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Sandra Schwartz
Sieh mich jetzt

Lindhardt & Ringhof

Die Schmetterlingsreihe ist für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren konzipiert. Thema, Sprache und Gefühle sind genau den Leserinnen der Zielgruppe angepasst. Außerdem wird Wert auf die Qualität bei der Auswahl der Geschichten für die Serie gelegt. Da die Zielgruppe der Serie verhältnismäßig groß ist, sind die Titel auf zwei Gruppen verteilt. Ein Schmetterling markiert, dass es sich um einen Titel handelt, der sich an die jüngere Zielgruppe wendet (9-11 Jahre), und zwei Schmetterlinge markieren, dass sich der Titel an den älteren Teil der Zielgruppe wendet (12-14 Jahre).

Kapitel 1

„Du siehst furchtbar aus, weißt du das?“ sagt Maja, direkt als ich die Kopfhörer meines iPod Shuffle rausnehme. Ich habe Duffy den ganzen Weg zur Schule gehört und bin gerade an meinem Platz im Klassenzimmer angekommen. Es ist Montag, aber ich wünschte, es wäre Freitag. Freitag, wenn Maja und ich es uns einfach gemütlich machen und reden. Reden … hm … das könnte ich jetzt gut gebrauchen.

„Mmh,“ seufze ich und verziehe das Gesicht, lasse meine Tasche auf den Boden fallen und setze mich auf den Stuhl. Hole mein pinkes Mäppchen aus der Tasche und lege mich dann mit dem Kopf auf meinem Arm auf den Tisch. Sehe Maja an. Sie zwinkert mir zu, ihre moosgrünen Augen funkeln und die Sommersprossen tanzen mit ihren Grübchen um die Wette. Wir sind gleich alt. Es liegen nur wenige Monate zwischen uns, trotzdem schätzen sie die Leute immer auf 15 und mich auf genau 14. Das ist SO nervig, denn es ist ein himmelweiter Unterschied, 14 oder 15 Jahre zu sein.

„Was ist passiert, Bella? Hattest du heute Nacht ein Date mit Edward?“ Sie kichert und mein Magen zieht sich zusammen. Sie ist hübsch, voller Leben und Energie und endloser Tage.

„Ne, ich habe einfach nicht so gut geschlafen“, antworte ich und versuche zu lächeln. Die Wahrheit ist, dass ich heute Nacht fast kein Auge zugemacht habe. Genauso wie letzte Nacht, die Nacht davor und die Nacht davor.

Krankenhäuser sind nicht schlaffreundlich. Dort ist es nie richtig ruhig. Licht, Geräusche und Gerüche drängen sich konstant auf. Aber das Putzige ist, dass, wenn man lange genug dort ist, man sich daran gewöhnt. Und das Piepen, das Blinken, und das Kratzen in der Nase werden zu einem Teil der Nacht. Zu Hause lärmt die Stille. Zwingt mein Gehirn zu Denküberstunden. Mads. Maja. Mads. Maja. Mads. Maja. Als ob es einen Sprung bekommen hat und dasselbe wieder und wieder spielt. Nonstop.

Maja bemerkt zum Glück nichts. Sie stupst mich nur an und grinst. Wir sind fast jeden Tag zusammen. Am Wochenende und werktags. Also sind sechs Tage, ohne einander zu sehen, viel. Ich verziehe meinen Mund zu etwas, das hoffentlich wie ein Lächeln aussieht, aber es fühlt sich nicht so an.

Ich hole Luft, will gerade was sagen, aber da landet ein Papierkügelchen auf unserem Tisch genau vor Maja. Sie nimmt es sofort, schielt zum Nachbartisch, von wo Katrine sie ansieht. Schöne Katrine, die stinkreiche Eltern hat und ständig mit Mädchen aus der 9. rumhängt. Oder Eisprinzessin, wie Maja sie gerne nennt. Wir sind normalerweise Luft für sie.

Maja dreht mir den Rücken zu. Ich starre genau in ihr mahagonibraunes Haar und weiß nur, dass sie lächelt. Sie dreht sich um und dort ist es. Das Lächeln. Eifrig und erwartungsvoll. Sie kichert und faltet die Kugel auseinander, glättet das Papier mit den Händen und legt es zwischen uns wie einen Schatz. Es kribbelt mir in den Fingern, das Papier wieder zusammen zu knüllen und es weit, weit weg zu werfen. Stattdessen lehne ich mich vor.

Wieder tanzen im Klub am Freitag? K steht da schnell hin gekritzelt.

Ein Wort ätzt sich in meine Netzhaut, wächst, bis es das Einzige ist, was ich sehe. Wieder. Ein Gefühl der Panik drängt sich auf. Wieder? Was bedeutet das?

Aus dem Augenwinkel sehe ich Maja Katrine zunicken. Mein Magen krampft sich zusammen und bildet einen harten Knoten genau hinter dem Nabel. Ich blinzele fieberhaft und täusche einen Hustenanfall vor, so dass ich das Gesicht im Arm vergraben kann.

Ist Maja im Klub gewesen? Ohne mich, aber zusammen mit Katrine. Katrine, bei der wir uns immer einig waren, sie zu hassen. Mit der wir, wie wir uns geschworen hatten, nie befreundet sein wollten. Ich presse die Augen so fest zu, dass Lichtpunkte hinter meinen Augenlidern tanzen.

Maja legt eine Hand auf meinen Arm, fragt, ob ich krank werde und umschließt mich mit ihrem besonderen besorgtebeste-Freundin-Blick.

Ich schüttele den Kopf, aber es fällt mir schwer, ihr in die Augen zu sehen.

„Ey, untersteh dich, krank zu werden! Schließlich wollen wir in den Klub. Ich muss dir SO viel erzählen …“. Sie lehnt sich an mich und flüstert: „… Ein Typ aus der 10. von der Aavangen-Schule hat im Klub angefangen. Er tanzt verdammt gut und deshalb hat ihn der Klub gebeten, anderen ein paar seiner Moves beizubringen. Er ist einfach so heiß! Katrine ist vollkommen in ihn verknallt …“. Mehr kann sie nicht sagen, bevor die Tür zum Klassenzimmer auffliegt.

Mathematik-Mette1 wirbelt in den gewohnt wallenden Gewändern ins Klassenzimmer. Sie legt bereits los, bevor sie das Lehrerpult erreicht hat. „Öffnet eure Hefte. Wir beginnen damit, die Aufgaben, die ihr fürs letzte Mal auf hattet, durchzugehen.“

Allgemeines Seufzen. Es ist jeden Montagmorgen das Gleiche. Hier gibt es keinen Smalltalk oder sanfte Einleitungen. Es ist unverblümt. Ich liebe das, liebe es, mich von der Magie der Zahlen verschlingen zu lassen und zu wissen, dass es nur eine richtige Antwort gibt. Jetzt sind da nur Zahlen, die vor meinem Blick hüpfen und tanzen und die sich weigern, sich fangen zu lassen, jedes Mal, wenn ich mich dransetze, eine Aufgabe zu lösen.

„Jemand, den es drängt etwas zu beichten, bevor wir anfangen?“ Mette schickt ihren Falkenblick über die Klasse.

Ich senke meine Augen, fummele an meinem Mäppchen rum, sehe hoch, sehe runter und wieder hoch.

„Niemand? Gut, dann fangen wir an. Wer will mit der ersten Aufgabe an die Tafel?“

Ich starre steif in meine Kladde. Leere Kästchen starren zurück. Ich hoffe, ich komme davon.

„Eva, wie wär’s mit dir? Es ist bestimmt lange her, dass du dran warst.“ Ich kann das Lächeln in ihrer Stimme hören. Ich bin ja auch ihre Lieblingsschülerin, die, mit der sie immer rechnen kann, ihre Sachen gemacht zu haben.

Ich sehe auf und treffe ihren Blick. Öffne den Mund, um zu sagen, dass ich die Aufgabe nicht gemacht habe. Sie nickt und hält mir ein Stück Kreide entgegen. Die Worte stecken fest.

„Hier“, flüstert Maja und schiebt mir ihre Kladde unter den linken Arm. Ohne ein Wort greife ich sie, ignoriere Mathematik-Mettes hervorgestreckte Hand und gehe zum Pult. Meine Handflächen sind feucht, so dass das Papier an meiner Haut festklebt. Ich lasse meine Augen über das Stück laufen, präge mir die Zahlen ein, während ich am Tafelende nach einem Stück Kreide taste. Das kleine Stück fühlt sich zwischen meinen Fingern fettig und gleichzeitig trocken an und als es die Tafel trifft, bereue ich es. Denn obwohl ich die Aufgabe nicht selber gelöst habe, kann ich sehen, dass da Fehler drin sind. Ich schreibe die Zahlen, eine nach der anderen. Die Kreide kratzt sich ihren Weg über die Tafel und ich merke, wie Mette mich prüfend ansieht.

