Читать книгу: «Zwischen Wüste und Meer»
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
Zurück in Dahab
Eine Entscheidung muss her
Aus der Traum
Ein neues Leben beginnt
Familienleben
Unverhoffter Besuch
Veränderungen
Selbstfindung
Verliebt sein macht blind
Die Revolution
Kairo
Ankunft in Deutschland
Nichtwissen schützt vor Strafe nicht
Schlimmer geht immer
Aufgeben ist nicht
Epilog
Brief an die Leserin, den Leser
Danksagung
Impressum
Zwischen Wüste und Meer
2. Band zu »Fliegende Teppiche«
Simone Wiechern
Für meine Söhne
Alian und Anuar
Zurück in Dahab
»Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.«
- Jean-Jacques Rousseau -
Hinter den Bergen von Saudi Arabien ging gerade die Sonne auf und schickte die ersten spürbar heißen Strahlen in meine sehr kühlen Gedanken. Ich saß am Strand von Dahab auf der wunderschönen Halbinsel Sinai und das unruhige Meer direkt vor meiner Haustür schwappte in stetigen Wellenbewegungen über den Kies. Das Zurückrollen der Wellen nahm immer einige Steinchen mit sich. Das gleichmäßige Geräusch, der sich den Umständen hingebenden Steine, beruhigte mein aufgeregtes Gemüt und ich fand wieder Ruhe in mir. Wie diese Steine würde auch ich mich den Wellen, die auf mich zuzukommen schienen, hingeben. So wie sie würde ich mich dem Schicksal anvertrauen, um dortzubleiben, wo die Wogen des Lebens mich hingespült hatten.
Samir, mein beduinischer Mann war mittlerweile über ein Jahr wegen seiner Drogensucht und dem Verkauf von Drogen inhaftiert und ich fühlte mich sehr allein und verlassen.
Der letzte Versuch, mit meinen drei Kindern aus Ägypten auszureisen, um zurück nach Deutschland zu gehen, war genauso gescheitert, wie die vielen Versuche zuvor. Wie immer hatte man mir am Flughafen gesagt, ich allein könnte gerne fliegen, aber meine Jungs bräuchten die Erlaubnis vom Vater, der zu solch einem Einverständnis schon lange nicht mehr in der Lage war.
Samir hatte eine Haftstrafe von drei Jahren bekommen und ich hasste und liebte diesen Mann in täglichem, manchmal stündlichem Wechsel. Ich liebte nach wie vor den Samir, den ich geheiratet hatte, aber ich verabscheute dieses Monster, das die mörderische Droge Heroin aus ihm gemacht hatte.
Seine Sucht hatte unsere Familie zerstört, unsere gemeinsame Zukunft und vor allem meinen Traum einer heilen Familie, die sich in dem Land, welches einmal mein Paradies gewesen war, ein glückliches Leben aufbauen wollte.
Jetzt saß ich hier allein mit meinen drei Kindern, bekam keine offizielle Arbeitserlaubnis und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Dazu kam, dass es mir deutlich weniger Spaß machte, an unserem Haus weiterzuarbeiten. Immer öfter vernahm ich, dass Samirs Brüder etwas anderes vorhatten, als mir dieses Anwesen zu überlassen. Mein Nachbar, dem ein Hotel gehörte, plante Gerüchten nach, mit ihnen ein Tauchcenter aus unserem Haus machen zu wollen oder eines direkt davor zu bauen. Wenn ich mit den Brüdern sprach, bekam ich keine zuverlässige Antwort, wurde jedoch gefragt, ob ich nicht besser ins Dorf ziehen wolle. Auch der Hotelbesitzer hüllte sich in Schweigen und verwies mich an Samirs Brüder.
Letzten Monat hatte ich mir noch eine sehr ausgefallene Sitzmöglichkeit in meinen Wohn- und Küchenbereich gebaut, die mir mal wieder offene Fingerkuppen beschert hatte. Fliesenkleber war in dieser entlegenen Gegend zwar erhältlich, aber als Luxusgut kaum bezahlbar. Ich benutzte Zement, um die Außenkante der geräumigen “Eckbank“ mit allerlei schönen Steinen, Muscheln oder auch Glasscherben, die ich bei meinen morgendlichen Spaziergängen dort fand, zu gestalten. Meine Kinder, die Renovierungen an unserem Haus und das Malen waren meine Nischen, in die ich mich begeben konnte, um mich von trüben Gedanken abzuhalten.
Ich hatte sehr viel Arbeit, Zeit und Liebe in unser Heim gesteckt, so dass mir die Andeutungen, ich solle meine vier Wände verlassen, seit zwei Wochen schlaflose Nächte bereiteten. Ich liebte dieses Haus und vor allem die Möglichkeit, hier jeden Morgen am Strand den Sonnenaufgang bewundern zu können.
Ich hatte große Angst, nach meinem Mann nun auch noch mein Heim zu verlieren.
Ich nahm den Sack, den ich immer morgens bei mir hatte und sammelte den Müll ein, den das Meer angespült, der Wind hergeweht oder den achtlose Menschen den Abend zuvor zurückgelassen hatten. Etwas zuversichtlicher und mit dem Gedanken wieder ein klein wenig Gutes getan zu haben, ging ich ins Haus, und machte Frühstück für meine drei Kinder.
Friedlich und herzig anzusehen schliefen sie noch fest unter einem großen Moskitonetz in unserem kleinen Innenhof.
Als ich das Frühstück bereitet hatte, wurde Soliman, der jetzt anderthalb Jahre alt war, wach und krabbelte ohne jegliche Rücksicht über seine Brüder. Der Rest meiner Rasselbande beschwerte sich über das unsanfte Wecken. Noch verschlafen setzten sie sich zu mir ans Feuer und machten sich über das frisch gebackene Brot, Joghurt und Käse her.
Ich war gerade mit dem Abwasch beschäftigt, als jemand an die Tür klopfte.
Gudrun stand mit ihrem Hund Jacky davor und hatte ein sehr betrübtes Gesicht. Sie kam gerade von einem langen Spaziergang an der Lagoona und berichtete mir besorgt, etwas würde mit ihrem Hund nicht stimmen. Ich ließ sie herein und tatsächlich verhielt Jacky sich sehr eigenartig. Er hatte feinen Schaum vor dem Mund und lief unruhig im Kreis.
Sofort war mir klar, was vorgefallen war. Jacky war nicht der erste Hund, bei dem ich dieses Verhalten mitansehen musste.
»Ich bin mir sicher, dein Hund hat Gift gefressen. Hast du ihn in der Lagoona frei laufen lassen?«
»Ja«, entgegnete Gudrun und geriet in Panik. »Was soll ich jetzt tun?«
»Komm schnell, wir fahren zu Janet.«
Ich rief meine Kinder zusammen und gemeinsam fuhren wir zu einer meiner Bekannten. Janet kümmerte sich um zahlreiche herrenlose Hunde im Dorf und hatte mindestens zehn eigene in ihrem Garten herumlaufen. Wir hatten Glück und trafen sie an. Sie untersuchte Jacky sofort gewissenhaft und bestätigte meinen Verdacht. Mittlerweile ging es dem Hund so schlecht, dass er immer wieder würgte und stärker als zuvor im Kreis lief.
Janet ging an ihren Kühlschrank und nahm ein Medikament zur Hand. Aus einer Schublade griff sie eine Spritze und zog sie gekonnt auf. Etwas aufgeregt aber dennoch sehr routiniert injizierte sie der schönen Schäferhund-Huskymischung die hoffentlich wirkende Substanz.
»Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass das Gift nicht schon zu viel Schaden angerichtet hat«, sprach sie Gudrun Mut zu und brachte Jacky eine Schüssel mit Wasser.
»Das ist schon der dritte Hund, den ich diese Woche spritze und es ist erst Mittwoch. Mir geht langsam das Geld aus, um solche Mengen an Medikamenten zu beschaffen«, sagte sie mit besorgtem Blick und einer deutlichen Aggression in ihrer Stimme.
»Was treibt Menschen bloß dazu, Giftköder auszulegen?«, fragte ich in die Runde. In einer kurzen Diskussion kamen wir überein, dass der wieder zunehmende Tourismus wohl der Grund dafür sei.
Die wilden Vierbeiner, von denen es sehr viele gab, bellten nachts und das störte die Hotelbesitzer, da sich Gäste darüber beschwerten. Früher hatte die Polizei regelmäßig Hunde erschossen, aber nun ging seit einiger Zeit das Gerücht herum, dass angeblich die Kugeln zu teuer wären, um sie für Streuner einzusetzen.
Es war furchtbar mitanzusehen, wie manche Hunde stundenlang litten, wenn sie Gift gefressen hatten. Ich selber hatte schon einmal einen kleinen Mischling beim Sterben begleitet, dem die Injektion leider nicht mehr helfen konnte.
Jacky hörte etwa nach fünf Minuten auf, im Kreis zu laufen und schleppte sich auf wackeligen Beinen zur Wasserschüssel. Er trank und unsere Helferin deutete dies als gutes Zeichen.
Nach etwa einer halben Stunde, in deren Verlauf sich Jackys Zustand langsam aber stetig besserte, verabschiedeten wir uns von Janet. Gudrun gab ihr genug Geld, um mehrere neue Injektionen zu besorgen und beiden war ihre gegenseitige Dankbarkeit deutlich anzusehen.
Gemeinsam fuhren wir zu Gudruns Wohnung und warteten ab. Jacky legte sich auf seinen Platz und kam zur Ruhe.
Bei einer Tasse Kaffee sprachen wir noch immer fassungslos über die Problematik der hier herrschenden Situation. Nach weiteren zwei Stunden, in denen ich meine Freundin mental unterstützte, waren wir sicher, dass Jacky es geschafft hatte. Die Zuckungen in seiner Magengegend waren gänzlich verschwunden und er schlief ruhig und entspannt in seiner auf seiner Decke.
Ich nahm meine Freundin fest in den Arm und verabschiedete mich.
Mein Sohn Salama, der uns unbedingt hatte begleiten wollen, freute sich überschwänglich, denn er liebte Gudruns Hund und war von der ganzen Geschichte sehr mitgenommen. Ich war auch für ihn überaus froh, dass alles ein gutes Ende genommen hatte. Soliman, mein jüngster Sohn, hatte die meiste Aufregung in seinem Tragetuch auf meinem Rücken verschlafen.
Am nächsten Morgen ging ich schon früh zu Gudrun, und Jacky war wieder ganz der Alte. Von nun an würde meine Freundin ihren Hund nur noch mit Maulkorb frei laufen lassen, hatte sie entschieden. Ich bestärkte sie darin, dass dies die einzig vernünftige Lösung war.
Wir saßen in ihrem Garten und erinnerten uns, wie wir uns kennengelernt hatten.
Ich traf Gudrun ein paar Jahre zuvor am Strand in einem Café. Nachdem wir uns sehr interessiert aneinander unterhalten hatten, erwähnte ich, dass ich gerade mein Haus renoviere und auf der Suche nach einem Elektriker sei, der mir Stromleitungen verlegen könnte. Sie erzählte mir daraufhin, dass sie mit ihrem früheren Freund diese Tätigkeit schon mehrfach gemacht hatte und bot mir an, die Arbeit mit einer Freundin zu übernehmen. Sie hatte sich gerade neu hier niedergelassen und suchte dringend nach einem Job. Tatsächlich kam Gudrun schon am nächsten Morgen und meißelte mit ihrer Freundin den Putz auf, um die Kabel zu verlegen. Das Überputzen der gelegten Leitungen übernahm ich dann wieder. Ich hatte große Freude mit diesen beiden jungen Frauen, die etwa in meinem Alter waren, die Arbeit durchaus fachmännisch - in diesem Fall wohl eher fachfrauisch zu bewerkstelligen. (Das Wort fachfrauisch wird gerade leuchtend rot von meinem Korrekturprogramm unterstrichen. Daran sehe ich deutlich, dass die deutsche Sprache in sehr vielen Fällen noch immer sehr maskulin geprägt ist. Das wird in der Bedeutung von herrlich und dämlich ganz besonders anschaulich und rückt auch in anderen Bezeichnungen Frauen oftmals in ein schwaches oder gar dunkles Licht. Der werte Leser/die werte Leserin sollte sich daher nicht wundern, dass ich mir in diesem Buch die Freiheit herausnehme, durchaus ein paar Wortneuschöpfungen einzubauen.)
Ein paar Tage später war die Arbeit vollendet und alle Lichter brannten. Für den westlichen Menschen ist das sicher nichts Besonderes, aber meine Jungs und ich freuten uns wie kleine Kinder an Weihnachten über diesen nützlichen Einzug des Fortschritts. Ghanem war besonders entzückt von der Neuerung und ich musste ihn mehrmals ermahnen, das Licht an-Licht aus-Spiel doch bitte zu unterlassen.
