Читать книгу: «Das tödliche Spiel»
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Montag, 31. Mai 2010
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Mein perfekter Plan
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Mein perfekter Plan
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Dienstag, 1. Juni 2010
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Mein perfekter Plan
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Mein perfekter Plan
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Mein perfekter Plan
Mittwoch, 2. Juni 2010
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Mein perfekter Plan
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Mein perfekter Plan
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Donnerstag, 3. Juni 2010
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Mein perfekter Plan
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Mein perfekter Plan
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Mein perfekter Plan
Freitag, 4. Juni 2010
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Samstag, 5. Juni 2010
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Mein perfekter Plan
Mein perfekter Plan
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Mein perfekter Plan
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Mein perfekter Plan
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Mein perfekter Plan
Sonntag, 6. Juni 2010
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Mein perfekter Plan
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31 Montag, 7. Juni 2010
Mein perfekter Plan
Stefan Bouxsein
Das tödliche Spiel
Kriminalroman
Der Autor
Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.
Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:
Krimi-Reihe mit Siebels und Till:
Das falsche Paradies, 2006
Die verlorene Vergangenheit, 2007
Die böse Begierde, 2008
Die kalte Braut, 2010
Das tödliche Spiel, 2011
Die vergessene Schuld, 2013
Die tödlichen Gedanken, 2014
Die Kronzeugin, 2015
Projekt GALILEI, 2018
Seelensplitterkind, 2021
Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014
Außerdem:
Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015
Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:
Der nackte Idiot, 2014
Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016
Erotischer Roman von Susann Bonnard:
Die schamlose Studentin, 2017
Mein perfekter Liebhaber, 2019
Erfahren Sie mehr über meine Bücher auf:
www.stefan-bouxsein.de
© 2021 by Traumwelt Verlag
Stefan Bouxsein
Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main
www.traumwelt-verlag.de · info@traumwelt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung und Titelbild:
Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller
www.nuilani.de · info@nuilani.de
Lektorat: Stefanie Reimann
ISBN 978-3-939362-10-4
3. Auflage, 2021
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Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Bea war eine Frau, die genau wusste, was sie wollte. Ich lag neben ihr in ihrem Bett und beobachtete sie beim Schlafen. Ihr schulterlanges braunes Haar verteilte sich zerwuselt über das Kopfkissen und erinnerte mich an einen Wischmob. Bea gab viel Geld bei ihrer Friseuse aus, aber nach einer langen Liebesnacht war von den Bemühungen ihrer Haardesignerin keine Spur mehr zu erkennen. Sie würde gleich nach dem Erwachen viel Zeit im Bad verbringen und das wieder in Ordnung bringen. Ich beobachtete, wie Bea gleichmäßig atmete und zog sachte die Bettdecke ein wenig nach unten, bis ihre Brust entblößt zum Vorschein kam. In zwei Monaten würde sie fünfzig werden. Dafür hatte sie sich gut gehalten. Ich mochte ihre Brust, sie fühlte sich gut an. Bea verbrachte zwei bis drei Tage in der Woche einige Stunden im Fitnessstudio und kämpfte dort tapfer gegen die nicht klein zu kriegenden Speckpölsterchen im Hüftbereich an. Wenn sie sich im Studio auf dem Laufband ausgetobt hatte, war sie abends mit einer schnellen Nummer zufrieden und schlummerte dann friedlich ein. An den fitnessfreien Tagen tobte sie sich dann aber abends beim Matratzensport aus. Letzte Nacht war sie kaum zu bändigen. Es war bereits früher Vormittag und Bea schlief immer noch tief und fest und schien mir einen sehr befriedigten Eindruck zu machen. Ich zog ihr die Decke wieder über die Brust und stieg langsam aus dem Bett. Bea wälzte sich einmal um die eigene Achse, als ich mich ihrer Nähe entzog, und schlummerte dann leicht schnarchend weiter. Ich schlüpfte in den flauschigen weißen Bademantel mit dem Etikett von Joop, den Bea mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Das einzige Kleidungsstück, das bei ihr immer für mich parat lag. Ich betrachtete mich darin in dem großen Spiegel und kam zu dem Entschluss, dass der Bademantel in meiner Wohnung viel besser aufgehoben wäre. Vielleicht würde Bea mir ja noch einen Zweiten kaufen. Nach der letzten Liebesnacht hatte ich mir das redlich verdient. Ich verließ das Schlafzimmer und ging kurz ins Badezimmer. Dort urinierte ich im Stehen. Bea mochte das gar nicht und war in dieser Angelegenheit sehr pingelig. Umso größer war mein Vergnügen, als ich mit meinem Strahl eine verirrte Mücke durch die Kloschüssel jagte. Die Mücke konnte sich gegen meinen Strahl so wenig wehren wie Bea gegen meinen Charme und versank im Strudel der Spülung. Vergnügt ging ich auf leisen Sohlen die Treppe hinunter. In der Küche schenkte ich mir ein Glas mit kaltem Orangensaft ein und ging damit hinaus auf die Terrasse. Dort lagen noch meine Zigaretten und mein goldenes Feuerzeug, das Bea mir bei unserem letzten Einkaufsbummel geschenkt hatte. Ich setzte mich auf einen der wetterbeständigen Rattansessel und zündete mir eine Zigarette an. Die Sonnenstrahlen schimmerten auf der stillen Wasseroberfläche des Pools. Ich genoss den Tag und hoffte, dass Bea noch eine Zeitlang schlief. Zufrieden mit mir und der Welt lehnte ich mich entspannt zurück und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Als ich im Hintergrund ein Geräusch hörte, seufzte ich innerlich. Ich nahm noch einen tiefen Zug an meiner Zigarette und machte mich auf das Erscheinen von Bea gefasst. Doch plötzlich stand eine wesentlich jüngere Frau vor mir. Nur mit einem Slip bekleidet kam sie auf die Terrasse und blieb vor mir stehen. Ihre festen runden Brüste sprangen mir förmlich ins Auge. Trotzdem versuchte ich, ihr in die Augen zu schauen, und fragte mich, wer da zu Besuch gekommen war.
»Hast du sie gut gefickt?«, fragte sie ohne Umschweife und setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl.
»Wer bist du denn?«, fragte ich und schenkte ihr mein freundlichstes Lächeln.
»Erst antworten, dann kannst du eigene Fragen stellen«, gab sie selbstbewusst zurück. Mir gefiel die Wendung, die der Tag plötzlich genommen hatte, ausgesprochen gut.
»Du bist aber sehr direkt«, stellte ich fest. »Woher kennst du Bea eigentlich?«
Die junge Frau griff zu meinen Zigaretten und steckte sich eine an. Mein Blick haftete jetzt doch wieder auf ihrem Busen. Ihre kleinen dunkelbraunen Knospen standen leicht aufrecht. Es schien sie nicht zu stören, dass ich mir ihre Brüste eingehend betrachtete. »Hast du sie jetzt gut gefickt oder nicht? Jedenfalls hat es sich so angehört. Das Gestöhne war ja im ganzen Haus zu hören.«
»Was machst du denn hier?«, hörte ich Bea hinter mir fragen.
»Ich rauche eine Zigarette«, antwortete die junge Frau und zwinkerte mir zu. Nun wurde mir die Situation doch etwas unangenehm. Bea konnte sehr eifersüchtig werden. Und wenn das der Fall war, war sie unerträglich.
»Zieh dir was über«, zischte Bea. »Musst du dich immer wie ein Flittchen benehmen?«
»Deinem Lover gefällt mein Anblick ganz gut«, sagte sie unverhohlen, stand dann auf, drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und verließ mit aufreizend wackelnden Hüften die Terrasse.
»Meine süße kleine Stieftochter Nadja«, seufzte Bea und setzte sich zu mir. Ich nickte verständnisvoll und fragte mich, ob Nadja auch im Bett so abgebrüht war.
Montag, 31. Mai 2010
Hauptkommissar Steffen Siebels saß bereits morgens um 7:00 Uhr in seinem Büro im Frankfurter Polizeipräsidium. Vor ihm stand eine dampfende Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch, unter dem Tisch standen seine Schuhe. Seine Füße lagen auf dem Schreibtisch. In seinen Händen hielt er die Bild-Zeitung.
»Guten Morgen.«
Siebels schaute kurz auf. Charly Hofmeier stand im Türrahmen. Siebels nickte ihm kurz zu und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.
»Störe ich?«, fragte Charly. Charly Hofmeier war der IT-Spezialist im Präsidium und auch sonst für alle möglichen Aufgaben zu gebrauchen.
»Schwarz Rot Lena«, las Siebels die Schlagzeile aus der BILD vor. »Alle lieben Lena und das ganze Land tanzt singend durch die Straßen.«
»Bist du jetzt etwa auch zum Legastheniker mutiert?«
»Logisch. Das ist jetzt erste Bürgerpflicht.«
»Dann bist du aber bald arbeitslos. Menschen, die singend durch die Straßen tanzen, morden nicht.«
»Ein paar Außenseiter gibt es immer«, brummte Siebels und betrachtete missmutig sein Telefon, das gerade anfing zu klingeln. Behäbig nahm er die Füße vom Tisch, legte stattdessen die Zeitung darauf und griff zum Hörer. Während des Telefonats kritzelte er ein paar Stichworte auf seinen Notizblock und beendete das Gespräch dann, ohne dabei selbst viele Worte verloren zu haben. »Und schon hat so ein Außenseiter wieder zugeschlagen«, klagte Siebels und schlüpfte in seine Schuhe.
»Ein neuer Fall?«
»Tote Frau in einer Villa auf dem Lerchesberg. Fremdeinwirkung scheint sehr wahrscheinlich. Mehr weiß ich auch noch nicht. Möchte nur wissen, wo Till wieder bleibt.«
Till Krüger war der jüngere Kollege von Steffen Siebels. Just in dem Moment, als sein Name fiel, zwängte er sich an Charly vorbei ins Büro.
»Falsche Richtung«, sagte Charly. »Draußen wartet Arbeit auf euch.«
Till legte seinen Motorradhelm ab und schaute auf die Uhr. »Es ist noch nicht mal halb acht. Eigentlich wollte ich erst mal in die Kantine und was zum Frühstücken besorgen.«
»Der frühe Vogel fängt den Wurm«, verkündete Charly.
»Ich will keinen Wurm, ich will Käsebrötchen.«
»Sag das nicht mir, sag das dem Außenseiter.«
Till schaute zu Siebels. »Ich will Käsebrötchen.«
Siebels schaute kopfschüttelnd zu Charly. »Er glaubt tatsächlich, ich wäre der Außenseiter.«
»Wer ist denn der Außenseiter?«, fragte Till. »Der Herr Staatsanwalt?«
»Nee, der ist Insider«, belehrte ihn Siebels. »Der Außenseiter ist der, der nicht singend durch die Straßen tanzt.«
»Aha. Ihr zwei habt euch heute Morgen doch mit dem Hammer geföhnt. Ich hole mir jetzt mein Käsebrötchen.«
»Bring mir auch eines mit«, bat Siebels. »Ich warte unten im Wagen auf dich. Wir haben anscheinend einen neuen Fall.«
Der Lerchesberg im südlichen Sachsenhausen galt als Wohngegend für die besser betuchten Frankfurter Mitbürger. Siebels brauchte nicht lange zu suchen, zwei Streifenwagen standen vor der Zufahrt der von ihm gesuchten Adresse. Neugierige Nachbarn versammelten sich auf der Straße und versuchten einen Blick auf das Grundstück zu erhaschen. Hohe Hecken machten dieses Unterfangen fast unmöglich. Siebels und Till ließen den Wagen vor der Zufahrt stehen, wiesen sich bei den Streifenpolizisten aus und betraten das Grundstück. Sie gingen auf eine prachtvolle Villa zu. Vor der Eingangstür standen zwei Männer mit übergestülpten Plastikanzügen. Die Kollegen von der Spurensicherung rauchten eine Zigarette.
»Können wir schon rein?«, fragte Siebels.
»Wir sind fast fertig, immer rein in die gute Stube«, bekam er zur Antwort. »Die Tote liegt draußen im Garten. Sie ist im Pool ertrunken.«
Siebels nickte und betrat das Haus. Till folgte ihm durch einen lichtdurchfluteten, mit hellem Marmor ausgelegten Vorraum. Im Wohnzimmer trafen sie auf den Fotografen, der seine Fotos bereits alle geschossen hatte. Die Schiebetür zur Terrasse stand offen. Draußen kniete eine Frau über einem leblosen Körper. Siebels schaute sich nach Dr. Petri um, konnte den Gerichtsmediziner aber nirgendwo entdecken. Till betrachtete sich die Umgebung. Anthrazit geflieste Terrasse. Schwarze Rattanstühle standen um einen Tisch mit schwerer Steinplatte. Auf dem Tisch lag ein Buch. Daneben stand ein Aschenbecher. Der Pool lag nur wenige Meter von der Terrasse entfernt, hinter dem Pool erstreckte sich ein weitläufiger kurzgeschnittener Rasen, der von außen nicht einsehbar war. Meterhohe Hecken und Mauern begrenzten das Grundstück.
»Siebels, Mordkommission«, sagte Siebels und kniete sich neben die Frau, die die Leiche begutachtete.
»Guten Tag, Herr Siebels. Ich habe ja schon viel von Ihnen gehört.« Die Frau streckte Siebels die Hand entgegen. »Lehmkuhl. Anna Lehmkuhl. Ich bin die Nachfolgerin von Dr. Petri.«
»Die Nachfolgerin?«
»Ja. Dr. Petri hat sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Wussten Sie das nicht?«
Siebels erinnerte sich dunkel, dass Petri vor einiger Zeit eine entsprechende Bemerkung gemacht hatte. »Er hat mich gar nicht zu seiner Abschiedsfeier eingeladen.«
»Die holt er bestimmt noch nach. Er ist gleich an seinem ersten Tag als Pensionär auf ein Kreuzfahrtschiff gegangen und kreuzt jetzt irgendwo in der Karibik.«
»Petri hatte schon immer einen guten Stil«, bewunderte Siebels seinen alten Kumpanen.
»Darf ich mir die Leiche mal anschauen?«, fragte Till, der hinter den beiden stand.
»Mein Kollege, Till Krüger«, stellte Siebels ihn vor. »Till, das ist Frau Dr. Lehmkuhl. Die Nachfolgerin vom alten Petri.«
Till setzte sein charmantestes Lächeln auf, als er Anna Lehmkuhl ins Gesicht sah. »Sie sind also der berühmt-berüchtigte Frauenheld aus dem Frankfurter Präsidium«, begrüßte ihn die Gerichtsmedizinerin und streckte auch ihm die Hand hin.
Tills Lächeln gefror und er erstarrte für einen Moment zu einer Salzsäure. Anna Lehmkuhl lachte. »Ihr Ruf eilt Ihnen voraus.«
Till verfluchte sich und seine letzte Affäre mit Simone, der jungen Streifenbeamtin, die im Präsidium nur die wilde Simone genannt wurde. Zu spät hatte er erkannt, dass die wilde Simone sich ihren Beinamen redlich verdient hatte. Sie stürzte von einer Katastrophe in die nächste, riss alles und jeden aus ihrem Umfeld mit und plauderte ohne Unterlass und ohne jede Rücksicht auf ihre oder anderer Leute Intimsphäre. Wenn Till morgens ins Präsidium kam, wussten schon Hundertschaften von Polizisten, wie er in der Nacht zuvor bei der Umsetzung eines neuen Kapitels aus Simones Kamasutra-Buch wieder einmal gescheitert war. Die Beziehung hielt denn auch nur wenige Wochen und mittlerweile war Simone mit einem Nahkampfkrieger vom SEK liiert und Till wieder auf Brautschau. Und Anna Lehmkuhl passte hervorragend in sein Beuteschema.
»Soll ich?« Anna Lehmkuhl nahm das Tuch in die Hände, mit dem die Leiche bedeckt war, und deutete an, es zurückzuziehen.
Till und Siebels nickten. Anna Lehmkuhl gab den Leichnam preis. »Beate Sydow, 49 Jahre alt. Tod durch Ertrinken. Sie wurde mit Gewalt unter die Wasseroberfläche gedrückt und hat sich heftigst gewehrt. Abgebrochene Fingernägel, zwei gebrochene Finger. Vermutlich wurde ihr auf die Finger geschlagen oder getreten, als sie sich am Beckenrand aus dem Pool ziehen wollte.«
Siebels betrachtete sich widerwillig die vom Wasser aufgedunsene Leiche. Er stellte sich vor, wie die Frau um ihr Leben gekämpft hatte. Wie sie sich mit aller Kraft aus dem Pool retten wollte und den Kampf gegen ihren Mörder letztendlich doch verloren hat. Er stellte sich vor, wie die Frau sich gefühlt haben musste, als ihre Kräfte nachließen und sie erbarmungslos immer wieder unter die Wasseroberfläche gedrückt wurde. Wie sie immer mehr Wasser schluckte bei ihrem Überlebenskampf und ihrem Mörder im Todeskampf zu entkommen versuchte. Bis sie schließlich aufgab und im Pool unterging. Siebels versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen, und konzentrierte sich auf seine Arbeit als Ermittler. »Wurde sie im Pool gefunden?«, wollte er wissen.
»Ja. Von einer Freundin, die mit ihr verabredet war. Sarah Fischer. Sie ist im Haus. Als Frau Sydow heute Morgen weder auf das Klingeln und Klopfen an der Tür noch auf Telefonanrufe geantwortet hat, hat Frau Fischer einen Zweitschlüssel aus ihrer Wohnung geholt und ist hereingekommen. Sie wohnt in der Textorstraße, nicht weit von hier.«
»Lag sie schon nackt im Pool?«, wollte Till wissen.
