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Sophie Strohmeier: Küss mich, Libussa

Erster Teil
1

Auf dem dunklen Holztisch vor mir dampfte bereits der dritte Kaffee in Folge. Alle Geräusche in dem Prager Studentenkaffeehaus kamen mir viel zu laut vor. Als hätten die Ausflugsschiffe die Moldau verlassen, um mit ihren riesigen Dieselmotoren in meinen Ohren zu rattern.

»Wir wollten doch zu dir gehen«, sagte ein Mädchen am Nebentisch zu einem jungen Mann.

Sie flüsterte, aber für mich klang es wie liebevolles Gebrüll.

»Ich habe dich doch angerufen, aber dein Telefon war ausgeschaltet«, hörte ich den jungen Mann antworten.

»Ein Bier, bitte«, sagte jemand, und es hörte sich für mich wie »Ich liebe dich« an.

Ich konnte nicht aufhören, einmal das linke über das rechte, dann wieder das rechte über das linke Bein zu schlagen. Meine Kniekehlen brannten, als wäre ich in Hotpants durch ein Brennnesselfeld gelaufen. Immer wieder wurde mir schwarz vor Augen. Die Menschen um mich kamen mir wie unruhige Schatten vor, laut und verschwommen. Ich hatte Durst, mein Mund war trocken, meine Kehle brannte, aber ich trank dennoch nur Kaffee, um mich mit seinem Koffein zu beleben, weil ich Angst vor einer Ohnmacht hatte.

An der Wand über mir hing ein Bild, das eine brünette Frau in grüner Bluse zeigte. Zwischen ihren grellroten Lippen leuchteten die weißen Zähne wie poliertes Porzellan. Ihre schlanken Finger hatten schon gut ein Drittel der Blusenknöpfe geöffnet.

Mir wurde heiß. Ein Schweißausbruch klebte mir das Hemd an die Haut. Ich zog mir den Rollkragenpullover aus und fuhr mir mit den kalten Handflächen über die Schlüsselbeine. In der Öffentlichkeit traute ich mich nicht, mit den Fingern bis zu den Brüsten zu wandern. Meine Brustwarzen waren hart und drückten gegen den Stoff meines Hemds, der mir jetzt viel rauer vorkam als zuvor. Der Kellner musste meinen Zustand erkannt haben und brachte mir unaufgefordert ein Glas Wasser. Seine Hände sahen ungemein weich aus, wie die eines Prinzen. Seine Arme waren muskulös und hoben sich mit ihren kantig geschnittenen Muskeln schön vom dunklen Hintergrund ab. Sein Nacken leuchtete hell unter dem schwarzen Haar, das denselben Glanz hatte wie das gepflegte Haar von Miloš. Auf Miloš wartete ich hier seit Stunden, weil ich vor Ungeduld viel zu früh zum vereinbarten Treffpunkt gekommen war. Ich war einfach zu verliebt.

Miloš war Assistent am Prager Institut für Tschechische Literatur, an dem ich mein Auslandsstudienjahr verbrachte. Während der vormittäglichen Vorlesung über die Romantik hatte er der Professorin kopierte Skripten vorbeigebracht. Ich hätte am liebsten sofort mit ihm gesprochen. Er hatte mir zugelächelt. Nach der Vorlesung hatte er gerade nur so viel Zeit, um mit mir unser Treffen zu vereinbaren, dann musste er zu seiner eigenen Lehrveranstaltung.

Ich war mit meiner Sehnsucht für drei Stunden alleingelassen. Also wollte ich zuerst an der Moldau spazieren gehen und die schneeweißen Möwen beobachten, die schreiend von Eisscholle zu Eisscholle flogen, aber mir war zu kalt. Ich fühlte mich zu einsam und musste mich unter Menschen aufwärmen. In einem überfüllten Café würde auch niemandem die Unruhe auffallen, in der mein Herz das Geheimnis meiner Liebe in die Welt hinausschrie, dachte ich. Das kleine Studentencafé hatte ich schon in den ersten Tagen meines Aufenthalts in Prag kennengelernt. Es befand sich gleich um die Ecke von meiner Fakultät, es war meist überfüllt, das Bier war leicht und schmeckte kräftig, und die Kellner sparten nicht mit Leitungswasser. Mir war sofort klar gewesen, dass dieses Kaffeehaus mein Basislager werden würde.

2

Milošs Augen waren schwarz wie ein Waldsee, in dessen Mitte eine Nymphe auf einer Insel unter einem blühenden Obstbaum ihr langes, feurig rotes Haar kämmt. Seine Brauen waren dunkel und dicht. Sein Gesichtsausdruck war hart und zärtlich zugleich. Wenn er lachte, bildeten sich unter seinem Bart kaum erkennbare Grübchen auf den Wangen. Sein Nacken war stark und breit, seine Schultern wie die Krone einer alten, rauschenden Linde, deren Grün aus der Ferne über weite, wogende Felder flackert. Immer trug er alte, dunkle Anzüge, denen erst sein Auftreten und seine Figur eine besondere Eleganz verliehen.

Die Tür des Cafés öffnete sich. Miloš trat mit Zigarette im Mundwinkel ein. Er lachte, als er mich sah, und bestellte zwei Bier. Dann ergriff er meine verschwitzte Hand und gab mir einen Kuss auf die heiße Wange. »Ahoj, liebe Marie«, grüßte er, »du trinkst Kaffee, obwohl es schon Nachmittag ist? Der Kaffee ist zwar dunkel wie der Abend. Aber man muss sich die Abende mit dem Gold des hellen Biers zu sonnenerleuchteten Tagen machen.«

Sein Lachen beruhigte mich und steckte mich gleichzeitig an. Ich erstrahlte, sobald ich ihn sah, und konnte nicht anders, als seinen Gedanken über Tag und Nacht weiterzuspinnen. »Die Nacht lässt mich träumen. Am liebsten träume ich ewig und bei vollem Bewusstsein«, sagte ich. »Deshalb der Kaffee.«

»Mit Bier träumt man schöner. Und entspannter.«

Wir stießen an. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie heftig mein Durst geworden war. Ich setzte den Krug an, ein Schluck folgte dem anderen, und mein Bier war in einem langen Zug zur Hälfte geleert.

»Hast du dich schon von unserem Eishockeyspiel erholt?«, fragte Miloš.

Ich nickte, obwohl sich bei seiner Frage in meinem rechten Knie ein Stechen ausbreitete. Ondra, Feri und Milošs übrige Freunde, deren Namen ich mir nicht gemerkt hatte, waren raue Gesellen und hatten gar nicht daran gedacht, zurückzustecken, nur weil ein Mädchen mit ihnen spielte. Aber ich hatte jetzt ein wichtigeres Anliegen und wollte nicht darauf zu sprechen kommen, dass ich mir zum Studieren ausgerechnet ein Land ausgesucht hatte, in dem selbst die intellektuellen Männer jeden Winter auf zugefrorenen Teichen ohne Schutz Eishockey spielen, und dann noch unschuldige österreichische Studentinnen wie mich zum Mitmachen zwingen.

»Wie war die Vorlesung bei der Königin?«, fragte Miloš weiter und grinste. »War es so interessant, dass es dir die Sprache verschlägt?«

Ich hatte tatsächlich etwas wie einen verknoteten Frosch im Hals und beobachtete lieber wortlos Milošs Hände, die langsam die Zigarette im schmutzigen Aschenbecher ausdämpften. Erst nach einer Weile stotterte es aus mir heraus. »Ich … konnte mich nicht … gut konzentrieren«, sagte ich.

»Wie sollen sich junge Frauen auch konzentrieren, wenn sie Ewigkeiten lang stillsitzen müssen, anstatt draußen ihren Instinkten und Trieben nachzugehen?«

»Ich wollte ja nachher einen Spaziergang machen«, sagte ich, »aber du hattest keine Zeit, und überhaupt war es nicht möglich. Die Instinkte und Triebe waren zu stark.«

Er nickte. »Wassermann?«, fragte er dann.

»Ja, sie hat mit uns die Ballade über den Wassermann durchgenommen.«

»Was hast du dir gemerkt?«, fragte er wie ein echter Professor, obwohl er nur Assistent war.

»Karel Jaromír Erben hat das geschrieben.«

»Das ist schon ein guter Anfang«, sagte er und zündete sich eine weitere Zigarette an.

Ich war froh, dass ich statt über meine Gefühle über Literatur sprechen konnte, und mein Stottern ließ nach. »Der Wassermann ist so etwas wie eine dunkle Macht und ein böser Ehemann gleichzeitig«, sagte ich. »Die junge Frau wird von ihm gefangen, bekommt ein Kind von ihm. Aber sie hat Sehnsucht nach ihrer alten Mutter. Der Wassermann erlaubt ihr, sie zu besuchen, nur lässt die Mutter sie nicht wieder gehen. Der Wassermann tötet das Kind.«

»Was bedeutet das?«

»Das Kind … ist tot?«

Er schüttelte den Kopf. »Die Mutter hat ihre Tochter ins Unglück gestürzt, weil sie sie nur für sich haben wollte«, erklärte er. »Hätte sie die Tochter wieder zurück in den See zu ihrem Ehemann gehen lassen, wäre dem Kind nichts zugestoßen. So ist jetzt auch die Bindung zwischen Mutter und Tochter zerstört.«

»Ich kann mich zumindest noch erinnern, dass am Ende das Kind in zwei Hälften geschnitten ist.«

»Wenigstens etwas. Das ist auch ein Bild für die Zerrissenheit der Tochter, zwischen der Liebe zu ihrem Kind und der zu ihrer Mutter. Natürlich sieht man daran auch, wie gefährlich der Mutter die Trennung von ihrer Tochter erscheint. Die Tochter ist weg bei irgendeinem Ehemann, noch dazu bei einem Wassermann unten am Grund des Sees, und niemand kann ahnen, wie es ihr dort geht.«

»Ich habe schon gesagt, dass ich mich nicht gut konzentrieren konnte.«

»Schade«, sagte er, »über diese Ballade spricht die Königin am liebsten.«

Die Professorin hieß in Wirklichkeit Libuše Herzová. Aufgrund des Respekts, den sie allen einflößte, und aufgrund ihrer Vornamensgleichheit mit einer mythischen, matriarchalischen Herrscherin nannten sie am Institut einige Leute »Fürstin«, andere »Königin«. Ich hatte sie wegen ihrer weißen Haut und ihrer kühlen Schönheit auf »Schneekönigin« umgetauft.

Miloš wollte offenbar mehr über Jaromír Erbens Balladen erzählen, aber ich konnte mich nicht mehr halten. Ich musste endlich aussprechen, was in mir seit Semesteranfang wütete und was mir alles andere nebensächlich erscheinen ließ. Zu diesem Zweck hatte ich ja das Treffen mit Miloš vereinbart. »Ich bin verliebt«, sagte ich.

Miloš schluckte. »Sehr gut«, antwortete er unbestimmt.

»Ich konnte es nicht erwarten, es dir zu sagen. Wem könnte ich es auch sonst sagen, wenn nicht dir? Ich bin schon ganz wahnsinnig vor Sehnsucht. Mein Körper macht, was er will, ich kann mich selbst nicht mehr beherrschen, so stark ist es. Meine Liebe ist so stark! Das kannte ich noch nicht, bisher.«

Miloš war erstarrt und sah ein bisschen aus wie der David von Michelangelo. Er kratzte sich elegant aber kompliziert an der Schulter. Es stand ihm gut. So verdutzt hatte ich ihn noch nie erlebt.

»Ich liebe die Schneekönigin«, sagte ich.

3

Nachdem Miloš mein Liebesgeständnis vernommen hatte, sagte er zunächst nichts und starrte mich an. Dann lachte er laut auf, nahm einen großen Schluck Bier und schüttete dabei sein Sakko an. »Ich dachte schon, deine Liebe gilt mir. Ich brauche einen Schnaps«, sagte er und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab.

»Was soll ich tun?«, fragte ich, weil ich mir von ihm ernsthaften Rat erhoffte.

