Читать книгу: «Grenzen»
Sorin Mirel Constantin
Grenzen
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Ein paar Sekunden
Man muss bezahlen
Schnee
Der Wein und die Spuren im Schnee
Die Anrufe
Im Schlamm gelandet
Der Lieblingsgast
Der große Fluss
Im Bauch der blinden Kuh
Schmetterlinge
Zeichen am Kontrollposten
Neues Kapitel
Orientexpress
Passt auf euch auf!
Onkel Karl
Die Zugfahrt
Am Arm gepackt
Budapest
An der Front
Absurder Spaziergang
Blumen vor dem Fenster
Die Überraschung
Draußen und Blick zurück
Kopfbahnhof Wien
Mit zwölf
Endstation
Visa
Erleichterung
Mia hat gewonnen
Sie ist da
Verhör
Und noch einmal
Freunde
Theo
Fehlschlag
Neuer Versuch
Zwischenstation
Die Türe
Hürden
Die erste Wohnung
Victor und seine Rache
Alexandru
Zukunft?
Anna
Zuhause in Italien
Vittorio Emanuele II.
Der Graf
Neapel
Spaghetti nur heiß
Baia
Nichts wie weg
Danksagung
Impressum neobooks
Widmung
Für Anca und Sonia
Ein paar Sekunden
Nur ein paar Sekunden. Wahrgenommen hatte sie es gar nicht. Das weiße Pferd, das in aller Ruhe über die Straße mitten in der Nacht lief, hatte sie nicht gesehen. Den Satz, den sie vor diesen Sekunden angefangen hatte, hatte sie unterbrochen. Das weiße Pferd überquerte die Landstraße und kümmerte sich nicht um die hellen Scheinwerfer des Wagens, deren Licht sich wie scharfe Messer in die dunkle Nacht hineindrückte. Es lief langsam, gemächlich. Es wollte zeigen, dass es dahin gehörte und dass es genau um diese Uhrzeit einen weißen Strich über die Straße ziehen musste. So, als sollte es ein »vor dem weißen Pferd« und ein »nach dem weißen Pferd« geben.
Alexandru drückte das Gaspedal so kräftig, dass die Reifen laut quietschten wie die Sirenen der alten Salamifabrik in der Nähe ihrer Wohnung damals in Hermannstadt, bei jedem Schichtwechsel, sogar nachts konnte man sie hören. Die schwarzen Reifenspuren, die der Wagen hinterließ, blieben zurück als einzige Zeugen der Begegnung mit dem weißen Pferd. Lang und schwarz waren sie, als wollten sie die Schärfe der Scheinwerfer wegwischen. Anna wurde von dem Quietschen der Reifen und dem Ruck, mit dem der Wagen fast stehen blieb, wach.
Er wusste nicht, ob sie das Pferd gesehen hatte, fragte nicht danach, so wie er den ganzen Tag und die halbe Nacht fast keine Fragen gestellt hatte. Welches Zeichen wollte dieses Pferd setzen? Ein weißes Pferd, das ihnen bei Nacht vor ihrem Wagen erschienen war, um gleich danach zu verschwinden.
Sie hatten sich diese Reise gewünscht, sie wollten unbedingt zurück, nur für kurze Zeit. Sie machten diesen langen Weg und wussten, dass diese Reise zurück mehr bedeuten konnte, als nur die Eltern zu besuchen. Und jetzt dieses weiße Pferd! Er war zu müde, um tiefer zu grübeln, sich zu fragen, was all die Umleitungen, all die Umstöße und all die Umkehrungen, die es häufig in der letzten Zeit gegeben hatte, zu sagen hatten.
Als Anna ihren »vor dem weißen Pferd« unterbrochenen Satz wieder aufrollte, huschten die paar Sätze, die sie sprach, an seinem Ohr vorbei. Er, Alexandru, wusste es. Dieses Zeichen, was auch immer es zu bedeuten hatte, hatte sie nicht wahrgenommen, es existierte für sie nicht. Sie sprach weiter, um ihn am Steuer wach zu halten. Ihr dagegen fielen die Augen zu; an ihren Augenlidern hingen schwere Lasten, wie Steine, die man um die Hälse von Katzen legte in der alten Heimatstadt, wenn man diese Katzen ertränken wollte, wenn man diese Katzen nicht mehr haben wollte. Man warf sie in den alten Fluss, in den schlammigen, langsam fließenden Zibin. Anna wusste nicht, was sie sagte, sie sprach wie von einem Band, wie Alexandru in manchem Verhör, ohne Unterbrechung, ohne etwas sagen zu wollen, ohne etwas sagen zu können, die Krallen der Angst im Nacken. Die Angst jetzt bei Anna, dass Alexandru am Steuer einschlafen könnte. Sie war davon überzeugt, ihn wach halten zu können. Er musste schließlich noch etwa 150 km fahren, und die Nacht war schwarz wie Pech, und die digitale Uhr zeigte 03:24 morgens, tief in der Nacht. Nacht. Schlafen. Das Kind schlief hinten auf der Rückbank. Sie blickte plötzlich nach hinten, wie in Panik, das Kind atmet nicht! Auf der Rückbank schlief ihre fünfjährige Tochter, sorgenlos, sie atmete ruhig aus und ein, sie schien einen schönen Traum zu haben. Anna beruhigte sich.
Man muss bezahlen
Die Angst, sie nicht mehr atmen hören zu können, hatte sich so fest in ihr Gedächtnis eingegraben wie ein Maulwurf, der vor der Kälte flüchtet und sich tiefer und tiefer in der Erde seine winterliche Unterkunft baut. Es war damals an der Grenze gewesen, die schwer bewachte Grenze mit Maschinenpistolen, Grenztürmen und Kontrollen, bei denen man nicht einmal einen Liebesbrief in der Hosentasche verstecken konnte oder eine goldene Kette in einer Zahnpastatube. Dies galt sowohl für Ausreisende als auch für Einreisende. Man konnte sie nur passieren wie beim Passieren eines gewissen mythologischen Flusses: nur, wenn man etwas dafür abgab. Man gab Zigaretten, Whisky oder Geld ab, man verlor schnell die Achtung vor sich selbst, man fühlte sich erniedrigt, man wurde angesteckt mit einem Virus. Beim bloßen Wort »Grenze« schaute man nach links und rechts mit dem Blick eines gejagten Tieres, man spürte dieses Gefühl der Leere im Magen, als hätte man lange Zeit nichts gegessen. Das kleine Mädchen Sophia, ihre Tochter, wurde lange Jahre danach, beim Passieren welcher Grenze auch immer, selbst wenn keine Grenzsoldaten sie überwachten, schon Kilometer bevor die Grenze sichtbar war, hell wach, und Anna konnte es jedes Mal deutlich hören: Sophias Herz klopfte laut und schnell. Es war aber nicht Freude, die ihr Herz lauter und schneller klopfen ließ. »War die Grenze schon oder müssen wir noch warten?«, wollte sie jedes Mal wissen, obwohl viele Grenzen nicht mehr als Grenzen zu erkennen waren.