Ich lege die Kladde auf das Lehrerpult, als ich fertig bin. Mette sieht mich mit gerunzelter Stirn an. Hat sie mich durchschaut? Ist sie von mir enttäuscht? Ich atme erleichtert auf, als sie sich zur Klasse dreht. Sie sagt etwas, aber ich weiß nicht, was. Draußen fällt der Schnee und hüllt alles ein. Erinnere mich an Mads, eingepackt in grelles Weiß.

Kurz darauf setze ich mich wieder und die Stunde geht weiter. Jetzt ist Iben an der Reihe, gegrillt zu werden. Mette redet und redet. Mit einem schwarzen Kugelschreiber fange ich an, Kästchen auszumalen, noch eins und noch eins und noch eins.

Als die Stunde vorbei ist, kommt Mette zu mir und legt etwas auf den Tisch. Es ist die Kladde, mit der Rechenaufgabe und die rote Schrift auf der Vorderseite schreit mir entgegen.

Maja Borgvang 8.A steht dort.

Sie sagt nichts, steht nur eine Sekunde oder zwei mit der Hand auf dem Heft und sieht mich an. Dann geht sie.

Ich starre runter in mein eigenes Heft, lasse mein langes Haar wie eine Gardine vor mein Gesicht und meine brennenden Wangen fallen. Die Seite ähnelt einem Schachbrett und ich bin schachmatt.

Kim zieht mich auf dem Gang direkt nach der Frühstückspause an die Seite. Ich weiß genau, dass er das machen muss. Er ist schließlich mein Klassenlehrer und Mette hat ganz bestimmt was gesagt. Aber ich wünschte, er ließe es bleiben. Wir haben ihn erst in der 8. Klasse bekommen und er kennt mich nicht.

Anton und Muhammed kommen schlendernd als letzte und gucken mich auf dem Weg in die Klasse lange an. Sie haben im Hof Fußball gespielt und haben rote Frostblumen auf den Wangen.

„Wie geht es zu Hause?“, unterbricht Kim meine Gedanken und versucht meinen Blick zu fangen. Ich kratze an meinem Nagellack. Glitzer und Gold blättern in Lagen erst von meinem Daumen, dann von meinem Zeigefinger ab. Ich habe ihn letztes Jahr von Mama bekommen. Wir waren in der Stadt, nur wir zwei, in Geschäften und im Café. Es ist fast nichts mehr davon übrig.

„Es geht gut“, antworte ich und starre auf einen Fleck an der Wand über seiner linken Schulter. Ich schlucke.

„Okay“, Kim zögert.

Ich reiße meinen Blick von der Wand los und schaue ihn an. Er bewegt sich ein wenig unruhig hin und her, und sieht gleichzeitig erleichtert und skeptisch aus. Er öffnet und schließt den Mund, so als ob er sich nicht recht entscheiden kann, ob er mehr sagen soll. Ich habe fast Mitleid mit ihm.

„Okay“, sagt er dann. „Aber komm ruhig, wenn du mit jemandem reden möchtest. Es nützt nichts, etwas nicht loszuwerden.“

Er legt kurz eine Hand auf meine Schulter. Sie ist warm und schwer und brennt sich durch den Stoff durch. Ich muss mich konzentrieren, um sie nicht abzuschütteln.

Ich nicke nur.

„Was wollte Kim?“, fragt Maja, als ich mich neben sie setze und Kim das Lehrerpult außer Hörweite erreicht hat. Sie versucht, beiläufig zu klingen. Es wundert mich nicht, dass sie uns auf dem Gang gesehen hat. Sie hat einen siebten Sinn, wenn es um Kim geht. Er sieht gut aus, findet sie. Ich kann das an der Art und Weise sehen, wie sie ihre Lippen befeuchtet und ihr Haar in Ordnung bringt, jedes Mal, wenn er in der Nähe ist, oder sie etwas fragt. Manchmal wäre ich auch gerne verliebt, spürte dieses kribbelnde Gefühl im Zwerchfell.

„Nur wissen, wie es mir geht und so …“, ich zucke mit den Schultern, „… zu Hause.“

Sie blinzelt ein paar Mal mit den Augen.

„Aber alles ist in Ordnung, oder?“ Majas Gesicht legt sich in mitfühlende Falten. „Ihr habt doch jetzt herausgefunden, was ihm fehlt? Und er wird ja jetzt behandelt, oder …?“

„Ja … ja, das wird er …“, murmele ich und weiß eigentlich nicht, warum ich es nicht sage. Ich möchte ihr ja gerne erzählen, dass nicht alles okay ist. Alles andere als okay. Mein Frühstück rumort in meinem Magen herum und droht, wieder hoch zu kommen.

Sie sieht mich an. Abwartend, als ob sie ahnt, dass da vielleicht mehr ist. Ich suche nach Worten, aber sie klumpen sich in meiner Kehle zusammen und es ist unmöglich, sie herauszubringen. Zumindest, wenn sie einen Sinn ergeben sollen. Denn, wie sagt man, dass selbst, wenn Papa lächelt und Witze macht, Mama weint? Dass selbst, wenn wir alle zusammen sind, ich mich alleine fühle?

Majas Gesicht wechselt wieder den Ausdruck.

„Nein, wie süß. Dann wollte er dich nur abchecken“, flüstert sie und wirft einen langen Blick zur Tafel, wo Kim jetzt steht und kritzelt.

„Mmh“, antworte ich und zucke wieder mit den Schultern.

Sie lehnt sich ganz an mich. Ihr Haar ist immer noch feucht vom Sport. Der Pfirsichduft ihres Lieblingsshampoos füllt meine Nase. Sie starrt mich an, aber ohne mich zu sehen, ganz weit weg in ihren Gedanken. Ihre Lippen sind geöffnet und ihre Nasenflügel vibrieren leicht.

„Es sah aus, als hätte er dich berührt. Hat er? Er ist ja SO süß.“

Die Worte bringen mich in die Wirklichkeit zurück. Bei ihr klingt das so intim, so wichtig. Aus dem Nichts heraus überkommt mich Zorn. Er durchzuckt mich.

„Ganz ehrlich“, knurre ich. „Es ist total daneben, in einen Lehrer verknallt zu sein. Ich meine, er ist Lehrer, come on!“

Ich wünschte, ich könnte sie zurück nehmen. Die Worte. Aber es ist zu spät. Sie haben bereits ihren eigenen Willen bekommen. Maja starrt mich mit großen Augen an. Sie sieht aus, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was sie gemacht hat. Dann werden die Augen zu Schlitzen und der Mund zieht sich zu einem schmalen Strich zusammen.

„Was bist du gemein!“, faucht sie und zieht sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück, während sie sich in der Klasse umsieht, um sich zu vergewissern, dass mich niemand gehört hat. Ich bin unentschlossen. Möchte gerne etwas sagen, das es wieder gut machen kann. Aber dann sehe ich Katrine, die neugierig zu unserem Tisch rüber sieht. Der Zorn flammt wieder auf und ich ertrage das einfach nicht.

Kapitel 2

Es klingelt. Endlich ist die letzte Stunde vorbei. Der Tag schleppte sich dahin. Ich wende mich zu Maja. Sie sieht mich nicht an, sondern ist dabei ihre Tasche zu packen. Wir haben nicht mehr geredet, seit meinem Ausbruch von vorhin. Ich konnte mich irgendwie nicht zusammenreißen, um mich zu entschuldigen. Aber jetzt möchte ich es.

„Maja, du …“, beginne ich.

Sie hört kurz auf, ihre Tasche zu packen und sieht mich an.

Ich nehme einen Anlauf, um fortzusetzen, aber eine Stimme unterbricht mich.

Katrine. „Maja? Kommst du mal rüber?“

Maja sieht von mir zu Katrine und wieder zurück. „Wolltest du etwas sagen?“

„Vergiss es“, sage ich und schleudere die letzten Sachen in die Taschen. Ich stehe auf und gehe schnell aus der Klasse.

Es schneit immer noch, jetzt ziemlich stark und es ist windig. Ich schnüre die Kapuze meiner Skijacke fest um mein Gesicht, ziehe die Arme aus den Ärmeln und lege sie um meinen Körper. Trotzdem beißt mir die Kälte ins Gesicht und bohrt sich wie Eisnadeln in meine Haut.

