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Ruth Meyer

Lehren kompakt II

Jugendliche zwischen Erziehung und Erwachsenenbildung

ISBN Print: 978-3-0355-1652-4

ISBN E-Book: 978-3-0355-1653-1

3., überarbeitete und erweiterte Auflage

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com


Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch:http://mehr.hep-verlag.com/lehren-kompakt-2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zur dritten Auflage

TEIL 1: ERZIEHUNGSAUFGABEN IM UNTERRICHT

Kapitel 1: Was ist mit den Jugendlichen los?

Kapitel 2: Womit Jugendliche beschäftigt sind

Entwicklungsaufgaben

Lernen

Mit der Schule kooperieren

Kapitel 3: Pädagogische Leitlinien für den Unterricht

Schulisches Umfeld

Lernklima und Disziplin

Zum Umgang mit Gewalt

Unterstützung der Individualität

Weiterführende Materialien

TEIL 2: UNTERRICHTSGESTALTUNG

Kapitel 4: Selbstgesteuertes Lernen

Merkpunkte: Wie Jugendliche beim selbstgesteuerten Lernen unterstützt werden können

Grundlagen

Wissen aufbauen

Lernumgebungen gestalten

Selbstmanagement für Jugendliche

Weiterführende Materialien

Kapitel 5: Methodik für Jugendliche

Grundsätzliches zu Methoden

Anfangen: Kennenlernen

Anfangen: Informierender Beginn

Interesse wecken: Ins Thema einsteigen

Theorie darbieten

Theorie erarbeiten

Üben, Umsetzen

Lernzielkontrollen, Zusammenfassungen, Repetition

Sich selber besser kennenlernen

Auflockerungen zwischendurch

Merkpunkte: Methodik für Jugendliche

Weiterführende Materialien

Kapitel 6: Beurteilen und Feedback geben

Zwischentests

Prüfen

Soft Skills beurteilen

Rückmeldungen geben

Motivieren

Merkpunkte für das Beurteilen und Feedbackgeben

Weiterführende Materialien

TEIL 3: JUGENDLICHE ZUR LERNLEISTUNG ANSPORNEN

Kapitel 7: Woraus Leistungsbereitschaft entsteht

Hirnbiologische Grundlagen

Die vier Dimensionen des Lernens

Die Entstehung von Leistungsmotivation

Kapitel 8: Spezifische Lernpotenziale Jugendlicher

Aufgaben der Lehrperson

Thesen und didaktische Schlussfolgerungen

Tabellarischer Überblick: Entwicklungspsychologie

Kapitel 9: Was Lehrpersonen können sollten

Kompetenzenkatalog für Lehrpersonen von Jugendlichen

Fazit

Quellenverzeichnis

Vorwort

Die Schul- und Unterrichtsforschung hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Erkenntnissen zu Bedingungen und Merkmalen eines guten Unterrichts hervorgebracht. Unterdessen liegt eine kaum mehr überblickbare Fülle von empirisch gestützten Erkenntnissen vor, die aufzeigen, welche Unterrichtsmerkmale einen positiven Effekt auf die fachlichen und überfachlichen Leistungen von Schülerinnen und Schülern ausüben. Als unbestritten gilt dabei, dass sich ein guter, lernwirksamer Unterricht durch einen hohen Anteil von Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler auszeichnet und dass die Lehrperson diese Prozesse fachkundig begleiten muss.

Was mitunter zu wenig bedacht wird: Wenn diese Erkenntnisse die Unterrichtsgestaltung positiv beeinflussen sollen, müssen sie zunächst Eingang in das individuelle Denken und Handeln von Lehrpersonen finden. Dabei müssen mindestens zwei Anforderungen beachtet werden:

•Es braucht ein ganzheitliches und praktikables Unterrichtskonzept, das der Komplexität der Praxis gerecht wird. Dieses muss den aktuellen Stand des didaktischen und pädagogischen Wissens aufnehmen und verfügbar machen, gleichzeitig aber auch dort reflektierte Hilfestellungen anbieten, wo noch keine gesicherten Forschungsergebnisse vorliegen.

•Das neue Wissen zum Lehren und Lernen muss in das Erfahrungswissen der Lehrpersonen integriert werden können – andernfalls wird es in aktuellen Handlungssituationen nicht verfügbar sein. Mit anderen Worten: Das neue Wissen muss «anschlussfähig» sein; vor allem muss es auf den speziellen beruflichen Kontext und auf praxisorientierte Fragestellungen ausgerichtet sein.

Das vorliegende Buch von Ruth Meyer erfüllt diese Ansprüche in einer vorbildlichen Art und Weise: Es basiert auf einem Unterrichtsverständnis, das die Lernaktivitäten der Lernenden und die Lernbegleitung durch die Lehrpersonen ins Zentrum rückt. Dabei liegt eine umfassende Sichtweise zugrunde, die auch pädagogische Aspekte (Erziehungsaufgaben des Unterrichts) sowie die Voraussetzungen des Lehrens und Lernens in die Reflexion einbezieht. Gleichzeitig ist das Bemühen um Anschlussfähigkeit des pädagogischen und didaktischen Wissens durchwegs spürbar: Dies zeigt sich einerseits in einer gut verständlichen Sprache, anderseits aber auch in den vielen praxisbezogenen Beispielen sowie in der starken Akzentuierung auf die Praxisfrage «Wie macht man das?» (Methodenwissen, praxisbezogenes Know-how). Und was das besondere Verdienst dieses Werks ist: Die Überlegungen sind ausgerichtet auf das anspruchsvolle Praxisfeld der Lehr- und Lernarbeit mit Jugendlichen.

Ein Buch, das Mut macht, die eigene Praxis zu überdenken, und das dazu anregen kann, neue Formen des Lehrens und Lernens in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen anzupacken und zu erproben.

Aarau, Januar 2011

Prof. Dr. Norbert Landwehr, Pädagogische Hochschule FHNW

Zur dritten Auflage

«Wer Kindern Liebe predigt, lehrt sie nicht lieben, sondern predigen.»

Alice Miller

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Müssen junge Menschen durch ihre Lehrpersonen noch erzogen werden, oder dürfen Lehrpersonen ihnen gegenüber keinesfalls erzieherisch wirken? Wie viel Disziplin braucht es, um Jugendliche optimal fördern zu können? Welche Krisen in der Jugendzeit wirken sich auf den Unterricht aus, und wie können Lehrpersonen damit umgehen? Welche Methoden sind für Jugendliche speziell geeignet? Können Jugendliche von ihrem Entwicklungsstand her überhaupt wie Erwachsene lernen? Auf solche Fragen versucht dieses Buch Antworten zu geben.

Es richtet sich also an Berufsfachschullehrerinnen und -lehrer und alle diejenigen, die mit Jugendlichen arbeiten und sie anleiten (Anbieter von 10. Schuljahren, Brückenangeboten, Übergangslösungen zwischen Schule und Beruf), Berufsbildnerinnen und Berufsbildner in der Praxis sowie an Gymnasiallehrerinnen und -lehrer.

Sie finden in diesem Buch Impulse, wenn Sie

•es überfliegen,

•von hinten nach vorne lesen,

•sich vom Index ausgehend in ein Thema vertiefen,

•das Inhaltsverzeichnis nach möglichen Hinweisen für Ihre Fragestellung absuchen,

•Zusatzmaterial auf der Webseite www.hep-verlag.ch betrachten.

Zu dieser Fundgrube haben für die erste und die zweite Auflage beigetragen: Karin Anand (Kantonsspital St. Gallen), Monika Gugger (Axa Winterthur Versicherung, Berufsbildung), Christa Heimgartner (Schweizerische Post, Berufsbildung), Rolf Huwyler (Bühler AG Uzwil, Berufsbildung), Irene Lehmann-Fäh (Schweizerische Post, Berufsbildung), Daniela Lüchinger (Klinik Stephanshorn St. Gallen), Claudia Räber (Räber Treuhand GmbH, Leiterin überbetriebliche Kurse) und Benno Schwizer (Stadt Zürich, Berufsbildung).

Seit der zweiten Auflage ist viel Zeit vergangen. In dieser dritten, vollständig überarbeiteten Auflage war es mir deshalb ein Anliegen, aktuellere Zahlen zur Situation der Jugendlichen zu liefern sowie die veränderte Medienwelt einzubeziehen. Auch das Thema «Lebenskompetenzen» hat sich inzwischen den längst notwendigen Raum in der Bildung verschafft.

Große Teile dieses Buches wurden aus der ersten Auflage übernommen, zu der Daniela Meyer, Flavia Stocker und Werner Henggeler mit ihren kritischen Anmerkungen und ständigen Diskussionsbereitschaft Wesentliches beigetragen haben. Der dritte Teil, den Irene Lehmann-Fäh und Heidi Ehrensperger für die zweite Auflage kritisch gegengelesen haben, blieb im Wesentlichen unverändert.

Für die dritte Auflage stand mir wiederum Irene Lehmann-Fäh (schoenerschulen.ch) mit vielen Ideen zur Methodik und zur Visualisierung bei. Ich bedanke mich herzlich für diese Unterstützung.

Ergänzend dazu kamen viele Einblicke in das aktuelle Leben von Jugendlichen in der Schweiz durch meine jugendlichen Enkel. Mit ihnen kann ich lustvoll und hautnah erleben, wie Jugendliche mit dem Internet und den Social-Media umgehen.

Juni 2019Ruth Meyer


Teil 1

Erziehungsaufgaben im Unterricht


Kapitel 1

Was ist mit den Jugendlichen los?

«Sagst du es mir, so vergesse ich es. Zeigst du es mir, so merke ich es mir vielleicht. Lässt du mich teilhaben, so verstehe ich es.»

Chinesisches Sprichwort

Ausgangslage

72 964 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren haben im Sommer 2018 die obligatorische Schulzeit abgeschlossen. 87 Prozent von ihnen haben eine Ausbildung auf Sekundarstufe II begonnen.

53 Prozent haben sich für eine berufliche Grundbildung (39 184) entschieden, ein Drittel besucht ein Gymnasium oder eine Fachmittelschule (24 217). Mit 87 Prozent konnte der Großteil der Jugendlichen direkt mit der Ausbildung starten. Nur 13 Prozent wichen auf eine Zwischenlösung aus: 10 Prozent nehmen ein Brückenangebot wahr (7 413) und 3 Prozent (2 150) machen ein Zwischenjahr. (1) Lehrpersonen, die in Zwischenlösung, Brückenprojekt, beruflicher Grundbildung oder Mittelschulen ausbilden, können nicht davon ausgehen, dass in ihren Klassenzimmern ausschliesslich Lernende sitzen, die hoch motiviert sind, genau wissen, was sie wollen, und zielgerichtet aus dem Bildungsangebot herausholen, was sie brauchen. Denn diese 16- bis 18-Jährigen sind zwar keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsene. Um erwachsen zu werden, müssen sie noch ihre Selbst- und Sozialkompetenzen erweitern und ihre eigene Identität entwickeln.

16-Jährigen begegnen wir als Ausbildende im Wesentlichen in drei Umfeldern: in Maturitätsschulen denjenigen, die sich auf die Universität vorbereiten; in Berufsfachschulen und innerbetrieblichen oder überbetrieblichen Ausbildungsstätten denjenigen, die eine Lehrstelle gefunden haben bzw. ein Fähigkeitszeugnis oder ein Berufsattest anstreben. In Brückenangeboten schliesslich begegnen wir denjenigen Jugendlichen, die weder eine Lehrstelle noch sonst einen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Mit «Lernenden» und «Jugendlichen» meine ich in diesem Buch alle 16- bis 18-Jährigen, egal ob sie sich in einem Übergangsjahr, im Gymnasium oder in der beruflichen Grundbildung befinden.

