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Shino Tenshi

Einfach nicht hinfallen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ich saß auf der Couch meiner Eltern und starrte auf meine im Schoß zusammengefalteten Hände. Der Geruch von Kaffee drang in meine Nasen und ich spürte, wie meine Hände ein wenig zu zittern begannen, als ich tief Luft holte, um meine Wort von vorhin noch einmal zu wiederholen.

„Ich hab es Ihnen schon einmal gesagt. Robert hat mich auf die Brücke bestellt, um mit mir zu reden. Wir hatten in letzter Zeit regelmäßig Schwierigkeiten und er hat versucht mich in den Selbstmord zu treiben. Darum gab es durchaus sehr viel, worüber man reden musste. Ich hab den Frieden nicht getraut, den er mir verkaufen wollte und blieb auf Abstand. Er schüttete mir sein Herz aus und ich schien sein Verhalten langsam zu verstehen, als er sich plötzlich auf die Reling hievte und sich keine zehn Sekunden später nach hinten fallen ließ. Ich weiß nicht, warum er das getan hatte und ich habe so schnell, wie es meine Verfassung zugelassen hat, den Notarzt verständigt, aber der Fluss gibt nichts mehr her, was er einmal bekommen hat. Das weiß an sich jeder und sicher war es auch Robert klar gewesen. Vielleicht hatte er ihn sich deswegen ausgesucht.“

Die zwei Polizisten vor mir sahen mich ruhig an, während einer wieder alles notierte, was ich sagte. Das Alles wirkte so surreal, dass ich mich immer wieder leicht zwickte, um sicher zu gehen, dass es kein Traum war. Es tat jedes Mal weh. Der Selbstmord von Robert lag nun schon zwei Wochen zurück und sie wollten nicht daran glauben, dass es so passiert war. Es gab keinen Brief und auch sonst keinen Hinweis, dass er so etwas vorgehabt hätte. Darum wurde ich verdächtigt, dass ich nachgeholfen hätte.

„Hat man seine Leiche mittlerweile gefunden?“, versuchte ich das Thema zu wechseln und die Polizisten sah sich nur kurz an, bevor der Rechte von ihnen dann den Kopf schüttelte und ich spürte erneut diese kleine Hoffnung in meinem Herzen, die aber von der Verzweiflung niedergerungen wurde.

„Ich bin ehrlich, dass ich nie verstand, warum er sich mir gegenüber so benahm. Dauernd sprach er davon, dass ich sein Leben zerstört hätte. Wahrscheinlich tat ich das wirklich, indem ich ihn unbewusst dazu zwang, sich gegen mich zu stellen, wenn er nicht selbst ein Opfer werden wollte. In seinen Augen hatte ich ihn zum Täter gemacht, derweil wollte ich einfach nur endlich einen Ort haben, an dem ich mich nicht verstecken musste. Ich war dumm und naiv. Dafür musste ich bezahlen und der Preis dafür war viel zu hoch.“

Ich zupfte an dem Verband an meiner Hand und versuchte so ruhiger zu werden, doch es wollte mir nicht gelingen. Wie gerne hätte ich jetzt Marc bei mir gehabt, doch das ging nicht. Meine Mutter war ihm gegenüber immer noch feindselig und ich war noch nicht bereit diesen Kampf aufzunehmen. Immer wieder sah ich in meinem Träumen das grinsende Gesicht von Robert, wie es im Wasser verschwand. Warum hatte er das getan? Wir hätten zusammen bestimmt eine Lösung gefunden.

Erneut tauschten die Polizisten Blicke untereinander aus und der Rechte seufzte schwer, bevor er dann nickte. „Okay, ich glaube, dass dies jetzt genug ist für heute. Du bist wahrscheinlich wirklich unschuldig. Viele Selbstmörder greifen überraschend zum Messer und beenden es. Wir hatten schon öfters solche Fälle, wo niemand damit rechnete, es aber einfach wahr war.“

„Haben Sie schon mit Marc gesprochen? Er war dabei und könnte es bezeugen“, sprach ich einen weiteren Aspekt an, doch der Polizist schüttelte den Kopf. „Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir kriegen ihn einfach nicht zu fassen. Bist du dir sicher, dass er überhaupt existiert?“

Ich musste kurz verzweifelt auflachen und spürte sogleich den Schmerz in meinen Inneren. Auch auf mich reagierte Marc im Moment nicht mehr. Er kam nicht online, ging nicht ans Telefon und antwortete auf keine SMS. Ich verstand sein Verhalten nicht und hoffte, dass er sich irgendwann wieder bei mir melden würde oder hatte meine Mutter vielleicht Recht? Hatte er nun bekommen, was er von mir wollte und ließ mich wie eine heiße Kartoffel einfach fallen?

Ich spürte, wie sich bei dem Gedanken Tränen in meine Augen schlichen. Niemals wollte ich so über Marc denken. Er war immer liebevoll zu mir gewesen. Das sah ihm nicht ähnlich. Es entsprach nicht seiner Natur, mich jetzt im Stich zu lassen.

Unbewusst verstärkte ich das Zupfen an meinem Verband und ich schluckte trocken, als ich merkte, wie der Gips ein wenig abbröckelte. Die gebrochene Hand und meine Erinnerungen waren das Einzige, was mir von Robert geblieben war. In zwei Wochen wäre er aber ebenfalls weg und dann hätte ich nichts Greifbares mehr von ihm.

„Haben Sie noch Fragen an mich? Ich hätte nämlich bald eine Verabredung und müsste los.“ Ich sah die Polizisten mit großen Augen an und erneut tauschten sie Blicke aus, bevor der Schreiber dieses Mal den Kopf schüttelte, dennoch wandte sich wieder der Gleiche an mich. Hatten sie so eine strenge Arbeitsteilung?

„Nein, das war es erst einmal. Sei einfach für uns erreichbar, falls sich doch noch eine Frage ergibt.“ Sie standen auf, nachdem ich ihnen das versprochen hatte und sie reichten mir die Hand, um sich von mir zu verabschieden. Es war ein seltsames Gefühl, wieder alleine im Raum zu sein. Die leeren Kaffeetassen standen noch auf dem Tisch und ich hörte meine Mutter in der Küche.

Alles in mir schrie danach, mich an ihre Brust zu werfen und zu weinen, doch ich stand auf und ging in den Flur, um mir Schuhe und Jacke anzuziehen, um dann mit einem kurzen Abschiedswort aus der Tür zu verschwinden und mich mit Alex und Leon zu treffen…

„Da bist du ja.“ Alex lächelte mich breit an. Wir trafen uns an dem kleinen Springbrunnen in der Mitte der Innenstadt. Leon lehnte leicht gegen den Beton und sah mich mit vor der Brust verschränkten Armen an. Ich wusste, dass er ein Freund von mir war, dennoch blieb die Angst, dass er sich eines Tages gegen mich stellen würde, präsent. Vor allem wenn er so ablehnend wie jetzt dastand.

„Ja, tut mir Leid. Die Polizei war wieder bei mir.“ Ich seufzte schwer und umarmte Alex kurz zur Begrüßen, bevor ich Leon zunickte. Er lächelte kurz und erwiderte die schlichte Begrüßung, bevor Alex wieder meine Aufmerksamkeit forderte. „Echt? Können sie dich nicht bald mal in Ruhe lassen? Sie waren jetzt schon dreimal da. Was hoffen sie denn, zu finden?“

„Einen Beweis für meine Schuld“, beantwortete ich ihm die Frage und er sah mich entsetzt an, bevor er dann schon aufbrauste: „Deine Schuld?! Du bist nicht schuldig! Marc kann das doch bezeugen! Wieso solltest du?! Warum?! Wie kommen die auf den Blödsinn?!“

Ich musste wieder auflachen und Leon legte Alex beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Sie werden nichts finden, wenn Felix unschuldig ist. Da können sie noch so lange bohren, wie sie wollen. Wo kein Öl ist, kann man auch keines finden.“

Wie gerne würde ich die Ansicht von Leon teilen, doch ich hatte Angst, dass doch plötzlich ein Beweis auftauchte. So rein zufällig. Ich schüttelte den Kopf. Nein, so durfte ich nicht denken. Das war totaler Blödsinn. Die Polizei arbeitete fair und es war nun einmal Selbstmord. Da führte kein Weg dran vorbei.

„Haben sie Marc nicht befragt?“, durchbrach die Stimme von Alex wieder die Stille und ich schüttelte kurz den Kopf, bevor ich meine Schultern hängen ließ. „Er ist seit dem Todestag von Robert wie vom Erdboden verschluckt. Ich kann ihn auch nicht erreichen. Derweil könnte ich ihn jetzt wirklich gebrauchen. Hab' ich mich in ihm getäuscht?“

Ich sah meine beiden Freunde flehend an. Leon zuckte nur mit den Schultern und Alex’ Augen füllten sich mit Mitleid, bevor er zu mir trat und mir durchs Haar wuschelte. „Ich hab ihn nur einmal gesehen und er wirkte durchaus in Ordnung. Vielleicht ist er gerade beschäftigt. Bestimmt wird er sich wieder bei dir melden.“

Wie gerne hätte ich diese Worte geglaubt, doch allein die Tatsache, dass nicht einmal die Polizisten ihn fanden, ließ mich an ihnen zweifeln. Es war doch nicht möglich, dass er einfach so verschwand. Was versprach er sich davon? Das machte alles keinen Sinn.

„Marc war dabei gewesen, oder?“, fragte plötzlich Leon und ich sah ihn irritiert an, bevor ich dann zögerlich nickte und das Lächeln auf den Lippen des gutmütigen Riesen wurde eine Spur wärmer. „Dann ist es kein Wunder. Auch er ist Zeuge eines Selbstmords geworden. Wahrscheinlich sucht er nur einen Weg, wie er damit fertig werden kann. Jeder hat seine eigene Methode, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen. Der Eine redet darüber mit Leuten, denen er vertraut, so wie du Felix und die Anderen schweigen und versuchen, es mit sich selbst auszumachen. Dabei verkriechen sie sich meist und sperren die Welt aus. Vielleicht zählt Marc zu dieser Sorte Mensch.“

Die Worte von Leon machten durchaus Sinn. Marc sprach nicht gern über seine Probleme. Selbst die Qualen seiner Vergangenheit gab er nur sehr schwer preis, dennoch waren wir ein Paar. Er sollte mir vertrauen, oder nicht?

„Na ja, irgendwann wird er schon wieder auftauchen. Ansonsten gibt es hier draußen noch viele weitere schöne Kerle.“ Alex legte einen Arm um meine Schultern und drehte mich dann zu der vorbeilaufenden Menschenmenge, wobei er auf den einen oder anderen Jungen deutete. „Wie diesen hier oder den da. Du musst dich nicht nur an einen binden. Schließlich bist du noch jung.“

Ich sah Alex irritiert an und legte dann eine Hand auf seine Stirn. Nein, Fieber hatte er definitiv nicht. Also schien er zumindest ansatzweise bei Verstand zu sein, dennoch konnte ich seine Worte nicht glauben. Das entsprach ihm gar nicht.

„Aber ich liebe weder den einen noch den anderen sondern Marc. Irgendwann wird er sich bestimmt bei mir melden. Bis dahin werde ich auf ihn warten. Vielleicht kann er mir dann auch erzählen, was in seinem Kopf vorging, dass er sich, ohne ein Wort zu sagen, einfach verpisst hat.“

Leon lachte auf und wuschelte mir durch die Haare bevor er sich dann vom Brunnen abstieß und auf die Geschäfte zusteuerte. „Das kleine Hündchen kann ja durchaus bissig werden. Wie süß. Aber jetzt kommt endlich. Wir wollten ein wenig shoppen gehen. Filme für den Abend besorgen und Knabbersachen. Oder habt ihr schon Wurzeln geschlagen, sodass ich euch gewaltsam aus der Erde reißen muss?“

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und wandte mich dann zu ihm um. Alex brauchte ein paar Sekunden länger, um uns zu folgen, doch auch er schloss mit einem leichten Lachen zu uns auf. „Dass du so grob wärst, uns einfach unsere wertvollen Wurzeln auszureißen, hätte ich jetzt nicht gedacht.“

„Scheinbar musst du auch noch das ein oder andere über mich lernen, Alex. Alleine einkaufen macht einfach keinen Spaß und erst Recht kein einsamer Filmeabend. Darum müsst ihr mitkommen, ob ihr nun wollt oder nicht. Ich könnte mir zwar neue Teilnehmer suchen, aber euch hab ich schon so gut erzogen. Das wäre einfach zu viel Aufwand.“

„Oh, wie gnädig, dass du uns bei dir wähnst nur der Faulheit wegen. Da können wir uns ja beruhigen. Ich wusste gar nicht, dass du so träge bist. Sieht man dir gar nicht an.“ Alex stupste Leon frech in die Seite und dieser grummelte dann dunkel.

„Erziehung ist lästig. Das hebe ich mir für meine Kinder auf und muss es definitiv nicht öfters als nötig machen. Bei euch zwei hat es mir schon gereicht und deswegen werde ich nun versuchen so viel Nutzen wie möglich daraus zuziehen.“

„Du hast uns erzogen?“ Alex lachte erneut auf und ich musste ebenfalls lächeln. Die Zwei waren einfach angenehm zusammen. Man merkte, dass sie einander wirklich schätzten. Das war etwas, was ich mit der Zeit richtig zu würdigen lernte.

„Ja, hab ich.“ „Nein, hast du nicht. Ich habe dich erzogen. Vor mir warst du ein kleines Weichei. Schon vergessen?“ „Ist gar nicht wahr! Ich war nur nicht so stark wie jetzt, aber ich habe mich gebessert. Du dagegen bist immer noch so schwach wie damals. Wer ist hier also das Weichei?“ „Ähm… du?“ „Alex!“ Der Genannte begann darauf lautstark zu lachen. Der Blick von Leon war auch gerade mehr als göttlich. Mit so einem Konter hatte er wohl nicht gerechnet.

Auch wenn er gerade ein wenig perplex drein sah, legte sich im nächsten Moment ein Lächeln auf seine Lippen und wir begannen schließlich unsere Einkaufstour. Am Abend wollten wir uns dann bei Leon treffen, weil seine Eltern gerade nicht da waren und wir dadurch in Ruhe ein paar Filme schauen konnten. Die Zwei hatten in den letzten zwei Wochen alles getan, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Meistens schafften sie es auch, doch in solchen Momenten, wo sie nur miteinander beschäftigt waren, kam sein Lächeln zurück. Wie es verschwand und mich beschlich das Gefühl, dass eine eiskalte, nasse Hand an meinem Bein empor glitt.

Robert war tot. In einer Woche würde man ihn beerdigen. Einen leeren Sarg. Lächerlich. Aber die Hinterbliebenen brauchten einen Ort, an dem sie sich ihm nahe fühlen konnten. Das Kreuz am Fluss wurde schon in der ersten Woche aufgestellt. Niemand glaubte daran, dass er noch lebte.

Ich schluckte trocken und starrte auf die Rücken der Beiden, wie sie vor mir durch die Reihen gingen. Sie sahen einander an und ich fühlte mich alleine. Ich wusste nicht einmal woher diese Empfindung kam, doch sie wirkten so perfekt. Ihre Leben wurden nicht getrübt und sie konnten lachen. Einfach nur aus tiefsten Herzen lachen.

Ich stoppte und spürte, wie meine Hände zu zittern begannen, worauf ich sie ineinander krallte. So gut wie es zumindest mit dem Verband ging. Sie waren mittlerweile bei den Filmen angekommen und ich verspürte kurz den Drang zu gehen, als ihre Unterhaltung stoppte und sich Alex zu mir wandte. Er sah mich fragend an, bevor er dann kurz lächelte und mich zu sich winkte. „Felix? Was stehst du da rum? Komm her und schau dich um. Wir haben sogar schon den ein oder anderen gefunden. Lies sie dir mal durch und sag uns, was du davon hältst.“

Ein Stein fiel von meinem Herzen, als auch Leon mir zulächelte und ich bewegte mich ruhig auf sie zu. Ja, vielleicht schienen sie zu zweit perfekt, doch auch wenn ich es gerne vergaß, hatten sie noch einen Platz für mich in ihrer Mitte, den sie mir bereitwillig zur Verfügung stellten. Ihr Lächeln galt auch mir und ihre Augen sahen mich. Ich war keine Last, sondern ihr Freund…

Meine Hand verschwand in der Schüssel mit Popcorn, um im nächsten Moment mit Beute aufzutauchen und diese nach und nach in meinen Mund zu schieben. Wir saßen zu dritt auf der großen L-förmigen Couch. Leon lag auf dem breiteren Teil, dann kam Alex und schließlich ich. Wir hatten uns einen Horror, einen Aktion, eine Komödie und einen historischen Film mitgenommen.

