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Sonia Mattu
Die sprechenden Augen
Imprint
Die sprechenden Augen
Sonia Mattu
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de Copyright: © 2015 Sonia Mattu ISBN 978-3-7375-6059-7
Covergestaltung: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Konvertierung: Sabine Abels / www.e-book-erstellung.de
Kapitel 1
Jenny
Mein Name ist Jenny, ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, von Beruf Krankenschwester und in der Hauskrankenpflege tätig. Das bedeutet, ich besuche Patienten in deren Wohnungen, betreue und pflege sie. Meist sind es sehr alte bettlägerige Menschen. Ich bevorzuge diese Art meiner Tätigkeit, da ich selbstständig arbeiten kann. Natürlich bin auch ich einem Team unterstellt, aber es ist doch anders als in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim.
Ich wohne in einer großen Stadt, in einem sogenannten „reichen Land“ in Mitteleuropa. Es ist eine schöne Stadt mit vielen Grünflächen.
Heute habe ich etwas entlegen am Stadtrand eine neue Patientin zugeteilt bekommen. Sie ist vierundneunzig Jahre alt, insulinpflichtige Diabetikerin und bettlägerig. Ich fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation. Der Weg zu ihr führte durch einen Park. Nach wenigen Minuten erblickte ich ein Haus. Ich blieb stehen und atmete die frische kühle Morgenluft ein. Es war 6.50 Uhr.
Das Haus stand ziemlich weit hinten, mit einem großen, etwas verwilderten Garten davor, eingezäunt durch einen Holzlattenzaun. In der Einfahrt stand ein stattlicher Pkw. Es war ein kleines einstöckiges Haus. Die Fenster im Erdgeschoss waren vergittert, wahrscheinlich wegen Einbruchsgefahr. Was mich jedoch verwunderte, die Fenster im ersten Stock waren auch vergittert. Ein Fenster stand offen. Welch glückliche Menschen wohl hier wohnen? So still und friedlich. Es war Mitte Juli und laut Wetterbericht sollte es ein strahlend heißer Sommertag werden.
Die Stille wurde abrupt unterbrochen! Eine Frauenstimme klang aus dem geöffneten Fenster, eine schimpfende schrille Frauenstimme. Meine Güte, dachte ich, so ein schöner Morgen. Vermutlich eine keifende Ehefrau. Ich schmunzelte und setzte meinen Weg fort.
Auf dem Rückweg blieb ich wieder vor dem Haus stehen, meine Handyuhr zeigte 8.43 Uhr. Alle Fenster waren verschlossen, die Jalousien heruntergelassen. Ich ging zur Straßenbahn und fuhr zum nächsten Patienten. Abends, nach Dienstschluss, dachte ich wieder an dieses Haus.
Am nächsten Tag, 7.12 Uhr: Ich war spät dran und ging eilenden Schrittes. Mein Blick schweifte kurz zum Haus. Das gleiche obere Fenster stand offen, so wie gestern. Die schrille, keifende Frauenstimme …!
„Blöde Kuh“, sagte ich ärgerlich. Ein anderes Geräusch … Es klang wie ein Klatschen, ein surrendes Klatschen. Ich blieb stehen und starrte zu dem Fenster. Etwas stimmte hier nicht, meldete mein Gefühl.
Ein älterer Herr mit Hund kam mir entgegen, ich sprach ihn an: „Hören Sie das?“ Er blickte zum Fenster. „Ja, ja.“ Er erzählte mir, dass dort eine Frau wohnt, so um die vierzig Jahre alt. Ihren Namen wusste er nicht mehr, jedoch hätte er sich ein paar Mal mit ihr unterhalten. „Sie hat einen anstrengenden Beruf, ich glaube Immobilienmaklerin. Sie verkauft auch im Ausland und ist öfters auf Reisen.“ „Und dieses Gezeter, dieses Schimpfen, und was ist das für ein Klatschen?“, fragte ich. „Sie ist etwas sonderbar, ja, das stimmt. Zur Entspannung sieht sie sich gerne Horrorfilme an, hat sie mir erzählt.“ Er lachte: „Also zu meiner Entspannung gehe ich lieber mit meinem Hund spazieren. Schönen Tag noch.“ Er ging weiter.
Auf dem Rückweg, 9.17 Uhr: Alle Fenster verschlossen, die Jalousien heruntergelassen. Das Auto stand nicht mehr in der Einfahrt.
Abends zu Hause studierte ich meinen Dienstplan. Es war Dienstag. Ich hatte noch einen Arbeitstag vor mir, dann zwei Tage frei. Meine nächsten Dienste fielen auf den Samstag, Sonntag und Montag, wobei der Montag ein Feiertag sein würde. Ich mochte es, an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren nicht so überfüllt und ich verdiente das Doppelte.
Dann dachte ich an das Haus. Diesen Abend stellte ich meinen Wecker eine Stunde früher.
Mittwoch, 6.18 Uhr: Das Haus leuchtete im Sonnenaufgang, ich hörte Vögel zwitschern. Das Gartentor war angelehnt, das Auto stand in der Einfahrt. Seitlich gab es eine Terrasse. An einer anderen Ecke im Garten sah ich ein kleines Holzhaus, wahrscheinlich ein Geräteschuppen. Ich ging über den Rasen zum Haus und blickte nach oben. Die Fenster waren verschlossen. An der Haustür befand sich eine Glocke, aber kein Namensschild. Ich ging um die Hausecke und bemerkte einige tiefliegende Fenster. Das mussten Kellerfenster sein. Sechs quadratische Fenster. Das dritte war gekippt. Die Fenster waren undurchsichtig. Sie waren schwarz, als ob mit Teer bestrichen. Ich schaute durch das gekippte Fenster hinein, konnte aber nicht viel erkennen. Irgendwie schienen da ein WC und ein Waschbecken zu sein. In einer Ecke lag etwas am Boden. Ich strengte meine Augen an … eine Matratze – da lag eine Matratze!
Ich läutete an der Haustürglocke. „Wer ist da?“ Ich trat einige Schritte zurück und blickte nach oben. Am vergitterten offenen Fenster stand eine Frau mit schulterlangem blondgelocktem Haar. „Wer sind Sie? Was machen Sie auf meinem Grundstück?“ „Das Gartentor war offen. Entschuldigung, ich habe gestern so … so seltsame Geräusche gehört. Brauchen Sie Hilfe?“ „Ich? Ich brauche keine Hilfe, ich brauche meine Ruhe! Was erlauben Sie sich eigentlich? Das ist meine Privatsphäre! Verlassen Sie augenblicklich mein Grundstück oder ich rufe die Polizei!“ Sie sah mich wutentbrannt an, ihre Stimme klang schrill. Sie schlug das Fenster zu. Eilig ging ich.
Donnerstag – ich schreckte schweißgebadet auf, anscheinend aus einem Traum, einem Albtraum? Ich konnte mich nicht erinnern. Die Uhr zeigte Punkt 5.00 Uhr.
Ich hatte vor, heute ins Schwimmbad zu gehen. Es sollte ein sonniger, heißer Tag werden. Ich versuchte wieder einzuschlafen, es gelang mir nicht. Ich dachte an das Haus und an die blondgelockte Frau.
Um 6.35 Uhr stand ich wieder vor dem Haus. Was mache ich da nur? Das Fenster im ersten Stock stand offen. Ich öffnete das Gartentor, ging über den Rasen und stellte mich unter das Fenster. Ich hörte Stimmen. Die Frauenstimme – und ein Kind. Oder ein Mann? Ich konnte nicht alles verstehen, jedoch was ich zu hören bekam, ließ mich erschaudern.
„Los, beeil dich, du elende Kreatur. Vorbereiten! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Heute Flieder …!“, sie nannte den Namen eines Parfums. Nach einiger Zeit: „Trink! Zigarette! Feuer! Wehe, das elende, stinkende Gehänge wird nicht ordentlich hart!“ Die Frau schimpfte und keuchte irgendwie seltsam. Dann ein Schrei – ein durchdringender Schrei! „Bitte nein, Madam, bitte nicht, nein …!“ Ich wollte zur Haustür rennen und die Glocke läuten, doch ich war wie gelähmt.
Winseln wie von einem verletzten Tier … Wieder ein Aufschrei. Dann ein Klatschen, ein surrendes pfeifendes Klatschen. Ich hörte nur mehr die Frauenstimme. Ihre Stimme klang nun streng und befehlend, etwas gedämpfter. Die Worte habe ich nicht verstanden.
Ich muss die Polizei rufen, ich muss die Polizei anrufen, ging es mir durch den Kopf, doch ich konnte keinen Finger bewegen.
Dann hörte ich einen Knall. Die Frau hatte das Fenster zugeschlagen. Es war 7.43 Uhr. Langsam rührte ich mich. Ich sollte die Polizei anrufen … Ein anderes Geräusch, ein Heulen! Es kam irgendwie von unten. Ich rannte zu den Kellerfenstern. Ein Wimmern, ein Schluchzen? Ich blickte durch den gekippten Fensterspalt. „Hallo, ist da jemand? Hallo?“ Meine Augen passten sich langsam den unterschiedlichen Lichtverhältnissen an. Ich erkannte eine Gestalt, es war ein Mann. Er stand nackt vor einem Waschbecken. „Kann ich Ihnen helfen? Hören Sie mich? Kommen Sie her zum Fenster. Na los, kommen Sie!“ Der Mann drehte sich in Richtung Fenster. Er hielt die Hände schützend vor sein Glied, die Hände waren blutverschmiert.
Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war, ich handelte nur mehr rein instinktiv. „Öffnen Sie das Fenster! Los, öffnen Sie das Fenster!“ Er starrte mich an. Ich erkannte, dass er kein Europäer war. „Verstehen Sie mich?“ Er nickte. „Öffnen Sie endlich das verdammte Fenster!“ „Kann man nicht öffnen“, antwortete er sehr leise. Ich versuchte, das Fenster hinunterzudrücken, es bewegte sich nicht. Ich rannte zu einem angeordneten Blumenbeet, nahm den größten Stein und hämmerte auf die Fensterscheiben. Keine bewegte sich. Der Geräteschuppen! „Los, ziehen Sie sich an! Ziehen Sie sich ein Gewand an, ich hole Sie hier raus!“
Der Schuppen war offen. Ich fand einen großen Schlaghammer, mit welchem man normalerweise Holzpfähle in die Erde schlägt. Mit dem Hammer schlug ich auf das gekippte Kellerfenster, bis es endlich herunterbrach.
Plötzlich die Frauenstimme: „Was ist los da unten? Wer ist da?“ Ich streckte eine Hand durch das Fenster. „Los, kommen Sie endlich!“, und zog ihn aus der Öffnung und rannte, ihn hinter mir herziehend, zum Gartentor.
Die Frau schrie: „Du Bastard! Was machst du? Bleib stehen!“ Der Mann stoppte. Ich schüttelte ihn. „Weiter, nicht stehenbleiben, weiter!“ Die Frau mit hysterischer Stimme: „Ich rufe die Polizei! Bleib stehen und dreh dich um, dreh dich um! Das wirst du mir büßen!“ Der Mann wollte sich umdrehen. „Los weiter, hören Sie nicht zu, da ist schon das Tor.“
Die Frau: „Tommy, Tommy! Na warte, wenn du wieder da bist! Tommy!“ Ich rannte so schnell ich konnte, hielt seine Hand und zerrte ihn hinter mir her. Endlich die Straßenbahnstation, die Haltestelle und eine Wartebank. Ich drückte ihn auf die Bank und sah auf die Uhr: 8.24 Uhr. Der nächste Wagon sollte in sechzehn Minuten eintreffen. Vor mir auf der Wartebank saß dieser Mann. Ich betrachtete ihn. Er war bekleidet mit einer kurzen Hose und einem T-Shirt, welches am Rücken blutverschmiert war. In der Hose steckte ein Handtuch. An seinen Füßen trug er ausgelatschte Badeschlappen aus Gummi. Sein Haar war schulterlang, strähnig und leicht verfilzt. Seinen Kopf hielt er gesenkt und er zitterte. Ich nahm mein Handy und bestellte ein Taxi. Aus meinem Rucksack entnahm ich eine Regenjacke, welche ich immer bei mir trage. Für Notfälle, falls mich das Wetter überrascht. Nun, es regnete zwar nicht – es blutete … Ich legte ihm die Jacke über seine Schultern.
Taxifahrer: „Wohin?“ Ich nannte meine Adresse. „Aber den da nehme ich nicht mit. Ist er besoffen? Er wackelt ja.“ „Nein, er ist nicht besoffen. Bitte, es ist dringend, ich zahle Ihnen auch den doppelten Preis.“ „Na gut, aber dass der Penner ja nicht mein Auto versaut. Ich stelle Ihnen das in Rechnung.“
Ich öffnete meine Wohnungstür. Zum Glück hatte ich keine Nachbarn angetroffen, wie peinlich wäre das gewesen. Ich führte ihn in die Küche und bat ihn, Platz zu nehmen. Er reagierte nicht. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich doch.“ Er setzte sich nicht. Ich reichte ihm ein Glas Wasser, welches er sofort austrank. „Haben Sie Schmerzen?“ Keine Reaktion. Er stand mit gesenktem Kopf vor mir und zitterte. Jenny, du musst die Rettung bestellen, sagte ich zu mir selbst. Ein anderes Gefühl in mir sagte: Nein!
Nun handelte ich wie eine professionelle Krankenschwester. „Kommen Sie mit!“ Ich führte ihn ins Badezimmer. „Stellen Sie sich vor das Waschbecken!“ Ich nahm eine Schere und schnitt sein blutiges T-Shirt entzwei. Er stöhnte vor Schmerzen. Sein Rücken hatte Striemen, blutige Striemen. Was war das? Das Klatschen, das surrende Klatschen! Oh mein Gott, das war eine Peitsche?! Ja, es sah nach Peitschenhieben aus.
„Ziehen Sie Ihre Hose aus.“ „Bitte, Madam, bitte nicht.“ Ich zog ihm die kurze Hose herunter. An seinem Glied klebte ein Handtuch, es war blutig. Sein Gesäß war überseht mit grauen Punkten, einer blutete. Ich zog meine Arzthandschuhe an, wusch ihn notdürftig und desinfizierte alle Wunden. Eine weitere Blutung entdeckte ich am After. „Drehen Sie sich um!“ Ich nahm sein Glied in die Hand, auch hier sah ich Blut. Eine offene kreisrunde Wunde an der linken Innenseite seines Penis’. Wundspray und ein Heilpflaster, das sollte vorerst genügen. Alle übrigen Verletzungen versorgte ich ebenso.
Nackt und zitternd stand er vor mir. Ich reichte ihm ein Handtuch, welches er sich rasch um seine Hüften band. Ich führte ihn in die Küche. „Nehmen Sie Platz, bitte“, und deutete auf einen Sessel. Er setzte sich, Kopf gesenkt, und zitterte am ganzen Leib. Ich kochte eine Kanne Kamillentee mit viel Honig. Vielleicht hatte er Hunger? Sein Körper war ausgemergelt. Viel hatte ich nicht anzubieten. So kochte ich einfach eine cremige Kürbissuppe aus der Tüte, welche ich mit dicker Sahne verfeinerte. Nachdem der Tee abgekühlt war, reichte ich ihm eine große Tasse. Er stand auf und trank den Tee hastig aus. „Setzen Sie sich doch.“ Er nahm Platz. Die Frau hatte ihn Tommy gerufen, das war wohl sein Name. „Bitte sehr, Tommy“, und bot ihm einen Teller Suppe an. Erneut stand er auf und leerte den Teller in hastigen Schlucken. Er stöhnte, beugte sich etwas vor und fasste sich an seinen Bauch. Vermutlich ein Magenkrampf. „Sie trinken und essen zu schnell, und bleiben Sie endlich sitzen! Haben Sie heute noch nichts gefrühstückt?“ Er schüttelte den Kopf. „Und gestern Abend?“ Kopfschütteln. „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“ „Vor zwei Tagen.“ „Vor zwei Tagen!? Ja wieso denn?“ „Sie ist drei Tage später gekommen. Brot und Käse waren aus.“ Ich verstand nicht, was er meinte.
Ich war genervt und brauchte etwas zur Beruhigung. 12.05 Uhr – zu früh, aber was soll’s, und ich schenkte mir ein Glas mit halb Wasser, halb Whisky ein. Ich zündete mir eine Zigarette an. Tommy sprang auf, wich zurück und starrte entsetzt auf Zigarette und Feuerzeug. „Bitte nicht, Madam, bitte nicht!“ Er schluchzte und zitterte am ganzen Körper. Mein Gott, schoss es mir in den Sinn. Die grauen Punkte, die kreisrunden Wunden … Sofort dämpfte ich die Zigarette aus und räumte den Aschenbecher weg. „Entschuldigung, Tommy. Bitte setzen Sie sich.“ Zitternd saß er mir gegenüber, in seinen Augen stand Panik. „Die Narben auf Ihrem Po, das waren Zigaretten?“ Er senkte den Blick und nickte. Ich reichte ihm einen zweiten Teller Suppe mit drei Scheiben Weißbrot. „Essen Sie noch, aber ganz langsam und im Sitzen. Guten Appetit.“
Ich nahm Whisky, Zigaretten und begab mich auf das WC. Während ich rauchte, bemerkte ich, dass mir Tränen über das Gesicht liefen. Sie hatte ihn ausgepeitscht und Zigaretten auf seinem Körper ausgedrückt! Was ist das nur für ein Mensch? Nein, das ist kein Mensch – sie ist eine Teufelin!!
Er löffelte ganz langsam seinen Teller Suppe leer. „Danke, Madam. Vielen Dank für den Tee, für die Brote und für die köstliche Suppe. Vielen herzlichen Dank.“ Mir wurde es ganz schwer ums Herz und ich war beschämt. Er bedankte sich für eine Tütensuppe, als hätte ich ihm ein Haus geschenkt. Das Haus, ich dachte an das kleine Haus mit den vergitterten Fenstern …
Ich legte meine Arme auf den Küchentisch, er tat es mir nach. Ich nahm seine Hände, erschrocken zog er sie zurück. Dann legte er sie wieder auf den Tisch. So saßen wir uns gegenüber und unsere Fingerspitzen berührten sich fast, aber nur fast. „Tommy, woher kommen Sie?“ Fragend blickte er mich an. „Ich meine, aus welchem Land stammen Sie?“ Sein Kopf senkte sich. Leise antwortete er: „Aus Indien.“ „Aus Indien? Das ist ein schönes Land.“ Ich hatte vor Jahren mit Freunden einen sehr langen Urlaub dort verbracht. Drei Monate lang. Wir bereisten fast ganz Indien.
Sein Blick hob sich, erstaunt sah er mich an. Tommy heißt er. Kein typisch indischer Name. Wahrscheinlich ist er Christ. Nur die christlichen Inder geben ihren Kindern Namen aus der Bibel. „Sind Sie Christ, Tommy?“ Er senkte den Kopf und verneinte. „Sind Sie Hindu?“ Kopfschütteln. „Moslem?“ Kopfschütteln. „Ohne Religionsbekenntnis?“ „Ich bin Sikh“, murmelte er. Sikh, das sind doch die Inder mit dem Turban? Ja genau. Sie leben hauptsächlich im Nordwesten Indiens und stammen ursprünglich aus Pakistan. „Sie sind Sikh und heißen Tommy?“ Er schaute mich an und flüsterte einen Namen. „Wie bitte? Ich habe nicht verstanden.“ Er hatte dunkelbraune Augen, umrahmt mit langen schwarzen Wimpern. Und dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Blick war leer, ganz leer, fast wie tot. Ich erschauderte. „Mein Name ist Balraj (Das J wird im Indischen wie „dsch“ gesprochen; Balraj wird Balradsch ausgesprochen, Raju wie Radschu). Singh Sandhu, meistens werde ich Raju gerufen, das ist die Kurzform.“ „Warum hat diese Frau Sie dann Tommy genannt?“ Erneut senkte er den Kopf. „Sie mochte meinen Namen nicht.“ „Balraj Singh Sandhu“, wiederholte ich. „Das ist ein sehr schöner Name.“ Verwundert fragte er: „Ja?“ „Ja! Ein sehr schöner Name. Darf ich Sie Raju nennen?“ Das erste Mal blitzte ein Leuchten in seinen Augen auf. „Sehr gerne, Madam, sehr gerne. Vielen Dank, Madam.“ Ich selbst hatte mich noch gar nicht vorgestellt, fiel mir ein. „Mein Name lautet Jenny.“ „Jenny, das ist ein wunderschöner Name. Jenny, ein wunderschöner Name.“ „Wissen Sie was, warum duzen wir uns nicht einfach?“ Ich stand auf und reichte ihm meine Hand, diesmal nahm er sie. „Ich heiße Jenny, guten Tag, Raju.“ „Ich heiße Raju, guten Tag, Jenny.“
Ich betrachtete ihn. Sein schwarzes Haar hing ihm in die Stirn. Er hatte breite Schultern und einen breiten Brustkorb, bedeckt mit dichtem schwarz gekräuseltem Haar. Er war viel zu dünn, seine Rippen standen hervor, sein Bauch war eingefallen und er hatte kaum Muskeln.
Ich erschrak! Du meine Güte, sein Handtuch hatte sich erhoben, jetzt hatte er auch noch einen Ständer! Sofort ließ ich seine Hand los. „Sorry, Madam.“ Beschämt senkte er die Augen. Macht nichts, dachte ich. Viele meiner männlichen Patienten bekommen einen Ständer, wenn ich sie pflege, und diese Leute sind meistens schon sehr alt. Er ist jung und er steht sicherlich unter Schock. „Wie alt bist du, Raju?“ „Ich bin dreißig Jahre alt, Madam.“ „Nenne mich nicht Madam. Bitte, nenne mich ganz einfach Jenny.“ „Ich bin dreißig Jahre alt, Jenny.“ Er sah sehr erschöpft aus, er sollte sich ausruhen, er könnte auf dem Küchenboden schlafen.
Meine Wohnung ist klein, es ist jedoch eine Eigentumswohnung. Meine Eltern haben sie mir gekauft, als ich meinen ersten Job annahm. Ich brauche nur mehr die Betriebskosten und den Gas-, Strom- und Wasserverbrauch zu zahlen. Die Wohnung besteht aus Vorzimmer, einem geräumigen Badezimmer, einer Toilette, einer hübschen Küche mit Abstellraum und einem großen Zimmer mit Sitzgarnitur und einem Doppelbett nahe den Fenstern. Ich wohne im fünften Stock. Das Wohnhaus gegenüber besteht aus drei Stockwerken. So habe ich eine freie Aussicht. Am schönsten ist es, wenn ich im Bett liege. Ich sehe nur den Himmel, Wolken, Vögel und nachts die Sterne und den Mond.
In meinem Kellerabteil befindet sich neben allerlei Gerümpel auch eine Matratze. „Ich gehe kurz in den Keller, da ist eine Matratze …“ „Bitte nicht, bitte nicht in den Keller schicken!“ Raju zitterte, sein Penis erschlaffte augenblicklich. Keller, Matratze … Das Haus, das Kellerloch … Ich verstand. „Raju, bitte beruhige dich. Ich gehe in den Keller und hole eine Matratze. Du bist sicherlich müde. Ich werde hier in der Küche einen Schlafplatz für dich vorbereiten, in Ordnung?“ Wenig später war das provisorische Lager fertig.
„Jenny?“ „Ja?“ „Ich muss Sussu bitte.“ „Sussu?“ Er öffnete den Wasserhahn und deutete auf sein Glied. Er wollte urinieren! Harn lassen heißt anscheinend „Sussu“ in seiner Sprache. „Gleich rechts ist das WC“, sagte ich. Doch er ging ins Badezimmer und urinierte ins Waschbecken, als ob dies das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.
„Leg dich jetzt schlafen, Raju. Ich bin nebenan im Zimmer. Wenn du irgendetwas brauchst, rufe mich bitte sofort.“ „Danke, Jenny, danke für alles.“ Tränen standen in seinen dunklen Augen.
Ich nahm ein Glas Whisky mit Wasser, setzte mich auf den Toilettendeckel und rauchte. Jenny, was machst du bloß?, dachte ich. Es ist nicht richtig, was du machst. Du kannst doch nicht einfach einen fremden Mann zu dir in die Wohnung bringen. Doch, ich kann schon, und dachte an verschiedene Affären. Aber doch nicht so Einen! Das ist verrückt, das ist nicht richtig! Ich hätte die Polizei verständigen sollen. Die hätten ihn befreien sollen, die hätten ihn ins Krankenhaus einliefern sollen. Wie soll das weitergehen? Jenny, was du machst, ist nicht richtig, es ist falsch, ganz einfach falsch.
Raju lag in der Küche, zugedeckt auf der Matratze. Gott sei Dank, er schlief. Ich hob die Decke und betrachtete ihn. Seitlich, mit eingezogenen Beinen und Kopf lag er da. Er erinnerte mich an ein Baby im Mutterleib, an einen Embryo. Das Handtuch um seine Hüften hatte sich gelöst. Eine Hand hielt seine Hoden, die andere seinen Penis. Die Haare bedeckten sein Gesicht. Er atmete gleichmäßig und ruhig.
Ich nahm ein Glas Whisky mit in mein Zimmer, rief meine Firma an und meldete mich krank. Wenig später läutete mein Handy. Es war Tanja, meine Arbeitskollegin und beste Freundin. „Jenny, was ist los? Die Firma hat mich gerade verständigt, ich muss deinen Wochenend- und Feiertagsdienst übernehmen.“ „Ich habe mich krankgemeldet, Tanja. Es tut mir leid, dass du einspringen musst.“ „Kein Problem, aber was fehlt dir denn?“ „Nichts, ich bin nicht krank. Ich brauche nur ein paar Tage, oder länger. Ich habe Wichtiges zu erledigen. Hör zu, ich rufe morgen an und erzähle dir alles.“
Ich setzte mich aufs Bett und schaltete den Fernseher ein. Es war 17.16 Uhr. Aus der Küche ertönten Geräusche. Raju stöhnte: „Bitte nicht, Madam, bitte nicht, auu, nein …“ Ich rüttelte ihn leicht an den Schultern. Mit panischen Augen starrte er mich an, sein ganzer Körper zitterte. „Raju, du hast geträumt, es war nur ein böser Traum. Es ist alles gut. Du bist hier bei mir, bei Jenny.“ Er setzte sich auf und überkreuzte seine Beine. Angst stand in seinen Augen, er zitterte noch immer. Morgen muss ich unbedingt Beruhigungsmittel besorgen, überlegte ich. „Hast du Schmerzen, Raju?“ „Ein wenig.“ Er deutete auf seine rechte Schulter, auf seinen Penis und auf seinen After. „Musst du vielleicht Stuhl absetzten?“ Er schaute auf den Küchenstuhl, dann fragend auf mich. Er verstand nicht. Ich zeigte auf mein Gesäß und machte Pressgeräusche. „Nein, ich muss nicht Toilet“, antwortete er. Urin heißt „Sussu“, Stuhl heißt „Toilet“. Na gut, wieder eine neue Sprache gelernt. Ich schmunzelte. „Hör zu, Raju, wenn du Toilet musst, sage es mir. Ich muss dir vorher das Pflaster entfernen. Komm, setze dich.“ Ich deutete auf den Küchenstuhl. Da saß er nun und zitterte noch immer. Ich nahm zwei Gläser und füllte sie mit halb Whisky, halb Wasser und reichte ihm eines. „Da, trink, zur Beruhigung!“ Er nahm das Glas und stand auf. „Raju!“ Erschrocken blickte er mich an. Er zitterte so stark, sodass etwas Whisky verschüttet wurde. „Raju, bitte setze dich und trink in Ruhe. Du musst dich nicht fürchten. Ich tue dir nichts. Ich bin Jenny und nicht diese … diese Teufelin.“ Er nahm Platz und trank einen Schluck, dann noch einen. Sein Gesicht verzerrte sich und er fasste sich an den Bauch. „Hast du Schmerzen?“ Kopfnicken. Seine Hand bildete eine Faust. Ich verstand. Er hatte einen Magenkrampf. Ich wollte eine Schmerztablette holen, doch er hatte Whisky getrunken, so lies ich es. Er nahm noch einen Schluck. „Besser“, sagte er, und dann: „Ich hasse Wodka.“ „Das ist kein Wodka, das ist Whisky.“ „Ich weiß, Jenny. Es ist ein guter Whisky.“ Dann wiederholte er: „Ich hasse Wodka!“ „Hast du Hunger, Raju?“ Er senkte seinen Kopf und antwortete nicht. Wahrscheinlich hat er Hunger. Er getraut es sich nur nicht zu sagen. Ich bereitete Käse-Schinkentoasts mit Paprika vor. Raju aß vier Stück. Besonders begeistert war er von dem frischen roten Paprika. Er stand auf und blickte auf meine Hände. Fragend sah er mich an. Ich streckte ihm meine Hände entgegen, er nahm sie und drückte sie sanft. „Danke, Jenny. Danke für das wundervolle warme Essen, danke für Alles!“ In seinen Augen standen Tränen. „Jenny? Schickst du mich wieder in das Haus? Muss ich wieder zurück?“ Jetzt stand Angst in seinen Augen, große Angst. „Nein, Raju, ich schicke dich nicht zurück. Du musst nicht mehr in dieses Haus und zu dieser Frau, dieser Teufelin.“ Seine Angst wechselte in große Erleichterung. Dann, mit fragendem ängstlichem Blick: „Jenny, darf ich bei dir bleiben? Darf ich für immer bei dir bleiben?“ „Einstweilen ja.“ „Bitte, Jenny, schick mich nicht fort, bitte. Ich möchte immer hier bleiben, in deinem schönen Badezimmer und deiner schönen Küche. Ich möchte für immer bei dir bleiben, Jenny. Bitte!“
Wie soll das alles weitergehen? Doch ich wollte ihn nicht verängstigen und nickte. Raju fing an zu weinen, die Tränen liefen über sein Gesicht und tropften auf seine schwarzen Brusthaare. Schluchzend stammelte er. „Ich danke dir, Jenny, ich, ich …“ Sanft drückte ich ihn auf den Sessel und schob ihm ein zweites Glas Whisky zu. Ich streichelte sein zerzaustes Haar. Er trank und beruhigte sich etwas. „Trink langsam, ich komme gleich.“
Ich saß am WC, rauchte, und auch mir liefen die Tränen über die Wangen. Was für ein Mann … So freundlich, dankbar und sensibel. Eingesperrt und misshandelt … Oh, wie hasse ich diese Frau!
„Raju, komm, ich zeige dir die ganze Wohnung.“ Sorgfältig schaute er sich in meinem Zimmer um. Lange stand er vor der Glasvitrine. Ich sammle leidenschaftlich gerne Elefanten, die Vitrine war voll davon. „Du magst Elefanten gerne, nicht wahr, Jenny?“ Ich bejahte. „Elefanten vergessen nicht“, flüsterte er. Dann sah er mich an. In seinen Augen las ich Wärme, Dankbarkeit und noch irgendein Gefühl. Was war das für ein Gefühl? Ich konnte es nicht zuordnen. „Ich vergesse auch nicht, Jenny. Ich werde dich nie vergessen, niemals!“ Er ging zum geöffneten Fenster und atmete tief ein. „Du wohnst sehr hoch, das ist schön. Deine ganze Wohnung ist sehr schön“, und er blickte lange auf mein Bett.
„Ich muss Sussu, Jenny, ich komme gleich.“ Nach zehn Minuten schaute ich nach. Vielleicht war ihm übel geworden? Er stand vor dem Waschbecken im Bad, nackt, und masturbierte. Unglaublich! Einfach unglaublich!