Wie erleben nun Lehrpersonen diese Jugendlichen zwischen 16 und 18? In meiner eigenen Lehrtätigkeit, in der ich Lehrpersonen in der Erwachsenenbildung methodisch-didaktisch weiterbilde, fallen mir immer wieder die Berufsbildungsverantwortlichen auf. Sie haben ganz andere Fragestellungen als Lehrpersonen von Erwachsenen, sie wirken jugendlicher und sind kreativer. Und bei meinen Beobachtungen in verschiedensten Unterrichtssituationen habe ich bei Jugendlichen den lebendigsten, aber auch den mit am meisten Störungen durchsetzten Unterricht erlebt und immer wieder gestaunt, mit wie viel Humor, Schlauheit und Empathie die Lehrpersonen agieren, um die Jugendlichen, die oft schwerer zu hüten sind als ein Sack Flöhe, zu Lernleistungen zu motivieren und bei der Stange zu halten. Oft handelt es sich um Lehrpersonen, die lange Erfahrung mit Jugendlichen mitbringen, selbst erwachsene Kinder haben oder dem Jugendalter noch nahe stehen und deshalb die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Jugendlichen mehr oder weniger intuitiv begreifen.

Jugendliche machen in diesem Alter unterschiedliche Erfahrungen mit der Ausbildung. Im schlechteren Falle werden sie weiterhin wie Kinder behandelt, obwohl sie längst keine mehr sind. Im besseren Falle begegnet man ihnen wie «kleinen» Grossen, obwohl sie das erwachsene Lernverhalten noch nicht beherrschen. Im besten Falle finden sie warme, begeisterte und empathische Berufsbilder*innen und Lehrer*innen, die ganz genau unterscheiden zwischen Schule und Erwachsenenbildung und die Jugendlichen sorgfältig durch das Niemandsland dazwischen führen.

Jugendliche machen Schlagzeilen

Betrunkene Jugendliche randalieren

Jugendliche Intensivkiffer verlieren IQ-Punkte

Depressionen werden zunehmend auch bei Jugendlichen diagnostiziert

Suizid wegen Mobbing: Zwei Jugendliche verurteilt

Psychiatrische Notfälle nehmen bei Teenagern zu

Jugendliche verprügeln Frau

Noch nie wurden so viele Jugendliche wegen Sexualdelikten angezeigt

Teenager überfallen Jugendliche auf Schulhof

Zehntausende Jugendliche demonstrieren

Dies sind Schlagzeilen, die so oder ähnlich in den Tageszeitungen zu finden waren. Lehrpersonen von Jugendlichen könnten die Liste beliebig ergänzen:

Schlägerei in Berufsfachschule: Ein Lehrer verletzt

Tumult bei der Rückgabe der Prüfungen

Selbstmord eines Schülers

Prüfungen aus Lehrerzimmer geklaut

Schon wieder ein Schulverweis

Was ist mit den Jugendlichen los?

Jugendliche spielten früher in Gemeinschaften und Kulturen eine wichtige Rolle. Sie galten lange Zeit als unverbrauchte Kräfte, die als Arbeitskräfte die alternden Eltern und die verlorenen Soldaten ersetzten oder selbst als Kanonenfutter in den Krieg zogen. Wenn sie heutzutage in den Medien auftauchen, dann im Zusammenhang mit Gewalt, ungesetzlichem Verhalten, als Störer der öffentlichen Ordnung oder Kostenfaktor in der Berufswelt. Für die Werbung dagegen sind Jugendliche als Zielgruppe interessant. Als zahlende Konsumenten werden sie umworben und beworben in einer Art und Weise, die sich für die Jugendlichen selbst kaum durchschauen lässt. Dass Jugendliche exzessiv Computerspiele machen, über ihr Budget hinaus konsumieren und den Versuchungen der Massenmedien und Werbung erliegen, ist daher absolut kein Wunder. Gerade im Zusammenhang mit den boomenden Videospielen werden Jugendliche dazu veranlasst, mehr Geld als gewollt auszugeben und gleichzeitig ihre persönlichen Daten in ungeahntem Ausmaß freizugeben. (2)

Der Berufseinstieg gestaltet sich für viele Jugendliche schwierig, obwohl sich die Lehrstellensuche stark entspannt hat. Aktuell besteht ein deutlicher Lehrstellenüberschuss. (32b) So gibt es 2019 ein Angebot für Firmen mit dem Titel «Lernende finden mit Lehrstellenmarketing 4.0». Die Berufsfindung ist ein langer Weg, der über Umwege, Denkpausen, Abbrüche und Standortbestimmungen sehr individuell verläuft. Jugendliche zwischen 16 und 18 sind unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt, mit denen sie nicht immer umzugehen wissen. Getrieben von kurzfristigen Interessen und Neigungen, finden sie sich behindert oder gefördert von der sozialen und ökonomischen Stellung ihrer Eltern und den Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

Gemäß Nahtstellenbarometer des SBFI/SECO besuchen Ausländerinnen und Ausländer häufiger Brückenangebote als Schweizer Jugendliche. Anbieter von Brückenangeboten berichten von einem zunehmenden Anteil von Jugendlichen, die einen erhöhten Betreuungsaufwand haben. Psychosoziale Belastungen haben deutlich zugenommen.

Als häufigster Grund, ein Brückenangebot zu besuchen, geben 60 Prozent der Jugendlichen an, dass sie keine Lehrstelle gefunden haben. (1b)

In der Grundbildung befinden sich wesentlich mehr junge Männer als Frauen, während junge Frauen bei den Maturitätsschulen häufiger vertreten sind. (1c)

79 Prozent der befragten Jugendlichen sind mit der Wahl ihres Ausbildungsweg sehr zufrieden. Nur 13 Prozent mussten auf etwas anderes als das, was sie am liebsten gemacht hätten, ausweichen. (1d)

Die meisten Jugendlichen beginnen über ein Jahr vor Lehrantritt mit der Lehrstellensuche und Bewerbungen. Von den durchschnittlich 8,2 Bewerbungen führten im Schnitt 2 zum Erfolg. Es scheint, dass die Lehrstellensuche für die Jugendlichen in den vergangenen Jahren einfacher geworden ist. Aus Sicht der Betriebe blieben im August 2018 gut 14 Prozent der Lehrstellen unbesetzt, da keine geeigneten Bewerber/-innen gefunden werden konnten. (1e)

Gut 20 Prozent der Lernenden im 1. Lehrjahr beabsichtigen, eine Berufsmaturität zu absolvieren.

Wenn die Jugendlichen weiter zur Schule gehen, besuchen sie grossmehrheitlich ein Gymnasium oder eine Kantonsschule, etwa ein Drittel besucht eine Fachmittelschule. Die Mehrheit dieser Gymnasiast/-innen besucht eine öffentliche Schule. Zwischen 1988 und 2013 nahm in der gesamten Schweiz die absolute Anzahl der Berufslernenden ab; es entstand ein Lehrstellenüberschuss. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen in Gymnasien blieb gleich. (32c)

Abgesehen von Schule und Beruf finden nur wenige Jugendliche eine «sinnvolle» Stellung in der Gesellschaft. Über das Engagement in einer Jugendorganisation oder einem Verein, über Musik, Kultur oder Sport gelingt das einigen wenigen. Überhaupt nicht mehr gebraucht wird im Allgemeinen die Mithilfe im elterlichen Betrieb oder Haushalt, viele Jugendliche fühlen sich eher im Weg als nützlich. Dass Jugendliche kleine Arbeiten übernehmen (Ferienjobs, Zeitungenaustragen usw.), ist immer weniger möglich. Die Durchmischung in Vereinen ist stark zurückgegangen, die Jugendlichen bewegen sich in ihren eigenen Peergruppen und besuchen eher ein Fitness-Center als einen Sportverein. Dadurch entfallen viele Interaktionen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen in der Freizeit, und die Jugendlichen decken ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit ab, indem sie sich zufälligen Gruppen Gleichaltriger anschliessen. Hier erproben sie ihre Stärke und finden Möglichkeiten zur Einflussnahme in gefährlichen und/oder herausfordernden Aktionen, um der Langeweile und der Sinn- bzw. Nutzlosigkeit zu entgehen. Dabei sind Jugendliche durchaus an der Teilhabe an der Erwachsenenwelt interessiert – mehr denn je, wie die neueste SINUS-Studie (3) aus Deutschland belegt.

Jugendkultur ist heute nicht mehr von grosser Bedeutung, Jugendliche grenzen sich kaum mehr aus Prinzip von der Erwachsenenwelt ab. Vielmehr wollen sie sein wie alle, nämlich Mainstream. «Im Vergleich zur Studie 2012 ist dabei wirklich neu, dass der Begriff ‹Mainstream› heute kein Schimpfwort mehr ist. Im Gegenteil – er ist ein Schlüsselbegriff im Selbstverständnis und bei der Selbstbeschreibung.» (3a)

Besonders akzentuiert stellen sich die geschilderten Probleme für ausländische Jugendliche. Ihnen wird jegliche Hoffnung auf Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme schon früh genommen, indem ihnen klar gemacht wird, dass sie nicht zu unserer Gemeinschaft gehören und auch nie an Abstimmungen teilnehmen können, auch wenn sie kein anderes Zuhause kennen als ihre Wohngemeinde. Wenn Jugendliche einen Ort suchen, wo sie gehört werden, dazugehören und etwas bewirken können, werden sie häufig fündig in rassistischen, fundamentalistischen oder religiösen Gruppierungen. Denn solche Gemeinschaften ziehen heimatlose oder nicht integrierte Jugendliche an. Jede Gemeinde sollte deshalb für Jugendliche ein niederschwelliges, breites und gut begleitetes soziokulturelles Angebot bereitstellen.

Zahlen und Fakten zur Situation der Jugendlichen in der Schweiz

•50 Prozent der 17-Jährigen interessieren sich für Politik. (4a)

•Für 74 Prozent gehören Diskussionen zu aktuellen politischen Themen in den Schulunterricht. (4b)

•Jugendliche erkennen die Risiken der Konsum- und Mediengesellschaft, in der sie aufwachsen. Sie beurteilen Kompetenzen im Umgang mit Konsum und Medien als relevant. (4c)

•Jugendliche möchten ernst genommen werden und ihre Meinung in die Politik einbringen können. (4d)

•«(Erstens ist) die Wahrscheinlichkeit, in ein Gymnasium einzutreten, für sehr talentierte Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien nur etwa halb so gross wie die entsprechende Wahrscheinlichkeit von vergleichbaren Jugendlichen aus sozioökonomisch privilegierten Familien.» (32f)

•41 Prozent der Jugendlichen haben Ohrfeigen, hartes Anpacken oder Stossen erlebt, 22 Prozent schwere Gewalt. (5a)

•Gemäss Erhebungen aus den Jahren 2014/15 sind in der Schweiz 19 Prozent der jungen Frauen und etwa 4 Prozent der jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren untergewichtig. (7)

In der Sekundarschule sind 26 Prozent der Schüler/-innen übergewichtig. (7)

•4 Prozent der 15-jährigen Frauen konsumierten 2018 mindestens wöchentlich Alkohol, bei den gleichaltrigen Männern waren es 11 Prozent. (8a)

•Um die 30 Prozent aller 15-Jährigen hat schon mal geraucht, um die 5 Prozent rauchen täglich. (8b)

•Das Einstiegsalter für Cannabis liegt durchschnittlich bei circa 16 Jahren. 2018 hatten unter den 15-Jährigen 17 Prozent (Frauen) bzw. 27 Prozent (Männer) bereits Cannabis probiert. Rund 3 Prozent konsumieren regelmässig, 0,8 Prozent fast täglich. (8c)

•Rund ein Drittel der Jugendlichen verfügt über ein Video- und Musik-Streaming-Abo. (4e)