Ich kneife die Augen zusammen und beuge den Kopf. Erhöhe das Tempo. Es ist unmöglich, was zu sehen. Alles ist ein weißes Wirrwarr. Als ich ans Ende des Weges komme, muss ich eigentlich nach links, um nach Hause zu kommen. Einen Augenblick zögere ich, aber dann gehe ich stattdessen nach rechts. Habe keine Lust, jetzt nach Hause zu gehen. Es fühlt sich sicher an, hier zu gehen, vollständig in weiß eingepackt. Wie Mads im Krankenhaus in dem viel zu großen Bett mit dem viel zu weißen Bezug und dem viel zu scharfen Geruch von irgendwas Starkem. Ich habe im Krankenhaus nur zwei der vielen Male gewohnt, als Mads eingeliefert war. Das erste Mal, weil die Ärzte gesagt haben, es sei gut für die Familie, zusammen zu sein. Das zweite Mal, weil Papa auf Geschäftsreise war und Oma mit dem Strickklub auf Gran Canaria, und niemand da war, um am Wochenende bei mir zu sein. Ich verstehe nicht, warum ich nicht einfach alleine zu Hause bleiben konnte. Ich bin kein Baby mehr und Mama wäre nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt.

Aber nein, davon wollte sie nichts hören. So musste sie sich um uns beide kümmern, Mads und mich. Wenn ich nur zu Hause geblieben wäre, wäre Maja nie mit Katrine tanzen gegangen. Wenn nur …

Meine Gedanken stoppen plötzlich. Eine dunkle Gestalt taucht an meiner rechten Seite auf und ist dabei zu überholen. Im selben Moment rutsche ich im Matsch aus und ramme die Person, die auf die Fahrbahn stolpert. Der Stoß bringt mich dazu, auf ein Stück Fleisch in meiner linken Wange zu beißen und ein scharfer Schmerz pocht im ganzen Mund. Ich keuche und geschmolzener Schnee mischt sich mit dem Geschmack von Metall auf meiner Zunge, während ich darum kämpfe, das Gleichgewicht wiederzufinden. Das ist unmöglich mit meinen Armen in der Jacke. Ich fummle unter der Jacke, um die Ärmel zu finden. Aber das bringt mich nur dazu, noch mehr den Halt zu verlieren und ich rempele die Gestalt, die jetzt hinter mir auf den Gehweg gegangen ist, wieder an.

Ein paar Hände schubsen mich weg und eine Stimme sagt schroff:

„Hey, was verdammt noch mal machst du?“

Ich stolpere vornüber und bin nun vollkommen aus dem Gleichgewicht. Der Boden ist uneben und glatt, und mein eines Bein rutscht unter mir weg. Der Schnee knirscht, als ich lande. Ich blinzele zu einem Himmel aus wirbelnden Schneeflocken hoch. Mein Puls rast und mein Herz hämmert in meinem Innenohr, so dass alle anderen Geräusche untergehen. Über mir türmt sich der Umriss einer Person auf.

„Und was verdammt noch mal machst DU?“ kreische ich und zucke zusammen, total schockiert darüber, wie panisch ich klinge.

Die Person beugt sich über mich und schirmt mich vor dem Schnee ab. Es ist ein Typ mit einem schmalen, fast femininen Gesicht. Er sieht wütend aus. Und hübsch. Seine schwarzen Augen blitzen auf mich runter. Wie ein zorniger Engel mit Flammenaugen.

Er murmelt etwas, aber ich kann nicht richtig hören, was er sagt. Etwas mit nur ein Mädchen. Ich sehe, wie sich die Zornesfalten in seinem Gesicht glätten. Nur die Furche zwischen seinen Augenbrauen bleibt. Eine Hand streckt sich nach unten und greift nach meinem Arm. Sie legt sich um den Stoff ohne Inhalt. Seine Augen werden größer und die Lippen öffnen sich vor Überraschung zu einem stummen O.

Er lässt los, folgt dem Umriss meiner Schultern bis er meine Arme unter der Jacke zu fassen bekommt und zieht mich hoch, bis ich stehe. Zieht mich ganz eng an sich, damit ich das Gleichgewicht wiederfinden kann. Ich reiche ihm nur bis zum Kinn, ich schaue auf und einen kurzen Moment sehen wir einander in die Augen. Ich kann seinen warmen Atem auf meiner Stirn fühlen.

„Du solltest dich besser vorsehen, wenn du gehst“, schimpft er, aber seine Augen lächeln.

Verwirrt reiße ich mich aus seinem Griff los und trete ein paar Schritte zurück. „Sprich für dich selbst, Kollege“, fauche ich und bekomme nun endlich meine Arme wieder in die Ärmel.

„Meinst du?“, fragt er. „Ich hab mich schön an meine Seite des Gehwegs gehalten. Hab gedacht, du hältst dich an deine.“

Er schüttelt leicht den Kopf, bevor er fortfährt: „Und ganz ehrlich, mit der Kapuze und der Jacke, da habe ich gedacht, dass du irgendein Typ wärst, der auf mich losgehen wollte.“ Er grinst und sieht mich an. Zögert und rückt dann näher, so dass er wieder den Schnee abschirmt.

„Bist du okay?“

Ich antworte nicht. Kann nicht. Er hat keine schwarzen Augen, sehe ich jetzt, sondern braune. Hellbraune, wie trockene Humuserde an einem Sommertag. Schöne Augen. Erschrecken und Verwirrung flattern in mir los, wie eine Grotte voller Fledermäuse.

„Hey, bist du okay?“ Die Sorge in seiner Stimme bahnt sich ihren Weg zu mir.

„Ja, natürlich bin ich okay. Wovon redest du?“, knurre ich und beginne den Schnee mit wütenden Bewegungen von meinen Sachen zu bürsten.

„Bist du sicher, dass du dir nicht wehgetan hast?“, fragt er wieder.

Ich sehe zu ihm hoch. „Ja, verdammt nochmal, ich bin sicher. Was ist los mit dir?“

Er schüttelt den Kopf und mustert mich mit einem verwunderten Ausdruck.

„Warum weinst du dann?“, fragt er und sein Atem fühlt sich warm an meinen Wangen an.

Mir wird klar, dass er Recht hat. Ich weine. Tränen bilden warme Spuren die Wangen herunter. Mit einem Ruck ziehe ich meinen Kopf zurück. „Entspann dich, ich weine doch nicht. Hast du überhaupt mitbekommen, dass es schneit?“

Ich versuche Stahl in meine Stimme zu legen, aber sie zittert und bekommt Risse in ihrer Härte.

Er sieht mich verwirrt an. Eine oder zwei Sekunden sieht er aus, als ob er mir widersprechen wollte, aber dann zuckt er nur mit den Schultern. „Okay.“

Ich öffne den Mund und will etwas sagen. Irgendwas.

Aber dann geht er einen Schritt zurück und schaut den Gehweg entlang. „Na, aber ähm … dann gehe ich weiter. Pass gut auf, dass du nicht noch andere auf deinem Weg niedermähst.“

Und bevor ich überhaupt denken oder reagieren kann, macht er sich mit schnellen Schritten auf den Weg.

Ich sollte umkehren und nach Hause gehen, aber stattdessen gehe ich weiter. Lärm und Leben von der Straße drängen sich mir auf. Autos, die mit Scheibenwischern in festgelegten Bahnen über die Scheibe, vorbeifahren. Ein paar Fahrradfahrer, die im Schneckentempo in schmalen Reifenspuren auf dem Fahrradweg dahin schleichen. Ich bemerke, dass ich am Einkaufscenter bin und ich friere so sehr, dass ich meine Zehen nicht mehr spüre.

Ich gehe schnell zur Drehtür, die sich mit einem lauten Brummen in Bewegung setzt, als ich mich nähere. Drinnen im Center schlägt mir warme Luft wie ein riesiger Haartrockner entgegen. Meine Finger sind noch starr von der Kälte, als ich meine Kapuze aufbinde und die Jacke ausziehe. Ich weiß nicht, was ich hier mache und bleibe stehen, bis mich eine verärgerte Frau anrempelt, weil ich im Weg stehe. Ich setze mich auf eine Bank genau vor FONA. Sehe mir alle an, die vorbei gehen. Es wimmelt vor Menschen, vor allem ältere und jüngere, aber auch Väter und Mütter mit Kindern, obwohl es früh am Nachmittag ist.

