfalls wenn sie es mündlich tat, dabei Pizza aß und mit ihm in der Küche saß.

»Meinen Bericht schicke ich morgen an Jasmin. Müssen wir jetzt nicht machen«, beschwichtigte Anna ihn.

»Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht.«

»Schädelbruch mit Hirnblutungen«, sagte Anna lapidar.

Till legte sein letztes schon angebissenes Pizzastück zur Seite, nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche und versuchte, sich das Ganze nicht allzu bildlich vorzustellen. »Aber er war nicht gleich tot?«

»Nein, er hat noch mindestens ein bis zwei Stunden gelebt, war aber bewegungsunfähig.«

»Da muss man ziemlich kräftig zuschlagen«, sinnierte er.

Anna nickte. »Mit voller Wucht, ja.«

»Das spricht eher für einen Mann als Täter.«

»Nicht unbedingt. Wenn jemand so zuschlägt, braucht es dazu nicht nur Kraft, sondern vor allem eine gehörige Portion Wut. Die Tatwaffe spielt natürlich auch eine Rolle. Die Skulptur, die der Täter benutzt hat, ist aus Eisen, scharfkantig und massiv. Damit könnte auch eine Frau einen Schädel zum Brechen bringen.«

Till nahm seinen letzten Bissen Pizza und fragte sich, ob Eva Schlosser zu so einem Schlag imstande gewesen wäre. Er konnte es sich nicht wirklich vorstellen.

»Gibt es irgendwelche Anzeichen, dass er sich noch gegen den Schlag gewehrt hat?«

»Nein. Er wurde von hinten angegriffen. Wahrscheinlich hat er das gar nicht registriert, bevor er getroffen wurde.«

»Also hat er auch nicht damit gerechnet. Klingt nicht unbedingt nach einem Streit.«

»Behältst du mich denn immer genau im Auge, wenn wir uns mal streiten?« Anna machten solche Gespräche mit Till Spaß. Besonders, wenn er falsche Schlüsse zog und sie ihn wieder auf die richtige Fährte brachte.

»Sollte ich das besser tun?« Till zog die Augenbrauen hoch und hatte schon wieder ein böses Bild im Kopf. Anna stand wutentbrannt hinter ihm und zog ihm mit dem Schürhaken eins über den Schädel.

»Unterschätze niemals eine wütende Frau«, sagte Anna lächelnd.

5

Tag 2, Dienstag

»Hey, Siebels, warte mal.«

Siebels blieb an der Türschwelle zum Büro von Jasmin stehen und schaute rein. »Guten Morgen, Jasmin. Was gibt es denn?«

»Weißt du, wann Till kommt?«

Siebels guckte auf die Uhr. Es war kurz nach halb neun. »Der wird bald auftauchen, warum?«

»Magst du noch einen Kaffee mit mir trinken, bis er kommt? Ich habe schon welchen gekocht.«

Schmunzelnd musste Siebels an sein gestriges Gespräch mit Sabine über seine neue Assistentin denken. Wollte sie ihn jetzt tatsächlich anbaggern? »Klar, ich komme gleich. Ich lege nur noch die Jacke im Büro ab.«

Jasmin war mit einem schnellen Schritt bei ihm und half ihm aus der Jacke. »Die kannst du auch hier so lange ablegen. Ich habe sogar einen Garderobehaken. Milch und Zucker, richtig?«

»Ja, richtig.« Siebels kam das nun doch etwas merkwürdig vor und er hoffte inständig, dass Till bald erscheinen würde.

»Wie läuft es denn mit eurem Fall?« Jasmin reichte Siebels die Kaffeetasse.

Vielleicht war sie ja einfach nur karrieregeil, überlegte Siebels. »Da stehen wir noch ganz am Anfang. Wäre gut, wenn wir bald den Bericht von der Spurensicherung bekommen würden.«

»Ich kümmere mich drum, dass das erledigt wird. Kann ich sonst noch was für dich tun?«

»Hast du gestern nicht gesagt, dass wir unseren Kaffee ab heute selbst kochen müssen?«

»Stimmt. Aber ich habe mich anders entschieden. Das gilt jetzt erst ab morgen. Das ist doch kein Problem für dich, oder? Ist er gut?«

»Wer ist gut?«

»Na der Kaffee. Oder ist zu viel Zucker drin? Ich mag ihn ja nicht so süß. Aber ich dachte, du bist mehr so der süße Typ, deswegen habe ich gleich zwei Stück Zucker rein.« Jasmin lächelte Siebels zuckersüß an und Siebels hielt nach Till Ausschau. Aber von dem war noch nichts zu sehen.

»Mmh, der ist gut. Perfekt. Danke.«

»Das freut mich, wenn er dir schmeckt. Setz dich doch einen Moment zu mir. Wir konnten uns gestern ja gar nicht richtig beschnuppern. Das war ja gleich so hektisch.«

In Siebels Erinnerung war diese Hektik ausschließlich von Jasmin ausgegangen, aber das behielt er jetzt für sich. »Bist du verheiratet?«, fragte er frei heraus und schnupperte sich zügig voran.

Jasmin hielt ihm ihre Hände vor die Nase. »Kein Ring. Nicht verheiratet. Ich bin Single. Und du? Du hast deine Frau doch hier bei der Arbeit kennen gelernt, habe ich gehört. Stimmt das?«

»Ja, das stimmt. Das war beim ersten Fall, den ich zusammen mit Till bearbeitet habe. Sie hat uns damals mit Hintergrundinformationen aus dem Sex-Gewerbe versorgt.«

»Jetzt rede dich aber mal nicht gleich um Kopf und Kragen«, lachte Jasmin mit erhobenem Zeigefinger.

Siebels’ Gesicht nahm schon eine rötliche Farbe an, als Till endlich auf der Bildfläche erschien. »Da bist du ja endlich«, stammelte er.