•Fast alle Jugendlichen nutzen einen Messenger wie Instagram, WhatsApp, TikTok oder Snapchat, die meisten mehrmals pro Tag. (4f)

•Die Nutzung von Facebook ist gegenüber 2014 deutlich zurückgegangen, aktuell ist noch ein Fünftel der Jugendlichen mehrmals pro Woche auf Facebook. (4g)

•Schweizer Jugendliche sind im Schnitt täglich rund zweieinhalb Stunden, am Wochenende zwischen drei und vier Stunden täglich online. (4h)

•Die nonmedialen Freizeitbeschäftigungen haben einen zentralen Stellenwert; sowohl sich mit Freunden oder Freundinnen zu treffen wie auch Sport zu treiben, ist nach wie vor beliebt. (4i)

Verurteilungen von 14- bis 18-Jährigen in der Schweiz für eine Übertretung, ein Vergehen oder ein Verbrechen sind zwischen 2010 und 2017 um 3 Prozent gestiegen. 2017 wurden gesamtschweizerisch 8920 männliche und 2176 weibliche Jugendliche verurteilt, davon rund 2800 Personen ohne Schweizerpass. (9)

Täglich rufen zwei bis drei Jugendliche bei der Notrufnummer 147 der Pro Juventute an. Etwa die Hälfte der Jugendlichen, die sich selbst töten, leidet an einer depressiven Erkrankung. Bis zu 90 Prozent der Jugendlichen, die einen Suizidversuch machen, leiden an einer psychischen Störung. (10)

«Bei Jugendlichen (ab 16) und jungen Erwachsenen sind bei beiden Geschlechtern Unfälle und Suizid die häufigsten Todesursachen.» (11)

Aktuelle aussagekräftige gesamtschweizerische Erhebung zur finanziellen Situation Jugendlicher konnten nicht gefunden werden. Die vielen sehr gut gemachten Internet-Seiten und die vielen Unterrichtsmaterialien zum Thema Jugendliche und Geld zeigen aber, dass dies ein vieldiskutiertes Thema ist. Eine der ansprechendsten Webseiten mit Budgetplanung für Jugendliche ist www.heschnocash.ch; sie enthält auch Unterrichtsmaterialien für Lehrpersonen. (12)

Fazit

Die Situation der Jugendlichen ist komplex. Die hohen Leistungsansprüche seitens der Berufswelt und Schule, verbunden mit der dauerhaft präsenten Beeinflussung durch die Medien, zusammen mit sich stark verändernden Familienstrukturen, führen häufig zu persönlichen Krisen, die sich in auffälligem Verhalten in Schule und Öffentlichkeit äussern. Statt Jugendliche an der Erwachsenenwelt teilhaben zu lassen, werden sie oft ausgegrenzt und ausgenutzt. Lehrpersonen von Jugendlichen sind besonders herausgefordert, weil sie den Jugendlichen in einer Altersphase begegnen, da diese sich in ihrer Abgrenzung von den Erwachsenen oft provokativ benehmen und trotzdem viel Unterstützung und Gesprächsbereitschaft brauchen.


Kapitel 2

Womit Jugendliche beschäftigt sind

«Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.»

Galileo Galilei

Jugendliche um 16 sind körperlich zwar erwachsen, aber nicht geistig-seelisch. Diese Entwicklung stellt die Jugendlichen immer noch vor die gleichen Aufgaben wie früher, aber «Jugendliche müssen sich heute mit einer Vielfalt von Möglichkeiten auseinandersetzen, die es vor wenigen Generationen noch gar nicht gab. Die persönlichen und sozialen Entwicklungsaufgaben, die Heranwachsende meistern müssen, sind komplexer geworden. Es fehlen eigentliche Rollenvorbilder oder Werte, die den Adoleszenten in dieser wichtigen Lebensphase eine Orientierungshilfe sein könnten.» (10) Sie sind damit beschäftigt, die eigene Entwicklung in Richtung Identität und Persönlichkeit voranzutreiben und sich in der Gemeinschaft mit anderen zurechtzufinden. Die Entwicklungspsychologie spricht von Entwicklungsaufgaben, die die Jugendlichen zu leisten haben. Der erste Abschnitt des Kapitels beschäftigt sich mit diesen Entwicklungsaufgaben, die im Wesentlichen die Herausbildung einer Identität und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper beinhalten und ausserdem mit Abgrenzung und Kooperation zu tun haben. Im zweiten Abschnitt geht es um das jugendliche Lernen und im dritten schliesslich um die Kooperation der Jugendlichen mit der Schule/Ausbildung.

Entwicklungsaufgaben

Mit dem Eintritt in die (Vor-)Pubertät verlieren Kinder ihre Natürlichkeit und Unbeschwertheit. Sie werden sich ihrer selbst bewusst und stellen alles infrage: den eigenen Körper, die eigene Intelligenz, die eigenen Gefühle, die eigenen Werte, die Vorlieben und Abneigungen. Bis dahin war das Kind das, was die Erwachsenen in ihm gesehen und von ihm erwartet haben. Nun wehrt es sich zunehmend gegen diese Definition von aussen.

Um ein neues, eigenes Selbst auszubilden, braucht es einen langen Prozess von Auflehnung, Reibung, Suchen und Finden. Auf dieser Suche werden die engsten Bezugspersonen harten Belastungen und Tests ausgesetzt: «Leben diese wirklich die Werte, die sie immer predigen? Sind sie echt? Lieben sie mich, weil ich brav bin, oder lieben sie mich auch, wenn ich so bin, wie ich bin? Wie weit lassen sie mich gehen? Wo ziehen sie Grenzen? Sind sie gerecht?» Ausbildende sind von diesen Tests nicht ausgenommen. In der stetigen Auseinandersetzung bilden die Jugendlichen ihre eigene Identität aus, entwickeln Selbstvertrauen und lernen, sich zu behaupten. Die Jugendlichen brauchen es dringend, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt und ihre sich formende Persönlichkeit ernst nimmt.

Die folgenden vier Entwicklungsaufgaben stehen bei Jugendlichen, die die Vorpubertät hinter sich haben und mindestens 16 Jahre alt sind, im Vordergrund:

•Die Bildung einer eigenen Identität

•Den eigenen Körper bewohnen lernen

•Einen individuellen Umgang mit der Sexualität entwickeln

•Selbst- und Sozialkompetenzen weiterentwickeln

Die Bildung einer eigenen Identität

Identität bedeutet: Ich habe ein stimmiges und zusammenhängendes Bild von mir selbst. Ich kenne meine Stärken und Schwächen. Jugendliche stellen sich folgende Fragen oder Varianten davon oft: «Wer bin ich?» – «Was werde ich sein?» – «Wie möchte ich sein?» – «Warum bin ich so?» – «Was wäre, wenn es mich nicht gäbe?» – «Für wen hält man mich?»

Zu diesen Fragen gehören natürlich die Selbstzweifel und auch die Frage, wie widersprüchlich jemand überhaupt sein kann und darf. Gefundene Bausteine einer eigenen Identität werden gerne zur Abgrenzung nach aussen demonstrativ gezeigt – in Kleidung, Frisur, Verhalten und Einstellungen. Es wird immer wieder erprobt, wie sicher diese Abgrenzung zwischen innen und aussen gelingt, welches Selbst man zur Schau tragen will und wie man auf die andern wirkt. In dieser Phase der Unklarheit über die eigene Person, ihre Stärken und Ausprägungen sind Jugendliche sehr empfindlich und verletzbar. Sie ziehen sich zurück und reagieren harsch auf Urteile von Personen, zu denen sie kein Vertrauen haben. Bei männlichen Jugendlichen kann dies zu einem aggressiven Gegenangriff führen.

Identität wird durch Interaktion, Selbstbilder und Fremdbilder, also durch die Spiegelung in anderen geformt. Indem Jugendliche sich mit Gleichaltrigen vergleichen, Gespräche mit Vertrauten pflegen und ihre Wirkung auf andere testen, bauen sie ihr Selbstbild auf. Dadurch reifen die eigene Wahrnehmung und das Bewusstsein für die eigene Ausstrahlung, aber auch der Wunsch, das eigene Selbst nach aussen zusammenhängend zu vertreten und zu verteidigen. Wenn Jugendliche motzen: «Ich bin gar nicht so, wie du denkst», dann steckt dahinter eine grosse Arbeit an sich selbst, nämlich das Entdecken der eigenen Identität und deren Verteidigung.

Da Identität sich durch Interaktion herausbildet und das Einnehmen von unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft und in Gruppen ein zentraler Lernfaktor ist, soll hier kurz auch auf die beliebten elektronischen Rollenspiele eingegangen werden. Sehr viele Jugendliche spielen sie; oft länger, als ihnen gut tut und auf Kosten von Schlaf und Bewegung. In einer aktuellen Bachelor-Arbeit kommt Bernadette Schaffner zum Schluss, «dass exzessives Spielen sich nicht nur psychisch äussert, sondern sich auch biologisch auf das Gehirn und dessen Struktur auswirkt.» (13a) Offenbar kann exzessives Spielen (mehr als 30 Stunden pro Woche) zu ungesunden Bewältigungsstrategien wie z. B. Flucht ins Spiel führen (statt reale Alltagssituationen zu bewältigen). Andererseits können die Spielenden verschiedene Rollen ausprobieren und sich so an die eigene Identität herantasten. Die Spielgemeinschaften tragen dazu bei, dass Jugendliche ein Gefühl der Zugehörigkeit erleben und kooperieren lernen.

Lob und Kritik wirken wesentlich stärker auf die Jugendlichen, als wir gemeinhin annehmen. Auch wenn sie gut gemeint sind, kommen sie nicht immer in diesem Sinne an. Da Jugendliche sehr empfindlich sind, können sie sehr gekränkt reagieren, und sie erinnern sich oft Jahrzehnte später noch daran, wie sie verletzt worden sind. Mit Lob kann ein Jugendlicher in eine Richtung gelenkt werden, ohne dass die Lehrperson das selbst merkt. Als Lehrperson sollte man sich deshalb auch der prägenden Wirkung von Lob bewusst sein und ehrlich und angemessen loben. Falsches Lob, aber auch übersteigerte Kritik oder abwertendes Verurteilen erschweren es dem Jugendlichen massiv, zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu kommen. Und eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen macht eine starke Identität aus.

Selbstvertrauen

Mit der eigenen Identität wächst das Selbstvertrauen. Selbstvertrauen heisst: Ich kann mich auf mich selbst verlassen. Ich traue mir zu, mit vielen Situationen umgehen zu können. Selbstvertrauen wächst an Erfolgserlebnissen, an der Wertschätzung, am Überwinden von Problemen und am Bestehen von Abenteuern. Da, wo der Jugendliche Erfolg erntet, traut er sich immer mehr zu, egal, ob das eine positive Leistung ist (ein Instrument spielen, etwas zu lernen, im Online-Spiel einen Level weiterzukommen, eine erfolgreiche Strategie zu entwickeln) oder eine negative (andere einschüchtern, rauchen, grosse Risiken eingehen).

Selbstbehauptung

Selbstbehauptung heisst, sich selbst zu mögen und sich abgrenzen und durchsetzen zu können. In ihrem Bedürfnis nach Wertschätzung und Erfolg sind Jugendliche verführbar. Sie müssen lernen, Nein zu sagen zu dem, was nicht zu ihnen passt, und sich einzusetzen für das, was sie brauchen. Das erfordert Mut und Selbstvertrauen.

Der Druck auf die Jugendlichen ist enorm, jeder muss eine interessante Persönlichkeit sein. In einem Interview sagte eine Jugendliche: «Es ist schon ein Problem, weil man immer denkt: Die anderen sind viel schöner, gescheiter, beliebter …», und ein Jugendlicher: «Wegen dieses Leistungsstresses tauchen viele Jugendliche am Wochenende in eine andere Welt ab – weil sie die Realität nicht mehr ertragen.» Und: «Ich spüre den Perfektionsanspruch enorm» und: «Mich stresst ausserdem, dass man ständig glücklich sein muss».