Raju
Ich streichelte meine Hoden und dachte an Jenny. Sanft streichelte ich mein erregtes Glied. Ein warmes Gefühl durchströmte meinen Körper. Ich fühlte die Sonne kommen. Sie kam von unten in Schüben. Es tat so gut. Ich streichelte meine Eichel und umkreiste mit den Fingern meinen Ring. Die Sonne stieg immer höher. Ich stöhnte und massierte zärtlich meine Hoden, meinen Penis, die Eichel, den Ring. Ich wollte, dass es lange andauert, dieses wundervolle Gefühl, die Sonne, in immer heißer werdenden Schüben. Ich stöhnte vor Lust. Hart und sehr steif war mein Penis. Bitte, lass es lange andauern. Immer heißer, immer schneller, die Sonne … Ich massierte fester, drückte die Hoden, es tat so gut, so gut, dann kam ich. Liebevoll hielt ich mein Glied und strich mit den Fingern durch den weißen Saft. Ich wartete, bis mein Penis schlief, dann wusch ich ihn sanft. Ich reinigte meine Hände, das Waschbecken und band mir das Handtuch um.
Ich blickte in den Spiegel. Ich blickte in meine Augen. Lange, sehr lange. Ich schloss meine Augen und strich mir über die Lider. Dann öffnete ich sie wieder. Ganz nah trat ich an den Spiegel heran und blickte tief in meine Augen. Es war weg! Abermals schloss und öffnete ich meine Augen. Es war weg! Tatsächlich, es war ganz einfach nicht mehr da. Es war weg! Die Leere, das Tote – weg! Es war verschwunden. Ruhig schauten sie mich an, meine Augen.
Sie hat mir mein Leben zurückgegeben. Sie hat mir meinen Namen zurückgegeben. Sie hat mir meine Augen zurückgegeben.
Was für eine Frau, was für eine wunderbare Frau sie ist. Wie sanft ihre Stimme klingt. Sie schimpft nicht. Sie schreit nicht. Sie lächelt. Sie hat mich angelächelt. Sie hat mich öfter angelächelt. Sie hat „bitte“ zu mir gesagt. „Bitte setzen Sie sich“, hat sie gesagt. Ihre Hände. Mit ihren Händen hat sie mich gewaschen. Mit ihren Händen hat sie meine Wunden versorgt. Sie hat mit ihren Händen meine Wunden verbunden. Keine neuen Wunden hat sie geschlagen. Mit ihren Händen hat sie mich berührt. Sie hat meine Hände gehalten. Ganz sanft und weich hat sie sie gedrückt. Sie hat mir warmes Trinken und warmes Essen gegeben. Mit ihren Händen … Nicht in den Keller hat sie mich geschickt. Die Matratze – eine saubere Matratze. Ein Leintuch hat sie daraufgelegt. Ein sauberes Leintuch. Die Decke, das Polster. Sie riechen so gut. Sie riechen nach ihr.
Ich danke dir von ganzem Herzen, Gott. Du hast mir diese wundervolle Frau geschickt. Danke! Bitte lass mich bei ihr bleiben. Bitte, sie soll mich nicht wegschicken, bitte! Lass mich wieder gesund werden und stark. Ich möchte für sie stark sein. Ich möchte sie beschützen.
Ruhig blickten meine Augen mich an. Etwas Glanz konnte ich erkennen. Und Glück …
Jenny
Nach ungefähr dreißig Minuten stand er im Zimmer. Der Fernseher lief. „Leg dich etwas hin, Raju. Versuche zu schlafen.“ Er blickte auf mein Bett, sah mich an, drehte sich um und ging. „Gute Nacht, Jenny.“
Nach einer Weile kam er zurück. Was ist denn jetzt schon wieder, dachte ich gereizt. „Jenny?“ „Jaaa!“ „Jenny.“ Er trat langsam an mein Bett. Er nahm meine Hände in die seinen. „Jenny, du hast mir mein Leben zurückgegeben. Du hast mir meinen Namen zurückgegeben. Du hast mir meine Augen zurückgegeben.“ Ich schaute in seine Augen. Ein schwaches Leuchten, Ruhe, Ernsthaftigkeit, Dankbarkeit las ich in ihnen. Warm blickten sie mich an. Und dieses andere Gefühl stand in seinen Augen. Was war das bloß? „Gute Nacht, Jenny.“
Bevor ich mich schlafen legte, sah ich nochmals nach ihm. Ich hob seine Bettdecke an. Raju lag auf der Seite. Das Handtuch hatte er abgelegt. Eine Hand lag auf seinem Bauch, die andere bedeckte sein Glied, als ob er es schützen wollte. Ich dachte an die Zigarette. – Ja, er beschützt sein Glied.
Es war Freitag. Ich erwachte und hatte Durst. Die Uhr zeigte 6.17 Uhr. Leise ging ich in die Küche, um Wasser zu trinken. Raju war wach. Er saß mit überkreuzten Beinen auf der Matratze, das Handtuch um die Lenden geschlungen. „Guten Morgen, Raju. Du bist schon wach?“ „Ja, seit fünf Uhr.“ „So lange schon? Konntest du nicht mehr schlafen?“ „Ich habe sehr gut geschlafen, Jenny.“ Ich schüttelte verwundert den Kopf. An meinen freien Tagen schlief ich oft bis in die Mittagszeit hinein.
„Möchtest du Tee trinken?“ „Darf ich den Tee kochen, Jenny? Ich möchte auch etwas für dich tun.“ „Ich bevorzuge Kaffee in der Früh.“ Er bereitete alles zu und wir saßen am Küchentisch und tranken, er Tee, ich Kaffee.
„Ich wechsle dir zuerst den Verband. Danach frühstücken wir, einverstanden?“ Er nickte. Nachdem ich meine Arzthandschuhe übergestreift hatte, entfernte ich alle Verbände. Nackt stand er vor mir. Sein Rücken war durchzogen von dunklen Linien, kreuz und quer bildeten sie ein makaberes Bild. Es erinnerte mich an abstrakte Kunst. Am schlimmsten war die rechte Schulter betroffen. Ein langer tiefer Riss verlief vom Nacken schräg über sein Schulterblatt hinab bis zu den unteren Rippen. Drei weitere Risse waren ebenso tief, jedoch etwas kürzer. Zum Glück waren die Blutungen gestoppt. Mit einer sterilen Lösung entfernte ich so gut als möglich das getrocknete Blut. Raju stöhnte. „Es sieht schon viel besser aus“, log ich. Auch die Wunde am Gesäß blutete nicht mehr, nur aus dem After tropfte ein wenig Blut. „Raju, bitte beuge dich etwas mehr nach vorne. Ich werde dein Popoloch untersuchen.“ Vorsichtig schob ich einen Finger in seinen After und tastete ihn ab. Ich fühlte Hämorrhoiden. Raju schrie laut auf: „Bitte nicht, Madam, bitte nein …!“ Ich wusste, er war in diesem Augenblick in dem Haus, in dem verfluchten Haus, bei dieser verfluchten Frau. „Raju, es ist vorbei. Ich bin es, Jenny! Raju, Raju, ich bin es. Sieh mich an, Raju!“ Er zitterte und schluchzte und schrie. Ich drehte ihn zu mir um und hob sein Kinn. „Raju, sieh mich an, sieh mich an!“ Blankes Entsetzen und Irrsinn standen in seinen Augen. „Raju, ich bin es, Jenny. Es ist vorbei, es ist alles gut.“ Langsam erkannte er mich. „Du hast Hämorrhoiden, das ist nicht so schlimm. Ich weiß, es tut sehr weh, aber das kann man operieren lassen.“ Er verstand kein Wort, aber er beruhigte sich etwas. „Jenny? Jenny, warum hast du mir wehgetan?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich an. „Ich wollte dir nicht wehtun. Bitte glaube mir, Raju. Ich habe nur dein Popoloch untersucht. Das hat wehgetan, jedoch ich wollte dir nicht wehtun. Ich würde dir nie wehtun! Verstehst du, Raju?“ Er nickte und senkte seinen Blick. Ich ahnte, dass er mir nicht vertraute, noch nicht … Raju ist ein gebrochener Mann!
„Ich werde jetzt alle offenen Wunden versorgen, ja?“ Sein Kopf war gesenkt, die Haare hingen ihm ins Gesicht, er nickte nur. Ich zeigte ihm eine Tube. „Schau, Raju, das ist eine Heilsalbe. Diese werde ich dir jetzt am Rücken und Po auftragen, darf ich?“ Kopfnicken. Still ließ er die Prozedur über sich ergehen. „Stell dich bitte zum Waschbecken.“ Ich wechselte die Gummihandschuhe und begann seinen Rücken einzucremen. Er stöhnte. „Ich bin ganz vorsichtig, Raju. Es dauert nicht lange.“ Ein leichtes Zittern erfasste seinen Körper. Erneut stöhnte er. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so wehtat. Ich cremte ja nur seine Narben und keine offenen Wunden ein. „Tut es denn so weh?“ „Nein, Jenny, es tut nicht weh. Du streichelst so gut, es tut so gut.“ Ich lachte. „Raju, ich streichle nicht, ich trage eine Heilsalbe auf.“ „Du streichelst die Heilsalbe sehr gut auf.“ Er keuchte und ich wusste, es war kein Schmerz. Er stöhnte vor Lust. Ich sah nach unten. Oh Gott, er hatte schon wieder einen Steifen. Ich trat etwas zurück. „Bitte, Jenny, streichle weiter auf, auch den Popo, bitte, Jenny.“ Ich dachte, was soll’s. Sex hilft auch, Stress abzubauen und er hatte davon wahrlich genug. Sein Körper bebte. „Du streichelst wunderbar, bitte streichle lange, Jenny.“
– Was tue ich da nur? Ich sollte sofort aufhören. Das ist nicht normal, Jenny. Hör auf! Er ist ein Patient, behandle ihn wie einen Patienten! Mach die normale Pflege und aus! –
Und doch … ich genoss es und spürte ein Kribbeln in mir. Meine Vagina wurde feucht.
Er erschauderte. „Sie hat mich nie gestreichelt, nie hat sie mich gestreichelt. Sie hat mich nie angefasst.“ Ganz stark zitterte er und fing zu weinen an. „Nie hat sie mich gestreichelt …“ Und dann erbrach er ins Waschbecken. Ich öffnete den Wasserhahn und spülte das Erbrochene fort. „Sorry. Sorry“, weinte er. Hektisch und zitternd wischten seine Hände im Becken herum, er erbrach nochmals. „Tut mir leid, Jenny. Sorry!“ „Beruhige dich, Raju. Es ist nichts passiert, es macht nichts. Komm, setz dich, es ist nichts Schlimmes. Ich verstehe dich, Raju. Es ist nicht deine Schuld. Bitte hör auf zu weinen, es wird alles gut, weine nicht, Raju.“ Er wusch sich Gesicht und Hände und spülte seinen Mund. Mit wackeligen Knien setzte er sich auf den Badewannenrand. „Sieh mich an, Raju. Es ist nicht deine Schuld.“ Mit tränenüberströmtem Gesicht blickte er mich an. „Ich wollte das nicht, Jenny. Ich wollte nicht dein Waschbecken schmutzig machen – und das Essen, das gute Essen, ich habe es ausgekotzt. Mein Gott, ich habe dein Essen nicht mehr“, und er griff sich an den Bauch. „Du hast mich gestreichelt, so sanft. Und ich? Ich mache alles schmutzig!“ Ich reichte ihm eine Küchenrolle. „Trockne deine Tränen!“
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. – Reiß dich zusammen, Jenny! So geht das nicht! Bewahre Distanz, Jenny! Warum habe ich ihn überhaupt zu mir nach Hause genommen? Ich muss verrückt sein. Handle logisch, denke nach, handle logisch!
Ich stand in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Raju kam, das Handtuch um die Hüften gewickelt. „Kann ich dir helfen, Jenny?“ „Nein, lass mich einfach in Ruhe!“ „Es tut mir so leid, Jenny.“ „Ich habe gesagt, lass mich in Ruhe!“ Er zuckte zusammen, setzte sich auf die Matratze und hielt den Kopf gesenkt.
Ich muss einen vernünftigen Plan fassen. Ich werde heute Tanja anrufen, ich brauche seelischen Beistand.
Normalerweise nahm ich meine Mahlzeiten im Bett ein, meistens vor dem Fernseher. Ich beschloss, dies ab sofort wieder zu tun. Soll er doch alleine in der Küche essen, mir egal. Soll er doch froh sein, dass er überhaupt etwas bekommt. Und seine ständige Heulerei. Weichei, dachte ich wütend. Augenblicklich hatte ich Lust auf ein weiches Ei. Ich schmunzelte … Weichei! Während die Eier kochten, legte ich ein Tischtuch auf mein Bett, ich nannte es Esstuch. Raju saß immer noch in gleicher Körperhaltung auf der Matratze. Ganz schwer wurde es mir ums Herz. Ich schämte mich. „Raju?“ Er hielt den Kopf gesenkt und fragte leise: „Ja?“ „Komm, Raju, lass uns frühstücken.“ Er wollte sich auf den Küchenstuhl setzen, ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Zimmer. „Heute essen wir hier“, und deutete auf mein Bett. Unglaublich sah er mich an, er fand keine Worte. „Setze dich bitte, Raju. Ich bringe das Frühstück.“ Er aß drei weichgekochte Eier und vier belegte Brote mit Aufstrich, Lachs, Schafkäse und eine Handvoll Nüsse und Mandeln. Dazu trank er drei Tassen Kräutertee mit Honig. Ganz langsam und bedächtig aß er. Zwischendurch blickte er mich immer wieder an oder streichelte seinen Bauch. In seinen Augen standen Freude, Dankbarkeit, Wärme und … Nun wusste ich dieses andere Gefühl zu deuten: Liebe! Aus seinen großen dunkelbraunen Augen strahlte Liebe. Tiefe, innige Liebe und ich wusste, sie galt mir.
Meine Güte, er hatte sich in mich verliebt! Das wird ja immer schlimmer! Bleib sachlich, Jenny. Bleib vernünftig!
„Raju, ich muss dann weggehen.“ „Du gehst weg?“ Abermals stand Furcht in seinen Augen. „Ich muss zu meinem Hausarzt und mich krankschreiben lassen.“ „Du bist krank? Was fehlt dir denn, Jenny?“ „Mir fehlt gar nichts, ich hätte morgen wieder Dienst, aber ich kann dich doch nicht alleine lassen. Es gibt so viel zu erledigen, deshalb nehme ich mir ein paar Tage frei und beantrage Krankenstand. Verstehst du?“ Er nickte. „Außerdem muss ich in die Apotheke und Lebensmittel einkaufen. Kann ich dich solange alleine lassen?“ Er bejahte. Zusammen räumten wir ab, er bestand darauf, das Geschirr zu waschen. Ich machte mich ausgehfertig. „Raju, ich gehe jetzt. Du kannst dich ausruhen oder was immer du willst“, und ich dachte an seinen Penis und an seine Erektionen.
Raju
Jenny ging und zog die Tür hinter sich zu. Kein Schlüssel drehte sich im Schloss. Sie hatte vergessen zuzusperren. Ich rannte zur Tür, öffnete sie. Gott sei Dank, sie war noch da und stand vor dem Aufzug. „Jenny, du hast vergessen zuzusperren.“ „Warum soll ich zusperren? Du bist ja da. Du wirst schon auf die Wohnung aufpassen und von außen kann eh keiner rein.“ Sie deutete auf den Türknopf, lächelte mich an und stieg in den Lift. Sie hat mich nicht eingesperrt. Was für eine Frau, was für eine wundervolle Frau! Ich durchquerte die ganze Wohnung und schaute mir alles noch einmal genau an. Ich fand keine Peitsche und keinen Stock. Nur einige Regenschirme standen im Vorzimmer. Zum Schluss stand ich vor ihrem Bett und strich mit der Hand über jene Bettseite, auf der sie saß und schlief. Es duftete nach Jenny. Tief sog ich ihren Duft in mich ein. Mein Penis stand auf, die warme Sonne kam in mich hinein. Ich dachte daran, wie sie mich gestreichelt hatte. Sie hatte mir mit ihren weichen Händen Salbe aufgestreichelt. Wie gut sie das konnte.
Im Bad stand ich vor dem Waschbecken und blickte in den Spiegel. Tiefe Schatten lagen unter meinen Augen. Doch die Augen selbst, sie sahen glücklich aus. Die Leere war nicht zurückgekommen. Ich streichelte meine Hoden und berührte mein Glied und dachte an Jennys Hände. Langsam streichelte ich meine Hoden und meinen Penis und schloss die Augen. Meine Eichel war feucht, ich strich über den Ring. Die Sonne wurde immer wärmer, sie strömte in Schüben durch meinen Körper. Es waren Jennys Hände, nicht meine. Es waren ihre Hände, die mich streichelten. „Bitte streichle lange, Jenny“, flüsterte ich. Sie streichelte so gut, sanft drückte sie meinen harten Penis. Ihre Finger liebkosten die Eichel und den Ring. Nun massierte sie. Die Sonne war heiß. Immer schneller und fester massierte sie. Oh, Jenny! Mein Saft spritzte in ihre Hände, sie lächelte.
Nach einer Weile öffnete ich die Augen. Zähflüssiger weißer Saft klebte in meiner Hand. Ich wusch und trocknete mich und wartete, bis mein Penis schlief. „Und es waren doch ihre Hände“, sagte ich liebevoll zu ihm.
Jenny
Ich hatte Glück und musste beim Arzt nicht lange warten, erhielt die Krankenbestätigung und ein Rezept für Schmerztabletten sowie für Beruhigungsmedikamente und Vitaminpräparate. Auf dem Weg zur Apotheke fiel mir ein, dass Raju ja nichts zum Anziehen hatte. So besuchte ich das Einkaufszentrum. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die gerne shoppen gehen. Ich kaufe Kleidung nur, wenn ich unbedingt ein neues Stück brauche. Doch jetzt fiel ich in einen wahren Kaufrausch. Ich stellte mir vor, wie sehr er sich freuen würde, und mein Herz pochte wild. An der Kasse erschrak ich doch ein wenig und bekam ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken an mein Bankkonto. Ach egal! Mit zwei prall gefüllten Taschen verließ ich das Geschäft. Ich besorgte die nötigen Dinge aus der Apotheke und begab mich auf den Weg nach Hause. In den Supermarkt würde ich später gehen, mehr konnte ich wirklich nicht schleppen.
Leise öffnete ich die Wohnungstür, vielleicht schlief er ja. Aus meinem Zimmer hörte ich ihn reden. Ich stellte die Taschen ab. Im Türrahmen blieb ich überrascht stehen. Raju kniete an meiner Bettseite auf dem Parkettboden, er hatte die Hände gefaltet. Er betete. Er betete in seiner Heimatsprache. Ganz anders klang seine Stimme. Kraftvoll und flüssig kamen die Worte aus seinem Mund. Schön klangen die fremden Worte. Mehrmals vernahm ich meinen Namen – Jenny. Bis jetzt hatte ich ihn nur kurze verschüchterte Sätze in meiner Sprache sprechen hören, die er nicht ganz beherrschte. Wie verzaubert stand ich da und sah ihn an. Mit seinem um das Becken geschlungenen Handtuch, den Rücken vollgepflastert, betete er. Dreimal berührte er mit seiner Stirn den Boden. Ich schlich mich langsam zurück.
Im Vorzimmer rief ich: „Raju, ich bin wieder da!“ Er kam mir entgegen. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, und deutete auf die Taschen. „Was ist das, Jenny?“ „Etwas Gewand, komm hilf mir!“ Ich öffnete den großen Kleiderschrank im Vorzimmer. „Ich werde dir ein Abteil für die Kleidung überlassen, welche ich dir besorgt habe. Du kannst ja nicht andauernd nur mit einem Handtuch um die Hüften herumlaufen.“ So räumten wir gemeinsam den Schrank aus. Die Kleiderbügel ließ ich hängen. Ich sollte sowieso mal ausmisten. „Bring die Taschen in mein Zimmer, Raju. Ich muss noch einmal weg, in den Supermarkt.“ Ich wollte auch endlich Tanja anrufen. „Einstweilen kannst du die Sachen auspacken und in den Kleiderschrank räumen. Schneide die Etiketten heraus, sie kratzen sonst deine Haut.“ Verdattert stand er da. Ich ließ ihn stehen, nahm meinen Einkaufswagen und ging.
Raju
Jenny ging, wieder verschloss sie die Eingangstür nicht. Ich begann die Taschen auszupacken und legte die Sachen auf ihr Bett. Fünf T-Shirts, zwei kurzärmelige Hemden, zwei langärmelige Hemden, zwei knielange Sommerhosen, eine schwarze und eine hellblaue Jeanshose, ein schwarzer Ledergürtel, fünf enge Unterhosen, fünf weite Unterhosen, fünf Paar Socken, ein Jogginganzug, ein leichter Wollpullover, eine Regenjacke, sowie ein Paar Sandalen und ein Paar Sportschuhe.
Jenny
Was soll ich heute kochen?, überlegte ich. Er braucht was leicht Verdauliches, wegen seiner Hämorrhoiden. Ich dachte an Spinat. In der Nähe gibt es ein indisches Lebensmittelgeschäft, in dem ich öfter einkaufe. So ging ich dort hin. Der Inder packte mir alles ein, was er für notwendig hielt, nachdem ich ihm die Sachlage erklärt hatte. Im Supermarkt kaufte ich das Restliche. Mein Einkaufswagen war voll.
Auf dem Weg nach Hause nahm ich einen Umweg durch einen nahegelegenen Park. Ich setzte mich auf eine Bank, rauchte eine Zigarette und rief Tanja an. „Hallo Tanja, ich bin es, Jenny.“ Ich erzählte ihr die ganze Geschichte. Ich hörte sie durchs Telefon schnaufen: „Bist du verrückt? Warum hast du nicht die Polizei gerufen und die Rettung? Die hätten ihn befreien sollen und ins Spital schicken können. Oder besser in eine psychiatrische Klinik.“ „Er gehört doch nicht in eine Klapsmühle!“ „Natürlich gehört er dorthin. So wie du ihn beschreibst, ist er ja nicht ganz dicht im Kopf. Außerdem hätte die Polizei gleich diese Frau verhaften können. Mensch, Jenny, warum hast du das getan?“ Ja, warum hatte ich das getan? Ich wusste darauf keine Antwort. „Jenny, ich komme nach Dienstschluss vorbei!“ „Nein, Tanja, bitte heute nicht. Er ist gestresst genug.“ „Ich will seine Wunden sehen. Hoffentlich hast du sie richtig versorgt! Was ist, wenn er eine Blutvergiftung bekommt!? Mensch, Jenny, dir kann eine Anzeige und sicherlich eine Strafe, vielleicht sogar eine Gefängnisstrafe drohen!“ „Wieso das denn?“ „Wieso? Entführung, Unterlassung ärztlicher Hilfe …“ „Tanja, ich bin eine erfahrene Krankenschwester, wie du ja sicher weißt. Außerdem habe ich ihn nicht entführt, sondern ihm zur Flucht verholfen. Verdrehe mir bitte nicht die Worte im Mund!“ „Schick ihn ins Krankenhaus, bitte, Jenny.“ „Er ist psychisch sehr belastet und nervlich am Ende. Im Krankenhaus, all die fremden Menschen, das würde er nicht verkraften.“ „Ich glaube, ihr gehört beide in die Klapsmühle, dort könnt ihr euch ja Händchen halten.“ „Tanja, bitte!“ „Ist ja wahr! Pass auf, ich rufe dich gleich zurück“, und sie legte auf. Ich dachte über ihre Worte nach. Eigentlich hatte sie recht. Es war nicht richtig, was ich tat und es war verantwortungslos. Trotzdem, ein Gefühl in mir sagte: Es ist richtig! Nach einigen Minuten klingelte das Handy. „Ich bin es wieder. Hör zu, ich habe morgen meine ersten beiden Frühdienste abgegeben. Um 7.30 Uhr bin ich bei dir. Keine Widerrede! Wenn du nicht öffnest, hole ich die Polizei!“ Widerwillig sagte ich zu. Ich kannte meine resolute Freundin. „Ruf mich am Abend an!“ Wir vereinbarten eine Uhrzeit. „Wenn du nicht anrufst, komme ich mit den Bullen!“
Zu Hause angekommen, fand ich Raju vor meinem Bett mit überkreuzten Beinen am Boden sitzend vor. „Was machst du da, Raju?“ Er deutete auf die Kleidungsstücke. „Ich kann sie nicht anziehen, Jenny.“ „Wieso denn nicht?“ „Sie sind alle neu und sicher sehr teuer.“ „Mach dir über den Preis keine Sorgen. Ich schenke sie dir, ich schenke sie dir sehr gerne, Raju.“ „Ich kann sie nicht anziehen, weil, weil …“ Er fing zu weinen an. Mein Gott, was für eine Heulsuse, dachte ich wütend. Ich ließ ihn sitzen, ging aufs WC und rauchte. Nach dem Gespräch mit Tanja war mein Nervenkostüm angekratzt genug. Als ich mich etwas beruhigt hatte, ging ich zurück zu ihm. Er saß auf dem Boden, den Kopf gesenkt. Wenigstens hatte er zu heulen aufgehört. „Jetzt sag mir bitte, warum du die Sachen nicht tragen willst. Sie sind ein Geschenk und es ist unhöflich, ein Geschenk abzulehnen.“ „Ich bin zu hässlich, Jenny.“ „Zu hässlich? Du bist doch nicht hässlich!“ „Ich bin schmutzig, Jenny“, und er deutete auf seinen Rücken. „Raju“, ich nahm seine Hände, „Raju, du bist nicht hässlich. Du bist sauber. Es sind Wunden und kein Schmutz und das ist auch nicht deine Schuld! Bitte sieh mich an.“ Ängstlich und verstört schaute er mich an. Was für ein gebrochener Mann. Ohne Selbstbewusstsein. Freundlich lächelte ich ihm zu. „Komm, Raju, steh jetzt auf und schneide die Etiketten heraus. Probiere doch ein paar Sachen.“
Ich räumte den Einkaufswagen leer und breitete alles auf dem Küchentisch aus. Danach verstaute ich die Arzneimittel.
Auf dem Bett lagen die Kleidungsstücke fein säuberlich zusammengelegt. Raju strich über die schwarze Jeans. „Zieh sie doch an, bitte.“ Vorsichtig schlüpfte er in die Jeans. Sie war etwas zu weit. Ich reichte ihm den Gürtel. „Normalerweise gehört auch eine Unterhose darunter“, schmunzelte ich. Er schnallte sich den Gürtel um. „Sehr fesch, Raju. Du schaust wirklich gut aus. Fehlt nur noch ein Oberteil.“ Er brauchte eine Ewigkeit, bis seine Wahl auf ein kurzärmeliges kariertes Leinenhemd fiel. Sorgsam steckte er sich das Hemd in die Hose. Fragend sah er mich an. „Komm, Raju.“ Ich ging mit ihm zum Aufzug und betätigte den Knopf. Im Lift gab es einen großen Spiegel, ich hatte nur einen kleinen und schmalen in der Wohnung. Die Aufzugtür öffnete sich. Raju trat erschrocken zurück. Vielleicht dachte er, ein Mann steht im Lift. Dann erkannte er den Spiegel und sein Abbild. Lange betrachtete er sich. Von vorne, von den Seiten und soweit es ging von hinten. Dann lächelte er. Mein Herz tat einen Sprung. Das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah. „Raju, du lächelst. Du lächelst!“ Er berührte seine Lippen und lächelte. Er drehte sich zu mir um, lächelte mich an und seine Augen leuchteten vor Freude, obwohl auch Tränen in ihnen standen. Zurück in der Wohnung nahm er meine Hände und drückte sie sanft. „Jenny, jetzt hast du mir auch mein Lächeln zurückgegeben.“
„Es gibt noch zwei Überraschungen für dich.“ Ich ging ins Badezimmer: „Das ist eine Körperlotion, weil du eine sehr trockene Haut hast. Damit cremst du dir deinen Körper ein, ja? Hier, Gesichtscreme und Shampoo und eine Haarpackung und hier …“ Ich plapperte und plapperte und freute mich so sehr, dass er sein Lächeln wiedergefunden hatte. „Aber, du schaust ja gar nicht“, und zeigte auf die Pflegeprodukte. „Doch, Jenny, ich schaue. Ich schaue dich an“, und Dankbarkeit, Wärme und Liebe strahlten aus seinen Augen.
„Komm in die Küche, Raju. Hilf mir die Lebensmittel einzuräumen.“ Sein Blick fiel auf den Reis. „Jenny, das ist Basmati-Reis. Du hast Basmati-Reis gekauft? Saak, das ist Saak.“ Er zeigte auf die Senfblätter, den indischen Spinat. „Chili, Ingwer, Koriander, Hülsenfrüchte, roter Paprika …“ Er zählte alle Lebensmittel in seiner Sprache auf. Es war schön, der exotischen Sprache und seiner Stimme zuzuhören. Gemeinsam verstauten wir alles und auch die Sachen aus dem Supermarkt. „So viel gutes Essen hast du gekauft, Jenny. So viel Geld hast du ausgegeben.“ Abermals nahm er meine Hände in die seinen. „Es wird der Tag kommen, an dem ich dir alles zurückgeben kann, was du für mich getan hast“, sagte er mit ernstem Blick.
Mittlerweile war es früher Nachmittag geworden. „Raju, räume deinen Kleiderkasten ein. Dann ruhe dich aus. Du bist schon seit fünf Uhr munter.“ „Ich bin nicht müde, Jenny.“
Ich zog mich um, Leggins und T-Shirt. „Schau, Jenny.“ Raju stand vor dem Kleiderschrank. Er hatte sich wieder ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Ordentlich sortiert lagen die Sachen im Schrank. „Möchtest du nicht eine kurze Hose oder den Jogginganzug anziehen?“ Kopfschütteln. „Zu Hause nicht.“ Zu Hause! Er hatte zu Hause gesagt. Mein Herz war tief berührt. Seit gestern war er hier und nannte es schon „zu Hause“. Ich betrachtete ihn. Seine breiten Schultern, seine breiten Hände mit den langen schlanken Fingern. Ich dachte an sein Glied, welches auch groß und stark war, ich dachte an seine prallen Hoden. Im Gegensatz dazu die hervorstehenden Rippen, die viel zu dünnen Arme und Beine. Er hatte keine Waden, seine Beine erinnerten mich an Holzpfähle. Es passte irgendwie nicht zusammen. Die ganze Erscheinung wirkte skurril. Seine Haare – strähnig, verfilzt, glanzlos und schlecht geschnitten. Seine Augen, unter denen tiefe Schatten lagen. Ständig wechselten sie. Die ganze Palette an Gefühlen spiegelte sich in ihnen. Man konnte in seinen Augen lesen wie in einem offenen Buch.
„Raju, bist du müde?“ „Nein, Jenny. Ich sagte doch, ich bin nicht müde.“ „Du könntest dir die Haare waschen.“ „Mit dem Haarshampoo?“ „Natürlich mit dem Shampoo.“ „Und mit warmen Wasser?“ Ich verstand nicht. „Wie wäscht du dir denn sonst die Haare?“ „Mit Seife und kaltem Wasser.“ „Mit kaltem Wasser?“ Beschämt senkte er den Blick. „Ich hatte kein warmes Wasser im Keller.“ Ich war sprachlos.