»Guten Morgen, oh gibt es schon wieder frischen Kaffee?«

»Nix da«, wimmelte Jasmin ihn ab. »Geht jetzt mal in euer Büro, ich habe zu tun.«

Siebels schüttelte nur den Kopf, schnappte sich seine Jacke und machte sich mit der Kaffeetasse in der anderen Hand auf den Weg nach nebenan. Till folgte ihm. Kaum hatte Siebels die Tür geöffnet, wurden er und Till mit einem warmen Applaus in Empfang genommen. Eine ganze Reihe der alten, ihnen noch gut bekannten Kollegen, hatte sich dort versammelt. In vorderster Front stand Charly, der auch gleich zu einer Rede ansetzte.

»Wir heißen die besten Kommissare und liebenswertesten Kollegen der letzten hundert Jahre herzlich willkommen, zurück im Dienst bei der Frankfurter Mordkommission. Ein Hoch auf Siebels und Till.«

Siebels stand mit offenem Mund vor seinen Kollegen, die wieder applaudierten. Till stellte sich neben Siebels und legte seinen Arm um dessen Schultern. »Sie haben uns ja doch nicht vergessen«, freute er sich.

Hinter ihnen kam Jasmin mit einem großen Strauß Blumen herein. »So, Jungs, den stelle ich mal auf den Tisch, dann sieht das nicht mehr ganz so trostlos bei euch aus.«

Siebels musste lachen, als er verstand, warum Jasmin ihn von seinem Büro fernhalten wollte, bevor Till eingetroffen war. Dann umarmte er seinen alten Weggefährten Charly Hofmeier. Till tat das Gleiche mit seinem alten Spezi Kulmbacher. Schließlich begrüßten und herzten sie all die anderen Kollegen und Kolleginnen.

»Tja, wenn ich das geahnt hätte, hätte ich Mettbrötchen mitgebracht«, seufzte Siebels.

Charly deutete auf ein ausgebreitetes gelbes Tuch auf dem Besprechungstisch, auf dem nun auch ein bunter Strauß Blumen stand. »Schau doch mal, was da wohl Leckeres drunter ist«, flachste er.

Siebels lüftete das Tuch und zum Vorschein kamen die beliebten Mettbrötchen. »Jetzt fühle ich mich endlich wieder wie zuhause«, zeigte Siebels sich erfreut.

Jasmin kam mit einem kleinen Geschirrwagen herein, auf dem drei große Kannen und ausreichend Tassen standen. »Also gut, Till, heute bekommst du ausnahmsweise auch noch mal einen Kaffee von mir.«

Nachdem alle Kollegen mit Mettbrötchen und Kaffeetasse ausgestattet waren, ergriff Charly wieder das Wort. »Dass ihr zwei morgens ohne einen guten Kaffee nicht arbeitsfähig seid, weiß man ja hier im Präsidium. Darum haben wir ein bisschen gesammelt, um euch die Rückkehr zur alten Arbeitsstätte etwas angenehmer zu gestalten. Lieber Siebels, lieber Till, da drüben steht ein Willkommensgeschenk der Frankfurter Polizei.« Charly zeigte auf ein Sideboard, auf dem wiederum unter einem Tuch verhüllt die nächste Überraschung wartete. Siebels ließ nun Till den Vortritt, der das Geschenk enthüllte. Zum Vorschein kam ein Kaffeevollautomat.

»Ist das geil«, gab Till seiner Freude lautstark Ausdruck. »Und ihr seid die geilsten Kollegen, die ich je hatte.«

»Ich glaube, ich habe euch ziemlich vermisst, während meiner Zeit als einsamer Privatdetektiv«, legte Siebels nach. »Ich bin echt froh, jetzt wieder mit euch zusammenarbeiten zu dürfen.«

In der nächsten halben Stunde wurde noch allerhand getratscht, dann verabschiedeten die Kollegen sich nach und nach. Zurück blieb Charly, einer der IT-Spezialisten des Präsidiums. Ohne dessen Unterstützung hätten Siebels und Till damals einige ihrer Fälle nicht so schnell aufklären können.

Siebels gesellte sich wieder zu seinem alten Kumpel. »Mensch, Charly, das war ein schöner Empfang. Danke dafür.«

»Bedankt euch bei Jasmin. Die hat das organisiert. Ich habe ihr nur ein paar Tipps gegeben, wo sie beim Sammeln überall vorstellig werden könnte.«

»Unsere Assistentin wird mir immer sympathischer«, stellte Till fest.

»Als sie mich vorhin davon abhalten wollte, allein ins Büro zu gehen, dachte ich schon, sie wäre ein bisschen durchgeknallt«, lachte Siebels. »Und du, Charly, wie läuft es bei dir?«

»Ich kann mich nicht beklagen. Aber ohne euch war es manchmal schon langweilig.«

»Na, dann ändern wir das doch wieder. Wir müssen an die E-Mails und Daten von Handy, Laptop und PC unseres Mordopfers kommen.« Siebels zeigte Charly das Foto. »Wäre schön, wenn wir dadurch einen Hinweis auf die Identität dieser jungen Frau bekommen würden.«

Charly pfiff durch die Zähne. »Wow, steiler Feger. Ich schaue mir seine Gerätschaften nachher mal an.«

»Jasmin lässt dir die Sachen ins Büro bringen.«

»Fein. So, dann will ich euch nicht länger bei euren Ermittlungen stören. Wir sehen uns, bis bald.«

*

Die Kanzlei Lang und Partner befand sich in der Bockenheimer Landstraße, in der Nähe der Alten Oper. In dem Altbau nahm die Kanzlei die Räumlichkeiten im Erdgeschoss sowie in der ersten Etage in Beschlag. Von außen wies nur ein unscheinbares Schild an der Hauswand auf die Büros von Lang und Partner hin. Im Eingangsbereich wurden Siebels und Till von einer Empfangsdame in einem teuren Designerkleid hinter einem Tresen mit einem breit aufgesetzten Lächeln in Empfang genommen. Siebels schätzte sie auf Ende zwanzig. Simultan legten Siebels und Till ihre neuen Dienstausweise vor der Dame auf dem Tresen ab.

