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Sigrid Kraft

ARDEEN

Band 10 | Teil 1

Eryns Insel

© Ardeen GbR

1. Auflage, 2020

Nachdruck, Vervielfältigung oder Verbreitung, elektronische Speicherung oder Verarbeitung, ganz oder auszugsweise, nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch die Autorin.

Illustrationen: Sigrid Kraft

Gestaltung und Satz: Tobias Fahnauer, www.fahnauer.de

Endkorrektur: Florian Blauel

ISBN 978-3-941436-49-7

Wissenswertes, Landkarten und aktuelle Informationen gibt es unter:

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Inhalt

Inhalt

Zuflucht

In den Wegen

Auf Schatzsuche

Kraag

Udrat

Verschwunden

Scharmützel

Das Ende einer Reise

Im Dienste des Drachen

Die Gesetze Ardeens

Ein perfekter Gastgeber

Feldzug im Süden

Eine ungerechte Welt

Ein Wiedersehen

Tiundors Schätze

Junge Herzen

Der rote Drache

Karte


Zuflucht

Eryn trieb durch den Nebel der Wege und noch tat er sich schwer damit, die Geschehnisse der letzten Zeit zu begreifen. Ärger wallte in ihm hoch. Dieser Drecksack Ador hat mich als Objekt seiner Forschungen missbraucht. Wie kann ein Vater bloß so kaltherzig und grausam sein. Natürlich, er ist ja nicht mein Vater – Er ist lediglich mein Erschaffer. Bin ich doch genauso ein Hybrid wie der trottelige Chirok. Diese Gedanken schmeckten wie Galle.

An seine ersten Tage in Elverin konnte Eryn sich noch erinnern. Aber dann, in den Wochen und Monaten unter dem Einfluss des Rauschkrautes verschwammen Traum und Wirklichkeit. Chirok, Ador, Elverin, die Feen. Nichts als wirre, zusammenhanglose Fetzen seiner Erinnerung. Er meinte auch, sich an Vedi zu erinnern, war sich aber nicht sicher, ob er seinen alten Freund tatsächlich gesehen hatte oder ob alles nur ein Traum gewesen war.

Als sein Kopf plötzlich wieder klar war, da fand er sich in Gesellschaft von Meister Savyen in Draegnok wieder, ohne einen blassen Schimmer, wie er überhaupt dorthin gekommen war. In knappen Worten erklärte ihm sein Urgroßvater die Lage und offensichtlich hatte Eryn ihm seine unverhoffte Rettung zu verdanken. Weder seinem Dienstherrn Meister Raiden noch seinem Freund Vedi, dem kleinen schwarzen Drachen, sondern dem griesgrämigen Meister Savyen, dem er am allerwenigsten einen Sinn für Familie zugetraut hätte.

Doch die Zeit drängte und Eryn schob die Erinnerungen an die Vergangenheit beiseite.

Eine Stunde hält die Unterdrückung des Rauschkrautes an, das hat er gesagt. Das ist nicht sonderlich viel Zeit, um sich eine neue Bleibe zu suchen. Es muss ein sicherer Unterschlupf sein, wo mich keiner findet. Ich muss mich beeilen, bevor der Entzug einsetzt. Und mit Grausen erinnerte sich Eryn an seine erste Erfahrung mit dieser starken Droge. Damals hatte er nur kurz unter dem Einfluss des Krautes gestanden, aber diesmal war es anders. Monate der vollständigen Abhängigkeit waren vergangen und Meister Savyen hatte ihn bereits vorgewarnt, der Entzug würde grausam sein.

Eins nach dem anderen. Ich muss mich zunächst in Sicherheit bringen. Ador ist der Meister der Wege. Wer weiß, welche Zauber er beherrscht, um meine Spur zu finden.

Meister Savyen hatte Eryn zwar versichert, dass das Wasser die Spuren verwischen würde, doch gewisse Zweifel blieben und die nackte Angst, wieder nach Elverin verschleppt zu werden, ließ Eryn erschaudern.

Ador ist zu mächtig, als dass ich offen gegen ihn kämpfen könnte. Wenn nicht einmal Meister Raiden eine Chance gegen ihn hat, was kann ich da schon ausrichten. Aber vielleicht war es Meister Raiden die Sache auch gar nicht wert. Wer bin ich schon für ihn? Ein weiterer seiner vielen nützlichen Dienstboten, mehr nicht.

Diese Vorstellung schmerzte Eryn mehr, als er sich eingestehen wollte. Naganor mit all seinen Bewohnern war ihm eine zweite Heimat geworden und er verband viele gute Erinnerungen mit diesem Ort. Nicht zuletzt, weil sich auch sein Sohn Gannok dort befand, und Eryn fühlte sich schäbig, weil er seinen Sohn derart im Stich gelassen hatte.

Warum musste ich auch nach Elverin gehen? Ich hatte alles und nun habe ich nichts mehr.

Das war ein Fehler gewesen, sah Eryn nun reumütig ein. Doch daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Die Ereignisse im Goldenen Turm waren ihm eine bittere Lehre gewesen und nun war die Zeit gekommen, auf eigenen Füßen zu stehen. Irgendwie hatte Eryn immer gewusst, dass er nicht ewig bei Meister Raiden bleiben würde und nun hatte ihm das Schicksal diese Entscheidung abgenommen. Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück und ein Neuanfang stand bevor.

Eryn trieb an den Rand des Nebels, sodass er in die reale Welt hinaussehen konnte. Wie durch einen Wasserschleier konnte er die leicht verschwommenen Umrisse der Landschaft erkennen. Vor ihm lag ein Kornfeld kurz vor der Ernte und dahinter konnte man ein kleines Dorf erkennen.

Ein Fremder, der in solch ein Dorf kam, warf Fragen auf und sorgte für Gerede. Darum zog sich Eryn wieder zurück in den Bereich des magischen Reisens. Die Wege, wie jene Zone genannt wurde. Doch Wege im üblichen Sinne gab es hier keine. Wie genau das Reisen funktionierte, hatten schon klügere und vor allem weitaus erfahrenere Magier als Eryn vergeblich versucht zu ergründen. Es gab Gesetzmäßigkeiten und kannte man das magische Profil eines Ortes, so konnte man direkt dorthin gelangen. Das war die Art, wie die meisten Magier die Wege nutzten. Denn ein Herumstreunen in der nebeligen Wolke barg durchaus unvorhersehbare Gefahren. Eryn hatte eine Möglichkeit gefunden, um sich an die Oberfläche treiben zu lassen – jene Zone, kurz bevor er die Wege verließ, und er konnte dort verharren. Eine weitere nützliche Errungenschaft war das Entlangschweben an eben dieser Austrittsgrenze und er hatte auch gelernt die Struktur zu erkennen, in der er sich befand. Gestein, Wasser, Luft oder jenen Bereich, der ihn auf der Erdoberfläche herauskommen ließ. Sein erster Gedanke war es, sich ein Versteck in den Bergen zu suchen. Er war im Gebirge aufgewachsen und verband damit immer noch gute Erinnerungen. Aber dann dachte er an Meister Savyens Hinweis. Wasser verbarg und Wasser verwischte die Spuren der Magie. Somit war eine Insel der ideale Ort.

Ich suche mir eine einsame Insel weit draußen im Meer.

Nachdem sein Entschluss feststand, begab er sich auf die gezielte Suche. Normalerweise initialisierte man die Zieladresse noch vor dem Eintritt in die Wege, doch Eryn standen mithilfe seiner goldenen Ader weitaus größere Möglichkeiten zur Verfügung. Ihm war es möglich, sein Ziel auch innerhalb der Wege auszuwählen und das tat er nun. Nicht punktuell, sondern nur vage. Ein Ort, den die blaue Magie des Wassers prägte, vermengt mit ein wenig Grau für Felsgestein und natürlich war etwas Weiß für die Luft an der Oberfläche notwendig. Schließlich wollte er nicht auf dem Grund des Meeres herauskommen, sondern eben auf einer Insel. Die Magie brachte ihn scheinbar wahllos an einen Ort und Eryn tastete sich an die Grenzlinie zur realen Welt heran. Vor ihm erstreckte sich eine zerklüftete Felslandschaft. Als er das Tor verließ, schlug ihm ein eisiger Wind entgegen und riss heftig an seinen Haaren und der dünnen Kleidung.

Ein unwirtlicher Ort, urteilte Eryn, bevor er dann das missliche Wetter mit einem Schild aussperrte. Der karge Fels hatte nichts von einem gemütlichen Heim, doch darum ging es ja auch nicht.

Einsam und verlassen, bestätigte sich Eryn beherzt in seiner Entscheidung und ließ dann ein Auge aufsteigen, um zu prüfen, ob dem auch wirklich so war. Ein paar Seevögel nisteten in den Felsspalten, ansonsten gab es keine Anzeichen von Leben auf der Insel. Doch als Eryn sein Auge in die Ferne schweifen ließ, entdeckte er Land. Eine dunkle, unregelmäßige Linie, die sich von Nord nach Süd zog und direkt in Richtung seines Spähauges erhob sich ein Turm in den Himmel. Aus der Entfernung war er nicht größer als ein schmaler Finger, dennoch war das Gebäude unverkennbar ein Turm und Eryn wusste sofort, wo er gerade war. Draegnok. Diese hässliche Insel liegt direkt vor Meister Savyens eigener Haustür. Eryn empfand keinerlei Bedauern, als er den Felsen wieder verließ und in die Wege zurückkehrte.

Wasser ist zwar eng mit dem Kreis Blau verbunden, doch es ist nicht dasselbe. Wasser ist ein Element und der Kreis Blau ein magischer Fluss. Draegnok liegt nicht von ungefähr in solch einem Gebiet.

Sein Hang zur Wissenschaft ließ ihn die Dinge derart analysieren. Dann wählte er deutlich weniger von der blauen Magie und fügte stattdessen noch etwas Orange für Wärme hinzu.

Das brachte ihn zu einem anderen kargen Felsen von rundlicher Form. Keine fünfzig Meter im Durchmesser und an seiner höchsten Stelle mochte er gerade mal an die Zehnmetermarke heranreichen. Hier war es genauso windig, jedoch nicht ganz so beißend kalt und auch das Spähauge konnte nichts und niemanden in der näheren Umgebung ausfindig machen.

Zufrieden nickte Eryn und beschloss, genau hier einen Neuanfang zu wagen.

„Mein neues Heim, hier soll es sein“, scherzte er. Er hatte keine genaue Einschätzung darüber, wie viel Zeit ihn die Suche gekostet hatte, doch mit Schrecken wurde ihm bewusst, dass er noch viel zu erledigen hatte, bevor die Wirkung des Rauschkrautes wiederkehrte und seinen Geist hoffnungslos benebeln würde.

Wenn man sich ranhielt, konnte man wirklich viel in kurzer Zeit erledigen und das tat Eryn. Nun gab es in der Felsnase auf mittlerer Höhe einen Raum mit einem Ausgang nach draußen und einem Fenster, welches natürliches Licht hereinließ. Nun, Fenster klang ein wenig übertrieben für das Guckloch mit der groben Scheibe davor, die das Licht bräunlich färbte und die Außenwelt lediglich schemenhaft erkennen ließ. Eryn hatte sie aus einem Kristall geschnitten, weil ihm die Herstellung von Glas nicht bekannt war und er konnte hier auch kaum etwas magisch einsammeln. Das war nämlich sonst die bevorzugte Methode der Magier etwas Neues zu erschaffen. Man stahl die Substanz von schon vorhandenen Gegenständen und kopierte dann das Muster. Aber da es hier nichts gab, stieß diese Methode rasch an ihre Grenzen und die Einrichtung der neuen Wohnung war äußerst primitiv. Links vom Eingang gab es drei Steinbecken. Das erste enthielt Trinkwasser, das mittlere war mit Salzwasser gefüllt und ein paar Fische schwammen darin. Das dritte enthielt einen Vorrat an gebratenem und getrocknetem Fisch und Eryn befürchtete, dass ihm dieses Nahrungsmittel schon bald zum Hals heraushängen würde. Fische, Muscheln und Seegras, mehr hatte er in der Eile nicht gefunden. Einen guten Teil des Seegrases hatte er getrocknet und in seinem Lager erst einmal gehortet. Vielleicht konnte es später daraus Matten oder andere brauchbare Dinge flechten. Doch während er seine Wohnstätte erschuf, hatte er für solche Spielereien keine Zeit. Nun lag also ein beträchtlicher Haufen auf der rechten Seite der Höhle, während sich in der Mitte des Raumes ein Steintisch mit einem Steinblock als Sitzgelegenheit befand. Der war nun mit Blechgeschirr und einfachstem Werkzeug vollgestellt. Denn zum Glück war das Felsgestein reich an Eisen. An der Wand gegenüber von Eingang und Fenster stand Eryns neues Bett. Eine rechteckige Aussparung, die er mit etwas Sand aus der Aushöhlung seiner Wohnstatt gefüllt hatte. Der Rest davon war ins Meer gewandert. Auf diesem Sandlager saß Eryn nun schweißgebadet und zitterte leicht. Er war total erschöpft und leichte Kopfschmerzen kündigten bereits das Verblassen von Meister Savyens Unterdrückungszauber an.

Eryn schloss kurz die Augen und stöhnte leise. Nicht mehr lange und die Hölle beginnt.

Es würde eine Zeit voller Schmerzen und Leiden werden, doch noch etwas anderes machte ihm dabei Sorgen. Wenn ich nicht mehr klar denken kann, kann ich dann trotzdem noch Magie wirken? Und dann entfaltete sich in seiner Fantasie ein ganzes Horrorszenario, wie ihm gerade die Magie großen Schaden zufügen könnte. Die Vorstellungen reichten von einem unbeabsichtigten Verraten seines Verstecks bis hin zu einem verpatzten Zauber, der ihn das Leben kostete.

Und selbst ohne Magie könnte ich mich von dieser Klippe stürzen und im Meer ertrinken. Die Kopfschmerzen wurden stärker und machten ein klares Denken immer schwerer. Am liebsten hätte er sich einfach hingelegt und versucht zu schlafen. Doch ihm war durchaus bewusst, wenn er noch etwas vorbereiten wollte, dann musste er es jetzt tun.

Ein Magieblocker, und ich kette mich an die Wand. Das sollte das Schlimmste verhindern. Seine Gedanken flossen bereits wie zäher Brei dahin und er brauchte zwei Anläufe, bevor er einen brauchbaren Magieblocker hergestellt hatte.

Den Reif hatte er mit einer Kette verbunden. Diese war in der Wand verankert und lang genug, damit er sich im ganzen Raum frei bewegen konnte. Mit einer gewissen Abscheu betrachtete er den Reif.

Es ist entwürdigend, aber notwendig, urteilte er und entschied dann: Ich lege ihn um den Fuß. Bei den Göttern, diese Kopfschmerzen bringen mich um. Ich bin so ausgelaugt. Er schloss seine Augen und fühlte, wie ihn die Erschöpfung zu übermannen drohte. Doch dann riss er sich zusammen. Ich kann mich noch nicht ausruhen. Ich muss den Reif anlegen. Ob es schlimmer wird, wenn meine Magie versiegt ist? Aber mit Magie ist es einfach zu gefährlich. Dann wirkte er noch einen letzten Dehnungszauber und schob den vergrößerten Reif schnell über seinen Fuß. Die Magie versiegte schlagartig, während sich der Reif um seinen Knöchel wieder zusammenzog.

Selbst eingesperrt, dachte er dümmlich und legte sich anschließend auf sein Sandbett. Noch war ihm angenehm warm, denn mit Magie hatte er den Raum aufgewärmt. Aber er hatte vergessen, diese Magie zu entkoppeln und so erstarb die Wärmequelle in dem Moment, in dem auch seine Adern versiegten. Eryn war das im Augenblick egal. Er war so müde, dass er fast augenblicklich in den Schlaf hinüberglitt. Aber erholsam war dieser Schlaf nicht. Unruhig wälzte er sich hin und her, während ihn wirre Träume heimsuchten und die permanenten Kopfschmerzen ihm eine entspannte Erholung versagten. Schließlich weckten ihn diese miserablen Schmerzen zusammen mit einer grausamen Übelkeit auf. Es musste tiefste Nacht sein, denn im Raum war es stockdunkel. Eryn wälzte sich auf die Seite, um aufzustehen. Doch der Versuch verschlimmerte seinen Zustand noch weiter und anstatt auf die Beine zu kommen, fiel er zurück auf die Knie und erbrach sich. Einmal, zweimal und obwohl nun nichts mehr in seinem Magen war, hörte der Würgereiz nicht auf. Seine Hände krallten sich in das gehortete Seegras und er war sich dessen nicht einmal bewusst.

Ich brauche den Trank. Bei den Göttern, ist mir schlecht. Gebt mir das Kraut. Aber niemand erhörte sein Flehen und schließlich beruhigte sich sein Magen wieder, während er sich unglaublich schwach fühlte und am ganzen Körper zitterte. Er sehnte sich nach Wärme und Geborgenheit und nach dem wohligen Trunk aus Rauschkraut. Aber er hatte nichts von alledem. Es war inzwischen ganz schön frisch in seinem neuen Refugium geworden und der Gestank seiner eigenen Kotze stieg ihm ekelerregend in die Nase. Auf allen vieren kroch er von dem widerlichen Geruch weg. Seine linke Hand griff versehentlich in das glitschige warme Nass am Boden, während seine andere den Haufen Seegras ertastete. Er grub sich in den Haufen Tang ein, denn sein trügerisches Hirn versprach ihm Wärme unter der Schicht trockener Pflanzen. Die sperrigen Blätter halfen nicht viel gegen die Kälte der Nacht, doch der intensive Geruch des Tangs überlagerte zumindest den anderen Gestank. Sein Kopf schmerzte nun nicht mehr ganz so stark, doch jetzt ließ ihn die Kälte frösteln. Geraume Zeit lag Eryn zusammengerollt da und wimmerte.

„Gib mir Rauschkraut. Chirok, siehst du nicht, wie schlecht es mir geht. Selbst der Schöpfer kann dies nicht wollen. Ich brauche den Trank, den Trank, den Trank ...“

In seinem Geist vermischte sich alles. Vergangenheit, Gegenwart und Traumbilder formten sich zu einer ganz eigenen Realität.

Er erwachte, als es draußen bereits hell war und sah sich verwundert um.

Wo bin ich? Das ist nicht Elverin. Oder doch? Bin ich in einem der Kerker tief unten im Turm?

Ziemlich wackelig kam er auf die Beine und betrachtete seine Umgebung. Dann blitzte eine Erinnerung in seinen verschwommenen Gedanken auf. Ich bin geflohen. Meister Savyen war bei mir und hat mir einen Trank gegeben – einen anderen Trank und dann habe ich mich hierhergezaubert. Oder ist das alles nur eine Illusion? „Ador, du Schöpferarsch, zeig dich. Ich habe genug von deinen Spielchen!“, schrie er so laut, dass es von den Wänden widerhallte, doch nichts weiter geschah. In seinem Zustand war es für Eryn ausgesprochen mühsam, einen Gedanken zu Ende zu führen und dann war ihm auch schon wieder egal, ob dies hier eine Illusion war oder nicht. Er war durstig, also torkelte er zu einem der Becken hinüber und trank, bevor er den Schluck prustend wieder ausspuckte.

„Wäh, Salzwasser. Und da schwimmen Fische drin.“ Dass er diese Becken selbst gemacht hatte, war ihm entfallen. Doch nun sah er das andere Becken und diesmal probierte er zunächst vorsichtig.

Gut, Süßwasser, stellte er zufrieden fest und dann trank er gierig. Danach tat er sich an dem gebratenen Fisch gütlich. Dabei interessierte ihn das Geschirr auf dem Steintisch reichlich wenig. Mit bloßen Händen stopfte er sich das Essen in den Mund, bis er satt war. Doch nach dem Essen kamen die Kopfschmerzen zusammen mit der Übelkeit zurück und raubten ihm den kläglichen Rest seines Verstandes. Dann begann er auch noch zu fiebern und fühlte sich, als würde er innerlich verbrennen.

Die Zeit verlor gänzlich an Bedeutung und die Tage vergingen. Schließlich sank das Fieber und Eryns Geist wurde wieder etwas klarer. Er fühlte sich unendlich matt, doch die Kopfschmerzen waren verschwunden. Auch daran, wie er hergekommen war, erinnerte er sich wieder und dann war da dieses unglaublich starke Verlangen nach Rauschkraut. Die Droge rief nach ihm wie eine süße Verheißung.

Ich muss etwas von dem Zeug auftreiben. Ich muss ...

Aber hier gab es kein einziges Blatt dieser begehrenswerten Pflanze und Eryn hätte diesen unwirtlichen Ort am liebsten sofort verlassen. Doch die Kette an seinem Knöchel hinderte ihn daran. Die Haut war von dem Metall inzwischen aufgescheuert und da der grässliche Kopfschmerz der vergangenen Tage verschwunden war, rückte das unangenehme Brennen nun in den Vordergrund.