Auf dem kleinen Couchtisch vor uns standen verschiedene Schüsseln mit Popcorn, Chips, Erdnussflips und Erdnüssen, sogar zwei Gläser mit Salzstangen. Um den Tisch herum standen einige Softdrinks. Ja, wir wollten heute einfach nur ungesund leben. Das musste hin und wieder auch mal sein. Einfach nur sein Leben genießen und wissen, dass man nicht alleine war.

Ich rückte mich bequemer hin und konnte nicht verhindern, dass ich mir wünschte, dass Marc nun hier war und ich mich an ihn lehnen konnte, doch er war nicht hier. Bevor ich zu Leon gefahren war, hatte ich noch einmal versucht, bei ihm anzurufen. Mehr als die Mailbox erreichte ich aber auch dieses Mal nicht und ich sprach wie immer eine Nachricht auf sie.

Meine Hand wanderte unbewusst zu dem Handy in meiner Hosentasche. Wie sehr wünschte ich mir, dass es einfach nur vibrierte und ich am anderen Ende die Stimme von Marc hören könnte, doch es blieb stumm. Schon seit Tagen. Außer Leon oder Alex riefen mich an, doch die Beiden saßen hier und plötzlich zuckte Alex neben mir zusammen.

Mein Blick glitt auf den Bildschirm und ich erkannte nur den Mann, der in seinem Arbeitszimmer saß und sich die Aufzeichnungen von verschiedenen Morden ansah. Ich begriff nicht, warum die Zwei zusammengezuckt waren, doch plötzlich war dort ein komisches Gesicht, das sich bewegte, obwohl der Film stand und auch ich spürte, wie sich mein Herz kurz vor Schreck zusammenzog.

Instinktiv griff ich noch einmal nach dem Popcorn, um so die Angst wegzuknuspern. Manchmal half es ganz gut, aber die Atmosphäre in diesem Film verschwand einfach nicht. Sie hing bedrohlich über allen Protagonisten und verteilte sich langsam auch bei uns im Wohnzimmer.

Die Atmosphäre verschärfte sich weiter, als der Junge der Familie immer wieder zum Schlafwandeln anfing und Lärm machte, der auf alles hindeuten konnte, bis man erkannte, dass es nur das Kind war. Der Film fesselte mich mit jeder Minute mehr und ich begann Marc für diesen Zeitraum zu vergessen. Er rutschte ganz weit nach hinten und in meiner Welt existierte nur der Schrecken, der durch die Zimmer huschte und in dem Filmmaterial lauerte.

Selbst als der Film zu Ende war, blieb ein beklemmendes Gefühl auf meiner Seele zurück und obwohl der Abspann lief, sagte erst einmal keiner von uns etwas. Ich spürte deutlich, dass auch Leon und Alex gerade versuchten das Gesehene zu verarbeiten, als schließlich die dunkle Stimme von Leon erklang: „Ach du Heilige! Das war krass!“

„Ja“, stimmte Alex ihm zu und auch ich nickte nur kurz, bevor ich das letzte Popcorn in meinen Mund schob. Ich sah auf die Namen, die über den schwarzen Hintergrund glitten und versuchte zu verstehen was dort gerade passiert war. In solchen Momenten fragte ich mich, ob es so etwas wie Dämonen und Engel wirklich gab oder ob sie nur Hirngespinste von den Leuten aus dem Mittelalter waren. Aber wenn so etwas nicht in irgendeiner Art und Weise existierte, wie kamen die Menschen von damals dann auf diese Ideen. Warum sollten sie sich so etwas ausdenken? Ein Dämon, der die Kinderseelen befiel, die seine Bilder betrachteten.

Ich schüttelte kurz den Kopf und seufzte dann, bevor ich mich in die Kissen der Couch sinken ließ und mein Blick zu meinen Freunden glitt. „Was meint ihr? Wollen wir jetzt die Komödie anschauen? Ich könnte jetzt ein wenig Auflockerung brauchen.“

„Ja, das ist eine gute Idee. Hoffentlich habt ihr euch bei dem Film nicht getäuscht. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, was an einem Film, der sich um das Finden von möglichst vielen Vögelarten dreht, komisch sein soll. Aber gut, ihr habt mich damals überstimmt. Ich mach mal kurz noch Popcorn. Alex, leg derweil den Film mal ein.“ Leon erhob sich und nahm die leere Popcornschüssel an sich, um dann damit zu verschwinden.

Alex seufzte neben mir und stemmte sich in die Höhe, um die DVDs auszutauschen, wobei ich spürte, dass er reden wollte. Es hing einfach in der Luft und ich gab mir einen Ruck. „Schon seltsam auf welche Ideen die Leute kommen, nicht wahr? Ein Dämon, der durch seine Bildnisse die Seelen der Betrachter befällt und sie dann zu schrecklichen Dingen zwingt. So was gibt’s bestimmt nicht.“

„Wenn du es glaubst. Wie heißt es so schön: Jede Geschichte hat einen Funken Wahrheit in sich.“ Die düstere Musik verschwand und kurz danach liefen die ersten Trailer zu anderen Komödien über den Bildschirm, als er schon zu mir zurückkam und sich neben mir niederließ.

„Aber doch nicht so ein Film! Das ist rein fiktiv und darauf ausgelegt uns Angst zu machen!“, begehrte ich auf und sah das traurige Lächeln von Alex. „Ja, vielleicht ist es so. Es muss ja nicht der Dämon sein, der die Wahrheit in diesem Film ist, sondern es kann einfach der Fakt sein, wie stark uns die Kunst in der Seele berührt. Vielleicht auch die Tatsache, dass Faszination zu Besessenheit und zu Wahnsinn führen kann. Kennst du die Cube-Filme?“

„Ähm… ich glaube nicht. Normalerweise schaue ich solche Filme nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern und Alex lächelte nur kurz, bevor er sich bequemer hinsetzt. „In ihnen geht es darum, dass einige ausgewählte Menschen in einen Würfel gefangen werden, der aus vielen quadratischen Räumen besteht, die sich immer wieder neu formieren. Manche Räume waren sicher, andere mit Fallen ausgestattet. Der ein oder andere Film könnte durchaus so existieren, weil die Fallen realistisch waren, aber es ging nicht darum, sondern um die Grausamkeit der Menschheit. Wie schnell der Mensch alles tat nur, um selbst zu überleben, aber andererseits in der Gruppe dann solch eine Stärke entwickelt, um sein eigenes Leben für die anderen zu geben. Es ging nicht um ausgeklügelte Fallen und Menschen auf möglichst spektakuläre Weise umzubringen, auch wenn es auf den ersten Moment so wirkt, genauso wie bei den Final Destination Teilen. Sondern einfach, um die menschlichen Zügen und deren Fähigkeiten in einer Gruppe zu existieren. Final Destination zeigt eher die Unausweichlichkeit des Schicksals und wie machtlos der Mensch in Wahrheit ist. Deswegen mag ich diese nicht so sehr.“

„Du siehst dir gerne solche Filme an, kann das sein?“ Ich sah ihn schräg von der Seite an und er lachte kurz auf, bevor er wieder mit den Schultern zuckte. „Nicht unbedingt. Leon mag sie und er schleppt mich meistens mit. Hast ihn ja gehört, dass er Filme nicht gerne alleine anschaut. So ist das auch mit Kino. Ich weiß nicht, er ist wahrscheinlich einfach nicht gerne alleine unterwegs.“

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Leon, der immer stark und unbeugsam wirkte, war in Wirklichkeit schwach und unsicher, was seine Position in der Gesellschaft anging. Das passte nicht zusammen, aber es zeigte auch wieder, dass der Mensch aus vielen Facetten bestand, die man erst nach und nach entdecken konnte und wahrscheinlich kannte man seinen Gegenüber niemals wirklich ganz.

Schließlich kam Leon zurück und wir starteten den zweiten Film, der mit jedem Lacher die düsteren Gedanken vom Ersten vertrieb. Es tat gut, glücklich zu sein. Ich fühlte mich wohl und auch Leon lachte hin und wieder. Der Abend war schön und die Filme allesamt interessant. Sowohl der Film über Thor, als auch der historische Film über die Pest, in dem es darum ging, warum ein Dorf verschont blieb. Es war einfach ein angenehmer Abend und seit langem fühlte sich meine Seele mal wieder frei an…

Kapitel 2

Das Rauschen von Wasser drang an mein Ohr und ich spürte den Wind auf meiner Haut. Es fühlte sich alles vertraut an und als ich meine Augen öffnete, erblickte ich die Regenbogen-Brücke. Der Mond stand hoch am Firmament und ein Schatten beugte sich leicht über das Geländer, um in die Tiefen des Flusses zu sehen.

Ich sah den Menschen an, der dort einsam stand, als plötzlich hinter mir das Lachen von Kindern erklang. Kaum hatte ich mich zu ihnen umgedreht, liefen sie auch schon an mir vorbei, sodass ich mich im Endeffekt einmal um die eigene Achse drehte. Die Kinder schlugen mit Stöcken auf sich ein und lachten dabei freudig. Der Schreck traf mich wie ein Blitz, als ich das Gesicht des einen erblickte und zu erkennen glaubte. Sein blondes Haar wehte unter seinen Bewegungen, während seine grünen Augen den Spielgefährten fixierten.

„Du wirst mich nicht besiegen, Felix. Niemals!“ Der andere Junge hob siegessicher seinen Stock, als er weiter auf die Brücke zueilte und jetzt bewegte sich auch der Schatten auf ihr, doch die Kinder schienen ihn genauso wenig zu bemerken wie mich.

„Das glaubst auch nur du, Robert! Dieses Mal werde ich gewinnen!“ Mein jüngeres Ebenbild ging wieder mit einem Lachen in den Angriff über und trieb den jungen Robert weiter auf die Brücke zu.

„Das ist lächerlich, Felix. Ich war schon immer der Stärkere von uns beiden! Daran wird sich niemals etwas ändern.“ Mit einem gezielten Hieb schlug Robert Felix den Stock aus der Hand und sprang dann triumphierend empor, während sich Felix seine schmerzende Hand rieb.

„Gewonnen!“, jubelte Robert und Felix wandte sich von ihm ab. Ich sah die Tränen in seinen Augen und griff instinktiv nach meiner gebrochenen Hand. Der Sieger schien nicht zu sehen, wie stark er den Verlierer verletzt hatte, denn er war immer noch mit Jubeln beschäftigt, während der andere mit den Tränen kämpfte und verzweifelt die verletzte Hand an seine Brust drückte.

Wieder schien sich der Schatten von seiner Position zu entfernen, doch er blieb nach wenigen Schritten stehen und sah ebenfalls auf die zwei Kinder. Das Jubeln stoppte erst als ein leises Wimmern zu hören war und Felix sich zusammen krümmte.

„Felix? Was? Was ist los?“ Es war Angst in der Stimme von Robert zu hören, als er zu seinem Freund eilte und besorgt über dessen Schulter sah. Ich konnte nicht verhindern, dass ich ebenfalls meine gebrochene Hand an meine Brust zog und mein Blick erneut zu dem Schatten wanderte. Auch wenn ich ihn nicht erkannte, wusste ich, wer dort stand und ein Kloß bildete sich in meinem Hals.

„Es tut weh! Es tut so weh! Mach das es aufhört!“ Immer wieder wurde er von einem Schluchzen unterbrochen und ich spürte, dass ich selbst diesen Wunsch oft hatte. So oft hatte ich Robert um Hilfe gebeten, wo er nicht helfen konnte. Wie sollte er mir die Schmerzen nehmen? Er war genauso jung wie ich und wusste auch nicht mehr als ich. In dieser Nacht war es das erste Mal, dass ich diese Hilflosigkeit in seinen jungen Augen sah, dennoch schaute er sich panisch um.

„Keine Sorge, Felix. Ich helfe dir. Warte, hier ist bestimmt etwas.“ Er behielt einen klaren Kopf, obwohl der Glanz in seinen Augen etwas anderes sagte. Seine Füße trugen ihn zum Wegesrand und er begann einige Pflanzen zu pflücken. Jetzt erkannte ich, dass es Sauerampfer war, die er meinem jüngeren Ich zum Essen gab.

„Darauf musst du herumkauen und dann geht es dir gleich wieder besser. Los, wir gehen zu unseren Eltern. Die können uns bestimmt helfen.“ Wieso benahm er sich umso vieles reifer als ich? Das war doch nicht möglich. Niemals wirklich möglich. Wir waren gleich alt und dennoch war er umso vieles reifer.

Felix nickte und kaute brav auf den Kräutern. Seine Tränen versiegten Stück für Stück und er folgte seinem besten Freund schließlich. Sie gingen an mir vorbei, doch sahen sie mich auch jetzt nicht. Ich blickte ihnen hinterher und spürte diesen Stich in meinem Herzen. Wieso mussten diese Zeiten enden?

„Du warst schon immer eine Heulsuse.“ Die Stimme von Robert riss mich herum. Er stand plötzlich neben mir und lächelte mich nur kurz an. Wieso war er plötzlich bei mir? Warum habe ich ihn nicht kommen hören? Das war doch nicht möglich.

Ich ging einen Schritt zurück und spürte das Holz unter meinen Füßen, bevor ich das Geländer hinter Robert erkannte. Wir standen auf der Brücke, aber das war nicht möglich. Ich hatte mich doch keinen Schritt bewegt.

„Aber weißt du was? Es war mir schon immer egal gewesen. Denn auch wenn du leicht zu weinen angefangen hattest, so konnte man dich auch ganz einfach wieder beruhigen. Ich hab dir immer nur Sauerampfer zum Essen gegeben. Das hat dich meistens schon soweit abgelenkt, dass du den Schmerz vergessen hast. Wahrscheinlich hast du wirklich geglaubt, dass es heilende Kräfte hat.“

„Wieso bist du hier, Robert?“, fragte ich dann ruhig und spürte, dass ich keine Angst mehr vor ihm hatte und mit einem Seufzer drehte er sich um. Er sah über das Gelände in das Wasser und ich trat zu ihm. Es war ein komisches Gefühl neben ihm zu stehen und in den fließenden Fluss zu blicken.

„Das weiß ich nicht. Warum stehst du neben mir, Felix?“ Er sah mich ruhig an und sein Blick erkannte den Gips. Sanft griff er nach meiner Hand und hob sie leicht hoch. Ich konnte Trauer in seinen Augen sehen und tiefes Bereuen.

„Wo soll ich sonst stehen?“, gab ich die Frage zurück und im nächsten Moment veränderte sich das Lächeln auf seinen Lippen zu etwas, was ich dort nie wieder sehen wollte. Ich verstand nicht, was gerade passierte, als er mich plötzlich mit einem Stoß über das Geländer beförderte.

Die Luft rauschte kalt an mir vorbei und ich sah in das Gesicht von Robert, als ich seine letzten Worte hörte: „Wirklich neben mir.“ Das eisige Wasser umschloss mich und ich schreckte hoch.

Die Dunkelheit um mich herum blieb, doch anstatt des Wassers spürte ich die warme Decke um meinen Körper. Ich hörte das leichte Schnarchen von Leon und erkannte den ruhigen Körper von Alex nicht einmal eine Armlänge von mir entfernt. Das Display der digitalen Uhr zeigte mir, dass es gerade einmal drei Uhr morgens und alles nur ein Traum gewesen war. Ein einfacher Traum.