»Wir möchten zu Herrn Lang«, sagte Siebels und sah dabei in ein perfekt geschminktes Augenpaar.

»Kriminalpolizei«, entfuhr es der Dame ehrfürchtig. »Darf ich fragen, worum es geht?«

»Das sagen wir Herrn Lang lieber persönlich.«

»Natürlich. Einen Moment bitte.« Die Frau griff zum Telefon, dunkelrot lackierte Fingernägel tippten graziös eine Durchwahl ein. Sie informierte ihren Chef über den eingetroffenen Besuch, lauschte einen Moment in die Hörmuschel und setzte dann wieder ihr breites Lächeln auf, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. »Herr Lang holt sie in fünf Minuten ab. Setzen Sie sich doch bitte so lange.« Sie deutete auf eine kleine Sitzbank aus beigem Leder.

Siebels und Till saßen dort eine Viertelstunde, bis Tobias Lang erschien, um sie abzuholen. Er war Anfang fünfzig, trug das graumelierte Haar kurzgeschnitten und beeindruckte mit einer kräftigen Statur. Er war knapp 1,90 m groß und mit einem maßgeschneiderten dunkelgrauen Anzug bekleidet. »Sie sind wegen Martin hier«, sagte er mit einem wissenden Nicken. »Schreckliche Sache. Herr Brenner hat mich gestern ins Bild gesetzt. Kommen Sie, gehen wir in mein Büro.«

Siebels und Till folgten Tobias Lang über eine Treppe in die erste Etage, wo mehrere verschlossene Türen zu Einzelbüros führten. Tobias Lang ging schnellen Schrittes zu den zwei hintersten Türen auf der Etage. Dort lag sein Büro. Es war äußerst geräumig und vom Gang aus durch beide Eingänge betretbar. Neben einem mächtigen Schreibtisch stand ein Besprechungstisch mit vier Stühlen. Im hinteren Teil des Büros befand sich ein weiterer Arbeitsplatz, der aber unbesetzt war.

Tobias Lang bot seinen Besuchern zwei Stühle an seinem Besprechungstisch an. »Martin war meine rechte Hand. Ich kann es immer noch nicht fassen. Nils Brenner war gestern ziemlich durcheinander, als er mich angerufen hat. Er hat die Leiche von Martin gefunden, sagte er mir. Ich habe ihm für heute freigegeben. Was ist da denn genau passiert?«

»Das versuchen wir herauszufinden. Herr Schlosser wurde vorgestern Abend zwischen 22:00 und 23:00 in seinem Haus niedergeschlagen und erlag seinen schweren Kopfverletzungen.«

»War es ein Einbrecher?«

»Das können wir ausschließen. Er muss den oder die Täter ins Haus gelassen haben.«

»Also jemanden, den er kannte? Mit seiner Ex-Frau lag er ja schon seit Jahren im Clinch«, hegte Tobias Lang auch gleich einen Verdacht.

»Kennen Sie seine Frau?«

»Nicht wirklich. Es gab Gelegenheiten, bei denen wir zusammengetroffen sind. Bei einer Weihnachtsfeier oder ähnlichen Anlässen. Ein widerliches Weib, wenn Sie mich fragen. Sie hat Martin das Leben zur Hölle gemacht.«

»Ich habe mich schon mit ihr unterhalten«, sagte Till. »Sie warf ihrem Mann vor, außereheliche Affären gehabt zu haben. Halten Sie das für möglich?«

Tobias Lang zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Keine Ahnung, sein Liebesleben interessierte mich nicht. Aber wundern würde es mich nicht, bei der Giftschlange, mit der er verheiratet war.«

Siebels legte nun das Foto vor Tobias Lang auf den Tisch. »Das wurde bei Martin Schlossers Leiche gefunden. Kennen Sie diese Frau?«

Lang nahm das Foto zur Hand und betrachtete es eingehend, bevor er es Siebels wieder zurückgab. »Die Kleine hat Klasse«, kommentierte er das Bild. »Hat Martin anscheinend doch noch was Passendes gefunden. Und damit jemanden ziemlich eifersüchtig gemacht, würde ich vermuten.«

»Finden Sie nicht, dass sie ein bisschen zu jung für Herrn Schlosser gewesen ist?« Siebels steckte das Bild wieder ein.

»Vielleicht machte das ja gerade den Reiz aus, für Martin und für sie. Jedenfalls handelt es sich um eine erwachsene Frau. Also was solls? Ich hätte es ihm gegönnt, nach allem, was er mit seiner Ex durchgemacht hat.«

»Sie kennen die Frau also nicht?«

»Nein, Martin hat sie mir leider nicht vorgestellt.«

»Gut. Herr Schlosser war hier in der Kanzlei also Ihre rechte Hand. Heißt das, dass er in der Hierarchie gleich hinter Ihnen stand?«

»Im Prinzip ist das richtig. Martin hatte schon seit zehn Jahren Partnerstatus. Es gibt noch einen zweiten Partner, Jürgen Hellmann. Den habe ich aber erst vor ungefähr zwei Jahren dazu geholt. Vorher war er als einfacher Anwalt hier beschäftigt. Die beiden waren gleichberechtigt, im Zweifel hatte Martins Wort aber höheres Gewicht. Jedenfalls in meinen Ohren.«

»Gab es denn Differenzen zwischen Herrn Hellmann und Herrn Schlosser? Oder zwischen Ihnen und Herrn Schlosser?«

»Wir sind eine äußerst erfolgreiche Kanzlei mit namhaften Mandanten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir als Team zusammenarbeiten. Differenzen gibt es natürlich immer, aber die werden hier unter Männern ausdiskutiert und dann ist Ruhe.«

Siebels ließ sich nicht anmerken, dass er da von Nils Brenner ganz andere Informationen bekommen hatte. Um dem nachzugehen, kam er nun auf diesen zu sprechen. »Herr Schlosser und Herr Brenner sollten gestern ja gemeinsam zu einem Seminar nach Stuttgart fahren. Arbeiteten die beiden auch sonst eng zusammen? So, wie ich Herrn Brenner verstanden habe, nimmt er in der Kanzlei ja auch eine verantwortungsvolle Position ein.«

»Hat er das gesagt?«

»Nicht direkt. Aber ich dachte, dass aus seinen Worten herausgehört zu haben.« Siebels hatte aus Brenners Worten diesbezüglich zwar gar nichts herausgehört, aber er wollte jetzt herausfinden, wie das Arbeitsklima in dieser Kanzlei war.