Alexandru fuhr weiter durch die warme tiefschwarze Nacht. Es war jetzt die zweite Reise nach Rumänien, und er musste an damals denken, als sie zum ersten Mal zurückfuhren, zurück nach Hermannstadt, wo die Eltern in ihrem kleinen Haus in der Nähe des Jungen Waldes lebten und wo auch sie gelebt hatten, zur Schule gegangen waren, sich ineinander verliebt und geheiratet hatten, wo ihre Tochter zur Welt kam. Es war die erste Erfahrung mit der rumänischen Grenze nach ihrer Ausreise vor einigen Jahren.
Nur die Augen des Grenzsoldaten konnte man erkennen, in seinem langen, dicken Mantel eingehüllt und mit seinen überdimensionalen Filzstiefeln, in denen er sich kaum bewegen konnte.
»Aussteigen, alle!«
Sie stiegen aus und wussten sofort, warum er diesen Mantel brauchte. Der Schnee knirschte unter ihren feinen Schuhen, und sehr schnell wussten sie nicht mehr, warum sie zitterten, wegen der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Kälte, oder weil sie zum ersten Mal die Grenze zurück passierten und nicht wussten, was ihnen widerfahren würde. Oder war es die Aufregung, wieder diese Sprache dort zu hören und zu sprechen, die Gerüche, auch wenn sie sie nicht mochten, wiederzuerkennen?
»Auch die Tochter muss raus!«
»Sie schläft aber, sie ist vier Jahre alt, bitte lassen Sie sie schlafen, im Wagen ist es warm.«
»Alles raus! Kind, Gepäck, alles!« Den Tonfall des Befehls erkannten sie wieder, er war ruhig, gelassen und trotzdem bestimmend, getragen von einer ungeheuren Sicherheit: Hier bestimme nur ich und niemand anderes. Sie mussten sich fügen, sie hatten nicht einmal die Kraft oder den Mut, sich zur Wehr zu setzen. Nicht einmal innerlich. Es gab kein Zähneknirschen, keine in der Tasche geballte Faust. Sie packten alles heraus auf die für diesen Zweck aufgestellten Bänke: Kleiderkoffer, Nahrungsmittelkisten, Medikamente, alles, was sie hatten. Anna ging mit Sophia ins Zollhaus, es stank nach abgestandenem Zigarettenrauch. Sie kannte diesen Gestank. Es war der Gestank von schäbigen Kneipen, in deren Holzböden Petroleum eingelassen wurde, angeblich aus hygienischen Gründen, in denen unrasierte raue Männer streng riechenden Zwetschgenschnaps tranken und billige, filterlose Zigaretten der Marke Marasesti rauchten, nach der schweren Arbeit in der Fabrik. Sie betranken sich, damit sie zuhause einen Grund hatten, ihre Frauen schlagen zu dürfen. Es war kalt im Zollhaus, genauso kalt wie draußen vielleicht. Draußen nahm sich der warm angezogene Zöllner die Zeit, alles in Ruhe zu betrachten und wollte auch unterhalten werden.
»Wie seid ihr denn raus?«
»Als Touristen.«
»Aha, und nicht mehr zurückgekommen, eh?« Was wollte er damit sagen? Es wurde deutlich kälter, Alexandru fing an, noch stärker zu zittern unter seiner kurzen ledernen Jacke. Was hatten sie vor mit einem, der »geflüchtet« war? Trotz seines deutschen Reisepasses, den er stolz an jeder Grenze vorzeigen wollte und den keiner anschauen wollte?
»Und diese Tasche, was ist drin?«
»Medikamente für meinen herzkranken Schwiegervater«. Es fing eine Auslese an, die Guten ins Töpfchen und diejenigen, die der Zöllner nicht weiterverkaufen konnte, blieben in der Tasche.
»Die hier sind für mich, ihr könnt weiterfahren. Übrigens, nach zwei Kilometern ist die Straße unpassierbar. Schnee.«
Schnee
Sie fuhren trotzdem weiter, sofort, der Soldat könnte sich das auch anders überlegen, nein, sie mussten schnell weg.
In einem kleinen für sie namenlosen Grenzdorf mussten sie tatsächlich nach zwei Kilometern anhalten. Die hellen Scheinwerfer leuchteten auf ein mitten auf der Straße stehendes Schild aus Pappe: »Drum barat!« Es ging nicht weiter. Alexandru stieg aus dem Wagen und sah sich um. Alles dunkel, keine Straßenlaternen, er konnte kein Haus sehen. Doch, auf der rechten Seite der Straße erblickte er ein schwaches Licht. Er ging dem Licht entgegen. Es war ein großes, schmutziges Fenster, auf dem er das Wort »Hotel« erkennen konnte. Rechts davon eine dunkle, schwere Metalltür, die Alexandru mit großer Mühe öffnete. Die kleine Eingangshalle war voller Menschen. Manche saßen in den paar Sesseln, die um einen kleinen quadratischen Tisch aufgestellt waren, andere sah man auf dem Teppichboden sitzend oder liegend, Kinder schliefen in den Armen ihrer Mütter. Die Metalltür fiel mit einem höllisch lauten Knall zu, alle Anwesenden sprangen auf, böse Blicke richteten sich auf Alexandru, der vergessen hatte, dass man Türen hier leise schließen musste. Nein, es gab keine freien Zimmer. »Sie sehen es doch, alle hier wollen ein Zimmer!«
Die Nacht verbrachten sie im Wagen, einige Kilometer hinter der Grenze, bei laufendem Motor, damit sie nicht erfrieren würden. Sie hatten sich eingehüllt in Daunenjacken und Pullover, die sie als Geschenke für die Cousins und Cousinen mitgenommen hatten. Anna schaute jede fünf Minuten nach hinten und schüttelte Alexandru jedes Mal wach: »Sie atmet nicht mehr.«
»Doch, sie schläft, ruh dich aus, sie schläft tief, hab keine Angst.« Fünf, zehn Mal, fünfzehn Mal sprang sie auf. Sie schliefen trotzdem ein wenig.