»Ja. Allem Anschein nach war sie unbekleidet im Pool zum Schwimmen gewesen.«
»Anzeichen von sexuellem Missbrauch?«, fragte Siebels.
»Nein. Nichts dergleichen. Nur die malträtierten Finger. Wahrscheinlich wurde sie mit grober Gewalt in das Wasser gedrückt.«
»Todeszeitpunkt?«, fragte Siebels und zündete sich eine Zigarette an.
»So gegen sechs Uhr heute Morgen. Das deckt sich auch mit der Aussage von Sarah Fischer. Sie hat bestätigt, dass Beate Sydow morgens um diese Zeit den Tag bei schönem Wetter mit einer Runde im Pool beginnt. Der Pool ist übrigens beheizt. 22 Grad Wassertemperatur.«
»Dann werden wir uns mit der Frau Fischer mal unterhalten. Sind Sie noch länger hier?«
»Ich bin fertig. Sie finden mich in der Gerichtsmedizin, falls Sie weitere Fragen haben. Der Bericht kommt per E-Mail. Ach, bevor ich es vergesse. Auf dem Tisch dort liegt ein Buch.« Anna Lehmkuhl deutete zu dem Tisch auf der Terrasse. »Das lag schon dort, als Frau Fischer die Tote entdeckt hat. Das Buch könnte etwas mit dem Mord an Frau Sydow zu tun haben.«
»Wie das?«
»Das fragen Sie besser Frau Fischer. Nehmen Sie das Buch mit rein, wenn Sie sie befragen. Die Spurensicherung hat es bereits auf Fingerabdrücke untersucht.«
Anna Lehmkuhl packte ihre Utensilien zusammen und verabschiedete sich.
»Ich hole den Bericht auch gerne persönlich ab«, sagte Till.
»Ich rufe Sie an, wenn ich so weit bin. Bis dann, viel Erfolg.«
Siebels und Till schauten der Gerichtsmedizinerin hinterher.
»Viel besser als Petri«, kommentierte Till.
»Sie schneidet Leichen auf und wühlt darin herum«, sagte Siebels und ging zu dem Tisch.
»Sie hat Grübchen, wenn sie lächelt«, sagte Till.
Siebels drückte seine Zigarette in dem Aschenbecher aus und nahm das Buch in die Hand. »Sie entnimmt Organe aus toten Körpern, misst und wiegt sie, als wäre es Obst und Gemüse.«
»Sie hat grüne Augen.«
»Die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg.«
»Hä?«
»So heißt das Buch.«
»Berühmt-berüchtigter Frauenheld«, murmelte Till vor sich hin.
»Genau. Mit meinem unwiderstehlichen Charme erobere ich die Frauen im Sturm. Ob jung, ob alt, ob blond, ob braun, mich lieben alle Frauen.«
»Wieso dich jetzt?«
»Nicht mich. Und dich schon gar nicht. Philipp von Mahlenburg. So steht es jedenfalls auf dem Klappentext des Buches.«
»Sie ist echt nett, findest du nicht?«
»Sie ist bestimmt verheiratet.«
»Sie trägt keinen Ehering.«
»Wäre auch nur hinderlich, wenn sie in toten Körpern rumwühlt.«
»Du erzeugst negative Schwingungen. Hör auf damit.«
Siebels hatte das Buch aufgeschlagen und las die ersten Seiten. Dann schaute er sich um. »Das ist hier.«
»Was ist hier?« Till war in Gedanken noch immer bei Anna Lehmkuhl.
»Das, was in dem Buch steht, hat sich genau hier auf der Terrasse abgespielt. Komm, lass uns mit dieser Sarah Fischer sprechen. Irgendwas stinkt hier ganz gewaltig.«
2
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Bea ging nicht weiter auf ihre Stieftochter ein, von der ich bisher noch gar nichts gewusst hatte. Wie ich später erfuhr, wohnte Nadja nur einige Straßenzüge entfernt. Um mich von der kleinen Episode wieder abzulenken, bereitete Bea ein fürstliches Frühstück zu. Ich genoss es, von ihr bedient zu werden, und zeigte mich mit kleinen Komplimenten über Beas leckere Köstlichkeiten erkenntlich. Ich lobte die liebevoll zubereiteten Pfannkuchen und tätschelte sanft ihren Hintern, als sie beim Servieren um mich herum tapste. Natürlich machte ich auch einige liebreizende Bemerkungen über ihre wundervolle Figur. Ich ließ sie wissen, wie sehr ich ihren weiblichen Rundungen zugetan war und hoffte dabei inniglich, dass Nadja sich noch einmal blicken ließ. Bea zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie war wohl davon überzeugt, dass meine Gedanken nur um sie kreisten. Meine lüsternen Blicke auf die nackten Brüste ihrer Stieftochter hatte sie entweder schon wieder vergessen oder einfach nur verdrängt. Wir hielten Smalltalk beim Frühstück und schmiedeten Pläne für das bevorstehende Wochenende. Nachdem wir uns beide satt gegessen hatten, saßen wir nur mit unseren Bademänteln bekleidet auf der sonnigen Terrasse und flirteten miteinander. Bea erhob sich schließlich vom Tisch, nahm mich bei der Hand und führte mich zum Pool. Am Beckenrand ließ sie ihren Bademantel fallen und sprang ins Wasser. Sie schwamm an das andere Ende des Pools und forderte mich dort auf, ebenfalls hineinzuspringen. Wie ein kleines Mädchen planschte meine Bea am gegenüberliegenden Beckenrand. Ich seufzte innerlich, ließ auch meinen Bademantel fallen und blieb noch einen Moment vor dem Pool stehen. Ich genoss Beas Blick, mit dem sie meinen nackten Körper musterte. Dann sprang auch ich ins Wasser. Wir trafen uns in der Beckenmitte, dort fiel sie mir um den Hals und steckte mir ihre Zunge in den Mund. Ich konnte bequem in der Mitte des Beckens stehen, das Wasser ragte mir nur bis zum Hals. Bea musste sich strecken, um wenigstens auf den Zehenspitzen stehen zu können. Als sie mir wieder Luft zum Atmen ließ, erkannte ich Nadja. Sie saß plötzlich auf der Terrasse und beobachtete uns mit unbeweglicher Miene. Ihre Anwesenheit elektrisierte mich. Beas Lippen küssten meinen Hals. Mein Hals reckte sich, um Nadja besser in mein Blickfeld zu bekommen. Sie trug nun ein enges Top. Ich legte meine Hände auf Beas Schultern und massierte sie. Bea schnurrte wie eine Katze. Nadja zündete sich eine Zigarette an. Sie war so nah und doch so unnahbar. Wie ein Tintenfisch umschlang Bea mich mit ihren Armen und Beinen. Nadjas Blick wich keine Sekunde von uns. Ich drückte fester auf Beas Schultern, drückte sie ein Stück nach unten. Und dann noch ein Stück, bis ihr Kopf unter der Wasseroberfläche versank. Für einen Moment war ich außer mir. Als hätte Nadja Besitz von mir ergriffen. Nur durch ihren Blick, mit dem sie mich in ihren Bann zog. Bea drückte ihren Körper nach oben. Ich drückte sie fester nach unten. Nur einige wenige Sekunden. Ich glaubte, ein Lächeln über Nadjas Gesicht huschen zu sehen. Dann ließ ich meine Hände von Bea und sie kam nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche. Sie holte zweimal tief Luft, dann fauchte sie mich an. Ich entschuldigte mich. Nadja drückte ihre Zigarette im Ascher aus und verließ die Terrasse. Ihr Gesichtsausdruck, mit dem sie mich noch einmal ansah, ließ mich erschaudern.
Sarah Fischer hatte lange rote Haare und trug ein blaues Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Sie war sehr schlank, fast schon dürr. Eine lange spitze Nase zierte ihr schmales Gesicht. Sie stand in der Küche, als Siebels und Till sich ihr vorstellten.
»Sie sind eine gute Freundin von Frau Sydow?«, fragte Siebels.
Sarah Fischer antwortete mit Tränen in den Augen. »Ihre beste Freundin. Und ihre Geschäftspartnerin. Wir betreiben einen kleinen Laden unten in der Schweizer Straße.«
»Eine Boutique?«, hakte Siebels nach.
»Nein. Einen Esoterikladen. Wir verkaufen Produkte, die uns in unserem spirituellen Leben behilflich sind.«
»Aha«, sagte Siebels und bemerkte den irritierten Blick von Till, ignorierte ihn aber. »Davon konnte sich Frau Sydow diesen Lebenswandel hier aber nicht leisten, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Soll ich uns einen Kaffee kochen?«
»Sehr gerne«, sagte Till und Siebels nickte zustimmend.
»Beate ist Witwe«, erklärte Sarah Fischer, während sie an der Kaffeemaschine herumhantierte. »Ihrem Mann gehörte ein mittelständisches Unternehmen. Dort werden irgendwelche Spezialwerkzeuge gefertigt. Viel kann ich dazu nicht sagen. Jedenfalls wurde das Unternehmen kurz vor seinem Tod an eine amerikanische Firma verkauft und als er starb, erbte Beate ein beachtliches Vermögen. Und natürlich das Haus hier. Den kleinen Laden habe ich vorher allein betrieben. Beate ist nach dem Tod ihres Mannes eingestiegen.«
Die Kaffeemaschine blubberte vor sich hin und Sarah Fischer setzte sich an den Tisch zu Siebels und Till. Siebels legte das Buch auf den Tisch. »Was hat es mit diesem Buch auf sich?«
Sarah Fischer verdrehte die Augen. »Das hat ihr ehemaliger Liebhaber geschrieben. Ich habe sie immer gewarnt vor diesem Mann. Aber Beate konnte die Finger nicht von ihm lassen. Er war nur auf ihr Geld aus gewesen, aber Beate war völlig blind. Sie dachte, sie hätte noch einmal die große Liebe gefunden. Dass er fast zwanzig Jahre jünger war als sie, fand sie ganz großartig. Dass er angeblich Vermögensberater war und einige schwerreiche Klienten zu seinen Kunden zählte, glaubte sie ihm aufs Wort. Dass er sich ständig von ihr beschenken und aushalten ließ, machte sie auch nicht stutzig. Erst als er von einem auf den anderen Tag aus ihrem Leben verschwunden war, wachte sie auf. Aber da war es zu spät. Vor einigen Wochen bekam sie dann dieses Buch geschickt. Auf dem Päckchen stand kein Absender. Die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg. Darin beschreibt er seine Liebschaften zu verschiedenen Frauen. Das erste Kapitel war gleich seiner Liaison mit Beate gewidmet. Dieser Mistkerl hält sich für einen ganz raffinierten Hochstapler. Dabei ist sein Geschreibe nichts weiter als pubertärer Unfug.«
Sarah Fischer schob angewidert das Buch von sich und schenkte den frischgebrühten Kaffee ein.
»Hat er von Frau Sydow größere Geldbeträge bekommen?«
»Zum Glück nicht. Hauptsächlich ging es um Geschenke. Aber die waren nicht gerade billig. Mal eine Rolex, mal ein Bademantel von Joop. Die Mitgliedsgebühr beim Tennisclub oder die Karten für die Oper. Ein Anzug von Armani, eine Sonnenbrille von Porsche. Und so weiter und so fort.«
»Wer liest denn so ein Buch?«, fragte Till, der jetzt auch mal seinen Beitrag leisten wollte und die fesche Anna Lehmkuhl langsam aus seinem Kopf verbannte.
Sarah Fischer zuckte mit den Schultern. »Beate hat es gelesen. Leider. Danach war sie erst zu Tode betrübt, dann unheimlich wütend und anschließend depressiv.«
Sarah Fischer entzündete eine Duftkerze und Siebels verkniff sich die Frage, die ihm auf der Zunge gelegen hatte. Zigarettenrauch war hier anscheinend nicht so gefragt, vermutete er und betrachtete sich wieder das Buch. »Verlag Anton Hubertus Möllenbeck«, las er von der Rückseite des Hardcovers ab. »Ist das ein bekannter Verlag?«
»Ich habe noch nie davon gehört«, sagte Sarah Fischer achselzuckend.
»Wissen Sie, wo wir diesen Herrn von Mahlenburg finden können?«
»Wahrscheinlich im Bett einer dummen Frau«, sagte Sarah Fischer spöttisch.
Till hätte fast gesagt, dass er dann vielleicht im Bett seiner ehemaligen wilden Simone zu finden wäre, riss sich aber am Riemen.
Siebels hielt weiter das Buch nachdenklich in den Händen. »Das hat draußen auf dem Tisch gelegen? Glauben Sie, dass Frau Sydow es dort hingelegt hat, bevor sie in den Pool gegangen ist?«
»Das glaube ich nicht. Das hier ist nicht das Buch, das Beate bekommen hat. Das habe ich nämlich vor ihren Augen verbrannt, weil ich ihre Jammerei darüber nicht mehr hören konnte.«
»Vielleicht hat sie sich ein Neues gekauft?«, mutmaßte Till.
Sarah Fischer trank nachdenklich ihren Kaffee. »Das wäre möglich. Aber ich wüsste nicht, warum es draußen auf dem Tisch gelegen haben soll, als sie im Pool ihr Leben verlor.« Bei den letzten Worten begann Sarah Fischer laut zu schluchzen. Bis dahin hatte sie sich im Griff gehabt, nun heulte sie ohne Scheu.
»Sollen wir das Gespräch ein andermal fortsetzen?«, fragte Siebels behutsam und legte ihr seine Hand tröstend auf den Arm.
»Nein, es geht schon wieder. Ich kann mir das ja auch alles nicht erklären. Irgendjemand muss Beate abgrundtief gehasst haben und das Buch ist eigentlich keine Erklärung dafür.«
»Vielleicht ist es ja nur ein dummer Zufall, dass das Buch ausgerechnet heute dort lag. Vielleicht hat sie sich wirklich ein Neues gekauft, gestern Abend noch darin gelesen und es dann auf dem Tisch liegen gelassen.«
»Ja, vielleicht«, schluchzte Sarah Fischer.
»Mit wie vielen Frauengeschichten prahlt dieser von Mahlenburg in seinem Buch?«, fragte Till.
Sarah Fischer schaute ihn mit großen Augen an. »Glauben Sie, die sind auch in Gefahr?«
»Wir werden wohl oder übel mit ihnen sprechen müssen. Aber noch sehe ich keinen Zusammenhang zwischen dem Buch und dem Mord an Ihrer Freundin.«
Sarah Fischer nickte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie nahm Siebels das Buch aus der Hand und blätterte darin. »Beate war das erste Kapitel gewidmet. Weder Beate noch die anderen Frauen sind mit vollem Namen erwähnt. Daher dürfte es schwierig sein, sie ausfindig zu machen. Da werden Sie schon Herrn von Mahlenburg persönlich um Auskunft bitten müssen. Außer Beate hat er noch eine Hanni, eine Betti und eine Kati in seinen Anekdoten verarbeitet. Ich nehme an, dass diese Namen die Kurzform für ihre richtigen Vornamen sind. Nachnamen hat er keine erwähnt.«
»Was können Sie mir über Nadja sagen?«, fragte Siebels. Till las gerade die ersten Seiten des Buches und war nun auch neugierig auf Nadja geworden.
»Nadja ist die Tochter aus erster Ehe von Beates verstorbenem Mann. Ihre Mutter starb an Krebs, als Nadja sieben Jahre alt war. Beate war die Personalleiterin in der Firma von Nadjas Vater. Jürgen Sydow hat vierzehn Jahre später Beate geheiratet. Zuvor hatten die beiden schon einige Jahre lang mehr oder weniger eine heimliche Affäre. In der Firma wusste niemand davon. Nadja studierte schon, als ihr Vater sich offiziell zu Beate bekannte und sie heiratete. Beate und Nadja wurden nie richtig warm miteinander. Aber es herrschte auch kein Krieg zwischen ihnen. Nadja ist eine merkwürdige junge Frau. Sie ist hochbegabt, müssen Sie wissen. Sie hatte in der Schule nur hervorragende Noten. Im nächsten Jahr will sie ihr Studium beenden. Psychologie. Ihr menschliches Verhalten ist allerdings etwas sonderbar. Sie können es ja nachlesen. Herr von Mahlenburg hat sie schon ganz gut beschrieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass so durchschnittlich begabte Menschen wie Beate oder ich nicht interessant genug sind für Menschen wie Nadja.«
»Wo liegen denn ihre Stärken?«, wollte Siebels wissen.
»Oh, fragen Sie mich lieber, wo ihre Schwächen liegen. Die liegen im zwischenmenschlichen Bereich, wie ich bereits sagte. Ihre Stärken sind schon bewundernswert. Sie spricht fließend englisch, französisch spanisch und russisch, spielt hervorragend Klavier und hat schon als Fünfjährige alle Freunde ihres Vaters im Schach geschlagen. Sie ist mit fünfzehn zum ersten Mal alleine in die Oper gegangen und wurde mit sechszehn erwischt, als sie einen Joint auf der Schultoilette geraucht hat.«
»Sie wissen aber einiges von ihr.«
»Beate hat viel von ihr erzählt. Sie war schon ein wenig stolz auf dieses Wunderkind, auch wenn sich die beiden nicht so nahe waren und Beate sie auch erst kennen gelernt hat, als Nadja schon auf der Uni war.«
»Ich muss mal kurz telefonieren«, sagte Siebels und wollte das auf der Terrasse erledigen.
»Er muss mal eine rauchen«, erklärte Till, als Siebels die Küche verlassen hatte.
Auf der Terrasse zündete sich Siebels eine Zigarette an, telefonierte aber auch. Er rief im Präsidium bei Charly an. »Hey Charly, ich brauche mal deine Unterstützung.«
»Dann hast du bestimmt wieder einen heiklen Fall an Land gezogen«, seufzte Charly.