Tobias Lang nickte unmerklich. »In einigen Wochen tritt die Geldwäschegesetzmeldepflichtverordnung Immobilien in Kraft. Das gehört unter anderem zum Aufgabenbereich von Nils Brenner. Zu diesem Thema sollte er das Seminar gestern besuchen. Ich wollte aber, dass Martin sich auch auf den neuesten Stand bringt. Weil ich von Brenners Fähigkeiten nicht mehr wirklich überzeugt bin. Als ich ihn eingestellt habe, dachte ich, einen hungrigen und erfolgsgierigen Anwalt an Land gezogen zu haben. Leider hat sich das nicht bewahrheitet. Spätestens seitdem er Vater geworden ist, hat sein beruflicher Elan sehr zu wünschen übriggelassen. Lange wird er hier nicht mehr tätig sein.«

»War das auch die Meinung von Herrn Schlosser? Und von Herrn Hellmann?«, hakte Siebels nach.

»Ja, da waren wir uns einig. Brenner hat das aber noch nicht kapiert. Der hält sich für einen tollen Anwalt und hegt sogar Ambitionen, hier noch als Partner einzusteigen. Das zeugt von einem völlig verzerrten Bild der Realität.«

Till hatte sich bisher noch gar nicht geäußert. Er hatte Tobias Lang aber sorgfältig beobachtet und war zu dem Entschluss gekommen, dass der tatsächlich das Alphatier darstellte, von dem Nils Brenner gesprochen hatte. »Auf Herrn Brenner würden Sie als Mitarbeiter also gern verzichten«, brachte Till sich nun ein. »Jetzt müssen Sie aber auf die Dienste von Herrn Schlosser verzichten. Ändert das etwas an Ihren Plänen bezüglich der Zukunft von Herrn Brenner in der Kanzlei?«

Tobias Lang sah Till unverblümt lange direkt in die Augen, bevor er darauf einging. »Was wollen Sie damit sagen? Dass Nils Brenner Martin umgebracht hat, um seine Stellung hier zu festigen? Oder gar, um dessen Position als Partner zu übernehmen?«

»Ich wollte damit gar nichts sagen«, stellte Till klar. »Ich habe Ihnen nur eine Frage gestellt.«

»Aber die Frage war gar nicht so dumm. Auf den Gedanken bin ich überhaupt noch nicht gekommen. Dem Brenner würde ich das zutrauen. Nicht, weil er bösartig ist, sondern weil er ein Verlierertyp ist, sich das aber nicht eingestehen will. Vielleicht hat Martin ihm das zu verstehen gegeben und es kam zum Streit, der schließlich ausgeartet ist. Was weiß ich.«

»Haben Sie Familie?«, erkundigte sich Till.

»Eine Frau und zwei Kinder. Aber wir leben getrennt. Warum fragen Sie?«

»Weil das Familienleben Ihrer Mitarbeiter Ihnen scheinbar gegen den Strich geht. Die Vereinbarkeit von Job und Familie wird heutzutage ja eher propagiert«, kritisierte Till die Ausführungen von Tobias Lang.

»Die Entscheidung, wo und wie jemand sein Arbeitsleben gestalten will, bleibt ja jedem selbst überlassen. Wer hier in verantwortungsvoller Position tätig sein und ein entsprechendes Gehalt einstreichen will, muss auch Leistung bringen. Und jetzt muss ich unser Gespräch auch wieder beenden. Ich habe noch einen wichtigen Termin.«

»Wir sind so weit auch fertig«, sagte Siebels und erhob sich. »Wir würden uns aber gerne noch kurz mit Herrn Hellmann unterhalten.«

»Das geht jetzt nicht. Der ist außer Haus bei einem Mandantengespräch.«

»Gut, dann verschieben wir das zunächst.«

6

80 Tage zuvor

Christian rieb sich den Schlaf aus den Augen. Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, dass er in Lenas Bett lag. Er war wachgerüttelt worden. Es war 3:00 Uhr in der Nacht. Lena saß neben dem Bett auf einem Stuhl. Das Licht im Zimmer war angeschaltet, was ihm noch mehr Mühe bereitete, die Augen zu öffnen. Lena hatte ihn mit ausgestrecktem Arm an der Schulter gerüttelt. Solange, bis er endlich aus dem Schlaf erwachte. Sie trug eine Brille, die er noch nicht an ihr gesehen hatte. Eine dicke Hornbrille. Ihr Blick durch die Gläser wirkte ernst und streng. Sie war vollständig bekleidet, mit einer bis zum Hals zugeknöpften Bluse und einer altmodischen Bundfaltenhose.

»Wir müssen uns unterhalten«, sagte sie, als sie sicher war, endlich Christians volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben.

»Jetzt? Es ist drei Uhr nachts.«

»Das ist egal. Es ist wichtig.«

»Na gut, wenn es sein muss«, seufzte Christian und war gespannt, was sie auf dem Herzen hatte. Er setzte sich aufrecht ins Bett und sah Lena verschlafen und verwundert zugleich an. Sie saß mit gestrecktem Rücken und übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Stuhl und hatte einen Notizblock und einen Stift in der Hand. »Worum geht es denn?«

»Um uns. Liebst du mich?« Sie stellte diese Frage völlig emotionslos, was Christian endgültig aus dem Konzept brachte. Er schaute sie einfach nur an. Und Lena sah ihn an, ungeduldig auf seine Antwort wartend.