Ich stellte einen Küchenstuhl ins Bad vor das Waschbecken und drückte ihm das Shampoo in die Hand. „Jenny? Kannst du mir die Haare waschen?“ „Raju, das kannst du doch alleine.“ Sehnsüchtig schaute er auf meine Hände. „Bitte, nur das eine Mal. Nächstes Mal mache ich es selber.“ Der Mann sehnte sich nach Berührung wie ein Baby nach der Mutterbrust. Es war so traurig. Wenn ich ihm die Haare wasche, bekommt er möglicherweise wieder einen Ständer, überlegte ich. Doch mein Mitgefühl siegte. „Na gut, Raju, aber nur das eine Mal.“ „Vielen Dank, Jenny.“ So wusch ich ihm die Haare. „Schön ist das, Jenny. Es riecht so gut und das Wasser ist so warm. Du streichelst so schön, Jenny.“ „Ich streichle nicht, ich wasche dir die Haare.“ Er fing lustvoll zu stöhnen an. „Raju, höre auf damit, hör auf zu stöhnen.“ Ich blickte nach unten. Natürlich hatte er wieder einen Steifen, es war zum Verzweifeln. Hart presste er sein Glied unter den Waschbeckenrand. Ich spülte das Shampoo aus. „Bitte noch einmal Shampoo, bitte, Jenny.“ Ich massierte ein zweites Mal Shampoo in sein Haar. Lustvoll stöhnte er. „Sei still, oder ich höre auf!“ Sofort unterdrückte er sein Stöhnen. Beim Ausspülen konnte er sich nicht mehr beherrschen. Mit einem lauten „Uuuuh“ entleerte er sich. Erschrocken sprang er auf und wich zurück.
Ich streckte ihm ein Handtuch entgegen. Er bedeckte sofort seine Genitalien, sein Glied war noch steif. Mit Küchenkrepp wischte ich sein Sperma vom Fliesenboden. „Jenny, nein – was tust du da? Jenny, nein!“ Entgeistert starrte er mich und den Boden an. „Siehst du, schon sauber.“ Er zitterte, sein Penis erschlaffte. „Setz dich. Was hat dich denn diesmal so aus der Fassung gebracht?“ Ich schaute ihn an und erschrak. Seine Augen hatten den leeren Ausdruck angenommen. „Du hast meine ekelige, stinkende Soße gesehen.“
„Da, nimm“, und ich reichte ihm eine Beruhigungstablette mit Wasser. Endlich wirkte das Medikament. Er hielt den Kopf gesenkt. „Raju, warum sagst du so etwas?“ „Was meinst du?“ „Das ist deine Samenflüssigkeit, dein Sperma, das ist doch nicht ekelig und ich bin mir sicher, dass es auch nicht stinkt. Also ich habe nichts gerochen.“ Er hob den Kopf und sah mich verwundert an. „Nein?“ „Nein.“ „Dich hat es nicht gegraust?“ „Nein, mich hat es nicht gegraust.“ „Sie nannte es immer so. Stinkende, ekelige Soße.“ „Raju, denk nicht an sie. Sie ist böse, eine Teufelin“, und ich schätzte, dass er Sex mit ihr gehabt hatte. Aber wie, wenn sie ihn angeblich nie gestreichelt oder angefasst hat?
„Raju, du schaust erschöpft aus. Seit dem Frühstück hast du nichts gegessen. Wollen wir eine Kleinigkeit essen und dann schläfst du ein wenig?“ „Jenny, darf ich heute kochen? Ich möchte doch auch etwas für dich tun, bitte. Ich bin auch nicht müde.“ „Doch, du bist müde. Wieso willst du nicht schlafen?“ Sein Blick schweifte ins Leere. Ich verstand, er hatte Angst vor Albträumen.
„Jenny, darf ich die Körperlotion benutzen?“ „Ja. Du musst nicht immer fragen, aber du cremst dich selbst ein. Ich fasse dich heute bestimmt nicht mehr an“, und warf ihm einen grimmigen Blick zu. Er zuckte zusammen, doch dann sah er mein Lächeln und er wusste, ich meinte es nicht böse. Glücklich lächelte er zurück. „Was soll ich kochen, Jenny?“ „Ich lasse mich überraschen.“ „Gut, ich weiß auch schon was. Darf ich ein Glas Whisky haben?“ Er hatte soeben eine Tablette geschluckt, doch sein Körper und seine Psyche waren so durcheinander, da kam es auf eine weitere Mischung auch nicht mehr an. Wir saßen in der Küche und tranken Whisky. Raju wirkte entspannt und zufrieden.
Beim Rauchen am WC dachte ich nach. Ich kenne ihn eineinhalb Tage und mein Leben ist ein anderes geworden. Wie wird das alles weitergehen, wie wird das enden? „Zu Hause“ nennt er meine Wohnung. Ich weiß, er hat sich in mich verliebt. Ich kann ihn doch nicht als Mitbewohner auf einer Matratze schlafend bei mir aufnehmen. – Habe ich das nicht schon längst? Ich dachte an den Kleiderschrank, in dem nun seine Sachen liegen, die ich ihm gekauft habe. Verrückt, ich bin verrückt! Wenn ich ihn rauswerfe, wird es ihm das Herz brechen? Er könnte doch versuchen, alte Kontakte aufzunehmen. Es muss doch Menschen geben, die ihn kennen. Vielleicht hat er Familie? Ich weiß nichts über ihn, gar nichts. Außer, dass er ein gebrochener, geschundener Mann ohne Selbstbewusstsein und voll Angst ist. Und ich spüre – nein, ich weiß, dass er ein sehr höflicher, respektvoller, warmherziger, sensibler Mann ist. Ich war müde und erschöpft und wollte schlafen gehen. Zuvor schaute ich ins Bad, ob es ihm wohl gut ging.
Raju hatte ein Bein auf den Badewannenrand gestellt und massierte die Körperlotion ein. Er hatte schon wieder einen Steifen, es war unglaublich! Ich werde ihn „Dauerständer-Mann“ nennen. Ganz langsam, mit höchster Konzentration trug er die Lotion auf. Sanft streichelte er die Innenseiten seiner Oberschenkel. Er stöhnte leise und voll Lust. Und das bei offener Badezimmertür! Ich wollte mich sofort umdrehen und gehen, doch ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Immer wieder nahm er reichlich Lotion und massierte sich ein. Streicheln, wie er es nannte. Er wühlte zärtlich in seinen Brusthaaren, als wären es die Haare einer Frau. Wellen begannen durch meinen Körper zu schlagen. Mir wurde ganz heiß. Mit reichlich Lotion massierte er ganz sachte seine Hoden. Er strich über sein großes steifes Glied, ganz langsam, auf und ab. Mit den Fingern fuhr er mehrmals um seinen Ring, dann streichelte er seine Eichel. Wieder und wieder begann er bei den Hoden bis zur Eichel. Die ganze Zeit sah er sich dabei zu, er hatte die Augen nicht geschlossen. Sein Stöhnen wurde schneller. Mit einer Hand drückte er sanft seine Hoden, die andere drückte und rieb sein Glied. Auf und ab, auf und ab, immer fester und schneller massierte und drückte er. Auf und ab. Mit einem genussvollen Seufzer floss der Saft in seine Hand. Ich drehte mich um und schlich mich leise auf das WC. Während ich rauchte, sah ich die ganze Szene noch einmal vor mir. Wenn er eine Frau so behandelt wie seinen eigenen Körper, dann muss das eine sehr, sehr glückliche Frau sein …
Ich brauchte jetzt einen Drink. Raju kam mit umbundenem Handtuch in die Küche. Ich schielte auf seine Lenden. Alles wieder im Normalzustand, sah ich erleichtert. „Na, alles in Ordnung?“, fragte ich etwas spöttisch. „Deine Körperlotion duftet wunderbar und die Haut wird glatt. Riech mal, Jenny“, und er hielt mir seinen Unterarm vor das Gesicht.
Wir saßen am Küchentisch und tranken Whisky. „Du siehst müde aus, Jenny. Möchtest du dich nicht etwas ausruhen?“ Da saß er mir gegenüber, mit schwarzen Augenringen, unterernährt, mit Narben und Wunden übersät, gestern noch halb tot – und er möchte, dass ich mich ausruhe?! Seine warmen dunkelbraunen Augen blickten mich zärtlich an. „Raju, darf ich dich etwas fragen?“ Kopfnicken. „Hast du dich eventuell in mich verliebt?“ Er errötete, doch er wandte seinen Blick nicht ab. „Nein, Jenny.“ „Gott sei Dank!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. „Das darfst du nämlich nicht, Raju. Wir kennen uns doch kaum.“ „Ich habe mich nicht in dich verliebt. Es ist mehr – ich liebe dich, Jenny.“ Es war zu viel für mich, ich stand auf und ging ins Bett.
Ich erwachte durch ein Klingeln. Es war 19.34 Uhr. Mein Handy läutete. Tanja! Ich hatte Tanja vergessen. Schnell hob ich ab. „Na endlich“, schnaubte sie ins Telefon. „Wir hatten 19.30 Uhr vereinbart!“ „Entschuldige, ich habe geschlafen.“ „Was macht er?“ „Wer macht was?“ „Na, der Psychopath.“ „Tanja, es ist alles in Ordnung. Wir sehen uns morgen.“ „Um 7.30 Uhr stehe ich bei dir auf der Matte!“
Ich war schlecht gelaunt. Die Nachrichten im Fernsehen würde ich wahrscheinlich versäumen, welchen Film spielen sie heute? Gestern und heute wären meine freien Tage gewesen. Ich wollte sie im Schwimmbad verbringen. Alles ist durcheinander. Hunger habe ich auch. Was bin ich nur für eine blöde Kuh. Hole mir einen Idioten ins Haus und schaue ihm noch beim Wichsen zu. Ich brauche etwas zum Essen.
Raju lag rücklings auf der Matratze und hatte seine Arme im Nacken verschränkt. Seine Augen waren geöffnet. Ein köstlicher Duft stieg in meine Nase, er hatte gekocht. Ich sagte kein Wort und ging mit einem Glas Wasser aufs WC. Als ich zurückkam, saß er in seiner typischen Haltung aufrecht. „Jenny, ich verstehe dich.“ „Was verstehst du schon!“ „Ich mache dir nur Sorgen und Probleme. Du hättest das alles nicht tun müssen. Wenn du willst, gehe ich.“ „Wohin willst du gehen?“ Er zuckte mit den Schultern. „Du hast kein Geld und keine Papiere. Wo sind deine Dokumente?“ „Im Haus, denke ich.“ „Denke ich?“ „Sie hat sie mir abgenommen.“ „Wir reden später in Ruhe darüber. Jetzt habe ich Hunger. Was hast du gekocht, es riecht sehr gut.“ Flink stand er auf und öffnete die Deckel. Ich nahm Teller und stellte sie auf den Küchentisch. „Jenny, ich weiß nicht, ob du mich heute oder morgen fortschickst. Können wir noch einmal auf deinem Bett essen?“
So aßen wir köstlichen Spinat mit Reis und Joghurt. Wir saßen uns auf meinem Bett gegenüber. Es war ruhig und friedlich. Ich vermisste den Fernseher überhaupt nicht. Nachdem wir alles weggeräumt hatten, legte er sich auf die Matratze und ich mich ins Bett.
Ich konnte nicht einschlafen. Was er wohl macht? Schläft er? Warum denke ich andauernd an ihn? „Jenny, ich liebe dich“, hat er gesagt. So ein Blödsinn! Man kann keinen Menschen nach ein paar Stunden lieben. Das ist absurd. Das ist wie in diesen Kitsch-Romanen. Das ist keine Liebe. Er ist nur froh, dass er frei ist. Meine Pflege tut ihm gut. Das Essen, endlich warmes Essen. Noch dazu Speisen nach seinem Geschmack. Warmes Wasser, Haarshampoo, Körperlotion, neues Gewand. Da kann man leicht sagen: Ich liebe dich. Vielleicht nutzt er das einfach nur aus? Ich lasse mich nicht weichmachen von seiner Flennerei und von seinen schwülstigen Worten, von seinen Augen. Er ist sowieso nicht mein Typ. Ich mag keine dürren Weicheier!
Ich ging in die Küche. Er lag mit offenen Augen auf der Matratze. „Warum schläfst du nicht?“, fauchte ich ihn an. „Du sollst nicht auf dem Rücken liegen, denke an deine Verletzungen!“ Sofort drehte er sich in Seitenlage. „Tust du immer, was man dir sagt?“ Keine Antwort. „Wenn ich jetzt sage steh auf, dann stehst du auf?“ Er stand auf. Ich war sprachlos. Dann ging er zum Kühlschrank und nahm die Flasche Whisky. Er schenkte zwei Gläser ein. Halb Wasser, halb Whisky. Ich nahm eines davon und begab mich in mein Zimmer. Ich hörte im Bad das Wasser fließen. Was macht er jetzt schon wieder?
Plötzlich stand er vor meinem Bett, mit der Flasche Körperlotion. „Jenny, darf ich die Salbe auch auf dir aufstreicheln?“ „Das ist keine Salbe, das ist eine Lotion! Bist du verrückt? Was machst du hier? Lass mich endlich in Ruhe!“ Er ging. Wenig später kam er mit einem Badehandtuch und zwei kleineren Handtüchern wieder. Sein Blick war warm, voll Zärtlichkeit, Liebe und … Verlangen! Ich starrte ihn an und hatte plötzlich Angst. Der Typ ist vielleicht wirklich verrückt. Wo ist mein Handy? Er breitete das Badehandtuch auf meiner anderen Bettseite auf. „Ich werde dein Bett nicht schmutzig machen, Jenny. Ich möchte dich nur so streicheln, wie du mich gestreichelt hast.“ „Ich habe dich nicht gestreichelt, ich habe deine Wunden versorgt.“ „Doch, Jenny. Du hast die Heilsalbe aufgestreichelt. Du hast das Shampoo aufgestreichelt.“ „Raju, bist du normal? Du machst mir Angst, ich rufe die Rettung!“ „Ja, Jenny. Rufe die Rettung oder schick mich wieder zurück. Ich liebe dich. Ich möchte dich nur einmal streicheln.“ Ich war verwirrt. Ist er irre? Bin ich irre? „Ich brauche keine Lotion, meine Haut ist okay.“ Er stellte die Lotion auf die Seite. „Du bekommst sicher wieder einen Steifen, was dann?“ Er deutete auf die Handtücher. „Ich werde nichts dreckig machen, Jenny.“ Ich dachte an die Szene im Badezimmer, als er sich mit der Lotion eingecremt hatte. Mir wurde ganz heiß. „Geh ins Bett, Raju.“ Er setzte sich. „Nicht in mein Bett. Geh in die Küche.“ Er ging.
Kurz nach fünf Uhr morgens erwachte ich. Ich hörte ihn in der Küche sprechen und ging nachsehen. Er kniete auf seiner Matratze und betete. Als er fertig war, tat ich doch etwas Verrücktes. „Raju, wenn du willst, kannst du neben mir schlafen, ohne Berührung jedoch.“ Ein Leuchten erstrahlte in seinen Augen. „Danke, Jenny.“ Er legte sich neben mich auf das Badehandtuch. Er hatte vergessen, seine Decke mitzunehmen, so bot ich ihm meine an. Ich hatte eine Doppelbettdecke. Raju drehte sich mit dem Gesicht zu mir. Ich drehte mich um, mit dem Rücken zu ihm.
Es läutete an der Wohnungstür. 7.25 Uhr. Tanja! Das müsste Tanja sein, ich hatte verschlafen. „Raju, wach auf. Schnell, geh in die Küche. Das ist meine Freundin.“
„Guten Morgen, Tanja. Ich habe verschlafen.“ Raju saß auf dem Küchenstuhl, nur mit seinem Handtuch bedeckt. „Raju, das ist Tanja. Meine Freundin und Arbeitskollegin.“ Raju erhob sich, reichte Tanja seine Hand, begrüßte sie und stellte sich mit seinem vollen Namen vor. Dann setzte er sich und neigte den Kopf. „Raju, Tanja möchte sich deine Wunden ansehen.“ Entgeistert starrte er mich an. „Meine Wunden ansehen? Alle?“ Er griff sich ans Gesäß. „Wie gesagt, Raju, Tanja ist Krankenschwester. Ich möchte mich nur vergewissern, ob ich alles richtig gemacht habe.“ „Du hast alles richtig gemacht, Jenny! Du hast es so gut richtig gemacht. Bitte, ich will, dass nur du alle Wunden siehst“, und er bedeckte mit einer Hand seine Genitalien. „Seien Sie nicht so zimperlich! Im Krankenhaus werden Sie auch von verschiedenen Pflegepersonen behandelt“, meinte Tanja. „Krankenhaus?“ Raju blickte mich erschrocken an. „Nein, Raju. Beruhige dich. Tanja und ich machen nur gemeinsam den Verbandswechsel.“
Raju stand vor dem Waschbecken im Badezimmer. Vorsichtig entfernte ich alle Verbände. „Du meine Güte, so etwas habe ich noch nie gesehen!“ Tanja glotzte auf Rajus Rücken und Po. „Das am Arsch ist alles von Zigaretten? Und sein Rücken! Die muss ihn ja ordentlich ausgepeitscht haben. Wie den Jesus.“ Raju taumelte. „Sei still, Tanja. Du machst ihm Angst!“ „Und du behandelst ihn wie eine Porzellanpuppe.“ Ich entfernte die anderen Verbände. Das Pflaster am After war ein wenig blutig. „Er hat Hämorrhoiden, Tanja.“ „Woher weißt du das?“ „Ich habe ihn untersucht.“ „Du hast deine Finger in seinen Arsch gesteckt!?“ Raju zuckte zusammen und fing leise zu weinen an. Ich versorgte die Wunde am After. Seine Genitalien war Raju nicht bereit, Tanja zu zeigen.
Später in der Küche kochte ich Kaffee und Tee. Raju saß auf der Matratze, Tanja und ich am Küchentisch. Ich reichte Raju eine Tasse Tee. Tanja zündete sich eine Zigarette an. „Bitte, Madam, nein!“, und die Tasse fiel ihm aus der Hand. „Mach sofort die Zigarette aus!“, schnauzte ich Tanja an. „Was hat er denn?“ „Seine Wunden am Gesäß, Tanja – Zigaretten!“ „Die sind doch schon alle verheilt. Mein Gott, ist der empfindlich. Warum spricht er nicht, versteht er uns nicht?“ „Natürlich versteht er uns. Raju ist eben schüchtern und er hat Angst.“ „Schüchtern, Angst …“ Tanja blickte verächtlich. „Wenn du mich fragst, ich finde ihn einfach unhöflich. Er kann einem nicht mal in die Augen schauen. Jenny, der gehört in die Irrenanstalt“, und sie deutete sich auf die Stirn. Empört blickte ich sie an. „Du bist unhöflich, Tanja. Kannst du dich denn gar nicht einfühlen? Du redest über ihn, als sei er gar nicht anwesend.“ „Für mich ist er auch nicht anwesend. Da hättest du genauso gut ein Stofftier auf die Matratze setzten können. Aber ein schöneres.“ Sie erhob sich. „Ich erwarte deinen Anruf Punkt 19.30 Uhr!“ Dann verließ sie ohne Verabschiedung meine Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.
Ich reichte Raju eine neue Tasse Tee. Wortlos nahm er sie und trank. „Hast du Hunger, Raju?“ Kopfschütteln. „Sieh mich bitte an.“ Seine Augen wirkten nicht leer, trotzdem konnte ich keine Gefühle in ihnen erkennen. Ich nahm seine Hand, er ließ es zu. „Komm, Raju.“ Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken neben mir im Bett. Nach einer Weile tastete er nach meiner Hand und drückte sie sanft.
Um 10.44 Uhr erwachte ich. Raju hielt noch immer meine Hand. Vorsichtig löste ich sie. Er schlug die Augen auf. „Konntest du etwas schlafen, Raju?“ „Ja, danke.“ Ich begab mich ins Bad und machte mich frisch. Danach ging auch er ins Bad, machte sich frisch und sein Sussu. Ich richtete das Bett, nahm die Decke und das Badehandtuch weg und breitete die Essdecke aus. Raju stand im Vorzimmer. Ganz verloren stand er da und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. „Setze dich aufs Bett, auf mein Bett.“ Ich wärmte das restliche Essen von gestern auf und servierte. Wortlos aßen wir. „Ich räume weg, Jenny. Du hast serviert.“ Er wusch auch das Geschirr.
Nach einer Weile schaute ich nach, da es so still war. Wieder lag er auf der Matratze. Mit offenen Augen, auf dem Rücken, die Arme unter dem Nacken verschränkt. Ich nahm zwei Gläser Whisky. „Komm, Raju.“ Er folgte mir ins Zimmer. Ich deutete auf das Bett. Wortlos setzte er sich mit überkreuzten Beinen, ich mich ihm gegenüber. Wir tranken einige Schlucke. „Jenny, wie wird es weitergehen?“ „Was meinst du?“ „Schickst du mich fort? Muss ich in ein Krankenhaus? Ich will nicht mehr zu der Frau in das Haus.“ „Das musst du auch nicht, Raju. Kein Mensch kann dich dazu zwingen. Ich schicke dich auch nicht in ein Krankenhaus. Ich denke, das ist vorläufig nicht nötig. Montag ist Feiertag, aber am Dienstag gehst du mit mir zum Arzt. Dieser wird entscheiden. Wir brauchen eine Labor-Überweisung.“ Ein tiefer Seufzer voll Erleichterung drang aus seiner Brust. „Heute ist Samstag.“ Er zählte: „Samstag, Sonntag, Montag, drei Tage. Drei Tage darf ich wirklich hier bei dir bleiben?“, fragte er flehentlich. „Ja, Raju. Du kannst so lange hier bleiben wie notwendig.“
„Dann bleibe ich für immer, Jenny. Es wird immer notwendig sein.“
Ich lachte, doch er sah mich ernsthaft an. „Raju, wie bist du überhaupt in dieses Haus gekommen? Wie konnte sie dich einsperren? Erzähle mir alles, ich verstehe das nicht.“ „Sie hat mich geheiratet.“ „Was!? Du bist mit ihr verheiratet? Sie ist deine Ehefrau?“ „Nein!“ „Aber, wenn ihr verheiratet seid …“ Seine Augen verdunkelten sich. Wütend starrte er mich an. Ich erschrak und wich zurück. So viel Wut und Hass in seinen Augen! Diese Seite an ihm hätte ich nie vermutet. „Sie ist nicht meine Ehefrau! Sie ist nicht meine Frau!!“ Sein Blick schweifte ab, er schaute durch das Fenster. Ich verstand. Sie waren verheiratet, aber er hatte sie nie als seine Frau betrachtet. Dann erzählte er mir eine unglaubliche Geschichte:
Raju
„Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, als ich in dein Land kam. Illegal. Ich wohnte mit fünf anderen Indern in einer Zimmer-Küche-Wohnung. Das WC befand sich außerhalb der Wohnung, im Gang. Es war ein sehr heruntergekommenes Haus. Es wohnten nur Ausländer dort, so wie ich einer bin. Ich fand Arbeit an einem der vielen Marktständen. Dort verkauften wir T-Shirts, Tücher, Sonnenbrillen und allerlei Krimskrams. Mein Chef war auch ein Inder, aber nicht illegal. Er hatte gültige Dokumente. Ich verdiente Geld und mein Erspartes konnte ich in meine Heimat schicken. Es war eine gute Zeit. Ich hatte Freunde. Doch ich lebte in Angst. Es gab viele Kontrollen, man musste immer auf der Hut sein. Viele meiner Kollegen wurden erwischt und in ihre Heimat abgeschoben. Ich war fast drei Jahre hier und beherrschte die neue Sprache ziemlich gut. Eines Tages bemerkte ich eine Dame. Sie sah sich alle Stände an, ohne etwas zu kaufen. Das war nichts Außergewöhnliches, viele Passanten schlenderten so vorbei. Diese Dame kam jedoch täglich. Vielleicht eine Kontrolle, eine Polizistin von der Fremdenpolizei? Mein Chef beruhigte mich. Die Frau war sehr hübsch und hatte schulterlanges blondgelocktes Haar. An meinem Stand blieb sie manchmal länger stehen. Eines Tages sprach sie mich an und lud mich auf einen Kaffee ein.
Mein Chef zwinkerte mir zu und meinte: ‚Geh nur, Raju. Ich glaube, sie steht auf dich.‘ Sie trank Kaffee, ich Orangensaft. ‚Sie sind illegal hier, nicht wahr?‘ Eine Kontrolle, durchfuhr es mich. Hastig wollte ich weglaufen. ‚Bleiben Sie sitzen‘, befahl sie streng. ‚Ich mache Ihnen ein Angebot!‘
Für zehntausend Euro würde sie mich heiraten, erklärte sie. Ich hätte dann einen legalen Aufenthaltsstatus, könnte mein eigenes Geschäft eröffnen oder was immer ich wollte. Es klang verlockend. Ich hatte knapp über dreitausend Euro gespart, die wollte ich nach Indien schicken. Ich hatte vor, einen Brunnen auf meinem Feld zu bauen.
‚Ich komme in zwei Wochen wieder, überlegen Sie es sich‘, sagte sie. Ich beratschlagte mich mit meinem Chef und meinen Freunden. Sie ermunterten mich, es zu tun. So eine Chance bekäme man nicht oft. Das fehlende Geld wollten meine Freunde organisieren, ich könnte es später zurückzahlen.
Nach zwei Wochen stand die Dame wieder vor mir. ‚Haben Sie das Geld?‘ Ich bejahte. ‚Vorher muss ich Sie noch testen!‘ Sie forderte mich auf mitzukommen. Ich stieg in ihr teures Auto und wir fuhren zu ihrem Haus. Sie wohnt in einem schönen kleinen Haus, umgeben von einem großen Grundstück.
Wir standen in ihrer Küche, im ersten Stock. Sie bot mir einen Drink an, es war Wodka pur. ‚Ich möchte Sex mit Ihnen‘, teilte sie mir mit. ‚Wenn er gut ist, heirate ich Sie.‘ Ich war sprachlos, doch die Aussicht auf Sex mit einer schönen Frau gefiel mir. Seit ich aus Indien fort war, hatte ich keinen Geschlechtsverkehr mehr mit einer Frau gehabt.
Nebenan lag ihr Schlafzimmer. Sie zog sich nackt aus und legte sich ins Bett. Mein Penis regte sich. Sie breitete ein Handtuch unter sich aus.
‚Los, fangen Sie endlich an! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Küssen nur ab da‘, und sie zeigte auf ihren Hals. ‚Und spritzen Sie ja nicht in mich rein, sonst können Sie die Heirat vergessen!‘ Ich zog mich rasch aus, mein Penis war hart und steif. Sie betrachtete mich. ‚Na, das sieht ja ganz vielversprechend aus.‘ Mit ausgestreckten Armen lag sie da. Ich küsste ihre Brüste und rieb mein Glied an ihrer Scham. ‚Genug geküsst, steck ihn rein!‘ Sie fing zu keuchen an. ‚Schneller, fester‘, befahl sie. Ein lautes Keuchen und sie stieß mich von sich. Mein Saft entleerte sich auf dem Handtuch.
Später nahm sie die zehntausend Euro und fuhr mich zurück an meinen Marktstand. ‚Ich melde mich bald‘, sagte sie. Ich fühlte mich schlecht. Sie war so eiskalt. Sie hatte mich nicht ein einziges Mal geküsst, sie hatte mich nicht einmal berührt. Ich fühlte mich jämmerlich und benutzt. Das war kein Sex. Mir wurde übel und ich erbrach auf den Gehsteig. Was ist, wenn sie nicht wiederkommt? Zehntausend Euro hatte sie von mir. Ihren Namen kannte ich nicht. Ich erbrach ein zweites Mal.
Nach zwei Tagen war sie wieder da. Sie zeigte mir ein Formular. ‚Tragen Sie Ihren Namen und Ihre Daten ein und unterschreiben Sie. Das ist der Antrag auf die Heirat!‘ Erleichtert unterschrieb ich. ‚Kaufen Sie sich einen Anzug und ein paar ordentliche Schuhe. In Ihren Badeschlappen heirate ich Sie sicherlich nicht!‘
Nach einigen Wochen wurden wir getraut. Unsere Trauzeugen waren zwei Angestellte von ihr. Sie hatte mir verboten, Freunde einzuladen. Ich unterschrieb die Heiratsurkunde und erfuhr endlich ihren Namen: Melissa Sandhu. Sie hatte meinen Nachnamen angenommen. Beide Urkunden nahm sie sofort an sich. Draußen auf der Straße forderte sie: ‚Wir sind jetzt ein Ehepaar und Ehepaare wohnen gewöhnlich zusammen. Pack deine Sachen.‘ Sie duzte mich das erste Mal. ‚Du wirst bei mir wohnen. In drei Stunden hole ich dich ab. Hochzeitsfeier gibt es bei mir!‘
Mein Chef und meine Freunde beglückwünschten mich, doch ich hatte ein mulmiges Gefühl. Das Haus war schön. Der große Garten … Ich könnte dort Gemüse pflanzen. Ruhig war es dort und die frische Luft … Aber der Gedanke an Melissa erzeugte Ekel in mir. Nach drei Stunden holte sie mich ab. Ich trug meinen Hochzeitsanzug und war leicht betrunken. Meine Freunde und ich hatten doch etwas gefeiert.
Bei ihr zu Hause reichte sie mir ein Glas mit einem schwarzen Punkt. Sie füllte das Glas mit Wodka. ‚Melissa, ich trinke nicht pur.‘ Sie unterbrach mich: ‚Ein richtiger Kerl trinkt pur!‘ Ich trank das Glas aus. Sie reichte mir ein Formular, welches ich unterschreiben sollte. ‚Das ist eine Vollmacht‘, erklärte sie mir. Durch meine Unterschrift würde ich ihr alle Rechte übertragen. ‚Damit kann ich deinen neuen Reisepass und deine Krankenversicherungskarte abholen.‘ ‚Das kann ich doch selbst, Melissa.‘ Sie öffnete ihre Handtasche und entnahm eine Pistole. Diese richtete sie auf mich. ‚Unterschreibe! Nenne mich nicht Melissa! Ab sofort duzt du mich nicht mehr und sprichst mich mit Madam an.‘ Mit ihrer auf mich gerichteten Pistole drängte sie mich in den Keller. Sie öffnete eine Tür, schubste mich hinein und schrie: ‚Das ist dein wunderschönes Zimmer. Genieße es!‘ Sie lachte hämisch und versperrte die Kellertür von außen.
Im Kellerraum befanden sich ein WC, ein Waschbecken und ein Tisch unter den Fenstern. Auf dem Tisch stand eine Stehlampe. Aus dem Wasserhahn floss nur kaltes Wasser. Die WC-Spülung funktionierte nicht. In einer Wand steckten fünf lange Nägel. Auf dem Boden neben dem Waschbecken lagen eine Matratze, ein Kissen und eine Wolldecke. Es gab sechs Kellerfenster, eines war gekippt. Die Fenster waren schwarz, man konnte nicht durch sie hindurchsehen. Die Fenster ließen sich nicht öffnen. Auch das gekippte Fenster bewegte sich keinen Zentimeter, so sehr ich es auch versuchte. Ich kniete mich auf den Tisch und schrie aus dem Fensterspalt um Hilfe. Etwas Grün sah ich, das musste wohl der große Garten sein. Ich schrie und schrie, doch niemand bemerkte mich.