Eine Entscheidung muss her
»Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.«
-Heraklit-
Bei den Nachbarn fuhren immer mehr Autos auf den Hof. Es war erst neun Uhr morgens und sehr unüblich, dass dort so viele Menschen kamen und nach einer Weile wieder wegfuhren. Ich malte gerade an einem Werbeschild für das Hotel neben mir und bekam das Kommen und Gehen unweigerlich mit.
Eine ehemalige Nachbarin, die mich sah, kam auf mich zu und wir begrüßten uns mit den üblichen Floskeln, bei denen man sich gleich mehrfach erkundigt, wie es allen in der Familie geht. Ich fragte sie, was denn bei den Nachbarn los wäre.
»Mousa, der Sohn von Rabia ist gestern gestorben.«
»Nein, wie ist das denn passiert, er war doch noch so jung«, entgegnete ich tief berührt.
»Diese teuflischen Drogen waren das. Die Familie sagt nichts Genaues, aber zwischen den Worten versteht man es recht deutlich. Wenn nicht bald etwas gegen dieses Teufelszeug unternommen wird, werden noch mehr sterben. In Sharm El Sheikh sind letzte Woche auch zwei junge Männer daran verstorben.«
»Mittlerweile schießen die Beduinen dort ja schon aufeinander«, warf ich ein. »Ich hoffe, dass keine Stammeskriege stattfinden wegen diesem Zeugs und auch, dass Samir im Gefängnis davon Abstand gewinnt.«
Ich biss mir auf die Lippen, um meinen Schmerz zu regulieren, der bei den ausgesprochenen Worten sofort körperlich als auch seelisch in mir zu spüren war.
»Inschah Allah!«, entgegnete Salma. »Aber im Gefängnis soll es auch möglich sein, an Drogen heranzukommen, hat neulich der Neffe meiner Schwester erzählt.«
»Ja, das habe ich auch schon gehört. Du glaubst nicht, wie sehr ich dieses Teufelszeug verabscheue.«
»Ich muss wieder los«, sagte sie und lud mich ein: «Komm doch mal wieder auf einen Tee vorbei.«
»Ja, ich komme gern die Tage mal hoch zu Euch. Masalama, gehe in Frieden!«
»Salamt Allah, der Frieden ist mit Gott!«, entgegnete Salma und ging zurück zu den Nachbarn.
Sehr tief bewegt setzte ich mich an den Strand und schaute auf die Wellen, die sich sacht an mich ranschlichen und wieder verschwanden, um neuen Wellen Platz zu machen.
Erst jetzt, als ich dort allein für mich das eben Gesagte Revue passieren ließ, kam mir die ganze Tragweite der Worte in mein Bewusstsein. Mousa war ein guter Freund meines Mannes gewesen. Ich mochte ihn früher, aber im Laufe der Zeit war er einer dieser vielen ungebetenen Gäste geworden, die zu jeder Tages- und Nachtzeit an unsere Tür geklopft hatten. Ich wusste, dass auch er heroinabhängig war und dies hatte in mir einen Groll auf ihn entfacht. Jetzt tat es mir sehr leid um ihn. Ich fragte mich, ob Samir vielleicht auch schon tot wäre, wenn er nicht schon so lange im Gefängnis sitzen würde. Die letzte Zeit hörte man immer wieder, dass junge Männer an Heroin gestorben waren oder ins Gefängnis kamen.
Tränen begannen meine Wangen herabzulaufen, denn ich dachte an meinen Mann und diese ganze Situation löste eine unsagbare Traurigkeit in mir aus.
Als Nachbarin musste und wollte ich nach nebenan gehen und den Hinterbliebenen meine Hilfe anbieten, und ihnen mein Mitgefühl entgegenbringen. Ich trocknete mein Gesicht, damit meine Jungs meine Tränen nicht sahen, und sagte ihnen, ich würde sie für eine Stunde zu Farruja bringen. Sie freuten sich auf die Frauen und Kinder dort und gemeinsam gingen wir die paar Minuten durchs Dorf. Es gab auf der Strecke einen kleinen Schleichweg zwischen zwei Häusern, der gerade breit genug war, hindurchzugehen. Ich liebte diese kleine Gasse, denn die Beduinen, die dort lebten, hatten neben ihrem Haus einen herrlichen Garten mit Palmen, in denen zur Freude meiner Kinder immer ein paar Hühner herumliefen, die sie gern anschauten und fütterten. Meine Jungs nahmen daher die Tüte mit altem Brot mit. Wir machten erst die Hühner und dann noch zwei Kamele auf dem Weg dorthin glücklich. Es war fantastisch, dass ich nie Essen wegwerfen musste. Irgendwo gab es immer Tiere, die sich herzhaft über unsere Essensreste freuten. Nichts wurde hier weggeworfen oder verschwendet.
Farruja saß mit ihrem Mann am Feuer und ich gesellte mich dazu. Meine Kinder hatten ihren neuen Fußball mitgenommen und sofort war Mohammed, Farrujas taubstummer Sohn, hellauf begeistert, mit ihnen spielen zu können. Auch Farrujas Familie hatte schon von dem Tod des jungen Mannes erfahren und wir sprachen eine Weile darüber. Meine Freundin war genauso verzweifelt wie ich. Zwei ihrer Brüder nahmen Heroin und sie hatte, genau wie ich, schon lange keine Idee mehr, was man dagegen unternehmen könnte. Ich bat sie, kurz auf meine Kinder zu schauen, was sie wie immer ganz selbstverständlich tat, und ging allein zurück in das Haus unserer Nachbarn.
Etwa dreißig Männer und Frauen waren in dem Haus versammelt, und ich ging zu Mousas Frau, um ihr ein paar tröstende Worte zu sagen. Sie bemühte sich kläglich, nicht zu weinen, doch immer wieder tropften Tränen aus ihren Augen, die sie schnell mit ihrem Kopftuch wegwischte, damit sie nicht auf den Boden fielen.
Die Beduinen sagen, dass jede Träne, die um einen Toten geweint wird und auf den Boden tropft, diesen auf dem Weg ins Jenseits wie heißes Wasser treffen würde. Daher bemühten sich die meisten Menschen hier, entweder weniger zu weinen oder die Tränen sofort wegzuwischen. Da die Beduinen stark an ein Leben nach dem Tod glauben, soll man von ihrem Glauben her, die Verlorenen in Frieden gehen lassen und sich darüber freuen, dass sie nun ins Paradies gehen dürfen.
Aber auch Mousas Mutter schluchzte bitterlich und rieb sich ununterbrochen ihr Gesicht trocken. Ich setzte mich neben sie und sprach ein paar hoffentlich passende Sätze.
Sie schaute mich mit glasigen Augen an und bedankte sich, während sie meine Hände in ihre nahm. »Gut, dass dein Mann im Gefängnis sitzt, dann hört er vielleicht auf mit diesem Heroin«, sagte mir die betagte Frau und drückte dabei fest meine Hände. Mir standen bei diesen Worten wieder Tränen in den Augen und ich wollte nur noch weg aus diesem Haus, weg aus dieser Trauer und weg von meinen Gedanken.
Ich blieb anstandshalber jedoch noch eine Weile und half den Frauen ein wenig in der Küche. Alles war besser als nachzudenken.
Als ich später wieder in meinem Haus war, setzte ich mich ans Feuer und ließ alle Gedanken auf mich zukommen.
›Willst du, dass auch du irgendwann so dasitzt und alle um deinen Mann weinen?‹, fragte mich die Vernunft.
›Aber vielleicht hört er ja diesmal auf‹, entgegnete die Hoffnung.
›Das glaubst du doch selber nicht‹, kam sofort der resolute Einwand der Vernunft. ›Wir wissen alle, wie einfach man im Gefängnis an Drogen kommt, das haben dir genug Leute bestätigt. Samir hat weiß Gott schon genug misslungene Versuche, von der Sucht loszukommen, hinter sich. Wenn du immer hinter ihm stehst und dich nicht von ihm trennst, hat er auch keinen Grund sich zu ändern. Du machst das doch alles brav mit.‹
›Ich bin noch vollkommen geschockt von dem soeben Gesehenen‹, warf das Mitgefühl zwischendrin ein.
›Und ich erst recht!‹, meldete sich auch die Angst.
Ich biss auf meinem Daumennagel herum und spürte tief in mir, dass ich all das nicht mehr wollte.
Ich wollte keine Angst mehr haben.
Ich wollte nicht mehr von Sorgen und Sehnsucht erfüllt sein.
Ich wollte nicht mehr die Quittungen für die Drogensucht meines Mannes bezahlen.
Ich wollte wieder glücklich sein und voller Zuversicht in meine Zukunft blicken.
Ich wollte einen Partner, einen Gefährten neben mir.
Ich wollte, dass meine Kinder gute Vorbilder hatten.
Musste ich meinen Kindern nicht irgendwie zeigen, dass ich so ein Verhalten nicht länger toleriere und als Co-Ahängige weiterhin unterstütze?
Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde in mir der Wunsch, diese Ehe zu beenden.
Der Schock über Mousas Tod und die Bilder der weinenden Frauen hatten mich sehr tief getroffen und bis ins Mark erschüttert.
Die Hoffnung, die sich in den vergangenen Monaten noch hin und wieder in mir ausgebreitet hatte, wurde von Bergen voller Zweifel so hoch überschüttet, dass kaum noch etwas an die Oberfläche kam.
Ich holte meine Kinder bei Farruja ab und machte ihnen Essen. Danach ging ich direkt zu meiner Freundin und besprach mich mit ihr. Als Psychologin war sie bewandert auf dem Gebiet der Sucht. Auch sie konnte mir keine Hoffnung meinen Mann betreffend mehr machen. Sie kannte Samir und hatte all die letzten Jahre seinen Verfall mitangesehen.
Als ich später meine Kinder in den Schlaf gelesen hatte, setzte ich mich wieder an mein Feuer und starrte in die Flammen.
Feuerzungen stiegen mal hoch und mal breit aus dem schwelenden Haufen empor. Wie die Flammen am Holz hatte Samirs Sucht an meinem einst so stolzen und wunderschönen Wüstenprinzen genagt. Am Schluss war von dem Mann, den ich damals geheiratet hatte fast nichts mehr übrig. So wenig, dass es für ein Dasein als Vater oder Partner nicht mehr ausreichte. Unsere Ehe lag in Schutt und Asche. Der Mann, der so oft mit mir gestritten hatte, weil ich unseren Ruf bewahren und mich mehr als sittsam verhalten soll, weil er stolz auf mich und seine Kinder sein wollte, hatte uns all unseres Stolzes auf ihn beraubt. Fast jeder im Dorf wusste mittlerweile von seiner Abhängigkeit und oftmals wurde mir Mitleid entgegengebracht. Ein Gefühl, dass mich nicht stärker machte, sondern Scham in mir auslöste.
In den nächsten Tagen und Wochen wurde der Gedanke, mich scheiden zu lassen, immer klarer. Doch Samir hatte mir nicht nur einmal gesagt, dass er mir, im Falle einer Scheidung meinerseits, die Kinder wegnehmen würde. Das durfte nicht geschehen. Das hätte vielleicht mein Körper, aber sicher meine Seele nicht überlebt. Ich zerbrach mir viele Stunden den Kopf über dieses Dilemma und suchte nach einem Ausweg.
Ich sprach mit Samirs Mutter darüber, die gerade für eine Weile in Dahab war und mich besuchte. Sie konnte verstehen, dass ich mich trennen wollte. Sie hoffte jedoch noch, dass Samir wieder drogenfrei werden würde. Allerdings war auch ihr anzumerken, dass die Hoffnung in ihren Sohn längst nicht mehr die Dimension hatte, die sie sich für sich selbst gewünscht hätte. Es waren auch für sie schon zu viele Versuche gewesen und zu oft war uns die Macht dieser Sucht nach dem Heroin vor Augen geführt worden. Sie versprach mir, sie würde Samir nicht darin unterstützen, mir die Kinder wegzunehmen. Für die Männer der Familie konnte sie mir jedoch keine Gewährleistung für deren Zurückhaltung geben. Es war wieder einmal ein sehr trauriges Gespräch. Immer öfter und stetig zunehmend wandelte sich die Trauer in eine stärker werdende Wut auf meinen Mann. Seit Jahren war ich ständig traurig und zornig auf Samir. Ich weinte um meinen geplatzten Traum einer heilen Familie, um seine verlorene Freiheit, um die Entbehrungen und die Schmach, die meine Kinder zu erleiden hatten. Allgemein schaffte ich es immer weniger, die positiven Dinge und Umstände um mich herum zu sehen und zu spüren. Ich fühlte mich wie eine Halbtote. Und wenn ich schöne Dinge oder Gelegenheiten doch sah oder manchmal sogar spürte, verbot ich mir manchmal regelrecht mich diesem schönen Gefühl hinzugeben.