»Ich glaube schon«, stammelte Christian.

»Du glaubst es nur?« Lena notierte sich etwas auf ihrem Block.

»Was schreibst du denn da auf?«

»Na, dass du dir nicht sicher bist. Wie viele Freundinnen hattest du denn schon bisher?«

Christian schüttelte leicht genervt den Kopf. »Ist das jetzt dein Ernst?«

Lena sah ihn wieder mit diesem strengen Blick an. Ihre Mundwinkel waren leicht nach unten gezogen. Christian war sich sicher, dass er sie bisher fast nur mit einem Lächeln auf den Lippen gesehen hatte. Abgesehen von diesem Morgen danach.

»Natürlich ist das mein Ernst. Weißt du es etwa nicht mehr? Waren es schon so viele?«

»Nein, ich hatte bisher zwei Freundinnen.«

Lena notierte sich das und stellte gleich die nächste Frage. »Wie lange dauerten diese beiden Beziehungen?«

»Das ist mir jetzt zu blöd«, murrte Christian und wollte aufstehen.

»Ist es dir unangenehm, über dich zu sprechen?«

»Ich mag es nicht, mitten in der Nacht verhört zu werden«, drückte Christian seinen Unmut lauter als gewollt aus.

»Es geht aber nicht anders«, erwiderte Lena unbeeindruckt. »Also, wie lange ging das mit deinen Freundinnen?«

»Mit Katja war ich ein halbes Jahr zusammen. Sie ist dann zum Studieren nach München gezogen. Davor war ich zwei Jahre lang mit Jana befreundet.«

Lena notierte sich das wieder und fuhr mit ihrer Befragung unbeirrt fort. Christian wurde neugierig, wie das weitergehen würde, und blieb auf dem Bett sitzen. Er lernte gerade eine ganz neue Lena kennen.

»Bist du mit Katja auch gleich am ersten Abend ins Bett gegangen?«

»Nein, das hat länger gedauert. Bestimmt drei Wochen oder so.«

»Und mit Jana?«

»Mit Jana ging es schneller, nach zwei oder drei Tagen.«

»Bist du fremdgegangen, während dieser Beziehungen?«

»Nein, bin ich nicht. Beruhigt dich das jetzt?«

Lena notierte sich wieder seine Antworten, ignorierte seine Frage aber. »Möchtest du später einmal heiraten und Kinder bekommen?«

Bei diesem Thema wurde es Christian nun doch wieder mulmig zumute. »Du nimmst doch die Pille, oder?«

Lena ignorierte seine Frage erneut, schaute ihn aber abwartend an und klopfte ungeduldig mit dem Stift auf ihren Block.

»Ich weiß es noch nicht. Darüber mache ich mir nach dem Studium Gedanken«, murmelte Christian vor sich hin und gab es auf, ihr Gegenfragen zu stellen.

»Du schließt es aber nicht aus?«, bohrte Lena nach.

»Natürlich nicht.«

Nachdem Lena das scheinbar wohlwollend notiert hatte, taxierte sie Christian und stellte ihm ihre nächste Frage. »Wie würdest du reagieren, wenn ich fremdgehen würde?«

Christian sah sie zunächst verblüfft an. War es das, worauf sie hinauswollte? Ging es ihr gar nicht um seine Treue, sondern um ihre Untreue? Wollte sie ihn jetzt damit konfrontieren, damit erst gar keine Missverständnisse zwischen ihnen auftraten? »Würdest du es mir denn erzählen, wenn du fremdgehen würdest?«, versuchte er es doch noch einmal mit einer Gegenfrage.

Lena überlegte kurz. »Nein, wahrscheinlich nicht«, gab sie ihm zur Antwort. »Aber wenn du es trotzdem herausfinden würdest, wie würdest du reagieren?«

»Ich wäre enttäuscht und würde die Beziehung wahrscheinlich beenden.«

Lena setzte zwar den Stift an, notierte aber noch nichts. »Und wenn du mich trotzdem noch lieben würdest und ich dich auch?«

»Warum solltest du dann fremdgehen?«

Lena schien über diese Frage angestrengt nachdenken zu müssen. »Vielleicht, weil ich nicht Nein sagen kann, wenn ein Mann mich begehrt. Oder weil ich es für meine Selbstbestätigung brauche.«

Christian konnte kaum glauben, was sie da von sich gab. In ihm reifte der Entschluss, diese Geschichte besser wieder zu beenden. Auf der anderen Seite war er von Lena fasziniert. So eine Frau hatte er zuvor noch nie getroffen.

»Was ist nun?«, hakte Lena nach. »Könntest du damit leben?«

»Vielleicht.« Christian beschloss, sich zunächst noch alle Optionen offen zu halten.

Lena nahm das mit einer gewissen Erleichterung auf, schrieb wieder etwas in ihren Block und sah Christian nachdenklich an. »Du musst deine Liebste immer gut beschützen, ganz egal, was auch passiert.«

Dann stand sie auf, stellte den Stuhl zurück vor den kleinen Schreibtisch und knipste das Licht aus. »Du kannst jetzt weiterschlafen, gute Nacht.«

Christian war mittlerweile hellwach und konnte natürlich nicht mehr einschlafen. Im Zimmer war es stockdunkel, er konnte Lena nur noch schemenhaft erkennen. Sie verschwand im Bad und blieb dort eine Weile. Christian schloss die Augen und versuchte, wieder einzuschlafen. Vielleicht war das Ganze sowieso nur ein blöder Traum und er gar nicht wach gewesen. Aber dann vernahm er aus dem Bad leise Geräusche, die er nicht zuordnen konnte. Kurz darauf kam Lena aus dem Bad geschlichen. Sie legte sich wortlos zurück zu ihm ins Bett. Sie war wieder nackt und schmiegte sich leise seufzend an ihn. So, wie sie es getan hatte, als sie zusammen eingeschlafen waren. So, als hätte es das merkwürdige Verhör von eben gar nicht gegeben.