Nach zwei Tagen in meinem Gefängnis hörte ich Schritte die Kellertreppe herunterkommen. Jetzt werde ich sie überwältigen und flüchten! Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Jetzt! Die Tür öffnete sich. Melissa stand mit erhobener Pistole vor mir. ‚Zurück!‘, brüllte sie. Sie warf einen Beutel in meine Richtung, versperrte den Eingang und ging. In dem Beutel befanden sich vier T-Shirts, zwei kurze und zwei lange Baumwollhosen, vier Paar Socken, meine alten Gummischlappen, vier Handtücher, ein Badehandtuch, zwei Waschlappen, Seife, Zahnpasta, Zahnbürste, ein Kamm, sowie Brot, Käse, eine Flasche Wodka und ein Plastikbecher.“
Jenny
Raju verstummte. „Und dann? Was ist dann passiert, Raju?“ Sein Blick war immer noch zum Fenster gerichtet. „Raju, was ist danach geschehen?“ „Nach drei Tagen kam sie wieder. Meinen Anzug hatte ich an einen der Nägel in der Wand gehängt. Ich trug ein T-Shirt, kurze Hosen und meine Latschen.“ Nun wandte sich sein Blick zu mir. Leere, absolute Leere, kein Gefühl konnte ich in seinen Augen erkennen. „Dann hat sie mich zum Schlecken geholt …“
Er senkte seinen Kopf. Ich verstand nicht, was er meinte, aber es musste etwas Schreckliches gewesen sein, dieses „Schlecken“.
Nach einer Weile sprach er: „Ich war dumm, Jenny. Ich war so naiv. Hätte ich doch das Geld in meine Heimat geschickt. Sie haben immer noch keinen Brunnen. Ich bin so dumm und jetzt bin ich auch noch hässlich.“ Ich nahm seine Hände, er redete weiter: „Jenny, ich habe nichts. Ich habe kein Geld, keine Dokumente, keine Verbindung zu meinen Verwandten und Freunden. Vielleicht denken schon alle, ich wäre gestorben. Ich war auch tot, Jenny. Zwei Jahre und zwei Monate …“
Ich stand auf und ging aufs WC. Während ich rauchte, dachte ich an seine letzten Worte: Ich war auch tot, Jenny. Zwei Jahre und zwei Monate.
„Raju, warst du immer eingesperrt im Keller?“ „Nein. Wenn ich das Haus reinigte, Wäsche wusch oder manchmal kochen durfte, dann nicht.“ „War sie dann auch da?“ „Nein, sie hat ja einen Job.“ „Warum hast du dann nicht versucht zu fliehen?“ „Das konnte ich nicht. Alle Fenster waren vergittert.“ „Warum hast du nicht die Fenster geöffnet und um Hilfe gerufen? Warum nicht?“ „Man konnte kein Fenster öffnen, es gab einen Mechanismus, den nur die Frau kannte. Man konnte auch kein Fenster einschlagen. Ich habe es oft versucht, Jenny.“ Wahrscheinlich bruchsicheres Glas, dachte ich. „Hattest du weiterhin Sex mit ihr? Was bedeutet ‚schlecken‘?“ Erbittert sah er mich an. „Das war kein Sex, Jenny! Ja, manchmal wollte sie, dass ich ihn reinstecke“, und er deutete auf seinen Penis. „Meistens musste ich schlecken. Schlecken, Zigaretten, Peitsche …“
Ich wusste immer noch nicht, was er unter „schlecken“ verstand.
„Raju, dabei hättest du sie doch überwältigen können. Du hättest sie schlagen, würgen oder sonstwas können. Wieso hast du dich nicht gewehrt?“ „Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, Jenny. Sie … sie … ich … ich konnte nicht. Ihre Stimme … ihre Augen … wie sie mich immer angestiert hat … Ich habe alles getan, was sie von mir verlangte. Ich weiß nicht, warum, Jenny. Ich weiß es nicht.“ Dann brach er zusammen. Er bekam einen Weinkrampf, einen schrecklichen Weinkrampf. Gekrümmt, heulend und von Krämpfen durchschüttelt lag er vor mir.
Diese Frau in jenem Haus muss eine starke Macht ausgeübt haben – eine teuflische Macht über Balraj Singh Sandhu.
Ich holte eine Beruhigungstablette, aber er nahm sie nicht. Ich holte ein Glas Whisky mit Wasser. „Raju, trink!“ Was für eine schreckliche Geschichte, was für ein schreckliches Leben er doch hat!
„Es ist vorbei, Raju. Es ist vorbei. Es wird alles wieder gut werden, Raju. Ich helfe dir dabei.“ „Jenny, es tut mir so leid. Ich mache dir nur Probleme. Ich bin ein schlechter Mann.“ Er nahm meine Hände in die seinen und drückte sie sanft. „Bitte, Jenny, gib mir die Chance, dass ich dir alles zurückgeben kann, was du für mich getan hast.“ Ich legte mich auf den Rücken. „Komm, Raju“, und ich bettete seinen Kopf auf meine Brust.
Raju
Ich liege seitlich neben ihr, mein Arm auf ihrem Bauch, mein Kopf zwischen ihren Brüsten. Sie streichelt mein Haar. Ich bin ihr ganz nah. Ihre Brüste sind weich, so weich. Ganz nah bin ich ihr. Ich kann ihren Herzschlag spüren. Mein Herz trommelt wie wild und doch bin ich ruhig. Jenny, streichle bitte weiter mein Haar, bete ich. So weich sind deine Hände, so sanft streichelst du mein Haar. Immer, für immer möchte ich so bei dir liegen. Zwischen deinen schützenden Brüsten. Ich bin so unsagbar glücklich. So glücklich wie nie zuvor im Leben. Immer, für immer möchte ich so daliegen. So möchte ich einmal sterben!
Jenny
Raju schlief ein. Ruhig und gleichmäßig atmet er. Ich streichle sein Haar und berühre seine Wangen. Traurig fühle ich mich, unsagbar traurig. Egal, was Tanja oder andere Leute denken, ich werde ihn nicht fortschicken. Ich werde ihn nicht alleine lassen, solange er mich braucht. Ich mag dich, Raju. Ich habe dich gern. Du bist ein wunderbarer Mann. Ein tapferer Mann. Ich tätschle seine Wangen und streichle sein Haar. Ruhig und gleichmäßig atmen wir beide.
Mein Handy klingelte, es klingelte ein zweites Mal. Behutsam schob ich Raju von mir. Es klingelte wieder. „Hallo?“ „Es ist zwanzig vor acht!“ Es war Tanja. „Wir hatten 19.30 Uhr ausgemacht. Warum hast du nicht angerufen!?“ Ich flüsterte ins Telefon: „Es tut mir leid, Tanja. Ich habe geschlafen.“ „Wie geht es dir?“ „Gut, alles in Ordnung.“ „Wieso sprichst du so leise?“ „Er schläft – Raju schläft.“ „Dann geh aus der Küche und in dein Zimmer, ich kann dich kaum verstehen.“ „Ich bin in meinem Zimmer, ich liege im Bett.“ „Ja, aber dann musst du doch nicht flüstern. Vergiss mal deine empfindliche Porzellanpuppe. Es ist deine Wohnung!“ „Tanja, er schläft neben mir und …“ „Was!? Der Typ schläft in deinem Bett?“ „Tanja, beruhige dich. Raju hatte einen Nervenzusammenbruch, einen Weinkrampf. Ich habe ihn bloß getröstet und dann ist er eingeschlafen.“ Mittlerweile war Raju erwacht und setzte sich mit überkreuzten Beinen vor mich hin. „Jenny, du spinnst! Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Falls der Psychopath dich umbringt, ist es nicht meine Schuld. Ich habe dich gewarnt!“ „Tanja, noch einmal: Mir geht es gut! Ich rufe dich morgen Vormittag an, sagen wir um zehn?“ „Da bin ich gerade bei einer Patientin. Weil ich ja für dich einspringen muss, wegen deines behinderten Idioten. Ruf mich um 10.30 Uhr an.“ „Mache ich Tanja und vielen Dank.“ Dann legte ich auf. Mein Gott, was war meine Freundin besorgt. Hätte sie gewusst, dass Raju auf meiner Brust gelegen hatte, sie hätte wahrscheinlich das Militär beordert.
Da saß er vor mir. Nackt, nur das Handtuch um seine Hüften geschlungen. Sein schulterlanges Haar hing ihm wirr in die Stirn. Er erinnerte mich an Mogli, den Jungen aus dem Dschungelbuch. Ich strich ihm die Haare aus dem Gesicht. „Wie geht es dir, Raju?“ „Jenny, es war so schön. Ich … ich habe auf deinen weichen Brüsten geschlafen. Du hast mich gestreichelt. Meine Haare, meine Wange. So lieb hast du mich gestreichelt. Warum bin ich aufgewacht? Für immer will ich auf deinen Brüsten liegen. Sterben möchte ich so, nur so möchte ich sterben. Jenny, ich liebe dich.“ Mit traurigen, ernsten Augen schaute er mich an. Jedoch auch Liebe, Wärme und Glück spiegelte sich in ihnen.
Ich stand auf und öffnete das Fenster. „Raju, es ist spät und du musst noch etwas essen. Ich habe ein Huhn im Kühlschrank, ich könnte es grillen.“ „Jenny, darf ich kochen? Ich bin nicht müde, ich habe so gut geschlafen.“ Dann kochte er, es duftete himmlisch. Ab und zu ging ich in die Küche und beobachtete ihn. Fröhlich, ein Lied vor sich hinsummend, bereitete er ein indisches Curry-Chicken vor. „Raju, ich mache den Salat.“ Für die Marinade verwende ich unter anderem Kürbiskernöl. „Koste mal, Raju.“ Ich reichte ihm ein kleines Glas mit dem köstlichen Öl. „Mmh, das schmeckt gut, es schmeckt nach Nüssen“, bemerkte er und leckte sich die Lippen. „Es ist sehr gesund, Raju. Bitte, trinke jeden Tag ein kleines Glas davon.“ „Danke, Jenny.“ Er lächelte mich an. Ich liebe sein Lächeln. Ich habe ihm sein Lächeln zurückgegeben, dachte ich stolz.
Zusammen aßen wir im Bett. Raju genoss jeden Bissen so sehr, als hätte er seit Jahren nichts mehr gegessen. Seit Jahren … Zwei Jahre und zwei Monate! „Sieh nur, Jenny“, er deutete auf seinen Bauch, „ich habe schon etwas zugenommen.“ Dabei strahlte er mich mit seinen warmen Augen an, mit Augen voll Dankbarkeit, Glück und tiefer Liebe. Es stimmte, sein Bauch war nicht mehr so eingefallen wie noch vor drei Tagen. „Musst du nicht mal auf das WC und Toilet machen?“ „Heute nicht, vielleicht morgen. Ich will das gute Essen solange wie möglich behalten.“ Schalkhaft blitzten seine Augen mich an. Ich lachte laut! Es war alles so tragisch und traurig, trotzdem brachte er mich zum Lachen. „Oh, Raju, du bist wundervoll!“
Gemeinsam räumten wir ab, danach legte er sich auf die Matratze. „Gute Nacht, Jenny. Schlafe gut. Vielen herzlichen Dank für alles.“ Ich wünschte ihm ebenfalls eine erholsame Nachtruhe. Die Uhr zeigte 22.35 Uhr. Ich war müde und ging zu Bett.
Ich erwachte von seinem Weinen. Es war 23.44 Uhr.
Er saß auf seiner Matratze, den Kopf in die Hände gestützt und weinte leise vor sich hin. „Raju, was hast du denn?“ Ich setzte mich zu ihm. „Das Haus, ich habe von dem Haus geträumt. Es ist schrecklich, es ist ein böses Haus.“ „Raju, beschreibe mir das Haus. Erzähle, wie sieht es innen aus?“
Raju
„Mein Kellerzimmer liegt unter ihrem Schlafzimmer im ersten Stock. – Aber ich gehe da nie wieder hin, Jenny! – Die anderen Kellerabteile habe ich nicht gesehen, die sind immer zugesperrt. Im Erdgeschoss gibt es ein großes Zimmer, ihr Büro. Dann noch ein großes Zimmer, sehr schön eingerichtet. Dorthin sind manchmal Leute gekommen. Ich habe sie sprechen gehört. Aber wenn Leute gekommen sind, hat sie mich immer eingesperrt. Sie hat gesagt, ich muss ganz leise sein. Wenn ich nicht leise bin, erschießt sie mich. – Ich war immer leise, Jenny. Ich wollte sterben! Ich habe oft Gott gebeten, er soll mich tot werden lassen. Einfach tot. Nicht mit der Pistole, sondern ganz von selbst, einfach sterben. Jetzt bin ich froh, dass ich lebe. Weil ich dich getroffen habe. Jetzt will ich gar nicht mehr sterben. Und wenn, dann zwischen deinen weichen Brüsten. –
Im ersten Stock ist ein sehr, sehr großes Zimmer, das Wohn- und Esszimmer. Eine riesige Sitzgarnitur aus dunkelbraunem Leder steht dort. Manchmal war die Frau auch gutgelaunt. Ich durfte dann auf einem Sessel sitzen, aber ich musste ein Handtuch darauf legen. Sie hat geraucht, Wodka getrunken und mir von ihren Geschäftserfolgen erzählt. Sie verkauft Häuser und Wohnungen, auch in anderen Ländern. – Ich glaube, das nennt man Maklerin in deiner Sprache. –
An diesen Tagen habe ich gekocht. Morgens hat sie mir gesagt, was sie abends essen möchte, und das habe ich dann gekocht. Diese Tage waren die besten. Während des Kochens konnte ich etwas Essen abzweigen, dann war ich nicht mehr so hungrig. Sie wollte, dass ich mit ihr trank. Ich hatte ein eigenes Glas mit einem schwarzen Punkt. Nur dieses durfte ich benutzen. Beim Trinken musste ich aufstehen und den Wodka pur auf ex austrinken. Nach dem ersten Glas hatte ich immer schreckliche Bauchschmerzen. Nach dem zweiten wurde es besser. Viel musste ich trinken, ganz viel. Ich war stets besoffen, aber das war gut. So ging das Schlecken leichter und die Peitsche habe ich auch kaum gespürt. Manchmal hatte ich großes Glück! Wenn die Frau auch betrunken war, brauchte ich gar nicht schlecken. Dann durfte ich gleich in den Keller. Einmal bin ich alle Treppen hinunter gefallen. Ich bekam viele blaue Flecken und Prellungen.
Neben dem Wohnzimmer ist die Küche. Ein bis zwei Mal pro Woche ist sie einkaufen gegangen. Zu Großeinkäufen hat sie mich mitgenommen, da sie nicht schwer tragen durfte. Ich habe dann meinen Hochzeitsanzug angezogen. Das waren die wenigen Augenblicke, in denen ich rauskam und im Auto mitgefahren bin. Doch sie hatte immer ihre Pistole bei sich. Vorher hat sie den Kühlschrank kontrolliert. Abgelaufene Lebensmittel, aber auch Sachen, auf die sie keine Lust mehr hatte, warf sie in den Mülleimer. Den Müllsack hat sie mitgenommen und draußen in der Tonne entsorgt. – Jenny, dabei war ich doch immer so hungrig! – Manchmal vergaß sie, den Müll mitzunehmen. Dann habe ich schnell alles aufgegessen. Auch die abgelaufenen oder verschimmelten Lebensmittel habe ich gegessen, einfach alles. Die leeren Verpackungen deckte ich mit Zeitungspapier ab, damit sie es nicht bemerkte.
Neben der Küche ist das hässlichste Zimmer, das Schlafzimmer der Frau. Ich mag es gar nicht. Da ist mir der Keller noch lieber. An ihrem Nachtkasten lehnt ein Spazierstock. Den benutzt sie, wenn sie mich ruft. Sie klopft mit dem Stock ganz fest auf den Boden. Ich kann es im Keller hören. Dann renne ich schnell zu ihr rauf, es darf wirklich nicht lange dauern. Sie schreit: ‚Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!‘ Seltsamerweise brüllt sie diesen Satz immer, auch wenn es Nacht ist.
Gegenüber vom Schlafzimmer liegt das Badezimmer, es ist sehr groß und hat einen langen breiten Spiegel, eine Dusche und eine riesige runde Badewanne. Im Bad gibt es auch eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner. Auf der Abstellfläche befinden sich neben ihren Kosmetika auch verschiedene Parfums und eine Packung Feucht-Tücher. Das ist sehr wichtig für mich. Ich muss darauf achten, dass die Packung immer gefüllt ist. Die verschiedenen Parfums habe ich mir gut eingeprägt, damit es nicht zu lange dauert, wenn sie eine bestimmte Sorte verlangt. In einem Schrank liegen Handtücher, die nur die Frau benützt. In einem kleineren Schrank liegen die Handtücher, die ich ins Bett mitnehmen muss. – Die werde ich nie wieder brauchen, gell, Jenny? Nie wieder! –
Es gibt zwei Wäschekörbe. Der eine für ihre Schmutzwäsche, der andere für die Betthandtücher und die Putzlappen. Gewaschen wird immer getrennt. In einer Ecke stehen ein Besen und ein Eimer mit Putzlappen und Reinigungsmitteln. Dann gibt es noch einen Eimer, in dem liegt die Peitsche. Im Vorzimmerkasten sind Haushaltsreiniger, Bodenlappen, Putztücher, noch ein Besen, das Bügeleisen und ein Staubsauger.
– Ja, so sieht das Haus von innen aus. Im Garten war ich nie … –“
Jenny
Raju senkte den Kopf und weinte. Ich weinte mit ihm und dachte an die Worte: „An diesen Tagen habe ich gekocht. Diese Tage waren die besten.“ „Möchtest du in meinem Bett schlafen, Raju?“ Dankbar schaute er mich an. „Ja bitte, Jenny. Das würde mich sehr glücklich machen.“ Ich legte mich ins Bett, die Schreibtischlampe ließ ich brennen. „Bring uns noch einen Whisky“, bat ich ihn. Er kam mit Whisky, Wasser, zwei Gläsern und einem Badehandtuch. „Wozu brauchst du das Handtuch?“ „Ich möchte dein Bett nicht schmutzig machen – wegen der Wunden.“ „Raju, die Wunden bluten nicht mehr. Du brauchst das Handtuch nicht.“ Erstaunt sah er mich an. „Bist du dir sicher?“ „Ja, fülle die Gläser und komm.“ Die Uhr zeigte 1.30 Uhr. Er schlief viel zu wenig, wahrscheinlich war er dies gewöhnt. Auch ich fühlte mich nicht müde, zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf. Er legte sich neben mich. „Jenny, darf ich deine Hand halten?“ Ich nickte. Raju rückte näher, nahm meine Hand, drückte sie sanft und schloss die Augen. Vielleicht kann er endlich einschlafen, hoffte ich. Nach einigen Minuten seufzte er leise. „Ich muss Sussu, ich komme gleich wieder.“
Nach zirka zwanzig Minuten war er wieder da. Inzwischen rauchte ich eine Zigarette am WC. „Du hast anscheinend sehr viel Sussu in dir. Es muss ein ganzer Fluss gewesen sein.“ Raju errötete. Wichser!, dachte ich und lächelte. Erleichtert, dass ich nicht schimpfte, lächelte er zurück.
Dann lagen wir nebeneinander unter einer Decke. Diesmal nahm er nicht meine Hand. So sehr ich mich bemühte, ich konnte nicht einschlafen. Seine Geschichten, seine Worte, seine Augen, sein Verhalten – zu viele Eindrücke auf einmal. Die Szene im Badezimmer, als er sich die Körperlotion auftrug …
„Raju, schläfst du?“ „Nein, Jenny.“ „Bist du müde?“ „Nein, Jenny.“ Nach einer langen Pause: „Raju, möchtest du mich streicheln? Ich würde mich freuen. Bitte streichle mich.“
Behutsam streifte er mein Hemd ab. Langsam schob er mich etwas zurück. „Jenny, ich liebe dich! Mit all meiner Liebe zu dir werde ich dich streicheln.“ Tief blickte er mir in die Augen. Wärme und Liebe strömten aus ihnen zu mir, in mich! Er hob meine Hüften an und zog mir die Leggins aus. Er löste sein Handtuch. Ich fühlte die Wärme seiner Haut. Zärtlich strich er mir übers Haar. Mit seinen Fingerspitzen berührte er meine Stirn, meine Wangen, meine Augenlider. Ein leichter Schauer durchlief mich, eine Sommerbrise. Meine Lippen bebten, als er sie berührte. So zärtliche Hände, große Hände und doch so zärtlich. Er nahm meine Hände und legte sie auf seine Brust. Sein Herz! Ich spürte seinen Herzschlag. Trommelmusik. Rhythmische, klangvolle Trommelmusik … Sein Herz!
Sanft massierte er meine Ohren, dann streichelte er über den Hals. Schauer, immer neue Schauer durchliefen meinen Körper, durch meinen Körper, den er so zärtlich behandelte. Ich stöhnte vor Lust, vor Lust und Begierde, als er meine Brüste mit seinen wundervollen Händen liebkoste. Seine Fingerspitzen kreisten auf meinem Bauch, mein Bauch bebte und zitterte. Er berührte und streichelte alles. Die Finger, die Hände, die Arme, die Beine. Zärtlich massierte er meine Füße. Langsam streichelten diese Hände. Die schönsten Hände der Welt streichelten an meinen Beinen entlang.
„Raju, ich fühle mich dir so nah. Ich bin so froh, dass ich dich kennenlernen durfte.“ Er legte seine Hand auf meine Scham. „Raju, ich brenne, was machst du mit mir? Bitte, Raju, küsse mich.“ Zärtlich küsste er die Innenseiten meiner Schenkel. Oh, wie wundervoll … Wellen, heiße Wellen! Seine Zunge kreiste auf meinem Bauch, ganz zart küsste er meine Brüste. Tränen des Glücks liefen an meinen Wangen hinab. Jede einzelne trank er. So schön, so unglaublich schön! Liebevoll öffnete seine Zunge meine Lippen. Er presste sein Glied an meinen Bauch. So stark, so kraftvoll! Unsere Zungen tanzten miteinander, sie tanzten so gefühlvoll, wie nur Liebende tanzen. Mit seinem Glied umkreiste er meinen Punkt, zart stimulierte er ihn. Ich war wie in Trance. „Raju, komm in mich, komm in mich und bleibe, bitte bleibe.“ Langsam drang er ein. Seine Wellen, ich spürte seine Wellen. Sie vermischten sich mit den meinen. Kraftvoll glitt sein Penis hinein und zurück. Ich umfasste seinen Po und folgte dem Rhythmus. Wir tanzten auf den Wellen! Auf und ab, auf und ab … Seine Stimme – sie flüsterte Liebesworte.
Die ganze Zeit hindurch hielt er seine Augen geöffnet, seinen liebenden Blick auf mich gerichtet. „Jenny, ich liebe dich, ich liebe dich so sehr. Du bist meine Frau, nur du! Egal, was passiert. Du bist meine Frau! Ich bin verheiratet mit dir, für immer, meine Jenny, für immer.“ Noch kraftvoller und schneller drang er in mich. Ich kam! Er kam! Ich fühlte seinen Saft in mir, die Wellen, die Säfte. Alles hatte sich vermengt. Alles war Eins! Er in mir, ich in ihm. Lange blieb er auf mir liegen, ich hielt ihn ganz fest.
Raju
Ich darf Jenny streicheln und küssen. Gott, welch wunderbares Geschenk gibst du mir. Ich danke dir, Gott! Ich darf sie berühren. Wie sie daliegt, ich sehe ihren Körper, ich rieche ihre Haut. Wie weich sie ist. Sie zittert. Zittre nicht, Jenny. Ich werde dir nicht wehtun. Ich gebe dir all meine Liebe! Gott, mach, dass meine Liebe stark genug ist für meine Jenny. Ich möchte sie glücklich sehen, so wie sie mich glücklich macht. Warum weinst du, Jenny? Bitte weine nicht, ich küsse deine Tränen weg, ich bin bei dir. Öffne deine Lippen, Jenny. Sieh nur, wie nahe wir uns sind. Unsere Zungen tanzen, sie tanzen das Lied der Liebe. Jenny, ich berühre dich nur sanft, hab keine Angst. Wie gerne würde ich in dir drinnen sein …
Sie schaut mich an. „Raju, komm in mich, komm in mich und bleibe, bitte bleibe“, flüstert sie. Oh, Jenny, das ganze Leben habe ich auf dich gewartet. Fühlst du es, Jenny? Ich bin in dir, ich fühle meine Sonne, sie ist in dir. Deine Sonne, sie ist in mir, wie heiß unsere Sonnen sind. Ich bin so glücklich, Jenny. Du bist auch glücklich, ich spüre das. Danke Gott, ich darf Jenny glücklich machen und sie macht mich glücklich. Wir sind Eins, wir sind verheiratet und sie ist meine Frau, meine echte Frau!
Jenny
Langsam löste Raju sich von mir. Er stöhnte laut. „Oh, Jenny, ich will doch immer in dir bleiben“, und drängte sich in mich zurück. Fest umschlungen lagen wir beieinander.
Um Punkt fünf Uhr drehte er sich zur Seite und setzte sich mit überkreuzten Beinen auf. Ich hatte etwas geschlafen, nun wurde ich wieder von ihm geweckt. „Raju, wieso schläfst du nicht endlich? Es ist fünf Uhr früh!“ „Ich muss immer um fünf Uhr aufstehen, ich darf nicht verschlafen. Nie wieder darf ich verschlafen! Ich muss das Frühstück vorbereiten. Was möchtest du essen, Jenny?“
Sein Gesichtsausdruck wirkte verstört. Was war jetzt schon wieder? Ständig wechselten seine Launen, seine Gefühle, seine Stimme, seine Augen. Nie weiß ich, was als nächstes kommt. Wäre er mein Patient, ich würde ihn als schizophren einstufen. Schizophren und manisch-depressiv würde meine Diagnose lauten. Ich würde eine Psychotherapie für ihn, den Patienten, organisieren. Jedoch, er war nicht mein Patient. Was war er eigentlich für mich? Ich habe mit ihm Sex gehabt. Ich wollte, dass er mich liebt und er hat es getan. Er hat mich begehrt, ich ließ es zu. Ich habe ihn begehrt und er ließ es zu.
„Jenny, darf ich Frühstück machen?“ „Ja, Raju, du musst unbedingt essen! Kann ich dir helfen?“ „Nein, Jenny. Jenny? … Du bist doch böse auf mich, weil ich in dir drinnen war!? Du schaust so komisch.“ „Raju, es war wunderschön, wirklich.“ „Jenny, immer wieder will ich in dir sein, und du wirst immer in mir sein. Wir haben uns vereinigt, jetzt bist du sowieso in mir. Du hast mich geheiratet und ich habe dich geheiratet. Du bist meine Frau, nur du, Jenny!“
Während er das Frühstück zubereitete, ging ich duschen. Ich muss mit ihm sprechen. So geht das nicht. Ich war im Begriff, mich in ihn zu verlieben. Warum? Der Sex mit ihm war wunderschön – nein, er war unglaublich!
Raju servierte Kaffee, Tee und Omelettes. 6.20 Uhr und Omelettes! Mein Leben ist durcheinander geraten, nichts befand sich mehr am richtigen Platz. Wir aßen und er lächelte mich an. Zärtlich und liebevoll lächelte er mich an. „Raju, denkst du, es ist richtig, was wir getan haben?“ „Was meinst du, Jenny?“ „Ich meine, wir haben miteinander geschlafen. War das richtig? Und warum sagst du, ich bin deine Frau?“ „Es ist richtig, Jenny. Es ist das Richtigste, was ich je getan habe! Du warst schon immer meine Frau, doch diese Nacht konnte ich dich endlich heiraten, Jenny.“ Ich schmunzelte. „Wir sind doch nicht verheiratet.“ Er nahm meine Hände. „Doch, Jenny. Du bist meine Frau und ich bin dein Mann.“ „Lass uns noch etwas schlafen, Raju. Ich bin hundemüde.“ Eng an mich gekuschelt schlief er bis gegen Mittag. „Jenny, ich muss Toilet.“ Endlich! Ich entfernte den Verband von seinem After, das Pflaster war sauber. „Du blutest nicht mehr, Raju. Das ist gut. Geh nun aufs WC, aber spüle nicht runter. Ich werde mir deinen Stuhl ansehen.“ Entsetzt starrte er mich an. „Du wirst was?! Nein, Jenny, das kannst du nicht machen! Du kannst doch nicht meine Toilet anschauen!“ „Natürlich kann ich das, ich möchte wissen, ob dein Stuhl eine normale Konsistenz hat. Ich bin eine Krankenschwester, ich mache das täglich mehrmals.“ „Aber meine Toilet stinkt!“ Ich musste herzlich lachen. „Raju, kein Stuhl riecht nach Maiglöckchen.“ „Meine Toilet ist nicht normal. Sie ist sehr hart und hat eine graue Farbe. Oder sie ist ganz dünnflüssig. Meistens, wenn ich mehr gegessen habe. Außerdem ist immer Blut auf meiner Toilet. Das kannst du nicht ansehen. Bitte, Jenny, ich habe dir alles beschrieben. Du brauchst es jetzt nicht anschauen, bitte!“ „Doch, ich werde es mir ansehen!“ „Ich muss gar nicht mehr Toilet.“ „Raju, stell dich nicht an wie ein kleines Kind! Geh jetzt und spüle nicht hinunter. Rufe mich, wenn du fertig bist.“ Ich holte eine Holzspachtel aus meiner Medizintasche und wartete. Nach fünf Minuten klopfte ich an. „Raju, bist du fertig?“ Keine Antwort. Ich öffnete die Tür. Er saß nackt auf dem Klo und sah mich voll Panik an. Ich reichte ihm Toilettenpapier. „Waschen kannst du dich später.“
Raju
Ich konnte nicht glauben, was ich sah! Jenny, meine Jenny! Sie rührte mit einem Holzstab in meiner Toilet. Ekelig war das! Ich will nicht, dass sie meinen Dreck sieht. Ich fühle mich schlecht, schmutzig und „unrein“! Jenny, küssen möchte ich dich, streicheln möchte ich dich, mein Penis möchte mit dir spielen, meine Hände möchten dich liebkosen. Doch ich will dir nicht mein „Schmutziges“ zeigen. Vielleicht wirst du mich nicht mehr gerne haben? Bitte, hasse mich nicht, Jenny!
Sie spülte hinunter und drehte sich zu mir um. Beschämt senkte ich den Kopf. Ich getraute mich nicht, ihr in die Augen zu blicken. Sicherlich wird sie jetzt schimpfen, sie wird böse auf mich sein, sie wird mich nicht mehr gern haben. Dann sagte sie etwas Unglaubliches: „Raju, es ist alles in Ordnung. Die Konsistenz ist ganz normal. Etwas Blut klebt am Stuhl, das kommt von den Hämorrhoiden. Diese müssen operiert werden, aber das ist nur ein Klacks. Das machen wir, wenn du kräftiger geworden bist.“ Ich verstand nicht viel von dem, was sie mir mitteilte. Doch ihre Stimme, ihre Stimme war gar nicht böse. Ihre Stimme klang sanft und ruhig wie immer. „Raju, hörst du mir eigentlich zu?“, fragte sie. „Raju, sieh mich an!“ Langsam hob ich meinen Blick und wagte es, ihr in die Augen zu sehen. Sie lächelte. „Es ist alles gut, Raju. Das gesunde Essen tut dir gut. Dein Stuhl ist nicht schmutzig und du bist auch nicht schmutzig. Lass uns ins Badezimmer gehen. Ich möchte die Verbände entfernen – und mach nicht so ein Gesicht, lächle doch.“ „Jenny, ich liebe dich!“, und Tränen flossen über meine Wangen.