Jugendliche messen sich an den idealen Bildern der Werbung und an den Influencern und Stars von Social Media und YouTube – und bekommen ständig gesagt, dass ihnen die Welt offenstehe, wenn sie bloss ebenso interessant, schön oder beliebt seien wie die Vorbilder. Aber diese Vorbilder sind unerreichbar; der berufliche Alltag mit seinen Anforderungen und die Freizeitgesellschaft halten oft mehr Misserfolge bereit als Situationen, die das Selbstvertrauen stärken. Selbstbehauptung besteht dann vordergründig darin, «abzutauchen», Drogen zu nehmen, sich die tollen Dinge auf Pump zu kaufen oder zu klauen oder andere einzuschüchtern. Dass ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen bereits an Wohlstand und Luxus teilhaben kann, ohne sich die dafür nötigen Mittel selbst erarbeiten zu müssen und zuerst selbstständig zu werden, erhöht den Druck für die Gleichaltrigen.

Echte Selbstbehauptung wächst durch liebevolle Unterstützung, durch Reflexion, durch die Pflege von Wertvorstellungen und das Respektieren der Privatsphäre. Diskussionsanstösse wie: «Du bist stark, du brauchst nicht jeden Blödsinn mitzumachen, das finde ich toll an dir» – «Du willst doch später eine Stelle bei einer Bank finden, glaubst du, dass dir eine schlechte Abschlussnote förderlich sein wird? Was hindert dich daran, zu lernen? Wie könntest du eine gute Prüfung schaffen?» und echte Gesprächsangebote helfen den Jugendlichen, sich abzugrenzen und ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, statt andern nachzueifern. Selbstbehauptung lernen Jugendliche ausschliesslich in der liebevollen, aber harten Auseinandersetzung mit Autoritätspersonen, die sich nicht entziehen, sondern Stellung beziehen und immer wieder Angriffsflächen bieten und Diskussions- und Reflexionsanstösse geben.

Den eigenen Körper bewohnen lernen

Mit 16 Jahren ist bei den meisten Jugendlichen die körperliche Entwicklung weit fortgeschritten. Sie haben jetzt die körperliche Erscheinung von Erwachsenen, aber das Verhältnis zu diesem veränderten Körper ist noch keineswegs ein versöhnliches. Und die Sorge für den eigenen Körper bezieht sich auf Äusserlichkeiten, kaum je auf die gesunde Ernährung oder genügend Schlaf oder Bewegung. Oft essen die Jugendlichen jetzt regelmässig auswärts, verpflegen sich möglichst günstig und trendig, schlafen zu wenig, treiben wenig Sport und beschäftigen sich stundenlang mit Computer und Smartphone, was zu Übergewicht und Haltungsschäden führen kann.

Zugenommen hat in den letzten Jahren der Anteil Jugendlicher, die einen definierten Körper wollen und dafür hart und diszipliniert trainieren, bis zur Muskelsucht. (7a)

Ernährung

Etwa jeder dritte Jugendliche ist übergewichtig. Immer mehr Mädchen und auch Jungen leiden an Essstörungen. (7b) Gleichzeitig nehmen die körperlichen Aktivitäten der jungen Menschen dramatisch ab. Die Folge: Es wächst eine Generation mit gravierenden Gesundheitsproblemen heran. Die Ursachen für diese Entwicklung liegen in der veränderten Ernährung in der Kindheit und dem Freizeitverhalten. Fettleibigkeit im Jugendalter hat grosse Auswirkungen auf die Gesundheit und das Selbstwertgefühl. In einer Gesellschaft, in der Schönheit Schlanksein bedeutet, ist jede dicke Person und jeder schmächtige Junge ein Verlierer. Die Stigmatisierung der Übergewichtigen führt nicht dazu, dass die schlechten Essgewohnheiten aufgegeben werden, aber das Selbstwertgefühl schrumpft mit jedem Kilo mehr, und je mehr es schrumpft, desto mehr stopft man in sich rein – ein Teufelskreis von schlechter Ernährung, Übergewicht und Minderwertigkeitsgefühlen.

Je älter Kinder werden, desto geringer ist der Einfluss der Eltern auf das Ernährungsverhalten. Die Schulzeit und die ausser Haus verbrachte Freizeit werden länger. Da Taschengeld verfügbar ist, macht es Spass, aus dem reichhaltigen Lebensmittelangebot selbst auszuwählen. Die Einstellung zum Essen wird häufig vom Umfeld sowie von der Meinung der Freundinnen und Freunde geprägt und wechselt rasch. Ausserdem haben viele Menschen keine Ahnung mehr, woher die Lebensmittel kommen und wie sie hergestellt werden. Die Diskussionen um den Klimawandel bringen aktuell vermehrt Themen wie Foodwaste, Saisonalität, Regionalität, Bio-Nahrungsmittel und Vegetarismus in die Medien, hier gibt es Anknüpfungspunkte, um den Informationsbedarf der Jugendlichen zu decken.

Schlaf

Jeder Mensch braucht eine andere Menge Schlaf, und jeder Mensch hat einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus. Während die einen besser am Morgen arbeiten und die andern besser am Abend, haben die Dritten ihr Leistungshoch am Nachmittag. Je nach Alter verändert sich dies tendenziell. Kinder stehen gerne früh auf, während der Pubertät verschiebt sich der optimale Zeitpunkt des Schlafengehens tiefer in die Nacht und die des Aufstehens immer weiter in den Tag hinein. Im Alter von ungefähr 20 Jahren ist der Höhepunkt des Daseins als «Eule» (die Eule geht spät ins Bett und steht spät auf), im Erwachsenenalter erfolgt überwiegend wieder eine Entwicklung in Richtung «Lerche» (die Lerche geht früh ins Bett und steht früh auf). Die neuesten Ergebnisse der Schlafforschung lassen die Schlussfolgerung zu, dass der tägliche Schulbeginn für Jugendliche besser später angesetzt würde.

Während man schläft, ist das Gehirn nicht ausgeschaltet, sondern verarbeitet Informationen aktiv weiter. Es konnte nachgewiesen werden, dass das Gehirn nach genügend Schlaf besser arbeitet als nach Schlafmangel. Ebenso gibt es in der Lernforschung deutliche Hinweise darauf, dass Schlafen unmittelbar nach dem Lernen die Behaltensquote signifikant erhöht. Die Bedeutung des Schlafes für die Arbeitsleistung kann also kaum unterschätzt werden. Und zwar werden während des Tiefschlafs die gelernten Inhalte (z. B. Vokabeln, Geschichten, eigene Erlebnisse) verfestigt, und während der aktiven Phasen, die auch die Traumphasen sind, werden Fertigkeiten (wie Schwimmen, Radfahren usw.) verfestigt. Das heisst: Genügend Schlaf zur richtigen Zeit und in der richtigen Qualität ermöglicht es dem Gehirn, das Gelernte zu festigen. Offenbar hilft bereits eine kurze Tiefschlafphase über Mittag, um in einem Gedächtnistest besser abzuschneiden.

Umgang mit Sexualität lernen

Jugendliche entdecken zwischen 15 und 18 die ausgelebte Sexualität mit Geschlechtsverkehr. 66 Prozent der 17-jährigen Mädchen deutscher Herkunft sind bereits sexuell erfahren, bei den Mädchen mit Migrationshintergrund sind es 44 Prozent. (15) Lehrpersonen haben es also mit jungen Menschen zu tun, die Sexualität leben – und dies meistens in treuen Beziehungen. Innerhalb einer Generation hat zwischen 1970 und 1990 eine starke Veränderung in der Einstellung zur Sexualität stattgefunden. Treue ist wichtiger geworden, die Selbstbestimmung der Mädchen gegenüber den Jungen ist gewachsen. Die Zustimmung der Eltern zu gelebter Sexualität ist in diesem Zeitraum entsprechend grösser geworden, mehr Jugendliche als früher können ihre Sexualität zu Hause leben. Rund die Hälfte der jungen Frauen und ein Drittel der jungen Männer geben an, in einer festen Partnerschaft zu leben. (15a) Der Anteil der jungen Männer, die ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einer festen Partnerin erleben, nimmt deutlich zu. (15b)

Verändert hat sich die Thematik der sexuellen Orientierung (homosexuell, bisexuell, heterosexuell, trans, queer, pansexuell, asexuell). Darüber wird aktuell sehr viel offener und häufiger gesprochen als noch vor 10 Jahren.

Was sich nicht verändert hat: Jugendliche reden über ihre Sexualität nicht so gerne mit Erwachsenen. Sie orientieren sich im Internet und in Jugendzeitschriften. Barbara Sichtermann (16) schreibt dazu: «Es gehört zu den unglücklichsten Missverständnissen im Verhältnis der Generationen, Eltern unter den Verdacht mangelnder Aufklärung und Anleitung zu stellen, sobald die heranwachsenden Kinder mit ihrer Sexualität in Konflikte geraten. In Wahrheit sind die Eltern auf diesem Felde weitgehend einflusslos.» Und persönlich würde ich anfügen: «Ebenso die Lehrpersonen.»

Denn Sexualität ist ein Thema, das Jugendliche für sich selbst und untereinander entdecken wollen und müssen. Im Rahmen der immer wieder geforderten sexuellen Aufklärung sollten wohlmeinende und unverkrampfte Erwachsene Themen rund um Sexualität ansprechen: Verhütung, Krankheiten und die Legalität (Pädophilie, Gewaltdarstellungen, vor allem auch im Zusammenhang mit dem Internet). Moralische und ethische Fragen liessen sich wohl, falls gleichberechtigt möglich, am ehesten im Zusammenhang mit ethischen und moralischen Fragen ganz allgemein diskutieren – aber Fragen zur Sexualpraktik und Einstellung zur Sexualität an sich gehören ganz klar den Jugendlichen unter sich und haben im Schulzimmer nichts zu suchen. Ausser natürlich in Form von Informationsmaterialien, die frei zugänglich sein sollten, damit die Jugendlichen sich bei Bedarf und unbeobachtet informieren können. Wichtige Webseiten in diesem Zusammenhang sind: www.feel-ok.ch und www.147.ch.

Sozial- und Selbstkompetenzen entwickeln

Die Eltern-Kind-Beziehung ändert sich im Laufe der Entwicklung ständig. Von der vollständigen Abhängigkeit als Säugling bis zur Selbstverantwortung des Erwachsenen führt ein weiter und schwieriger Weg, der sich aus der Sicht des Kindes als Selbstwerdungsprozess und aus der Sicht der Eltern als Prozess des Los- und Überlassens und des Zutrauens präsentiert. Im Idealfall wird dieser Weg in kontinuierlichem Aufeinanderbezogensein und in kleinen, ebenmässigen Schritten begangen. Kommt es zu unterschiedlich grossen Schritten, zu massiven Verzögerungen oder Beschleunigungen auf der einen oder anderen Seite, führen diese zu Spannungen und eventuell zu grösseren Entladungen.

Aus diesem Prozess der Ablösung und des emotionalen Rückzugs aus der elterlichen Familie ergibt sich notwendigerweise die Hinwendung zu Gleichaltrigen. Während die Familie eine nicht selbst gewählte Zwangsgemeinschaft darstellt, bieten die Cliquen und Gruppen, in denen sich Jugendliche so gerne bewegen, freiwillige Kontakte. Hier können sie Beziehungen unter ihresgleichen pflegen und ihre Wirkung auf andere immer wieder testen. Dabei ist das Zusammensein wichtiger, als gemeinsam etwas zu unternehmen. Auch einfach nur rumzuhängen und zu chillen ist beliebt, leider finden sich dafür an vielen Orten wenige öffentliche Räume ohne Konsumzwang. Meistens ist die Clique das Übergangsstadium zwischen der familiären Beziehung und der Paarbeziehung. Die Gleichaltrigen bilden ein wichtiges Lernfeld, um soziale Beziehungen einzuüben. Hier werden Freundschaften gepflegt, Rücksichtnahme und Toleranz geübt. Aber auch Isolation, Ausgrenzung und Konkurrenz oder Intrigen gehören zum sozialen Leben, sie sind inzwischen auch in den Social Media angekommen und führen im Extrem zu Cybermobbing. Erwachsene sollten sich in dieses Gruppenleben nicht einmischen. Hingegen kann ein Gespräch darüber, was die Gruppe (analog oder digital als Community) so wichtig macht und warum gewisse Individuen darin eine stärkere oder schwächere Stellung einnehmen, die Jugendlichen dabei unterstützen, dass sie ihren eigenen Platz finden.

Werte wie Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen bei Jugendlichen an erster Stelle. 89 Prozent finden es besonders wichtig, gute Freunde zu haben, 85 Prozent, einen Partner zu haben, dem sie vertrauen können, und 72 Prozent, ein gutes Familienleben zu führen.

Fast zwei Drittel der Jugendlichen legen großen Wert auf den Respekt vor Gesetz und Ordnung, und viele wollen fleißig und ehrgeizig sein. Wichtiger als in den vorigen Studien ist ihnen die Bereitschaft zum umwelt- und gesundheitsbewussten Verhalten. Dagegen haben materielle Dinge wie Macht oder ein hoher Lebensstandard eher an Bedeutung verloren. Sehr viele Jugendliche finden es wichtig, «die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren». (17a) Während junge Männer eher lockere Freundschaftsnetze pflegen und bei ihnen die gemeinsamen Aktivitäten (auch Gamen) im Vordergrund stehen, suchen sich junge Frauen Gesellschaft zum Reden, Shoppen und Chatten. Zu einer stärkeren Verweigerungshaltung gegenüber der Erwachsenenwelt führen die Kontakte mit Gleichaltrigen nur dann, wenn die Eltern für die Jugendlichen bedeutungslos geworden sind. (18a) Jugendliche können demnach erst dann von Gleichaltrigen negativ beeinflusst werden, wenn ihr Verhältnis zu den Eltern beschädigt ist. Dieser empirische Befund dünkt mich äusserst wichtig für Lehrpersonen. Er bedeutet, dass Jugendliche, die sich von einer Gleichaltrigengruppe zu kriminellem oder gewalttätigem Handeln verleiten lassen, ein Vakuum in der Beziehung zu vertrauenswürdigen Erwachsenen haben. Und dies bedeutet für die Lehrpersonen, dass sie möglicherweise die Einzigen sind, die imstande wären, diese Leerstelle zu füllen, wenn sie eine Vertrauensbeziehung aufbauen könnten.

In der Ausbildung und im Berufsleben werden die Jugendlichen intensiv mit dem Thema Teamarbeit und Zusammenarbeit konfrontiert. Häufig stehen sie zum ersten Mal vor der Aufgabe, mit Erwachsenen und anderen Jugendlichen verbindlich und professionell zusammenzuarbeiten. Da das berufliche Selbstvertrauen oft noch klein und das Bedürfnis nach Abgrenzung und Unabhängigkeit gross ist, gelingt das nicht auf Anhieb. Um das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln, brauchen Jugendliche wiederholt das Erlebnis, dass sie zu einem gemeinsamen Werk einen wesentlichen Beitrag leisten und einer Sache zum Erfolg verhelfen können. Rückschläge und Fehlverhalten müssen dabei in Kauf genommen werden. Die Aufgabe der Lehrperson ist es, die Jugendlichen im Bereich Sozial- und Selbstkompetenzen zu fördern.

Sozial- und Selbstkompetenzen

Zu den Sozial- und Selbstkompetenzen werden diejenigen Fähigkeiten gezählt, die es Menschen ermöglichen, den Umgang mit sich selbst und mit anderen positiv zu gestalten. Je nach Kontext werden in diesem Zusammenhang häufig und primär Kommunikations-, Konflikt- oder Teamfähigkeit oder Belastbarkeit genannt.

Um aufzuzeigen, welche Bandbreite Sozial- und Selbstkompetenzen umfassen, habe ich sie in meinem Buch «Soft Skills fördern» (19) in sechs Bereiche unterteilt (1 Entwicklungsfähigkeit, 2 Emotionale Kompetenz, 3 Wirkung, 4 Kommunikative Kompetenz, 5 Beziehungskompetenz und 6 Gruppenkompetenz). Aus diesen 6 Bereichen sind im Zusammenhang mit den Entwicklungsaufgaben Jugendlicher die folgenden acht Soft Skills besonders relevant.

Identität (2.1 aus dem Kapitel emotionale Kompetenz)

•Sich selbst kennen mit den eigenen Stärken und Schwächen

•Sich realistisch einschätzen

•Selbstvertrauen haben

•Sich eine eigene Meinung bilden und diese vertreten

•Sich durchsetzen können

Selbstständigkeit (2.3 aus dem Kapitel emotionale Kompetenz)

•Eigene Entscheide treffen

•Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen

•Eine Arbeit ohne fremde Hilfe planen und durchführen

•Sich eigene, realistische Ziele setzen

•Falls nötig, geeignete Hilfe heranziehen

•Naheliegendes erkennen

Selbstdisziplin (2.2 und 2.4 aus dem Kapitel emotionale Kompetenz)

•Leistungsbereitschaft zeigen

•Verpflichtungen eingehen und Regeln einhalten

•Frustrationstoleranz

•Belastungsfähigkeit

•Aufgaben zuverlässig erfüllen

Flexibilität (aus Kapitel 1 Entwicklungskompetenz)

•Sich auf neue Situationen einstellen

•Gewohntes hinterfragen

•Umdenken

•Verschiedenes nebeneinander erledigen

•Offen sein für neue oder ungewohnte Ideen

•Von einer Aufgabe zur andern wechseln

Kreativität (aus Kapitel 1 Entwicklungskompetenz)

•Lösungen für Probleme finden

•Neue Möglichkeiten ausprobieren

•Improvisieren können

•Fantasievolle Ideen haben

•Mut zeigen für Ungewohntes

•Mit wenig viel bewirken können

Kommunikationsfähigkeit (aus Kapitel 4 Kommunikationskompetenz)

•Sich verständlich ausdrücken

•Nicht vorschnell werten und interpretieren

•Komplimente akzeptieren

•Emotionen zum richtigen Zeitpunkt einbringen

•Nachfragen, falls etwas nicht verständlich ist

•Zuhören können

Teamfähigkeit (aus Kapitel 5 Gruppenkompetenz)

•Sich öffnen für einen toleranten, vielseitigen Umgang mit Andersdenkenden, Benachteiligten und Menschen aus andern Kulturen

•Zuhören können

•Getroffene Entscheide akzeptieren

•Mit anderen zusammen Lösungen erarbeiten

•Schwächen oder Fehler eingestehen können

•In einer Gruppe zurückstehen können

•Rücksicht nehmen

•Sich als aktives Mitglied der Gemeinschaft verstehen

Konfliktfähigkeit (aus Kapitel 3 Wirkungskompetenz und Kapitel 5 Beziehungskompetenz)

•Nein sagen können

•Andere Meinungen akzeptieren

•Auf Kritik angemessen reagieren

•Spannungen erkennen und ansprechen

•Unerwünschte Kontakte unterbinden

•Seine eigene Meinung vertreten

•Verbale und nonverbale Verletzungen wahrnehmen

Diese Soft Skills können nicht in separaten Lektionen als Pflichtfächer eingeübt werden. Sie müssen vielmehr während des Unterrichts zugetraut und gefördert werden, indem der ganze Unterricht so gestaltet wird, dass immer auch Soft Skills mitgefördert werden. (20a) Wesentlich ist dabei, die Merkmale eines aufbauenden Entwicklungsklimas zu beherzigen. Detailliertere Informationen zu diesen Merkmalen finden Sie in den Zusatzmaterialien auf www.hep-verlag.ch.

Diese Fähigkeiten können nicht in separaten Lektionen als Pflichtfächer eingeübt werden. Sie müssen vielmehr während des Unterrichts zugetraut und gefördert werden, indem der ganze Unterricht so gestaltet wird, dass er ohne diese Fähigkeiten nicht funktioniert. (20a)

Lernen

Das Lernen verändert sich im Verlaufe des Lebens. Während das Kind unvoreingenommen und neugierig auf Unbekanntes zugeht, sind Erwachsene oft sehr vorbelastet und geprägt von negativen Lernerfahrungen. Jugendliche in der Pubertät (zwischen 13 und 16) sind nach den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologen kaum schulbar. Sie sollten eigentlich gemäss ihrem Entwicklungsstand eher ausserhalb einer schulischen Umgebung in Projektwochen, auf Abenteuerreisen, im Kontakt mit der Erwachsenenwelt gebildet werden. Stattdessen verlieren sich gerade sozial und intellektuell Schwächere beim Gamen und in den Social Media und verpassen dabei neben dem Lernen auch wichtige Erfahrungen im sozialen Umgang mit andern. Lehrpersonen berichten bei der heutigen Generation von 16-Jährigen häufig von mit sich selbst schnell zufriedenen Jugendlichen, die erwarten, dass sich Erfolg sofort einstellt, und die nicht bereit sind, dranzubleiben und zu üben. Warten und Passivität ertragen sie schlecht, sie sind sich Zappen und permanente Berieselung gewohnt. Wenn sie dann in die Berufsausbildung oder in die Mittelstufe des Gymnasiums kommen, haben sie oft den totalen Schulverleider und wollen so schnell wie möglich raus aus dieser für sie einengenden Welt. Aber zum Glück für uns Lehrpersonen verbessert sich die Lernleistung wieder, und 16-Jährige sind zunehmend bereit, ihr eigenes Lernen zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen.

Die neuere Forschung im Bereich Lerntheorien und Lernphysiologie zeigt, wie unterschiedlich Menschen lernen. Demnach ist das Lebensalter ein wichtiger Faktor beim Lernen. Und zwar keineswegs gemäss dem Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr»; vielmehr hat jedes Alter seine eigenen Stärken beim Lernen. Detailliertere Informationen zum Lernen von Kindern und Erwachsenen finden Sie bei den Zusatzmaterialien auf www.hep-verlag.ch.

Jugendliche zwischen 16 und 18 stehen, was das Lernen angeht, zwischen dem Lernen als Kind und dem Lernen als Erwachsenen. Sie haben verschiedene Fähigkeiten des Erwachsenen noch nicht und bringen doch bereits Lernerfahrungen mit, die sich verfestigt haben. Sie haben üblicherweise noch kaum Verantwortung für ihr Lernen und ihr Leben übernommen, sondern sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und ihrem eigenen Lebenssinn. Ihr Gehirn befindet sich in einer Umbauphase. Sie können überraschend schnell etwas lernen, wenn sie ganz davon begeistert sind (ob Sport oder Hobby, Computer oder Handwerk). Und ihr Gehirn reagiert ebenso schnell auf die entsprechenden Impulse. Unstimulierte Bereiche dagegen entwickeln sich kaum. Deshalb ist es äusserst wichtig, dass Jugendliche positive Gefühle und Erfolgserlebnisse beim Lernen haben, um die Entwicklung des Gehirns zu fördern.

Lernen von andern

Jugendliche sind empfänglich und sehr beeinflussbar. Die Meinung anderer hat höchste Wichtigkeit für das Selbstkonzept. Die Familie wird als soziales Lernfeld genutzt (was Eltern oft ziemlich fordert), und in der Schule und unter Gleichaltrigen werden Abgrenzungsmerkmale (zum Beispiel Kleidung, bevorzugte Musikrichtung) bedeutsam. Die Medien bekommen mehr Gewicht, und es steigt das Interesse an geselligem Zusammensein. Anerkennung, Dazugehören, Ausgrenzung und Herabsetzung spielen eine wichtige Rolle. Jugendliche nutzen digitale Medien völlig selbstverständlich. «Jugendliche, insbesondere aus bildungsnahen Lebenswelten, sind überzeugt, dass der ‹richtige› Umgang mit digitalen Medien Kompetenzen erfordert und dass man diese lernen muss – dazu gehört nicht nur die Nutzung von Geräten, sondern auch die Souveränität, sie ausschalten zu können.» (3b)

Kognitive Leistung

Die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit nimmt im Laufe des Jugendalters zu, Kinder verarbeiten noch lange nicht so schnell wie Erwachsene. Die neueste Gehirnforschung zeigt, dass die Höchstleistung in einem regelmässig geübten Gebiet (ob Schach oder Bogenschiessen) nach etwa 20 Jahren regelmässigen Übens auftritt. Jugendliche haben viel Übung darin, sich auf ihr Umfeld einzustellen, es zu entschlüsseln und einzufordern, was sie für ihr Überleben brauchen. Deshalb sind sie neugierig und lieben es, zu knobeln und zu rätseln. Noch fehlen aber vielfältige Erfahrungen und Kenntnisse, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen und Fakten in ihrer Bedeutung zu erkennen. Kindern fehlt weitgehend die Möglichkeit, Hypothesen zu formulieren und über abstrakte Bereiche und Konzepte nachzudenken. Erst ab dem zwölften Lebensjahr ist ein Mensch in der Lage, neues Wissen ohne ständigen Rückgriff auf konkrete Erfahrung logisch abzuleiten. Die Fähigkeit zur Vernetzung und zur Entschlüsselung komplexer Situationen steigt, kann deshalb aber noch lange nicht einfach vorausgesetzt, sondern muss vielfach geübt werden. Dass Jugendliche das können, zeigen sie beim Gamen, wo sie oft sehr konzentriert probieren und üben, um einen höheren Spiellevel oder verbesserte Fähigkeiten für ihren Avatar zu erlangen. Allerdings erfolgt hier das Feedback auf den Übungsversuch unmittelbar, sachlich und eindeutig. Daraus könnten Lehrpersonen folgern, dass das Ermöglichen von schnellen Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen mittels bewältigbaren Aufgabenstellungen erfolgsversprechend sein könnte, um die Jugendlichen zum Üben zu veranlassen.

Emotionale Leistung

Bei Jugendlichen ist der Einfluss des Frontallappens im Gehirn, der für die Hemmung und Steuerung von Gefühlen zuständig ist, vorübergehend eingeschränkt. (21) Deshalb reagieren Jugendliche oft impulsiv, ohne die Konsequenzen ihres Handelns richtig zu durchdenken. Auch nimmt bei pubertierenden Jugendlichen die Fähigkeit ab, Emotionen bei andern zu erkennen. Die Entwicklung des Frontallappens ist erst nach dem 20. Lebensjahr abgeschlossen, und erst voll entwickelte Gehirne erkennen Stimmungen und Gefühle aus Mimik und Gestik. Das bedeutet, dass Jugendliche egozentrisch und gefühllos handeln können, weil sie schlicht keine Empathie aufbringen können. Die Fähigkeit zur Empathie kommt im Verlaufe der Zeit wieder, sobald die Gehirnentwicklung einen gewissen Reifezustand erreicht hat. Dies heisst aber auch, dass Empathie und Einfühlung trainiert werden müssen, damit sich die entsprechenden Gehirnstrukturen entwickeln. Auch haben Jugendliche noch wenig Erfahrungen mit Identitäten und wissen wenig vom Werdegang grosser Persönlichkeiten. Sie fangen erst an, sich dafür zu interessieren, wie aus einem Menschen im Verlaufe seiner Biografie ein einmaliges Individuum entsteht. Das Verständnis für Schwächen anderer ist wenig ausgebildet, und Jugendliche sind fest davon überzeugt, es einmal besser zu machen als diese unvollkommenen Vorbilder, die wir Erwachsenen für sie sind.

Lernen als Herausforderung und Spiel

Positives Klima

Das Gehirn speichert die Gefühle beim Lernen mit dem Lerninhalt gemeinsam ab. Wird in schäbigen Klassenzimmern, in einer konfliktträchtigen Umgebung gelernt, sind die Lehrpersonen lustlos und abwertend, kann der Lernstoff kaum dauerhaft im Gedächtnis verankert werden. Was unter Angst gelernt wird, bleibt oft lebenslang mit Angstgefühlen verbunden. Spass am Lernen fördert also eher die Motivation, weiterzulernen, was wiederum zu Erfolgserlebnissen führt und Spass macht. Eine positive Lernspirale kommt in Gang. Die Lernforscher konnten überdies beweisen, dass Lernen am besten gelingt, wenn Druck und Stress wegfallen. Jugendliche müssen also (wie alle, die etwas lernen sollen oder wollen), positiv angesprochen werden, damit ein Lerneffekt erreicht wird. Erfolgserlebnisse spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren und wie Lerndoping wirken.

Aktiv lernen

Lernprozesse sind umso nachhaltiger, je mehr die Lerninhalte mit konkreten Tätigkeiten verbunden werden. Indem Lernende selbst aktiv werden, durch aktives Denken und Formulieren, werden im Gehirn neue Nervenschaltungen gebildet. Selbsttun ist also notwendige Voraussetzung für das Lernen. Aktiv lernen heisst auch: aktiv mitdenken, kritisch hinterfragen, mit Interesse bei der Sache sein. Wenn Sie diesen Text mit Interesse lesen, gleichzeitig innerlich Beispiele suchen für die gelesenen Sachverhalte und Behauptungen und mit der Autorin in einen inneren Diskurs treten, verändert sich Ihr Gehirn physisch. Das, was in diesem Augenblick in Ihrem Gehirn angelegt wird, wird reaktiviert und erweitert, sobald Sie sich in Zukunft wieder an das Gelesene erinnern.

Spielend lernen

Daraus ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Lernen als lustvolle Aktivität ist Spiel, Spielen ist Lernen. Kinder machen es uns vor, wie das geht, lustvoll und entspannt handelnd zu lernen – und wir Erwachsenen bezeichnen das als «nur spielen». Könnten wir Lernende dazu bewegen, wieder einmal zu spielen, dann wäre lebenslanges Lernen keine Drohung mit Büffeln und Pauken mehr, sondern eine Einladung zur lustvollen Weiterentwicklung.

Denn Lernen ist die natürliche Lieblingsbeschäftigung unseres Gehirns. Um lustvoll und spielerisch zu lernen, müssen wir Interesse entwickeln, eine Beziehung zum Lernstoff aufbauen. Diese Beziehung, dieses Interesse führt uns dann vom Aufnehmen zum Lernen, indem wir das Gehörte oder Gelesene mit anderen Erkenntnissen in Zusammenhang setzen und damit eine innere Vorstellung vom Stoff aufbauen. Und erst wenn wir in unserer Begeisterung für den Lernstoff unsere Erkenntnisse mit jemand anderem geteilt haben, unsere Zusammenfassung also weitergegeben haben, ist aus dem «Mal-gelesen- oder Mal-gehört-Haben» etwas Gelerntes geworden.

Die Ergebnisse der modernen Lernforschung belegen diese Aussagen klar. Die Gestaltung einer stressfreien Lernumgebung, die Bereitstellung lernförderlicher Rahmenbedingungen, die Aktivierung der Lernenden sind wesentlich bedeutsamer und lernwirksamer als perfekte Präsentationstechniken der Lehrpersonen. Die folgenden sieben Merkmale ermöglichen ein aufbauendes Entwicklungsklima:

•Anerkennend

•Ressourcenorientiert

•Beziehungsorientiert

•Ohne Druck

•Wertebasiert

•Involvierend

•Selbstständigkeit fördernd (20b)

Mit der Schule kooperieren

Eine spezifische Schwierigkeit beim Lernen von Jugendlichen besteht darin, dass sich die Erwartungen der Schule üblicherweise weit von den Eigenheiten des jugendlichen Lernens wegbewegen. Diese Diskrepanz ist der Anlass, um in Kapitel 3 grundsätzlich über Unterrichtsgestaltung nachzudenken und im zweiten Teil dieses Buches die Lernformen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Übertriebene Erwartungen der Schule

Die Erwartungen, die an einen idealen Lernenden gestellt werden, hat Rolf Göppel (18, S. 179 f.) sehr anschaulich und vollständig ausgeführt. Ich lehne mich eng an seine Darstellung an.

Eine Ausbildungsinstitution erwartet von einem idealen Lernenden:

1.Wohlwollen und grundsätzliches Interesse gegenüber Bildung im Allgemeinen und der Schule im Speziellen

2.Respekt und Anstand, Freundlichkeit und konstruktive Zusammenarbeit gegenüber Lehrpersonen

3.Fragloses Akzeptieren der Rolle als Lernender und Lernbedürftiger

4.Aufmerksame und konzentrierte Mitarbeit im Unterricht

5.Bereitschaft, sich auf alle Unterrichtsinhalte einzulassen

6.Argumentative Fähigkeiten und kritisches Bewusstsein gegenüber dem Stoff

7.Hilfsbereitschaft innerhalb der Klasse

8.Effektive Lern- und Arbeitstechniken

9.Fähigkeit zum Auftreten und Präsentieren vor der Klasse

10.Engagement auch ausserhalb der Unterrichtszeit bei Hausaufgaben

11.Beharrungsvermögen und Zielstrebigkeit, um auch langfristige Lernziele zu erreichen

12.Akzeptieren der Zielsetzungen und Prioritäten, die die Lehrperson im Rahmen des Lehrplans setzt

13.Bereitschaft, es hinzunehmen, dass alle Lernleistungen beständig kontrolliert, verglichen, bewertet und benotet werden

14.Bereitschaft zur ständigen Verbesserung der Lernleistung

15.Realistische Selbsteinschätzung

Um diesen idealen Erwartungen zu entsprechen, müssten die Jugendlichen ihre Entwicklungsaufgaben bereits gelöst und die Sozial- und Selbstkompetenzen vollumfänglich zur Verfügung haben. Das kann aber niemals von 16-Jährigen erwartet werden. Nach der obligatorischen Schulpflicht ist es höchstens möglich, die Jugendlichen nach und nach mit diesen Erwartungen zu konfrontieren und sie bei der Erfüllung zu unterstützen. Die Aufgabe von Lehrpersonen ist es, dabei wirklich schrittweise zu verfahren und wohlwollend mit Rückschlägen und Misserfolgen umzugehen.

Disziplinprobleme als Folge

Disziplinprobleme entstehen vor allem aus der Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Schule an die Jugendlichen und deren tatsächlichen Fähigkeiten. Die Ursachen für Arbeits- und Motivationsstörungen, die sich dann in Disziplinlosigkeit und Störung des Unterrichts auswirken, sind im Wesentlichen

•Mangelndes Selbstvertrauen

•Mangelnde Sozialkompetenz

•Unrealistische Ziele und Vorstellungen

•Ungünstige Arbeitsstile und Lerndefizite

•Hohe Ablenkbarkeit

•Unrealistische Selbsteinschätzung

Gegen diese Ursachen kommen Lehrpersonen bloss an, wenn sie

•ehrlich und kontinuierlich Wertschätzung zeigen,

•Erfolgserlebnisse ermöglichen,

•Hilfestellungen bieten bei der Lern- und Arbeitstechnik (Zielsetzungen, Lernplanung, Zeitplanung, Prioritätensetzung, Lernorganisation, Lernen auf Prüfungen),

•Sozialkompetenzen einüben lassen (Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Kooperation),

•regelmässig Rückmeldung und Bestätigung geben,

•da anknüpfen, wo Jugendliche interessiert sind (Social Media, Games, Peer-group, Fragen der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit, Bezug zur eigenen Lebensrealität).

Aufgrund ihres Entwicklungsstandes sind Jugendliche nicht in der Lage, objektiv und sachlich am Unterricht teilzunehmen und ihre persönlichen Probleme aussen vor zu lassen. Sie sind beschäftigt mit ihrer Sexualität und dem Einfluss der Gleichaltrigen. Sie haben oft zu wenig geschlafen und sind schlecht ernährt, sind durch Medien und Werbung abgelenkt und können selbst nicht erkennen, dass sie noch nicht erwachsen sind.

Jugendliche Lernende weichen dem Lernen in der schulischen Umgebung gerne aus. Sie versuchen, die Erwachsenen zu ignorieren oder auszutricksen. Es sei denn, sie treffen ein erwachsenes Gegenüber, das wohlwollend, fachkundig, authentisch und engagiert das Gleichgewicht wahren kann zwischen Fach, Klassenklima und den beteiligten Persönlichkeiten. Weder Gleichgültigkeit (die sich in fehlendem Feedback und unpersönlicher Interaktion äussert) noch emotionslose Fachlichkeit noch überhebliche Anspruchshaltung können die Jugendlichen aktivieren.

Deshalb müssen ihnen die Lehrpersonen hier entgegenkommen und immer wieder Einfluss nehmen, indem sie Lerngelegenheiten und Gesprächsmöglichkeiten bieten, auf dem Einhalten von Vereinbarungen bestehen und Fehlern wohlwollend begegnen. Und aus genau diesem Grund ist Erziehung aus dem Unterricht mit Jugendlichen nicht wegzudenken, sondern gehört noch dazu. Erziehung, verstanden als gezielte Einwirkung auf die Jugendlichen, um sie in ihrem Erwachsenwerden zu fördern. Darüber mehr im nächsten Kapitel.

Wenn die Lehrperson sowohl die persönliche wie auch die fachliche Entwicklung fördert, dann sind Jugendliche realistischerweise in der Lage,

•Interesse am Lernstoff aufzubringen,

•Regeln zur Zusammenarbeit mitzubestimmen und einzuhalten,

•mit andern kooperativ zusammenzuarbeiten,

•das eigene Lernen zu lernen,

•die eigene Leistung zu reflektieren,

•zunehmend Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen.


Kapitel 3

Pädagogische Leitlinien für den Unterricht

«Wenn du einen Menschen etwas lehren willst, wird er es niemals lernen.»

George Bernhard Shaw

Schulisches Umfeld

Jugendliche brauchen Klarheit, Sicherheit und Vertrauen. Sie schätzen es, wenn sie Freiräume haben und ernst genommen werden. Diese Bedürfnisse sind im Schulareal zu berücksichtigen. So sollte es Räume geben, wo man in Ruhe arbeiten kann, und es sollte klare Regeln geben, wo welche Aktivitäten gewünscht sind.

Das gesamte Team einer Ausbildungsstätte einschließlich Schulleitung und Mitarbeitende von zentralen Diensten sollten sich einig sein darüber, welche Normen und Regeln ganz grundsätzlich gelten. In Bezug auf die räumlichen Gegebenheiten kann dies eine Hausordnung sein, die Auskunft gibt darüber, was wo erlaubt ist und welche Regeln im Umgang mit der Infrastruktur gelten. In Bezug auf die didaktischen und pädagogischen Leitlinien ist ein Leitbild hilfreich, das die Unterrichtsformen, die Zusammenarbeit mit Aussenstehenden sowie die eigenen Qualitätsgrundsätze enthält. Alle Erwachsenen sollten sich klar gegen disziplinloses Verhalten aussprechen.

Die Kommunikationskultur aller Instanzen der Schule untereinander sollte offen, Austausch unter den Lehrpersonen und der Schulleitung und Zusammenarbeit aller mit allen sollten selbstverständlich sein. Lernende sollten die Möglichkeit haben, bei Problemen mit Verbesserungsvorschlägen etwas zum Schulklima beizutragen.

Jugendliche können nicht trennen zwischen privat und beruflich, zwischen persönlich und professionell. Die Übergänge zu Freizeit, zu gesellschaftlichen Einflüssen und Aktivitäten sind fliessend. Es ergibt deshalb viel Sinn, Schulsozialarbeiter und Jugendarbeiter herbeizuziehen und mit den Eltern und anderen Ausbildenden zusammenzuarbeiten. Dafür müssen Lehrpersonen bereit sein, sich auch mit erzieherischen Aspekten auseinanderzusetzen. Das heisst, Lehrpersonen sollten alle Lernenden als individuelle Persönlichkeit mit allen Facetten wahrnehmen. Sie können sich nicht darauf beschränken, einer Klasse von 20 Lernenden dasselbe Wissen zu vermitteln. Sie haben vielmehr die Aufgabe, ganzheitlich unter Einbezug von Lehren und Erziehen individuelle Persönlichkeiten zu fördern. Zu den erforderlichen Kompetenzen einer Lehrperson gehört es, förderorientiert diagnostizieren zu können. Sehr gute Hinweise dazu finden sich im Buch von Buholzer et al. (22)

Leitlinien zur Gestaltung der Institution Schule

•Gepflegte und schöne, stimmungsvolle Schulräumlichkeiten, in denen die Jugendlichen sich wohl fühlen, beugen Zerstörungen und Schmierereien vor. Der Zugang zu allen Räumlichkeiten ist auch behinderten Lernenden und Lehrpersonen möglich.

•Es braucht genügend Räumlichkeiten, die Gruppenarbeiten und individuelles Arbeiten unterstützen. Der Zugang zu Informationen (Mediathek) ist möglichst offen, denn restriktive Öffnungszeiten behindern die Nutzung.

•Alle Erwachsenen halten sich ausnahmslos an Hausordnung, Leitbild und sonstige schulübergreifende Regelungen. Die Lehrpersonen haben die volle Unterstützung der Schulleitung und des Kollegiums, wenn sie Regelungen durchsetzen. Die Einführung von Kleidungsvorschriften ist sehr prüfenswert.

•Lernende sollen die Möglichkeit haben, das, was sie stört oder belastet, jederzeit zu melden, möglicherweise auch anonym. Auftauchende Probleme sollten regelmässig in den Klassen und in den Sitzungen von Schulleitung und Lehrpersonen diskutiert werden.

•Die Zusammenarbeit mit Quartier, Sozialarbeitern, Eltern, Ausbildenden und anderen verwandten Institutionen ist zu fördern.

•Jugendliche brauchen Orte, wo sie ungestört ohne Einfluss von Erwachsenen etwas ausprobieren und entwickeln können. Es braucht auch mehr Mittel für sinnvolle Tätigkeiten. Projekte im Umfeld der Schule sollten also grosszügig toleriert und unterstützt werden.

•Die Schule sollte integrativ statt ausgrenzend wirken. Jugendliche mit Lernstörungen oder sonstigen Behinderungen (z. B. Herzfehler, Hirnfunktionsstörungen, Bewegungsstörungen, Autismus, Asperger Syndrom) sollen sozial integriert werden. Individuelle Zielvereinbarungen und Förderprogramme sind hierzu ebenso wertvoll wie Klassengespräche und das Erreichen gemeinsamer Ziele. Dafür müssen Lehrpersonen die nötigen Ressourcen und Ausbildungen gewährt werden.

•Damit Lehrpersonen den individuellen Besonderheiten der Lernenden gerecht werden können, sollten sie Instrumente zur strukturierten und quantifizierbaren Beobachtung kennen, die sie im Unterricht einsetzen können.

Lernklima und Disziplin

Eine erfahrene Lehrperson hat ihre Einschätzung des Unterrichts mit 16-Jährigen folgendermassen formuliert: «Unterricht mit Jugendlichen ist ganz anders als der Unterricht mit Erwachsenen. Von Erwachsenen kann man etwas erwarten und fordern. Von Jugendlichen weniger, die muss man animieren. Die Lernenden erzählen viel und gern, das dominante Thema ist die Ausbildung selbst. Und natürlich die typischen Jugendthemen: Medien, Musik, das andere Geschlecht, die Erwachsenen. Ich muss sie mit Methoden und Sozialformen stark fordern, damit sie beim Thema bleiben und nicht einfach plaudern. Ausserdem kann ich von Erwachsenen eine bessere Selbsteinschätzung erwarten, während Jugendliche sich eher so beurteilen, wie sie denken, dass ich als Respektsperson das erwarte – oder auch mal das Gegenteil, um ihre Protesthaltung zu unterstreichen.» Damit ist viel Wesentliches gesagt.

Das persönliche Verhalten der Lehrperson ist wichtig, wenn es darum geht, dass sich Jugendliche in der Schule wohlfühlen und mitarbeiten. Jugendliche fordern von Lehrpersonen Klarheit, Konsequenz, Mut und Ehrlichkeit. Zur Disziplin gehören also (auch aus Sicht der Jugendlichen) Regeln, Sanktionen, Kontrolle und Vorbild. Im Unterricht mit Jugendlichen ist es günstig, wenn die Regeln und Sanktionen gemeinsam ausgehandelt werden. In Form von Kontrakten oder Vereinbarungen wird festgelegt, welche Normen gelten und welche Folgen Übertretungen haben sollen. Der Lehrperson kommt dabei häufig eine ausgleichende Rolle zu, Jugendliche neigen zu Extremen. Auch sollte die Lehrperson darauf achten, dass keine Ausgrenzung, je nachdem von Ausländern oder Eingesessenen, Frauen oder Männern, Unattraktiven, Behinderten, stattfindet und die Normen realistisch sind, sodass sie weder über-noch unterfordern.

So sorgt eine gute Lehrperson gleichgewichtig für ein gutes Klima untereinander (Beziehungsprinzip) und für strukturiertes zielorientiertes Vorgehen (Ordnungsprinzip). Mehr zur Gestaltung dieser beiden Prinzipien finden Sie im Buch «Ausgeflaust – Jugendliche führen». (23a)

Ebenda sind verschiedene Stichworte im Zusammenhang mit dem Störungsmanagement (Classroom Management) detaillierter beschrieben. (23b) Störungshemmende Faktoren sind demnach: Führungswirksamkeit, Interventionen um Verhaltensmuster zu verändern sowie der präventive Umgang mit Lernkillern/Lernverhinderern.

Untersuchungen zum Verhalten von Lehrpersonen, die weniger Disziplinproblemen begegnen, haben gezeigt, dass diese Lehrpersonen totale Präsenz zeigen. Sie bewegen sich im ganzen Raum und gehen näher zu störenden Lernenden hin. Auf Störungen reagieren sie, ohne viel zu reden, beiläufig und häufig nonverbal, da diese Lehrpersonen auch bei der Beschäftigung mit der einen Gruppe die anderen Lernenden nicht aus den Augen lassen. Ihr Unterrichtsfluss funktioniert reibungslos und mit Schwung, die Lehrperson unterbricht sich nicht selbst, sondern bleibt beim Thema. Alle Geräte funktionieren, und Übergänge werden geplant und vorbereitet, sodass die Lernenden nicht warten müssen. (24) Vorrang hat immer der Lernprozess der gesamten Gruppe – Störungen werden so weit wie möglich so behandelt, dass sie den Lernfluss nicht stören.

Folgende Schritte bewähren sich grundsätzlich, wenn es darum geht, Disziplin zu fördern:

•Beobachtung des Lernenden durch die Lehrperson.

