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Sebastian Kalkuhl

Was Menschlich Ist

Sebastian Kalkuhl wurde im September 1996 geboren und macht ungefähr seitdem kreative Dinge. Als Jugendlicher legte er sich aufs Schreiben fest und arbeitet seit 2011 am #engelcontent-Universum. Wenn er sich nicht mit widerspenstigen Charakteren herumschlägt, studiert er hauptberuflich Gehirne und baut in seiner Werkstatt Schwerter.

Sebastian lebt und arbeitet zusammen mit zwei Hunden und mehreren Dutzend Plüschtieren am Rande des Ruhrgebiets.

Vom Autor erschien bislang auch im Selbstverlag:

Was Richtig Ist

- Das erste Buch im engelcontent-Universum -

Sebastian Kalkuhl

Was Menschlich Ist

Epubli Selfpublishing

Impressum

Texte:

© Copyright by Sebastian Kalkuhl

1. Auflage 2021

ISBN

Umschlaggestaltung und Grafiken:

© Copyright Raphael Vaerkhaos

vaerkhaos.art

Layout und Satz:

Sebastian Kalkuhl

mit freundlicher Unterstützung von:

Raphael Vaerkhaos

Verlag:

Sebastian Kalkuhl

Unnaer Straße 7

59439 Holzwickede

sebastian.kalkuhl@storage42.de

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für alle,

die noch auf der Suche nach sich sind

Teil 1


1

Chris

25. Oktober

Erde

Die Straße stand unter Wasser. Tapfer kämpfte sich der Bus durch den Sturzregen, während die Scheibenwischer auf Hochtouren arbeiteten und trotzdem nur gerade genug Sicht zum Fahren ermöglichten.

Von seinem Sitzplatz aus konnte Chris kaum mehr als eine monotone Wasserwand erkennen, hinter der sowohl Asphalt als auch Häuserfassen zu gräulichen Flecken verschwammen. Zwar mochte er sowohl Herbst als auch Winter, aber der Übergang dazwischen war mit Abstand die schlimmste Jahreszeit. Zusammen mit dem Regenwetter schlug ihm die farblose Welt zuverlässig aufs Gemüt.

Der Bus hielt. Mit einem Seufzen standen eine Handvoll Leute auf, darunter dem Anschein nach ein paar Schülerinnen. Chris wünschte ihnen Glück, dass sie halbwegs trocken nach Hause kamen, aber weder er noch sie machten sich da wohl groß Hoffnung.

Erneut warf er einen Blick auf sein Handy, gab sich einen Ruck und wählte bestimmt zum fünften Mal. Nichts, nicht einmal der Anrufbeantworter. Seinem Vater sah das gar nicht ähnlich.

›Glaub mir, ich will das heute auch nicht‹, dachte Chris grummelnd. ›Aber du könntest wenigstens rangehen, damit ich weiß, dass du mich nicht vergessen hast und ich gleich nicht ewig vor der Tür stehe.‹

Idealerweise dauerte das Treffen nicht einmal lange, denn Chris wollte lediglich die letzten paar Umzugskartons aus seinem alten Kinderzimmer holen. Sein Vater hatte ihm versprochen, beim Tragen zu helfen und die Kartons danach zu seiner WG zu fahren. Alles in allem eine Sache von vielleicht zwei Stunden unangenehmen Schweigens gemischt mit unbeholfenem Smalltalk, und dann mussten sie sich frühestens zu Weihnachten wieder sehen.

›Wir haben seit der OP nicht mehr gesprochen.‹ Der Gedanke spukte unablässig durch Chris’ Kopf. Die Narben auf seiner Brust heilten zwar gut, und seit einer Woche musste er die verdammte Kompressionsweste nicht mehr tragen, aber schwere Kartons sollte er wenn möglich noch nicht heben. Deswegen hatte er mit dieser Sache eigentlich noch warten wollen, aber sein Vater war Manager mit einem Terminkalender, der förmlich nach einem Burn-Out verlangte, und gönnte sich in den kommenden zwei Monaten anscheinend keinen einzigen freien Nachmittag. ›Der Stimmbruch hat ihm ja schon nicht wirklich gefallen. Aber gut. Wenn er immer noch ein Problem mit mir hat, soll er selbst damit zurechtkommen.‹

Der Bus bremste abrupt ab, die Türen öffneten sich wieder und signalisierten Chris, dass er sich dem Draußen stellen musste. Am liebsten würde er sitzen bleiben und behaupten, er hätte verschlafen, die Zeit vergessen, oder spontan etwas Wichtigeres zu erledigen gehabt, aber davon bewegten sich die Kartons auch nicht durch die halbe Stadt.

Innerhalb von zwei Schritten durchnässte ihn der Regen fast bis auf die Unterhose. Missmutig zog sich Chris die Kapuze seines Hoodies über den Kopf, als würde das etwas bringen, und versuchte, in so wenig Pfützen wie möglich zu treten, damit er nicht in einem der zahlreichen Schlaglöcher ertrank.

Auf dem Weg wandelten sich die Mehr- langsam zu Einfamilienhäusern, die Fassaden von Grau zu Weiß und wild wachsende Büsche zu sorgfältig gepflegten Schlammlandschaften, die einmal Vorgärten gewesen waren. Statt am Straßenrand parkten die gehobenen Mittelklassewagen nun in geräumigen Garagen – nicht dass den teuren Fahrzeugen noch etwas zustieß. In den Fenstern hingen bereits Halloweendekorationen, Kürbisse, Spinnennetze, Skelette und Geister überall. Chris wettete, dass es in mindestens einer dieser Vorstadtvillen wirklich spukte. Jede gutbürgerliche Nachbarschaft brauchte einen Poltergeist.

Immer, wenn er hier war, fühlte er sich von ungefähr einem Dutzend Leuten hinter Küchenfenstern beobachtet. Chris gehörte so offensichtlich nicht in diese Gegend – er war zu trans, nicht hetero genug, hörte die falsche Musik und hatte sein Studium nach zwei Semestern abgebrochen, nur um eine Ausbildung mit »irgendwas mit Medien« anzufangen. Aber etwa seit seinem zehnten Geburtstag redeten die Nachbarn ohnehin konstant über seine Familie. Klassischer Autounfall, wenn es so etwas gab, seine Mutter war sofort tot gewesen. Ihr Ehemann hatte sich in seiner Rolle als alleinerziehender Vater zwar gut genug angestellt, um Chris erwachsen und aus dem Haus zu bekommen, aber zu mehr hatte es nicht gereicht.

Er bog in eine Einfahrt und vergewisserte sich, die richtige Hausnummer erwischt zu haben. Die Häuser sahen sich zum Verwechseln ähnlich.

›Ich könnte auch einfach wieder gehen‹, dachte Chris und diskutierte mit sich, wie sehr er diese Umzugskartons wirklich bei sich haben wollte. Mit jedem Schritt wurde ihm schlechter und eine unterschwellige Angst machte sich in seiner Brust breit, die ihm unmissverständlich nahelegte, nach einer Ausrede zu suchen. Zu Schulzeiten war ihm ständig so zumute gewesen, doch diese Intensität kannte er nicht.

Vor der Haustür blieb Chris stehen und zögerte. Der Drang zu rennen ließ sich nun nicht mehr ignorieren, ebenso wie das Bedürfnis, sich neben den Briefkasten zu übergeben. Instinktiv tastete er nach dem silbernen Anhänger um seinen Hals – das einzige Erbstück seiner Mutter, das er immer noch besaß –, sammelte Mut, und blieb am Ende doch wieder still stehen. Das konnte doch nicht wahr sein.

›Komm schon. Wenn du dich an Weihnachten krank stellst, bist du dieses Jahr zum letzten Mal hier. Einmal musst du dich noch zusammenreißen und dann ist gut.‹

Chris klingelte mit unterwältigendem Ergebnis, denn nichts passierte. Mit zitternden Fingern kramte er seinen alten Haustürschlüssel aus der Hosentasche und trat ein. Innen herrschte eine so drückende Stille, dass sie selbst den Regen draußen übertönte.

Der Eingangsbereich bestand aus kalkweiß tapezierten Wänden, einem minimalistischen Schuhregal, einem leeren Garderobenständer und einer stereotyp grauen Fußmatte, auf der Chris wie angewurzelt stand und es nicht einmal wagte, sich die nassen Haare aus der Stirn zu streichen. Es kam ihm vor, als sollte er einem strengen Protokoll folgen, von dem er noch nie gehört hatte.

Er räusperte sich so geräuschvoll, dass er fast einen Hustenanfall bekam. »Jemand zuhause?«

Zuerst passierte nichts. Dann bewegte sich eine dunkle Gestalt schleichend langsam aus dem Wohnzimmer in den Flur. Sie sah aus wie ein Mensch, aber Chris spürte instinktiv, dass es keiner war. Rubinrote Augen starrten ihm entgegen, ein glänzender Blutfleck zierte die rechte Wange, zwei staubig blonde Haarsträhnen rahmten das wie aus Marmor gemeißelte Gesicht. Ein surrealer Glimmer machte es übernatürlich schön.

Der Fremde trug einen langen schwarzen Mantel, der den Rest seines Körpers scheinbar verschluckte, zwei Schatten ragten aus seinem Rücken. Als sein Blick auf Chris fiel, fror er mitten in der Bewegung ein.

›Du hättest rennen sollen‹, dachte Chris sofort. Alles Andere begriff er kaum, aber diese Tatsache konnte klarer nicht sein. ›Du hättest nicht zurückkommen dürfen. Nicht heute. Nicht jetzt.‹

Ohne den Blickkontakt zu brechen, wagte er sich einen Schritt rückwärts. Gerade, als er mit dem Rücken an die Haustür stieß, löste sich der Fremde aus seiner Starre, erreichte Chris innerhalb eines Augenblicks und presste ihn gegen die Tür, ihre Gesichter nur eine Handbreit voneinander entfernt. Der Fremde verzog keine Miene. Ein winziges Rinnsal Blut lief ihm die Wange herunter.

Chris hielt die Luft an. Der Griff um seine Schultern war so fest, dass er fürchtete, mit einem falschen Atemzug seine eigenen Schlüsselbeine zu brechen. Schmerz pochte unter den Fingern des Fremden, fraß sich gleichzeitig in sein Hirn, weil er den Blick nicht abwenden konnte, weil er nicht verstand, während sich die Sekunden zu einer quälend langen Ewigkeit ausdehnten.

Chris wollte nach dem Warum fragen, aber die Welt kippte, noch ehe er ein Wort herausbekam. Zuerst blitzte es gleißend auf, dann wurde ihm schwarz vor Augen, und dann gab sein Bewusstsein auf.


2

Chris

25. Oktober

Hölle

Ohnmacht an sich war nie das Problem, sondern das Aufwachen danach. Eine beißende, sengende Hitze kroch Chris schon beim ersten Atemzug tief in die Lungen und schien ihn von innen heraus einäschern zu wollen. Er spürte sich auf rauem Fels liegen, der seine Haut bei der kleinsten Bewegung blutig schürfte. Wie achtlos weggeworfen. Seine Kehle fühlte sich an wie Schleifpapier, sein Hirn wie trockengelegt und er sich insgesamt, als wachte er aus dem längsten und schlimmsten Mittagsschlaf aller Zeiten auf.

›Wie lange war ich weg?‹ Mit Sicherheit eine der unwichtigeren Fragen, aber die erste, die Chris in den Sinn kam. ›Eine Stunde, einen Tag? Wie lange kann ein Mensch noch mal ohne Wasser überleben?‹

Mit größter Mühe überredete er sich, zumindest die Augen zu öffnen. Die Welt um ihn herum blieb schwarz. Erst nach mehrfachem Blinzeln gewöhnte er sich genug an die Dunkelheit, um wenigstens Graustufen zu erkennen.

Nichts an seiner näheren Umgebung kam Chris auch nur ansatzweise bekannt vor. Er lag mit dem Gesicht zu einer steinernen Wand, die von dunklen, gläsernen Strukturen durchzogen wurde. Links von ihm befand sich eine verschlossene Tür, entweder aus anderem Stein oder mattem Metall. Es gab weder Schlüsselloch noch Türklinke, noch irgendeinen Anhaltspunkt, ob sie sich überhaupt öffnen ließ, aber Chris fühlte sich in jedem Fall zu schwach, um es zu versuchen. Sein Körper verwendete alle Energie darauf, wach und so etwas wie am Leben zu bleiben.

›Kann ich bitte aufwachen?‹, dachte er. Die Hitze fraß sich unterdessen weiter durch seinen Körper.

Chris sammelte genug Energie, um sich aufzusetzen. Der Stein schürfte seine Handflächen blutig und er wollte vor Schmerzen schreien, brachte aber nur ein heiseres Krächzen heraus. Wenn er wenigstens etwas zu trinken hätte…

Er lehnte sich gegen die Felswand. Allein der Kontakt zum Stein zerriss den Stoff seines Hoodies fast vollständig, aber immerhin konnte er von hier aus besser sehen. Gegenüber von der Wand ging es nach ein paar Metern so steil bergab, dass der Boden scheinbar abrupt aufhörte. Dahinter befand sich eine weitläufige, einsame Ebene, die erst zu einer monotonen Fläche und dann mit dem Horizont verschwamm. Winzige Lichtpunkte flackerten dort unten, es mussten Feuer sein, aber Chris konnte weder Brennstoff erkennen noch sich erklären, wie sie allein für diese beißende Hitze sorgen sollten.

Das Land sah verlassen aus, tot, ausgedörrt. Eine Feindseligkeit ging von ihm aus, die Chris nicht verstand, dafür aber sehr wohl die Nachricht, dass er nicht hier hingehörte.

Etwas bewegte sich am Rand seines Gesichtsfelds. Chris fuhr zusammen, schürfte sich den Rücken noch weiter auf, und erkannte den Fremden jetzt erst neben sich. Der wiederum schenkte ihm keinerlei Beachtung, sondern ging wie automatisiert mit geräuschlosen Schritten stetig auf und ab. In der Dunkelheit glühten seine Augen wie Kohlen, erhellten seine Wangen und machten die schiere Anspannung hinter dem Glimmer sichtbar.

Chris wollte wütend werden, oder zumindest fragen, wo zur Hölle er gelandet war, aber er brachte die Kraft nicht auf. Stattdessen versuchte er, so unauffällig wie möglich zu bleiben, beobachtete den Fremden weiter und hoffte, nicht bemerkt zu werden.

›Warum macht ihm die Hitze nichts?‹, dachte Chris. Wieder nicht sein größtes Problem, aber wieder das Erste, an dem sich sein Hirn festbiss. ›Wie kann er hier herumlaufen, ohne dass er-‹

Der Gedankengang hörte mitten im Satz auf, als Chris’ Blick erneut auf die Umrissgestalten zwischen den Schultern des Fremden fiel. Flügel. Zwei mächtige, mit schwarzen Federn besetzte Flügel sprossen ihm aus dem Rücken.

›Engel.‹ Der Gedanke kam ihm so absurd vor wie die Umgebung. Sein Verstand hielt nur daran fest, weil ihm selbst mit Traumlogik nichts Besseres einfiel.

Ein kaum merklicher Ruck ging plötzlich durch den Stein und der Engel blieb wie versteinert stehen. Die Tür neben Chris öffnete sich ohne einen Laut von selbst und gab den Blick auf einen gleißend hellen Raum im Stein frei. Im Kontrast mit der Dunkelheit schien das Licht schmerzhaft intensiv.

Ein Teil von Chris hoffte auf Hilfe, während ein anderer, realistischerer längst akzeptiert hatte, dass die nicht kommen würde. Was auch immer hinter der Tür wartete, sein Hass war bis hierhin spürbar.

Jemand packte ihn am Kragen und zog ihn unsanft auf die Füße. Chris erkannte den Engel vor sich, der ihn mit beinahe angeekelter Miene festhielt und kaum eines Blickes würdigte. Im Lichtschein wandelte sich seine Anspannung nun zusehends zu Angst. Er schleifte Chris über die Türschwelle, ließ ihn zu Boden fallen und kniete im Anschluss nieder. Die Flügel pressten sich eng an seinen Körper, als versuchte er, sich so klein wie möglich zu machen.

Das Licht drang durch Chris’ ganzen Körper, seine Seele und sein Selbst, vereinnahmte seine Aufmerksamkeit, hielt seine Augen offen, obwohl es mit jeder Sekunde tausend Löcher in seine Netzhaut brannte. Etwas, jemand war mit ihnen hier, ein allumfassender goldener Schein, wunderschön und anziehend, abstoßend und verzerrt.

Auch wenn der Schmerz in seinem Körper nicht mehr relevant schien, wollte Chris ihn herausschreien und brachte keinen hörbaren Laut heraus. Erst vergaß er, dass er fliehen wollte, dann das Konzept der Flucht an sich. Seine Gedanken lösten sich auf, er spürte sich nicht mehr. Überall Licht, nur noch Licht, nichts als Licht und Abscheu und endlich Erleichterung, als ihn die Ohnmacht erneut holte.


3

Dorian

25. Oktober

Hölle

Der Mensch sackte zu Boden, wahrscheinlich war er tot. Am Ende waren Menschen nicht dafür gemacht, die Präsenz eines Engels zu verstehen oder gar auszuhalten. Selbst Dorian fiel es manchmal schwer, die vollkommene Gestalt seines Meisters zu ertragen.

Das Licht dimmte auf ein erträgliches Maß herab und Luzifers Form wurde hinter dem Licht sichtbar. Sein Blick ruhte auf Dorian, hielt ihn zu Boden gedrückt und legte ihn offen wie ein Buch. Seine Stimme hallte Dorian mit seinen eigenen Gedanken durch den Kopf. »Du kannst gehen.«

Er nickte und beeilte sich, auf die Beine zu kommen, auch wenn Luzifers Aura ihm weiterhin das Knien befahl. Kaum, dass er stand, verfing er sich in seinem Mantel, stolperte rückwärts und prallte rücklings gegen die geschlossene Tür. Mit Mühe verkniff er sich eine gemurmelte Entschuldigung, schließlich sollte er längst nicht mehr hier sein, aber…

Die gesamte Szene zog seinen Blick wie magnetisch an. Bis jetzt hatte Dorian seinem Meister noch nie einen Menschen bringen müssen und hätte es auch heute nicht, wenn er nicht so verflucht unvorsichtig gewesen wäre. Anstelle zur Tür zu gehen hätte er einfach nur in die Hölle verschwinden müssen. Stattdessen hatte die Neugier gewonnen und flüsterte ihm nun erneut ins Ohr, wie sehr er insgeheim herausfinden wollte, was als nächstes geschah.

Von einem flimmernden Licht umhüllt hielt Luzifer den leblosen Körper des Menschen im Arm, murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Dorian wollte sich damit zufriedengeben und endlich verschwinden, als sein Meister erneut die Augen öffnete. Ein goldenes, heißkaltes Glühen ging von ihnen aus, wie alles an ihm. Dämonen nannten ihn den Lichtbringer.

Die Neugier setzte sich durch. Dorian verharrte in seiner Position und schaute zu, wie Luzifer dem Menschen buchstäblich in den hintersten Winkel seiner Seele schaute, bis sich Schweißtropfen auf der Stirn des Engels bildeten. Nie hatte er auch nur ansatzweise so angestrengt ausgesehen.

›Was tut Ihr?‹, fragten Dorians Gedanken. Er wollte sich schlagen dafür. Hätte er das wissen müssen, wäre es ihm gesagt worden. Was war los mit ihm, warum stand er immer noch hier?

Ein Flügelschlag, das Licht zuckte flackernd durch den Raum. Dorian fuhr zusammen und stolperte rückwärts, als ihn eine Schockwelle erfasste und erneut an die Wand drückte. Seine Flügelspitzen schürften über den steinernen Boden, die empfindliche Haut riss auf und so sehr Dorian sich auch beherrschen wollte, er musste einen erstickten Schrei von sich geben.

Zwischen Tränen in den Augen schaute er wieder in den Raum hinein, obwohl er das schon längst nicht mehr wollte, und dieses Mal blieb ihm beinahe das Herz stehen.

Der Mensch in den Armen seines Meisters trug Flügel. Ungelenk und zitternd spreizte er sie in einem schmerzhaft anmutenden Winkel vom Körper ab, als könnte er kaum mit ihnen umgehen. Schwarze Federn umgaben ihn, die Dorian nur zu gut kannte, denn es könnten seine sein.

Mit einem erstickten Atemzug schlug der Mensch die Augen auf, blutrot statt braun. Die Haut sah blasser und glatter aus als gerade noch, wie sorgfältig aus Stein gemeißelt.

»Nein.« Dorian bemerkte nicht, wie er das Wort laut sagte und zuckte zusammen, als seine Stimme aus dem Nichts zu ihm sprach. Luzifers Präsenz wog immer schwerer auf ihm. Warum war er noch hier?

Mit dem Rücken zu Wand richtete sich Dorian auf, ging einen zaghaften Schritt Richtung Tür, sie öffnete sich von allein. ›Sieh nicht hin‹, versuchte er sich zu sagen, während sein Blick wieder und wieder an der Person, die doch ein Mensch sein sollte, hängenblieb. Flügel wie er. Augen wie Luzifer.

›Verschwinde endlich von hier!‹

Dorian spürte eine aufkeimende Wut um sich herum, die nicht seine war. Er erwischte sich bei der Hoffnung, dass Luzifer ihn im Affekt umbrachte, dann müsste er nicht mehr nachdenken. Aber ein schneller Tod wäre gnädig, und so eine Strafe wartete mit Sicherheit nicht auf ihn.

Mit aller Kraft riss er sich von dem Anblick los, drehte sich um und rannte. Er vergaß den Abhang draußen, rutschte an der Felskante ab und fiel mehrere Meter tief, bevor er sich in der Luft fing und einigermaßen sanft am Fuß des Gebirges landete. Kaum, dass er auf festem Boden stand, gaben seine Knie nach und er sackte in sich zusammen, schürfte sich Hände, Ellbogen und Knie auf. Der Schmerz holte ihn zurück in die Gegenwart, raus aus diesem Raum, in dem Luzifers Licht noch immer bis nach draußen schien.

›Wie kann ein Mensch Flügel haben?‹

Der Gedanke setzte sich fest, ehe Dorian es verhindern konnte. In seiner Verzweiflung holte er aus und schlug sich selbst mit der flachen Hand ins Gesicht, doch das förderte nur noch mehr Fragen zutage. Je mehr er sie zu verdrängen und vergessen versuchte, desto höher türmten sie sich auf und begruben ihn unter sich, bis er zusammengekrümmt auf dem kochend heißen Boden lag. ›Wie kann ein Mensch aussehen wie ich? Was hat Luzifer mit ihm gemacht, dass… Was macht er jetzt noch mit ihm?‹

Dorian schlug sich noch einmal, als ein furchtbarer Verdacht in seinen Verstand kroch, doch es half nicht. Ihm wurde nur schwindelig und kurz darauf übel. ›Und wer bin ich dann?‹

Allein der Gedanke fühlte sich wie Verrat an seinem Meister an. Dorian zwang sich, ruhig zu atmen.