Ein improvisiertes Frühstück. Die Bewohner des kleinen Dorfes an der Grenze brachten etwas Wurst in die Hotelhalle, etwas Butter, die sich nicht streichen ließ, weil sie zerbröckelte. Die Hotelangestellten machten Tee, für alle, selbst für diejenigen, die kein Zimmer in der Nacht mehr bekommen hatten und in ihren Autos übernachten mussten bei laufendem Motor. Die Sonne schien so hell und weiß über das Meer von sauberem Schnee, als wäre nichts passiert, und der Schnee verspräche, alles sauber zu waschen, um alles vergessen zu machen. Man konnte tatsächlich nach dem improvisierten Frühstück weiterfahren.
Der Schnee hielt sein Versprechen nicht, er wurde immer grauer, immer holpriger, immer glitschiger wie die Haut eines aus einem trüben, matschigen Wasser gefischten Aals. Man verlor das Gefühl, das man für einen Augenblick hatte, alles würde glattgehen, weiß und hell sein, wie der Morgen es versprochen hatte. Die Reise dauerte ewig, man konnte nicht schnell fahren, die Straßen waren nicht geräumt, man wusste nicht, trotz der fast blind machenden Helligkeit, ob man auf der Straße fuhr oder quer durchs Feld.
Dreihundert Kilometer und sechzehn Stunden weiter, um drei Uhr morgens, der erste geräumte Weg: die Einfahrt zur Garage ihrer Eltern, Annas Eltern, geräumt, als hätte es in den letzten Stunden nicht geschneit. Victor war jede Stunde aufgewacht und hatte den Schnee zur Seite geschaufelt, der Schnee, der auf der Straße aufgetürmt war, als bildete er einen Wehrturm oder eine Wehrmauer um alle Häuser herum zum Schutze gegen die langen Ohren der »Staatsnacht« oder der Staatsmacht in der Stadt, in der vor Jahrhunderten drei Gürtel von Wehrtürmen und Wehrmauern gegen die Türken oder gegen die Mongolen errichtet wurden. Nicht gegen die eigene Bevölkerung. Drei Gürtel, die die Bevölkerung zusammenhalten sollten und die es taten, sechs- oder siebenhundert Jahre lang, oder waren es mehr? Sie hielten Sprache, Trachten, Gewohnheiten zusammen bis jetzt, wo alles zerbröselt, wo die Menschen, trotz der Grenzen und der Mauern, die um sie gebaut wurden, abhauen, neue Sprachen oder neue Dialekte der eigenen Sprache lernen müssen.
Der Wein und die Spuren im Schnee
Der Wein wurde aus dem Keller geholt, Alexandru wusste noch genau, wie das ging. Mit einem Gummischlauch zog man im Keller den Wein, der vom Schwiegervater im Herbst gemacht wurde, aus der bauchigen 25 Liter Flasche mit ganz dicken grünen Glaswänden in Literflaschen und hatte dabei jedes Mal einen Schluck von dem Wein sicher. Dann ging man die Treppen hoch und stellte den Wein auf den Tisch. Dies wiederholte sich etliche Male. Der Wein schmeckte ihnen, er war weich und nicht sehr süß, Victor war sehr stolz auf seine Weinmacherkunst. Früher holten sie den Wein von einem Siebenbürger Sachsen aus Agârbiciu, deutsch »Arbegen« und sächsisch »Arbäjen« im Kreis Hermannstadt, Gemeinde Frauendorf. Herr Hermann, ein kräftiger Mann mit immer roten Wangen, erwartete sie und führte sie ins Haus, ins vordere Zimmer, wo keiner schlief, wo aber die Gäste empfangen wurden. Dort gab es jedes Mal große Platten mit geräucherter Wurst, in Schmalz eingelegtes Schweinefleisch, Scheiben von einem dicken weißen Speck und ein wunderbar duftendes Bauernbrot. Den Anfang machte eine Runde Zwetschgenschnaps, und dann wurden mit jedem Happen die Weine probiert, die Herr Hermann benannte: Riesling, Mädchentraube, Muskateller. Einmal durften sie alle auf den Kirchturm, wo die ganze Gemeinde ihre Vorräte aufbewahrte. Oben unter dem Kirchturmdach hingen hunderte geräucherte Würste, Riesentafeln Speck, geräucherter Schinken, alles unmarkiert. Jeder aus dem Dorf wusste genau, wem was gehörte und es fehlte nie jemandem etwas von seinen Vorräten. All das ging Alexandru durch den Kopf, als er die Treppen vom Keller aus in die Küche hochlief, die er so mochte, vielleicht auch, weil er an der Gestaltung dieser Küche damals sehr beteiligt war. Er war so begeistert von Victors Idee gewesen, einen Schreiner aus Rasinari, »Städterdorf« genannt, mit dem Bau der Küchenmöbel zu beauftragen, dass er, als alle ins Bett gingen, Stifte in die Hand nahm und am großen Küchentisch sitzend Möbel entwarf, so wie er sie in deutschen und französischen Zeitschriften gesehen hatte. Er zeichnete, bis die Sonne durch das Küchenfenster schien und er geblendet wurde von den Sonnenstrahlen und vom stechend weißen Schnee im Hinterhof und im Garten. Der Schnee lag da noch unberührt, damals.