»Langsam, langsam«, bremste mich Miloš, »zuerst musst du mir etwas erklären. Du bist also lesbisch?«

»Ich denke schon. Ein wenig. Offensichtlich.«

»Ein wenig oder wirklich?«

»Ein wenig wirklich. Scheint so. Würde ich sagen.«

Miloš brummte etwas vor sich hin, hielt die Augen gesenkt und spielte mit den Gläsern auf dem Tisch. Er sah enttäuscht aus. Immer noch mit gesenktem Blick fragte er nach: »Du meinst, du bist so wirklich, wirklich stark in die Königin verliebt?«

»Unbeschreiblich wirklich!«, rief ich. »Schon seit Semesterbeginn.«

Endlich hob er seinen Blick, das Weiß seiner Augen glänzte, das Schwarz war durchdringend dunkel. »Naja«, seufzte er, »dann weiß ich zumindest, was Sache ist.«

Ich war sprachlos. Wollte denn er das Objekt meiner Begierde sein? Ich wusste nicht, ob ich ihn jetzt trösten sollte. Es war mir peinlich, deswegen schwieg ich lieber und wartete ab.

Nachdem Miloš, der Assistent meiner Angebeteten, sich für kurze Zeit entschuldigt hatte und bald mit zwei weiteren Bier und zwei Zwetschgenschnäpsen zurückgekommen war, fasste er sich. »Trinken wir! Du, Marie, erkläre mir genau, wie es zu deiner Liebe gekommen ist.«

Wir blieben bis nach Mitternacht im Kaffeehaus sitzen, und ich berichtete ihm im Detail, wie ich die Schneekönigin zum ersten Mal bei meiner ersten Vorlesung im großen Hörsaal zu Gesicht bekommen hatte, wie ich mich vor ihr zuerst gefürchtet hatte, als sie in ihrem grauen Kostüm hinter ihrem Pult stehengeblieben war, den Bücherstapel auf die Platte gelegt und alle Studenten mit ihren eisblauen Augen gemustert hatte.

Es war damals vollkommen still im Hörsaal gewesen. Ich bildete mir höchstens ein, das ängstliche Schlucken mancher meiner Kollegen zu vernehmen. Von der Schneekönigin ging etwas wie eine tödliche Strahlung aus, die allen Anwesenden Freude und Wärme zu entziehen drohte. Mich fröstelte, und ich musste meine Hände aneinander reiben, um sie aufzuwärmen. Zum Glück saß ich ganz oben im Hörsaal, in der letzten Reihe, wo noch etwas warme Luft war. Denn unten, um das Lesepult, war das Raumklima von einem arktischen Seewind geprägt. Eine glasklare, eisige Aura umgab die Professorin, als wäre sie das Zentrum eines Bergkristalls. So zumindest kam es mir vor.

Als die Schneekönigin die Skripten zur Hand nahm, um sie einer Studentin in der ersten Reihe zum Verteilen zu reichen, fiel mir auf, wie elegant sie in jeder ihrer Bewegungen war. Ihre Schritte waren leicht, sie hielt den Kopf aufrecht, als entstammte sie dem höchsten Adelsgeschlecht, die Schultern trug sie wie eine Tänzerin oder Eiskunstläuferin. Ihre Handgelenke bewegte sie geschmeidig und locker, und ich musste unwillkürlich an den Flügelschlag von Raben denken. Das schwarze Gefieder der Raben glänzt bläulich, dachte ich, bläulich wie ein glatter, gefrorener See. Wie schimmerndes Eis, so hell, so geheimnisvoll schienen mir ihre zarten, weißen Handgelenke zu sein.

Unerwartet stieg in mir eine quälende Eifersucht gegen die Studentin in der ersten Reihe auf, die den Papierstoß entgegengenommen hatte. Während der Vorlesung war ich wie versteinert und hörte einzig der Sprachmelodie der Professorin zu. Ich war wie ein Grabstein, auf den sich eine Nachtigall gesetzt hat und der gerne in ihren Gesang einstimmen würde, der aber keine Lunge hat, um dafür Luft zu holen.

In der nächsten Woche kam ich fast eine Stunde vor Vorlesungsbeginn, um mir einen Platz ganz vorne, dem Lesepult genau gegenüber zu sichern. Es passierte etwas Wunderbares. Im Vortrag über poetische Vergleiche brach die Stimme der Professorin mitten im Wort ab. Ihr Blick hatte den meinen gefunden. Einen ewigen Moment lang hatten wir Augenkontakt. Völlige Stille. Die ganze Welt hielt inne, es herrschte absoluter Stillstand. Ihre blauen Augen leuchteten mich an, wie zum Stehen gekommene Gletscher. Da löste sich etwas in ihr, als würden die tieferen Schichten schmelzen und als würden sich die Eismassen mit einem gewaltigen Dröhnen ein kleines Stück talwärts bewegen. Die Schneekönigin lächelte.

4

Nach Sperrstunde spazierten Miloš und ich noch eine Weile flussaufwärts an der Moldau entlang. Es schneite. Die großen Flocken glänzten golden in der gelben Prager Straßenbeleuchtung. Wir setzten unsere Füße in die tiefe Neuschneedecke und fühlten uns wie die ersten Menschen. Für mich galt das besonders, weil ich nach Wochen endlich von meinem Geheimnis befreit war, das schwer auf mir gelastet hatte. Eine Nachtstraßenbahn fuhr lautlos an uns vorbei, als wären die Schienen aus Watte.

Bei der Galerie Mánes, deren Wasserkraftwerk leise rauschte, verließen wir die Straße und gingen hinunter zum Fluß auf die Náplavka, die ehemalige Holzschwemme. Unter der Jiráskův-most-Brücke blieben wir stehen und hörten längere Zeit den Eisschollen zu, die an den Brückenpfeilern brachen. Zwei Schwäne glitten silbern über den schwarzen Strom der Moldau. Wir schauten hinaus auf den Fluss und schwiegen.

Etwas später bestellte Miloš mir ein Taxi. Er selbst wohnte im schönen Viertel Vinohrady, das sich auf einem Bergkamm befindet, an dessen Hängen früher die königlichen Weinberge lagen. Mein Studentenwohnheim hingegen lag in Jižní město, der Südstadt, wo sich weithin sichtbare Plattenbauten mit gut versteckten Villenansammlungen abwechselten. Ich hatte mich zu spät um eine Unterkunft gekümmert und nur noch einen Platz im riesigen Plattenbau der Studenten der Hochschule für Chemie und Technologie ergattert. Ich wohnte nun also wirklich nicht gerade am hübschesten Ende von Prag. Miloš drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, bevor er die Tür des Taxis hinter mir schloss. »Bis dann, Marie.«

Das Taxi schlich über die vom frischen Schnee bedeckte Autobahn, die auf einer langen, ewig hohen Brücke über das Stadtviertel Nusle führte. Zu meiner Rechten erahnte ich die zweite, ältere Burg von Prag, den Vyšehrad, der in der Barockzeit zu einer gewaltigen Festungsanlage umgebaut worden war. Vyšehrad war der Sitz der mythischen Fürstin Libuše gewesen, zu Deutsch: Libussa. Sie war eine große Seherin gewesen, die unter anderem von den Zinnen ihrer Burg aus die Gründung von Prag prophezeit haben soll. Libuše hieß auch meine Professorin. Ich wurde trübsinnig. Der Taxifahrer bot mir eine Zigarette an. Ich machte es mir im Sitz bequem, kurbelte das Fenster herunter und ließ mir den kalten Wind über die Stirn streichen.

Ich dachte darüber nach, wie es wohl wäre, mit einer Frau zu schlafen. Ich kannte diese Erfahrung noch nicht, obwohl ich Miloš gegenüber behauptet hatte, lesbisch zu sein. Zwar konnte ich mir schon vorstellen, dass sich Lesben gegenseitig lecken und streicheln, aber was man als Frau mit einer Frau sonst noch tun kann, wusste ich nicht so genau. Irgendwie wollte ich es mir gar nicht ausmalen.

In Wien hatte ich ein eher braves Leben geführt. Meine Eltern hatten mir die Wohnung gezahlt, ich hatte sie ab und zu zum Mittagessen getroffen. Der einzige Akt der Revolte meinerseits bestand darin, dass ich Tschechisch zu studieren begann anstatt Rechtswissenschaften oder Medizin, wie es sich mein Vater gewünscht hätte. Er hielt Tschechisch für sinnlos, ebenso wie ich es am Anfang meines Erwachsenwerdens für unwichtig hielt, viel auszugehen und die Geheimnisse der Liebe zu erforschen. Natürlich war ich hin und wieder mit Freundinnen abends unterwegs gewesen und hatte bei diesen und anderen Gelegenheiten Männer kennengelernt und Sex gehabt. Einen festen Freund hatte ich aber nie gehabt. Mir hatte bei Männern immer etwas gefehlt. Ich hatte mir darüber nie ernsthafte Gedanken gemacht, sondern war davon ausgegangen, dass der Richtige schon früher oder später kommen würde.

Während der Taxifahrt stellte ich mir immerfort vor, mit der Schneekönigin Libuše Herzová zu verschmelzen. Ihre größeren Brüste an meinen kleinen. Ihr glattes blondes Haar, das sich mit meinen braunen Locken vermischte. Meine Hand in der ihren. Die Beine verflochten wie Scheren in den festen Zöpfen duftender Mädchen.

Um zwei Uhr morgens stieg ich aus dem Taxi. Die Bäume vor dem Wohnheim Sázava starrten unter der funkelnden Schneelast. Der scheppernde Aufzug brachte mich ins siebente Stockwerk. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Zimmer, um meine Mitbewohnerin Daphne nicht aufzuwecken.

Nach einer schlaflosen Weile bemerkte ich, dass auch Daphne noch wach war. Ich konnte in der nächtlichen Stille keinen schweren Atem ausmachen, wie er für Schlafende typisch war. Nur der Radiator gab Geräusche von sich, als würde trockenes Reisig brechen.

Hielt Daphne so wie ich ihren Atem an und gab sie so wie ich den Schlaf nur vor?

Ich war ungeduldig und wollte mir ihres Schlafs unbedingt sicher sein. Langsam und möglichst geräuschlos fuhr ich mir unters Hemd. Ich konnte es nicht erwarten, an mir herumzuspielen. Die Wärme meiner bebenden Handfläche auf meinem rasenden Herzen machte meine Unrast nicht besser. Ich presste meine Augenlider zusammen, ich zwickte meine linke Brustwarze zwischen Ring- und Mittelfinger ein und atmete vorsichtig durch die Nase, um ja keine unkontrollierten Laute auszustoßen. Die andere Hand lag wie ein Brett an meiner Seite. Ich hatte ihr streng verboten, sich meiner Scham zu nähern, solange ich mir nicht sicher war, dass Daphne schlief.

Vielleicht dachte meine Mitbewohnerin dasselbe wie ich? Wartete auch sie auf meinen Schlaf, um es sich in Ruhe selbst zu machen? Hatte ich sie mit meiner Ankunft vielleicht sogar dabei unterbrochen?

5

Die Nacht verging, und die Bilder von den Brüsten der Schneekönigin mischten sich in meinem Kopf mit meiner Erinnerung an die Minuten, die ich mit Daphne einmal gemeinsam in der Dusche verbracht hatte. Erbauliche Minuten zu zweit in einem engen, dampferfüllten Quadrat, das wir uns mit den Mädchen aus dem Nachbarzimmer teilten. Der durchdringend eisblaue Blick der Schneekönigin blitzte wie ein Diabild auf meinen geschlossenen Lidern, die nassen roten Haare Daphnes folgten, die Gesichter der zwei Frauen vermischten sich in meinen Vorstellungen. Die hohen Wangenknochen der Professorin wechselten sich mit den Sommersprossen meiner kleinen Mitbewohnerin ab. Die gewölbte Figur und die scharf geschnittene Taille, die ich im Hörsaal immer wieder unter verschiedenen grauen und gräulich blauen Kostümen beobachtet hatte, wandelten sich zur knabenhaften Gestalt Daphnes, der ich zugesehen hatte, wie sie sich zuerst in der heißen Dusche entspannte, um dann unter der Einwirkung des trocknenden Handtuchs wieder straff zu werden.

Offenbar brauchte ich eine Frau. Zwischen meinen Beinen wurde es warm und wärmer. Die Hand, die wie ein Brett daliegen sollte, hatte sich selbsttätig erhoben und fand ihren Weg von alleine. Schon war sie ihrem Ziel näher, schon war sie nah, schon berührte sie fast die empfindlichste Stelle. Aber da entwich mir ein ungeschicktes Geräusch.