»Bis jetzt ist es noch ein ganz normaler Routinefall. Ich benötige nur ein oder zwei Adressen und Telefonnummern.«
»Schieß los.«
»Philipp von Mahlenburg und außerdem ein Verlag Anton Hubertus Möllenbeck.«
»Ich rufe gleich zurück.«
Siebels steckte sein Handy wieder ein und zog genussvoll an seiner Zigarette. Dabei dachte er an seinen ernsten Vorsatz, das Rauchen aufzugeben.
Zwei Männer von der Spurensicherung kamen auf die Terrasse. »Wir sind dann fertig«, sagte einer von ihnen zu Siebels. »Gefunden haben wir eigentlich nichts. Keine Einbruchsspuren, keine Kampfspuren im Haus. Fingerabdrücke haben wir einige abgenommen, außerdem ein paar Haarproben, die gehen umgehend ins Labor. Auch auf dem Grundstück haben wir nichts von Interesse gefunden.«
»Okay, dann könnt ihr euch aus dem Staub machen. Wir sehen uns.«
»Viel Erfolg«, wünschte der Mann von der Spurensicherung und verschwand mit seinem Kollegen, den Siebels vorher noch nicht gesehen hatte.
Als die beiden fort waren, kamen Till und Sarah Fischer auf die Terrasse. »Versuchen Sie es mal mit Hypnose«, sagte Sarah Fischer.
Siebels sah sie fragend an.
»Ihre Nikotinsucht können Sie mit Hypnose loswerden.«
»Keine Chance«, sagte Till. »Ich versuche schon seit Jahren, ihn dahingehend zu hypnotisieren. Der wird eher schwul, als dass er mit dem Rauchen aufhört.«
Ein böser Blick von Siebels und Till verstummte. »Was hat Nadja eigentlich von ihrem Vater geerbt, wenn Frau Sydow das Haus und ein beachtliches Vermögen bekam?«
»Nadja ist versorgt. Ein Treuhänder kümmert sich um ihre finanziellen Angelegenheiten. Wenn sie ihr Studium beendet hat, kann sie über ihr Erbteil frei verfügen. Das war der Wille ihres Vaters. Wie viel das sein wird und wie das genau geregelt ist, kann ich Ihnen aber nicht sagen.«
»Und wer kann mir das sagen?«
»Dr. Ritter. Er ist der Anwalt und Vermögensverwalter der Familie. Seine Anschrift müsste bei den Unterlagen in Beates Arbeitszimmer zu finden sein. Soll ich mal nachsehen?«
»Ja bitte. Woran ist Herr Sydow eigentlich gestorben?«
»Herzinfarkt. Den hat er vor drei Jahren erlitten. Ich schaue dann mal nach der Anschrift von Dr. Ritter.«
Die Melodie von der Biene Maja ertönte. »Wer hat dir den Klingelton denn ausgesucht?«, fragte Till fassungslos.
»Das war Charly«, sagte Siebels freudestrahlend, als er im Takt dazu wippte. Charly war dann auch dran, als Siebels das Gespräch entgegennahm.
»Philipp von Mahlenburg gibt es nicht«, sagte Charly. »Aber deinen Verlag. Der ist in der Innenstadt, in der Stiftstraße, gleich am Eschenheimer Tor. Anton Hubertus Möllenbeck ist übrigens der alleinige Inhaber.«
»Alles klar, Charly. Danke dir. Till ist übrigens ganz scharf auf den Biene Maja Song.«
»Das ist so peinlich«, rief Till dazwischen.
Charly lachte und beendete das Gespräch.
»Wer hat dich eigentlich gefragt?«, fragte Siebels.
»Niemand. Sonst hättest du ja jetzt einen vernünftigen Klingelton.«
»Ja, ja. Wahrscheinlich das Brunftgeschrei eines liebestollen Hirsches, der sich beim Kamasutra das Geweih gebrochen hat.«
»Wer hat sich das Geweih gebrochen?« Sarah Fischer stand hinter den beiden und hielt einen Brief in der Hand.
»Ach, das war intern«, wiegelte Siebels ab.
»Auch gut. Hier ist ein Brief von Dr. Ritter. Sein Büro ist in Bad Homburg, die Adresse steht drauf. Den Brief können Sie mitnehmen, ich habe ihn kopiert.«
3
Der Verlag Anton Hubertus Möllenbeck befand sich im zweiten Stockwerk eines Wohn- und Geschäftshauses. Siebels und Till landeten an einem Empfangstresen, hinter dem eine telefonierende Frau den beiden zuzwinkerte und mit einer Handbewegung andeutete, dass sie gleich zur Verfügung stehen würde. Das Namensschild auf dem Tresen wies sie als Maja Mertens aus. Siebels verschaffte sich derweil einen Überblick über die Räumlichkeiten. Hinter dem Empfangsraum schien es nur noch zwei Büros zu geben, mehr Räume waren vom Empfang aus jedenfalls nicht auszumachen. Till betrachtete sich Maja Mertens. Glatte schwarze lange Haare mit einem Pony im Cleopatra-Schnitt, dunkelbraune Augen, roter Lippenstift auf fülligen Lippen und eine rauchige Stimme verliehen der Frau eine exotische Ausstrahlung. Während sie mit Engelszungen auf ihren Gesprächspartner einredete, zündete sie sich eine Zigarette an und schenkte Till ein Lächeln. Till lächelte zurück und hörte ihr beim Telefonieren zu.
»Sie müssen Geduld haben, Herr Jakob. So ein Projekt braucht Zeit. Vielleicht sollten Sie Ihre Werbeaktivitäten auch noch mal verstärken.«
Maja Mertens verdrehte genervt ihre Augen und hörte sich geduldig die Meinung von Herrn Jakob an. »Nein, Herr Jakob. Wir haben alles getan, was von unserer Seite möglich war. Ja, Herr Jakob. Aber natürlich, Herr Jakob. Herr Jakob, ich habe gerade Besuch bekommen. Ich rufe Sie später zurück.« Ohne auf eine Antwort zu warten, knallte Maja Mertens den Hörer auf den Apparat. »So, jetzt bin ich für Sie da«, sagte sie zu Till. »Was kann ich für Sie tun?«
»Wir kommen wegen einem Buch«, sagte Siebels.
»Dann sind Sie bei uns ja genau richtig. Haben Sie ein Manuskript dabei, das wir uns mal ansehen dürfen?«
»Wie gesagt, es geht um ein Buch, nicht um ein Manuskript.«
»Ihr Verlag hat es schon verlegt«, ergänzte Till.
Maja Mertens musterte die beiden einen Moment. »Sie sind aber noch keine Autoren in unserem Verlag, oder?«
Siebels zeigte ihr seinen Ausweis. »Kriminalpolizei. Mein Name ist Siebels.« Siebels deutete auf Till. »Mein Kollege Krüger.«
»Maja Mertens«, sagte Maja Mertens. »Was führt denn die Kriminalpolizei zu uns?«
»Ein Buch«, sagte Till und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Wir würden gerne den Verlagsleiter sprechen«, sagte Siebels. »Ist Herr Möllenbeck im Haus?«
»Herr Möllenbeck ist noch zu Tisch.« Maja Mertens schaute auf die Uhr. »Er müsste aber jeden Moment zurück sein. Ich bin seine rechte Hand. Kann ich Ihnen auch behilflich sein, bis Herr Möllenbeck wieder im Haus ist?«
Siebels zog das Buch aus seiner Tasche und legte es auf den Tresen.
»Ah, die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg. Warum interessiert sich die Polizei für so ein Buch?«
»Wir interessieren uns in erster Linie für den Autor. Leider konnten wir keinen Herrn von Mahlenburg ausfindig machen. Handelt es sich um ein Pseudonym?«
Maja Mertens schaute die beiden misstrauisch an. »Verraten Sie mir, was Sie von Herrn von Mahlenburg möchten?«
»Wir haben einige Fragen an ihn. Wir sind von der Mordkommission.«
»Mordkommission? Was ist denn passiert?«
»Jemand wurde ermordet«, sagte Siebels lapidar. »Können Sie uns nun sagen, wo wir den Autor finden können?«
In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein kleiner weißhaariger Herr betrat den Raum. »Oh«, sagte er. »Neue Nachwuchsautoren in den heiligen Hallen des Möllenbeck Verlags? Darf ich mich vorstellen, Anton Hubertus Möllenbeck.« Möllenbeck tänzelte um Siebels und Till herum und sprühte nur so vor Energie. Er war bestimmt schon über sechzig, aber noch voller Elan.
»Die Herren sind von der Kriminalpolizei. Genauer gesagt, von der Mordkommission«, klärte Maja Mertens ihn auf.
Möllenbecks Gesichtszüge froren auf der Stelle ein. Er musterte seine Besucher von Kopf bis Fuß und schaute dann fragend zu seiner rechten Hand, der Kopie von Cleopatra. Bevor die aber noch etwas sagen konnte, kehrte das Lächeln wieder in Möllenbecks Gesicht zurück. »Sie haben Ihre Lebenserfahrungen niedergeschrieben«, platzte es aus ihm heraus. »Sie haben sich den Frust von der Seele geschrieben. Kriminalfälle aus erster Hand, Insiderwissen, nächtelange Observierungen und verkrustete Staatsanwälte haben Sie zu diesem Schritt veranlasst. Jetzt brauchen Sie nur noch einen Verleger, einen, der Ihr Lebenswerk zum Leben erweckt und ein Buch daraus macht.« Möllenbeck hielt inne und schaute seine Besucher mit großen Augen an.
»Es geht um Frauengeschichten«, sagte Till.
»Ermordete Prostituierte«, platzte Möllenbeck heraus. »Wunderbar. Mit der Nitribitt hat es angefangen. Und jetzt kommen Sie und erzählen der Welt, wie tief der Sumpf tatsächlich ist.«
»Jetzt halten Sie mal die Luft an«, sagte Siebels.
»Es geht um die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg«, warf Maja Mertens nun ein.
»Ach so«, sagte Möllenbeck kleinlaut. »Da liegt es ja. Was ist denn damit?«
»Wir suchen den Autor. Sie werden doch bestimmt seine Adresse und seine Telefonnummer haben.«
»Ja, natürlich. Hat er jemanden ermordet?«
»Wir möchten den Autor dieses Buches als Zeugen vernehmen, das ist alles.«
»Dann kommen Sie mal mit in mein Büro.«
Möllenbeck führte die beiden in eines der beiden Zimmer. »Wer arbeitet denn in dem anderen Zimmer?«, fragte Till.
Möllenbeck schaute Till traurig an. »Da arbeitet niemand. Da stapeln wir die Manuskripte, die uns tagtäglich erreichen.«
Auch in Möllenbecks Zimmer stapelten sich Berge von bedrucktem Papier. Sie türmten sich auf seinem Schreibtisch und waren zu grotesken Papierpyramiden auf dem Fußboden angesiedelt. Hinter Möllenbecks Schreibtisch stand ein vollgestopftes Buchregal. Möllenbeck ließ einen veralteten Computer hochfahren und seufzte theatralisch. »Herr von Mahlenburg ist so ein adretter Herr. Ich hoffe doch sehr, dass er jetzt nicht in Schwierigkeiten geraten ist.«
»Wie viele Bücher wurden von seinem Werk denn gedruckt?«, wollte Siebels wissen.
»5.000«, schoss es aus Möllenbeck heraus.
»Und wie viele Bücher wurden bereits verkauft?«
»Einen Moment bitte, mein Computer ist nicht der schnellste. Da muss ich nämlich nachschauen.«
Der Computer ratterte und Möllenbeck summte vor sich hin. »So, na endlich«, sagte er dann. »Hier haben wir doch alles. 10 Bücher wurden verkauft. Die hat alle Herr von Mahlenburg gekauft.«
Siebels schaute ungläubig zu Till und Till zuckte mit den Schultern.
»Klingt nicht nach einem großen Erfolg«, sagte Till.
»Ich habe ihm zu einer Startauflage von 500 geraten. Aber Herr von Mahlenburg war sich ganz sicher. 5.000 sollten es für den Anfang sein. Was soll ich machen? Der Kunde ist König und Herr von Mahlenburg hat seine 5.000 Bücher umgehend bezahlt.«
»Wieso hat Herr von Mahlenburg die 5.000 Bücher bezahlt?«, fragte Siebels. »Ich dachte, er hat 10 Stück gekauft.«
»Er hat die Herstellungskosten für die 5.000 Stück bezahlt. Als Verleger von unbekannten Autoren kann ich natürlich nicht das wirtschaftliche Risiko übernehmen. Schon gar nicht, wenn ein Autor mit einer Startauflage von 5.000 Stück loslegen will. Nein, nein. Wir lassen die Bücher drucken, kümmern uns um die administrativen Dinge und stehen den Autoren mit Rat und Tat zur Seite. Mehr können wir leider nicht machen. Schon gar nicht finanzieren.«
Siebels schaute sich die Papierberge um ihn herum an. »Und wo lagern Sie diese Bücher?«
»In unserem Buchlager. Das sind drei große Hallen, voll mit Büchern.«
»In Frankfurt?«
»Nein, nein, das wäre ja unbezahlbar. Unsere Lagerhallen stehen seit einem Jahr in Rumänien. Zuvor standen sie in Polen. Aber in Rumänien ist der Grund und Boden doch um einiges günstiger. Und die Lohnkosten sind dort auch sehr moderat. Wir haben dort einen Lagerleiter beschäftigt.«
»Es ist also eher unwahrscheinlich, dass außer den 10 Büchern, die Herr von Mahlenburg gekauft hat, noch andere Exemplare in Umlauf gekommen sind?«
»Das ist ganz unmöglich. Die restlichen 4.990 Stück lagern auf Lagerplatz 2A11 in Rumänien. Wenn Sie Wert darauf legen, lasse ich eine Bestandsaufnahme vor Ort machen.«
»Das wäre sehr hilfreich, ja.«
»Ich schreibe Igor gleich eine E-Mail«, zeigte sich Möllenbeck kooperativ. »Igor ist unser Lagerleiter.«
»Welche Aufgaben hat denn Frau Mertens?«, wollte Till wissen.
»Oh, Frau Mertens ist in erster Linie für die Betreuung unserer Autoren zuständig. Das sind ja alles Künstler, müssen Sie wissen. Und des Künstlers Seele ist zart besaitet.«
»Und wer liest all das?«, fragte Siebels und deutete auf die Papierberge, die sich überall auftürmten.
»Tja, wer liest das? Wer will das schon lesen? Ich verschaffe mir nur einen Überblick über Umfang und Thema des Werkes und mache dem Autor dann ein unverbindliches Angebot.«
»Sie drucken also nur Bücher, die niemand liest«, resümierte Siebels.
»So kann man das nicht sagen.« Möllenbeck drehte sich herum und zog ein Buch aus dem Regal. »Dieses gute Stück hier ist bereits in der fünften Auflage. Kamasutra in allen Lebenslagen.« Der Titel prangte in dicken roten Buchstaben auf dem Buch.
»Die Technik der Liebe in höchster Perfektion«, las Siebels den Untertitel vor. »Das ist wirklich ein erfolgreiches Buch, davon habe ich schon viel gehört«, sagte Siebels und grinste vielsagend. Es handelte sich eindeutig um das Buch, dessen Inhalt für Till zum Beziehungsdesaster mit der wilden Simone wurde.
»Davon habe ich noch nie was gehört«, sagte Till und saß mit verschränkten Armen und versteinerter Miene auf seinem Stuhl.
»Wissen Sie was«, sagte Möllenbeck mit freudestrahlenden Augen. »Ich schenke Ihnen dieses Exemplar.« Kaum hatte er es ausgesprochen, drückte er es Till auch schon in die Hände.
»Die Adresse von Herrn von Mahlenburg benötigen wir noch«, kam Siebels wieder auf den Grund seines Besuches zurück.
»Na ja, eigentlich heißt er Jens Schäfer«, gab Möllenbeck etwas kleinlaut zu. »Er wohnt in Bornheim, im Sandweg. Ich drucke Ihnen die Adresse aus. Wie kommen Sie eigentlich zu seinem Buch?«
»Wir haben es bei einem Mordopfer gefunden«, verriet Siebels.
»Ach du meine Güte.« Möllenbeck kratzte sich am Kopf. »Und jetzt glauben Sie, er hat was mit einem Mord zu tun?«
»Wir glauben gar nichts. Wir ermitteln. Haben Sie das Buch von Herrn von Mahlenburg alias Herrn Schäfer mal gelesen?«
»Wie gesagt, ich habe es überflogen, bevor wir es in Druck gegeben haben. Die Grammatik war so weit ja ganz in Ordnung. Der Inhalt, na ja. Der gute Mann hält sich wohl für den Casanova der Neuzeit.«
»Wie war denn Ihr Eindruck von ihm? So als Mensch? Neigte er dazu, aggressiv zu werden?«
»Oh nein, ganz im Gegenteil. Er hat seine Rolle als Frauenverehrer auch in meiner Gegenwart immer vorzüglich gespielt. Übertrieben hat er es allerdings. So richtig ernst nehmen konnte man ihn nicht.«
»Na dann werden wir ihm mal einen Besuch abstatten«, beendete Siebels das Gespräch. Die beiden verließen Möllenbecks Papierfriedhof, jeder mit einem Buch in den Händen. Maja Mertens kam ihnen im Vorraum entgegen. »Sie möchten sich weiterbilden?«, fragte sie Till und zeigte verschmitzt lächelnd auf sein Kamasutra-Buch.
»Das ist der Bestseller im Möllenbeck Verlag«, erwiderte Till mit viel Skepsis in der Stimme.
»Ich weiß, ich habe es geschrieben«, hauchte Maja Mertens ihm zu und öffnete die Tür nach draußen.