Die amerikanischen Zigaretten wurden aus dem Wagen geholt, die Müdigkeit war verflogen. Das erste Wiedersehen nach drei Jahren. Man hatte so viel zu erzählen im Schutze der Nacht, die letzten drei Jahre hatten so viel gebunkert. Wie ein Hamster, der seine Vorräte versteckt, hatte man jeden Eindruck, jedes Geschehnis aufbewahrt, um es jetzt zu erzählen. Im Schutze der Nacht.
In der Morgensonne konnte man es am nächsten Tag deutlich sehen. Der Baum – mitten im Garten. Unter ihm konnte man, ohne gehört zu werden, über alles sprechen, ohne dass das Ohr der Wanze im Telefon oder in der Mauer davon Wind bekam. Mal voller Blüten, weiß über den Köpfen der miteinander Sprechenden wie eine runde, gezipfelte Schlafmütze, die das Schweigen oder das Geredete, die Geheimnisse oder das Unausgesprochene aufsog und nicht weitergab. Mal kahl, die Zweige wie Antennen der »Staatsnacht« oder der Staatsmacht gen Himmel gerichtet, die mit breitem Stiefel ungeniert in dem neuen Schnee ihre Spuren hinterließ. Das waren sichtbare, beabsichtigte Zeichen. Wir waren hier, wir haben alles gehört. Dort, wo ihr eure Geheimnisse der großen Schlafmützenkrone anvertraut habt. Spuren der breiten Stiefel zum Baum hin und um den Baum herum, Zigarettenstummel um den Baum herum. Der Blick des rauchenden Stiefeltragenden direkt durch das Küchenfenster auf den Tisch gerichtet, wo alle gesessen hatten. Wo sie ihre Geschichten, ihre Ängste, ihre Pläne ausgebreitet hatten. Im Schutze der Nacht, geschützt von der »Staatsnacht«, oder besser der Staatsmacht, dachten sie.
Die Anrufe
Das verwanzte Telefon klingelt um elf Uhr, gleich am nächsten Morgen. Mia weiß es ganz genau, das Telefon ist verwanzt, sie selbst hat früher bei der Telefongesellschaft gearbeitet.
Man wolle Alexandru sprechen. Wer da sei? Oberst Soundso.
»Ich bin aus diesem Grunde aus diesem Land geflohen, ich möchte keine Gespräche mit Ihnen führen!« Aufgelegt.
Zehn Minuten später. Man wolle Alexandru sprechen, Oberst Soundso.
»Sie haben es doch gehört, er möchte nicht mit Ihnen sprechen, war es nicht deutlich genug?«, sagt Mia mit einem am Anfang zögerlichen Ton und dann immer entschlossener, als machte sie ihr eigener Mut mutiger. Alexandru nimmt den Hörer in die Hand, Mias Mut gibt ihm Kraft.
»Und wenn Sie noch einmal anrufen, dann …«, was dann? Wie kann er in diesem Land, in dieser Stadt, die er so geliebt hat, die von der Staatsmacht umzingelt und vermauert ist, zeigen, dass er über das eigene Schicksal selbst entscheiden kann?
»… dann packe ich meine Leute und meine Sachen ins Auto und fahre zurück!« Lächerliche Antwort, er hat Angst, nichts anderes. Flüchten, erneut flüchten vor einer Stimme am Telefon, die nichts anderes tut, als ihn eine vergessen geglaubte Ekelkralle im Nacken spüren zu lassen. Eine Machtlosigkeit, die ihn grau und dumpf fesselt. Und dann die Vorstellung dessen, was unterwegs zurück in die Freiheit passieren könnte. Die Kralle drückt immer heftiger in seinen Nacken. Soll er aufgeben, soll er versuchen, wie damals zu sprechen, als er verhört wurde und stundenlang sprach, ohne etwas zu sagen, soll er so tun als ob? Einen Unfall zu inszenieren, wäre für diese Machtkrake ein Kinderspiel. Bericht in der lokalen Zeitung: »Drei Ausländer: Mann, Frau, Kind gestorben in einem fürchterlichen Unfall auf der E 34. Erhöhte Geschwindigkeit und Trunkenheit am Steuer.«
Er legt auf und wartet. Nichts. Bis zum nächsten Tag nichts. Kein Anruf vom Oberst Soundso. Er will nicht zugeben, dass er wartet, er tut es aber. Er kann sich nicht vorstellen, dass diese rauen, grauen immer adrett angezogenen Diener der Diktaturkrake bei so einem Satz aufgeben. »Ich nehme meine Spielsachen und gehe«, das ist kein Satz für die geschulten Henker der Staatsmacht. Sie versuchen es mit Sicherheit anders. Staatsicherheit, Securitate.
Der Rumäne sagt: »Geduld und Tabak«. Als könnte ihm das helfen.
Er zerdrückt in seinem Aschenbecher die kleinen, zylindrischen Formationen der Asche, die von seiner Zigarette herabfallen. Er zerkleinert sie, als wären sie in der ursprünglichen zylindrischen Form bedrohlich. Er scheint vor ihnen Angst zu haben. Sein Blick verrät aber, dass er geistesabwesend ist, dass diese Bewegung automatisch ist und er nicht nach vorne blickt, sondern tief in die Vergangenheit, er erinnert sich. Er will es nicht, er verdrängt es, aber es hat sich so viel angestaut. So wie sich Regenwasser in einem Regenwasserkübel während eines regnerischen Sommers sammelt und irgendwann, wenn die Pflanzen nicht damit bewässert werden, überläuft und Pfützen um den Kübel bildet, die bei Sonnenschein schnell verdunsten und doch Spuren hinterlassen. Getrockneter Schlamm, dunkel und unergründlich, bereit, beim nächsten Regen neue Pfützen zu beherbergen. Er wartet. Er sucht und versucht in diesem Schlamm die Antwort für die jetzige Situation zu finden.
Wie ist er in diesen Schlamm gelandet? Er erinnert sich ungern und doch flimmern ihm Bilder vor den Augen, Bilder, die er verdrängt hatte, die er gelöscht geglaubt hatte.
Im Schlamm gelandet
Schmierig, fett und doch sympathisch war Jogo, der Kamerad beim Militärdienst dort oben im Norden des Landes an der Grenze, den sie, die drei Freunde, Alexandru, Tomi und Janos, bekehren sollten. Er war Zeuge Jehovas, und das passte nicht ins Schema des Regimes.