›Wie kannst du bloß so fröhlich sein, während dein Mann im Gefängnis sitzt‹, sprach zum Beispiel das Gewissen. Der Anstand setzte dann meist mit einem: ›Dein Mann hat jetzt sicher nichts zu lachen‹, noch einen obendrauf.
Ich musste mich dringend befreien aus diesen Gedankenmustern und solch einer Lebensweise. Es war mein Mann, dem unsere gemeinsamen Kinder und unsere Ehe nicht wichtig genug gewesen waren, um von dem Stoff loszukommen. Meine Kinder und ich mussten aufhören zu leiden. Wir hatten das Recht, glücklich zu sein.
Samir tat mir mittlerweile nur noch leid, denn ich ahnte, dass diese Sucht so stark war, dass man es kaum schaffen konnte, davon loszukommen. Nichtsdestotrotz nahm die Wut auf ihn mehr und mehr zu und vergrub langsam die noch vorhandene Liebe.
Ich konnte immer weniger verstehen, wie man überhaupt auf die Idee kommt, solch eine Droge zu nehmen, wenn man Kinder zu versorgen hat. Samir war in höchstem Grad verantwortungslos gewesen und das war es, was ich an meinem Mann am meisten kritisierte und das mir jetzt diese tiefe Enttäuschung bescherte. Vielleicht sogar Verachtung. Ich war, obwohl ich hier schon acht Jahre lebte, immer noch in vielen Punkten eine Fremde. Ich hatte keinen eigenen Familienverband hier und ausreisen konnte ich mit meinen Kindern nicht, da Samir mir nie eine notarielle Erlaubnis dafür ausgestellt hatte, die hier am Flughafen verlangt wurde. Dieser Mann hatte mich all meiner Freiheit beraubt. Das erste Mal in meinem Leben stand mir nicht mehr die ganze Welt offen. Wenn ich meine Kinder nicht verlieren wollte, musste ich die nächsten Jahre im Sinai bleiben. Für mich selber war das wunderschön, aber ich musste dadurch mein Kind den harten Stockschlägen in der Schule aussetzen oder endlich einen anderen Weg des Unterrichtens finden. Meine Gedanken nachts, wenn nichts mehr ablenkte, musste ich allein tragen. Da war keine Schulter mehr, an die ich mich hätte lehnen können. Da war niemand, der mir vor dem Einschlafen sagte, alles würde wieder gut werden. Ich war vollkommen auf mich allein gestellt und immer die Einzige, die den Kindern sagen und vermitteln wollte und musste, dass ich bald eine Lösung finden werde.
Würde ich das?
›Du machst dir etwas vor, wenn du immer noch hoffst, mit Samir eine glückliche Ehe zu führen‹, sprach die Vernunft immer und immer wieder die nächsten Wochen. ›Er wird nicht aufhören können, das hat er dir oft genug gezeigt.‹
Ich hatte fürchterliche Nächte nach dieser Trauerfeier, in denen ich oft bis zum Morgengrauen wachlag.
Nach einer dieser durchwachten Nächte, stand ich morgens völlig gerädert auf. Ich ging in die Küche und machte mir einen Kaffee, mit dem ich mich an den Strand setzte, um dem wunderschönen Sonnenaufgang beiwohnen. Den Wellen lauschend meditierte ich über das Loslassen. Ich musste mich trennen und diese langsam auch mich krankmachende Verbindung endlich kappen, um wieder ein vollständiger und vor allem lebendiger Mensch werden zu können.
Während ich Frühstück machte, wurden Ghanem und Salama gerade wach und fingen direkt an, sich um ein einfaches Legohaus zu streiten. Unverhältnismäßig laut schrie ich die beiden an, sofort aufzuhören mit der ständigen Streiterei. Kurzerhand entriss ich ihnen das Spielzeug, um es in einem hohen Bogen über unsere Mauer nach draußen zu werfen. Augenblicklich wurde ich mir meines unmöglichen Verhaltens bewusst, das absolut übertrieben und falsch gewesen war.
Ich war vollkommen übernächtigt und fertig mit den Nerven. Auch bei der Meditation hatte ich keine Gelassenheit und inneren Frieden finden können. Ich setzte mich zu meinen Kindern und sprach in Ruhe mit ihnen. Wir einigten uns, gemeinsam das Frühstück zu machen und dann an den Strand zu gehen. Es war Freitag und Ghanem hatte keine Schule. Vorerst sammelte ich das in viele Teile zerbrochene Legohaus wieder ein und wünschte mir, dass man mich auch so leicht und einfach wieder zusammensetzen könnte.
Die Vernunft rügte mich mit einem: ›Na da kannst du ja mal froh sein, dass das Spielzeug niemanden am Kopf getroffen hat.‹
›Ich denke auch, du solltest dir langsam mal darüber klar werden, wie es weitergehen soll. Du kennst dich lange genug, um zu wissen, dass keine Entscheidung zu treffen oftmals viel schlimmer ist, als die Falsche‹, bestätigte die Erkenntnis den fordernden Verstand.
›Gute Idee, denn ich würde nur allzu gern mal wieder an die Oberfläche kommen‹, sprach auch die Zufriedenheit.
Ich blieb einen Moment vor der Haustür stehen und schaute auf die Berge von Saudi Arabien. Eine Dunstwolke lag über den Hügeln und man konnte kaum etwas erkennen. So sah es auch in mir aus. Ich wusste um die hohen Berge hinter den Wolken. Wusste, wie wunderschön sie in der Morgensonne erstrahlen können. Das einzig Unklare war der Nebelschleier davor. Ich brauchte Klarheit in meinen Gedanken und meinem Handeln, um meinen weiteren Weg wieder deutlich vor mir sehen zu können.
Als ich wieder ins Haus ging, hatte ich endgültig entschieden, mich von meinem Mann scheiden zu lassen. Ich konnte nicht mehr einfach so weitermachen. Alles was ich jetzt noch herausfinden musste war, wie ich es schaffen könnte, dadurch meine Kinder nicht zu verlieren.
Eine riesige Erleichterung gepaart mit großer Trauer überkam mich. Mit neuer Zuversicht sprang ich die nächsten Tage in wechselnde Gemütsebenen.
Doch meine Gefühle waren wieder rein und kein unverdaubarer Cocktail mehr, der mir ständig sauer aufstieß. Wenn ich traurig war, war ich nur traurig und nicht mehr zusätzlich verzweifelt und zerrissen. Wenn ich erleichtert war, legte sich entschlossener Tatendrang auf meine Unternehmungen. Ich hatte endlich neue Ziele, die ich schon bald umsetzen wollte.
Als Allererstes musste ich mir ein neues Domizil suchen. Ich hatte weder Lust noch die ausreichende Kraft, mich mit Samirs Brüdern auseinanderzusetzen und für dieses Stück Land zu kämpfen. Ein Sieg war meines Erachtens unwahrscheinlich. Mein Mann hatte mich bei einem Besuch im Gefängnis damals gebeten, vor allem auf unser Land und das Haus achtzugeben. Ich hatte ihm gesagt, ich würde es versuchen. Aber wie oft hatte er mir versprochen, er würde versuchen, von den Drogen loszukommen. Ich war zu müde um zu kämpfen und zermürbt von all den Sorgen um meinen Mann und den Folgen seiner Sucht für die Kinder und mich. Alles, was ich jetzt noch wollte, war das Drama meines Mannes auf allen Ebenen hinter mir zu lassen und es nicht mehr als unser aller Schicksal anzusehen.
Ich war mir durchaus bewusst, dass diese Entscheidung das Leben von mindestens fünf Menschen immens beeinflussen würde, war aber endlich überzeugt, das Richtige zu tun. Ich wollte Samir nicht als Vorbild für meine Söhne. Ich wollte, dass meine Söhne sahen, dass solch ein Verhalten inakzeptabel ist und ich es nicht mit einem “Trotz-allem-zu-ihm-stehen“ unterstützte.
Tagelang schlich ich durch das Dorf und suchte nach einer geeigneten Bleibe für mich und meine Kinder, bis ich eine Bekannte traf, Gudruns Freundin, die mir damals den Strom in meinem Haus verlegt hatte. Sie erzählte mir, dass sie neu gebaut hatte und so erfuhr ich, dass der vordere, abgetrennte Teil ihres Hauses nun leer stand. Sie bot mir an, dort einzuziehen. Wir einigten uns auf einen fairen Mietpreis und ich traf die ersten Vorbereitungen für unseren Umzug. Die Kinder waren alles andere als begeistert, aus dem schönen Haus am Meer wegzuziehen, aber ich wollte einen endgültigen Schlussstrich. Diesen konnte ich nur vollziehen, wenn ich mich auch von unserem gemeinsamen Haus verabschiedete. Mir tat dieser Schritt mindestens genauso weh wie meinen Jungs und noch heute vermisse ich es, morgens aufzustehen und mich an den Strand direkt vor der Haustür setzen zu können. Ich hatte hunderte wunderschöne Sonnenaufgänge dort bestaunen dürfen. Aber dies war nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr der Ort, den ich schon mein ganzes Leben lang suchte.
Würde ich diesen Ort jemals finden, oder war ich ein Mensch, der nie wirklich ankommen sollte? War ich eine ewig Suchende, die nie finden würde, wonach ihr Herz sich sehnte?
Der Trennungsprozess war mit sehr vielen Tränen und tiefem Leid verbunden, aber trotz alledem bekam ich täglich mehr Zuversicht, den richtigen Schritt gegangen zu sein.
Meine Schwiegereltern waren zu Besuch bei Samirs Bruder und Hadia, meine Schwiegermutter, kam am Nachmittag zu mir an den Strand. Sie hatte von meiner Schwägerin erfahren, dass ich ausziehen wollte und so kamen wir recht schnell auf dieses Thema zu sprechen. Hadia versuchte noch, mich umzustimmen, aber merkte schnell, wie entschlossen ich war. Ich fragte sie, ob sie mir garantieren könne, dass ihre anderen Söhne das Haus und das Land nicht selber nutzen wollten. Das konnte sie wie erwartet natürlich nicht. Auch sie hatte von den Plänen der Brüder gehört. Traurig nahm sie meine Entscheidung hin, versicherte mir aber, dass sich an unserem Verhältnis nichts ändern und sie mich nach wie vor wie ihre eigene Tochter ansehen würde. Ich war sehr erleichtert über ihr Verständnis und nahm sie unendlich dankbar in meine Arme. Sie versprach mir, mit ihrem Mann zu sprechen, den ich am nächsten Tag besuchen wollte.
Als ich bei Sabeiha, meiner Schwägerin eintraf, saßen dort mein Schwiegervater und drei seiner Söhne am Feuer. Ich ging vorerst ins Haus und begrüßte Sabeiha und ihre Mädchen. Mona erzählte mir von den Vorkommnissen in der Schule und ihre ältere Schwester berichtete mir stolz, dass sie vorhabe, in Kairo zu studieren. Sie wollte unbedingt Lehrerin werden. Ich sagte meiner Schwägerin, wie klasse ich es finden würde, dass sie den Mädels das Lernen so ans Herz gelegt hatte. Ich spähte durch das Küchenfenster nach draußen. Noch immer waren die Männer in Gespräche vertieft. Ich trank mit den Mädchen ein Glas Tee und sie erzählten farbenfroh von den Plänen ihrer Zukunft. Meine Nichten machten mir Hoffnung für die Frauen dieses Landes. Sie wussten, was sie wollten und auf meine Frage hin, was sie machen würden, wenn ihr Mann dagegen wäre, dass sie später arbeiten, antworteten beide fast gleichzeitig dasselbe: »So einen heiraten wir erst gar nicht«.
Endlich hörte ich, wie zwei von Samirs Brüdern sich verabschiedeten. Jetzt war nur noch Aude, der jüngste Bruder dort. Er war noch ein Jugendlicher und so konnte ich ihn bitten, mich mit seinem Vater alleinzulassen. Ehrfürchtig begrüßte ich den betagten Mann, indem ich ihm meine rechte Hand gab. Mit der anderen Hand drückte ich ihn sachte an der Schulter nach unten, um ihm zu suggerieren, dass er ruhig sitzen bleiben sollte. Normalerweise erheben sich die Beduinen, wenn sie jemanden begrüßen. Doch Samirs Vater hatte schmerzende Gelenke und war sichtlich froh, dass ich ihm suggerierte ruhig sitzen zu bleiben. Ich setzte mich neben ihn auf die am Feuer ausgelegten bunten Teppiche und erzählte ihm von meinem Vorhaben. In einem langen und traurigen Gespräch gab er mir schlussendlich und notgedrungen seinen Segen für meine Entscheidung, auch wenn ihn dies sichtliche Überwindung kostete. Die herbe Enttäuschung über seinen Sohn und die damit verbundenen Umstände machten ihm genauso schwer zu schaffen, wie uns allen. Das konnte man deutlich in seinem verzweifelten Gesichtsausdruck lesen.