Unten auf der Straße zündete sich Siebels eine Zigarette an. Till starrte auf sein neues Buch, das er schon so gut kannte. Tatsächlich stand Maja Mertens als Autorin darauf. »Sie hat es geschrieben«, sagte Till fassungslos.
»Rechtsanwalt oder Casanova?«, fragte Siebels.
»Was?«
»Einer von uns beiden fährt zum Anwalt der Familie Sydow. Ich will wissen, in welchen finanziellen Verhältnissen die Stieftochter von unserem Mordopfer lebt. Und einer besucht Philipp von Mahlenburg, alias Jens Schäfer, unseren Casanova.«
»Meinst du, ich könnte das Buch Frau Lehmkuhl schenken? So ganz unverfänglich? Als kleines Dankeschön für ihre gute Unterstützung?«
Siebels schaute Till ungläubig an. »Tu das nicht«, sagte er leise, aber sehr bestimmt.
»Ich denke noch mal drüber nach, vielleicht bietet sich ja mal eine Gelegenheit.«
»Ich fahre zu dem Anwalt, du nimmst dir ein Taxi und fährst zu Casanova. Ich rufe dich später an.«
Till nickte und betrachtete sein neues Buch. »Kannst du das mitnehmen? Ich hole es mir dann morgen früh aus dem Auto.«
»Wird wohl besser sein. Wenn du damit bei Casanova auftauchst, verbündet ihr euch am Ende noch. Du nimmst aber das hier mit.« Siebels hielt ihm die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg hin. Die beiden tauschten ihre Bücher aus und liefen entschlossen in entgegengesetzten Richtungen davon.
Mein perfekter Plan
Als ich vor einigen Wochen diesen eingebildeten Pfau getroffen habe, wusste ich sofort, dass er der perfekte Mann für meinen Plan ist. Als Mann kann man ihn zwar nicht unbedingt bezeichnen, eher als dreibeiniges Exemplar einer unterentwickelten Spezies, trotzdem gehörte ihm aber meine ganze Aufmerksamkeit. Die biedere Beate Sydow war auf ihn hereingefallen, hatte in ihm den perfekten Liebhaber gesehen. Aber ich musste mich persönlich davon überzeugen. Mit List verschaffte ich mir nächtlichen Zugang ins Haus, als die beiden schon im Bett zugange waren. Ihr Gestöhne hallte im ganzen Haus. Natürlich musste ich einen Blick wagen, die Schlafzimmertür stand einen Spalt weit offen. Sie wand sich hemmungslos im Bett, so viel Leidenschaft hätte ich ihr niemals zugetraut. Ich bekam endlich eine leise Ahnung, warum er sie damals ehelichte. Jetzt lag der eitle Pfau auf ihr, doch anstatt es ihr ordentlich zu besorgen, blickte er ständig zu dem Spiegelschrank neben dem Bett. Es war sein eigener Anblick, der ihn antörnte, das stöhnende Miststück unter ihm benutzte er als Sportgerät für seine gymnastischen Übungen.
Ich schaute dem Treiben eine Weile zu und hätte ihm am liebsten Tipps gegeben, wie er sie wirklich in Ekstase bringen könnte. Dass das Miststück von seinen lächerlichen Anstrengungen tatsächlich in einen Liebesrausch getrieben wurde, wagte ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich träumte sie intensiv von einem richtigen Mann, während er sie halbherzig bearbeitete. Einen Mann, wie sie ihn einmal hatte. Als einsame Witwe muss man sich halt mit weniger begnügen. Das Leben kann schon hart sein.
Während ich im Dunkeln an der Schwelle zu ihrem Schlafzimmer stand und meinen Gedanken nachhing, wurde ich unvorsichtig. Der eitle Pfau nahm mich zur Kenntnis. Er hatte mich im Spiegel entdeckt, in dem er seine Qualitäten als Liebhaber begutachtete. Erst erschrak er, dann erkannte er mich wieder. Er glaubte bestimmt an ein Déjà-vu. Erst kurz zuvor hatte er mich am Pool unten kennen gelernt. Sie konnte mich aber auf keinen Fall sehen. Sie sah bestenfalls die Decke und seinen Kopf, der mit ruckartigen Bewegungen über sie glitt. Ich signalisierte ihm, dass er sich mehr anstrengen sollte. Er wurde ziemlich nervös und ich befürchtete, dass sie etwas bemerken würde. Doch ich blieb an der Tür stehen und machte ihm weiter Zeichen. Feuerte ihn wortlos an. Es schien zu helfen. Er konzentrierte sich wieder mehr auf seine Aufgabe und zeigte dem alten Miststück endlich, was ein richtiger Mann ist.
Am nächsten Morgen beobachtete ich die beiden auf der Terrasse. Ein fast perfektes Paar. Doch ihr Liebesglück stand nur auf wackeligen Beinen. An diesem Morgen benahm er sich seiner Geliebten gegenüber ziemlich ekelhaft. Wahrscheinlich vermisste er meine Gegenwart. Da ahnte ich, dass er Wachs in meinen Händen sein würde und dass ich ihn formen würde, wie ich ihn haben will. Nur mit einem stummen Blick werde ich sein albernes Schwänzchen nach Herzenslust wackeln lassen. Mein Plan war noch nicht ausgereift, da baumelte die Marionette schon an meinen Fäden.
4
Siebels parkte seinen BMW in der Nähe des Bad Homburger Spielcasinos und lief ein paar Meter bis zur Kanzlei von Dr. Ritter. Er rauchte seine obligatorische Zigarette und als er sie austrat, dachte er kurz an seinen Vorsatz, sich das Rauchen endlich abzugewöhnen. Als sein Sohn Dennis vor etwa anderthalb Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, hatte Siebels seinen täglichen Konsum auf fünf Zigaretten am Tag heruntergeschraubt. Ganz lassen konnte er davon nicht, seine damaligen Ermittlungen im Fall der kalten Braut Sabine Lehmann zerrten zu sehr an seinen Nerven. Als dieser Fall für ihn abgeschlossen war, wurde es zwar wieder ruhiger in seinem Kriminalistenalltag, aber mit der täglichen Routine kamen auch wieder die routinemäßigen Griffe zur Zigarette und bald hatte er wieder sein durchschnittliches Päckchen am Tag weggeraucht. Er klingelte am Außentor der Kanzlei und fragte sich, ob er wenigstens für heute auf weitere Zigaretten verzichten sollte. Mit einem leisen Summen öffnete sich das Tor. Siebels schritt einen gepflasterten Weg entlang und blieb vor einer massiven Haustür stehen. Eine junge Frau öffnete ihm. Siebels stellte sich als Kriminalhauptkommissar vor, die junge Dame stellte sich als Azubi Julia vor.
»Sie kommen bestimmt wegen Frau Sydow?«, fragte Julia und führte Siebels durch eine geräumige Vorhalle einer mittelprächtigen Villa aus der Gründerzeit.
»Ganz genau. Sie haben schon davon gehört?«
»Ja, vor einer Stunde bekam Dr. Ritter einen Anruf.« Julia blieb stehen und schaute Siebels an. »Wissen Sie schon, wer es war?«
»Nein, leider nicht. Deswegen bin ich hier. Ich brauche noch mehr Informationen. Kannten Sie Frau Sydow?«
»Nicht wirklich. Ich bin ja erst im zweiten Lehrjahr. Notariatsfachangestellte will ich werden. Frau Sydow habe ich hier in der Kanzlei vielleicht zwei- oder dreimal gesehen.«
»Und Nadja Sydow. War die auch öfter hier in der Kanzlei?«
Julias Gesichtsausdruck verkrampfte sich plötzlich. Sie drehte sich ruckartig um und stieg die breite Holztreppe in den ersten Stock hinauf. »Nadja habe ich hier auch mal gesehen, ja«, sagte sie geistesabwesend und klopfte im oberen Stock an einer Tür, die sie dann auch gleich öffnete. »Herr Siebels von der Kriminalpolizei möchte Sie gerne sprechen, Herr Dr. Ritter.«
Julia verschwand von der Bildfläche und Dr. Ritter trat in Erscheinung. Der Mittfünfziger trug das schwarz getönte Haar nach hinten gekämmt, Haargel hielt seine Frisur in Form. Sein Jacket hing über seinem Stuhl, die Hemdsärmel hatte er bis zu den Ellenbogen aufgerollt. Stark behaarte Unterarme breiteten sich theatralisch aus. »Was für ein Schicksalsschlag«, sagte er und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Siebels setzte sich auf die Besucherseite des Schreibtisches.
»Woher wissen Sie schon davon?«
»Nadja Sydow hat mich vorhin angerufen. Die Stieftochter von Beate Sydow. Sie wollte ihrer Stiefmutter einen Besuch in deren Geschäft abstatten und traf dort auf Sarah Fischer. Frau Fischer haben Sie ja schon kennen gelernt, soweit ich weiß.«
»Ja, das ist richtig. Von ihr habe ich auch Ihre Adresse.«
»Dann wissen Sie sicher auch schon, dass ich mich um die Familie kümmere. Jedenfalls was die finanziellen Angelegenheiten betrifft. Herr Sydow hat ja ein beachtliches Vermögen hinterlassen.«
»Das ist der Grund meines Besuches«, sagte Siebels nachdenklich.
»Handelt es sich um einen Raubmord?« Dr. Ritter schaute Siebels hellwach an.
»Nein, nach Aussage von Frau Fischer fehlte nichts im Haus. Das muss Nadja Sydow natürlich noch bestätigen. Es gibt auch keine Einbruchspuren im Haus. Wir gehen zunächst davon aus, dass Frau Sydow ihren Mörder kannte. Anscheinend schwamm sie unbedarft in ihrem Pool, als es zu dem Mord kam.«
»Das ist aber sehr merkwürdig«, sagte Dr. Ritter und kniff seine Augenbrauen zusammen.
»Sagt Ihnen der Name Philipp von Mahlenburg etwas?«
Dr. Ritter lehnte sich zurück und winkte ab. »Leider ja. Ein Taugenichts, der Frau Sydow ausgenutzt hat. Ein Hochstapler, würde ich sagen.«
»Kennen Sie das Buch, das er geschrieben hat?«
»Er hat ein Buch geschrieben?«, fragte Dr. Ritter erstaunt.
Siebels erklärte ihm kurz, worum es in dem Buch ging.
»Dieser Typ ist wirklich unglaublich. Ich habe ihn überprüfen lassen, als ich erfahren habe, dass er eine Beziehung zu Frau Sydow pflegte. Er nannte sich Makler und Vermögensberater. Was soll ich Ihnen sagen, er war ein Fall für das Sozialamt. Abgebrochenes Studium der Germanistik. Danach Gelegenheitsjobber. Und dann der Aufstieg zum Playboy. Darin war er wohl ganz gut. Soweit ich weiß, war Frau Sydow sein erstes Opfer. Danach kamen wohl noch einige andere Damen. Aber als die Geschichte zwischen ihm und Frau Sydow erledigt war, habe ich mich nicht weiter um seine Umtriebigkeiten gekümmert. Glauben Sie, er hat sie ermordet?«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dann sein Buch dort liegengelassen hätte«, antwortete Siebels nachdenklich.
»Vielleicht hat er es gar nicht dort liegen lassen? Vielleicht wollte Ihnen jemand einen Hinweis geben und hat das Buch dort platziert?«
»Wer? Sarah Fischer? Nadja Sydow? Sie?«
»Ich bestimmt nicht.« Dr. Ritter hob abwehrend die Hände und lächelte ein gequältes Lächeln. »Nadja bestimmt auch nicht. Sie ist ein sehr direkter Mensch. Sie hätte die Polizei verständigt und Ross und Reiter beim Namen genannt. Vielleicht Frau Fischer. Ich weiß es nicht, es war ja auch nur eine Vermutung. Vielleicht hat der Herr von Mahlenburg ja auch einen an der Klatsche und will ein Spiel mit Ihnen spielen und hat sein Buch am Tatort aufgestellt? Er heißt übrigens Jens Schäfer im wirklichen Leben.«
»Ich weiß. Der Grund meines Besuches ist aber eigentlich Nadja Sydow. Stimmt es, dass Sie als Treuhänder über ihren Erbanteil verfügen?«
»Das ist richtig. Ihr Vater war nicht nur mein Mandant, wir waren auch gute Freunde. Er wusste schon länger, dass sein Herz nicht mehr richtig funktionierte, und hat frühzeitig seine Hinterlassenschaft geregelt. Er hat seine Firma verkauft und einen Großteil des Erlöses in Investments gesteckt. Außerdem hat er in seiner beruflichen Laufbahn einige Erfindungen hervorgebracht und patentieren lassen. Das spielt bis heute regelmäßig große Summen ein.«
»Das Haus am Lerchesberg hat er aber seiner Frau hinterlassen?«
»Ja, das Haus und einen größeren Betrag. Damit hatte Frau Sydow ausgesorgt. Nach dem Tod ihres Mannes hat sich Frau Sydow ja auch noch am Geschäft von Frau Fischer beteiligt.«
»Und Nadja? Wo wohnt sie? Wie sehen ihre finanziellen Spielräume aus?«
Dr. Ritter zupfte sich am nicht vorhandenen Schnurrbart. »Nadja wohnt in einer Eigentumswohnung. Auch diese Wohnung hat ihr Vater ihr noch zu Lebzeiten beschafft. Nadja hatte damals gerade mit ihrem Studium begonnen. Die Wohnung befindet sich ebenfalls auf dem Lerchesberg, nur ein paar Gehminuten vom Haus ihrer Eltern entfernt. Nadja bekommt ein monatliches Taschengeld von 2.000 Euro. Voraussetzung dafür war, dass sie ihr Abitur macht und ein Studium beginnt. Ihr Abitur hat sie mit einer glatten Eins bestanden. Ihr Psychologiestudium wird sie in Kürze beenden. Wenn sie das Studium erfolgreich beendet hat, bekommt sie die freie Verfügung auf ihre Konten.«
»Wie viel Geld liegt auf diesen Konten?«
Dr. Ritter schwieg einen Moment und Siebels bekam Lust auf eine Zigarette. »Wir sprechen von zirka drei Millionen Euro«, sagte Dr. Ritter dann leise.
Siebels zog die Augenbrauen nach oben. »Das ist viel Geld für eine junge Frau.«
»Ja, deswegen hat ihr Vater auch darauf bestanden, dass sie erst darüber verfügen kann, wenn sie ein Studium abgeschlossen hat.«
»Ist das rechtlich einwandfrei?«
»Ja, wenn Nadja einen anderen Weg gewählt hätte, hätte ich mit dem Geld eine Stiftung gegründet. Das war der Wille von Herrn Sydow. Ich muss dazu sagen, dass Nadja hochbegabt ist. Das Studium ist kein Problem für sie. Sie ist ein kleines Wunderkind und wird auf das Geld aus dem Erbe wahrscheinlich nie angewiesen sein.«
»Davon hat mir auch Frau Fischer schon berichtet. Ein hochbegabtes Kind, das allerdings Probleme im sozialen Bereich hat.«
»Das ist Quatsch«, fuhr Dr. Ritter Siebels an. »Nadja war Schulsprecherin, sie ist im Tierschutz aktiv tätig und pflegt eine Vielzahl von sozialen Kontakten. Mit ihrer Stiefmutter war sie vielleicht nicht immer ein Herz und eine Seele, aber es gab auch keine größeren Diskrepanzen zwischen den beiden. Nadja war schon sehr früh sehr selbstständig. Wie gesagt, sie bezog sofort nach dem Abitur eine eigene Wohnung. Dort wohnte zuvor ein früherer leitender Angestellter von Herrn Sydow, der damals in eine andere Stadt gezogen ist.«
»Hat Nadja einen festen Freund?«
»Nicht, dass ich wüsste. Warum wollen Sie so viel über Nadja wissen? Sie glauben doch nicht etwa, dass sie etwas mit dem Tod ihrer Stiefmutter zu tun hat?«
Siebels zuckte mit den Schultern und dachte wieder an eine Zigarette. Aber bei Dr. Ritter wurde anscheinend nicht geraucht. »Sie wird erwähnt. Im Buch von Herrn von Mahlenburg. Herr von Mahlenburg vermittelt darin den Eindruck, als wäre sie sexuell sehr aufgeschlossen.«
»Sie ist 27 Jahre alt und ungebunden. Was erwarten Sie von einer intelligenten, attraktiven, jungen Frau? Dass sie in Keuchheit lebt?«
»Ich versuche mir nur, ein Bild zu machen.«
»Dann sprechen Sie doch besser selbst mit Nadja. Ich bin nur ihr Treuhänder, nicht ihr Seelsorger.«
»Das werde ich tun. Können Sie mir ihre genaue Adresse aufschreiben?«
Dr. Ritter beschrieb einen Zettel und reichte ihn Siebels. Siebels sah auf seine Uhr. Es war gerade einmal eine halbe Stunde her, seit er seine letzte Zigarette geraucht hatte, und nun drängte es ihn schon wieder nach Nikotin.
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Nach der Episode im Pool war das harmonische Verhältnis zwischen Bea und mir nachhaltig gestört. Während meine Gedanken fortwährend um Nadja kreisten, bedachte mich Bea nur mit eisigen Blicken. Sie saß am Abend schweigend vor dem Fernseher. Sie bereitete weder ein Abendessen, noch zeigte sie irgendwelche Anstalten, mich in ihr Bett zu locken. Kurzum, sie ließ jedwegliche Reize vermissen, mit denen sie mich in den letzten Wochen gekonnt geködert hatte. Gelangweilt saß ich in ihrem großen Haus vor der Glotze und rauchte eine Zigarette. Fünf Wochen hatte ich es mit ihr ausgehalten. Der einen oder anderen kleinen Auseinandersetzung folgte die Versöhnung in ihrem Bett. Doch nun schien unser Verhältnis endgültig zerrüttet zu sein. Mir war es nur recht, mein goldener Käfig wurde mir allmählich zu eng. Ich sehnte mich nach meiner Freiheit und nach der Jagd auf das schwache Geschlecht. Ich hatte keine Zeit, mich um Beas Befindlichkeiten zu kümmern. Selbst wenn ich sie noch einmal um den Finger wickeln würde, die kleinen Geschenke würden nun immer kleiner werden und die Vorwürfe immer größer.