*

»Was hältst du von Tobias Lang?«, wollte Siebels wissen, als er mit Till wieder im Auto saß.

»Er ist ein arrogantes Arschloch«, fasste Till sich kurz.

»Ja, mag sein. Aber seine Erläuterungen passen so gar nicht zu denen von Nils Brenner. Irgendwas stimmt da doch nicht. Dass er uns so mir nichts dir nichts einen seiner Angestellten als mutmaßlichen Täter schmackhaft machen will, irritiert mich ehrlich gesagt etwas.«

»Das Betriebsklima in der Kanzlei scheint jedenfalls nicht das Beste zu sein. Seine Trauer um Martin Schlosser hielt sich auf jeden Fall in Grenzen. Aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Der Mord an Schlosser hängt mit seinem Privatleben zusammen. Die Frau auf dem Foto ist der Schlüssel. Die müssen wir finden. Das Ganze sieht doch nach einem Eifersuchtsdrama aus und nicht nach mörderischen Intrigen von karrieregeilen Anwälten.«

»Du favorisierst als Täterin also die Ex des Opfers, Eva Schlosser?«

»Das erscheint mir momentan jedenfalls die naheliegendste Vermutung zu sein.«

»Warum sollte sie dieses Foto auf ihrem toten Exmann platzieren? Um den Verdacht gleich auf sich selbst zu lenken? Macht keinen Sinn, oder?«

»Frauen mit verletzten Gefühlen handeln nicht unbedingt rational«, klärte Till seinen Kollegen auf.

»Sagt der Frauenversteher«, seufzte Siebels. Er fuhr zum Riedberg, zum Wohnort von Martin Schlosser. »Vielleicht sind wir schlauer, wenn wir den vermeintlichen Liebhaber von ihr aufgespürt haben?«

Sie kannten weder seinen Namen noch seine genaue Adresse. Nur die vage Beschreibung von Marlene Brenner. Der junge Mann müsste mittlerweile Mitte zwanzig sein. Ein schlanker Kerl mit schwarz gelockten Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen.

Sie erreichten ihr Ziel. Siebels stellte den Wagen vor dem Haus von Martin Schlosser ab. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen Mehrfamilienhäuser im Schuhkartonformat. Auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen.

»Und wie finden wir den Kerl jetzt?«, seufzte Siebels resigniert.

»Wir klingeln uns von Haus zu Haus und erkundigen uns nach ihm«, schlug Till vor.

Siebels wiederholte noch mal die Beschreibung des jungen Mannes, die er gerade von Till bekommen hatte.

»Exakt. So viele von der Sorte werden hier ja nicht wohnen. Fangen wir in der Mitte der Häuserreihe an, ich arbeite mich links runter und du orientierst dich nach rechts.«

»Klingt nach einem guten Plan«, erwiderte Siebels mit wenig Enthusiasmus.

Siebels’ Laune wurde gleich besser, als er schon beim ersten Anlauf einen älteren Herrn antraf, der sich sicher war, dass es sich bei dem gesuchten jungen Mann nur um Julius Schneider handeln könne. Der wohne zwei Häuser weiter und weil er keiner geregelten Arbeit nachginge, sei er dort jetzt bestimmt auch anzutreffen. Die Eltern von Julius wären hingegen eher selten zuhause. Die hielten sich nämlich beruflich oft im Ausland auf. Der Vater in Indien, China oder auf den Philippinen, die Mutter in England, Irland oder Schottland. Der gesprächige Nachbar verstand auch gar nicht, warum man da überhaupt verheiratet sein müsse und noch viel weniger, wozu sie hier ein Haus benötigten.

Julius Schneider war tatsächlich zuhause und sein Äußeres entsprach recht genau der Beschreibung von Marlene Brenner. Siebels und Till zogen synchron ihre Dienstausweise hervor.

»Sie kommen bestimmt wegen der Sache mit Herrn Schlosser, oder?« Julius Schneider machte einen sympathischen und unbekümmerten Eindruck.

»Ganz recht«, bestätigte Siebels seine Vermutung. »Wir haben ein paar Fragen an Sie, dürfen wir reinkommen?«

»Klar. Ich wurde aber schon befragt und konnte keine Auskünfte geben. Das hat sich nicht geändert.«

»Gestern haben die Kollegen eine reine Routinebefragung in der Nachbarschaft durchgeführt«, sagte Siebels, während sie dem jungen Mann in ein geräumiges Wohnzimmer folgten. Dort lief auf einem riesigen Flachbildschirm ein Musiksender. »Wir sind von der Mordkommission und befragen die Leute noch einmal etwas spezifischer.«

Julius schaltete die Kiste aus und bot seinen Besuchern Platz auf den Sesseln an. »Spezifischer?«

»Mit größerer ermittlungstechnischer Relevanz«, erläuterte Till. »Wir gehen bei unseren Befragungen mehr in die Tiefe.«

»Klingt ja spannend.« Julius setzte sich auf das Sofa.

Da Till seinem Instinkt folgend Marlene Brenner befragt und von ihr den Tipp mit Julius bekommen hatte, sollte er auch dessen Befragung übernehmen, hatte Siebels zuvor vorgeschlagen.

»Sie konnten bei unseren Kollegen gestern also keine hilfreiche Aussage machen«, fasste Till den bisherigen Stand kurz zusammen.

»Stimmt. Ich habe nichts gesehen und nichts gehört und erst etwas davon mitbekommen, als die Polizistin hier geklingelt und mich befragt hat.«

»Wie gut kannten Sie Herrn Schlosser?«

»Nicht sehr gut. Eigentlich nur vom Sehen. Und das auch nur alle paar Wochen mal.«

»Und seinen Sohn Christian? Der ist ja ungefähr in Ihrem Alter.«

»Wir haben früher im gleichen Verein Fußball gespielt. Gut befreundet waren wir aber nicht. Er war kein guter Spieler und wir lagen nicht auf einer Wellenlänge.«

»Sind Sie ein guter Spieler?«

»Ziemlich gut, ja. Aber nicht ehrgeizig genug, um daraus Kapital zu schlagen. War das jetzt eine Frage von ermittlungstechnischer Relevanz?« Julius lächelte vergnügt.