Ich war nach diesen zwei Tagen, in denen ich viel Zeit mit der Familie verbracht hatte, unsagbar zornig auf meinen Mann. Denn wieder einmal wurde mir von allen Seiten gespiegelt, wie viel Leid Samir über seine und unsere Familie gebracht hatte. Alle waren verzweifelt und hoffnungslos. Über allen Gesprächen hing eine große dunkle Wolke der Traurigkeit und des Unverständnisses.
Wieder einmal saß ich am Strand und schaute meinen Kindern beim Spielen mit der neuen Schaukel, die ich aufgehängt hatte, zu. Sie lachten herzhaft und ich fragte mich, wann ich endlich wieder so ausgelassen mitlachen würde. Mir war klar, dass ich, solange ich in Samirs Drama gefangen war, mir dies nur selten erlauben würde. Mein Unterbewusstsein schickte mir immer mehr Situationen, die mir sehr deutlich machten, mit der angestrebten Scheidung den richtigen Weg zu gehen.
Samir hatte gerade Halbzeit im Gefängnis, als ich den ersten Pick-up belud, um in meine neue Zukunft umzusiedeln. Noch eineinhalb Jahre hatte ich jetzt Zeit, mir zu überlegen, wie ich es schaffen konnte, dass Samir mir nicht, wie er angekündigt hatte, die Kinder wegnahm. Ich hatte lange nicht mehr meditiert und setzte mich am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang in den groben Kies, schaute auf die Berge von Saudi Arabien und versank mit den Wellenbewegungen des Meeres in eine Vision einer glücklichen Zukunft für uns alle.
Gedanken kamen auf: ›Es findet sich sicher ein Weg‹, versuchte die Zuversicht, mich zu trösten.
›Ganz sicher gibt es eine Lösung‹, untermauerte die Hoffnung und der Glaube sprach ein ruhiges und liebevolles: ›Vertraue!‹
Am Nachmittag kamen zwei meiner europäischen Freundinnen mit ihren Töchtern. Auch sie gaben mir die nötige Unterstützung in meiner Entscheidung.
Als ich gerade die Spielsachen der Kinder unter unserer Arischa zusammenräumte, hielt ich für einen Moment überrascht die Luft an. Ich spürte, dass mich jemand beobachtete.
»Hey!«, ertönte hinter mir eine mir wohlbekannte Stimme.
Ich drehte mich um und sah Sahi auf mich zukommen.
Sahi war der erste Beduine, den ich näher kennengelernt hatte. In meinen Urlauben auf dem Sinai hatte ich immer viel Zeit mit ihm verbracht und er hatte mir beim Kauf meines ersten Kamels geholfen. Ich hatte ihn damals immer meinen kleinen Bruder genannt und großes Vertrauen zu ihm entwickelt. Er war mein bester Freund gewesen bis ich Samir geheiratet hatte.
Meinem Mann war Sahi immer ein Dorn im Auge gewesen. Da es jedes Mal fürchterlichen Streit mit Samir gegeben hatte, wenn Sahi irgendwo aufgetaucht war, hatten wir irgendwann unseren Kontakt gänzlich abgebrochen. Seine Freundschaft hatte mir die letzten Jahre sehr gefehlt.
Ich war unendlich froh, ihn zu sehen. Freudig überrascht sprang ich auf und umarmte ihn stürmisch. Auch ihm war seine Freude, mich zu treffen, deutlich anzusehen.
Ich ging ins Haus und machte uns Kaffee. Schon früher war Sahi einer der wenigen Beduinen gewesen, der auf die Frage: »Tee oder Kaffee«?, immer unüblicherweise »Kaffee« geantwortet hatte. Sahi folgte mir und sofort unterhielten wir uns sehr vertraut über alles, was bei uns die letzten Jahre passiert war.
Irgendwann erzählte ich Sahi auch, dass ich mich von Samir scheiden lassen würde. Seine Freude darüber war ganz deutlich und dies brachte er auch verbal zum Ausdruck. Er vergaß natürlich nicht, zu erwähnen, dass er mich schon damals vor Samir gewarnt hatte. Aber er war andererseits sehr mitfühlend und konnte meine Sorge um meine Kinder durchaus verstehen. Er versprach, sich für mich umzuhören, was ich machen könnte.
Von diesem Tag an schaute Sahi immer mal bei mir rein und ich war froh, endlich wieder eine männliche Person bei den Beduinen zu haben, der ich voll und ganz vertrauen konnte. Sahi war zwar der unzuverlässigste Mensch, den ich je in meinem Leben traf, aber dafür der, zu dem ich bis heute das größte Vertrauen hege, denn wir sind nach wie vor allerbeste Freunde und ich bin mir sicher, dass nichts und niemand das jemals ändern kann.
Noch ein letztes Mal meditierte ich morgens an meinem geliebten Strand und packte nachmittags die letzten Habseligkeiten auf den Wagen. Ich fragte mich erneut, ob ich auch wirklich das Richtige tue. Es tat unbeschreiblich weh, dieses Haus zu verlassen. Solch einen wunderschönen Platz würde ich vielleicht nie wieder besitzen.
Meine Kinder riefen mich und drängten zum Aufbruch. Sie durften hinten auf der Ladefläche mitfahren. Welches Kind liebt das nicht? Sie nahmen es leicht, das war gut. Ich setzte mich mit Soliman neben den Fahrer nach vorn und biss mir auf die Lippen. Erst abends, als die Kinder schliefen, weinte ich bitterlich über den Verlust meines Hauses.
Aus der Traum
»Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt-und nicht, was wir ersehnt haben.«
- Arthur Schnitzler -
Das Haus meiner Bekannten war um einiges kleiner als unser Haus am Strand und ich hatte große Probleme, all unser Hab und Gut dort unterzubringen. Ich erinnerte mich, welch befreiendes Gefühl es gewesen war, als ich noch alles, was ich besaß, auf mein Kamel packen konnte. Aber nun hatte ich Kinder und die brauchten Bücher, Spielzeug und jede Menge anderer Sachen. Fließend Wasser wie in meinem Haus gab es auch keines. Ich merkte von Tag zu Tag mehr, dass ich einen großen Rückschritt gemacht hatte, was meine Wut über meinen Mann nochmals verstärkte. Der einzige Vorteil war, dass ich etwas relaxter mit meinen Kindern war. Denn dieses Anwesen hatte eine hohe und alles einfassende Mauer. Ich musste nicht ständig aufpassen, dass einer meiner Söhne allein ans Meer ging.
Einmal war ich im alten Haus beinahe vor Angst wahnsinnig geworden. Ich hatte mich mit Soliman ins Zimmer gelegt, um ihn zu stillen. Ghanem hatte im Vorhof mit Salama gespielt, der jedoch nach kurzer Zeit zu uns kam und sich neben uns legte. Es war ein sehr heißer Tag und Salama schlief schneller ein als Soliman. Als der Kleinste endlich ebenfalls tief und fest eingeschlummert war, schaute ich nach Ghanem, der mir verdächtig ruhig war. Doch Ghanem war verschwunden. Ich rief nach ihm und suchte ihn überall. Für einen Moment dachte ich, er würde sich einen Scherz mit mir erlauben und sich irgendwo verstecken. Ich rief laut, dass dies kein Spaß mehr sei und er herauskommen solle. Er kam nicht. In der Küche stand die Tür nach draußen einen Spalt offen und ich bekam Panik, dass er sich allein herausgeschlichen hatte. Ich suchte den Strand ab. Aber auch da war er nicht. Gerade kam ein mir bekanntes Beduinenmädchen vorbei. Ich fragte sie, ob sie Ghanem gesehen hätte. Sie verneinte. Ich bat sie, kurz hineinzugehen und auf meine Kinder zu schauen, was sie hilfsbereit und zu meiner Freude sofort tat. Ich lief in den kleinen Supermarkt auf der Straße, aber auch dort hatte man meinen Sohn nicht gesehen. Langsam stieg Panik in mir auf. Ich hatte unglaubliche Angst, dass er ins Meer gegangen war und suchte verzweifelt weiter. Ich fragte alle in meiner näheren Umgebung, aber niemand hatte ihn gesehen. Ich war jetzt schon eine halbe Stunde unterwegs und mittlerweile waren wir ein kleiner Suchtrupp geworden, aber wirklich niemand hatte ihn zu Gesicht bekommen an diesem Tag. Keine Spur von ihm weit und breit. Ich lief wieder runter in mein Haus, um nach meinen anderen Kindern zu sehen. Schon als ich durch die Tür trat, fiel mir der große Teppich auf, der immer zusammengerollt an der Hausmauer lag und nur ausgebreitet wurde, wenn viele Gäste kamen. Er war außergewöhnlich dick. Ich schaute ihn genauer an und entdeckte meinen Sohn Ghanem im Inneren. Seelenruhig schlief er voll und ganz in den Teppich eingerollt. Ich brach weinend zusammen. Unendliche Freude trieb mir Tränen der Erleichterung in die Augen.
›Unfassbar, auf was für Ideen, diese kleinen Racker kommen‹, resümierte der Verstand das Geschehene.
Ich sagte schnell allen anderen Bescheid, dass ich ihn gefunden hatte. Keiner konnte verstehen, wie er sich in der Mittagshitze in diesen in der Sonne liegenden Teppich hatte einrollen können. Kopfschüttelnd lachten und scherzten alle über meinen Sohn.
Ich verkaufte nach wie vor Kuchen und Brot an die Touristen. Die Arbeit füllte mich aber nicht aus wie zuvor. Vieles machte mir nicht mehr allzu große Freude und ich spürte immer stärker, dass mich der Verlust unserer heilen Familie immens stark getroffen hatte. Zudem hatte ich Haus und Hof verloren und stürzte in eine leichte Depression. Wieder Miete zu zahlen war eine monatliche Belastung, die ich lange nicht mehr gehabt hatte.
In Assala, ziemlich weit hinten im Dorf, fühlte ich mich zudem nicht wirklich wohl. Ghanem konnte nicht mehr allein zu seinen Freunden oder der Familie gehen und wenn wir nun ans Meer wollten, musste man einen richtigen Ausflug planen. Meine Freunde bekam ich immer seltener zu Gesicht, da meine Wohnstätte im Dorf nicht annähernd so anziehend war wie unsere Arischa, der selbst gebaute riesige Sonnenschirm aus Palmzweigen, direkt am Strand.
Allein Sahi kam regelmäßig. Es war sehr vertraut mit ihm und eines Tages sagte er mir, dass er die perfekte Lösung für mein Problem mit den Kindern hätte: Ich solle ihn heiraten.
Ich war nicht verwundert über seinen Vorschlag, denn Sahi liebte mich schon, seit ich ihn kannte. Damals war er mir zu jung und unzuverlässig gewesen, um seinem Begehren nachzugeben. Ich hatte ihn zwar immer sehr lieb gehabt, aber nie wirklich geliebt. Seinerzeit entschied ich mich, trotz Sahis deutlicher Annäherungsversuche für Samir, der mich vom ersten Moment an verzaubert hatte. Samir war, genau wie ich, sehr aktiv gewesen und hatte große Ziele im Leben gehabt.
Sahi erklärte, dass ich mir meiner Kinder sicher sein könnte, wenn ich unter dem Schutz seiner Familie stehen würde. Sowohl Sahis als auch Samirs großer Bruder waren hoch angesehene Mitglieder von ein und demselben Stamm, aber von verschiedenen Familienclans. Beide hatten darin eine Vorstandsfunktion inne und würden alles daran setzen, keinen Streit zwischen den Familien aufkommen zu lassen. Nach einer Heirat würde Sahis Sippe seiner Aussage nach dafür sorgen, dass Samir nichts tun würde, das die Parteien in Zwietracht bringen könnte.
Ich sagte Sahi, dass ich darüber nachdenken würde.
Als ich abends im Bett lag und mir über Sahis Angebot Gedanken machte, wurde dieser, zuerst als absurde Idee angesehene Vorschlag von ihm, immer denkbarer. Da ich zudem die Rückendeckung von Samirs Eltern hatte, war dies durchaus ein Plan, der klappen könnte. Ich wusste zudem, dass die beiden großen Brüder befreundet waren.
Ich hatte Sahi wirklich gern und mochte es sehr, wenn er um mich herum war. Ich liebte ihn zwar nicht, aber er war schon immer mehr als ein guter Freund gewesen. Ich hatte ihm von Anfang an alles anvertrauen können. Außerdem mochte ich auch seine Familie sehr gern.
Meine Liebe gehörte nach wie vor Samir, aber dem Samir, der keine Drogen nahm und der nicht all die Dinge getan hatte, die mich zum Auszug aus unserem Haus und zu der Entscheidung, mich von ihm scheiden zu lassen, veranlasst hatte. Den Samir gab es aber nicht mehr. Und den Samir würde es auch nie wieder geben. Selbst wenn mein Mann doch unerwarteterweise je den Drogenkonsum unterlassen könnte, wäre er nicht mehr der Mann, der er einst gewesen war. Es war einfach zu viel kaputt gegangen in den letzten Jahren. Ich hatte jegliches Vertrauen in ihn verloren.