»Marie?«, hörte ich Daphne aus der Dunkelheit.

Ich drückte meinen Kopf ins Kissen. Dann schluckte ich und antwortete. »Was ist denn?«

»Kannst du auch nicht schlafen?«

Ich rollte mich auf den Rücken, fühlte mich meiner Träume beraubt. »Mach dir doch einen Tee«, sagte ich zornig.

Daphne war einundzwanzig, zwei Jahre jünger als ich, und stammte aus New York. Sie studierte Biochemie, betrachtete sich aber gleichzeitig als Künstlerin und fotografierte am liebsten Asphalt, Mülltonnen und Baumrinden sowie hässliche kleine Hunde und nachdenkliche Kinder. Ihre Eltern hatten sie nach Europa geschickt, weil sie angesichts einiger Exzesse befürchteten, dass sie daheim auf die schiefe Bahn geraten und der Drogensucht anheim fallen würde. Daphne hielt diese Sorge für lächerlich, hatte aber nichts gegen ein Auslandsstudium einzuwenden gehabt.

»Ich möchte keinen Tee«, sagte sie. Weil sie offenbar davon ausging, dass mich alles an ihr interessierte, fügte sie noch hinzu: »Ich habe gerade so schlecht geträumt. Von malmenden, rollenden Steinen. Jetzt tun mir die Zähne weh.«

Ich verstand nicht gleich, dass sie offensichtlich Nähe suchte und seufzte nur enttäuscht, weil ich meine Selbstbefriedigung auf später verschieben musste. Ich musste an ihre Zähne denken. Sie waren irgendwie typisch für eine Tochter reicher amerikanischer Eltern. Kräftig durch gute Pflege und von einer teuren Zahnspange schön geordnet, füllten sie ihren kleinen, hübschen Mund. Er war rot und hatte eine feste, plumpe Unterlippe.

Es war immer noch stockfinster im Raum. In meiner Vorstellung entwickelte sich aus ihren roten Lippen ihr ganzer jugendlicher Körper. Sehnig, gebräunt, mit runden kleinen Schultern, sportlichen Schenkeln und einem fülligen Hintern. Die Brüste waren fein, dezent und gekrönt von prominenten, dunkelrosa Brustwarzen. Ich konnte mich erinnern, wie sie gleich nach der Dusche locker und geschwollen waren von der Hitze des Wassers, um sich nach dem Abtrocknen an der kühlen Luft zu feinen, zuckenden Sonnen zusammenzuziehen.

Meine Fantasien hatten zunächst vor allem der Schneekönigin gegolten. Nun bestärkte ich mich darin, dass mein Verlangen auch mit einem anderen weiblichen Körper befriedigt werden konnte, dass es sogar unbedingt mit welchem weiblichen Körper auch immer befriedigt werden musste.

»Was ist mit deinen Zähnen?«, fragte ich, als ob es mich kümmerte.

»Ich weiß nicht«, murmelte Daphne traurig, »sie fühlen sich ganz blutig an.«

»Jetzt aber …«, sagte ich unbestimmt, aber entschlossen, schlüpfte unter meiner Decke hervor und machte den einen Schritt auf die andere Seite des winzigen Zimmers, wo sich Daphnes Bett befand. Sie lag mir zugewandt auf der Seite, ihre langen, roten Locken auf dem Kissen ausgebreitet. Ich strich ihr über die Stirn, nahm sie mit beiden Händen sanft an den Wangen und hob leicht ihren Kopf. »Zeig her. Mach deinen Mund auf.«

Folgsam öffnete Daphne ihren Mund. »Aah«, machte sie.

Ich sah überhaupt nichts, weil es stockdunkel war. Nur ihre weißen Zähne glänzten ein wenig in der Ahnung von Licht, das durch die Jalousien drang. Ihr Atem roch nach Schlaf und Zahnpasta. Ihre Wangen waren zart und flaumig.

»Ist doch alles in Ordnung«, sagte ich, und ohne ihre Wangen loszulassen, küsste ich sie am Haaransatz. Daphne berührte meinen Arm und räkelte sich ein wenig. Sie trug ihr weißes Rüschenunterhemd und bestimmt auch eine ihrer winzigen Unterhosen, die eigentlich genau gar nichts verdeckten. Ich war unter meinem Hemdchen nackt und fühlte diese Nacktheit umso mehr, je mehr meine Muschi die Steuerung des Körpers übernahm. »Ich bleibe noch ein bisschen bei dir«, flüsterte ich und kletterte unter ihre Decke.

Daphne holte scharf Luft. Ihre Hand umschlang fest meinen Unterarm. Mit der Fingerkuppe des Mittelfingers strich ich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, löste die verkrampfte Umklammerung ihrer Hand, führte sie zu meinem Mund und küsste ihr leise die Handfläche. Dabei stellte ich mir vor, die schneeweiße Hand der Königin zu liebkosen. »Möchtest du, dass ich noch ein wenig bleibe?«, fragte ich mit schwerer Zunge, weil ich jetzt doch ein wenig schüchtern geworden war und nicht einfach schweigen konnte. Daphne atmete schnell und antwortete nicht, also küsste ich sie auf den Mund.

6

Es dauerte keine Sekunde, da beantwortete Daphne meinen Kuss mit ihrer Zunge. Ich war überrascht, als sie ihre Hände in mein Haar grub und mein Gesicht an das ihre zog. Ihre warme Stirn berührte die meine, unsere Nasen suchten zögerlich einen Weg aneinander vorbei, um den Mündern freie Bahn zu schaffen. Daphne machte ein leises, winselndes Geräusch, das mir außerordentlich gefiel. Überhaupt war ich von ihrem Verhalten so gerührt, dass es mir das Herz zusammengezogen hätte, wäre mein Herz nicht längst eingefroren und von den kühlen Handflächen der Schneekönigin gefangen gewesen.

Mit meinen Fingerspitzen glitt ich an Daphnes Hals entlang am zitternden Schlüsselbein vorbei und tastete mich vorsichtig zu ihren Brüsten vor. Ihre Brustwarzen bebten bereits. Schnell schob ich die Träger ihres Rüschenhemds beiseite und zog es ungeduldig mit einem Ruck herunter, nur um Daphnes Brüste besser sehen zu können. Sie waren kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte, und mit Sicherheit waren sie um einiges kleiner als die der Schneekönigin. Immerhin hatte die Schneekönigin, das hatte mir Miloš verraten, bereits drei Töchter geboren.

Libušes Busen musste also voller und erwachsener sein, dachte ich mir, während ich mit meinen Händen über Daphnes kleine Brüste strich. Libušes Bauch würde wohl gewölbter sein, würde mehr zum Anfassen bieten, dachte ich, als ich Daphnes vollkommen flachen, schlanken und muskulösen Bauch befühlte, dessen Mitte von einem gut fühlbaren, leicht hervorstehenden Nabel geziert war. Der Nabel als Zentrum ihrer schlanken Figur zwang mich, mir ihre Klitoris vorzustellen. Also setzte ich mich auf und zog Daphne das winzige Höschen aus. Sie protestierte leicht, aber wahrscheinlich nur, weil ihr das angebracht schien. Das Höschen hatte ohnehin kaum ihre Schamlippen bedeckt. Ich bemerkte genau, wie warm und klebrig das kleine weiße Stück Baumwolle schon war. Ich warf es fort und schob meine Hand zwischen Daphnes Beine. Ihre Muschi war bedeckt von dichten, roten Locken, die sicher mehr hermachten als meine gekürzte schwarze Schambehaarung. Ich kraulte den warmen Busch, spürte meine Gier wachsen, und presste meine Finger leicht in Daphne hinein. Sie bäumte sich auf und machte wieder so ein entzückendes Geräusch wie vorhin, was mich dazu veranlasste, mich auf sie fallen zu lassen und sie wild zu küssen.

Das ist es also, das ist mein erster Sex mit einer Frau, und es fühlt sich gut an, dachte ich, während ich eine von Daphnes Brüsten in der Hand hielt und gleichzeitig zwei Finger der anderen Hand in ihr bewegte. Aus ihrer Muschi rann ein Saft, der sich wie eine pflegende Hautcreme anfühlte. Daphnes Scheideneingang war sehr eng. Sogar meine zwei kleinen Finger schienen ihr fast zu viel zu sein. Derjenige der Schneekönigin wäre bestimmt weicher, ihr könnte ich vielleicht sogar die ganze Hand hineingleiten lassen, dachte ich.

»Warte«, sagte Daphne atemlos, »ich möchte doch auch …«

Sie suchte mit ihren Handflächen unter meinem Hemd nach meinen Brüsten, die sie umschloss. Daphnes Hände, die eben nicht die alabasterfarbenen der Schneekönig waren, kamen mir aber plötzlich zu rau und zu fremd vor. Ihre Berührungen waren mir zuwider. Ich befreite mich und warf Daphne auf den Rücken. Über sie wollte ich die Kontrolle behalten. »Wirst du wohl stillhalten«, sagte ich und wunderte mich über die Selbstverständlichkeit, mit der ich mir nehmen konnte, was ich wollte. Ich kletterte zwischen Daphnes Beine und fuhr mit den Händen entlang der Innenseiten ihrer Schenkel nach oben. Sie wollte sich aufsetzen, ich drückte sie zurück und küsste zärtlich ihre kleinen Schamlocken. Dann fuhr ich mit der Zunge schnell über ihre erregte, zitternde Klitoris. Ihr Geschmack und Geruch schossen mir sofort ins Hirn und erzeugten eine Geilheit in mir, die ich noch nicht kannte. Daphne stieß dumpfe, klagende Laute aus, was den Effekt noch verstärkte. Immer und immer wieder leckte ich über ihren Kitzler. Manchmal zarter, manchmal mit mehr Druck, manchmal in kleinen Kreisen und manchmal in Linien, weil ich mir nicht ganz sicher war, welche Behandlung am besten wirkte. Ich tastete mit den Fingern nach dem Saft, der mehr und mehr aus ihr hervorquoll, ich leckte ihn ab und schluckte so viel davon, wie ich nur konnte. Schließlich verkrampfte sich Daphnes Körper, ihr Becken zuckte und erledigte die Bewegungen für mich. Dann bäumte sie sich ein letztes Mal auf, lachte laut und schluchzte zugleich. Danach seufzte sie zufrieden.

Ich setzte mich auf, wischte mir mit dem Handrücken den Mund ab und grinste leicht benommen. Für den Anfang war das wirklich nicht schlecht, dachte ich. Jedenfalls schon einmal besser als alles, was ich mit den paar haarigen, knochigen und herb riechenden Männern erlebt hatte, die ich in Wien nicht von meinem Bett hatte fernhalten können.

Vor mir lag die kleine, süße Daphne schwer atmend auf dem Rücken. Sie hielt sich die Hände vor ihr Gesicht als müsste sie weinen. Ihre Arme lagen da und schimmerten locker hochgestreckt mit der wunderbaren Eleganz von fein polierten Mädchenstatuen. Ich hätte aus Stein sein müssen, um mich nicht unendlich in sie zu verlieben.

Nun war ich tatsächlich von der Schneekönigin versteinert worden. Ich fand dieses schöne, befriedigte Geschöpf enttäuschend sentimental. Obwohl es Spaß gemacht hatte, Daphne zu befriedigen, ärgerte mich, wie unerfahren wir beide waren. Blüten konnte man doch nicht essen. Ich hatte Lust auf reife Früchte. Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken, Daphne mit ihren strahlenden Augen in der Finsternis alleinzulassen und mich wieder anzuziehen, um einen Spaziergang durch die verschneite Nacht zu machen. Dann wollte ich doch kein Monster sein und setzte mich noch für ein Weilchen zu ihr. Ein bisschen ärgern musste ich die reinliche Amerikanerin aber doch, und so holte ich vom Schreibtisch noch meine Zigaretten und den Aschenbecher, bevor ich mich wieder zu ihr ins Bett verfügte. Das erloschene Streichholz warf ich, weil mir gerade so danach war, einfach in hohem Bogen durch den Raum.