»Es tut mir leid«, sagte ich zu Bea. Sie ignorierte mich.
»Bist du mir immer noch böse?«, wagte ich einen neuen Versuch.
»Ich hätte gleich auf Sarah hören sollen«, nuschelte sie beleidigt vor sich hin.
»Wir hatten doch eine schöne Zeit«, säuselte ich ihr lieblich zu.
»Sarah hat mich von Anfang an vor dir gewarnt.«
»Jetzt lass doch diese blöde Zicke aus dem Spiel«, konterte ich.
»Du würdest doch liebend gerne in ihr Bett hüpfen«, giftete Bea weiter.
»Ach, bist du jetzt eifersüchtig?«, sagte ich und lachte dabei. Doch das machte Beas Stimmung nicht besser.
»Arroganter Scheißkerl«, bekam ich zur Antwort.
»Vielleicht sollten wir unsere kleine Affäre einfach beenden«, sagte ich und hoffte, aus der Nummer raus zu sein.
»Sie ist hiermit beendet«, sagte Bea lapidar. Das ging mir nun doch ein wenig zu schnell.
»Wollen wir zum Abschied nicht noch mal ins Bett? Eine letzte Versöhnung?« Mit verträumtem Blick sah ich sie an, doch eh ich mich versah, flog mir die Fernbedienung des Fernsehers gegen die Stirn, die sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.
»Verschwinde endlich«, schrie sie mich an.
Nun gut, es war kein ruhmreicher Abgang. Mit einer großen Beule auf der Stirn verließ ich Beas Haus. Die goldene Uhr, den flauschigen Bademantel, meinen Ausgehanzug von Armani, meine Zahnbürste und mein Rasierzeug packte ich in eine lederne Reisetasche. Ich fragte Bea noch, ob sie die Tasche wiederhaben wollte, aber sie legte keinen Wert darauf. So beendete ich das Kapitel mit Bea und war voller Vorfreude auf das nächste Kapitel, das das Leben für mich bereithielt.
Das Taxi hielt im Sandweg vor dem Wohnhaus von Jens Schäfer alias Philipp von Mahlenburg. Till klappte das Buch zu und bezahlte den Fahrer. Im Erdgeschoss des Hauses war eine kleine Stehpizzeria untergebracht. Till bekam Hunger, aber seine Neugier auf den Casanova war stärker als sein Magenknurren. Er suchte die Klingelschilder ab, fand keinen von Mahlenburg, aber einen J. Schäfer.
»Ja bitte?«, fragte Jens Schäfer, als Till vor seiner Tür stand.
»Sie sind der Autor?«, fragte Till und hielt ihm die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg vor die Nase.
Schäfer huschte ein Lächeln über die Lippen. »Ja, das ist aber eine Überraschung. Ich habe es ja unter einem Pseudonym geschrieben. Aber ich dachte mir schon, dass mein richtiger Name irgendwann ans Licht kommt. Die Leute sind ja neugierig, wenn sie so etwas lesen. Möchten Sie ein Autogramm?«
»Ich möchte eine Aussage«, sagte Till lapidar.
Schäfer schaute erst etwas verwirrt, dann hellten sich seine Gesichtszüge auf. »Ein Statement«, stieß er hervor. »Sie sind Journalist. Für welche Zeitung arbeiten Sie?«
Jetzt schaute Till ihn verwirrt an, dann zeigte er Schäfer seinen Dienstausweis. »Kriminalpolizei. Krüger mein Name. Es geht um Beate Sydow. Darf ich reinkommen?«
»Hat mich die blöde Kuh etwa angezeigt?« Schäfer trat zur Seite und ließ Till eintreten.
»Die blöde Kuh ist tot«, sagte Till und schaute sich in Schäfers Wohnung um. Es war eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad.
»Tot? Bea? Und was wollen Sie jetzt von mir?«
Till hielt wieder das Buch hoch. »Das haben wir dort gefunden. Draußen auf der Terrasse. Frau Sydow starb in ihrem Pool.«
»Das gibt’s doch gar nicht«, stammelte Schäfer und setzte sich auf einen Stuhl. Till setzte sich auf den zweiten vorhandenen Stuhl. Sonst standen in dem Raum noch ein kleines Tischchen, ein Bügelbrett und ein mit Socken und Unterhosen behängter Wäscheständer.
»Doch, das gibt es. Und jetzt fragen wir uns, warum Frau Sydow in ihrem Pool ertränkt wird und gleich daneben ein Buch liegt, in dem Sie beschreiben, wie Sie Frau Sydow fast in diesem Pool ertränkt hätten. Haben Sie eine Erklärung dafür?«
»Der Täter muss das Buch gelesen haben und will mir nun die Schuld in die Schuhe schieben«, stieß Schäfer hervor.
»Wer hat denn alles das Buch gelesen?«
»Das weiß ich doch nicht. Das kann man doch in jeder Buchhandlung kaufen.«
»Tut aber niemand. Es wurden vom Verlag genau zehn Bücher verkauft. Und zwar alle zehn an Sie.«
»Das kann doch gar nicht sein. Wie kommen Sie denn darauf? Es wurden 5.000 Bücher gedruckt.«
»4.990 lagern in Rumänien. Wir haben uns vorhin mit Ihrem Verleger unterhalten. Also, wo sind die 10 Bücher geblieben?«
»In Rumänien? Warum in Rumänien? Dieses Buch wird ein Renner. Sie wollen mich hier wohl ins Kreuzverhör nehmen?«
»Aber nicht doch«, beschwichtigte ihn Till. »Ich bin hier, um Sie als Zeugen zu befragen. Wenn wir Sie verhören wollen, bekommen Sie eine Vorladung auf das Präsidium. Ich möchte doch nur wissen, was es mit diesem Buch auf sich hat und wer es alles gelesen hat.«
»Dazu kann ich leider keine Aussage machen.« Schäfer verschränkte die Arme vor der Brust und starrte in die Luft.
»Warum nicht?«
»Weil ich meine Leser nicht in Schwierigkeiten bringen will.«
»Momentan bringen Sie nur sich selbst in Schwierigkeiten. Haben Sie denn von den zehn Büchern noch welche hier?«
»Ich möchte keine Aussage dazu machen«, wiederholte Schäfer trotzig.
»Sie haben Beate Sydow ein Buch geschickt, ist das richtig?«
Jens Schäfer schluckte und wischte sich Schweißperlen von der Stirn. »Ja«, murmelte er dann vor sich hin. »Das Buch haben Sie ja jetzt.«
»Falsch. Das Buch, das Sie ihr geschickt haben, hat sie verbrannt. Dieses hier muss also ein anderes sein. Ich frage mich nur, wo es herkommt.«
»Vielleicht hatte sie einen neuen Liebhaber, der von dem Buch erfahren hat. Vielleicht kam es deswegen zum Streit und er hat sie umgebracht.«
»Sehen Sie, das wäre eine Möglichkeit. Und deswegen möchte ich gerne wissen, wo Ihre zehn Bücher abgeblieben sind.«
»Ich habe sie den Frauen geschickt.«
»Den Frauen, die Sie in dem Buch verarbeitet haben? Mit denen Sie ein Verhältnis hatten?«
»Ja, verdammt noch mal.« Schäfer wurde die Situation immer unangenehmer.
»Warum haben Sie das getan?«
»Weil ich ihnen endlich zeigen wollte, wie erbärmlich sie sind«, sprudelte es plötzlich aus Schäfer heraus. »Sie haben mich alle behandelt wie ein Spielzeug. Wenn sie Lust zum Spielen hatten, haben sie mich gerufen, wenn nicht, durfte ich wieder gehen. Aber wenn ich mal nicht wollte, waren sie beleidigt. Einsame, verbitterte Frauen, die sich was vormachen und glauben, die Männer müssten ihnen zu Füßen liegen und nach ihrer Pfeife tanzen. Ich wollte ihnen mit dem Buch einen Spiegel vor das Gesicht halten. Das ist alles.«
»Das liest sich im Buch aber ganz anders. Ich hatte eher den Eindruck, dass die Frauen nach Ihrer Pfeife tanzen sollten.«
»Für den oberflächlichen Betrachter mag das so aussehen. Wer sich mit dem Buch ernsthaft auseinandersetzt und bereit ist, sich in die Tiefen meiner Zeilen zu stürzen, der wird mir nur zustimmen können.«
»Ach so«, sagte Till und traute seinen Ohren nicht. Er nahm sich vor, schnellstmöglich auch die anderen Episoden des Philipp von Mahlenburg zu lesen. Ob er viel tiefer in die Zeilen stürzen konnte, bezweifelte er. Er blättere vor Schäfers Augen neugierig in dem Buch. »Sie haben Ihre Beziehungen zu vier verschiedenen Frauen darin verarbeitet, also haben Sie vier Bücher an die Frauen geschickt. Was ist mit den anderen sechs Büchern?«
Schäfer zuckte mit den Schultern. »Ich habe sie wohl verschenkt.«
»An wen?«
»Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe mit so vielen Leuten über das Buch gesprochen, als es rauskam. Dem einen oder anderen habe ich vielleicht ein Lese-Exemplar in die Hand gedrückt.«
»Sie haben keines mehr?«
»Nein. Ich habe ja das Manuskript. Aber ich werde mir wohl wieder welche vom Verlag besorgen müssen.«
»Falls mal jemand wieder ein Lese-Exemplar haben möchte?«
»Ganz genau.«
»Haben Sie noch Kontakt zu Nadja Sydow?«, wechselte Till das Thema.
Schäfer erschrak, als er den Namen Nadja hörte. Wieder bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. »Nein, wie kommen Sie auf Nadja?«
»Sie scheint Sie schwer beeindruckt zu haben. Immerhin war es ihre Anwesenheit, die Sie dazu veranlasst hat, Beate Sydow unter Wasser zu drücken. So, wie ihr Mörder es auch getan hat.«
»Das war doch nur ein Spiel«, wehrte Schäfer ab. »Ich hätte sie doch niemals ertränkt.«
»Manchmal wird aus einem Spiel schnell Ernst. Manchmal sogar tödlicher Ernst. Wo waren Sie heute Morgen zwischen sechs und zehn Uhr?«
»Hier. Ich habe bis neun Uhr geschlafen. Dann habe ich Wäsche gewaschen.«
»Keine Zeugen?«
»Ich war allein.«
»Wann genau haben Sie die Beziehung zu Frau Sydow beendet?«
Schäfer überlegte einen Moment. »Das muss jetzt ungefähr fünfzehn Monate her sein.«
»Und seitdem waren Sie nicht mehr im Haus von Frau Sydow?«
»Nein.«
»Und Nadja Sydow haben Sie seitdem auch nicht mehr gesehen?«
»Nein.«
»Gut, Herr Schäfer. Das war es fürs Erste. Falls Ihnen doch noch einfällt, wem Sie die verbliebenen sechs Bücher gegeben haben, melden Sie sich bitte. Hier ist meine Karte. Vergessen Sie nicht, dass der Mörder von Frau Sydow darunter sein könnte. Und wenn dem so ist, zieht er Sie ganz tief in den Schlamassel. Es gibt also gar keinen Grund für Sie, jemanden zu decken.«
»Ja«, sagte Schäfer nur und nahm die Karte von Till.
5
Mein perfekter Plan
Ich ließ mir Zeit mit meinem Plan. Es sollte ein perfekter Plan werden und nach drei Wochen war er ausgereift. Mit dem Plan im Kopf besuchte ich den eitlen Pfau in seiner Behausung im Sandweg. Seinen richtigen Namen und seine Adresse hatte ich schnell herausgefunden. Seine Gespielin hatte ihm nach der unschönen Episode im Pool den Laufpass gegeben, nun würde ich das herrenlose Hündchen wieder einfangen.
Er staunte nicht schlecht, als ich vor seiner Wohnungstür stand.
»Hallo, Herr Schäfer«, sagte ich lächelnd und schlüpfte an ihm vorbei in die Wohnung hinein. Hastig schloss er die Tür hinter mir. Der feine Philipp von Mahlenburg hauste in recht beengten Verhältnissen. Er versuchte, sein überhebliches Lächeln aufzusetzen, was ihm aber in seinem Hamsterkäfig nicht recht gelang.
»Das ist mein kleines Rückzugsgebiet«, sagte er kleinlaut.
Ich beachtete ihn erst mal nicht, sondern verschaffte mir einen Überblick über seine Behausung. Es war bestenfalls eine Studentenbude auf Bafögniveau.
»Warum fickst du sie denn nicht mehr?«, fragte ich wie beiläufig und betrachtete mir sein Schlafzimmer. Er trottete hinter mir her.
»Wir haben uns auseinandergelebt«, sagte er kurz angebunden.
Ich öffnete seinen Kleiderschrank, nahm vereinzelte Wäschestücke heraus, betrachtete sie mir eingehend, roch daran und ließ sie dann achtlos zu Boden fallen. »Wen fickst du jetzt?«, fragte ich frei heraus.
Er sah verblüfft zu, wie ich nach und nach seine Wäsche aus dem Schrank nahm und sie auf dem Fußboden verteilte.
»Ich brauche etwas Zeit für mich«, sagte er, setzte sich auf sein Bett und sah zu, wie der Inhalt seines Kleiderschrankes auf dem Fußboden landete.
»Du brauchst eine Frau«, gab ich ihm zur Antwort.
»Was machst du da?«, fragte er verwirrt.
Ich ließ gerade sein letztes Hemd auf den Boden fallen, dann war sein Schrank leer. »Hast du eine Zigarette für mich?«, fragte ich, drehte mich um und lief über seinen Kleiderhaufen.
»Zieh dich aus«, sagte er mit gierigem Blick. Ich brach in schallendes Gelächter aus.
»Räum deinen Schrank wieder ein«, sagte ich vergnügt und setzte mich rauchend auf sein Bett. Philipp von Mahlenburg entpuppte sich als artiger Junge und räumte seine Klamotten wieder ordentlich zusammengelegt in den Schrank. »Mich fickst du nicht«, machte ich ihm umgehend klar, als er fertig war. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
»Warum bist du dann hier?«, fragte er beleidigt.
Ich kramte das Foto aus meiner Tasche und hielt es ihm vor die Nase.
»Wer ist das?«, fragte er neugierig.
»Ihr Name und ihre Adresse stehen auf der Rückseite«, gab ich ihm zur Antwort. Er drehte das Foto herum und sah mich fragend an.
»Ich möchte, dass du sie fickst«, klärte ich ihn auf. Er betrachtete sich wieder das Foto. Dann schaute er mich an. Ich ging einen Schritt auf ihn zu, stand ganz dicht vor ihm, schaute ihm tief und eindringlich in die Augen, spürte, wie er weiche Knie bekam. »Schaffst du das, Philipp von Mahlenburg?«
»Natürlich«, sagte er mit trockener Kehle. »Wenn du es willst.«
»Ich will es«, gab ich ihm noch einmal nachdrücklich zu verstehen. »In spätestens einer Woche bist du ihr Geliebter. Ich melde mich wieder. Enttäusche mich nicht.« Ich ließ ihn stehen und verließ seinen Hamsterkäfig. Mein Plan nahm langsam konkrete Formen an.
Siebels fuhr nach seinem Besuch bei Dr. Ritter zurück nach Frankfurt ins Präsidium und schrieb die ersten Berichte zum neuen Fall. Anna Lehmkuhl hatte eine E-Mail geschrieben. Die ersten Untersuchungen am Leichnam von Beate Sydow haben nichts Neues ergeben, aber das bestätigt, was sie am Tatort bereits vermutet hatte. Den abschließenden Bericht sollte Siebels in ein bis zwei Tagen bekommen. Als Siebels seinen Bericht getippt hatte, rief er Till auf dessen Handy an.
»Was sagt unser Casanova?«, wollte Siebels wissen.
»Er wurde von Frau Sydow ausgenutzt. Man muss aber sehr tief in seinen Zeilen lesen, um das zu verstehen. Irgendwas stimmt mit ihm nicht, aber ich bin mir nicht ganz sicher, was. Er weigerte sich beharrlich, mir zu erzählen, wem er seine zehn Bücher vermacht hat. Als ich ein wenig nachgebohrt habe, hat er wenigstens zugegeben, dass er den Frauen aus seinem Buch jeweils ein Exemplar geschickt hat. Was mit den restlichen sechs Stück passiert ist, wollte er mir partout nicht erzählen. Vielleicht sollten wir den Kerl mal eine Weile observieren.«
»Hmm«, brummte Siebels. »Morgen befragen wir erst mal Nadja Sydow und dann sehen wir weiter. Kommst du noch mal ins Büro?«
»Ich wollte gleich in die Gerichtsmedizin und Frau Lehmkuhl fragen, ob es etwas Neues gibt.«
Siebels erzählte nichts von der E-Mail, die Anna Lehmkuhl bereits geschrieben hatte. Sollte Till sich doch die Hörner abstoßen. »Mach das, wir sehen uns dann morgen.«
Das Kamasutra-Buch lag auf dem Schreibtisch. Siebels nahm es zur Hand und las die Informationen über die Autorin.