›Luzifer lügt mich nicht an‹, dachte er, wischte sich die Tränen weg und suchte Trost in dieser Tatsache. ›Er sagt mir, was ich wissen muss. Er vertraut mir. Er liebt mich. Wenn das anders wäre, hätte er mich nicht nach meinem Fall gerettet.‹

Das waren die unerschütterlichen Wahrheiten dieser Welt. Seine Augen konnten lügen, und er sich das alles in seiner Panik eingebildet haben. Luzifer wusste, was er tat. Das alles hatte seine Gründe und einen Sinn, den Dorian nur nicht verstand.

Dorian schloss die Augen und sah schwarze Federn vor sich, seine Federn. Er war hier der Gefallene und der Mensch ein Mensch. Er würde hierbleiben und warten, bis Luzifer nach ihm verlangte. Was aus dem Menschen wurde, musste ihn nicht kümmern.


4

Chris

25. Oktober

Hölle

Als Chris zu sich kam, fühlte sich die Luft zwar immer noch unangenehm an, aber wenigstens tat die Hitze nicht mehr weh. Entweder hatte er sich daran gewöhnt oder es war abgekühlt.

›Oder ich bin tot‹, dachte er und wartete ab, bis ihm sein Gehirn mehr Informationen lieferte. ›Als Letztes hab ich ein Licht gesehen, das kommt also hin. Was den Rest angeht…‹

Er spürte sich bäuchlings auf heißem Stein liegen. Chris blinzelte und sah zuerst nur Schemen um sich herum, bis das Bild langsam aufklarte. Seine Augen mussten sich vollkommen an die Dunkelheit gewöhnt haben, denn nun erkannte er mehr als graue Schemen um sich herum.

Der Raum ähnelte mehr einer Höhle, denn einem Zimmer. Wände, Boden und Decke bestanden alle aus dem gleichen Fels, dunkelrot, an manchen Stellen gräulich oder von Adern aus Obsidian durchzogen, die Chris wie aus einem Fiebertraum bekannt vorkamen. Rechts und links befanden sich zwei Türen, vor ihm winzige Fenster aus dunklem, matten Glas. Draußen flackerten Funken oder weit entfernte Feuer.

Seine Gedanken tanzten wirr, als säße ihm eine fremde Präsenz im Kopf, die ihm einredete, dass alles in Ordnung sei und er sich keine Sorgen machen müsste. Aus Mangel an Alternativen versuchte Chris zuerst, sich darauf einzulassen, schaffte es aber beim besten Willen nicht.

Sein Rücken fühlte sich merkwürdig an, wund und schwer. Ein zusätzliches Gewicht lastete auf ihm, und fühlte sich an wie ein zu schwerer Rucksack, als er sich aufsetzte. Nur mit Mühe blieb er gerade sitzen und fiel nicht direkt nach hinten.

›Warte.‹ Ihm lief ein Schauer über den ganzen Körper. ›Was ist, wenn das-‹

Chris versuchte, das Gewicht zu verlagern. Es ließ sich bewegen und steuern, fühlte sich an wie zwei Gliedmaßen, mit denen er gerade ungelenk und in Zeitlupe durch die Gegend fuchtelte. Je mehr er es versuchte, desto sicherer wurde er und desto weniger fühlte sich die Welt real an. Alle Eindrücke drangen nur noch wie durch zentimeterdicke Watte zu ihm, seine Gedanken blieben stehen, sein Körper fühlte sich fremd an.

In einem Anflug Panik fühlte Chris auf seinem Rücken nach. Fast sofort stießen seine Finger auf zwei riesige Fortsätze, die aus seinen Schultern ragten, mit weicher Haut bespannt, von hunderten Federn besetzt. Kaum, dass er sie berührte, zuckte ein Schmerz durch seinen gesamten Körper und hinterließ erst ein taubes Gefühl, dann fühlte sich alles hundertfach intensiver an. Chris schrie auf, sank zu Boden, und begann trotz der Hitze zu zittern.

›Scheiße, das sind Flügel. Ich habe Flügel.‹ Wie um die Erkenntnis zu bestätigen, pochte der Schmerz durch seine Schultern. Selbst die Luft tat weh. ›Das kann alles nicht wahr sein.‹

Plötzlich wurde es wieder hell im Raum. Instinktiv kniff Chris die Augen zusammen, nur um sie direkt wieder zu öffnen, weil sein Blick von der Gestalt inmitten des goldenen Scheins angezogen wurde. Mit schmerzhafter Langsamkeit gewöhnte er sich genug ans Licht, um die Person dahinter zu erkennen, doch in seinem tiefsten Inneren wusste er da schon längst, dass ein Engel vor ihm stand.

Alles an ihm war makellos, von der blassen, glatten Haut über die langen, hellblonden Haare, die ihm wie flüssiges Gold über die Schultern fielen, bis hin zu jeder einzelnen, reinweißen Feder seiner Flügel. Ein Schein wie eine zerbrochene Krone zierte sein Haupt, lange Roben aus fließendem, dunkelroten Stoff bedeckten seinen Körper. Grenzenlose Verachtung schien aus seinen Augen und sein Blick allein befahl Chris, vor ihm auf die Knie zu gehen. Eine überwältigende Präsenz wühlte sich durch seinen gesamten Geist.

Auch wenn er besser sehen konnte, verstand Chris kein bisschen. »Was-«

»Du sprichst, wenn ich es dir sage«, antwortete der Engel so scharf, dass sich jeder Anflug von Widerstand im Keim erstickte. »Wie ist dein Name?«

»Chris«, murmelte er und atmete beim bekannten Klang seiner eigenen Stimme erleichtert auf.

Der Engel nickte langsam und wiederholte den Namen wie ein unbekanntes Fremdwort. Chris meinte, eine gewisse Faszination in seiner Stimme zu hören, neben mit einer deutlich präsenteren Abneigung ihm gegenüber.

»Mein Name ist Luzifer«, sagte der Engel. Es fühlte sich an, als hätte Chris das längst gewusst. »Du fragst dich, wo du bist.«

Unwillkürlich nickte er und versuchte nicht einmal, das zu bestreiten.

»Du hast vor sechshundert Jahren gegen Gott und die Herrscher im Himmel rebelliert und wurdest zur Strafe in die Hölle gestürzt. Dämonen haben dich getötet, bevor du dich wehren konntest.«

›Was?‹ Chris wusste nicht einmal, wie er reagieren sollte. Ein Teil von ihm wollte das sofort zu seiner neuen Realität erklären, aber die Tatsache, dass das so offensichtlich gelogen war, ließ sich nicht ignorieren. ›Was will er von mir?‹

»Als Engel gehörst du nicht hierher«, fuhr Luzifer unterdessen fort. Ob Unsinn oder nicht, seine Stimme verlangte Aufmerksamkeit. »Deine Seele hing in den Höllenflüssen fest und sank auf den Grund. Ich habe dich von dort gerettet.«

›Du musst den Falschen haben‹, dachte Chris in der Hoffnung, dass das Luzifer irgendwie erreichte. Etwas musste schiefgelaufen sein.

»Durch deinen Tod wurde der Bann gebrochen, der dich in der Hölle hält. Du kannst sie jetzt verlassen. Und du bist in der Lage, den Bann nun für mich zu lösen.«

»Was… Wie?«

Der Engel stutzte und fiel einen Moment lang komplett aus seiner Rolle. Er starrte Chris direkt in die Augen, seine Schönheit verzerrte sich erst zu Entsetzen und dann zu abgrundtiefer Wut. »Du stellst keine Fragen«, zischte er, anscheinend mühevoll beherrscht. »Dein Gehorsam ist das Mindeste, was du mir schuldest. Du wirst mir alles geben, was du hast.«

Etwas drückte seinen Kopf erst nach unten und zog ihn dann wieder hoch. Es fühlte sich wie ein groteskes Nicken an.

»Ruh dich aus. Ich werde nach dir rufen.«

Luzifer wandte sich um, verschwand so schnell wie er gekommen war und nahm das Licht mit sich. Es musste jetzt stockdunkel im Raum sein, aber Chris konnte immer noch problemlos sehen.

Er fasste sich vorsichtig ins Gesicht. Die Haut war kühler und glatter als er in Erinnerung hatte, aber sie fühlte sich lebendig an und nicht nach Marmor. Unter dem neuen Oberteil aus fremdem, schwarzen Stoff war seine Brust flach. Den silbernen Anhänger spürte er noch immer um seinen Hals, das Metall war angenehm kühl, als könnte ihm die Hitze nichts anhaben. Nicht die ganze Welt stand auf dem Kopf.

»Scheiße«, murmelte Chris trotzdem, weil ihm nichts Besseres einfiel. Vorsichtig legte er sich wieder auf den Boden, hielt die Flügel von sich abgespreizt, damit sie nichts berührten und schloss die Augen. Vielleicht war es sinnlos, immer noch auf einen endlosen Albtraum zu hoffen, aus dem es sich aufwachen ließ, aber den Versuch war es wert.


5

Dorian

25. Oktober

Hölle

Nach einigen quälend langen Stunden hatte sich Dorian immerhin davon überzeugt, dass sein Weltbild gerade nicht komplett in sich zusammenbrach. Dennoch lag er immer noch reglos am Gebirgsrand, trocknete langsam aus und wusste nichts mit sich anzufangen.

»Dorian.«

Die Stimme hallte mit seinen eigenen Gedanken durch seinen Kopf. Dorian zuckte zusammen, kam im selben Moment auf die Beine und versuchte, die schmerzenden Schürfwunden so gut wie möglich zu ignorieren. Luzifer rief nach ihm.

Dorian schloss die Augen und wünschte sich seinem Meister entgegen. Als er wieder aufschaute, befand er sich ganz woanders. Wo genau, konnte er auf die Schnelle nicht sagen, denn die unzähligen Höhlen und Tunnel im Gebirge sahen sich zum Verwechseln ähnlich, aber er wähnte sich tief unter der Erde. Die Luft fühlte sich deutlich kühler an als draußen.

Sein Meister stand mitten im Raum, die Arme vor der Brust verschränkt. Selbst durch sein Licht hindurch sah er ausgezehrt und erschöpft aus. Was auch immer er mit dem Menschen gemacht hatte, es musste ihn angestrengt haben – und jetzt hinderte Dorian ihn auch noch daran, sich auszuruhen.

Er senkte den Blick und wollte nichts lieber, als auf Knien um Vergebung zu bitten, aber er beherrschte sich. Lieber ruhig stehenbleiben, nicht fragen, nicht weiter provozieren, und alles über sich ergehen lassen. Er verdiente es.

»Warum hast du nicht gehört?«, fragte Luzifer nach einem lang gezogenen Schweigen und verlor danach die Beherrschung. Jedes Wort eine Schockwelle, ein Schlag in den Magen und gleichzeitig ins Gesicht. Schon das erste hielt Dorian nicht aus. »Ich habe dir gesagt, dass du gehen sollst. Was war daran nicht zu verstehen?«

Dorian biss die Zähne zusammen. Die Tränen an sich konnte das zwar nicht verhindern, dafür aber das laute Schluchzen, das in seiner Kehle saß. So einen Anblick verdiente Luzifer nicht.

»Dass du mir dienst, ist das Mindeste«, flüsterte sein Meister. Er packte Dorian am Kragen und zog ihn zu sich. Zwang ihn, ihm gegen jeden Instinkt in die Augen zu sehen, den aus reinster Abscheu geformten Blick auszuhalten und Luzifer in seinen Geist zu lassen.

Der Griff erlaubte Dorian nur ein paar Zentimeter Freiraum, aber es reichte für ein Nicken. Gleichzeitig wisperten seine vor Angst getriebenen Gedanken zwei Fragen vor sich hin. ›Warum betont er das so? Nur, weil du ihn enttäuscht hast?‹

»Es tut mir leid«, flüsterte er heiser. Er könnte die Worte nicht ehrlicher meinen, doch sie klangen platt und sinnentleert. Seine Zweifel standen zu offen im Raum, als dass die Entschuldigung noch irgendeinen Wert besäße.

Luzifer wusste das und ließ es Dorian spüren. Seine Verachtung schmerzte mehr als jede Folter, denn sie reichte tiefer. »Wer bist du? Was tust du?«

»Ich bin Euer Diener.« Darum herum baute sich seine Identität auf. Das war seine Aufgabe, sein Lebenssinn. Was davor kam, tat nichts zur Sache. »Ich werde Euch aus der Hölle befreien.«

»Du tust, was ich sage.«

»Ich tue, was Ihr sagt.«

»Du hast nichts gesehen.«

Dorian nickte und klammerte sich an den Worten fest, als hinge sein Leben davon ab.

»Du stellst keine Fragen.«

›Aber warum betont er das so?‹ Der Gedanke war nicht totzukriegen. »Ja, natürlich.«

Luzifer ließ ihn los. Instinktiv wich Dorian mehrere Schritte zurück. »Du gibst mir alles.«

»Alles, was ich habe«, flüsterte er. »Ich mache keine Fehler mehr.«

Schon allein deswegen, um nie wieder Dinge zu sehen, die nicht für seine Augen bestimmt waren. Nein, die es gar nicht gab. Warum fiel es ihm so schwer, das zu akzeptieren? Er musste kaputt sein.

Luzifer schaute Dorian noch immer durch die Augen direkt in die Seele. Der Engel musste sehen können, wie sehr Dorian die Bilder zu vergessen versuchte – und wie die Zweifel mit jedem Versuch wuchsen.

»Es ist alles gut«, sagte Luzifer, sowohl mit seiner eigenen Stimme als auch in Dorians Kopf. »Ich vertraue dir noch.«

Dorian nickte. Tränen strömten ihm übers Gesicht, aber gerade gab es nur seiner Erleichterung Ausdruck. Er war noch zu etwas gut.

»Das nächste Mal wirst du nicht gesehen«, fuhr sein Meister fort. »Das nächste Mal befreist du mich.«

»Natürlich.« Er würde alles daran setzen. Vor allem würde ihn nie wieder ein Mensch zu Gesicht bekommen und die Begegnung überleben. Nicht noch einmal Flügel, nicht noch einmal rote Engelsaugen, wo keine sein sollten. Wo nie welche gewesen waren. Dorian hatte nichts gesehen.

»Ich vertraue dir noch«, wiederholte Luzifer und ließ Dorian endlich fallen. Schluchzend brach er in sich zusammen und hielt sich den Kopf, weil sich seine gesamte Psyche wie seziert anfühlte. Außer einem heiseren »Danke« brachte er keine verständlichen Worte mehr heraus.

Luzifer wandte sich um und ließ ihn buchstäblich links liegen. Hinter dem Licht und unter dem perfekten Glimmer zitterten seine Knie. Was auch immer er getan hatte, es musste unvorstellbar viel Kraft gekostet haben. Undenkbar, dass ein Mensch das länger als ein paar Sekunden überlebt haben sollte. Unmöglich, dass die Erinnerung, die unablässig durch Dorians Kopf spukte, tatsächlich stimmte.

›Was ist, wenn doch?‹, flüsterte eine leise Stimme in Dorians Gedanken, von der er nicht wollte, dass sie es besser wusste. ›Was ist, wenn du deinen Augen trauen kannst?‹

»Ich habe nichts gesehen«, murmelte er und biss sich fast auf die Zunge. »Ich habe nie etwas gesehen. Das ist alles nicht passiert.«

Dorian hatte an der Hoffnung festgehalten, dass sich alles von allein wieder gerade rückte und sein Meister alle Fragen und Zweifel wenn nötig aus ihm herausfolterte. Doch stattdessen wuchs ihm das Gefühl, dass etwas mit der Welt nicht stimmte, stetig weiter über den Kopf.


6

Chris

2. November

Hölle

Noch mal.« Chris hatte schon die letzten drei Male nicht fragen wollen, aber die Hoffnung, dass er sich die ganze Zeit verhörte, ließ sich einfach nicht totkriegen. »Luzifer will, dass wir bitte was machen?«

Der Engel ihm gegenüber seufzte laut und schlug mit so einer Wucht in die Wand neben sich, dass Staub von der Decke rieselte. Vor etwa einer halben Stunde hatte er Chris in einem der endlos langen Tunnel ausfindig gemacht und sich grummelnd als Janne vorgestellt. Seitdem erreichte seine Laune stetig neue Tiefpunkte und Chris ging mittlerweile davon aus, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben.

»Wie oft muss ich dir das noch erklären?«, unterbrach sein selbst erklärter Partner den Gedankengang. Er war kleiner und schmaler als Chris, was an sich schon eine Leistung darstellte, hatte ebenso blutrote Augen wie Luzifer persönlich und wirre, schokoladenbraune Haare. Insgesamt sah er nicht älter aus als achtzehn und verhielt sich entsprechend. »Wir gehen auf die Erde, und du baust keine Scheiße, weil ich schon genug Ärger hab. Was verstehst du daran nicht?«

»Warum müssen wir Menschen töten?« Chris konnte kaum glauben, diesen Satz laut zu sagen und ernst zu meinen. Immerhin kam ihm die Sache so unwirklich vor, dass ihm die restlichen Umstände beinahe nichts mehr ausmachten – inklusive die Erkenntnis, was für ein Schicksal seinen Vater ereilt haben musste. »Was für einen Sinn soll das-«

»Ist egal!«, erwiderte Janne und schlug noch einmal auf die Wand ein. Ein beeindruckender Riss bildete sich an der Stelle. »Luzifer will, dass wir das machen, also machen wir es. Fertig.«

»Okay.« Chris wusste nicht, was für eine Antwort er erwartet hatte, aber die hier enttäuschte ihn trotzdem. »Sag mal, wenn du ›Wir‹ sagst, wie viele von euch gibt es eigentlich?«

Janne zuckte mit den Schultern. Da er weder dem Tunnel noch Chris weitere Gewalt antat, schien das Thema wohl weniger sensibel zu sein. »Keine Ahnung, fünfzehn oder so? Manchmal werden welche umgebracht. Manchmal holt Luzifer neue zurück.«

›Heißt das, alle seine Diener sind menschlich?‹ Es kam Chris so unfassbar absurd vor. Wenn der Engel mit all seiner Macht von allein nicht aus der Hölle kam, wie um alles in der Welt sollten ihm dann ausgerechnet Menschen dabei helfen? Und, das war wohl die größere Frage, warum schienen sie das auch noch bereitwillig zu tun?

»Noch was?«

»Kennst du einen bestimmten, äh, Kollegen von dir? Etwas größer als ich, blond, sagt kein Wort?«

»Ah«, machte Janne. »Dorian. Ganz ehrlich? Seltsamer Kerl. Der ist ständig alleine unterwegs und wenn ihn mal jemand zu Gesicht bekommt, dann redet er mit keinem.«

Chris nickte. Ein Name machte alles etwas greifbarer. Eine konkrete Person hatte ihn entführt und einem schier endlosen Albtraum zum Fraß vorgeworfen, und eben keine Erscheinung, die sich Chris vor lauter Verwirrung zusammengereimt hatte.

›Ob Dorian wohl wirklich bewusst gewesen ist, was er da anstellt? Zumindest Janne scheint ja zu glauben, was Luzifer ihm erzählt hat.‹

»Können wir jetzt endlich los?«, riss ihn Janne schon wieder aus den Gedanken, noch ehe er schlau daraus werden konnte.

»Äh. Ja. Sicher.«

»Bisschen motivierter, wenn’s geht«, erwiderte er und packte Chris an der Schulter. Instinktiv wollte er sich losreißen, doch bevor er nennenswert weit kam, leuchtete es plötzlich um sie herum auf. Chris verlor das Gleichgewicht im Glauben, der Boden würde unter seinen Füßen weggerissen und ausgetauscht werden. Die Luft kühlte ab, die inhärente Feindseligkeit in der Atmosphäre verschwand, und innerhalb eines Augenblicks kam ihm die Hölle nur noch wie eine entfernte Erinnerung vor.

Über Chris befand sich ein weiter, blauer Himmel, den eine Handvoll Schleierwolken zierte. Um ihn herum wuchsen Bäume, die noch tapfer dem Winter trotzten und deren Blätter von honiggelb bis tiefrot in allen Schattierungen leuchteten. Am Boden wuchs sattgrünes Gras, im Dickicht dunklere Büsche.

Chris war nie jemand gewesen, der sich gerne draußen aufhielt und gerade bereute er, die simple Schönheit seiner Umgebung früher nie als solche erkannt und in irgendeiner Form wertgeschätzt zu haben. Das hier musste die Erde sein oder ein Traum im Traum. Mit beidem käme er gerade gut zurecht.

›Ob ich von hier nach Hause finde?‹ Er schaute sich noch einmal um. Außer der Pflanzen gab ihm nichts konkrete Hinweise darauf, wo er genau gelandet war, und er kannte sich zu wenig mit Geographie oder Biologie aus, um daraus Schlüsse zu ziehen. ›Ich könnte genauso gut am anderen Ende der Welt gelandet sein. Das wäre dann wohl nur beinahe das Unmöglichste, was mir je passiert ist.‹

Jemand stieß ihn von der Seite an. Chris fuhr zusammen und beherrschte sich gerade gut genug, um nicht nach Janne zu schlagen, der wie die personifizierte Ungeduld neben ihm stand. »Hör auf zu starren und komm. Ich will die Sache hier gut machen.«

Chris hob eine Augenbraue. »Was genau hast du vorher angestellt?«

»Du hast ja keine Ahnung«, murmelte Janne mit geröteten Wangen. »Ich hab den scheiß Bahnhof in die Luft gejagt und man müsste meinen, dass das reicht, aber die Schutzengel sind trotzdem abgehauen. Ich hätte das hingekriegt, aber nein, die werden mir direkt vor der Nase weggeschnappt und ich steh mit leeren Händen da. Und dann darf ich das Luzifer beibringen. Der hätte mich fast umgebracht! Das hier muss ich jetzt hinkriegen, und wehe, du versaust mir das.«

»Warte.« Da war es wieder. »Nochmal von vorne.«

Janne seufzte und trat gegen einen Baumstamm. Es knackte, aber ansonsten passierte zum Glück nichts. »Du bist wirklich nicht der Hellste, was?«

›Nein, damit ist jetzt nur meine allerletzte Hoffnung gestorben, dass das alles ein schlechter Scherz ist.‹ »Du warst das mit dem Bahnhof? Das war überall in den Nachrichten.«

»Das war wo?«

»In den Nachrichten?«

Janne sah aus, als könnte ihm selbst ein Wörterbuch nicht helfen.