Ich saß Daphne gegenüber, rauchte und streichelte mehr oder weniger liebevoll ihren kleinen, flachen Bauch. Sie flüsterte meinen Namen. Ich wusste, wie sehr sie Zigarettenrauch hasste, aber sie gab keinen Widerspruch von sich. »Ach, Marie«, sagte Daphne leise, »wie hast du es wissen können? So lange habe ich mich nach dir gesehnt.«

Vielleicht weinte sie sogar dabei. Ich war gerührt genug, kurz nichts sagen zu können. Dann streichelte ich wieder ihren Mädchenbauch, der sich wie ein feiner Trieb eines jungen Baumes von ihrem zierlichen Becken absetzte.

»Eine hübsche Taille hast du«, sagte ich.

In Gedanken war ich schon wieder bei der Schneekönigin.

7

In der nächsten Woche entfielen die beiden Vorlesungen der Schneekönigin, weil sie an einem Kongress teilnahm. Ich vermisste sie, wollte ihr nahe sein und trieb mich auf dem Institut herum, um zumindest ihren Assistenten Miloš wiederzusehen.

Ich stand im Gang zwischen den Seminarräumen und wartete auf sein Erscheinen oder zumindest auf seinen Rückruf. Aus Langeweile entzifferte ich die Aushänge und Plakate auf der Pinnwand, die Ankündigung einer Exkursion, eine Einladung zu einer Ausstellung von surrealistischen Fotografien, ein Stellenangebot für Doktoranden.

Ich merkte, dass meine Schuhbänder sich gelöst hatten, also kniete ich mich hin, um sie wieder zu schnüren. Hinter mir hörte ich Schritte. Ich hob den Kopf und sah Libuše Herzová, wie sie auf ihren grauen Stöckelschuhen auf mich zusegelte. Ihr Erscheinen erschütterte mich. Mit halbgeschnürten Schuhbändern stand ich wankend auf und suchte eilig nach den richtigen Begrüßungsworten. Das Adrenalin war mir bis unter den Haaransatz gestiegen, als ich endlich ein flüchtiges »Ahoj« stammelte. Meine Stimme hatte sich wie der schwache Krächzlaut eines unterernährten Vögelchens erhoben und stürzte in der Luft irgendwo über mir zu etwas kaum Hörbarem wieder ab. Die Schneekönigin verlangsamte ihre Schritte nicht. Vielleicht hatte sie meinen unhöflichen Gruß gar nicht wahrgenommen, hoffte ich. Aus Scham hielt ich meinen Blick gesenkt.

»Dobrý den, paní kolegyně«, was ›Guten Tag, Frau Kollegin‹ bedeutete, hörte ich ihre klare Stimme und sah, wie ihre Stöckelschuhe mich Schritt für Schritt passierten. Wahrscheinlich hatte mir die Schneekönigin Libuše ins Gesicht geblickt, aber ich wußte es nicht, weil ich weiterhin meine Augen nicht zu heben wagte. Ein eisiger Lufthauch strich über meine heiße, gesenkte Stirn.

In einer anderen Wirklichkeit wäre ich nicht auf dem Boden gesessen wie eine Zehnjährige. Ich wäre in Eile gewesen, ein Buch mit dem Namen Karel Čapek oder Vítězslav Nezval auf dem Schutzumschlag hätte dezent aus meiner Manteltasche geragt. »Dobrý den, paní profesorko«, hätte ich gesagt, und »Nashledanou!«

Im selben Augenblick hätte mich Miloš angerufen und ich hätte in einwandfreiem Tschechisch ein Treffen mit ihm vereinbart. Vielleicht wäre die Herzová dann beeindruckt gewesen, hätte das Ende meines Telefonats abgewartet, um zu sagen: »Warten Sie, Marie! Hätten Sie Zeit, meine Prüfungsbögen Miloš zur Korrektur zu überbringen? Sie liegen auf meinem Schreibtisch, mein Büro ist gleich hier. Folgen Sie mir. Wie geht es Ihnen? Ihr Tschechisch ist schon ganz fließend!«

Stattdessen stürzte ich durch das Stiegenhaus und das Eingangstor ins Freie und lief wütend die gesamte eisige und verschneite Strecke bis zur U-Bahn-Station Staroměstská, um so schnell wie möglich mein Wohnheim im Plattenbau Sázava zu erreichen. Zu Hause warf ich mich aufs Bett und vergrub mein Gesicht im Kopfkissen. Mein Handy klingelte, aber ich regte mich nicht. Es klingelte wieder und wieder, und ich wäre wohl noch eine Ewigkeit so dagelegen, wenn nicht Daphne meinen Kummer mit ihrem Gekreische unterbrochen hätte. Sie hatte meine Tasche durchwühlt, mein Handy gefunden und es mir auf den bebenden Rücken geworfen. »Schalt es doch wenigstens auf lautlos!«, rief sie.

Ich setzte mich zerknittert auf und rieb mir die Augen. Mir war nicht aufgefallen, dass Daphne schon die längste Zeit im Zimmer gewesen war. Sie kniete in der ihr eigenen, leicht egomanischen Verrücktheit auf dem Bett und betrachtete misstrauisch eine kleine Nagelschere. »Was meinst du«, fragte Daphne, »ist es sehr gefährlich, wenn …?« Sie ließ die Schere fallen und wandte sich wieder mir zu. »Ach, ist doch egal. Was ist mit dir los, Marie? Hast du Liebesärger mit deinem Freund?«

Ich lächelte bitter. »Mit Miloš? Mit dem doch nicht.«

»Ach so«, sagte Daphne bedeutungsschwanger.

Sie kletterte vom Bett und holte aus ihrer Schreibtischschublade ein Toiletteetui mit all ihren sorgfältig geordneten, umweltfreundlichen amerikanischen Bio-Toiletteartikeln. »Es ist schon in Ordnung, wenn du einen Freund hast, Marie«, sagte sie, und ihre kleine Unterlippe bebte ein bisschen.

»Du kannst schon eine ganz schöne Dumpfbacke sein, Daph ne«, sagte ich seufzend.

»Vielleicht bin ich eine Dumpfbacke«, erwiderte Daphne lauter, »aber ob du einen Freund hast oder nicht, ist ohnehin nicht mein Bienenwachs, wie wir zu Hause in Vermont immer sagen. Außerdem gibt es hier in diesem Europa überhaupt nirgends dasselbe Bienenwachs, wie ich es in Amerika immer für meine Beine verwende.«

Sie öffnete mit einem angeekelten aber konzentrierten Gesichtsausdruck eine Packung Einwegrasierer. Ich sah, wie unter ihrem Bademantel auf ihren Beinchen ein rötlicher Flaum hervorglänzte.

»Wärst du sehr traurig, wenn ich und Miloš zum Beispiel heiraten würden?«, stichelte ich. »Würdest du dann vielleicht aus Rache deine Beine rasieren?«

»Nein«, sagte Daphne und rümpfte ihre Nase. »Wenn du’s wissen willst, ich will mir die Schamhaare rasieren. Ich habe auf einem Blog gelesen, dass die meisten Lesben eine rasierte Vulva bevorzugen.«

Sie sagte tatsächlich »Vulva«. Ich fragte mich, ob sie vielleicht einen Kurs in gender studies belegt und das Wort dort aufgeschnappt hatte.

»Ich dachte zuerst, dass es mit Wachs besser gehen würde, aber ich fand nirgends das Bio-Wachs … und dann die Nagelschere … ich habe eben überlegt.«

»Aha«, sagte ich, »du bist jetzt lesbisch geworden, Daphne?«

Daphne schaute mich wütend an. Ich warf einen gespielt trotzigen Blick zurück und brachte sie wieder zum Lächeln.

»Eigentlich weiß ich schon lange, dass ich auf Frauen stehe«, sagte sie. »Daheim habe ich mich wegen meiner Eltern nie getraut, etwas mit einer Frau anzufangen. Ich kannte auch keine Lesben. Aber jetzt, wo ich mit einer das Zimmer teile …«

Sie senkte ihren Kopf, um mich wie ein Hündchen von unten anzusehen. Das machte mich ein wenig scharf. »Wer sagt, dass ich lesbisch bin?«, antwortete ich, um ihr ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Ich dachte, dass ich auf eine Mädchenparty gehen könnte. Heute Abend ist eine, vielleicht magst du ja mitkommen«, sagte Daphne.

Ich schnaufte verächtlich und ließ mich zurück auf mein Bett fallen. Von solchen Partys hatte ich schon gehört, war aber noch nie auf eine gegangen. Ich hatte mich ja auch nie für lesbisch gehalten. Aber seitdem ich in die Schneekönigin Libuše verliebt war, konnte ich mir erst recht nicht vorstellen, an einer Versammlung von Mädchen teilzuhaben, die sich aufgrund ihres Selbstfindungstrips gegenseitig die Geheimnisse unter ihren Schlüpfern offenbarten. Libuše würde nie bei so etwas mitmachen, nichts läge ihr ferner, da war ich mir sicher.

Daphne sammelte ihre Rasierutensilien ein und verließ leise raschelnd das Zimmer.

»Hast du auch nicht den Schaum vergessen?«, rief ich ihr nach.

»Nein, und ich habe sogar an eine Creme gedacht«, murmelte sie im Weggehen.

Ich blieb noch ein Weilchen liegen und starrte die niedrige Zimmerdecke an. Schließlich konnte ich doch nicht anders und kroch auf den Gang zu unserem gemeinsamen Badezimmer. Die Dusche lief. Ich öffnete die Tür. Daphne stand in der Duschecke hinter der Wand aus Glasziegeln und erstarrte, als sie mich bemerkte. Sie drehte sich aber nicht nach mir um. »Was willst du jetzt?«, fragte sie in verärgertem Ton.

»Ich wollte dir nur zusehen«, sagte ich. »Das darf ich doch bei dir, oder?«

Ich zog Schuhe, Socken und alles andere bis auf die Unterwäsche aus. Meine Knie waren trocken und krustig, weil ich beim Eishockeyspielen mit Miloš so oft gestürzt war. Daphnes Knie waren kantiger und schmaler als meine und von keinen blauen Flecken verunstaltet. Der Winter hatte uns aber beiden ordentlich zugesetzt. Fern von zu Hause lebten wir etwas wilder, unsere Sehnsüchte waren stärker in der Fremde, wir tranken mehr Kaffee, mehr Bier und weniger Wasser, ernährten uns nicht mehr so gut und hatten abgenommen.

Ich lehnte mich an die dampfbeschlagene Glasziegelwand, die die Duschecke begrenzte. Daphne drehte mir den Rücken zu. »Du musst deine Unterhose ausziehen«, sagte sie.

»Na gut«, antwortete ich, »dafür darf ich dir die Schamhaare rasieren.«

8

Ich streifte mein Höschen ab. Daphne drehte sich um und schaute mir zwischen die Beine. Ich stieg zu ihr in die Duschecke. Das heiße Wasser rann uns durch die Haare, machte sie dunkel und schwer. Ich nahm Daphne die Nagelschere aus der Hand, mit der sie an ihren Muschilocken herumgeschnipselt hatte, und gab ihr einen Kuss, um sie zu beruhigen, weil ich sah, dass ihre Unterlippe wieder bebte.

»So dicht sind deine Schamhaare auch wieder nicht, dass wir sie vorher kürzen müssten«, sagte ich.

Ich ließ Daphne sich an die Kachelwand lehnen und im Stehen die Beine spreizen. Sie keuchte. Als sie so stand, wie ich es wollte, hockte ich mich vor sie auf den Duschwannenrand. Ich strich über ihren Venushügel. Gleich drei Einwegrasierer und eine kleine Dose Rasierschaum lagen zu meiner Rechten.

Ein bisschen wehmütig war ich schon, weil mir Daphnes Muschi behaart sehr gut gefiel. Sie war wie ein Plüschtier, das man beim Einschlafen vermisst, wenn es nicht mit im Bett ist. Andererseits war ich an dem Unterfangen der Rasur sehr interessiert. Bei mir selbst hatte ich es auch immer nur an den Rändern gemacht, und so aus der Nähe hatte ich bei Licht noch nie eine Muschi sehen dürfen, weder rasiert noch unrasiert. Das ist eben der Nachteil, den wir Frauen gegenüber den Männern haben, dass wir unsere eigenen Geschlechtsteile nur umständlich mit einem Spiegel betrachten können. Deshalb braucht jede Frau ganz einfach eine andere Frau, um sich selbst in ihr erkennen zu können, dachte ich.