Ich ließ mich nach hinten sinken und starrte an die dunkle Decke, während ich dem Atem meiner Freunde lauschte. Sie waren da und sie nahmen mir den Schmerz ohne der Hilfe irgendwelcher Tricks. Ist es wahr? Hatte mich Robert immer nur getäuscht? Waren wir überhaupt richtige Freunde gewesen? Hatte ich ihm jemals vertrauen können?

Ich seufzte schwer und schloss meine Augen, als ich erneut Tränen in ihnen spürte. Nein, ich wollte nicht heulen. Klar, hatte Robert Recht. Ich war eine Heulsuse, aber irgendwann musste es doch aufhören. Irgendwann... Doch er fehlte mir. Er fehlte mir mit jedem Tag, der verging.

Ich rollte mich zur Seite und zog meine Beine enger an meinen Körper. Die Nacht war noch lange und ich wollte schlafen. Nur noch schlafen und auch wenn er mich das letzte Mal in den Tod gestoßen hatte, so hoffte ich dennoch, dass ich ihn noch einmal sah. Nur noch ein einziges Mal…

Der Geruch von frischen Semmeln und Kaffee drang in meine Nase und führte mich sanft aus der Dunkelheit des Schlafes. Ich musste gähnen und streckte mich kurz, bevor ich mich dann langsam aufrichtete und bemerkte, dass Leon und Alex schon wach waren. Wenn ich mich konzentriere, dann konnte ich ihre Stimmen sogar aus der Küche hören.

Ich fuhr mir schläfrig durch die Haare und sah kurz aus dem Fenster, das begierig das Licht in den Raum ließ. Es war ein seltsames Gefühl, nicht im eigenen Zimmer aufzuwachen und doch fühlte ich mich hier geborgen. Kurzerhand schlug ich die Decke zur Seite und stand dann auf, um mich schnell anzuziehen und dann zu den anderen Beiden in die Küche zu gehen.

„Morgen“, begrüßten sie mich sofort, als sie mich erblickten. Leon stand am Herd und schien Speck und Rührei zu machen. Da hatte jemand vor, uns rundum zu verwöhnen. Alex hingegen deckte gerade den Tisch zu Ende und wandte sich mir dann mit einem Lächeln zu.

„Na? Hat das Dornröschen endlich ausgeschlafen?“, neckte mich Leon und ich spürte, wie ich leicht rot wurde. Solange waren sie bestimmt noch nicht wach und außerdem wurde das Dornröschen auch einmal in der Nacht im Schlaf gestört.

„Schon, aber vor allem riecht es hier so gut. Das hat mich geweckt.“ Meine Erklärung klang erbärmlich und ich musste kurz trocken schlucken, bevor ich dann zu Alex trat und unsicher an meinem Gipsverband zupfte. „Kann… kann ich dir irgendwie helfen?“

„Nein, wir sind schon so gut wie fertig. Setz dich einfach hin und lass dich bedienen, Prinzesschen.“ Er lächelte mich an und wuschelte mir kurz durch die Haare, als er zurück zu Leon ging und diesem dabei half das Essen auf Teller zu verteilen, um dann gemeinsam mit ihm und diesen zum Tisch zurückzukehren.

„So, lasst es euch schmecken. Ich hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe, denn ich stehe nicht so oft in der Küche.“ Leon nahm Platz und machte eine einladende Geste über den Tisch, dennoch zögerte ich und ließ Alex den Vortritt. Es war ein komisches Gefühl, hier mit ihnen zu sitzen. Sie unterhielten sich und ich fühlte mich außen vor. Ja, ich wusste, dass dieses Gefühl falsch war, trotzdem konnte ich es nicht verhindern.

Als Letzter nahm ich mir nun ebenfalls etwas Essen und begann den Hunger zu stillen, während ich den Worten von Leon und Alex lauschte, die sich über die Pläne für den heutigen Tag unterhielten.

„Kino klingt schon nicht schlecht, aber wir haben gerade erst so viele Filme gesehen, deswegen würde ich gerne etwas mit mehr Bewegung machen.“

„Dann lass uns doch auf den Sportplatz gehen. Vielleicht können wir dort sogar ein wenig Fußball spielen oder so was. Du hast ja einen Ball hier oder Leon?“

„Ja, irgendwo hab ich bestimmt einen. Aber na ja. Was ist mit Felix? Bei unserem Glück passiert was und seine Hand bricht noch mal oder so.“

„Er kann ja nur zuschauen oder so. Hast du sonst eine besser Idee? Du wolltest dich bewegen. Ich hab schon was vorgeschlagen, was Felix’ Hand schonen würde.“

„Ja, aber dauernd nur irgendwelche Filme anschauen macht mich aggressiv. Ich weiß, dass du das nicht verstehst, Alex, aber ich brauche ein wenig Bewegung und muss mich hin und wieder an meine Grenzen treiben, sonst schlägt das auf meine Laune. Warum muss er auch noch den beschissenen Verband tragen?“

„Ähm… es macht mir nichts aus euch beim Spielen zuzusehen.“ Ich wusste nicht, ob es gut war, dass ich mich jetzt einmischte, aber schließlich betraf es ja auch mich und ich wollte nicht, dass sie sich wegen mir stritten. Klar, war es blöd, dass ich eine gebrochene Hand hatte, aber das würde nicht mehr allzu lange dauern und es beruhigte mich schon, dass sie auf mich Rücksicht nahmen. Da konnte ich dann auch mal ein Opfer bringen.

„Siehste, er hat kein Problem damit. Also gehen wir in den Park und bewegen uns ein wenig. Das ist doch das, was du willst, oder Leon?“

„Ja, schon. Aber…“ Er sah zu mir hinüber und musterte mich kurz besorgt, bevor er dann mit den Schultern zuckte und sich wieder an Alex wandte. „Wenn er es sagt, geht es wohl in Ordnung. Aber Felix, du sagst, wenn es dir zu langweilig wird, okay? Dann finden wir schon was anderes, ja?“

Es war ein seltsames Gefühl, dass sich in diesem Moment Leon mehr um mein Wohlergehen kümmerte als Alex, aber anscheinend schien in dem Riesen wirklich ein Herz aus Gold zu schlagen. „Okay.“ Mehr brachte ich nicht über meine Lippen, denn plötzlich wurde Alex aggressiv.

„Was soll das, Leon!? Erst redest du mit mir, dass du keine Lust mehr darauf hast und ich schlage etwas anderes vor, aber du stellst mich dann so hin, als wäre mir Felix total egal! Das ist echt scheiße von dir! Boah ey! Ich glaube, ich spinn jetzt! Was soll das?!“

„Ich hab gar nichts gemacht, aber einer muss an Felix denken, oder nicht? Er ist doch der Freund von uns beiden. Da ist es egal, wer wann woran denkt. Hauptsache niemand wird vergessen, oder?“

„Ha! Nein! Nein! So läuft das nicht! Nicht so, Leon!“

Ich verstand nur noch Bahnhof und der Fakt, dass Alex mittlerweile aufgestanden war und sich vor dem sitzenden Leon aufbaute, machte die Situation nicht besser. Wörter steckten in meiner Kehle, doch ich konnte sie nicht in die Freiheit entlassen. Es sperrte sich etwas in mir und so krallte ich mich mit meiner gesunden Hand nur in das Holz des Tisches.

„Was hat dich jetzt gestochen, Alex?“ Leon stand auf und baute sich vor seinem besten Freund auf, doch dieser wich nicht einen Zentimeter zurück, sondern sah ihn entschlossen und zornig in die Augen.

„Es ist meine Aufgabe für Felix zu sorgen. Ich habe ihn damals aus der Einsamkeit geholt und Schläge für ihn kassiert. Du stellst mich vor ihm nicht wie den totalen Arsch da, ist das klar?“

Leon lachte hart auf und schüttelte dann den Kopf. „Jetzt weiß ich, wo der Hase lang läuft. Oh Gott, Alex, wirklich? Wieso bist du eifersüchtig auf mich? Ich dachte, dass wir beide Freunde von Felix sind. Da ist es doch egal, wer an ihn denkt und wer ihn mal vergisst. Das passiert jedem einmal. So ist das Leben nun einmal. Wir können nicht immer an alles denken. Setz dich, beruhige dich und iss auf, Alex. Felix ist bestimmt nicht der Meinung, dass du ein schlechter Freund bist, nur weil du seine Verletzung für einen Moment vergessen hast.“

„Das habe ich nicht“, grummelte Alex und nahm dann aber wieder Platz, jedoch nicht ohne zu schmollen. Leon selbst musste darauf nur erneut lachen, bevor er den Kopf schüttelte und mir deutete weiter zu essen. Es wäre mir selbst nicht einmal aufgefallen, dass ich damit aufgehört hatte. Dieser kurze Ausraster von Alex war völlig ungewöhnlich für ihn und dennoch menschlich.

„Es ist in Ordnung, Alex. Ich bin dir nicht böse.“ Ich versuchte die Situation noch einmal zusätzlich zu entschärfen und erntete darauf ein sanftes Lächeln von Alex, bevor wir alle weiter aßen und auch wenn es niemand aussprach. Der Plan des heutigen Tages stand fest: Auf den Sportplatz Fußball spielen…

Das Zwitschern der Vögel drang an mein Ohr und der Duft von frisch gemähtem Gras stieg in meine Nase. Ich saß im Schatten eines Baumes und beobachtete Alex und Leon auf dem Sportplatz. Sie hatten noch vier weitere Jungs gefunden, sodass sie ein kleines Spiel veranstalten konnten.

Alex und Leon waren in einem Team und während einer der vier Jungs in ihrem Tor stand, traten die anderen Drei als andere Mannschaft gegen sie an. Es war ein komisches Gefühl und ich verstand nicht, wie sie diesem Fremden einfach vertrauen konnten, dass er die Bälle seiner Freunde auch hielt und sie nicht von hinten heraus angriff.

Ich musste den Kopf schütteln und mich zu einer anderen Denkweise zwingen. Es war nicht gut, wenn ich in jedem Menschen erst einmal einen Verräter sah. Sie waren nicht alle so und Alex und Leon hatten es mir gezeigt. Genauso wie Marc.

Marc.

Ich holte das Handy aus meiner Tasche und starrte auf das Display. Keine Reaktion. Ich hatte ihm erneut heimlich eine SMS geschickt, weil ich nicht wollte, dass Alex und Leon mitbekamen, wie verzweifelt ich wegen seines Schweigens war. Wieso meldete er sich nicht? Sollte ein Paar nicht jede Krise gemeinsam bewältigen? Glaubte er nicht daran, dass ich ihm auch helfen konnte? Vertraute er mir nicht? War er der Meinung, dass ich ihn zerstören würde, wenn ich eine Waffe gegen ihn in der Hand halten würde? Das war doch lächerlich.

Ich umschloss das Mobiltelefon fester und spürte, wie das Plastik sogar leicht nachgab, doch es war mir egal. Er sollte sich endlich wieder melden. Nur einmal kurz sagen, dass er mich nicht vergessen hatte. Ich dachte, er liebte mich. Hatte ich falsch gedacht?

Ich spürte, wie meine Hände erneut zu zittern begannen. Wieso entglitt mir mein Leben schon wieder so? Robert war doch weg und auch wenn es einige in meiner Klasse gab, die mir die Schuld an seinem Tod gaben, so hatten die Schikanen zum größten Teil aufgehört. Mein Leben konnte endlich wieder mir gehören. Warum tat es das nicht?

„Felix?“ Die Stimme irritierte mich, denn ich hatte sie schon lange nicht mehr gehörte. Mein Blick folgte ihrem Laut und ich war überrascht, als ich in besorgte, braune Augen sah, die mich schon einmal so angesehen hatte. Erneut spielte er nervös mit dem Saum seines Hemdes und strich sich dann eine der kurzen braunen Strähnen aus dem Gesicht. Wieso war er hier? Was wollte er von mir?

Ich schnellte in die Höhe und wich einen Schritt zurück. Aus seiner Reichweite, während sich mein Körper anspannte und ich instinktiv die gebrochene Hand schützend an meinen Körper drückte.

„Chris? Was willst du hier?“ Ich konnte die Angst nicht aus meiner Stimme verdrängen. Auch konnte ich nicht verhindern, dass meine Augen nervös die Gegend absuchten, ob irgendwo wieder Leute waren, die mir wehtun wollten. War es vielleicht doch noch nicht vorbei? Musste ich immer noch kämpfen für das, was ich war?

„Ich… wir… Es tut mir Leid.“ Er wich meinem Blick aus und ich nahm nur am Rande wahr, dass der Spiellärm aufhörte, während ich weiter auf meinen Gegenüber starrte. Wie gerne hätte ich ihm diese Worte geglaubt, doch ich konnte es nicht. Wegen ihm hatte ich eine gebrochene Hand und konnte nicht mit meinen Freunden spielen. Er war schuld daran, dass sich Alex und Leon gestritten hatten und auch daran, dass die Schikanen soweit geführt hatten, dass sich Robert das Leben genommen hatte. Ja, er war der Mörder von Robert.

„Ich hab dir damals gesagt, dass du mich nie wieder ansprechen sollst. Warum bist du jetzt hier? Es gibt nichts mehr, was wir uns zu sagen hätten. Dein Schweigen hat erst alles zugelassen. Egal, ob du für oder gegen mich bist. Du machst alles nur schlimmer. Verschwinde einfach, Chris.“ Ich wandte mich von ihm ab und erkannte, dass Alex und Leon zu mir sahen. Sie waren bereit zu kommen und Alex näherte sich auch langsam uns, wobei er schließlich von Leon gestoppt wurde.

„Ich… ich… das weiß ich und es tut mir Leid, dass sie dich wegen mir erwischt haben. Das wollte ich nicht. Felix, ich bin auf deiner Seite. Glaub mir bitte. Ich… bitte… glaub mir.“ Die Verzweiflung in seiner Stimme konnte nicht gespielt sein, dennoch verschloss sich mein Herz dafür und ich spürte, wie meine Hände zu zittern begannen, doch dieses Mal aus Zorn.

Chris nahm sich einfach das Recht heraus, hier vor mir zu stehen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich wollte ihm nicht verzeihen. Keinem meiner Peiniger wollte ich jemals vergeben. Sie sollten ihre gerechte Strafe bekommen und dann. Ja, vielleicht dann wäre ich bereit sie zu begnadigen. Aber nicht jetzt und vor allem nicht ihm. Er tat auf Freund und hatte mich verraten. Man konnte ihm nicht trauen.

„Deine Motive sind mir egal. Du hast mich verraten. Wegen dir habe ich eine gebrochene Hand. Dein Schweigen hat Robert in den Selbstmord getrieben, weil er nur den Hass kannte. Er wusste nicht, dass man es auch akzeptieren kann, weil du geschwiegen hast. Du hast nicht den Hauch einer Ahnung, wie viel Leid dein Schweigen verursacht hat und jetzt stehst du hier und bittest um Vergebung. Das ist lächerlich, Chris. Einfach nur erbärmlich. Ich will dich nicht wiedersehen. Du bist schuld an allem und ich werde es dir nicht verzeihen.“

„Felix… ich… bitte, hör mir nur eine Minute zu.“ Er trat einen Schritt auf mich zu und wollte mich am Arm packen, doch ich entriss ihm ihn und wich vor ihm zurück. „Fass mich nicht an! Als ich das letzte Mal dir zugehört habe, sind Schläger gekommen und haben mir meine Hand gebrochen! Du bist nur dagestanden und dir zu fein gewesen, mir zu helfen! Warum sollte ich dir also glauben, dass du auch nur irgendwo tief in dir den Wunsch hast, dass es mir gut geht? Das glaubst du doch selbst nicht!“

„Bitte… du verstehst das nicht, Felix. Ich…“ Er brach ab, als Alex auf uns zu kam und wich sogar einen Schritt zurück. Wie ein geschlagener Hund senkte er seinen Blick und ich sah auf meinen Freund, der mich besorgt musterte. „Alles okay bei dir, Felix? Wer ist das?“ Er deutete auf Chris, der sich immer unwohler in seiner Haut zu fühlen schien, denn das Zupfen an seiner Kleidung wurde mit jeder Sekunde ausgeprägter. Mein Blick glitt über ihn und ich spürte kurz Mitleid in mir aufkeimen, welches ich aber sofort niederrang. Dieser Mensch hatte solche Gefühle nicht verdient.