»Das ist doch Aberglaube, oder? Wir müssen ihn davon abbringen. Ihr helft doch mit, oder? Nehmt ihn mit, wenn ihr in die Stadt geht, er soll mit euch ein Bier trinken und vielleicht könnt ihr für ihn ein Mädchen finden, oder? Dann wird er merken, dass das wahre Leben mit Saufen und Ficken besser ist als das mit strengen Regeln der Zeugen Jehovas, oder? Jungs, unterschreibt hier, dass ihr euch um ihn kümmert und wir übernehmen die Kosten. Soviel ihr wollt.« Sie unterschrieben. Sie unterschrieben alle, einer nach dem anderen und wurden zu IMs, ohne es zu wissen, sie rutschten in diesen Schlamm, in den sie die Machtkrake hineingezogen hatte, ohne dass sie es merkten. Sie warfen sich gegenseitig kaum Blicke zu. Sie waren plötzlich Rädchen in einem System, das sie verabscheuten.
Jogo kam mit ihnen, er musste nicht saufen, er musste auch nicht mit irgendeinem Mädchen ins Bett gehen. Die Berichte jedoch waren voller Bierkrüge und Orgien, Jogo freute sich mit jedem neuen Mädchen und bald fing er an, selbständig danach zu suchen. »Mission accomplished«, dachten sie, die drei Freunde, Alexandru, Tomi und Janos. Sie sprachen nie wieder miteinander darüber, was sie in den nächsten Jahren wegen dieser Unterschrift zu erleiden hatten, wie oft sie von Oberst Soundso besucht wurden. Einmal war er klein und trocken, dann groß und äußerst zuvorkommend, und jedes Mal mussten sie reden und reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Ständig mit der Kralle im Nacken. Wann würde die »Staatsnacht« zuschlagen, wann würde sie sie erschlagen?
Der Lieblingsgast
Ein einziger Tag verging, ohne dass das Telefon klingelte. Es klingelte aber an der Tür. Es war Mias und Victors Lieblingsgast, versteht sich: Oberst Pascu von der Securitate. In Zivil versteht sich. Ein breites Lächeln im Gesicht, wie immer, sagte Mia später. Dieses Lächeln, das Mia und Victor Eiswasser durch die Venen fließen lies und sie zu einem gequälten Lächeln zwang, wie das der Puppen im Puppentheater, denen ein Grinsen ins Gesicht gemalt wird, und die sich kaum anders bewegen können, als der Puppentheaterspieler ihnen erlaubt. Oberst Pascu begleitete Mia und Victor seit Anna und Alexandru das Land verlassen hatten, er besuchte sie treu jede Woche, brachte mal Kuchen mit, mal amerikanische Zigaretten, mal Kaffeebohnen. Kleine Aufmerksamkeiten. Er wollte nichts von Mia oder Victor erfahren, er fragte nur ab und zu, wie zufällig, wie es den Kindern gehe, ob sie dort eine Wohnung und Freunde gefunden hätten, so wie ein guter, treuer Freund eben fragt.
An diesem Tag wollte er auch mit Alexandru sprechen, plaudern über dies und jenes, nichts Wichtiges, nur plaudern. Am Ende seines Besuches, als Alexandru ihn zur Tür begleitete, sagte er kurz und sehr deutlich, obgleich er fast flüsterte:
»Ich erwarte Sie um 16 Uhr im Hotel Continental, Zimmer 101.«
»Wieso?«
»Ich möchte ein Gespräch mit Ihnen führen, über wichtige Sachen.«
»Aber …« Er hatte Alexandru schon den Rücken zugekehrt und ging schnell die paar Meter bis zum Tor. Vor dem Haus wartete ein schwarzer Wagen mit Chauffeur in Uniform, versteht sich.
Ein Kloß in Alexandrus Hals. Was sollte er tun, sollte er Anna und den anderen etwas davon erzählen? Er sagte nichts. Sie sollten es besser nicht wissen. Sollte er die Einladung annehmen? Sie hatte wie ein Befehl geklungen, gezischt zwischen den gelblichen Zähnen des Oberst Pascu, wie eine drohende Geste, Zeigefinger und Mittelfinger von links nach rechts in einer kurzen, raschen Bewegung in Höhe des Adamsapfels. An wen gerichtet? Waren auch Mia und Victor in Gefahr? Alexandru wollte die beiden nicht in eine bedrohliche Lage bringen. Seine Entschlossenheit, die er bis dahin gezeigt hatte, war gebrochen. Er entschied sich, dorthin zu gehen.
Um Viertel vor vier wolle er ein wenig spazieren gehen, sagte er, ein paar Fotos in der Altstadt schießen, nichts anderes, nicht länger als eine Stunde.
Die Tür des Zimmers 101 ging sofort auf, als er kurz anklopfte. Oberst Pascu war nicht allein da. In einem der drei bequemen Sessel um einen kleinen runden Tisch saß eine blonde Frau, gutaussehend, diskret geschminkt, kurzer schwarzer Rock, ein Chemisier, gelb, nicht zu tief aufgeknöpft, Stöckelschuhe, schwarz. Lächeln, kalt. Wie gefroren, in Eis gemeißelt.
»Genossin Oprea, unsere Mitarbeiterin.« Cognac wurde ihm angeboten, nein danke, ich trinke keinen Cognac. Dann aber Kaffee, ja, danke, und Oberst Pascu verschwand, um den Kaffee zu holen.
Wie geht es Ihnen, wie ist das Leben so im Westen, haben Sie sich schon eingelebt? Sie stand auf, kam etwas näher, blieb hinter Alexandrus Sessel stehen, stützte sich auf Alexandrus Sessellehne und bot ihm mit der rechten Hand eine Kent Zigarette an, in einer Geste, als würde sie Alexandru von hinten umarmen. Keine Berührung. Das Feuer kam aus einem schweren silbernen Feuerzeug von der Seite. Sie setzte sich dabei auf die breite Armlehne seines Sessels und bückte sich ein wenig zu ihm hinunter. Er konnte sehen, dass das Chemisier ein Loch tiefer aufgeknöpft wurde. Er konnte jetzt deutlich ihr Parfüm riechen, es kam direkt aus ihrem Dekolleté. Wie gedrängt in die Ecke eines Boxringes in einem Kampf, den er unmöglich gewinnen konnte, versuchte er sich heraus zu winden.