Ich rieb Daphnes Venushügel mit Schaum ein und machte mich von oben beginnend ans Werk. Während vorher aus Daphnes Busch nur die hellrosa Klitoris hervorgeleuchtet hatte, wenn ich die Haut darüber nach oben zog, strahlten mich nun immer größere Flächen weißer Haut an.

Ich rasierte zuerst mit dem Strich, dann vorsichtig dagegen, bis die Haut vollkommen glatt war. Dabei musste ich den Schaum mehrmals neu auftragen, sodass ich in meiner Naivität Angst bekam, die ganze kleine Reisedose aufzubrauchen. Da mir ohnehin drei Einwegrasierer zur Verfügung standen und da sie eher stumpf als scharf waren, hatte ich zwei bereits verbraucht, noch bevor ich zu den Schamlippen gelangt war. »Nächstes Mal solltest du richtiges Rasiergerät nehmen. Sind die Rasierer für Männer nicht vielleicht besser?«, fragte ich.

»Das habe ich in dem Lesbenforum auch gelesen«, sagte Daphne, »aber mein Bruder verwendet schon immer Frauenrasierer und schwört, dass die besser sind. Ich konnte mich im Geschäft nicht entscheiden. Deshalb Einwegrasierer.«

»Du hast dir ja wirklich Gedanken gemacht.«

Ich gab ihr einen Kuss genau auf die Grenze zwischen rasierter und unrasierter Zone. Ein flüchtiges Zittern huschte über Daphnes dampfenden Körper. Ich ließ sie zuerst das eine Bein heben, um die benachbarte Schamlippe zu rasieren, danach das andere. Sie kam mir vor wie die schaumgeborene Venus beim Bergsteigen. Ich musste lachen. Als ich fertig war, überwältigte mich, wie fein und ganz leicht gewellt die Haut auf ihren äußeren Schamlippen war. Ich strich mit den Fingerkuppen darüber, und spätestens da war ich ziemlich feucht. Ich wollte sie lecken, aber obwohl Daphne mindestens so erregt sein musste wie ich, unterbrach sie mein Vorhaben. »Noch hinten, bitte, wenn du schon dabei bist.«

»Hinten?«, fragte ich.

»Naja, natürlich, am Hintern, du weißt schon, ums Arschloch habe ich auch ein paar Härchen … oder Haare, aber wenn du willst, versuche ich es selber, ich weiß nur nicht wie,« sagte sie ein bisschen hilflos.

Ich nickte. »Natürlich, ums Arschloch, wie schön du das sagst. Dann umdrehen, bitte.«

Ich musste sie auch noch ersuchen, ihre Hinterbacken auseinanderzuhalten. Ich war etwas zittrig. Erstens hatte ich nicht damit gerechnet, diesen Teil meiner Mitbewohnerin auch so genau kennenzulernen. Zweitens hatte ich an dieser Stelle mehr Angst, sie zu schneiden.

Aber ich riss mich zusammen. Ich sagte mir, dass ich doch als Kind immer Chirurgin hatte werden wollen, und das Beben meiner Hand beruhigte sich sofort. Ich führte die Klinge ganz behutsam in alle Richtungen von der Mitte weg, und eigentlich war es ganz leicht. Gerade als ich fertig war, bemerkte ich, dass Daphne schluchzte. »Entschuldige! Hab ich dich geschnitten?«, fragte ich perplex.

»Nein, das ist es nicht …«, murmelte Daphne.

Ich hatte den Rasierer zurückgezogen, und Daphne ließ ihre Hinterbacken los. Trotzig klatschten sie gegeneinander.

»Du verstehst auch gar nichts, oder?«, sagte Daphne.

Sie drehte sich schnell um, duschte sich überall ab, drehte das Wasser ab und stieg über mich hinweg aus der Duschwanne, um sich abzutrocknen und einzucremen. Dafür verwendete sie eine Heilcreme für Babyhaut, die ziemlich rezeptpflichtig aussah.

»Wird sicher ganz samtig«, sagte ich, »aber kraulen kann dich jetzt niemand mehr.«

Mir war nicht danach, auf ihr Geschluchze einzugehen. Sie wischte mit dem Handtuch den Beschlag vom Spiegel und sah sich selbst tief in die Augen, in denen jetzt keine Tränen mehr standen. »Vielleicht magst du mir noch die Haare schneiden? Ganz kurz?«, fragte sie. »Ich habe dafür einen elektrischen Bodygroomer gekauft.«

»Einen Body-was?«, fragte ich.

»Haarschneider. Selber Dumpfbacke, Marie.«

Das war mir jetzt doch etwas zu viel. Daphnes schönes, dunkelrotes Haar abzuschneiden, würde sie aus einer Prinzessin in ein geschorenes Schaf verwandeln, dachte ich. »Wenn ich das tun würde«, sagte ich, »dann hätte ich so einen Schock, dann könnte ich dir nie wieder erlauben, mich anzufassen.«

»Als ob ich das einfach so dürfte«, fauchte Daphne zurück.

»Willst du es denn?«

Daphne antwortete nicht und schlug die Augen nieder. Daher wehte also der Wind. Daphne war beleidigt, dass ich mich nicht unsterblich in sie verliebt hatte und mich benahm, als ob nichts Weltbewegendes zwischen uns passiert wäre. Außer ein bisschen Sex zwischen Freundinnen war ja auch nichts passiert, fand ich. Dass sie meine erste Frau gewesen war, musste sie nicht unbedingt wissen. »Du wirst mich immer anfassen dürfen, aber nur, wenn mir gerade danach ist«, sagte ich ernst.

Sie schwieg. Ich kostete aus, wie sie zappelte, und es tat mir verdammt gut, dass mich eine Frau so leidenschaftlich begehrte. Das war ein guter Ausgleich für meine unerwiderte Liebe zu Libuše.

»Na gut«, rief Daphne, »ich wusste ja, warum ich zu der Mädchenparty gehen wollte. Weil es mit dir keine Zukunft hat!«

Sie stellte den Aufsatz des Haarschneiders auf die zweitkürzeste Haarlänge und schaltete ihn ein. Das Surrgeräusch des Geräts hallte laut in dem kleinen Badezimmer.

»Dann viel Spaß«, sagte ich so gleichgültig wie möglich.

Ich sammelte meine Sachen ein, warf mir ein Handtuch um und huschte über den Gang zurück ins Zimmer. Ich hätte für die Uni noch viel zu tun gehabt, legte mich aber lieber zurück aufs Bett und drehte auf dem Bauch liegend die Heizung auf. Draußen schneite es wieder dichte, große, feuchte Schneeflocken. Die Lampen unten auf der Hauptstraße leuchteten gelb. Ich lag da und fragte mich, woran die Schneekönigin irgendwo da draußen gerade denken mochte und ob sie sich noch an mich erinnerte. Ich fragte mich auch, was ihr überhaupt von mir in Erinnerung geblieben war.

Immerfort spielte ich die Szene am Gang in meinem Gedächtnis ab. Wie ich mir die Schuhbänder band und weder in der Lage war, die Königin zu grüßen, noch die Augen zu heben. Schüchternheit und Liebe machen den Menschen oft ungewollt unhöflich, dachte ich.

Ich sah auf meinem Handy, dass Miloš in der Zwischenzeit noch weitere fünfmal angerufen hatte. Ich drückte auf den Tasten herum, konnte mich aber nicht entscheiden, ob ich ihn zurückrufen oder ihm eine sms schreiben sollte. Daphne stapfte ins Zimmer und zog sich eilig an. Ich beachtete sie kaum, aber immerhin fiel mir auf, dass ihre roten Locken noch die gewohnte Länge hatten. Sie hatte ihren Selbstverschandelungsversuch also doch nicht durchgezogen. Schließlich legte mir Daphne ein Flugblatt aufs Bett, zog sich den Mantel an und schlug wortlos die Zimmertür hinter sich zu.

Mir kamen fast die Tränen. Libuše war weit, und ich war gemein zu Daphne gewesen. Jetzt war ich einsam und verlassen. Als wäre ich eine Marionette, die vom obersten Stockwerk des Plattenbaus durch die Zimmerdecken hindurch gesteuert wurde, setzte ich mich auf. Meine Füße fühlten sich fremd an, als würden sie von mir als lose Fortsätze herabhängen. Ich zog mir meinen Strickpulli über und ging in die Gemeinschaftsküche, um mir eine Schokomilch zuzubereiten. Die Neonröhre über dem Herd surrte. Draußen schneite es ohne Pause, und das Gebäude erschien mir komplett desolat und einsam.

Mein Bauch wühlte sich traurig und zornig um. Warum wollte ausgerechnet Daphne auf eine Mädchenparty gehen? Sie sollte nur mir gehören. Ich wollte sie als mein privates Spielzeug besitzen, um mich an ihrem Körper und ihren Gefühlen abzulenken und auszutoben, wenn mir gerade danach war.

Nun musste ich sie mir vorstellen, wie sie umgeben von vielen anderen hübschen jungen Mädchen an einem bunten Cocktail nippte. Dann stellte ich mir vor, wie Daphne mit einer älteren Frau nach Hause ging. Die beiden würden schmusen, sich die Blusen aufknöpfen, sie würden einander streicheln und sich gegenseitig die Augenlider küssen. In meinen Gedanken sah die Dame, mit der ich mir Daphne vorstellte, immer mehr aus wie die Schneekönigin. Ich ließ die Schokomilch stehen, eilte ins Zimmer zurück, machte mich frisch und rannte atemlos aus dem Studentenheim zur U-Bahn, Daphnes Flugblatt fest in der Faust.

9

Der Flyer war mit leuchtend bunten Sternen bedeckt, die zusammen eine eigenartige Schrift formten und eine große Lesbenparty ankündigten. Das Design sah unerwarteterweise recht vielversprechend aus. Jetzt war ich vorfreudig angespannt und konnte die Ankunft in der Bar nicht erwarten. Ich musste im Schneegestöber mehrmals die angegebene Gasse auf- und ablaufen, bis ich endlich eine unscheinbare, unbeschriftete Tür als Eingang zu meinem Ziel identifizierte. Von nackten Glühbirnen beleuchtete Stufen führten in einen tiefen Keller hinunter.

In der Bar leuchteten bunte Lampen lila und grünlich durch den dichten Zigarettenrauch. Leise, sphärische Musik schuf eine Stimmung, bei der kaum zu entscheiden war, ob sie ermüdend oder anregend wirkte. Harfenklänge und das Pfeifen von etwas wie elektrischen Flöten dienten als Begleitung für einen schweren weiblichen Atem, wahrscheinlich dem einer Schlafenden.

An den vielen großen Wirtshaustischen schienen mir unendlich viele völlig gleich aussehende kurzhaarige Frauen mit gewaltigen Mündern zu sitzen. Keine lächelte, keine grüßte. In der Ecke des Raums stand ein dünnes asiatisches Mädchen. Es war gekleidet wie ein englischer Internatsschüler, dem zu Weihnachten eine verbotene Lederkappe geschenkt worden war, und hantierte mit Schallplatten. Kaugummiflecken bedeckten den Boden. Ich ging an die Bar und bestellte bei einer dürren Alten mit schwarzgefärbtem Haar und einem Ärmel aus Tattoos ein Bier. Ich nahm einen großen Schluck, zündete mir eine Zigarette an und blickte mich noch einmal um. Daphne war nirgends zu sehen. Dafür saßen auf den Barhockern neben mir zwei Frauen mit rosa Zöpfen und Lederkostümen mit verchromten Nieten. Sie sprachen über vegane Rezepte und niemals schienen sie die Hände von ihren Bierkrügen zu lösen, außer um nach einem neuen, vollen Krug zu fassen. Eine Frau zeigte mit dem Finger auf mich. Ich war mir sicher, dass sie sich über mich lustig machte.

»Suchst du wen?«, fragte mich die Alte von der Bar.

Ich wollte nicht antworten, um mit meinem Akzent nicht wie eine Touristin zu wirken.

»Du hast dich wahrscheinlich verirrt.«

Sie wandte sich ab. Als ich wieder in den Raum blickte, erschien wie ein Geist aus dem Nichts ein zartes Mädchen zwischen den Tischen. Die Musik wurde rhythmischer. Das Mädchen, offenbar eine Stripperin, warf eine Kleidungsschicht nach der anderen von ihrem schlanken Körper. Ihr Bauch bildete ein scharfes Dreieck, das sich zwischen ihren Beckenknochen zur Scham hin verengte, die schmal und rasiert war. Aber ihre inneren Schamlippen waren markant und gut sichtbar. Ich stellte sie mir an den äußersten Enden etwas bräunlicher vor.