Jenny
Die Wunden sahen nicht übel aus, schlimm war nur noch der rechte Teil seines Rückens. Die langen Striemen begannen sich zu verkrusten. Erstaunlich, wie rasch die Wundheilung voranschritt, bei seinem sonst so schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand.
„Raju, möchtest du duschen?“ „Duschen? Mit warmem Wasser?“ „Ja, mit warmem Wasser und einer milden Seife. Danach kannst du dich wieder mit Lotion massieren“, und in Gedanken an seine letzte Lotion-Aktion musste ich laut lachen. „Wieso lachst du, Jenny?“ „Nichts, es ist einfach nur komisch. Es ist lustig, traurig, tragisch, es tut weh, es tut gut, es ist wie eine Achterbahn-Fahrt, es ist alles durcheinander, es ist ganz einfach komisch! Ich lache, weil du mich heiter machst, Raju.“ Sprachlos sah er mich an. „Aber ich mache dir doch nur Probleme.“ „Ja, doch du machst mich auch froh und du bringst mich zum Lachen.“ Nackt stand er vor mir. Er nahm meine Hände und drückte sie sanft auf seine Brust. „Spürst du meinen Herzschlag, Jenny? Du, nur du machst mich froh! Du machst mich zum glücklichsten Mann auf der ganzen Welt! Wenn ich dich auch glücklich sehen kann, dann ist mir das ein große Ehre.“ Sein Herz klopfte wie wild, in seinen Augen stand nichts als Liebe, tiefe innige Liebe.
„Raju, hast du dir deine Haare selbst geschnitten?“ „Ja.“ „Du brauchst einen ordentlichen Haarschnitt, wir gehen mal zum Frisör. Wenn du willst, werde ich jetzt deine Haare etwas schneiden, eine Fasson reinbringen, okay?“ Er nickte und setzte sich auf einen Stuhl vor das Waschbecken. „Wie möchtest du die Frisur?“ Achselzucken. „Wie hast du deine Haare früher getragen?“ Raju zeigte auf seine Hüften. „Bis hierhin.“
Sikh – er ist ja ein Sikh! Traditionelle Sikhs lassen ihre Haare einfach wachsen und tragen sie zusammengebunden unter dem Turban.
„Jetzt trägst du lieber kürzere Haare?“ Keine Antwort. Nach einer Weile: „Die Frau mochte keine langen Haare, sie hat mir alle Haare mit einer großen Schere abgeschnitten. Ganz kurz!“ Er zeigte auf einen Fingernagel. „Später hat sie mir erlaubt, dass ich mein Haar schulterlang tragen darf.“ „Möchtest du wieder lange Haare?“ „Ja, schon. Eigentlich ist es mir egal. Hauptsache, dir gefällt es. Ich rasiere auch meinen Bart ab, wenn du es willst, Jenny.“ „Raju, ich schneide nur das verfilzte Haar weg. Deinen Bart kannst du ein wenig verschönern“, und ich zeigte ihm meinen Rasierapparat.
Ich verpasste Raju einen ordentlichen Haarschnitt, dann reichte ich ihm eine Dose. „Das ist eine Haarpackung, sie macht dein Haar weich und es lässt sich leichter kämmen.“ Ich erklärte ihm die Anwendung. Mit großen staunenden Augen fragte er: „Das ist alles für mich? Jenny, wieso kümmerst du dich so um mich? Wieso bist du so gut zu mir?“ „Weil ich dich sehr, sehr gern habe, und deine Haare kannst du wachsen lassen und deinen Bart behalte bitte auch. Ich stehe auf Männer mit langen Haaren. Ich wünsche mir, dass du wieder du selbst bist, Raju. Geh jetzt duschen.“ Wir lächelten uns an.
Nach einer Stunde stand er mit seinem um die Hüften geschlungenen Handtuch vor mir. Es war vierzehn Uhr. Gut sah er mit dem neuen Haarschnitt aus, sein Bart war gepflegt. „Rieche mal, Jenny, wie gut die Lotion duftet!“ Eine Stunde hat er gebraucht! Was er wohl sonst noch gemacht hat …? Wie kann ein Mensch nur so viele erotische Gefühle haben? Vielleicht war das seine einzige Freude in diesem verdammten Haus gewesen. Keine Liebe, ausgehungert und gequält. Jeder Mensch möchte lieben. So begann er sich selbst und seinen Körper zu lieben.
Mir fielen die Produkte aus der Apotheke ein, die ich für Raju gekauft hatte. „Das sind Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und Mineralstoffe. Auf der Verpackung steht, wie oft man sie einnimmt und wie viel davon. Schlucke sie bitte, Raju“, und ich stellte alle auf den Tisch. Es waren etliche. „Die alle soll ich essen? So viele?“ Ich bejahte. Er seufzte und sagte mit ernster Stimme: „Wenn ich die alle schlucke, dann ist kein Platz mehr fürs Essen.“ Bekümmert schaute er mich an, doch dann erkannte ich den Schalk in seinen Augen und lachte. Und er lachte auch, er lachte und lachte! Das erste Mal, dass er laut lachte. Welch herzliches Lachen er hat. Mir kamen vor Freude die Tränen. So befreiend klang sein Lachen. „Jenny, ich lache ja! Ich hatte ganz vergessen, wie das geht. Es ist wieder da, ich kann wieder lachen“, und er umarmte mich und wirbelte mich herum. „Jenny, du hast mir mein Lachen zurückgeben. Jenny, ich danke dir, ich liebe dich!“
„Raju, hast du Hunger?“ „Ja, ich habe Hunger, Jenny! Ich habe Hunger auf dich, auf das Lachen, auf Tanzen, auf Singen. Ich habe Hunger auf die ganze Welt!“ Glücklich strahlte er mich an. „Du gibst mir alles zurück, was ich verloren hatte. Wie machst du das nur? Das muss deine Liebe sein. Ich denke, du hast mich doch ein bisschen lieb. Hast du mich lieb, Jenny? Nur ein wenig?“ Was soll ich antworten? Ja, ich habe ihn liebgewonnen. Nein, ich habe ihn lieb – ich muss mir meine Gefühle endlich eingestehen, ich kann sie nicht mehr verdrängen. Vier Tage lang kenne ich ihn und ich habe ihn lieb. „Ja, Raju. Ich habe dich lieb, sehr sogar.“ „Danke, Jenny, ich habe es gespürt. Ich weiß es, seit deine Hände mir die Heilsalbe aufgestreichelt haben.“
Ich erinnerte mich an eine Patientin, die ich jahrelang gepflegt hatte. Eines Tages sagte sie folgende Worte: „Jenny, Sie haben heilende Hände.“
„Raju, was kochen wir heute?“ „Möchtest du Dhal, das ist ein indisches Linsengericht?“ Ich nickte. „Ruh dich aus, Jenny. Ich koche, ich bin fit. Ich bin so fit wie seit Jahren nicht mehr.“ Ich legte mich ins Bett und schaltete den Fernseher ein. Nach vierzig Minuten servierte er Dhal, warmes Gebäck und Salat. Es schmeckte köstlich, wie alles, was er kochte. Das Kochen werde ich in Zukunft ihm überlassen, überlegte ich. Wie praktisch! In Zukunft …?
„Raju, willst du ein wenig schlafen?“ „Ja, mit dir, Jenny.“ Nachdenklich blickte ich ihn an. „Bist du nicht müde?“ Kopfschütteln. „Die Sonne scheint, es ist heiß draußen. Ich brauche frische Luft, lass uns spazieren gehen.“ „Ich darf raus, Jenny?“ „Natürlich, wozu habe ich dir das Gewand gekauft?“ „Wir gehen zusammen raus, Jenny? Was soll ich anziehen? Wohin gehen wir?“ Mit seinem um die Lenden gewickelten Handtuch stellte er sich vor den geöffneten Kleiderschrank. „Es ist Sommer, zieh doch eine kurze Hose und ein T-Shirt an.“ Raju sah an sich hinab und befühlte seine Unterschenkel. „Sie sind zu dünn“, sagte er leise und entschied sich für die Jogginghose und ein weißes T-Shirt. „Ich ziehe eine enge Unterhose an, man weiß ja nie“, und er deutete verschmitzt auf sein Glied.
„Raju, wenn wir zurückkommen, wo möchtest du schlafen?“ „Bei dir, Jenny, wenn ich darf. Immer nur bei dir.“ „Dann brauchen wir die Matratze nicht mehr.“ Zusammen packten wir die Matratze ein und brachten sie in das Kellerabteil. Anschließend zeigte ich ihm den Müllraum. Eine Nachbarin kam uns entgegen. Sie und ich begrüßten uns höflich. Raju stand dabei, den Kopf gebeugt. „Darf ich vorstellen, das ist Herr Sandhu. Er wohnt zurzeit bei mir.“ „Guten Tag, Herr Sandhu.“ Raju reichte ihr die Hand und stellte sich mit seinem vollständigen Namen vor. Schnell zog er seine Hand zurück und senkte abermals den Blick. Meine Nachbarin schaute mich verwundert an. „Haben Sie jetzt auch Privat-Patienten?“ Sie wusste, dass ich Krankenschwester bin. „Nein, Herr Sandhu ist kein Patient.“ Kopfschüttelnd ging sie.
Auf der Straße: „Raju, du bist manchmal so unhöflich! Wenn Leute mit dir sprechen, sieh sie an. Verstehst du? Augenkontakt! Tanja hast du auch nicht angesehen! Sie glaubt, du hast keine Manieren. Was soll die Nachbarin über dich denken, über uns? Es gibt noch mehr Nachbarn in diesem Haus. Du wirst sie kennenlernen. Jedoch, was sollen sie denken, wenn du dich so unhöflich benimmst?“ „Sorry, Jenny, aber ich darf doch nicht schauen. Ich darf keine Frau anschauen.“ „Meine Nachbarin ist sehr nett, sie ist über sechzig Jahre alt. Es ist respektlos, wenn du sie nicht ansiehst und unhöflich behandelst.“ „Jenny, ich darf niemanden ansehen und schon gar keine Frau! Sie schlägt mich dann und ich muss viel schlecken … und viel Zigaretten und viel Peitsche …“
Ich war fassungslos! Was hatte diese Teufelin aus ihm gemacht? Ich beließ es dabei. Das Wetter war schön, ich würde später darauf zurückkommen. Wir spazierten in einen nahegelegenen Park. Raju schlenderte ganz langsam und sah sich alles sehr genau an. Er strich über die Blätter der Büsche, tief sog er den Duft der Blumen in sich auf. Wir durchquerten den ganzen Park. Ich beobachtete ihn. Er wirkte glücklich, ruhig und zufrieden. Wir kamen an einen Brunnen. Er trank eine Handvoll Wasser. Dann steckte er seinen Zeigefinger ins kühle Nass und berührte meine Stirn. Dasselbe tat er auch mit seiner Stirn. Wahrscheinlich ein indisches Ritual.
„Raju?“ Seine Augen strahlten mich an. Ganz warm leuchteten sie. So viel Dankbarkeit, Glück und Liebe las ich ihnen. „Raju, wollen wir uns auf eine Bank setzen und die Sonne genießen?“ „Dürfen wir noch ein wenig spazieren, Jenny? Bitte.“
So durchquerten wir nochmals den Park. „Ich würde gerne beim Brunnen sitzen, Jenny. Geht das?“ Wir setzten uns auf eine Bank vor dem Brunnen. Hinter uns lag ein Kinderspielplatz. „Hier ist es schön, so schön“, er erhob sich wieder und sah auf die spielenden Kinder. Sein Blick wurde verträumt. „Ich war auch mal ein Kind, Jenny. Doch jetzt bin ich froh, dass ich erwachsen bin, weil ich dich getroffen habe. Als Kind hätte ich dich nicht kennengelernt. Oder doch? Ich glaube, wir kennen uns schon seit ewig, Jenny. Du warst immer in mir und du wirst immer in mir sein.“ Gott, was ist er für ein Romantiker! Mir kamen vor Rührung die Tränen. „Du musst nicht traurig sein, Jenny.“ „Ich bin nicht traurig, ich bin nur gerührt. Du sprichst so schön.“ „Gerührt?“ Er verstand diesen Begriff nicht, aber er erkannte, dass ich nicht bekümmert war. Erleichtert seufzte er und setzte sich neben mich. Ich nahm seine Hand, rasch zog er sie zurück. „Ich kann deine Hand hier draußen nicht halten. Sonst steht er auf“, und er deutete auf sein Glied. Ich lachte. „Du bist verrückt, Raju! Du bist der verrückteste Kerl, den ich kenne.“ Er fing auch zu lachen an. Laut lachten wir beide, uns kamen die Tränen vor lauter Lachen. Vorübergehende Spaziergänger schauten uns verwundert an.
Dann saßen wir still beieinander und hielten unsere Gesichter in die warme Sonne.
„Ich habe ein kleines Glas Kürbiskernöl getrunken, so wie du es mir gesagt hast, Jenny. Die ganzen Medikamente habe ich auch geschluckt.“ „Welche Medikamente?“ „Na, die in der Küche.“ „Das sind keine Medikamente“, ich erklärte ihm die Bedeutung von Vitaminen und Mineralstoffen. „Das ist gut, Jenny. Danke vielmals! Werde ich dann wieder stark und ganz gesund?“ „Ich denke schon.“ Seine dunkelbraunen Augen blickten fragend und sahen mich hoffnungsvoll an. „Ja, Raju, du wirst wieder gesund und stark. Ich kaufe einen Hometrainer und Hanteln, damit du Sport treiben kannst und wieder Muskeln bekommst.“ Er befühlte seine dünnen Oberarme und seufzte. „Meine Arme und Beine gehören zu einem kleinen Kind, nicht zu einem Mann. Aber ich bin doch ein Mann, Jenny? Bitte, sag mir, dass ich trotzdem ein richtiger Mann bin.“ Ich erinnerte mich an die vergangene Nacht. „Raju, du bist ein Mann, ein starker und echter Mann!“ Mit einem langen „Uuuuooh“ ging er zum Brunnen und tauchte beide Arme tief ins Wasser. Ich konnte mir schon vorstellen, was sich bei ihm wieder geregt hatte. „Molto potente“, dachte ich schmunzelnd.
„Raju, wir müssen nochmals über deine Höflichkeitsformen reden. Du darfst alle Menschen ansehen, auch Frauen.“ „Nein, Jenny! Du bist meine Frau! Ich schaue nur dich an!“ „So meine ich das nicht. Wenn jemand mit dir spricht, egal ob Mann oder Frau, dann musst du Augenkontakt halten. Wenn dir jemand die Hand zum Gruß reicht, dann nimm die Hand fest in deine und zieh sie nicht gleich zurück. Verstehst du, was ich meine?“ Er nickte. „Jenny, wenn ich das so mache, dann wirst du vielleicht doch böse sein? Ich will nicht, dass du böse wirst. Ich will dir alles recht machen!“ Dann erzählte er mir eine weitere, sehr traurige Geschichte:
Raju
„Eines Tages hat die Frau gesagt: ‚Ich erwarte heute Abend Besuch. Du wirst einen gefüllten Truthahn braten!‘ Sie drückte mir ein Rezept in die Hand und erklärte mir, wie der Ablauf des Abends vonstatten gehen soll. Sie kam um 19.30 Uhr von der Arbeit zurück. Ich hatte alles nach ihren Wünschen vorbereitet, der Truthahn schmorte im Backofen. Meine Haare waren gewaschen und ich trug den Hochzeitsanzug. Sie kontrollierte gründlich und schien zufrieden zu sein. ‚Manchmal bist du ja doch zu etwas zu gebrauchen.‘ Sie reichte mir das Glas mit dem schwarzen Punkt und füllte es mit Wodka. Ich leerte das Glas wie immer, im Stehen und auf ex, so wollte sie das. Mein Magen krümmte sich vor Schmerzen. ‚Mach mir keine Schande, Tommy! Wenn du brav bist, kriegst du den Rest vom Truthahn.‘
Punkt zwanzig Uhr trafen die Gäste ein, ein Ehepaar. Die Frau machte mich mit ihnen bekannt: ‚Mein Mann Tommy.‘ Ich begrüßte zuerst die Dame und stellte mich mit meinem vollständigen Namen vor. Danach wiederholte ich dasselbe bei dem Herrn. Die Dame sagte: ‚Ihr Name klingt ganz anders. Ich dachte, Sie heißen Tommy?‘ ‚Man kann seinen schrecklichen Namen unmöglich aussprechen, deshalb haben wir uns auf Tommy geeinigt‘, knurrte die Frau und warf mir einen bösen Blick zu.
Ich servierte Softdrinks, danach die Vorspeise und so weiter. ‚Sie sind ja immer nur in der Küche‘, sprach mich der Herr an. ‚Setzen Sie sich doch zu uns.‘ Die Frau unterbrach ihn: ‚Tommy geht es heute nicht so gut. Außerdem muss er sich um das Dinner kümmern.‘ Während ich in der Küche den Hauptgang vorbereitete, kam die Frau und starrte mich wütend an. ‚Was fällt dir ein, deinen widerlichen Namen auszusprechen?! Du hast die Frau angeschaut! Gefällt sie dir vielleicht? Du miserabler Bastard, du Stück Scheiße! Na warte, darauf komme ich noch zurück!‘ Ich zitterte vor Angst und entschuldigte mich in einem fort. Sie reichte mir ein Glas Wodka. ‚Trink und benimm dich anständig und serviere endlich den Truthahn!‘
‚Wollen Sie nicht mit uns essen?‘, fragte die Dame. Sofort erwiderte die Frau: ‚Wie gesagt, Tommy geht es heute nicht so gut. Nicht wahr, Schatz? Der Truthahn ist zu fett für dich.‘ Der Herr, er war ziemlich dick, lächelte. ‚Ihr Gatte könnte durchaus etwas vertragen‘, und er strich sich genüsslich über seinen Bauch. ‚Ja, das finde ich auch. Sie sind sehr schlank, Herr Sandhu, zu schlank‘, die Dame sah mich fragend an. Sofort senkte ich meinen Blick und dachte an die Worte der Frau, welche sie in der Küche zu mir gesprochen hatte: ‚Na warte, darauf komme ich noch zurück!‘
‚Dann nehmen Sie doch wenigstens einen Drink mit uns gemeinsam‘, meinte der Herr. Ich stand da und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. ‚Hock dich hin, Tommy‘, und die Frau deutete auf den Sessel. Kein Handtuch lag auf dem Sessel. Nie durfte ich mich ohne Handtuch darauf setzten. Ich bekam Panik! Langsam kauerte ich mich ganz nahe an den Rand des Sessels. Die Gäste und die Frau tranken Wein. Vom Truthahn war noch ziemlich viel übrig. Drei Personen können nicht einen großen gefüllten Truthahn aufessen. ‚Wenn du brav bist, kriegst du den Rest vom Truthahn‘, hatte die Frau mir versprochen. Ich war doch brav, oder? Oder nicht? Ich hatte meinen Namen genannt und der Dame und dem Herrn in die Augen gesehen und ihre Hände geschüttelt. Warum darf man das nicht? Das ist doch höflich, oder nicht? ‚Hole dein Glas, Tommy, und trinke mit unseren Gästen und mit mir. Du magst ja keinen Wein, also komm mit deinem Lieblingsgetränk.‘ Zu den Besuchern gewandt: ‚Mein Mann bevorzugt Wodka pur.‘ Die Gäste schauten mich erstaunt, aber auch angewidert an.
Ich fühlte mich so hilflos, mir war schlecht, ich hatte Hunger. Außer drei Stück Schwarzbrot und drei Scheiben Käse hatte ich nichts im Magen. Ein wenig genascht hatte ich während des Kochens, trotzdem war ich hungrig. Wenn alles gut geht, wenn ich ihr keine Schande bereite, dann kann ich den Rest vom Truthahn essen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Endlich wieder mal ein Stück Fleisch.
Mit dem mit Wodka gefüllten Glas stand ich im Wohnzimmer. Keiner beachtete mich. Sie unterhielten sich über Geschäfte und ähnliches. Soll ich mich setzen, soll ich wieder gehen? ‚Setzen Sie sich doch, Herr Sandhu‘, sprach mich die Dame an. Ich schaute zur Frau, ihr Blick war hasserfüllt. ‚Nein, danke, ich habe noch etwas zu tun‘, und ich leerte das Glas Wodka im Stehen, ganz schnell.
In der Küche wartete ich, was weiter geschehen würde. Mir war so schlecht, ich hatte schreckliche Bauchschmerzen und mir war schwindlig. Doch ich setzte mich nicht hin, ich getraute mich nicht. Nach einer Weile rief die Frau: ‚Tommy, wir sind mit dem Essen fertig!‘ Nachdem ich alles abserviert hatte, sagte der Herr: ‚Also, dieses Mahl war vorzüglich. Falls ich noch Platz in meinem Bauch hätte, ich könnte weiterspeisen.‘ Die Frau befahl mir, die saftigen Stücke einzupacken, um sie den Gästen mitgeben zu können. Übrig blieben nur mehr das Gerippe und ein wenig Füllung. Beim Hinausbegleiten der Gäste hörte ich die Dame sagen: ‚Ihr Gatte sieht nicht gesund aus. Tommy hat dunkle Augenringe und er ist so dürr.‘ Die Frau antwortete: ‚Er hat Gastritis und irgendetwas mit der Leber. Er trinkt zu viel. Ach, ich bin eine geplagte Ehefrau. Sie wissen gar nicht, was ich alles durchmachen muss.’
Ich stand in der Küche und weinte. Während ich weinte, stopfte ich so schnell wie möglich die Speisereste in mich rein. Was die Frau über mich gesagt hatte, stimmte nicht. Welchen Eindruck haben diese vornehmen Gäste von mir bekommen? Ich wollte doch nur höflich sein, ich wollte alles richtig machen und ich hätte so gerne Wein getrunken und Truthahn gegessen …
Jenny
Ich erinnerte mich an die ersten Stunden in meiner Wohnung mit ihm. Er hatte den Tee und die Suppe hastig ausgetrunken, im Stehen! Er hatte mich nicht angesehen und als ich ihm die Hand gereicht hatte, hat er seine eilig zurückgezogen.
„Was geschah dann, Raju?“ Seine Augen wirkten leer und waren in die Ferne gerichtet. Er sprach weiter: „Dann habe ich das Geschirr gewaschen und die Küche und das Esszimmer saubergemacht. Ich wusste nicht, was als nächstes kommt. Braucht sie mich heute noch? Was soll ich zum Frühstück vorbereiten? Bitte keine Peitsche, bitte keine Zigaretten, bitte kein Schlecken, betete ich. Später schlich ich zum Schlafzimmer. Die Frau lag zugedeckt im Bett und schlief. Gott hatte mich erhört! Ich ging in meinen Keller, zog den Anzug aus und legte mich nackt auf die Matratze. Lange habe ich geweint, doch mein Penis half mir, dass ich einschlafen konnte. Dann kam der nächste Tag … Weiter möchte ich nicht mehr erzählen“, sagte er und schloss die Augen.
„Raju, warum hast du dich nie gewehrt? Du hättest doch dieses Ehepaar um Hilfe bitten können.“ Er zuckte nur seine Schultern. „Was kann ich sagen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, Jenny.“ Still weinte er vor sich hin. „Raju, es ist vorbei! Sieh nur die Sonne, diesen schönen Park – und ich bin bei dir!“ „Lass uns bitte nach Hause gehen, Jenny. Bitte, lass uns nach Hause gehen, zu dir.“
Auf dem Weg nach Hause hielt er fest meine Hand, sein Kopf war gesenkt, er starrte nur auf den Gehsteig. „Jenny, ich war so feige, so mutlos. Die Frau hat etwas an sich … ich weiß nicht, was. Wirst du ebenfalls so was mit mir tun?“ „Nein, Raju, niemals werde ich dir Schlimmes antun.“ „Auch wenn du es machst, ich würde es ertragen. Von dir würde ich alles ertragen. Ich liebe dich, Jenny. Du hast mir mein Leben, meinen Namen, meine Augen, mein Lächeln und mein Lachen zurückgegeben. All das behalte ich jetzt!“
Vor der Haustür überreichte ich ihm meinen Schlüssel, ich besaß noch zwei Reserveschlüssel in der Wohnung. Erstaunt sah er mich an. „Raju, sperre auf. Das ist jetzt dein Schlüssel. Herzlich willkommen zu Hause“, und ich lächelte ihm ermunternd zu. Er zitterte, als er den Schlüssel im Schloss umdrehte. Im Lift betrachtete er sich. „Schau, Jenny, ich stehe neben dir. So anders sehe ich aus. Neben dir sehe ich aus wie ein Mensch. Du hast wieder einen Menschen aus mir gemacht.“ Vor der Wohnungstür zögerte er. Sein Gesichtsausdruck war sehr konzentriert. „Na los, Raju, sperr auf! Herzlich willkommen zu Hause.“ Mit zittrigen Händen öffnete er die Tür. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Langsam und ernst ging er ins Badezimmer. Dann wurde er augenblicklich euphorisch. Dieser Mann ist doch manisch-depressiv, schoss es mir in den Kopf. Er braucht ganz sicher eine Psychotherapie. Tanja hat recht!
Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt.
„Jenny, sieh nur, alles ist noch da! Hier hast du mich verbunden, mir die Salbe aufgestreichelt, mir die Haare gewaschen und geschnitten. Schau, hier habe ich geduscht und die Körperlotion aufgestreichelt.“ Er lief in die Küche und zählte alles auf, was er dort erlebt hatte. Er öffnete den Kleiderschrank im Vorzimmer. „Jenny, dieses schöne Gewand! Morgen ziehe ich eine Jeans an und ein Hemd. Welches Hemd soll ich morgen anziehen? Gehen wir morgen wieder spazieren?“
Im Zimmer wurde er ruhig. Jedes Möbelstück betrachtete er, als ob es das erste Mal wäre. Lange stand er vor der Glasvitrine mit den Elefanten. Dann blickte er aus dem Fenster. „Schön ist es hier.“ Er strich zärtlich über das Bett. „Schau, Jenny, hier schlafe ich und auf dieser Seite du. Hier habe ich dich zu meiner Frau gemacht und du mich zu deinem Mann.“ Dann kniete er sich vor meine Bettseite und fing zu beten an.
Ich ließ ihn beten, ging in die Küche und schenkte mir einen Whisky mit Wasser ein. Mit Whisky und Zigaretten setzte ich mich auf das WC.
Was für ein Tag! Wie glücklich er im Park war. Dann wieder eine schreckliche Geschichte! Hätte ich mir das gefallen lassen? Ich denke nicht. Mein ganzes Leben tue ich, was mir gefällt. Ich liebe meine Unabhängigkeit und meine Freiheit. Ich habe schon einige Jobs hingeschmissen, nur weil ich mich nicht einem System oder für mich unpassenden Vorgesetzten unterordnen wollte. Warum ist er so schwach? Ich hätte mich gewehrt! Er hat in diesem Haus gekocht und geputzt. Da gibt es doch Werkzeuge, Messer, scharfe Reinigungsmittel. Wieso hat er nicht etwas davon in ihr Glas getan? Wieso hat er nicht einfach ein Küchenmesser in sie gestochen? Ich hätte dies getan. Niemand kann mich unterwerfen!
Ich dachte über seine Erzählungen nach. Er kam illegal. Das war sicher nicht einfach, wenn ich an die TV-Nachrichten über Flüchtlinge denke. Wenn sich jemand zu diesem Schritt entschließt, dann braucht er Mut, Kraft und Stärke. Der Raju, den ich kenne, hätte das niemals geschafft.
Ist er durch diese Teufelin krank geworden oder war er schon immer labil? Und ich? Ich betrachte ihn weder als normalen Mitmenschen noch als Patienten. Ich habe mich in ihn verliebt! Wenn er jetzt gehen müsste, ich würde ihn vermissen. Ich bin nicht religiös, doch jetzt betete ich. Mit dem Glas Whisky in der Hand und einer Zigarette im Mund, betete ich:
„Gott, oder was immer du bist, mache ihn gesund! Gib ihm Gesundheit und Kraft. Gib ihm Stärke, Selbstbewusstsein und alles, was ein Mensch so braucht. Gib ihm Freiheit! Gib ihm einfach das, was er sich wünscht. Bitte! Tue das für Raju, für meinen Raju“, und ich weinte bitterlich.
Es klopfte. „Jenny?“ Er öffnete die Tür. „Jenny, wieso weinst du? Komm, Jenny, komm raus.“ Er führte mich in die Küche. Ich setzte mich, er goss mir ein neues Glas Whisky ein. „Zur Beruhigung“, sagte er. Dieselben Worte hatte ich gesprochen, als ich ihm am ersten Tag ein Glas anbot. Was ist nur los? Ich muss mich um ihn kümmern! Jetzt kümmert er sich um mich? Ich denke, ich habe einen Nervenzusammenbruch. „Raju, so geht das nicht. Ich bin kaputt, meine Nerven …“
Mein Handy klingelte. Es war 19.10 Uhr. „Hallo?“ Es war Tanja. „Entschuldigung, wenn ich dich störe, aber später habe ich keine Zeit mehr.“ Sie erzählte mir von einem Patienten, welchen wir dazu bekommen hatten. Sie berichtete über ihre Einsätze und alle Neuigkeiten. „Wie lange bist du noch im Krankenstand?“, fragte sie. „Zirka eine Woche.“ „Super, dann ist alles wieder normal. Was macht der Typ?“ „Es geht ihm soweit gut. Die Wundheilung verläuft optimal.“ „Cool, dann kannst du ihn endlich rausschmeißen. Hoffentlich bekommst du keine Anzeige.“ „Ich war heute mit ihm spazieren, im Park.“ Tanja sprach nun ganz ruhig: „Jenny, ich weiß nicht, was dir an ihm gefällt. Ich weiß, du hast ein großes Herz, ein zu großes. Denk auch an dich!“ Dass ich mit Raju geschlafen hatte, erzählte ich ihr natürlich nicht. „Tanja, ich melde mich wieder. Muss es 10.30 Uhr sein?“„Nein, aber einmal am Tag rufst du mich an. Wenn nicht, komme ich mit den Bullen.“ Ich lachte und legte auf.
Raju fragte: „War das deine Freundin?“ Ich bejahte. „Sie mag mich nicht, weil ich so unhöflich war. Jenny, ich bin nicht unhöflich. Ich möchte sehr gerne höflich sein. Du musst es mir nur zeigen, wie ich das machen soll.“ „Raju, ich muss mich ausruhen und du dich auch. Du musst essen, ich habe ebenfalls Hunger.“ Ich bestellte eine extra große Pizza. „Raju, in ungefähr zwanzig Minuten kommt die Pizza.“ Ich gab ihm Geld. „Wenn es läutet, öffne und gib dem Lieferanten ein Trinkgeld.“ Ich war erschöpft und gereizt. Wie soll das weitergehen? Mein Bankkonto? Mein Leben? „Jenny, die Pizza ist da! Essen wir?“ Nur mit seinem um die Hüften geschlungenen Handtuch servierte er auf meinem – unserem? – Bett die Pizza. „Deine Gerichte schmecken besser, Raju.“ „Wenn man liebt, schmeckt jedes Essen sehr gut, Jenny.“
Später schaltete ich den Fernseher ein, ich wollte mich etwas ablenken. Raju lag auf dem Bauch neben mir. Ich betrachtete seine Wunden, sie waren getrocknet. Ich könnte ihm die Heilsalbe auftragen, überlegte ich. Doch er schlief. Endlich schlief er. Ganz gelöst lag er da, ruhig und gleichmäßig ging sein Atem. Ich war zufrieden, ich möchte ihn so sehr glücklich sehen. Hoffentlich hat dieser Gott mein Gebet erhört! Zärtlich strich ich ihm übers Haar. Er bewegte sich ein wenig. „Ich liebe dich, Jenny“, murmelte er. Dann schlief er weiter, ganz locker und entspannt.