Und genau dieses Vertrauen gab Sahi mir jetzt. Er war da und wollte an meiner Seite sein. Ich hatte ihn lieb und verbrachte gern Zeit mit ihm. Ich wusste, Sahi würde mir nie meine Freiheit nehmen und mir auch keine Eifersuchtsszenen wie Samir machen. Dafür war er einfach nicht der Typ.
Je mehr ich über seinen Vorschlag in den nächsten Tagen nachdachte, desto besser gefiel er mir.
Sahi lud mich einige Male zu seiner Familie zum Essen ein und auch dort fühlte ich mich so gut, wie schon bei den ersten Besuchen. Vor allem die Frauen dort mochte ich sehr gern. Sahi hatte vor einigen Jahren angefangen, sich ein Haus direkt gegenüber dem Anwesen seiner Schwestern zu bauen. Dies zeigte er mir und bot mir an, dort jederzeit einziehen zu können. Es musste noch viel gemacht werden in dem Haus. Bisher war es nur ein solides Fundament mit Mauern, die die einzelnen Zimmer abtrennten. Fenster und ein Dach fehlten noch. Aber es war ein Haus mit Potenzial. Ein Ziegenstall und ein kleiner Garten waren auch vorhanden. Bis zum Meer waren es zwei Minuten.
Sahi zog ein weiteres Ass aus dem Ärmel und ging mit mir in den großen Garten der Familie. Dies war ein riesiges Grundstück direkt am Meer mit unzähligen Dattelpalmen. Ich hatte mich schon damals, als ich noch Touristin war, in dieses Stückchen Paradies verliebt und Sahi bot mir nun an, dass wir dort ein Restaurant errichten könnten.
Es war alles immens verlockend.
›Aber du liebst ihn nicht‹, sprach die Sehnsucht.
›Ich will auch gar nicht mehr zum Vorschein kommen‹, erwiderte die Liebe, ›das ist alles viel zu verletzend für euch alle. Ihr anderen Gefühle habt so gelitten in den letzten Jahren. Ohne meine Fixierung auf einen Mann geht es euch doch viel besser. Ich gebe das ein für alle Mal auf und sehe es als einen Traum, der nur selten im Leben gewährt wird und nun einfach dahin ist. Ich beschränke mich auf die Kinder und das Dasein an sich. Sehe alle die kleinen Schönheiten des Alltags und erfreue mich daran. Mein großer Auftritt war einmal und kommt vielleicht nie wieder.‹
Der Verstand meldete sich ebenfalls zu Wort und alle anderen Gefühle lauschten gebannt seiner Argumentation: ›Ich denke auch, dass dieser Vorschlag eine richtig gute Idee ist. Die Liebe bringt zwar oft wunderschöne, unübertreffliche und bezaubernde Gefühle, aber in unserem Fall während der letzten Jahre mehr Leid als alles andere. Schaut doch, wo diese Liebe sie hingeführt hat. Sie sitzt mit drei kleinen Kindern ohne verfügbaren Vater in einem fremden Land fest, in dem sie keine Arbeitserlaubnis bekommt, wenn sie keine feste Anstellung in Aussicht hat. Nach Deutschland kann sie ohne die nötigen Papiere ihres Mannes auch nicht. Samirs Liebe war längst nicht so allumfassend, wie sie hätte sein sollen. Viel zu viel vom Ego geleitet, anstatt für Frau und Kinder nur das Beste zu wollen. Seine Liebe war von Anfang an zu stark von Macht- und Besitzdenken durchzogen. Zwei Attribute, mit denen wir noch nie wirklich umgehen konnten und die uns einfach viel zu sehr einschränken. Ich denke Sahi wäre genau der Richtige für sie. Er liebt sie von Herzen, das wissen wir alle, und er würde ihr keinen einzigen Wunsch versagen. Auch das wissen wir.‹
›Ja, genau!‹, bestärkte sie der Freiheitsdrang. ›Sahi ist wohl einer der wenigen muslimischen Männer, der uns genügend Freiraum einräumen könnte, damit wir uns hier richtig wohlfühlen können.‹
Der Pragmatismus ergänzte: ›Zumindest würde Sahis Familie gut auf sie aufpassen. Sie hätte wieder ein Haus und auch die Möglichkeit, zu arbeiten.‹
›Ich glaube es kaum‹, sagte der Verstand, ›sollte ich tatsächlich das erste Mal in unserem Dasein als Gewinner über die Liebe und die Sehnsucht aus dieser Diskussion hervorgehen?‹
›Von mir aus‹, erwiderte die Liebe, ›ich gebe auf.‹
Die Sehnsucht wollte zu sprechen ansetzen, aber sie war mit all den anderen Gefühlen tief genug verbunden um zu spüren, dass sie mit ihrem Bestreben nach der großen Liebe allein auf weiter Flur stand. Niemand glaubte mehr an die Erfüllung ihrer Wünsche und hätte sich mit ihr auf eine Seite gestellt.
Sahi kam unterdessen fast täglich bei mir vorbei und ich genoss es sehr, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich lernte ihn immer besser kennen, da mein Arabisch mittlerweile richtig gut war. Wir sprachen über alle Themen, die uns auf dem Herzen lagen.
Ein paar Monate später fragte ich Sahi in einem ernsten Gespräch, ob er wirklich mit voller Überzeugung hinter seinem Vorschlag, mich heiraten zu wollen, stand. Zudem wollte ich wissen, ob er mir versprechen könnte, meine Kinder zu achten. Als er beides bejahte, lachte ich ihn an, nahm ihn in den Arm und wir küssten uns. Es war nicht dieses feurige Prickeln, das ich damals bei Samir verspürt hatte, aber doch wunderschön und bewegte mich mehr als erwartet. Ich hatte ihn schon immer sehr lieb gehabt und hoffte, ihn eines Tages richtig tief lieben zu können.
Dann tat ich jedoch etwas, das wieder einmal zeigte, wie wichtig es ist, dass man sich wirklich mit allen Traditionen eines Landes vertraut machen sollte, bevor man handelt. Denn einige Tage später ging ich zu Samirs großem Bruder und sagte ihm, ich würde mich von Samir scheiden lassen, da ich Sahi heiraten wolle.
Als ich Sahi abends freudig darüber berichtete, veränderte sich sein sonst so gelassener Gesichtsausdruck schlagartig. Stammelnd fragte er mich, ob ich von allen guten Geistern verlassen wäre. Ich wäre immer noch Samirs Frau und bevor ich nicht geschieden wäre, hätte niemand von Samirs Familie von unseren Plänen erfahren dürfen. Jetzt würde sein Clan vielleicht denken, wir wären Ehebrecher. Das waren wir streng genommen schon bei diesem einen Kuss. Samirs Familie hatte damit das Recht, Wiedergutmachung zu verlangen.
Das war tatsächlich ein grober Fehler gewesen.
Schon zwei Tage später kam einer von Samirs Brüdern und fragte mich über meine Beziehung zu Sahi sehr detailliert aus. Ich spürte deutlich, sehr unüberlegt und vorschnell gehandelt zu haben.
Sahi sagte mir am nächsten Tag, dass wir uns bis zu meiner Scheidung jetzt nur noch in der Öffentlichkeit treffen könnten und ungemein vorsichtig sein müssten. Nach beduinischem Recht hätte Samirs Familie uns beide bei einem nachgewiesenen Ehebruch sogar töten dürfen. Solche Methoden waren zwar inzwischen nicht mehr üblich, doch nach dem Brauch der Wüstenbewohner völlig legitim und von allen Seiten respektiert. Meist kam es in solchen Fällen aber eher zu einem Abkommen der beiden betroffenen Familien und wurde mit Geld bereinigt. Diese Summen waren zum Teil so hoch, dass den Familien schwere Jahre bevorstanden und sie ihren Stolz im Stamm verminderten.
Was hatte ich bloß getan?
Sahi bekam großen Ärger mit seinen Brüdern. Sie wussten von uns, aber dachten, wir würden unsere Pläne bis zu meiner Scheidung von Samir geheim halten. Alle spotteten über die Dummheit seiner europäischen Auserwählten und fragten ihn mehrmals, ob er sich das mit der Hochzeit auch reiflich überlegt hätte.
Doch Sahi stand zu mir wie ein Fels in der Brandung und half mir, genügend Geld aufzubringen, um mich ein letztes Mal auf den weiten Weg nach Wadi Natrun aufzumachen.
Mir graute davor, meinem Mann, der dort in Haft saß, zusätzlichen Schmerz zu bereiten. Aber es ging nicht anders. Ich wollte wieder leben, wieder lachen, wieder eine Zukunft haben und vor allem endlich wieder glücklich sein.
Nicht zuletzt hoffte ich, vielleicht doch diese heile Familie zu finden, nach der ich immer suchte. Diesen starken Verbund, den ich damals in Sahis Familie bewundert hatte, als ich noch Touristin war.
Ich machte mir auf der zehn Stunden andauernden Fahrt sehr viele Gedanken, wie mein Mann es wohl aufnehmen würde, dass ich mich scheiden lassen wollte. Ich hoffte sehr auf sein Verständnis und seine Zustimmung.
Nach ägyptischem Recht konnte auch ich die Scheidung einreichen, aber einfacher war es, wenn Samir mich verstoßen würde. Ich hoffte, dies könne er schriftlich festlegen.
Die Fahrt zog sich endlos durch die mir heute trostlos erscheinende Wüste. Ihre Schönheit konnte ich durch meine angespannte Gemütsverfassung nicht richtig wahrnehmen. Auch als wir den Suezkanal durchquert hatten und ins Delta fuhren, blieben die grünen Landstriche, die in diesem fruchtbaren Gebiet üppig erblühten, von mir unbeachtet. Ich war in dem mir bevorstehenden Ereignis vollkommen gefangen und konnte an nichts anderes denken.
Als wir im Gefängnis eintrafen und ich mich zusammen mit Mohammed, meinem Fahrer und Vertrauten, erkundigte, verbot man mir, einen Stift mit hineinzunehmen. Ebenso war es nicht erlaubt, dass Samir Schriftstücke, in welcher Form auch immer, unterzeichnete.
Ich beriet mich mit Mohammed und wir kamen auf die Idee, hier jemanden als zweiten Zeugen zu suchen, wenn Samir der Scheidung, wie gehofft, zustimmen sollte.
Wie damals, als ich Samir das erste Mal besucht hatte, mussten wir in einem verdreckten Vorhof des Gefängnisses stundenlang ausharren. Endlich wurde der Name meines Mannes aufgerufen. Wir betraten das trostlose Gebäude. Wenigstens wurde ich diesmal nicht von einer übergriffig
en Ägypterin mehr als unangenehm angefasst. Beim Durchsuchen am Eingang zu den Gefangenen hatte sie mir sehr unsanft und mehrfach über meine Brüste gestrichen. Samir saß mit etwa zwanzig anderen Gefangenen am Boden auf einer Decke und wartete auf seinen Besuch. Er bemerkte bereits bei der Begrüßung, dass etwas anders war und sein Gesichtsausdruck wechselte von freudig auf fragend.
Ich war bis zum Zerreißen angespannt und sehr nervös, dazu emotional so befangen, dass ich kaum ein Wort sprechen konnte. Samir befragte mich nach seinen Söhnen und seiner Familie und ich sagte, dass es allen gut ginge und sie wohlauf wären. Dann hielt ich es nicht mehr aus, denn die Besuchszeit war auf eine halbe Stunde beschränkt und ich hatte viel zu besprechen. Mit großer Trauer im Herzen erzählte ich ihm all das, was mir auf der Seele lag:
»Samir, es tut mir unendlich leid, aber ich kann nicht mehr deine Frau sein. Mousa ist tot und als ich seine Frau, seine Schwester und seine Mutter um ihn weinen sah, wusste ich, ich will und kann das nicht mehr mitansehen. Ich will nicht weiterhin unterstützen, was du getan hast. Ich bin jetzt schon so lange unglücklich, deine Kinder haben so oft mit einer traurigen und verzweifelten Mutter leben müssen. Ich kann das einfach nicht mehr.«
Unerwarteterweise nahm Samir meine Hand und tröstete mich:
»Ich kann dich verstehen, ja Ruhi.«
›Ja Ruhi? Meine Seele? Warum, um alles in der Welt, muss er jetzt dieses Wort wählen?‹, entrüstete sich der Verstand.
›Merkt er denn nicht, wie sehr er ihr Herz schon gebrochen hat? Ist es nötig noch einen obendrauf zu setzen?‹, fragte auch das Mitgefühl.
»Keine Berührungen!«, warf der Polizist, der uns erblickt hatte, kalt und rigoros dazwischen.
Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich merkte wie sich mehr und mehr Tränen in meinen Augen sammelten. So sehr ich auch versuchte sie zurückzuhalten, es entstand immer mehr Druck, der sie von tief unten nach oben drängte.
Ich sah den Schmerz in Samirs Augen und mein eigener brach letztlich alle Dämme und die angesammelten Tränen stürzten wie ein lautloser Bach meine Wangen hinab.
Samir wischte mir einige aus dem Gesicht und sofort wurden wir wieder von dem Beamten ermahnt. Ich dachte, ich müsste hier und jetzt sterben, aber es war nur der Traum der starb. Der Traum mit Samir eine glückliche, heile Familie zu haben. Ich lebte noch und Samir lebte auch. Unsere Ehe lag jedoch in einem großen Scherbenhaufen vor uns. Samir willigte ein, mich von ihm zu scheiden. Er fragte, während ich zu Mohammed ging und ihn zu uns holte, einen Mithäftling, ob er kurz der unschönen Zeremonie als Zeuge beiwohnen könnte. Als beide neben uns standen, sprach Samir dreimal die nötigen Worte aus: »Inti talak, inti talak, inti talak!« Du bist geschieden!
Die beiden Zeugen zogen sich wieder zurück und ich befand mich wie in einer Art Trancezustand, unfähig, zu denken. Samir bat mich, mich gut um unsere Kinder zu kümmern und ich versprach es ihm. Die halbe Stunde Besuchszeit war viel zu schnell um und noch benommen stieg ich in den Minibus, der uns nach weiteren zehn Stunden Fahrt zurück nach Dahab bringen sollte. Samir hatte mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich seiner Schuld voll bewusst war. Er hatte es mir sehr einfach gemacht und unheimlich viel Verständnis gezeigt. Ich war ihm sehr dankbar dafür, wusste jedoch nicht, wie ich das Gefühlschaos in mir bändigen sollte. Die Fahrt über weinte ich die meiste Zeit und Mohammed, der mich gut kannte, sagte mir immer wieder, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Das gab mir zwar etwas Kraft, konnte den Schmerz jedoch nicht lindern. Ich hatte mit der Scheidung meinen Traum endgültig begraben und das war die schlimmste Beerdigung, die ich bis dahin erlebt hatte.
Ein neues Leben beginnt
»Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.«
- Hugo von Hofmannsthal -
So sehr die Scheidung von meinem Mann schmerzte, so gut tat nach einiger Zeit die Freiheit. Endlich konnte ich wieder mehr oder weniger tun und lassen, was ich wollte. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen und konnte mich vollkommen frei bewegen. Als Erstes besuchte ich meine Freundin Jessica in Nuweiba, eine gebürtige Schweizerin, die ebenfalls mit einem Beduinen verheiratet war und schon einige Jahre länger als ich im Sinai lebte. Ich verbrachte einige schöne Tage in ihrem Camp am Meer.
Gemeinsam mit ihrem Mann besuchten wir am Ende meines Aufenthalts ihre Schwiegermutter. Sie lebte in einer wunderschönen Oase, in der Nähe von Ain Umm Ahmad. Am frühen Morgen machten wir es uns im Jeep bequem und fuhren schon bald von der asphaltierten Straße in ein Wadi. Jetzt wurde es unbequemer, denn der Geländewagen musste ein gewisses Tempo haben, um nicht im Sand steckenzubleiben. Der Ausblick entschädigte uns für die Mühen. Abwechselnde Steinformationen in allen Farbtönen von beige bis schwarz zogen sich rechts und links an dem ausgetrockneten Flussbett entlang.
Nach kurzer Zeit sahen wir das erste Wasser. Ein schmales Rinnsal sorgte für ein paar kleine Palmen am Berghang. Wir legten eine kurze Rast an einer Stelle ein, an der sich das Wasser sammelte, wuschen uns den Staub aus den Gesichtern und reckten unsere Glieder. Unsere Jungs machten sofort eine Wasserschlacht und wollten erst gar nicht wieder in den Jeep einsteigen. Eine große Tüte Chips, die ich in Nuweiba besorgt hatte, half mir, sie schnell umzustimmen. Weiter ging die Fahrt durch tiefe Schluchten über Stock und Stein. Die Jungs kreischten zwischendurch vor Vergnügen, wenn der Jeep richtig Fahrt aufnahm und dadurch sicher seinen Weg durch den teilweise vorkommenden tiefen und feinen Sand meisterte. Mousallim war ein sehr guter Fahrer.
Es ist ein atemberaubender Anblick, wenn man nach der langen Tour durch die unterschiedlichen Beigetöne plötzlich eine größere Ansammlung leuchtend grüner Palmen erblickt, die in einem herrlichen Kontrast zu den Bergen stehen. Wir hatten unser Ziel erreicht und wurden sehr herzlich begrüßt.
Mousallims Mutter war eine sehr kleine Frau mit einer leicht gebückten Haltung. Die Sonne hatte tiefe Furchen in ein Gesicht gebrannt, aus dem mich funkelnde tiefbraune Augen seit meiner Ankunft freundlich anlächelten. Jessicas Schwiegermutter hatte einen kleinen Garten angelegt und bereitete uns einen Eintopf aus frisch geernteten Zucchini und dem frisch geschlachteten Huhn, das wir mitgebracht hatten. Wir wollten ihr ein wenig zur Hand gehen, aber das ließ die Dame des Hauses natürlich nicht zu. Obwohl Jessica zur Familie gehörte, waren wir für heute ihre Gäste.
Die Behausung bestand aus zwei einfachen, aus Natursteinen gebauten Räumen mit einem Dach aus Palmblättern. Eine mannshohe Mauer aus groben Zementblöcken schützte die Bewohnerin im Winter vor dem kalten Wind. Draußen vor dem Hof waren ihre Ziegen und Schafe in ebenfalls ummauerten Gehegen untergebracht. Jessicas Schwiegermutter lebte meist allein dort, ganz abgeschieden in den Bergen. Ihr Mann war bereits verstorben und nur hin und wieder kamen ihre Kinder oder deren Frauen für ein paar Tage oder Wochen zu ihr. Ich bewunderte ihren Mut, hier die meiste Zeit allein zu verbringen, denn sie schien sehr zufrieden mit ihrer Situation.
Ich ging mit Jessica ein wenig die Gegend erkunden und wir genossen es außerordentlich, durch die hügelige unbewohnte Landschaft zu laufen und die vielen Pflanzen an den steilen Berghängen zu bewundern.
Auf dem Weg entdeckten wir ein paar reife Kapernfrüchte. Grellgelb leuchtete das Fruchtfleisch im farblichen Gegensatz zu der knallroten Schale, die bereits aufgeplatzt war. Ich pflückte eine, pustete die Ameisen, die darauf herumkrabbelten beiseite und ließ mir genüsslich das herzhaft süße Fruchtfleisch schmecken. Die kleinen, scharfen Kerne, auf die ich zwischendurch biss, ergänzten angenehm kontrastreich den erfrischenden Gaumenschmaus. Für Jessicas Familie und meine Jungs hatte der Strauch ebenfalls noch ein paar reife Früchte anzubieten. Einige Kerne spuckten wir in den Sand, damit die Pflanze die Chance behielt, sich zu vermehren. Auch einige unreife Früchte hingen noch an den Zweigen. Diese sammelten wir, um sie zurück in Nuweiba mit viel Salz und geriebenem Ziegenkäse in Wasser einzulegen. Diese salzig-säuerlich und recht scharfe Mixtur nahmen die Beduinen bei Erkältungskrankheiten, aber auch als schmackhafte Zutat zu einigen Speisen. So wurde sehr gern Maadus, ein Gericht aus Linsen und Reis damit verfeinert oder ein Schuss dem Salat zugegeben. Wenn die Kinder oder ich im Winter mal einen etwas rauen Hals gehabt hatten, war dies meine bewährte und liebste Medizin dagegen.
Ich hatte dieses Hausmittel immer parat und Jessicas Mutter zeigte uns sofort ihren eigenen Vorrat, als sie sah, was wir mitgebracht hatten.
Wir alle waren von der Hitze sehr müde und hielten nach dem Essen Siesta. Meine Kinder schliefen recht schnell ein. Die Ruhe hier oben in den Bergen war fantastisch. Weit und breit kein Laut, außer dem gelegentlichen Meckern der Ziegen. Ich selber mochte nicht schlafen. Leise nahm ich mir einen kleinen Teppich und entfernte mich etwas von dem Haus der Schwiegermutter. Ich nutzte die Zeit, um mal wieder ausgiebig zu meditieren. Das gelang mir unter diesen Umständen ganz besonders gut.
Die Stille war noch immer etwas Besonderes für mich und ich bereute mal wieder, kein Kamel mehr zu besitzen. Unsere Wüstenschiffe waren leider alle während Samirs Drogenzeit verkauft worden.
Ich meditierte zum Loslassen und da ging es vor allem um meinen Ex-Mann. Ich konnte ihm alles vergeben und positiv in meine Zukunft sehen.
Als alle anderen wieder erwachten, fühlte auch ich mich frisch, erholt und voller Tatendrang. Ich freute mich auf Dahab und mein neues Leben dort.
Etwa zwei Monate später heirateten Sahi und ich. Wenn wir nicht in einem arabischen Land gelebt hätten, wäre ich sicherlich nicht so schnell auf eine Heirat eingegangen. Aber in Ägypten ist es verboten, mit einem Mann ohne Trauschein zusammenzuwohnen. Wir unterschrieben vorerst nur ein Papier bei einem Anwalt. Eine richtige Heirat, die auch von den deutschen Ämtern anerkannt wird, ist ein sehr langwieriger Prozess und mit einem Ehefähigkeitszeugnis und einigen Fahrten nach Kairo verbunden. Für uns und die Behörden reichte der sogenannte Urfivertrag vom Anwalt.
Zur Feier lud ich nur einige meiner guten Freundinnen ein und verzichtete gern auf eine der großen beduinischen Hochzeitsfeiern. Bei den Beduinen tun sich üblicherweise einige Paare zusammen. Diese Feste sind berauschend und gehen über drei Tage. Oft finden sie in einem der umliegenden Wadis statt. Jeder, der kommen möchte, ist dazu eingeladen und daher kosten diese Feste ein Vermögen, welches wir derzeit nicht hatten. Außerdem wollten wir nicht auf solch einen Termin warten. Wir feierten daher ganz bescheiden bei Sahis Schwestern.
Schon am frühen Morgen wurden eine Ziege und ein Schaf geschlachtet. Zahlreiche Gäste aus unserer Nachbarschaft kamen mittags vorbei, aßen mit uns und überhäuften uns mit den allerbesten Wünschen.
Meine Kinder mochten Sahi und seine Familie sehr gern und wurden herzlich von ihnen in die neue Sippe integriert.
Zu meinen zwei Schwägerinnen und meiner neuen Schwiegermutter hat sich schon bald eine sehr vertraute und liebevolle Beziehung entwickelt. Ich verbrachte viel Zeit bei ihnen, während Sahi und ich nebenan unser Haus herrichteten.
Wir besorgten zuerst Holzsparren für das Dach, die Fenster und Türen. Gemeinsam bauten wir das Haus erst einmal notdürftig zusammen, damit ich die nicht mehr anfallende Miete in die Renovierung stecken konnte. Das bedeutete, ich begnügte mich anfangs mit einem Dach aus Palmwedeln, die eng aneinandergelegt und festgeschnürt wurden. Auch der Verputz der Wände musste vorerst warten.
All das machte mir rein gar nichts aus. Ich war recht anspruchslos geworden und sehr froh, wieder einen eigenen Ort zu haben. Mit der Zeit würde ich es mir schon behaglich einrichten. Der Winter, in dem es regnen könnte, war noch einige Monate entfernt. Bis dahin wollte ich Geld für ein Holzdach zusammengespart haben. Auf das Holz käme dann eine Plane und Zement. Ich hatte schon einmal viele meiner Fotos und Bücher verloren, weil Samir und ich nicht im Haus gewesen waren, als ein starker Regen alle überrascht hatte. Damals hatten wir anfangs auch solch ein Dach aus Palmwedeln gehabt. Als wir von unserem Ausflug wiederkamen, hatte eine unansehnlich dicke braune Soße aus Staub, Dreck und Wasser viele meiner Habseligkeiten unbrauchbar gemacht. Dies sollte mir nicht noch einmal passieren.
Während des Aufbaus aßen wir regelmäßig bei Sahis Schwestern und ich war dankbar, dadurch zusätzliche Zeit nutzen zu können, um an unserem Haus arbeiten zu können. Außerdem war das Essen bei meinen Schwägerinnen einfach köstlich. Sie kochten immer riesige Mengen, denn unangemeldete Gäste fanden sich dort fast täglich ein. Für das Wüstenvolk war es eine Selbstverständlichkeit jeden Besucher am Mahl teilhaben zu lassen.