Chris seufzte. »Du hast den in die Luft gejagt?«

Janne nickte heftig und mit stolzgeschwellter Brust. »Höchstselbst!«, erklärte er grinsend. »Hatte nicht mal viel Zeit, das Ganze zu planen, weil alles so schnell gehen musste. Alle Leute haben an mir gezweifelt, weil sie dachten, ich würde das nie im Leben schaffen, aber ich hab’s ihnen gezeigt! Ich weiß, was ich mache.«

Es gab niemanden, dem Chris gerade mit schlechterem Gewissen Sprengstoff anvertrauen würde.

»Und die sind mir trotzdem abgehauen, die verdammten Schutzengel. Hätte ich nur einen von denen erlegt bekommen, wäre es das gewesen und Luzifer wäre jetzt frei, aber nein…«

Chris zwang sich zu einem verständnisvollen Nicken und versuchte dann, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, bis sich Jannes anhaltender Monolog zu einem Hintergrundrauschen entwickelte. Sobald sein Verstand vollständig begriff, was der mehr oder weniger falsche Engel gerade vorhatte, würde er nur in Panik ausbrechen und das half ihm auch nicht weiter. Ein kleines bisschen Dissoziation schadete nicht.

Sie kämpften sich etwa fünf Minuten lang durch das Dickicht und kamen nur langsam voran, weil sie beide auf ihre Flügel aufpassen mussten. Wann immer seine Federn einen Ast oder ein Blatt streiften, fluchte Janne laut auf und trat die Pflanze platt. Am Rande des Wäldchens kam schließlich ein mehrstöckiges Wohnhaus zum Vorschein.

Selbst von weit weg bemerkte Chris die farbenfrohen Dekorationen auf den Balkons und Lichterketten in manchen Fenstern. Hinter zwei oder drei Vorhängen glaubte er, Bewegungen zu erkennen, doch ansonsten war kein Mensch zu sehen. Ein verlassener Spielplatz mit einer einsamen Schaukel befand sich etwas hinter dem Gebäude. Die Umgebung erinnerte Chris an die Stadtteile, in denen seine Freunde gewohnt hatten, und vielleicht hieß das, dass er doch nicht so weit weg von Zuhause war wie befürchtet.

Ihm war nicht nach Reden zumute, aber da Janne früher oder später von alleine wieder damit anfangen würde, wählte er das offensichtlichste Thema. »Was machen wir jetzt?«

»Du machst hier gar nichts«, erwiderte sein Begleiter entrüstet. »Ich erledige das alleine, bevor du mir hier irgendwas versaust. Ich kann das besser als du.«

»Willst du, dass ich warte, oder-«

»Lass. Mich. Machen«, erklärte Janne und machte den Eindruck, als wollte er Chris am liebsten an die Kehle springen.

Er hob beide Hände und ging einen Schritt zurück. »Okay, okay, ich bleib hier.«

»Und bau keine Scheiße.« Janne wandte den Blick ab und ließ Chris zwischen Bäumen und Gebüsch stehen. Der Engel ging zwei Schritte, breitete seine Flügel aus und stieg elegant in die Luft, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Schnell gewann er an Höhe, hielt auf einen der Balkone zu und kletterte mit einer fließenden Bewegung über das Geländer. Danach verschwand er aus Chris’ Blickfeld.

›Ich könnte wegrennen‹, dachte er auf der Stelle. ›Janne ist beschäftigt und wenn er Luzifer wirklich so unbedingt glücklich machen will, kann er mich auch nicht hinterher. Fragt sich nur, wie weit ich komme und ob ich woanders wirklich sicher bin.‹

Hätte Chris gewusst, dass er die Hölle anscheinend einfach so verlassen konnte, hätte er das schon längst versucht, anstatt stundenlang durch unzählige Tunnel zu irren, ohne eine einzige Person zu treffen, und sich zu fragen, wann er vor Durst den Verstand verlor. Hier konnte er immerhin klar denken, sich sammeln und versuchen, sich einen Reim auf alles zu machen.

›Mit den Flügeln kann ich definitiv nicht unter Leute‹, überlegte er weiter. ›Der Rest ist nicht mein größtes Problem, mit dem Mantel und der Haut halten mich die Leute höchstens für ’nen Goth und damit kann ich leben. Aber die verdammten Flügel.‹

In regelmäßigen Abständen dachte Chris darüber nach, sie sich einfach auszureißen. Aber so fremd und falsch sie sich auch anfühlten, er hing gerade genug an ihnen, um es nicht zu versuchen. Ganz abgesehen davon, dass er wahrscheinlich vorher ohnmächtig vor Schmerzen wurde.

›Im Moment kann ich zumindest herausfinden, wo ich eigentlich bin. Straßenschilder, Autokennzeichen, Werbung, irgendwas. Dann weiß ich mehr und kann weitersehen.‹

Zumindest fühlte sich das besser an, als wie angewurzelt hier zu stehen und auf ein unvermeidliches Unheil zu warten. Chris warf noch einen erneuten Blick aufs Wohnhaus, ging dann zurück ins Unterholz und bahnte sich hoffentlich ungesehen einen Weg. Früher oder später würde er wohl auf eine Straße stoßen.

Er kam höchstens drei Meter weit, als es hinter ihm krachte. Einen Moment später hörte er ein gellendes, unkontrolliertes Lachen, ehe ihm ein breit grinsender Janne fast ins Gesicht flog. »Duck dich!«

»Was?«

»Duck dich, hab ich gesagt!«

»Warum-« ›Oh. Oh Gott.‹ Reflexartig zog Chris den Kopf ein und drehte sich gerade noch rechtzeitig vom Haus weg, bevor es in die Luft flog. Der erste Knall war ohrenbetäubend, alle weiteren Geräusche wurden von einem schrillen Fiepen in Chris’ Ohren übertönt. Die Schockwelle erwischte ihn in dem Moment als er zur Überzeugung gelangte, sie irgendwie verpasst zu haben. Er wurde mit dem Gesicht zuerst ins Gras gedrückt, Dreck und Trümmer flogen über ihn hinweg und schlugen zum Teil in die Baumstämme ein. Eine graue Staubschicht legte sich über Kleidung, Haut, Erde und Sonne und kühlte die Luft innerhalb weniger Sekunden um mehrere Grad ab.

Chris verharrte in der Haltung, bis er sich halbwegs sicher war, beim Aufstehen von nichts erschlagen zu werden. Er richtete sich auf, atmete tief ein und musste husten, als sich Staub in seiner Lunge festsetzte. Jeder Atemzug brannte wieder wie in der Hölle, aber immerhin ließ das Fiepen nach.

Während er seinen Körper halbwegs wieder unter Kontrolle bekam, lachte Janne neben ihm immer lauter. »Hast du das gesehen? Hast du gesehen, wie das in die Luft gegangen ist? Jetzt guck doch, verdammt nochmal!« Widerwillig rieb sich Chris die Augen. Vor ihm hüpfte Janne wild auf und ab und deutete auf das Chaos, wo eben noch ein Haus gestanden hatte. »Alles ist kaputt, richtig gut!«

Chris wurde schlecht, während er sich umschaute und nichts außer Trümmer aus Stahl und Beton um sich herum erkannte. Spätestens als Janne vom Bahnhof erzählt hatte, war ihm klar gewesen, wie diese Sache ausgehen würde, aber ein Teil von ihm hatte wider besseren Wissens auf Angeberei gehofft.

»So hab ich sie am liebsten«, fuhr Janne begeistert fort und ließ offen, wen genau er meinte. »Alles ist perfekt, jetzt müssen wir nur noch zurück und Bericht erstatten und dann-«

Er brach ab, als die Luft um ihn auf einmal zu glühen begann. Chris glaubte erst, Janne hätte es einfach nur schrecklich eilig, doch der schaute sich nicht minder verwirrt um, zog die Flügel eng an den Körper, ging mehrere Schritte zurück. Zum ersten Mal stand Unsicherheit auf seinem Gesicht geschrieben.

Das Licht verblasste so schnell, wie es gekommen war und plötzlich stand jemand Drittes zwischen ihnen beiden. Er hatte kastanienbraune, im Nacken zusammengebundene Haare, hellblaue Augen. Dazu trug er einen fliederfarbenen, weiten Pullover und eine Art Jogginghose in der gleichen Farbe, keine Schuhe oder Schmuck, dafür aber gleichermaßen Fassungslosigkeit und unverhohlene Wut im Gesicht. Natürlich hatte auch er seine reinweißen Flügel weit ausgebreitet.

Noch während Chris seinen Augen nicht ganz traute, schaltete Janne bereits von Überraschung zu totalem Hass um. »Du bist einer von denen«, brüllte er und sprang dem Engel ohne Vorwarnung an die Kehle. »Du gehörst zu den gleichen Arschlöchern, die mir abgehauen sind!«

Der Engel wurde nach hinten gerissen, offensichtlich noch bevor er wusste, wie ihm geschah. Chris ging mehrere Schritte rückwärts, um nicht auch noch mitgenommen zu werden, duckte sich. Jemand schrie unverständliche Worte, im selben Moment blitzte es gleißend hell auf. Janne fluchte, gewann Abstand und hielt sich den Arm. Selbst seine Flügelspitzen zitterten vor Wut. »Ihr habt uns alle in die Hölle gestoßen und du holst Luzifer jetzt wieder da raus!«

Dem Engel blieb keine Zeit. Er schlug ein paar Mal mit den Flügel und versuchte zu fliegen, aber Janne packte ihn und zog ihn wieder zu Boden. Chris wusste nicht, was er machen sollte. Einerseits wollte er den Engel unterstützen, das erschien ihm gut und richtig und wenn ihm jemand hier ernsthaft helfen konnte, dann dürfte das wohl er sein. Aber andererseits konnte er wohl kaum etwas gegen den Hass ausrichten, mit dem Janne gerade auf seinen Gegner einprügelte. Wenn er zwischen die Fronten geriet, glaubte er garantiert als Erstes dran.

›Lässt Luzifer Menschen auf Engel los?‹ Vor lauter Entsetzen beschloss sein Hirn schon wieder, sich mit den irrelevantesten Dingen zu beschäftigen. ›Sind wir deswegen hier? Wie um alles in der Welt soll ihn das befreien, wie zur Hölle-‹

»Hilf mir, verdammt nochmal!«

Chris schreckte zusammen. Janne hatte den Engel von hinten gepackt. Der schlug verzweifelt um sich und murmelte Worte, die Chris als Gebet erkannte, während ihm Todesangst offen im Gesicht geschrieben stand. »Bring es zu Ende, darauf haben wir gewartet, dafür bist du da!«

›Ich soll was?‹ Jetzt setzte die Panik ein. Kampf- und Fluchtinstinkt bekämpften sich gegenseitig, löschten sich aus und ließen Chris zur Salzsäule erstarren. ›Das kann ich nicht. Zusehen, wie jemand anders Leute umbringt ist das eine… Aber das kannst du unmöglich von mir verlangen.‹

Janne nickte mit dem Kopf in Richtung Boden. Chris folgte seinem Blick und erkannte ein dünnes Messer im Gras liegen. »Krieg gefälligst deinen Arsch hoch, verdammte Scheiße!«

›Ich kann nicht. Ich kann das nicht.‹

»Bring ihn um!«

Der Engel wagte es nicht einmal, zu widersprechen. Da war immer noch Angst in seinem Blick, aber je mehr Zeit verging, desto mehr sah er danach aus, als würde er mit der Situation abschließen. Schließlich schloss er die Augen, seine Lippen bewegten sich noch, aber Chris hörte nur noch Jannes kontinuierliches Fluchen und die Aufforderung, sich endlich zu bewegen.

›Wenn ich es nicht mache, wird er es tun‹, dachte Chris. Irgendwie musste er die Sache vor sich rechtfertigen. ›Ich könnte wenigstens dafür sorgen, dass es schnell geht.‹

»Wie nutzlos willst du denn noch sein, mach deine verdammte Arbeit oder du bist als Nächstes dran!«

Chris spürte, wie er sich von ganz alleine in Bewegung setzte. Seine Beine trugen ihn an die Stelle, wo das Messer lag, sein Oberkörper bückte sich, seine Hände hoben es auf und hielten den Griff fest. Seine Augen schauten erst in Jannes Gesicht, dann auf den Engel. Er wehrte sich nicht mehr, war aber definitiv noch am Leben und bei Bewusstsein. Wenn er wenigstens ohnmächtig wäre…

Seine Beine bewegten sich weiter. Er wollte die Augen schließen und schaffte es erst, als es auch egal war. In einer schwungvollen, fließenden Bewegung holte Chris aus und stach dem Engel mitten ins Herz, einmal, zweimal, er hörte auf zu zählen. Als er sich endlich zum Stillhalten zwang, waren seine Hände längst mit Blut beschmiert und der Engel sackte bleich in sich zusammen wie eine Puppe.


7

Chris

2. November

Erde

Für einen langen Moment stand die Welt still. Rückblickend hätte Chris das wohl wertschätzen sollen, denn währenddessen realisierte er noch nicht, was gerade passiert war. Erst nach Minuten, in denen sich der Engel nicht geregt und Janne kein Wort gesagt hatte, drang die Erkenntnis wie in Zeitlupe zu ihm durch.

›Scheiße‹, dachte er. Dann fiel ihm nichts mehr ein.

Um den toten Engel herum breitete sich ein blasses Leuchten aus. Durch den Staub hindurch verdichtete es sich, sammelte sich in den beiden ausgebreiteten Flügeln und zerstreute sich schließlich zusammen mit Tausenden weißen Federn. Letztere schwebten erst reglos in der Luft, drifteten dann langsam in Chris’ Richtung, umkreisten ihn, als suchten sie etwas. Kurz fühlte er so etwas wie einen Energieschub, als das Licht in seinen Körper eindrang – und dann war da nichts mehr. Die Federn fielen wie Steine zu Boden. Anstatt von Flügeln ragten nur noch bleiche Knochen in die Luft.

Janne ließ die Leiche mit einem überraschten Schrei fallen, packte Chris an beiden Schultern und begann ihn heftig zu schütteln. »Fühlst du was? Ist irgendwas anders? Sag schon!«

»Mir ist schlecht«, erwiderte er und gab sein Bestes, um sich nicht auch noch neben der Leiche zu übergeben. Automatisch tasteten seine Finger nach dem Anhänger um seinen Hals und allein diese Berührung hielt ihn in der Realität verwurzelt. »Ich habe gerade nicht wirklich-«

»Ja!«, unterbrach ihn Janne aufgeregt, vermutlich aus den völlig falschen Gründen. »Du hast es hingekriegt! Wir haben es endlich hingekriegt! Wir-« Er runzelte die Stirn und warf noch einmal einen prüfenden Blick auf Chris. »Also… haben wir doch, oder?«

»Äh.«

»Du hast ihn umgebracht!«

»Ich weiß«, murmelte Chris, als könnte er mit dieser Tatsache umgehen.

»Irgendwas musst du doch spüren, verdammt noch eins!« Janne schüttelte ihn weiter, bis ihm schwindelig wurde. »Du kannst mir nicht erzählen, dass-«

»Chris.«

Beide erstarrten mitten in der Bewegung. Alles um sie herum verstummte. Chris wurde kalt und er begann zu zittern, während Janne ihn langsam losließ und mehrere Schritte rückwärts ging. Erst schaute sich der falsche Engel verwirrt um, dann ging ihm offenkundig ein Licht auf. »Er ruft uns«, erklärte er und klang gleichzeitig aufgeregt und zutiefst verstört. »Komm. Wir müssen zu ihm.«

»Was?« Chris hielt sich die Stirn. Ein fremdes, doch bekanntes Bewusstsein durchwühlte plötzlich seinen Verstand und zog ihn mit aller Kraft in die Hölle. Er wollte sich wehren und war sich gleichzeitig bewusst, dass es dafür längst zu spät war. »Wie-«

»Egal. Komm jetzt!«

»Chris!« Sein Name hallte mit einer fremden Stimme durch seinen Kopf, begleitet von einem pochenden, migräneartigen Schmerz. Das Ziehen wurde stärker. Mittlerweile wollte Chris ihm aktiv nachgeben, in die Hölle zurückkehren und sich dem stellen, was ihn dort erwartete, aber er wusste nicht wie.

Janne streckte die Hand nach ihm aus. Instinktiv zuckte er zurück und erwartete, geschlagen zu werden, doch stattdessen fasste ihn der falsche Engel beinahe sanft am Handgelenk und zog ihn zu sich. Es blitzte wieder um sie beide herum auf, die Luft wurde stickig und heiß, der Boden hart, die Welt dunkel. Hölle.

Der Raum war größer als die Handvoll, die Chris in den letzten Tagen zufällig entdeckt hatte, aber bis auf einen dunklen, verstaubten Teppich ebenso leer. Kaum, dass sie angekommen waren, ließ Janne ihn los und fiel auf die Knie. Er biss sich auf die Unterlippe, und presste die Flügel so eng wie möglich an seinen Körper, ohne die Kleidung zu berühren. »Mach keine Scheiße jetzt«, murmelte er kaum verständlich.

»Ich versuch es«, antwortete Chris ebenso leise. Nicht dass er Janne sonderlich mochte, aber gerade steckten sie in derselben Situation und das schweißte bekanntlich zusammen.

Es dauerte nicht lange, bis das verhasste Licht den Raum erfüllte. Die Tür ihnen gegenüber flog so abrupt auf, dass es sie aus den Angeln hob, sich mehrere Risse im Stein bildeten und Staub und kleine Kiesel von der Decke regneten. Zuerst war nur eine gleißende Wand aus Weiß zu sehen, danach zeichnete sich Luzifers Gestalt hinter dem Schein ab. Er trug eine ungesunde Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Angst im Gesicht.

»Ihr solltet zu mir kommen und nicht ich zu euch!«, herrschte Luzifer Janne als erstes an, woraufhin der auf etwa die Hälfte seiner Größe schrumpfte, den Kopf einzog und eine Entschuldigung murmelte. »Ist der Engel tot?«

»Ja«, antwortete Chris mechanisch, als hätte jemand anders das getan.

»Das kann nicht sein.«

›Glaub mir, das hab ich mir von allen Dingen hier noch an wenigsten eingebildet.‹ Sicherheitshalber schaute Chris trotzdem noch einmal auf seine Hände. Verschmiertes Engelsblut prickelte und brannte auf seiner Haut – eine andere Facette der gleichen Feindseligkeit, die die Hölle ihm entgegenbrachte.

Luzifer trat einen Schritt auf ihn zu und befahl ihm schweigend, an Ort und Stelle zu bleiben, sodass sich Chris spontan wie versteinert vorkam. Er schluckte, als der Engel eine Hand ausstreckte und ihn am Kinn fasste, seinen Kopf anhob und ihm in die Augen sah. Da war es wieder, das Gefühl, in seinen Gedanken nicht allein zu sein.

»Das kann nicht sein«, murmelte Luzifer noch einmal, jetzt deutlich ungläubiger. Chris glaubte, ihn unter dem Glimmer zusehends blasser werden zu sehen. »Das ist nicht möglich, wie ist das…«

›Ich hab keine Ahnung, was passiert ist. Ich dachte, du könntest mir das sagen.‹ Luzifer fror mitten in der Bewegung ein und schaute Chris an, als wäre er dem Engel gerade mit vollster Wucht auf den Fuß getreten. ›Scheiße, das kriegt er auch mit.‹

»Ja, das tut er«, antwortete der Engel fast flüsternd und zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, ehe er Chris losließ und ihn von sich stieß. Wieder ging eine Druckwelle durch den Raum, Chris stolperte rückwärts, streckte die Hand aus und fand nirgendwo Halt. Janne schaute ihm hinterher, ehe er sich wieder zusammenkauerte.

»Wie kann das nicht funktioniert haben?« Während Luzifer sprach, wurde seine Stimme immer lauter, bis der Boden zu beben begann und schließlich das ganze Gebirge erzitterte. Chris wagte mehrere Schritte rückwärts, bis er gegen eine Wand stieß. Flüchten konnte er so nicht, aber immerhin sicher stehen.

Janne machte gerade Anstalten, wieder auf die Beine zu kommen, als ihn die nächsten Schockwellen direkt wieder in die Knie zwangen. Jedes Wort, das Luzifer herausschrie, schlug mit voller Wucht auf sie beide ein. Chris duckte sich wie vor einem Hagelschauer und wurde trotzdem erwischt, spürte die Frustration und den blanken Hass. Das Licht breitete sich aus, bis bis es den ganzen Raum erfüllte und durch Luzifers Stimme Wellen schlug. »Wie kann das sein?«

»Ich-« Chris brach ab, doch das Verlangen, auf Knien um Vergebung zu bitten, setzte sich am Ende durch. »Es tut mir leid, ich wollte das nicht, ich-«

»Geh mir aus den Augen!« Wieder ein Schlag, dieses Mal mit vollster Wucht ins Gesicht. Kurz knackte es und Chris glaubte erst, es seine Nase wäre gebrochen, aber es war nur die Wand hinter ihm, die mit erschreckender Geschwindigkeit in sich zusammenfiel. »Du bist ein Fehler, du hast nicht in meiner Nähe zu sein. Ihr habt beide versagt!«

Bei den letzten Worten nickte Janne hastig, kam schwankend auf die Beine und stolperte durch das Loch in der Wand nach draußen. Chris sollte ihm folgen, es bräuchte nur ein paar Schritte und er wäre weg von hier Aber trotzdem, trotz der Tatsache, dass ihn gerade niemand an dieser Stelle haben wollte, blieb er vor lauter Angst paralysiert stehen.

»Du bist falsch«, fuhr Luzifer fort, nun um einiges beherrschter. Doch die Frage war nicht, ob er wieder die Nerven verlor, sondern wann und wie lange Chris dann noch Zeit hatte, um zu rennen. »Es muss an dir liegen, ich mache keine Fehler.«

Er biss sich auf die Lippe, um sich nicht einmal seinen Teil zu denken. Sicher war sicher.

»Warum bist du falsch?« Luzifer starrte Chris bis ins tiefste Selbst, ließ ihn den konzentrierten Hass spüren, bis es ihm von innen heraus die Kehle zuschnürte. Die Welt flackerte, die menschliche Form des Engels verschwand und verzerrte sich zur Lichtgestalt. »Ich wäre frei gewesen!«

›Stimmt, da war ja was. Scheiße.‹

Eine unmenschliche Kraft hob Chris wie eine Puppe in die Luft und schleuderte ihn durch das Licht nach draußen, begleitet von einem unmenschlich kreischenden Schrei. Das Geräusch fraß sich durch Chris’ Gehörgänge, kroch ausgehend von seinem Kopf als Gänsehaut und eisiger Schauer durch seinen Körper, sammelte sich in seinem Magen und rief die Übelkeit erneut auf den Plan. Als Echo prallte es von den Wänden ab, vervielfältigte sich und sang seinen eigenen, schrecklichen Kanon. Chris stimmte ein, als er auf dem rauen Boden aufprallte, sich den Rücken durch den Stoff seines Mantels hindurch aufschürfte und seine Flügel den Stein berührten. Instinktiv kauerte er sich zusammen und presste die Hände auf die Ohren, doch die Geräusche hallten ihm unaufhörlich durch den Kopf.