Punkt fünf Uhr morgens erwachte ich, gut hatte ich geschlafen. Ich wurde munter, da Raju sich bewegt hatte. Er lag immer noch ausgestreckt auf dem Bauch. Langsam drehte er sich um und setzte sich auf.
„Was möchten Sie frühstücken?“ Seine Augen blickten ins Leere, sein Gesichtsausdruck wirkte verstört. Es ist fünf Uhr! Wieso ist er um diese Uhrzeit immer wach, wieso schaut er dann so seltsam? Warum sagt er „Sie“ zu mir? Ich erinnerte mich an folgende Worte von ihm: „Ich muss immer um fünf Uhr aufstehen, ich darf nicht verschlafen. Nie wieder darf ich verschlafen.“
Ich nahm seine Hände und drückte sie fest. „Raju, ich bin es, Jenny! Schau mich an, schau mich an, sieh mir ins Gesicht!“ Er sah mir in die Augen. Langsam wurde sein Blick weich, er erkannte mich. „Jenny, du bist es. Ich bin bei dir, Jenny.“
Raju
Jenny, das ist Jenny und nicht diese Frau! Sie lächelt mich an. Ich sitze in ihrem Bett, in diesem wunderbaren Bett, in dieser wunderschönen Wohnung. Meine Jenny! Bitte sag mir, was ich für dich tun kann. Möchtest du Frühstück? Gerne würde ich dich streicheln. Gerne würde ich dich küssen. Was soll ich tun? Jenny, gib mir Befehle! Ich mache alles, was du willst. Gerne würde ich dich liebhaben, ich bin doch dein Mann! Bin ich ein Mann? Als ein Mann würde ich dich jetzt lieben … ich liebe dich, Jenny! Ich begehre dich, ich will dich streicheln, ich will dich küssen, ich will so gerne in dir sein, Jenny. Wie lieb du mich anschaust. Was sagst du, Jenny? Du sprichst irgendwas, ich verstehe nicht. Doch deine Stimme, sie klingt so sanft. „Raju, es ist zu zeitig, um zu frühstücken“, sagt sie. Sie meint, ich soll mich auf den Rücken legen, sie will mich streicheln, sie will mich küssen. Das hast du gesagt, Jenny? Ich lege mich hin und sie beginnt mich zu liebkosen. Oh, wie sanft, wie gut sie streichelt. Nun küsst sie mich, sie küsst mich auf die Lippen, sie küsst in mich, unsere Zungen tanzen, sie tanzen wie ein Liebespaar.
Jenny, komm auf mich, ich möchte in dir sein. Bitte, Jenny, komm auf mich. Ich nehme sie an den Hüften und schiebe sie sanft auf mein Glied. Keine Angst, Jenny. Ich tue dir nicht weh. Ganz tief bin ich in dir und du bist in mir. Wir küssen uns. Oh, Jenny! Immer möchte ich so mit dir zusammen sein. Auf und ab, auf und ab … Ganz fest presse ich mich in dich, ganz schnell und stark drücke ich. Wir kommen! Wieder sind wir Eins und es gibt nur dich und mich, Jenny. „Ich liebe dich, Jenny!“
Jenny
Ich lag auf ihm, mein Gesicht auf seinen Brusthaaren gebettet. Wie gut er roch. „Elende, stinkende Kreatur“, hatte ihn die Frau, diese Teufelin genannt. „Raju, du riechst so gut.“ Er hielt mich fest umschlungen. „Du duftest auch so gut, Jenny.“ Wir schliefen bis zum Mittag.
Raju schlug vor, einen Paprika-Kartoffel-Eintopf zu kochen. Ich stimmte begeistert zu. „Raju, wollen wir ein Picknick im Park machen?“ Ich erklärte ihm, was ein Picknick ist. Seine Augen strahlten vor Freude. „Im Park beim Brunnen?“ „Nein, in einem sehr großen Park. Dort gibt es einen kleinen See. Wir legen eine Decke auf das Gras und machen Picknick. Doch jetzt würde ich dich gerne mit der Heilsalbe eincremen.“
Er stand nackt im Badezimmer vor dem Waschbecken und urinierte sein Sussu. Erstaunlich, dass er sich nie vor mir geniert – vor Tanja schon!
Ich cremte seinen Rücken und Po ein. Er stöhnte. „Raju, hast du schon wieder einen Steifen?“ „Jenny, bitte sei nicht böse, ich kann doch nichts dafür. Es passiert einfach, wenn du mich berührst. Deine Hände, Jenny …“ Fest presste er sein Glied an das Waschbecken. „Ich will nicht deinen Boden schmutzig machen. Bitte hör auf, mich zu streicheln.“ Ich hörte auf. Er drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt seinen Penis unter das fließende Wasser. Nach einer Weile: „Er schläft jetzt. Kann ich das Gemüse für das Picknick kochen?“ Er band sich ein Handtuch um seine Hüften, ging in die Küche und schenkte uns beiden je ein Glas Wein ein. Während er kochte, saß ich am WC und rauchte. Ich rief Tanja an. „Tanja, ich gehe heute in den großen Park mit dem Teich. Wir werden ein Picknick machen, Raju und ich. Tanja, ich habe mit ihm geschlafen, zweimal schon.“ Dann legte ich auf und stellte das Handy ab. Mir egal, soll sie doch mit den Bullen kommen!
Raju und ich packten eine Decke, das Essen und eine Flasche Wein in den Rucksack. Er hatte sich für eine Jeans und ein kurzärmeliges Hemd entschieden. Wir fuhren mit der Straßenbahn. Die ganze Zeit sah er aus dem Fenster. Als wir ankamen, nahm er den Rucksack. „Raju, du sollst den Rucksack nicht auf deinem Rücken tragen.“ Er hängte ihn sich über seine linke Schulter. Wir spazierten durch den großen Park. Viele Leute waren da, alle wirkten entspannt. Auch Raju wirkte entspannt, doch meine Hand hielt er nicht. Wir kamen an einem Tiergehege vorbei: Schafe, Ziegen und anderes Klein-Getier. Raju lächelte mich an. „Die Milch schmeckt sehr gut“, und er deutete auf die Schafe und Ziegen.
Der kleine See! „Ich möchte hier picknicken“, sagte ich. Raju bereitete alles vor. Wir saßen zusammen auf der Decke, genossen die Speisen und den Wein. Verträumt blickte er auf den See. „Raju, darf ich rauchen?“ „Natürlich, Jenny, es macht mir nichts aus. Du tust mir ja nicht weh mit der Zigarette.“ „Nein, ich werde dir nie wehtun.“
„Morgen ist Dienstag, Jenny. Du hast gesagt, bis nach dem Feiertag darf ich bei dir bleiben. Was mache ich morgen?“ Ängstlich sah er mich an. „Du kannst weiterhin bei mir bleiben, wenn du willst. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Ich werde dich nicht alleine lassen.“ „Jenny, ich werde dich auch nicht alleine lassen. Du hast mich zu deinem Mann gemacht. Ich werde immer für dich da sein!“ Liebevoll küssten wir uns.
Dann schlug ich ihm meinen Plan vor: „Morgen mache ich einen Termin beim Arzt. Dann gehen wir zur Polizei und zeigen diese Frau an. Ich werde auch einen Rechtsanwalt beauftragen. Du musst die Scheidung durchsetzen. Wir holen Antragsformulare vom Gericht. Was am wichtigsten ist, Raju, du musst deine Dokumente zurückholen!“ „Aber meine Dokumente hat die Frau.“ „Dann gehen wir eben zu ihr und verlangen die Dokumente!“ Raju fing zu zittern an. „Jenny, ich will nicht diese Frau wiedersehen, ich will nicht in dieses Haus!“ „Ich gehe mit dir, sie muss deine Papiere rausrücken. Das ist dein Recht, Raju!“ „Ich habe meine alten Dokumente, Geburtsurkunde, meinen indischen Reisepass und ich habe auch einen neuen Reisepass von deinem Land. Ich habe auch eine Krankenversicherungskarte und diese gottverdammte Heiratsurkunde!“ Er seufzte. „Was ist ein Rechtsanwalt, Jenny?“ Ich erklärte ihm den Begriff. „Ah, ein Advokat. Du möchtest einen Advokaten? Das ist doch sehr teuer. Du kannst doch nicht so viel Geld für mich ausgeben. Du hast ja schon so viel für mich bezahlt, Jenny. Ich habe nur 130 Euro. Reicht das wenigstens für den Advokaten?“ „Nein, ich denke nicht. Mach dir keine Sorgen, Raju. Noch habe ich etwas Geld auf meinem Sparkonto. Vielleicht werde ich auch kündigen und um eine Auszeit bitten. Es wird schon irgendwie gehen.“ „Jenny, ich will dir alles zurückgeben. Alles! Meine 130 Euro sind im Keller in einer Socke versteckt.“ Dann erzählte er mir wieder eine unglaubliche Geschichte:
Raju
„Alle paar Wochen fuhren wir sonntags in die Innenstadt zu den Büroräumen der Frau. Ihre zwei Angestellten, unsere Trauzeugen, waren auch dort. Sie machten Ordnung in den Akten, so was wie Inventur. Ich war dort zum Putzen. Alles habe ich gereinigt: Fenster, Böden, Möbel, Lampen, einfach alles. Danach hat sie uns bezahlt. Ich bekam zehn Euro.“ „Zehn Euro die Stunde?“, unterbrach mich Jenny. „Nein, zehn Euro für den ganzen Tag.“ „Und die anderen beiden Leute?“ „Die bekamen je hundert Euro.“ Jenny rechnete nach. „Dann warst du dreizehn Mal dort.“ „Nein, ich war sechzehn Mal zum Putzen dort. Aber dreißig Euro hat sie mir wieder abgenommen. Sie war so wütend, da ich schon wieder Seife und Zahnpasta benötigte. Auch das Brot und der Käse waren aus. Sie schrie mich an, dass ich ein Schmarotzer sei, dass ich ihr zu teuer käme. Ich gab ihr dreißig Euro und bat sie um diese Dinge. Ich bat sie auch, mir eine Wurst zu kaufen. Am nächsten Tag erhielt ich das Gewünschte. Sie hatte mir eine große Stange Wurst gekauft. Ich erhielt alle sieben Tage meine Wochenration: Achtundzwanzig Stück Brot, fünfundzwanzig Scheiben Käse. Ich aß morgens zwei Stück Brot mit zwei Scheiben Käse und abends das gleiche. Am vorletzten Tag hatte ich nur noch drei Scheiben Käse und musste am letzten Tag trockenes Brot essen. Deswegen habe ich 130 Euro.“
Jenny
Zwei Jahre lang nur ein wenig Brot und Käse für einen erwachsenen Mann! Den Tod wünsche ich dieser Teufelin! Nein, besser soll sie elendig verrecken!
„Was hast du alles durchmachen müssen! Wie viele Narben deine Seele wohl hat? Werden sie je heilen? Wirst du dies jemals verkraften?“ Lächelnd blickte er mich an. „Jenny, ich bin ja jetzt bei dir. Das ist das reinste Paradies. Hätte ich nicht die Hölle durchlebt, wäre ich jetzt nicht im Himmel. Mach dir keine Sorgen. Solange du mich magst, verkrafte ich alles. Außerdem hast du mir das größte Geschenk gegeben! Ich kann wieder lieben und ich liebe dich, Jenny. Dieses Geschenk kann mir niemand mehr wegnehmen.“ „Raju, woher nimmst du nur immer solch schöne Worte? – Trotzdem brauchst du eine Psychotherapie. Solch schlimme Dinge kann man nicht einfach vergessen.“
Es dämmerte. „Lass uns nach Hause fahren, Raju.“ Freudig packte er alles in den Rucksack. „Ja, Jenny, fahren wir nach Hause …“
Zu Hause duschten wir. Zuerst ich, dann er. Raju brauchte ja dreimal so lange wie ich. Ich recherchierte im Internet nach einem Rechtsanwalt in Sachen Scheidungsangelegenheiten und wurde fündig.
Raju stand vor mir, nur ein Handtuch um seine Hüften gebunden. „Jenny, denkst du, wir könnten mal zusammen duschen?“ Wieder dieser fragende, etwas ängstliche und sehr begehrende Blick in seinen großen Augen. Meine Güte, hat dieser Typ immer nur Sex im Kopf? Ich lenkte das Thema auf etwas anderes: „Kennst du dich mit einem Computer aus, Raju?“ Kopfnicken. „In der Wohnung, in der ich damals mit den anderen Indern zusammen lebte, war ein Computer mit Internetanschluss. Wir konnten indische Filme sehen und Zeitungen in unserer Schrift lesen. Das war schön nach einem Arbeitstag.“ „Komm, setze dich und beschäftige dich mit dem Computer. Ich will sowieso etwas fernsehen.“ Vielleicht verwendet er sein Hirn ja mal für was anderes, dachte ich schmunzelnd.
Ganz vertieft stöberte er im Internet. Ich schaute einen spannenden Film. Manchmal ertönte ein: „Mein Gott, was hat sich alles verändert. Wahnsinn, hast du das gewusst, Jenny?“, so plapperte er vor sich hin.
„Ich lese nur Zeitung, Jenny.“ „Ja mach nur.“ Nach einiger Zeit: „Ich lese nur Zeitung, du brauchst dich nicht zu sorgen.“ „Warum sollte ich mich sorgen?“ „Na ja, vielleicht denkst du, ich schaue etwas anderes.“ „Raju, du kannst schauen, was du willst. Lass mich endlich den Film sehen!“ Doch jetzt war ich unkonzentriert und nervös. Er ist wie ein kleines Kind. Kann er sich nicht mal einige Zeit alleine beschäftigen? „Was meinst du mit ‚etwas anderes schauen‘?“ Raju errötete. Ich verstand! Na klar, Männer ohne Frau! Was sehen die sich wohl an, wahrscheinlich Pornos. Ich lachte laut. Wie süß er doch ist. „Raju, erzähle doch“, lächelte ich ihm ermunternd zu. Verzweiflung und Schamgefühl in seinen Augen: „Jenny, ich tue es nie wieder. Das war damals, da kannte ich dich noch nicht.“ „Was hast du denn getan? War es etwas Schlimmes?“ „Ich weiß nicht, ob es schlimm war. Ich hatte es nicht als schlimm empfunden. Aber heute würde ich es schlimm finden.“ „Du machst mich neugierig, erzähle schon!“ Beschämt senkte er den Kopf und erzählte:
Raju
„Wir machten öfters Party. Nicht in Discos, dafür hatten wir kein Geld. Wir machten Party in der Wohnung. Wir haben gut und viel gegessen und auch viel getrunken. Dann haben wir uns am Computer Frauen angesehen. – Jenny, wirst du auch nicht schimpfen oder zornig sein, wenn ich weiter erzähle?“ „Raju, sieh mich an.“ Verschüchtert hob ich ein wenig meinen Kopf, doch ich getraute mich nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Das ist doch ganz normal, Raju. Junge alleinstehende Männer mit wenig Geld … das ist natürlich. Du brauchst dich dafür nicht zu schämen, Raju.“ „Wirklich?“ „Ja, und jetzt erzähle weiter.“ Sie war ungeduldig.
„Einige von uns bekamen einen Steifen, ich bekam jedes Mal einen. Danach gingen wir abwechselnd aufs WC. Ich war immer der erste, meine Sonne in mir brannte heiß. Aber ich musste schnell sein. Vor dem WC stand schon der nächste. ‚Mach schneller, los beeil dich‘, trieb er mich an. Ich rieb und drückte, ganz fest und schnell, bis mein Saft kam. Das war kein Sex, dennoch konnte ich danach gut schlafen.
Falls ich mal alleine in der Wohnung war, nützte ich die Gelegenheit. Ich legte mich auf die Mitte zwischen zwei Matratzen. Ich stellte mir vor, ich läge auf einer Frau. Ich steckte meinen Penis in den Spalt zwischen beide Matratzen und machte so langsam, wie ich konnte. Einmal hat mich ein Mitbewohner dabei erwischt. Er hat tagelang kein Wort mit mir gesprochen und schlief am weitesten entfernt von mir.“
Jenny
Er hielt den Kopf gesenkt, auf einen Urteilsspruch wartend. „Raju? Jetzt hast du eine Frau.“ Langsam hob er den Blick. In seinen Augen stand Angst, Schüchternheit, Schamgefühl, aber auch Hoffnung. „Darf ich dich weiterhin anfassen, Jenny? Bist du nicht angewidert von mir?“ Zärtlich küsste ich ihn auf die Lippen. „Darf ich dich auch weiterhin anfassen, Raju?“ „Oh, Jenny, bitte, ja bitte! Ich habe solche Angst, dass du aufhören wirst, mich gernzuhaben. Noch nie habe ich so empfunden. Für keine Frau, für niemanden. Ich liebe dich so sehr.“
Wir aßen den Rest vom Eintopf und gingen zu Bett. „Morgen wird ein anstrengender Tag, Raju. Wir müssen früh aufstehen.“ „Ich werde immer um fünf Uhr munter. Wann soll ich dich wecken?“ Wir vereinbarten 5.30 Uhr. Ich schaltete mein Handy ein. Sieben verpasste Anrufe, alle von Tanja. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit ihr und schaltete das Handy wieder aus.
„Wann verlässt diese Hexe normalerweise das Haus, Raju?“ „Punkt neun Uhr.“ „Gut, dann gehen wir zuerst zur Polizei und danach holen wir deine Dokumente.“ „Aber wir gehen nicht rein in das Haus. Bitte, Jenny! Sie hat eine Pistole!“ Raju hatte recht. Wenn sie wirklich so ist, wie er sie schildert, dann musste man auf der Hut sein. „Wir werden schon irgendwie alles erreichen. Vertraue mir, Raju. Vielleicht schaffen wir auch den Arztbesuch, das Gericht und den Rechtsanwalt.“ „Was machen wir am Gericht?“ „Wir holen die Formulare für die Scheidung.“ Raju schaute sehr nachdenklich zum Fenster. Nach einer Weile setzte er sich mit überkreuzten Beinen vor mich hin und nahm meine Hände. „Jenny, wenn es wirklich klappt mit der Scheidung, gibt sie mir dann meinen Namen zurück? Ich will nicht, dass sie meinen Namen trägt. Ich will ihn zurück!“ „Wir werden sehen, Raju. Einen Schritt nach dem anderen. Lass uns jetzt schlafen, es ist spät.“ „Jenny, möchtest du meinen Namen tragen? Gerne gebe ich ihn dir, nur dir.“ Was soll ich antworten? Ich weiß es doch selber nicht. So viele Gefühle und doch muss ich Entscheidungen treffen. Er ist so hilflos, ich muss die Verantwortung übernehmen und klar und logisch denken.
„Gute Nacht, Raju, schlafe gut.“ „Jenny, ich habe Angst! Wenn wir morgen zu diesem Haus gehen … ich möchte dich nicht verlieren, Jenny!“
Ich nahm in zärtlich in die Arme, seinen Kopf zwischen meinen Brüsten gebettet. „So möchte ich einmal sterben, Jenny, nur so …“
Er weckte mich, es war fünf Uhr. „Jenny, ich weiß, ich soll dich erst in einer halben Stunde wecken. Bitte, kannst du mich streicheln? Darf ich dich streicheln? Und küssen? Ich habe solche Furcht vor dem Haus, vor der Frau, vor dem heutigen Tag.“ Ich verstand seine Ängste, auch ich hatte ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, diese Teufelin kennenzulernen. Wir streichelten, küssten uns und wir wurden Eins. Beide weinten wir – vor Glück, vor Angst? Nein, wir weinten aus Liebe zueinander. „Raju, ich liebe dich!“ „Ich liebe dich auch, Jenny … was hast du gesagt?!“ „Ich liebe dich, Raju.“ „Du hast mich gerne, sehr gerne?“ „Nein. Ich liebe dich, Raju.“ Er stand plötzlich auf und ging. Nach kurzer Zeit kam er mit einer Packung Feucht-Tücher wieder. Er sprach kein Wort, wirkte ernst und nachdenklich. Er reinigte meine Vagina, danach sein Glied. Er tat dies mit voller Konzentration, als ob er eine teure Vase polieren würde. Danach wickelte er sich sein Handtuch um die Hüften und reichte mir mein Hausgewand. Ich bekleidete mich mit Leggins und Hemd. Was war jetzt schon wieder?
„Jenny, ich bin so glücklich, wenn du mich magst, mich auch ein bisschen lieb hast. Aber, bitte liebe mich nicht! Wenn du wirklich liebst und ich einmal fortgehen muss, dann wirst du sehr traurig sein. Ich will nicht, dass du traurig bist. Ich will nicht dein Herz brechen – dein so liebevolles, ehrliches Herz.“ Ich verstand gar nichts. Welche Gefühlsschwankung hatte er nun schon wieder? „Raju, wieso willst du fortgehen?“ „Ich will nicht fortgehen, niemals!“ „Wieso sagst du dann so etwas?“ „Es könnte doch passieren! Vielleicht erschießt sie mich oder es passiert ein Unfall. Wenn du mich liebst, dann wirst du mich vermissen, oder, Jenny? Ich will nicht, dass du mich vermisst oder traurig bist.“ „Raju, dasselbe könnte auch mir zustoßen. Du sagst, du liebst mich so sehr. Wenn ich nicht mehr da bin, dann breche ich auch dein Herz?“ „Ja, Jenny, mein Herz wäre dann gebrochen, in Stücke. Doch in jedem Stück wirst du sein.“ „Raju, ich finde das nicht fair. Du liebst mich und ich darf dich nicht lieben? Das kannst du mir nicht verbieten! Ich sage es dir noch einmal: Ich liebe dich, Raju!“ Er stand auf, kniete sich vor das Bett und betete. „Ich habe Gott gedankt, dass du mich liebst, Jenny.“
Raju wollte nichts frühstücken. „Ich bekomme keinen Bissen hinunter“, meinte er. Im Badezimmer trug ich ihm die Wund- und Heilsalbe auf, wie jeden Morgen. Die ganze Zeit hindurch blickte er in den Spiegel und sah sich tief in die Augen. Das erste Mal bei dieser Behandlung bekam er keinen Ständer. Er bekleidete sich mit zwei! engen Unterhosen, Jeans, einem langärmeligen Hemd, Pullover, Regenjacke, Socken und Sportschuhen. „Raju, es ist Sommer! Wir bekommen heute mindestens 35 Grad Celsius!“ „Mir ist kalt, Jenny, so kalt.“
Kurz vor sieben trafen wir auf der Polizeistation ein. „Wir möchten eine Anzeige aufgeben“, erklärte ich dem Beamten. „Ausweis bitte!“ Ich reichte ihm meinen Personalausweis. „Um was geht es?“ Ich zeigte auf Raju. „Herr Sandhu möchte gerne eine Anzeige machen.“ Der Beamte seufzte. „Sagen Sie es doch gleich.“ Zu Raju gewandt: „Ausweis bitte!“ Ich erklärte dem Beamten, dass Raju keine Dokumente bei sich trage, weil diese sich im Haus der Frau befänden, welche er anzeigen wolle. „Wegen was wollen Sie die Person anzeigen?“, fragte er Raju. Leise murmelte er etwas. „Ich kann Sie nicht verstehen. Sagen Sie endlich, worum es geht. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“ Bei den letzten Worten zuckte Raju zusammen und fing zu zittern an. Ich drückte ganz fest seine Hand und wandte mich dem Beamten zu. „Es geht um Folgendes …“, und ich erklärte ihm einigermaßen die Situation. Als ich geendet hatte, fing der Polizist zu spotten an. „Du heiliger Strohsack, so was habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt! Die Person hat ihn ausgepeitscht? Ha, ha, ha! Zigaretten auf seinem Arsch ausgedrückt? Ha, ha, ha …“
Ich wurde wütend. „Nehmen Sie endlich die Anzeige auf!“ „Wie heißt diese Person, wo wohnt sie?“, fragte er immer noch lachend. „Raju, sag den Namen und die Adresse bitte.“ „Melissa, Melissa Sandhu.“ Er nannte die genaue Anschrift. „In welchem Verhältnis stehen Sie zu dieser Person?“ Raju antwortete nicht. Ich sagte: „Sie ist seine Ehefrau.“
Raju schnellte empor, sodass der Sessel umkippte. „Sie ist nicht meine Ehefrau, sie ist nicht meine Frau!“ Fuchsteufelswild starrte er mich an. Der Polizeibeamte erhob sich ebenfalls. „Machen Sie ja keine Probleme, junger Mann! Sonst bekommen gleich Sie eine Anzeige!“ Ich drückte Raju wieder auf den Sessel. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf saß er da. Der Beamte nahm endlich die Anzeige auf, Raju unterschrieb. „Trotzdem müssen Sie mit Ihrem Ausweis nochmals kommen. Da kann ja jeder x-beliebige eine so ungeheuerliche Anschuldigung machen.“
Das war heute der erste Schritt gewesen und wir beide waren schon erschöpft. Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Polizeipräsidium und zündete mir eine Zigarette an. Raju setzte sich neben mich. „Jenny, sie ist nicht meine Frau. Sorry, wenn ich wütend war. Sie ist nicht meine Frau, verstehst du?“
Ich rief meinen Hausarzt an und wir vereinbarten einen Termin für heute Mittag. Hernach fuhren wir mit der Straßenbahn bis zur Endstation. Während der ganzen Fahrt hielt Raju meine Hand fest gedrückt und schaute aus dem Fenster. „Raju, drücke meine Hand nicht so fest, es tut weh.“ Er reagierte nicht. Endlich erreichten wir das Haus. Das Auto stand nicht in der Einfahrt, es war 9.12 Uhr. Waren wir zu spät? Raju hielt immer noch meine Hand eisern gedrückt. „Sie ist nicht da, Jenny! Komm, lass uns schnell umdrehen. Fahren wir zurück bitte, sie ist nicht da. Gott sei Dank, sie ist nicht da!“ „Raju, deine Dokumente!“ „Die können wir morgen holen oder ein anderes Mal.“ So leicht wollte ich nicht aufgeben. Ich öffnete das Gartentor. „Jenny, nein!“ Aber er ließ meine Hand nicht los und folgte mir widerwillig. An der Haustür läutete ich, niemand meldete sich. Ich schaute nach oben. Alle Fenster waren verschlossen. Doch die Jalousien waren diesmal nicht herabgelassen. Raju hinter mir herziehend, ging ich um die Hausecke zu den Kellerfenstern. Das dritte Fenster lag zerbrochen auf dem Rasen. Ich blickte durch die Öffnung. „Raju, willst du nicht dein Geld holen?“ Panisch starrte er mich an. „Jenny, ich will da nicht rein!“ Dann stieg ich einfach durch das Fensterloch. Mein Gott, was für ein elendes Quartier … Raju kletterte mir nach. „Bitte, Jenny, du darfst nicht hier sein! Es ist schlecht, es ist gefährlich. Lass uns gehen. Jenny, bitte!“ „Wo ist das Geld?“ Er zeigte auf den Tisch. Dort lagen ordentlich zusammengelegt drei ausgeblichene, mit Flecken übersäte T-Shirts. „Sie sind nicht schmutzig, Jenny. Ich habe sie immer ausgewaschen“, flüsterte er meinem Blick folgend. Mit kaltem Wasser und Seife hatte er versucht, das Blut zu entfernen. Armer Raju! Mein Herz krampfte sich zusammen. Er nahm ein Paar Socken und zog Geld aus ihnen heraus. Lauter Zehneuroscheine. Raju zählte: „130 Euro, Jenny.“ Er gab mir das Geld. Anschließend drehte er sich zur Matratze und trat mit den Füßen gegen sie. Wie wahnsinnig trat er nach ihr. Er schlug auf das Waschbecken und drehte das Wasser auf. „Haha!“, schrie er. „Kaltes Wasser, immer nur kalt, auch im Winter!“ Mit seiner Faust drosch er auf den Spiegel ein, bis er zerbrach. Erschrocken dachte ich: Er ist irre, er dreht durch – wahnsinnig und aggressiv! Ich hatte Angst. „Raju! Raju, hör auf! Komm, Raju, wir gehen! Schnell, wir gehen!“ Seine rechte Hand blutete von den Schlägen gegen den Spiegel. Ruckartig wurde er still. Mit unendlich traurigen Augen sah er mich an. „Du hast recht, Jenny. Lass uns gehen.“
Wieder in unserem Wohnviertel, besorgten wir uns die Antragsformulare vom Bezirksgericht. Bis zum Arzttermin hatten wir noch Zeit, so beschloss ich, beim Rechtsanwalt um einen Termin nachzusuchen. Wir erhielten sofort einen. Nachdem ich dem Anwalt unsere Sachlage erklärt hatte, meinte er mit verwundertem Blick auf Raju: „Das ist ein äußerst ernster Fall. Dieser Fall hat Priorität.“ Er schaute in seinem Terminkalender nach. „Nächsten Montag 9.30 Uhr?“ Raju und ich bedankten uns herzlich.
„Du hast noch nichts gefrühstückt, Raju.“ Ich kaufte uns beiden einen kleinen Imbiss. Langsam schlenderten wir zum Hausarzt.
Da Raju keine Krankenversicherungskarte hatte, setzte ich einen Geldbetrag ein. Seine Versicherungsnummer kannte er nicht. Die Arztassistentin sah im Computer nach. „Sie tauchen hier nicht auf, Herr Sandhu.“ „Ich habe eine E-Card, Jenny. Ich habe sie gesehen. Aber in deinem Land war ich noch nie bei einem Arzt. Vorher war ich nicht krank, später durfte ich nicht zum Doktor.“ Die Assistentin schüttelte verwundert den Kopf. Wir nahmen im Wartezimmer Platz. „Raju, die Assistentin hat mit dir gesprochen, doch du hast mir geantwortet. Wenn der Arzt dir Fragen stellt, antworte ihm und schaue ihm in die Augen.“ Er nickte.