„Ja, keine Sorge. Chris wollte gerade eben gehen.“ Meine Stimme war hart und grausam. Etwas, was ich von mir gar nicht gewohnt war, aber dieser Hass, der in mir wütete und der danach schrie, dass ich ihn an Chris ausließ, raubte mir sämtlichen Verstand. Dieser Junge vor mir hatte meine Güte nicht verdient.

Alex sah auf ihn und das Misstrauen in seinen Augen wich der Sorge, als er zu Chris trat und kurzerhand dessen Hände am Zupfen hinderte. „Chris? Warum bist du hier? Was quält dich?“

Ich konnte es nicht fassen. Warum half Alex diesem Jungen? Er hatte es nicht verdient und konnte ruhig ein wenig leiden. Schließlich hatte er immer weggesehen. Auch Chris schien damit überfordert zu sein, denn er sah Alex an, als wäre dieser ein übernatürliches Wesen, bevor sein Blick zu mir glitt und anscheinend nach einer Antwort suchte, bevor er dann den Kopf schüttelte und einen Schritt Abstand zu Alex nahm.

„Nichts. Es geht schon. Ich wollte nur kurz mit Felix reden, aber… Es ist alles in Ordnung. Ich muss auch schon wieder los.“ Das Lächeln, welches er versuchte Alex zu schenken, erinnerte mich an mich selbst, als ich noch versuchte auf heile Welt zu spielen. So voller Trauer und Schmerz und anscheinend hatte es auch Alex bemerkt, denn er versuchte Chris zu stoppen, doch dieser entzog sich seinem Griff. Das Lächeln verschwand nicht, als er nur kurz den Kopf schüttelte und sich dann abwandte, um nach einem kurzen Abschiedswort zu gehen.

„Was? Was war los, Felix?“, wandte sich Alex an mich, doch ich zuckte nur mit den Schultern und ließ mich dann wieder aufs Gras sinken. „Nichts. Chris ist ein Mitschüler. Er ist daran schuld, dass man mir die Hand gebrochen hat, weil er mich mal auf den Nachhauseweg angesprochen und somit lang genug aufgehalten hatte, damit mich Robert mit seinen Schlägern erwischen hatte können. Seitdem will ich nichts mehr mit ihm zu tun haben.“

„Ich verstehe und warum hat er dich damals angesprochen?“ Alex schien das Thema nicht so leicht fallen lassen zu wollen, doch ich wurde von Leon und den anderen Jugendlichen erlöst. „Alex?! Was ist los? Wir wollen weiterspielen! Komm endlich wieder zurück!“

„Ja, ja! Ist ja gut! Ich bin schon unterwegs!“ Ich sah deutlich, dass Alex nur widerwillig von meiner Seite wich, doch sein Blick zeigte mir auch, dass dieses Thema für ihn noch nicht gegessen war. So sehr ich Alex auch mochte, aber er schien viel zu gerne die Rolle meines Gewissens zu spielen. Wie Jiminy die Grille bei Pinocchio. Lästiges, kleines Insekt.

Doch ich schob die Gedanken zur Seite und sah den anderen weiter bei ihrem Spiel zu. Das Verhalten von Chris ignorierte ich. Ich wollte mich nicht mit ihm beschäftigen. Er war ein Mensch, den ich nicht in meinem Leben haben wollte. Schließlich war er doch schuld an allem, oder nicht?

Ich raufte mir die Haare, als ich bemerkte, wie Alex’ Zweifel auch mein Herz langsam erreichten. Mir war klar, dass Chris’ Verhalten irgendeinen Grund haben musste, aber ich wollte diesen gar nicht wissen. Es war doch umso vieles einfacher, wenn man ihn einfach nur hasste.

Ich schnaubte und starrte beleidigt auf Alex, der mittlerweile schon wieder gänzlich in seinem Spiel vertieft war. Er und Leon waren ein perfektes Team. Die anderen kamen kaum dazu auf das Tor zu schießen, denn sie wurden immer wieder ausgespielt. Ich wusste, dass Robert und ich genauso hätten sein können. Wir kannten uns auch schon ewig und wussten von den Gedanken des jeweils anderen. Aber die wichtigsten Empfindungen waren uns unbekannt.

Ich seufzte, als mir erneut bewusst wurde, wie sehr mir Robert fehlte. Niemand kannte mich besser als er. Er schien von meiner Neigung schon vor mir gewusst zu haben und hatte sie hingenommen. Auch wenn er schuld an meinem Leid gewesen war, so konnte ich ihn seit dem Gespräch auf der Brücke nicht mehr hassen. Vielleicht hätte ich das Gespräch damals wirklich anders anfangen sollen, doch daran konnte ich nichts mehr ändern. Wie gerne hätte ich noch einmal mit ihm gesprochen. Nur noch ein letztes Mal, um ihm zu sagen, dass unsere Freundschaft noch lebte. Wir könnten wieder Freunde sein.

Mein Blick glitt zu Chris, der einsam unter einem Baum saß und das Spiel anscheinend auch beobachtete, doch immer mal wieder sah er zu mir herüber. Er zupfte immer noch an seinem Oberteil und ich verstand sein Verhalten nicht. Sollte ich ihm vielleicht doch zuhören?

Plötzlich juckte meine Hand unter dem Gips und mir wurde wieder bewusst, was ich ihm zu verdanken hatte. Ich wollte nicht mit ihm reden. Das hatte er gar nicht verdient, oder doch? Sollte nicht jeder eine zweite Chance bekommen? An diesem Zwiespalt war nur Alex schuld.

Ich schnaubte wütend und wandte mich von Chris ab, um mich krampfhaft auf das Spiel zu konzentrieren und als ich das nächste Mal auf den Baum sah, war er verschwunden und auch wenn es mich kurz überraschte, so war es mir doch egal…

Es war ein seltsames Gefühl als das Ergebnis verkündet wurde und meine Freunde den Sieg errungen hatten. Sie kamen auf mich zu und lächelte mich an. Ich stand auf und lief ihnen ein Stück entgegen, um ihnen dann zu gratulieren: „Ihr habt echt klasse gespielt. Seit wann seid ihr so gut darin? Ich hätte nie vermutet, dass ihr das so gut könnt.“

„Danke für das Kompliment, Felix, und na ja, jeder hat sein Geheimnis.“ Alex lachte auf und sah kurz mit einem breiten Grinsen zu Leon, der ihm dann freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Im nächsten Moment sah sich der Kleinere um und ich wusste, wen er suchte, doch er würde ihn nicht finden.

„Wo ist Chris? Er hat uns doch auch noch zugesehen, oder nicht?“, fragte Alex dann und ich zuckte als Antwort mit den Schultern. „Ja, hat er, aber irgendwann ist er dann einfach verschwunden. Ist auch besser so. Ich will so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben. Schließlich habe ich ihm den Gipsverband zu verdanken.“

Ich wollte den Groll gegen Chris noch nicht fallen lassen. Selbst der strafende Blick meines Freundes konnte ihn nicht vernichten. Schließlich wollte ich es einfach so. Es war erfrischend jemanden zu hassen, ohne seine Beweggründe zu hinterfragen. Schließlich hatte ich in letzter Zeit immer nur nach dem Grund gefragt und das laugte auf Dauer doch aus.

„Wieso ist er dir auf die Hand getreten? Er sah mir jetzt nicht wie ein Schläger aus.“ Leon mischte sich nun auch ein und ich hasste ihn für diese Worte. Konnten sie mich nicht einfach damit in Ruhe lassen? Chris brauchte unsere Hilfe nicht und er sollte wie zuvor auch aus meinem Leben verschwinden. Wir waren nur Klassenkameraden und mehr wollte ich nicht zulassen.

„Nein, ist er nicht, aber er hat mich auf den Nachhauseweg angesprochen und aufgehalten, sodass mich Robert mit seinen Schlägern einholen konnte und da ist mir jemand auf die Hand gestiegen. Ich weiß mittlerweile nicht einmal mehr, wer es war. Ist ja auch unwichtig.“ Ich winkte ab und wollte gehen, doch meine Freunde bewegten sich nicht.

„Interessant. Derjenige, der dich verletzt hat, ist dir egal, aber Chris verfluchst du für sein Verhalten. Das klingt nicht besonders fair, Felix.“ Alex versuchte erneut mein schlechtes Gewissen zu wecken und ich spürte, dass er langsam sein Ziel erreichte. Das war einfach nur ein ekelhaftes Gefühl.

„Vielleicht hatte er seine Gründe, dass er dich ansprach. Er wirkt auf mich nicht so, als würde er dein Leid wollen. Eher so, als hätte er Angst das nächste Opfer zu werden“, sprach Alex weiter und ich spürte, wie ich mich anspannte. Ich wollte nicht darüber nachdenken und Chris eine Chance geben. Wenn ich ihm verzieh, dann würde ich doch indirekt zugeben, dass ich ihm Unrecht tat, oder?

„Ich weiß nicht, was er von mir will. Er will dauernd nur reden, aber ich will nicht, okay? Ist das wirklich so schwer zu verstehen?“ Ich wurde lauter als ich beabsichtigte, doch ich konnte es auch nicht unterbinden. Es tat weh, dass mir Alex solch eine Grausamkeit unterstellte und mich deswegen auch noch indirekt verurteilte. Ich wünschte mir, dass ich anders empfand, aber es ging nicht. Dieser Kerl hatte mir nicht geholfen, obwohl er mir gesagt hatte, dass die Schläge nicht in Ordnung waren. Das war nicht okay. Das war nicht gerecht. Er sollte auch leiden.

„Du solltest ihm eine Chance geben, Felix.“ Leons Worte waren warm und sanft. Sie erreichten dadurch einen Bereich in meinem Herzen, den ich für Chris geschlossen halten wollte. Hatten sie vielleicht Recht? Sollte ich ihm die Chance geben, sich zu erklären? Würde ich mir das auch wünschen, wenn ich Chris wäre?

Ich musste zurück denken, wie er vor mir gestanden hatte und so schüchtern und unsicher gewesen war. Das Zupfen an seinen Ärmel und dieses traurige Lächeln. Desto mehr ich über ihn nachdachte, desto ähnlicher wurde er mir. Nach wenigen Atemzügen sah ich mich selbst in Chris. Damals, als ich kurz davor gewesen war, mich zu outen. Diese Last, die auf den Schultern lag, weil man sich selbst verleugnete. Es konnte nicht wahr sein, oder? War Chris schwul?

„Du siehst aus, als hättest du einen Geistesblitz gehabt. Worüber denkst du gerade nach?“ Alex’ Worte drangen zu mir durch und erst jetzt registrierte ich meine beiden Freunde wieder. Ob sie genauso dachten? Wirkte Chris auf sie wie jemand, der ein tiefes Geheimnis hütete, dass ihn zerstören könnte? Wollte er deshalb mit mir sprechen, weil er genauso ein gesellschaftliches Tabu in sich trug? War er sogar wie ich?

„Über Chris. Ich sollte vielleicht doch mal mit ihm reden.“ Diese Entscheidung fiel mir plötzlich einfach, dass ich sogar kurz über meine eigenen Worte erschauderte. Leon sah mich kurz schräg an, während mich Alex sanft anlächelte. Es war ein gutes Gefühl, sie bei mir zu wissen und dennoch wünschte ich mir, dass ich auch Marc zu dieser Lage befragen könnte. Er war wie ich und wusste, wie grausam die Gesellschaft zu Menschen wie uns sein konnte. Sie dagegen sahen es nur vom Rande aus. Niemals könnten sie wirklich verstehen, wie es einen ging.

„Das klingt nach einer guten Idee. Chris schien wirklich dringend jemanden zum Reden zu brauchen und so wie es aussieht, hat er dich dafür vorgesehen.“ Alex klopfte mir aufmunternd auf die Schultern. Meine Gewissensgrille war also mit dieser Entscheidung zufrieden. Ob meine Nase irgendwann auch länger würde, wenn ich log?

Ich musste bei diesem Gedanken ein wenig schmunzeln und innerlich den Kopf schütteln. Dieser Film zählte nicht unbedingt zu meinen Lieblingen. Ich mochte nur die Katze darin, aber dennoch musste ich im Moment immer wieder an dieses Beispiel denken. Vielleicht war er auch eher wie Sebastian die Krabbe. Aber dafür verpetzte er zu wenig. Er ließ mich meine Entscheidungen selbst treffen und redete mir lieber ins Gewissen.

„Das freut mich, Jiminy.“ Ein Grinsen zauberte sich auf meine Lippen, welches sogar noch breiter wurden, als ich Alex verwirrten Blick erkannte und selbst Leon musste leise kichern, worauf sich der Schwächere zu ihm umdrehte und ihn noch verwirrter musterte.

„Das ist ein guter Vergleich, Felix.“ Leon hatte Mühe sich wieder einzukriegen und langsam wurde aus dem Kichern ein lautstarkes Lachen, was mich sogar ein wenig ansteckte. Alex selbst verstand noch weniger und langsam verwandelte sich seine Verwirrung in Ärger um, worauf ich sanft seine Schulter berührte.

„Das ist nicht böse gemeint, Alex, aber manchmal wirkst du auf mich, wie mein Gewissen, das mich von schlechten Entscheidungen abhalten will. Vor allem in der Sache Chris hast du es wirklich stark raushängen lassen.“ Ich hoffte, dass ich ihn so ein wenig besänftigen konnte und tatsächlich entspannten sich seine Züge. Er lächelte nun ebenfalls und langsam fing sich auch Leon wieder.

„Lust auf ein Eis, um euren Sieg zu feiern?“, schlug ich eine nächste Unternehmung vor, die mit Einstimmigkeit angenommen wurde. Der einstige Unmut, den Chris über uns gelegt hatte, war nun verschwunden und ich hatte mir vorgenommen, dass ich am Abend mal bei ihm Zuhause vorbeigehen würde. Vielleicht brauchte er ja wirklich meine Hilfe und auch wenn ich ihm seine Zurückhaltung von damals noch nicht gänzlich verziehen hatte. So wollte ich ihm zumindest die Chance geben sich zu erklären. Jeder hatte es verdient, sich erklären zu dürfen. Auch Chris…

Kapitel 3

„Tau“, las ich in Gedanken das Namensschild über der Türklingel. Ein kurzer und knapper Familienname, bei dem ich weder an die Mafia noch an eine andere Verbrecherorganisation denken musste und der in mir auch sonst keine negativen Verknüpfungen hervorrief. Dennoch zitterte mein ganzer Körper, als es darum ging, auf die Klingel zu drücken.

Alex und Leon hatten sich bei dem Gartentor von mir verabschiedet aber erst, nachdem ich ihnen mehrmals versichert hatte, dass es für mich okay war, wenn sich unsere Wege für heute hier trennen würden. Ich wollte mit Chris alleine sprechen. Schließlich schien ihn jeder andere nervös zu machen. Er sollte frei sprechen können.

Ich atmete tief ein und aus, bevor ich dann all meinen Mut zusammennahm und auf die Klingel drückte. Es dauerte nur wenige Atemzüge und im nächsten Moment sah ich in das fragende Gesicht von Chris. Zumindest dachte ich das im ersten Augenblick, weil sie sich so ähnlich sahen, doch dann sprangen mir ihre Brüste förmlich ins Gesicht und auch das längere Haar wurde mir bewusst, welches über ihre Schultern fiel.

„Ja?“ Sie wirkte genervt, als sie sich möglichst cool an den Türrahmen lehnte und ich spürte erneut dieses Unbehagen in mir. War es wirklich in Ordnung hier zu sein? Vielleicht war Chris ja auch noch gar nicht Zuhause? Sollte ich vielleicht später wiederkommen oder jetzt einfach mit der Tür ins Haus fallen? Mir kam es vorhin gar nicht in den Sinn, dass jemand anderes als Chris die Tür öffnen könnte, doch jetzt sah ich mich genau in der ungeplanten Möglichkeit gefangen. Aber wenn ich genauer darüber nachgedacht hätte, wäre mir bewusst geworden, dass die Chancen, Chris an der Tür anzutreffen, eher schlecht gestanden hatten.