Mehrere Erschütterungen schoben sich durch den Stein, jedes Mal ein größeres Beben. Zuckendes Leuchten aus dem Raum, in dem Luzifer den Geräuschen nach zu urteilen gerade alles kurz und klein schlug. Es regnete Staub, der Fels brach knirschend weiter auf, bis er den Blick auf einen neuen Tunnel freigab. Ein unheilvolles Knacken, dann Krachen, dann Stille.

›Renn‹, sagte der letzte Teil von Chris’ Verstand, der während der ganzen Angelegenheit noch die Nerven behalten hatte. Es musste ebenfalls dieser Teil sein, der ihn auf die Beine brachte und seine letzten Kräfte mobilisierte, um so viel Abstand wie nur möglich zu gewinnen.

Unterdessen ging ein erneutes dumpfes Grollen durch Wände, Boden und Decke, so tief, dass Chris es mehr spürte als hörte. Es wuchs zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen heran, begleitet von einem Kratzen und Schieben und dann brach der Tunnel hinter ihm ein. In seiner Panik schlug Chris mit den Flügeln, stieg kaum einen halben Meter in die Luft und flog den Rest, in der Hoffnung, dadurch schneller zu sein. Mit letzter Mühe rettete er sich in den nächsten Raum, stolperte über seine eigenen Füße, rollte sich ungeschickt auf dem Boden ab und blieb liegen. Die Erschütterungen setzten sich fort.

›Ich kann hier nicht bleiben.‹ Nur deswegen stand er doch noch einmal auf. Vielleicht, wenn er sich einfach nur fest genug auf die Erde wünschte… ›Luzifer bringt mich um, wenn er mich noch mal sieht. Ich muss hier weg. Ich muss nach Hause.‹

Die Luft um ihn herum kühlte ab. Chris atmete auf, obwohl er nicht einmal wusste, was er eigentlich tat. Er klammerte sich einfach an die Hoffnung, die Hölle nie wieder betreten und Luzifer nie mehr ins Gesicht sehen zu müssen und betete, dass das reichte.

»Mach das nie wieder, okay?«

›Scheiße. Janne. Hätte er sich nicht einfach woanders hin verziehen können?‹

»Warte, was hast du vor? Hey… Hey, bleib hier!«

Gerade, als die Welt um Chris herum kippte und er aus dem Gleichgewicht geriet, packte Janne ihn an den Schultern und hielt ihn damit sowohl auf den Beinen, als auch in der Hölle fest. Chris riss sich los und schlug ziellos nach vorn. Er rechnete nicht damit zu treffen und schrie deswegen ebenfalls auf, als seine Faust auf etwas Hartes stieß, und ein dumpfer Schmerz durch seine Knöchel ging.

»Tut mir leid«, murmelte Chris, während er Janne noch zweimal ins Gesicht schlug und sich weiter auf die Erde wünschte. Egal wo, nur nicht mehr hier. Nicht mehr in Luzifers Reichweite und raus aus diesen verdammten Tunneln.

Wieder kippte die Welt, begleitet von Jannes unzusammenhängender Kette an Flüchen, die er Chris als Verabschiedung mit auf den Weg schickte. Seine Knie versagten, noch während er die Hölle verließ, und noch vor dem ersten Atemzug zurück auf der Erde lag er bereits am Boden. Die kalte Luft der Umgebung fühlte sich wie ein Wachrütteln an, der Asphalt wie ein Willkommen.

Chris schaute sich hektisch um und fand sich mitten auf der verlassensten Landstraße wieder, die er je gesehen hatte. Keine Menschenseele weit und breit, keine Häuser, nicht einmal Straßenlaternen. Seine Gefühle stritten sich darum, ob er deswegen erleichtert oder aufgrund der offensichtlichen Einsamkeit auf noch eine weitere Weise verzweifelt sein sollte, einigten sich aber am Ende auf eine tiefgreifende Erschöpfung.

Mit letzter Kraft schleppte er sich an den Straßenrand, sank ins hohe Gras und starrte in die Gegend, ohne einen Fokus zu finden. So viel sollte ihn beschäftigen. Doch seine Gedanken blieben leer, als wüsste sein Hirn nicht, wo es anfangen sollte.


8

Metatron

3. November

Himmel

Größtenteils lud der Himmel dazu ein, sich zu verlaufen. Metatron kam seit Jahrhunderten so gut wie jeden Tag her und fand unter den Dutzenden identischen Büros in den Dutzenden identischen Gebäuden mittlerweile selbst im Schlaf das Richtige – trotzdem begleitete ihn immer die Sorge, eines Tages versehentlich woanders zu landen und sich erklären zu müssen. Gottes Stellvertreter verirrte sich nicht.

Mit schnellen Schritten ging er die Flure entlang und versuchte, möglichst wenig Lärm zu machen. In der üblichen Stille bekam man jede fallende Stecknadel mit. Unter anderem deswegen unterhielt Metatron sich nicht gerne hier, aber gerade gab es keinen sinnvolleren Treffpunkt.

Zaghaft klopfte er an die hoffentlich richtige Tür und bekam ein leidlich motiviertes »Herein« als Antwort. Hastig trat er ein und bemühte sich, die Tür so leise wie möglich hinter sich zu schließen.

Der Raum war fensterlos, die Luft stickig, und nur eine von der Decke hängende Lichtkugel sorgte für eine ausreichend helle Beleuchtung. An den Wänden standen Aktenschränke und Bücherregale, auf denen sich unzählige Dokumente stapelten. In den meisten anderen Büros hingen Karten von irdischen Gebieten, Listen und Ansammlungen strategischer Symbole an der Wand, hier wurde allerdings zugunsten von noch mehr Schränken darauf verzichtet. So selten, wie jemand hier war, wären die Informationen ohnehin ständig veraltet.

Am völlig überfüllten Schreibtisch saß ein Soldat in seinem Rollstuhl, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und alles andere als begeistert von der offensichtlichen Arbeitslast, vor sich. Seine roten Haare trug er nach Vorschrift kurz, die grünen Augen sahen wie immer müde aus, wenn sie sich hier trafen. Er dürfte schon den ganzen Tag hier sitzen und erst spät in der Nacht nach Hause zurückkehren, wenn er nicht gleich bis morgen wartete.

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, sagte Metatron, noch bevor er sich Michael gegenüber setzte.

»Ist mir nicht aufgefallen, wenn ich ehrlich sein soll«, antwortete der schulterzuckend, woraufhin seine dunkelgrüne Uniform noch mehr knitterte. Theoretisch wäre Michael weiterhin berechtigt, wie alle Seraphim Weiß zu tragen, was ihnen als Herrscher im Himmel zustand, aber das hatte er mit seiner Ernennung zum Erzengel abgelegt. Er wollte nichts Besonderes sein, hatte sich nie als etwas Besonderes gesehen. Und – das hatte er mit Metatron gemeinsam – eigentlich fühlte er sich der Verantwortung auf seinen Schultern kaum gewachsen. Aber jetzt saßen sie beide hier und mussten das Beste daraus machen.

»Wie weit bist du gekommen?«

»Tropfen auf den heißen Stein«, antwortete Michael, schlug die Akte vor sich mit einem Knall zu und beförderte sie unsanft auf einen Stapel auf dem Boden, der mehr als halb so hoch war wie Michael groß. »Dass alles Militärische über den Heerführer gehen muss, ist gut und schön, aber das hier hat Jophiel schon alles vorsortiert. Die Leute warten teilweise seit Wochen auf eine Antwort und niemand kommt zu etwas, weil sich alle darauf bestehen, dass ich das am besten entscheiden soll.« Er seufzte. »Jophiel soll die Leute dran erinnern, dass sie selber denken können.«

Wenn Metatron das hörte, war er insgeheim noch glücklicher, sich nicht auch um das Militär kümmern zu müssen. Abgesehen davon, dass er das zeitlich gar nicht schaffen würde, konnte er mit der gesamten Thematik reichlich wenig anfangen.

»Jedenfalls«, fuhr Michael fort. »Danke, dass du hergekommen bist. Die Erzengel haben mich gebeten, mit dir zu reden, weil ich dich wahrscheinlich eher treffe als der Rest.«

Metatron nickte. Den weiten Weg die Stufen hinab schaffte er nicht oft, und wenn, dann ging er ihn nicht gerne. Es kostete ihn Zeit, die er für andere Dinge brauchte und in erster Linie gar nicht hatte, und die Gespräche dort strengten ihn meistens so an, dass er danach eine Woche schlafen wollte.

»Ich komme zu euch, sobald ich kann«, antwortete er dennoch. Gottes Stellvertreter jammerte schließlich nicht. »Was ist auf der Erde los?«

»Die kurze Antwort ist, dass wir auch keine Ahnung haben«, erklärte Michael mit einem grummelnden Unterton. »Einer von Luzifers Dienern hat dieses Mal wohl ein gesamtes Wohnhaus in die Luft gesprengt. Ein Schutzengel hat das Elend anscheinend nicht mit ansehen können, ist auf die Erde gegangen und hat die beiden angegriffen.«

Metatron runzelte die Stirn. »Die beiden?«

»Es waren zwei, aber einer hat sich mehrheitlich im Hintergrund gehalten. Den kennen wir noch nicht, vielleicht ist er neu. Remiel befragt die Schutzengel gerade, um herauszufinden, wer er gewesen ist.«

»Ich will wissen, wenn sie Ergebnisse hat.«

»Ja, sicher.« Michael seufzte. »Dass dir letztes Mal niemand was gesagt hat, war nicht meine Idee.«

Es war normalerweise nicht Metatrons Art, besonders nachtragend zu sein, aber gerade bei diesem Thema hätten es die Erzengel besser wissen sollen. »Luzifer wäre letztes Mal fast freigekommen«, sagte er. »Wenn so etwas noch einmal passiert, will ich das rechtzeitig erfahren.«

»Ich weiß«, antwortete Michael mit Nachdruck. Er hatte damals auf der Erde aufräumen und ein größeres Chaos verhindern müssen. »Ich sage es Gabriel gerne nochmal. Und Remiel.«

»Danke.« Metatron schluckte das schlechte Gewissen herunter, zusammen mit der Frage, warum sie sich nicht einfach alle gut verstehen konnten. »Was ist aus dem Schutzengel geworden?«

»Nun, er ist tot. Von Luzifers Leuten umgebracht.«

»Aber er selbst ist nicht frei.« Das wüsste Metatron. Das wüsste mittlerweile schon die ganze Welt.

»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Michael. »Aber sicherheitshalber suchen wir die Erde großflächig ab und versuchen, Uriel zu kontaktieren, weil er sich noch nicht gemeldet hat. Hat Gott etwas gesagt?«

»Kein Wort.«

»Wäre auch zu schön gewesen, wenn der Kerl uns weiterhelfen würde.«

Die Worte versetzten Metatron einen Stich. Einerseits, weil sich Engel so nicht über Gott zu äußern hatten, andererseits, weil die Bezeichnung an sich einfach nicht passte. Unabhängig davon, ob sie schon einmal Kontakt mit Gott gehabt hatten, alle Engel wiesen ihm immer das Geschlecht zu, das sie selbst hatten. Für Michael mochte es richtig sein, Gott so zu bezeichnen, aber für Metatron wollte es beim besten Willen nicht stimmen. Er war kein Kerl, kein Mann und sich bis heute nicht einmal sicher, ob es überhaupt ein Wort für sein Geschlecht gab, abgesehen von Nein.

Er zwang seine Gedanken zurück zum eigentlichen Thema. »Wenn Luzifer immer noch nicht frei ist, dann ist entweder seine gesamte Methodik falsch oder der Mensch, der den Schutzengel getötet hat, hat einen Fehler gemacht.«

»Denken wir auch«, pflichtete Michael ihm bei. »Wir gehen von Letzterem aus, weil er sich wohl generell seltsam verhalten hat.«

›Also hat Luzifer Pech gehabt‹, dachte Metatron. ›Oder wir Glück. Je nachdem.‹ »Ich kann mir nicht vorstellen, wie wütend er jetzt sein muss.«

»Soll er in der Hölle verrotten«, erwiderte Michael mit einem tiefen Grollen in der Stimme. Er ballte beide Hände zu Fäusten, sodass seine Knöchel jede Farbe verloren. »Und sobald er einen Schritt in den Himmel setzt, bekommt er es mit mir zu tun, das schwöre ich bei Gott.«

Metatron sollte ihm in der Hinsicht uneingeschränkt zustimmen, immerhin handelte es sich hier um den größten Sünder aller Zeiten. Er überredete sich zu einem Nicken. »Pass dann nur auf dich auf.«

»Ich lass mir nicht noch mal den Rücken brechen.«

Metatron wandte den Blick ab und kämpfte mit dem Verlangen, sich zu entschuldigen. Luzifers Hass hatte sich damals ausschließlich gegen ihn gerichtet, doch anstelle sich selbst zu wehren, hatte Metatron Michael auf ihn losgelassen. Er war für so vieles verantwortlich, aber die Schuld schnürte ihm seit Jahrhunderten die Kehle zu.

»Wir sind noch knapper an einer Katastrophe vorbei als letztes Mal«, sagte Michael. »Wenn das so weitergeht, dann haben wir kein drittes Mal Glück.«

»Remiel soll ihre Schutzengel so schnell wie möglich unter Kontrolle bekommen.«

Michael grinste schief. Wenn er gute Laune hatte, machte er kaum ein anderes Gesicht. Aber wenn er gute Laune hatte, traf man ihn auch nicht hier. »Glaub mir, die Arme tut schon alles, was in ihrer Macht steht. Du weißt, wie lange Gabriel sich mit ihr das letzte Mal unterhalten hat.«

Und wie kleinlaut sie in den Wochen danach gewesen war. Es hatte Metatron ein wenig verstört.

»Aber davon abgesehen, was schlägst du vor, wie wir damit umgehen sollen?«, fragte Michael. »Wie gesagt, die Erde wird gerade gründlich abgesucht. Vielleicht kriegen wir auch noch was aus Dämonen raus, aber die will ich lieber aus der Sache heraushalten.«

»Besser ist das«, antwortete Metatron. Niemand setzte sich gerne mit Dämonen auseinander.

»Ehrlich gesagt macht mir der Mensch ansonsten am meisten Kopfschmerzen. Es kann sein, dass er Luzifer doch befreit, wenn er noch mal einen Engel töten kann. Aber selbst wenn nicht, wer weiß, was noch alles anders bei ihm ist.«

Da lag das eigentliche Problem. Bislang hatten sie Luzifers Diener machen lassen, weil sie sich vorhersehbar verhielten und sich der Schaden in relativen Grenzen hielt. Sie der Reihe nach zu töten wäre ein größeres Risiko, als hin und wieder einen Menschen zu verlieren. Metatron hasste diese Denkweise, aber im Großen und Ganzen war sie richtig und zudem von Gott abgesegnet worden. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie zu vertreten.

»Vielleicht hat Luzifer ihn mittlerweile umgebracht.« Michael warf einen Blick auf den Aktenstapel neben sich und seufzte tief, als legte er im Geiste noch einmal einen halben Meter obendrauf. »Ich kann trotzdem Attentäter bereithalten und ihn töten lassen, wenn er noch mal auf der Erde auftaucht.«

»Ist das nötig?«

»Es würde die Zweifel aus dem Weg schaffen.«

Metatron schüttelte den Kopf. »Noch nicht.«

Michael machte ein Gesicht, als hätte er einiges dazu zu sagen. Metatron war sich bewusst, dass ihm die Entscheidung nicht gefiel und der Mehrheit der Erzengel wahrscheinlich auch nicht, aber solange er sie begründen konnte, blieb er dabei.

»Vielleicht ist er wirklich harmloser als die anderen«, sagte er. »Dann kann er auch am Leben bleiben. Und Luzifer wird jetzt erst recht alles daran setzen, noch einen Engel zu fassen zu bekommen, da können wir ihm sein Ziel nicht auch noch auf dem Silbertablett präsentieren«

»Soll er kommen«, murmelte Michael. Metatron glaubte nicht, dass er das hatte hören sollen. »Wie du meinst, wir warten und beobachten. Aber sobald er zu sehr aus der Reihe fällt, töten wir ihn.«

›Noch eins von diesen notwendigen Opfern‹, dachte Metatron und erinnerte sich, wie Michael ihm das als Kind beigebracht hatte.

»Bekommt ihr das alleine hin?«, fragte er, der Höflichkeit halber. Länger als nötig wollte er eigentlich nicht bleiben.

»Wir haben jetzt unsere Anweisungen, wir kommen zurecht«, antwortete Michael. »Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, so plötzlich wie das kam.«

»Ist schon in Ordnung.« Metatron zwang sich zu einem Lächeln, das der gesamte Himmel für ehrlich hielt. Aber der gesamte Himmel ging auch zu Recht davon aus, dass er nicht mehr lügen konnte. »Bleibst du noch lange hier?«

»Ich will wenigstens ein bisschen schaffen«, erwiderte Michael und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Kann die Leute ja nicht ewig warten lassen, wenn sie sich schon an mich gewandt haben.«

»Brauchst du später Hilfe?«

Metatron wusste, dass Michael die Frage hasste. Von ihm ließ er sie sich aber immerhin gefallen und er wusste, dass er sie stellen durfte.

»Jophiel holt mich heute Nacht ab«, antwortete der Heerführer. »Er bringt mich runter nach Hause und sieht zu, dass ich mir nichts tue. Niemand muss sich Sorgen machen.«

Sein zynischer Tonfall tat weh, auch wenn er längst nichts Neues mehr war. Wieder verdrängte Metatron eine Entschuldigung. Sie konnte noch so ehrlich sein, gerade nützte sie nichts.

»Gut«, sagte er stattdessen. »Sobald ich kann, komme ich noch einmal zu euch. Ich weiß, Gabriel will, dass ich mich beeile, aber…«

»Es geht nicht anders.« Michael legte eine Hand auf Metatrons Unterarm – er fuhr zusammen, ließ es aber geschehen und konnte sich mit Mühe überzeugen, dass ihm niemand etwas tun würde. Gottes Stellvertreter sollte unberührbar sein. Volksnah und doch nicht zu erreichen. »Entgegen allgemeiner Behauptungen können die Erzengel warten. Wenn du es nicht schaffst, dann schaffst du es eben nicht. Wir sind nicht deine einzige Aufgabe.«

Metatron nickte. Auf dem Rückweg würde er versuchen, sich das einzureden und wie immer erfolgreich daran scheitern. Es sprach für Michaels Optimismus, dass er es trotzdem immer wieder wiederholte.

»Und pass auf dich auf, ja?«

»Du auch.«

Da war es wieder, das schiefe Grinsen. »Immer doch.«

Irgendwann hielt sich vielleicht einer von ihnen daran.


9

Metatron

1138 Jahre vorher

Himmel

Das Ziehen in Metatrons Verstand verriet ihm nur, dass Gott ihn sprechen wollte. Über was genau, blieb wie immer ein Rätsel. Er machte sich mittlerweile nicht mehr allzu viel aus dieser Tatsache, sondern vertraute darauf, das Wichtigste früh genug gesagt zu bekommen. Fragen beantwortete Gott ohnehin nur in den seltensten Fällen.

Sandalphon grummelte da schon offener vor sich hin. Sein Zwillingsbruder hasste Ungewissheit und die damit einhergehende Tatsache, sich nicht vernünftig vorbereiten zu können. »Was meinst du, was er will?«, fragte er entsprechend nicht zum ersten Mal, während er sich den langen, weißen Mantel überstreifte. Seiner war mit weinrotem Samt bestickt, Metatrons mit hellblauem. Wäre die Kleidung nicht, könnte sie der ganze Himmel nicht voneinander unterscheiden, weil sie zu sehr wie exakte Kopien voneinander aussahen. Zwei Seiten von einer Person – unter den Seraphim gab es die Vermutung, dass Gott sie ursprünglich als einen einzigen Engel konzipiert hatte.

Metatron war wie gewohnt viel zu früh aufgestanden, saß schon fertig auf seinem Bett und fragte sich nun, warum er nicht einfach länger geschlafen hatte. »Ich weiß es nicht«, antwortete er und gab sich Mühe, nicht allzu nervös zu klingen.

Sandalphon gab ein unzufriedenes Geräusch von sich, während er sich die goldblonden Haare im Nacken zusammenband, sodass sie die Wunden auf seinem Rücken nicht berührten, die unter den Aussparungen seiner Kleider zum Vorschein kamen. Sechs, für jeden Flügel einen. Die meisten Engel besaßen zwei, wenige hochrangige vier und allein die Seraphim sechs als Zeichen ihrer Macht.

»Wir werden es herausfinden«, sagte Sandalphon schließlich, strich sich noch einmal den Mantel glatt und begutachtete sich im Spiegel. Wie immer sah er hochzufrieden mit sich aus und gleichzeitig so, als störte ihn etwas Grundlegendes an sich selbst. Letzteres kannte Metatron nur zu gut.

Er stand vom Bett auf und streckte sich, als müssten sich seine Gliedmaßen erst wieder an den richtigen Platz sortieren. »Wollen wir?«

Sandalphon nickte einfach nur, ging an Metatron vorbei und aus ihrer gemeinsamen Wohnung hinaus in den Garten Eden.

Eingezäunt an der Spitze des Himmels lag die größte seiner raren Grünflächen. Laut den anderen Seraphim widersetzte sich der Garten allerdings seit jeher allen Kartierungsversuchen – er war ein lebendiges Wesen, das selbst entschied, was wo wuchs, und wer sich wie schnell verirrte, sobald er vom Weg abkam. Irgendwo befanden sich die Quellen der beiden Hauptflüsse, die den Himmel mit Wasser versorgten, aber Metatron hatte sie noch nie mit eigenen Augen gesehen.

Wenn sie nicht im restlichen Himmel unterwegs waren, lebten und arbeiteten die fünf Seraphim hier. Der Garten diente ihnen als geschützter Raum, in dem sie tun und lassen konnten, was sie wollten, ohne sich Gedanken um ihr Auftreten oder Sorgen um mögliche Angriffe machen zu müssen. Mit ihnen residierte Gott hier, in einem schlichten, steinernen runden Turm, um den fünf Wohnungen herum errichtet worden waren. Es lag in der Natur der Sache, dass man sich hier konstant beobachtet vorkam, was das Konzept der Ungestörtheit zumindest für Metatron direkt wieder zunichte machte.