Eine Gruppe Jungs nähert sich. Sie halten bei FONA an, stehen mit dem Rücken zu mir und gucken sich den Filmtrailer irgendeines Actionfilms an, der im Schaufenster läuft. Es liegt eine Rastlosigkeit über ihnen, die sie dazu bringt, die ganze Zeit in Bewegung zu sein, obwohl sie stehengeblieben sind. Besonders der eine fängt meinen Blick. Er ist groß und schlank und hat einen schönen, dunklen Teint. Da ist irgendwas an ihm, das mich anzieht. Dann macht es klick. Es ist der Typ von vorhin. Der Typ im Schnee mit den Flammenaugen. Ich bin ganz sicher. Er stellt sich ein wenig von den anderen weg und holt einen Hackysack in blau, gelb und grün aus seiner Tasche. Er steht seitlich zu mir und ich hoffe, dass er sich bald umdreht, damit ich sein Gesicht sehen kann. Aber das macht er nicht. Stattdessen folge ich dem kleinen Ball, der rhythmisch von Knie zu Knie hüpft, vom Knie zur Außenseite des Fußes, von der Außenseite zur Innenseite und wieder zurück. Er hat etwas Katzenhaftes an sich. Er ist entspannt, aber trotzdem ist da völlige Präzision in all seinen Bewegungen. Er ist so vertieft, dass er einen kleinen Knirps mit Schnuller nicht bemerkt, der in einem Schneeanzug genau hinter ihm vorbeistolpert.

„Pass auf.“, rufe ich, als er nach hinten springt, um nicht den Hackysack zu verlieren und der Knirps kracht genau in ihn rein.

Im Nu bin ich auf den Beinen und bei dem Jungen. Er hat den Schnuller verloren und liegt mit einem Gesichtsausdruck, kurz davor loszuheulen, auf dem Boden.

„Na na, nicht weinen, ist ja nichts passiert“, murmele ich und stelle ihn auf. Der Junge sieht mich mit großen, blanken Augen an. Ich beeile mich, ihm den Schnuller zu geben, der an einer gehäkelten, blauen Kette an dem Schneeanzug hängt. Eine Sekunde später ist seine Mutter da. Sie nimmt ihn hoch und erst da fängt er an zu weinen. Sie verschwinden schnell in Richtung BR.

Ich sehe den Hackysack auf dem Boden, greife nach ihm und erreiche ihn kurz vor den braunen, schlanken Fingern, die sich stattdessen um meine schließen. Ich sehe auf und direkt in seine humusbraunen, lächelnden Augen. Es trifft mich wie ein elektrischer Schlag und alle Gedanken in meinem Kopf gefrieren. Das ist er, der Typ von vorhin.

„Du kannst gerne loslassen“, sagt er, „das ist meiner.“

Mir wird klar, dass ich den Hackysack immer noch festhalte und beeile mich loszulassen.

Er lächelt mich an und ich denke gerade, dass er mich vielleicht ohne meine Skijacke und die Kapuze nicht wiedererkannt hat, als er mit einem Grinsen sagt: „Du siehst übrigens ohne Kapuze nur halb so gefährlich aus!“

„Gefährlich!“, schnaube ich. „Ich habe mich total erschrocken!“

„Ach was, du hast mir einen Megaschock verpasst, als du in mich gekracht bist. Ich hab gedacht, mein letztes Stündlein hätte geschlagen.“

„Hör doch auf“, sage ich und sehe ihn wieder an. Ich kann nicht aufhören, ein wenig zu grinsen. „Ich bin bloß ausgerutscht.“

Er grinst mich an, entblößt zwei weiße Reihen regelmäßiger Zähne, nur unterbrochen von einem großen Zwischenraum zwischen den Schneidezähnen. Komischerweise denke ich nicht, dass es hässlich wäre, sondern dass es ihn noch hübscher macht.

„Danke für die Hilfe“, sagt er dann und sieht in die Richtung, in die die Frau und der Junge verschwunden sind.

„Ich hoffe, dass nichts passiert ist. Er klang recht unglücklich.“

„Nee, er hat sich bestimmt nur ein wenig erschreckt.“

„Du kannst gut mit Kindern umgehen,“ sagt er und klingt als ob er denkt, das wäre was besonderes.

Ich zucke die Schultern. „Ich habe zu Hause einen kleinen Bruder.“

„Ah, das habe ich mir gedacht. Ich habe mir immer Geschwister gewünscht.“

Er klingt so süß und aufrichtig, dass ich einen Kloß im Hals bekomme. „Das verstehe ich gut. Ich würde meinen kleinen Bruder gegen nichts auf der Welt tauschen.“

Ich schlucke, will jetzt absolut nicht weinen. Das wäre albern.

Stattdessen zwinge ich ein Lächeln hervor. „Es kann zwar sein, dass du nicht gut mit kleinen Kindern umgehen kannst, aber du bist echt gut mit dem Hackysack. Das ist cool.“

„Das ist nicht so schwer,“ sagt er, aber sieht stolz dabei aus.

„Was ist los, Balls?“, ruft einer der Jungs. Er hat alles gesehen.

Ohne sie anzusehen, hebt er einen Arm und zeigt ihnen den Mittelfinger.

„Balls?!“, sage ich und kichere.

Er zieht eine Grimasse. „Kranke Form von Humor, oder? Das ist wegen des Hackysacks. Ich laufe immer mit ihm in der Tasche rum.“

Ich grinse. Wir stehen da und keiner von uns weiß richtig, was er sagen soll.

Dann streckt er seine Hand nach meinem Gesicht aus, zögert Millimeter davor.

Ich ziehe den Kopf zurück.

„Du hast da Mascara. Der ist wohl nicht wasserfest, oder wie das nun heißt,“ sagt er und senkt die Hand wieder.

Meine Wangen brennen und ich drehe mich etwas weg, während ich erst unter dem einen und dann dem anderen Auge reibe. Kann fühlen, dass es überhaupt nicht hilft und dass ich den Mascara stattdessen nur noch mehr verwische.

Hier steht er und sieht total gut aus, während ich furchtbar aussehe mit verschmiertem Mascara unter den Augen.

Und er sieht mich einfach weiter an.

„Hör auf so zu starren. Das ist nicht fair, wenn ich so scheiße aussehe.“

Er lächelt mich an.

„Scheiße würde das bestimmt schlimmer machen, vielleicht siehst du eher wie eine ertrunkene Maus aus … eine müde, ertrunkene Maus?“

Ich weiß nicht, was mich dazu bringt, das zu tun. Aber ich tue es wirklich. Strecke ihm die Zunge raus, obwohl ich ihn gar nicht kenne und werfe ihm dann meinen tödlichsten Blick zu.

Er reißt die Augen in gespielter Angst auf. „Okay … eine ertrunkene, müde Killermaus!“ Er grinst, hört dann aber auf, zögert, bevor er mit einem Lächeln sagt: „Nein, im Ernst, für eine Killermaus siehst du echt süß aus.“

Ich sehe ihn überrascht an und wenn er nicht von Natur aus schon so dunkel wäre, würde ich schwören, dass er hinter seinem Lächeln rot wird.

Sofort tönen Pfiffe und Gejohle von den Jungs, mit denen er zusammen unterwegs ist.

„Landest du bei ihr?“, ruft einer.

„Komm schon, wir wollen weiter!“, ruft ein anderer.

Er sieht zu ihnen rüber, winkt und steht auf.

Ich bewege mich auch.

„Ähm, also, bis dann,“ sagt er und fährt sich mit seiner Hand durchs Haar.

„Ja,“ murmele ich. „Ja, also tschüss.“ Ich drehe mich um und gehe zu der Bank, auf der noch meine Jacke liegt.

Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er zu seinen Freunden vor FONA geht. Sie grinsen und puffen ihn an, und sehen alle zu mir rüber.

Ich schnappe meine Jacke und ziehe sie schnell an, um dann zum Ausgang zu gehen. Ich würde ihm gerne nachsehen, traue mich aber nicht. Hallo, ich weiß ja nicht, wer er ist, nicht einmal, wie er heißt.

„Hey,“ ruft eine Stimme. Das ist er.

Ich drehe mich um. Kurz darauf fliegt etwas auf mich zu. Ich fange. Es ist der Hackysack.

„Behalt ihn,“ ruft er. „Bis bald.“

Kapitel 3

Stille lärmt mir entgegen, als ich die Haustür öffne und alles schnürt sich mir innerlich zusammen. Aber dann höre ich den Fernseher und die wohlbekannten Stimmen, Lightning McQueen und Hook.

Ich streife die Stiefel ab. Hänge meine Skijacke nachlässig an den Haken, der schon übervoll an Klamotten ist. Stopfe den Hackysack in die Tasche meines Kapuzenpullis. Als ich mich in Richtung Wohnzimmer in Bewegung setze, sehe ich aus dem Augenwinkel meine Jacke auf den Boden fallen. Ich drehe mich um, um sie aufzuheben, lasse es aber. Ich muss ganz sicher sein.

Er sitzt vor dem Fernseher, viel zu nah davor mit gebeugtem Nacken und offenstehendem Mund. Mit seinem schwarzen Halstuch und den coolen Totenköpfen, dem Superman-Pyjama und seinem Bären Brun ähnelt er einer verwirrten Mischung aus Pirat, Superheld und einem, der gerade aufgestanden ist.

„Hi Madsen,“ sage ich, hocke mich hin und ziehe ihn für eine Umarmung an mich.