Die Tänzerin winkelte einmal das eine, dann wieder das andere Bein an und spitzte die Ellbogen. Ihre Wirbelsäule war ein sich im Kreis drehender Bogen, dessen Sehne sich einmal hier, dann wieder dort spannte, um erotische Pfeile nach allen möglichen Richtungen zu verschießen. Mich traf sie jedenfalls.

Sie schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und presste sich an die Knie und die Schenkel der demonstrativ gelangweilten Zuseherinnen. Egal wie schüchtern ich sonst und besonders in Bezug auf Frau Professor Herzová sein mochte, dieses Mädchen wollte ich haben. Mein erstes lesbisches Erlebnis mit Daphne hatte eine Sehnsucht nach mehr in mir geweckt, die meine Zurückhaltung abbröckeln ließ wie eine kaputte Schale. Doch zunächst konnte ich nichts anderes machen, als mir noch ein Bier zu bestellen. Sollte ich sie nach dem Tanz ansprechen? Sollte ich zu ihr hingehen und hoffen, von ihrem glatten, dunkelblonden Haar gestreift zu werden? Das waren alles noch keine wirklich revolutionären Einfälle.

Zum Glück kam sie von selbst zu mir. Ihre Brüste waren klein und noch viel fester als die von Daphne. Viel, viel fester. Die Brustwarzen lagen jeweils fast in der Mitte, aber nicht ganz, sondern ein ganz kleines bisschen nach außen versetzt, und auch sie waren äußerst fest, weil es ziemlich kühl im Raum war.

Als sie sich mir tänzelnd näherte, lächelte sie nicht, verschränkte die Hände über dem Kopf und drückte sich den Oberarm gegen die Wange. Ihre Lippen waren klein, aber voll und rosa. Die blauen Augen, mit denen sie mich fixierte, blinzelten kein einziges Mal über ihrer kleinen, runden Nase, und in ihren dunklen Augenbrauen waren Horizonte von weichen, bewaldeten Hügellandschaften und Sonnenuntergängen verborgen. Sie sah unheimlich kitschig aus.

Meine Blicke wanderten schamlos an ihrem schlanken Körper zu ihrer Muschi hinab, die besser rasiert war, als ich es je hinbekommen hätte, und ich stellte mir vor, mein dichtes Schamhaar an ihre glatte Haut zu pressen. Aber in diesem Moment machte sie überraschend kehrt, wandte sich von mir ab und einer bärtigen Frau im Holzhackerhemd zu, noch bevor ich sie aus nächster Nähe begutachten konnte.

Bald darauf war die Musik zu Ende. Einige der Frauen applaudierten ein wenig, und die Tänzerin fiel aus ihrer Rolle, wurde sie selbst, lachte verlegen, senkte den Blick, schob ihre Oberschenkel nah aneinander und trippelte durch den Raum, um ihre Kleidungsstücke wieder einzusammeln und um schließlich in einem Hinterzimmer zu verschwinden, ohne Trinkgeld zu erbitten. Ich nahm einen kräftigen Schluck und wollte ihr dezent folgen. Dafür setzte ich aus taktischen Gründen einen naiven Gesichtsausdruck auf. Einen noch naiveren, als ich ihn wahrscheinlich sonst auch hatte.

Gerade, als ich mich in Bewegung setzen wollte, öffnete sich oben die Tür. Schneeluft wehte herein. Die Zigarettenschachtel fiel mir aus der Hand. Ich war mir sicher, im nächsten Moment die Schneekönigin die schmalen Stufen herabsteigen zu sehen. Ich erwartete, dass sie mich belächeln oder sogar scharf zurechtweisen würde. Aber stattdessen kam eine riesige Frau in einer schwarzen engen Lederhose und einer weiten, luftigen Bluse die Stiegen herunter. Gefolgt von Daphne, die statt ihrer üblichen bunten Mäntel einen langen Kapuzenpullover trug. Daphne bemerkte mich sofort. Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen brannten wie feuchtes Reisig, das zwar unzählige Funken sprüht, aber gleichzeitig kalt und beißend qualmt.

10

Als erstes fiel mir auf, dass Daphnes Haar nun doch gekürzt war. Statt ihrer langen Locken hingen kurze Stirnfransen unter der Kapuze hervor. Immerhin hatte sie sich nicht zu einer Igelfrisur verstiegen. Ihr helles Gesicht leuchtete durch die Schatten und den Zigarettenqualm. Aber da loderte Daphnes Blick bösartig auf, ihre Wangen verzogen sich wie die Wangen eines Teufels, bevor er drohend grinst. Sie gab mir still ein Zeichen, dass ich nichts sagen und sie nicht beachten sollte, und stellte sich mit ihrer Begleitung ostentativ glücklich an die Bar.

Ich bemühte mich, meiner Mitbewohnerin den Gefallen zu gewähren und mein Staunen zu unterdrücken. Mit dem Handrücken wischte ich die Bierflecken von der Theke. Neben mir unterhielt sich Daphne mit der mir fremden Frau. Ich versuchte, so gut es ging, die Hardrock-Musik auszublenden, die gerade aus den Lautsprechern schrie, und stattdessen das Gespräch der beiden zu belauschen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die Frau Daphne die Kapuze zurückschob, und ihr mit den Fingern durch die kurzen Haare fuhr. Daphnes Frisur ähnelte jetzt der eines hübschen, fünfzehnjährigen Knaben, dessen Locken – vielleicht aus Stolz auf ihre Dichte und Schönheit, vielleicht aus jugendlicher Faulheit – etwas zu lang geworden waren.

»Danke fürs Haareschneiden«, sagte Daphne, »es war so ein dichtes Erlebnis für mich. Ich glaube, du hast dabei meine erogenen Zonen gefunden.«

Ich fühlte eine spontane Übelkeit in mir aufsteigen, an der nicht das ausgezeichnete tschechische Bier schuld war.

»Ich bin nicht umsonst im Verzeichnis für lesbische Friseusen. Das sanfte Massieren ist mein Spezialgebiet und ich bringe jede Schere in eine angemessene Stellung«, antwortete die Frau.

Noch nie hatte ich zwei Menschen ein so idiotisches Gespräch führen gehört.

»Ich bin mir nicht sicher, was die Leute von der Technischen Uni sagen werden, nachdem ich mich so sichtbar verändert habe«, sagte Daphne laut und gespielt nachdenklich.

»Dein neuer Look steht dir gut, Laser, du bist jetzt ein neuer Mensch. Man wird dich bewundern«, sagte die Frau.

Ich konnte mich nicht mehr halten und prustete los. »Laser!?«, rief ich und lachte laut auf.

Sollte Daphne in der Prager Lesbenszene tatsächlich unter dem absurden Namen »Laser« verkehren? Ich kam mir vor wie in einem Schulmädchenalptraum.

Daphne und die Frau hielten inne und drehten sich nach mir um. Wenn Daphne – oder Laser – mit ihrer Anmut nicht alle Aufmerksamkeit schon bei ihrem Erscheinen auf sich gezogen hatte, so tat ich mit meinem Aufschrei das Übrige, um die Blicke der gelangweilten Lesben auf unser Dreiergrüppchen zu ziehen. Durch Zufall verstummte für einen Augenblick die Musik. Es war vollkommen still bis auf den Lärm vom Tischfußballtisch, der in einer Ecke des Raums stand, ein unerwartetes Tor fiel.

»Hast du ein Problem mit meinem Namen?«, hörte ich Daphne fragen, und ihre Stimme bebte vor Zorn über meine Einmischung.

»Nein, ich dachte, dass du anders heißt«, sagte ich leise.

»Du musst sie wohl verwechselt haben«, sagte die große fremde Frau verächtlich und entblößte dabei ihre riesigen, gut geputzten Zähne.

Ich schielte nach Daphne. Sie schien zwar noch immer zornig zu sein, aber in ihrer Mimik erkannte ich auch etwas Flehendes. Ich verstand, dass sie für diese Frau tatsächlich Laser hieß, und wenn ich sie nicht vollkommen verärgern, wenn ich sie noch als Mitbewohnerin behalten und vielleicht auch als kleine Sexsklavin verwenden wollte, dann musste ich ihr den Spaß nun lassen und durfte ihre Deckung nicht auffliegen lassen. Ja, ich musste ihr sogar helfen. »Verzeihung, ich habe dich wirklich verwechselt. Ich hielt dich für meine Ex-Freundin.«

Daphne bedankte sich mit dem Ausdruck ihrer Augen. Ich wollte mich wieder wegdrehen, aber irgendwas in mir hielt mich davon ab. Ich streckte die Hand aus. »Marie«, sagte ich, »und Sie sind?«

Die Frau drückte meine Hand so fest, dass meine Gelenke knacksten. »Tereza«, zischte sie.

Die beiden rückten ein Stück von mir weg, um mich nicht mehr bei ihrer Unterhaltung mithören zu lassen. Ich kletterte auf meinen Barhocker zurück, rauchte und trank weiter. In meinem Kopf schienen die Synapsen und die Nervenbahnen vor unterschiedlichen Gedanken zu glühen. Tereza heißt du also, dachte ich, dich werde ich auch noch ausziehen, und dann werde ich deine rasierte Muschi bearbeiten, bis deine buschigen Augenbrauen zucken.

Ich bestellte noch ein Bier. Miloš hatte mir eine Nachricht geschickt. Das war sonst nicht seine Art, denn er hielt sms für anstrengend und unzuverlässig, also musste es wichtig sein. »Liegst du erfroren in der Schneeverwehung?«, stand dort. »Ruf bitte bald zurück. Die Königin hat nach dir gefragt.«

11

Immer wieder strich ich mit dem Daumen über die Handytastatur. Jetzt waren es für einen Abend endgültig zu viele Frauen, an die ich denken musste. Wenn ich nicht bereits betrunken gewesen wäre, hätte ich Miloš wahrscheinlich zurückgerufen. Aber zu meiner Betrunkenheit kam noch, dass mein Herz, an Libuše erinnert, raste, meine Hände zittrig waren, und vor allem, dass ich mich für alles schämte. Ich schämte mich dafür, dass ich hier in dieser Bar war, dass ich mir Hoffnungen auf die Tänzerin gemacht hatte, dass ich wegen meiner umbenannten Mitbewohnerin auf Tereza eifersüchtig war.

Die Barkeeperin lehnte am Flaschenregal und kaute voller Tatendrang an ihrem Kaugummi. Hinter ihr war ein alter Kalender mit nackten Frauen aufgeschlagen, wie man sie normalerweise in Autowerkstätten oder in Büros der Stadtverwaltung findet. Das Model für den Monat September hatte den einen Zeigefinder im Mund, den anderen in der Muschi versenkt. Ihre riesigen Brüste öffneten die Jeansjacke.

Alles egal. Hauptsache, die Schneekönigin hatte nach mir gefragt. Irgendwann war mein Bild in ihren Gedanken gewesen. Sie hatte mindestens einmal an mich gedacht. Das war viel für mich. Es genügte mir vorläufig. Es war mir nun völlig gleichgültig, was für eine Figur ich in Li bušes Erinnerung oder Vorstellung machte, ob ich mir die Schuhbänder band und dabei stotterte, ob ich hübsch oder intelligent erschien oder was auch immer. Was zählte war, dass ich für sie existierte. Ich fühlte mich sehr lebendig und fast schon unbesiegbar.

Das asiatische Mädchen weit hinten am Mischpult hielt sich die Kopfhörer an die Ohren und tanzte einsam zu ihrer eigenen Musik.

»Darf es noch was sein?«, fragte mich die Alte.

»Schnaps«, seufzte ich.

Es wurde Sliwowitz. Ich leerte das Glas und es fiel mir auf den Boden. Ich bildete mir ein, es absichtlich hingeworfen zu haben, um hart zu wirken. Ich öffnete den Mund, um zu sagen, dass ich zahlen wollte. Aber ich brachte keinen Laut heraus, also legte ich 250 Kronen auf den Tisch, warf mir meinen Mantel um und stellte mich zwischen Daphne und Tereza. »Komm jetzt, Daphne«, sagte ich laut. »Du kommst jetzt mit mir mit.«

Tereza legte mir von hinten eine Hand auf die Schulter, um mich beiseite zu schieben. Ich blieb stehen. Daphnes Augen waren feucht, sie waren ganz sanft und lieb geworden.