»Wer weiß. Ihre Eltern sind oft im Ausland unterwegs, hat uns einer Ihrer Nachbarn verraten.«

»Stimmt. Mein Vater ist als Ingenieur viel in Asien unterwegs. Meine Mutter arbeitet im Vertrieb für eine Kosmetikfirma und reist oft in den angelsächsischen Raum.«

»Und was machen Sie beruflich?«

»Ich passe auf das Haus auf«, sagte Julius schulterzuckend nach kurzer Überlegung.

Siebels und Till warfen sich einen vielsagenden Blick zu. »Das ist alles?« Till beschlich das Gefühl, dass der junge Mann etwas zu verbergen hatte.

»Das ist momentan meine Hauptbeschäftigung. Nebenbei jobbe ich noch ein wenig herum und überlege, was ich studieren könnte. Mein Jura-Studium habe ich nach dem zweiten Semester aufgegeben, danach habe ich es mit BWL probiert. Das habe ich schon nach dem ersten Semester wieder geschmissen. Momentan tendiere ich dazu, Mathematik auf Lehramt zu studieren.«

»Ist ja auch nicht immer so einfach, den richtigen Weg für sich zu finden«, bemerkte Siebels.

»Wussten Sie schon immer, dass Sie Polizist werden wollen?«

Siebels nickte. »Ja, das war mir schon früh klar und ich wüsste bis heute nicht, was ich sonst hätte tun können.«

»Vielleicht wäre das ja auch was für mich?«, überlegte Julius.

»Jetzt dürfen Sie aber erst mal als Zeuge brillieren«, sagte Siebels und übergab den Stab wieder an Till.

»Was für Jobs machen Sie denn, wenn Sie nicht gerade auf das Haus aufpassen?«

»Dieses und jenes. Ich gebe Nachhilfeunterricht, mache manchmal für ein paar Tage oder Wochen Büroarbeiten in der Firma meines Vaters und programmiere und gestalte Webseiten. Das kommt aber nicht allzu häufig vor, mein Kundenkreis ist da überschaubar.«

»Nach unseren Erkenntnissen verdienen Sie sich auch durch kleinere Gartenarbeiten in der Nachbarschaft noch etwas hinzu. Ist das richtig?«

»Stimmt. Aber das ist noch überschaubarer. Der alten Frau Müller mähe ich im Sommer den Rasen. Ich nehme an, sie hat Ihnen das erzählt?«

Till bemerkte, dass Julius es jetzt zu gerne bei dieser Frau Müller belassen würde. Aber den Gefallen würde er ihm natürlich nicht tun. Er schüttelte den Kopf. »Nein, mit einer Frau Müller haben wir uns nicht unterhalten.«

Julius wirkte jetzt nachdenklich und leicht abwesend. »Das ist im Viertel ja bekannt, dass ich Frau Müller da immer mal zur Hand gehe. Aber was spielt das auch für eine Rolle?«

»Haben Sie auch bei Familie Schlosser schon ausgeholfen?«, kam Till nun auf den Punkt.

»Stimmt. Das ist aber bestimmt schon ein oder zwei Jahre her. Da habe ich eine Hecke zurückgeschnitten. Mit Herrn Schlosser hatte ich damals aber gar keinen Kontakt. Und selbst wenn, was wollen Sie jetzt eigentlich von mir?«

»Frau Schlosser hatte Sie also für diese Arbeit engagiert?«

Dass Julius sich immer weniger wohl in seiner Haut fühlte, konnte er nicht verbergen. »Ja. Ist das ein Problem?«

»Können Sie sich schon denken, worauf ich hinauswill?«, fragte Till süffisant.

»Sollte ich mir besser einen Anwalt nehmen?« Die Selbstsicherheit, die Julius zuvor ausgestrahlt hatte, war nun wie weggeblasen.

»Das bleibt Ihnen überlassen. Aber ich wüsste nicht, warum das nötig sein sollte. Wir interessieren uns allerdings weniger für Ihre Tätigkeiten als Aushilfsgärtner, sondern eher dafür, in welcher Beziehung Sie zu Frau Schlosser standen.«

Julius ließ sich einen Moment Zeit, bevor er darauf einging. »Okay, wir hatten mal was miteinander. Das ging aber nicht lange und danach hatten wir kaum noch Kontakt. Hat ja dann auch nicht mehr lange gedauert, bis sie ihren Mann verlassen hat und von hier weggezogen ist. Woher wissen Sie denn davon?«

»Spezifisch relevante Ermittlungsmethoden«, grinste Till. »Was hatten Sie damals denn für einen Eindruck von ihr? Erzählen Sie doch mal.«

»Glauben Sie, dass sie ihren Mann umgebracht hat?«

»Wir glauben gar nichts. Wir wollen uns nur ein Bild machen. Also seien Sie doch so nett und helfen uns ein bisschen weiter.«

»Sie hat mich auf der Straße vorm Haus angesprochen«, fing Julius widerwillig an zu berichten. »Ob ich mir nicht ein bisschen was dazuverdienen wolle, wegen der Hecke im Garten. Ich war einverstanden und kam zwei Tage später zu ihr. Es war ein warmer Tag. Sie zeigte mir die Hecke. Eine Heckenschere hatte sie auch schon zurechtgelegt. Zwei Stunden habe ich daran rumgeschnippelt. Als ich fertig war, kam sie mit einer Kanne Eistee. Wir haben uns auf die Terrasse gesetzt und uns unterhalten. Dabei hat sie angefangen, mich anzumachen. Das hat mir gefallen. Ich habe mich darauf eingelassen. Sie war ja auch ansehnlich. Lange Rede, kurzer Sinn. Da ich vom Heckeschneiden ziemlich verschwitzt war, hat sie mich unter die Dusche geschickt und ist gleich mitgekommen, um mich einzuseifen.«

»Na, das war doch schon mal sehr hilfreich für den Anfang«, zeigte Till sich zufrieden.