Er murmelt Proteste in meine Schulter und versucht, sich aus meinem Griff zu winden, damit er Fernsehen kann. Das ist verrückt, weil er den Film schon hundert Mal gesehen hat und er ihn in- und auswendig kann. Ich grinse und halte ihn fest. Es braucht nicht mehr viel und er gibt auf, und hängt schlaff in meinen Armen. Er ist warm und besteht aus lauter feinen Kanten.

Mama kommt rein und setzt sich zu uns auf den Boden. Sie bringt den Geruch von Gulasch mit sich. Selbst gemacht. Der hat bestimmt den ganzen Tag vor sich hin geköchelt. Dafür hat sie nun Zeit, da sie mit Mads zu Hause ist.

„Hi, Mama. Sollte er nicht mal was anderes als den Film sehen?“ Ich nicke zu Mads, der nichts mitbekommt.

Mama schüttelt den Kopf. Sie lächelt, sieht aber müde aus. „Habe ich versucht, aber er will nichts anderes sehen … und wenn es ihm eine Freude macht, dann …“ Mama spricht nicht weiter, zuckt nur die Schultern.

„Hattest du einen schönen Tag?“, fragt sie, während sie eine Hand auf Mads Stirn legt, um zu prüfen, ob er Fieber hat.

„Mmh,“ sage ich und weiche ihrem Blick aus. Stecke eine Hand in die Tasche und streiche über die flache Oberfläche des Hackysacks und die kleinen Körner darunter.

Ich habe Lust, Maja anzurufen, aber sie hat nicht auf die SMS geantwortet, die ich ihr auf dem Heimweg vom Center geschickt habe. Durch die Fensterfront im Wohnzimmer kann ich sehen, dass sie zu Hause ist. Es ist Licht in ihrem Zimmer auf der anderen Seite der Hecke.

Wir waren schon immer Freundinnen, länger als ich mich erinnern kann. Unsere Eltern sind auch Freunde. Wenn wir alle zusammen sind, tischen Majas Mutter und Vater im Laufe des Abends immer die Geschichte auf, wie wir Freundinnen wurden. Das misslingt nie. Ich habe die Geschichte so oft gehört, dass ich das ganze vor mir sehen kann, obwohl ich erst drei Jahre alt war.

Es war Sommer, warm und ich war nackt. Stand im Garten auf unserer Seite, wo damals nur die Sprösslinge der Hecke zwischen unseren Grundstücken waren. Ich starrte Maja an, ihre beiden Zwillingsgeschwister, Malene und David, und eine Menge anderer Kinder in feiner Sommerkleidung, die nur wenige Schritte von mir entfernt spielten. Majas Familie hielt ein Gartenfest. Ich erinnere mich, dass ich lange Zeit so dastand. Halb versteckt hinter unserem Apfelbaum. Irgendwann kam Majas Mutter mit Bonbons für die Kinder raus. Sie bemerkte mich und bittet Maja, mir eins anzubieten.

„Hier,“ sagte sie und streckte mir die weiße Papiertüte entgegen. Ich kam hinter unserem Baum hervor, nahm eins und steckte es in den Mund. Maja ging wieder mit der Tüte zu ihrer Mutter und kurz darauf gingen alle auf die andere Seite des Hauses. Anstelle in unserem eigenen Garten zu bleiben, folgte ich ihnen und sah, wie die Kinder und Majas Mutter ihre Plätze am aufgestellten Gartentisch fanden und sich eins nach dem anderen setzte. Ich beachtete nicht, wie sich Lachen wie ein Steppenbrand über die Gesellschaft ausbreitete, als sie mich bemerkten. Ich zögerte nur einen Augenblick, dann ging ich zu Majas Mutter und tippte ihr auf die Schulter.

Sie drehte sich um und sah mich mit einem fragenden Blick an.

„Mehr, bitte“, sagte ich und streckte die Hand aus.

Die Geschichte weckt immer gleich großen Jubel. Selbst Maja lacht und hat jedes Mal Spaß. Ich selbst finde nur, dass es peinlich ist. Peinlich, dass ich das machen konnte. Peinlich, dass mich Majas ganze Familie nackt gesehen hat, auch wenn ich bloß drei Jahre alt war. Peinlich, dass alle immer noch denken, es wäre süß. Aber ich tröste mich damit, dass ich wenigstens Maja bekommen habe. Maja-Paja, die seitdem meine beste Freundin ist.

„Du wirkst etwas traurig. Ist etwas?“, fragt Mama.

Ich schüttele den Kopf. Sie sieht aus, als ob sie noch was sagen wollte, aber nickt stattdessen nur, steht auf und geht aus dem Wohnzimmer. Etwas später kommt sie mit einem kleinen Umzugskarton unter dem Arm wieder herein.

„Hilfst du mir?“, fragt sie und reicht mir ein Bündel uralter und potthässlicher Wichtel. Ich nehme es entgegen, hänge einen Wichtel in den Fensterrahmen, einen ins Regal und einen an die Stehlampe neben dem Sofa.

Wir haben schon Dezember, aber wir sind noch nicht richtig dazu gekommen, alles zu schmücken. Sonst fangen wir recht früh mit dem Schmücken an. Dann dauert Weihnachten länger, meint Mama. Sie liebt Weihnachten. Die Stimmung, den Schmuck, die Lieder und die Gemütlichkeit. Alles. Sie versucht es auch. Wirklich. Sie hat den einen verstaubten Karton nach dem anderen hervorgeholt, vom Speicher geschleppt und abgewischt. Kartons gefüllt mit Lichterketten, Herzen und Wichteln, über Jahrzehnte gesammelt und ordentlich in Kartons gepackt, Jahr für Jahr. Die meisten stehen unberührt in einer Ecke des Wohnzimmers und setzen wieder Staub an.

Mama geht wieder in die Küche zum Essen. Ich hänge noch ein paar Wichtel auf, höre dann auf und setze mich hinter Mads auf den Boden.

Mads hat Blutkrebs, oder Leukämie, wie es in feiner Arztsprache heißt. Die Ärzte haben Monate gebraucht, um das herauszufinden. Lange Zeit kränkelte er nur. Wurde dünner und dünner und blass und bekam blaue Flecken.

Ich war oft mit beim Arzt. Langweilte mich in dem viel zu kleinen Wartezimmer mit viel zu vielen Menschen. Und jedes Mal war es dasselbe. Mads hatte bestimmt einen Virus, Mads war im Wachstumsalter, Mads fehlte nichts. Bis zu einem Tag im letzten August. Die Luft war schwül, geladen mit dem Versprechen von Donner, die Sonne eine brennende Scheibe an einem wolkenfreien Himmel. Maja und ich haben im Bikini ein Sonnenbad im Garten genommen, Mads fror in langen Hosen und Pullover. Wir neckten ihn. Fragten, ob er nicht Skiklamotten und Baumwollunterwäsche anziehen sollte. Neckten ihn damit, ein Würmchen zu sein. Bis er so wütend wurde, dass er all seine Klamotten mitten in den Garten warf. Dann stand er dort, blass und blaugefleckt und mit Rippen, die hervorguckten. Es war da, als wir sie so richtig entdeckten. Die blauen Flecken überall auf seinem Körper, deutlich in der strahlenden Sonne. Maja ging nach Hause und Mama fuhr mit Mads weg. Und am selben Abend, als Mama und Papa an die Tür zu meinem Zimmer klopften, war es, als ob der Sommer plötzlich vorbei wäre und Herbst und Dunkelheit einsetzten.

Mama kommt wieder ins Wohnzimmer und stellt die DVD auf Pause unter wilden Protesten von Mads.

„Es gibt jetzt Essen, du kannst den Rest danach sehen.“

„Was gibt es denn?“, fragt Mads.

„Gulasch.“

„Ih, das mag ich nicht.“

Mama seufzt. „Doch, das magst du, es sind Würstchen drin.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Komm einfach mit und probier es.“

Mama macht eine Bewegung mit dem Kopf Richtung Küche und ich stehe auf.

Wir gehen in die Küche und setzen uns. Mama plaudert los, während sie Essen auf die Teller tut. Erst Mads und dann mir. Mads bekommt extra Würstchen und Sauce. Ein großer Kleks Kartoffelpüree landet auf meinem Teller und nur wenig Sauce und wenige Würstchen. Ich habe Lust zu meckern und mir demonstrativ mehr zu nehmen, mache es aber nicht. Ich bin sowieso nicht so hungrig.

Ich esse in Stille. Es sind vor allem Mama und Mads, die reden. Mads hat all die Würstchen gegessen und ist nun dabei, einen Turm aus Püree und Sauce auf dem Teller zu bauen.

„Sieh Mama, das ist eine Burg.“

„Mads, hör auf mit dem Essen zu spielen,“ schimpft Mama, aber ohne richtigen Druck in der Stimme.

„Ich kann nicht mehr essen.“

„Du hast ja kaum was gegessen. Du weißt doch, dass du nicht nur alleine von Würstchen leben kannst. Wovon sollst du denn groß und stark werden? Möchtest du nicht gerne groß und stark wie Spiderman werden?“

„Spiderman ist cool,“ sage ich und Mama lächelt mich an.

Es wirkt. Mads wirft noch ein paar Bissen mehr ein und die strammen Linien in Mamas Gesicht entspannen sich.

Ich wünschte, Papa wäre hier und würde nicht bis spät abends arbeiten. Oder Maja. Maja ist lustig.

Plötzlich weiß ich, wozu ich Lust habe und das fließt aus mir raus.

„Mama, darf Maja nicht am Freitag herkommen und hier übernachten? Es gibt so ein neues Tanz-Ding im Klub am Freitagnachmittag und am Samstag könnten wir ein bisschen Weihnachten vorbereiten?“

Augenblicke von vergessenen Dezembertagen überströmen mich. Ich und Maja auf der Jagd nach Tannenzweigen und Tannenzapfen im Wald. Der Duft von Tanne und Apfelsinen mit Nelken, schief geflochtene Herzen und kilometerlange Girlanden. Ich und Maja mit gefrorenen Fingern, die bei einer Tasse brennend heißer Schokolade auftauen und mit pelzüberzogenen Zähnen von zu viel Lebkuchen. Ich und Maja wie Mariah Carey mit „All I want for Christmas“ auf voller Lautstärke, so oft, dass Papa aus dem Häuschen gerät und mitsingt. Ich und Maja, wie wir im Bett liegen, flüstern und kichern, und die Nacht in die Flucht schlagen.

„Schatz … Wir sind doch gerade erst nach Hause gekommen, und Mads …“, sagt Mama und hält inne. Ich halte die Luft an.

„Ach Mama, darf sie bitte?“

Es dauert etwas, bis sie antwortet.

„Dann meinetwegen, es wird deshalb schon nichts passieren,“ sagt sie und ihr Lächeln erreicht fast ihre Augen.

„Jippie“, kreische ich und springe auf. Ich ziehe Mads mit ins Wohnzimmer, schalte wieder Lightning McQueen an und hüpfe rund, während ich Geräusche wie ein Rennauto mache, bis er fast vor Lachen platzt. Wir toben und albern herum. Ich bin Hook und er ist Lightning. Mama grinst und klatscht. Einen Moment lang ist alles einfach, aber dann bricht Mads in einem Hustenanfall zusammen, der klingt, als würde er ihm den Atem nehmen. Mama lacht nicht mehr und Sekunden später bin ich alleine im Autoland.

Erst, als ich in meinem Bett liege und längst schlafen sollte, trifft eine Nachricht von Maja ein.

Schläfst du?

Etwas anderes steht da nicht. Nicht einmal drück dich oder so. Gedanken wimmeln in meinem Kopf umher. Das Display wird dunkel, aber die SMS ist noch auf meiner Netzhaut. Ich nage an meiner Lippe. Eine Gewohnheit, die ich habe, wenn ich nachdenke.

Ob sie immer noch sauer auf mich ist? Natürlich ist sie das, so eine Scheißfreundin, wie ich bin.

Ob sie mir verzeiht? Das hoffe ich. Wirklich. Bitte, verzeih mir.

Meine Unterlippe ist dabei wund zu werden, aber ich zupfe weiter. Bekomme einen Fetzen an meiner Unterlippe gelöst, ziehe daran und krümme mich, als eine Wunde entsteht.

Was, wenn sie mir nicht verzeiht? Was, wenn sie genug hat? Was, wenn sie denkt, wir sollten keine Freundinnen mehr sein?

Nein, schreibe ich, zögere einen Augenblick, bevor ich auf senden drücke. Ich sauge an meiner Unterlippe. Sie schmeckt nach Blut.

Sie muss das Handy in der Hand haben, denn sie antwortet sofort.

Kann ich anrufen?

'türlich.

Eine lächelnde Maja strahlt im Dunkeln auf dem Display. Ich hebe das Handy ans Ohr und setze mich auf. Die Wand ist kalt an meinem Rücken und mein Magen fühlt sich hohl an.

„Hi du,“ flüstere ich und beeile mich fortzusetzen, bevor sie was sagen kann. „Es tut mir wirklich leid, was ich gesagt habe. Ich …“ Ich lasse es, zu versuchen es zu erklären. „Es tut mir wirklich, wirklich leid.“

Stille am anderen Ende.

„Du warst total gemein“, sagt sie dann und ihre verletzte Stimme schneidet sich in mich ein. Sie zögert. „Ich verstehe es nur nicht, du warst so seltsam die letzte Zeit.“

„Ich weiß, ich bin eine furchtbare Freundin. Aber bitte, bitte, sei nicht sauer auf mich. Mir ging es echt schlecht den ganzen Tag. Ich mache alles, was du willst“, plappere ich. „Hast du Lust am Wochenende hier zu schlafen, von Freitag bis Samstag? … Hab Mama gefragt und es ist in Ordnung … Dann können wir uns zusammen für den Klub fertig machen … Ich verspreche, dich den ganzen Tag zu verwöhnen. Werde dir sogar eine Fußmassage geben und deine Zehennägel lackieren …“ Ich atme ganz tief ein. Warte.

Maja kichert und Erleichterung durchflutet mich. Ich seufze und lege mich wieder in die weiche Tiefe des Bettes zurück.

„Du! Du willst meine Füße massieren und meine Zehennägel lackieren …?“, kichert sie und klingt tief ironisch.

Ich lächele. Maja weiß sehr gut, dass ich eine Fußphobie habe. Egal wie klein und fein, sauber und lackiert, sie sind einfach eklig. Selbst mit meinen eigenen Größe-36-Füßen, auf die Maja neidisch ist, habe ich es schwer.

„Jep, das mache ich. Und ich werde es sogar dann tun, selbst wenn du nicht im Bad warst, Hauptsache du vergibst mir“, antworte ich.

Lachen rieselt in mein Ohr. Ich drücke das Handy an mich.

„Ich meine es so!“, füge ich hinzu.

„Das will ich sehen, bevor ich es glaube. Du wirst ohnmächtig, bevor ich überhaupt meine Stinkefüße aus den Socken gezogen habe,“ lacht sie.

„Du“, sage ich, als ihr Lachen verklingt. „Katrine … wann …?“ Ich beiße in den Knöchel meines rechten Zeigefingers.

„Ach, Katrine. Ich habe sie am Donnerstag im Klub getroffen. Katrine geht zu diesem Tanzen am Freitag … und, also, sie fragte, ob ich mitkommen wollte. Mama war außer sich vor Freude. Du weißt, wegen Malene …“ Maja seufzt in den Hörer und ich verstehe genau, was sie meint.

Maja ist eigentlich schlank, aber sie muss aufpassen. Kann nicht, wie ich, alles essen, ohne dass man es am Gewicht sehen kann. Ihre Mutter hat ewig Angst davor, dass sie Probleme bekommt, ihre schlanke Linie zu halten, genau wie ihr Vater und Majas ältere Schwester, Malene. Maja ist es verdammt leid. Ich fand es immer total seltsam, dass Malene und David Zwillinge sind. Sie ähneln sich überhaupt nicht. Weder vom Aussehen, noch vom Charakter. Er ist ein Sportnerd und athletisch, sie ist ein Bücherwurm und am etwas kräftigeren Ende der Körperskala. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein.

„Du Arme,“ sage ich und Maja redet weiter.

„Na, also Katrine hat mich mit dieser Tanz-Sache gelockt und dass der Lehrer total gut aussieht. Er heißt Alex und hat gerade erst im Klub angefangen, aber tanzt bestimmt sehr viel in seiner Freizeit. Ein unglaublicher Körper!“ Sie kichert und ich lächele ein wenig. Das ist typisch für sie. Hauptsache der Typ ist toll, dann ist sie dabei.

„Aber es war eigentlich total lustig. Verdammt schwierig, aber lustig. Die Stunde verging wie im Flug. Und oh mein Gott, ist er gut. Richtig professionell und total latinoheiß. Ich verstehe gut, dass Katrine in ihn verknallt ist.“

Sie macht schmatzende, sabbernde Geräusche und ich lache. Das fühlt sich gut an. Befreiend.

„Das war ehrlich cool, du …“ sie zögert, ihre Stimme ändert ihren Ausdruck, „… du hättest auch dort sein sollen … Ich wünschte, du wärst da gewesen.“

Mein Lachen verstummt. „Wünschte ich auch,“ quake ich.

Stille hängt zwischen uns, schwer und vielsagend. Maja räuspert sich. Als sie spricht, ist sie so tastend, nachdenklich.

„Also, danach sind wir noch da geblieben, haben rumgehangen und Katrine war auch da … und sie ist einfach so gut im Tanzen. Ist zum Showdance gegangen seit sie … ja seit immer schon …“

Ich drücke das Telefon hart an mein Ohr. Will gerne hören und nicht hören, was sie jetzt zu sagen hat.

„… Also, weißt du was, ich denke, vielleicht haben wir sie etwas falsch beurteilt. Also nicht, weil wir nun beste Freundinnen wären oder so … wie wir zwei … aber weißt du, wir haben uns einfach gut unterhalten …“

Jedes Wort sticht und bohrt sich in mich wie ein Messer.

„… und tja, du warst ja nicht zu Hause. Also … das … das verstehst du doch, oder?“

„Mmh“, sage ich.

„Und dann kommst du ja am Freitag mit. Das wird echt super. Wir laufen zusammen rum, wie totale Neubeginner.“ Sie kichert.

„Mmh“, sage ich wieder und versuche, mitzukichern und etwas zu sagen.

Einfach irgendwas. Es ist egal, was. Wörter nehmen Gestalt an und rollen aus meinem Mund. Aber es ist vor allem Maja, die losplaudert und kurz danach ist das Gespräch vorbei und ich kann mich nicht erinnern, was ich gesagt habe.

Ich drücke das Handy an mich.

Katrine.

So ein Scheiß.

Maja und Eva. So ist es immer gewesen. Maja-Paja und Eva-Leva. Wir gegen den Rest der Welt und niemand, weder Eltern, Geschwister, Jungs oder sonst irgendwer konnte zwischen uns kommen. Das haben wir uns versprochen.

Maja und Eva. Und Katrine. Ich probiere die Namen aus, setze sie in allen möglichen Kombinationen zusammen. Aber egal wie, es klingt einfach total falsch.

Eva und Maja und Katrine.

Katrine und Eva und Maja.

Maja und Katrine und Eva.

Maja und Katrine. Und Eva.

Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. Krümme mich zusammen zu einer Kugel und ziehe meine Knie an die Brust. Die Wärme der Decke und mein Atem umschließen mich und bald fühlt es sich so an, als ob nicht genug Luft da wäre.

Einen Moment fantasiere ich darüber, an Sauerstoffmangel hier unter meiner Decke zu sterben.

Wie meine Atmung langsamer und langsamer wird, bis sie zum Schluss ganz aufhört.

Ob sie mich vermissen würden? Bereuten, dass sie nicht mehr für mich da waren?

So liege ich eine lange Zeit. Mama ist längst ins Bett gegangen. Irgendwann schlägt die Haustür zu. Papa ist endlich von der Arbeit nach Hause gekommen. Die Tür knackt, als er sie zu meinem Zimmer öffnet. Ein Lichtspalt fällt über mein Gesicht und geht erst weg, als er so nah bei mir ist, dass er einen Schatten wirft. Ich habe geschlossene Augen und tue so, als würde ich schlafen.

„Bist du wach, Bambi?“, flüstert er.

Ich antworte nicht.

Er küsst mich auf die Stirn und streicht mir über das Haar. Mir wird warm innen drin und Tränen drängen sich hinter meinen Augenlidern. Kurz darauf bin ich wieder alleine und höre, wie die Tür zu Mads‘ Zimmer geöffnet wird.

Ich wende und drehe mich. Im einen Augenblick ist es zu warm und ich werfe die Decke ab, im anderen ist es zu kalt und ich ziehe sie wieder über mich. Als ich endlich einschlafe, träume ich.

Ich tanze im Schnee mit einem Fremden und hellbraune Augen glühen mir entgegen. Ich lächele und lasse mich rundschwingen. Rund und rund. Es kribbelt in meinem Bauch. Maja und Katrine tauchen hinter mir auf. Ich sehe sie, jedes Mal, wenn ich herumwirble. Sie zeigen auf mich und lachen und das Geräusch schlägt mir wie eine Welle entgegen. Ich sehe ihn, mit dem ich tanze, an, und dort steht Mads. Nackt und blau gefleckt und zitternd in all dem Weiß.

Ich öffne die Augen in der Dunkelheit. Die weiße Schärfe des Schnees prickelt noch auf meiner Netzhaut und ich atme in unregelmäßigen Zügen. Nach und nach tauchen die Konturen meines Zimmers auf, verdrängen das Bild von Mads und meine Atmung wird wieder normal. Ich greife nach meinem iPod Shuffle auf dem Nachttisch. Schlafe mit Oh Land und „Audition Day“ und dem Hackysack in der Hand ein.

Kapitel 4

Frühstückspause. Wir sitzen auf den schwarzen Sofas in unserer kleinen Ecke der Aula, fast neben unserem Klassenzimmer. The Voice kommt aus einem alten Ghettoblaster und das Personal ist nett. Vormittagsspaß und Erfrischung. Wie immer.

Ich starre vor mich hin, während die anderen lachen.

Wir sitzen nicht so, wie sonst, Maja und ich, nebeneinander. Oder das stimmt nicht. Faktisch sitzen wir nebeneinander, es fühlt sich nur nicht so an, weil Katrine auch da ist. Genau auf der anderen Seite von Maja. Sie isst sonst immer mit Tine und Yasmin aus der 9. Sie holen sie normalerweise ab und setzen sich an den Tisch in der Mitte der Aula. Der Tussentisch, wie er in den Ecken genannt wird.

Der Tisch der Coolen, der Tisch der Beliebten. Sie pflegt dort zu thronen, den Tisch mit ihren frühlingsblauen Augen und seidenweichen, blonden Locken zu erhellen. Frisch und kühl und genau so unwiderstehlich und unnahbar, wie der Rest der beliebten Clique.

Heute kamen sie einfach nicht. Obwohl sie hier sind und genau jetzt wie immer am Tussentisch sitzen. Stattdessen ist Katrine hier bei uns und alle tanzen und schawänzeln um sie herum. Erinnert mich an Fliegen um einen Hundehaufen.

Nikolaj und Jonas sind die schlimmsten, ständig dabei sich gegenseitig zu übertreffen. Das ist wirklich anstrengend. Aber da ist niemand, der das bemerkt. Abgesehen von mir. Aber das ist nicht das schlimmste. Am schlimmsten ist, dass Katrine ihr Licht auf Maja geworfen hat. Meine Maja.

„Glaubst du, sie haben sich gestritten?“, flüstere ich, als Katrine zur Toilette gegangen ist.

„Nee, das glaube ich nicht,“ antwortet Maja. „Ich denke, sie hätte was gesagt.“

„Warum sollte sie uns was sagen?“

„Wir sind doch ihre Freundinnen. So etwas sagt man doch.“

Ich starre Maja an. Freundinnen? Freundinnen wird man doch nicht in einer Woche. Das braucht Zeit, Wochen, Monate, ja Jahre. Das ist nichts, was aus heiterem Himmel passiert. Ich würde gerne lachen, reiße mich aber zusammen. Maja sieht nicht aus, als ob das ein Joke gewesen wäre.

„Glaubst du das wirklich?“, frage ich.

„Was meinst du?“ Maja sieht mich an.

„Ich meine nur, wir kennen sie ja kaum.“

„Hör doch auf, wir gehen doch seit Ewigkeiten mit ihr in eine Klasse.“

„Ich glaube aber nicht, dass sie es mir erzählen würde,“ sage ich dann. „Warum sollte sie? Wir haben nie zusammen rumgehangen.“

„Nja, aber ich bin mir sicher, sie würde es mir sagen.“ Maja ist jetzt genervt, aber ich kann das Thema nicht fallen lassen.

„Ganz ehrlich, Maja, glaubst du das wirklich? Man wird doch nicht einfach so plötzlich Freundinnen. Sie nützt dich …“

„Ausnützen! Was bist du streng. Du kennst sie einfach nicht. Sie hat es genau genommen nicht so einfach, nur dass du’s weißt“, unterbricht mich Maja.

Ich starre sie an, absolut nicht im Stande, irgendwas zu sagen. Maja starrt mit gekreuzten Armen zurück.

Ich senke meinen Blick. Ihre Worte nagen an mir. Vielleicht ist Katrine doch nicht so, wie wir dachten, und ich bin zu erbärmlich, das sehen zu können.

Ich will mich gerade entschuldigen und es erklären, aber da ist Katrine schon zurück. Sie hat in der Kantine ein Päckchen Kaugummi gekauft und bietet erst Maja und dann mir einen an. Ich lehne ab und gucke weg, während ich meine Arme unter meinem schwarzen Rollkragensweater reibe.

„Was ziehst du zum Tanzen an?“, fragt Maja Katrine und dreht mir den Rücken zu.

„Das weiß ich noch nicht …“, antwortet Katrine mit einem Schulterzucken und einem Lächeln. Einem 500-Watt-Lächeln.

„Du hast in dem Outfit, das du anhattest, einfach verdammt gut ausgesehen“, seufzt Maja, wickelt eine Korkenzieherlocke um den Zeigefinger und lässt sie fallen, wieder und wieder.

„Du kannst es gerne leihen, ich werde es nicht anziehen. Wir haben bestimmt die gleiche Größe.“ Katrine sieht Maja bewertend an. „Du hast zwar etwas größere Brüste, aber das macht nichts, es ist aus Stretch.“

„Ja aber, das ist doch ganz neu! Bist du sicher …?“ Maja sieht aus, als ob es bereits Weihnachten wäre und ein lange gewünschtes Geschenk gerade in ihren Schoß geplumpst sei.

Ich begreife Maja nicht. Das sind doch bloß Klamotten. What the fuzz. Begreife nicht, was mit Katrine los ist. Kann sie dieselben Sachen nicht nochmal anziehen? Offensichtlich nicht. Selbst wenn sie ganz neu sind? Geht wohl gar nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mürrischer werde ich. Und es wird nicht besser davon, dass Katrine und Maja natürlich dieselben Klamotten passen. Natürlich ist es klar, dass es so ist! Groß, wie die beiden sind, mit Beinen von hier bis zum Nordpol und weichen, kurvigen Formen. Auf jeden Fall verglichen mit mir.

„Wie toll, das ist einfach zu cool!“ Maja dreht sich zu mir. „Ist das nicht einfach meganett von Katrine?“, fragt sie und spießt mich mit ihrem Blick auf.

„Ja, natürlich, supernett“, sage ich, lächele und nicke, so gut ich kann. Katrine lehnt sich an Maja vorbei und sieht mich an. Und genau in einem Millionstel einer Sekunde glaube ich, ein Aufblitzen von Triumph zu sehen, ja fast von etwas Trotz in ihrem Blick. Aber ein Blinzeln später ist es weg und sie wirft mir nur ein strahlendes Megawatt-Lächeln zu, so dass ich Lust bekomme, zu knurren, ob sie die Beleuchtung nicht lieber etwas runter drehen sollte, damit die Birnen nicht durchschmoren.

Sie sieht mich weiter an, kramt einen Moment in ihrer Tasche und reicht mir dann eine Packung Ga-Jol – Mintlakritz, mein Favorit. „Hier. Sind das nicht die, die du gerne magst?“

Ich nicke und nehme eins, fühle mich plötzlich wirklich erbärmlich. Ich lächele sie an und meine es auch.

Katrine lächelt zurück und wirft mir das Päckchen in den Schoß, bevor sie sich in die Kissen zurücklehnt. „Du kannst sie gerne haben. Ich mache mir nichts aus ihnen.“

Das Lakritz wächst in meinem Mund und ich würde es furchtbar gerne ausspucken. Ich sitze und krümme mich im Sofa. Dann stehe ich auf und gehe.

„Wo gehst du hin?“, ruft Maja mir nach. Ich antworte nicht, gehe einfach weiter.

Ich sehe wirklich furchtbar aus, als ich meinen Blick im Spiegel auf der Mädchentoilette treffe.

Blass und mit schwarzen Rändern unter den Augen. Und selbst ich kann heute sehen, dass meine Augen groß sind. Sie füllen mein ganzes Gesicht aus, so dass meine Nase und mein Mund seltsam klein aussehen. Seufz. Nicht wirklich seltsam, dass mein Vater mich Bambi nennt. Bambi! Wer, verdammt nochmal, will schon Bambi ähneln? Wie ein zu groß geratenes Baby. Ich wäre lieber sexy und smart wie Katrine … oder mystisch und geheimnisvoll wie Maja. Stattdessen habe ich schlammbraune Haare und große, dumme Kuhaugen – und ja, Kühe sind süß und niedlich – aber auf absolut keine Weise frech.

Ich senke den Blick, beuge mich über das Waschbecken und stelle das kalte Wasser an. Das Wasser prickelt auf meiner Haut und schickt kalte Schauer über mich, die es schwer machen, zu atmen. Die Tür zur Toilette geht auf. Ich erkenne die Stimmen sofort, selbst wenn sie leise sprechen. Tine und Yasmin. Ich spitze die Ohren. Da stimmt was nicht. Yasmins Stimme ist total unklar.

Sie bemerken mich nicht, stellen sich bloß vor die Spiegel am anderen Ende der hintersten Toiletten. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass Tine einen Arm um Yasmin hat, während sie mit der anderen Hand Wasser aus einem Hahn auf ein Papiertuch träufelt. Ich spritze mir weiterhin Wasser ins Gesicht, aber ihre Unterhaltung erreicht mich trotzdem. Ich kann es nicht lassen, zuzuhören.

„Ich weiß einfach nicht, wem ich glauben soll. Benjamin sagt, dass sie es war, die ihn geküsst hat. Sie sagt, er war es, der sie überfallen hat.“ Yasmin schluchzt.

„Nein, das ist auch verdammt schwierig. Aber warum sollte er lügen? Verdammt, Yasmin, er ist doch total in dich verknallt. Er hat fast geweint!“

„Ja, das weiß ich ja. Aber sie … sie … klang so, als ob sie … Und sie ist doch in den Tanztypen verknallt. Das ist wirklich seltsam.“

„Ich weiß. Das ist total mies. Aber ganz ehrlich, Yasmin, glaubst du wirklich, er könnte das erfinden? Und sie hat selbst eingeräumt, dass sie Benjamin heiß findet …“

Yasmin schluchzt und ich halte den Atem an. Sprechen sie über Katrine? Hat sie wirklich versucht, bei Yasmins Freund zu landen? Wie gemein. So was macht man einfach nicht. Der Freund von Freundinnen ist ein totales no go.

„Ich verstehe einfach nicht, wie ich so blind sein konnte … wie …“, sagt Yasmin.

Die Tür geht auf und eine Schar Mädchen aus der 5. strömt herein und stellt sich kichernd zwischen uns. Tine und Yasmin gehen an mir vorbei und wieder raus. Ich nehme ein paar Papiertücher und trockne gründlich mein Gesicht, während Gedanken die Innenseite meines Kopfes bombardieren. Deshalb hat sich Katrine also Maja angeschlossen. Sie hat sich blamiert. Hat sich ganz groß blamiert. Maja wird ausflippen. Die Freunde anderer sind absolut tabu. Ich zerknülle das Papiertuch zu einer Kugel und werfe es in den viel zu vollen Mülleimer. Es fällt auf den Boden, aber ich hebe es nicht auf, sondern fliege nur durch die Tür.

Als ich zurückkomme, sind alle schon in die Klasse gegangen. Maja sitzt auf Katrines Tisch. Caroline und Emma stehen auch dort. Als einzige in der Klasse sitzt Katrine nicht mit jemandem zusammen. Nicht, weil sie nicht könnte, die meisten Mädchen in der Klasse würden ihren rechten Arm geben, um neben ihr sitzen zu können. Sie hat es sich so ausgesucht. Wie die Sonne sitzt sie in der Mitte an ihrem Tisch, wir anderen sind nur Planeten in ihrem System. All ihre Sachen sind über den ganzen Tisch verteilt. Sachen, von denen wir anderen träumen, sie zu bekommen. Das IPhone, das IPad und die Make-up-Tasche, gefüllt mit Dior, Givenchy und anderen Produkten, von denen ich nicht einmal weiß oder wissen will, wie ich sie verwenden sollte. Selbst die Lehrer haben ihre Sachen bemerkt. Unsere Englischlehrerin Lis bittet sie jedes Mal, sie wegzuräumen.

Maja sieht auf, lächelt und winkt mich zu sich. Ich setze mich neben sie. Sie gibt mir eine schnelle Umarmung und ich will gerade was sagen, aber bevor ich anfangen kann, hat sie sich wieder umgedreht und ich starre ihren Rücken an. Katrine flüstert irgendwas. Maja kichert und lehnt sich eng an sie. Ich warte, dass sie sich wieder zu mir umdreht, so dass ich ihr signalisieren kann, dass ich mit ihr reden möchte. Aber das macht sie nicht. Ich bleibe sitzen. Versuche eine Lücke im Gespräch der anderen zu finden. Aber die kommt nicht. Ich sehe die anderen von der Seite an und bin plötzlich sicher, dass alle gemerkt haben, dass sie mir den Rücken zugedreht hat. Ich rücke näher an sie, schiele über ihre Schulter zu Katrine und versuche, mit zu lachen. Maja dreht ihren Kopf kurz und sieht mich seltsam an. Ich halte inne und reibe meine Arme.

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