„Ähm…“ Ich strich mir nervös über den Nacken und zupfte dann noch einmal an meinem Gips, bevor ich ihr genervtes Stöhnen wahrnahm und mir einen Ruck gab. „Ich möchte kurz Chris sprechen. Mein Name ist Felix und ich bin ein Klassenkamerad von ihm.“

„Muss das jetzt sein? Hättest du ihm das nicht in der Schule sagen können? Ach, meinetwegen. Ich hol ihn dir kurz.“ Sie knallte mir die Tür vor der Nase zu und ich überlegte kurz, ob sie ihre Worte wirklich ernst meinte oder ob sie mich jetzt einfach hier draußen stehen lassen würde. Gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, dass sie mich wohl verarscht hatte, öffnete sich die Tür und ich sah in das schüchterne Gesicht von Chris.

Wie hatte ich seine Schwester für ihn halten können? Er hatte ausgeprägtere Wangen und einen schmaleren Mund als sie. Auch waren seine Augen dunkler als ihre und sie entführten einen in eine Unendlichkeit, die einen vielleicht nie wieder hergeben würde.

„Felix?“ Chris schien meine Anwesenheit nicht glauben zu können, denn seine Augen wurden ganz groß und auch richtete er sich aus seiner zu Anfang kauernden Haltung auf, bevor er sogar leicht lächelte. Dies erstarb jedoch nur wenige Sekunden wieder und er wich meinem Blick aus. „Was? Warum bist du hier? Ich dachte, dass du nicht mehr mit mir reden willst.“

„Kann ich kurz reinkommen? Ich hatte ein Gespräch mit meinem Gewissen und na ja, ich sollte dir wohl doch zuhören, sonst würde die lästige Grille wohl niemals Ruhe geben.“ Ich musste bei der Vorstellung von Alex als Grille ein wenig grinsen, was Chris wohl irritierte, doch er trat schließlich zurück um mich in das Haus zu lassen.

„Mein Zimmer ist gleich hier.“ Er deutete auf eine der vier Türen, die aus dem Flur führten und ich nickte ihm kurz zu, bevor ich meine Schuhe auszog und meine Jacke an einen Haken hängte. „Ich hoffe, dass ich dich nicht allzu sehr störe, aber ich wollte das relativ schnell über die Bühne bringen.“

„Nein, wir sind gerade fertig mit dem Essen. Ist also in Ordnung.“ Er lächelte kurz schüchtern, bevor er dann voraus in sein Zimmer ging. Es wirkte auf mich schon fast voll gestopft. Die Wände standen voller Regale und Möbel. Wo man mal glaubte eine Tapete zu sehen, hing ein Bild an der Wand. DVDs türmten sich auf dem Boden, genauso wie Bücher. Figuren standen in den verschiedensten Bereichen des Zimmers und ich musste wirklich aufpassen, wo ich hintrat. Es war jetzt nicht so, dass Chris sie nicht aufräumte, aber er hatte einfach keinen Platz mehr in den Regalen dafür.

Dieser ging zielstrebig und sicher durch das Chaos, bevor er sich auf dem Bett niederließ und mir den Schreibtischstuhl zeigte. Zumindest glaubte ich das. Ich konnte zu Beginn nämlich nichts erkennen, als ich mich in die gezeigte Richtung bewegte. Mit jedem Schritt hatte ich wirklich Angst, dass ich einen der Türme umwarf oder eine Figur zertrat. Wie konnte man nur so leben?

„Leg sie einfach auf den Boden“, wies er mich an, als ich bei besagtem Stuhl, der natürlich auch schon zur Buch- und DVD-Ablage mutiert war, ankam. Vorsichtig versuchte ich die Sachen irgendwo in dem Chaos zu platzieren. Auch wenn ich danach nicht mehr sagen konnte, wo genau das war. Sie verschmolzen einfach mit dem umliegenden Stapeln.

„Es tut mir Leid, dass es hier so aussieht, aber ich hab noch keine Lösung für das Platzproblem gefunden. Bin jedoch eifrig auf der Suche“, entschuldigte sich Chris schließlich bei mir und ich rang mich zu einem Lächeln durch. Dieses Chaos war hoffnungslos verloren. Er musste sich von manchen Sachen trennen oder eben ausziehen. Aber Zweiteres kam wohl eher weniger in Frage, da er dafür noch zu jung war.

„Schon in Ordnung.“ Ich winkte ab, weil ich mich jetzt nicht mit Chris über seinen Saustall unterhalten wollte, sondern wegen etwas anderem hier war. Mein Lächeln kehrte zurück und ich ignorierte den Gips an meiner Hand. Ja, er war schuld daran, aber an seinem nervösen Blick, der immer wieder auf meinen Arm huschte, konnte ich erkennen, dass er sich dessen durchaus bewusst war.

„Du wolltest mit mir reden. Schon damals auf dem Nachhauseweg und auch vorhin im Park. Ich bin jetzt hier, damit du das endlich tun kannst. Also, was wolltest du mir so Dringendes sagen?“ Ich kam mir richtig bescheuert vor, aber ich wusste gerade keine bessere Art auf das gewünschte Thema zu kommen, als eiskalt mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Nun ja.“ Chris schien erneut überfordert zu sein, denn er begann wieder mit dem Zupfen an seinen Ärmeln und er wich meinem Blick aus. Am liebsten wäre ich jetzt zu ihm gegangen und hätte ihn geschüttelt, dass er einfach mit der Sprache rausrücken sollte, aber ich hatte zu große Angst, dass ich dann nicht mehr hier herausfand.

„Ich bewundere dich für deinen Mut, dass du zu deinen wahren Gefühlen stehst, obwohl Robert dir so stark zugesetzt hat. Wäre ich an deiner Stelle gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich schon nach einer Woche umgebracht. Der Fakt, dass dein bester Freund auf dich losgegangen ist, war schon mehr als hart. Ich habe auch gesehen, als er dir eine Klinge in die Hand gedrückt hatte und ich hatte wirklich Angst, dass du am nächsten Tag nicht in die Schule kommen würdest. Damals schwor ich mir, dass ich dich dann ansprechen würde, aber jedes Mal wenn ich es mir vornahm, dann waren da andere.“

„Ich war naiv. Das ist Alles und ich habe meinen Preis dafür bezahlt. Hätte ich nochmal die Wahl, würde ich es anders machen.“

„Warum? Weil sich Robert das Leben nahm?“

„Ja, selbst dieses Treffen würde ich anders machen. Er hätte nicht sterben brauchen.“

„Ich glaube nicht, dass er tot ist.“

Diese Worte von Chris überraschten mich und ich sah ihn eine Weile an, bevor ich meiner Stimme wieder vertraute und ihn die entscheidende Frage stellte: „Wieso tust du das nicht? Er ist in den Fluss gesprungen und bis heute noch nicht aufgetaucht. Wir wissen alle, wie stark die Strömung ist und erst die Strudel. Da kommt niemand lebend raus.“

„Ich kann es einfach nicht glauben. Robert war doch immer so stark. Er hat selbst die Kraft gefunden, sich gegen seinen besten Freund zu stellen und ihm die Hölle heiß zu machen. So jemand stirbt nicht einfach in einem Fluss.“

„Du bist verrückt…“

„Ja, vielleicht bin ich das, aber ich kann es einfach nicht glauben, dass er weg ist. Einfach so weg. Das kann nicht wahr sein. Es darf nicht wahr sein.“

Das Zupfen an seinen Ärmeln wurde stärker und ich sah, wie seine Schultern leicht bebten. In diesem Moment fühlte ich mich erneut schuldig, weil ich Robert nicht hatte aufhalten können. Ich fürchtete mich vor diesem Anblick. Das war auch der Grund, warum ich bis heute noch nicht bei seinen Eltern war, um ihnen alles zu erzählen, was ich wusste. Ich wollte sie nicht weinen sehen, denn ich war an dieser Trauer schuld.

„Robert hat diesen Weg gewählt, weil er eben nicht so stark ist, wie alle anderen behaupten! Er hat sich verpisst wie ein Feigling! Einfach so den Schwanz eingezogen, anstatt sich der Realität und den Konsequenzen seines Handelns zu stellen! Er lässt uns einfach alle zurück mit so vielen Fragen im Kopf und du glaubst, dass er wirklich noch irgendwo sitzt und sich wahrscheinlich ins Fäustchen lacht!? Weißt du, dass du ihn dadurch nur noch mehr in den Dreck ziehst?!“

„Warum wirst du jetzt so wütend, Felix? Ich glaube einfach nicht daran, dass er schon tot sein soll. Robert ist ein Kämpfer-“

Ich unterbrach Chris mit einem abfälligen Laut und verstand selbst gerade nicht, warum ich so zornig wurde. Schließlich wünschte ich mir selbst nichts mehr, als dass Robert noch irgendwo lebte, aber es von einem anderen zu hören, der nicht einmal eine Sekunde trauerte, weil er aus tiefsten Herzen daran glaubte, verletzte meinen Stolz. Ich war sein bester Freund gewesen. Wenn jemand an sein Überleben festhalten sollte, wäre ich das aber doch nicht Chris. Der Schatten unserer Klasse. Dieser Chaot und Freak!

„Weil du nichts verstehst! Du reißt mit deinem naiven Glauben Wunden auf, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht vorstellen kannst! Außerdem war das wirklich alles?! Wolltest du über Robert mit mir reden? Mir unter die Nase reiben, dass du mehr an ihn glaubst, als ich?!“

„Felix? Ich… ich wollte doch nicht, aber… aber für mich ist es halt so und nein. Nein, ich wollte nicht nur über Robert mit dir sprechen. Damals schon nicht. Ich wollte meine Bewunderung für dich aussprechen. An deiner Stelle wäre ich schon längst eingeknickt.“

„Du musst ja nicht an meiner Stelle sein und wirst du wohl auch nie. Also, mach dir da mal keine Sorgen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Er rutschte nervös auf seinem Bett hin und her. Das Zupfen hatte er immer noch nicht aufgehört und er sah nervös auf seine Finger. Ich spürte, dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag, doch ich wusste nicht, ob ich es wirklich aus ihm herauskitzeln wollte.

Gerade wollte ich mich innerlich zum Gehen aufmachen, als Chris noch einmal die Stille durchbrach: „Du bist mein Idol, Felix. Ich wünschte mir, dass ich so viel Mut hätte wie du und es tut mir Leid, dass ich dir in der schwierigen Zeit nicht beistehen konnte, aber du hast ja eh wieder gute Freunde gefunden, nicht wahr?“

Die Trauer in seiner Stimme konnte ich mir nicht einbilden und als ich mir gerade sicher war, dass ich eine Träne über seine Wange laufen sah, senkte er wieder seinen Blick und versteckte so sein Gesicht vor mir. Das war nicht möglich. Wieso sollte Chris jetzt weinen? Das ergab einfach keinen Sinn!

„Ja, Alex und Leon sind schon spitze. Ich wüsste nicht, wo ich ohne sie wäre.“ Ich konnte das Lächeln nicht verhindern, denn ich war wirklich froh darüber, dass sie bei mir waren. Sie waren einfach die besten Freunde, die man sich wünschen konnte. Vor allem Alex stand mir treu zur Seite und hatte mich bisher niemals aufgegeben, obwohl ich zeitweise wirklich ekelhaft zu ihm gewesen war.

Chris nickte nur kurz und seine Schultern bebten, bevor er dann weiter schwieg und ich in diesem Chaos alleine dasaß. Zumindest kam es mir so vor. Nur die schwere Atmung von Chris durchdrang die Stille und ich wusste nicht, was ich nun tun sollte. Erwartete er nun irgendetwas von mir? War das Alles, was er mir sagen wollte? Konnte ich jetzt gehen oder gab es dann etwas auf die Finger von Jiminy?

„Chris? Ich, ähm, werde jetzt wohl wieder gehen, oder willst du noch etwas loswerden?“ Ich fühlte mich unsicher und spürte selbst, wie ich an meinen Gips zu zupfen begann. Chris schüttelte darauf nur den Kopf: „Ist schon in Ordnung. Man sieht sich in der Schule.“

Er schniefte kurz und hob dann den Blick, um mich anzulächeln, bevor er Anstalten machte aufzustehen und ich ihn sofort stoppte. „Nicht nötig! Du brauchst mich nicht raus zubringen. Ich finde den Ausgang selbst und ja, wir sehen uns in der Schule. Bis Montag also, ja?“

Er nickte mir zu, als er sich wieder auf das Bett sinken ließ und ich konnte endlich dem Chaos entkommen. Im Flur angekommen, musste ich erst einmal tief ein- und ausatmen, bevor ich dann meine Sachen wieder anziehen konnte.

„Bereust es schon zu meinen Bruder gekommen zu sein, hm?“ Die Stimme von Chris Schwester stoppte mich und ich sah über meine Schulter zu ihr, als ich gerade nach der Türklinke greifen wollte. Sie wartete gar nicht auf eine Antwort, sondern lehnte sich wieder an den Türrahmen, sah mich gelangweilt an und sprach weiter:

„Bei dem Freak hält es nie jemand lange aus. Alle laufen sie weg. Selbst du, der so lange von der Schule gehasst wurde, wählst die Flucht. Er wird niemals Freunde finden. Geschieht ihm nur Recht. Wer will so nen Freak schon bei sich haben?“ Sie lachte trocken auf und wechselte dann die Seite des Türrahmens, an der sie sich anlehnte, wobei ich ihre Worte kaum glauben konnte. Wie sprach sie von ihrem Bruder? Das passierte doch gerade nicht wirklich? Ich war vorhin auf dem Weg hierher ausgerutscht und hatte mir den Kopf gestoßen. Bestimmt war das gerade ein echt mieser Traum.

„Warum sagst du das?“, hauchte ich ungläubig doch mehr zu mir selbst als zu Chris Schwester. „Weil es wahr ist! Sieh dir doch sein Zimmer an! Hast du es etwa bei ihm ausgehalten? So schnell wie du gerade in deine Schuhe und Jacke geschlüpft bist, schreit das förmlich nach einem lauten Nein! Also wirst du genau das Gleiche dort drinnen gedacht haben! Ich hab nur die Eier in der Hose es auch zu sagen!“

„Er ist dein Bruder. Wie kannst du ihn nur so behandeln?“

„Er hat es nicht besser verdient! Aber hey, wolltest du nicht gehen?“

„Doch, aber…“ Sie lachte erneut auf und beugte sich vor, sodass ich schon fast Angst hatte, dass ihre Brüste aus dem viel zu engen und weit ausgeschnittenen Top fallen könnten. Was war das nur für ein Mensch?

„Haste Lust?“ Sie deutete mit einer Kopfbewegung zu der Tür, aus der sie vorhin gekommen war und hinter der sich vermutlich ihr Zimmer verbarg. Ein eisiger Schauer glitt über meinen Rücken und ich presste mich an die Tür hinter mir, bevor ich dann panisch den Kopf schüttelte. Das war der endgültige Beweis: Die Frau hatte sie nicht mehr alle. Von wegen Chris war hier der Freak. Sie hatte einen viel größeren Dachschaden als ihr Bruder.

„Was? Sag bloß, dass de auch umgedreht bist?“ Sie verzog ein wenig beleidigt ihre vollen Lippen und bestimmt wäre sie hübsch, wenn man auf Frauen stand und ihre Reize immer mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen bekommen wollte. Aber für mich war sie gerade nur ein laufendes Monster.

„Es… es tut mir Leid. Aber ich muss jetzt wirklich los. Es gibt bald Abendessen bei uns.“ Ohne noch auf eine Antwort zu warten schlüpfte ich durch die Tür und rannte von dem Grundstück. Meine Beine trugen mich panisch weiter. Ich wollte nur so weit wie möglich von diesem Irrenhaus weg. Das war doch echt nicht normal dort und auch wenn sie ihren Bruder als Freak betitelt hatte, war ich mir nicht sicher, wer der größere Freak von den Beiden war. Aber herausfinden wollte ich es auch nicht, denn als meine Lungen zu schmerzen begannen, schwor ich mir selbst eines: Nie wieder in dieses Haus zu gehen…

Mit einem Seufzer ließ ich mich in meinen Schreibtischstuhl sinken und startete den PC. Noch einmal sah ich auf das Display meines Handys, doch es war immer noch keine Nachricht von Marc darauf. Wieso meldete er sich nicht? War ich ihm wirklich so egal? Stand seine Welt komplett Kopf, sodass er alles um sich herum vergaß?