Maja Mertens, geboren 1983 in Wiesbaden, arbeitet seit drei Jahren bei dem Verlag Anton Hubertus Möllenbeck und betreut dort die hauseigenen Autoren. 2008 brachte sie ihre vielbeachteten Interpretationen zum Kamasutra heraus, dem weltweit bekannten indischen Lehrbuch über die sexuelle Vereinigung zweier Menschen. Maja Mertens beschreibt mit einfachen Worten die Vor- und Nachteile der vielfältigen Stellungen beim Liebesakt und haucht dem Kamasutra somit in Deutschland neues Leben ein.
Siebels betrachtete sich das Foto der Autorin und fragte sich, auf welche Weise sie für das Buch recherchiert hatte. Er blätterte in dem Buch und betrachtete sich die Zeichnungen und Bilder der vielen Stellungen beim Liebesakt. Manchmal fragte er sich, wie man sich dabei lieben konnte, ohne sich die Knochen zu brechen. Interessiert las er Maja Mertens Kommentare zu der einen und anderen Stellung, die sie immer erst aus Sicht der Frau und dann aus der Sicht des Mannes wiedergab. Siebels vergas die Zeit und las fast das ganze Buch. Die Melodie von der Biene Maja holte ihn schließlich in die Realität zurück. Seine zukünftige Frau, Sabine Karlson, hatte ihn angerufen.
»Kannst du dich noch daran erinnern, was wir heute machen wollen?«, fragte sie ihn.
Mit einem Schreck fiel es Siebels wieder ein. »Die Hochzeitsplanung. Denkst du vielleicht, so etwas vergesse ich?«
»Genau das denke ich.«
Eine Dreiviertelstunde später saß Siebels am Küchentisch im trauten Heim. Sohn Dennis hatte er noch in den Schlaf gewiegt. Nun trank er ein Bier aus der Flasche und sah Sabine erwartungsvoll an. Sie saß mit Kugelschreiber und Block am Tisch.
»Wen willst du alles einladen?«, fragte sie und machte sich bereit zum Mitschreiben.
Siebels schaute sie nachdenklich an. »Na ja, Till halt eben. Und Charly.«
Sabine legte den Kugelschreiber zur Seite. »Till und Charly. Das ist alles? Mehr Leute kennst du nicht?«
»Staatsanwalt Jensen lade ich nicht ein«, gab Siebels mit breiter Brust von sich.
»An den hatte ich auch nicht gedacht. Eher an Kollegen, Freunde, Bekannte, Verwandte. Da muss es doch noch mehr geben als Charly und Till.« Sabine schüttelte den Kopf.
»Meine Exfrau werde ich wohl kaum einladen«, mokierte sich Siebels und nahm einen großen Schluck Bier zu sich.
»Aber vielleicht deine Tochter?«
Siebels verschluckte sich am Bier, bekam einen Hustenanfall und spuckte das Bier wieder auf den Küchentisch. Sabine schüttelte erneut den Kopf, holte einen Lappen und wischte die Sauerei weg.
»Ich weiß nicht, ob meine Tochter Lust hat, auf unsere Hochzeit zu kommen. Sie wird bald achtzehn. Ich habe sie schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.«
»Dann wird es ja wohl mal wieder Zeit. Ruf sie an.«
»Ja, ja. Ich rufe sie an. Am Wochenende.«
»Nein. Jetzt.« Sabine holte das schnurlose Telefon in die Küche und legte es auf den Tisch. Siebels betrachtete das Telefon, machte aber keine Anstalten, es in die Hand zu nehmen.
»Was ist los? Ruf sie an.«
»Vielleicht hat sie einen Freund?«
»Na und? Den kannst du dann gleich mit einladen.«
»Anna Lehmkuhl!«, rief Siebels aus. »Ich lade Anna Lehmkuhl ein.«
»Wer ist Anna Lehmkuhl?«
»Die neue Gerichtsmedizinerin. Die Nachfolgerin von Petri. Der ist nämlich jetzt im Ruhestand. Genau, den Petri lade ich auch ein. Dann fühlt sich Frau Lehmkuhl auch nicht so allein. Sie kennt ja sonst niemanden.«
»Du kennst ja auch niemanden.«
»Ich habe doch dich. Und unseren Dennis. Warum sollte ich sonst noch jemanden kennen?«
Sabine zeigte auf das Telefon. »Ruf sie an!«
»Till gefällt sie auch ganz gut.«
»Wer? Deine Tochter?«
»Um Himmels willen. Nein. Anna Lehmkuhl.«
»Rufst du sie nun an oder soll ich das machen?«
»Ich hole mir erst mal noch ein Bier aus dem Keller.«
»Ist im Kühlschrank.«
Siebels nickte zerknirscht und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Als er sich wieder setzte und den ersten Schluck zu sich genommen hatte, wurde er wieder mit Sabines Blick konfrontiert, die abwechselnd ihn und das Telefon ansah.
»Ist ja gut. Ich rufe sie an.« Siebels suchte die Nummer seiner Tochter im Kurzwahlspeicher und rief schließlich an. Sein Herz schlug schneller, als das Freizeichen kam. Dann meldete sie sich.
»Hallo Jenny. Ich bin es, dein Vater. Wie geht es dir? ... Gut? Das freut mich. Und sonst? ... Warum ich anrufe? Ja, ähm ... also ich wollte dich einladen. Du weißt ja, dass ich noch einen Sohn bekommen habe. Er fängt gerade an zu laufen. Da muss ich immer an dich denken, wie du damals die ersten Schritte gemacht hast. Nein, deswegen rufe ich nicht an. Die Sache ist die, Sabine und ich, wir wollen heiraten. Und ich würde dich gerne zur Hochzeit einladen.«
Sabine beobachtete Siebels, auf dessen Lippen sich plötzlich ein Lächeln abzeichnete.
»Wirklich? Das wäre großartig. Am 25. September. Du bekommst natürlich noch eine schriftliche Einladung. Ja, ich bin sehr glücklich. Wenn du einen Freund hast, kannst du ihn natürlich auch mitbringen. Was? Vorher schon? Eine Woche Urlaub in Frankfurt? Ähm. Ja, klar. Grüß Mama von mir. Bis dann. Ciao, meine kleine Prinzessin.«
Siebels legte das Telefon wieder auf den Tisch und nahm erneut einen großen Schluck Bier. »Sie kommt. Sie freut sich und will sogar eine Woche früher kommen. Alte Freundinnen besuchen und so.«
»Na siehst du, war doch gar nicht so schwer.«
»Ich freue mich riesig drauf, meine Kleine bald mal wiederzusehen.«
»Und wen laden wir jetzt noch ein?«
»Jetzt langt es aber. Willst du nicht noch zwei, drei Leute einladen? Dann hätten wir doch eine schöne Gesellschaft.«
»Auf meiner Liste stehen dreißig Leute.«
Siebels verschluckte sich erneut und hustete drauflos. Dieses Mal schaffte er es aber, das Bier bei sich zu behalten. »Dreißig?«
»Dreißig. Ein paar Freundinnen, ein paar ehemalige Kollegen, Verwandtschaft aus Schweden, ein paar Mütter vom Babyschwimmen, meine ehemaligen Nachbarn und meine Eltern natürlich.«
»Dreißig«, ließ sich Siebels auf der Zunge zergehen. »Und du dachtest, ich hätte auch noch mal dreißig auf meiner Liste? Das wären dann ja sechzig Leute. Eigentlich dachte ich, so eine Hochzeit sollte ein schöner Tag werden. Mehr für das Brautpaar, weniger für die Bagage drum herum.«
Sabine lachte herzhaft. »Vielleicht kann ich ja noch die eine und den anderen von meiner Liste streichen.«
»Also ich habe jetzt Till, Charly, Anna Lehmkuhl, Petri und meine Tochter. Wenn du auch auf fünf reduzierst, kommen wir auf zehn. Plus wir beide sind zwölf. Alles, was darüber ist, wird doch unübersichtlich.«
»Wir brauchen auch noch einen Babysitter.«
»Da könntest du die Mütter vom Babyschwimmen streichen und eine davon als Babysitter einstellen. Dennis könnte ja vielleicht bei einem Kumpel vom Schwimmen übernachten, oder?«
»Ich sehe mal, was sich machen lässt. Wenn ich meine Liste gekürzt habe, müssen wir uns dringend nach einem passenden Lokal umschauen. Die Zeit wird immer knapper.«
»Dennis schläft gerade tief und fest, kann das sein?«, wechselte Siebels das Thema.
»Es scheint so, ja. Warum?«
»Weil ich scharf auf meine Braut bin«, raunte Siebels, nahm Sabine bei der Hand und zog sie hinter sich her ins Schlafzimmer. Kurz darauf lagen sie entkleidet im Bett. Siebels kam immer mehr in Fahrt und machte Dinge, die er vorher noch nie gemacht hatte.
»Bist du betrunken?«, fragte Sabine lachend.
»Ich bin stocknüchtern«, schnaufte Siebels.
»Was tust du da?«
»Ich mache Liebe.« Siebels wälzte sich hin und her und versuchte ständig die Position zu ändern.
»Erinnert mich mehr an Turnübungen«, sagte Sabine verblüfft und ließ Siebels gewähren.
Siebels fand langsam in die Stellung, die ihm in dem Kamasutra-Buch so gut gefallen hatte.
»Hmmmm, das ist gut«, hörte er Sabine noch flüstern, dann vergaß er alle Konversation.
Till war nach seinem Besuch bei Jens Schäfer mit dem Taxi zurück ins Präsidium gefahren. Dort war er auf seine Gold Wing gestiegen und hatte sich umgehend auf den Weg in die Gerichtsmedizin gemacht. Als er dort seine schwere Maschine abstellte, kam Anna Lehmkuhl gerade aus dem Gebäude. Sie erkannte ihn erst nicht, weil er seinen Helm noch auf dem Kopf trug.
»Machen Sie schon Feierabend?«, fragte er und nahm seinen Helm ab.
»Ach, Sie sind es. Ja, ich mache heute mal früher Schluss. Einen vorläufigen Bericht habe ich ja schon an Herrn Siebels geschickt.«
»Davon hat er mir gar nichts gesagt. Gibt es etwas Neues?«
»Nein, bis jetzt noch nicht. Ein schönes Motorrad haben Sie da.«
Till streichelte über den Tank seiner Gold Wing. »Leider komme ich kaum dazu, sie zu fahren. Meistens bin ich im Dienstwagen unterwegs.«
»Da würde ich gern mal als Sozius mitfahren.« Anna Lehmkuhl berührte fasziniert die schwere Maschine.
Till traute seinen Ohren nicht. Er wollte etwas erwidern, ihm fiel aber nichts ein. Er nickte nur stumm und schaute Anna Lehmkuhl an, als wäre sie eine Außerirdische.
»Jetzt muss ich aber los«, sagte die dann und ging zum Parkplatz.
»Vielleicht können wir ja am Wochenende mal eine kleine Spritztour machen«, rief Till ihr hinterher.
Anna Lehmkuhl drehte sich noch einmal um. »Warum nicht. Rufen Sie mich am Freitag an.«
Till hob einfach nur den Daumen, weil es ihm erneut die Sprache verschlagen hatte. Anna Lehmkuhl stieg in einen roten Mini und fuhr los. Sie winkte noch einmal Till zu und gab dann Gas.
Till schaute ihr noch eine Weile verträumt hinterher, dann stieg er auf seine Maschine, fuhr zum Main hinunter, stellte sein Motorrad ab, ging zum Flussufer und setzte sich im Schneidersitz an das Wasser. Es herrschte viel Betrieb. Jogger und Inline-Skater bewegten sich sportlich am Fluss entlang, Grüppchen von Teenagern bevölkerten die Wiesen, Banker genossen den Feierabend im Schatten ihrer Bürohochhäuser, deren Skyline imposant in den Himmel ragte. Till nahm sich sein Buch zur Hand und las das nächste Kapitel.
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Hanni wirkte auf den ersten Blick immer etwas schüchtern und weltfremd. Aber das täuschte. Sie sah aus wie eine graue Maus, mit ihrem hochgesteckten Haar, ihrer Drahtgestellbrille, die sie meist auf der Nasenspitze trug und den langen Röcken und bis zum Hals verschlossenen Blusen. Aber auch das täuschte. Hanni war Lehrerin an einem Gymnasium und fürchtete um ihren guten Ruf. Sie war schlank und hatte eine gute Figur, nur fiel das bei ihrer Art sich zu kleiden gar nicht auf. Wenn wir spazieren gingen, legte ich gerne mal meine Hand auf ihren Po. Hanni war 46 und hatte noch ein sehr knackiges Hinterteil. Wenn wir unter Menschen waren, duldete sie meine Hand dort unter keinen Umständen. Waren wir allein in einer einsamen Gegend, konnte sie meine Hand nicht lang genug auf ihrem Hintern spüren. Hanni hatte ihr Leben lang gespart. Sie war nie verheiratet gewesen und Liebhaber hatte sie auch kaum welche gehabt. Hier und da mal ein Techtelmechtel, aber da war niemand, der wirklich mal zu ihr vorgedrungen wäre. Ich hatte mich bemüht, hatte ihr tagelang den Hof gemacht, sie mit kleinen unverfänglichen Komplimenten überschüttet, mich stundenlang mit ihr unterhalten. Vornehmlich über klassische Musik. Bach, Chopin, Wagner. Sie liebte alte Filme und lange Spaziergänge. Oft kehrten wir nach solchen Spaziergängen in einem Café ein. Das erste Mal hatte ich noch bezahlt. Aber Hanni verstand bald, dass ich eine kleine Durststrecke vor mir hatte und eine große hinter mir. Bald zückte sie bereitwillig ihre Geldbörse, wenn Kaffee und Kuchen abgerechnet wurden. Als sie sich daran gewöhnt hatte, bezahlte sie auch ohne Aufhebens die Karten für die Oper und das Taxi. Ich revanchierte mich in ihrem Bett. Hanni war eine Genießerin. Nichts durfte zu schnell gehen. Sie genoss mich mit allen ihren Sinnen. Sie betrachtete mich, roch an mir, befühlte mich, schmeckte mich und legte manchmal sogar ihr Ohr auf meine Brust, um mein Herz schlagen zu hören. Hanni nahm sich beim Sex viel Zeit. Sie konnte stundenlang küssen, fragte mich zwischendurch, an was ich dachte. Ich dachte natürlich nur an sie, an uns, an sonst nichts. Wenn ich ihr das sagte, küsste sie mich wie von Sinnen. Hanni brauchte nicht viel Schlaf. Wir liebten uns oft bis in die frühen Morgenstunden. Danach schlief sie glücklich noch drei bis vier Stunden und machte sich dann fertig für die Schule. Ich blieb dann oft bis mittags in ihrem Bett liegen. Leider hatte Hanni keinen Fernseher im Schlafzimmer. Hanni hatte nur einen winzig kleinen würfelförmigen Apparat mit Zimmerantenne im Wohnzimmer stehen. Im Zeitalter vom Flachbildschirm mit hochauflösender Bildqualität war es eine Zumutung, auf diesem Ding fernzusehen. Gleich am nächsten Tag startete ich meinen ersten Versuch, Hanni einen modernen Fernseher schmackhaft zu machen. Sie winkte gelangweilt ab. Ich ließ nicht locker und bald führten wir eine hitzige Diskussion über das kulturelle Leben und schließlich hatten wir unseren ersten handfesten Streit. Hanni hatte Prinzipien. Ich beantwortete Hannis Sturheit mit konsequentem Liebesentzug. Drei Tage später standen wir in einem Elektronikmarkt. Der Verkäufer zeigte uns die Neuheiten, ich entschied mich für das teuerste Modell und Hanni zückte ihre Kreditkarte.
Till klappte das Buch schmunzelnd wieder zu. Die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg und das Auftreten von Jens Schäfer brachte er nicht zusammen. Er fragte sich, ob es sich tatsächlich um ein und dieselbe Person handelte, oder ob Schäfer nur ein Strohmann war, hinter dem sich Philipp von Mahlenburg versteckte. Das mussten ihm aber Sarah Fischer und Nadja Sydow beantworten können. Oder Hanni, dachte er. Till klappte sein Handy auf und rief Charly Hofmeier an.
»Ich mache jetzt Feierabend«, knirschte Charly.
»Habe ich schon gemacht, mehr oder weniger«, gab Till zur Antwort.
»Bei mir ist es jetzt eher mehr als weniger.«
»Aber gleich morgen früh könntest du mal was erledigen. Ich brauche die Adresse von einer Hanni.«
»Von einer Hanni? Da fragst du besser Nanni.«
»Witzbold. Schreib mit. Lehrerin an einem Frankfurter Gymnasium, ledig, 46 Jahre alt, vielleicht ist sie mittlerweile auch 47. Der richtige Vorname dürfte wohl Hanna oder Johanna sein.« Till dachte plötzlich an seine Ex-Freundin Johanna. Anderthalb Jahre war es nun her, seit sie ihn verlassen hatte. Es war genau in der Phase auseinandergebrochen, in der sie sich ernsthaft um die Familienplanung Gedanken gemacht hatten. Johanna wollte nur ein Kind und damit basta. Till träumte von zwei Kindern. Und plötzlich war es aus. Einfach so. Till träumte immer noch von seinen zwei Kindern und fragte sich, ob Johanna ihres jetzt von einem anderen Mann bekommen würde.
»Ich probiere mein Glück morgen im Kultusministerium und jetzt ist Feierabend«, hörte Till Charly sagen. Was er davor noch gesagt hatte, war an Till vorbeigerauscht.