Keine erkennbare Lichtquelle schien am Himmel, aber dennoch wurde es niemals dunkel. Hier, und nur hier, wehte ab und an eine leichte Brise und raschelte leise auf ihrem Weg durch die unzähligen Baumkronen im Hintergrund. Manchmal bereute es Metatron, sich an dem Anblick sattgesehen zu haben.

Der weiße Kies knirschte unter ihren Füßen, während sie zu Gottes Turm herüber gingen. Sandalphon drückte die schwere Marmortür auf – Metatron fühlte sich insgeheim zu schwach dafür – und trat danach als Erster ein. Innen gab es keine Wände, nur weißes Licht aus allen Richtungen und eine steinerne Treppe, die schnurgerade nach oben führte. Am Ende wartete angeblich Gott auf einen, und mehrere Engel hatten in der Vergangenheit versucht, ihn zu erreichen. Nach einer Weile ohne Lebenszeichen waren sie alle für tot erklärt worden.

Metatron und Sandalphon gingen nur ein paar Stufen hinauf und knieten danach simultan nebeneinander nieder. Kaum, dass sie ihre Haltung eingenommen hatten, drängte sich ihnen eine allumfassende, spürbar allmächtige Präsenz auf, lenkte sie unauffällig, und schaute tief in ihre Gedanken.

Metatron schloss die Augen und konzentrierte sich. Wenn Gott mit ihnen sprach, kostete das Kraft. Unter anderem deswegen blieb der Garten für die Allgemeinheit geschlossen, denn ein gewöhnlicher Engel hielte schon die Präsenz im Turm kaum aus. Die Seraphim kamen vergleichsweise gut mit der Belastung zurecht, aber nach einem stundenlangen Gespräch mit Gott waren auch sie zu nichts mehr zu gebrauchen.

Einige Sekunden herrschte Stille in Metatrons Kopf. Dann begann er mit seiner eigenen Stimme fremde Worte zu denken.

»Ihr seid beide hier. Gut.«

»Was gibt es?«, fragte Metatron. Er sprach laut, damit Sandalphon ihn hören konnte und weil sich das weniger seltsam anfühlte, als die Antwort nur zu denken. Gott schien es ohnehin gleich zu sein.

»Ihr werdet in zwei Jahren volljährig«, erklärte er. »Ab dann werdet ihr offiziell Seraphim sein, mit allen Rechten und allen Pflichten.«

Wirklich wohl war Metatron bei dem Gedanken nicht. Zwar behandelte man ihn jetzt schon kaum anders als die anderen Seraphim, aber im Moment wurden ihm Fehler noch nachgesehen. Diese Haltung dürfte sich ändern, sobald er in den Augen der Leute nicht mehr als Kind galt.

»Ich möchte euch bitten, über etwas nachzudenken. Mit eurer Volljährigkeit werdet ihr nicht nur vollwertige Seraphim, sondern auch meine persönlichen Stellvertreter und Stimme im gesamten Himmel sein. Dadurch werdet ihr mächtiger als alle anderen Engel und uneingeschränkt über ihnen stehen. Ihr werdet für mich mit dem Himmel sprechen. Ihr werdet für mich befehlen. Ihr werdet für mich herrschen. Und ihr dient allein mir.«

Es war das erste Mal, dass sie das direkt von Gott zu hören bekamen. Metatron schaute zu Sandalphon herüber, der wiederum stur auf die Stufe unter sich schaute und sich sichtlich anspannte. Bei ihm selbst warf es in erster Linie Fragen auf, die er vor lauter Verdrängen beinahe vergessen hatte.

»Ich vertraue euch genug, um mich von euch vertreten zu lassen«, fuhr Gott fort – das war wohl die Stelle, an der er ihnen den Haken an der Sache nannte. Wenn Metatron eins in seinen beinahe eintausend Jahren gelernt hatte, dann dass es immer einen gab. »Aber ich muss sichergehen, dass ihr mein Wort sprecht und mein Wort allein. Ihr werdet den gesamten Himmel lenken können und das soll nach meinem Willen geschehen. Wenn ihr den Schwur in zwei Jahren leistet und euch an mich bindet, dann werde ich auch dafür sorgen, dass ihr nicht mehr lügen könnt.«

Sandalphon runzelte die Stirn. »Wir könnten nur noch nach Eurem Willen sprechen.«

»Ja.«

So wie sein Bruder aussah, würde Metatron dessen Meinung exakt dann zu hören bekommen, wenn sie diesen Raum verließen und die Steintür hinter ihnen ins Schloss fiel.

»Ihr müsst das nicht tun«, erklärte Gott. »Ich nehme den Eingriff nur mit eurem Einverständnis vor, denn ein unfreiwilliger Diener nützt mir nichts. Ich bitte euch, in den kommenden Jahren eine Entscheidung zu treffen, ob ihr den Schwur leistet.«

»Wir müssen das nicht?« Sandalphon klang, als könnte er nicht glauben, was er da gerade hörte. Zugegeben, Metatron konnte ihn verstehen. Der freie Wille eines jeden Engels wurde zwar mit Stolz betont, ging aber zwischen der wesentlich lauteren Forderung nach striktem Gehorsam unter. Den Seraphim ging es da nicht anders als dem Rest des Himmels.

»Ihr könnt den Schwur leisten oder nicht. Ihr könnt zustimmen oder ablehnen. Was ihr tut, liegt letzten Endes bei euch.«

»Nun…« Sandalphon schüttelte irritiert den Kopf. »Wenn das so ist, dann denke ich nach. Gibt es noch etwas?«

»Nein.«

›Ja‹, dachte Metatron und gab sich Mühe, es nicht wie eine Aussage klingen zu lassen. Gott war die letzte Person, mit der er dieses Problem diskutieren wollte. ›Warum weiß ich nicht, wie ich Euch ansprechen soll? Warum weiß ich nicht, als was ich Euch bezeichnen und wie ich über Euch reden soll?‹

Wie erwartet und erhofft bekam er keine Antwort. Stattdessen zog sich Gott ohne ein weiteres Wort aus ihren Köpfen zurück, sodass sie wieder Herren über ihre eigenen Gedanken waren.

Herren. Das Wort versetzte Metatron einen Stich und er wusste nicht warum. Er versuchte es zu ignorieren und machte das Wort dadurch nur noch präsenter in seinem Kopf, bis es sich von allein wiederholte und als endloses Echo durch seinen Verstand hallte. Er spürte sich kaum die Treppenstufen heruntergehen und Sandalphon nach draußen folgen. Sein Bruder drückte die Tür auf, ließ Metatron als Erstes hinaus und holte dann direkt zu ihm auf.

»Wie kann er glauben, dass wir das annehmen?«, fragte Sandalphon, laut genug, dass ihn hier theoretisch alle hören könnten. Praktisch waren Michael und Satan unterwegs und da sie Seraphiel nicht im Turm angetroffen hatten, dürfte der sich ausruhen oder schlafen. »Wie kann er glauben, dass wir uns freiwillig an ihn binden? Wir dürften nicht einmal eine eigene Meinung haben, wenn wir-«

»Das wissen wir nicht«, widersprach Metatron und schob dem Redefluss kurzfristig einen Riegel vor. »Sag mal…«

»Ja?«

»Tut mir leid, dass ich dich unterbreche«, sagte er. Am liebsten hätte er das Thema ganz vermieden, aber diese verfluchten Fragen… »Als was siehst du Gott?«

Sandalphon stutzte. »Wie bitte?«

Metatron zögerte. Er konnte die Sache kaum beschreiben und musste sich mühsam zu einem Versuch überreden. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er eine vernünftige Formulierung fand. »Alle sprechen Gott so an, wie sie selbst angesprochen werden wollen, richtig?«

Sandalphon nickte und machte nicht den Eindruck, als würde er verstehen.

»Geht dir das auch so?«

»Natürlich. Gott spricht mit meinen Gedanken, ihn anders als mich anzusprechen, fühlt sich falsch an. Wie kommst du überhaupt darauf?«

›Ich weiß nicht, als was ich mich bezeichnen soll‹, dachte Metatron und dieser Umstand kam ihm so unfassbar lächerlich vor. Hoffentlich war er einfach nur verschlafen. »Nicht so wichtig«, murmelte er und überließ seinem Bruder wieder das Feld.

»So einen Schwur kann ich nicht leisten«, sagte Sandalphon. »Und wenn Gott uns die Wahl lässt, muss er damit rechnen, dass ich es lasse.«

›Du sagst das so leicht‹, dachte Metatron. ›Du hast ihn doch gehört, wir sind geschaffen worden, um ihn zu vertreten. Was für einen Sinn haben wir denn, wenn nicht den? Du hast ja recht, aber…‹

Er fühlte sich der Sache hilflos ausgeliefert, jedem noch so freien Willen zum Trotz. Es wäre ihm lieber, jemand anders würde die Entscheidung für ihn treffen und die Angelegenheit damit erledigen.

Ohne ein weiteres Wort ging Sandalphon zu ihrer Wohnung und ließ Metatron mit sich und seinen Gedanken allein. So viele Fragen. Es kam ihm vor, als müsste er für jede eine Antwort haben, doch er wusste keine einzige.


10

Dorian

3. November

Hölle

Als Dorian den Ruf spürte, erfüllte ihn nichts als Erleichterung. Natürlich könnte es seinen sicheren Tod bedeuten, aber selbst für das Bisschen Aufmerksamkeit gäbe er gerade alles.

Zitternd strich er seinen Mantel glatt, auch wenn das kaum etwas brachte. Die ziellose Wanderschaft der letzten Tage hatten dem Kleidungsstück zugesetzt, und obwohl es noch funktional war, kam es Dorian vor, als hätte es jeglichen Schutz verloren. In jeder Sekunde fühlte er sich bloßgelegt, beobachtet und gleichzeitig von Luzifer und der Welt verlassen.

Dorian schloss die Augen und wünschte sich weg aus dieser Sackgasse. Luzifers Verlangen nach ihm wies ihm den Weg.

Einen Moment später tauchte er in einem der größten und am häufigsten frequentierten Räumen in diesem Höhlensystem auf. An allen Wänden hingen Fackeln und Kerzen, die mehr Licht spendeten als es für die Hölle üblich war. Unter einem verhältnismäßig großen Fenster stand eine stets verschlossene Kommode aus glattem Stein, in der gegenüberliegenden Ecke ein gepolsterter Sessel wie ein Thron. Der Boden war größtenteils mit einem dunklen Teppich bedeckt, der die Angewohnheit besaß, auch das kleinste Geräusch zu verschlucken. Im Laufe der Zeit hatten sich einige Flecken unterschiedlichen Ursprungs darauf angesammelt, die sich nur noch durch Herausbrennen entfernen ließen – Dorian wusste das, denn er war für manche dieser Flecken verantwortlich. Sein Bauch krampfte sich auf eine eigenwillige Weise zusammen, wenn er daran dachte.

Luzifer saß mit sichtlicher Ungeduld im Gesicht auf seinem Sessel, die Beine überkreuzt, den Kopf auf eine Hand gestützt. Als er den Blick auf Dorian warf, hob er eine Augenbraue und lachte trocken auf. »Sieh an, wer als Erstes hergekommen ist.«

Entweder hatte er gute oder abgrundtief schlechte Laune, und Ersteres konnte sich Dorian gerade nicht vorstellen. Er senkte den Kopf und kämpfte gegen die wachsende Panik an. »Wie kann ich-«

»Sei still.«

Dorian nickte hastig und blieb reglos stehen. Einen Augenblick später erschienen zwei weitere Leute im Raum. Lucian hatte die Mantelkapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass es komplett im Schatten lag, Adrian sah aus, als hätte er sich auf dem Weg hierher durch einen Hurrikan gekämpft. Razvan tauchte nur einen Augenblick später zu Dorians Rechten auf und würdigte ihn keines Blickes. Als Einziger von ihnen trug er keinen Mantel, sondern eng anliegende Hosen und ein Hemd mit hohem Kragen. Die langen, pechschwarzen Haare hatte er in unzählige, dünne Braids geflochten. Für gewöhnlich schickte Luzifer ihn auf besondere Aufträge, über die er kein Wort verlor, und wenn er Menschen töten sollte, dann meistens zusammen mit Janne. Der erschien schließlich als Letzter im Raum und gab sich größte Mühe, hinter Razvan zu verschwinden und so zu tun, als wäre er nicht da.

Luzifer stand auf und sie fielen daraufhin alle synchron auf die Knie. »Steht auf«, sagte ihr Meister direkt, als wäre ihm dieses Ritual längst zuwider geworden. »Ich habe einen Auftrag für euch alle.«

Es war zwar schon vorher still im Raum gewesen, doch jetzt wurde das Schweigen hörbar und ihre kollektive Anspannung lud die Atmosphäre zusätzlich auf. Normalerweise wurden sie höchstens zu zweit auf die Erde geschickt.

»Ihr werdet in der Hölle und auf der Erde nach einem Gefallenen namens Chris suchen.«

Dorian wurde kalt und es fiel ihm schwer, Haltung zu bewahren. Da war es wieder, das Bild in seiner Erinnerung. Schwarze Federn. Engelsaugen.

›Mensch‹, dachte Dorian beharrlich. Seine innere Stimme spuckte das Wort aus, doch selbst das verlieh der Verachtung nicht genügend Ausdruck.

»Er hat bei seiner wichtigsten Aufgabe versagt, mir seinen Gehorsam verweigert und mich hintergangen. Wenn ihr ihn findet, wird er euch Lügen erzählen. Hört ihm nicht zu und glaubt ihm kein Wort, sondern bringt ihn mir. Bringt mir seine Überreste, wenn er sich wehrt.«

Kollektives Nicken. Dorian zwang sich, es auch zu tun, auch wenn ihn seine außer Kontrolle geratenen Gedanken zusehends erstarren ließen. ›Ich habe ihn in die Hölle gebracht. Er ist das Problem und ich habe es ausgelöst. Das ist alles meine Schuld.‹

»Verliert keine Zeit. Ich will diese Situation so schnell wie möglich gelöst haben.«

Wieder Nicken, aber keiner rührte sich, bevor es ihm befohlen wurde – vor Luzifer verloren sie ihren freien Willen. Das war es, was sie ihm schuldeten.

»Macht euch auf den Weg.« Er runzelte kurz die Stirn. »Lucian, du bleibst hier.«

Der Angesprochene ging arrogant grinsend an ihnen vorbei, im Wissen, dass sich in Luzifers Anwesenheit niemand trauen würde, seinem Neid Ausdruck zu verleihen. Dorian schaute auf den Teppich, weil er den Anblick nicht ertrug. ›Dachtest du wirklich, Luzifer würde dich gerade wollen?‹

Er beeilte sich, auf die Erde zu gehen, aus einer Ahnung heraus, dass Chris garantiert nicht mehr in der Hölle war. Es kam ihm vor, als flüchtete er von einem Ort, der sein einziges Zuhause sein sollte.

›Ich muss Chris finden‹, dachte Dorian gegen einen aufkommenden Zweifel an, fand sich auf einem überwucherten Waldweg wieder und fühlte sich seltsam willkommen. War das schon immer so gewesen? ›Er ist mein Fehler und ich mache ihn wieder gut.‹

Er stieg schnell in die Luft, schloss die Augen und ließ sein Gefühl suchen. Auf gewisse Entfernungen konnten sie sich gegenseitig spüren, doch gerade schien er allein hier zu sein.

›Wenn ich etwas wert sein will, dann muss ich Chris als Erster finden.‹

Dorian flog in die Richtung, in der es am verlassensten aussah. Irgendwo musste er ja anfangen.


11

Chris

10. November

Erde

Janne hatte Chris mehrfach nahegelegt, sich wenn möglich keinem Menschen zu zeigen und der Kerl, der ihn in die Hölle entführt hatte, war bei seinem Anblick sichtlich erschrocken. Nach der Logik sollte er unter Menschen sicherer sein, aber er traute sich nicht.

Die meiste Zeit über schwebte Chris ungefähr hundert Meter über dem Boden, in der Hoffnung, so nur für einen merkwürdigen Vogel gehalten und ignoriert zu werden. Sobald er müde wurde, landete er auf einem verlassenen Fleck Erde und versuchte sich auszuruhen. Schlaf fand er allerdings nie, denn eine an Paranoia grenzende Angst hielt ihn zuverlässig wach.

Nicht, dass er wusste, wo er sich überhaupt befand, denn keines der Straßenschilder sagte ihm etwas. Die Schrift hielt er für Kyrillisch und wider Erwarten konnte er sie problemlos lesen, aber die Ortsnamen halfen trotzdem nicht weiter. Für den Moment hielt er sich im Umfeld einer Großstadt auf, von der er noch nie gehört hatte – weit genug entfernt, um unter sich Felder zu sehen und nah genug, um die funkelnden Lichter zu erkennen.

Jetzt, wo sich die nach Nacht dem Ende neigte, wachte die Stadt langsam auf und der Lärm schwoll an, bis Chris ihn auch in dieser Höhe und Entfernung hörte. ›Mein Wecker klingelt gleich‹, dachte er und fragte sich, ob das Gerät immer noch treu seinen Dienst tat oder ob seine Mitbewohner es mittlerweile aus dem Fenster geworfen hatten. ›So früh ist überhaupt nicht meine Zeit, aber wenn ich mich noch mal umdrehe, stehe ich nicht vor Mittags auf. Ich gehe ins Bad und nehme mein Testogel. Ich koche Kaffee und werde dann vielleicht wach genug, um niemanden mehr zu gefährden.‹

Sein Alltag konnte realistisch gesehen vielleicht zwei Wochen her sein, aber es fühlte sich eine Ewigkeit weit weg an, wie eine zusehends verblassende Erinnerung. Sich die Details immer wieder durch den Kopf gehen zu lassen tat weh, denn sie führten Chris vor Augen, was er alles verloren hatte. Aber die Alternative hieß Vergessen und das kam ihm zu sehr wie Selbstaufgabe vor. Er hatte zu lange zu hart gearbeitet, um endlich mit sich im Reinen zu sein, nur um das jetzt hinter sich zu lassen.

Wieder berührte er seinen Anhänger, nur flüchtig, aber es reichte für ein bisschen Hoffnung. Irgendwie würde es weitergehen.

Langsam ging die Sonne auf, tauchte die Welt in ein zartes, goldenes Licht und färbte Himmel und Wolken zartrosa. Chris ließ sich für eine Weile lang von dem Anblick verzaubern, bis ihm eine Brise so heftig um die Ohren pfiff, dass er kurz das Gleichgewicht in der Luft verlor. Danach fühlten sich seine Flügel lahm an und mussten mühsam zur Arbeit überredet werden. Sein Magen knurrte und machte ihn auf das mindestens faustgroße Loch in seinem Bauch aufmerksam, das dringend gefüllt werden wollte.

Chris warf einen Blick in Richtung Stadt und dachte an hunderte Lieferdienste, Supermärkte und Restaurants. Mit dem Hunger wuchs auch seine Bereitschaft, irgendwo einzubrechen und Essen zu klauen, aber gerade überwiegte sein Gewissen noch. Insgeheim wünschte er sich, es würde damit aufhören.

Zeit, sich wieder auszuruhen. Chris landete auf einer verlassenen Weide am Rand eines Waldes und glaubte erst, die Stelle zu kennen, doch die Landschaften sahen sich hier einfach nur zum Verwechseln ähnlich. Er schaute sich mehrfach um, entdeckte weder Mensch noch Tier noch irgendetwas Bemerkenswertes außer einer baufälligen Scheune, zog seinen Mantel aus und legte ihn auf den Boden, um nicht direkt im nassen Gras sitzen zu müssen. Der Stoff weichte zwar auch nach ein paar Minuten durch, aber es war besser als gar nichts.

Chris hatte gerade genug Zeit zum Durchatmen gehabt, als ihm schlecht wurde. Die Übelkeit kroch in seinen Magen wie eine sich verdichtende Ahnung, dass etwas nicht stimmte, doch weder auf der Wiese, noch in der Scheune oder im Gebüsch konnte er etwas erkennen. Er sollte hier alleine sein, das alles in ihm beharrte darauf, sofort von hier zu flüchten.

›Als ich das das letzte Mal gespürt habe, ist meine Welt zusammengebrochen. Heißt das, sie haben mich endlich gefunden?‹

Es wurde immer stiller, bis Chris sich nicht mehr traute zu atmen, aus Angst sich dadurch zu verraten. Gleichzeitig schaute er sich immer hektischer um, irgendetwas musste er übersehen haben. Erst nach mehreren Minuten erkannte er seinen Fehler.

Im aufziehenden Nebel über ihm schwebte der falsche Engel und beobachtete ihn aus blutig roten Augen. Chris kam so schnell er konnte auf die Beine, griff sich seinen Mantel und stolperte im rutschigen Gras schon nach wenigen Schritten über seine eigenen Füße. Während er fiel, erkannte er den Engel als Schatten über sich, der ihn Sekunden später zu Boden presste. Chris atmete aus und ergab sich seinem Schicksal.

Nichts passierte. Eine bedrückende Stille legte sich über das Gras, der Druck auf seinem Rücken ließ abrupt nach. Hektisch kroch Chris auf dem Bauch nach vorn, setzte sich auf und wandte sich zum. Zuerst sah er ein mehr oder weniger bekanntes Paar Stiefel vor sich, dann einen langen schwarzen Mantel. Schließlich ein blasses Gesicht wie aus Marmor gemeißelt, Augen wie grob geschliffene Rubine, staubig blondes Haar, hastig in Form gebracht. Zwei längere Strähnen reichten ihm etwa bis ans Kinn.

Chris war in den letzten Tagen so sehr mit Überleben beschäftigt gewesen, dass er nicht einmal daran gedacht hatte, er könnte seinen Entführer wiedersehen. Jetzt hatte er so viel gleichzeitig zu sagen, dass ihm am Ende die Worte fehlten. »Du? Wirklich?«

Dorian blieb still – Janne hatte wohl recht gehabt, und er redete wirklich nicht gern. Wie versteinert stand er im Gras und schaute abwechselnd in den Himmel und direkt an Chris vorbei.

»Will Luzifer mich lebendig oder tot?«

»Was bist du?«

Spätestens das verwirrte Chris zu sehr, als dass er noch wütend werden könnte. Kopfschüttelnd stand er auf, strich sich das nasse Gras von Mantel und Hose. Sein Gegenüber reagierte nicht darauf. »Ich bin ein Mensch. Ich bin derselbe, den du mitgenommen hast.« Zumindest wollte er das glauben.