Am meisten Spaß hatte ich an dem kleinen Garten. Ich besorgte mir von einem fahrenden Händler ein paar Bananenstauden und legte mir einen Gemüsegarten an. Schon nach wenigen Wochen begann es in meinem Garten zu blühen.
Die Kinder waren froh wieder in der Nähe des Meeres zu wohnen und ich konnte sie getrost mit den anderen Kindern an den Strand gehen lassen. Immer waren ein paar ältere Mädchen dabei, die mir versprachen auf meine Jungs aufzupassen. Das Meer vor dem Anwesen von Sahis Familie hatte den Vorteil, dass es dort ein sehr breites Riff gab, in dessen Mitte nur eine einzige, etwa zehn Meter breite, runde Vertiefung mit Meeressand war. Alle Beduinenkinder des Umkreises lernten darin das Schwimmen. So auch einer meiner Jungs. Das überschaubare Loch war immer so voll mit dem Nachwuchs des Dorfes, dass es unmöglich war, dort unbeobachtet zu ertrinken. Die ersten Male war ich noch mit hinunter an den Strand gegangen, aber schon bald stellte ich fest, dass ich erstens die einzige Mutter war, die sich um ihre Kinder sorgte und zweitens, dass diese Sorge vollkommen überflüssig war.
Glücklich und zufrieden kamen meine Jungs am frühen Abend zum Abendessen heim und waren kurz danach eingeschlafen. Im Sinai musste ich meine Kinder kein einziges Mal ins Bett schicken. Tagtäglich waren sie so müde vom Herumrennen an der frischen Luft, dass sie abends gern und vollkommen stressfrei einschliefen. Schlafengehen war für meine Jungs dort zu keiner Zeit mit diesem negativen Beigeschmack behaftet, den ich aus Deutschland kannte, wo die Kleinen nie ins Bett wollen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Kinder kein eigenes Zimmer haben, in das man sie steckt. Hier schliefen sie meist einfach in den Vorhöfen, neben den sich unterhaltenden Erwachsenen, seelenruhig ein. Dazu kam, dass man hier sehr früh aufwachte. Wenn die Sonne aufging, wurde es schnell heiß und spätestens um sechs Uhr war die ganze Bande wach und hielt mich auf Trab.
Endlich wieder frei von den meisten Sorgen lebten wir einige Monate sehr glücklich und zufrieden.
Die einzigen Probleme waren die Schule und dass ich nach wie vor große Sehnsucht nach meiner Familie in Deutschland hatte. Vor allem nach meiner Mutter, die sich nach einer Herzoperation den langen Flug nicht mehr zutraute. Mein Sohn weigerte sich immer hartnäckiger, in die Schule zu gehen. Die Schläge nahmen nicht ab und oft war es nahezu unmöglich, Ghanem morgens zum Losgehen zu überreden. Dass seine Abneigung von Tag zu Tag stärker wurde, verstand ich natürlich, wenn er mal wieder mit Striemen auf den Händen heimkam, weil es eine Kollektivstrafe für die Jungs gegeben hatte. Ich ging nach wie vor oft in die Schule und redete mit dem Rektor, aber meine Einwände brachten immer nur kurzzeitig etwas. Eine schlimme Situation, sowohl für mein Kind als auch für mich. Und ein nicht enden wollender Kampf, den ich oft verlor. Ich wusste jedoch keinen Ausweg aus diesen fatalen Umständen .
Ich besprach mich sehr oft mit Sahi und irgendwann stimmte er zu, mit mir an den Flughafen zu kommen. Wir hofften, man würde vielleicht denken, dass Sahi der Vater meiner Kinder wäre, und mich ausreisen lassen. Mein Ziel war es, in Deutschland zu arbeiten und nur noch die Ferien im Sinai zu verbringen. Zumindest so lange, bis die Kinder die Schule beendet hatten.
Sahi war zwar traurig, dass ich gehen wollte, aber er konnte mich verstehen und hat mein Glück und das meiner Kinder über seines gestellt. Dies ist ein weit verbreiteter Charakterzug in Sahis Familie. Aida, seine älteste Schwester, war da ganz besonders. Sie kümmert sich den ganzen Tag nur um andere und schaut nahezu nie auf sich selbst. Sie scheint am glücklichsten zu sein, wenn andere sich bei ihr wohlfühlen. Ich hatte bis dato nie erlebt, dass Aida auf ihre Bedürfnisse achtete. Es war fast so, als hätte sie keine.
Ich packte ein weiteres Mal all meine Habseligkeiten, die mir besonders am Herzen lagen, zusammen und verabschiedete mich von meinen engsten Freunden. Ich sagte nicht allen Bescheid, da ich wie schon bei den früheren gescheiterten Ausreiseversuchen Angst hatte, Samirs Brüder könnten von meinen Plänen erfahren und meine Ausreise unterbinden.
Nervös fuhren wir in einem Minibus an den Flughafen. Wie zuvor, bläute ich meinen Kindern ein, nur Deutsch zu sprechen und sich bitte nicht zu streiten. Ghanem hielt sich nicht daran, denn er wollte nicht nach Deutschland und brachte seinen Unmut durch Streitereien mit mir und seinem jüngeren Bruder zum Ausdruck. Am Flughafen in Sharm el Sheikh angekommen, war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, und hoffte, diesmal durch die Kontrollen irgendwie geschickt durchschlüpfen zu können. Sahi blieb draußen bei den Taxis.
Die erste Hürde des Eincheckens war genommen und wir warteten in einer langen Schlange auf die Passkontrolle. Ich hatte Glück, denn nicht ein einziger Beamter, der mich kannte, war in den zahlreichen Glaskästen, in denen die Bediensteten saßen, zu sehen. Ich versuchte, nicht allzu nervös zu wirken, als ich endlich an die Reihe kam. Der betagte Herr nahm sich meinen deutschen Pass, in dem alle meine Kinder als deutsche Staatsbürger eingetragen waren. Er fragte mich nach meinem Mann und mir wurde sehr mulmig zumute. Ich sagte ihm, dass er draußen warten würde. Der Beamte erhob sich und bat mich, ihm zu folgen. In einem Büro angelangt, forderte er mich auf, meinen Mann zu holen. Ich ging und fand Sahi vor dem Eingang in ein Gespräch verwickelt. Mit einem unguten Gefühl folgte er mir. Im Büro angekommen wollte er gerade bestätigen der Vater meiner Kinder zu sein, als ein anderer Mann in den Raum kam. Ich glaubte es nicht. Wieder ein alter Bekannter. Der Beamte, der mich schon einige Male am Ausreisen gehindert hatte. Er begrüßte mich mit einem: »Sie mal wieder, Sie wissen doch, dass Sie den Vater der Kinder mitbringen müssen und wenn ich mich recht erinnere, sitzt Ihr Mann doch nach wie vor im Gefängnis. Oder ist er frühzeitig entlassen worden?«
Das durfte doch nicht wahr sein. Und wie kann dieser Mensch so ein verflucht gutes Gedächtnis haben?
Sahi und ich sahen uns an und wussten beide, dass wir hier in einer brenzligen Lage waren.
Die beiden Beamten unterhielten sich und auch Sahi wurde befragt. Ich verstand kaum einen Satz, da ich dem ägyptischen Dialekt nicht gut folgen konnte und die Männer viele Wörter benutzten, die mir völlig unbekannt waren. Ich zitterte innerlich und hoffte ganz stark, dass Sahi die richtigen Antworten geben würde. Eine ungeheure Angst hatte mich beschlichen, meinen Mann in eine fatale Situation hineingezogen zu haben. Angestrengt versuchte ich immer wieder zu verstehen, was der Beamte fragte, aber ich verstand nur unzureichende Wortfetzen. Doch dann konnte ich mir endlich einen Reim aus Sahis Antworten machen und seinen Worten entnehmen, dass er begriffen hatte, dass meine Reise hier beendet war. Wahrheitsgemäß erzählte er dem Beamten von meiner verzwickten Lage. Der Bedienstete schlug Sahi lachend auf die Schulter und ich wurde wieder etwas ruhiger. Man sagte mir, dass sie mich auch dieses Mal nicht fliegen lassen würden. Sie könnten aber versuchen, mir ein Schreiben auszustellen, damit ich die Tickets erstattet bekäme. Das war ein faires Entgegenkommen, doch leider hinfällig, da mein last minute-Ticket nicht erstattungsfähig war. Ich hatte also wieder viel Geld, das ich hart gespart und mit Brot-und Kuchenverkauf erarbeitet hatte, verloren. Aber immerhin hatten Sahi und ich keine Schwierigkeiten bekommen. Der Beamte wollte mich zwar nicht fliegen lassen, konnte jedoch durchaus meine Lage vom rein Menschlichen her verstehen und war nicht auf Ärger aus. Ich fuhr, anstatt nach Deutschland zu fliegen, wieder mit Sahi zurück nach Dahab. Ghanem und mein Mann freuten sich sehr darüber. Nur mir wurde einmal mehr bewusst, dass ich in diesem Land gefangen war.
Familienleben
»Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.«
-Wilhelm Busch-
Mein Vater kam mit seiner Frau und zwei meiner Schwestern zu Besuch. Das war eine willkommene Abwechslung und tröstete mich ein wenig über die misslungene Ausreise hinweg.
Manch einer mag denken, dass ich anhaltend Urlaub im Sinai machte, aber das Gegenteil war der Fall. Auch dort musste man irgendwie Geld verdienen. Ohne Arbeitserlaubnis war es alles andere als einfach, meine drei kleinen Kinder zu versorgen. Ich arbeitete meist im Namen meines Mannes. Brot und Kuchen zu verkaufen, ging problemlos, die Schildermalerei auch, aber ich wollte gern etwas Lukrativeres machen, da ich nach wie vor meine Kinder in die internationale Schule schicken wollte, die ich mir bis dato jedoch nicht leisten konnte.
Die Tage, an denen mich meine Familie oder enge Freunde besuchten, waren aber definitiv dann auch Urlaub für mich. Da konnte ich mit gutem Gewissen alle Arbeit ruhen lassen und mich ganz auf meine Gäste konzentrieren.
Ich organisierte ein großes Festessen in der Wüste. Gemeinsam mit meiner Familie und einigen von Sahis Familienangehörigen fuhren wir in einen Wadi und bereiteten meinen Angehörigen ein opulentes Dinner mit Ziegenfleisch, frischem Brot, Salat, Gemüse und Reis inmitten der wunderschönen Wüstenlandschaft. Die Kinder waren glücklich, endlich mal wieder ausgelassen klettern zu können und ich unternahm einen langen Spaziergang mit meinem Vater durch die vielen kleinen Schluchten. Begeistert zeigte ich ihm die verschiedenen Kräuter und Pflanzen, aus denen meine Hausapotheke bestand. Es war lange her, dass mein Vater und ich Zeit hatten, allein ein paar Worte zu wechseln und ich genoss sein Dasein sehr. Ich erzählte ihm auch von dem missglückten Versuch, nach Deutschland zu kommen. In diesem Punkt konnte er mir jedoch nicht weiterhelfen. Es tat ihm sehr leid um mich und vor allem um die Schulsituation von Ghanem, das war deutlich aus seinen Worten und aus seiner Stimmung zu lesen. Recht betrübt gingen wir tiefer in die Wüste. Ich spürte, dass es meinen Vater sehr traurig machte, dass ich kein glückliches und zufriedenes Leben führte und versuchte ihn mit all den schönen Seiten, die es hier gab, zu überzeugen, dass es mir doch in vielen anderen Bereichen gut ging.
Wir schlenderten zurück in die Richtung unseres Platzes und schon von weitem hörte ich meine Jungs lauthals lachen. Sie waren an einer Wasserstelle und bespritzten sich gegenseitig mit der kühlenden Erfrischung. Ausgelassen rannten sie voreinander weg und machten ihre Späße. Das war genau das Richtige, um meinen Vater wieder auf bessere Gedanken zu bringen. Schon bald überzogen tiefe Lachfalten sein eben noch sorgenvolles Gesicht und ließen ihn meine Probleme für einen Moment vergessen.
Das Essen war fertig und wir setzten uns alle um die großen Platten auf die Erde. Die Familie hatte eigens für meinen Besuch die schönsten Teppiche mitgenommen und sogar einige Kissen, um es sich etwas gemütlicher zu machen. Meine beiden Schwestern versuchten, mit den Fingern zu essen, wie die Beduinen es taten, und hatten viel Spaß dabei. Alle waren begeistert von dem Mahl, das uns Sahis Schwestern kredenzt hatten. Herrlich satt genossen wir den Tee, der uns wie üblich nach dem Essen gereicht wurde. Ich war nie der typische Teetrinker, aber nach solch einem üppigen Essen in der Wüste tat eine Tasse des süßen Tees immer besonders gut. Fast wie ein Nachtisch beglückte er unsere Gaumen. Langsam bereiteten wir alles für die Rückfahrt vor. Ich beschloss, mit meinen Schwestern etwas vorzugehen und uns später vom Auto einsammeln zu lassen. Wir waren gerade einige Minuten unterwegs, als sich meine Idee auch schon gelohnt hatte, denn eine riesige Agame von etwa einem halben Meter Länge kreuzte mit ihrem lustigen Gang unseren Weg. Wir verfolgten sie ein wenig und bestaunten ihre wunderschönen Grüntöne, die sich bei jedem Lichteinfall ein wenig veränderten.