6
Dienstag, 1. Juni 2010
Staatsanwalt Jensen saß auf dem Platz von Siebels, als dieser sein Büro betrat. »Da sind Sie ja endlich«, begrüßte er ihn. »Was hat es denn mit dem neuen Fall auf sich. Beate Sydow. Können wir einen Unfall ausschließen?«
»Die Frau hat um ihr Leben gekämpft. Sie wollte aus dem Pool raus. Ihr Mörder hat ihr auf die Hände getreten oder geschlagen. Einen Unfall können wir ausschließen.«
»Hm. Ich habe da was von einem Buch gehört. Ist es das, was Sie da in der Hand haben? Kann ich das mal sehen?«
Siebels drückte das Kamasutra-Buch mit beiden Händen fest gegen seine Brust. »Das ist es nicht. Das ist privat. Herr Krüger hat das Buch. Er hat gestern noch mit dem Autor gesprochen.«
»Aha. Ist er tatverdächtig?«
»Wir ermitteln.«
»Das will ich hoffen. Dafür werden Sie schließlich bezahlt. Was haben Sie denn da eigentlich für ein Buch?«
Siebels schaute sich hilfesuchend im Raum um, aber weit und breit war keine Hilfe zu sehen. »Am 25. September ist Hochzeit. Frau Karlson und ich wollen Nägel mit Köpfen machen. Sie sind herzlich eingeladen.« Siebels hätte sich im selben Moment am liebsten die Zunge abgebissen. Aber es war das Einzige, was ihm einfiel, um Jensen von diesem Buch in seinen Händen abzulenken.
Jensen hüpfte von Siebels Stuhl hoch, sprang auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist ja eine schöne Nachricht. Da komme ich doch gerne.«
»Ihre Frau können Sie natürlich auch mitbringen.« Siebels verfluchte sich innerlich. Jensen rief umgehend in seinem Büro an und gab seiner Sekretärin den Auftrag, den 25. September in seinem Terminkalender einzutragen.
»Schreiben Sie Siebels Hochzeit rein«, sagte er ausgelassen. »Welche Uhrzeit?«
»Um 10:30 Uhr« sagte Siebels und wurde immer blasser um die Nase.
»10:30 Uhr«, wiederholte Jensen. »Und danach trinken wir einen Sekt. Also halten Sie mir den Tag mal mindestens bis 14:00 Uhr frei.«
Siebels verstaute das Buch in einer Schreibtischschublade. »Ich schicke Ihnen natürlich noch eine offizielle Einladung.«
»Sagen Sie Ihrer Zukünftigen einen schönen Gruß von mir. Ich freue mich schon sehr, sie wieder mal zu sehen. Sie war eine wirklich gute Polizistin. Eigentlich schade, dass wir sie an Sie verloren haben.« Jensen lachte laut und klopfte Siebels wieder auf die Schulter. Dann stapfte er aus dem Büro. An der Türschwelle drehte er sich noch einmal um. »Wann bekomme ich denn mal etwas Schriftliches im Fall Sydow?«
»Schnellstmöglich.«
»Am liebsten sind mir Ergebnisse. Handfeste Beweise. Schnelle Aufklärung. Na, Sie wissen schon. Wünsche noch einen schönen Tag.«
Siebels setzte sich, atmete dreimal tief durch und rief bei Sabine an.
»Du, mir ist da ein kleines Missgeschick passiert. Ich habe aus Versehen Jensen samt Frau zu unserer Hochzeit eingeladen.«
»Aus Versehen? Was heißt das denn?«
»Na ja, ich musste ihn dringend von etwas ablenken. Und da habe ich ihn halt zur Hochzeit eingeladen.«
»Wenn das zur Masche wird mit deinem neuen Ablenkungsmanöver, dann wird es doch noch ein richtig großes Fest.«
»Ha ha. Also schreib Herr und Frau Jensen bitte noch auf die Liste.«
»Schon erledigt. Ist vielleicht gut für deine Karriere.«
»Karriere? Was für eine Karriere? Ich bin Hauptkommissar.«
»Eben. Noch ein weiter Weg bis zum Polizeipräsidenten.«
»Ähm, ja. Ich muss dann mal Schluss machen.«
»Warte mal, ich muss dir noch was sagen.«
»Ja, was denn?«
»Letzte Nacht. Können wir das bei Gelegenheit wiederholen?«
Siebels suchte nach einer gescheiten Antwort, als Till ins Büro kam.
»War nicht schlecht, gelle«, säuselte er leise ins Telefon.
»Ausbaufähig.«
»Till ist da«, flüchtete sich Siebels aus der Unterhaltung.
»Dann will ich dich nicht in Verlegenheit bringen. Schönen Tag. Kuss.«
»Ausbaufähig. Till ist da. Was soll das denn heißen?«, wollte Till wissen.
»Wir fahren jetzt zu Nadja Sydow.«
»Hast du Geheimnisse vor mir?«
»Ich habe einen schlimmen Fehler gemacht.«
»Im Fall Sydow?«
»Nein. Im Fall Siebels Karlson.«
»Oh je. Streit? Schlimm?«
»Ich habe Jensen zur Hochzeit eingeladen. Samt Frau.«
»Oha. Hat er zugesagt?«
»Er freut sich drauf.«
»Warum hast du das gemacht?«
»Das war ein Ablenkungsmanöver.«
Till nickte wissend. »Der neue Polizeipsychologe soll ganz gut sein. Geh doch einfach mal hin.«
Siebels ignorierte die Bemerkung. »Habe ich dich eigentlich schon eingeladen?«
»Zur Hochzeit? Nö.«
»Mache ich später. Wir müssen jetzt los.«
Till schaute Siebels kopfschüttelnd hinterher und folgte ihm dann.
Auf der Fahrt zu Nadja Sydow berichtete Till noch einmal ausführlich von seinem Besuch bei Jens Schäfer, vom Kapitel Hanni und von seiner Spritztour, die er mit Anna Lehmkuhl machen würde.
»Anna Lehmkuhl will ich auch einladen. Und Petri. Meine Tochter kommt auch.« Siebels wirkte wie aufgedreht.
»Wo ist denn mein Buch?«, wollte Till wissen, als er den Namen Anna Lehmkuhl hörte, und sah sich im Wagen um.
»Was für ein Buch?«
»Na du weißt schon. Das Buch eben.«
»Ach, das Buch.« Siebels parkte den BMW vor dem Haus, in dem Nadja Sydows Eigentumswohnung lag. Große blumengeschmückte Balkone ragten zur Straßenseite. Das Haus hatte drei Stockwerke. Siebels stellte den Motor ab, stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Rauchend studierte er die Namensschilder am Hauseingang.
»Das Buch?«, fragte Till, der noch im Wagen sitzen blieb.
»Sie wohnt in der ersten Etage«, sagte Siebels, ging zwei Schritte zurück und versuchte, den Balkon von Nadja Sydow auszumachen. »Kommst du?«
Till stieg aus. »Ich will mein Buch wiederhaben.«
»Ja, ja. Das liegt im Büro.« Siebels trat seine Zigarette aus und klingelte bei Sydow.
Nadja Sydow ließ die beiden wortlos herein, nachdem Siebels sich vorgestellt und kondoliert hatte.
Nadja führte sie ins Wohnzimmer. In dem hell gefliesten Raum stand ein weißer Flügel vor einem vollgestopften Bücherregal. Vor dem großen Fenster befand sich eine gemütliche Couchgarnitur.
»Schön haben Sie es hier«, sagte Siebels.
Nadja schaute ihn aus tiefbraunen Augen an. »Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters«, sagte sie geheimnisvoll. »Möchten Sie einen Kaffee?«
»Danke, nein. Wir haben nur ein paar Fragen.«
»Wer hat die nicht?«
Siebels erinnerte sich an die Aussagen von Dr. Ritter und Sarah Fischer. Nadja sei hochbegabt.
»Der, der die Antworten bekommt«, sagte Siebels und wurde für seine Antwort mit einem Lächeln belohnt. »Es sieht alles danach aus, als hätte jemand nachgeholfen, als Ihre Stiefmutter im Pool ums Leben kam«, leitete Siebels seine Fragerunde ein.
»Sie war eine gute Schwimmerin.«
»Haben Sie einen Verdacht, wer da nachgeholfen haben könnte? Hatte Ihre Stiefmutter Feinde?«
»Meine Stiefmutter war ein einfältiger Mensch. Sie hatte weder Freunde noch Feinde.«
»Sarah Fischer war eine gute Freundin. Sie hat sie gefunden.«
»Ja, ich weiß. Sarah Fischer ist eine Esoterikerin. Sie war die Geschäftspartnerin meiner Stiefmutter. Ob sie jetzt trauert, wage ich aber zu bezweifeln.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Oh, ich will ihr auf keinen Fall einen Mord unterstellen. Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Aber es gab Differenzen zwischen den beiden.«
»Im geschäftlichen Bereich?«
»Ja, dort auch. Und im privaten Bereich. Meine Stiefmutter hatte vor einiger Zeit einen Freund. Er war einige Jahre jünger als sie. Sarah Fischer war scharf auf ihn und hat ihm hinterhergestellt. So viel zu dem Begriff Freundin.« Nadja verzog verächtlich die Mundwinkel.
Till hatte eine lederne Aktentasche bei sich, aus der er das Buch herauszog und auf den Tisch vor Nadja legte. »Die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg. Ist das der Mann, von dem Sie gerade gesprochen haben?«
»Ja, das ist er.« Nadja warf nur einen kurzen Blick auf das Buch.
»Haben Sie es gelesen?«, wollte Till wissen.
»Ich habe es überflogen. Man kann es nicht wirklich als Buch bezeichnen. In einer halben Stunde hat man es gelesen. Wenn es nicht so groß gedruckt wäre, hätte es als Heftchen erscheinen können.«
»Was sagen Sie zum Inhalt?«, fragte Siebels.
»Unterste Schublade. Aber manchmal ist es so schlecht, dass es schon wieder amüsant ist.«
»Darf ich rauchen?«, fragte Siebels.
Nadja stellte ihm einen Aschenbecher hin und zündete sich auch eine Zigarette an.
»Kennen Sie Herrn von Mahlenburg persönlich?«
»Das haben Sie doch bestimmt gelesen. Es steht ja drin, dass wir uns begegnet sind.«
»Es steht drin, dass er Ihre Stiefmutter im Pool unter Wasser gedrückt hat. Dass er sich von Ihnen dazu inspiriert gefühlt hat.«
»Wie gesagt, ich habe es gelesen. Nur mit meinem Blick habe ich ihn dazu gebracht. Mit Gedankenübertragung. Ich wollte meine Stiefmutter töten und habe ihn mit meinen paranormalen Fähigkeiten als Werkzeug benutzt. Glauben Sie an so einen Hokuspokus?« Nadja lehnte sich entspannt zurück, zog genüsslich an ihrer Zigarette und betrachtete neugierig ihre Besucher.
»Sie haben ihn gereizt«, antwortete Siebels lapidar.
»Weil ich oben ohne bei ihm gesessen habe? Dann würde er ja zum Massenmörder, wenn er im Sommer auf Mallorca oder Ibiza ein paar Tage am Strand verbringen würde.«
Siebels lächelte. Till versuchte hinter die Fassade von Nadja zu blicken. Er konnte die junge Frau aber noch nicht einordnen. Da war die Frau aus der Beschreibung des Philipp von Mahlenburg. Direkt, vulgär und mit erotischer Ausstrahlung. Und da war die Frau, die nun vor ihm saß. Höflich, intelligent und mit einem unschuldigen Engelsgesicht. Lange braune Haare fielen ihr glatt über die Schultern. Eine kleine Stupsnase zierte ihr ungeschminktes Gesicht. Einige wenige Sommersprossen verteilten sich um die Nase. Dunkelbraune Augen strahlten Wärme aus.
»Hatten Sie noch Kontakt zu ihm, nachdem er die Beziehung zu Ihrer Stiefmutter beendet hatte?« Siebels drückte seine Zigarette im Ascher aus.
Nadja ließ sich Zeit mit einer Antwort. Dann antwortete sie auf eine Frage, die Siebels noch gar nicht gestellt hatte. »Sein richtiger Name ist Jens Schäfer. Er ist ein Überlebenskünstler ohne geregelte Arbeit und ohne geregeltes Einkommen.«
»Das wissen wir. Haben Sie noch Kontakt zu Jens Schäfer?«
Nadja überlegte wieder etwas länger. »Nach der Episode bei meiner Stiefmutter habe ich ihn noch einmal getroffen, ja.«
»Gab es einen besonderen Grund dafür?«
»Ich wollte einfach wissen, was für ein Typ das ist. Damals habe ich seinen richtigen Namen rausgefunden und seine Adresse. Das hat mich natürlich neugierig gemacht. Philipp von Mahlenburg, der eigentlich Jens Schäfer heißt und im Sandweg wohnt. Ich bin einige Zeit später einfach mal bei ihm aufgetaucht.«
»Und, wie hat er reagiert?«
»Wie es zu erwarten war. Es war ihm peinlich, dass seine Masche als von Mahlenburg aufgeflogen ist. Er hatte alle möglichen Ausreden, warum er diese Nummer abzog. Dann wollte er mit mir ins Bett.«
»Wurde er aufdringlich?«
Nadja lächelte. »Nein. Er hat es auf seine charmante Tour probiert. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn für einen armen Wicht halte, und bin wieder gegangen.«
»Und danach gab es keine Kontakte mehr zwischen Ihnen beiden?«
»Nein. Aber warum fragen Sie das?«
»Und zu Ihrer Stiefmutter hatte er auch keinen Kontakt mehr gehabt?«
»Nein. Jedenfalls weiß ich davon nichts. Ich hatte ja auch nur sehr selten Kontakt zu ihr. Glauben Sie wirklich, dass er sie umgebracht hat? Aber warum?«
»Wir glauben gar nichts. Wir wundern uns nur über dieses Buch und den inhaltlichen Zusammenhang mit der Tat.«
»Wahrscheinlich nur ein dummer Zufall«, mutmaßte Nadja.
»Kennen Sie auch eine von den anderen Frauen, von denen er in seinen Anekdoten berichtet?«, wollte Till wissen.
»Nein. Woher denn?«
»Nur so ein Gedanke.«
»Wie war das mit Sarah Fischer? Sie hat Herrn von Mahlenburg Avancen gemacht, sagten Sie. War sie in ihn verliebt?«
Nadja schüttelte mit dem Kopf. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Sie wollte ihn nur in ihr Bett kriegen. Meine Stiefmutter war fünfzehn Jahre älter als Jens Schäfer, Sarah nur sechs Jahre. Da dachte sie, dass sie bei ihm erst recht Chancen hätte.«
»Wissen Sie das von Ihrer Stiefmutter?«
»Ja. Und von Jens Schäfer. Ich nenne ihn lieber beim richtigen Namen.«
»Wann hat er Ihnen das erzählt?«, fragte Siebels erstaunt.
»Als ich ihn besuchte. Ich wollte wissen, warum es zwischen ihm und meiner Stiefmutter aus sei. Er sagte, dass er halt kein Mann für längerfristige Beziehungen sei und dass meine Stiefmutter ihn zu sehr eingeengt hätte. Und dann sagte er, dass Sarah Fischer ihm ständig schöne Augen gemacht hätte. Als es dann eines Tages passiert war, wollte er beide loswerden, Bea und Sarah. Bevor er zwischen ihnen zermalmt wird, hat er gesagt.«
»Ach, es lief tatsächlich etwas zwischen Jens Schäfer und Sarah Fischer?«
»Was denken Sie denn? Der lässt sich keine Gelegenheit entgehen, wenn er eine Frau ins Bett kriegen kann, und Sarah wollte ihn.«
»Das ist ja sehr interessant«, sagte Siebels und machte sich Notizen in seinem Notizbuch.
»Damit will ich aber nicht sagen, dass Sarah meine Stiefmutter umgebracht haben könnte. Die ganze Geschichte war ja längst vorbei.«
»Es gab auch Differenzen im geschäftlichen Bereich zwischen den beiden, sagten Sie vorhin«, kam Till auf Nadjas Aussage zurück. »Was waren das denn für Differenzen?«
»Da ging es hauptsächlich um finanzielle Angelegenheiten. Meine Stiefmutter war finanziell unabhängig. Für sie war dieser Laden mehr Zeitvertreib als Geschäft. Für Sarah ist es die Existenzgrundlage. Da sieht man manche Dinge halt aus einer anderen Perspektive. Außerdem ist Sarah mit Leib und Seele Esoterikerin. Sie glaubt an allen möglichen Humbug. Meine Stiefmutter war da sehr viel rationaler. Für sie waren bunte Steinchen einfach nur schöne Dekoration. Für Sarah hingegen liegen in bunten Steinchen starke Kräfte verborgen, solange die Steinchen nur aus Indien stammen.«
»Sie wollen Psychologin werden, habe ich gehört. Das scheint Ihnen zu liegen, Sie haben eine gute Menschenkenntnis.«
»Wo haben Sie das denn gehört?«, fragte Nadja neugierig.
»Dr. Ritter hat es mir erzählt.«
»Ach, Dr. Ritter. Ja, dann wissen Sie ja auch, dass ich bald mein Studium abschließe und dann an das große Geld komme. Ich habe also kein Motiv, meine Stiefmutter umzubringen.«
»Gibt es denn andere Erben für das Haus und das Vermögen Ihrer Stiefmutter?«
»Ich befürchte, dass meine Stiefmutter Sarah Fischer in ihrem Testament bedacht hat. Ich werde bestimmt auch etwas erben. Aber meine Erbschaft von meinem Vater dürfte um einiges höher ausfallen. Und solange ich studiere, habe ich ein ordentliches monatliches Taschengeld, das Dr. Ritter mir auszahlt. Ich müsste also ziemlich dumm sein, wenn ich in dieser Situation einen Mord begehen würde.«
»Sie sollen aber alles andere als dumm sein, habe ich gehört.«
Nadja lächelte. »Ach, dieses Gerede von der hochbegabten Nadja geht mir ziemlich auf die Nerven. Ich bin genauso dumm auf die Welt gekommen, wie alle anderen auch. Der Unterschied ist der, dass ich mich gerne anstrenge und lange auf etwas konzentrieren kann. Ich spiele zum Beispiel ganz passabel Klavier. Aber ich habe auch viel und lang und oft geübt, während meine Freundinnen damals ihre Zeit lieber mit Gameboys verplempert haben. So ist das auch mit allen anderen Dingen, in denen ich gut bin. Wenn ich eine Sache gut beherrschen will, muss ich üben, üben und nochmals üben. So wie jeder andere auch. Ich tue es halt auch und habe Spaß dabei.«
Siebels nickte und dachte darüber nach, wie seine Tochter damals ihre Zeit verbracht hatte. Soweit er wusste, hatte sie erst mit Puppen und später mit einem Gameboy gespielt. Er fragte sich, ob er seinen Sohn bei Zeiten zum Klavierunterricht schicken sollte. »Leben Sie in einer festen Beziehung?«, fragte er Nadja dann spontan.