Dorian nickte langsam und murmelte etwas, das sich wie »Ich habe nichts gesehen« anhörte.

›Er ist mir in den Rücken gefallen‹, dachte Chris. ›Hätte er mich töten wollen, stände ich längst nicht mehr hier. Aber was will er dann von mir?‹

»Wenn du menschlich bist«, sagte Dorian langsam, »warum hast du dann Flügel?«

»Ich dachte, du könntest mir das sagen«, erwiderte Chris missmutig. Dann setzte sich das Bild langsam zusammen. »Warte. Du weißt auch nichts außer dem, was er dir erzählt hat, oder?«

»Ich weiß, was ich wissen muss.«

»Wie viel ist das wirklich?«

Das Schweigen danach verriet mehr als genug. Nicht, dass sich Chris irgendwelche Antworten erhofft hatte, aber das hier frustrierte ihn trotzdem über alle Maßen. »Was hat Luzifer dir gesagt, wer du bist?«

»Ich bin gefallen«, antwortete Dorian, doch er sprach langsam, brachte die Worte hörbar mühsam heraus. »Luzifer hat mich gerettet, nachdem meine Seele in den Höllenflüssen feststeckte. Ich schulde ihm mein Leben. Ich schulde ihm alles, was ich habe.«

›Er hat es jedem gesagt.‹ Immerhin hatte Chris jetzt die Bestätigung. »Okay, hör zu, ich weiß nicht, wie ich dir das besser beibringen soll, aber nichts davon stimmt.«

»Du erzählst ja wirklich die Scheiße, vor der man uns gewarnt hat.«

Chris drehte sich langsam um – hinter ihm stand ein weiterer Engel mit ausgebreiteten, schwarzen Flügeln. Er war dürr, etwas größer als Dorian und hatte bemerkenswerte Augenringe. Seine mausbraunen Haare standen offensichtlich verknotet in alle Richtungen ab und sahen insgesamt aus wie ein nicht ganz gewollter Unfall. Er trug das selbstgefälligste Grinsen im Gesicht, das Chris je gesehen hatte.

Er schluckte. »Dorian, wie viele Leute suchen gerade nach mir?«

Der fremde Engel zuckte mit den Schultern. »Alle. Und wenn Dorian Luzifer deinen Kopf nicht bringen will, dann übernehm ich das liebend gerne.«

»Er gehört mir, Adrian.«

»Du hattest ja wohl genug Gelegenheit, um ihn mitzunehmen und-«

»Ich sagte, er gehört mir!«

Im nächsten Moment schoss ein Schatten direkt an Chris vorbei auf den Engel zu und die beiden verschwanden aus seinem Sichtfeld. Danach rührte sich auf der Wiese kein Grashalm mehr und es wurde still, als hätte jemand die gesamte Welt lautlos gestellt.

»Ob ihr mich verarschen wollt«, murmelte Chris und fasste sich an die Stirn.


12

Chris

10. November

Erde

Sekunden später schlug Chris eine höllische Hitze ins Gesicht, und wider Erwarten ging er nicht in Flammen auf. Es brauchte einige Sekunden und mehrere Schreie von irgendwo über ihm, bis er einigermaßen verstand, was passiert sein musste: Dorian hatte Adrian abgefangen, von Chris weggezerrt und sie beide in die Luft befördert, wo sie nun aufeinander losgingen. Adrian schrie Dorian währenddessen eine nicht enden wollende Schimpftirade entgegen, bei der sich Chris schon nach wenigen Worten die Ohren auswaschen wollte.

Mit zitternden Knien sank er zurück ins Gras, als ihn eine erneute Schockwelle erfasste, und schaute dem Geschehen kopfschüttelnd weiter zu. Jedes Mal, wenn sich Adrian dem Boden näherte, stieß Dorian ihn zurück in die Luft und weiter von Chris weg.

›Er verteidigt mich‹, dachte er langsam. ›Erst entführt er mich und jetzt rettet er mir vielleicht das Leben. Was ist los mit ihm?‹

Adrian wich Dorian aus und schlug ihm danach so heftig in den Bauch, dass die Luft um ihn herum bebte. Dorian taumelte und fiel mehrere Meter tief, bevor er sein Gleichgewicht wiederfand, während Adrian sich umwandte und Chris grinsend ins Gesicht sah.

Chris überlegte kurz, sich einfach zu ergeben, aber am Ende überwiegte sein Überlebensinstinkt. Er kam auf die Beine, stieg mit einem Flügelschlag in die Luft und sah Adrian unter sich ins Leere schlagen. Eine Stichflamme loderte Sekunden später an der Stelle auf, an der er gerade noch gesessen hatte.

Dorian kam ihm entgegen. Es sah wie ein Angriff aus, bis er im letzten Moment bremste und eine Handbreit vor Chris zum Stehen kam. »Weg von hier!«

›Guter Witz.‹ »Wohin denn?«

Darauf wusste er offenkundig keine Antwort. Zeit zum diskutieren hatten sie allerdings ohnehin nicht, denn Adrian schoss auf sie beide zu. Dorian streckte einen Arm aus und kurz darauf wurde Chris von einer unsichtbaren Macht mehrere Meter rückwärts gestoßen. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte nach unten und konnte sich gerade genug bremsen, um sich beim Aufprall nicht alle Knochen zu brechen. Kurz flackerten schwarze Punkte vor seinen Augen.

In der Luft schlugen die Angriffe der beiden Engel unterdessen Wellen im Nebel. Dorian tauchte unter Adrian hindurch und auf dessen Rückseite wieder auf, legte ihm eine Hand auf den Rücken, direkt zwischen die Flügel. Im nächsten Moment stürzte Adrian in freiem Fall Richtung Wald und verschwand mit einem lauten Schrei zwischen den Baumkronen.

Dorian landete mit einem leidenden Gesichtsausdruck. Wieder stand er Chris zunächst regungslos gegenüber und überlegte sichtlich, was er sagen sollte. »Er wird wiederkommen. Weg von hier.«

Sie stiegen erneut in die Luft, Dorian hielt mitten auf die Großstadt zu. Chris warf einen Blick zurück und erschrak, als er feststellte, dass sowohl der Wald als auch die Wiese so verwüstet aussahen, als hätte dort gerade ein Sturm gewütet. Bäume waren entwurzelt und jegliches Laub von den Ästen gerissen worden, die Erde aufgewühlt und das Gras niedergedrückt. Von der Scheune fehlte jede Spur.

»Ach du Scheiße«, murmelte Chris. Wind und Nebel verschluckten seine Worte. ›Wenn sie das ohne Probleme anrichten können, wie hab ich dann bis hierhin überlebt?‹

Chris hatte geglaubt, mittlerweile Fliegen gelernt zu haben, doch jetzt kam er Dorian kaum hinterher. Erst wollte er den Engel einfach ziehen lassen und entschied sich im letzten Moment dagegen. »Warte!«

Dorian bremste und schwebte auf der Stelle, bis Chris zu ihm aufgeschlossen hatte.

»Ich kann nicht schneller«, erklärte er und bekam wie zur Bestätigung direkt Seitenstechen. »Und… und ich kann auch nicht mehr.«

»Oh«, machte Dorian, als käme das vollkommen überraschend für ihn. »Ein bisschen weiter noch.«

»Ich geb mein Bestes.«

»In der Nähe von Menschen ist es sicherer. Sie wollen nicht auffallen.«

»Okay. Gut.« Chris atmete tief ein und mobilisierte, was sich wie seine letzten Kräfte anfühlte. Hoffentlich fiel er nicht vom Himmel. »Was genau willst du eigentlich von mir?«

Dorian schüttelte nur den Kopf.


13

Dorian

10. November

Erde

Abgesehen von einem Dach über dem Kopf bot die Bauruine so gut wie keinen Schutz. Der Beton und die Ziegelsteine sahen aus, als wären die Arbeiten schon vor langer Zeit aufgegeben worden, eine Wand war zur Hälfte eingestürzt, und im Garten wuchs das Unkraut unkontrolliert vor sich hin. Wie ein Schandfleck stand das Gebäude am Rande der Siedlung in gebührendem Abstand zu den restlichen Häusern und Dorian wunderte sich, weswegen es noch niemand abgerissen hatte.

Nachdem sie gelandet waren, hatte er sich mit der Ausrede entschuldigt, etwas Essbares zu suchen. Nicht nur, um Chris und sich wieder auf die Beine zu bekommen, sondern auch, weil Herumschleichen, Auskundschaften und Einbrechen Routine bedeutete. Nur ein gewöhnlicher Auftrag. Völlig an der Realität vorbei.

Die gewohnten Abläufe beruhigten ihn. Dorian ging einmal um das Haus herum, immer im Schatten verborgen, und spähte durch die Fenster auf der Suche nach Lebenszeichen. Innen fand er keine Menschen, in der Garage kein Auto, dafür allerdings einen Stapel Zeitungen vor der Haustür. Gut.

Mit einem Flügelschlag überwand Dorian den Gartenzaun, landete auf der anderen Seite und rutschte fast auf den feuchten Terrassenfliesen aus. Er streckte sich, ging vorsichtig zur Tür herüber und trat mit voller Wucht auf die Scheibe ein, sodass sich Scherben in jede Richtung verteilten. Normalerweise legte Dorian Wert darauf, weder Lärm zu machen noch Spuren zu hinterlassen, aber gerade brachte er die Konzentration nicht dafür auf. Und wenn jemand nach ihm suchte, sah das hier nicht nach seiner Methodik aus.

Der Gedanke stoppte ihn mitten in der Bewegung. ›Ob wohl jemand außer uns nach Chris sucht? Hat er Freunde und Verwandte, die ihn jetzt vermissen? Habe…‹ Allein bei der Überlegung wurde Dorian übel. ›Habe ich Freunde und Verwandte gehabt?‹

Die Scherben knirschten unter seinen Stiefeln, als er ins Haus trat, bohrten sich aber nicht tief genug in die Sohlen, um ihn zu verletzen. Mit schnellen Schritten ging er durchs Wohnzimmer, fand die Küche und klemmte sich als erstes zwei Wasserflaschen unter den Arm, die einsam auf der Arbeitsplatte standen. Er durchsuchte eine Handvoll Schränke und stieß erst nur auf Töpfe, Pfannen und Geschirr, bevor er den Kühlschrank öffnete. Außer ein paar Früchten nahm er nichts mit, denn den Inhalt der Plastikpackungen und Glasflaschen kannte er nicht.

›Isst Chris solche Sachen?‹, dachte Dorian. ›Und wenn ich ihn frage, glaube ich ihm dann?‹

Beim Hinausgehen entdeckte er im Wohnzimmer eine zusammengefaltete Decke auf dem Sofa liegen und Dorian nahm sie spontan auch noch mit. Der Morgen mochte zwar schon ein paar Stunden alt sein, doch es wollte und wollte nicht wärmer werden und sie hatten wahrscheinlich beide genug gefroren.

Dorian verließ das Haus durch die Vordertür, hielt einen Moment lang inne und flog schließlich zurück zur Bauruine. Seine Flügel trugen ihn automatisch in die richtige Richtung.

Der Mensch saß immer noch genau so in dem Raum, wie Dorian ihn zurückgelassen hatte. Durch die harten Schatten und das kalte Licht von draußen sah Chris kreidebleich aus, seine Augenringe wie mit schwarzer Tinte gemalt. Die dunkelbraunen, beinahe kinnlangen Haare fielen ihm strähnig und verschwitzt in die Stirn. Um seinen Hals hing ein silbriger Anhänger, den er mit abwesender Miene zwischen den Fingern drehte. Die Flügel spreizten sich in einem merkwürdigen Winkel von seinem Rücken ab, damit sie den Beton nicht berührten und das Zittern machte nur allzu deutlich, wie anstrengend das sein musste.

Dorian flog zielsicher durch das Loch in der Wand, landete und zog seine eigenen Flügel ein, ehe er zu Chris herüberging. Der blinzelte daraufhin mehrmals und schüttelte den Kopf. »Wie hast du-«

»Die Flügel sind zu empfindlich, um sie jederzeit offen zu tragen. Wenn wir nicht fliegen müssen, ziehen wir sie ein.«

»Wie soll das… Dreh dich mal um.«

Bei jeder anderen Person hätte Dorian befürchtet, sie wollte ihm in den Rücken fallen, aber hier erschien ihm das Risiko klein genug. Wirklich wohl fühlte er sich trotzdem nicht dabei.

Eine Weile lang blieb Chris still und begutachtete vermutlich die zwei offenen Wunden auf Dorians Rücken, die sich dort anstelle seiner Flügel befanden. Natürlich waren auch sie empfindlich, aber damit konnte man in der Regel deutlich besser umgehen als mit zwei riesigen gefiederten Gliedmaßen.

»Wie?«, fragte Chris schließlich noch einmal.

Dorian zögerte und musste ernsthaft nachdenken, ehe er auf eine Antwort kam. Er hatte nie eine Anleitung gebraucht, als gefallener Engel gehörte er in die Luft. Fliegen fühlte so natürlich an wie Atmen – das hatte Luzifer gesagt. Impliziert.

Er senkte den Blick. Wenn er wirklich gefallen war, müsste er sich dann nicht daran erinnern können, auch im Himmel geflogen zu sein? Kein konkretes Bild tauchte in seiner Vorstellung auf. Es warf Dorian so sehr aus der Bahn, dass er Chris völlig vergaß, bis der ihm auf die Schulter tippte.

Dorian fuhr zusammen und ließ die Decke und das Wasser fallen. Die Fragen blieben. Die Erinnerungslücken auch. »Flügel sind Ausdruck und Quelle unserer Macht«, erklärte er hastig. »Ohne Flügel sind wir nicht mehr als Menschen. Ohne sie könnten wir nicht leben.« Schon beim Gedanken daran wurde ihm schlecht. Dämonen machten Witze darüber, Engeln die Flügel auszureißen, wenn sie sich Luzifers Diener zuverlässig vom Leib halten wollten.

»Ich bin menschlich, auch wenn ich- Egal.« Chris seufzte. »Ich will also drauf aufpassen. Was muss ich machen, um sie, äh, einzuziehen?«

»Schwer zu erklären.« Weil Dorian sich denken konnte, wie hilfreich diese Antwort war, riss er sich zusammen. »Stell dir vor, du ziehst sie in deinen Körper. Das sollte funktionieren.«

Chris nickte offenkundig wenig überzeugt, schloss aber die Augen und schien es zu versuchen. Einen Moment später waren die Flügel spurlos verschwunden, woraufhin er sichtlich erleichtert aufatmete.

Dorian reichte ihm die Decke, eine Flasche Wasser und kramte einen Apfel aus seinen Manteltaschen, ehe er sich ihm gegenüber an den intaktesten Teil der Wand setzte. »Hier.«

Chris begutachtete alles mit skeptischem Blick, nahm es aber schließlich mit einem gemurmelten »Danke« an. Er wickelte sich in die Decke ein, trank die Flasche in einem Zug halb leer und legte den Apfel neben sich auf den Boden. »Was ist passiert, dass du mir jetzt auf einmal helfen willst?«

»Wer bist du?«, erwiderte Dorian. Eine sinnvollere Antwort wusste er nicht.

»Mein Name ist Chris. Ich bin ein Mensch, den du in die Hölle entführt hast und der danach aus welchen Gründen auch immer mit Flügeln aufgewacht ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was du sonst noch von mir hören willst.«

›Er ist ein Mensch.‹ Je öfter Chris das wiederholte, desto weniger hörte es wie Unsinn an.

»Ich habe nichts gesehen«, murmelte Dorian unwillkürlich und wollte sich an den Worten festhalten, aber sie zerronnen ihm zusehends zwischen den Fingern. »Ich habe nichts gesehen.«

Chris legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. »Du warst doch die ganze Zeit bei mir, oder nicht?«

»Ich…«

»Warte. Fangen wir ganz von vorne an.« Dorian hatte erwartet, dass Chris wütend klang, verletzt, und in jedem Fall deutlich emotionaler. Stattdessen machte er den Eindruck, als wollte er ein Rätsel lösen und bräuchte noch mehr Hinweise. »Luzifer schickt euch auf die Erde, um Menschen umzubringen. Aber nach welchen Kriterien sucht er seine Opfer aus?«

»Meistens gibt er uns nur ein Gebiet auf der Erde vor«, antwortete Dorian. »Wen wir dort töten, bleibt uns überlassen.«

Mit einem tiefen Seufzen legte Chris den Kopf in den Nacken und starrte einen Moment lang Löcher in die Luft. »Das heißt, das alles war nur reiner Zufall?«

»Ja.« Das Wort hing bleiern in der Luft und verlangte nach Fortsetzung. »Es tut mir leid.«

Ein mattes Lächeln schlich sich auf Chris’ Gesicht, gab aber keine Auskunft darüber, ob er Dorian glaubte oder nicht. »Du wusstest es nicht besser, oder?«

»Nein.« Bis vor zwei Wochen hatte Dorian nie auch nur eine unnötige Frage gestellt, und jetzt rieselten sie kontinuierlich auf ihn herab wie Staub von der baufälligen Decke. Dieses Gespräch sollte ihm vor Augen führen, dass Luzifer Recht behielt, und die Welt noch genauso funktionierte wie vor zwei Wochen. Doch mit jedem gewechseltem Wort fühlte er eine fremde Art von Schuld in sich wachsen, ein Bedauern gegenüber jemandem, der ihm völlig fremd sein sollte. Dorian sollte Chris hassen, aber stattdessen kam er sich in seiner Unsicherheit beinahe verstanden vor.

Er musste fragen. »Bist du wütend?«

»Ganz ehrlich? Keine Ahnung.« Chris sah aus, als stellte ihn das selbst nicht zufrieden. »Ich sollte es sein. Und vielleicht würde ich auch tatsächlich auf dich losgehen, wenn ich nicht so müde wäre, aber… Ich weiß auch nicht. Ich glaube, zum Verarbeiten hatte ich einfach keine Zeit.«

Dorian nickte, als könnte er das nachvollziehen. Tatsächlich fiele es ihm leichter, mit unverhohlener Wut umzugehen, als mit dem hier. War es das, was Chris so menschlich machte?

»Warum hast du mich eigentlich nicht auch noch umgebracht?«

»Wenn uns ein Mensch sieht, sollen wir ihn mit in die Hölle nehmen.«

»Und was passiert dann?«

»Ich weiß nicht.« Dorian musste Chris nicht ansehen, um zu wissen, dass er ihm das nicht glaubte. »Luzifer hat mir befohlen zu gehen, aber ich bin geblieben. Er hat dich zurückgeholt, ich weiß nicht wie, und er hat dich… verändert. Erst warst du ein Mensch. Und dann hattest du Flügel und seine Augen.«

»Ich hab auch noch…« Hektisch rieb sich Chris übers Gesicht und hinterließ gerötete Wangen. »Ich sehe aus wie ihr.«

»Aber wir sind Engel.«

»Luzifer hat euch gesagt, dass ihr welche seid.«

Daran erinnerte sich Dorian, als wäre es gestern gewesen. Wie er aufwachte und sein Meister ihm erzählte, was passiert war, wie seine Verwirrung Dankbarkeit wich, wie er Luzifer jedes Wort geglaubt und zu seiner Identität gemacht hatte.

»Mir auch«, fuhr Chris fort, als wäre ihm die Wirkung seiner Worte nicht bewusst. »Er hat wohl erwartet, dass ich ihm das abnehme, aber ich weiß, dass es gelogen ist. Ich glaube, ich weiß das als einziger von euch. Irgendwas ist mit mir schiefgelaufen.«

»Ja.« Die Teile fügten sich von selbst zusammen. »Ich habe Luzifer abgelenkt, weil ich geblieben bin.«

»Ah.« Chris lehnte seinen Kopf an die Wand und fasste sich an die Stirn. »Was für eine Scheiße.«

Dorian nickte. Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Er rollte die zweite Wasserflasche zu Chris herüber, der sie schweigend entgegennahm und zu der anderen neben sich stellte.

›Was ist, wenn er Recht hat?« Gegen den Gedanken anzukämpfen fühlte sich mittlerweile sinnlos an. ›Was ist, wenn wir alle Menschen sind und es vergessen haben? Was bleibt dann noch von mir?‹

»Und du weißt wirklich gar nichts?«, fragte Chris nach einer Weile. »Warum ihr Menschen töten sollt und wie ihn das befreien soll und alles.«

»Wir versuchen, Engel so sehr zu provozieren, dass einer von ihnen auf die Erde geht. Wenn dieser Engel dann von uns getötet wird, befreit das Luzifer.«

»So weit bin ich auch gekommen«, murmelte Chris. Vielleicht hatte er dabei versagt und Luzifer deswegen gegen sich aufgebracht. Einen größeren Verrat konnte sich Dorian definitiv nicht vorstellen.

Sie schwiegen wieder. Chris griff nach dem Apfel neben sich, wischte ihn mehrfach mit dem Ärmel ab, biss schließlich hinein und kaute mit nachdenklicher Miene. Er aß auf, warf den Rest aus einem Loch in der Wand und lehnte sich zurück. Wieder berührte er den Anhänger um seinen Hals, und wieder wurde Dorians Blick davon angezogen, aber er riss sich los, um nicht zu starren.

»Willst du mehr?«, fragte er stattdessen.

Chris schaute auf. »Wovon?«

Dorian holte das restliche Essen aus seinen Taschen. »Du kannst alles haben, wenn du willst.«

»Wo hast du das überhaupt her?«

Auf die Schnelle fiel Dorian keine Lüge ein. »Ich bin in das nächste leer stehende Haus eingebrochen.«

»Also ist niemand zu Schaden gekommen oder so?«

Er nickte.

»Okay«, murmelte Chris und nahm das Essen entgegen. »Du sagtest, Adrian würde wiederkommen.«

»Die Niederlage lässt er nicht auf sich sitzen«, antwortete Dorian. »Er trägt einem auch schon weniger nach.«

»Und jetzt ist er hinter uns beiden her.«

»Hinter dir. Ich stehe ihm nur im Weg.«

»Warum bist du dann noch hier? Entweder, nimmst du mich selbst wieder mit in die Hölle, oder du überlässt mich Adrian.«

»Soll ich gehen?«

Insgeheim wünschte sich Dorian, dass ihm Chris die Entscheidung einfach abnahm. Stattdessen bekam er ein Schulterzucken und ein »Ich kann dir schlecht vorschreiben, was du machen sollst«.