Meine Finger zitterten, als ich mich zu meinen Mails vorarbeitete und mein Herz machte einen Sprung, als man mir anzeigte, dass ich eine ungelesene Nachricht besaß. Sofort klickte ich weiter, doch der Absender irritierte mich. Es lag wohl nur an dem Betreff, dass ich sie nicht löschte: „Aijo gib mir Darkking zurück!“

Es dauerte einen Wimpernschlag bis sich die Nachricht vor meinen Augen öffnete und ich musste trocken schlucken, als ich die ersten Zeilen las:

„Hallo Aijo,

du wunderst dich wahrscheinlich, warum du gerade diese Mail bekommst, aber ich habe das Trauerspiel nun lange genug mit angesehen. Ich habe kein Problem damit, dass du dich aus meinem Forum verpisst, nachdem du anscheinend gefunden hast, was du wolltest: Einen guten Fick und jemanden, wo du dein Herz ausschütten konntest.

Aber es ist nicht in Ordnung, dass du mir einen meiner liebsten User einfach wegnimmst. Ich weiß nicht, was du mit Darkking gemacht hast, aber seit einigen Tagen ist er einfach nur noch wie betäubt. Seine Posts sind fahrig und es tut mir in der Seele weh, wenn ich so etwas lese.

Dieses Forum dient dem Zweck, dass sich Gleichgesinnte finden und einander unterstützen können, aber ganz bestimmt nicht, dass hier der eine den anderen fertig macht. Vor allem nicht meinen Darkking!

Wahrscheinlich wirst du diese Mail lesen und dann in den Papierkorb werfen! Aber ich schwöre dir, dass dieses Spiel noch nicht vorbei ist! Du wirst mir nicht entkommen und du wirst bereuen, was du Darkking angetan hast. Darauf kannst du dich verlassen!

Schönen Tag noch

Mastermind“

Mastermind! Der Name explodierte hinter meiner Stirn und ich spürte, wie mein Körper zu zittern begann, aber warum schrieb er von seinem Darkking. Ich dachte, dass Marc kaum Kontakt zu dem skrupellosen Admin gehabt hatte. Hatte er mich etwa in jenem Moment angelogen? Wieso schrieb mir Mastermind sonst und warum sollte er ihn als sein Eigentum bezeichnen? Das machte alles keinen Sinn.

Plötzlich bekam ich einen Anruf von einem noch nicht angenommen Nutzer in Skype. Ich verstand es nicht und der Name sagte mir im ersten Moment auch nichts: Darknesswithin. Kurz flammte in mir die Hoffnung auf, dass es ja Marc sein könnte. Ich ignorierte die leise Stimme, dass es Unsinn wäre, dass er mich von einem anderem Konto aus anrief, aber wer wusste schon, was er gerade in diesem Moment durchmachte? Laut Mastermind ging es ihm wirklich dreckig, aber warum meldete er sich dann nicht?

Es klingelte schon eine halbe Ewigkeit, bevor ich aus meinen Gedanken zurückfand und hastig das Gespräch annahm. Eilig setzte ich mir mein Headset auf und begrüßte den Anrufer freundlich, doch die Stimme, die den Gruß erwiderte, war nicht von Marc. Sie ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, denn auch wenn sie ebenfalls tief war, so war sie gefährlich dunkel.

„Hallo Aijo, schön, dass ich dich erreiche.“ Ich musste trocken schlucken, als mir bewusst wurde, wen ich mit hoher Wahrscheinlichkeit am anderen Ende der Leitung hatte. Die Vorstellung gefiel mir nicht und alles in mir verkrampfte sich schlagartig. Ich begann zu zittern und konnte nur mit Mühe ebenfalls noch einmal ein „Hi“ herauspressen.

„Hast du Angst, Junge?“ Der Kerl lachte hart auf und ich hörte, wie er sogar ein paar Mal auf einen Tisch schlug, was mich unwillkürlich zusammenzucken ließ. Gott sei Dank war das gerade kein Videochat. Ich hätte nicht gewusst, was ich getan hätte, wenn ich mein Gegenüber auch noch gesehen hätte. Wahrscheinlich hätte ich das Headset von meinen Kopf gerissen und wäre fluchtartig aus dem Zimmer gestürmt.

„Das brauchst du doch nicht, solange du meine Forderung erfüllst.“ Das Lachen stoppte und die Stimme wurde gefährlich süß wie goldener Honig, was mich erneut trocken schlucken ließ. Warum konnte es nicht Marc sein, der mich anrief? Ich wollte den dunklen Bass seiner Stimme hören, der in mir ein angenehmes Kribbeln auslöste. Jetzt fühlte ich mich nur wie ein Kaninchen, das vor einer Schlange saß und sie mit großen Augen anstarrte, während es innerlich tausend Tode starb.

„Kann ich nicht.“ Meine Stimme war nur ein Flüstern und die Hilflosigkeit krallte sich fester in mein Herz, was mich erneut leicht zittern ließ. Verzweifelt klammerte ich mich an meinen Tisch fest und wünschte mir, dass dieser Alptraum aufhören würde. Erst die Sache bei Chris und nun das. Ich dachte, dass es mit dem Tod von Robert endlich aufhören würde. War das Leben ein nie enden wollender Kampf?

„Doch das kannst du. Du willst nur nicht. Darkking leidet und du bist schuld daran. Er geistert nur noch durchs Forum und verunsichert meine User. Das ist nicht gut. Du musst mit ihm reden und was auch immer zwischen euch steht ins Reine bringen, kapiert?“

„Aber woher? Warum sollte ich schuld sein? Ich habe doch gar nichts gemacht. Er will nicht mit mir reden!“ Plötzlich waren dort wieder dieser Mut und diese unbändige Wut in mir. Warum unterstellten mir alle etwas, das ich nie getan hatte? Ich versuchte schon seit Tagen Marc zu erreichen, aber er wollte nicht mit mir reden! Was erlaubte sich Mastermind überhaupt?!

Mastermind lachte erneut auf und schien von meinem Wutausbruch nur amüsiert zu sein. Es dauerte ein paar Atemzüge, bevor er sich wieder fing und auf meine Worte antworten konnte: „Wie putzig. Das Kätzchen hat ja Krallen. Mit so viel Pfeffer hatte ich auf Grund deines Avatars und deiner Beiträge eigentlich nicht gerechnet. Aber es zeigt mir auch, dass ich wohl Recht hatte. Darkking wurde mal wieder ausgenutzt von einem süßen Kätzchen.“

Seine Worte verwirrten mich. Nicht nur, dass er mir einfach einen Spitznamen gab, sondern auch dass er mir weiterhin die Schuld an Marcs Zustand gab. Schließlich wollte ich ihn treffen und mit ihm reden. Ich wollte wieder ins Reine bringen, was an dem Abend, als Robert gestorben war, kaputt gegangen war. Aber er ließ mich nicht.

„Der Kerl ist wirklich zu weich, derweil sind Kätzchen nicht dafür da, dass man sie sich ins Haus holt und dann versucht, sie dazubehalten, sondern einfach für eine schnelle Nummer. Wann er das wohl endlich mal kapiert? Kätzchen gehören in die Freiheit und sind nur fürs Bett gut. Dort ist der einzige Ort, an dem sie sich an dich kuscheln werden. Aber draußen sind sie Einzelgänger und wollen nichts von ihrem Besitzer wissen. Undankbares Pack!“

„Nein… ich… ich habe ihm ja geschrieben und auf die Mailbox gesprochen, aber er meldet sich nicht bei mir.“ Ich wusste, dass es ein Fehler war Mastermind mein Herz zu zeigen, aber es tat weh, wie er über die Beziehung von Marc und mir sprach. Schließlich wollte ich zu ihm stehen. Jeden Tag und jede Nacht. Seine Hand halten und in die Welt hinausschreien, dass er mir gehörte. Marc war derjenige, der es mir verbat und jetzt litt er wegen mir. Das war doch Schwachsinn.

Erneut lachte Mastermind auf und ich hörte, wie er sich anders hinsetzte, bevor er dann einmal mit der Zunge schnalzte und zu überlegen schien. Diese Stille war übermächtig und ich wagte es nicht, sie zu durchbrechen. Ich wusste nicht, woher diese Macht kam, die jedes weitere Wort in meiner Kehle gefangen hielt und mir verbat, auch nur ein Geräusch von mir zu geben.

„Du sagst mir also, dass du noch eine Beziehung mit ihm willst, obwohl ihr miteinander geschlafen habt?“ Ich musste mich erst räuspern, bevor ich ein krächzendes „Ja“ herauspressen konnte. Meine Zukunft existierte in meinen Augen nur mit Marc zusammen. Alles andere ergab für mich keinen Sinn und ich lebte nur dank der Hoffnung, dass sie irgendwann wahr werden würde.

„Biste wohl eher ein Welpe, hm? Schon stubenrein, Kleiner?“ Der Themenwechsel irritierte mich und ich wusste nicht, was er genau mit dieser Frage bezweckte, doch ich räusperte mich erneut, bevor ich dann nervös hin und her rutschte und mich zu einer Antwort durchrang: „Ich glaube schon, auch wenn ich nicht weiß, was du mit stubenrein meinst.“

Erneut musste Mastermind lachen und ich fühlte mich immer unwohler. Wie gerne würde ich jetzt einfach auflegen und den Kontakt blockieren? Das war doch die reinste Hölle. Warum hatte mich Marc vor Mastermind verpetzt? Dieses Verhalten sah ihm nicht ähnlich, vor allem weil er doch damals meinte, dass der Admin ihm unsympathisch wäre.

„Scheinst gut erzogen zu sein. Vielleicht kann man doch ein wenig Spaß mit dir haben, auch wenn ich Welpen nicht so gerne mag. Die mutieren zu gerne zu Kletten. Wenn du Darkking so stark den Kopf verdrehst, obwohl du nichts Böses gemacht hast, musst du aber eine ganz besondere Nummer sein. Ich sollte mir dich mal genauer ansehen. Was meinst du, Hündchen?“

Alles in mir schrie, dass ich dieses Treffen ablehnen sollte, aber er wusste etwas über Marc und wie es ihm ging. Vielleicht konnte ich so die eine oder andere Information über ihn bekommen. Konnte ich diesem Kerl wirklich vertrauen?

Ich musste an den Tag denken, als ich Marc das erste Mal gesehen hatte und Alex erzählt hatte, was Alex sein Herz bluten ließ. Daran, was dieser Mann mit Nicknamen Mastermind Farfarello angetan hatte. Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle, als ich an den Brief dachte, der Alex' Bruder in den Tod getrieben hatte. Würde mir das gleiche passieren, wenn ich mich auf ein Treffen einließ?

„Haste Angst, Hündchen?“ Die Frage machte mir eine Antwort nicht leichter, denn ich könnte sie mit einem lauten JA beantworten, dennoch schwieg ich und versuchte weiter herauszufinden, was mein sehnlichster Wunsch war. Ich wollte wieder die Stimme von Marc hören und seinen Duft wahrnehmen. Mich noch einmal an seine Brust schmiegen und mich in seine Arme fallen lassen.

„Biste überhaupt noch da?“ Langsam machten mich seine Fragen aggressiv. Ich versuchte eine Antwort zu finden und so presste ich ein wütendes „Ja“ heraus. Dies ließ Mastermind erneut auflachen und in mir die Hilflosigkeit zurückkehren. Was sollte ich jetzt tun? Konnte ich wirklich einfach nur hier sitzen und Däumchen drehen, wenn ich wusste, dass es einen Weg gab, an Marc zu kommen.

„Hey, brauchst ned gleich sauer zu werden. Du machst hier grad einen auf schweigendes Grab oder so. Da weiß man ja nie. Vielleicht biste grad in Ohnmacht gefallen und ich sollte einen Krankenwagen oder so zu dir schicken.“

„Du weißt doch gar nicht, wo ich wohne.“ Ich presste diese Worte immer noch über meine Lippen und langsam formte sich eine deutliche Antwort auf seine Frage in meinem Kopf. Das konnte nicht der richtige Weg sein. Marc mochte Mastermind nicht besonders. Er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich mich mit dem Kerl traf, obwohl ich wusste, wozu er fähig war.

„Es tut mir Leid, Mastermind, aber ich will mich nicht mit dir treffen. Die Sache zwischen Darkking und mir wird sich hoffentlich auch anders lösen lassen und es tut mir Leid, dass du dir deswegen Sorgen um ihn machst, aber das ist der falsche Weg. Definitiv.“

„Biste dir sicher, Hündchen?“

„Ja, mehr als sicher.“

„Na, dann… anschauen werde ich mir dich trotzdem mal. Also, bis demnächst.“

Bevor ich ihn fragen konnte, was er damit meinte, hatte er schon aufgelegt und ich starrte auf das Skype-Fenster. Was war gerade geschehen und wie wollte er mich sehen? Er wusste doch nicht, wo ich wohnte. Das war bestimmt nur ein Bluff. Ja, ganz gewiss. Immer wieder redete ich mir das ein und nach der zehnten Wiederholung begann sich mein Körper zu entspannen.

Gerade wollte ich Skype schließen und meinen PC herunterfahren, als plötzlich jemand online kam, den ich glaubte nie wieder dort zu sehen: Darkking.

Meine Finger zitterten, als ich weiter auf den User starrte. Marc war wieder online. Er war wieder da. Sein Bild hatte sich verändert. Es war eine einsame, schwarze Krone, die im Mondschein lag. Ich verstand es nicht und auch seine Statusnachricht irritierte mich: „Nur anschreiben, wenn es wirklich wichtig ist. Ich will meine Ruhe haben.“

Warum war er plötzlich wieder da? Was sollten das neue Bild, das so traurig wirkte und der Text, der jeden von ihm wegtrieb? Ich verstand es nicht mehr. Es wirkte, als wäre es nicht Darkking, der hier online kam.

Ich musste trocken schlucken und meine Hände fühlten sich taub an, als ich den Mauszeiger auf das Anrufsymbol legte und dennoch nicht die Taste betätigen konnte. Das war so lächerlich und dennoch konnte ich es nicht ändern. Ich hatte Angst, dass er mich verstoßen würde und alles in mir schrie danach Skype zu schließen. Er schien mich nicht sprechen zu wollen, sonst hätte er mich doch schon längst angerufen, oder nicht?

Ich wusste nicht, wie lange ich das Bild der einsamen Krone betrachtete, doch immer wieder bildeten sich Tränen in meinen Augen, die ich wegblinzelte. Das war nicht fair. Er war endlich wieder da und ich sollte ihn anrufen oder zumindest anschreiben, doch alles in mir verkrampfte sich. Ich hatte Angst, dass er mich dann endgültig von sich stieß.

Plötzlich erklang der Anrufton und Skype zeigte mir, dass mich Marc anrief. Ich traute meinen Augen nicht und starrte das kleine Bild an, das mir zeigte, dass Darkking versucht mich zu erreichen. Das war nicht wahr. Er wollte endlich sprechen. Kam er deswegen online?

Meine Hände zitterten so stark, dass ich drei Anläufe brauchte, um den Anruf entgegen zu nehmen und ich konnte die Freude und Erleichterung nicht aus meiner Stimme verbannen, als ich meinen Liebsten endlich wieder begrüßen konnte: „Hallo, Marc. Schön, dass du dich endlich meldest. Ich… Ich hatte schon Angst, dass-“

„Hallo, Felix. Ich wollte dir nur sagen, dass du dich nicht mehr bei mir melden sollst. Es… es ist nicht gut, wenn wir uns weiter sehen. Diese Beziehung steht unter keinem guten Stern. Wenn wir uns weiter treffen, wird dein Leben nur zerstört und das möchte ich nicht. Du hast jemanden verdient, der dir immer zur Seite stehen kann und dich mit all seiner Kraft unterstützt. Das kann ich nicht.“

„Marc? Was? Nein!“ Ich konnte seine Worte nicht glauben. Das passierte gerade nicht wirklich. Es war ein böser Traum! Erst der Anruf von Mastermind und jetzt Darkkings Worte. Das konnte in diesem Moment nicht die Wahrheit sein! Niemals wollte ich das akzeptieren! Ich wollte mit Marc alt werden! Warum will er mir das jetzt kaputt machen?!