»Nein. Ich bin Single und zufrieden. Und Sie?«
»Ich heirate bald zum zweiten Mal«, gab Siebels freimütig zu und erhob sich von seinem Platz. »Da haben Sie uns ja schon ein Stück weitergeholfen. Falls es weitere Fragen geben sollte, melden wir uns wieder.«
»Ich muss mich um die Beerdigung kümmern«, sagte Nadja. »Wo ist meine Stiefmutter jetzt?«
»Sie ist noch in der Gerichtsmedizin. Aber der Leichnam wird bestimmt bald freigegeben. Jemand wird sich bei Ihnen melden. Sie können auch eine Pietät beauftragen. Die wird sich dann mit der Gerichtsmedizin in Verbindung setzen.«
»Ja, das werde ich wohl tun.«
»Und jetzt?«, fragte Till, als die beiden wieder im Wagen saßen.
Der Biene Maja Song kündigte einen Telefonanruf an. Siebels nahm das Gespräch entgegen. Es war Charly.
»Ist Till in der Nähe?«, wollte Charly wissen.
»Sitzt neben mir. Willst du ihn sprechen?«
»Schalte auf laut, dann wisst ihr beide Bescheid. Ich habe Hanni ausfindig gemacht. Hanna Schmücker, Lehrerin am Goethe-Gymnasium. Es ist jedenfalls die einzige Lehrerin in Frankfurt, auf die Tills Beschreibung zutrifft.«
»Danke, Charly«, sagten Siebels und Till im Chor.
»Und jetzt fahre ich in den Laden von Sarah Fischer und du nimmst dir ein Taxi zum Gymnasium. Ein bisschen Schule und Lehrerin kann bei dir ja nix schaden.«
»Vielleicht bekommst du ja ein paar bunte Antiraucher-Steinchen aus Indien verschrieben«, lästerte Till und stieg aus. Bevor er die Tür zuwarf, beugte er sich noch mal in den Wagen. »Mein Buch. Ich will mein Buch wiederhaben.«
»Ja, ja, das bekommst du morgen.«
7
Mein perfekter Plan
Mein Plan lief reibungslos an und der eitle Pfau spielte seine Rolle darin perfekt. Die prüde Hanna Schmücker fraß ihm aus der Hand. Er hatte gerade mal zwei Wochen gebraucht, um das alte Miststück ins Bett zu bekommen. Mit stolz geschwellter Brust erzählte er mir, wie er sie rumgekriegt hat. Stolz war er aber nicht, weil er die verknöcherte Hanna Schmücker verführt, sondern weil er meinen Wunsch erfüllt hat. Ich fragte ihn, wie sie denn im Bett so sei, und wollte alle Einzelheiten von ihm wissen. Erst zierte er sich, aber als ich mit Nachdruck nachfragte, redete er ohne Unterlass. Wir saßen in einem Café, als er mir seine Erfolgsmeldung mitteilte. Er sprach leise und beugte sich zu mir, als er mir erzählte, was ich wissen wollte. Wenn die Bedienung an unserem Tisch vorbeilief, verstummte er und sprach erst weiter, als sie wieder hinter dem Tresen verschwunden war. Ich genoss seine Schüchternheit und spielte mit ihm wie die Katze mit der Maus. Als er alles erzählt hatte, lehnte er sich erleichtert in seinem Stuhl zurück. Auch ich setzte mich wieder entspannt hin. Die Bedienung kassierte gerade am Nebentisch.
»Wann fickst du sie wieder?«, fragte ich ihn im unverfänglichen Plauderton. Er lief rot an, nippte an seinem Kaffee und tat so, als hätte er mich nicht gehört. Der Herr vom Nebentisch, der gerade seine Rechnung beglichen hatte, grinste breit und ging. Die Bedienung räusperte sich und verschwand wieder hinter dem Tresen.
»Musste das sein?«, fragte er mich verärgert.
»Es war doch kaum zu verstehen«, beruhigte ich ihn mit leiser Stimme. »Ich kann aber auch laut und deutlich sprechen«, sagte ich erheitert.
»Wenn du möchtest, ficke ich sie morgen wieder«, antwortete er endlich in zufriedenstellender Lautstärke.
Ich gab ihm einen Schlüssel. Meinen Wohnungsschlüssel. »Du machst es ihr bei mir. In meinem Bett. Den Schlüssel lässt du dann auf dem Tisch liegen. Morgen Abend. Bis elf Uhr seid ihr wieder verschwunden.« Ich schrieb ihm meine Adresse auf. Er nickte zustimmend, sah aber nicht sehr glücklich dabei aus.
»Wenn du es ihr morgen gut besorgst, ist die Sache für mich erledigt. Dann kannst du sie wegen mir übermorgen in ihrer Badewanne ersäufen.« Ich lächelte ihn vergnügt an, drückte ihm für Kaffee und Kuchen zwanzig Euro in die Hand und ließ ihn sitzen. Als ich wieder zuhause war, betrachtete ich mir die alten Fotos. Die Fotos aus der Schule. Das Foto von meiner Deutschlehrerin. Hanna Schmücker, die mir auf meine Interpretation von Hermann Hesses Steppenwolf die Note fünf gegeben hatte. Mangelhaft. Fehlendes Textverständnis. Hanna Schmücker hatte nichts begriffen, rein gar nichts. Als Deutschlehrerin ist sie völlig ungeeignet. Diese Frau taugt bestenfalls als Pornodarstellerin. Es wird Zeit, ihr das beizubringen.
Esoterikbar hieß der kleine Laden in der Schweizer Straße. Drinnen roch es nach Zimt. Sarah Fischer war allein im Laden. Sie saß hinter der Kasse und las in einem Buch, als Siebels das Geschäft betrat. Von der Decke hingen Sari. Die indischen Frauengewänder gab es in vielen hellen Farben. Die Holzregale waren vollgestopft mit Kartenspielen, Steinen, ätherischen Ölen, Duftbädern, Halsketten und allen möglichen anderen Heilsbringern und Gesundheitsmittelchen.
»Ein vielfältiges Sortiment«, bemerkte Siebels.
»Und doch nur eine kleine Auswahl. Gibt es Neuigkeiten?«
»Nein, leider nicht. Ich habe nur noch ein paar Fragen.«
Sarah Fischer legte ihr Buch zur Seite und stand auf. Sie kam Siebels einen Schritt entgegen. »Sie sollten nicht so viel rauchen. Das ist nicht nur schlecht für die Lunge, das stört auch Ihr seelisches Gleichgewicht.«
»Das ist vor allen Dingen gestört, wenn ich längere Zeit nicht rauche.«
»Das, mein lieber Herr Kommissar, ist ein Irrtum. Ihre Sucht hat Ihren Willen untergraben, das ist das Problem. Wer seinen Willen nicht unter Kontrolle hat, der kann sein seelisches Gleichgewicht nicht finden.«
Siebels nickte. »Vielleicht haben Sie sogar recht. Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie Ihren Willen immer unter Kontrolle?«
»Natürlich nicht.« Sarah Fischer lächelte. »Aber ich arbeite beständig daran und versuche meine Unzulänglichkeiten zu bekämpfen. Jeder kleine Erfolg ist ein gutes Gefühl. Das Leben sollte aus einer Vielzahl von guten Gefühlen bestehen. Finden Sie nicht?«
»Manchmal gehen gute Gefühle aber auch auf Kosten anderer. In der Liebe zum Beispiel.«
»In der Liebe? Gerade da sollten nur gute Gefühle bei allen Beteiligten vorhanden sein.«
»Wenn zwei sich lieben und ein Dritter eifersüchtig wird, geht die Rechnung aber nicht auf.« Siebels genoss sein Gespräch mit Sarah Fischer. Er war sich sicher, dass diese Frau allzu leicht zu manipulieren war.
»Eifersucht ist wirklich kein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das man bekämpfen muss. Das man gleich im Keim ersticken muss. Eifersucht macht den Menschen hässlich.«
»Waren Sie nicht eifersüchtig auf Frau Sydow wegen ihrem jungen Liebhaber?«, brachte Siebels es auf den Punkt.
Sarah Fischer sah ihn erstaunt an. »Auf diesen Taugenichts?«
»Hatten Sie etwas mit ihm?«, fragte Siebels frei heraus.
»Einen One-Night-Stand, wenn Sie es genau wissen wollen.« Sarah Fischer zuckte mit den Schultern. »Es ist passiert. Vorbei und vergessen. Wer hat Ihnen das denn gesteckt? Nadja?«
»Immerhin scheint sich dieser Ausrutscher herumgesprochen zu haben. Haben Sie Frau Sydow davon erzählt?«
»Natürlich habe ich Beate davon erzählt. Freundinnen sollten keine Geheimnisse voreinander haben. Ich habe ihr versichert, dass es ein einmaliges Vergnügen war.«
»Und? Wie hat sie darauf reagiert?«
»Sie hat zwei oder drei Tage lang kein Wort mit mir gesprochen und ihrem Herrn von Mahlenburg eine heftige Szene gemacht. Unserer Freundschaft hat das aber keinen Schaden zugefügt. Nach kurzer Zeit war die Welt wieder in Ordnung.«
Siebels glaubte ihr kein Wort. »Was sagte Jens Schäfer dazu?«
»Wer?« Sarah Fischer schaute Siebels fragend an.
»Wissen Sie nicht, wer Jens Schäfer ist?«
»Nein. Sollte ich?«
»So heißt Philipp von Mahlenburg im richtigen Leben.«
»Das hat er mir nicht verraten. Sein Name war mir eigentlich auch egal.«
»Wollte Philipp von Mahlenburg Sie danach wieder treffen?«
»Er hat es versucht, ja. Zum Glück habe ich mich nicht darauf eingelassen. Sonst hätte er mir am Ende auch noch ein Kapitel in seinem blöden Buch gewidmet.«
»Und die anderen Frauen, die er in seinem Buch erwähnt, sind die Ihnen wirklich alle unbekannt?«
Sarah Fischer zuckte mit den Schultern. »Er nennt sie ja nicht beim vollen Namen. Vielleicht ist eine von ihnen eine Kundin von uns, die er durch Beate kennen gelernt hat. Viele Kundinnen kenne ich ja auch nur vom Sehen. Also ausschließen kann ich es nicht.«
Eine Kundin betrat den Laden. An einer Leine zog sie einen kleinen weißen Pudel hinter sich her.
»Hallo Frau Hausmann«, begrüßte Sarah Fischer die übergewichtige Frau, die sich in einen goldglänzenden Minirock gezwängt hatte und Sandalen trug. »Was kann ich für Sie tun?«
»Dieses Badesalz brauche ich wieder.« Die Frau versuchte sich an die richtige Sorte zu erinnern und Sarah Fischer zog verschiedene Flaschen und Dosen aus den Regalen. Siebels zog sich in eine hintere Ecke des Ladens zurück. Dort stand ein Bücherregal an der Wand. Er schaute sich die Buchrücken an. Bhagwans weiser Weg; Nepal – Das Tor zum Himmel; Die Erleuchtung finden mit Rafhandadschi; Yoga für Anfänger; Yoga für Fortgeschrittene; Meditieren mit Ti Bi Bung. Siebels fragte sich, wer so was liest. Dann fiel sein Blick auf einen Stapel Bücher am Ende des Regals. Das Kamasutra-Buch von Maja Mertens. Siebels nahm eines davon in die Hand. 24,50 Euro stand auf der Rückseite. Die Kundin bezahlte gerade drei Dosen Badesalz und zog ihren Pudel dann wieder zum Ausgang. Siebels ging zur Kasse und legte das Buch hin.
»Das möchten Sie kaufen?«
»Können Sie es als Geschenk einpacken?«
Sarah Fischer nickte geschäftig und tippte den Betrag ein.
»Die Autorin ist übrigens auch eine Kundin von uns.«
»Tatsächlich? Es ist vom gleichen Verlag wie die Anekdoten des Philipp von Mahlenburg. Ich dachte, Sie hätten noch nie etwas von diesem Verlag gehört.«
Sarah Fischer betrachtete sich verwundert das Buch. »Komisch. Das war mir gar nicht aufgefallen. Das liegt vielleicht daran, dass wir dieses Buch nicht beim Verlag bestellen. Frau Mertens bringt immer persönlich ein paar Exemplare vorbei, wenn Bedarf ist.« Sarah Fischer wickelte das Buch in Geschenkpapier ein.
»War Philipp von Mahlenburg denn öfter hier im Laden?«
»Wenn Beate allein hier war, ja. Montags hatte ich meinen freien Tag. Dienstags hatte Beate ihren freien Tag. Mittwochs kümmerte ich mich um unseren Online-Shop. Donnerstags und freitags waren wir meistens gemeinsam hier und samstags haben wir uns abgewechselt.«
»Also war er dann eher montags und mittwochs hier?«
»Ja, Beate mochte nicht so gern allein im Laden stehen. Also hat sie ihn so oft wie möglich hier gehabt. Jedenfalls immer mal für ein bis zwei Stunden.«
»Maja Mertens und Philipp von Mahlenburg könnten sich also hier im Laden kennen gelernt haben?«
»Ja, das wäre durchaus möglich. Glauben Sie jetzt etwa, dass er auch was mit ihr hatte?«
»Zumindest den gleichen Verlag«, überlegte Siebels laut und bekam das Bedürfnis, sich noch einmal mit Maja Mertens zu unterhalten. Siebels bezahlte sein eingepacktes Buch und verließ den Laden. Draußen griff er nach seinen Zigaretten. Dann überlegte er es sich anders und verzichtete auf Nikotin. Schließlich war sein seelisches Gleichgewicht absolut ausgewogen, machte er mit sich selbst aus. Leise pfeifend riss er das Geschenkpapier wieder vom Kamasutra-Buch, schmiss das Papier in einen Abfalleimer neben seinem BMW, öffnete den Wagen und legte das Buch ins Handschuhfach.
Anekdoten des Philipp von Mahlenburg
Der neue Fernseher hatte alle nur denkbaren Funktionen und die Bildschärfe war unübertrefflich. Wenn Hanni sich morgens auf den Weg in die Schule machte, machte ich es mir erst richtig gemütlich in ihrem Bett. Manchmal schauten wir jetzt abends sogar gemeinsam einen Film. Angefangen hatte es mit einem Tatort am Sonntagabend. Hanni sträubte sich erst, war dann aber ganz fasziniert von dem Film. Danach wollte sie Sex. Leider hatte sich Hanni dann aber sehr schnell an die neue technische Errungenschaft in ihrem Schlafzimmer gewöhnt. Immer öfter wollte sie sich am Abend noch etwas anschauen. Mal einen Dokumentarfilm, mal einen Western, mal einen Tierfilm. Ich schlief dabei meistens neben ihr ein. Irgendwann weckte sie mich dann und wollte ihre Liebesration abholen. Wenn ein Mann aber erst mal schläft, dann schläft er. Hannilein war dann frustriert und schaute weiter auf die Mattscheibe. Die schönen Abende in der Oper oder in einem Restaurant wurden immer seltener. Die Abende in Hannis Bett entwickelten sich zu wahren Albträumen. So konnte es nicht weitergehen. Ich diente ihr bestenfalls noch als Wärmflasche. Kleine Aufmerksamkeiten wie eine neue Uhr, eine Krawattennadel oder gar ein neuer Anzug fielen bei diesem vielfältigen Fernsehprogramm natürlich auch nicht mehr für mich ab. Einen Rückzug konnte ich in dieser Situation aber auch nicht antreten. Das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Kurzerhand wurde ich Mitglied in einer Videothek und besorgte einen Videorekorder, den ich an das hightech TV-Gerät anschloss. Ich lies nun mit Vorliebe Pornos in Hannis Schlafzimmer laufen und Hanni war sehr empört über diesen neuen Zustand. Ein paar üble Horrorfilme hatte ich zwar auch auf Lager, aber die schlugen mir zu sehr auf das Gemüt. Hanni bekam also die volle Pornodröhnung. Sie bekam nun Dinge zu sehen, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Für ihre romantische Ader waren diese Filme das pure Gift. Ich mochte diese Streifen auch nicht sonderlich, aber für das Finale unserer Beziehung waren sie nun unentbehrlich. Anstatt des stundenlangen Austauschens von Zärtlichkeiten, mit denen der Anfang unserer Beziehung geprägt war, ging es nun schnell und triebhaft zur Sache. Ich erniedrigte Hanni mit der Gewissheit, dass unser Techtelmechtel danach ein für alle Mal der Vergangenheit angehören würde. Es war an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Hanni zeigte sich auch sehr verstört und verbrachte den Rest der Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer. Ich blieb noch in ihrem Bett und gönnte mir eine wundervolle Fernsehnacht. Am nächsten Morgen wartete ich, bis Hanni in die Schule ging. Dann verließ ich ihre Wohnung und kehrte nicht mehr wieder. Die Pornos ließ ich ihr als Andenken zurück.
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