›Aber wer sagt es mir dann?‹ Noch eine Erkenntnis, die an sich schon eine Sinnkrise nach sich gezogen hätte. Gerade aber ging sie zwischen all den anderen erschütterten Grundfesten beinahe unter. ›Habe ich jemals etwas selbstständig entschieden?‹

Dorian stand auf und danach unschlüssig im Raum herum. Schließlich fasste er sich ein Herz, ging zu Chris herüber und setzte sich neben ihn. Der sah sichtlich irritiert aus, ließ ihn aber gewähren. »Heißt das, du bleibst?«

»Ich… denke schon.«

Chris wickelte sich aus der Decke und reichte Dorian ein Stück. »Hier. Bevor es zu kalt wird.«

›Warum machst du das?‹ Ihm wäre es immer noch lieber, würden sie sich gegenseitig einfach umbringen wollen.

In einer einfacheren Welt könnte er längst zurück in der Hölle sein und seine Schuld bereinigen. So aber deckte er sich zu, schloss die Augen und schlief zu dem Geräusch eines gleichmäßigen Atems neben sich ein.


14

Dorian

11. November

Erde

Etwas riss Dorian aus dem Tiefschlaf. Er schreckte hoch, zwang sich sofort zur Ruhe und schaute sich um. Chris schlief weiterhin in seiner Decke eingerollt, von draußen schien Laternenlicht in die Bauruine hinein. Ein allgegenwärtiges Staubrieseln wanderte durch den Raum, ansonsten blieb es still.

Dann breitet sich eine unverwechselbare Übelkeit in seinen Eingeweiden aus, bis Dorian nichts anderes mehr spürte. Es kostete all seine Selbstbeherrschung, um sich nicht in der nächsten Ecke zu übergeben.

Durch das Loch in der Wand war nichts zu erkennen. Dorian wollte die Augen schließen und auf ein größeres Zeichen warten, als die Straßenlaternen zu flackern begannen. Stimmen von draußen.

»Ihr wartet draußen, ich geh rein und erledige das.«

»Du machst hier gar nichts. Ihr schafft es gerade nicht einmal, einen wehrlosen Schutzengel zu erledigen, glaubst du, ich-«

»Das war Janne, nicht ich!«

Neben Dorian schreckte Chris mit einem überraschten Geräusch hoch und machte kurz Anstalten, um sich zu schlagen. »Was-«

Dorian legte einen Finger an die Lippen und deutete nach draußen.

»Ihr seid alle gleich«, sagte eine Person, deren Stimme Dorian vage bekannt vorkam. »Ihr werdet alle bei den gleichen Sachen sauer, ihr sagt das Gleiche und zieht euch gleich an. Wie um alles in der Welt soll ich euch da unterscheiden können?«

»Halt den Rand«, grummelte Adrian. Schritte auf dem Asphalt. »Ihr könnt auch von alleine rauskommen, wenn ihr wollt!«

»Ganz bestimmt nicht«, murmelte Chris.

»Bleib hier«, erwiderte Dorian und stand auf. Weglaufen war keine Option mehr, er hatte ja schon nur noch die Wand hinter sich.

Geschickt kletterte er über die kläglichen Reste der eingestürzten Mauer, ließ sich ein ganzes Stockwerk nach unten fallen, landete auf den Füßen und sah sich einem Adrian und zwei ihm leider sehr bekannten Dämonen gegenüber.

Beide zeigten kaum mehr als ihre Augen. Den Rest ihrer Haut bedeckten, wie bei ihnen üblich, mehrere Lagen Stoff. Der eine trug hauptsächlich hellgrüne und goldene Kleider, erkennbar halbherzig in Form drapiert, und eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Seine gelblich grünen Augen reflektierten das spärliche Licht, und trotz der dunklen Nacht verengten sich die Pupillen zu Schlitzen.

›Belphegor‹, dachte Dorian und war sich sicher, gerade weil der Dämon den Eindruck machte, als würde er jeden Moment einschlafen. Man sagte, dass er die meisten Geheimnisse der Hölle kannte, weil die Leute in seiner Gegenwart zur Achtlosigkeit neigten.

Die andere trug dunkelgrüne, deutlich edlere Stoffe und gab sich sichtlich mehr Mühe mit ihrem Aussehen als ihr Begleiter. Ihre Haare waren ebenso mausbraun wie die von Adrian, bedeckten Stirn, Nacken und teilweise ihre hellgelben Augen. Mammon. Unmöglich zu sagen, weswegen genau sie hier – sie schlug sich grundsätzlich auf die Seite desjenigen, von dem sie sich am meisten Profit erhoffte, auch wenn das zufällig Luzifer sein sollte. Dämonen bekam man am besten zum Gehorchen, indem man ihnen drohte oder ihnen glaubwürdig genug alles Mögliche versprach, bis sie ihr Misstrauen vergaßen. Mammon bot sich einem von sich aus an, und mit einer Ablehnung war man am besten bedient.

Adrian grinste, als Dorian vor ihm landete. »Immerhin bist du hier vernünftig«, sagte er. »Ich nehme an, dein neuer Freund sitzt noch da oben?«

›Das ist nicht mein Freund‹, dachte Dorian und biss die Zähne zusammen. ›Das ist ein Fehler. Etwas, das nicht sein sollte. Jemand, der mich versteht.‹ »Was macht ihr hier?«, fragte er an die Dämonen gewandt und erwartete sicherheitshalber nichts.

Mammon zuckte mit den Schultern. »Mir ist langweilig«, erklärte sie. »Und da man sich seit Tagen erzählt, dass Luzifers Dienerschaft in Aufruhr ist, wollte ich persönlich nachschauen, was los ist. Dann ist mir der hier«, sie deutete auf Adrian, »über den Weg gerannt und war verzweifelt genug, sich bei mir auszuheulen und dann sind wir mitgekommen. Richtig?«

Belphegor nickte.

Adrian wandte sich mit offen stehendem Mund um. »Das ist-«

»Ganz genau, was passiert ist«, unterbrach ihn die Dämonin. »Und davon einmal abgesehen würde mich brennend interessieren, warum es hier schon wieder niemand geschafft hat, einen kleinen unschuldigen Schutzengel zu ermorden. Der Himmel setzt sie euch vor die Nase, als wollte er Luzifer zurückhaben und ihr versagt trotzdem auf ganzer Linie.«

Adrian ballte die Fäuste. Dorian überlegte, Mammon einfach weiterreden zu lassen, damit die drei irgendwann aufeinander losgingen und sich die Sache von selbst erledigte. Auf Adrians Gesicht war nur allzu gut abzulesen, wie kurz er davor stand, die Beherrschung zu verlieren – doch dann deutete er seufzend auf Dorian, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Kümmert euch um den hier und macht mit ihm, was ihr müsst. Ich hol Chris von da oben weg.«

Mammon beugte sich daraufhin vor, fasste Adrian am Kinn. Der riss sich los, stolperte einen Schritt zurück und fiel Dorian beinahe in die Arme. »Erstens gibst du uns hier keine Anweisungen. Du benimmst dich wie ein guter, zum Gehorsam erzogener echter Engel. Und zweitens heißt es Flügelschlag.«

›Nein.‹ Von jetzt auf gleich wurde Dorian kalt. ›Nein. Nicht meine Flügel.‹

Adrian vor ihm erblasste ebenfalls schlagartig, wandte sich um und stieg in die Luft. Er ging sich Chris holen, aber Dorian konnte ihm nicht einmal hinterhersehen. Flügelschlag. Sie waren gekommen, um ihm das einzige zu nehmen, das er noch besaß.

›Nein.‹ Wieder die Flucht nach vorn. »Nein!«

Schreiend stürzte sich Dorian auf Mammon, wollte sie packen und griff ins Leere. Zwei Schritte weiter hinten tauchte sie aus dem Nichts auf und ihre Augen allein sagten deutlich aus, wie sehr sie unter ihrem Schleier grinste. »Tut mir leid, aber dein Herr und Meister wollte es so.«

»Ihr lügt!«, brüllte Dorian den Dämonen entgegen, setzte erneut an und beschwor das Feuer, schlug mit in Flammen gehüllter Faust nach Belphegor, weil der im Weg stand. ›Luzifer kann das nicht befohlen haben. Kein Engel könnte den Flügelschlag beschließen.‹

Der Dämon reagierte erst im allerletzten Moment und dann zuerst mit einem tiefen Seufzen, ehe er den Schlag abfing und keine Miene verzog. Er erstickte die Flammen langsam in seiner Hand und stieß Dorian mit gewaltiger Kraft von sich.

Er verlor das Gleichgewicht, flog durch die Luft, und breitete die Flügel im letzten Moment aus, um in der Luft stehenzubleiben. Die Druckwelle schob sich unterdessen weiter die Straße entlang, in der Ferne klirrte Glas und splitterte. Mehr Laternenlichter erloschen und gaben den Blick auf den Sternenhimmel frei, von dem eine dünne Mondsichel auf sie herab schien.

Dorian warf einen Blick auf die Bauruine, konnte aber niemanden erkennen. Es blieb zu hoffen, dass Chris entweder entkommen oder wenigstens schnell gestorben war. Der letzte Gedanke trieb ihm Tränen in die Augen, aber die Verwirrung darüber hielt nicht lange, ehe die Angst sie wieder komplett verschluckte.

Flügelschlag. Nein.

Mammon gab mehrere Meter weit von ihm weg einen Fluch von sich, bei dem der Boden erzitterte, dann kam sie Dorian hinterher. »Du hast es schneller hinter dir, wenn du dich nicht wehrst.«

»Nein!«

»Hör mal, ich habe auch Besseres zu tun, aber was sollen wir machen?« Sie stieg ebenfalls in die Luft, packte Dorian an beiden Handgelenken und zog ihn wieder Richtung Boden. Er versuchte sich loszureißen und bekam zumindest einen Arm frei, streckte ihn in Mammons Richtung aus, fokussierte die Energie und ließ sie frei, doch die Dämonin ließ selbst im freien Fall nicht los. Sie kamen krachend in einem Vorgarten auf, das Gras federte den Sturz immerhin ein wenig ab. Hinter ihnen brach die Hausfassade auf, die Fenster fielen auseinander, Dachziegel regneten auf sie herab. Dorian kam frei, duckte sich erst und begann gegen den Instinkt seines schmerzenden Körpers zu rennen, um nicht erschlagen zu werden.

Mammon begutachtete die Zerstörung unterdessen mit skeptischem Blick und zuckte mit den Schultern. »Bevor mir das ganz auf den Kopf fällt…«

Sie schlug auf die Wand ein und die Welt verstummte mit einem dumpfen Geräusch. Dorian ging noch einen Schritt rückwärts, doch weiter trug ihn selbst sein Fluchtinstinkt gerade nicht. Reglos schaute er zu, wie sich Risse spinnennetzartig durchs Mauerwerk ausbreiteten und das Haus nur Sekunden später in sich zusammenstürzte. Mammon nickte seelenruhig und murmelte ein zufriedenes »So«, ehe sie verschwand und direkt vor Dorians Nase wieder auftauchte. »Und nun zurück zu dir.«

Dorian schlug mit den Flügeln und der Dämonin fast damit ins Gesicht, doch er gewann nicht schnell genug an Höhe. Seine Füße streiften den Gartenzaun unter sich, er verlor das Gleichgewicht und schlug wieder auf dem Boden auf. Tränen stiegen ihm in die Augen, sein Rücken fühlte sich erst taub an, dann wie eine einzige, dumpf schmerzende Prellung. Immerhin hatte er es geschafft, die Flügel rechtzeitig einzuziehen. ›Ich gebe sie nicht her. Was bin ich ohne meine Flügel?‹

Er schaute auf. Die Bauruine war kaum noch in der Dunkelheit zu erkennen. Zwei Meter vor ihm stand Mammon von faserhaften Schatten umhüllt, beide Hände in die Hüften gestemmt. »Wenn du von alleine nicht willst, dann tu es wenigstens für Luzifer.«

»Nein«, murmelte Dorian, zwang sich auf die Beine und ging rückwärts. Dabei ahnte er schon, wie das ausging. »Das würde er nicht wollen!«

»Er ist nur zu feige, es selbst zu machen.«

›Das kann er nicht… Er ist doch ein Engel, er muss doch wissen…‹ Dorians Sichtfeld verschwamm vor lauter Tränen, bis er nur noch eine Anzahl unterschiedlich düsterer Flecken sah. Trotzdem rannte er weiter, dieses Mal Mammon entgegen, und griff sie mit wenig mehr als dem Mut der Verzweiflung an. Tatsächlich landete er mehrere Treffer, obwohl er nicht einmal genau sehen konnte, wohin er eigentlich schlug. Mammon gab einen unterdrückten, dennoch sehr entsetzten Schrei von sich, taumelte nach hinten, packte Dorian und zog ihn mit sich.

Plötzlich wurde es schwarz um ihn herum und auch das letzte Licht erlosch. Schatten krochen unter seinen Mantel und über seine Haut, hinterließen brennende Striemen und eine merkwürdige Leere. Dorian fror mitten in der Bewegung ein, als sich eine Kälte in ihm ausbreitete, die Angst und Wut kurzerhand erstarren und dann splittern ließ. Zusammen mit den Scherben stürzte er zu Boden – im nächsten Moment zog ihn jemand an den Schultern wieder auf die Beine. Durch die Tränen hindurch sah er Mammon vor sich stehen, wie sie sich Staub von den Kleidern klopfte und ihre Augen wieder grinsten. »Die Hilfe hätte ruhig früher kommen dürfen.«

Natürlich hatte er Belphegor aus den Augen verloren und ihn vergessen. Dorian schaute sich um und sah den Dämonen hinter sich mit den Schultern zucken, während er ihn weiter festhielt. Die letzten Schattenschlieren zogen sich in seine Richtung zurück, bevor sie ganz zerfaserten, als wäre nie etwas gewesen.

»Aber es hat ja funktioniert, also will ich mich nicht beschweren.«

Dorian wollte sich losreißen und kam keinen Zentimeter weit. Die Realisation, verloren zu haben, schmerzte mehr als alle Erkenntnisse der letzten Tagen zusammen. Dieses Mal ging es um seine Flügel, um alles, was er besaß. Und Luzifer sollte das befohlen haben?

»Komm«, sagte Mammon. »Dann haben wir es hinter uns.«

»Tötet mich lieber!«, hörte Dorian sich schreien und stand voll und ganz dahinter. »Bringt mich einfach um, bitte!«

»Wenn wir das vorgehabt hätten, hättest du uns in den letzten fünf Minuten genug Gelegenheit gegeben.«

»Bitte…« Die Tränen raubten ihm alle Sicht und er wollte auf die Knie gehen, flehen, betteln. »Tötet mich, bitte! Bringt mich um, ich kann das nicht, ich…«

»Du bist ein Mensch, du hältst das aus.«

»Nein!« Jetzt wusste er nicht einmal, weswegen er das schrie. »Nein, nein!«

Dorian spürte den Boden unter sich nicht mehr. Die Temperatur stieg, das war nicht mehr die Erde. Ihm wurde immer schlechter, als er Gestalten vor sich erkannte, alle fast bis zur Unkenntlichkeit verhüllt.

›Wie kann Luzifer mir das antun?‹

»So«, sagte Mammon und klang immer noch kaum angestrengt. »Macht schnell, wenn’s geht, ich habe heute noch was vor.«


15

Chris

11. November

Erde

Chris schaute an die Stelle, an der Dorian eben noch gestanden hatte, und schüttelte den Kopf. Halb erwartete er, ihn gleich zusammen mit Adrian gemeinsam auf ihn losgehen zu sehen und sich endgültig naiv vorzukommen, doch stattdessen begann Dorian zu diskutieren. Den Stimmen nach zu urteilen, brachte das herzlich wenig.

Nur einen Augenblick später traf eine plötzliche Welle von Energie Chris mitten im Gesicht, sodass er nach hinten stolperte und sich beinahe den Kopf am Beton aufschlug. Es knallte etwas weiter entfernt von ihm, er schaute wieder auf und sah zwei Umrissgestalten aufeinander losgehen, bevor sie in einen Vorgarten stürzten. Chris ahnte, dass er das in dieser Dunkelheit gar nicht erkennen können sollte.

Im nächsten Moment kam Adrian durch das Loch in der Wand geflogen und bewies, dass Blicke nicht töten konnten, denn ansonsten hätte Chris gerade das Zeitliche gesegnet. »Ich will sehen, wie du dieses Mal deinen Arsch rettest.«

Instinktiv hechtete er zur Seite und wurde trotzdem noch erwischt. Adrian packte ihn und schleifte ihn einmal durch den ganzen Raum, bis sie beide gegen die Wand stießen. Der Boden verschwand unter Chris’ Füßen und er fühlte sich kurz wie im freien Fall, dann spürte er rauen, heißen Stein unter sich. Er wurde losgelassen, blieb kurz liegen und atmete die sengende Luft ein. Immerhin hatte ihn das aufgeweckt.

Er kam auf die Beine, sah Adrian neben sich dasselbe tun und ihn mit noch deutlicherer Mordlust in den Augen erneut angreifen. Chris wollte zuerst ausweichen, realisierte aber im letzten Moment, dass er so nicht ewig weitermachen konnte, und schlug stattdessen zu. Seine Faust traf etwas Hartes und Adrian stöhnte auf, fing sich aber direkt und zielte auf Chris’ Magen.

Er biss die Zähne zusammen, wollte keinen Laut von sich geben und schaffte es nicht ganz. Kurz tanzten bunte Funken vor seinen Augen. Chris atmete tief ein und gegen das aufkommende Seitenstechen an. ›Wenn ich gewusst hätte, dass ich irgendwann hier ende, hätte ich doch mit Sport angefangen.‹

Adrian setzte dazu an, ihn in den Schwitzkasten nehmen zu wollen. Chris riss sich gerade noch rechtzeitig los, tauchte unter ihm hinweg, und schürfte sich Handflächen und Ellbogen auf. Als er sich abrollte, schaute er nach oben und bemerkte jetzt erst, unter einem freien, blutroten Himmel zu stehen – selbst außerhalb der Tunnel im Gebirge, fühlte er sich eingeschlossen. Die schiefergrauen Wolken hingen in der Luft, als liefen sie Gefahr, ihnen jeden Moment auf den Kopf zu fallen.

›Okay‹, dachte Chris. ›Mit Kraft alleine gewinne ich das hier bestimmt nicht. Aber mit ein bisschen Glück kann ich ja…‹

Er streckte einen Arm aus, so wie Dorian das gestern noch getan hatte, fokussierte sich auf eine Energie, die er nicht kannte und an die er nicht einmal glauben würde, hätte er sie nicht eigenen Leib erlebt. Tatsächlich sammelte sich etwas in seiner Handfläche und wurde als Leuchten sichtbar, bis Chris es von sich stieß – im nächsten Moment wurde Adrian von einer unsichtbaren Kraft erwischt und mit einem erneuten Schrei weit nach hinten geschleudert. Er breitete seine Flügel aus, bremste mitten in der Luft und kam zum Stehen, noch ehe er auf dem Boden aufschlug.

»Wehr du dich wenigstens nicht!«, brüllte er Chris entgegen. »Ergib dich einfach, das hätte Dorian auch machen sollen!«

»Was passiert jetzt eigentlich mit dem?« Es sollte Chris wirklich nicht kümmern, aber er kam nicht umhin, sich trotzdem zu wundern.

Adrian sank kurz Richtung Boden, landete aber nicht. Die Frage brachte ihn offensichtlich durcheinander. »Luzifer hat die Höchststrafe angeordnet«, murmelte er. »Er kriegt die Flügel gestutzt… Scheiße, frag mich sowas nicht!«

›Können sie nicht einmal darüber reden?‹ Spätestens jetzt machte Chris sich Sorgen. Er hätte alles Recht, Dorian die Pest an den Hals zu wünschen, aber nach allem, was er mittlerweile wusste und sich zusammengereimt hatte, erschien ihm das nicht mehr verhältnismäßig. »Warum?«

»Was kümmert dich das überhaupt?« Adrian sah aus, als drehte es ihm mit jedem Gedanken an die Sache den Magen noch ein Stückchen weiter um. »Steht die ganze verdammte Welt auf dem Kopf oder was?«

»Aus meiner Perspektive schon«, erwiderte Chris, weil er nicht anders konnte. Im nächsten Moment duckte er sich unter einem Schlag weg, stolperte über seinen Mantel und bekam überraschend Adrians Fußgelenk zu fassen, als er nach Gleichgewicht suchte. Sie gingen beide mit einem unterdrückten Stöhnen zu Boden, aber Chris stand zuerst wieder auf.

Die Gelegenheit musste er nutzen, ob sein Gewissen wollte oder nicht. Ehe er es sich versah, stand er über Adrian, einen Fuß auf dessem rechten Schlüsselbein, um ihn am Aufstehen zu hindern.

»Wag es nicht«, flüsterte der Engel zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, wollte nach hinten rutschen und kam höchstens ein paar Zentimeter weit. »Wir lassen dich nicht in Ruhe, wir werden dich jagen und Luzifer wird dich quälen, bis du um Gnade flehst. Glaub ja nicht, dass du jetzt gewonnen hast!«

›Ich glaube nicht, dass gerade irgendjemand irgendetwas gewinnt‹, dachte Chris. Er könnte Adrian laufen und mit Schrecken davonkommen lassen, oder einen Fehler machen und sich seinem Schicksal stellen. Aber das eine half ihm nicht weiter und das andere verbot ihm sein Überlebensinstinkt.

›Ich wünschte, mich würde jemand zwingen. Egal wer. Hauptsache, ich hätte die Freiheit nicht.‹

Chris kniff die Augen zusammen, als müsste er das alles dann nicht erleben müssen, ballte die Fäuste, atmete tief durch. Versuchte, allen Hass auf die Welt, auf Luzifer und seine Leute und auf die Gesamtsituation zu kanalisieren, damit es sich zumindest für den Moment nicht mehr schlimm anfühlte, und trat zu. Adrian gab einen unterdrückten Schmerzensschrei von sich, dann noch einen, und danach wimmerte er nur noch. Chris wollte sich zurückhalten, verfolgen würde er ihn jetzt nicht mehr, aber zumindest die Schmerzen wollte er Adrian ersparen. Wenigstens irgendeine Form von Gnade. Nicht, dass das groß zählte.

Er behielt die Augen geschlossen und hörte nicht auf zu treten, bis er das Gefühl hatte, dass da nur noch ein lebloser Körper unter ihm lag. Ruckartig löste er sich aus seiner Trance, und stolperte mehrere Schritte nach hinten, während das Realisieren einsetzte. Die Übelkeit schlug ihm in den Magen, Chris fiel zurück auf den Boden und konnte die ohnehin schon kläglichen Reste seines Essens nicht mehr länger bei sich behalten. Seine Gedanken flossen immer zäher, bis sie schließlich ganz die Arbeit einstellten. Alles um ihn herum kam ihm nicht länger real vor.