„Bitte, Felix. Mach es mir nicht schwerer, als es eh schon ist. Ich habe lange darüber nachgedacht und jede Nachricht von dir hat mich erreicht, aber sie hat mir auch gezeigt, dass ich nicht der Freund sein kann, den du brauchst. Dein Vater hat damals den ersten Stein für die Mauer zwischen uns gelegt und jeder Tag, der verging, baute die Mauer weiter aus. Wir haben keine gemeinsame Zukunft, Felix.“ Es war so ungewohnt ihn nicht zu sehen, doch ich hörte, dass es ihm wirklich schlecht ging. Die Kraft war gänzlich aus seiner Stimme verschwunden. Ich spürte nicht einmal die Sicherheit, die sie immer in mir erweckte. Es schien, als wäre der starke König, der einst auf seinem Thron gesessen hatte, tatsächlich verschwunden.

„Dann reißen wir sie wieder ein! Ich will nicht, dass sich unsere Wege trennen! Wir schaffen alles, wenn wir es nur wollen! Ich will dich nicht verlieren, Marc! Du bist alles für mich! Gott, ich liebe dich, mein dunkler König!“ Ich wusste nicht, woher ich diesen Kampfgeist nahm. Vielleicht hatte mich die Zeit mit Robert mehr gelehrt, als ich mir jemals eingestehen würde.

„Warum muss es immer nach deinem Kopf gehen, Felix?! Ich höre von dir nichts anderes mehr, als alles, was du willst! Kein einziges Mal kümmert es dich, wie es mir geht! Was glaubst du, wie ich mich gefühlt habe, als mich dein Vater einfach weggeschickt hat?! Klar, er versprach mir eine Lösung, aber ich habe in seinen Augen gesehen, dass es diese niemals geben wird! Ich wäre in dieser schrecklichen Stunde so gerne bei dir geblieben! Aber man ließ mich nicht und du hast auch keine Sekunde dafür gekämpft! Du wolltest mich nicht bei dir haben und jetzt glaubst du, dass es einfach wieder funktioniert! Ich bin kein Hündchen, das immer angerannt kommt, wenn du danach pfeifst! Ich liebe dich auch, Felix! Deswegen ist mir dieser Schritt so schwer gefallen und ich habe solange nichts von mir hören lassen! Aber immer wenn ich an diesen Abend zurückdenke. An den Moment, als du in die Arme deine Mutter flohst, um dort Trost und Halt zu finden. Ich war für dich vergessen! Unwichtig! Dein Vater musste mich wegschicken! Nicht einmal dafür war ich dir wichtig genug! Kein Abschied! Nichts! Ja, Felix, ich liebe dich, aber du-“ Marc lachte traurig auf und ich spürte, wie sich mein Herz schmerzhaft zusammen zog, als ich seine nächsten Worte hörte. „Aber du liebst mich nicht, Felix. Also, hör auf mir zu schreiben oder mich anzurufen. Lass mich gehen, wenn du mir schon nicht nahe sein kannst. Wir sind nicht füreinander gemacht. Nicht wir.“

Ich war überfordert und starrte den Bildschirm an. Mein Körper begann sich kalt anzufühlen und in meine Hände und Füße kroch eine leichte Taubheit. Ich spürte, wie ich trocken schluckte und mir Tränen in die Augen krochen. Das war nicht sein Ernst. Nein, diese Worte konnte er nicht wirklich so meinen! Ich hatte doch gerade noch Mastermind gesagt, dass ich immer bei Marc sein wollte. Wieso konnte ich ihn von meinen Gefühlen überzeugen, aber der Mensch, den ich wirklich liebte, zweifelte an meinen Empfindungen. Das war nicht fair!

„Marc, nicht. Ich… ich kann mich bessern. Es war einfach zu viel für mich. Mein bester Freund sprang vor meinen Augen in den Tod. Das muss man erst einmal verdauen.“ Ich wollte ihn nicht so leicht aufgeben, doch ich hörte ihn nur verzweifelt lachen.

„Es geht schon wieder nur um dich. Ich hatte nie das Gefühl, dass du so ein großer Egoist wärst, aber Katastrophen zeigen gerne das wahre Gesicht eines Menschen. Leb wohl, Felix.“

Er legte auf und ging sofort wieder offline. Ich spürte, wie sich die Tränen weiter in meinen Augen sammelten, um dann ein Wettrennen über meine Wangen zu starten. Das war jetzt nicht wirklich passiert. Marc hat jetzt nicht wirklich mit mir Schluss gemacht! Das konnte er mir doch nicht antun! Oder doch?

Erneut dachte ich nur an meine Gefühle und nur langsam kamen seine Worte zurück in meine Erinnerungen. Es fiel ihm nicht leicht, aber anscheinend war unsere Beziehung eine Qual für ihn. War ich wirklich so unfähig, über den eigenen Tellerrand zu blicken? Kurz kehrten meine Gedanken zu Chris zurück und ich spürte, wie mich ein Schauer erfasste. Warum dachte ich jetzt an ihn? Das war nicht gut. Es ging um Marc und mich. Ich musste ihn von uns überzeugen! Irgendwie! Am Besten ich fuhr am Wochenende zu ihm. Genau!

Wenn ich vor ihm stand, dann würde er mich nicht einfach so wegschicken können. Er musste uns noch eine Chance geben. Ich wollte diese Zukunft nicht so leicht aufgeben, denn in meinen Augen war sie mehr als perfekt. Wir liebten uns und deswegen sollten wir auch zusammen sein. Marc würde das auch noch verstehen. Ganz bestimmt und ich würde ihn dabei helfen…

Kapitel 4

„Er hat was?!“ Leon starrte mich verblüfft an und auch Alex schien mich irritiert zu mustern. Wir hatten gerade Pause und ich nutzte die Chance, um ihnen von dem Gespräch mit Marc zu erzählen. Ich wollte die Meinung eines Außenstehenden hören und auch wenn die Beiden nicht ganz unparteiisch waren, so kannten sie uns doch. Zumindest Alex hatte schon das Vergnügen mit Marc gehabt.

„Ja, er hat einfach Schluss gemacht. In seinen Augen passen wir nicht zusammen. Beziehungsweise ist er der Meinung, dass er mir nicht so zur Seite stehen kann, wie ich es verdiene oder auch ich zu ihm stehen kann. Ich weiß nicht, woher er diese irrsinnige Idee hatte. Schließlich bin ich doch mit ihm gegangen, als ihn meine Eltern aus den Haus geworfen hatten.“

„Aber als Robert starb, bist du wieder nach Hause, oder?“, fragte Alex nach und ich sah ihn kurz entgeistert an. Was hatte das Eine mit dem Anderen zu tun? Ich liebte Marc und würde immer zu ihm stehen. Egal, was auch kam. Schließlich hatte ich die letzte Zeit nicht umsonst gekämpft. Er war Teil meines Lebens und ich wollte nicht, dass er sich selbst daraus entfernte.

„Ja, weil ich Trost gebraucht hatte. Ich musste mit meinen Eltern darüber reden. Sie kannten Robert auch. Marc hatte ihn erst das zweite Mal gesehen. Er hätte meine Trauer niemals verstanden. Schließlich war er ja auch dagegen, dass ich Hilfe rief!“ Ich wurde ungehalten, weil ich das Gefühl hatte, dass man mir schon wieder ein falsches Handeln unterstellte und das war nicht richtig. Ich hatte nichts falsch gemacht. Das sahen sie alle nur nicht.

„Das mag ja alles sein, aber versetzt dich doch mal in Marcs Lage. Du hast ihm gesagt, dass du ihn liebst, aber in deiner größten Not rennst du doch zu deinen Eltern und lässt ihn stehen. Mich hätte das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verletzt.“

„Das ist doch Blödsinn, Alex. Wir sind noch Kinder. Niemand kann von uns verlangen, dass er sich schon gänzlich von seinen Eltern losgesagt hatte. Ich würde in meiner tiefsten Not auch zu meinen Eltern gehen. Sie wissen meistens was dann zu tun ist.“

„Ja, das kann schon sein, Leon. Aber du bist auch nicht in einer Beziehung. Für dich gibt es im Moment nur deine Freunde oder deine Eltern, wenn du Rat und Trost suchst. Aber der Mensch, den man liebt, sollte immer die erste Anlaufstelle sein. Ich würde mich auf jeden Fall verletzt fühlen, wenn meine Freundin sich bei ihren Eltern ausweint, anstatt zu mir zu kommen. Das gleicht schon fast einem Vertrauensbruch.“

„Ach, komm schon, Alex! Das sagst du jetzt so, weil du ein gestörtes Verhältnis zu deinen Eltern hast. Für dich sind sie an Toms Tod schuld. Das kannst du ihnen einfach nicht verzeihen und dadurch hast du gar nicht mehr dieses Urvertrauen in dir, was jedes Kind besitzt.“

„Das mag ja sein, aber ich verstehe Marc und aus. Ich könnte es auch nicht ertragen, wenn man mich hinten anstellt und nur kontaktiert, wenn es einem gut geht. Das erweckt in mir das Gefühl, dass man mich nicht in seinem Leben haben möchte. Mehr hab ich dazu nicht zu sagen.“ Abwehrend verschränkte Alex die Arme vor seiner Brust und machte damit deutlich, dass dieses Thema nun für ihn erledigt war.

„Okay, Alex. Ich möchte am Wochenende zu ihm fahren, um noch einmal Auge in Auge mit ihm zu reden. Denkst du, das ist eine gute Idee, oder wird er mich dann nur davon jagen beziehungsweise gar nicht erst rein lassen?“ Nervös spielte ich mit dem Saum meines Shirts und sah meinen besten Freund ruhig an. Seine Meinung war mir wichtig und wenn er Marc wirklich verstand, dann konnte er mir vielleicht schon sagen, ob meine Idee mit Erfolg gekrönt sein könnte oder nicht.

„Ich weiß es nicht. Das hängt davon ab, wie sehr er dich wirklich liebt. Dafür kenne ich ihn zu schlecht beziehungsweise weiß nicht, wie er für dich empfindet. Vielleicht hat er auch andere Motive, dass er sich von dir getrennt hatte. Man weiß es ja nie. Schließlich kommt er aus dem Forum von Mastermind.“

Bei der Erwähnung des Namens konnte ich ein Zittern nicht unterdrücken. Kurz war da der Impuls ihnen auch von diesem Gespräch zu erzählen. Es würde vielleicht sogar von Vorteil sein, wenn sie wussten, dass mir der Kerl nachstellte. Konnte er mir wirklich gefährlich werden? Schließlich wollte er mich doch nur sehen.

„Felix? Ist irgendwas los? Du bist plötzlich weiß wie die Wand.“ Alex sah mich besorgt an und auch Leon schien verwirrt über meinen Zustand. „Ist noch irgendetwas passiert? Wieso hast du so stark auf den Namen Mastermind reagiert?“

Ich strich Alex’ Hände von meinen Armen, als er begann mich durchzuschütteln, bevor ich dann trocken schluckte. Es wäre nicht gut, wenn ich sie jetzt anlog. Anscheinend hatte mich das Gespräch mit dem Kerl mehr aus der Fassung gebracht, als ich es mir eingestehen wollte.

„Gestern… bevor mich Marc anrief, hat mich Mastermind kontaktiert. Er schrieb mir erst eine E-Mail und rief mich dann über Skype an. Ich weiß nicht, wie das möglich war. Schließlich war er nicht in meiner Kontaktliste. Er sagte mir, dass ich die Finger von Marc lassen sollte und wollte sich mit mir treffen.“

„Du hast doch abgelehnt, oder?“

„Natürlich, Alex! Ich hab doch nicht vergessen, was er mit Farfarello getan hat!“

„Farfarello?“ Leon sah irritiert zu Alex.

„Das war Toms Nickname in dem Forum. Gut, Felix. Das war richtig. Diesem Kerl kann man nicht vertrauen! Das ist der totale Psychopath! Du darfst dich niemals auf ihn einlassen! Er kann Menschen manipulieren!“

„Ich weiß, Alex, aber auch wenn ich abgelehnt habe, meinte er, dass er mich trotzdem mal besuchen wird. Keine Ahnung, wie er das schaffen will. Er weiß ja gar nicht, wo ich wohne, aber ich habe doch irgendwie Angst.“

„Das solltest du auch. Oh Gott, ich hab dir gesagt, dass du dich aus diesem Forum fernhalten sollst. Jetzt hast du den Schlamassel! Verdammt!“

„Aber ich war doch schon lange nicht mehr in dem Forum. Als du gesagt hast, dass ich gehen soll, hab ich es auch getan! Er hat mich kontaktiert, weil es Marc so schlecht ging und ihn als seinen Besitz bezeichnet!“

„WAS?!“ Alex packte mich an den Schultern und ich zuckte überrascht zusammen. Sein Griff war so fest, dass er schon fast schmerzte und erst als Leon ihn sanft von mir wegschob, nahm er wieder Abstand zu mir.

„Das ist nicht wahr! Marc hat doch gesagt, dass er keinen Kontakt mit Mastermind hat! Ist er doch ein Lügner?! Und ich hab ihn zum Grab von Tom geführt! Dieses Schwein! Bestimmt hat er sich noch darüber lustig gemacht!“

„Jetzt beruhige dich erst einmal, Alex. Bestimmt gibt es dafür eine Erklärung und nur weil Mastermind ihn so betitelt, muss es noch lange nicht heißen, dass es wahr ist. Du sagtest doch gerade, dass es ein Psychopath ist. Wer weiß, wie ihre Beziehung zueinander wirklich ist. Vielleicht ist Marc nur ein Mensch, den Mastermind gerne für sich hätte.“

Leons Worte legten auch die Zweifel in mir ein wenig. Ich hatte mich auch gefragt, ob Marc ein doppeltes Spiel spielte. Das war auch ein Punkt, den ich am Wochenende gerne klären würde, wenn ich ihm gegenüber stand.

„NEIN! Marc ist ein Lügner! Ein dreckiger Lügner und du solltest dich von ihm fernhalten, Felix! Vergiss ihn einfach! Er steckt mit Mastermind unter einer Decke! Lass ihn los, bevor er dich zerstört!“

Alex’ Verhalten wirkte so surreal und alle auf dem Pausenhof sahen sich verwirrt zu uns um, doch mein bester Freund schien es nicht einmal zu bemerken. Er fixierte mich weiter und schien nur eine Antwort zu akzeptieren. Ich war jedoch nicht bereit ihm diese zu geben. Nein, ich liebte Marc und ich glaubte ihm, dass er mit Mastermind nicht unter einer Decke steckte. Niemals wollte er mir schaden und deswegen würde ich auch gehen.

Ich streckte meine Brust raus, um mich sicherer zu fühlen und sah Alex dann direkt in die Augen. „Tut mir Leid, aber das kann ich nicht. Ich werde am Wochenende zu Marc fahren und mit ihm reden. Diese Liebe will ich nicht aufgeben und Mastermind ist krank. Bestimmt bildet er sich nur irgendetwas ein.“

„Felix, das wagst du nicht. Du-“ Alex wollte noch mehr sagen, doch der Gong zum Ende der Pause erklang und Leon berührte ihn am Arm, um mit ihm zurück ins Klassenzimmer zu gehen. Der Blick, den mir mein bester Freund zuwarf, zeigte mir deutlich, dass dieses Thema noch lange nicht beendet war. Er würde mich nicht gehen lassen und ich wollte es mir nicht verbieten lassen. Das würde bestimmt eine anstrengende Woche werden.