Bald kamen wir dran. Raju schüttelte dem Arzt die Hand und stellte sich mit seinem vollständigen Namen vor. Wie ein Erstklässler in der Schule, wie auswendig gelernt. Ich lachte. Auch der Arzt lächelte. „Nehmen Sie Platz, was führt Sie zu mir?“ Raju sah mich fragend an. Ich erzählte dem Arzt die Einzelheiten. Besorgt sah er sich Rajus Rücken, Gesäß und Geschlechtsteile an. „Den Verbandswechsel haben Sie gut durchgeführt, auch die Heilsalbe ist richtig“, informierte er mich. Weil er schon jahrelang mein Hausarzt war, wusste er natürlich, dass ich Krankenschwester bin. „Ich verschreibe Ihnen eine spezielle Narbensalbe für den Rücken. Es scheint, Sie wurden da rechts am meisten verletzt, Herr Sandhu.“ Raju bejahte. „Ansonsten sind Sie ziemlich unterernährt. Ich überweise Sie an ein Labor, wir werden Ihr Blut, den Harn und Stuhl testen.“ Ich fragte: „Muss er nicht ins Krankenhaus?“ „Warten wir zuerst die Laborergebnisse ab. Bei Ihnen ist er gut aufgehoben. Im Spital würde er eventuell einen weiteren Schock bekommen. Ihr Bekannter ist sehr labil.“ Raju stand auf, blickte dem Arzt ins Gesicht und sagte: „Ich bin kein Bekannter von Jenny. Sie ist meine Frau und ich bin ihr Mann.“ Ich dachte: Meine Güte, Raju, was redest du wieder?, und errötete. Der Arzt schaute erst erstaunt, dann lächelte er. „Setzen Sie sich bitte, Herr Sandhu.“ Raju nahm Platz. „Erzählen Sie mir Ihre Vorerkrankungen. Haben Sie eine chronische Krankheit oder eine Allergie? Hatten Sie schon Operationen?“ Raju verneinte zuerst, dann erklärte er: „Ich hatte diverse Kinderkrankheiten und öfter Malaria mit hohem Fieber. Aber ich wurde immun dagegen.“ „Sind Sie geimpft?“ „Ja. Bevor ich wegging, ließ ich mich gegen Hepatitis impfen. Der Schutz währt noch einige Jahre. Ich habe auch kein Hepatitis-C. Ich habe mich untersuchen lassen. Das haben die Schlepper verlangt. Sie wissen, Herr Doktor? Die Männer, die mich und die anderen hierher schmuggelten, verlangten das.“ Raju senkte den Kopf. „Jenny, ich habe keine Krankheit. Ich habe auch kein Aids.“ Der Arzt fragte: „Sie haben auch einen Aids-Test gemacht? Das ist sehr gut, wann?“ „Zwei Monate, bevor ich Indien verließ.“ „Sind Sie sicher, dass Sie sich danach nicht angesteckt haben könnten?“ „Ja, Herr Doktor. Ich hatte danach keine Frau mehr. Und mit dieser Frau aus dem Haus war ich nie richtig vereint! Außerdem ist die Frau HIV-negativ.“ Sein Blick wandte sich zu mir: „Jenny, ich bin sauber. Niemals hätte ich dich berührt, wenn ich schmutzig gewesen wäre.“ Ich war ganz verlegen. Der Arzt lächelte uns zu. „Na, das wird ja eine neue Romeo-Julia-Story. Alles Gute euch beiden, wir sehen uns mit dem Laborbefund wieder.“
Raju und ich setzten uns beim Rückweg auf eine Parkbank. „Ich werde Tanja anrufen, Raju. Sie wird sich sicherlich Sorgen machen.“ Nach Beendigung des Telefongesprächs brauchte ich sofort eine Zigarette. Es war unfassbar, was Tanja getan hatte! Weil ich seit gestern nicht erreichbar gewesen war, ist Tanja heute Morgen bei mir vorbeigekommen. Da Raju und ich schon unterwegs waren, hatte Tanja den Schlüsseldienst gerufen. „Raju, der Aufsperrnotdienst hat die Wohnung geöffnet. Weil wir nicht da waren, ging Tanja zur Polizei und wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben. Das geht aber erst nach achtundvierzig Stunden. Ist das nicht unglaublich, Raju? Was mich das wieder kosten wird! Ein Schlüsseldienst ist teuer. Außerdem besteht sie darauf, uns heute Abend zu besuchen.“ „Es ist alles meine Schuld, Jenny. Deine Freundin ist böse auf dich und erst recht auf mich. So viele Geldausgaben hast du wegen mir. Arbeiten gehst du auch nicht, alles nur wegen mir. Ich tue dir nicht gut, ich bin schlecht für dich.“ „Hör sofort auf, solchen Unsinn zu reden!“
Ich rief meine Firma an und teilte meiner Vorgesetzten mit, dass ich wohl noch zwei Wochen im Krankenstand bleiben würde. Sie war alles andere als erfreut.
„Wir sind schon seit Stunden unterwegs, bist du müde, Raju?“ Er verneinte. „Können wir noch einkaufen gehen? Ich hole die Narbensalbe von der Apotheke und wir brauchen Lebensmittel.“ Er nickte und sah mich beschämt an. Tiefe Schatten lagen unter seinen traurigen Augen. „Raju, bitte sorge dich nicht. Ich habe genug Geld, ich will dieses Jahr sowieso nicht in Urlaub fahren“, log ich. Plötzlich kam mir eine Idee, wie ich ihn, wie ich uns wieder fröhlich stimmen konnte.
„Raju, komm, wir schauen im Einkaufszentrum vorbei.“ Ich kaufte ihm eine Geldtasche. Zuerst wollte er nicht, zu teuer. Ich redete ihm gut zu. Viele Geldtaschen sah er sich an und untersuchte sie. „Nimm doch einfach eine, die sehen doch alle ähnlich aus.“ „Nein, Jenny. Darf ich ein Foto von dir haben?“ „Ja, wieso?“ „Jenny, ich möchte so gerne ein Foto von dir. Das stecke ich in die Geldtasche. Doch sieh nur, manche Taschen haben eine mattierte Folie. Ich brauche eine klare, damit ich dich ganz genau anschauen kann.“ Endlich entschied er sich. An der Kasse sagte er: „Jenny, ich kann bezahlen, wenn du mir mein Geld gibst.“ Ich bezahlte! Danach gab ich ihm seine 130 Euro. „Stecke sie ein, Raju. Deine Geldtasche hat doch auch Hunger.“ Laut lachte er, er war glücklich! Er küsste mich über das ganze Gesicht und drückte mich fest an sich. Die Kassiererin lachte mit uns. „Schön, dass sich Menschen noch freuen können“, und sie wünschte uns alles Liebe. Auf dem Weg zum Supermarkt kamen wir an einem Handy-Shop vorbei. Wieder war ich im Kaufrausch, wenn es um Raju ging. Es macht solche Freude, ihn zu beschenken.
„Raju, hast du ein Telefon in dem Haus gehabt?“ „Nein, ich hatte vorher ein Handy, das hat sie sofort weggeworfen. Sonst hätte ich ja anrufen und meine Freunde um Hilfe bitten können.“ Wie dumm ich war! Diese Teufelin hatte jeglichen Kontakt untersagt und ihn von der restlichen Welt versteckt gehalten.
„Raju, möchtest du wieder ein Handy?“ „Vielleicht irgendwann einmal.“ „Warum nicht jetzt?“ Großes Erstaunen in seinen Augen. Wir standen vor der Auslage. „Raju, ich gehe hier nicht weg, bevor du dich nicht für ein Handy entschieden hast. Keine Widerrede.“ Nach einer Weile deutete er auf eines, ein ziemlich billiges. „Raju, ich übernehme den Handy-Kauf, komm bitte mit.“ Im Geschäft beratschlagte ich mich mit dem Verkäufer und entschied mich für ein Smartphone. Der Verkäufer legte uns vier verschiedene Modelle auf den Ladentisch. „Für eines musst du dich entscheiden, Raju.“ „Das sind keine Handys, das sind Smartphones. Die sind wie ein Computer, die sind wahnsinnig teuer.“ „Denk nicht immer nur ans Geld, gerne möchte ich dir eins schenken. Es macht mir Freude. Du hast so viel entbehren müssen. Bitte nimm eines davon.“ In seinen Augen las ich Unsicherheit, aber auch Freude. Der Verkäufer wurde ungeduldig. „Rufen Sie mich, wenn Sie soweit sind. Ich habe noch andere Kunden.“
Jedes Gerät begutachtete Raju lange und ausführlich. Wie langsam er doch ist. Mein Einkaufsstil: Ich weiß vorher schon, was ich will; dann rein ins Geschäft, aus dem Gewünschten etwas aussuchen, bezahlen und raus aus dem Laden. Ich hasse einkaufen. Doch mit Raju macht es mir großen Spaß. Auch wenn es sehr anstrengend ist. Er ist so langsam. Nein! Er ist bedächtig, behutsam und höchst konzentriert. So wie er auch mit mir umgeht …
„Was denkst du über dieses Modell, Jenny?“ Er erklärte mir die verschiedenen Funktionen. „Wir kaufen es!“, beschloss ich. An der Kasse wurde es peinlich. Nachdem ich bezahlt hatte, nahm er meine Hände und drückte sie sanft. Tränen standen in seinen Augen. „Jenny, ich danke dir so sehr. Du machst mich zum glücklichsten Mann auf Erden.“ Ich wusste, er meinte nicht nur die Einkäufe. Der Verkäufer wusste es aber nicht und dachte wohl, Raju sei geisteskrank. Kopfschüttelnd sagte er: „Wie kann man sich nur für ein Handy so begeistern?“
Wir kauften noch Lebensmittel und Getränke im Supermarkt ein. Auch da ließ ich ihm freie Wahl. „Raju, du bist der Koch. Nimm, was du möchtest und was wir brauchen.“ Der Einkaufswagen war voll, die Rechnung zeigte ich ihm nicht. Schwer bepackt ging es nach Hause. Mir fiel das indische Lebensmittelgeschäft in der Nähe meiner Wohnung ein und ich sprach Raju darauf an. Seine Augen leuchteten. Vor dem Geschäft bat er mich, einen Augenblick zu warten. Er nahm das Smartphone aus der Verpackung und steckte es in seine linke Gesäßtasche, die Geldtasche befand sich rechts. „Jenny, bitte, wenn wir etwas kaufen, lass mich bezahlen. Bitte.“ Na klar, ein Mann, ein Inder … „Muss ich auch zwei Schritte hinter dir gehen?“, fragte ich ihn zynisch. Er starrte mich entgeistert an. „Jenny, wieso sagst du so etwas? Ich verehre dich, ich liebe dich!“ An der Eingangstür stellten wir unsere Tüten ab. Raju nahm mich bei der Hand. Nun redete er in seiner Sprache. Aufrecht, die Schultern gerade, mich an der Hand haltend, plauderte er mit den Verkäufern. Ich verstand kein Wort. Er deutete immer wieder auf mich und die Angestellten begrüßten mich höflich. Schön klang seine Stimme. Nicht schüchtern, sondern flüssig und kraftvoll kamen die Worte aus seinem Mund. „Möchtest du heute Okra essen, Jenny?“
Wir kauften alles ein, was Raju benötigte, auch Mangos, Granatäpfel und ein Mandelöl für den Körper. Er zog seine Geldtasche und bezahlte. „Es fehlt nur noch ein Foto von dir, dann ist die Geldtasche glücklich“, lächelte er mich an.
Auf dem Weg nach Hause fragte ich ihn, was er denn mit den Indern gesprochen hatte. „Ich habe dich vorgestellt. Ich habe gesagt, dass wir in der Nähe wohnen und öfter bei ihnen einkaufen werden. Ich habe gesagt, dass du meine Frau bist. Ich habe gesagt, dass du mein Leben gerettet hast. Ich habe gesagt, dass ich dich liebe!“ Ich war sprachlos. Man geht doch nicht einkaufen und stellt sich allen Verkäufern vor. „Jenny, die ganze Welt soll wissen, wie sehr ich dich liebe!“
Es war bereits halb drei geworden, seit fünf Uhr früh waren wir unterwegs. Einiges hatten wir erledigt, doch Rajus Dokumente hatten wir noch nicht. Morgen müssen wir es wieder versuchen. Raju hatte außer einem kleinen Imbiss noch nichts im Magen. Auch ich war hungrig, vor allem aber erschöpft. Tanja will gegen achtzehn Uhr vorbeikommen, auch das noch! Ich schenkte mir ein Glas Wein ein, ging aufs WC und rauchte.
Raju kniete vor meiner Bettseite. Die Geldtasche und das Smartphone lagen auf dem Bett. Er betete. Er hatte sich wieder umgezogen, besser gesagt ausgezogen. Nur das Handtuch bedeckte seine Lenden. Die Geldtasche und sein neues Handy legte er auf den Nachttischkasten neben seiner Bettseite. Ich entdeckte auch die Packung Feucht-Tücher und zwei kleine Handtücher. Auch ich zog wieder Bluse und Leggins an.
„Jenny? Denkst du, deine Freundin mag Okra-Gemüse? Ich koche leckeres Gemüse mit Hirse. Vielleicht mag sie auch Mango?“ Mir war egal, was Tanja mochte oder nicht. Wegen ihr hatte ich eine saftige Rechnung vom Schlüsseldienst erhalten. Doch Raju und ich mussten sowieso essen. Dann war es besser, ein gesundes Gericht zu kochen.
„Jenny, du siehst müde aus.“ „Ich bin auch müde, du nicht?“ „Doch. Aber nicht müde zum Schlafen. Ich mag keine Träume mehr, sie sind meistens schlecht.“ Sein Blick wanderte zum Fenster.
„Raju, wie lange dauert das Kochen? Ich helfe dir dabei.“ „Zu zweit ungefähr eine Stunde.“ Wir hatten noch drei Stunden, bevor Tanja kommen würde. „Raju, wenn Tanja kommt, kannst du dir bitte etwas anziehen?“ Er nickte. „Jenny, ich wollte mich nie nur mit einem Handtuch bekleidet vor ihr zeigen. Es ging alles so schnell, als sie läutete. Dann musste ich mich noch entblößen. Du wolltest doch, dass sie meine Verletzungen sieht. Ich habe mich so geschämt, Jenny!“ „Bei mir läufst du auch nur mit einem Handtuch um die Hüften herum!“ „Jenny, du hast mich gerettet. Du hast meine blutigen Wunden versorgt. Du hast mir warmes Essen und Trinken gegeben. Du hast ‚bitte‘ zu mir gesagt. ‚Bitte setzten Sie sich‘, hast du gesagt. Du hast nachts nach mir gesehen. Als es mir nicht gut ging, hast du mich in deinem Bett schlafen lassen. Jenny, ich fühle mich frei bei dir. Und ein freier Mann braucht doch nur ein kleines Tuch oder ein Handtuch.“
Ich lachte laut, er lachte auch und der Schalk blitzte aus seinen Augen. „Raju, ich liebe dich. Komm jetzt, lass uns wenigstens eine Stunde schlafen.“
Raju
Wie lieb sie da liegt – und ich neben ihr. Schlaf gut, Jenny. Ich möchte nicht schlafen. Ich will dich nur ansehen. Wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt bin ich sechs Tage bei dir. So viel habe ich in diesen sechs Tagen erlebt. So viel Schönes, so viel Gutes, so viel Liebe. Wie lange dauerten doch die sechsundzwanzig Monate in dem Haus. Ich wünsche, dass jeder Tag mit dir so lange dauert, wie die letzten Jahre. Oder noch länger.
Mein Herz klopft so wild. Es will zerspringen, zerspringen vor lauter Glück. Wie stolz ich heute war. Ordentlich gekleidet, mit Geldtasche und Handy trat ich meinen Landsleuten gegenüber. Wie sie schauten, Jenny. Sie beneiden mich um dich. ‚Was für ein glücklicher Mann du bist‘, sagten sie zu mir. Ich bin nicht mehr diese elende, stinkende Kreatur. Ich bin wieder ein Mann. Nein – ich bin endlich ein Mann! Du, Jenny, hast mich zum Mann gemacht. Ich habe wieder Würde.
Ich werde mein Bestes geben, um dich nicht zu enttäuschen. Deine Freundin soll sehen, dass ich dir nichts Schlechtes tue. Hoffentlich mache ich alles richtig, hoffentlich musst du dich nicht für mich schämen.
Jenny
Mit einem zärtlichen Kuss weckte mich Raju. „Jenny, ich liebe dich! Wir haben noch knapp zwei Stunden, bevor Tanja kommt. Kochen wir?“ Gemeinsam fingen wir an, die Zutaten zu schneiden. Zwiebel, Knoblauch, Ingwer, Chili, Tomaten. „Wie soll ich die Okras zerkleinern, Raju?“
Er zeigte es mir. Mit verträumtem Blick sah er mich an. „Du schneidest die Okras wundervoll, Jenny.“ „Raju, das ist babyleicht, ich schneide sie nur in Stücke.“ „Du schneidest sie in so schöne Stücke. Du schneidest sie mit deinen Händen. Alles, was du mit deinen Händen berührst, wird schön und gut. Du hast heilende Hände, Jenny!“ Ich dachte an die Worte meiner ehemaligen Patientin.
Raju nahm seine Vitaminpräparate und trank einen Schluck Kürbiskernöl. „Jenny, ich bin doch etwas aufgeregt wegen deiner Tanja. Darf ich ein Glas Whisky trinken?“ Ich war auch nervös, so tranken wir zusammen je ein Glas. Wir bereiteten noch einen Snack mit verschiedenen Nüssen vor. Es war 17.30 Uhr. Raju zog sich die schwarze Jeans und ein langärmeliges Hemd an. Er stand im Badezimmer und frisierte sich die Haare. „Schau mal, Jenny, meine Haare lassen sich leicht durchkämmen. Sie glänzen sogar etwas. Nur meine Augen, sie sind so schwarz.“ Er meinte seine Augenringe. „Raju, das ist eine getönte Tagescreme, ich verwende sie fast nie“, und ich strich die Creme auf. „Jenny, was machst du nur? Schau mal, das ist schön. Meine Augen sind nicht mehr schwarz, sie sind braun wie meine Haut.“
Kurz nach achtzehn Uhr läutete es an der Tür. Tanja! Wir begrüßten uns herzlich, sie ist ja doch meine beste Freundin. „Tut mir leid wegen des Schlüsseldienstes, ich übernehme die Hälfte der Kosten“, teilte sie mir mit. Wir gingen in die Küche. Raju reichte Tanja die Hand, sah ihr in die Augen und begrüßte sie sehr höflich. „Was darf ich Ihnen zum Trinken anbieten?“ Er benahm sich wie der Hausherr. Tanja schaute ihn verblüfft an.
„Du meine Güte“, zu mir gewandt. „Jenny, was hast du mit dem Typ gemacht? Er ist ja nicht wiederzuerkennen.“ „Tanja, Raju ist anwesend!“ Sie betrachtete Raju von oben bis unten, wie bei einem Viehhandel. Es war sehr peinlich. Endlich erinnerte sie sich an ihre, meistens doch guten Manieren. „Raju, Sie sehen sehr gut aus. Ich freue mich, dass es Ihnen besser geht. Wie geht es Ihren Wunden?“ „Danke, Tanja, viel besser. Jenny und ich waren beim Arzt, dieser hat Jenny sehr gelobt. Sie hat mich gesund gemacht.“ „Raju, du übertreibst“, sagte ich lachend. Tanja: „Hier duftet es so gut, hast du gekocht, Jenny?“ „Nein, Raju hat gekocht. Er kocht andauernd und sehr lecker.“ „Wir haben zusammen gekocht“, erklärte Raju. „Ich habe nur beim Schneiden geholfen“, erwiderte ich. Tanja grinste. „Ihr klingt schon wie ein Ehepaar.“ Raju lächelte sie an.
„Jenny, du hast am Telefon gesagt, dass du zweimal mit ihm geschlafen hast, stimmt das?“ Raju blickte mich entgeistert an. „Ja, Tanja, mittlerweile waren es schon mehr als zweimal.“ Raju errötete und wurde verlegen. „Ist schon in Ordnung, Raju. Tanja ist meine beste Freundin.“ „Seid ihr jetzt zusammen?“ Ich nahm Rajus Hand und drückte sie sanft. Zärtlich schaute er mich an. In seinen Augen stand nichts als tiefe Liebe. Zu Tanja sagte er voll Stolz: „Ich liebe Jenny mehr als alles. Sie ist meine Frau geworden und ich ihr Mann. Sie hat mir alles zurückgegeben, was ich verloren hatte. Nein, sie hat mir gegeben, was ich vorher noch gar nicht kannte.“
Tanja setzte sich auf den Küchenstuhl. „Ich brauche jetzt einen Drink! Habt ihr was Starkes?“ Raju schenkte ihr Whisky ein, sie nahm einen großen Schluck. „Sie dürfen auch gerne rauchen, wenn Sie wollen.“ Tanja kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Ich erzählte ihr, was wir heute schon alles erledigt hatten und informierte sie über die weiteren Schritte. Sie schien mit allem einverstanden zu sein. Nur der Plan, die Dokumente zurückzuholen, behagte ihr nicht. „Wieso geht ihr nicht mit den Bullen dort hin?“ „Ich habe dir doch eben erzählt, wie es auf der Polizeistation abgelaufen ist! Komm, lass uns essen.“
Wir setzten uns ins Zimmer an den Esstisch. „Vorzüglich schmeckt es! Sie kochen sehr gut, Raju. Sehr scharf, aber sehr köstlich.“ Raju strahlte wie ein kleiner Bub.
„Wie lange bleibst du noch im Krankenstand?“, fragte Tanja mich. Dann schlug sie mir Folgendes vor: „Bleib so lange im Krankenstand wie möglich. Die Firma wird dich dann kündigen. Du bekommst eine Abfindung und den Resturlaub ausbezahlt. Mit dem Geld kommst du einige Zeit über die Runden. Melde dich dann arbeitslos, da kriegst du auch Geld. Du bist noch jung, später nimmt dich die Firma oder eine andere sowieso wieder auf. Du weißt, in unserem Job gibt es zu wenig Fachpersonal.“ Ich überlegte. „Tanja, du hast recht, danke für den Tipp. Du bist ein Schatz, so werde ich es machen!“
Raju stand auf und legte seine Hand aufs Herz: „Sobald ich meine Papiere habe, werde ich mich um Arbeit bemühen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Ich möchte Jenny alles zurückgeben, ich möchte für sie da sein, für sie sorgen!“ Ernst und zuversichtlich blickte er mir in die Augen. „Jenny, ich liebe dich! Bitte schicke mich nicht weg. Lass es mich dir beweisen, dass auch ich dich glücklich machen kann. Bitte, gib mir eine Chance.“ Tanja erhob sich. „Das ist ja wie in einem Kitschroman, meine Güte! Seid ihr die neue Version von Romeo und Julia?“ Das zweite Mal an diesem Tag, dass uns jemand mit diesen Liebenden verglich. Sie verabschiedete sich. „Herzlichen Dank, Raju. Es war ein sehr schöner Abend. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen.“ Beide gaben sich höflich die Hand.
An der Wohnungstür schaute Tanja mich eindringlich an. „Ich hoffe, du weißt, was du tust, Jenny. Du bist anscheinend wirklich verliebt in ihn. Liebe macht blind! Vergiss das nicht! Auch wenn er nett und charmant ist, vergiss nicht, er ist krank. Ich meine nicht seinen körperlichen Zustand. Ich meine seine Psyche. Er lebt nicht in dieser Welt. Bitte, passe auf dich auf, Jenny! Einmal am Tag rufst du mich an, in Ordnung?“ Ich versprach es ihr.
Macht Liebe wirklich blind? Wieso soll ich aufpassen? Warum sehen ihn die anderen Menschen als „nicht normal“? Wir tun doch nichts Böses. Er und ich sind einfach glücklich zusammen. Das sollte normal sein! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, gegen jegliche Vernunft habe ich das Richtige getan!
Raju und ich räumten gemeinsam auf und wuschen das Geschirr. Es war ein langer anstrengender Tag gewesen. „Raju, ich bin müde. Ich denke, du auch. Morgen müssen wir früh aufstehen, um rechtzeitig beim Haus zu sein. Du weißt schon, wegen deiner Dokumente.“ „Jenny, ich bin auch müde, aber ich bin angenehm müde. Müssen wir unbedingt morgen zum Haus? Können wir es nicht einen Tag verschieben? Wir könnten morgen einfach nichts tun. Wir haben alles hier. Essen, Trinken und uns beide … Geht das, Jenny?“ Raju hatte recht. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es nicht an. Ich wollte auch einmal richtig ausspannen, die letzte Woche war aufregend genug. „Ja, Raju, das machen wir, wir machen morgen einfach Pause von dieser Welt!“ „Jenny, habe ich alles richtig gemacht?“ „Was meinst du?“ „Mit Tanja.“ „Du warst perfekt, Raju. Tanja war nicht perfekt, sie war manchmal unhöflich.“ „Sie sagt nur, was sie denkt. Das macht nichts. Ich sage auch immer, was ich denke, wenn man es mir erlaubt.“
Ich zog mich um. Eine Leggins und ein T-Shirt, so fühle ich mich wohl in meiner Wohnung. Raju stand voll bekleidet im Zimmer. „Möchtest du dich nicht ausziehen?“ „Jenny, im Gewand sehe ich doch besser aus. Dann musst du nicht meine dünnen Arme und Beine sehen, und die hervorstehenden Rippen.“ „Willst du im Gewand schlafen?“ „Ich will nur, dass du dich nicht ekelst vor mir.“ Mein Gott, ist dieser Mann kompliziert! „Raju, höre mir zu. Ich kenne jeden Teil deines Körpers, hast du das vergessen? Ich liebe dich, Raju. Mein Raju ist da drinnen!“, und ich zeigte auf sein Herz. „Das andere ist nur dein Körper und glaube mir, er wird wieder kräftig und stark.“ Er fing leise zu weinen an. „Jenny, heute hast du mir meine Würde zurückgegeben!“ Er umarmte und küsste mich auf die Wangen, Stirn und den Mund. „Du hast mir mein Leben zurückgegeben. Du hast mir meinen Namen zurückgegeben. Du hast mir meine Augen zurückgegeben. Du hast mir mein Lächeln zurückgegeben. Du hast mir mein Lachen zurückgegeben. Du hast mir meine Würde zurückgegeben. Alles, was ich bin, bin ich nur durch dich, Jenny!“
Er ging ins Badezimmer. Nach einer halben Stunde, ich war schon fast eingeschlafen, stand er vor mir. Mit einem Handtuch um die Hüften und nach Körperlotion duftend fragte er: „Darf ich ins Bett?“ Ich wollte ihn necken und sagte streng. „Nein! Heute schläfst du in der Küche.“ Erschrocken und verwirrt schaute er mich an. „Aber die Matratze ist im Keller.“ „Dann leg dich eben auf ein Badehandtuch.“ In seinen Augen standen Tränen. „Habe ich etwas falsch gemacht, Jenny?“ Ich gab keine Antwort. Er drehte sich um und ging. Ich ließ ihn noch eine Weile zappeln. Wie gemein von mir!
Tatsächlich hatte er ein großes Handtuch auf dem Küchenboden ausgebreitet. Mit im Nacken verschränkten Armen lag er darauf. „Raju?“ „Ja, Jenny?“ Ich kniete mich vor ihn auf den Boden. „Raju, es … es tut mir leid. Ich habe mir einen schlechten, einen sehr schlechten Scherz mit dir erlaubt. Das war gemein von mir. Du hast gar nichts falsch gemacht. Du bist so wunderbar. Ich bin eine Idiotin und ich schäme mich dafür. Bitte verzeih mir, Raju.“ Verständnislos sah er mich an. Er zitterte leicht. „Ich liebe dich, Raju.“ Ich stand auf und schenkte zwei Gläser Whisky mit Wasser ein. „Komm, Raju. Gehen wir ins Bett.“ Er antwortete nicht. Anscheinend war er beleidigt, auch das noch! Ich nahm mein Glas, setzte mich auf das WC und rauchte. Es war falsch, was ich getan hatte. Jedoch, er ist auch so empfindlich. Wie eine Mimose muss man ihn behandeln.
Er lag immer noch auf dem Rücken und starrte ins Leere. Ich legte mich zum Schlafen ins Bett und wartete. Raju kam nicht. Ich schlief ein. Nach ungefähr drei Stunden erwachte ich, der Platz neben mir war leer! Ich schaute in die Küche. Raju lag gekrümmt in Seitenlage auf dem kalten Fliesenboden. Er war nicht zugedeckt. Eine Hand hielt sein Glied, die andere seine Hoden. Wirr fiel ihm sein Haar in die Stirne.
Wie am ersten Tag! Wie am ersten Tag, als ich ihn bei mir aufnahm. Da hat er auch so dagelegen, hatte aber wenigstens eine Matratze, Decke und Polster. Ich fing leise zu weinen an. „Raju? Bitte, Raju, steh auf. Es tut mir so leid …“ Er öffnete die Augen, setzte sich und bedeckte mit dem Handtuch seine Genitalien. „Jenny, warum weinst du denn? Jenny, weine doch nicht.“ Laut aufschluchzend zog ich ihn zu mir hoch. Ganz fest umarmte ich ihn.
Raju
Jenny weint bitterlich. Warum weint sie denn? Habe ich doch etwas Falsches getan? Habe ich sie beleidigt? Habe ich ihre Freundin beleidigt? Was kann es nur gewesen sein? Ich weiß es nicht. Ich will nicht, dass meine Jenny weint. Bitte Gott, sage mir, was ich tun kann. Mache mich doch endlich gut. Mache mich so gut, dass meine Jenny nicht weinen muss. Mein Herz ist so schwer! Wie kann ich es wiedergutmachen? Jenny, bestrafe mich oder mach, was immer du willst, nur bitte, hör auf zu weinen.
„Jenny? Jenny, warum weinst du? Sag mir, was ich tun kann, damit du aufhörst.“ Mit tränenüberströmtem Gesicht sah sie mich an. „Raju, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht kränken. Ich schäme mich so riesig.“ Ich verstand gar nichts mehr. Sie hielt mich fest an sich gedrückt, unaufhörlich flossen Tränen aus ihren Augen. „Jenny, bitte weine nicht.“ Ich umfasste ihr Gesicht mit meinen Händen und küsste ihre Tränen fort. Langsam beruhigte sie sich. „Jenny, ich liebe dich. Sag mir, was ich tun kann, damit es dir besser geht. Komm, Jenny, lege dich schlafen. Du bist erschöpft, es ist alles zu viel für dich.“ Ich nahm sie an der Hand, führte sie ins Bett und deckte sie zu. „Danke, Raju“, sagte sie. „Bist du mir auch nicht mehr böse? Ich schäme mich so. Ich liebe dich doch, Raju!“
Ich begreife überhaupt nichts. Was ist nur los mit Jenny? Ich weiß nicht, was ich machen soll. Gerne würde ich mich neben sie legen und ihre Hände halten. Ich will doch Jenny beschützen. Wann kommt der Tag, an dem ich es verwirklichen kann? So lieblich liegt sie da. Gerne würde ich sie streicheln und küssen. Doch ich möchte sie nicht wecken. Endlich schläft sie. Wo soll ich schlafen? In der Küche auf dem Boden? Egal wo ich schlafe, du bist in meinem Herz, Jenny! Egal wo ich bin, was ich tue, was ich tun werde – immer bist du in mir, Jenny! Ich knie mich auf den Boden vor ihrem Bett und bete.
Vielleicht mag Jenny das Mandelöl? Wie gerne möchte ich ihr das Öl aufstreicheln. Mein Penis erhebt sich, aufrecht steht er da. Jenny mag nicht, dass er immer aufsteht. „Bitte, schlafe endlich“, sage ich zu ihm. Jenny liegt so friedlich da, ich mag sie nicht stören. Ich stehe auf und will zurück in die Küche und mich hinlegen.
„Bitte bleib!“ „Jenny, du bist wach?“ „Raju, bitte komm zu mir und halte mich. Ich möchte auf deinen Brusthaaren einschlafen. Ich möchte, dass du auch schläfst.“ Dann beteuert sie wieder, dass sie mich liebt.
So liegen wir beieinander. Sanft streichle ich ihren Rücken. Mein Penis schläft immer noch nicht. Was soll ich tun? Meine Sonne in mir glüht. „Jenny, schläfst du?“ Wahrscheinlich, sie antwortet nicht. Ich wage es, meine Hand unter ihr T-Shirt zu schieben. Wie weich deine Haut ist. Ich streichle deinen Rücken. Ich darf doch? So gerne möchte ich dich küssen. Überall möchte ich dich küssen. Du schläfst. Ich will dich nicht stören. So schön ist es, wie du auf meiner Brust liegst. Deine Hand hat sich in meinen Brusthaaren vergraben. Noch nie, niemals hat mich eine Frau so befühlt und so zärtlich berührt.