Chris blieb am Boden sitzen, hielt sich den Magen, würgte wieder, aber es kam nichts mehr. Das Adrenalin ließ nach und ließ ihn am ganzen Körper zittern, bis er sich Dorians Decke zurückwünschte, ein Bett zum verkriechen und jemanden, der ihn festhielt und ihm sagte, dass alles wieder gut wurde. Irgendjemand, der ihn verstand.

›Was bin ich geworden?‹

Er zwang sich, die Augen zu öffnen und wenigstens anzusehen, was er angerichtet hatte. Zuerst glaubte er, vor lauter Verwirrung Adrians Leiche nicht mehr wiederzufinden, dann fiel ihm eine einzelne, schwarze Feder vor die Füße. Dann noch eine. Dann begann es in der Hölle zu regnen.

Tausende Federn hingen wie schwerelos in der Luft, sanken anschließend zu Boden und bildeten einen schwarzen Teppich auf dem blutig roten Stein. Sie konzentrierten sich an der Stelle, an der Adrian liegen sollte, doch von ihm fehlte jede Spur.

Chris kam nicht umhin, den Anblick merkwürdig schön zu finden, so sehr er sich auch dagegen wehrte. Er wollte die Hand ausstrecken und eine der Federn berühren, zuckte aber wenige Millimeter davor zurück. Es kam ihm nicht richtig vor.

Ein leichter Windstoß kam auf. Die Federn wirbelten durcheinander, schienen sich einen Moment lang den Kräften widersetzen zu wollen, und ließen sich dann doch in die Ferne tragen. Hunderte andere blieben auf dem Boden liegen, als wollten sie Chris daran erinnern, sich auch das hier nicht einzubilden.

›Hoffentlich kannst du so etwas wie Frieden finden‹, dachte er. Er umklammerte den Anhänger mit beiden Händen, hielt sich daran fest, klammerte sich ans Hier und Jetzt, damit die Panik ihn nicht holte. Trotzdem schlich sie um ihn herum, kroch ihm in den Nacken, und wartete auf den Moment, in dem Chris in sich zusammenfiel.

»Es tut mir leid.« Mit jedem Wort wurde er heiserer. »Du hast das nicht verdient, es tut mir so leid.«

Er gab sein Bestes, um zu weinen, aber die Hitze trocknete seine Tränen aus.


16

Metatron

11. November

Himmel

Niemand von ihnen war gerne hier, das sah Metatron den Erzengeln deutlich an. Er selbst versuchte, seinen Unmut so gut wie möglich zu verbergen, aber da ihn in niemand darauf ansprechen würde, wusste er erstens nicht, ob er damit Erfolg hatte, und fühlte sich zweitens von allen Seiten beobachtet.

Sie saßen an einem runden Tisch in einem verhältnismäßig kleinen Zimmer und schauten auf einen Riss im Raum, der ihnen als Fenster zur Erde diente. Es zeigte eine vollkommen verwüstete Landstraße, ein quasi zu Staub zerfallenes Haus und mehrere einsturzgefährdete Gebäude in der Umgebung.

Gabriel seufzte. Er saß Metatron direkt gegenüber, die langen schwarzen Haare fielen ihm teilweise ins Gesicht, die tiefblauen Augen wirkten müde. Letzte Nacht hatte er Wache gehalten und dem Desaster zugesehen. »Das können wir nicht hinnehmen«, sagte er jetzt. »Das Maß an Zerstörung ist zu groß.«

Remiel neben ihm nickte. Sie war nur Minuten vor Metatron hier angekommen. Davor hatte sie wohl wieder eine Horde aufgebrachter Schutzengel mit fast haltlosen Begründungen beruhigen müssen. »Hin und wieder einzelne Menschen zu opfern ist das Eine. Schutzengel müssen ein gewisses Maß an Kollateralschaden hinnehmen. Aber das«, sie nickte knapp in Richtung des Fensters, »das war vermeidbar.«

»Trotzdem ist es essenziell, dass sich die Schutzengel aus dieser Sache heraushalten«, sagte Gabriel.

»Ich weiß.«

»Wenn sich die Hölle so sehr einmischt, können sie nur verlieren.«

»Ich weiß!«, erwiderte Remiel und rutschte nervös auf ihrem Stuhl herum. »Und ich will behaupten, das ist mir von uns allen am meisten bewusst. Genauso, wie dass wir nicht ewig Glück haben können.«

Metatron nickte. Insgeheim hatte niemand damit gerechnet, dass Luzifer es überhaupt so lange in der Hölle aushielt. Sie hatten ihm höchstens ein paar Jahre gegeben und die Sicherheitsmaßnahmen entsprechend auf diese Zeitspanne ausgelegt. Uriel sollte längst zurück im Himmel sein, die Schutzengel beruhigter und die Katastrophe schon passiert.

»Was ich sagen will, ist dass ich nicht viel länger für meine Leute garantieren kann«, fuhr Remiel fort. »Nicht bei der momentanen Lage und der Aussicht, dass die Unruhe länger dauern wird. Es ist nicht richtig, den Schutzengeln dauerhaft zu predigen, dass sie sich gefälligst unter Kontrolle halten sollen.«

Bei dem Wort »richtig« verdrehte Jehudiel kaum merklich die Augen und rückte seine Brille zurecht. Der Richter hatte sich im vergangenen Jahr mehr mit diesem Konzept beschäftigen müssen als ihm lieb gewesen war und mittlerweile gab es kaum etwas, das ihn ähnlich aufregte wie dieses Wort. Wenn Metatron sich das vor Augen führte, war er doch ganz erleichtert, nichts von der Sache mitbekommen zu haben.

Zum Glück nahm ihm Michael die Aufgabe ab, eine Entscheidung für die Erzenge zu treffen. »Wir haben uns geeinigt, Attentäter zu schicken«, erklärte der Heerführer. »Sie sollen sich um die beiden Menschen kümmern. Wenn sie die Erde das nächste Mal betreten, sind sie tot, vorausgesetzt, Luzifer erledigt das nicht für uns.«

Obwohl nur vier der sieben Erzengel hier saßen, fühlte sich Metatron, als schauten sie ihn gerade alle mit der Erwartung an, dass er die Sache abnickte und damit erledigte. Die Last der Blicke reichte beinahe aus, um dem nachzugeben und Michael machen zu lassen, aber so funktionierten die Dinge am Ende nicht.

›Was ist Gottes Wille?‹, dachte er und schaute auf die Tischplatte, als könnte die ihm weiterhelfen. Sie blieb still, ebenso wie sein Wasserglas und der Haufen Notizzettel, der sich inzwischen überall verteilt hatte. ›Wie soll ich für ihn sprechen? Alle denken, dass ich weiß, was er will, aber…‹

Es war nicht so, als hätte er nicht mehrfach nachgefragt, aber Gott hatte ihn jedes Mal dazu angehalten, zu tun was er für richtig hielt. Ein kompetenterer Herrscher hätte das wohl als Freiheit empfunden.

»Erst einmal müssen wir herausfinden, wie sich die Sache weiter entwickelt«, erklärte Metatron, als er das Schweigen nicht mehr aushielt. »Vielleicht werden die Menschen in der Hölle getötet.«

Natürlich war das mehr Hoffnung als eine vernünftige Strategie. Entsprechend wunderte es ihn wenig, dass Michael neben ihm trocken auflachte. »So was erledigt sich nie von alleine«, sagte er. »Luzifers Diener sind immer noch da und da dachten wir auch erst, sie würden irgendwann aufgeben. Stattdessen versuchen sie alles und sie versuchen es weiter, bis selbst der sturste Schutzengel irgendwann die Nerven verliert oder der erste Soldat. Der ganze Himmel will diese Leute tot sehen, damit die Welt wieder die Alte ist.«

»Ich muss den Schutzengel versichern, dass das bald aufhört«, pflichtete Remiel ihm bei. »Dass wir das seit sechshundert Jahren auf unbestimmte Zeit machen, ist das größte Problem. Wenn die Belastung noch größer wird, halten sie das nicht mehr durch.«

›Glaub mir, wir wollen alle, dass es aufhört‹, dachte Metatron und da war es wieder, das schlechte Gewissen. Die Schuld. Und die Last des Schweigens, das er sich selbst auferlegt hatte. ›Die Frage ist, wie wir das anstellen. Und wer davon profitiert.‹

»Ich sage nicht, dass wir alles so lassen, wie es ist. Ich will nur vorsichtig sein. Jeder Engel, den wir zusätzlich auf die Erde schicken, ist ein Risiko.«

»Dieses Maß der Zerstörung ist es wert, das einzugehen«, erwiderte Gabriel direkt. »Mit Verlaub, der Himmel hat sich lange genug zurückgehalten. Es wird Zeit, dass wir Luzifer und den Dämonen, die die Ereignisse von letzter Nacht mit zu verantworten haben, Grenzen aufzeigen. Es ist unsere Aufgabe, die Erde vor Schaden zu bewahren und wenn wir uns aufs Warten und Beobachten beschränken, dann werden wir dem nicht mehr gerecht. Wir müssen eine Situation schaffen, in der wir den Schaden einschätzen können und ich sehe das gerade nicht gegeben.«

Mit den Worten bewegte sich Gabriel nah an der Grenze dessen, was man dem Stellvertreter Gottes ins Gesicht sagen durfte, ohne dafür belangt zu werden. Entsprechend fühlten sie sich an wie ein gut gezielter Schlag in den Magen, aber am Ende blieben sie wahr. Keine Entscheidung zu treffen, war die schlechteste von allen.

»Jetzt sind die beiden Menschen ohnehin nicht in unserer Reichweite«, überredete sich Metatron zu sagen. Es fühlte sich an, als würde er sowohl Luzifer als auch die Erzengel enttäuschen. »Michael, du bereitest die Attentäter vor, falls sie doch wieder auf der Erde auftauchen. Wir sollten im Rahmen unserer Möglichkeiten außerdem versuchen, an Informationen zu kommen, um zu verstehen, warum die Sache gestern Nacht überhaupt passiert ist.« Metatron schaute in die Runde und fragte sich, ob das wohl der Beschluss war, den alle hören wollten.

Michael nickte. Gut. Er traute sich noch am ehesten, Metatron zu widersprechen. »Ich sehe, was sich machen lässt«, sagte er. »Jophiel und ich arbeiten etwas aus. Ihr bekommt die Ergebnisse morgen.«

»Danke.« Metatron wollte sie jetzt schon nicht sehen und sich nicht damit beschäftigen, ebenso wenig wie mit den anderen Dingen, die heute noch auf seinem Plan standen. Er wollte ins Bett und die Sache verschlafen, wollte nicht funktionieren, konnte es nicht. Das Gefühl, dass sein Körper nicht nach ihm aussah und der Gedanke, dass ihn der ganze Himmel für männlich hielt, schrien ihm im Kopf herum, seitdem er heute Morgen in den Spiegel geschaut hatte. Er konnte sich selbst kaum zuhören.

Gabriel atmete einmal tief ein und aus, schloss kurz die Augen. »Gut«, sagte der Vorstand der Erzengel schließlich. »Mit dem Beschluss werden wir uns alle anfreunden können.« Da ihm niemand widersprach, fuhr er nach einem stillen Moment fort. »Diese Menschen werden in den nächsten Tagen sterben, und sei es durch unsere Hand. Danach sehen wir weiter.«


17

Metatron

1138 Jahre vorher

Himmel

Metatron hatte keine Ahnung, wie lange er nun schon vor Seraphiels Wohnung stand und es einfach nicht schaffte, zu klopfen. Jedes Mal, wenn er seine Hand auch nur in die Richtung der Tür bewegte, fühlte es sich an, als würde ihn jemand packen und mit Gewalt zurückhalten. Eine Stimme in seinem Hinterkopf fragte unaufhörlich, was ihm einfiele, Seraphiels Ruhe zu stören und dass es hier sowieso um Dinge ging, die er mit sich selbst ausmachen sollte.

Es war sein erster freier Nachmittag seit langem, und Metatron hatte die Gelegenheit nutzen wollen, um sich mit Gott, sich selbst und vor allem diesem bevorstehenden Schwur zu beschäftigen. Aber kaum dass er mit seinen Gedanken alleine gewesen war, hatten sie ihn mit Fragen bombardiert, bis sein Kopf gefühlt zu platzen drohte und er mit Tränen in den Augen eingeschlafen war. Zwei Stunden später stand er jetzt hier, sein Kreislauf ebenso unsicher auf den Beinen wie er selbst, und fühlte sich schrecklicher als vorher.

Metatron nahm all seine Kraft zusammen, wehrte sich gegen was auch immer ihn zurückhielt und schlug versehentlich mit viel zu großer Kraft auf die Tür ein. Hoffentlich glaubte er nur, daraufhin mehrere feine Risse im Holz zu sehen.

Ihm öffnete ein kleiner und reichlich verschlafener Engel, den niemand für die mächtigste Person im Garten halten konnte. Seine schokoladenbraunen Locken standen ihm in allen Richtungen vom Kopf ab, seine ebenso braunen Augen blinzelten verschlafen und insgesamt machte er keinen besonders aufnahmefähigen Eindruck. Dann aber strich er sich über die Haare, streckte sich und sah auf einmal wie der Würdenträger aus, der er war. Als er Metatron erblickte, begann er sanft zu lächeln.

»Tut mir leid«, sagte Metatron dennoch als Erstes. »Ich wollte dich nicht wecken. Ich kann später wiederkommen, wenn-«

»Ich wollte ohnehin aufzustehen«, winkte Seraphiel ab. »Möchtest du Tee?«

Metatron spürte sich nicken, bevor er es sich anders überlegte. »Kann ich mit dir reden?«

»Sicher. Komm herein.«

Metatron tat wie geheißen, folgte Seraphiel in die Wohnung und fragte sich wie jedes Mal, wie der Engel es hier dauerhaft aushielt. Mit Ausnahme der Fenster standen Bücherregale an jeder Wand, selbst in der Küche und im Badezimmer. Sicherlich machten sie die Räume auch gemütlicher, ließen sie aber vor allem beengt wirken.

Die restliche Einrichtung hatte einen dunklen Stil, den Metatron sonst nicht vom Himmel kannte. Vermutlich hatte Seraphiel an seiner Wohnung seit mindestens zweitausend Jahren nichts mehr geändert – da der Garten niemals leerstehen durfte, verließ Seraphiel ihn nur äußerst selten und kannte sich zwar mit der aktuellen Politik aus, nicht aber mit Kultur. Geschichten schienen das Einzige zu sein, bei dem er auf dem Laufenden bleiben wollte, denn er bat die restlichen Seraphim regelmäßig, ihm neue Bücher mitzubringen.

Wann Seraphiel Zeit zum lesen fand, blieb allerdings ein Rätsel, denn als Gottes Berater verbrachte er mehr Zeit mit ihm als sie alle zusammen, saß stundenlang in Diskussionen versunken auf der endlosen Treppe, bis er meistens mitten in der Nacht wieder im Garten auftauchte und Ergebnisse präsentierte.

Seraphiel brachte zwei Becher voller Tee aus der Küche mit und stellte sie auf einem kleinen Tisch vor dem Sofa ab. »Setz dich.«

Metatron ließ sich neben ihm nieder und starrte danach unschlüssig in seinen Tee. Allein die Entscheidung, mit jemandem reden zu wollen, hatte so viel Überwindung gekostet, dass er sich keine Gedanken über den Rest gemacht hatte.

Seraphiel griff seelenruhig nach einer Dose auf dem Tisch und fügte mehrere gehäufte Löffel Zucker zu seinem Tee hinzu, bis selbst der Geruch so süßlich war, dass Metatron freiwillig Abstand von dem Getränk nahm. »Worum geht es?«, fragte er.

›Erwartest du wirklich, dass dir jemand helfen kann?‹, erwiderten Metatrons Zweifel. ›Das ist allein dein Problem. Deine Gefühle.‹

Er seufzte leise in sich hinein. Dann traute er sich, Seraphiel ins Gesicht zu sehen und zuzulassen, dass seine aufgewühlte Gefühlswelt daraufhin gelesen wurde, als wäre sie nur ein weiteres Buch.

»Ich weiß nicht«, sagte er, irgendwo musste er ja anfangen. »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß nicht, ob ich schwören soll oder nicht. Ich weiß nicht, wer ich sein will und… wer ich bin.«

Und es wurde schlimmer, je öfter Metatron mit Gott sprach. Immer weniger wusste er, was für ein Geschlecht seine eigenen Gedanken eigentlich hatten, wie er Gott nennen sollte und was das alles bedeutete. Gleichzeitig redete ihm eine ganz besondere Form von schlechtem Gewissen ein, dass er das doch gefälligst zu wissen hatte.

Seraphiel nickte bedächtig, griff nach seinem Tee und zuckte zurück, als er den heißen Becher berührte. Unterdessen studierte er Metatron mit wachem Blick. Mit jedem Blinzeln öffneten sich mehr Augen auf seinem ganzen Körper, blieben nur einen Moment lang sichtbar und ließen Betrachter häufig mit Zweifeln an ihrem eigenen Verstand zurück. Das war Seraphiels Art zu lesen: Hauptsächlich in Gefühlen seines Gegenübers, selten in Gedanken. Zumindest behauptete er, Letzteres nicht zu tun.

Da keine schmerzhaft genaue Analyse von Metatrons Seelenleben folgte, schien Seraphiel auf den ersten Blick auch nicht schlau aus dem Chaos zu werden. »Was hält dich davon ab, dich für den Schwur zu entscheiden?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht.« Die ehrlichste Antwort, aber auch die am wenigsten hilfreiche. Bei dem aktuellen Stand hätte er gleich im Bett bleiben können, um da deutlich effizienter keine Ahnung zu haben. Metatron zwang sich, weiter zu reden. »Ich weiß nicht, ob ich dem gewachsen bin«, gab er zu. »Ich weiß nicht, ob ich die Verantwortung tragen und Gottes Ansprüchen gerecht werden kann.«

»Verstehe.« Als wohl einzige Person auf der Welt log einen Seraphiel mit diesen Worten nicht an. »Aber ich bin mir sicher, dass Gott weiß, was er tut. Er würde dir diesen Titel und diese Aufgaben nicht anbieten, wenn er nicht wüsste, dass du mit ihnen zurechtkommst. Er setzt sein Vertrauen in dich.«

›Er setzt sein Vertrauen in mich‹, dachte Metatron. Der Satz fühlte sich auf so vielen Ebenen falsch an, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. ›Er… Das ist nicht richtig, nicht so. Gott ist nicht männlich für mich.‹

Seraphiels Augen blinzelten. Er bekam die anhaltende Verwirrung wohl mit. »Aber abgesehen davon hast du dich dein Leben lang auf den Schwur vorbereitet. Und ich kenne dich Metatron, ich weiß, was du kannst. Vertrau dir ruhig selbst.«

»Also denkst du, dass ich schwören soll?«

Seraphiel gab lange keine Antwort. Er saß regungslos auf dem Sofa, schaute zu Boden und schien ernsthaft überlegen zu müssen, bis ihm etwas einfiel. Schließlich seufzte er und gab Metatron damit noch mehr das Gefühl, ihm auf die Nerven zu gehen.

»Du dienst Gott bereits jetzt schon«, erklärte der ältere Seraph. »Wenn du volljährig wirst, dann wirst du das auch offiziell tun, und in dem Sinne ist der Schwur nichts weiter als eine Formsache. Das Einzige, was sich ändert, ist dein Titel und deine Wirkung auf den Himmel. Alle Engel hätten dann eine Verbindung zu Gott und die Sicherheit, dass die Seraphim nach seinem Willen handeln. Es hätte seine Vorteile.«

›Ich sollte schwören‹, dachte Metatron und fühlte sich schlecht, weil er sich deswegen schlecht fühlte. Er sollte es als eine Ehre betrachten, und Seraphiel fand das offensichtlich auch, das machte er gerade mehr als deutlich. Aber wenn er auch nur einen Moment lang aufhörte, sich das einreden zu wollen, dann blieb nur noch der zusehends verzweifelte Wunsch, jemand anders möge die Wahl für ihn treffen.

»Was denkt Sandalphon?«

Seines Wissens nach hatte sein Bruder sich schon entschieden, als Gott noch nicht ganz fertig gewesen war, ihnen den Sachverhalt zu erklären. »Wir sprechen nicht darüber.«

Seraphiel hob eine Augenbraue. »Nicht?«

»Wir haben alles Wichtige diskutiert.« Metatron schwieg kurz. Gerade würde das nur ein weiteres Fass aufmachen, mit dessen Inhalt er sich nicht auseinandersetzen wollte. »Am Ende ist es unsere persönliche Entscheidung.«

»Das ist richtig, aber es geht euch ja beide an.«

Es war nicht so, als hätten sie es nicht versucht. Aber schon nach kurzer Zeit regte sich Sandalphon auf und behauptete, Gottes Konditionen würden sie mehr zu Dienern als zu Herrschern machen. Metatron hatte geschwiegen und seinen Bruder reden lassen, konnte die Argumente auf der einen Seite zwar nachvollziehen, doch auf der anderen Seite schien es doch seine Pflicht zu sein, diesen Schwur zu leisten. Deswegen war er geschaffen geworden.

Seraphiel schaute ihn unterdessen prüfend aus zu vielen Augen an. »Dich beschäftigt mehr als nur der Schwur an sich, richtig?«

›Ja, natürlich, aber wie soll ich das erklären? Wie soll ich dir verständlich machen, dass ich nicht weiß, wer ich bin, weil ich nicht weiß, wer Gott für mich ist? Die Frage stellt sich doch für niemanden.‹ Noch weigerte sich Metatron, sich selbst als kaputt zu bezeichnen, aber langsam gingen ihm die Gegenargumente dafür aus. In diesem Moment fühlte sich alles an ihm grundlegend falsch an.

Er schüttelte den Kopf und schluckte den ganzen Wust zusammen mit seinem Tee herunter. Vielleicht ein anderes Mal, wenn er mehr wusste. »Es ist nur so eine wichtige Sache und ich will sie richtig machen.«

Ob Seraphiel ihm glaubte, blieb fraglich, aber immerhin schien er die Antwort zu akzeptieren. »Du kannst wiederkommen und mit mir reden, wenn du willst«, sagte er. »Dafür nehme ich mir die Zeit. Ich will, dass du dich guten Gewissens entscheiden kannst.«

Es kostete Metatron alle Beherrschung, um nicht zu laut lachen. Ihm war längst bewusst, dass das nie im Leben so einfach werden würde. Immerhin konnte er sich jetzt noch einreden, dass der Schwur über ein Jahr weit weg war und ihm noch reichlich Zeit blieb. Noch bestand die Chance, dass sich alle Probleme von alleine lösten.

›Ich will nur wissen, wer ich sein soll‹, dachte er. ›Wie kann das zu viel verlangt sein?‹

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