»Wissen Sie, ich mag diese Art nicht, ich bin verheiratet.« Mit der Antwort kam auch eine weiche Hand um Alexandrus Hals.
»Ach, komm, wir wollen doch nur ein paar schöne Momente miteinander verbringen, es wäre bei dir nicht das erste Mal, das weiß ich.«
Die einzige Möglichkeit, aus ihrer Umklammerung zu fliehen, war aufzustehen und durch das Zimmer zu gehen wie der Löwe im Käfig des Zoos im Jungen Wald, machtlos und schwach, so schwach, dass er nicht einmal brüllen konnte.
»Was wollen Sie von mir wissen?«
Bei dieser Frage setzte sich die Frau und griff unter den kleinen Tisch, als würde sie dort etwas suchen. Es dauerte nicht lange, bis Oberst Pascu erschien, drei Tassen Kaffee auf einem Tablett, das er auf den Tisch stellte. Die Mienen der beiden waren nicht mehr weich und schmeichelnd, sie wurden ernst, und das drohende Zischen, das Alexandru kannte, begleitete die Fragen, die jetzt eine nach der anderen kamen, herausgeschossen wie aus einer Schnellschusswaffe.
»Was wissen Sie über Theo, wo lebt er, was tut er, was wissen Sie über Andrei, wo lebt er, was tut er, was wissen Sie über Mile? Alles gute Freunde von Ihnen, denen Sie geholfen haben zu fliehen. Sie können uns doch nicht sagen, dass Sie nichts über sie wissen. Es ist zu wenig, was Sie uns da erzählen, Sie müssen doch wissen, dass Mile inzwischen beim Radio Freies Europa arbeitet und dass Theo …«
Alexandru wurde es schwindelig von den vielen in seine Ohren geratterten Fragen, er wusste tatsächlich nicht mehr, und die beiden hörten nicht auf, ihm Einzelheiten über seine Freunde zu erzählen. Sie wussten viel mehr als er, was konnte er noch ergänzen?
Wie aus heiterem Himmel hörten die Fragen nach anderthalb Stunden auf, als hätte es wie in der Schule am Ende des Unterrichts geklingelt.
»Auf Wiedersehen, wir hören noch voneinander.« Und wieder das freundliche Lächeln der beiden.
Der große Fluss
Er hatte sich den ganzen Tag und fast die ganze Nacht über um nichts anderes gekümmert als um das Lenkrad und die Pedale des neuen Autos, das er fuhr, so schnell er konnte, so weit er konnte. Sie waren zeitig von Thessaloniki aufgebrochen zu einer Route, die sie noch nicht gefahren waren – quer über Bulgarien, staubig und grau, nichts in Erinnerung geblieben –, um so früh wie möglich an die Grenze zu kommen, um die Donau zu überqueren und dann auf eine andere Luft zu hoffen.
Der Grenzposten. Für einen Moment hatten sie den Eindruck mitten in einem Western zu sein, fast hörten sie Spiel mir das Lied vom Tod. Die Luft schwer und klebrig. Wie gefilmt durch einen milchigen Filter. Hitze, die dadurch sichtbar wird. Die paar Grenzsoldaten, verschwitzt, rauchend und um sich spuckend, bewegten sich langsam wie die Pistoleros vor einer Schießerei in einem Western, wo dann sehr schnell der eine oder der andere tot umfiel.
Keiner schien sie und ihr Auto zu bemerken, obwohl es keinen anderen Wagen da gab. Sollten sie es wagen, aus dem Auto auszusteigen und sich erkundigen, warum sie nicht ihre Pässe kontrollierten? Nein, du darfst sie nicht provozieren, sie könnten ja heftig reagieren, sie könnten uns vielleicht daran hindern, die Grenze zu passieren. Einen Grund würden sie schon finden.
Fast eine Stunde, sie wurden aber nicht ungeduldig, im Gegenteil, sie übten sich im Warten, höflich grinsend, als wäre das ihre eigentliche Aufgabe, dort an einem gottverlassenen Grenzübergang zu warten, bis einer der Grenzsoldaten, die ersten drei oder vier Knöpfe der Uniform offen, eine kleine gelbe Birne mit rosarotem Fruchtfleisch im Mund, zu ihnen schlendern würde.
»Ihre Dokumente!« Die Stimme klang wie ein eiskalter Wasserstrahl. Sie wussten, was folgen würde.
»Alles raus, das Kind auch!« Keine Widerrede. Ob sie das Olivenöl, die Kühltasche mit dem vielen Schweinefleisch, es waren acht Kilo, die zehn Kilo Mehl und die zehn Kilo Zucker wieder mitnehmen würden? Oder waren auch diese der Zoll zum Überqueren des legendären Flusses?
»Ja, wissen Sie, das alles ist für unsere Eltern, sie sind Rentner, denen geht es nicht so ...«
»Ja, ja, gut, gut«, der eiskalte Wasserstrahl im Nacken, wie eine scharfe Axt.
»Packen Sie nur alles aus, der Wagen muss leer werden.« Interessierte sie eigentlich nicht, was wir alles aus dem Wagen ausgepackten? Sie warfen kaum einen Blick darauf. Inzwischen waren es drei Grenzsoldaten, die den Wagen mit Unterbodenspiegeln inspizierten, die Polster der Sitze wurden fast rausgerissen.
»Motorhaube auf! Öffnen Sie den Luftfilter!«
Er hatte keine Ahnung, wo der Luftfilter war, er wusste aber, dass er keine Schraubenzieher dabeihatte, sie hätten ihm bei einer Panne sowieso nicht geholfen.
»Wie, keine Schraubenzieher?« Das Gesicht des Grenzsoldaten nahm menschliche Züge an, er stand da wie ein Schüler, der an der Tafel eine Übung lösen sollte, die er überhaupt nicht verstand. Er versuchte schnell wieder den eiskalten Ton zu finden.
»Wissen Sie, ich könnte die Produktion dieses Wagens sofort stoppen.« Da war Alexandru derjenige, der an der Tafel stand, verblüfft, nicht wissend, was er sagen sollte, ob er überhaupt etwas bemerken sollte.