»Komm, Daphne«, wiederholte ich und küsste ihre weiche Wange.

Sie roch wie gewohnt nach Daphne, obwohl sie sich verkleidet und in Laser umbenannt hatte.

»Du gehörst mir, das weißt du«, flüsterte ich ihr ins Ohr.

Einen Moment lang glaubte ich, den Ring doch noch als Siegerin zu verlassen. Aber da packte mich Tereza am Kragen und stieß mich fort. Diese Tereza hätte sich sicher nicht mit Haare raufen und Kratzen begnügt, ich sah ihr an, wie bereit sie war, ihre Faust in meinem Gesicht zu versenken. Ich überlegte, was auf Daphne besser wirken würde, ob ich mich lieber schlagen lassen oder lieber weggehen sollte, oder ob ich all meine Konzentration darauf richten sollte, meinerseits Tereza zu verprügeln, was schwer werden würde, da sie ungefähr doppelt so viel wog wie ich.

Milošs Nachricht hatte mich nahezu unantastbar gemacht. Ich wandte mich breitbeinig dem Koloss Tereza zu. Sie drückte mit ihren rot lackierten Fingernägeln meine Brust, ich griff ihr nach dem Hals. Sie drückte fester zu, ich ließ wieder los.

»Lass sie gehen,« sagte Daphne zu ihrer neuen Freundin.

Ein schlankes Mädchen mit einer markanten Hornbrille eilte mir zu Hilfe. »Ich nehm sie mit«, sagte sie und führte mich die Stufen hinauf zum Ausgang. Da ich einigermaßen besoffen war, ließ ich es einfach geschehen, ohne mich noch einmal Daphne oder ihrer fetten Schnecke zuzuwenden, der ich gerade noch einmal entronnen war.

12

Draußen schneite es jetzt nicht mehr, es fror. Die frische Luft nüchterte mich ein wenig aus.

»Welche Straßenbahn brauchst du, Kleines?«, fragte die junge Frau und setzte sich eine rosa Mütze auf ihr dunkelblondes Haar. Ihre Lippen blieben dabei leicht geöffnet.

»Du bist die Tänzerin«, stellte ich verwundert fest.

»Ja, wie hast du denn das erkannt?«, fragte sie zurück.

»Ich würde am liebsten mit dem Taxi nach Hause fahren«, sagte ich. »Mein Studentenheim ist in Jižní město, dort kommt man so schlecht hin, in der Nacht. Wo fährst du hin?«

»In die andere Richtung«, sagte sie.

Wir schwiegen beide und standen in der Kälte herum. Meine Wut auf Daphne und Tereza hatte sich gelegt. Immerhin stand mir eine wahre Aphrodite gegenüber.

»Das Mädchen da unten war deine Ex-Freundin?«, fragte sie.

»Nein! Das war nur meine Mitbewohnerin«, rief ich.

»Na, dann brauchst du ja nicht so böse zu sein.«

»Ich bin gar nicht böse, ich mache mir nur Sorgen. Mit dieser Tereza stimmt doch irgendwas nicht.«

»Naja, angeblich dealt sie mit Drogen, wenn du das meinst.«

Das hatte ich nicht gemeint. Aber irgendwie wunderte es mich auch nicht besonders. »Sag, wollen wir nicht irgendwo noch eine Limonade trinken?«, fragte ich möglichst unschuldig.

»Gern«, sagte die Tänzerin. »Ich heiße Anna, du kannst mich Andulka nennen.«

»Mit Vergnügen, Andulka, freut mich, ich bin Marie.«

Sie führte mich in ein Lokal, das schon vollkommen leer war. Andulka war dort mit dem Kellner per du. Wir setzten uns auf ein riesiges Sofa zu einem kleinen Tischchen, und Andulka bestellte für sich ein Bier und für mich eine Himbeerlimonade.

»Ich bin eigentlich gar nicht lesbisch«, sagte ich.

»Und ich bin eigentlich keine Nackttänzerin.«

»Tanzt du nur dort? Oder auch woanders?«

»Würdest du mich gern öfters angaffen kommen?«

»Ich wollte nur wissen, wie deine Arbeit so ist«, sagte ich so unschuldig wie möglich. Natürlich machte mich Andulkas berufliche Tätigkeit scharf und natürlich musste ich mehr darüber erfahren.

»Früher habe ich in einem Casino für Männer getanzt, aber es ist mir unangenehm geworden. Außerdem hat mein Freund gedroht, mit mir Schluss zu machen, wenn ich mir nicht eine andere Arbeit suche. Also habe ich aufgehört. Dann habe ich ihn verlassen, um ihm zuvorzukommen. Fünf Jahre waren wir zusammen. Weil ich ihn dann eben nicht mehr hatte, habe ich mit dem Tanzen gleich wieder begonnen, nur jetzt für Frauen, weil ich dachte, dass die weniger aufdringlich sein würden.«

»Sind sie weniger aufdringlich?«, fragte ich.

»Nein, aber ich fürchte mich weniger vor ihnen«, sagte sie.

Ich erzählte ein bisschen über mich, dass ich Tschechisch studierte, aus Wien war und noch nie einen fixen Freund gehabt hatte. Ich wollte mehr über sie erfahren und hoffte, sie ins Reden zu bringen, wenn ich selbst etwas preisgab.

»Ich bin eigentlich Lackiererin«, sagte sie, »ich habe in den Škoda-Werken in Pilsen Eisenbahnwaggons lackiert. Wenn ich einmal ein bisschen Farbe abbekam, machte sich mein Freund gleich Sorgen und fragte, ob die Arbeit nicht zu gefährlich für mich sei. Das brachte mich immer zum Lachen und ich musste ihm erklären, dass sich die meisten Frauen die Fingernägel freiwillig lackieren.«

»Er hatte dich wohl sehr gern«, sagte ich.

Sie nickte und schwieg.

Ich küsste sie schnell und ohne Vorwarnung. Sie sah erstaunt aus. Ihre heißen Lippen waren wieder leicht geöffnet.

»Du kannst mit mir machen, was du willst«, sagte ich und ließ mich ins Sofa fallen.

Andulka sah sich um. Das Lokal war immer noch so leer wie zuvor. Dann legte sie mir die Hand zwischen die Beine und rieb mich damit, bis ich losstöhnte. Ich knöpfte meine Hose auf. Sie fuhr mir unter das Höschen und lächelte, als sie meine dichten Schamhaare spürte.

Knapp bevor ich gekommen wäre, hörte das böse Mädchen auf und setzte sich im Reitersitz auf mein Becken. Sie rieb sich an meinem Beckenknochen, während ich aus den Augenwinkeln den Kellner wahrnahm, der uns beobachtete, sich dann aber abwandte. Andulka gab ein quietschendes Geräusch von sich. Dann stand sie auf, gab mir von der Seite einen lässigen Klaps auf den Hintern und fragte, ob ich noch etwas trinken wollte. Ich schüttelte den Kopf. Sie holte sich einen Schnaps. Das gab mir Zeit, meine Hose zu schließen und aus spontaner Freude über meine zweite sexuelle Erfahrung mit einem Mädchen in mich hineinzugrinsen.

Na, geht doch, Marie, dachte ich. Vor einer halben Stunde wollte mir noch ein weiblicher Hulk den Kiefer brechen, und stattdessen hatte sich gerade eine Nackttänzerin auf mir zum Orgasmus geritten. Wer konnte das wohl sonst noch von sich behaupten?

Überhaupt staunte ich nicht schlecht über mich und meine neue sexuelle Freizügigkeit. Ich war dabei, mich in kürzester Zeit vom unsicheren Mauerblümchen zum Vamp zu entwickeln. Ich dankte der Schneekönigin innerlich dafür, dass sie mir diese Wandlung ermöglicht hatte. Ihr Erscheinen hatte mir die Augen dafür geöffnet, dass ich Frauen liebte. Wer konnte schon wissen, ob ich ohne Libuše nicht mein Leben lang auf den richtigen Mann gewartet hätte und sexuell frustriert gestorben wäre? Ich nahm mir vor, es der Schneekönigin eines Tages so intensiv wie möglich zu danken.

Während ich noch sinnierte, klingelte in Andulkas Handtasche ihr Handy. Als sie zurückkam, klingelte es noch einmal, also musste ich nichts sagen. Sie kramte es hervor und hob ab. »So spät rufst du mich noch an?«, hörte ich sie sagen. »Natürlich können wir uns morgen treffen. Nein, du störst mich überhaupt nicht. Ja, ich habe dich auch vermisst. Also bis morgen.«

»War das dein Freund?«, fragte ich.

Sie nickte und strahlte über das ganze Gesicht. Vielleicht hatte der Kellner Andulkas Ex-Freund angerufen, nachdem er uns beobachtet hatte, dachte ich. Vielleicht war ihr Ex-Freund eifersüchtig geworden, hatte beschlossen, sie sich zurückholen zu müssen, und unsere kleine Episode war der Grund, aus dem Andulka wieder zu ihrem Glück fand?

Vielleicht war ich auch einfach nur ein bisschen high, weil ich plötzlich so verdammt gut mit Frauen umgehen konnte.

13

Als ich frühmorgens nach Hause kam, war Daphne schon im Bett. Ich weckte sie mit meinem Geraschel unabsichtlich auf.

»Hallo, Marie«, sagte sie verschlafen.

»Schlaf weiter, Daphne, pschsch«, flüsterte ich und machte dazu ein beruhigendes Geräusch. Aber sie ließ sich von mir nicht beruhigen. »Komm zu mir ins Bett. Bitte«, sagte sie.

»Im Ernst?«

»Ja, im Ernst, ich habe dich so vermisst, und es tut mir so leid«, sagte sie.

»Heute habe ich keine Lust, vielleicht morgen.«

Ich zog mir das Nachthemd an und kletterte unter meine eigene Decke. Daphne stand auf und wollte in mein Bett übersiedeln. Ich musste meine Überlegenheit ausspielen, also drückte ich sie von mir weg. »Ich ficke dich, wann ich will, du kleine Schlampe«, zischte ich.

Sie weinte. Ich war rundum befriedigt und schlief ein wie ein Baby. Ihr Weinen war mein Wiegenlied.

Ich träumte von Fingern, die in Muschis drangen. Ein Finger, zwei Finger, ganze Mädchenhände. So ging es die ganze Zeit. Dazu rezitierte die Königin den »Wassermann« von Karel Jaromír Erben.

Erwacht am frühen, frühen Morgen

Muss ein Mädchen viel besorgen:

»Ich geh zum See, Mütterchen, fort,

Ich wasche meine Tüchlein dort.«

»Ach geh nicht, geh nicht zum Gestade,

Ich hatte einen Traum gerade,

Bleib heute lieber doch zuhaus:

Geh nicht, Tochter, zum See hinaus.

Mit Perlen musst dein Kleid ich säumen,

Das weiß war, wie die Wasser schäumen,

Der Perlen Glanz am Grund des Blaus:

Geh nicht, Tochter, zum See hinaus.«

Dann sah ich, wie der kleine Wassermann am Ufer auf einer Pappel sitzend in die Hände klatschte. Das Klatschen hallte von den Felswänden wider, und ich lag von Muschis und Fingern umgeben auf einem Steg, der unter mir durchbrach. Eine Ewigkeit lang fiel ich ins Wasser, und ich spürte immer noch diese glitschige Feuchtigkeit auf meinem Mittel- und Zeigefinger, und meine andere Hand lag immer noch auf einem gewölbten Bauch. Währenddessen stand die Königin auf einem Hügel in der Ferne und formte mit ihren schmalen Lippen weitere Verse.

Als sie dann auf den Steg sich setzte,

Das erste Tuch mit Wasser netzte,

Da brach der Steg, und sie entglitt,

Ein Wirbel zog sie mit sich mit.

Die Wellen, die dem Nass entquollen,

Sind breit zu Kreisen angeschwollen –

Des grünen Mannes Klatschen klang

Vom Pappelast am Fels entlang.