Wie konnte ich nur so blöd sein, mich selbst an die Wand zu ketten? Hätte ich meine Magie, dann könnte ich diese lächerliche Hautabschürfung spielend heilen und Rauschkraut auftreiben. Ich war so glücklich damit. Ich will es wiederhaben.

Eryn riss an der Kette, doch die hatte keinerlei Verständnis für seine Wünsche und blieb fest in der Mauer verankert. Erst jetzt interessierte er sich für die die Gegenstände auf dem Steintisch, ob sich darunter vielleicht ein brauchbares Werkzeug befand. Zunächst versuchte er mit dem groben runden Stiel einer Gabel eines der Kettenglieder aufzubrechen, doch bald schon gab er diesen kläglichen Versuch auf.

Ich bin so schwach geworden. Also beschloss er etwas zu essen.

„Fisch, welch große Auswahl. Wenn ich hier raus bin, dann werde ich nie wieder Fisch essen.“ Danach wollte er seinen Durst stillen. Doch als er vor dem Becken stand, zögerte er.

„Was schwimmt denn da an der Seite?“ Bei den Göttern, ich habe in das Trinkwasser gekotzt. So gut es ging, schöpfte er die Verunreinigung heraus, doch von nun an schien ihm, als habe das Wasser einen komischen Beigeschmack.

Trotz alledem hatte ihn das Mahl schläfrig gemacht und er zog sich in den Seegrashaufen zurück. Obwohl sein Kopf sich inzwischen klarer anfühlte, war er immer noch weit von einem logischen Denkvermögen entfernt. Äußerst sprunghaft glitten seine Gedanken hin und her und er beschäftigte sich nur mit seinen unmittelbaren Bedürfnissen. Essen, Schlafen und Rauschkraut.

Aber auch diese zweite Phase des Entzuges besserte sich langsam, nur um ihn mit neuen Problemen zu konfrontieren.

Eryn zerkaute Seegras und stopfte den weichen Brei zwischen Haut und Eisenfessel. Das linderte die Schmerzen der Schürfwunde und wirkte dem erneuten Wundreiben entgegen. Ich muss das Ding loswerden. Warum habe ich nicht an ein verdammtes Schloss gedacht?

„Weil du ein hirnloser Hybrid bist.“

Eryns Kopf zuckte nach oben, denn diese Stimme kannte er nur allzu gut. Hinten in der Ecke stand Ador und betrachtete Eryn mit der gewohnten Geringschätzigkeit.

„Wie kommst du hier her?“, fragte Eryn entgeistert und Ador lächelte abfällig.

„Wie schon. Durch ein Tor. Oder hast du geglaubt, ich würde schwimmen?“ Dann zog er einen Beutel aus seiner Jackentasche und schwenkte ihn lockend hin und her.

„Sieh, was ich dir mitgebracht habe. Einen ganzen Beutel voller Rauschkraut. Willst du es haben?“

Und wie Eryn das wollte. „Gib es mir!“ Sein wunder Knöchel war vergessen und er sprang nach vorne. Dabei rammte er die Tischkante und kam ins Straucheln. Er stieß einen Schmerzenslaut aus und fand sich auf dem Boden wieder. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und fest entschlossen war, sich nun das Rauschkraut von Ador zu holen, da war niemand mehr im Raum.

„Ador, verdammt, wo bist du?“ Verhüllt er sich mit Magie? Verspottet er mich? Wie hat er mich überhaupt gefunden? Kann er Spuren in den Wegen finden? Er hatte viele Fragen und keinerlei Antworten.

Eryn erging sich erneut in lautstarken Beschimpfungen, doch sein Vater blieb vorerst verschwunden.

Aber das plötzliche Erscheinen Adors stürzte Eryn in eine tiefe Krise.

Meine Flucht war umsonst. Er hat mich gefunden und nun quält er mich wieder mit seinen sinnlosen Experimenten. Wahrscheinlich beobachtet er mich gerade und will herausfinden, wie ich mich verhalte.

Eryn kauerte sich ängstlich in seinen Seegrashaufen. Er hatte versagt. Seine Flucht war umsonst gewesen und Ador hatte ihn gefunden. Andererseits aber konnte der Herr von Elverin Eryn das geben, was er am meisten begehrte – das Rauschkraut. Und so wich die Angst und machte einer tiefen Erleichterung Platz.

Es ist vorbei. Er hat mich entdeckt und nun wird wieder alles gut. Ich muss nur abwarten. Eryn döste eine Weile im Sitzen vor sich hin, dann erinnerte er sich an die Fußfessel und holte sich jenes Messer, in das er inzwischen ein paar Kerben gehauen hatte. Das war das beste Werkzeug, das er hatte und damit kratzte er jetzt auf der Eisenfessel herum. Es war nicht so, dass er dabei große Fortschritte gemacht hätte, doch es war eine Beschäftigung und irgendwie hatten diese ständigen Wiederholungen in der Bewegung etwas Beruhigendes.

„Das ist sinnlos.“

Diesmal erschrak Eryn nicht ganz so sehr wie beim ersten Mal, doch er hielt sofort in seinem Tun inne. „Ich weiß, doch du könntest mir die Fessel abnehmen. Ein Leichtes für einen Magier.“

Diesmal stand Ador in der anderen Ecke. „Warum sollte ich das? Du hast dich doch selbst in diese Situation gebracht.“

Eryn fuhr mit dem Gekratze fort. „Habe ich nicht. Du hast mich in Elverin gefangen gehalten und mit Rauschkraut vollgepumpt.“ Dann sah er doch auf und in seinen Augen glitzerte es gierig.

„Hast du welches dabei?“

„Vielleicht“, meinte Ador vage und Eryns ganze Aufmerksamkeit war geweckt.

„Gib mir etwas davon. Ich brauche es. Du weißt, dass ich es brauche und das Hybridenrecht verbietet, dass du mich unnütz quälst.“

„So, jetzt bist du also doch ein Hybrid?“, verspottete ihn Ador und Eryn reagierte plötzlich übertrieben heftig und schrie:

„Ja! Und jetzt gib mir das Rauschkraut.“ Dabei warf er das Messer nach Ador, doch das flog einfach durch die Gestalt Adors hindurch und prallte mit einem Klirren gegen die Wand. Daraufhin verschwand die Illusion und Eryn tobte umso mehr: „Eine verfickte Illusion. Er ist nicht einmal richtig hier, sondern schickt nur ein lächerliches Trugbild. Verdammtes poxiges Arschloch. Die Dämonen der Hölle sollen dich fressen.“ Nachdem er seinem Ärger freien Lauf gelassen hatte, glitt er wieder in den apathischen Zustand hinüber, in dem er sich die meiste Zeit über befand.

Noch ein drittes Mal an diesem Tag bekam er Besuch. Er stand gerade vor dem Fenster und überlegte, wie lange es wohl noch hell sein würde, als er das Gefühl hatte, jemand stünde direkt hinter ihm. Eryn fuhr herum und da saß Meister Raiden im Schneidersitz auf dem Sandbett.

„Du bist also zu unfähig, um den Magieblocker zu entfernen, Nurin.“

Er lässt mich immer dumm aussehen. „Dann zeig es mir doch“, brauste Eryn auf.

Prinz Raiden ging auf diese Forderung gar nicht ein, sondern meinte lediglich:

„Aus dir wird nie ein brauchbarer Magier werden, Nurin. Es ist nur recht und billig, dass du dich selbst eingesperrt hast. Ein Fennrebell wie du gehört weggesperrt. Du bist eine Gefahr für dich und andere.“

Warum ist Prinz Raiden überhaupt hier? Spielt Ador seine Spielchen mit mir? Aber dann kam Eryn noch eine andere Erklärung. „Das hier ist nicht real.“ Es ist mein eigener Geist, der mir diesen üblen Streich spielt. Hier manifestieren sich meine Ängste und meine Wünsche. Halluzinationen eines verwirrten Hirns. Eryn sah weg und konzentrierte sich auf die Fische, die in dem Vorratsbecken schwammen. Als er wieder aufsah, war Prinz Raiden verschwunden und das Bett war wieder leer.

Das brachte ihm einen Moment der Erleichterung, denn seine Flucht war nicht vergebens gewesen. Natürlich bestand immer noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Ador ihn mit diesen Trugbildern heimsuchte, denn die Illusionen kamen immer wieder. Meist war es Ador, doch auch Meister Raiden und andere Personen, die er kannte, tauchten auf. Vor allem jene, zu denen er ein schwieriges Verhältnis gehabt hatte. Sir Haerkin befand sich darunter und auch Meister Tellenor und Meister Savyen, obwohl ihm dieser zur Flucht verholfen hatte. Einmal tauchte auch der Forscherdrache auf und verkündete, dass er das Forschungsobjekt Nummer eins fressen wolle, um den unterschiedlichen Geschmack der Forschungsobjekte zu katalogisieren.

Eryn gewöhnte sich schnell an diese Halluzinationen. Manchmal unterhielt er sich mit ihnen sogar ganz gerne, denn sie vermittelten ihm das Gefühl, nicht alleine zu sein.

So verstrichen die nächsten Tage und wenn er gerade keinen Besuch hatte, lag Eryn oft antriebslos auf dem Haufen Seegras und döste. Manchmal aß er etwas und hin und wieder unternahm er einen Versuch, die Fußfessel zu zerstören. Aber bisher hatte er nicht mehr zustande gebracht, als eine dünne Rille in die Oberfläche des Metalls zu kratzen. Etwas mehr Erfolg hatte er beim Anker in der Mauer. Dort war es ihm gelungen ein paar Gesteinssplitter herauszuschlagen. Allerdings nicht genug, um den tief sitzenden Anker freizubekommen. Doch selbst wenn er die Kette vom Felsen lösen könnte, dann verhinderte immer noch der metallene Magieblocker um seinen Knöchel, dass er seine Magie würde gebrauchen können. Doch ohne Magie war es so gut wie unmöglich, von diesem kargen Felsen zu entkommen. Die Kette selbst war lang genug, sodass er sogar problemlos den Raum verlassen konnte.

Um den Wind abzuhalten hatte Eryn nämlich einen schmalen Einlass in den Stein gegraben, der steil eineinhalb Schritte nach oben führte und dann in einem ovalen Durchlass nach draußen mündete. Dort gab es dann nur mehr einen kleinen Vorsprung, bevor der Fels kerzengerade in die Tiefe abfiel.

Manchmal stand Eryn dort am Abgrund und sah den Wellen zu, wie sie in der Ferne immer kleiner wurden, bis sich Wasser und Himmel in der verschwommenen Linie des Horizonts trafen.

Zunächst war ihm nichts wichtig gewesen und die Zeit trieb nur so dahin, doch mit zunehmender Klarheit wurde er sich auch wieder der Probleme seiner derzeitigen Situation bewusst.

Abgesehen mal von dem gierigen Verlangen nach Rauschkraut, welches er immer noch nicht kontrollieren konnte, würde ihm irgendwann auch die Nahrung ausgehen. Die Muscheln hatte er schon allesamt gegessen und nur, um noch etwas anderes als Fisch zu essen zu haben, kaute er auf dem Seegras herum und spuckte dann den faserigen Brei aus, wenn er ihn nicht gerade auf die Scheuerstelle am Fußgelenk aufbrachte.

Fischhaufen und Wasservorrat hatten sich bereits halbiert und wenn diese Vorräte zur Neige gingen, dann hatte er ein richtiges Problem. Doch noch hoffte er auf eine Eingebung, wie es ihm gelingen könnte, die Fessel zu lösen.

Meister Raiden hat immer behauptet, sich eines einzelnen Magieblockers zu entledigen, wäre einfach. Manchmal hatte er das sogar demonstriert, nur um Eryn zu verspotten. Aber der Herr des Schwarzen Turmes hatte seinen Schüler nie in dieses Geheimnis eingeweiht. Eine andere Möglichkeit war es, sich den Fuß abzuhacken. Dann könnte der eiserne Ring mit Leichtigkeit entfernt werden. Ein zerstörtes Glied konnte mit Magie wieder ersetzt werden, doch trotz dieses Wissens war Eryn zu solch einer drastischen Maßnahme noch nicht bereit. Somit blieben ihm lediglich die unmagischen Methoden und er kratzte mit dem zackigen Messer, benutzte die inzwischen abgebrochene Gabel wie einen Meißel und manchmal schlug er mit dem Stein auf das Eisen ein. Doch dabei hatte er sich bereits mehrfach verletzt und nun zierten weitere Abschürfungen und mehrere dunkle Blutergüsse sein Bein.

Etwa eine weitere Woche verging und langsam wurde Eryns Verlangen nach dem Rauschkraut geringer, die Illusionen kamen seltener, sein Geist wurde deutlich klarer und die lethargische Antriebslosigkeit nahm ab. Allesamt gute Zeichen. Doch seine Vorräte nahmen ebenfalls stetig ab und im Trinkwasserbecken war der Wasserspiegel bereits auf eine Handbreite abgesunken.

Ich muss das Wasser rationieren, dachte Eryn und etwas anderes bereitete ihm ein flaues Gefühl im Magen. Wenn ich den verdammten Reif nicht bald zerstören kann, dann muss ich meinen Fuß abschneiden. Und er begann damit, sich eine bessere Säge zu basteln. Dafür musste ein Blechteller herhalten, den er so lange hin und her bog, bis er in der Mitte auseinanderbrach. Er stanzte Zacken in die Bruchkante hinein und schaffte es sogar, den oberen Bereich derart umzubiegen, dass er dort seinen einzigen Löffel als Griff einsetzen konnte. Diese neue Säge benutzte er nicht, um am Metallreif herumzuschaben. Das würde die größeren Zacken nur stumpf werden lassen. Diese Zacken mussten scharf bleiben, wenn der Moment kam, an dem sie durch Fleisch und Knochen schneiden mussten. Doch noch hegte Eryn die Hoffnung, dass er den Reif irgendwie zerstören könnte. Die kleine Rille hatte mittlerweile eine Tiefe von zwei Millimetern erreicht, was ungefähr einem Fünftel der Metalldicke entsprach. Er arbeitete nun viel intensiver daran, denn ihm war klar, dass er bessere Fortschritte machen musste, um nicht auf den letzten Ausweg angewiesen zu sein.

Seiner Schätzung nach blieben ihm noch ein paar Tage, wenn er das Wasser gut einteilte. Das Messer kratzte ständig und so fiel es Eryn zunächst gar nicht auf, dass der Wind draußen stärker wurde. Der Wind blies beständig und kam nie ganz zum Erliegen, doch jetzt braute sich etwas zusammen. Dunkle Wolkenberge türmten sich am Himmel auf und starke Böen peitschten über die See.

So, wie der Raum angelegt war, hielt er den Wind gut ab, doch das Heulen vom Eingang her konnte man nun überdeutlich hören. Eryn sah von seiner Arbeit auf und ging zum Ausgang hinüber. Dort peitschte ihm bereits heftiger Regen aus schwarzblauen Wolken entgegen und große Wellen brachen sich an dem Felsen, sodass die Gischt bis zum Eingang emporspritzte.

Mit Unbehagen zog sich Eryn wieder zurück in seine Kammer, denn ein Sturm zog auf. Immer heftiger heulte und rüttelte es und dann schlug Wasser gleich einem Hammer von draußen an die Scheibe des Fensters und ließ sie zerbrechen. Die nächste Welle trieb dann einen Schwall Wasser durch die Öffnung und Eryn mühte sich verzweifelt, das Loch abzudichten. Doch die Kräfte der wütenden Wellen waren einfach zu groß. Sie zerstörten seine kläglichen Bemühungen und warfen ihn selbst zu Boden. Dort sammelte sich bereits das eingedrungene Wasser und immer mehr kam herein, sodass Eryn den Rückzug antrat.

Er begab sich in den schmalen Durchgang, der sich nach draußen öffnete. Der war so steil, dass es das Wasser noch nicht bis dorthin geschafft hatte, während es bereits knietief den Boden des Raumes bedeckte.

Bei den Göttern, warum werde ich so heimgesucht? Das Wasser stieg und Eryn befand sich nun fast am Ende des Durchgangs. Auch vom Eingang spülte Wasser herein und lief die Schräge hinunter, um beim Befüllen des Raumes zu helfen. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen und es war so dunkel geworden, dass man nicht mehr die Hand vor Augen sah. Eryn horchte auf das zornige Heulen, ob der Sturm vielleicht langsam schwächer werden würde. Kein Unterschied ließ sich erkennen und dann begann das Wasser seine Füße zu umspülen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Kammer nun fast vollständig geflutet war. Eryn ertastete die Kante des Ausgangs mit seinen Händen, dann kam ihm ein Schwall Wasser entgegen und der warf ihn rückwärts zurück in den Durchgang. Er fiel und tauchte kurz mit dem Kopf unter, bevor er japsend an die Oberfläche kam. Auf Händen und Knien kletterte er wieder nach oben. Doch der Sturz hatte seine Orientierung beeinträchtigt und er merkte nicht, dass er inzwischen den geringen Schutz des Durchgangs verlassen hatte und sich nun draußen auf dem schmalen Vorsprung befand. Die nächste Welle erwischte ihn mit voller Kraft und drückte ihn mit dem Rücken an den Felsen. Wieder drohte er zu stürzen. Schnell machte er einen Schritt zur Seite, um sich abzufangen, dabei glitt er aus und fiel über den Rand des Vorsprungs in die Tiefe. Er schrie, doch der Sturm verschluckte seine Stimme. Und dann schrie er noch mehr, als ein scharfer Ruck an seinem Fußgelenk den Sturz bremste. Nun hing er kopfüber von der Klippe und der Eisenring schnitt grausam in das Fleisch seines Beines, doch die Kette hielt und hinderte ihn daran, gänzlich in die tosenden Wellen zu stürzen.

Die nächste Welle rollte heran und schlug mit Wucht zu, während Eryn hilflos über Kopf herunterhing.

Ihr Götter, lasst mich einfach sterben. Der Gedanke war verlockend, doch dann obsiegte sein Willen zu überleben. Er drehte sich zur Seite und konnte mit der Hand einen guten Griff in der Felswand finden. Tatsächlich war dies gar nicht so schwierig, denn der Fels war verwittert und scharfkantig. Er zog sich seitlich nach oben, und dann fand er Halt mit seinem freien Bein. Eine weitere Welle krachte neben ihm gegen den Felsen, doch ihn traf dabei nur ein Schauer von Tropfen. Langsam kämpfte er sich die Felswand wieder hoch und dann rollte er über die Kante des Vorsprungs, wo er keuchend auf dem Rücken liegen blieb. Bildete er sich das nur ein, oder war der Regen inzwischen schwächer geworden? Er horchte. Eine Welle brach sich am Felsen und überschüttete ihn mit Gischt. Daraufhin kroch er halb in den Durchgang hinein, damit er nicht wieder in die Tiefe gerissen würde.

Sein Fuß musste ziemlich lädiert sein, doch zum Glück spürte er keinen Schmerz. Noch nicht. Er tastete nach dem Gelenk und fühlte eine tiefe Schnittwunde. Sie musste ziemlich bluten, doch alles war so dermaßen nass, dass er das nicht mit Sicherheit sagen konnte. Allerdings war er in der Heilkunst versiert genug, um zu wissen, was er zu tun hatte. Von seinem Hemd riss er einen Streifen Stoff und band damit das Bein ab, während der Sturm langsam zur Ruhe kam.

Eryn lehnte erschöpft mit dem Rücken an der Wand und zitterte am ganzen Körper. Es war kühl, doch nicht so kalt wie an der Küste im Norden, sonst hätte er diese Nacht nicht überlebt. Aber auch so war ihm klar, dass sich seine Situation drastisch verschlechtert hatte. Salzwasser hatte sein Domizil geflutet und damit waren seine Vorräte an Trinkwasser dahin. Vielleicht fand er noch etwas Seegras und einen der Fische, doch auch das würde ihn nicht mehr lange retten. Somit war seine finale Entscheidung gefallen.

Hoffentlich finde ich noch die Säge. Sobald es genügend Licht gibt, muss ich den Fuß abnehmen. Ich brauche Zugriff auf meine Magie, der Rest lässt sich heilen.

Sein ausgezehrter Körper hatte ihn in einen traumlosen Schlaf gleiten lassen und als er erwachte, schien die Sonne von einem blauen Himmel, den kein Wölkchen trübte. Nichts mehr erinnerte an den gewaltigen Sturm der letzten Nacht. Eryn saß im Durchgang im Trockenen, denn der nun ruhige Wasserspiegel in seiner Behausung reichte nur bis auf die Höhe des tiefer liegenden Fensters.

Ich hätte in der Kammer bleiben können und wäre nicht ertrunken, dachte Eryn. Doch tags zuvor hatte das alles anders ausgesehen. Sein Fuß war nun dunkelblau angelaufen und er spürte ihn nicht mehr. Kein gutes Zeichen. Ich muss die Säge finden. Doch was er zuerst fand, war ein größerer Stein, der sich gelöst haben musste und nun im Durchgang halb unter Wasser lag. Eryn griff danach und beschloss, damit noch einmal auf den Metallreif einzuschlagen. Das erschien ihm noch deutlich besser, als die Säge zu benutzen. Außerdem spürte er den Fuß sowieso nicht mehr.

So hämmerte er auf das Metall ein. Einmal, zweimal. „Du Scheißding, geh endlich auf!“

Und dann schmetterte er den Stein wie ein Irrer wieder und wieder auf das Eisen. Tränen standen ihm in den Augen.

„Ich habe eine Scheißangst, diese Säge zu gebrauchen ... Wenn ich sie überhaupt finden kann. Geh auf, geh auf, geh auf!“

Da endlich hatten die Götter ein Nachsehen und der Eisenring zerbrach. Zunächst konnte Eryn es gar nicht fassen, als ihn die Magie durchflutete. All seine zwölf Adern pulsierten in leuchtenden Farben. „Die Poxe am Arsch, ich bin frei!“, jubelte er. „Ich bin wieder frei und nie wieder in meinem Leben werde ich so dumm sein, mir so etwas anzutun. Einen Magieblocker ohne Schloss. Wie dämlich muss man sein.“ Eryn lachte befreiend über seine eigene Dummheit. Sein benebeltes Hirn hatte ihn damals nicht klar denken lassen, doch nun war alles anders. Das Martyrium durch den Sturm und die Schmerzen hatten die letzten Reste der Rauschkrautvergiftung aus seinem Körper getrieben und nun konnte er wirklich ein neues Leben beginnen.

Doch zunächst musste er sich um seinen verletzten Fuß kümmern. Er löste das Stoffstück, mit dem er das Bein abgebunden hatte und untersuchte die Verletzung magisch, so wie er es schon oft getan hatte – allerdings stets bei anderen. Was sich ihm da offenbarte, sah nicht gut aus.

„Den Schaden wieder zu richten, wird eine Weile dauern“, murmelte er und leitete erste Schritte ein. Blutgefäße waren zerstört und der Schnitt, welchen er sich beim Fall von der Klippe zugezogen hatte, reichte bis hinunter auf den Knochen. Drum herum gab es noch etliche Quetschungen und Eryn vermutete, dass einige davon auf die Schläge mit dem Stein zurückzuführen waren. Am Fußgelenk selbst gab es eine Knochenabsplitterung und die Bänder waren arg in Mitleidenschaft gezogen. Rund eine Stunde lang war er in die Behandlung vertieft und konnte dabei vieles richten. Doch selbst mit magischer Unterstützung würde die endgültige Heilung noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Dann zog er Wasser aus der Luft und ließ es sich direkt in den Mund laufen. Als er auch seinen Hunger gestillt hatte, schickte er ein Auge aus. Denn so viel stand fest:

Hier auf diesem Felsen bleibe ich nicht. Zunächst sah er nichts als blaues Meer, was die Vermutung nahelegte, dass er sich ziemlich weit vom Kontinent entfernt befand. Als das Rauschkraut ihn noch fest im Griff hatte, konnte rein gar nichts sein Interesse wecken, doch nun kehrte seine Wissbegierde zurück.

Ob es noch einen weiteren Kontinent gibt? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte ihn schon längst jemand gefunden. Aber einen Steinhaufen wie diesen hier könnte es durchaus noch irgendwo geben. Wenn ich allerdings nichts weiter finde, dann muss ich doch weiterhin hierbleiben.

Aber das Blatt des Schicksals hatte sich gewendet und die Götter meinten es gut mit Eryn. In einiger Entfernung lag eine weitere Insel. Da Eryn nicht viel Erfahrung mit Schiffen und ihrer Fahrgeschwindigkeit hatte, schätzte er die Distanz bis dorthin auf ungefähr zwei Tagesritte. Diese neue Insel war etwas größer als sein jetziges Domizil und hatte die Form eines zu drei viertel geschlossenen Kreises. Dadurch konnten sich die Wellen an einer Seite brechen und bildeten so einen natürlichen Schutzwall. Eryn erspähte sogar einen schmalen Streifen Sandstrand innerhalb dieses geschützten Bereiches.

„Perfekt! Dann werde ich mal umziehen.“ Irgendwie hatte er es sich in letzter Zeit angewöhnt, laut mit sich selbst zu sprechen. War ja sonst keiner da, mit dem er sich unterhalten konnte.

Ein Tor brachte ihn zur Sichel, wie er die neue Insel bereits getauft hatte und dort setzte er sich erst einmal an den Strand und genoss die angenehme Wärme der Sonne auf seiner Haut. Ohnehin musste er sein Bein schonen und als Magier bestand auch keine Notwendigkeit herumzulaufen, nur um die Insel zu erkunden. Sein Auge wanderte flink hin und her, während er selbst träge im Sand lag.

Drei Tage später hatte sich Eryn schon gut eingerichtet. Im höchsten Felsen der Insel befand sich nun seine Unterkunft und die konnte sich durchaus sehen lassen. Ohne Zeitdruck und mit klarem Kopf hatte Eryn seine Fähigkeiten voll ausschöpfen können und eine Behausung mit fünf Zimmern gebaut. Schon früher hatte er reichlich Übung mit der Ader Grau gehabt und sich als ganz guter Baumeister erwiesen. Vom großzügigen Eingangsbereich kam man in die Haupthalle und die Küche. Dort lagerten auch Eryns Vorräte, die allerdings auch wieder nur aus Fisch und Muscheln bestanden. Ein ovales Becken aus poliertem Stein war mit klarem Wasser gefüllt. Es gab noch einen extra Baderaum, den man von der Halle aus durch einen kleinen Gang betreten konnte. Derselbe Durchgang führte auch in Eryns neues Schlafgemach.

Die Wände drinnen waren akkurat gerade, wohingegen er den Felsen draußen in seiner ursprünglichen Form belassen hatte. Die Fenster waren in den Stein eingearbeitet, und zwar dort, wo sich bereits natürliche Vertiefungen befunden hatten. Darum war auch keines von ihnen symmetrisch, sondern sie sahen vielmehr aus wie vergrößerte Risse. Auch der Eingang lag etwas versteckt und führte nur auf ein kleines Plateau hinaus, ähnlich wie bei seiner ersten Behausung. Um auf den Strand hinunterzukommen, musste Eryn schweben, was für ihn freilich kein Problem darstellte. Er hatte sich noch nicht dazu durchgerungen, eine Treppe zu bauen, denn niemand sollte auf den ersten Blick erkennen können, dass die Insel bewohnt war. Zu sehr saß Eryn noch die Angst im Nacken, dass Ador ihn aufspüren könnte. Darum brachte er auch keine permanenten Zauber an, die durch einen Scan leicht zu erkennen waren.

Aber der Sturm von neulich hatte ihm eine andere, ganz unmagische Gefahr aufgezeigt und Eryn nutzte die Adern Braun und Grau, um den schützenden Ring aus einzelnen Felsbrocken um die Insel herum noch zu verdichten. Dabei hob er den Meeresboden magisch an. Keine intellektuell schwierige Arbeit, jedoch eine sehr anstrengende. Und nachdem er den ganzen Vormittag damit verbracht hatte, hinkte er den Sandstrand ein paar Schritte hinauf und setzte sich dann auf ein sonniges Plätzchen. Sein Fußgelenk schmerzte von der Belastung und er bedachte es mit einer Kombination aus Betäubung und Heilzauber. Ich muss dem Fuß mehr Ruhe geben, dann heilt er schneller. Offensichtlich war es ihm nicht gelungen, alle kaputten Stellen im Gelenk zu reparieren. Dergleichen verlangte eine sehr hohe Kunstfertigkeit, doch Eryn war mit dem erzielten Ergebnis ganz zufrieden und mit der Zeit würde auch der Rest noch heilen.

Aber es gab andere Probleme, mit denen er sich außerdem auseinandersetzen musste. Stein, Eisen, Fisch und Wasser gab es im Überfluss, doch an allem anderen mangelte es. Seine eigene Kleidung war mittlerweile so zerrissen und verdreckt, dass sie den Namen kaum mehr verdiente. Eryn hatte versucht, aus dem Seegras einen Stoff zu weben, doch das Ergebnis war ein kratziges, raues Gewebe, welches mehr einer Matte denn einem weichen Stoff glich. Meister Raiden war stets der große Webkünstler gewesen, weswegen sich Eryn mit dieser Kunst nie sonderlich beschäftigt hatte. Er hatte Kleidung und Stoffe auf dem Markt gekauft. Auch Möbel und Nahrungsmittel hatte er dort erstanden.

Und gerade erschien ihm ein Markt wie ein gesegneter Ort der Götter.

Dort gibt es alles. Obst, Gemüse, Hühnchen – lebendig und gebraten. Frisches knuspriges Brot, gebratene Apfelringe. Eryn stöhnte sehnsüchtig. Allein ein unmagisches Feuer hat seinen Charme. Und er kam immer mehr zu der Überzeugung, dass er in die Zivilisation zurückkehren musste, um sich all diese notwendigen Dinge zu besorgen, die es hier auf seiner Insel nicht gab. Nur etwas machte ihm dabei Kopfzerbrechen: Meister Ador. Er war Eryns größter Feind und seine Spezialität waren die Ader Gold und das Reisen in den Wegen.

Kann er mich in der Zwischenwelt aufspüren? Das war die Frage aller Fragen und Eryn wusste keine Antwort darauf. Was er allerdings mit Sicherheit wusste, war, dass er nie wieder ein Gefangener in Elverin sein wollte. Ebenso wenig wie er in die Dienste Naganors zurückkehren wollte. Es war die Zeit gekommen, endlich sein eigener Herr zu sein – frei und niemandem verpflichtet, außer sich selbst. So war er hin und her gerissen, doch dann obsiegte die Notwendigkeit über seine Bedenken.

„Wasser verwischt die Spuren, hat mein weiser Urgroßvater Meister Savyen gesagt. Ich öffne das Tor erst im Wasser und komme dort auch wieder heraus. Und ich werde in der Nacht gehen, wenn selbst dieser verdammte Bastard von Ador schläft.“

Hätte Eryn gewusst, dass Meister Adors Gedanken zu dieser Zeit einzig und allein Lady Syrdae galten, dann hätte er sich nicht all diese Mühen gemacht. Doch davon ahnte er nichts und sein erster Raubzug führte ihn in die Abgeschiedenheit der Berge. In jenes Tal, in welches es ihn in Begleitung von Meister Raiden, Meister Eriwen und dem Forscherdrachen auf der Flucht verschlagen hatte. Damals hatte die Barriere des Nimrods noch die Welt geteilt. Doch das gehörte inzwischen schon längst der Vergangenheit an.

Eryn hielt sich nicht lange dort auf, sondern zog seine Aura ähnlich einem Netz über das Erdreich einschließlich allem, was darauf wuchs. Fünf Schritt im Quadrat konnte er so umspannen und das geraubte Land schaffte er dann direkt auf seine Insel. Den Baum verlor er in den Wegen, doch den Rest brachte er unbeschadet hindurch. Sein Beutegut lag nun knapp unterhalb der Wasseroberfläche in der Nähe des Sandstrandes und Eryn arbeitete hart, um Erde und Pflanzen schnell auf festen Grund zu befördern. Als er endlich damit fertig war, schwebte er hinauf in seine Gemächer.

Morgen schaue ich mir genauer an, was ich da erbeutet habe, sagte er sich, dann fiel er todmüde in sein Bett.



Fünf Wagen standen im Hof des Händlers und auf ihren Planen prangte das Wappen der Meretts und darunter stand „Merett Handelskompanie“, während sich auf dem Hof Kisten, Säcke und Stoffballen stapelten. Zwei ältere Männer hatten sich mächtig in der Wolle, während die Knechte und Fuhrleute jeweils hinter ihren Anführern standen und dem Streit zuhörten.

„Drei Säcke Korn fehlen, so viel steht fest. Hundert sollten es sein und wir haben nur 97 entladen“, meinte der lokale Händler, während sich der Vertreter der Meretts rechtfertigte:

„Aber ich habe die Säcke selbst gezählt und nach dem Verladen noch einmal nachgeprüft. Sie waren eindeutig auf den Wagen.“

„So, waren sie“, meinte der Händler spitz und polterte dann los: „Dass die Meretts Halsabschneider sind, weiß ich schon lange, aber dass sie es jetzt schon nötig haben zu betrügen, das ist ungeheuerlich.“

„Vorsicht, was du da sagst. Vielleicht haben die Kornsäcke ja beim Entladen Füße bekommen.“

Der Händler lief bei dieser infamen Anschuldigung rot an.

„Was soll das heißen? Etwa dass meine Männer stehlen? Bitte, sieh dich um. Würde mich verdammt noch mal wundern, wenn du die Säcke hier findest. Aber ich sag dir eines: Ich werde die Ware jetzt aufs Genaueste prüfen und dann werden wir sehen, ob ihr vielleicht noch mehr Tricks auf Lager habt.“

Der Mann der Meretts versuchte nun den Händler zu beruhigen:

„Das ist doch lächerlich. Wir machen schon so lange miteinander Geschäfte und es war nie was.“

„Es gibt immer ein erstes Mal und vielleicht habe ich es bisher auch nur nicht gemerkt. Aber jetzt werde ich der Sache auf den Grund gehen.“ Dann drehte er sich zu seinen Leuten um:

„Männer, prüft die Ware. Jeder Sack wird gewogen, jeder Ballen auf seine Stofflänge geprüft und alles gezählt, und dann werden wir ja sehen.“

„Bitte, das ist dein gutes Recht“, meinte der Vertreter der Meretts und ließ durchklingen, wie beleidigt er ob dieses Vorgehens war.

Die Untersuchung ergab letztendlich, dass auf jedem der Stoffballen nur 45 Meter aufgewickelt waren anstatt 50, und dass etliche Kisten und Säcke zu wenig Gewicht hatten.

Damit war für den Händler der Fall klar und er rief nach der Obrigkeit, während der Merett-Lieferant sich das absolut nicht erklären konnte.

„Ich habe alles gewogen und gezählt. Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein.“




Während unter den Unmagischen Unfrieden herrschte, räumte Eryn den letzten Sack Diebesgut in seine Vorratskammer. Seit seiner ersten Reise auf den Kontinent war er noch mehrfach zurückgekehrt und bei seinen Beutezügen immer dreister geworden.

Nun erstreckte sich auf Eryns Insel gleich im Anschluss an den Sandstrand ein Grünstreifen, der sich noch ein ganzes Stück weit den Hang hinaufzog. Erst als das Gelände zu steil wurde und die Erde keinen rechten Halt mehr finden wollte, hatte Eryn mit seiner Umgestaltung aufgehört. Hühner, Gänse und Hasen hatte er ebenfalls auf die Insel gebracht, da diese recht problemlos in der Haltung waren. Unabsichtlich waren dabei noch ein paar Singvögel und anderes kleineres Getier auf die Insel gereist. Sie hatten in dem herangeschafften Erdreich und Gebüsch ihr Zuhause gehabt.

Auf der zweitgrößten Erhebung der Insel hatte Eryn noch einen Süßwassersee angelegt. Er diente zum Baden und generell als Wasserspeicher. Den Schutzwall um die Insel herum hatte er weiter vergrößert und auch sein Heim war inzwischen ganz gut eingerichtet und war durchaus wohnlich. Da gab es Tische, Kommoden und Schränke, allesamt von solider Bauweise und manche davon waren sogar verziert. Am Anfang hatte sich Eryn als Schreiner versucht, war aber mit dem Ergebnis nicht sonderlich zufrieden gewesen und so besorgte er sich die Güter aus der alten Welt. Er mied große Siedlungen und nahm sich nur Gegenstände, die verstaubt und vergessen auf Dachböden und in Scheunen herumstanden. Nichts, was jemand vermissen würde. In einem abgelegenen Landhaus machte er die reichste Beute. Auf dem Haus selbst lag ein Schutzzauber, weswegen er es unberührt ließ. Doch in dem Nebengebäude gab es eine ganze Kammer voller alter Möbel. Die Staubschicht lag so dick über allem, dass hier schon lange niemand mehr gewesen sein konnte.

Auf den Wagenzug der Meretts stieß er eher zufällig, als er nach weiterer Beute Ausschau gehalten hatte. Sein erster Gedanke war, sich gleich wieder zu entfernen, um nicht von den Menschen entdeckt zu werden. Doch dann hielt er inne und änderte seine Meinung.

Warum nicht. Die Meretts sind die reichsten und die schlimmsten aller Händler. Sie zu bestehlen, ist kein Verbrechen. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.

Die Wagen standen über Nacht in einem Kreis um das Lager herum und waren bewacht – doch nicht gut genug, um einen begabten Magier vom Sammeln abzuhalten. Und einmal angefangen, wollte Eryn gar nicht mehr aufhören, denn er konnte wirklich vieles aus dem dargebotenen Sortiment gebrauchen.

Nun saß er auf seinem bequemen, neu bezogenen Sofa und lachte in sich hinein.

Es ist nur recht und billig, wenn man einem armen Magier unter die Arme greift. Die Fenster hatten hübsche Vorhänge und auf dem Steinboden lagen Teppiche und Felle. Sein Bett hatte eine Matratze, und alle Decken und Kissen waren mit Daunenfedern gestopft. Im Kamin in der Wohnstube brannte ein richtiges Feuer und das Knistern der Holzscheite sorgte für eine wohlige Behaglichkeit.

„So lässt es sich leben“, meinte Eryn zufrieden. Allerdings, stehlen werde ich nun nichts mehr. Das ist einfach nicht recht ... Auch wenn es mit den Meretts keine Armen trifft. Außerdem wird jeder Dieb irgendwann einmal erwischt. Sie finden meine Spur, die Magier bekommen davon Wind und schon stehen ungebetene Gäste vor meiner Tür. Das wäre das Letzte, was ich gebrauchen könnte.

Somit war es an der Zeit, wieder redlich zu werden. Doch es lag nicht in seinem Naturell, träge vor dem Kamin zu sitzen und die Tage sinnlos verstreichen zu lassen. Aber es fehlte ihm an entsprechender Gesellschaft. Andere Menschen, mit denen er sich unterhalten konnte. Darum erfüllte ihn bald eine Unrast und er spielte mit dem Gedanken, seinen Sohn Gannok zu sich zu holen.

Er ist mein Sohn und ich habe ihn aus selbstsüchtigen Gründen zurückgelassen, um nach Elverin zu gehen. Das war nicht richtig. Das weiß ich jetzt, und ich habe bitterlich dafür gebüßt. Dafür hat schon mein eigener Vater gesorgt. Der Schöpfer – wie kann jemand nur so selbstherrlich sein. Heißt es nicht, mit dem Alter käme die Weisheit? Daran hege ich inzwischen große Zweifel. Doch die Fehler der Vorfahren müssen sich nicht wiederholen. Ich kann es weitaus besser machen als mein eigener Vater und Gannok mit Güte und Liebe erziehen.

Doch die Sache hatte einen Haken. Gannok befand sich in Naganor und der Schwarze Turm war gegen Magie gut gesichert – nicht so wie die Häuser der Unmagischen.

Eryn dachte lange über dieses Problem nach. Seine Angst vor Ador hatte sich inzwischen ein wenig gelegt, denn die magische Wolke der Wege war unendlich groß und er würde sich sicherlich nicht in die Nähe von Elverin begeben. Meister Raiden selbst war in der Tormagie nicht sonderlich bewandert, alleine schon deswegen, weil ihm die Ader Gold fehlte. So schlussfolgerte Eryn, dass der Herr von Naganor nur eine Gefahr für ihn werden könnte, wenn er aus den Wegen heraustrat. Das musste Eryn aber gar nicht. Wenn er nahe genug an die magische Barriere herantrieb, konnte er wie durch eine Scheibe hindurchsehen.

Also machte er sich auf nach Naganor und suchte in dem Nebengebäude nach den Kindern. Aber das Zimmer, in dem sie zu viert schliefen, war leer.

Vielleicht haben sie Unterricht oder spielen irgendwo draußen. Eryn glitt an der Barriere entlang, fast so, als würde er durch das Gebäude laufen. Er konnte sich inzwischen eine ganze Weile in den Wegen aufhalten, war aber ungefähr eine halbe Stunde verstrichen, wurde er nach draußen gezogen. Ähnlich einem Taucher, der zurück an die Wasseroberfläche schwimmen musste, um Luft zu holen. Diese Zeitspanne war schon deutlich länger als am Anfang und sicherlich würde er mit etwas Übung noch besser darin werden. Schließlich hatte Ador ganze fünfzig Jahre in den Wegen verbracht – wenn auch nicht freiwillig. Eryn verdrängte die unliebsamen Erinnerungen an Ador und schob die Grenze zur realen Welt vor sich her. Die Gesetzmäßigkeiten in den Wegen waren andere als draußen. Man konnte problemlos durch Wände und alle anderen Feststoffe wandern. Nur auftauchen sollte man nicht in solchen Materialien.

Gerade erreichte Eryn den Unterrichtsraum, der ebenfalls leer war. Doch im Hof wurde er dann fündig. Alle vier Kinder saßen in Eintracht nebeneinander. Danian warf seinem Raben Brotkrumen zu, welche dieser gezielt aufpickte, während Carmina ihre Katze streichelte, die wohlig brummend auf ihrem Schoß lag. Gannok spielte mit seinem Hund Flocke Stöckchen holen und war gerade dabei erneut zu werfen. Nur Asrans Bergkatze Fauchi war nirgends zu sehen. Das Bild war verschwommen und Eryn wagte sich noch ein klein wenig näher an die Grenze heran. Die Kinder redeten irgendetwas, dann schienen sie zu lachen. Aber Eryn konnte nichts hören.

Ob ich sie verstehen kann, wenn ich noch näher heranschwebe? Man konnte auch Zauber nach draußen schicken, aber die erregten mit Sicherheit Aufmerksamkeit. Und der Grenze noch näher zu kommen, barg das Risiko plötzlich hinausgezogen zu werden.

Naganor ist nicht der Ort, um dahingehend Experimente zu machen.

Also gab er sich im Augenblick damit zufrieden, den Kindern einfach nur zuzusehen.

Wenn ich Gannok zu mir hole, dann soll nicht gleich jeder wissen, dass ich es war. Meister Raiden hat sicherlich ein großes Interesse, dass ich als sein williger Untergebener zurückkehre. Ich würde ihm sogar zutrauen, dass er Ador ins Vertrauen zieht, damit der ihm bei der Mission ‚Eryn einfangen‘ auch noch behilflich ist. Aber Ador hilft nur sich selbst. Irgendwie erstaunlich, dass Meister Raiden das noch nicht selbst aufgefallen ist. Hat er doch sonst einen sehr gesunden Scharfblick für die Geschehnisse um ihn herum.

Carmina sagte etwas und Asran streckte ihr die Zunge heraus. Woraufhin sie aufstand und mit einem hochnäsigen Gesicht davonstolzierte. Gannok und Asran schienen sich darüber köstlich zu amüsieren, während Danian immer noch mit seinem Raben beschäftigt war.

Aber dann sagte Asran etwas zu Gannok und die beiden Buben fielen übereinander her und balgten sich.

Dieser Asran ist der Teufel, urteilte Eryn und war gleichzeitig auch ein wenig um Gannok besorgt. Aber die beiden schenkten sich nichts und dann war der Streit so schnell vorüber, wie er gekommen war und die Jungs kugelten sich vor Lachen.

Kinder und ihre Spiele, wer kann die verstehen?, wunderte sich Eryn, dann trat er die Rückreise an.


In den Wegen

Auch wenn Eryn in den nächsten Tagen noch vieles in seinem neuen Heim zu tun hatte, ging ihm der Gedanke an die Wege nicht mehr aus dem Kopf. Es reizte ihn herauszufinden, wie nahe er an die Barriere zwischen den zwei Welten tatsächlich herankommen konnte. Aber nicht nur die Arbeit hielt ihn davon ab, sondern auch eine gewisse Angst davor, dass Ador ihn eventuell aufspüren könnte.

Bisher bin ich nur für kurze Zeit auf Reisen gegangen, aber wenn ich experimentiere, dann würde ich mich über längere Zeit dort aufhalten müssen und vielleicht kann Ador meine Spuren finden. Verdammt, ich wüsste zu gerne, wozu er wirklich in der Lage ist. Gibt es überhaupt Spuren in den Wegen? Und wenn dem so wäre, wie schwierig ist es, diesen zu folgen? Es gibt Muster, so viel ist klar, aber bisher konnte ich keine magischen Fußabdrücke anderer Wesen entdecken. Wenn man durch denselben Tunnel treibt, dann kann man andere Personen wahrnehmen. Das weiß ich schon seit Aspentor. Aber Ador kann gar nicht denselben Weg wie ich nehmen, denn dazu müsste er erst einmal wissen, wo ich mich aufhalte. Außerdem laufe ich nicht durch vorgegebene Tore, sondern erschaffe meine eigenen.

Und je länger Eryn darüber nachdachte, desto überzeugter wurde er, dass derartige Experimente gar nicht so gefährlich waren, wie er zunächst geglaubt hatte. Nach einer Weile stand sein Entschluss fest: Er würde es wagen.

Doch die Vorsicht darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Ich werde mir einen verlassenen Strand suchen. Dort, wo die Flut über den Sand spült und alle Spuren verwischt.

Sein Weg führte ihn nach Süden an eine felsige Küste, wo sich weit und breit kein menschliches Wesen aufhielt. Nur ein paar Möwen hatten in den zerklüfteten Felswänden ihre Nester gebaut und flogen auf der Suche nach Beute in Richtung Meer hinaus. Sie kreisten am Himmel und stießen ihre hässlichen Schreie aus. Eryn stand auf felsigem Untergrund und keine drei Schritte von ihm entfernt klatschten die Wellen gegen den Stein. Wenn eine größere Welle heranrollte, kam das Wasser bereits bis zur Hälfte des Plateaus, bevor es sich wieder zurückzog. Durch eine dunklere Färbung grenzte sich die überspülte Fläche deutlich von dem noch trockenen Bereich ab. Eryn ging nach vorne, bis er auf feuchtem Grund stand, dann öffnete er ein Tor.

Die folgenden Stunden verbrachte er mit unzähligen Versuchen und gewann erste Erkenntnisse.

Zurück auf seiner Insel machte er Aufzeichnungen und entwickelte Theorien. So vergingen die nächsten Tage und die anfänglichen Erfolge verschafften ihm ein Hochgefühl. Vor allem in jenem Moment, als es ihm gelang, die Haut der Wege so dünn über sich zu ziehen, dass er das Schreien der Möwen von draußen hören konnte. Zwar nur sehr gedämpft, doch es waren eindeutig Laute aus der realen Welt. Auch seine Sicht nach draußen war nun so scharf, als würde er durch eine klare Glasscheibe blicken. Sein Ehrgeiz beflügelte ihn dazu, eine weitere Theorie zu testen. Er versuchte, anstelle der dünnen Haut, die Magie in eine netzartige Struktur umzuwandeln. Doch dieses Netz war so empfindlich, dass es schon bei der leichtesten Bewegung auseinanderriss. Schließlich gab er diese Versuche mit einem Schulterzucken auf.

Die dünne Haut ist gut genug und ich bin in ihrer Handhabung so sicher, dass einem weiteren Besuch in Naganor nichts mehr im Wege steht.

Mittlerweile war es später Nachmittag und Eryn hoffte, Gannok draußen beim Spielen mit den anderen Kindern anzutreffen. So war seine erste Anlaufstelle der Hof. Aber weil es in Naganor regnete, befand sich niemand draußen. Darum trieb er weiter, bis er den Flur vor dem Zimmer der Kinder erreicht hatte, und dort fand er sie. Gannok stand mit ausgebreiteten Armen im Gang und versuchte die anderen Kinder am Vorbeikommen zu hindern. Es gelang ihm, Danian zu packen, während Asran und Carmina laut schreiend vorbeirannten. Da Danian gefangen worden war, war er als Nächster an der Reihe, nun die anderen aufzuhalten. Eryn zog sich ganz an das Ende des Flures zurück. Hier konnte er den Kindern bei ihrem Spiel ein wenig zusehen und natürlich wollte er sie auch hören. Mit der nötigen Vorsicht näherte er sich immer weiter der Barriere und dehnte sie dann vorsichtig aus. Dann kam der Moment, da er die spielenden Kinder hören konnte. Das war gar nicht so schwierig, denn sie schrien noch um einiges lauter als die kreischende Möwenschar.

„Bäh, kriegst mich nicht!“, spottete Asran und Danian forderte ihn heraus:

„Blödmann, Blödmann! Komm doch!“

„Ich renn jetzt los!“, zog Gannok die Aufmerksamkeit auf sich und machte dann einen Rückzieher: „Haha, oder doch nicht.“ Während Carmina die Gelegenheit nutzte und ihrerseits losspurtete.

Keine besonders intellektuelle Unterhaltung, urteilte Eryn nüchtern. Aber was konnte man von Kindern schon anderes erwarten. Allerdings freute er sich, dass alle zusammen so viel Spaß hatten.

Nun rannten auch Asran und Gannok los, und weil sie beide im letzten Moment an derselben Seite vorbeihuschen wollten, stießen sie zusammen und fielen hin. Danian nutzte seine Chance und warf sich noch oben drauf. „Hab euch! Alle beide! Ich bin der Sieger!“

Doch die zwei größeren Jungs schenkten ihm keine Beachtung, sondern beschimpften sich gegenseitig, während sie sich wieder aufrappelten. Danian jedoch gab nicht nach und schrie nun aus vollem Halse:

„Ich bin der Sieger und jetzt darf ich sagen, was gespielt wird! Wer zuerst unten bei der Tür ist, hat gewonnen!“ Dann rannte er auch schon los und die anderen setzten ihm nach.

Eryn wollte ihnen folgen, da passierte es. Die Haut zerriss und er stand plötzlich leibhaftig im Flur. Scheiße! Dabei waren die Kinder noch sein geringstes Problem, denn die rannten gerade um die Ecke herum, ohne dass sie einen Blick zurückwarfen.

Aber nach seinem ersten Fehler, machte Eryn gleich einen zweiten. Instinktiv riss er nämlich seine Schilde hoch. Ich Idiot, wenn der Alarm vorhin noch nicht ausgelöst worden ist, dann ist er jetzt mit Sicherheit losgegangen. Irgendwie erwartete er, gleich Prinz Raidens Stimme zu vernehmen. Doch bis der Herr von Naganor persönlich hier herüberkam, würde es ein paar Minuten dauern, und darum beschloss Eryn, erst einmal zu scannen, bevor er sich anschließend durch ein Tor in Sicherheit bringen würde. Der Sicherheitszauber offenbarte sich seinem magischen Auge. In stetig ungestörtem Fluss strömte er dahin und das war verwunderlich.

Nanu, der Alarm scheint gar nicht ausgelöst worden zu sein. Dann entdeckte er den kleinen Teil des Musters, welches seine Aura in den Sicherheitszauber mit einbezog und musste erleichtert lachen.

Bei den Göttern, er hat den Schutzzauber gar nicht modifiziert und somit habe ich zumindest hier immer noch uneingeschränkten Zugang, ohne dass der Alarm gleich losgeht. Heute sind Seiner Hoheit Vergesslichkeit und seine überaus große Schlampigkeit einmal meine Verbündeten.

„Wer als Erster oben ist!“, hörte man die Kinder von unten schreien und damit war es für Eryn höchste Zeit sich zurückzuziehen. Das tat er zunächst ganz unmagisch und verschwand durch die nächste Tür hinein in eine kleine Abstellkammer. Die war mit allerlei Putzsachen vollgeräumt und ein muffiger Geruch nach feuchten Lappen schlug ihm entgegen. Als er die Tür hinter sich zuzog, ließ nur noch ein dünner Spalt unter der Tür einen schmalen Streifen Tageslicht herein. Eryn blieb stehen, nur um nicht versehentlich über etwas zu stolpern.

Der Ort ist ideal. Im Gang draußen könnte doch mal jemand ein magisches Auge öffnen und nach verdächtigen Spuren suchen. Aber hier drinnen sucht sicherlich keiner nach den Überresten eines Tores, zumindest nicht Prinz Raiden. Was würde der auch mit Putzutensilien anfangen wollen, hähä. Dieser Platz gehört mit Sicherheit zu den Orten, die er üblicherweise meidet.

Dann kehrte Eryn auf seine Insel zurück.

Dass meine magische Aura noch mit dem Sicherheitszauber verwoben ist, macht alles erheblich einfacher. Denn nun weiß ich ziemlich genau, welche Zauber ich weben kann, ohne dass es von irgendjemandem bemerkt wird.

Fortan machte er täglich einen Abstecher nach Naganor, um Gannok heimlich zu beobachten. Doch von der Idee, den Jungen zu sich auf die Insel zu holen, nahm er Abstand.

Hier wäre er ganz alleine. Nun nicht gänzlich alleine, denn ich wäre ja bei ihm. Aber er hätte keine anderen Kinder zum Spielen. Später, wenn er älter ist, kann ich ihn immer noch herholen. Dann wird er das auch besser verstehen. Es ist nicht so, dass ich ihn im Stich lasse – ich raube ihm nur nicht seine glückliche Kindheit.

Gerade in diesem Moment wurde ihm sein ganzes Elend bewusst. Die nächsten Jahre über war er dazu verdammt, sein Leben in Heimlichkeit und Einsamkeit zu verbringen.

Solange ich Ador nicht die Stirn bieten kann, muss ich mich verstecken.

Die Vorstellung war frustrierend, denn nicht einmal Prinz Raiden konnte Ador das Wasser reichen. Aber dann schüttelte Eryn das Gefühl des Selbstmitleids ab und riss sich zusammen.

Ich bin ein Magier und ich werde meine Zeit damit verbringen, ein noch besserer Magier zu werden. Ach was sage ich, ein verdammt guter Magier will ich werden. Es gibt so vieles, was ich erforschen kann. Zunächst werde ich weiter die Wege studieren. Das kann schließlich nicht jeder, denn die Ader Gold ist selten.

Eryn werkelte in seinem Garten, was im Konkreten bedeutete, dass er das Wachstum der Pflanzen beschleunigte. Neben zahlreichen Kräutern und Gemüsesorten, hatte Eryn den Ehrgeiz, eine Obstplantage anzulegen. Er hatte sich bereits ein paar ausgewachsene Bäume durch die Wege herbeigeholt, doch einige Setzlinge hatte er auch direkt aus der reifen Frucht gezogen. Diese bedachte er nun täglich mit einer guten Portion Magie und die Bäume entwickelten sich rasant.

Sie sehen gut aus, urteilte er zufrieden und lächelte dann, als er an jenen kläglichen Versuch während seiner Prüfung zur vierten Stufe zurückdenken musste.

Bisher ist noch keiner meiner Schützlinge eingegangen. Langsam habe ich den Dreh raus. Vielleicht ist an mir doch ein Grüner verloren gegangen. Doch auch Gahaeris steht auf der Liste der Türme, denen ich mich nicht mehr freiwillig nähern werde.

Ein neues Blatt begann sich gelb zu färben und sofort drosselte Eryn die Magie. Das ist genug für heute. Zeit wieder nach oben zu gehen und mich den Studien zu widmen. Er schwebte die Felswand empor und suchte seinen bevorzugten Arbeitsplatz auf. Dort machte er es sich in einem Sessel gemütlich und nahm die Aufzeichnungen vom Vortag zur Hand. Er hatte inzwischen eine beachtliche Zahl an Feldversuchen durchgeführt, doch nun steckte er an einer Stelle fest und kam absolut nicht weiter.

Zu gerne würde ich hierzu in der Literatur nachlesen. Spontan fielen ihm ein paar Standardwerke ein, die Aufschluss geben könnten. Solche Werke befanden sich aber nur in den großen Bibliotheken der Magier – gut geschützt und nur für einen ziemlich eingeschränkten Personenkreis zugänglich.

Ich sollte meine eigene Bibliothek aufbauen, dachte Eryn aus einer Laune heraus. Dabei hatte er noch keinen Plan, wie er diesen hehren Wunsch in die Tat umsetzen sollte.

Vielleicht besorge ich mir Bücher aus Naganor. Doch dort kannten ihn zu viele Leute. Außerdem war es eine Sache, sich im Nebengebäude bei den Kindern aufzuhalten und eine ganz andere, den Hauptturm aufzusuchen, um dort in Meister Raidens ureigenem Arbeitszimmer herumzuschnüffeln.

Das findet er mit Sicherheit raus und die Bibliothek in der Garnison kommt auch nicht infrage. Da wird sogar Buch darüber geführt, wer rein und raus geht und wer was mitnimmt. Die anderen Türme sind sicherlich auch extrem gut abgesichert. Und wenn ich Vedi aufsuche?

Aber Vedis Palast befand sich in der Nähe von Elverin und Vedi hatte auch Kontakt zu Meister Ador.

Er muss mich noch nicht einmal mit Absicht verraten. Es genügt schon, wenn er sich verplappert oder, nicht auszudenken, wenn Ador ihn zwingt, Informationen über mich preiszugeben.

Verdammt, es muss doch auch noch irgendwo anders Bücher geben.

Diese Orte gab es tatsächlich und sie wurden Buchläden genannt. Dort verkauften zumeist unmagische Händler Bücher über alles Mögliche und es gab sie in jeder größeren Stadt.

Ja, auch die Unmagischen lesen, allerdings seltener Bücher über höhere Magie.

Trotzdem hoffte Eryn so zumindest ein paar Standardwerke der Magie erwerben zu können und das auf ganz legale Art und Weise.

Kurz darauf stand er auf dem Marktplatz einer großen Stadt im Süden des Kontinents. An seinem Gürtel hing ein Beutel mit all seinem Merett-Geld – ungefähr 100 Goldstücke. Wie ein gewöhnlicher Passant schlenderte er über den Markt und blieb dann vor einem der Stände stehen, wo es köstlich nach gebratenem Fleisch duftete. Dort kaufte er sich einen mittelgroßen Fleischspieß und fragte auch noch gleich nach dem nächsten Buchladen. Bereitwillig gab man ihm Auskunft und er fand das Geschäft auf Anhieb.

Drinnen roch es ein wenig muffig und Regale, vollgestopft mit Büchern, reichten bis unter die Decke. Dadurch wirkte der Raum noch ein wenig kleiner, als er ohnehin schon war. Eryn war der einzige Kunde und sofort kam ein kahlköpfiger, schmächtiger Mann auf ihn zu.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Nun, ich suche Bücher über Magie und fantastische Geschichten. Haben Sie etwas in diese Richtung?“

„Nicht allzu viel.“ Der Mann deutete auf einen Regalabschnitt und meinte:

„Hier steht alles, was ich zurzeit habe. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“

„Nein, eigentlich nicht, ich möchte mich nur etwas umsehen“, meinte Eryn und der Verkäufer zog sich wieder an das kleine Schreibpult im hinteren Teil des Geschäftes zurück, während Eryn sich daran machte, die Buchrücken zu studieren.

‚Der Kreis der Magie‘, also das sollte ich inzwischen wirklich beherrschen. ‚Geschichten über Nurin‘ – auch nicht gerade die Lektüre, die ich suche. Der nächste Einband war nicht beschriftet und so zog Eryn das Buch heraus, um zu sehen, worum es sich dabei handelte.

‚Zucht und Ausbildung edler Pferde‘, das hat definitiv nichts mit Magie zu tun und steht hier offensichtlich falsch. Das Buch wanderte wieder zurück an seinen Platz. Eryn arbeitete sich von einem Titel zum nächsten, doch noch hatte er nichts von Interesse gefunden. Dann fiel sein Blick auf den Text eines Einbandes, der ihn neugierig machte.

‚Die Zerstörung des Nimrods und was wirklich passierte‘, von Mikuss Mahak. Aha, mal sehen, was dieser Mikuss zu berichten weiß.

Schon auf der ersten Seite prahlte der Autor damit, Informationen aus erster Hand zu haben, und Eryn musste schmunzeln. Doch als er die Einleitung las, kam es noch besser:

‚Damit ein derart großes Wunder geschehen konnte, mussten drei unglaublich seltene Wesen aufeinandertreffen. Eine gelbe Riesenkröte, ein rosa Einhorn und die silberne Eule der Erleuchtung.‘ Aha? Also meines Wissens waren an dieser Aktion nur Menschen und Drachen beteiligt. Oder sind diese Bezeichnungen als Decknamen zu verstehen? Dann bin ich sicherlich die silberne Eule und die anderen können sich die Riesenkröte und das Einhorn teilen. Wenn man die Aktion im Ganzen betrachtet, waren da ohnehin mehr als drei Wesen beteiligt. Lieber Mikuss, lass dir gesagt sein, dein Werk ist kompletter Schund.

„Ein sehr gutes Buch, und man erfährt wirklich viel darüber, wie die Welt vor ein paar Jahren geheilt wurde“, meinte der Verkäufer voller Überzeugung. Der war nun doch wieder aus seiner Ecke hervorgekommen und hatte sich ganz unauffällig neben Eryn gestellt.

„Nun, ich weiß nicht so recht. Riesenkröten und Einhörner, das klingt mir doch reichlich weit hergeholt.“ Eryn klappte das Buch zu und schob es wieder zurück in das Regal. Der schmächtige Verkäufer fürchtete schon seinen einzigen Kunden zu verlieren und redete seine Ware gut:

„Es ist nicht so verwirrend, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Mikuss beruft sich gleich auf mehrere verlässliche Quellen und erklärt schlüssig bis ins kleinste Detail, wie sich alles zugetragen hat.“

Mit Sicherheit hatte unser Mikuss-Lügenfluss verlässliche Quellen. Wenn Ravenor oder ich geredet hätten, dann hätte uns Meister Raiden auf der Stelle den Kopf abgerissen. Die hohen Magier reden sowieso nicht mit Unmagischen und der Forscherdrache hätte Mikuss allenfalls in seinen Zoo gesperrt.

Dieses verheerende Urteil behielt Eryn für sich und meinte höflich:

„Trotzdem ist es nicht das, was ich suche.“

„Dann lassen Sie mich Ihnen helfen. Wonach suchen Sie denn?“

Inzwischen war Eryn zu der Ansicht gelangt, dass ihm der Verkäufer vielleicht doch helfen könnte.

„Es ist so, ich suche ein Geburtstagsgeschenk für meine Tochter“, begann Eryn eine Geschichte zu erfinden. Eine Tochter ist besser als ein Sohn. Weiß doch jeder, dass Jungs freiwillig keine Bücher lesen. Das kommt erst ab einem gewissen Alter. Vorher muss man sie regelrecht dazu zwingen. Außerdem soll der Buchhändler auch nicht denken, es wäre für mich. „Sie hat eine stärkere Begabung in einem der Kreise und ist ganz verrückt nach allem, was mit Magie zu tun hat. Ich meine, richtige Magie. Aber Artefakte sind immer so teuer, und da dachte ich, sie freut sich sicherlich auch über ein Buch zu diesem Thema.“

„Dann lassen Sie sie ausbilden?“

Eryn wehrte ab. „Nein, dafür reicht die Begabung leider nicht aus, aber ich will ihr auch nicht die Illusionen nehmen. Sie ist so begeistert.“

Der Händler nickte verständnisvoll und murmelte: „Wahre Magie. Mal sehen.“ Dann bückte er sich zum Regal hin und durchsuchte sein Sortiment. Schnell hatte er vier Werke herausgesucht, die er Eryn dann stolz präsentierte.

„Hier, sehen Sie. Wie wäre es mit: ‚Lichtzauber als Kunstwerke‘ oder ‚Verschollene magische Schätze‘, dann habe ich noch ‚Gefährliche magische Monster‘, und als Letztes ‚Der Kreis der Magie‘.“

Eryn fand die dargebotene Auswahl nicht gerade überwältigend, doch er wollte dem Laden auch nicht erfolglos den Rücken kehren, darum entschied er sich für die Schätze und die Monster. Der Händler strahlte über das ganze Gesicht und verkündete:

„Das macht zusammen 250 Goldstücke. Soll ich Ihnen die Bücher gleich als Geschenk einpacken?“

Was! „Das ist aber sehr teuer. Da sind ja Artefakte noch günstiger.“

Nun erklärte der Händler Eryn lang und breit, wie immens schwierig es war, an diese besondere Fachliteratur heranzukommen. Fachliteratur, zu der normalerweise nur Magier Zugang hatten. Am Ende erwarb Eryn das Buch über die Schätze für 80 Goldstücke und verließ verärgert das Geschäft.

Ich hätte ihn manipulieren sollen. Aber Eryn wusste auch, dass sich gerade die misstrauischen Händler gegen solche Versuche zu schützen wussten und außerdem galt dergleichen als Diebstahl im weiteren Sinne. Eryn wollte kein Aufsehen erregen und schließlich tröstete er sich damit:

Der Bücherwurm verkauft sicherlich nicht viel und somit war das auch gleich eine gute Tat. Die Götter sehen das mit Wohlwollen. Außerdem sollte ich nicht so kleinlich sein, als Magier kann ich Gold aus der Erde ziehen und selbst Münzen prägen. Tatsächlich hatte Eryn das selbst noch nie ausprobiert, sondern lediglich Prinz Raiden davon reden hören.

Aber wie sich herausstellte, war diese Art der Bereicherung gar nicht so schwer – wenn man die Schwierigkeit der Zauber betrachtete. Die weitaus größere Arbeit bestand darin, erst einmal ein Goldvorkommen in den Bergen zu entdecken und dann etwas von dem Metall an die Oberfläche zu ziehen. Je tiefer das Gold im Gestein verborgen lag, umso anstrengender wurde das Schürfen und Eryn konnte trotz Aufbietung all seiner Kräfte nur faustgroße Klumpen emporziehen. Allerdings waren zehn solcher Klumpen schon ein Vermögen wert und Eryn kehrte mit seinem Schatz auf die Insel zurück, wo er mit der Münzprägung begann.

Nach getaner Arbeit ruhte sein Blick auf der prall gefüllten Holzkiste. Die Münzen hatten unterschiedliche Prägungen, die er mithilfe eines abgewandelten Kopierzaubers und seines restlichen Münzvorrats bewerkstelligt hatte. Warum habe ich mich früher mit einem kläglichen Gehalt zufriedengegeben, wenn ich hierzu imstande bin?

Die Antwort war einfach. Weil er meine Arbeitskraft so oder so ausgebeutet hätte und das Gehalt war nur dazu da, mich nicht schlechter zu stellen als die andern. Aber wenn er gewusst hätte, dass ich mein eigenes Geld herstellen kann, dann hätte er mein Gehalt umgehend gestrichen und voller Überzeugung behauptet, dass ein wahrer Magier mit Wissen bezahlt wird und ich deswegen aus reiner Dankbarkeit für ihn arbeiten müsse.

Die finanzielle Unabhängigkeit bescherte Eryn ganz legal ein paar weitere Bücher, die allerdings bestenfalls mittleres Magierwissen enthielten. Die Lektüre konnte ihm bei seinen schwierigen Problemen kaum weiterhelfen und er trat mit seinen Forschungen auf der Stelle. Nach mehreren Stunden vergeblichen Brütens sprang Eryn auf und verkündete:

„Mir langt es für heute!“ Sein Weg führte ihn zunächst in die Küche und als er gestärkt zurückkam, griff er nach dem Buch über die Schätze. Das hatte sich als Ansammlung netter kleiner Geschichten herausgestellt, denen Eryn zwar keinen großen Wahrheitsgehalt zubilligte, die sich aber unterhaltsam lesen ließen und somit für etwas Zerstreuung sorgten. Da wurde von einem Füllhorn des fließenden Goldes berichtet, welches in die Hände eines armen, jungen Mannes fiel, der somit unerwartet zu großem Reichtum kam. Natürlich tat er mit dem Gold nur Gutes und die Götter belohnten ihn dafür. Er heiratete eine wunderschöne Prinzessin und wurde König des Landes.

Prinz Raiden musste eine widerliche Zicke heiraten und wollte nie König eines Landes sein. So haben ihn die Götter wohl für seine Missetaten bestraft, weil er den armen Eryn oftmals schlecht behandelt hat. Obwohl Eryn sich vorgenommen hatte, einen Schlussstrich unter sein altes Leben zu ziehen, ließen ihn die Geister der Vergangenheit nicht so schnell los. Vielleicht wäre es deutlich besser gewesen, wenn er sich in der Gesellschaft anderer Menschen befunden hätte. Doch er wagte es nur große, fremde Städte aufzusuchen, wenn er dringend etwas einkaufen musste. Auch suchte er vorsichtshalber dasselbe Geschäft nie zweimal auf.

Eryn las die nächste Geschichte über einen Magier, der durch die Erschaffung des perfekten Golems berühmt geworden war. Sein wahrer Name war in Vergessenheit geraten und er wurde nur mehr ‚der Mechaniker‘ genannt. Das Buch wusste zu berichten, dass der Mechaniker sich in Wahrheit eine Gefährtin erschaffen wollte. Doch im Prozess des Entstehens kamen ihm immer neue Gedanken, was sein Golem alles können sollte. Putzen und Aufräumen standen an erster Stelle, denn schließlich hatte der Mechaniker für solch langweilige Dinge weder Zeit noch Lust. Darüber hinaus sollte der Golem kochen können und ihm stets Speisen und Getränke aufwarten, wenn es ihn danach verlangte. Natürlich sollte das Wesen auch nach seiner Erschaffung in der Lage sein, etwas dazuzulernen ... allerdings keine schlechten Dinge. Dabei sollte es stets heiter und höflich sein und sich anmutig wie eine Tänzerin bewegen. Der Mechaniker arbeitete viele Jahre an diesem Golem und als er ihn endlich fertiggestellt hatte, musste er erkennen, dass er sich von seinem ursprünglichen Ziel ziemlich entfernt hatte. Denn der Golem war nicht die perfekte Frau geworden, sondern der perfekte Helfer. Deswegen war der Mechaniker jedoch keineswegs traurig, denn er hatte dieses kleine Helferlein bereits sehr in sein Herz geschlossen, und er sagte sich:

„Was brauche ich noch eine Gefährtin, wenn ich doch mein perfektes Helferlein habe?“

Ein intelligenter Golem, also das möchte ich sehen. Oder hat diese Geschichte vielleicht einen moralischen Wert? Den verstehe ich allerdings auch nicht wirklich. Warum kann der Mechaniker nicht ein Helferlein und eine Gefährtin haben?

Das nächste Kapitel handelte von einem verzauberten Schwert. Geschichten über verzauberte Waffen gab es in dem Buch viele und darüber hinaus noch eine Auflistung von verzauberten Gegenständen, die es einst gegeben haben soll. Eryn fand darunter sogar Dobrix’ Schwert und erinnerte sich, wie er mit Ravenor zusammen nach diesem Artefakt gesucht hatte. Der Erfolg ihrer Bemühungen förderte aber letztendlich nur eine total verrostete und lediglich schwach magische Klinge zutage.

Trotzdem war es ein aufregendes Abenteuer – weil schließlich alles gut ausgegangen ist. Solch eine Schatzsuche ist schon spannend, vor allem, wenn man etwas findet. Und Eryn spielte schon mit dem Gedanken, sich auf die Suche nach einem dieser wertvollen Artefakte aus dem Buch zu machen. Es war mehr eine Träumerei als eine feste Absicht, da ihm die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens durchaus bewusst war. Aber noch jemand anderes hatte eine Meinung zu diesem Thema und meldete sich jetzt zu Wort:

„Lächerlich, tausende von fähigen Magiern haben sich schon auf die Suche nach verschollenen Artefakten begeben und keines davon wurde jemals wiedergefunden. Wieso glaubst du, Nurin, dass gerade du derjenige sein wirst, dem die Götter des Schicksals Glück bescheren? Nur unwahrscheinliches Glück alleine kann dich zum Erfolg führen, denn wissenschaftliche Überlegungen werden es mit Sicherheit nicht sein. Pha, Eryn, der Schatzsucher.“

Eryn sah auf und der verhasste Ador stand direkt neben dem offenen Kamin.

„Lange nicht gesehen, Illusionsesel. Hältst du mich wieder einmal für einen Idioten, der nichts kann. Diese Meinung teilst du übrigens auch mit Meister Raiden. Dabei frage ich mich, woher dann das brennende Interesse an meiner Person kommt, und was sind das eigentlich für Leute, die sich gerne mit Idioten umgeben.“ Dieser Ador aus Eryns Unterbewusstsein hatte seinen Schrecken schon lange verloren und bot jetzt zumindest die Möglichkeit für ein Gespräch.

„Und auch da liegst du falsch. Ich umgebe mich mit niemanden, da ich mir selbst genug bin. Außerdem, als Hybrid zählst du nicht zu den Personen, sondern bist lediglich ein Objekt. Ein Objekt der Forschung – und hier gilt es immer noch, meine Theorie zu beweisen“, argumentierte der illusorische Ador leicht verärgert.

„So, so, da wirst du dich wohl auch auf die Hilfe der Glücksgötter verlassen müssen, denn wissenschaftlich lässt sich da nichts beweisen. Dieses Unterfangen ist nämlich noch aussichtsloser als eine Schatzsuche.“ Daraufhin verschwand die Imagination Adors.

Scheint so, als ob ich diese Runde gewonnen habe, folgerte Eryn. Er klappte das Buch zu und machte sich auf den Weg nach unten, denn es war wieder einmal an der Zeit, sich um den Garten zu kümmern.

Der Gedanke an eine Schatzsuche ließ ihn jedoch nicht mehr los. In seiner Vorstellung reiste er direkt durch die Wege in eine geheime Kammer voller Schätze, aber sein logischer Verstand tadelte ihn sofort für solch unrealistische Träumereien. In der Tat konnte man sich in den Wegen zu genauer bezeichneten Orten treiben lassen. Doch kostbare Schätze waren durch Verschleierung und weitere Schutzzauber gesichert, weswegen man sie auf diese Art und Weise weder aufspüren noch erreichen konnte. Ganz ähnlich wie die gut geschützten Türme der Turmherren. Um zu ihren Kollegen zu reisen, mussten sich selbst die hohen Magier eine entsprechende Genehmigung einholen.

Daraus schloss Eryn: Wenn es so einfach wäre, dann hätten es schon viele andere vor mir versucht. Außerdem, von den Türmen weiß man wenigstens, wo genau sie sich befinden – was man von verborgenen Schätzen nicht sagen kann.

Dieses Problem beschäftigte ihn eine Weile vergeblich. Dann, am Abend, entschied er, die Grübelei für heute sein zu lassen und briet sich ein Huhn über dem Feuer. Von Zeit zu Zeit drehte er den Spieß, damit das Fleisch nicht verbrannte. Dabei sah er dem Spiel der Flammen zu, wie die orangegelben Drachenzungen nach oben schossen und an dem Fleisch leckten. Ein köstlicher Geruch breitete sich im Raum aus, der Eryn das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Die tänzelnden Flammen waren ähnlich schön wie der Anblick fließender Magie und da hatte Eryn plötzlich eine Eingebung.

„Das ist es!“, rief er laut aus und klatschte in die Hände. Ich darf nicht nach dem Hühnchen suchen, sondern ich muss nach den Flammen suchen. Die Wege sind ein Ort der Muster und auch eine Verschleierung hinterlässt ein magisches Muster. In der realen Welt kann eine gute Verschleierung alles verbergen, sodass auch ein versierter Magier nichts zu finden vermag. Aber wenn ich recht habe, dann verhält sich dies in den Wegen anders. Und sein Gefühl sagte ihm, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Er war so aufgeregt, dass er sofort Gewissheit haben wollte und darüber sogar das köstliche Hühnchen vergaß.

Er eilte nach draußen und reiste zu seinem Tor-Experimentierfeld. Das waren seine selbst auferlegten Sicherheitsvorkehrungen, denn auf der Sichel-Insel wurden keine Torzauber durchgeführt und er reiste dorthin stets nur durch ein Tor im Wasser.

Als er zu später Stunde wieder zurückkehrte, hatte er gleich zwei Erkenntnisse gewonnen: Hühnchen, die zu lange über dem Feuer hängen, verbrennen. Und die Muster der Verschleierung konnte man tatsächlich aufspüren.

Doch von dieser Erkenntnis bis hin zum Erfolg war es noch ein langer Weg. Aber schon am nächsten Tag machte sich Eryn voller Eifer an die Arbeit. Lediglich nach einer Verschleierung zu suchen, funktionierte nicht. Das scheint zu unbestimmt zu sein. Erst als er die Adresse des Ortes mit angab und sich schon nahe am Austrittspunkt befand, konnte er das magische Muster als Lichtpunkte im grauen Nebel entdecken. Aber darin liegt mein Problem. Denn den genauen Ort eines Schatzes kenne ich nicht. Ich brauche mehr Variablen, um letztendlich an die richtige Position zu gelangen. Ich muss mich in die Lage des Versteckers hineinversetzen. Welche Zauber würde ich wirken, um etwas zu verbergen? Und wenn es mir gelingt, eine dieser Hüllen nachzubauen, dann müsste ich den Ort finden. Natürlich ist dabei auch noch eine gehörige Portion Glück vonnöten, da ich auch nicht weiß, wie diese Hülle im Detail aussieht.

Allerdings gab es gewisse Regelmäßigkeiten, wie Magier üblicherweise vorgingen, wenn sie etwas verbergen wollten. Diese Regeln hatte Eryn bei seiner Ausbildung in Naganor frühzeitig gelernt und später auch oftmals selbst angewendet. Natürlich gab es einen gewissen Spielraum, doch die meisten Magier waren Gewohnheitsmenschen mit einem deutlichen Hang zur Faulheit. Kurzum, man erledigte die Aufgabe der Sicherheit mit einem minimalen Aufwand.

Auf Schatzsuche

Die Arbeit brachte es mit sich, dass sich auf dem Schreibtisch bald ein Haufen Papier angesammelt hatte. Aber nicht nur dort, sondern die Notizen waren auch auf jede andere Ablagefläche in dem Raum gewandert. Kritisch sah sich Eryn um.

Hier sieht es so unordentlich aus wie in Prinz Raidens Wirkungsbereich. Höchste Zeit, etwas Ordnung zu schaffen. Eines Tages habe ich vielleicht auch einen Eryn, der für mich aufräumt. Aber so wie es gerade aussieht, bin ich hier der einzige Eryn. Er seufzte und machte sich an die Arbeit.

Wenigstens ist die Plackerei nicht für jemand anderen und obendrein kann ich meine eigenen Systeme aufbauen.

Nur zu gut erinnerte sich Eryn daran, wie oft ihn Meister Raiden angekeift hatte, dass der eine oder andere Zettel absolut nicht hierhin oder dorthin gehöre. Dabei hatte besagter Zettel zuvor noch auf dem Boden gelegen, wo er sicherlich auch nicht hingehört hatte. Der Abdruck einer Stiefelsohle war der eindeutige Beweis dafür, doch Eryn hatte sich gehütet, seinen Meister darauf hinzuweisen.

Er war unglaublich schlampig, was der ordentliche und organisierte Eryn nicht ist.

Im Handumdrehen verschwanden die Notizen in sauber beschrifteten Mappen und dann legte Eryn eine Aufstellung an. ‚Eryns direkte magische Adressen‘ schrieb er auf das Deckblatt. Kurz zögerte er und fügte schließlich noch den Titel Meister vor seinem Namen ein.

Alles muss seine Richtigkeit haben, den Titel habe ich mir redlich verdient.

Dann begann er seine Notizen durchzusehen. Dort hatte er jede Adresse akribisch notiert, wann immer er in letzter Zeit eine Stadt bereist hatte. Und nun übertrug er die magischen Formeln in das neue Buch. Eine große Stadt in den Wegen zu finden, war einfach, denn nirgendwo sonst in der Natur gab es so unglaublich viele viereckige Steine, die sich auch noch ein Stück weit in den Himmel erhoben. In welcher Stadt er letztendlich gelandet war, fand er aber meistens erst heraus, wenn er aus den Wegen ins Freie trat.

Es dauerte nicht lange, da waren drei Seiten in Meister Eryns Adressbuch eng beschrieben, während die Notizen entweder ins Feuer wanderten oder auf den Stapel ‚Da steht noch was anderes Wichtiges drauf‘. Als der Ordnung Genüge getan war, nahm sich Eryn seine Aufzeichnungen zur Schatzsuche zur Hand und kam zu dem Schluss:

Ich kann die Muster der Zauber in den Wegen tatsächlich finden, allerdings tauchen sie erst auf, wenn ich mich in der näheren Umgebung befinde. Eryn hatte die Distanz mehrfach gemessen und kam so an die 30-Meter-Marke heran. Das war nicht das Ergebnis, welches er sich erhofft hatte, denn es zwang ihn, sich schon sehr nahe an einem Schatz zu befinden, bevor er die Magie sehen konnte. Womit ich kaum weiter wäre als zuvor.

„Habe ich dir nicht gleich gesagt, dass das nichts wird?“ Diesmal war der große Zweifler nicht Ador, sondern Vedi, der dann auch noch leise hinzufügte: „Das Forschungsobjekt Nummer eins hat doch nicht allen Ernstes gedacht, es könne es dem Forscherdrachen gleichtun und große Schätze finden.“ Dabei bewegte Vedi seine Lippen, als würde er die Worte formen.

„Seit wann kann ein Drache wie ein Mensch reden? So ganz ohne Golem?“, tat Eryn den Einwand ab, da er sich durch die Illusion im Augenblick gestört fühlte. Die Trugbilder ad absurdum zu führen, ließ sie schneller wieder verschwinden, doch wer, wann und wie auftauchte, konnte Eryn nicht kontrollieren.

Ob das jemals wieder aufhört? Zumindest kamen diese ungebetenen Besuche inzwischen seltener, was er durchaus als hoffnungsvolles Zeichen deutete.

Eryn richtete seine Gedanken wieder auf die Schatzsuche. Vielleicht muss ich dieses Unterfangen anders angehen. Wo findet man üblicherweise Schätze? In Gräbern, in Höhlen, auf versunkenen Schiffen und in alten Ruinen. Nach dem Prinzip des Städtesuchens waren versunkene Schiffe am einfachsten zu finden, denn Holz und Eisen kamen auf dem Meeresboden üblicherweise nicht vor.

Das könnte klappen. Und Eryn machte sich auf den Weg zu seinem Experimentierfeld. Dort begann er seine Suche. Weil Schiffe meistens im Bereich der Küste auf Grund liefen, bezog er diesen Umstand in seine Überlegung mit ein. Als Erstes fand er ein altes Fischerboot, welches keine 100 Meter entfernt an den Klippen zerschellt war. Eryn tauchte nicht einmal in die reale Welt ein, um zu wissen, dass dieses Wrack keine Schätze barg.

Bei der unbestimmten Suche scheint die Zeit mit der Entfernung zusammenzuhängen, allerdings gilt das auch nicht immer. Die Wege sind wahrlich komplexe Systeme. Sein nächster Versuch brachte ihn zu einem gesunkenen Handelsschiff. Er trieb am Rand der Barriere, um das Wrack genauer zu untersuchen. Im Schiffsrumpf befanden sich Fässer und Amphoren, die die Prägung von Weinreben erkennen ließen. Allerdings waren sie größtenteils zerbrochen.

Der ist sicherlich nicht mehr gut, witzelte Eryn und ging weiter. Doch plötzlich tauchte vor ihm eine graue Wand auf. Was ist das? Er suchte in den Wegen nach Mustern der Magie, doch da waren keine. Dann glitt er an der grauen Wolke entlang, bis er sie ganz umrundet hatte. Sie verdeckte ungefähr die Hälfte des Schiffes und hatte eine annähernd runde Form.

Ein spezieller Zauber, der einen geheimen Schatz verbirgt? Jetzt wollte er es genau wissen, doch das bedeutete, dass er in die reale Welt hinaustreten musste.

Ich muss mir sofort eine Luftblase zaubern. Also entfernte er sich zwei Schritte von der seltsamen Nebelwand, bereitete den Zauber vor und verließ dann das Tor. Die schützende Kugel aus Magie hüllte ihn sogleich ein und drängte das Wasser beiseite. Einmal draußen, verbarg keine seltsame Nebelwand mehr den Blick und Eryn konnte deutlich sehen, was vor ihm lag. Als er noch damit beschäftigt war, sich alles genau anzusehen, zerplatzte seine Magie plötzlich und sofort stürzten die Wassermassen auf ihn ein. Dummerweise wurde er dann auch noch nach vorne gedrückt und landete in jenem Bereich, den er von den Wegen aus nicht hatte einsehen können. Instinktiv wollte er eine neue Schutzhülle erschaffen, doch das war nicht möglich und dann wurde ihm schlagartig schlecht. Scheiße, Unhaer.

Panik drohte ihn zu übermannen, denn jemand mit seiner Begabung konnte im Unhaer nicht lange überleben – mal ganz abgesehen davon, dass er ohne jegliche Art von Magie auch nicht unter Wasser atmen konnte. Er bekam ein Geländer zu fassen und zog sich mit hektischen Bewegungen in Richtung der Weinfässer. Ihm wurde bereits schwindelig, als seine Magie mit einem Schlag zurückkehrte. Sofort sprang er durch ein Tor, um dann schwer atmend auf seinem Experimentierfeld aufzutauchen.

Bei den Göttern, das war knapp. Ich muss mir unbedingt wieder einen Schutzring gegen das Unhaer anfertigen. Das war eine geradezu gemeine Falle, die mir die Natur hier gestellt hat. Man tritt ahnungslos aus einem Tor und schwupps, zerstört das Unhaer jegliche ehrliche Magie. Mein Schutzschild ist daran wie eine Seifenblase zerplatzt.

Trotz dieses Ereignisses ließ er sich nicht entmutigen und setzte seine Schatzsuche fort. Er arbeitete sich von Wrack zu Wrack und am Ende des Tages hatte er drei Kisten voller Münzen und zwei verzauberte Halsketten geborgen. Die zwei Artefakte waren mit den üblichen Schutzzaubern gegen Gedankenspionage und Manipulation belegt und stellten somit nichts Besonderes dar.

Geldnöte habe ich jetzt keine mehr, doch auf diese Art und Weise komme ich auch nicht an Bücher heran. Auch seltene Artefakte werde ich so kaum finden. Hätte mir eigentlich von Anfang an klar sein sollen. Wer nimmt sein kostbarstes Gut schon mit auf ein Schiff und Bücher überdauern im Wasser sowieso nicht lange. Eryn selbst hatte eine Abneigung gegen diese Art des Reisens, weil er sehr schnell seekrank wurde. Überhaupt schätzte er das Element Wasser nicht sonderlich. Trotzdem hatte er zuerst diese Methode gewählt, weil sich das Auffinden von Schiffen am leichtesten bewerkstelligen ließ.

Doch nun machte er sich darüber Gedanken, wie er Gräber, Höhlen oder Ruinen aufspüren könnte.

Das Muster dieser Orte ist zu unbestimmt. Ein paar bearbeitete Steine können mich zu jedem einzelnen Haus auf dem Kontinent führen. Hohlräume in den Bergen sind genauso aussichtslos und Gräber sind eine Ansammlung von Stein, Erde, Knochen und ein wenig Metall. Dazu ist das Sammelsurium dann meist mit ein wenig Grünzeug überzogen. Das könnte mich auch zu jeder Müllgrube führen, die in den letzten tausend Jahren angelegt wurde.

Etwas ratlos starrte er vor sich hin. Nur gesunkene Schiffe kann ich leicht finden, aber die beherbergen nicht die Schätze, die ich suche. Ich muss dieses Problem anders angehen. Wo verstecken Magier üblicherweise ihr Zeug?

Die Antwort war einfach. In der Nähe ihrer Wohnstätte, damit sie die Dinge schnell zur Hand haben, wenn sie sie doch einmal benötigen sollten. Stichwort ‚Artefaktekammer‘. Und natürlich hat jeder Magier auch seine eigene Bibliothek – außer mir, aber das kann ja noch werden. Nein, das muss werden und dafür sind die Ruinen der geeignete Ort, denn Magier wohnen üblicherweise nicht in Gräbern oder Höhlen.

Sie wohnen bevorzugt in Türmen und solch ein Bauwerk steht üblicherweise auf einem Berggipfel. Außer Naganor, welches am Fuße eines Berges steht, weil die Schwarzen Magier die Welt sowieso mit anderen Augen sehen. Und Gahaeris liegt inmitten eines Waldes, weil die Grünen ein noch absonderlicheres Weltbild haben. Aber die anderen Türme sind auf landschaftlichen Erhebungen errichtet, so wie es sich gehört. Doch diese Türme sind bewohnt und kommen somit nicht in Betracht.

Aber Bauwerke auf landschaftlichen Erhebungen zu finden, kann nicht so schwierig sein.

Und so hatte Eryn einen neuen Plan.

Eryn fühlte sich wie ein Raubvogel, der von den Winden getragen majestätisch über den Himmel glitt und mit scharfem Auge nach Beute am Boden Ausschau hielt. Tatsächlich war sein Auge nur ein magisches und er selbst saß auf einem Vorsprung inmitten einer steilen Felswand, wo ihn nichts und niemand stören würde. Tief unter ihm wand sich ein Fluss durch das breite Tal auf seinem Weg zum Meer. Eryn kannte diese Gegend nicht. Sie lag irgendwo im Südosten des Kontinents – weit weg von Naganor und Elverin. Es dauerte nicht lange und Eryn hatte sich ein weitaus besseres Bild von seiner Umgebung gemacht. Da gab es eine größere Stadt, vier Burgen, zehn Dörfer und ungefähr noch einmal so viele vereinzelte Gehöfte. Aber was Eryn wirklich interessierte, waren die drei Ruinen, die er auch noch entdeckt hatte.

Zeit für einen Feldversuch. Eine innere Anspannung hatte von ihm Besitz ergriffen, als er bei der ersten Ruine auftauchte. Übrig geblieben waren nur die steinernen Überreste eines Säulenganges und ein Teil der Außenmauer. Die Mauerreste waren aber nur mehr so hoch, dass man problemlos darüber hinwegsteigen konnte.

Was mag hier einmal gestanden haben? Vielleicht ein Tempel oder ein größeres Gutshaus. In diesem Moment bedauerte Eryn, dass er nicht in der Vergangenheit lesen konnte, so wie Meister Raiden. Aber im Grunde genommen ist es auch egal, denn ich bin nicht wegen der Historie hier, sondern wegen der verborgenen Schätze.

Er scannte, konnte aber nichts entdecken. Dann glitt er hinüber in die Welt der Wege und suchte nach dem Muster der Verbergungsmagie. Das übliche Grau umfing ihn, doch dann bemerkte er den schwachen Schein von Magie und trieb näher.

Ha, Volltreffer. Da ist etwas. Genau an der Stelle, wo das Muster des Unsichtbarkeitszaubers aufgetaucht war, trat er wieder ins Freie. Direkt vor ihm befand sich eine umgestürzte Säule. Bereits halb im Erdreich versunken, war sie zusätzlich von Pflanzen überwuchert.

Der Schatz liegt genau darunter, vermutete Eryn und untersuchte die Stelle nun eingehend.

Hier liegen Knochen, doch etwas Magisches kann ich nicht entdecken. Darum beschloss er, zu graben. Nicht mit der Hand, sondern wie ein richtiger Magier. Das Gras flog zur Seite, als wäre es mit dem Hieb einer Sense geschnitten worden. Dann folgte eine dünne Schicht Erdreich nach der anderen und Eryn fand den Schädel eines Toten und die Knochen einer Hand. Doch ein größerer Bereich wirkte, als läge dahinter eine leere Kuhle. Eindeutig ein verborgener Bereich. Und dann wusste Eryn plötzlich, wie er dieses Szenario zu deuten hatte und grinste siegessicher.

Toter Nummer eins hat sich mittels eines Artefakts unsichtbar gemacht. Vermutlich handelt es sich um eine Halskette. Er wollte sich vor einer Gefahr verbergen, doch unglücklicherweise ist diese Säule umgestürzt und hat ihn erschlagen. Davor konnte ihn das Artefakt nämlich nicht beschützen. Nach all den Jahren haben sich Kopf und Hand vom Leib getrennt und dadurch sind sie mit dem Rest nicht mehr in einer verbundenen Aura, weswegen ich sie auch ganz normal sehen kann. In Schritt zwei wird Detektiv Eryn den Unsichtbarkeitszauber beenden und somit beweisen, dass er recht hat.

Seine gute Ausbildung in Spionagemagie machte sich nun bezahlt und vor seinen Augen erschien eine mit Rubinen besetzte goldene Halskette, die auf den weißen Rippenknochen eines Skeletts ruhte. Eryn nahm das Geschmeide an sich und ließ die Glieder langsam durch die Finger gleiten.

„Ist zwar kein geheimes Buch, doch immerhin eine wertvolle Halskette und obendrein ein Artefakt mittlerer Güte.“ Man kann nicht gleich den großen Treffer bei der Schatzsuche landen. Aber ich arbeite mich langsam vorwärts und das hier ist bisher mein bester Fund.

Eryn verstaute die Halskette in einer Umhängetasche und nahm sich die nächste Ruine vor. An den darauffolgenden drei Orten fand er nichts, doch in den Überresten eines alten Turmes hatte er erneut Glück und entdeckte ein Geheimfach, in dem sich mehrere Ringe und ein Handspiegel befanden. Er betrachtete sich darin und musste lachen, denn sein Spiegelbild hatte einen langen Bart.

Also den sollte ich mir nicht wachsen lassen. Der aufgeregte Ruf eines Vogels ertönte und Eryn sah sich um, ob von irgendwoher Gefahr drohte. Als er nichts weiter ausmachen konnte, sah er wieder in den kleinen Handspiegel. Der Bart war weg, doch diesmal hatte er lange gelockte Haare.

Ein unglaublich nützliches Artefakt, wie mir scheint, befand er und steckte dann den Spiegel und die Ringe zu der Halskette in die Tasche. Die Ringe sehe ich mir später an. Sind wahrscheinlich auch nicht überragend. Aber eine weitere Ruine habe ich mir für heute noch vorgenommen, dann ist mein Tagewerk getan.

Besagte Stätte ‚Ruine‘ zu nennen, war ein wenig irreführend, denn an dem Ort ragte nur ein einzelner unförmiger Stein in die Höhe. Es war jedoch offensichtlich, dass dieser vier Meter hohe Klotz keine Laune der Natur war und aus der Nähe betrachtet, sah man, dass der Monolith mit einem Muster aus wiederkehrenden Rauten, Kreisen und Strichen überzogen war.

Die Symbole ergeben keinerlei Sinn – zumindest nicht die Magie betreffend. Wahrscheinlich sind sie bloß reine Dekoration. Eryn rätselte weiter über die Bedeutung des Monuments und kam schließlich zu dem Schluss, dass es sich hier höchstwahrscheinlich nur um eine Wegmarkierung handelte.

Deswegen erwartete er auch nicht viel, als er in die Wege eintauchte, um nach magischen Spuren zu suchen. Doch sofort fiel ihm das seltsame Muster auf.

Sieh an, hier gibt es doch etwas. Ungewöhnlich, diese magische Kombination. Was mag das bedeuten?

Er trat wieder hinaus ins Freie und scannte ausgiebig, konnte aber nichts entdecken. Mit den gängigen Verfahren versuchte er die üblichen Verbergungszauber zu beseitigen, doch nichts änderte sich dadurch.

Aber in den Wegen sehe ich es ganz deutlich. Da hat jemand etwas versteckt und dieser Jemand ist gut, denn hier habe ich es nicht mit der üblichen Standardmagie nach Lehrbuch zu tun. Der Ehrgeiz hatte ihn gepackt und er wollte dem Rätsel auf die Spur kommen. Eryn legte seine Hände auf den Stein und schickte diverse Suchzauber los.

Hmm, nichts. Aber in den Wegen sieht es so aus, als wäre genau hier etwas Magisches. Manchmal ist die Wirklichkeit verzerrt und man glaubt vor einem Pfahl zu stehen und hat in Wahrheit einen Turm vor sich. Er ging um das Monument herum und zählte die Schritte. Nur sechs. Das stimmt mit dem Umfang überein. Also ist es doch nur eine Säule ... allenfalls mit einem Geheimfach. Aber wo bist du?

Ein Luftpolster brachte ihn in die Höhe und er zog einen weiteren Kreis um die zweite Hälfte des Monuments.

Auch nur Stein ... oder so verdammt gut verborgen, dass ich keinen Unterschied zum Trägermaterial entdecke. Eryns Zuversicht schwand zusehends und er schwebte nun ganz hinauf, um sich auf die Spitze des Steins zu stellen. Nicht so sehr, weil er sich davon große Erkenntnisse erhoffte, sondern weil man das immer tat. Ob bei einem Turm oder einem Berg, man musste stets ganz nach oben, um dann von dort aus hinuntersehen zu können. Dieser unförmige Stein wurde an der Spitze ziemlich schmal und unter normalen Umständen hätte man dort oben nie Platz zum Stehen gehabt. Aber Eryns Luftpolster machte das Unmögliche möglich. Doch als er direkt auf die Spitze schweben wollte, da prallte er gegen eine unsichtbare Wand. Er kam ziemlich ins Schwanken und schaffte es gerade noch so, sein Luftkissen wieder zu stabilisieren.

Also das Versteck habe ich gerade gefunden ... wenn auch nur zufällig. Aber das muss ich ja keinem verraten. Der große Magier Eryn fand diese seltsame Landmarke, scannte kurz und entdeckte sogleich den verborgenen Bereich an der Spitze – das ist die Version für die Nachwelt. Und dann zerstreute Eryn die Verbergungsmagie und entdeckte eine ganze Artefaktesammlung und eine Bibliothek. So geht diese Geschichte aus. Aber an der Stelle bin ich leider noch nicht.

Eine Stunde später hatte Eryn herausgefunden, dass besagtes Versteck eine Größe von drei auf drei Metern maß und sich ungefähr zwei Meter über der Steinspitze befand. Eine Art Verbindungssäule befand sich dazwischen und an jenes unsichtbare Gebilde war Eryn zuvor gestoßen. Doch weder Raum noch Verbindung ließen sich sichtbar machen und Eryn gingen langsam die Ideen aus.

Verdammt, ich sehe dich weder magisch noch unmagisch und doch bist du da. Denn ich kann dich deutlich fühlen. Es muss einen Grund geben, warum diese Verbindung besteht! Doch nur in den Wegen kann ich überhaupt erkennen, dass hier Magie zugange ist. Die Lösung des Rätsels liegt in den Wegen. Also trat Eryn durch ein Tor. Die Magie war in einem Muster verwoben, welches ihm überhaupt nichts sagte. Und egal wie lange er darauf starrte, er wurde nicht schlau daraus. Vorsichtig probierte er ein paar Zauber aus, doch die Gesetze in den Wegen waren andere als in der realen Welt und seine Zauber glitten einfach hindurch. Nach einer Weile musste er sich eingestehen, dass er auch so nicht weiterkam.

Der große Magier Eryn schaffte es nicht, dieses Rätsel zu lösen, und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dieses Ende meiner Geschichte hört sich zu sehr nach Versagen an. Prinz Raiden hätte sicherlich schon längst eine Lösung gefunden. Und diese Vorstellung ärgerte ihn umso mehr.

Ich muss es schaffen – egal wie. In seiner Verzweiflung schoss er ganz unbeherrscht einen Feuerball auf die magische Struktur. Es gab einen Rückstoß, der ihn aus den Wegen beförderte und mit dem Rücken gegen die Steinsäule prallen ließ.

Aua verdammt, das hat wehgetan. Eryn wirkte einen Heilzauber, noch bevor sich ein Bluterguss bilden konnte und glitt dann zurück in die Zwischenwelt. Schließlich wollte er wissen, was seine Aktion bewirkt hatte.

Nichts. Rein gar nichts. Diese blöden Lichtpunkte verhöhnen mich. Trotzig presste er die Lippen aufeinander. Ich springe einfach in diesen geheimen Raum, indem ich den Zauber anwähle.

Das klang abstrus und gefährlich. Doch Eryn glaubte ohnehin nicht, dass es funktionieren würde. Hatten seine anderen Zauber schließlich bisher auch nichts bewirkt.

Wahrscheinlich lande ich sowieso wieder draußen. Aber ich will nicht noch einmal an die Säule klatschen. Darum zog er erst einen Schild um sich herum, bevor er das Tor erschuf. Ein Schritt und das Grau der Wege war verschwunden. Doch Eryn kam nicht draußen bei der Säule heraus, sondern stand plötzlich in einem Zimmer. Da hingen Bilder von Landschaften an den weiß gekalkten Wänden und sofort fielen Eryn die zwei Regalbretter ins Auge, auf denen eine geschlossene Reihe von Büchern stand. Doch bevor er sich über die Lektüre hermachte, sah er sich erst einmal um. Schließlich konnte ihm irgendeine unbekannte Gefahr drohen. Der Raum hatte keinerlei Fenster oder Türen und das Licht kam von drei magischen Leuchtkugeln an der Decke. In einer Ecke stand eine verzierte Kiste und an der Wand gegenüber befand sich ein Bett, welches frisch bezogen war. Der Überzug des Kissens war mit einem Blumenmuster verziert, genauso wie die halb aufgeschlagene Bettdecke.

Sieht aus wie die Kammer einer Frau, dachte sich Eryn zunächst, schränkte seine Einschätzung jedoch sogleich wieder ein. Obwohl, dann müsste noch viel mehr Plunder herumstehen. Blumenvasen, Teppiche, Kommoden mit kleinen Figuren drauf ... Aber hier gibt es nicht viel. Eine Zelle, ohne Ausgänge und ich bin darin eingesperrt. Doch dann verzog er verächtlich die Mundwinkel. Ich kann tunneln und keiner sperrt mich so leicht ein. Truhe oder Bücher, was sehe ich mir zuerst an?

Die Truhe gewann, doch sie barg keine größeren Geheimnisse, sondern enthielt lediglich Kleidungsstücke. Reich verzierte Hemden und Hosen, dazu ein paar Gürtel und Halbstiefel. Sie waren für einen Mann von Eryns Größe gemacht, hatten jedoch keinerlei magische Aufwertung.

Ich nehme das Zeug trotzdem mit, wenn ich hier fertig bin, entschied er, denn auf seiner Insel konnte er alles gebrauchen. Aber jetzt will ich mir erst einmal die Bücher ansehen. Neugierig gespannt ging er hinüber zum Regal und zog wahllos einen Band heraus. Der Einband aus glattem Leder verriet nichts und Eryn schlug die erste Seite auf und las den Titel:

‚Fortgeschrittene Anwendungszauber aus dem Kreis Silber‘. Jawohl, das ist genau das, wonach ich gesucht habe. Wenn die anderen Bücher alle so interessant sind, dann habe ich hier einen wahren Schatz entdeckt. Doch zunächst las er weiter. Aber weil dies im Stehen äußerst unbequem war, ging er hinüber zu der Truhe und setzte sich auf den halbrunden Deckel. Der war mit vier Eisenbändern überspannt und alle Handbreit ragten die Köpfe von Nieten hervor. Obwohl das Buch fesselnd war, rutschte Eryn bald von einer Seite zur anderen, doch es gelang ihm nicht, eine bequeme Position zu finden. Schließlich hob er den Kopf und blickte zu dem Bett hinüber.

Ich könnte mich hinlegen. Es wirkt geradezu einladend und ist sicherlich unglaublich bequem. Also erhob er sich, durchquerte mit drei großen Schritten den Raum, bis er dann vor dem Bett stand.

Es schien ihn verführerisch zu rufen: ‚Leg dich hin und schlafe eine Runde. Das hast du dir verdient, Eryn. Du hast heute schon so viele Schätze entdeckt und der Tag war lang. Eine kleine Rast wird dir guttun.‘

Doch dann blitzte eine Ermahnung des gestrengen Meisters Raiden in seinem Kopf auf: ‚Schlafen ist etwas für Schwächlinge. Ein wahrer Meister übt sich in Disziplin, wenn er die Kunst studiert.‘

Er ist nicht hier und kann mich somit auch nicht tadeln. Die Verlockung des frisch gemachten Bettes war ziemlich groß und Eryn war kurz davor, sich einfach auf die weiche Bettdecke fallen zu lassen. Aber dann siegte die Disziplin über diese wohlige Lust, sich einfach gehen zu lassen. Denn Meister Raiden hatte durchaus recht, auch wenn Eryn das in diesem Moment niemals zugegeben hätte.

Ich nehme mir das Kissen und lege es auf die Truhe, entschied er und schon streckte er seine Hand aus. Aber in dem Moment, in dem er das Kissen berührte, fiel etwas herunter und ein äußerst harter Schlag traf seinen Arm. Dabei wurde er zu Boden gerissen. All das ging unglaublich schnell und Eryn brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was da gerade passiert war. Eine Stachelfalle in der Größe des Bettes war von oben heruntergefallen und das, obwohl Eryn zuvor alles genauestens abgesucht hatte. Dabei war ihm nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Aber nun lag dieses Gitter mit seinen ellenlangen scharfen Spitzen gut sichtbar auf dem Bett, während ein paar einzelne Daunenfedern noch durch die Luft segelten. Blut lief Eryns Arm herunter, doch es hinterließ keinerlei Flecken und das Bettzeug hatte immer noch den Glanz frisch gewaschener Wäsche. Das schwere Gitter hatte seinen Arm gleich an drei Stellen durchbohrt. Ein spitzer Dorn steckte mitten in der Handfläche, ein zweiter im Unterarm und kurz über dem Ellbogen war der letzte durch seine Haut gedrungen. Gebrochen schien jedoch nichts zu sein, obwohl der Metallrahmen hart auf seinen Oberarm geprallt war, wo sich mittlerweile eine ganz schöne Beule gebildet hatte.

Trotz des Überraschungseffekts behielt Eryn einen kühlen Kopf. Er stoppte zunächst die Blutung und betäubte seinen Arm. Wann habe ich meine Schilde fallen gelassen? Hier ist eine subtile Manipulation am Werk und ich habe nicht das Geringste gemerkt.

Um sich zu befreien, wollte er das Gitter magisch anheben. Aber er merkte sofort, dass da etwas nicht stimmte, denn seine Magie wurde umgehend absorbiert.

Welcher kranke Geist denkt sich so etwas aus? Nicht auszudenken, wenn ich mich tatsächlich auf das Bett gelegt hätte. Dann wäre ich jetzt mit Sicherheit tot.

Just in dem Augenblick erschien neben dem Bücherregal eine schlanke Gestalt. Sie trug eine Robe und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen, sodass man ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Eryn scannte sofort und seine Magie verriet ihm, dass dies nur ein Trugbild war.

Nicht jetzt auch noch eine dieser dämlichen Illusionen.

„Du kleiner dreckiger Magier mit dem Kreis Gold. Hast du wirklich gedacht, du könntest mich so einfach bestehlen?“ Die Stimme war eindeutig männlich, doch sie gehörte weder Ador noch Prinz Raiden. Darum wunderte sich Eryn:

„Hä, wer bist du?“ Doch der Fremde ignorierte die Frage gänzlich und fuhr einfach fort:

„Widerwärtiges Geschmeiß aus Elverin ist in meine Falle getappt und hat seine gerechte Strafe erhalten. Springst hin und her wie ein Floh, bis man dich fängt und zwischen zwei Fingern zerdrückt. Nun schläfst du gut in diesem Bettchen und wirst keinen anständigen Magier mehr bestehlen.“

Er denkt, ich wäre tot. Falsch, diese Illusion denkt nicht, sondern spult lediglich einen Text ab. Irgend so ein krankes Hirn hat hier eine Falle für einen Magier aufgestellt und verhöhnt nun auch noch den Toten.

„Verrotte in der Hölle, elender Jünger Elverins. Sie springen durch Tore und schnüffeln überall herum. Aber ich bin klüger als diese Kakerlaken. Ich denke, wie sie denken und dann locke ich sie in eine Falle.“ Theatralisch schlug der Mann die Kapuze zurück und rief:

„Ich, der große Meister Tiundor!“

Zum Vorschein kam ein ausgezehrtes Gesicht, eingerahmt von einem langen schwarzen Vollbart. Durch die Mitte des Bartes zog sich eine einzelne weiße Strähne. Die Lippen waren dünn und darüber befand sich eine breite Nase. Unter buschigen Augenbrauen saßen hellbraune Augen und glitzerten irrsinnig. Die langen schwarzen Haare begannen nun in alle Richtungen abzustehen, während die Illusion die Arme hob und wiederholte: „Ich, der große Meister Tiundor!“

Scheiße. Bei dem Namen klingelte etwas in Eryns Gedächtnis. Tiundor, war das nicht dieser verrückte Magier aus Draegnok? Zumindest kann ich sicher sein, dass der inzwischen tot ist, auch wenn ihn seine gehässige Falle überdauert hat.

„Ich, der große Meister Tiundor!“

Die Illusion war nun in eine Endlosschleife der Lobpreisung seiner selbst übergegangen und Eryn ignorierte die harmlose Zauberei. Ich muss mich befreien. Dabei ist äußerste Vorsicht angesagt. Standard nach Lehrbuch wird hier nicht funktionieren. Das habe ich zum Glück schon vorhin bemerkt und der nette Meister Tiundor hat mir diese Vermutung gerade eben auch noch bestätigt. Das Gitter absorbiert magische Energie, um dann einen Zauber zu entfesseln. Vermutlich eine Explosion. Zuerst aufspießen und dann grillen, solch ein teuflischer Plan passt zu diesem Verrückten. Also versuche ich es mit Negation und Absorption.

Eryn löste so die Struktur des Eisens auf und sammelte sie weg, bis die Dornen derart ausgedünnt waren, dass sie wie verrottetes Holz brachen und er seinen Arm endlich herausziehen konnte. Normalerweise nutzte man diese Methode nicht, um sich zu befreien, da in den Wunden dann vermehrt kleine Splitter zurückblieben. Aber darin sah Eryn im Augenblick das geringere Übel. Erschöpft saß er nun auf dem Boden und heilte seine Wunden. Als er damit fertig war, ballte er die Hand zur Faust und öffnete sie wieder, um die Funktion zu überprüfen. Die neue Haut seines geheilten Armes spannte und die Muskeln fühlten sich schwach an. Aber das war nichts Ungewöhnliches.

Ich kann von Glück sagen, dass das nur Fleischwunden waren.

„Ich, der große Meister Tiundor!“, tönte es immer noch beständig und die Lobpreisung zehrte an den Nerven.

Zeit, diesen Geist loszuwerden. Eryn schickte eine Negation auf den Weg, doch die Illusion zeigte sich davon reichlich unbeeindruckt.

Dann soll er halt weiter rumkrakeelen. Zumindest kann er mit seinen Worten niemanden verletzen. Und dann ertappte Eryn sich dabei, wie er schon wieder zu dem Bett hinübersah. Obwohl das Stachelgitter Decke und Kissen durchbohrt hatte, spürte er weiterhin einen gewaltigen Drang, sich einfach hinzulegen.

Diese Manipulation ist unglaublich. Ich kann den Zauber nicht einmal ansatzweise ausmachen und doch ist er da. Nicht auszuschließen, dass es hier noch mehr Fallen gibt. Darum schnappe ich mir jetzt die Beute und haue zügigst ab.

Die Bücher nahm er einzeln von dem Regal und überprüfte jedes, bevor er sie vor sich aufstapelte. Dann legte er die Kleidung aus der Truhe gleich daneben. So, bereit.

Wie gewohnt baute sich die Tormagie auf. Dann zog er das Tor über sich und die Beute.

Er hätte nun neben der Säule herauskommen müssen, doch stattdessen blickte er wieder direkt auf das Bett und neben ihm rief die Illusion:

„Ich, der große Meister Tiundor!“

Was? Aber ich habe doch ganz sicher ein anderes Ziel initialisiert. Oder etwa nicht?

Er versuchte es gleich noch einmal, nur um erneut in dem verborgenen Zimmer zu landen. Da schwante ihm bereits Böses. Daraufhin versuchte er, in den Wegen zu verweilen. Was ihm sonst keine große Anstrengung bereitete, wollte ihm jedoch jetzt nicht mehr gelingen. Seine Reise dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und brachte ihn stets an denselben Ort zurück, den er inzwischen so gerne verlassen hätte.

Ich bin gefangen, stellte Eryn ernüchtert fest, während Tiundor sein Sprüchlein aufsagte. Die beständige Selbstdarstellung ging Eryn mittlerweile dermaßen auf die Nerven, dass er sie mit einem simplen Ausblendungszauber ausschließen wollte. Doch statt der erwünschten Ruhe verdoppelte sich Tiundor daraufhin. Die zweite Version des Meisters setzte mit ihrem Sprüchlein ein, noch bevor die erste ihren Satz beendet hatte.

Bei den Göttern, dieser Tiundor ist wirklich ein Arsch. Aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er mich nicht gewarnt hätte. Er versetzt sich in die Denkweise eines gewöhnlichen Magiers hinein und stellt uns dann Fallen. Deswegen muss ich mich von jetzt an vor jedem weiteren Standardvorgehen hüten. Und warum zum Teufel kann ich seine verfluchten Zauber nicht sehen? Niemand beantwortete ihm seine Frage und von selbst kam er auch nicht dahinter. In der darauffolgenden Stunde probierte er alles Mögliche aus, um der Falle zu entkommen. Schließlich trat er mit voller Wucht und ganz unmagisch gegen die Wand. Aber auch das bewirkte nichts.

Natürlich, hätte ich mir denken können. Dieser Käfig ist so vollgestopft mit Magie und doch kann ich kein bisschen davon scannen. Wie macht der elende Sack das?

„Ich, der große Meister Tiundor!“

Ach halt doch die Klappe! Langsam glaube ich, es wäre besser gewesen, ich hätte mich auf das Bett gelegt. Die Stachelfalle hätte mein Leid zumindest schnell beendet. Nun sitze ich hier fest und werde irgendwann verhungern und verdursten. Nahrung hersammeln ist hier drinnen ebenfalls Fehlanzeige, das habe ich auch schon probiert. Oder ist dieser Käfig so gut versiegelt, dass mir vorher die Luft ausgeht? Diese Vorstellung war beklemmend, aber so schnell wollte er noch nicht aufgeben. Denk nach, Eryn. Vielleicht helfen mir die Artefakte, die ich heute eingesammelt habe. Er leerte seine Tasche und legte die Beute fein säuberlich nebeneinander auf dem Boden aus. Da er die Halskette schon untersucht hatte und er den Spiegel für eine absurde Spielerei hielt, richtete er sein Augenmerk zunächst auf die Ringe. Der goldene mit dem großen grünen Smaragd war ein starker Heilring. Die anderen zwei waren aus Silber und rundum mit kleinen Edelsteinen besetzt. Der eine mit Diamanten und der andere mit Rubinen. Das deutete auf Schild- und Abschirmungszauber hin.



Vielleicht bewirken die Artefakte eine Störung des Feldes. Eryn schob sich die silbernen Ringe auf den Zeigefinger und aktivierte sie. Doch die Magie entfesselte einen dritten Tiundor und Eryn fluchte ungehalten. Wenn das so weitergeht, dann wird es hier drinnen bald eng.

Er griff nach dem Spiegel. Ob der aus diesem hässlichen Magier eine Schönheit macht, oder verdoppelt der Knilch sich dann gleich wieder? Eryn hatte noch nicht einmal das Spiegelbild Tiundors eingefangen, als er stutzig wurde.

Was ist das? Primitive Holzbretter. Eryn änderte den Winkel des Spiegels ein wenig, doch auch die andere Wand schien aus unbehandeltem Holz zu bestehen. Kurz hob er seinen Blick und senkte ihn dann wieder. Dieselbe Holzverkleidung? Und ich dachte, dieses Ding würde nur wahllos Illusionen erzeugen.

Nun hielt er sich den Spiegel vor das Gesicht und ein nachdenklicher Eryn mit roten Haaren sah ihm entgegen. Doch die Holzwand hinter ihm fesselte sein Interesse weitaus mehr. Denn dort konnte man nun einen gespiegelten Schriftzug erkennen.

„Falle 4 – Seitenwand 2“, entzifferte Eryn und langsam ergab die Sache einen Sinn. Dieser Spiegel ist nützlicher, als ich dachte. Er verwandelt die Realität in Trugbilder, doch fremde Illusionszauber zerstört er. Die Magie geht immer zwei Wege. Ein weiser Spruch aus meiner Magiergrundausbildung. Nun fing Eryn die Illusionen Tiundors ein und, wie er erwartet hatte, sah er im Spiegel keine Gestalt, sondern lediglich die primitive Bretterwand dahinter.

Ein klares, unmagisches Bild der Realität ... Und wie ist das nun mit einem Scan? Diesmal wurde er nicht enttäuscht und der Spiegel enthüllte, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte. Hier flossen sie, die Kräfte der Magie. In kunstvoller Weise verwoben und versiegelt, sodass sie nicht aufgebrochen werden konnten.

Jeder Zauber hat einen Abschlusspunkt. Eine weitere Magierweisheit und obendrein eine, die mich hier herausbringen kann.

Voller Eifer sah sich Eryn den Raum durch den Spiegel an und nun enthüllte sich ihm auch der Mechanismus der Falle. Ein simpler eiserner Haken an der Decke, welcher das Gitter gehalten hatte, und den unmagischen Auslösemechanismus der Falle direkt unter dem Kopfkissen. Das Fallgitter hatte das wackelige Bett beim Aufprall teilweise zerschlagen, obwohl die Illusion weiterhin eine heile Welt vorgaukelte.

Überhaupt war das Bettgestell sehr dürftig zusammengezimmert und einzig Kissen und Decke schienen ihr wahres Erscheinungsbild gezeigt zu haben.

Ein guter Handwerker war dieser Magier nicht. Da habe ich schon weitaus bessere Möbel gebaut. Doch die zerbrochenen Bretter der Pritsche gaben noch etwas anderes preis. Denn unter ihnen konnte Eryn das erkennen, wonach er bisher vergeblich gesucht hatte: einen magischen Wirbel. Eryn grinste breit.

Natürlich, unter dem Bett. Wo auch sonst? Das ist doch das Versteck Nummer eins. Nur wie komme ich da jetzt ran? Negation war die Lösung und genau so, wie er zuvor die Zacken des Gitters zerstört hatte, vergrößerte er nun auch das Loch im Bett. Er arbeitete über das Spiegelbild im Handspiegel, bis der Farbwirbel gut sichtbar vor ihm lag. Wand und Boden hingegen waren gegen jegliche Negationszauber geschützt, was Eryns Fluchtversuch schon zuvor vereitelt hatte. Aber wenn man einmal den Abschlusspunkt der Magie gefunden hatte, dann eröffneten sich andere Möglichkeiten und nun konnte nicht einmal mehr der große Meister Tiundor Eryn aufhalten.

Vermutlich hängt das ganze Gebilde an dieser seltsamen Säule und der Fels ist mit der Kammer verbunden. Ich darf nicht vergessen, dass ich mich in ein paar Metern Höhe befinde und wenn der Zauber kollabiert, dann heißt das: Ganz schnell Luftkissen raus und Schilde hoch.

Seine Magie bohrte sich in den Wirbel und brach die Struktur auf. Dann wurde der Zauber instabil und löste sich anschließend rasend schnell auf. Eryns Vorsichtsmaßnahmen waren berechtigt, denn ohne die permanente Magie galten wieder die Gesetze der unmagischen Welt. Genau in dem Augenblick, da die Holzkiste auch für Unmagische sichtbar wurde, begann sie zu fallen. Sie krachte zunächst auf die Spitze des Monuments und ein paar Bohlen brachen, dann kippte alles zur Seite weg und stürzte die restlichen Meter hinab. Am Boden zerbarsten die Bretter und Eryn wurde in seiner Schutzblase herumgeschleudert. Als finaler Akt krachte das Stachelgitter gleich neben ihm auf den harten Felsboden und kippte dann seitlich in Richtung Eryn. Doch geballte Energien schirmten den jungen Magier ab.

Du hattest deine Chance, Unding, und jetzt hau ab. Ohne die Schutzzauber Tiundors war das Gitter nichts weiter als ein unförmiges schweres Eisenteil und Eryn schleuderte die Reste der Falle magisch beiseite. Dann sammelte er alles noch Brauchbare ein, bevor er den Ort mit der gemeinen Falle verließ. Diese Schatzsuche hatte ihm so zumindest ein paar kostbare Bücher beschert.


Kraag

Genauso wie die Stadt Ameryl im Süden hatte der Krieg auch Kraag verändert. Die Anhänger des Drachen waren hier nun die neuen Herren, denn Vertreter der alten Führungsschicht gab es in der nördlichen Hafenstadt nicht mehr.

Der Adel und die hohen Würdenträger waren schon längst geflohen, wenn sie klug genug gewesen waren. Diejenigen aber, die die Gefahr unterschätzt hatten, waren nun entweder tot oder saßen in den Zellen des örtlichen Gefängnisses. Alle öffentlichen Gebäude und das Eigentum gar manchen reichen Bürgers war nun im Besitz des rebellischen Mobs. Gesetz und Ordnung in dem Sinne waren außer Kraft gesetzt. Nun galt nur das Recht des Stärkeren. Den Drachen selbst kümmerte es wenig, wie seine Anhänger die Dinge unter sich ausmachten. Für ihn waren die Menschen ohnehin nur eine minderwertige Spezies. Schließlich war es das Geburtsrecht eines Drachen, über die Welt zu herrschen, denn er war der Vertreter der ersten Spezies und kein anderes Geschöpf kam ihm in Magie, Intellekt oder rein körperlichen Fähigkeiten auch nur im Entferntesten gleich. Nun hatte Udrat der Rote beschlossen, über das Land an der Küste zu herrschen. Schon vor dem Großen Krieg war dies sein Territorium gewesen, doch die Magier hatten ihn damals vertrieben. Dann hatte er, wie alle anderen Drachen auch, jahrzehntelang im Nimrod festgesessen und erst als die Barriere gefallen war, eröffneten sich ihm neue Möglichkeiten. Und nun holte er sich jenen Landstrich zurück, der ihm schon immer gehört hatte. Aber trotz seiner gewaltigen Macht hatte er bald einsehen müssen, dass er die Hilfe der Menschlein brauchen würde, um seine hehren Ziele zu erreichen. Diese aufbegehrenden Menschlein – die Drachenfeinde – waren zu zahlreich und er konnte nicht überall gleichzeitig sein, um sie in Schach zu halten.

Nördlich von Kraag lag eine Festung. Dort hatte er sich eingenistet. Die Feste stand auf einer Erhebung und eröffnete einen freien Blick weit über die Stadt hinaus. Von dort aus lenkte Udrat nun die Geschicke seines neuen Reiches.

Seine menschlichen Anführer hatten Kraag unter sich aufgeteilt, doch das interessierte ihn kaum. Solange diese Menschen ihm und seinen Zielen dienten, sollten sie doch machen, was sie wollten. Außerdem schien es, als würden diese großzügigen Freiheiten den Menschlein gefallen, denn das Heer des Drachen hatte nach wie vor reichlichen Zulauf.

„Als Drachenfreund hat man eine faire Chance“, hörte man es überall im Land munkeln. Doch in Wahrheit tat der Drache gar nichts für seine Menschlein – er ließ sie nur gewähren.


Ryngart war einer der Anführer unter den Drachenfreunden und er hatte mit dem Großteil seiner Gefolgsleute Kraag in Richtung Süden verlassen, um die Lage zu erkunden und das Land zu plündern. Das brachte die Position eines Kommandanten unter den Drachenfreunden so mit sich. Denn die Männer kämpften nur an seiner Seite, wenn er ihnen zu Gold und Nahrung verhelfen konnte. Darum musste er Beute machen, zumal sich seine Rotte inzwischen deutlich vergrößert hatte.

Nicht weit entfernt von den Toren der Stadt war Ryngarts Trupp dann auf Gandrikon gestoßen und dadurch änderten sich seine Pläne schlagartig. Seit dem Zeitpunkt, als Ryngart und Gandrikon getrennte Wege gegangen waren, war das Glück auf Ryngarts Seite gewesen und bald hieß es, er wäre ein Liebling der Schicksalsgöttin. Solch einen Ruf zu haben, war in Zeiten wie diesen nicht schlecht. Und nun schien es, als hätte ihn das Glück erneut angelächelt, denn er hatte Gandrikon, diesen jungen Burschen aus Ardeen, wiedergetroffen. Von Gandrikon erfuhr Ryngart wichtige Neuigkeiten aus dem Süden und diese Informationen sollten sofort dem Drachen zu Ohren kommen. Ryngart rechnete sich aus, dass ihn dies weiter in der Gunst des Drachen aufsteigen lassen würde und darum beschloss er, seinen kleinen Feldzug abzubrechen und erst einmal nach Kraag zurückzukehren. Warum Kopf und Kragen riskieren, wenn man seine Ziele auch anders erreichen konnte. Das war sein Motto. Ryngart war sicherlich kein Feigling. Aber er war jemand, der seine Schritte durchdachte und unnötige Risiken vermied. In jedem Kampf konnte man sterben und im Reich der Toten nützten einem Rang und Reichtum gar nichts mehr. Außerdem würde es noch genug Kämpfe geben, denn der Krieg hatte gerade erst begonnen.

Ganz offen hatte Gandrikon darüber berichtet, wie sich ihre Gruppe zerstritten hatte und was dann geschehen war. Ryngart hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Anschließend meinte er beschwichtigend: „Keine Sorge, ich bringe die Dinge wieder ins Lot.“

Er nahm seinen Helm ab und hängte ihn an den Sattelknauf, bevor er vom Pferd stieg. Gandrikons kleine Magierfrau stand ein Stück weit entfernt und blickte argwöhnisch zu ihnen herüber.

Mit ihren langen schwarzen Haaren und den strahlend blauen Augen war sie eine seltene Schönheit. Dem tat es auch keinen Abbruch, dass sie wütend war. Sie begegnete Ryngart mit unverhohlenem Misstrauen und er lächelte sie entwaffnend an. Ein hübsches kleines Biest und Feuer hat sie auch. Jetzt verstehe ich durchaus, warum sich Gandrikon damals für sie entschieden hat und nicht für uns. Und der Braten, den er ihr in die Röhre geschoben hat, macht ihr bereits einen mächtig dicken Bauch. Wird nicht mehr lange dauern.

„Schöne Maid, darf ich mich vorstellen? Ryngart ist mein Name.“ Sie schwieg und er deutete auf die menschlichen Statuen.

„Wäret Ihr so freundlich, diesen Bann wieder aufzuheben?“, fragte er höflich. Dennoch wurde deutlich, dass seine Worte mehr als eine freundliche Bitte waren. Rhyenna jedoch ignorierte seinen Wunsch und brauste auf:

„Den Teufel werde ich tun! Dieser primitive Abschaum hat mich bedroht und dafür haben sie erhalten, was sie verdienen.“

Ryngart kam einen Schritt näher heran und sofort trat Gandrikon zwischen ihn und Rhyenna. Einerseits um sie zu beschützen, aber andererseits auch, um die Lage zu entschärfen.

„Ryngart ist ein Freund, du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben.“

„Ich habe keine Angst!“, antwortete sie hitzig, doch das stimmte nicht. Sie verabscheute jene Männer, in deren Begleitung sie geritten waren. Besonders Lohar und seinen Helfer Kahlen. Durch den Paralysebann waren diese primitiven Männer nun bewegungsunfähig und Rhyenna dachte nicht im Mindesten daran, sie jetzt wieder aufzuwecken.

Gandrikon ergriff ihre Hand und sprach geduldig auf sie ein:

„Ryngart ist derjenige, mit dem ich fast gemeinsam gehängt worden wäre. Ich habe dir doch von ihm erzählt. Glaube mir, wir können ihm vertrauen.“

„In der Tat scheint mir Sir Ryngart vertrauenswürdiger als unsere vorherigen Reisebegleiter“, gab sie zerknirscht zu. Ryngart tat geschmeichelt und neigte leicht den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung. Ob wilde Stute oder Frau, mit beiden muss man es ruhig angehen lassen. Brav, meine Kleine.

„Nun, dann erlöst diese Männer, damit wir nach Kraag reiten können. Schließlich wollen sie sich der gerechten Sache anschließen und unser Heer kann jeden einzelnen Mann gebrauchen. Außerdem steht ihr jetzt unter meinem Schutz und welche Streitigkeiten ihr auch immer untereinander hattet, die werden hier jetzt nicht ausgetragen. Ich schlage vor, wir kehren erst einmal nach Kraag zurück. Dort werden wir sicherlich eine akzeptable Lösung für alle Beteiligten finden. Außerdem wäre der Drache sehr verstimmt, wenn er wegen solch einer Sache selbst hier herauskommen müsste.“ Dem Drachen wäre das hier gänzlich egal. Aber mir ist es das nicht. Ich will, dass diese Männer sich mir anschließen. Lohar kenne ich von früher, der passt gut in die Mannschaft, und die anderen nehme ich als Dreingabe.

Männer bedeuteten Macht und Ryngart wollte seinen Heerhaufen stets vergrößern. Fünf Anführer hatten die Stadt Kraag inzwischen unter sich aufgeteilt und er war einer von ihnen. Er kontrollierte das Tor und ein paar Straßenzüge um die alte Stadtwache herum. Ylisaer, der Schlächter, hatte sich mit dem Zentrum sowie Teilen der Marktstadt und des Handwerkerviertels den größten Bereich gesichert. Sein Hauptquartier war nun das Rathaus, weswegen er sich auch gern als Verwalter der Stadt bezeichnete.

Das Hafenareal war Olef Fischauges Reich. Olef war ein Kapitän und hatte schon früher den zweifelhaften Ruf genossen, ein Pirat und Schmuggler zu sein, auch wenn ihm nie etwas nachgewiesen werden konnte. Aber mit Sicherheit war er ein harter Mann und hatte die Gunst der Stunde genutzt, um sich eine gute Position zu sichern. Nun kontrollierte er den Zugang zur See und den konnte er, soweit es nach Ryngart ging, ruhig behalten. Das Meer hatte seine eigenen Gesetze und Ryngarts gieriger Blick schweifte ohnehin lieber in Richtung des Gildenviertels. Dort hatten die Händler und das reiche Bürgertum ihre Häuser gehabt. Selbst die Meretts unterhielten dort ein eigenes Handelskontor. Der Idiot Glydes jedoch hatte dieses Handelskontor geplündert und deren Betreiber aufgehängt. Ryngart hielt das für einen äußerst dummen Fehler, denn der Krieg würde nicht ewig dauern. Und was dann? Händler brachten stets den Reichtum in die Städte. Außerdem war es niemals gut, sich Leute wie die Meretts zum Feind zu machen. Diese Familie besaß unbeschreiblich viel Gold und hatte dadurch auch großen Einfluss auf die Geschicke der Welt.

Dann war da noch der restliche Teil des Handwerkerviertels. Dort hatten sich die kräftigen Männer aus den verschiedensten Gewerken zusammengeschlossen und Meister Norwyn, den Zimmermann, zu ihrem Sprecher erkoren. Die Handwerker Kraags bekannten sich zum Drachen und die anderen Anführer ließen sie daraufhin gleich aus mehreren Gründen in Ruhe. Die handfesten Kerle würden einen harten Kampf liefern, während man hier nur geringe Beute erwarten konnte. Auch brauchte man die Dienste der Handwerker und so blieb dieses Viertel von den Rivalitäten und den damit verbundenen Schlägereien und Scharmützeln weitestgehend verschont. Genauso wie das Armenviertel, in dem es sowieso nichts zu holen gab. Mit der Oberstadt hatte sich Wolfhart von Jarl den fettesten Brocken gesichert. Er war ein Söldner und seine hundertfünfzig Mann hatten Kraag eingenommen, womit er sich auch das beste Stadtviertel hatte aussuchen können. Er hätte sich damals leicht die ganze Stadt unter den Nagel reißen können. Aber diese Gelegenheit ließ er ungenutzt verstreichen und dann waren andere gekommen und hatten sich breitgemacht.

Die alte Stadtwache war vor noch nicht allzu langer Zeit noch im Besitz des einäugigen Krönne gewesen. Doch der verlor bei einem Scharmützel sein Leben und Bagelor, sein Nachfolger, war ein weitaus schwächerer Mann. Also hatte Ryngart ihn herausgefordert und, dank der Schicksalsgötter, den Sieg errungen. Er hatte das Schicksal herausgefordert und sein Leben in die Waagschale geworfen. Glück wie auch Können hatten ihm den Sieg beschert und er stieg zum Kommandanten auf. Den anderen Anführern Kraags hatte dies zunächst wenig geschmeckt, schließlich hatten sie selbst mit dem Gedanken gespielt, sich dieses Gebiet zu sichern.

Doch Ryngart war ein weitaus würdigerer Nachfolger für Krönne als der schwache Bagelor und die Männer der alten Stadtwache akzeptierten ihn. So herrschte zurzeit ein trügerischer Waffenstillstand und es galt stets auf der Hut zu sein. Aber jeder weitere Mann in Ryngarts Reihen stärkte seine Position und deswegen wollte er sie alle.




Inzwischen hatte Gandrikon Rhyenna dazu bewegen können, die Zauber doch noch aufzuheben. Kaum waren sie befreit, da reagierten Lohar und die anderen reichlich aufgebracht. Doch Ryngart unterband jegliche Diskussion auf der Stelle. Schnell trennte er die zerstrittenen Parteien und bestimmte, dass sie ihren Streit später in Kraag klären würden.

Unter Murren fügten sich schließlich alle Beteiligten und nun teilten sich Gandrikon und Rhyenna an der Spitze des Zuges ein Pferd, während sich Lohar und die anderen am Ende der Kolonne befanden.

Es dauerte nicht lange und die Stadt tauchte vor ihnen auf. Kraag war von einer hohen Mauer umgeben und der Zugang bestand aus zwei hintereinander angeordneten Toren. Der Gang dazwischen maß knapp zehn Schritte. Die Toranlage gehörte bereits zum Kasernengebäude und dort hinein gingen sie nun alle. Ryngart ließ Gandrikon und Rhyenna in ein Zimmer bringen und gab Anweisungen, sodass man ihnen erst einmal etwas zum Essen brachte. Mit Lohar und den anderen zog er sich jedoch gleich in einen anderen Raum zurück. Um seinen Worten aber das nötige Gewicht zu verleihen, hatte Ryngart einige seiner loyalen Männer um sich geschart, sodass er nun doppelt so viele Leute wie Lohar bei sich hatte. Unter ihnen war auch Umbert, der riesige Schmied, der selbst Lohar noch deutlich überragte. Meist langte es schon, wenn Umbert nur zugegen war, damit sich die Leute vernünftig verhielten.

„Ryngart, wir kennen uns schon von früher und ich finde es nicht in Ordnung, wie du dich dort draußen verhalten hast“, platzte Lohar heraus, doch der neue Herr der alten Stadtwache gab sich ahnungslos.

„Wie habe ich mich denn verhalten?“

„Schiebst mich einfach ab, da du diesen zwei Frettchen offensichtlich mehr glaubst als mir. Sie ist eine gefährliche Hexe und er ist ihr hörig. Das sieht doch jeder. Oder hat sie dich etwa auch schon verhext?“ Die umstehenden Männer murmelten zustimmend.

„Keine Sorge, ich bin durch Artefakte geschützt.“ Ryngart spreizte demonstrativ die Finger, an denen eine Vielzahl von Ringen steckte, dann gab er seiner Stimme einen recht belanglosen Tonfall:

„Außerdem interessiert mich euer kleiner Streit nicht. Erzählt mir lieber, was mit Wildehag passiert ist. Du warst doch mit seiner Truppe unterwegs und nun höre ich, dass er ins Gras gebissen hat.“

„Das Frettchen hat also geplaudert, und du glaubst ihm offensichtlich auch noch alle seine Lügen. Aber ich sage dir jetzt, wie es wirklich war. Der Trottel Wildehag ist in einen Hinterhalt gelaufen und war schneller tot, als er furzen konnte. Die anderen Luschen waren auch keine große Hilfe und schon stehe ich alleine mehreren Drachenfeinden gegenüber. Ich hatte sie schon fast besiegt, da taucht dieses Frettchen auf und mischt sich in den Kampf ein.“

„Er hat dir also geholfen“, unterbrach ihn Ryngart, doch Lohar ließ kein gutes Haar mehr an Gandrikon.

„Seine Hilfe hätte ich wahrlich nicht gebraucht. Ich wäre auch alleine mit diesen Dreckskerlen fertiggeworden.“ Dann kniff er die Augen zusammen und meinte misstrauisch: „Langsam erscheint mir sein plötzliches Eingreifen sowieso immer komischer. Er taucht genau in dem Moment des Kampfes auf, als dieser schon fast vorüber ist. Angeblich um mir zu helfen, dabei kann seine Magierhexe Gedanken manipulieren. Das hat sie nämlich später ständig gemacht. Warum also nicht auch schon während des Kampfes? Aber ich sage dir jetzt, weshalb nicht: Damit er sich bei mir einschmeicheln konnte und ich ihn dann mit nach Kraag nehme. Inzwischen denke ich, dass er ein verdammter Spion ist und wir ihn besser hängen sollten. Frag ihn doch, woher er kommt und wer er ist, anstatt einen anständigen Mann wie mich hier zu verhören.“

„Ich kenne Gandrikon ebenfalls, und er ist mit Sicherheit kein Spion.“

„Deine Meinung“, knurrte Lohar und ließ damit durchblicken, wie wenig er diese Ansicht teilte.

„Trotzdem, er hat mich und die anderen angegriffen. Darum werde ich ihn fordern und die Sache auf die gute alte Art und Weise regeln – nämlich mit der Klinge. Oder hast du was dagegen?“ Diese vor Spott triefenden Worte waren alles andere als eine Frage.

„Allerdings. Du wirst die Finger von ihm lassen, denn Gandrikon ist jetzt einer meiner Männer.“ Das stimmte so zwar nicht, doch in Ryngarts Planung spielten Gandrikon und Rhyenna eine größere Rolle als der doch recht einfach gestrickte Lohar. Der hatte sich inzwischen sowieso anders entschieden.

„Ach, so ist das. Ich hielt mal große Stücke auf dich, Ryngart, aber wie sich die Dinge nun entwickelt haben, werde ich mich wohl Ylisaer anschließen. Der glaubt mir sicherlich mehr als du, und wenn der Rote von diesem Spion hier erfährt, dann wird er ihn sofort mit seinem Drachenfeuer verbrennen.“ Dann drehte er sich zu seinen Männern um: „Ich bin hier fertig. Kommt, wir gehen.“ Lohar wartete nicht darauf, dass Ryngart noch etwas entgegnete, sondern ging zur Tür. Umbert sah Ryngart fragend an, doch der schüttelte kaum merklich den Kopf.

Lass sie gehen. Das bringt jetzt nichts mehr.

Als Lohar den Raum verlassen hatte, meinte Ryngart: „Ich gehe umgehend zum Drachen, bevor dieser Idiot die Dinge unnötig verkompliziert. Sieh zu, dass es meinen Gästen solange gut geht.“

Niemand ging gerne zum Drachen, denn Udrat der Rote war unberechenbar. Zumindest erschien dies den Menschen so, da sie Wesen und Art der Drachen nicht wirklich verstanden. Nach den Maßstäben der ersten Spezies jedoch war Udrat durchaus ein ganz normaler Vertreter seiner Rasse.

Auf dem Weg zur Festung ließ sich Ryngart noch einmal alles durch den Kopf gehen und zog seine eigenen Schlüsse. Gandrikon ist kein Spion, er kommt lediglich aus Ardeen, und dass er das nicht gleich jedem auf die Nase bindet, ist nur verständlich. Schließlich hat ihm damals beim Wirtshaus auch keiner geglaubt und er wäre fast gehängt worden. Und dann diese Rhyenna, die ist wirklich ein Hingucker. Lohar hat am Ende gar nicht mehr gegen sie gewettert, sondern schien nur mehr einen Hass auf Gandrikon zu haben. Ich wette, er hat sie angemacht und Gandrikon hat das nicht gefallen. Sowas führt schnell zu bösem Blut.

Auch Ryngart konnte nicht leugnen, dass Rhyenna ein tieferes Begehren in ihm weckte. Doch er würde seine Macht nicht unbedacht aufs Spiel setzen, denn die beiden waren ihm zu wichtig. Sie würden ihm die Gunst des Drachen einbringen, denn sie verfügte über Magie.




Nachdem Gandrikon und Rhyenna gegessen hatten, war Einar aufgetaucht. Er war einer aus Ryngarts ursprünglicher Gruppe und hatte Gandrikon immer gemocht. Umbert hatte ihm von den unerwarteten Besuchern erzählt und nun saß Einar mit den beiden Neuankömmlingen an einem einfachen Holztisch und sie tauschten Neuigkeiten aus. Das hieß, die Männer unterhielten sich angeregt, während Rhyenna schwieg und ziemlich eingeschnappt wirkte. Größtenteils hatte das damit zu tun, dass ihr nicht gut war. Doch sie fühlte sich auch ein wenig ausgegrenzt, während Gandrikon einige dieser Männer ziemlich gut zu kennen schien.

„Was ist mit Umbert und Ryngart? Warum gesellen sie sich nicht zu uns?“, fragte Gandrikon, während Einar sich Wein nachschenkte und dann auch Gandrikons leeren Becher füllte.

„Umbert ist hier jetzt die rechte Hand und hat gerade die Aufsicht. Dein Auftauchen hat einiges durcheinandergebracht. Heute Morgen ist Ryngart mit dem Großteil der Männer aus der Stadt geritten, um seinen Teil zu diesem Krieg beizutragen. Aber dann kommt er unerwartet schnell wieder zurück, und wenn ich das vorhin richtig mitbekommen habe, ist er jetzt gerade höchstpersönlich beim Drachen. In der Zwischenzeit beschäftigt Umbert die Leute – oder sie ihn. So genau kann ich das nicht sagen.“

„Und wie geht es jetzt weiter? Ich will mich den Drachenfreuden anschließen. Deswegen bin ich hergekommen.“ Gandrikons Augen funkelten sogar vor Erregung, was Rhyenna nicht entging. Sie biss sich auf die Unterlippe und dachte sich ihren Teil. Angeblich will er friedlich leben und doch kann er es gerade kaum erwarten, sich wieder als Söldner zu verdingen. Pha, Männer können nicht in Frieden leben, wenn ein Krieg in ihrer Nähe tobt. Jeder vernünftige Mensch würde wegrennen, doch sie fühlen sich von den Kämpfen angezogen wie Motten vom Licht. Doch auch sie hatte im Augenblick keinen besseren Vorschlag. Wenn sie hierbleiben wollten, dann musste sich Gandrikon zu den Drachenfreunden bekennen. Rhyenna warf Einar einen verstohlenen Blick zu. Ich wette, der ist nur hier, um uns zu beobachten. Sie lassen uns jetzt nicht mehr so einfach gehen ... Wenn Gandrikon das überhaupt will.

Einar wirkte ganz entspannt und schien Rhyennas Abneigung nicht zu bemerken.

„Nur mit der Ruhe. Ryngart kehrt sicherlich bald zurück. Dann wird er dir sagen, wie es weitergeht.“

„Hast du den Drachen schon mal aus der Nähe gesehen?“

„Ja, aber zum Glück nur zwei Mal. Ist ein furchterregendes Biest und er stinkt. Er redet angeblich mit den Menschen im Geist, doch ich habe ihn nie etwas sagen hören.“

Das heißt telepathieren, du Idiot. Auf einer der Platten lagen noch Reste des Mahls und Rhyenna begann wieder zu essen, obwohl sie eigentlich schon satt war. Sie tat es lediglich zur Beschäftigung, da sie keine Lust hatte, sich an dem Gespräch zu beteiligen.

Wenn ich jetzt was sage, dann endet das ganz schnell in einem Streit. Deswegen beschloss sie, ihre Aussprache mit Gandrikon auf später zu verschieben.


Eine Stunde mochte vergangen sein, da kehrte Ryngart zurück. Er setzte sich noch nicht einmal zu Gandrikon an den Tisch, sondern kam ohne Umschweife zur Sache:

„Ich habe eine Audienz bei Udrat erwirkt. Kommt mit, der Rote will euch sehen.“

Einar, der schon ein wenig angetrunken war, wippte auf seinem Stuhl zurück und spottete:

„Oho, mich wollte der Drache nie sehen.“

„Du hast auch nichts zu berichten“, fuhr ihn Ryngart ärgerlich an. „Gandrikon war im Feindesland und der Rote will die Informationen aus erster Hand hören. Also mach dich nützlich und sieh zu, dass gesattelte Pferde draußen bereitstehen.“

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374 стр. 7 иллюстраций
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9783941436497
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