Ein Seufzer glitt über meine Lippen, als die Spannung aus meinem Körper wich und ich mich ebenfalls auf den Weg in mein Klassenzimmer machte. Der Kampf war mit Roberts Tod anscheinend wirklich noch nicht vorbei. Es hatten sich nur die Gegner geändert…

Gegen alle Erwartungen war die restliche Woche doch ruhiger, als ich vermutet hatte. Immer mal wieder traf ich mich mit Leon und Alex in der Pause. Mein bester Freund schwieg dabei die meiste Zeit und ich spürte, dass etwas zwischen uns stand, was man unbedingt klären musste, doch ich wollte darüber nicht reden. Es war in meinen Augen alles gesagt und wenn Alex das anders sah, dann musste er seinen Mund aufmachen.

Leon selbst schien über die Schweigsamkeit von Alex ebenfalls irritiert, doch er konzentrierte sich dann immer gänzlich auf mich. Der große Kerl wurde mir mit jedem Wort, das seine Lippen verließ ein Stück sympathischer. Ich konnte bis heute noch nicht verstehen, wie ich es geschafft hatte, dass ich ihn von einer Freundschaft überzeugen konnte.

Der Samstag kam und ich packte gerade noch ein paar Kleinigkeiten ein, falls ich doch länger bleiben sollte. Ich war immer noch gänzlich davon überzeugt, dass ich mit Marc reden wollte und ihn auch von unserer Beziehung überzeugen würde. Niemals wollte ich mit einem einfachen Nein gehen. Er musste mir eine bessere Erklärung geben als seine Letzte. Die kaufte ich ihm nämlich nicht ab. In meinen Augen gab es niemanden, der besser zu mir passte als Marc. Er war der Mann meiner Träume und alleine bei der Erinnerung an seine dunkle, warme und beschützende Stimme lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich wollte wieder in seinen starken Armen versinken und seinen herben Duft einatmen. Seine großen Hände sollten mich halten und die Welt um uns herum aussperren. Warum konnte es nicht mehr so sein, wie in unserer ersten Nacht. Das erste und einzige Mal, dass ich neben ihm liegen durfte. Es wirkte für mich heute nur noch wie ein Traum und diesen wollte ich jetzt endlich zur Wirklichkeit machen.

Voller Tatendrang warf ich mir meinen Rucksack auf den Rücken und verabschiedete mich mit einem kurzen Wort von meinen Eltern. Nur mein Vater wusste, wohin ich wirklich unterwegs war. Für Mutter würde ich mich ein wenig mit Leon und Alex treffen. Ich wollte nicht auch noch gegen sie kämpfen müssen. Erst einmal musste ich die Wogen in meiner Beziehung wieder glätten, bevor ich sie verteidigen konnte.

Ich seufzte, als ich die Haustür hinter mir ins Schloss zog und langsam den kleinen Garten durchquerte. Ich hatte gut Zeit. Der Bus in die Stadt von Marc würde erst in einer viertel Stunde fahren und um zur Haltestelle zu kommen, musste ich nur dreimal umfallen. Dennoch wollte ich ihn auf gar keinen Fall verpassen. Marc würde sich schon noch umsehen, wenn ich vor seiner Tür stand und ich hoffte für ihn, dass er dann bessere Argumente hatte, als bei unserem letzten Gespräch.

„Du fährst wirklich?“ Die Stimme von Alex stoppte mich und erst jetzt erkannte ich, dass er neben unserem Gartentor stand. Seine Hände hatte er in den Jackentaschen versteckt und er starrte auf den Boden. Es dauerte zwei Herzschläge bevor er sich von der Wand abstieß und mich dann ansah.

„Sieht ganz so aus. Du willst mich nicht gehen lassen, richtig?“ Ich machte mich auf einen erneuten Ausbruch von Alex gefasst, doch er sah mich nur verzweifelt an, bevor er dann den Kopf schüttelte.

„Ich habe nicht das Recht, es dir zu verbieten. Dennoch würde ich gerne wissen, warum du das tun willst. Marc hat dich jetzt wochenlang ignoriert. Mastermind kontaktiert dich und als dieser Idiot mit dir Schluss macht, beschließt du, dass du zu ihm fahren willst. Wieso lässt du ihn nicht los, obwohl er dir nur Kummer bereitet und dich offensichtlich in Gefahr bringt?“

„Weil ich ihn liebe, Alex. Er gibt mir so ein gutes Gefühl. Ich will das Alles nicht so einfach wegwerfen. Außerdem, wenn ich jetzt nicht kämpfen sollte, dann würde ich ihm Recht geben, aber er ist mir nicht egal. Ich will meine Zukunft mit ihm teilen. Verdammt, Alex! Ich liebe ihn! Das wirft man nicht einfach so über Board!“

„Du bist jung, Felix. Irgendwann würdest du schon einen neuen Partner finden. Liebe kommt und geht. Marc ist doch nur eine Schwärmerei für dich und daher ist er es nicht wert, dass du dich so sehr an ihn kettest. Er ist nicht dein Seelenpartner.“

„Woher willst du das wissen?! Aber selbst wenn du Recht haben solltest... Es wäre mir egal, Alex! In diesem Moment liebe ich ihn und ich will ihn nicht so einfach aufgeben! Darum, bitte, Alex. Lass mich gehen. Wenn du wirklich mein bester Freund sein willst, dann lässt du mich zu ihm.“

Irgendetwas berührte ich in Alex, denn plötzlich trat ein Funkeln in seine Augen und er senkte kurz mit einem Lächeln seinen Kopf, bevor er mir auf die Schulter klopfte: „Wenn du glaubst, dass es das Richtige ist, dann geh. Du weißt, wo du mich findest, wenn es nicht so gut läuft. Ich werde immer da sein, ja?“

Ich hörte ein leichtes Zittern in seiner Stimme und er konnte mir auch nicht mehr in die Augen sehen, als er sich dann schon von mir abwandte und davon ging. Ein komisches Gefühl breitete sich in meinem Herzen aus und zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Erneut war ich froh, dass Alex mein Freund war.

Kurz rückte ich meinen Rucksack auf meinem Rücken zurecht und wandte mich dann in die Richtung der Haltestelle. Jetzt konnte mich nichts mehr davon abhalten, dass ich zu Marc fuhr. Ich wollte mit ihm reden und ihm zeigen, dass eine gemeinsame Zukunft nicht unmöglich war. Zumindest, wenn wir es wirklich beide wollten…

Das Wohnhaus erhob sich vor mir und ich spürte, wie ich nervös wurde. Alles in mir schrie danach, dass ich ihn vielleicht zumindest vorher anrufen sollte, aber eine kleine Stimme flüsterte mir zu, dass er wahrscheinlich eh nicht rangehen würde.

Ich atmete noch einmal tief durch, um mich zu sammeln, bevor ich an die Klingelleiste trat und kurz nach seinem Namen suchte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich gar nicht wusste, wie er mit Nachnamen hieß. Verzweiflung stürmte meinen Verstand, als mein Herz schneller zu schlagen begann und ich weiter auf die mir unbekannten Namen starrte.

Ich erinnerte mich noch genau an seine Wohnungstür, aber die Haustür wollte sich nicht öffnen lassen. Entweder ich klingelte auf gut Glück bei einem beliebigen Namen oder ich wartete darauf, dass jemand rein oder raus ging.

Kurz sah ich mich auf der Straße um. Sie wirkte fast leer. Nur vereinzelt fuhren Autos an mir vorbei. Es konnte eine halbe Ewigkeit dauern, bis hier jemand käme, der mich reinließe. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und klingelte bei jemandem. Ich machte mich schon darauf gefasst, dass ich gefragt wurde, wer da war, doch ohne dass eine Stimme erklang, hörte ich das Surren des Türöffners.

Sofort hastete ich zur Tür und drückte sie auf. Der erste Teil war also geschafft. Jetzt nur noch hoch zu Marc und ihn überzeugen. Das würde ich jetzt auch noch hinkriegen. Ich fühlte mich stark und unaufhaltsam, als ich die Treppen emporstieg, um dann vor meinem Ziel stehen zu bleiben.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich spürte, wie die Zweifel zurückkamen, aber dort war auch die Freude, Marc endlich wiederzusehen. Kurz kam mir in den Sinn, dass es passieren könnte, dass er wütend auf mich wurde, doch diese Möglichkeit schob ich nach ganz weit hinten. Ich war hier und Marc liebte mich. Niemals könnte er mich so mir nichts dir nichts wegschicken. Das war nicht möglich.

Mit einem tiefen Atemzug drückte ich auf die Klingel und wartete darauf, dass sich die Tür öffnen würde. Jede Sekunde, die verging, machte mich nervöser und verstärkte das Kribbeln in meinem Bauch. Bald würde ich ihn wiedersehen. Schon bald würde ich seine Stimme hören und mich in seine Arme werfen können. Niemals würde er mich einfach wegschicken können.

Ich wartete lange und in mir starb die Freude unter dem Verdacht, dass er wohl nicht Zuhause war. Es war vielleicht doch keine gute Idee gewesen, ohne Ankündigung zu ihm zu fahren. Wieso nahm ich auch an, dass er da war? Ich wusste, doch wie beschäftigt er immer war. Hatte ich denn gar nichts aus unserer Zeit gelernt? Gott, wie dumm kam das jetzt, wenn ich hier vor seiner Tür auf ihn wartete? Das wirkte ja überhaupt nicht verzweifelt! Wieso hatte ich nicht besser nachgedacht oder gleich auf Alex gehört! Stopp! Nein! So weit wollte ich jetzt nun auch wieder nicht gehen. Ich war hier, um zu kämpfen und wenn es sein müsste, würde ich auf seine Rückkehr warten.

Gerade freundete ich mich mit dem Gedanken an, dass ich vor seiner Tür kampieren würde, als sie sich dann doch vor mir öffnete. Freude stürmte mein Herz, als sich das Holzgebilde bewegte und ich wollte schon gleich lossprudeln, doch als ich in das fremde Gesicht blickte, kam ich gerade einmal bis zum „Hi“.

Neckische, gefährlich tiefe, grüne Augen sahen mich an. Das lange, schwarze Haar fiel nass über die breiten Schultern. Mein Gegenüber hatte gerade ein mal ein lässiges T-Shirt und eine Jogginghose an. Kurz wurde ich gemustert, bevor sich der Fremde zurück in die Wohnung drehte und zu rufen anfing: „Darky? Da steht ein verschüchterter Zwerg vor der Tür! Ich glaub, der hat sich verlaufen!“

Darky? Mir war klar, woher diese Abkürzung kam, aber das zeigte mir auch, dass mein Gegenüber Marcs richtigen Namen nicht kannte. Er schien ein Kerl aus dem Internet zu sein. Aber warum war er jetzt hier in Marcs Wohnung? Das machte keinen Sinn! Marc liebte mich doch!

Ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten, als ich die Antwort meines Geliebten hörte: „Ein Zwerg? Ich erwarte heute keinen Besuch. Lass mal sehen.“

Im nächsten Moment erschien auch Marc vor mir. Sein Haar war ebenfalls nass, doch er trug nur eine Stoffhose und ein Handtuch um seine Schultern. Das Wasser lief in sanften Bahnen über seine breite Brust und veranlasste mich trocken zu schlucken. Wie konnte ein einziger Mensch so wunderschön sein?

Es dauerte einen Moment bis ich mich von seinem Oberkörper lösen konnte und in sein Gesicht sah. Dort war keine Liebe, keine Freude oder Zuneigung, sondern nur Erschrecken und Verwirrung. Wieso war der Kerl bei ihm?

„Felix?! Wieso? Was machst du hier?“ Kurz sah sich Marc im Flur um, bevor er mich dann schon fast grob in seine Wohnung zerrte. Er schloss die Tür hinter uns und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Immer noch versuchte ich zu verstehen, was das Alles zu bedeuten hatte.

„Ich wollte noch einmal mit dir reden.“ Meine Stimme war leise und ich war mir nicht einmal sicher, ob mich Marc überhaupt gehört hatte, doch anscheinend war dies der Fall, denn es trat Mitleid in seine Augen.

„Warum hast du nicht vorher angerufen?“ Marc war die Situation sichtlich unangenehm, wobei er dann schon abwinkte und mich ins Wohnzimmer schob. „Ist jetzt auch egal. Nimm ruhig auf der Couch Platz. Willst du etwas trinken?“

Ich verstand nicht, was er gerade versuchte, doch ich konnte durchaus etwas zum Trinken gebrauchen: „Ja, wäre nicht schlecht. Wer? Wer ist der Kerl?“ „Alles zu seiner Zeit, Felix. Setzt dich bitte. Ich mache uns schnell einen Tee, okay?“ Ich nickte nur als Zustimmung und trat dann gänzlich in das Wohnzimmer ein.

Irgendwie fühlte ich mich lächerlich mit meinem Rucksack voller Hoffnungen auf den Rücken vor dem unbekannten Kerl auf der Couch, der mich breit angrinste. Alles in mir sträubte sich, mich zu ihm zu setzen. Er musterte mich ruhig weiter, während er breit auf der Couch saß. Mein Blick glitt kurz zu dem Sessel. Der schien schon um einiges verlockender.

Mit gesenktem Haupt trottete ich an mein Ziel, ließ den Rucksack daneben auf den Boden gleiten und nahm dann darauf Platz. Ich hörte, wie sich der Fremde bewegte und zwang mich immer noch seinen Blick auszuweichen.

„Hast du Angst, Zwerg? Was hast du denn in deinem Beutel?“ Die Stimme kam mir jetzt beim zweiten Mal hören auf sonderbare Weise bekannt vor. Sie schürte die Angst in mir, die ich diesem Menschen gegenüber empfand, doch auch wenn ich wusste, dass ich nicht mit ihm reden sollte, beantwortete ich ihm seine Fragen. Er schien ein Freund von Marc zu sein, also sollte ich versuchen mich gut mit ihm zu stellen. „Ich bin verwirrt und in meinem Rucksack hab ich nur ein paar Sachen zum Übernachten.“

Plötzlich lachte der Kerl auf und ein eisiger Schauer glitt über meine Rücken, als mich die Erkenntnis traf, noch bevor ich seine nächsten Worte hörte: „Ach, du bist das. Der Welpe!“

Mastermind! Warum war Mastermind hier?

Meine Augen waren vor Schreck geweitet und ich zog mich noch mehr zusammen. Kauerte mich schon fast auf dem Sessel hin, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Niemals hatte ich damit gerechnet, dass der Kerl hier sein würde.

„Warum?“ Mehr brachte ich nicht über meine Lippen. Ich spürte, dass ich die Antwort nicht hören wollte, aber alles in mir schrie, dass ich diese Situation endlich verstand. Jede Sekunde, die ich mehr in Unwissenheit verbrachte, schürte das Gefühl in mir, dass ich ein unbedeutender Wicht war, dem man nichts erzählen musste.

Mastermind lächelte breit und beugte sich nach vorne. Er wirkte nun auf mich, als würde er mich belauern. Bereit zum Sprung und mich zu erlegen, was mein Unwohl fühlen nur noch stärker werden ließ. Ich wusste, dass er meine Frage gehört hatte. Das teuflische Glitzern in seinen Augen nahm immer mehr zu, desto länger er mich betrachtete.

„Ich hab Darky ein wenig abgelenkt. Das war alles.“ Er zuckte mit den Schultern und entgegen meiner Erwartungen lehnte er sich wieder nach hinten und machte sich breit, während ich mit jeder Sekunde, die verging, kleiner wurde. Ich hätte wirklich vorher anrufen sollen oder auf Alex hören. Seine Ängste wegen Mastermind waren berechtigt gewesen. Wie sehr ich mir gerade wünschte, dass er jetzt bei mir wäre.

Schließlich kam Marc mit einem Tablett in das Wohnzimmer. Darauf stand eine Kanne mit dampfendem, rotem Tee, drei Tassen und eine Dose mit Zucker. Nur langsam entspannte ich mich, da ich nun nicht mehr mit Mastermind alleine war. Ruhig stellte Marc das Tablett auf den Couchtisch und schenkte dann ruhig ein. Mastermind bekam die erste Tasse, wobei er ohne zu fragen einen Löffel Zucker rein gab. Als er die zweite Tasse einschenkte, sah er mich fragend an: „Willst du auch Zucker, Felix?“

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290 стр. 1 иллюстрация
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9783750225756
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Вторая книга в серии "Verhasst"
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