»Diesem Wagen fehlt die vorschriftsmäßige Öffnung im Unterboden! Die Produktion wird gestoppt.« Alexandru verstand von diesen Worten nichts. Die Produktion dieses neuen Modells im riesengroßen Werk irgendwo bei Paris, zweieinhalbtausend Kilometer von diesem nach Schweiß und faulem Obst stinkenden Ort stoppen lassen? Sein Gesichtsausdruck gab dem Soldaten, oder war es ein Offizier, die Gewissheit, dass er sein Ziel erreicht hatte. Alexandru musste erkennen, wie wichtig dieser kleine Ort war, wie einflussreich Grenzsoldaten an einem rumänischen Grenzposten an dem großen Fluss sein konnten. Vor allem in dieser Zeit, in der der große und übermächtige Conducator sowieso überall auf der Welt eine entscheidende Rolle in der internationalen Politik spielte. Das hatte Alexandru vergessen, er hatte in den letzten vier Jahren, seit er das Land verlassen hatte, nichts mehr über den Titan der Karpaten gehört, nichts mehr hören wollen.
Im Bauch der blinden Kuh
Nach fünf Stunden durften sie die Grenze passieren. Es war schon Nacht, sie wollten Geld wechseln, alle Wechselbuden waren bereits geschlossen, oder man konnte sie gar nicht sehen in der tiefen Dunkelheit dieser Nacht, in der man kein einziges Licht sehen konnte.
Sie fuhren weiter, sie waren sich nicht sicher, ob sie der Straße folgten oder ob sie auf steinhartem Acker fuhren. Waren die Nächte immer so dunkel gewesen, als sie noch in diesem Land gelebt hatten? Sie hatten das Gefühl, als befänden sie sich im Bauch einer blinden Kuh auf einer holprigen Straße, voller Schlaglöcher, die man nicht meiden konnte, und als drängen sie tiefer und tiefer in den Bauch dieser blinden Kuh. Immer stärker befiel sie das Gefühl, dass dieser Weg nirgendwohin führen konnte, so wie sie damals dachten, dass ihr Leben in einem dunklen Tunnel verlaufen würde, in dem es ab und zu kleine Lichter gab, Glühwürmchen in ihrem Leben. Sie wollten aber kein Würmchen sein, sie wollten raus aus diesem Käfig. Alexandru war aber überzeugt, dass er sein Leben lang nicht aus diesem Land fliehen könnte, dass er nie das Land von Voltaire und Diderot, dessen Sprache er studiert hatte und liebte, dass er nie das Globe Theatre, von dem er oft beim Lesen von Shakespeares Stücken geträumt hatte, jemals besuchen würde. Er hatte sich manchmal gefragt, ob diese Namen, diese Bilder – Tour Eiffel, Buckingham Palace, New York City –, ob sie überhaupt als ein Turm, oder ein Schloss oder eine riesige Stadt existierten, oder ob sie nur Erfindungen eines Regimes waren, die den Eindruck erwecken sollten, dass es auch etwas anderes gebe als die Lüge und den Staub und die Dunkelheit, in der sie lebten. Aber warum sollten sie das?
Schmetterlinge
Durch die schmutzige Windschutzscheibe entdeckten sie plötzlich einen leuchtenden Schmetterling mitten auf der Landstraße, die nach Bukarest führte.
Ziemlich groß für einen Schmetterling! Und plötzlich streckt dieser riesige Schmetterling einen schwarz-weiß gestreiften Rüssel aus, bewegt ihn von unten nach oben und zurück. Langsamer fahren, noch langsamer! Der Schmetterling hat einen langen dunklen Schwanz, nein, es sieht aus als hätte er Füße, er hat Füße, er trägt sogar eine Mütze mit einem goldenen Stern auf der Stirn.
Ein Polizist mit einer leuchtenden über der blauen Uniform gestülpten Weste. Anhalten. Das Fenster auf der Fahrerseite geht langsam runter, er dreht an dem Hebel so vorsichtig, als wäre es verboten das Fenster schnell zu öffnen. Der Polizist, ein sehr junger Mann in seiner zu weiten Uniform, ein Kind, das jetzt Mann spielt. Mann in blauer Uniform mit einem schwarz-weiß gestreiften Knüppel in der Hand. Seine Bewegungen sind schleichend wie die eines Tieres, das seine Beute mit seinen Augen lähmt, bevor es zuschlägt. Er nähert sich, sieht sich den Wagen von allen Seiten sehr aufmerksam an. Ein souverän gespielter Kennerblick, der jedes Detail analysieren und katalogisieren kann. Ob sie rumänisch verstünden, fragt er in einem Ton, als stünde er in einem Verhörsaal vor einem gemeinen Verbrecher, der jetzt zum Geständnis gezwungen wird.
»Welches Zeichen haben wir hier am Kontrollposten?«
Alexandru entschuldigt sich, er habe nichts sehen können in dieser Dunkelheit. Sie sollten es besser wissen, sie verbringen schließlich ihre Zeit hier am Kontrollposten.
»Dokumente!«
Mit den Reisepässen von Anna und Alexandru in der Hand bewegt er sich mit seinen schleichenden, sicheren Bewegungen, wie in Zeitlupe gedreht, zur Front des Wagens. Er schaut sehr genau auf das Nummernschild, vergleicht die Daten mit denen im Reisepass angeblich eingetragenen Daten, einen Pass nach dem anderen. Er hat die Lektion gut gelernt, in den rumänischen Pässen wird das Kennzeichen in den Reisepass, wenn man überhaupt zu den Glücklichen gehört, die einen bekommen können, eingetragen. In den deutschen Pässen nicht.
»Hier am Kontrollposten darf man nur 30 km/h fahren. Sie sind viel zu schnell gefahren.«
Alexandru hätte gar nicht so schnell fahren können auf dieser holprigen Straße, wo man gar nicht wissen konnte, ob man noch tatsächlich auf der Straße war oder auf dem trockenen Acker, geschüttelt und gerüttelt, damit man sich sicher an die Straßen der Kindheit erinnert. Die Straßen, die so oft nirgends hinführten, wo man über alle Pfützen von Stein zu Stein springen musste, wenn man seine Schuhe und sein Gewissen sauber halten wollte.