Meine Familienmitglieder übernachteten in ihrem Hotel in Dahab City und wir fuhren zurück ins Dorf. Als ich spät abends unter dem Himmel mit tausenden blinkender Sternen lag, fragte ich mich, ob ich mir selbst etwas vorgemacht hatte bei dem Gespräch mit meinem Vater.
War ich wirklich noch so glücklich hier?
Freiheit, das höchste Gut der Menschen. Mein höchstes Ziel schien unerreichbar. Eine heile Familie hatte ich ja mittlerweile irgendwie, aber es wurde immer offensichtlicher für mich, dass ich Sahi doch nie so tief lieben würde, wie ich anfangs gehofft hatte. Die Beduinenfrauen hatten mir oft erzählt, dass Liebe sich mit der Zeit entwickeln würde, aber zwischen Sahi und mir war nach wie vor nicht mehr als eine ganz enge Freundschaft. Mir fehlte die Leidenschaft von meiner Seite aus, die sich nicht einstellte. Das merkte natürlich auch mein Mann und ich wusste, dass er darunter litt.
›Hey, du kannst eben nicht immer alles haben wollen‹, sprach die Vernunft.
›Genau, sei doch einfach mal mit dem zufrieden, was du hast‹, wurde sie sofort von der Genügsamkeit unterstützt.
›Ja, ja‹, trotzte die Sehnsucht, ›ich werde versuchen, mich zurückzuhalten. Aber kann sie sich nicht wenigstens wieder mehr Zeit zum Malen nehmen, wenn ich schon in der Liebe solch Rückschritte machen muss?‹
Die Muse war beglückt: ›Eine famose Idee!‹, rief sie aus und ich nahm mir vor, in den kommenden Tagen endlich mal wieder mehr Freiraum für die Malerei zu schaffen.
Außerdem hatte die Genügsamkeit recht. Ich hatte endlich Frieden gefunden. Sahi war sehr lieb zu mir und auch mit meinen Jungs gab er sich die größte Mühe. Er war weder eifersüchtig, noch schrieb er mir in irgendeiner Weise vor, was ich zu tun oder zu lassen hatte. Er hörte mir zu und hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Sahis Familie war so hilfsbereit und zuvorkommend, wie ich es noch nie bei anderen erlebt hatte. Ich sollte glücklich und zufrieden sein.
Ich fing also wieder an zu malen und fing nebenbei an unser Badezimmer zu renovieren. Wie damals in meinem Haus am Strand wollte ich es mit Bruchfliesen verschönern und mir eine Badewanne installieren. Damit war ich, nachdem meine Familie abgereist war, gut beschäftigt und meine Gedanken kamen wieder zur Ruhe. Solange ich kreative Arbeiten verrichten konnte, war ich glücklich. Gestalterisch tätig zu sein war wie Meditation für mich. Da konnte ich ganz bei mir sein und das Gefühl, etwas Schönes und Neues zu erschaffen, gab mir Ausgeglichenheit.
Natürlich waren schon nach zwei Tagen meine Fingerkuppen, wie schon bei den letzten Aktionen mit ägyptischem Zement, offen und wund. Aber ich versuchte, den stark brennenden Schmerz zu ignorieren und zog meine Arbeit in einem durch. Danach war das Badezimmer definitiv der schönste Ort in unserem Haus. Anschließend war die Küche dran. Ich besorgte neue Regale und ließ den Boden zementieren, der vorher nur aus einer dicke Lage Kies bestanden hatte. Zur Einweihung des neuen Bodens backte ich einen leckeren Apfelkuchen. Ich liebte es, die Küchenabfälle direkt aus dem Fenster in den Trog im Ziegenstall werfen zu können und meine eigene Ziege in solch illustrer Gesellschaft zu sehen, machte mich glücklich. Meine inzwischen schon recht alte Meckerliese, die ich von Samirs Mutter zu Ghanems Geburt geschenkt bekommen hatte, fühlte sich pudelwohl in der großen Herde, die Sahis Mutter und seinen Schwestern gehörte. Da sich Ghanima, meine Schwiegermutter, so rührend um die Tiere kümmerte, überließ ich ihr gern die Milch und die Jungen meiner Ziege. Ziegen waren, wie ich feststellte, nicht meine bevorzugten Haustiere. Auch die Milch mochten meine Söhne und ich nicht wirklich gern. Sahis Mutter hatte hingegen eine ganz hinreißende Beziehung zu ihren Ziegen und Schafen. Wenn ich zu ihr ging, sah ich sie fast immer in irgendeine Beschäftigung für ihre Tiere vertieft. Mal zerstieß sie alte, harte Brötchen, welche die Beduinen von den Hotels kauften, mal fütterte sie liebevoll ein junges Schaf, dessen Mutter nicht genügend Milch hatte, mit der Flasche. Sie saß an einem schattigen Plätzchen des großen Vorhofs und zerschnitt Melonenschalen in mundgerechte Stücke oder vermischte alten Reis mit genügend Wasser. Wenn man den Ziegen den Reis ohne das vollständige Aufquellen geben würde, bekämen sie einen Blähbauch und ihnen würde zu viel Wasser entzogen werden, erklärte sie mir. Das wusste ich zwar schon, aber sie sprach eben gern über ihre geliebten Vierbeiner. Für Ghanima waren die Ziegen wie ihre eigenen Kinder. Nie zuvor und auch nicht später traf ich irgendjemanden mit solch einem großem Herzen für seine Tiere. In der Zeit, als sie eine junge Frau war, waren Ziegen eine der wenigen Einnahmequellen der Beduinenfrauen gewesen. Sie verkauften ihre Tiere oder webten große Zeltbahnen, Teppiche und Satteltaschen aus deren Haaren. Auch die Felle verarbeiteten die Frauen damals sehr häufig. Sie wurden gern als warme Teppiche für den Winter genutzt. Gegerbt und enthaart machte man aus ihnen Behälter für Wasser oder Butter. Heute werden diese traditionellen Arbeiten immer weniger ausgeführt. Man benutzt Plastikbehälter für das Wasser und gewebt wird meist nur noch von den Frauen in den Bergen, da sie dort nicht so viel Abwechslung haben, wie die Frauen in unserem großen Dorf. Für die Familien, die tief in der Wüste lebten, war es schwerer, Geld zu verdienen und so verkauften sie ihre Webarbeiten an die Familien nah der Küste, die mit Fisch oder Touristen ihren Unterhalt bestritten. Oftmals tauschten sie auch ihre Waren. Das ist auch heute noch so. Vor allem die jungen Männer fangen und trocknen gern Fisch, um ihn dann gegen schöne Satteltaschen für ihre Kamele einzutauschen. In El Arisch gibt es ebenfalls viele Frauen, die noch die Kunst des Webens aufrecht erhalten. Ihre Erzeugnisse werden durch fahrende Händler unter die Leute gebracht. Die unzähligen Souvenirläden an den Promenaden von Dahab und Sharm el Sheikh bekommen ebenfalls viele wunderschöne Webarbeiten aus El Arisch, einer Stadt im Norden des Sinai. Für das Geld, das die Frauen für ihre Ziegen und deren Produkte bekommen, kaufen sie Gold. Heute meist in Form von Armreifen oder Ohrringen. Früher erwarben sie oftmals kleine ziselierte Plättchen aus Gold und Silber, die an ihre Gesichtsschleier genäht wurden. Ich hatte gerade von einer sehr alten Frau aus den Bergen ein äußerst wertvolles und wunderschönes Exemplar dieser Schleier bekommen, um es für sie gewinnbringend zu veräußern. Es war reich verziert mit Stickereien, Steinen, Muscheln und Perlen. In einen schönen Rahmen gespannt, wurde es später zu einem edlen Wohnzimmerschmuck an der Wand meiner Freundin. Solche alten Prachtstücke fand man selten und waren daher bei den Touristen sehr beliebt.
Eines Tages bestaunte ich wieder einmal die Heilmethoden der Beduinenfrauen. Ich kam dazu, wie Ghanima einem ihrer Tiere eine Flasche Sprite zu trinken gab. Dazu schüttelte sie eine der kleinen Glasflaschen, die es in Dahab noch gab, und hielt dem Tier den Mund auf. Das Flascheninnere ergoss sich mit gehörigem Druck in den Schlund der Ziege. Ich gesellte mich später zu ihr und fragte, wofür diese Prozedur gut sei und ob tatsächlich Sprite in der Flasche gewesen wäre. Meine Schwiegermutter bejahte die Frage und erzählte mir, dass die Ziege schon einige Tage Magenprobleme hätte und die Beduinen irgendwann festgestellt hatten, dass Sprite mit Kohlensäure Linderung oder sogar vollkommene Heilung verschafft. Es schien zu stimmen, denn als ich mich zwei Tage später bei ihr erkundigte, erzählte sie mir zufrieden, dass es der Ziege wieder gut gehen würde. Einmal mehr bewunderte ich den Einfallsreichtum der Beduinen.
Anstatt meine Ziegenherde zu vergrößern, beschloss ich, mir Geflügel zuzulegen. Ungeduldig wartete ich auf den Wagen der fahrenden Händler. Ich hatte Glück, schon ein paar Tage später hörte ich den mir bekannten Ruf des Ägypters, der mit einer Glocke und lautem Ausrufen sein Herankommen kundtat. Ich ging hinaus und erstand vier Hühner und vier junge Enten. Jeweils drei Weibchen und ein Männchen. Die Enten waren noch winzige Küken und meine Kinder verliebten sich sofort in sie. Wir bauten ihnen ein Gehege neben dem Ziegenstall, in dem sie sich augenscheinlich sehr wohl fühlten.
Stückchen für Stückchen wurde mein Haus immer heimeliger und ich lernte nach und nach die Beduinenfrauen um mich herum besser kennen. Oftmals kamen sie auf ein Glas Tee bei mir vorbei oder ich ging zu ihnen. Glücklicherweise wurde ich überall wunderbar und ungezwungen in die Gemeinschaft um mich herum aufgenommen. Sahis Bruder wohnte ebenfalls in der direkten Nachbarschaft und hatte einen Sohn mit Handicap. Schon als Baby hatte er Kinderlähmung bekommen und kroch daraus resultierend die meiste Zeit auf dem Boden herum. Seine Beine hielten sein Gewicht immer nur für eine kurze Zeit. Ich nahm mich des Jungen an und half ihm, wann immer ich ihn zu Gesicht bekam, sich wieder zu erheben. Für ihn war es durchaus machbar, längere Strecken zu laufen, wenn er sich irgendwo festhalten konnte. Daher hatte ich den Einfall, ihm meinen Kinderwagen zur Verfügung zu stellen. Ich machte ihm klar, dass er seine Muskeln stärken musste, wenn er besser laufen lernen wollte. Er trainierte die nächsten Tage sehr fleißig. Es machte ihm Spaß, den Kinderwagen durch die Gegend zu schieben. Mit den großen Reifen dieses Modells kam man leicht durch den Kies und den Sand, der an den Rändern der Wege lag. Manchmal sah ich ihn von weitem, wie er sich wieder auf dem Boden bewegte, doch sobald er mich sah, hangelte er sich schnell zu einer Wand und versuchte zu gehen. Seine Freude und das Lachen in seinem Gesicht waren mir ein wunderbares Geschenk und langsam verbesserte sich sein Gang etwas. Ich traf ihn immer öfter in aufrechter Position. Diesen Jungen betreffend fand ich seine Eltern sehr pragmatisch. Sie hatten sich einfach damit abgefunden, wie ihr Sohn war und förderten ihn nicht mehr, was er meines Erachtens jedoch am nötigsten brauchte. Da für mich solch ein Verhalten unverständlich war, besprach ich mich mit ihnen. Ich glaubte, ihnen war gar nicht bewusst, dass die Situation ihres Sohnes verbessert werden konnte. Ein anderer Aspekt war, dass der Junge sich von seinen Eltern längst nicht so motivieren ließ wie von mir. Sie hatten ihm Krücken besorgt, aber wenn die Mutter ihm sagte, er solle sie benutzen, schaltete er auf stur und verzog sich einfach. Traf ich ihn allein, war er wie ausgewechselt. Ich hatte damals noch nicht so viel Erfahrung mit Kindern und wusste nicht, dass es ganz normal war, dass Kinder besser auf Außenstehende hören, als auf die eigenen Eltern.
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