»Für den Anfang? Viel mehr gibt es da nicht mehr zu erzählen.«

Till vollzog zunächst eine Kehrtwende und zeigte Julius das Foto von der unbekannten nackten Frau auf der Couch im Hause Schlosser. »Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?«

Julius nahm das Foto und betrachtete es sich eingehend. »Das ist drüben bei den Schlossers aufgenommen.«

»Richtig. Kennen Sie die Frau?«

»Ich glaube, ich habe sie schon mal gesehen.«

Till warf einen Blick zu Siebels. Der zeigte unmerklich den erhobenen Daumen.

»Und wo glauben Sie, sie schon mal gesehen zu haben?«

»Könnte sein, dass ich sie mit Christian gesehen habe. Nach dem Training auf dem Fußballplatz. Oder in der Vereinskneipe. Ich bin mir nicht ganz sicher.«

Siebels dachte an Christian Schlosser, dem anscheinend doch mehr das Foto als die Nachricht vom Tod seines Vaters auf den Magen geschlagen war.

»War es die Freundin von Christian?«

Julius nickte. »Ich habe die beiden nur zusammen gesehen, nicht mit ihnen gesprochen. Aber ich denke schon, die haben einen ziemlich verliebten Eindruck gemacht.«

»Das hilft uns schon mal sehr viel weiter. Wissen Sie auch, wie sie heißt?«

Julius schüttelte den Kopf. »Nee, keine Ahnung.«

»Gibt es jemanden aus dem Verein, der mit Christian gut befreundet ist und ihren Namen wissen könnte?«

»Max. Max Krause. Die beiden hingen oft zusammen rum. Aber Christian weiß es bestimmt auch.« Im letzten Satz war der ironische Unterton nicht zu überhören.

»Davon ist auszugehen«, bestätigte Till. »Kommen wir noch mal auf Ihre kleine Affäre mit Ihrer ehemaligen Nachbarin zurück. Wie lange ging das denn?«

»Werden meine Eltern davon erfahren?«, wollte Julius erst mal wissen, bevor er den Polizisten weitere Einzelheiten aus seinem Liebesleben verriet.

»Von uns nicht. Jedenfalls nicht, solange wir Sie nur als Zeugen befragen.«

»Und was soll das jetzt heißen?«

»Soll heißen, dass Sie nichts zu befürchten haben, wenn Sie nicht vorletzte Nacht rüber zu Herrn Schlosser gegangen sind und ihm eins über den Schädel gehauen haben.«

»Habe ich nicht. Warum denn auch?«

»Also, wie lange ging das Techtelmechtel zwischen Ihnen und Ihrer Nachbarin?«

»Weiß nicht, zwei oder drei Monate. Aber wir haben uns nicht regelmäßig getroffen, Vielleicht alle zwei Wochen mal.«

»Hat sie dabei ihren Mann erwähnt? Oder ihre Ehe? Hat sie Ihnen gesagt, warum sie eine Affäre mit Ihnen angefangen hat?«

»Einmal hat sie darüber gesprochen. Sie war ziemlich sauer auf ihren Alten. Der würde ständig mit jungen Dingern rumvögeln und sie nur noch als billige Putzhilfe betrachten. Mir war das eigentlich egal. Ich hatte meinen Spaß und sie auch.«

»Warum hat Ihre Affäre dann nur zwei oder drei Monate angehalten? Ist doch praktisch, wenn man gegenüber wohnt und genug Tagesfreizeit hat.«

»Stimmt, das war wirklich praktisch. Damit niemand Verdacht schöpft, habe ich jedes Mal ein paar Dinge im Garten erledigt, bevor wir in die Kiste gesprungen sind. Ich weiß gar nicht genau, warum es aufgehört hat. Sie hat sich einfach nicht mehr gemeldet. Wenn ich kommen sollte, hatte sie mir immer eine Nachricht auf das Handy geschickt. Die blieben irgendwann einfach aus.«

»Und Sie haben nicht mal nachgefragt, warum sie sich nicht mehr meldet?«

»Nö. Na ja, als schon eine Zeitlang Funkstille herrschte, habe ich zufällig einen Kerl gesehen, der drüben ins Haus gegangen ist. Mittags. Ich bin also davon ausgegangen, dass sie einen anderen hatte. Oder schon zweigleisig gefahren ist, als wir uns noch getroffen haben. Das war mir zu blöd, also habe ich es dabei belassen.«

»Den anderen Kerl haben Sie aber noch nie zuvor gesehen? Oder wissen Sie, wer das war?«

»Nein, den kannte ich nicht. Der dürfte aber auch in meinem Alter gewesen sein. Bin mir aber nicht sicher, habe ihn nur kurz und aus einiger Entfernung gesehen.«

Till ließ sich eine vage Beschreibung von dem unbekannten Mann geben und bedankte sich abschließend für das offene Gespräch.

»Komische Frau, die Frau Schlosser«, wunderte sich Siebels, als sie wieder im Wagen saßen.

»Ja, mit der werden wir bestimmt noch interessante Gespräche führen.« Till grinste. »Würde mich ja interessieren, wie viele Männer die gehabt hat, während sie ihrem Mann ständig Untreue vorgeworfen hat.«

»Du wirst es herausfinden«, sagte Siebels, der es selbst gar nicht so genau wissen wollte. »Jetzt fahren wir zu Christian Schlosser. Ich will endlich wissen, wer die Frau auf dem Foto ist, warum sie auf dem Foto ist und warum das Foto auf Christians erschlagenem Vater abgelegt wurde.«

Бесплатный фрагмент закончился.

626,73 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2024
Объем:
360 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783939362517
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги