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Shino Tenshi

Verhasst

Nur nicht liegen bleiben

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

"Verpiss dich!"

Ich wurde grob nach hinten geschubst, wo mein Rücken hart gegen das Metall der Spindtüren prallte, was mich kurz vor Schmerz aufkeuchen ließ.

"Dich will niemand hier haben, du Perverser!"

Man schlug einfach noch einmal zu. Aus Prinzip. Mitten in die Magengrube, wodurch sie sämtliche Luft aus meinen Lungen pressten und mich zusammenklappen ließen.

Ihre Schritte entfernten sich, als ich in die Knie ging und immer weiter hinunterrutschte. Ich spürte die Tränen in meinen Augen und das Zittern meines Körpers.

Man spuckte mich an, als man an mir vorbeiging und ich mich noch nicht erhoben hatte, wodurch ich ein Schluchzen nicht verkneifen konnte, bevor ich mich dann langsam erhob.

Der Schmerz grub sich weiter durch meinen Leib und verhinderte, dass ich meine Hand von meinem Bauch nehmen konnte, als ich nach meiner Schultasche griff und sie mir über die Schultern warf.

Sie waren alle weg. Wie jeden Tag war ich der Letzte, der ging, nachdem alle mir ihren Hass entgegen geschmissen hatten.

Meine Wange brannte und mein rechtes Auge war geschwollen und blau verfärbt, so wie viele andere Stellen an meinen Körper.

Wenn die Lehrer fragten, sagte ich, dass ich irgendwo dagegen gelaufen wäre. Sie glaubten mir schon lange nicht mehr, doch sie würden mich nicht schützen können. Niemand konnte das.

Ich würde es entweder selbst überleben oder unter ihrem Hass sterben. Das war mir damals klar gewesen.

Damals als ich mich geoutet hatte...

„Felix, was ist los? Du sagtest, dass du etwas mit mir besprechen wolltest.“ Seine blauen Augen sahen mich verwirrt an, wobei ich kurz seufzte und ihn darum bat einfach auf dem Bett Platz zu nehmen, während ich auf meinem Schreibtischstuhl saß.

„Robert, du bist mein bester Freund und ich bin der Meinung, dass du es wissen solltest.“ Ich hatte ihm so sehr vertraut und ich musste einfach mit jemanden darüber reden. Ja, ich dachte, dass Robert die richtige Person sein würde. Wir kannten uns schon so lange und hatten uns bisher alles erzählt.

„Jetzt mach es mal nicht so spannend. Wo drückt der Schuh?“ Er sah mich wieder mit diesem gewinnenden Lächeln an, wodurch ich mich noch sicherer fühlte. Es musste einfach so laufen. Perfekt.

„Gleich. Ich will dich nur darum bitten, dass mein gleich Gesagtes nichts zwischen uns ändern wird. Wir bleiben Freunde. Egal, was passiert, oder?“, verlangte ich dennoch noch einmal nach Sicherheit. Er war ein Kerl. Ich würde verstehen, wenn er mich danach hassen würde, trotzdem wünschte ich mir, dass dies nicht passierte.

„Klar, wie lange kennen wir uns nun schon? Zehn Jahre? Reicht das überhaupt?“ Er hörte gar nicht auf zu lächeln, wodurch ich mich davon anstecken ließ und ein wenig schüchtern den Blick senkte. „Ja, du hast Recht. Wir kennen uns schon so lange. Da gibt es kaum etwas, was die Beziehung zwischen uns zerstören könnte.“

„Also, rück schon raus, sonst platz ich noch vor Neugier.“ Sein Grinsen wurde breiter und ich fühlte mich dadurch sicher und geborgen, wodurch ich schließlich nickte. Es war okay. Er würde mich verstehen und es würde nichts zwischen uns ändern. So dachte ich es damals. Wie naiv ich doch gewesen war.

„Du weißt ja, dass ich noch keine Freundin hatte und es gibt auch einen Grund dafür.“ Ich hätte aufhören sollen, als ich gesehen hatte, wie sich Finsternis in seinen Augen ausbreitete, doch ich war in so einem Höhenflug, dass ich nicht mehr stoppen konnte: „Der ist auch ganz simpel und einfach. Ich mag einfach keine Frauen in meinem Bett. Robert, ich stehe auf Männer.“

Es trat Ekel in seinen Blick und ich schluckte trocken. Sämtliche Wärme und Zuneigung verschwanden aus seinen Augen, wobei ich die Worte schon bereute. Ich hätte das Thema anders angehen müssen. Viel anders.

„Du bist schwul?“ Seine Art, wie er das letzte Wort ausspuckte, ließ mich erschaudern, wobei ich erneut trocken schluckte und dann leicht nickte: „Ja.“

„Wie bist du da drauf gekommen? Hast du dich etwa in mich verliebt?“ Angst schwang bei der letzten Frage in seiner Stimme mit, wobei ich sofort beschwichtigend die Hände hob: „Nein, nein. Ich liebe dich nicht. Du bist mein bester Freund. Wir sind schon weit darüber hinaus. Aber wie ich es gemerkt habe? Nun ja, weil ich Männer einfach interessanter finde und ich mich auch schon ein paar Mal verliebt habe.“

„In wen?“ Diese Frage wollte ich gar nicht beantworten, wodurch ich nur den Kopf schüttelte und leicht abwinkte: „Nicht so wichtig. Sie haben mich nicht zurück geliebt und es ist schon eine geraume Weile her. Doch ich musste einfach mit irgendwem darüber sprechen und ich dachte, da wir so gute Freunde sind und ich niemanden mehr vertraue als dir, dass ich mich dir anvertrauen kann.“

„Ich wünschte, du hättest es nicht getan. Tut mir Leid, Felix. Ich muss gehen.“ Er erhob sich und verließ das Zimmer. Er umarmte mich nicht, wie sonst immer zum Abschied, sondern schenkte mir nur einen angewiderten Blick.

Als ich die Tür ins Schloss fallen hörte, wusste ich, dass ich ihn damit verloren hatte. Er konnte mit mir nicht mehr befreundet sein, weil ich Männer liebte.

Mein Körper zitterte. Ich hatte meinen besten Freund verloren. Wie sollte ich jemals mit jemanden darüber reden können, wenn nicht einmal er mich verstand und so nahm, wie ich nun einmal war? Meine Eltern würden mich auch verfluchen. Ich…

Ich hätte einfach schweigen sollen. Es weiter verstecken und in mir herumtragen. Warum verstand er mich nicht? Wieso machte es ihm so viel aus? Ich liebte ihn doch nicht. Nein, ich könnte ihn gar nicht mehr lieben. Er war mein bester Freund. Wir hatten so viel zusammen unternommen. Ja, wir hatten einfach die Schwelle schon längst überschritten, wo noch eine Beziehung hätte entstehen können. Er war einfach mein bester Freund gewesen.

Ja, er war es gewesen. Denn so wie er gegangen war, war ich jetzt zu einem hassenswerten Wesen geworden, das er nie wieder in seinem Leben sehen wollte.

Und ich spürte, wie die ersten Tränen über meine Wangen liefen…

„Verpiss dich, Schwuchtel!“, wurde ich begrüßt, als ich am nächsten Tag in meine Klasse trat. Kurz suchte mein Blick Robert und fand ihn auch. Er saß allerdings nicht mehr auf seinen gewohnten Platz, der neben mir gewesen wäre, sondern hatte sich zu einem anderen Jungen gesetzt, wodurch ich spürte, wie ein Dolch des Verrats in mein Herz gerammt wurde. Ich hätte nicht gedacht, dass er wirklich so etwas tun würde, doch ich hatte mich wohl geirrt.

Als ich zu meinen Platz gehen wollte, versuchte man mir ein Bein zu stellen, aber ich konnte mich an einem Tisch abfangen und so verhindern, dass ich fiel. Dennoch lachte die ganze Klasse über mich. Zumindest die männliche Partei. Die Mädchen hielten sich aus der Streiterei heraus, weshalb ich froh war, dass ich mich an dem Tisch einer Klassenkameradin festgehalten hatte, sonst wäre wahrscheinlich noch mehr passiert.

Man bewarf mich mit Stiften und Papierkugeln. „Hast du nicht gehört? Du sollst dich verpissen! Niemand will eine Schwuchtel wie dich hier haben!“

Es war mir egal, wer das rief. Ich wünschte mir, dass sie einfach nur damit aufhörten, doch es geschah nicht, denn selbst als ich an meinem Platz angekommen war, bewarf man mich weiter mit den unterschiedlichsten Sachen.

Ich wollte mich gerade schützend auf dem Tisch zusammenrollen, als man plötzlich an meinem Stuhl zog und so beinahe einen Sturz verursachte, doch ich konnte mich in letzter Sekunde noch festhalten.

Nichtsdestotrotz ging meine Sitzgelegenheit scheppernd zu Boden und als ich mich gerade bückte, um diese aufzuheben, griff man nach meinem Federmäppchen, um es hin und her zu werfen, bis es sein Ziel im Mülleimer gefunden hatte.

„Da gehörst du auch hin“, knurrte man mich an, als ich es mir zurückholte, wobei ich kurz seufzte. Ich hatte damit gerechnet, dass es schlimm werden würde, doch nicht mit so viel Hass.

Als ich wieder an meinem Platz ankam, betrat endlich der Lehrer den Raum, wobei er die Atmosphäre durchaus wahrzunehmen schien, jedoch begann er nach einem kurzen, skeptischen Blick kommentarlos mit seinem Unterricht.

Ich hätte es ihm sagen können, aber ich wollte nicht noch mehr Schwäche zeigen. Irgendwie würde ich das Ganze schon überleben. Sie würden sich ja hoffentlich irgendwann damit abfinden und selbst einsehen, wie sinnlos ihre ganze Hasstirade war.

Doch ich hatte mich geirrt. Erneut…

„Du kannst dich in den Duschen umziehen! Hier will dich keiner haben, perverses Schwein!“ Man nahm mir einfach meinen Sportbeutel weg und schmiss ihn in die besagten Duschen, wobei ich noch einmal den Blick von Robert suchte. Er wich mir aus und tat so, als würde er mich nicht mehr kennen.

Und das alles nur, weil ich schwul war. Ich wünschte mir langsam, dass es anders wäre, doch ich hatte es mir nicht ausgesucht. Mädchen waren für mich einfach uninteressant. Ich empfand es nicht als antörnend, wenn ich Busen sah oder die wohlgeformte Taille. Nein, ich mochte auch nicht diesen süßlichen Geruch, sondern liebte diesen herben, animalischen Moschusduft. Alles Dinge, die mir in den letzten Jahren aufgefallen waren.

Ich seufzte und begab mich zu den besagten Duschen, wobei ich mich dann ohne weitere Umschweife umzog. Ignorierte dabei das Gelächter aus dem anderen Raum. Irgendwie wollte ich einfach nur noch diese schreckliche Zeit hinter mich bringen. Aber es würde noch viel zu lange dauern.

Ob ich einfach die Schule wechseln sollte? Noch einmal von vorne anfangen und dann niemanden das Geheimnis sagen? Ach! Was spielte ich mir vor? Wir waren hier auf dem Land. Jeder kannte jeden und wahrscheinlich würden die Schüler der umliegenden Schulen auch bald herausfinden, wie es um mich stand, also war es auch egal.

Ich zog mir gerade mein T-Shirt über den Kopf als mich plötzlich eine gewaltige Ladung kaltes Wasser traf. Einpaar Sekunden verstrichen, in denen ich nur das spöttische Lachen der anderen wahrnahm, ehe ich begriff, dass jemand die Dusche aufgedreht hatte, unter der ich stand. Sofort drehte ich sie ab, dennoch war es zu spät und ich stand da wie ein begossener Pudel.

Mein weißes T-Shirt klebte an meiner Haut und zeigte deutlich die zierliche Brust darunter. Ich war dürr und man erkannte die Rippen, weil sich aufgrund der Kälte alles in mir zurückzog und ich zitternd da stand.

Verständnislos starrte ich meine Mitschüler an, wobei diese erneut nur laut auflachten und selbst Robert schmunzelte ein wenig. Wie ich ihn dafür hasste. Er könnte wenigstens einen Moment zu mir stehen. Mich nicht so alleine lassen. Aber nein, das ging nicht. Es wollte einfach nicht gehen.

Ich wrang mein T-Shirt aus und versuchte auch aus der Hose ein wenig des Wassers zu bekommen. Allerdings wollte dies alles nicht so recht funktionieren, während ich weiter fror und bereits schon wieder alleine war.

Schließlich erklang der Schulgong und ich wusste, dass ich in der Turnhalle erscheinen musste. Was würde der Lehrer dazu sagen? Und vor allem, was würde ich ihm sagen? Konnte ich meine Mitschüler verpetzen? Machte ich dadurch nicht alles nur noch schlimmer?

Ich seufzte und schritt dann in die besagte Turnhalle, wobei ich einfach hoffte, dass sie mich nun wenigstens den Sport einigermaßen heil überstehen ließen. Die Hoffnung starb ja bekannterweise zuletzt…

„Wieso bist du so nass?“ Die Stimme des Lehrers drang zu mir durch, wobei ich nur kurz mit den Schultern zuckte. „Ich bin aus Versehen an den Hebel der Dusche gekommen, als ich mich darunter umgezogen habe.“

„Wieso das?“ Die Skepsis in der Stimme des Erwachsenen nahm weiter zu, weshalb ich einen kurzen Moment überlegte. Mein Blick huschte dabei immer mal wieder zu meinen Mitschülern, doch ihre Haltung zeigte deutlich, was passieren würde, wenn ich jetzt die Wahrheit sagte, wodurch ich kurz trocken schluckte.

„Ich weiß nicht. Irgendwie ziehe ich mich lieber fern der anderen um“, log ich schließlich und wich dem Blick des Lehrers aus, wobei ich hörte, wie er schwer seufzte und ich spürte, dass ich mich getäuscht hatte. Er glaubte mir nicht, doch er schien auch zu sehen, dass ich nichts anderes von mir geben würde.

„Gut, so kannst du nicht mitmachen. Jetzt ist eh eure letzte Stunde. Zieh dich um und geh nach Hause, bevor du mir krank wirst.“ Seine Stimme war sanft und ich nickte nur. Sah in den Augen meiner Mitschüler, dass sie doch so viel mehr noch mit mir vorhatten. Tja, diese Chance hatten sie sich selbst genommen.

Als ich mich abwandte, konnte ich mir ein siegessicheres Lächeln nicht verkneifen. Schließlich hatte ich diese Schlacht doch noch gewonnen. Die Erste in einem langen Krieg. Und ich wusste noch nicht, wer als Gewinner hervorgehen würde.

Langsam betrat ich wieder die Umkleidekabine und holte mein Zeug. Es war egal, ob ich mich umzog oder nicht, denn auch meine anderen Klamotten waren pitschnass, weswegen ich sie einfach in meine Sporttasche stopfte und den Raum so verließ, wie ich gerade war.

Zuhause würde meine Mutter auf mich warten und sie würde sich bestimmt fragen, warum ich jetzt schon zurückkam. Ich musste mir eine gute Ausrede einfallen lassen.

Erneut seufzte ich. Eigentlich hatte ich es Robert gesagt, damit diese Welt aus Lügen endlich verschwand, doch jetzt musste ich weiter die Wahrheit vertuschen. Es wäre nicht unbedingt das Beste, wenn sich die Erwachsenen nun auch einmischten. Nein, wahrscheinlich würde das Alles die Situation nur noch schlimmer machen. Viel, viel schlimmer.

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen, als ich mein Fahrrad aufschloss und meine Taschen auf dem Gepäckträger befestigte, bevor ich es aus dem Keller schob und schließlich aufsaß.

Noch einmal sah ich auf das Schulgebäude zurück. Gestern war ich noch beliebt gewesen. Ich hatte mit ihnen gelacht und ihre Nähe genossen. Niemand hatte geahnt, dass ich so war, wie ich nun einmal war: Schwul.

Jetzt war alles anders. Ich hatte mich dem falschen Menschen anvertraut. Der Mensch, dem ich blind gefolgt wäre, hatte mich in diese Welt gestoßen. Er hatte meine Gutmütigkeit einfach ausgenutzt und so getan als wäre ich der Feind. Hat es allen erzählt, wie ich zu dem männlichen Geschlecht stand und vielleicht noch viel mehr.

Ich wollte gar nicht wissen, was er gesagt hat oder was sich die Jungs nun dachten. Es würde mich wahrscheinlich nur noch mehr verletzten. Morgen würde ich zurückkommen müssen. Es würde weitergehen. Ich wollte das Alles nicht, aber ich konnte auch nicht mehr lügen. Freiheit. Ich wollte einfach nur frei sein und mich nicht mehr verstecken müssen.

Die Sonne schien warm auf mich herab und begann meine Kleidung langsam zu trocknen, wodurch ich leicht lächelte und noch einmal zurücksah. Das Schulgebäude erhob sich wie ein riesiges Monster vor mir, das mich bedrohte und irgendwann verschlingen würde, es sei denn ich würde es selbst einmal erlegen.

Wer würde aus diesem Kampf als Gewinner hervorgehen?

„Ich bin Zuhause“, rief ich in die kleine Wohnung, wobei meine Mutter sofort zu mir trat und mich irritiert ansah. „Was ist passiert? Hast du kein Sport?“

„Ja, schon. Aber der Lehrer hat mich nach Hause geschickt, weil es mir nicht so gut ging. Ich habe einen Ball gegen den Kopf bekommen. Aber keine Sorge. Ich habe nur Kopfschmerzen und lege mich sofort hin.“ Mit diesen Worten ging ich einfach an ihr vorbei und missachtete ihren sorgenvollen Blick. Ich hatte genug eigene Gedanken, um die ich mich kümmern musste, da konnte ich mich nicht auch noch damit befassen.

In meinem Zimmer angekommen schloss ich die Tür hinter mir ab und ließ die Taschen einfach irgendwo liegen. Es war mir egal und so schlüpfte ich aus der immer noch leicht feuchten Kleidung, wobei ich auch diese achtlos zu Boden fallen ließ, bevor ich mich einfach auf mein Bett schmiss.

Jetzt erst erlaubte ich es mir zu weinen. Immer wieder spürte ich, wie sich mein Körper unter den Tränen verkrampfte und ich rollte mich immer enger zusammen. Versuchte so die Angriffsfläche zu verkleinern und einfach zu verschwinden. Sie sollten mich in Ruhe lassen. Ich hatte ihnen nichts getan und ich hatte auch nicht laut geschrien, dass ich schwul sein wollte.

Wer konnte schon bestimmen, wen er liebte? Welcher Mensch war in der Lage selbst festzulegen, ob er nur Männer oder nur Frauen toll fand? Niemand.

Ich umschlang mich selbst und versuchte mir so Halt zu geben, weil das Gefühl zu fallen immer stärker wurde. Immer wieder durchlebte ich in Gedanken die Szenen des heutigen Tages, hörte ihre Beschimpfungen, spürte die Stöße gegen meinen Körper und vernahm ihr Lachen, wenn sie mich bloß stellten.

Was hatte ich ihnen getan? Ich liebte keinen von ihnen. Niemand war attraktiv genug, dass ich auch nur eine Sekunde daran dachte, mit einem von ihnen ins Bett zu gehen. Sie waren alle nicht mein Typ. Warum sprachen sie mit mir nicht darüber? Ich könnte es ihnen erklären. Sie könnten mich vielleicht verstehen. Warum lachten sie mich lieber aus? Versuchten mich zu vertreiben?

Meine Hände krallten sich in das Laken unter mir, als die Tränen weiter den Stoff durchnässten, während immer mal wieder ein Wimmern über meine Lippen kam. Ich wollte nicht mehr lügen und mich verstecken. Vor niemanden mehr. Doch ich konnte es keinem sagen, wie sie mit mir umsprangen, weil es dann nur noch schlimmer würde. Warum half mir niemand? Sah es denn keiner? Tat ich niemandem Leid?

Ich fühlte mich so verlassen und schutzlos. Wie sollte ich mich dagegen wehren? Was konnte ich tun, damit sie endlich aufhörten? Ich hatte so viele Fragen und keine einzige Antwort. Es tat einfach nur weh, hier zu liegen und zu wissen, dass der morgige Tag genauso weitergehen würde. Doch ich musste in die Schule gehen. Es irgendwie ertragen. Schließlich waren es nur noch ein paar Jahre. Die konnten doch nicht so schlimm werden, oder?

Ein verzweifeltes Lachen kam über meine Lippen, wobei ich erneut spürte, wie sich mein Magen verkrampfte, wodurch ich mich noch einmal tiefer in das Laken unter mir verkroch. Sie würden mich leiden lassen. Immer mehr und irgendwann würden sie körperlich auf mich losgehen. Das wusste ich. Ich hatte es so oft gehört, gelesen und selbst gesehen gehabt. All das würde mir jetzt auch passieren. Ich hatte keine Chance. Sollte ich vielleicht doch mit jemanden darüber reden?

Erneut verkrampfte sich alles in mir und ich schüttelte den Kopf. Nein, das war keine Lösung. Es würde nichts bringen. Rein gar nichts. Wahrscheinlich würde dadurch nur alles schlimmer werden. Viel schlimmer, als es mir selbst lieb war.

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen und ich zwang mich zur Ruhe. Versuchte zu erzwingen, dass das Zittern in meinem Körper nachließ und die Tränen versiegten. Es dauerte eine Weile, in der ich mich bewusst auf das Atmen konzentrierte und mich so immer mehr beruhigte.

Ich musste durchhalten. Vielleicht sollte ich sie einfach nur ignorieren. Das wäre zumindest eine Idee, die man ausprobieren könnte…

Der nächste Tag kam und ich versuchte, meine Idee in die Tat umzusetzen. Erneut beschimpfte und bewarf man mich. Ich ignorierte es einfach, so gut es ging, und reagierte in keiner Weise auf irgendetwas von ihnen. Sah sie nicht einmal an und es hörte auf. Sie stoppten tatsächlich.

Ich konnte es gar nicht begreifen und mein Glück kaum fassen, wodurch ich dem Unterricht wieder mit einem kleinen Lächeln verfolgte. Vielleicht war dieser Terror nun vorbei. So hoffte ich es zumindest.

Doch auch dieses Mal sollte ich mich irren. Als die Glocke schließlich zur Pause schlug, ging ich auf den Schulhof und ließ mich in einer ruhigen Ecke nieder, wo der Schatten mich vor der Sonne schützte und ich auch nicht sofort jeden ins Auge fiel. Ich wollte einfach nur verschwinden und niemanden mehr zur Last fallen.

Gerade biss ich in mein Sandwich, als sich plötzlich vier Jungs vor mir aufbauten. Um eine Konfrontation zu vermeiden, unterdrückte ich den Impuls, den Kopf zu heben und sie anzusehen, denn ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. Warum ließen sie mich nicht in Frieden? Was erhofften sie sich davon? War meine Anwesenheit wirklich eine solche Pein für sie?

„Wie lange willst du uns noch ignorieren, Felix?“ Es war die Stimme von Robert gewesen, die diese Frage ausgesprochen hatte, was mich trocken schlucken ließ. Nein, es schien ihm nicht zu genügen, dass er mich verraten hatte. Anscheinend führte er diese ganze Bewegung auch noch an. Warum?

Doch ich reagierte nicht, sondern biss noch einmal von meinem Sandwich ab und hoffte, dass sie einfach verschwanden, wenn ich weiter schwieg und so tat, als wären sie nicht da. Warum wurde meine Hoffnung nicht erfüllt?

Man packte mich grob am Kragen und zog mich in die Höhe, wodurch ich in die Augen von Robert blickte. All die Freundlichkeit und Wärme, die ich in den ganzen Jahren unserer Freundschaft dort hatte sehen dürfen, waren verschwunden. Nun spiegelten sich darin nur noch bodenloser Ekel und Hass.

„Wieso?“ Ich konnte nicht mehr sagen und ich bekam auch keine wirkliche Antwort, sondern man schlug mir stattdessen nur das Sandwich aus der Hand und ich sah wie es im Dreck landete. Warum taten sie das? Weshalb tat Robert das Alles?

Bevor ich erneut etwas sagen konnte, schlug man mir hart in die Magengrube. Ich stöhnte auf, als der Schmerz durch meinen Körper raste und war kurz davor, dass ich mich übergab, jedoch konnte ich das noch in letzter Sekunde verhindern.

Immer wieder wurde mein Körper von neuen Schmerzen überrannt, als Robert einfach weiter auf mich einschlug. Dabei konzentrierte er sich vorzugsweise auf meinen Oberkörper, damit man die blauen Flecken nicht sofort sah, weshalb ich mich irgendwann nur noch schützend zusammen rollte.

Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern bis die Fäuste und Füße verschwanden und der Schmerz langsam abebben konnte. Nur am Rande nahm ich dabei die Schulglocke war, doch ich blieb einfach liegen und erneut liefen mir Tränen über die Wangen.

Alles tat mir weh und die Hilflosigkeit stürmte meine Gedanken. Warum kam niemand um mir zu helfen? Wieso ließen alle es einfach geschehen?

Erneut warf sich ein Schatten über mich, wodurch ich mich instinktiv noch mehr zusammenrollte aus Angst, dass man mich erneut schlagen könnte, jedoch drang stattdessen eine sanfte Stimme zu mir durch: „Brauchst du Hilfe?“

Unsicher öffnete ich die Augen und blickte in ein Paar Smaragde, die mich besorgt ansahen, was ich nicht verstand.

„Der Unterricht beginnt bald. Wir sollten gehen“, sprach er weiter, „kannst du aufstehen? Was ist denn passiert, dass du hier so liegst?“

Ich begriff nicht, warum dieser Junge vor mir stand. Sein braunes Haar fiel in einem Pferdeschwanz über seine Schultern, als er weiter die Hand nach mir ausgestreckt hielt und ich sie schließlich zögerlich ergriff.

„Nichts Besonderes. Ich bin wohl eingeschlafen“, versuchte ich erneut zu lügen, doch ich sah, dass er es mir nicht glaubte. „Dann schläfst du aber verdammt komisch.“ Er lächelte kurz und begann vorsichtig den Dreck von meiner Kleidung zu klopfen „Wir müssen uns echt beeilen, sonst kommen wir beide noch zu spät. Ich würde gerne mit dir ein wenig reden. Lust, dass wir uns in der nächsten Pause hier an diesem Ort treffen?“

Ich musste warm lächeln und nickte dann. „Gerne.“ Zwar kannte ich diesen Jungen nicht, doch er war freundlich zu mir und das tat verdammt gut, wobei ich mich dann schließlich vorstellte: „Mein Name ist Felix.“

„Ich heiße Alex“, nannte er ebenfalls seinen Namen und reichte mir dann noch kurz meine Tasche, „also bis zur nächsten Pause.“ Damit verschwand er auch schon wieder und ich lief ebenfalls zurück in meinen Klassenraum. Es tat gut, nicht mehr alleine zu sein und wer wusste, vielleicht würde die Anwesenheit von Alex mir auch ein wenig Frieden gewähren.

Als ich das Zimmer betrat, war der Lehrer schon da, wodurch ich unbehelligt auf meinen Platz gehen konnte. Jede Bewegung schmerzte, doch ich versuchte, mir so wenig wie möglich anmerken zu lassen.

Nur kurz ließ ich meinen Blick zu Robert wandern, doch dort sah ich etwas, was ich nicht erkennen wollte. Er hasste mich dafür, dass ich hier auftauchte und hatte damit wohl auch nicht gerechnet.

„Gut, dann sind wir ja vollzählig.“ Mit diesen Worten begann der Lehrer den Unterricht, wobei ich erneut die kleinen Schikanen ignorierte und mich weiter auf den Stoff konzentrierte. Die nächste Pause kam bestimmt und dann würde ich Alex wiedersehen.

Alleine bei dem Gedanken legte sich ein Lächeln auf meine Lippen. Es tat gut, wieder gemocht zu werden. Seine Sorge war echt gewesen und obwohl er mich nicht kannte, hatte er mir geholfen. So etwas kam so gut wie nie vor. Er hätte mich auch wie alle anderen ignorieren können. Doch er hatte es nicht getan.

Hoffentlich blieb er auch, wenn er über meine Sexualität erfuhr und das würde er wohl sehr schnell, wenn Robert und die anderen mitbekamen, dass wir zusammen rumhingen. Vielleicht gingen sie dann auch auf ihn los. Konnte ich das verantworten?

Zweifel stiegen in mir auf und ich wusste nicht, ob ich wirklich zu ihm gehen sollte. Ich konnte nicht einfach so in Kauf nehmen, dass jemand anderes wegen mir litt. Er war so nett und er hatte es nicht verdient, dass man ihm Unglück brachte.

Vielleicht sollte ich besser nicht zu ihm gehen und ihn meiden. Er hatte es nicht verdient, dass man ihn so behandelte, wie man momentan mit mir umsprang. Dafür war er viel zu nett.

Nein, ich konnte nicht zu ihm gehen. Ich durfte mich einfach nicht mit ihm treffen. Das würde ihn nur in die Sache mit hineinziehen und das konnte ich nicht zulassen. Es war mein Kampf. Meiner ganz alleine.

Ich seufzte und spürte, wie das Glücksgefühl wieder verschwand. Ich war alleine und würde es auch bleiben. „Verzeih mir, Alex, aber ich kann dich da nicht mit hineinziehen“, entschuldigte ich mich in Gedanken bei dem Jungen und hoffte, dass er es mir nicht allzu übel nahm. Doch das war mein Kampf und ich konnte nicht zulassen, dass Unbeteiligte mit hineingezogen wurden. Vor allem wenn sie eigentlich nur helfen wollten…

Die nächste Pause kam und ich erkannte, dass Alex wirklich am vereinbarten Ort auf mich wartete. Immer wieder sah er sah sich nach mir um, doch ich blieb im Verborgenen. Warum ging er nicht einfach? Doch er wartete weiter und plötzlich schritt Robert auf ihn zu. Er wusste, dass dies eigentlich mein Ort war, an dem ich die Pause verbrachte. Sie unterhielten sich und die Panik stieg in mir auf.

Ich wusste nicht, was mein ehemals bester Freund erzählte, aber ich konnte erkennen, dass Alex kurz verwundert war. Doch dann lachte Robert los und Hass stürmte Alex Gesicht. Schneller als ich schauen konnte, stürzte er sich auf Robert.

Nein, ich begriff nicht, was dort abging, allerdings konnte ich auch nicht mehr im Verborgenen bleiben. Sofort eilte ich zu den Beiden und zog Alex von Robert runter, wobei mich die anderen Jungs überrascht ansahen und sich mein ehemaliger Freund mit einem zornigen Blick aufrichtete.

„Was fällt dir ein? Hältst du etwa zu dieser Schwuchtel?“ Es war purer Hass, der aus der Stimme von Robert triefte und ich spürte erneut die Angst in meinem Körper, die mir Übelkeit bescherte, wodurch ich Alex schließlich losließ. Dieser baute sich sogleich vor mir auf und hielt mich somit dem Blick von Robert fern.

„Ja, das tue ich! Seit wann ist es ein Verbrechen, wen man liebt?! Ihr seid erbärmlich, wenn ihr andere deswegen niedermacht!“, schnaubte mein neuer Freund, wobei ich nicht wusste, warum er so handelte. Was versprach er sich davon? Wieso tat er das alles für mich?

Mein Blick glitt über den Pausenhof, doch die anderen Kinder und Jugendlichen sahen nur zu uns her. Manche verstohlen und andere offen und ehrlich, aber niemand kam zu uns. Sie alle wollten damit nichts zu tun haben. Feiglinge! Der Lehrer unterhielt sich mit einem von Roberts Leuten und schien nichts von der kurzen Schlägerei mitbekommen zu haben.

„Es ist einfach nur krank und widerlich! Wie kann man einen anderen Mann lieben?!“, begehrte Robert weiter auf, was mich kurz schlucken ließ, jedoch gab Alex nicht auf: „Indem man es nun einmal tut! Niemand kann sich aussuchen, wen er liebt oder warum! Es ist ein Armutszeugnis, wenn man das nicht begreift und andere deswegen angreift!“

„Halt dich da raus oder stehst du etwa auch auf Männer? Das ist eine Sache zwischen mir und Felix! Geh zur Seite!“ Er wollte Alex grob wegstoßen, doch dieser griff einfach nur nach dem Arm und drehte diesen auf den Rücken, wodurch Robert schmerzhaft aufschrie und in die Knie ging.

„Felix wird in Ruhe gelassen! Haben wir uns da verstanden? Und es ist egal, auf wen oder was ich stehe! Ich sehe es nur nicht ein, dass andere deswegen niedergemacht werden. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?!“ Die Stimme von Alex war hart und unnahbar. Ich wusste nicht, warum er das für mich tat, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas Großes dahinter stand.

Robert gab auf und wurde sogleich losgelassen. Noch einmal trafen sich unsere Blicke und ich spürte, dass es noch lange nicht vorbei war, weshalb ein Zittern durch meinen Körper ging. Er entfernte sich und Alex wandte sich zu mir, wobei ein Lächeln auf seinen Lippen lag: „Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich dachte schon, dass du wieder irgendwo zusammengeschlagen liegst.“

„Es tut mir Leid. Ich… ich wollte dich da nicht mit hineinziehen“, entschuldigte ich mich und wusste nicht, was ich nun tun sollte. Ich war mit dieser Situation gänzlich überfordert, als ich dann sein Lachen hörte: „Das ist ja süß. Tja, leider habe ich mich wohl selbst in die Sache hineingezogen. Also brauchst du dich jetzt nicht mehr von mir fernhalten.“

Wie gerne hätte ich diese Worte geglaubt, doch ich kannte Robert. Er gab nicht so schnell auf. Jetzt war er alleine, doch er hatte fast die ganze Klasse hinter sich und gegen die hatte Alex keine Chance, wodurch ich bedrückt meinen Kopf hängen ließ.

„Was ist los?“ Ich hörte erneut die Sorge in seiner Stimme, was mich kurz seufzen ließ. „Ich weiß es nicht. Aber irgendwie glaube ich, dass dies nur der Anfang war.“ Ich wünschte mir, dass es nun endlich vorbei war, doch irgendwie konnte ich es einfach nicht glauben. „Ich mache mir Sorgen, dass du nun auch von ihnen angegriffen wirst. Einer gegen einen ist ja noch in Ordnung, aber wenn es dann plötzlich mehr werden, hast du auch keine Chance mehr.“

„Kann schon sein. Aber ich will nicht wegsehen, denn das lässt Menschen sterben.“ Ich hörte die Trauer in seiner Stimme, doch ich traute mich nicht nachzufragen. Schließlich kannten wir uns noch nicht lange und irgendwie wollte ich nur endlich wieder akzeptiert werden, einen Freund haben. Konnte Alex das für mich werden?

„Danke.“ Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen, das von dem Braunschopf erwiderte wurde, bevor er mir dann deutete, auf einer Bank Platz zu nehmen, wo wir uns noch ein wenig unterhalten konnten, bevor der Gong das Ende der Pause bekannt gab und sich unsere Weg erneut trennten…

Es tat gut endlich einmal wieder mit jemanden normal zu reden, wodurch ich mit einem leichten Lächeln nach der Pause zurück ins Klassenzimmer ging. Ich spürte wie die stechenden Blicke auf mir ruhten und mein Lächeln erlosch. Hier war ich der Feind und alle waren gegen mich.

Dennoch taten sie nichts und ließen mich auf meinen Platz gehen. Doch kaum saß ich, kamen Robert und zwei weitere Jungen auf mich zu und bauten sich vor mir auf. Ich fühlte mich klein und hilflos, wodurch ich fast automatisch tiefer in dem Stuhl versank.

„Du fühlst dich stark. Jetzt da du einen Freund hast. Aber er wird mit dir untergehen. Ich hoffe, dass du das verkraften kannst. All das Leid, was diesem Kerl jetzt widerfährt, ist deine Schuld, Felix. Deine ganz alleine.“ Ich spürte erneut, wie mein Körper leicht unter den Worten zitterte, doch ich krallte mich nur an dem Saum meiner Ärmel fest und versuchte den Blick meines ehemaligen besten Freundes stand zu halten. Doch es ging nicht, weshalb ich bald mein Haupt demütig senkte.

„Ich… ich… er wollte das selbst. Ich habe ihn nicht darum gebeten und er hat keine Angst vor euch“, begehrte ich leicht auf und Robert lachte nur finster, als sein Blick sich in meinen fraß und ich nur trocken schlucken konnte: „Noch nicht. Aber glaub mir, Felix, er wird sie noch bekommen und dann stehst du wieder ganz alleine auf weiter Flur.“

Er schlug demonstrativ vor mir auf den Tisch, was mich zusammenzucken ließ, bevor er sich mit einem dunklen Lachen von mir entfernte. Seine Freunde folgten ihm und ich spürte erneut die Verzweiflung in meinem Herzen, die mir Tränen in die Augen trieb.

Ich durfte hier nicht weinen. Nein, das durfte ich nicht. Es würde sie nur bestätigen und sie würden noch mehr auf mir herumhacken. Ich musste stark sein und durchhalten. Nur noch eineinhalb Stunden. Das würde doch gehen, oder?

Ich schluckte hart und atmete tief ein und aus, wodurch die Tränen langsam wieder verschwanden und ich diese Katastrophe gerade noch einmal abwenden hatte können. Aber was tat ich nun? Alex wollte sich nicht raushalten und ich wollte ihn auch nicht von mir stoßen. Ich brauchte jemanden, der mir durch diese Zeit half. Sonst tat es doch niemand. Allen anderen war ich nur egal.

Ich musste leicht grinsen, als ich an das Lächeln von Alex dachte. Er begegnete mir ohne Vorurteil und verteidigte mich sogar. Ihm war egal, wen oder was ich liebte. Es tat so gut, wenn man mich mal nicht als Monster bezeichnete. So verdammt gut.

Als der Lehrer ins Zimmer kam, lauschte ich seinem Unterricht nur mit halbem Ohr und versuchte, immer noch irgendeinen Weg zu finden, Alex zu beschützen. Allein der Gedanke war eigentlich lächerlich. Ich konnte mich ja nicht einmal selbst verteidigen, wie sollte ich dann überhaupt noch einen Zweiten in Schutz nehmen.

Vielleicht sollte ich noch einmal mit ihm reden. Nein, das war auch nicht möglich. Alex würde nicht weichen. Ich hatte seinen Ernst gesehen. Er würde mich nicht im Stich lassen, egal, wie sehr ich ihn darum bitten würde.

Der einzige Weg wäre, ihn von mir zu stoßen. Doch das konnte ich nicht. Das war für mich keine Lösung, denn dafür genoss ich die Gesellschaft von ihm viel zu sehr. Ich wollte nicht mehr alleine sein.

Ein tonloser Seufzer entwich meiner Kehle, als der Schlussgong erklang und ich meine Sachen zusammenpackte. Jeder Kerl, der an meinem Platz vorbeiging, schmiss irgendetwas von meinen Sachen runter, sodass ich mich bücken musste und erst als Letzter das Zimmer verließ. Der Lehrer bekam es jedoch nicht mit, weil er selbst mit Packen beschäftigt war und ich hatte nicht vor zu petzen.

Schließlich war alles in meiner Tasche verstaut und ich konnte sie schultern, bevor ich dann das Zimmer verließ und nach Hause gehen wollte, doch als ich den Schulhof überquerte, wurde ich erneut umzingelt.

Robert sah mich wieder eiskalt an und ich konnte sein Verhalten immer noch nicht verstehen. Wie war es für ihn so einfach, mich zu hassen? Schließlich waren wir Sandkastenfreunde gewesen. Wir hatten unseren ersten Schmetterling zusammen gefangen, Sandburgen gebaut und Mädchen geärgert. So oft gelacht und einander immer wieder getröstet. Wie konnte er das alles nur vergessen und mich so stark verachten? Ich begriff es nicht...

„Na, wo ist dein Wachhund jetzt?“ Der Spott in seiner Stimme tat mir weh, doch ich zuckte nur mit den Schultern: „Keine Ahnung. Vielleicht schon auf den Weg nach Hause.“

Er stieß mir grob gegen den Brustkorb, was mich kurz nach hinten taumeln ließ. Direkt in die Arme eines anderen Kerls, der mich gnadenlos festhielt. Und bevor ich verstand, was für ein Spiel das jetzt wieder wurde, spürte ich einen steinernen Schmerz in meiner Magengrube. Ich wollte mich zusammenkrümmen, doch der Junge hinter mir ließ mich nicht, wodurch Robert immer wieder zuschlug.

Die anderen feuerten ihn an und ich spürte neben dem Schmerz wieder diese Verzweiflung in mir. Warum taten sie das? Was versprachen sie sich davon? Welches Ziel verfolgten sie?

Dieses Mal beschränkte sich Robert aber nicht nur auf meinen Oberkörper, sondern schlug mir auch ins Gesicht. Ich wusste nicht mehr, woher der Schmerz genau kam und wo man mich traf, doch irgendwann ließ man mich los. Irgendwie glaubte ich auch, dass man mich anspuckte, doch das war mir egal, als ich endlich in mich zusammenfallen konnte und sie mit einem schadenfrohen Lachen davongingen.

Ich begriff es nicht und durch diese Hoffnungslosigkeit spürte ich erneut die Tränen auf meiner Wange. Nein, ich durfte nicht weinen. Ich wollte nicht weinen. Warum hörten sie nicht auf zu fließen? Sie sollten verschwinden. Dadurch würde alles nur schlimmer werden.

Plötzlich berührte man mich sanft an der Schulter, wodurch ich zusammenzuckte und mich auf einen weiteren Schlag gefasst machte, doch er kam nicht. Stattdessen hörte ich die besorgte Stimme von Alex: „Felix? Ist alles in Ordnung? Es tut mir Leid, dass ich zu spät komme.“

Ich konnte ihm nicht böse sein. Es ging einfach nicht. Schließlich hatte er ein eigenes Leben und selbst Unterricht, den er besuchen musste. Er konnte nicht immer bei mir sein, wodurch ich ihm antworten wollte, doch aus meiner Kehle drang nur ein leises Schluchzen.

„Komm, lass uns gehen.“ Er half mir aufzustehen, wobei mir fast sofort schlecht wurde und ich mich übergeben musste. Das Blut darin ignorierte ich, denn so wie es schmeckte, kam es aus meinem Mund. Bestimmt fehlte mir irgendein Zahn. Oh ja, da schwamm er auch.

„Du musst es jemanden sagen“, drang seine Stimme zu mir durch, wodurch ich nur den Kopf schüttelte: „Nein, das würde nichts bringen. Niemand kann mich beschützen. Solange ich hier bin, werden sie es tun und nicht damit aufhören.“

„Dann zeig sie an“, drängte er weiter und ich sah ihn geschockt an. Das konnte ich doch nicht tun. Sie waren meine Klassenkameraden und wahrscheinlich meinten sie es auch gar nicht so. Eigentlich waren sie doch nur mit der Situation überfordert. Sie wollten mir nicht wirklich schaden und bestimmt nicht meinen Tod. Irgendwann würde es schon aufhören.

„Nein, das kann ich nicht tun. Sie sind meine Klassenkameraden.“ Energisch schüttelte ich den Kopf, aber Alex sah mich nur besorgt an: „Sie schlagen dich zusammen, bespucken und hassen dich. Willst du wirklich darauf warten, dass dir einer von ihnen ein Messer in den Leib rammt und du daran verreckst?“

Ich verstand die Ekstase in der Stimme von Alex nicht, doch ein unangenehmer Schauer glitt bei seinen Worten über meinen Rücken. Würden sie wirklich so weit gehen? Wäre Robert dazu in der Lage? Ich wusste es nicht, denn es schien für mich, als würde ich ihn nicht mehr kennen.

„Ich kann nicht“, meinte ich leise und wandte mich dann ab, um in Richtung Heimat zu gehen. Ich spürte, wie Alex hinter mir blieb und mich einfach nur ansah. Hoffentlich verstand er es. Aber es ging einfach nicht. Sie waren meine Klassenkameraden. Ich hatte so oft mit ihnen gelacht und gespaßt. So viele Erinnerungen mit ihnen. Sie mussten sich einfach nur an meine Sexualität gewöhnen, lernen damit umzugehen und dann würde alles wieder wie früher. Bestimmt…

„Oh Gott, Felix! Was ist passiert?!“ Meine Mutter war sofort bei mir, als sie meine Verfassung sah. Sie berührte meine Wange und ich zuckte zurück, weil ein gleißender Schmerz durch meinen Körper raste. „Nichts Schlimmes.“

„Nichts Schlimmes?! Bist du des Wahnsinns? Hast du schon einmal in den Spiegel geschaut? Schatz, du siehst furchtbar aus. Wer hat dir das angetan?“ Ihre Stimme war voller Sorge und ich versuchte zu verstehen, warum sie so mit mir redete, doch ich lächelte nur kurz, bevor ich dann mit den Schultern zuckte. „Irgendwelche Fremden. Ich weiß nicht, was ich ihnen getan habe.“

Ich musste lügen. Immer wieder lügen. Solange hatte ich schon mit einer Lüge gelebt. Jetzt sah sie nur anders aus. Früher hatte ich so getan, als würden mich Mädchen interessieren. Jetzt tat ich so, als würden es nicht meine Klassenkameraden und mein bester Freund sein, die versuchten mich zu zerstören.

„Das… das kann doch nicht sein. Dir ist doch früher nie etwas passiert. Was hat Robert denn gemacht? Hat es ihn auch erwischt?“ Ein Dolch raste in mein Herz, als sie mich auf meinen ehemals besten Freund ansprach, doch ich schluckte nur trocken und versuchte mich zu beruhigen. Sie wusste ja noch nicht, dass diese Beziehung beendet war.

„Nein, er war nicht dabei gewesen.“ Es tat weh, zu lügen und falsch zu lächeln. Doch ich konnte es nicht verhindern. Es musste sein, um noch Schlimmeres zu verhindern. Was würde meine Familie tun, wenn sie wusste, wie ich empfand und warum man mir das antat? Sie würden mich bestimmt auch verachten.

„Komm mit in die Küche. Wir kühlen deine Prellungen.“ Sie führte mich in den besagten Raum und ich nahm am Esstisch Platz, wobei ich ihr dabei zusah, wie sie eine Kältekompresse in ein Handtuch wickelte und zu mir kam.

Ich zog scharf die Luft ein, als sie erneut einen kurzen Schmerz entfachte, bevor die lindernde Wirkung einsetzte und ich mich langsam wieder entspannte.

„Du siehst furchtbar aus. Gibt es vielleicht irgendwelche Zeugen?“, durchbrach sie schließlich die Stille, doch ich schüttelte nur den Kopf. Ich wusste nicht, ob es neben Alex noch jemand gesehen hatte, aber es war auch egal. Ich wollte meine Klassenkameraden nicht anzeigen.

„Ich habe zumindest keine gesehen“, meinte ich ruhig und die Sorge in den Augen meiner Mutter wuchs noch einmal, weshalb ich versuchte zu lächeln. Doch ich spürte, dass es nicht funktionierte und ich glaubte, mittlerweile Tränen bei ihr zu sehen.

„Wir müssen Anzeige erstatten, Felix. Und wenn auch nur gegen Unbekannt. Vielleicht hat ja doch jemand etwas gesehen“, sprach sie wieder das Thema an, das ich nicht wollte, woraufhin ich den Kopf schüttelte: „Nein, das bringt doch nichts. Du weißt doch, wie die Menschen sind. In solchen Momenten hat niemand etwas gesehen. Das ist reine Zeitverschwendung.“

Ich bemerkte, dass es ihr nicht gefiel, doch sie gab schließlich nach: „Wenn du meinst. Pass bitte besser auf dich auf. Du bist mein einziger Sohn und ich will dich nicht verlieren.“

Ihr einziger Sohn… ihr schwuler Sohn…

Ob sie mich noch so liebevoll behandelte, wenn ich ihr sagte, wie ich mich fühlte und was wirklich geschehen war? Wenn ich ihr sagte, was für Menschen ich liebte und attraktiv fand? Könnte sie mich dann noch lieben oder hasste sie mich dann auch?

Im nächsten Moment ging die Wohnungstür auf und mein Vater meldete sich zurück: „Hallo, Schatz. Ich bin heute ein wenig früher weg, weil die Arbeit nicht genug war.“

Er trat in die Küche und sah mich überrascht an, bevor er dann auch zu mir eilte. „Felix?! Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?“

„Irgendwelche Fremden. Ich weiß es nicht“, log ich weiter und er sah mich noch einmal an, bevor er dann breit grinste: „Aber du hast hoffentlich auch ein wenig zurückgeschlagen. Bist ja schließlich keine schwächliche Tunte, oder?“

Die Bezeichnung tat weh und ich zwang mich zu einem Nicken durch. Ja, vielleicht würde es meine Mutter verstehen, doch für Vater wäre ich gestorben. Er hasste Menschen wie mich und war der Meinung, dass dies keine richtigen Männer wären sondern alles nur Waschlappen. Ich musste lügen. Weiter lügen.

„Oh, du hast einen Zahn verloren. Ich hoffe, dass dein Gegner auch nicht mehr alle hat, oder?“ Er wirkte stolz auf mich. Als wäre man nur ein richtiger Mann, wenn man sich geprügelt hatte und ich nickte erneut. Ich konnte nicht sprechen, denn die Verzweiflung schnürte mir meine Kehle zu.

Niemand würde mich akzeptieren, so wie ich war. Nur Alex. Ja, nur für Alex war ich immer noch ein normaler Junge. Aber für alle anderen musste ich entweder lügen oder das Monster sein, dass sie hassten und vernichten wollten…

Der nächste Tag kam. Die Torturen gingen weiter. Immer wieder wurde ich gehänselt, geschubst, geschlagen und bespuckt. Ab und an stellte man mir ein Bein, doch ab den zweiten Mal konnte ich mich jedes Mal wieder selbst fangen und einen Sturz verhindern.

Ich ignorierte es so gut es ging. Den Schmerz in meinem Körper und auf meiner Seele. Vermied den Kontakt zu Alex, damit er nicht auch noch in diese Situation mit hineingezogen wurde. Wich ihm immer wieder aus, wenn er mich sah und auf mich zu gerannt kam. Nein, ich könnte nicht verantworten, wenn er ebenfalls Schläge bekam, weil er in meiner Nähe war. Da musste ich alleine durch.

Es ging meistens gut. Langsam bekam ich ein Gefühl dafür, wann sie kamen, um mir zu schaden und konnte ihnen gekonnt ausweichen. Kapselte mich von Mal zu Mal mehr ab. Wurde immer stiller und in mich gekehrt. Die besorgten Blicke meiner Eltern ignorierte ich, genauso wie die Hartnäckigkeit von Alex.

Es vergingen Wochen und ich nahm langsam an Gewicht ab, weil ich keine Ruhe fand, um zu essen oder mir schlichtweg der Appetit fehlte und die Blicke wurden besorgter. Doch sie schienen nicht zu wissen, wie sie es ansprechen sollten. Auf die Frage „wie es mir geht“, bekamen sie nur die Standartantwort „gut“.

Nach und nach hörte auch Alex auf, zu mir kommen zu wollen und ich verkroch mich immer mehr in den dunklen Ecken des Schulgebäudes, um dort meine Ruhe zu haben. Hin und wieder weinte ich stumm für mich alleine. Ich wusste nicht, wie mein Leben weitergehen sollte und wünschte mir, dass ich irgendwo anders sein könnte. Dass ich den Tag noch einmal erleben könnte und alles zurücknehmen. Ich wollte wieder in der Lüge leben, dass ich Mädchen liebte. Mein Outing war ein riesiger Fehler gewesen.

„Felix?“ Ich saß am Esstisch und stocherte eher lustlos in meiner Mahlzeit herum, die irgendwann vor meiner Sezierung mal ein Schnitzel mit Pommes gewesen sein musste, als mich meine Mutter besorgt ansprach.

Nur träge hob ich den Kopf und sah sie an. Die Sorge in ihren Augen war allgegenwärtig, wodurch ich sie schon gar nicht mehr richtig wahrnahm und wartete darauf dass sie weitersprach.

„Wir haben einen Termin für dich ausgemacht und wir möchten, dass du ihn wahrnimmst“, redete sie weiter und schien auf irgendeine Reaktion von meiner Seite zu hoffen, doch ich blieb regungslos.

Ich fühlte nichts dabei, als sie mir das sagte, wobei ich meinen Blick wieder auf mein zerlegtes Essen gleiten ließ: „Wann und wo?“

„Diesen Freitagnachmittag gleich nach der Schule und zwar bei dem Psychologen Dr. Kreuz“, erklärte sie weiter und ich zuckte zusammen. Sie schickten mich zum Psychologen?! Hatten sie nicht mehr alle? Was sollte mir dieser Seelenklempner schon bringen? Er würde nur herumstochern und noch mehr kaputt machen! Hatten sie nicht mehr alle Tassen im Schrank?

„Warum?“ Meine Stimme war nur ein Krächzen und erneut tauschten sie besorgte Blicke aus, bevor dann mein Vater zu sprechen begann: „Weil wir dir nicht mehr glauben, dass mit dir alles in Ordnung ist und wir wollen nicht, dass du an irgendetwas zerbricht, dass du in dich hineinfrisst. Du willst nicht mit uns reden, also hoffen wir, dass du bei einem Psychologen, der zum Schweigen verpflichtet ist, vielleicht offener wirst.“

Ich verstand ihre Sorge und ich wünschte mir auch, dass ich anders handeln könnte. Doch mit wem sollte ich reden? Alle verachteten mich oder ich wollte sie nicht in Schwierigkeiten bringen.

Die aktuelle Situation hatte mich einfach zum Schweigen verdammt. Ich kam nicht mehr vor und zurück und daran würde auch ein Psychologe nichts ändern, dennoch nickte ich und seufzte resigniert: „Okay, wenn es euch dann besser geht, werde ich ihn besuchen. Versprecht euch aber nicht zu viel davon.“

„Danke, Schatz.“ Meine Mutter wirkte glücklich und es tat weh. War sie so leicht zufrieden zu stellen oder gar zu beruhigen? Warum sah sie es nicht, dass ich innerlich vor Schmerzen schrie? Könnte sie mich nicht einfach in den Arm nehmen und sagen, dass sie mich liebte?

Ich spürte erneut, wie Tränen in meinen Augen brannten, wodurch ich die Gabel niederlegte und mich erhob. „Ich hab keinen Hunger mehr.“

„Aber du hast gar nichts gegessen“, protestierte meine Mutter, doch ich ignorierte es und ging einfach in mein Zimmer zurück, das ich auch sogleich abschloss. Dort ließ ich mich auf mein Bett fallen, um erneut zu weinen.

Sie sahen es alle nicht. Wagten sich nicht an mich heran und sie nahmen mich nicht mehr in den Arm. Keiner mochte mich mehr. Ich fühlte mich alleine und verloren. Die Tatsache, dass man mich nun zu einem Psychologen schickte, machte es nicht gerade leichter für mich.

Was sollte ich diesem Kerl denn sagen? Würde er meine Situation überhaupt verstehen? Was tat ich, wenn er mich dann plötzlich auch hasste?

All diese Fragen rasten durch meinen Kopf und ich wünschte mir, dass ich nicht gehen musste. Ich wollte einfach nur stumm leiden und die Schule irgendwie überleben. Warum verstanden sie das nicht? Es war mein Leben. Mein verfluchtes Leben.

Und nichts würde es wieder kitten können. Auch kein Besuch bei so einem bescheuerten Psychiater.

Warum sahen sie das nicht? Diese Situation war da und sie würde erst verschwinden, wenn ich die Schule beendet hatte. Danach würde ich weit wegziehen. Irgendwohin, wo man mich nicht kannte und dort ein Leben beginnen, in dem man mich wieder lieben könnte.

Bis dahin musste ich nur überleben. Nur irgendwie überleben…

„Hallo, Felix. Setz dich doch bitte.“ Ich betrat den Beratungsraum des Psychiaters und sah ihn kurz unsicher an. Er war gerade einmal knapp über dreißig, hatte braunes, kurzes Haar, das neckisch immer mal wieder in sein Gesicht fiel. Seine blauen Augen sahen mich sanft und verständnisvoll an.

Als ich ihm meine Hand zur Begrüßung gereicht hatte, war der Druck sanft und stark zu gleich gewesen. Er schien ein netter, junger Mann zu sein. Aber er war halt ein Mann und Männer hassten Menschen wie mich.

Unsicher nahm ich schließlich auf der Couch Platz, wobei sich Dr. Kreuz auf einen Sessel in meiner Nähe setzte, um so zu verhindern, dass ich allzu laut sprechen musste. Ich fühlte mich nicht wohl. Er würde mir nicht helfen können. Das wusste ich jetzt schon.

„Deine Eltern haben den Termin ausgemacht. Ist er überhaupt in deinem Interesse?“ Der Anfang des Gespräches überraschte mich doch sehr, wobei ich kurz unsicher lächelte: „Nicht unbedingt. Aber wenn ich sie damit beruhigen kann, dann werde ich es wohl tun.“

„Okay, dann bezweifle ich, dass es irgendetwas gibt, worüber du eigentlich sprechen möchtest, oder?“, fragte er ruhig nach. Seine Stimme war sanft und erweckte in einem das starke Gefühl, geborgen zu sein, wodurch ich mich konzentrieren musste, um dieser Illusion nicht zu verfallen.

„Ich weiß es nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus, der mich glauben ließ, dass er bis tief in meine Seele sehen konnte und das wollte ich nicht. Niemand sollte in meine Seele sehen können. Dort unten gab es nichts zu entdecken außer Schund und Müll. Zerbrochene Scherben meines früheren Ichs.

„Felix.“ Seine Stimme blieb sanft und ich schrak hoch, wodurch ich wieder in seinen Augen versank. So ein wunderschöner Mann.

„Etwas bedrückt dich. Das riecht man zehn Meter gegen den Wind. Ich kann verstehen, wenn du darüber noch nicht sprechen kannst, weil du vor irgendetwas Angst hast. Aber ich will auch, dass du verstehst, dass ich nicht hier bin, um dich zu verurteilen oder dir deine Fehler aufzuzeigen. Ich bin hier, damit du jemanden hast mit dem du reden kannst. Und vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung für das Problem, das deine Augen so traurig macht.“ Auf seine Worte hin musste ich trocken schlucken und wünschte mir, dass er es anders gesagt hätte.

Meine Hände krallten sich ohne mein Zutun in meine Hose und ich wünschte mir, dass es einen anderen Weg gäbe. Doch ich sah keinen. Nun war ich hier. Für zwei Stunden und musste mich mit dem Mann unterhalten, wenn ich nicht wollte, dass meine Eltern ihr Geld ganz umsonst ausgaben.

„Alle hassen mich“, kam es leise über meine Lippen. Ich wünschte mir, dass er es nicht verstanden hätte, doch mein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn er antwortete sofort: „Alle? Deine Eltern wirkten nicht so.“

„Sie wissen es ja nicht. Darum hassen sie mich noch nicht. Aber sie würden es tun, wenn sie die Wahrheit wüssten.“ Ich spürte, wie ich mich mit jedem Wort, das über meine Lippen kam, freier zu fühlen begann.

„Was ist denn die Wahrheit?“, fragte Dr. Kreuz ruhig nach und ich schluckte trocken. Konnte ich es ihm sagen? Er war ein Mann. Bestimmt würde er mich dann auch hassen und mich sofort aus dem Zimmer jagen.

„Das ist nicht wichtig. Sie alle hassen mich. Schlagen auf mich ein und werfen mir Steine in den Weg. Ich will nur noch weg. Einfach so weit weg wie möglich. Aber es geht nicht. Noch nicht. Ich muss nur aushalten. Nur solange bis ich mit der Schule fertig bin. Dann kann ich wegziehen“, sprach ich meine Gedanken weiter aus, wobei mich der Arzt skeptisch ansah. „Du willst also davonlaufen?“

„Ja, es ist am einfachsten“, stimmte ich ihm zu, wobei er erneut eine Augenbraue hob, bevor er dann schwer seufzte: „Wie viele Jahre hast du auf dieser Schule noch vor dir?“

„Mit diesem Jahr sind es vier“, antwortete ich auch auf diese Frage, wobei er erneut seufzte und den Kopf schüttelte, bevor er etwas auf seinem Blatt Papier notierte und mich dann wieder ansah. „Vier Jahre sind eine lange Zeit. Viel Zeit um die Kraft endgültig zu verlieren und sich selbst das Leben zu nehmen.“

„Nein, das habe ich nicht vor“, widersprach ich sofort, wobei er mich nur traurig anlächelte: „Einen Keks für jeden Patienten, der mir das gesagt hatte und es dann doch tat. Ich bräuchte nichts mehr zum Essen kaufen.“

Ich verstand diese Aussage nicht ganz. Schließlich hatte ich nur einmal solche Gedanken gehabt. Aber ich würde es niemals tun. Denn solange ich lebte, konnte es doch immer noch irgendwann besser werden.

„Warum hassen sie dich? Es muss ja wirklich etwas sehr Gravierendes sein, wenn sie dich so fertig machen. Kannst du es nicht ändern?“, fragte er ruhig weiter nach und ich schluckte erneut trocken, bevor ich dann nur den Kopf schüttelte: „Nein.“

„Wieso nicht?“ Konnte er sich keinen Reim darauf machen oder wollte er die Wahrheit nicht wissen, so wie Robert damals?

„Weil ich es mir nicht aussuchen kann. Es geht einfach nicht. Würde es, hätte ich es schon längst getan.“ Ich wollte mich nicht erneut outen. Die Erinnerungen an das letzte Mal waren noch allzu präsent. Es schmerzte, wenn ich daran zurückdachte, wie Robert auf mein Geständnis reagiert hatte.

„Hat es etwas mit deiner Sexualität zu tun?“, fragte der Therapeut ruhig weiter nach, wodurch ich ihn überrascht ansah und er wartete gar nicht auf eine Antwort: „Anscheinend hab ich Recht. Du bist also schwul. Und daran ist was schlimm? Ich habe mehr als genug Patienten, denen es genauso ergeht wie dir. Es ist mir egal, wer wen liebt. Sie alle sind wunderbare Menschen und durchlebten denselben Schmerz, der dich im Moment ereilt. Aber ich kann dir helfen. Wenn du mich lässt.“

Mein Herz machte einen Sprung. Ich war nicht mehr alleine. Endlich half mir ein Erwachsener und neben Alex der Zweite, der meine Sexualität nicht als schlimm empfand. Es nahm mir eine ungemeine Last von den Schultern und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen.

Vielleicht war es doch nicht so schlimm, dass ich schwul war…

2. Kapitel

Ich wagte kaum, daran zu denken, doch irgendwie hatte das Gespräch richtig gut getan. Es war wunderschön zu spüren, dass man doch geachtet wurde, weshalb ich mit einem leichten Gefühl in der Brust nach Hause gehen konnte.

Irgendwie freute ich mich sogar auf die nächste Sitzung. Dr. Kreuz hatte mir sogar versichert, dass es in meinem Fall die Krankenkasse übernahm, worüber ich mehr als nur froh war. So konnte ich mir sicher sein, dass durch meine Besuche bei ihm, meine Eltern nicht finanziell belastet wurden.

„Hallo, Felix.“ Die Stimme ließ einen eisigen Schauer über meinen Rücken gleiten, als ich mich schon umdrehte und in das Gesicht von Robert sah. Er war der Letzte, den ich jetzt sehen wollte und dennoch stand er vor mir. Wenigstens war er alleine.

„Hallo.“ Meine Stimme war sehr leise und ich war mir nicht einmal sicher, ob ich das Wort wirklich ausgesprochen hatte, wobei ich zurückwich, als sich Robert mir näherte, was ihn kehlig auflachen ließ.

„Du hast aber ganz schön Angst vor mir. Was treibst du hier?“ Ich sah den Spott in seinen Augen und wünschte mir, dass er einfach verschwinden würde. Einfach nicht hier vor mir stehen würde. Doch er wollte nicht weggehen, wodurch ich trocken schluckte und dann belanglos mit den Schultern zuckte: „Hatte hier einen Termin.“

Robert sah sich kurz suchend um, doch er schien keinen Anhaltspunkt zu finden, wo man hier einen Termin haben könnte, sodass er mich wieder skeptisch musterte: „So? Wo denn?“

„Das geht dich nichts an. Lass mich einfach nur in Ruhe“, begehrte ich auf und wandte mich ab, um dann davon zu gehen. Es war mir egal, was er tat. Ich wollte nur weg von ihm und so möglichen Schmerzen entkommen.

Doch er ließ mich nicht, denn im nächsten Moment spürte ich seine starke Hand auf meiner Schulter, die mich verkrampfen ließ, wobei ich seinen Atem über mein Ohr streifen fühlte. „Wir sind doch Freunde, Felix. Willst du wirklich, dass ich einfach so verschwinde und dich in Ruhe lasse? Dann wärst du doch ganz alleine.“

Alleine sein war besser, als dauernd geschlagen und gedemütigt zu werden, wodurch ich sicher nickte: „Wir sind keine Freunde mehr. Du hast mir die Freundschaft gekündigt und selbst wenn, auf einen Freund wie dich kann ich ganz gut verzichten.“

Woher nahm ich nur die Stärke, um ihm plötzlich zu widersprechen? War es das Gespräch oder einfach die Tatsache, dass er mir alleine gegenüberstand und ich somit zumindest den Hauch einer Chance gegen ihn hatte.

„Oh ha, da hat aber jemand ganz schön an Mut gewonnen. Egal wo du warst, das hat dir anscheinend sehr gut getan.“ Er musterte mich skeptisch und ich wich wieder einen Schritt zurück. Ich wollte nicht, dass er mir zu nah kam.

Dieses Zurückweichen ließ Robert erneut auflachen, wobei er mir erneut an die Schulter fasste und ich mich instinktiv verkrampfte. Er sollte einfach verschwinden.

Geh weg! Geh endlich weg! Du bist der Grund, warum es mir so schrecklich geht. Verschwinde einfach!

„Ist doch egal. Du hast dein Spiel lange genug gespielt. Lass mich einfach in Ruhe. Ich habe dir nie etwas getan“, protestierte ich sofort und erneut umspielte seine Lippen nur ein ekelhaftes Lächeln: „So? Hast du das wirklich nicht? Denk noch einmal genau darüber nach, Felix. So unschuldig, wie du gerne tust, bist du nämlich nicht.“

Er tätschelte noch einmal meine Schulter und ging dann einfach davon. Ich konnte es gar nicht glauben, dass ich wirklich in Ruhe gelassen wurde. Das war ja der Wahnsinn. Was war nur in Robert gefahren? Hatte er vielleicht auch eine Therapie gehabt?

Ungläubig sah ich ihm hinter und wandte meinen Blick erst ab, als er in der Masse verschwunden war. Warum musste er mich jetzt hassen? Wir hatten so vieles zusammen erlebt. So vieles durchgemacht. War ihm das Alles gar nichts mehr wert? Aber was meinte er damit, dass ich nicht unschuldig war?

Ich verstand das Verhalten von Robert nicht. Er hatte nicht versucht mich niederzumachen. Hatte mich nicht angespuckt oder irgendwas anderes. Er war fast beängstigend normal gewesen. Ich möchte nicht freundlich sagen, denn das wäre zu viel gesagt, aber er war auch nicht brutal. Er war neutral und das machte mir mehr Angst als irgendein anderes Verhalten.

Was war geschehen? Was genau hatte ich nicht mitbekommen? Ich wollte es verstehen, doch ich wusste, dass ich Robert danach nicht fragen konnte. Wer wusste, wann wir wieder so miteinander reden konnten, ohne dass er mir eine Faust in den Magen rammte?

Ich seufzte und fuhr mir durchs Haar, bevor ich mich dann einfach weiter auf den Weg nach Hause machte. Dieses Rätsel würde sich irgendwann auch noch lösen. Doch im Moment hatte ich zu wenig Puzzleteile, um irgendwas bewerkstelligen zu können, wodurch ich das Gespräch in eine dunkle Ecke meines Gedächtnisses schob und lieber wieder an die aufbauende Unterhaltung mit dem Therapeuten zurückdachte. Irgendwann würde es sich schon wieder einrenken. Irgendwann…

Ich ließ meine Tür zufallen und war froh, dass meine Eltern irgendwo waren nur nicht Zuhause, denn auf die Fragen, wie es war und wie es mir jetzt ging, hatte ich gerade wirklich keine große Lust. Wenn ich ehrlich war, dann wusste ich im Moment nicht einmal die Antworten darauf.

Ging es mir wirklich gut? War das Gespräch hilfreich gewesen? Im Moment fühlte sich das Alles so an, doch ich wusste nicht wirklich, ob es auch noch in zwei Stunden so sein würde. Zumal wenn ich an das Treffen mit Robert zurückdachte, dann schien es mir irgendwie nichtig zu sein.

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen, als ich an seine letzten Worte dachte. Woran sollte ich schuld sein? Ich hatte nichts gemacht. Nur ihm erzählt, wie ich wirklich empfand. Was war daran ein Fehler?

Kurz nahm ich mein Handy in die Hand und drehte es ein wenig in den Fingern. Sollte ich ihm eine Nachricht schreiben? Ich hatte seine Nummer noch, denn auch wenn er grausam zu mir war, so konnte ich sie noch nicht löschen. Irgendwie tat ich mir generell schwer, Kontaktdaten von anderen Menschen zu löschen. Vielleicht wollte man später ja noch einmal mit ihnen darüber reden.

Erneut musste ich seufzen und strich mir durchs Haar. Warum musste mein Leben nur so kompliziert sein? Wieso konnte ich nicht einfach glücklich werden? Warum ließ man mich nicht in Frieden leben?

Ich steckte das Telefon weg und stand auf, um an meinen Rechner zu gehen. Mein Therapeut hatte mir eine Internetadresse gegeben, wo ich Gleichgesinnte treffen würde. Er war der Meinung, dass es mir durchaus helfen könnte, wenn ich mit Leuten reden würde, die das Selbe wie ich durchmachten. Vielleicht konnte ich daraus noch einmal zusätzliche Kraft schöpfen.

Als der Rechner fertig hochgefahren war, nahm ich Platz und öffnete den Internetbrowser. Schnell war die Adresse eingetippt und ich verschaffte mir einen kurzen Überblick. Das Design wirkte gemütlich mit seinen sanften Pastellfarben und vermittelte mir das Gefühl hier geborgen zu sein.

Es gab einige Bereiche und viele User, wie ich sehen konnte. Im Moment waren sogar ein paar online, wodurch ich allen Mut zusammen nahm und mich anmeldete. Was konnte ich schon verlieren? Niemand musste meine wahre Identität erfahren, wenn ich es nicht wollte. Vielleicht gab es mir wirklich Kraft, mit Gleichgesinnten zu sprechen.

Schnell war ein Nick gefunden: Aijo. Ich lud als Avatar ein Bild von einer Gestalt hoch, die in einer Ecke kauerte, weil dies gerade meine Gefühlswelt am besten beschrieb. Ich fühlte mich verlassen und weinte stumm für mich in dunklen Ecken. Das war mein Leben und ich wünschte mir, dass es anders wäre.

„Hallo zusammen, ich bin Aijo. Fünfzehn Jahre alt“, was sollte ich noch schreiben? Ich wusste gar nicht, was ich wirklich von mir preisgeben wollte, wodurch ich mich einfach dazu entschloss die anderen Beiträge zu lesen. Sie alle schrieben ihr Alter und ihren Namen, warum sie hier waren und was sie sich von der Seite erhofften. Alle ungefähr gleich. Sie wurden fertig gemacht, weil sie anders waren und hofften sich Freunde zu finden, die ihnen Kraft gaben.

Meine Gedanken schweiften zu Alex. Er wäre ein solcher Freund, wenn ich es zugelassen hätte. Und ich spürte, wie sehr mir meine Ablehnung Leid tat. Vielleicht sollte ich doch noch einmal mit ihm reden. Mich mit ihm treffen. Er hatte mir beistehen wollen, obwohl er gewusst hatte, was man mir antat und was ihn treffen könnte.

Ein sanftes Lächeln umspielte meine Lippen, als ich an ihn dachte, wie er mir aufgeholfen und mit mir gesprochen hatte. Wie ich gesehen hatte, dass er auf mich gewartet und mich verteidigt hatte. Das Alles hat er getan, obwohl er gewusst hatte, was mit mir los war. Sie hatten es ihm gesagt und es war ihm egal gewesen.

Ja, vielleicht war er ein Mensch, der mir helfen konnte, die letzten vier Jahre zu überleben. Ich musste ihm nur die Gelegenheit dazu geben und das würde ich. Morgen würde ich zu ihm gehen. Hoffentlich wollte er noch etwas mit mir zu tun haben.

Mit diesem Entschluss wandte ich mich noch einmal zu meinem Anfangsbeitrag, um ihn weiterzuschreiben: „und schwul. Ich habe mich vor einiger Zeit bei meinem besten Freund geoutet und seitdem macht er mich fertig, verprügelt mich und schikaniert mich, wo es nur geht. Immer wieder versucht er mich fertig zu machen. Meine Eltern haben mich zu einem Therapeuten geschickt und dieser hat mir die Adresse von diesem Forum gegeben. Ich hoffe mir durch meine Mitgliedschaft Halt und Kraft zu finden, um mein Leben irgendwie zu überstehen. Mit freundlichen Grüßen Aijo.“

Ich schickte ihn ab und musste lächeln. So schwer war es ja nicht gewesen. Niemand kannte mich und würde auf mich zurückkommen. Ich konnte mir dort Rat holen, ohne jemals zu zeigen, wer ich wirklich war. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob dieses Forum mir wirklich Kraft geben konnte. Denn es waren alles Fremde. Sie würden mir Mut zusprechen und mir vielleicht zuhören. Doch sie konnten die Prügel nicht stoppen und mich nicht halten, wenn ich am Verzweifeln war.

Sofort unterbrach ich meine negativen Gedanken und schüttelte meinen Kopf, bevor ich mich dann ein wenig weiter in dem Forum umsah. Jeder hatte einen Thread eröffnet, wo er über seine aktuelle Situation berichtete und man eine kurze Rückmeldung geben konnte, wie es einem gerade erging.

So einen besaß nun auch ich und ich wollte noch gar nicht nachlesen, wie es den anderen ging. Wollte nicht sehen, was mir noch alles passieren könnte, wenn die Meute erst einmal richtig Blut geleckt hatte.

Doch ein Thread fiel mir fast augenblicklich ins Auge: „RIP, wir konnten es nicht verhindern.“ Sofort bildete sich ein Kloß in meiner Kehle, den ich nicht herunterschlucken konnte, egal, wie sehr ich es versuchte. Dennoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und klickte darauf. Es waren so viele Beiträge und ich scrollte entlang.

So viele Bilder. So viele Gedenkschreiben, die mir die Tränen in die Augen trieben. Sie alle hofften, dass derjenige oder diejenige jetzt Frieden hatte und glücklich wäre und dass sie sie niemals vergessen würde. Manche von denjenigen, die ihr Bedauern aussprachen, tauchten später selbst als Tote auf.

So viele starben. Nahmen sich selbst das Leben oder wurden umgebracht. Ein eisiger Schauer glitt über meinen Rücken und ich entschloss mich aufzuhören. Ich wollte nicht weitergehen und weiterlesen. Schließlich kannte ich sie doch gar nicht und dennoch gingen mir ihre Schicksale nahe. Ich könnte auch irgendwann dort stehen.

Auch wenn ich nicht vorhatte, mich selbst umzubringen, so konnte ich mir nicht sicher sein, dass man mich nicht doch irgendwann aus Hass töten würde. Alex selbst hatte so etwas auch schon angedeutet. Hatte er dies schon einmal erlebt? Irgendwann einmal?

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich etwas anderes zu tun, wodurch ich wahllos durch das Internet surfte. Dennoch konnte ich nicht verhindern, dass meine Gedanken immer wieder zu diesem Abschiedsthread zurückkehrten. Sie waren alle so jung und sie waren alle in irgendeiner Weise auch wie ich…

„Alex?“ Meine Stimme war leise, als ich zögerlich meine Hand nach ihm ausstreckte. Er sprach mit unbekannten Gestalten und schien nicht auf mich zu reagieren. Ich wünschte mir, dass er mich ansah. Noch einmal ein Lächeln schenkte.

„Alex?“ Ich wollte ihn berühren, doch er verschwand, als meine Finger durch seinen Körper glitten. Was passierte hier?

„Du bist widerlich“, hörte ich die Stimme von Robert, „warum hast du mir das gesagt? Hättest du nicht einfach weiter schweigen können? Ich hasse dich!“

Immer wieder drehte ich mich um die eigene Achse, doch alles um mich herum war schwarz. Ich wünschte mir, dass ich ihn sehen und um Verzeihung bitten konnte. Auch wenn ich nicht wusste, was ich ihm eigentlich getan hatte. Was wollte er von mir hören? Ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Oh Gott, wenn ich das könnte, hätte ich es doch schon längst getan.

„Perversling! Du bist so ein Egoist!“, hörte ich weiter seine Anschuldigungen, ohne ihn zu sehen. Wo war er? Warum zeigte er sich nicht? Und wovon sprach er?

„Ich… ich liebe doch niemanden von euch. Ihr seid nicht mein Typ. Glaubt mir doch, ich will nichts von euch“, begehrte ich auf, doch ich hörte nur das höhnische Lachen. Es wurde lauter und kam von überall her.

Warum ließen sie mich nicht in Ruhe? Was hatte ich nur getan? Ich will das nicht mehr. Verdammt ich will es nicht!

„Hört auf!“, schrie ich in die Dunkelheit und hoffte, dass sie mich endlich in Frieden ließen. Ihr Lachen verstummte. Warum wollten sie mich ärgern? Was war ihr wahres Ziel?

„Du hast mit deinem Outing mein Leben zerstört.“ Erneut war dort Robert und jetzt trat er aus der Dunkelheit auf mich zu. Er blieb vor mir stehen und sah mich mit einer Kälte in den Augen an, dass ich mich am Liebsten in irgendein Loch verkrochen hätte.

„Das… das stimmt doch nicht“, begehrte ich auf, wenngleich ich es kaum wagte, ihn anzusehen. Ich wollte diesen Hass nicht visuell aufnehmen. Es reichte schon, dass ich ihn hörte. Bitte, bitte, lass mich gehen.

„Was macht dich da so sicher?“ Seine Stimme war so eiskalt. Ich hasste ihn für das. Nein, das konnte ich nicht. Er war mein bester Freund gewesen. Wir hatten so viel Spaß zusammen. So oft haben wir gelacht. Wieso warf er das weg? Warum?

„Weil ich dir niemals schaden wollte“, erklärte ich mich und schluckte schwer, „du bist mein bester Freund, Robert. Ich… ich sehne mich danach, dass wir wieder zusammen sitzen und einfach über alles reden.“

„Das ist vorbei!“ Roberts Stimme war schneidend und sie ließ mich unbewusst zusammen zucken. Warum war er so grausam zu mir? Ich… ich hatte doch gar nichts getan.

„Warum?“ Die Worte kamen zittrig über meine Lippen und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, wobei ich es wagte zu ihm hochzusehen. Warum konnte er so grausam sein, obwohl wir beste Freunde gewesen waren? Wieso sah er mich so kalt an? Das war einfach nicht fair.

„Weil du es kaputt gemacht hast“, sprach er ruhig weiter und erneut spürte ich, wie ich zitterte, während ich verzweifelt meine Hände ineinander krallte. Ich konnte seine Worte nicht verstehen. Schließlich hatte ich mit jemanden darüber reden müssen, weil ich sonst das Gefühl gehabt hätte, dass ich irgendwann platzen würde.

„Das… das wollte ich nicht“, widersprach ich erneut und ich wünschte mir, dass meine Stimme nur ein bisschen fester wäre, doch dies war leider nicht der Fall. Sie zitterte und flatterte wie eine Kerze im Wind. Wieso konnte ich nicht einfach mehr Selbstbewusstsein haben?

„Dennoch hast du es getan.“ Wie konnte er so kalt zu mir sein? Hatte er die gemeinsame Zeit denn wirklich schon vergessen? War sie ihm gar nichts mehr wert?

Ich sah ihn an. Mit großen Augen und einem Flehen im Blick, dass dies alles endlich aufhören möge. Wir konnten doch immer noch Freunde sein. Einfach nur Freunde sein. Ich wollte doch nicht mehr. Nur die Zeit zurück, als wir gemeinsam Karten gespielt oder zusammen die Mädchen geärgert haben.

„Das wollte ich nicht. Sag mir, wie kann ich es wieder gut machen?“ Ich würde alles tun. Alles, damit er mich nicht mehr hasste und dieser Albtraum endlich aufhörte. Es sollte einfach nur enden. Ich hatte das Gefühl, dass ich es sonst nicht überstehen würde.

Ein paar Atemzüge vergingen und im nächsten Moment trat er näher an mich heran. Er griff nach meiner Hand und drückte etwas Kaltes in sie hinein, legte meine Finger darum und gab mir nur einen kurzen Befehl: „Töte dich.“

Ich starrte an die Decke. Sie war weiß. Immer noch. So rein und unschuldig. Ich hasste sie, weil sie so war und sie mir auch nicht dabei half, den Traum zu vergessen. Das Gefühl der Klinge in meiner Hand und der Klang des Befehls in meinem Ohr verschwanden einfach nicht.

Ich war mitten in der Nacht aufgewacht und jetzt ging die Sonne langsam auf. Ich konnte nicht schlafen. Wollte nicht mehr, weil ich Angst hatte, dass der Traum weitergehen könnte. Dachte Robert wirklich so? War das sein Wunsch? Wollte er, dass ich starb?

Ich seufzte und schüttelte den Kopf. Nein, ich sollte nicht so darüber denken. Niemals hatte ich wirklich sein Leben zerstört. Das redete er sich nur ein. Sonst nichts.

Erschöpft fuhr ich mir durchs Gesicht, wobei mein Blick zu meinem Handy glitt und ich das kleine Gerät in die Hand nahm, bevor ich dann doch eine Nachricht schrieb:

Hallo, Robert. Mir geht unser gestriges Treffen nicht mehr aus dem Kopf und ich wollte dich fragen, was du damit meinst, dass ich dein Leben zerstört hätte. Bitte, antworte mir. Felix

Noch einmal überlegte ich kurz, bevor ich dann auf Senden drückte. Wahrscheinlich würde ich nur eine Hassantwort zurückbekommen, doch es war mir egal. Ich wollte, dass er wusste, dass es mir nicht egal war, wenn es ihm schlecht ging.

Klar, ich sollte mich freuen. Schließlich versuchte er doch selbst, mein Leben zu zerstören. Aber das war lächerlich. Dadurch wäre ich keinen Deut besser als er. Und ich wollte nicht so sein wie er. Hier ging es um Ehre und sonst nichts anderes.

Es war zu früh, um auf irgendeine Antwort zu hoffen, wodurch ich mich einfach dazu entschloss duschen zu gehen. Heute war Wochenende, wodurch ich nicht einmal in die Schule musste und meine Eltern wohl auch noch schliefen.

Kurz überlegte ich, ob es eine gute Idee war, jetzt zu duschen. Ich hatte Angst, dass ich sie damit aufwecken könnte, doch dann zuckte ich nur mit den Schultern. Das ging ja ganz schnell. Sie würden es wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen.

Mit diesen Gedanken huschte ich über den Flur und schließlich unter die Dusche. Alles war gut, wenn ich hier in meinem Zuhause war. Einfach nur perfekt. Niemand hasste mich. Aber auch kannte mich niemand.

Ich seufzte schwer. Wie gerne würde ich es meinen Eltern erzählen. Ihnen einfach die Wahrheit über alles sagen. Dass man mich auf Grund meiner Sexualität in der Schule fertig machte und Robert der Drahtzieher war. Wie gerne würde ich ihnen sagen, dass ich Männer liebte.

Doch ich wusste, dass ich dann keinen Ort mehr hätte, an dem ich nicht beschimpft und geschlagen wurde. Vater würde es niemals akzeptieren. Er würde mich verstoßen und verachten. So wie es alle anderen Männer taten. Alle außer Alex und der Therapeut.

Erneut musste ich an ihn denken, wie er sich für mich eingesetzt hatte. Er für mich da gewesen war und mir eine Stütze sein hatte wollen. Warum hatte ich ihn nur von mir gestoßen? Wieso hatte ich nicht die Stärke beweisen können und seine Hilfe annehmen? So etwas konnte man alleine nicht durchstehen. Das war einfach nicht möglich.

Ich spürte, wie sich mein Körper unter den Gedanken leicht verkrampfte und wie sich erneut Tränen in meine Augen fraßen, als ich an die Schule dachte und wie ich Narr wohl einen guten Freund verschmäht hatte. Warum war ich nur so dumm gewesen?

Langsam sank ich zu Boden, als mich die Verzweiflung weiter überrannte. Ich krallte mich fester in meine Arme und ignorierte das Wasser, wie es auf mich niederschlug. Es war mir egal. Ich war so ein Narr gewesen.

Meine Gedanken schlichen zurück zu dem Abschiedsthread im Forum und erneut spürte ich das kalte Metall von meinem Traum zwischen den Fingern. Es war verlockend und es wäre so einfach.

Aber ich hatte mich nicht dafür geoutet, um dann daran zu sterben. Ich hatte es getan, um endlich frei leben zu können. Ja, ich wollte frei sein. Mich nicht mehr verstecken und zu dem stehen, was ich war. Nein, jetzt deswegen zu sterben, war keine Option. Ich wollte endlich als der leben, der ich nun einmal war.

Schließlich zwang ich mich zur Ruhe und rappelte mich auf. Es war mir egal, was ich dafür tun musste, um endlich Beachtung zu bekommen. Ja, es war mir sogar egal, wenn sie mich erneut verprügeln würden. Irgendwann… und daran glaubte ich wirklich sehr stark, werde ich glücklich sein.

Ja, wahrscheinlich nicht morgen und auch nicht in einem Monat oder gar einem Jahr. Aber irgendwann würden die Schläge aufhören und man würde mich als der Mensch nehmen, der ich war. Darauf wollte ich hinarbeiten, wodurch ich mich nur kurz einseifte und dann schließlich nach dem Abspülen aus der Dusche trat.

Nachdem ich mich einigermaßen abgetrocknet und auch meine Haare ein wenig Nässe verloren hatten, wickelte ich mir ein Handtuch um die Hüfte, um dann schließlich über den Flur zurück in mein Zimmer zu gehen.

Kurzerhand ließ ich mich wieder auf mein Bett fallen und erkannte, dass ich eine Nachricht bekommen hatte, die ich auch sogleich überrascht öffnete. Wer war denn um diese Uhrzeit schon wach?

Doch auch wenn ich damit nicht gerechnet hatte, so war dies die Antwort von Robert, die mich trocken schlucken ließ:

Lass mich einfach in Ruhe und lösche meine Nummer. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Verpiss dich einfach! Denn wer will schon mit einer Schwuchtel wie dir befreundet sein?

Ich hielt es nicht mehr in meinem Zimmer aus. Es war grauenhaft. Immer wieder schallten die Worte aus dem Traum in meinem Gedächtnis wider und die weißen Wände verspotteten mich. Zeigten wie wertlos ich doch eigentlich war. Es war zum Haare raufen.

So lief ich nun durch die Straßen der Stadt. Ignorierte die Blicke der Passanten. Verließ mich auf mein Bauchgefühl. Ich musste mich bewegen. Einfach laufen und vielleicht so den Schuldgefühlen entkommen. Diesem Empfinden der Wertlosigkeit. Ich hasste mich für das, was ich war, obwohl ich doch eigentlich gar nichts dafür konnte und was würde ich alles geben, um diesen Umstand zu ändern. Aber es ging einfach nicht.

„Felix?“, drang eine bekannte Stimme zu mir durch, die überrascht wirkte, wodurch ich mich zu ihrem Besitzer umdrehte und in die sanften Augen von Alex sah. Ihn hatte ich hier als Allerletzten erwartet, wobei ich ein Lächeln nicht verhindern konnte, als er freundlich auf mich zukam.

„Was treibst du denn hier?“, fragte ich ihn, wobei ich einen Schritt Abstand nahm, als er mich berühren wollte. Ich wusste noch nicht, ob es gut war, wenn ich wieder den Kontakt zu ihm aufnahm. Warum konnte ich mich nicht einmal entscheiden? Jedes Mal wenn es mir schlecht ging, nahm ich mir vor, dass ich zu ihm gehen und sein Hilfsangebot annehmen wollte. Doch wenn er mir dann gegenüber stand, wünschte ich mir, dass er nicht hier wäre.

„Ich wollte ein wenig einkaufen gehen. Einfach mal schauen, was es so gibt und ob irgendwas Interessantes dabei ist. Und du?“ Er lächelte mich sanft an und erneut spürte ich den Drang, mich einfach in seinen Armen zu verkriechen und nie wieder daraus empor zu klettern. Oh Gott, wie sehr wünschte ich es mir, dass man mich einfach nur in den Arm nahm und mich so akzeptierte, wie ich war.

„Na ja, ich brauchte ein wenig frische Luft.“ Ich zuckte mit den Schultern und im nächsten Moment umfasste Alex sanft meinen Unterarm, wobei er mich schon mit sich zog: „Na, dann können wir ja gemeinsam ein wenig shoppen gehen.“

Sein Lächeln war so sanft und ehrlich. Ich liebte es dafür, dass es einfach da war und mir zeigte, dass man mich auch mögen konnte, obwohl man wusste, wie ich empfand und wen ich begehrte. Alex würde mir so gut tun, wenn ich es nur einmal zulassen würde. Aber ich hatte Angst. So unvorstellbare Panik, dass ich damit sein Leben zerstören könnte.

„O-okay.“ Ich stockte und stolperte ein wenig neben ihm her, bevor ich mich fing und dann sanft lächelte und neben ihm herging. Es war ein komisches Gefühl, obwohl ich so schon öfters mit Robert durch die Straßen gezogen war. Robert… er würde mir niemals verzeihen und vor allem würde er mich nie wieder in Frieden leben lassen.

„Warum weichst du mir aus?“, durchbrach Alex nach einer Weile die Stille, wobei ich kurz stockte und ihn überrascht ansah, was ihn erneut dazu verleitete ein wenig zu lächeln: „Ja, ich hab das sehr wohl gemerkt, dass du mir bewusst aus dem Weg gegangen warst. Ich würde nur gerne wissen, warum du das getan hast.“

„Es… ich… ich wollte einfach nicht, dass man dir weh tut. Nein, das hätte ich mir einfach nicht verzeihen können. Alex, du bist ein netter Mensch und vor allem tust du mir gut, aber ich will nicht schuld daran sein, wenn sie dich ebenfalls verprügeln. Ich… ich will nicht, dass du mich dadurch dann hasst.“ Ich sah ihn mit großen Augen an und erneut lächelte er nur, bevor er mir dann sanft gegen den Oberarm schlug: „So ein Quatsch. Ich könnte dich doch niemals dafür hassen, was mir andere antun würden. Schließlich weiß ich, was bei euch los ist und ich finde das einfach nur erbärmlich. Du kannst für deine Empfindungen nichts. Darum werde ich auch bei dir bleiben, wenn du es willst.“

Wie gerne hätte ich in diesem Moment einfach nur laut zugestimmt, doch ich brachte nur ein nervöses Nicken zusammen, was Alex erneut auflachen ließ. Er war so wundervoll. Warum sah ich ihn erst jetzt? Wäre er damals mein bester Freund gewesen, dann würde ich jetzt nicht so nah am Abgrund stehen. Aber mein Leben sollte nicht so sein.

„Schön!“ Er strahlte weiter und wir gingen von einem Laden in den nächsten. Unterhielten uns über alle möglichen Dinge. Es tat gut, endlich einmal wieder so mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Einfach zu lachen und fröhlich zu sein. Es war ein so unbeschreiblich gutes Gefühl, dass ich spürte, wie mir richtig leicht um die Brust wurde.

„Was hältst du davon, wenn wir ab sofort gemeinsam zur Schule gehen?“, schlug Alex plötzlich etwas vor, was ich mir niemals zu träumen gewagt hätte, weshalb ich ihn eine Weile irritiert ansah. Wir hatten vor ein paar Minuten festgestellt, dass wir eigentlich gar nicht so weit auseinander wohnten, dennoch hatten wir uns so gut wie nie gesehen. Schon komisch.

„Ähm, wenn du das gerne möchtest.“ Ich konnte nicht verhindern, dass ich irgendwie nervös wurde, denn endlich schien ich wieder einen richtigen Freund zu haben. Einen Menschen, der es genoss mit mir zusammen zu sein. Vor allem obwohl er wusste, wen ich liebte und mit wem ich gerne mein Bett teilen würde. Ging es jetzt endlich einmal bergauf?

„Na, wen haben wir denn hier?“ Ich hatte gehofft, dass ich diese Stimme nie wieder hören würde. Dennoch war sie da und als ich mich umdrehte, erblickte ich das hämische Grinsen von Robert, wobei sein Blick gefror, als er Alex erkannte. „Und der Spinner ist direkt nicht alleine.“

„Was willst du, Robert?“ Alex’ Stimme war eiskalt und ich sah, wie sich sein Körper anspannte, was Robert nur zum Lachen brachte. Es war ein ekelhafter Laut – kehlig und gemein. Wieso konnte er mir kein Glück gönnen? Warum wollte er alles zerstören?

„Ich habe hier nur den kleinen Perversen gesehen und wollte schauen, ob er dich nicht belästigt.“ Seine Stimme war voller Verachtung und Hohn, wobei ich meinen Blick nur senkte und schwer schluckte. Warum hasste er mich so sehr?

„Felix ist nicht pervers“, widersprach Alex und erneut lachte Robert auf: „Was willst du schon wissen? Hast du keine Angst, dass er sich in dich verliebt? Was machst du, wenn er sich plötzlich an dich schmiegt und mehr will als Freundschaft? Diesen Schwuchteln kann man doch nicht trauen. Alles nur Perverslinge.“

„So ein Blödsinn!“ Das Schnauben von Alex ließ mich zusammenzucken, wobei ich meine Finger zu kneten begann und nicht wusste, was ich sagen sollte, als ich schon spürte, wie sich jemand mir näherte. Warmer Atem strich über meine Wange und ich erschauderte. Was geschah nun?

„Du bist einfach nur widerlich und krank.“ Die Stimme von Robert war leise und ging direkt in mein Ohr, mein Herz und meinen Verstand. Ich spürte, wie mir ein Schluchzen entglitt und wünschte mich irgendwo anders hin, doch er stoppte nicht und blieb so dicht bei mir: „Niemand wird dich mehr mögen. Du wirst für immer alleine sein. Weil das, was du bist, einfach nur abstoßend ist.“

Plötzlich wurde Robert von mir weggerissen und als ich meinen Blick hob, erkannte ich, dass sich Alex auf ihn gestürzt hatte. Sie begannen sich zu prügeln. Wegen mir? Das durfte doch nicht wahr sein. Nein, das war nur ein Trugbild. Verdammt! Alex durfte nicht verletzt werden.

„Hört auf.“ Meine Stimme war zu leise. Sie ging im Tumult, der um uns ausgebrochen war, unter. Sie blieb schwach und ich fühlte mich hilflos. Immer wieder trafen sie sich und wälzten sich über den Boden. Was war nur geschehen? Warum tat Alex das für mich?

„Bitte.“ Ich spürte, wie sich Tränen in meine Augen fraßen und ich mir wünschte, dass sie einfach nur aufhörten. Sie mussten sich nicht wegen mir streiten. Ich war es doch gar nicht wert, dass man sich so stark für mich einsetzte. Verdammt, Alex!

Sie waren sich ebenbürtig. Keiner gab nach und egal, wie viele Treffer kassiert wurden, sie ließen nicht voneinander ab. Worte wurden gewechselt, die ich nicht hören konnte. Ich sah nur die Bewegungen ihrer Lippen und den Hass in ihren Augen. Warum taten sie das? Das war doch nicht richtig!

„Verdammt… ich bin es doch gar nicht wert.“ Die Verzweiflung stürmte immer wieder meine Gedanken und ich krallte mich Halt suchend in meine Hose. Wieso ging niemand dazwischen? Das war doch nicht richtig.

Ich versuchte zu Alex durchzudringen und berührte ihn an seiner Schulter, doch im Affekt schlug er mich von sich und ich spürte, wie meine Lippen unter der Wucht aufplatzten. Blut lief in meinen Mund und ich tastete verwirrt danach.

Alex stoppte dadurch und sah mich entsetzt an. Er wollte etwas sagen, doch Robert nutzte seine Abwesenheit und schlug hart zu, wodurch Alex zu Boden ging und röchelnd liegen blieb. Mein ehemals bester Freund trat noch zweimal voller Wucht zu, wodurch sich Alex zusammenkrümmte und immer wieder hustete.

„Merk dir das. Er ist es nicht wert, beschützt zu werden. Das nächste Mal kommst du nicht zu glimpflich davon.“ Robert spuckte auf den am Boden liegenden Jungen und ich spürte, wie ich mich schuldig fühlte. Warum hatte ich mich eingemischt? Das war doch nicht richtig gewesen. Nur wegen mir hatte Alex jetzt verloren.

Sofort robbte ich zu ihm und berührte ihn vorsichtig am Oberarm, wobei ich in sein schmerzverzerrtes Gesicht sah: „Es… es tut mir Leid.“

Ein quälendes Lächeln legte sich auf die Lippen meines neuen Freundes, wobei er erneut kurz hustete, weil er noch nicht schmerzfrei Luft bekam, doch dann winkte er ab: „Es war meine Entscheidung und irgendwer muss sich für dich einsetzten. Niemand sollte alleine auf weiter Flur stehen.“

Es war eine angenehme Wärme, die sich in meinem Inneren ausbreitete und Tränen in meine Augen trieb. Wie konnte man nur so aufopfernd sein? Alex kannte mich doch nicht einmal. Er hatte mich vorher nie bemerkt und jetzt prügelte er sich für mich. Warum tat er das?

„Komm, ich bring dich zu dir. Wir müssen uns um deine Verletzungen kümmern.“ Ich half ihm, sich aufzurichten und stützte ihn. Ich hatte wieder einen Freund. Einen richtigen Freund. Mein Herz machte Freudensprünge und überschlug sich eifrig. Immer wieder aufs Neue. Ich war einfach nur glücklich. Unsagbar glücklich…

Wir saßen auf seinem Bett, während ich seine Schrammen notdürftig versorgte. Darin hatte ich mittlerweile ein wenig Erfahrung, auch wenn es mir lieber wäre, dass es nicht so wäre, doch daran konnte ich jetzt nichts mehr ändern.

Immer wieder zog er scharf die Luft ein, wenn ich falsch an eine Stelle kam und ich entschuldigte mich auch immer dafür. Aber dann wurde es wieder still im Raum. Ich lauschte unseren Atem und versuchte so wenig Schmerzen wie möglich anzurichten. Schließlich mochte ich ihn und er war nur in dieser Lage, weil er sich für mich eingesetzt hatte. Da war es nicht fair, wenn ich ihn dafür bestrafte. Definitiv nicht.

„Du, Alex?“, unterbrach ich nach einer Weile die meditative Stille zwischen uns, wobei ich von seiner Seite nur ein kurzes Brummen bekam, was mich kurz schlucken ließ. Ich musste all meinen Mut sammeln, um die nächste Frage stellen zu können, obwohl ich eigentlich keine Angst haben müsste. Alex war auf meiner Seite. Er würde mir nichts tun, dennoch war die Furcht da, dass er mich von sich stoßen könnte.

„Warum hast du das getan?“ Meine Stimme zitterte und ich musste öfters die Wörter neu beginnen, doch als es draußen war, fühlte ich mich unendlich frei und entspannte mich ein wenig. Es tat gut, sich so zu fühlen.

„Na, um dich zu verteidigen.“ Er schien die Frage nicht zu verstehen, doch dadurch, dass der Knoten jetzt gelockert war, fiel es mir leichter weiter nachzubohren und nicht klein beizugeben: „Ja, das weiß ich doch. Aber warum tust du das? Ich war für dich eigentlich immer ein Fremder. An dem Tag, als ich auf dem Pausenhof lag, da kanntest du mich gar nicht. Dennoch bist du stehen geblieben. Das hat sonst niemand getan.“

„Ich habe halt einen starken Beschützerinstinkt.“ Er zuckte mit den Schultern und ich wünschte mir, dass ich es glauben könnte, doch irgendwie spürte ich, dass dort mehr war. Um so vieles mehr. Als er mich angesehen hatte, war es, als wäre es ihm bekannt und er ertrug diesen Anblick nicht.

„Ich glaube, dass da mehr dahinter steckt“, sprach ich dann meine Vermutung aus und erneut verspannte er sich. Ich hoffte, dass ich mit dieser Aussage nicht zu weit gegangen war. Schließlich hatte ich ihn gerade erst für mich gewinnen können und ich wollte ihn nicht sofort wieder verlieren. Das war nicht gut. Einfach nicht gut.

„Da täuschst du dich.“ Seine Stimme wurde bedrohlich leiser und ich stockte kurz. All die Wärme verschwand gerade und sein Körper verkrampfte sich vor mir. Was ging in seinem Kopf vor? Das konnte doch nicht sein Ernst sein? Er verheimlichte mir etwas. Irgendwas trieb ihn dazu mir zu helfen. Aber was?

„Warum reagierst du dann so angespannt?“, bohrte ich nach. Sah nicht das große, rote Stoppschild blinken und hörte auch kurz auf seine Wunden zu versorgen, um nachzusehen, ob ich überhaupt etwas übersehen hatte.

„Ich bin nicht angespannt.“ Ich sah, wie er zwanghaft versuchte sich zu entspannen, doch es misslang ihn. Seine Schultern blieben verkrampft und er presste auch seinen Kiefer aufeinander. Was beschäftigte ihn? Wieso handelte er so, wie er es tat? Warum konnte er es mir nicht sagen?

„Bist du sehr wohl?“ Ich tastete nach seinen Schultern und wollte sie ein wenig massieren, doch in diesem Moment schlug er mit einem „Fass mich nicht an“ meine Hände einfach weg. Er sprang förmlich Abstand nehmend von mir und funkelte mich an.

Ich sah das feuchte Glänzen in seinen Augen und spürte, dass ich zu weit gegangen bin, wodurch ich bedrückt meinen Kopf hängen ließ und auf meine Hände starrte: „Es… es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht nerven.“

Ein Seufzer glitt über seine Lippen und hang wie ein dichter Nebel im Raum. War ich dabei meinen Freund schon wieder zu verlieren? Wie widerlich musste ich sein, dass es niemand mit mir lange aushielt? Was machte ich nur immer wieder falsch?

Nun spürte ich selbst die Tränen in meinen Augen, die ich verzweifelt runter schluckte und prophylaktisch über mein Gesicht mit meinem Ärmel strich. Ich wollte jetzt nicht vor Alex weinen. Ihm nicht zeigen, wie kaputt meine Seele von all dieser Tyrannei schon war. Nein, ich wollte einfach kein Mitleid von ihm.

„Es ist nicht wichtig, warum ich dir helfe. Das Einzige, was zählt, ist die Tatsache, dass ich es tue. Was bringt es dir, wenn du meine Motive kennst? Daran wird sich an der aktuellen Situation nicht viel ändern. Warum willst du es also unbedingt wissen?“ Ich spürte, wie er sich leicht auf dem Bett bewegte, und ich unterdrückte das Zittern, als ich die Trauer in seiner Stimme hörte.

„Ich würde dich besser verstehen“, flüsterte ich und hob erst jetzt meinen Blick wieder, um Alex anzusehen, wobei ich sah, dass ihm vereinzelte Tränen über die Wangen liefen. Was bewegte ihn? Dieser bodenlose Schmerz, der sich durch seine sonst so sanften Augen zog, tat mir in der Seele weh und ich wünschte mir, dass ich ihm irgendwie helfen konnte. Ihm irgendwie diese Trauer nehmen konnte.

„Das wirst du auch so. Du musst nicht alles von Anfang an wissen. Irgendwann wirst du es verstehen. Kommt Zeit, kommt Verständnis.“ Er lächelte mich über den Schmerz hinweg an und ich versuchte es zu erwidern.

Die Spannung zwischen uns löste sich langsam auf und ich wagte es wieder normal zu atmen. Mit dem festen Vorsatz, dass ich ihn nie wieder nach seinen Motiven fragen würde, entspannte ich mich. Wenn er der Meinung war, dass die Zeit gekommen war, dann würde er es mir schon erzählen. Da war ich mir mehr als sicher…

3. Kapitel

Ich loggte mich in das Forum ein und erkannte, dass man auf meine Begrüßung geantwortet hatte. Oft waren es einzelne Floskeln, die mich ebenfalls willkommen hießen und mir Mut zusprechen wollten. Doch andere fragten auch danach, wie es mir gerade ging und was mein Tag heute so bereithielt.

Ich entschloss mich mit kurzen Sätzen die letzte Situation zu beschreiben. Es tat gut sich all seine Gedanken einfach von der Seele zu schreiben. Sie irgendjemanden mitzuteilen, der sie auch lesen wollte. Der für mich da war und Interesse an allem zeigte, was irgendwie wichtig für mich war.

Nachdem ich meine Laster niedergeschrieben hatte, begann ich erneut ein wenig im Forum herum zu klicken. Las ein paar andere Vorstellung. Sie alle lasen sich irgendwie gleich. Es waren meist junge Männer in meinem Alter, die verzweifelt waren, weil man sie nicht mehr akzeptierte, wie sie waren. Manche hatten sich geoutet. Andere litten stumm für sich alleine.

Es legte sich schwer auf meine Seele, all dieses Leid zu sehen. Warum konnte die Welt uns einfach nicht akzeptieren? Was war daran nur so schwer? Wir taten doch niemanden weh und wenn wir es könnten, dann würden wir uns ändern. – Oh Gott, wenn ich es wirklich selbst in der Hand hätte, dann hätte ich mich niemals für diesen Weg entschieden. Nicht für diesen Schmerz. Das war nicht okay. Das war einfach nur grausam. So unendlich grausam.

Ich wollte gerade die Seite verlassen, als sich plötzlich ein Pop Up Fenster öffnete, den ich verwirrt musterte. Man hatte mir eine Private Nachricht geschickt und ich wurde gefragt, ob ich sie lesen möchte. Natürlich!

Sofort klickte ich drauf und schon sah ich die Nachricht vor meinen Augen: „Hallo Aijo, ich habe gerade deine Anmeldung gelesen und das, was dir heute so passiert ist. Erst einmal, bin ich echt froh, dass du so einen netten Menschen getroffen hast, der dir ein wenig zur Seite steht. So etwas ist nicht selbstverständlich, wie du bestimmt schon selbst bemerkt hast. Außerdem hat mich deine Art zu schreiben neugierig gemacht. Ich würde gerne mehr von dir wissen. Wie hast du dich geoutet? Bist du im Moment in jemanden verliebt? Warst du jemals in einen Jungen verliebt? Wie kamst du darauf, dass du schwul bist? Was haben deine Eltern dazu gesagt? Wissen sie es überhaupt schon? Ich hoffe, dass ich dich damit jetzt nicht ein wenig überfahren habe, aber ich bin halt ein sehr neugieriger Mensch. Grüße, Darkking.“

Irgendwie waren die Fragen mir gerade zu viel, wobei ich den Nick des jungen Mannes anstarrte. Er sah sich also als ein dunkler König oder fand den Klang des Namens einfach sehr schön. Doch das Profilbild zeigte eine männliche Animefigur, die auf einem Thron saß und eine schwarze Krone trug. Lässig hatte sie ein Bein angezogen und sah einen voller Überzeugung an, während sie das dunkle Zepter festhielt. Alles strahlte so viel Selbstbewusstsein aus, dass ich schon fast Angst vor dieser Person bekam.

Ich schluckte kurz und sah mich im Zimmer um. Seien wir mal ehrlich: Was hatte ich schon zu verlieren? Nirgends stand mein richtiger Name und unter meinem Nicknamen „Aijo“ konnte man mich auch nicht unbedingt finden, wodurch ich ruhig antworten konnte. Vielleicht konnte er mir ja doch irgendwie helfen.

„Hallo Darkking, danke, dass du dich für mich interessierst. Aber ich glaube, dass sich meine Geschichte nicht allzu stark von dem Rest unterscheidet. Ich habe mich vor einiger Zeit vor meinem besten Freund geoutet. Hatte gehofft, dass, wenn mich einer akzeptiert, er es sein würde und na ja, falsch gedacht, sag ich da nur. Ansonsten kann ich kaum etwas sagen. Meine ganze Klasse weiß es und wohl auch ein Großteil der Schule, weil besagter Freund damit hausieren ging und nun werde ich von jedem blöd angemacht und ausgegrenzt.“ Ich seufzte und ließ mich zurücksinken. Irgendwie tat es weh darüber zu schreiben, doch ich wollte nicht aufhören. Manche Wunden brauchten Luft um zu heilen.

„Meine Eltern wissen aber noch nichts und ich hoffe, dass dies auch noch eine Weile so bleiben wird, denn ich fürchte, dass mein Vater es nicht akzeptieren könnte. Er möchte gerne einen richtigen Mann als Sohn und keine Schwuchtel, wie er so gerne sagt. Ja, mein Leben klingt wirklich nicht leicht, aber ich hoffe, dass es irgendwann besser wird. Schließlich habe ich ja jetzt jemanden, der mir zur Seite steht. Darüber bin ich wirklich froh.“

Erneut musste ich leicht lächeln, als ich an Alex dachte, obwohl ich mich immer wieder in den stillen Minuten fragte, was auf seiner Seele lag, das ihn so traurig machte und seine Welt so sehr zerrüttelte. „Ich bin noch nie verliebt gewesen. Also, nicht so richtig. Doch Mädchen interessieren mich einfach gar nicht. Jungs finde ich da schon viel reizvoller. Alleine bei dem Gedanken, wenn ich über ihre Haut streichle, wird mir ganz anders. Einmal war ich mit einem Mädchen zusammen. Doch so wirklich wollte es nicht funktionieren. Ich hatte damals mehr Interesse an ihrem Bruder, als an ihr und irgendwann ging es auseinander. Ja, dann war es für mich eigentlich klar, als ich mich dabei erwischt hatte, mir vorzustellen ihn zu küssen und zu liebkosen, dass ich definitiv mehr von Jungs wollte, als von allen Mädchen zusammen.“

Noch einmal las ich mir seine Fragen durch und erkannte, dass ich eigentlich jede beantwortet hatte, wodurch ich schnell noch die Nachricht beendete. „Wie war das denn so bei dir? Bist du im Moment verliebt? Warst du schon mit einem Jungen zusammen? Würde mich auf eine Antwort freuen, Aijo.“

Dann schickte ich sie ab und schloss das Fenster. Klar, ich erkannte, dass Darkking noch online war, doch irgendwie hatte ich Angst vor der Antwort. Er war der erste Schwule, mit dem ich Kontakt aufnahm und das machte mich doch ein wenig nervös. Sehr nervös sogar. Was sollte ich tun? Wie würde ich reagieren, wenn das Interesse auf beiden Seiten mehr wurde?

Oh Gott, ich begann schon wieder damit die Welt zu zerdenken, wodurch ich mich dazu zwang, damit aufzuhören und mich dann einfach mit einer Partie Karten abzulenken versuchte, was jedoch nur halb so gut funktionierte, wie ich mir gerne gewünscht hätte…

„Morgen, Felix!“ Ein sanftes Lächeln lag auf den Lippen von Alex, als wir vor meinem Gartentor aufeinander trafen. Er hatte dort auf mich gewartet. So wie es ausgemacht gewesen war, weil wir gemeinsam in die Schule gehen wollten. Es tat gut ihn anzusehen und zu wissen, dass er mich mochte, wie ich war. Ich musste mich vor ihm nicht verstellen. Bei ihm konnte ich ich sein und das war unbeschreiblich befreiend.

„Morgen“, grüßte ich zurück und kniff mir kurz in den Arm, um festzustellen, dass dies kein Traum war. Ich hatte wirklich einen Freund, der mit mir gemeinsam in die Schule ging und mich mit einem Lächeln am Morgen begrüßte. Früher war dies Robert gewesen, aber nun hatte sich unsere Welt verändert. Er wollte nicht mehr mit mir gesehen werden. Nicht als Freund. Höchstens als Feind.

Du hast mein Leben ruiniert!

Ich schüttelte leicht den Kopf, als ich mich an seine letzten Worte erinnerte, die ich bis heute noch nicht begriff. Doch es war auch nicht wichtig. Ich war jetzt mit Alex hier und er mochte mich.

„Wie geht es dir?“, durchbrach mein Begleiter nach einer Weile die Stille, wobei ich kurz zusammen zuckte: „Ähm, gut. Und dir?“

„Auch. Wollen wir uns in der Pause treffen? Manchmal finde ich es blöd, dass wir nicht in der gleichen Klasse sind. Aber na ja, das kann sich ja irgendwann ändern.“ Seine Worte taten gut. Er sprach mit mir, ohne mich fertig zu machen. Er war hier und half mir durch diese Zeit. Und er schien es wirklich zu bereuen, dass wir nicht in der gleichen Klasse waren. Warum auch immer!

„Ja, wir können uns gerne treffen. Und mach dir keinen Kopf. Das hatten wir nie in der Hand“, versuchte ich ihm seine Schuldgefühle zu nehmen, wodurch ich erneut ein sanftes Lächeln bekam: „Wäre ich aber dort, dann könnte ich dich besser beschützen. Niemand sollte alleine auf weiter Flur stehen.“

„Mir hilft der Gedanke, dass es dich gibt.“ So war es wirklich. Alleine der Fakt, dass ich wusste, dass Alex da war und mir helfen würde, ließ mich mein Leben positiver sehen. Ich wusste, dass ich nicht alleine war. Er war bei mir und er würde mich nicht im Stich lassen.

Schließlich erreichten wir das Schulgelände, dessen Hof wir dann ruhig überquerten. Wir sprachen kein Wort und ich spürte, wie ich mich langsam anspannte, und auch, wie Alex sich auf einen Angriff vorbereitete.

Dieser kam: Robert trat mit ein paar Jungs aus unserer Klasse auf uns zu. Zwei von ihnen gingen einfach an uns vorbei, jedoch nicht ohne uns grob anzustoßen, worauf ich ein Knurren von Alex vernahm. Sein Körper spannte sich weiter an und die Zärtlichkeit war aus seinen Augen verschwunden. Dort war nur noch Kampfeslust.

„Seht mal, wer da ist.“ Robert lachte auf und spuckt vor unsere Füße. „Die Schwuchtel und sein schwuler Freund.“

„Robert, lass es“, versuchte ich ihn aufzuhalten, doch er ignorierte mich. Stattdessen drängte er sich zwischen mich und Alex, was ein erneutes Knurren von meinen Freund forderte und kurz suchte er meinen Blick. Erst als er ihn gefunden hatte, konzentrierte er sich wieder auf Robert: „Was willst du von mir?“

„Ich will dich zur Vernunft bringen. Was willst du von dieser schwulen Ratte? Er ist doch widerlich. Stell dir doch einmal vor, dass er sich bei dem Gedanken an dich einen runterholt. Das ist doch nur abartig!“ Die Worte von Robert taten weh. Noch nie hatte ich an irgendeinen bekannten Jungen dabei gedacht. Sie waren doch alle nicht mein Typ. Auch Alex war für mich nur ein Freund. Ich wollte doch nie mit ihm ins Bett.

„Felix ist ein netter Junge“, begehrte Alex sofort auf, doch er wurde prompt von Robert unterbrochen: „Was ist er? Dass ich nicht lache. Er ist eine Schwuchtel. Ja, er liebt Männer. Das ist unnatürlich. Einfach nur krank. Solche Menschen sollten endlich aussterben!“

Im nächsten Moment schien ein Schalter bei Alex umgelegt worden zu sein, wodurch er Robert grob anstieß und dieser unvorbereitet nach hinten zu Boden ging. Alex stand über ihn und spuckte ihm ins Gesicht: „Sag so etwas nie wieder!“

Dann griff er nach meiner Hand und eilte mit mir in Richtung Schuleingang. Ich versuchte zu verstehen, was gerade passiert war und ich spürte, wie es in Alex immer noch brodelte. Seine Gefühle waren außer Kontrolle geraten und ich wusste nicht, wie ich ihm helfen konnte.

„Alex? Ist alles in Ordnung? Du musst nicht-“ Ich konnte nicht zu Ende sprechen, denn er unterbrach mich scharf: „Sprich es nicht aus! Ich bin dein Freund, Felix! Das werde ich immer sein. Egal, was diese Idioten auch tun. Von mir aus können sie mich beschimpfen und verprügeln! Es ist mir einfach egal. Ich mag dich, Felix. Als Kumpel, okay? Darum zerbrich dir bitte nicht den Kopf. Was sie sagen, ist mir egal. Aber bitte, versprich mir, dass du lebst, okay? Bleib einfach nur am Leben, ja?“

Ich sah die Tränen in seinen Augen glänzen und ich wünschte mir, dass ich sie irgendwie daraus vertreiben konnte. Doch meine Kehle war wie zugeschnürt, wodurch ich nur kurz nickte. Stark und kräftig, was Alex lächeln ließ und er mich zum Weitergehen winkte. „Komm, wir müssen ins unsere Klassenzimmer.“

Ein komisches Gefühl wühlte in meinem Inneren und ich wünschte mir, dass ich ihn fragen konnte. Doch ich sah die einzelne Träne, die über seine Wange glitt und schnell von ihm weggewischt wurde. Diese Wunde war so tief und so schmerzhaft, dass ich es nicht wagte, mich ihr zu nähern. Sie eiterte wahrscheinlich und brach immer wieder auf. Wollte einfach nicht heilen. Und ich erkannte in diesem Moment, dass wir alle bluteten.

Der eine an einer anderen Stelle als der andere. Doch wir hatten alle unsere Wunden zu tragen. Und wir brauchten alle jemanden, der sie verarztete und heilen ließ. Ich wünschte mir, dass ich dieser Mensch für Alex werden könnte. Dass ich ihm helfen könnte, seine Wunden zu heilen. Ich wollte ihm beistehen. Er sollte wieder lächeln und sich freuen. Ja, und wenn ich das schaffte, indem ich am Leben blieb, dann würde ich versuchen, dies mit allen Mitteln zu schaffen…

Irgendwie hatte ich die ersten zwei Schulstunden überlebt. Ich hatte die Anfeindungen ignoriert und sämtliche Schikanen an mir abprallen lassen. Es war nicht einfach, denn manche Körperstellen schmerzten noch von den unsanften Berührungen, die man mir beiläufig zukommen ließ. Doch der Gedanke, dass ich Alex in der Pause sehen würde, verlieh mir Flügel und neuen Mut.

So packte ich sofort meine Sachen zusammen, als der Schulgong ertönte und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sich mir drei Jungen in den Weg stellten. „Wo willst du denn hin, Felix?“

„Das kann euch egal sein. Lasst mich durch.“ Die Freundschaft zu Alex verlieh mir neue Kraft und vor allem den Mut mich endlich zu wehren und eben nicht alles mit mir machen zu lassen, wodurch ich kurz Überraschung in den Augen der drei Klassenkameraden sah, doch dann grinsten sie breit, während sich einer mir ein wenig näherte. „So? Warum denn auf einmal so mutig, Schwuchtel?“

„Ich brauche vor euch keine Angst zu haben. Ihr könnt mir gar nichts tun.“ Ich wusste, dass dieser Satz mehr Wunschdenken als Realität war, aber ich musste Stärke zeigen. Ich musste endlich damit anfangen, mich zu wehren, sonst würde ich dieser Grausamkeit nie entgehen können. Schließlich musste ich mir das nicht gefallen lassen. Ich konnte für meine Sexualität nichts.

„So? Können wir das nicht? Ich glaube, dass du darüber noch ein Mal nachdenken solltest.“ Das Grinsen auf den Lippen der Jungen wurde breiter und schließlich gingen sie aus den Weg. Ich verstand ihre Worte nicht, doch ich wollte jetzt auch nicht länger mit ihnen diskutieren. Die Pause würde schneller zu ende sein, als ich mir wünschte und ich wollte noch ein wenig Zeit mit Alex verbringen.

Dadurch lief ich an ihnen vorbei aus den Raum und schlug sofort den Weg zu unseren Treffpunkt an, doch als ich dort ankam, stockte mein Atem, denn ich sah Alex, wie er zusammen gekrümmt auf den Boden lag.

„Alex?!“ Ich eilte zu ihm und kniete mich zu ihm herunter. Er hielt sich krampfhaft den Bauch und sein Leib zitterte unter den Schmerzen, wodurch ich mich nicht traute, ihn zu berühren. Was war geschehen? Wer hatte das getan?

„Alex?“ Ich hoffte, dass er antwortete, doch anstatt mit Worten zu reagieren, legte er seine Hand auf mein Bein und drückte leicht zu, während er kurz hustete und ein wenig Blut über seine Lippe trat, die aufgeplatzt war.

„Wer war das?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort nicht hören wollte, denn eigentlich kannte ich sie schon. Aber ich wünschte mir, dass er etwas anderes sagen würde. Nur irgendwas anderes. Irgendetwas, was mir zeigte, dass es nicht meine Schuld war, dass er nun hier lag und litt.

„Robert.“ Mein Gefühl sagte mir, dass er mehr sagen wollte, doch er stockte und sein Körper verkrampfte sich erneut, wobei ich weiter hilflos neben ihm sitzen blieb. Es war das passiert, wovor ich immer Angst gehabt hatte. Robert nahm mir alles, was mir wichtig war. Er würde es nicht zulassen, dass ich Freunde hatte, die mich unterstützten. Niemals.

„Bleib ruhig, ich hole die Krankenschwester“, versuchte ich ihn zu beruhigen und richtete mich auf, um dann davonzueilen. Ich musste weg und dieses Bild vergessen. Ja, es war meine Schuld, dass Alex jetzt litt. Nur ich trug die Verantwortung für seine Schmerzen. Solange ich bei ihm blieb, würde er leiden. Unsere Freundschaft war kurz und schön gewesen, aber wenn mir Alex etwas bedeutete, dann musste ich ihn alleine lassen. Er durfte mir nicht zu nahe kommen. Nein, er durfte nicht wegen mir leiden.

Ich kam ins Krankenzimmer der Schule und sagte der Dame Bescheid, wodurch diese sofort los eilte, doch ich blieb zurück. Meine Entscheidung war gefallen. Ich würde Alex aus dem Weg gehen. Es war besser für mich und für ihn. So würden wir beide überleben. Und selbst wenn ich starb. Das wäre besser als er.

Denn er wollte nur helfen und sollte dafür nicht bestraft werden. Es war nicht richtig, dass er nun dort lag und litt. Eigentlich sollte ich es sein, der sich vor Schmerzen auf den Boden krümmte. Ich war derjenige, den sie alle hassten und nicht Alex. Sie sollten endlich mich wieder hassen. Mich alleine. Denn für mich hatten sie wenigstens einen Grund…

Erneut saß ich in meinem Zimmer und starrte auf den Bildschirm. Ich war wieder in diesem Forum. Der einzige Ort, wo meine Ängste verstanden wurden und so hoffte ich, dass auch jetzt einige tröstende Worte ihren Weg zu mir finden würden.

Ich hatte in meinem Thread über die Prügel, die Alex hatte hinnehmen müssen, geschrieben und schon ein paar User hatten geantwortet. Sie kannten von sich selbst, dass die Menschen, die auf ihrer Seite standen, mitleiden mussten. Doch sie alle hatten keine Lösung für mich.

Ihre Ratschläge halfen mir nicht wirklich, die Angst zu verlieren. Immer wieder schrieben sie, dass ich mit Alex reden und klären sollte, ob er die Freundschaft unter diesen Umständen noch aufrecht halten wollte.

Doch ich hatte solche Angst vor der Antwort darauf. Was sollte ich tun, wenn er mich auch von sich stieß? Es war doch um einiges einfacher, selbst auf Abstand zu gehen und im Hinterkopf zu haben, dass er für mich da wäre, wenn ich es nur zulassen würde. Ja, das war doch um so vieles einfacher hinzunehmen.

Ich seufzte schwer und spürte wie sich erneut die Tränen in meine Augen schlichen. Nein, ich wollte jetzt nicht weinen. Das war nicht richtig. Ja, vielleicht wirkte mein Leben jetzt aussichtslos und hoffnungslos, aber ich durfte nicht aufgeben. Ich musste irgendwie weiterleben. Denn erst wenn ich gestorben war, hätten sie gewonnen. Und diesen Sieg wollte ich ihnen nicht gönnen.

Eigentlich wollte ich gerade das Internetfenster schließen, als erneut der Pop Up erschien und ich die Nachricht von Darkking öffnete:

„Hallo Aijo, ich habe gerade deinen neuen Beitrag gelesen und wollte fragen, ob es dir wirklich gut geht. Ja, ich kann mir vorstellen, dass in dir Schuldgefühle gerade am Explodieren sind und du dich fragst, wie du jetzt handeln solltest. Und auch wenn die Angst bleibt und alles in dir danach schreit, dass du Abstand zu diesem Jungen nimmst, solltest du den Kontakt halten. Denn ein Mensch, der hinter einen steht, ist fast so wichtig wie die Luft zum Atmen. Wir sind nicht dafür gemacht, um alleine auf weiter Flur zu stehen. Nur der Gedanke, dass es jemanden gibt, der für uns da ist, wenn wir Hilfe brauchen, verleiht uns eine kostbare Kraft. Du solltest den Kopf nicht hängen lassen und selbst wenn er sich jetzt von dir abwenden sollte. Ich werde dir immer zuhören. LG Darkking.“

Seine Nachrichten gaben mir Kraft und ich wünschte mir, dass er näher wäre. Er würde mir so viel Halt geben, doch auch das, was er nur durch seine Worte erreichte, war mehr, als Alex jemals schaffte. Denn er verstand mich einfach, weil er das Alles schon selbst erlebt hatte.

Ich wollte ihm gerade antworten, als die Tür zu meinem Zimmer plötzlich aufgerissen wurde. Irritiert wandte ich mich um und sah in das zornige Gesicht von Robert. Ich verstand nicht, wie er hier hereinkam und warum er überhaupt gekommen war, doch im nächsten Moment war er bei mir und packte mich grob an meinem Kragen.

So viel Wut und Hass schlug mir aus seinen Augen entgegen. Seine Faust war geballt und bereit mich zu schlagen. Ich wusste nicht, warum er hier war. Was versprach er sich davon? Wollte er mich denn nicht eigentlich nie wiedersehen?

„Robert? Was willst du hier?“, fand ich als erster meine Stimme wieder und ich hörte das zornige Grunzen, bevor er mich einfach von sich stieß und ich das Holz meines Schreibtisches in meinem Rücken spürte.

„Ich bin hier um dir zu erklären, was dir dein Leben noch bereithält. Du wirst nie wieder glücklich werden. Ja, du sollst leiden, Felix.“ Seine Stimme war gesenkt und messerscharf. Sie schnitt die Worte in meine Gedanken und ich wünschte mir, dass ich nichts mehr hören musste. Nein, ich wollte diesen Zorn nicht mehr wahrnehmen. Er sollte endlich verschwinden.

„Warum?“ Dieses eine Wort war so voller Verzweiflung und ich wünschte mir, dass Robert endlich erkannte, was er tat. Doch auf seine Lippen trat ein hämisches Grinsen, als er sich meinem Gesicht näherte. „Weil du es nicht anders verdient hast. Du bist krank und widerlich. Niemand wird dich jemals lieben und dein Leben wird nie wieder ganz werden. Es wird der Trümmerhaufen bleiben, den du gerade vor dir siehst. Ich werde dir jeden Menschen, der dir beisteht, wegnehmen. Du wirst alleine bleiben. Für immer.“

„Robert, bitte.“ Ich wollte noch mehr sagen, doch erneut lachte er nur ekelhaft auf und ich spürte, wie mein Körper zu zittern begann. „Nichts, Robert bitte. Ich bin nicht mehr dein Freund. Wann begreifst du es endlich? Wir sind von nun an Feinde. Und ich werde alles tun, damit du nie wieder glücklich wirst. Hast du verstanden? Du wirst kein Glück mehr empfangen. Genauso wie all die Menschen, die dir helfen wollen. Du hast es nicht verdient fröhlich zu sein. Nicht so ein krankes Schwein wie du.“

Erneut waren dort die Tränen, als sich seine Worte wie heißer Stahl in meine Seele brannten. Warum sagte er das zu mir? Wieso kam er deswegen extra zu mir? Was hatte ich getan, dass er mich so sehr hasste?

„Wieso hasst du mich so sehr?“, stellte ich die Frage, die mich schon immer beschäftigte. Robert lachte darauf nur auf und schüttelte den Kopf. „Du verstehst es einfach nicht. Nein, du bist zu egoistisch, um zu erkennen, was du anderen mit deinen Taten antust. Und darum wirst du leiden, Felix. Du hast mein Leben zerstört. Ich verlange nur Vergeltung. Du hast die Wahl zwischen dem Freitod und der Einsamkeit. Was wirst du wählen?“

Ich sah meinen ehemals besten Freund an und versuchte zu verstehen, was er mir gerade gesagt hatte. Die Erinnerungen an den Traum kamen zurück und ich hatte das Gefühl das kalte Metall in meinen Fingern zu spüren. Nein, ich wollte nicht sterben. Ich hatte mich doch gerade erst für das Leben entschieden. Denn nur wenn man am Leben blieb, konnte es besser werden. Tod war Stillstand und Endgültigkeit. Das wollte ich nicht. Niemals.

„Ich habe dein Leben nicht zerstört und ich werde mich bestimmt nicht umbringen. Denn ich habe nichts Falsches getan“, begehrte ich auf und sah, wie sich der Körper von Robert anspannte, bevor er seine Faust auf die Lehne meines Stuhles niedersausen ließ.

Er funkelte mich an. So voller Hass und Abscheu. Ich verstand nicht, woher diese Gefühle kamen. Schließlich hatte ich nichts getan, was sie ausgelöst haben könnte. Nein, ich habe ihm vertraut und ihm mein größtes Geheimnis anvertraut. Das war in meinen Augen eine nachvollziehbare Handlung. Wem sollte ich denn mehr vertrauen, als meinem besten Freund, der mich eigentlich so akzeptierte, wie ich war, und deswegen an meiner Seite war? Doch ich hatte mich geirrt. Das zeigten mir seine Augen, die mich immer wieder zerrissen und so voller Zorn anstarrten.

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9783738036022
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