Nein, er sei nicht schnell gefahren, man solle lieber die Straßen reparieren, als sich darum kümmern, ob Ausländer wüssten, welches Zeichen hier am Kontrollposten, mitten in der Nacht, aufgestellt sei.
Der Mann mit der zu weiten Uniform, sein Gesicht kann man kaum sehen – nur zwei Wieselaugen, die vergeblich versuchen, Angst in die Venen der Gefangenen zu spritzen –, ist ein Praktikant. Hinter ihm ein Polizeioffizier. Ein kurzes Zeichen, lass sie weiterfahren.
Der Praktikant kann das nicht stehen lassen, sie einfach so weiter fahren zu lassen. Er wirft mit einer lässig entschlossenen Handbewegung die Pässe unter die Fahrertür – in den Dreck mit euren ausländischen Pässen. Alexandru muss aussteigen, bückt sich, geht in die Knie, sammelt die schmutzigen ausländischen Pässe unter dem Auto auf. Der Moment ist eine Explosion von Schimpfwörtern, Anna ist fast lauter als der brüllende Motor des Wagens, der jetzt wie ein Formel 1 Wagen startet mit quietschenden Reifen auf der staubigen Straße. Jetzt werde ich schnell fahren. Zum Trotz.
Die Reise geht weiter durch die dunkle Nacht. Dunkel wie im Bauch einer schwarzen Kuh, keine Laternen, keine Sterne, nur die Scheinwerfer, die zwei Löcher in den schwarzen Stoff bohren. Auf einmal Straßenbahnschienen und am Rande der Straße eine Gestalt.
»Entschuldigung, ist es noch weit bis Bukarest?« »Sie sind in Bu… Bu… Bukarest!«, antwortet eine betrunkene Stimme.
Soll das die Hauptstadt sein? Sie können es nicht glauben, das Auto rollt weiter, langsam entlang der pechschwarzen Straße. Tatsächlich, links und rechts reihen sich Kolosse, eckig, grau, dunkel, kein beleuchtetes Fenster, nicht eines. Und so geht es bis an das andere Ende der Stadt, ans Ende der Hauptstadt dieses mythischen Landes des sagenumwobenen Titans der Karpaten.
Zeichen am Kontrollposten
Ein Rüssel, weiß gestreift, die leuchtenden Flügel eines Schmetterlings und die Frage, die gleiche Frage, diesmal im Sprechchor:
»Welches Zeichen haben wir hier am Kontrollposten?«
Ja, er wisse, dass das Schild eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h vorschreibe, er wisse aber auch, dass er nicht einmal 20 fahren konnte, die Straße, die vielen Löcher, wie Bombenkrater, hätten das nicht erlaubt. Der Polizist lächelt, sie können es nicht begreifen, wieso er das tut. Er verlangt keine Papiere, er schaut sich das Nummernschild nicht an, er sagt nur:
»Fahren Sie weiter, aber bitte nicht schnell!«, und salutiert.
Das Fenster bleibt offen, Alexandru sitzt da mit offenem Mund, weiß nicht, was er sagen soll, fährt nicht weiter. Eine Ewigkeit, eine ewige halbe Minute, und der Wagen beginnt sich zögerlich zu bewegen. Wird er nicht doch laut »Halt!« schreien, oder gibt es nach zwanzig Metern noch einen Schmetterling, der diese Aufgabe erledigt? Sie dürfen tatsächlich weiterfahren. Ihre Herzen pochen laut, sie atmen schnell, oberflächlich. Was passiert jetzt, etwas muss doch passieren? Der Wagen rollt langsam über die holprige Straße, das Licht der Scheinwerfer zittert eine Zeit lang mit. Sie haben sich alle beruhigt, die Straße wird glatt, wird breiter, Alexandru kann jetzt schneller fahren, sie sind auf der Autobahn. Die einzige Autobahn des Landes, einhundertachtzig Kilometer lang. Keiner von ihnen spricht, man hört nur den Motor des Wagens schnurren, eine Katze auf dem sicheren Sprung ins Ziel. Bald haben sie es geschafft.
Plötzlich fangen sie alle laut an zu lachen. Es ist tatsächlich möglich, dass es auch auf der Autobahn Schmetterlinge gibt.
Ein Kontrollposten mitten auf der Autobahn und ein junger Polizist, der eine bekannte Frage stellt:
»Welches Zeichen haben wir hier am Kontrollposten?«
»Hier darf man nur 30 km/h fahren, ich bin einhundertsechzig gefahren! Es ist ein Uhr nachts und wir möchten endlich ans Ziel kommen.«
Der junge Polizist blickt Alexandru erstaunt an, fängt sich aber schnell.
»Mit solchen Leuten wie Ihnen kann ich mich sehr gut unterhalten, Sie gefallen mir. Sie sind ehrlich und das ist, was zählt! Sagen Sie, woher kommen Sie?«
Alexandru dreht sich nach hinten, greift in die Tasche auf der Rückbank und holt eine Packung Karelia heraus und drückt sie dem Polizisten in die Hand. Dieser schaut sich die Packung an und schaut dann Alexandru an, ohne etwas zu sagen, er schaut ihn einfach nur an, und Alexandru erinnert sich an diesen Blick, der sagt: Glaubst du, dass ich mich mit so viel zufriedengebe? Alexandru dreht sich erneut um, greift in die Tasche und holt eine zweite Packung von den Zigaretten, die er in Griechenland gekauft hat, und reicht sie dem Polizisten. Das Spiel der Blicke wiederholt sich, nach der dritten Packung drückt Alexandru aufs Gaspedal.
Im Rückspiegel sieht man den jungen Polizisten regungslos, mit offenem Mund dastehen, mitten auf der einhundertachtzig Kilometer langen Autobahn, der Stolz der Bevölkerung und des Auserwählten, des ersten Sohnes des Landes.
Er fährt schnell, er will aus diesem Alptraum mit Schmetterlingen und gestreiften Rüsseln heraus, am liebsten würde er schweißnass und zitternd aus diesem bösen Traum in seinem Bett erwachen.
Бесплатный фрагмент закончился.