Weißt du, Jenny, ich hatte schon einige Frauen in meinem Leben, in Indien. Ich kaufte ihnen Schmuck oder andere Geschenke. Sie waren ganz gierig danach. Wenn sie zufrieden waren, durfte ich Sex mit ihnen haben. Ich habe sie gestreichelt. Sie ließen es zu. Ich dachte, das ist Liebe.
Doch du, Jenny, du hast mich angefasst. Du hast mich gestreichelt. Du hast mich geküsst, überall hast du mich gestreichelt und geküsst. Als mein Saft in dir war, hast du mich nicht weggeschickt. Weiter durfte ich in dir bleiben. Zusammen schliefen wir ein. Als du erwachtest, hast du mich angelächelt. Noch nie hat mich eine Frau so berührt. Jenny, ich liebe dich! Ich glaube, du liebst mich auch.
Früher war ich kräftig, stark und schön – so sagten es die Leute, die mich kannten. Jetzt bin ich dünn und habe hässliche Narben und dunkle Augenringe. Doch du streichelst und küsst mich. Ich will dich nie verlieren. Bitte, lass mich immer bei dir sein. Bitte, liebe mich immer. Ich bin hungrig nach der Liebe, nach deiner Liebe, Jenny!
Jenny bewegte sich. Sofort zog ich meine Hand unter ihrem Shirt heraus. „Raju?“ „Ja, Jenny?“ „Bist du wirklich nicht böse auf mich?“ „Oh, Jenny, ich verstehe nicht, was du meinst. Wieso soll ich böse auf dich sein? Auf dich, die mir alles gibt?“ „Raju, darf ich dich küssen?“ Sie will mich küssen und streicheln! Sie hat mich schon ein paar Mal geküsst und gestreichelt. Sie will es wieder tun? Sie will das tun, wonach ich mich am meisten sehne? Wonach ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe?
„Jenny, mein Penis ist wach. Ich gehe ihn schnell schlafen legen.“ Ich ging ins Badezimmer und hielt ihn unter das kalte Wasser, bis er endlich schlief. Ich hätte es sonst keine Sekunde mehr ausgehalten. Sie will mich doch streicheln und das soll lange dauern. Bitte, ganz, ganz lange.
Sie küsst und streichelt mich – sie liebt mich! Die Sonne, unsere Sonnen kommen in Schüben … ich küsse dich, Jenny, ich streichle dich. Wie unsere Zungen tanzen, sie tanzen das Lied der Liebenden.
„Darf ich in dich hinein, Jenny?“ „Komm, Raju, komm zu mir, in mich …“ Behutsam stecke ich meinen harten Penis in sie. Jedes Mal ist es ein Wunder. Jedes Mal wie neu, wie das erste Mal mit ihr. Unsere Sonnen brennen so heiß, sie vermischen sich! Ich sterbe Jenny, ich sterbe …
Mein Gesicht zwischen ihren weichen Brüsten, ich bin immer noch in ihr. So zärtlich streichelt sie mein Haar. „Jenny, ich danke dir. Jenny, ich liebe dich. Es ist mehr als Liebe, ich kann es nicht beschreiben. Meine Jenny!“
Um fünf Uhr früh wurde ich munter. Eng an mich gekuschelt liegt Jenny bei mir. Behutsam drehte ich mich etwas weg und stand auf. Ich machte Sussu und reinigte mich. Vor ihrem Bett kniend, dankte ich Gott für dieses wundervolle neue Leben mit meiner Jenny. Ich legte mich wieder neben sie. Sie seufzte, ihre Lippen umspielte ein Lächeln.
Heute ist Mittwoch, heute müssen wir nichts erledigen. Heute bleiben wir zu Hause, Jenny. Zu Hause bei dir! Dann schlief ich wieder ein.
Ich erwachte, es war 7.47 Uhr. Genau erinnere ich mich an diese Uhrzeit. Vor sieben Tagen, am Donnerstag, hörte ich zum ersten Mal deine Stimme: „Kann ich Ihnen helfen? Hören Sie mich? Kommen Sie her zum Fenster. Na los, kommen Sie!“ Dann hast du das Fenster kaputt geschlagen und mich aus dem Kellerloch geholt. Du hast mich aus der Gefangenschaft befreit. Du hast mich so liebevoll aufgenommen. Und jetzt darf ich mit dir zusammen sein. Und du liebst mich, Jenny. So viel Glück! Ich danke dir!
Jenny lag nicht neben mir. Mir wurde kalt, schrecklich kalt. Wo ist sie nur?
„Jenny!“ „Ich bin im Badezimmer, ich komme gleich.“ Gott sei Dank, sie ist da, sie kommt gleich. Lächelnd kam sie ins Bett. „Ich habe mich nur etwas frisch gemacht.“ „Jenny, dein Lächeln ist so schön. So lieb lächelst du mich an.“ Sie sagte: „Raju, dein Lächeln ist auch schön, wunderschön. Ich bin so froh, wenn du lächelst. Ich bin so froh, wenn du glücklich bist. Warst du früher auch so glücklich? Hattest du eine Freundin? Warst du verliebt? Vermisst du sie?“
Mir kamen vor Lachen die Tränen. Ich konnte nicht aufhören vor Lachen. Jenny schaute mich böse an. „Warum lachst du!?“ Ich konnte nicht sprechen vor lauter Lachen. Meine Jenny ist eifersüchtig? Sie liebt mich wirklich, sie ist eifersüchtig.
„Ja, Jenny, ich hatte schon einige Frauen vor dir, in Indien.“ Dann erzählte ich ihr meine Erfahrungen. „Siehst du, Jenny, damals dachte ich, das ist Liebe. Ich habe gegeben, doch ich habe keine Liebe bekommen, nur Sex. Du bist die erste Frau, die mich richtig anfasst, die mich berührt, die mich streichelt, die mich küsst. Wenn mein Saft in dir ist und sich mit deinem vermischt, drückst du mich nicht weg. Ich darf drinnen bleiben. Du umarmst mich ganz fest und ich umarme dich ganz fest. Jetzt weiß ich, was Liebe ist! Du gibst mir alles, wonach ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe. Nur du bist meine Frau, meine Liebe!“
Jenny
Ich dachte über seine Worte nach. Ich hatte auch sexuelle Erfahrungen gesammelt. Dreimal war ich richtig verliebt gewesen, als Teenager, und später auch. Einmal wollte ich sogar heiraten. Zum Glück hatte ich kurz davor den Absprung geschafft. Ich mag es, frei zu sein, frei und unabhängig. War ich denn jetzt frei? Warum nehme ich einen fremden Mann bei mir auf? Keine kurze Liebelei, keine Affäre. Er ist nicht einmal aus meinem Land, meiner Kultur. Er sieht nicht aus wie mein Traumtyp. Er ist dürr, seine Rückseite voll Narben. Er hat keine Papiere, keinen Job, kein Geld. Wieso tue ich mir das an!? Er ist so liebevoll und zärtlich. Er hat mein Herz berührt. „Du gibst mir alles, wonach ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe“, hat er zu mir gesagt. Ich will dir auch gerne alles geben, was du dir wünschst. Du gibst mir auch so viel. „Raju?“ „Ja, Jenny?“ „Ich liebe dich, Raju!“ Mit seinem wundervollen Lächeln schlief er ein. Ruhig und entspannt liegt er neben mir. Er hat etwas an Gewicht zugenommen. Du wirst gesund, Raju!
Mittwoch, früher Nachmittag. Raju liegt nicht neben mir. Wo ist er? Mein Handy klingelte. „Hallo?“ „Ich bin es, Balraj Singh Sandhu. Wie geht es Ihnen, Jenny?“ Ich war perplex! Raju saß in der Küche und rief mich mit seinem neuen Smartphone an. „Tut mir leid, Jenny. Ich habe dein Handy geöffnet. Dann habe ich deine Telefonnummer gespeichert. Sie ist jetzt in meinem neuen Handy. Und meine Nummer ist in deinem Handy.“ Er legte auf, doch nach wenigen Sekunden läutete es wieder. „Hallo?“ „Guten Tag, liebe Jenny. Mein Name ist Balraj Singh Sandhu. Ich bin der glücklichste Mann auf der ganzen Welt. Haben Sie Hunger? Wenn Sie möchten, wärme ich den Rest Okra-Gemüse auf.“
Während er noch telefonierte, kam er ins Zimmer. Ich umarmte ihn und beide kicherten wir. Er hat mich wieder zum Lachen gebracht, er hat einen speziellen Humor. Sehr ernst spricht er etwas, erst nach einer Weile begreife ich, dass es ein Spaß ist. Dafür lachte ich umso mehr. – Er brachte das Gemüse und wir aßen zusammen auf dem Bett. Ich war glücklich.
Raju
„Jenny? Darf ich ein Foto von dir haben? Eines für die Geldtasche und eines für mein Smartphone?“ Zusammen suchten wir zwei Fotos aus.
„Jetzt habe ich ein Telefon, Jenny. Gerne würde ich meine Mutter anrufen. Seit über zwei Jahren hat sie nichts mehr von mir gehört. Ob sie noch lebt? Ich weiß ihre Telefonnummer nicht mehr. Doch meine Heimatadresse weiß ich. Ich könnte ihr doch einen Brief schreiben. Ich könnte ihr dann meine neue Handynummer mitteilen. Wäre das nicht eine gute Idee, Jenny?“
Ich erzählte Jenny von meiner Familie: „Mein Vater war ein Jahr, bevor ich Indien verließ, gestorben. Er hatte einen Autounfall. Danach lag es an mir, meine Familie zu versorgen. Ich habe eine ältere und eine jüngere Schwester, sowie meine Mutter und einen Onkel. Meine ältere Schwester ist verheiratet und wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern hundertfünfzig Kilometer entfernt. Meine jüngere Schwester, glaube ich, wohnt noch bei unserer Mutter. Wir haben ein kleines Haus mit Garten in unserem Dorf. Mein Vater hat alles mir vererbt. Ich habe zwei Felder, auf denen ich Reis und Weizen angebaut habe. Ich habe einen Büffel und zwei Kühe. Jenny, so ein armer Mann bin ich nicht. Trotzdem wollte ich mein Glück im Ausland versuchen. Ich wollte viel Geld verdienen, um meine jüngere Schwester angemessen verheiraten zu können. Und ich wollte einen großen Brunnen für meine Felder bauen, da wir öfters Wassermangel haben. So gerne möchte ich dir alles zeigen!“
Jenny
Wieder erfuhr ich eine traurige Geschichte. Ein vom Glück verwöhnter Mann ist Raju wahrlich nicht. Ich brachte ihm Briefpapier und er begann sogleich zu schreiben. Nach zwei Stunden war Raju fertig.
„Lies mal, Jenny, was ich meiner Mutter geschrieben habe“, und er gab mir den Brief. Es war ein sehr, sehr langer Brief. Ich lachte. „Raju, ich kann deinen Brief nicht lesen.“ „Wieso nicht?“ „Ich kann die Schriftzeichen nicht lesen.“ Dann lachte auch er. „Natürlich, wie dumm von mir. Ich habe in Hindi geschrieben. Aber ich kann dir erklären, was drinnen steht.“ Er hatte unter anderem sehr viel über mich berichtet. So lieb hat er über mich geschrieben. Ganz gerührt wurde ich. Er will mit mir nach Indien fliegen. Alle sollen mich kennenlernen. Seine Mutter wird mich lieben, sehr stolz wird sie auf mich sein. Ich habe sein Leben gerettet und wir sind Mann und Frau – das alles hatte er geschrieben.
„Raju, wieso hast du deiner Mutter geschrieben, wir sind Mann und Frau? Wir sind doch gar nicht verheiratet.“ „Doch, Jenny. Du bist meine Frau. Du wirst immer meine Frau sein. Meine Mutter wird es verstehen. Das Offizielle mit den Urkunden, Hochzeitsfeier und Hochzeitsreise holen wir einfach nach!“ Ich schmunzelte. „Und wenn ich nicht heiraten will?“ Raju sah mich traurig an. „Bitte, sag so was nicht. Lass mir die Hoffnung. Aber ganz egal. Du bist sowieso meine Frau, meine Jenny. Für immer!“ „Hast du in Indien nie heiraten wollen, Raju?“ „Nein, ich habe dir doch meine Erfahrungen mit Frauen geschildert. Meine Mutter wollte mich ein paar Mal verheiraten. Dauernd hat sie mir irgendwelche Mädchen vorgestellt. Doch mein Herz sprach immer: Nein. – Ich habe auf dich gewartet, Jenny. Mein ganzes Leben lang.“ Nach einer Weile, er schaute mich nachdenklich an, bat er um drei Kerzen. Die dritte Kerze schnitt er bis auf ein kleines Stück ab. Dann zündete er alle an und weinte dabei bitterlich. Ich verstand – zwei lange und eine kurze Kerze brannten. Zwei Jahre und zwei Monate, gefangen in dem Haus! „Jenny, muss ich wirklich nie wieder zurück in das Haus? Bitte, sag mir, dass ich nie wieder zu der Frau zurück muss. Bitte, Jenny!“
Wie konnte ich ahnen, dass die Zukunft etwas anderes plante?
Es war früher Abend. Raju hatte sich wieder beruhigt. Ich half ihm beim Zubereiten des Dinners. Heute kochte er ein Melanzane-Gericht aus Auberginen.
„Raju, ich habe dir noch keine Salben aufgetragen.“ Mir kam eine Idee. „Raju, möchtest du baden?“ „Baden? In der Badewanne?“ „Ja, und danach creme ich dich ein.“ Glück und Dankbarkeit standen in seinen Augen geschrieben. „Jenny, ich habe noch nie in einer Badewanne gelegen. Das muss sehr schön sein, im warmen Wasser zu liegen. Kann ich gleich baden? Und dann streichelst du mir die Salben auf? Essen können wir später. Geht das, Jenny?“ Sein Handtuch erhob sich, er hatte einen Ständer. „Oh, Raju!“ Verlegen schaute er mich an und nahm meine Hände. „Jenny, ich kann doch nichts dafür. Wir lieben dich so sehr, wir sind verrückt nach dir.“ „Wir?“ „Er und ich“, er zeigte auf sein Glied. Man kann ihm nicht böse sein, er ist so lieb und unschuldig. So unverdorben – und ich dachte an Mogli.
Ich ließ ihm ein warmes Schaumbad ein. Nackt, mit seinem Steifen, stand er neben mir, ganz ungeniert. „Jenny?“ „Ja, Raju?“ „Deine Badewanne ist groß. Ich denke, sie ist groß genug für uns beide. Willst du mit mir zusammen baden?“ Mit erwartungsvollen Augen sah er mich an. „Bitte, Jenny!“ So badeten wir zusammen und liebten uns in der Wanne. Gegenseitig trockneten wir uns ab und massierten das duftende Mandelöl auf unsere Haut.
Nur seinen Rücken und Po ließ ich frei. „Raju, ich versorge dich jetzt mit den Salben.“ Während ich es tat, blickte er in den Spiegel. Tiefgründig sah er sich in seine Augen. „Jenny?“ „Ja, Raju?“ „Sie waren leer und tot. Nichts konnte ich in ihnen erkennen. Doch schau mal, Jenny. Jetzt lese ich die schönsten Gefühle in meinen Augen. Sieh nur, Jenny.“ Er hatte recht. Warm strahlten sie, glücklich und voll Liebe.
Ich wärmte das Essen und rief Tanja an, einmal am Tag, wie ausgemacht. Raju kniete derweil vor dem Bett, Geldtasche und Handy vor sich, und betete. Immer wieder kann ich seiner melodischen Stimme und Sprache zuhören. Was für ein Mann! Alles an ihm ist so echt, so natürlich. – Danach kam er zu mir in die Küche, ich schenkte uns Whisky mit Wasser ein. „Jenny, darf ich den Computer einschalten?“ „Jetzt? Wollen wir nicht essen?“ „Nur ganz kurz, ich möchte so gerne wieder einmal Musik hören. Mehr als zwei Jahre habe ich keine Musik gehört.“
Wie kann man eine so lange Zeit ohne Liebe, Zärtlichkeit, Musik, Sonne, frische Luft und vernünftige Ernährung bloß überstehen? „Ja, bitte mach Musik, Raju. Ich freue mich.“ Wir aßen im Bett und hörten indische Liebeslieder.
Donnerstag, fünf Uhr morgens: Raju kniete vor dem Bett und betete.
„Entschuldige, Jenny. Ich wollte dich nicht wecken.“ Mit ängstlichen, etwas panischen Augen schaute er mir ins Gesicht. „Hast du schlecht geschlafen, Raju?“ „Nein, ich habe neben dir wunderbar geschlafen. Der gestrige Tag und die Nacht waren so schön.“ Sein Blick wurde verträumt. „Das erste Mal in einer Badewanne – und mit dir und in dir … Musik habe ich wieder gehört. Nur der kommende Tag macht mir Angst. Jenny, müssen wir heute zum Haus? Können wir nicht einfach zu Hause bleiben, so wie gestern?“ „Raju, du brauchst deine Dokumente. Wir wollen doch die Zukunft planen. Lass es uns nicht wieder verschieben. Raju, entspanne dich.“ Sanft nahm ich ihn in meine Arme. Er bettete seinen Kopf zwischen meinen Brüsten und zitterte.
Um sechs Uhr standen wir auf. Raju wollte kein Frühstück, wieder zog er sich warmes Gewand an. Im Aufzug nahm er mich an die Hand. „Wir holen nur schnell meine Papiere, gell, Jenny? Vielleicht müssen wir gar nicht reingehen. Wir kommen sicher zurück, nicht wahr, Jenny?“ Er umarmte und küsste mich auf den Mund.
Um 7.35 Uhr standen wir vor dem Gartentor. Das Auto stand in der Einfahrt. Ein Fenster im ersten Stock war offen. „Das ist das Schlafzimmerfenster“, flüsterte Raju. Fest hielt er meine Hand. Wir durchquerten den Garten und ich läutete an der Haustürglocke.
„Wer ist da?“, rief die Frau und schaute aus dem Fenster. Als sie Raju erkannte, stierte sie ihn erst wütend an, dann grinste sie. Kurze Zeit später, nur mit einem Morgenmantel bekleidet, stand sie in der Haustür.
Raju wagte es nicht, ihr in die Augen zu blicken. Heftig drückte er meine Hand und wankte etwas. Ich stellte mich vor und brachte unser Anliegen dar. Sie bat uns ins Haus. Im Wohnzimmer, im ersten Stock, bot sie mir einen Platz auf dem Sofa an. „Wir möchten uns nicht setzen, Frau Sandhu. Wir wollen die Dokumente und gleich wieder gehen.“ „Ich darf doch den Grund erfahren!“ Ihre Augen nahmen einen befehlenden Ausdruck an. Streng sagte sie: „Tommy, setz dich!“ Ich nahm auf einem Sofasessel Platz und Raju auf einem Stuhl, den er dicht an meine Seite stellte. Meine Hand ließ er nicht los. Den Kopf hielt er gesenkt.
„Frau Sandhu, Raju möchte seine Dokumente. Das ist sein Recht. Außerdem möchte er die Scheidung einreichen. Die Antragsformulare haben wir dabei.“ „Du willst die Scheidung, Tommy? Schatz, liebst du mich nicht mehr?“ Entgeistert starrte Raju sie an. Was für eine falsche Schlange, dachte ich wütend. Sie wandte sich zu mir: „Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ Bevor ich etwas erwidern konnte, stand sie auf und begab sich in die Küche. „Hab keine Angst, Raju.“ „Jenny, sie hat eine Pistole …“ Ich legte mein Handy griffbereit vor mich auf den Tisch.
Frau Sandhu kam mit einem Tablett wieder. Kaffee, Zuckerdose, Milchkännchen und zwei Gläser. Eines davon hatte einen schwarzen Punkt. Beide waren mit Wodka gefüllt. „Tommy mag keinen Kaffee“, und sie reichte ihm das Glas mit dem schwarzen Punkt. Raju schnellte empor und riss mich mit sich hoch. Hektisch nahm er das Glas. „Danke, Madam“, stotterte er und leerte den Wodka auf ex. „Raju, bitte setze dich doch“, bat ich ihn. Wir setzten uns. Seine Hand griff sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Bauch. „Was ist nun mit den Papieren?“ Ich trieb zur Eile an. „Alle Dokumente bewahre ich in einem Safe im Büro auf. In meinem Maklerbüro.“ „Können wir dort hinfahren?“ Sie blickte auf die Uhr. „Das geht nicht mehr. Ich verreise heute, mein Flug geht gegen Mittag. Vorher muss ich einchecken.“ „Wann kommen Sie zurück?“ „Nächste Woche Mittwoch.“ „Gut, dann kommen wir am Mittwoch wieder. Um welche Uhrzeit?“ Wir vereinbarten 19 Uhr. Sie zischte: „Über die Scheidung müssen wir uns noch in Ruhe unterhalten, Tommy!“ Raju erhob sich. Er schlotterte. Mit angsterfüllter Stimme und Tränen in den Augen stammelte er: „Bitte, Madam, ich brauche die Scheidung. Bitte, stimmen Sie zu!“ Ich versuchte, ihn zu beruhigen. „Raju, sie muss der Scheidung zustimmen. Das ist dein Recht.“ Dass wir sie auch angezeigt hatten, sagte ich nicht. Sie hat ja eine Pistole …
Endlich waren wir draußen. Raju rannte und zog mich hinter sich her. Erst bei der Straßenbahnstation stoppte er. Ein Wagon fuhr soeben vor. Schnell drängte er mich hinein. Die ganze Fahrt über hielt er meine Hände. Tränen liefen über seine Wangen. Die Leute schauten schon. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ein Fahrgast. Dankend lehnte ich ab.
Dann waren wir daheim. Meine Nerven lagen blank. Raju zitterte und weinte noch immer. „Soll ich dir einen Tee kochen und Frühstück machen?“ Raju verneinte. „Noch nicht, Jenny. Ich würde es erbrechen. Ich brauche was Starkes.“ Eine Beruhigungstablette wäre besser gewesen, doch ich goss uns einen Whisky ein.
Mit dem Whiskyglas setzte ich mich aufs WC und rauchte. Ich rief Tanja an und schilderte ihr das Erlebte. „Verdammt“, maulte sie. „Jetzt verschiebt es sich wieder um eine Woche. Was hast du für einen Eindruck von ihr? Wie sieht sie aus?“ „Sie hat blondes, schulterlang gelocktes Haar. Sie ist sehr hübsch und gepflegt. Sie war eigentlich freundlich, doch das war nur eine Fassade. Raju hat vor Angst geschlottert. Er getraute sich kaum, ihr in die Augen zu sehen. Sie redete ihn nur mit Tommy an. Einmal hat sie ‚Schatz‘ zu ihm gesagt. Er hat sie entsetzt angestarrt. Ich denke, das war das erste Mal, dass sie ihn so nannte. Es war natürlich nicht ehrlich gemeint. Sie ist eine falsche Schlange und eiskalt! Selbst ich konnte mich ihren durchdringenden Augen kaum entziehen. Sie hat etwas an sich … sie kann Macht ausüben. Ja, Tanja, – sie kann Menschen manipulieren!“
Raju saß in der Küche und hatte seinen Whisky ausgetrunken. Er wirkte etwas ruhiger und zitterte nicht mehr. Ein Glas Wodka und einen Whisky – und das auf nüchternen Magen. Die Uhr zeigte 10.20 Uhr. „Raju, du musst was essen. Ich mache Käse-Schinken-Toasts, die magst du doch so gerne. Mit Zwiebel, Knoblauch und frischem roten Paprika.“ Er schaute mich an, seine Augen wirkten verloren, jedoch auch voll Hoffnung und Liebe. „Raju, meinst du, wir schaffen es heute noch, deinen Laborbefund abzuholen und ihn dem Arzt zu zeigen?“ „Sicher, Jenny, wenn du es willst. Das ist für mich kein Problem, das ist einfach. Alles mit dir ist kein Problem. Bei dir habe ich Energie! Ich liebe dich, Jenny! Danke, dass du mich heute begleitest hast. Nie wäre ich alleine in dieses Haus zurückgegangen.“ Er seufzte tief. „Jenny, darf ich duschen? Ich fühle mich so schmutzig, seit ich sie wiedergesehen habe.“ „Natürlich, Raju. Du sollst nicht immer fragen. Du darfst alles benützen, wann und wie oft du es willst.“ „Darf ich auch meine Kleidung waschen? Die Sachen waren so rein, doch jetzt tragen sie diesen ekligen Geruch aus dem Haus, von dieser bösen Frau.“ Ich nickte. „Jenny, ich kann die Waschmaschine bedienen, ich kenne mich mit Technik aus. Du musst nichts machen.“ Er stand auf, zog sich augenblicklich aus und stopfte sein Gewand in die Maschine, gab Waschpulver hinein und wählte das richtige Programm. „Jetzt gehe ich duschen, Jenny. Ich möchte sauber für dich sein.“
Raju
Seit vielen Jahren kann ich wieder duschen. Mit warmem Wasser und einer so weichen Duschcreme. Und Essen gibt es auch. Und sogar gebadet haben wir zusammen. Ich darf dich berühren, Jenny. Du berührst mich auch, du streichelst mich, du liebst mich. Ich weiß es! Warum liebst du mich? Ich habe nichts, was ich dir geben kann. Ich will dir doch alles geben – Alles! Ich habe nur meine Liebe für dich. Kein Geld, keine Dokumente. Ich bin legal hier. Wenn ich meine Papiere zurück habe, werde ich es dir beweisen. Ich werde für dich sorgen.
Nachdem ich mich geduscht und eingecremt hatte, frühstückten wir. Ich aß vier Toasts und zwei Eier. Jenny lachte und staunte, dass ich so viel auf einmal essen konnte. „Jenny, ich freue mich, wenn du lachst. Es macht mich fröhlich. Oh, Jenny, du gibst mir all die schönen Gefühle wieder: Fröhlich sein, glücklich sein, lachen kann ich – und lieben! In deinem Bett schlafe ich. So schön weich ist die Decke. Die Matratze in der Küche war auch schön. Die Matratze in dem Haus, im Keller, war hässlich. Sie war alt und hat gestunken. Ich hatte auch kein Leintuch, keinen Kissenüberzug und die Wolldecke war auch nicht bezogen. Am schönsten ist es in deinem Bett und mit dir zusammen.“
Jenny fragte mich: „Hast du in ihrem Bett auch mal übernachtet?“ „Ja, Jenny. Manchmal wollte die Frau, dass ich sie mit meinem Schwanz befriedige, nicht nur schlecken. Es war grauslich und strapaziös für mich. Ich breitete ein Handtuch unter ihr aus. Es dauerte immer sehr lange, bis ich einen Steifen bekam. Sie schrie und schimpfte, dass ich schneller hart werden soll. Sie lag mit ausgestreckten Armen da, berührt hat sie mich nie. Ich habe sie auch nie berührt. Nur das erste Mal, als sie mich vor der Heirat getestet hat. Du weißt schon, die Geschichte, die ich dir erzählt habe.
Unmengen an Schimpfwörtern benützte sie gegen mich. Ich rieb und drückte, doch es dauerte lange, bis mein Penis steif wurde. Dann schob ich ihn in sie rein. Während des ganzen Aktes schimpfte sie nur. Ich musste aufpassen, dass ich nicht vor ihr kam, denn hineinspritzen durfte ich nicht. Es war sehr mühsam. Mit dem Handtuch reinigte ich meinen Penis. Waschen durfte ich mich in ihrem Badezimmer nie.
Danach wollte sie, dass ich neben ihr schlafe. Das war der einzige Vorteil an der ganzen Sache, vor allem im Winter. Ihr Schlafzimmer war warm, mein Keller war kalt. Ich hatte keine Heizung. Außerdem bekam ich in jenen Nächten keine Peitsche. Zigaretten drückte sie auch nicht auf mir aus, das hätte ja ihr Bett beschmutzt. Sie lag zugedeckt und schlief. Ich lag nicht zugedeckt auf einem Badehandtuch neben ihr. Doch ich fror nicht, es war warm im Zimmer. Ich lag ganz ruhig auf dem Rücken. Ich getraute mich nicht zu rühren. Sonst wäre sie vielleicht erwacht, das wollte ich nicht riskieren. Geschlafen habe ich kaum. Doch es war warm und ich hatte mir die Peitsche erspart. Um 5.30 Uhr stand ich leise auf und bereitete das Frühstück vor. Die Frau mochte ihr Frühstück um Punkt sechs Uhr. Nur einmal habe ich im Keller verschlafen. Das möchte ich jetzt nicht erzählen.“
Jenny
Während er gesprochen hatte, hielt er seinen Kopf gesenkt. „Raju?“ Er gab keine Antwort. „Raju, bitte sieh mich an.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte dir nicht in die Augen schauen, Jenny. Ich geniere mich so.“ Nach einer Weile: „Im Sommer wollte ich sowieso nie, nur im Winter … es war so kalt im Keller, Jenny.“ Sanft hob ich sein Kinn an, damit er mir in die Augen sehen konnte, jedoch er hielt sie geschlossen. „Raju? Es tut mir so unendlich leid, was dir alles Böses widerfahren ist. Es ist vorbei, Raju.“ Ich küsste ihn auf seine Augen, er öffnete sie. Traurig, sehr traurig blickten sie mich an und Tränen sickerten hervor.
„Schlaf ein bisschen, Raju. In das Labor und zum Arzt gehen wir am Nachmittag, ja?“ Er drehte sich auf den Rücken, ich legte meinen Kopf auf seine Brust und spielte mit seinen lockigen Haaren. Er hielt mich eng umschlungen und schlief mit einem tiefen Seufzer ein.
Ich wurde munter, es war 15.35 Uhr. Raju schlief immer noch. So beschloss ich, den Arzttermin auf morgen zu verschieben. Raju braucht den Schlaf. Die Begegnung mit dieser Teufelin heute Morgen hat ihn nervlich sehr belastet. Dann noch diese schreckliche Geschichte, die er mir erzählt hat. Doch ich sollte einkaufen gehen. Ich schrieb Raju eine Nachricht und legte sie aufs Bett. Leise verließ ich die Wohnung.
Ich kaufte das Notwendigste im Supermarkt ein. Das Wetter war sonnig und heiß. Ich setzte mich auf eine Bank und rief Tanja an. „Ich habe heute frei, gehen wir zusammen schwimmen?“ „Tanja, ich kann doch Raju nicht so lange alleine lassen.“ „Mein Gott, er ist ja kein Baby! Dann nimm ihn doch mit.“ „Mit seinen Narben und Wunden? Er würde sich schämen.“ „Ja, auch wieder wahr. Er sieht eben hässlich aus. So was würde ich mir im Schwimmbad auch nicht ansehen wollen.“ „Raju ist nicht hässlich, Tanja!“ Ich fing zu weinen an. Sie entschuldigte sich sofort. „Meine Nerven sind zurzeit nicht die besten, Tanja!“ Dann berichtete ich ihr von der grausigen Geschichte, die Raju mir erzählt hatte. Tanja war schockiert. „Jenny, du bist trotz allem nicht seine Therapeutin. Er braucht professionelle Hilfe. Du machst dich selbst kaputt mit diesem Fall.“ „Tanja, Raju ist kein Fall! Er ist meine echte Liebe!“
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