Schweißgebadet wachte ich auf, weil die Sonne durchs Fenster knallte. Es musste schon Mittag sein. Ich hatte nur einen Gedanken. Ich musste mir einen Pornofilm anschauen, um den Druck von meinem Herzen abzulassen. Zu erotisch und zu bedrohlich war mein Traum gewesen. Ich griff nach meiner Schreibtischplatte, um den Computer zu holen und malte mir bereits aus, auf welcher Seite ich etwas Passendes für diesen Tag finden würde.

Grundsätzlich bevorzugte ich brutale Zeichentrickpornos. Bei denen musste ich zumindest nie das Gefühl haben, dass jemand zu Schaden kam, auch wenn ich trotzdem immer ein schlechtes Gewissen danach hatte und mich schmutzig fühlte, die gezeichnete Brutalität erregend zu finden. Nur in den seltensten Fällen waren diese Filmchen lesbisch, aber das hatte mich nie gestört und tat es seltsamerweise auch jetzt nicht. Manchmal suchte ich mir auch alte Filme aus den Achtziger- oder Neunzigerjahren, die mich mit ihrer Fremdheit betörten. Die altmodischen Frisuren der Frauen und die bunte, schrill wirkende Kleidung zogen mich in eine andere Welt. Das taten die Zeichentrickfilme auf ihre Weise allerdings auch.

Schon sah ich vor meinem inneren Auge, wie sich eine Gruppe von Wasserungeheuern an einer blonden Jungfrau verging, der Computer war schon eingeschaltet, aber da merkte ich, dass Daphne ihrerseits mit sich selbst beschäftigt war. Sie lag auf dem Bauch und zwickte mit ihren Oberschenkeln an ihrer Hand herum.

Ich kletterte zu ihr ins Bett, drehte sie auf den Rücken und gab ihr zur Begrüßung eine schallende Ohrfeige. Sie sah mich perplex an, als wollte sie mich anschreien. Ich kam ihr zuvor, indem ich unter ihre Decke kroch und sie so lange leckte, bis sie kam. Dann küsste ich sie auf den Mund, nahm ihre Hand und klemmte sie mir zwischen die Schenkel, überkreuzte die Beine und presste an ihrer Hand herum, bis ich selbst zum Höhepunkt gelangte. Dabei machte ich ihr zum Spaß einen dunkelvioletten Knutschfleck.

»Danke«, flüsterte Daphne.

»Gern geschehen«, sagte ich, als ich fertig war, »und viel Spaß mit deiner Biologievorlesung.«

»Biochemie«, sagte Daphne, »ich werde Substanzen entdecken, die auf der Stelle einen Orgasmus auslösen.«

»Was auch immer«, antwortete ich. »Ich muss los, neue Abenteuer warten auf mich.«

14

Ich war etwas zu spät dran, um Miloš in Vinohrady zu treffen. Am Telefon hatte er mir nicht verraten wollen, was die Schneekönigin eigentlich von mir wollte.

Aus dem Fenster der roten U-Bahn-Linie C sah ich zu, wie sich die Gestaltung der Stationen zum Zentrum hin änderte. Zuerst durchfuhr ich die hässlichen neuen Stationen, die von komischen, grellblauen und leuchtend gelben Röhren verziert waren. Später kamen die alten, typischen Stationen der C-Linie, mit braunen Keramikplatten verkleidet. Zu Hause fühlte ich mich erst, als ich in die grüne A-Linie umgestiegen war, die noch von den älteren Zügen befahren wurde und die wie die Linie B als ein großer Atomschutzbunker konzipiert war. Daher die unendlich langen Rolltreppen. Die Wände waren auf der Bahnsteigseite immer mit Marmor und auf der Schienenseite mit bunten, abwechselnd konkaven und konvexen Tellern verkleidet, die glänzten und schimmerten, wenn die Züge einfuhren. Bei jeder Haltestelle lauschte ich der angenehmen weiblichen Stimme, die die Ansagen machte. Am meisten gefiel mir wie immer das vollkommen ruhige und angenehm klingende »Ukončete prosím výstup a nástup, dveře se zavírají.« Das war der Satz, den wahrscheinlich jeder Ausländer, der in Prag U-Bahn fuhr, als erstes lernte. Kein »Zurückbleiben bitte« oder »Zug fährt ab«. Die angenehme Stimme sagte höflich: »Beenden Sie bitte das Ein- und Aussteigen, die Türen schließen sich.« Ich stellte mir zu der Stimme meine Professorin vor und hatte bei jeder Lautsprecheransage eine Hitzewallung und einen Fröstelanfall gleichzeitig.

Miloš wartete am Bahnsteig auf mich. Mein Herz schlug doppelt so schnell wie sonst. »Was hat sie gesagt?«, fragte ich anstatt einer Begrüßung.

Miloš lachte und gab mir einen dicken Kuss auf die Wange. »Es geht um einen Lesekreis«, sagte er. »Sie hat uns beide zu ihrem Lyrik-Lesekreis eingeladen.«

»Uns beide? Oder hat sie mich auch extra erwähnt?«

»Das hat sie, und zwar so: ›Deine hübsche kleine ausländische Freundin, die manchmal zerstreut am Gang herumsteht, hätte die vielleicht Interesse?‹«

»Hübsch? Hat sie das wirklich gesagt?«

»Nein, hat sie nicht. Aber es klingt gut, oder?«

Ich biss mir auf die Unterlippe und spürte, dass mein Gesicht rot anlief. Ich drehte mich zur Seite. »Mach dich nicht über mich lustig, Miloš.«

»Aber nein. Sie hat tatsächlich ziemlich genau das gesagt, ich habe es nur ein wenig ausgeschmückt.«

Ich kicherte. Die Königin wollte mich in ihrer Nähe haben! Ich jubelte in meinem Innern wie ein Eishockeystadion nach einem Ausgleichstreffer, wie eine Straßenbahn, die nicht aufhört zu läuten, weil ihr liebster Fahrgast zugestiegen ist, die läutet, bis alle Möwen der Moldau in ihren Gesang mit einstimmen. »Wann findet der erste Lesekreis statt?«, fragte ich.

»Er hat schon angefangen, du bist spät dran.«

Wir beeilten uns, bogen vom Náměstí míru in eine Seitengasse. Ich hopste neben Miloš her wie ein Küken. Der Schnee schmolz, Wasser rann in Strömen von den Dächern. Auf jedem dritten Dach standen Arbeiter, die über den abgesperrten Gehsteigpassagen Dachlawinen auslösten. Ich dachte an freudig plätscherndes Gletscherwasser, an verliebte Blauwale, an sich tummelnde weiße Robben auf dahintreibenden Eisschollen, die in der Sonne eines arktischen Sommers glänzen.

»Warum hast du mir das nicht schon am Telefon gesagt, dass die erste Stunde schon heute stattfindet? Ich hätte mich vielleicht vorbereitet.«

»Weil ich geheimnisvoll bin.«

»Sehr witzig. Ist es bei der Königin zu Hause?«, fragte ich weiter.

»Nein, in einem Lokal.«

»Warst du schon einmal bei ihr zu Hause?«

Miloš war etwas eingeschnappt. »Einmal, kurz«, antwortete er. »Aber ich muss dich enttäuschen, ich war nur im Vorzimmer.«

Der Gedanke daran, dass die Schneekönigin wie fast jeder andere Mensch eine Wohnung hatte, war zunächst etwas ernüchternd. Ich hatte mir die Professorin nie wie einen Menschen mit einem echten Leben vorgestellt, sondern immer eher wie ein höheres Wesen, das vor allem göttliche Strahlen verbreitet, das eisig kalt und zugleich unendlich schön ist. Aber nachdem die Ernüchterung über Libušes Menschlichkeit verflogen war, wurde ich nur noch geiler auf sie. Echte Frauen mit einem echten Leben hatten auch echte Körper mit echten Brüsten, echten Muschis – mit echten Fotzen, präzisierte ich in Gedanken. Man konnte sie angreifen, sie zum Stöhnen und Jammern bringen, man konnte ihren Atem fühlen, man konnte gemeinsam mit ihnen feucht werden.

Seitdem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, waren mein Leben, mein Fühlen, mein Atem völlig anders geworden. Ich war gefühlvoller, aber auch brutaler und zielstrebiger geworden. Jetzt zählte nur mehr eins für mich. Ich musste wissen, wer Libuše war, und wie ich sie für mich gewinnen konnte. Als wir das Lokal betraten, musste ich innehalten, um mich zu sammeln. Gleich würde ich meiner Angebeteten so nah sein wie noch nie.

15

Der Lesekreis im Hinterzimmer des Kaffeehauses begann allerdings nicht gerade vielversprechend für mich. Miloš und ich mussten uns an das hinterste Ende des langen Tisches setzen, weil in der Nähe der Königin kein Platz mehr frei war. Noch dazu saß ich an derselben Tischseite wie sie und konnte das Gesicht der Königin daher nur über sechs Köpfe hinweg erspähen. Das auch nur, wenn sie sich gerade vorbeugte.

Von einer liebevollen Sonderbehandlung, die ich mir erhofft hatte, war nichts, rein gar nichts zu spüren, im Gegenteil. Die Königin beachtete mich die ganzen langen zwei Stunden lang überhaupt nicht. Sie sah mich weder an, noch fragte sie mich nach meiner Meinung zu den depressiven Gedichten, die sie durchnahm. Außerdem verstand ich von den Gedichten so gut wie nichts, weil ich ja unvorbereitet war und mein Tschechisch für anspruchsvolle Lyrik bei weitem nicht ausreichte.

Alle tranken Bier, obwohl erst früher Nachmittag war. Nur ich trank Kaffee, um geistesgegenwärtig zu bleiben. Aber statt der Geistesgegenwart stellte sich eine unangenehme Kälte in meinem Herzen ein, obwohl ich als einzige ein warmes, dampfendes Getränk vor mir stehen hatte.

Das einzige, was ich tun konnte, war, dem Tonfall der Königin zu lauschen. Ich hatte den Eindruck, dass sie hin und wieder den Tränen nahe war. Ihre Stimme verschlug sich bei bestimmten Versen, und manchmal griff sie zum Taschentuch und lachte dabei auf, wie um die drückenden Tränen zu überspielen.

Warum tat sie sich das an, fragte ich mich. Warum verbrachte sie ihre Freizeit nicht lieber mit ihrem Mann und ihrer Familie oder mit ihren Freundinnen, anstatt sich wie ein Tier im Zoo vor Unikollegen auszustellen und sich selbst mit schwermütiger und trauriger, wenn auch zweifellos schöner Lyrik zu quälen?

Weine nicht, dachte ich. Weine nicht um mich, dachte ich weiter und musste darüber lächeln, dass ich mich selbst in meinen Gedanken wieder ins Zentrum ihres Interesses schob. Weine nicht um mich, Libuše, große Fürstin Libussa, allwissende Seherin, Tochter des Krok, Enkelin des Čech. Der Name deines mythischen Vaters Krok bedeutet doch »Schritt«. Schreite also voran durch das traurige Leben, es werden bessere Zeiten kommen. Und weine nicht um mich, du hast mich noch nicht gefunden auf deinem Weg, aber wir werden noch zusammenkommen, ich werde alles dafür tun. Wir werden unsere Liebe finden, sie wartet auf uns.

Ich hätte gern mehr von ihren Ausführungen verstanden. Aber ich fühlte höchstens einzelne Worte. Einsamkeit. Alter. Herbst. Garten. Meer.

Ich musste mehr über sie erfahren! Anstatt als hehres Wesen begann ich, sie als Beute zu betrachten. Sicher, sie war eine edlere, größere, schönere Beute, als man sie sich je erträumen konnte. Trotzdem war sie ein Tier und ich ihr Jäger. Ein guter Jäger muss das Tier, das er erlegen will, in- und auswendig kennen. Tränen heilen, dachte ich. Dann weine also lieber weiter, weine mehr, weine dich aus, Libuše. Aber von welchem Leiden wollte sie geheilt werden? Ich musste es herausfinden. Genau das war die Information, die ich benötigte, um meine Pfeile zu spitzen und die Jagd auf das heilige Tier beginnen zu lassen.

Als die Lyrikbesprechung vorbei war und sich die ersten Zuhörer erhoben, um zu den Toiletten oder zur Bar in den Hauptraum des Cafés zu gehen, stand auch die Professorin auf, stellte sich hinter mich und legte mir die Hände auf die Schultern. Ich wollte mich umwenden und aufstehen, aber sie hielt mich fest.

Ich war also die Beute. Nicht sie.

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