•Vertrauliches Gespräch mit dem Lernenden, in dem die Beobachtungen thematisiert und Ziele schriftlich vereinbart werden. Ein Gesprächsprotokoll kann in schwerwiegenden Fällen an andere Ausbildende oder Eltern gehen, mit Einverständnis des Lernenden.

•Abschlussgespräch, falls eine positive Veränderung eingetreten ist, oder Konfrontationsgespräch, wenn die Ziele nicht eingehalten wurden. Im Konfrontationsgespräch werden Termine gesetzt und Sanktionen angedroht. Solche Sanktionen sollten unter Kollegen und mit der Schulleitung abgesprochen und diskutiert werden.

•Werden die Ziele wiederum nicht eingehalten, müssen Fachpersonen hinzugezogen werden. Wann immer möglich, keinen Ausschluss vollziehen, Jugendlichen wird dadurch meistens nicht geholfen.

Vom Umgang mit Gewalt

Dass der Stärkere Gewalt anwenden darf und dass Gewalt ein normales Mittel ist, um Probleme zu lösen, wird täglich in Familien und Medien vorgelebt. Kinder lernen heute sehr früh, sich von den durch Gewaltszenen entstehenden Emotionen innerlich zu distanzieren. Sie sind abgebrüht und nehmen diese Handlungen nicht als Realität wahr. Wenn sie dann Zeugen werden von tatsächlicher Gewalt, verleitet sie diese abgebrühte Haltung zur Neugierde oder passivem Zuschauen oder Anfeuern – dass das Opfer dabei Schmerz und Leiden erfährt, wird ausgeblendet. Diese Dynamik wird durch brutale Computerspiele noch unterstützt.

Jugendliche halten Tätlichkeiten untereinander oft für harmlos, verglichen mit den Gräueltaten und Gemeinheiten, die sich Erwachsene täglich antun. Bis jetzt hat die Erwachsenenwelt aus Sicht der Jugendlichen nicht bewiesen, dass sie es besser machen kann. Auch viele Lehrpersonen sind in den Augen der Jugendlichen emotional keine Vorbilder. Die Jugendlichen verdienen von den Erwachsenen entschieden mehr Klarheit, mehr Konsequenz, mehr Mut und mehr Ehrlichkeit.

Jugendliche brauchen klare Regeln und Verhaltenscodes. Das Einhalten dieser Regeln muss überwacht werden. Übertretungen von Regeln müssen sanktioniert werden. Verhaltenscodes werden nur dann respektiert, wenn Erwachsene sie auch durchsetzen wollen und notfalls ein Risiko dabei eingehen. Deshalb sollten sich Erwachsene nicht verstecken. Und Lehrpersonen sollten besser Teamarbeit vorleben, statt untereinander Krieg zu führen. Wenn die Medien über Gewaltdelikte in der Erwachsenenwelt berichten (was sie ja leider gerne und oft sehr detailreich tun), sollten solche Missetaten thematisiert und klar abgelehnt werden. Erwachsene sind unglaubwürdig, wenn sie die eigene Gewaltbereitschaft tabuisieren, die Gewalt bei Jugendlichen dramatisieren und gleichzeitig Gewalt in Filmen und Medien mehr oder weniger versteckt und fasziniert zur Kenntnis nehmen.

Wo Gewalt gezeigt wird (Filme, Zeitungen, Internet), sollte gleichzeitig das Leiden der Opfer thematisiert werden. Jugendliche können sich häufig nicht vorstellen, was Schmerz und Leid für andere bedeuten. Sie müssen die Empathie für Schwächere erst (wieder) lernen.

Viele Unterrichtsmaterialien und Tests im Zusammenhang mit Gewalt finden sich auf der Webseite feel-ok.ch. (25a)

Leitlinien zur Steuerung des Lernklimas

•Der Unterricht sollte die Neugierde fördern, Erfolge ermöglichen und die Lernenden beim Erreichen ihrer Lernziele unterstützen. Alle Massnahmen sind diesem Grundsatz unterzuordnen.

•Kontrakte zu Beginn einer Ausbildung, gemeinsam mit den Lernenden erstellt, sind ein Muss. Damit wird eine Grundlage geschaffen, auf der eine Klasse auch länger gut zusammenarbeiten kann. Alle Lehrpersonen einer Klasse müssen die im Kontrakt getroffenen Abmachungen kennen und sich auch selbst daran halten.

•Solange eine Klasse noch keine Vertrautheit untereinander und mit der Lehrperson entwickelt hat, sind Gruppenarbeiten mit viel Umsicht einzusetzen. Es besteht nämlich die Gefahr, dass sich aus der Kindheit mitgebrachte Verhaltensmuster weiter verfestigen statt altersgerechteren Formen von Kooperation Platz zu machen.

•Gruppenarbeiten sollten mit zunehmender Vertrautheit häufiger auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit, die aufgetretenen Konflikte und die Entscheidungsfindungen analysiert und reflektiert werden. Die Art und Weise der Zusammenarbeit und der Konfliktlösung sollte durch die Lehrperson regelmässig zum Thema gemacht werden, damit die Jugendlichen Strategien zur Zusammenarbeit, zur Konfliktlösung und zur Entscheidungsfindung lernen können.

•Diskussionen unter Wahrung des gegenseitigen Respekts und respektvollen Zuhörens gehören mit zum Schulalltag, ebenso, dass Lehrpersonen Stellung beziehen und ihre eigenen Ansichten begründen.

•Die Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen braucht viel Raum, damit hier die sozialen Kompetenzen eingeübt werden können, die später im Berufsleben wichtig sind.

•Lernende machen Fehler. Diese (ob fachlicher Art oder im Sozialverhalten oder in der Arbeitstechnik) sollten klar benannt und als Ausgangslage für das weitere Lernen verwendet werden. Dabei dürfen die Wertschätzung und der Respekt sowie der gesunde Menschenverstand nicht aus dem Blickfeld geraten.

•Statt in eine Negativspirale zu geraten und Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sind Lehrpersonen als Vorbilder aufgefordert, in positive Interaktion mit den Lernenden zu treten.

Leitlinien zur Disziplin

•Alle Lehrpersonen sind Vorbilder. Nur disziplinierte und konstruktive Zusammenarbeit im Lehrkörper und Lehrpersonen, die sich an die Hausordnung halten, sind für die Lernenden glaubwürdig. Ehrlichkeit, Klarheit und mutiges Hinstehen für die gemeinsamen Normen und Werte sind unabdingbar.

•Disziplinproblemen wird am besten vorgebeugt durch entsprechendes Lehrverhalten. Allgegenwärtig sein, mehreren Tätigkeiten gleichzeitig Aufmerksamkeit schenken, Reibungslosigkeit und Schwung sowie Aktivierung der ganzen Klasse (statt Einzelner) sind Erfolg versprechende Verhaltensweisen. Auch sollte der Unterricht störungsfrei und zügig vorangehen, Jugendliche vertragen und fordern mehr Abwechslung als Erwachsene und nutzen Wartezeiten gerne für Unfug.

•Je schneller, klarer und gerechter Regelverstösse geahndet werden, umso besser. Aber die Regeln selbst müssen mit den Lernenden gemeinsam ausgehandelt werden, damit sie besser beachtet werden. Fragen Sie im Zweifelsfall die Jugendlichen direkt: «Wie würden Sie es machen, wenn Sie Lehrperson wären?»

•Auffällige Jugendliche, die die Gleichaltrigen nutzen, um Widerstand zu machen, sollten nicht sanktioniert und nach Hause geschickt werden, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Vertrauensverhältnis zu den Eltern gestört und wird durch Reklamationen seitens der Schule nicht verbessert. Eher angezeigt wäre der Versuch, diese Jugendlichen für das Mitmachen in irgendeinem Projekt zu gewinnen, um ihnen den Zugang zu möglichen Vertrauenspersonen zu öffnen.

•Eltern, Berufsbilderinnen und -bilder und Lehrpersonen müssen am gleichen Strick ziehen. Dies bedeutet, dass alle diese Personenkreise wissen sollten, welche Regeln gelten und was von den Jugendlichen verlangt wird.

•Lehrpersonen sollten auf persönliche Krisensymptome achten und gezielt eingreifen. Denn undiszipliniertes Verhalten ist oft ein Symptom einer persönlichen Krise (vgl. oben, Kapitel 2, Abschnitt «Disziplinprobleme als Folge»).

•Bei delinquentem Verhalten muss sofort Stellung bezogen werden. Die Lehrpersonen sind Vorbilder und Garanten von gesetzeskonformem Verhalten, deshalb ist es unumgänglich, sich einzumischen. Augenzudrücken hilft niemandem, besser ist die Zusammenarbeit mit Justiz und Jugendanwaltschaft.

Zum Umgang mit Gewalt

Beim Thema «Gewalt» wird unterschieden zwischen Prävention und Intervention. Für die Prävention beziehe ich mich auf ein nationales Präventionsprogramm, für die Intervention auf die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich.

Auf www.radix.ch wird auf das nationale Präventionsprogramm «Jugend und Gewalt» 2011 bis 2015 hingewiesen. In diesem Programm wurden wissenschaftliche und praxisorientierte Grundlagen zur nachhaltigen und wirksamen Gewaltprävention gebündelt.

Im Schlussbericht (27a) werden aus den folgenden Bereichen konkrete Hinweise und Empfehlungen für wirksame Programme gegeben:

•Schulmanagement (verbreitetes, störendes Verhalten, ineffektives Schulmanagement, mangelnde Klassendisziplin, ungenügende Schulhauskultur)

•Effektive Klassenführung (ineffektive Klassenführung, fehlende Disziplin im Klassenzimmer, Überforderung der Lehrperson)

•Anti-Mobbing-Programme (negatives Schulklima, Disziplinlosigkeit in der Klasse, Unterstützung der Täterinnen und Täter durch Gleichaltrige, mangelhafte Durchsetzung/Kontrolle von Regeln und Disziplinarmassnahmen in der Schule, mangelnde Hilfe für Mobbingopfer)

•Sozialkompetenztrainings (Aggressionsverhalten, geringe Empathie, schwach ausgeprägte Fähigkeit zur Lösung von zwischenmenschlichen Problemen, Impulsivität, schwach ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten, schwaches schulisches Engagement)

•Konfliktlösungs- und Peer-Mediationsprogramme (aggressives Verhalten, geringe Selbstkontrolle, mangelhafte Problemlösungsfähigkeit, eskalierende Konflikte, negative Schulhauskultur)

•Programme zur Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder

•Programme gegen Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen (Gewalt und Aggression in sexuellen Beziehungen, gewaltbefürwortende Einstellungen, fehlender Respekt in Paarbeziehungen, geringe soziale Kompetenzen, mangelnder Schutz von möglichen Opfern)

Zur Intervention bei speziellen Vorkommnissen gilt grundsätzlich «Je früher und konsequenter man gegen Gewalt einschreitet, desto eher gelingt es, Eskalationen und weitere Gewaltvorfälle zu vermeiden. Wichtig ist, dass zur Frage, wie man gegen Gewalt vorgehen soll, eine klare und von allen Mitgliedern der Schule mitgetragene Haltung eingenommen wird.» (26a)

Für jede Schule ist es empfehlenswert, ein Interventionsinventar für spezifische Situationen zu erarbeiten. Auf der Webseite der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich stopp-gewalt.zh.ch finden sich als Grundlage dafür Merkblätter zur Intervention, zu Anzeichen für verdeckte Gewalt, zur Anzeige- und Auskunftspflicht, zur Melde- und Mitwirkungspflicht im Zusammenhang mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) sowie zu Strafanzeige – ja oder nein? (Kantonspolizei Zürich)

Ausserdem finden Sie auf derselben Webseite (26a) konkrete Angaben zum Umgang mit

•Körperlicher Gewalt

•Psychischer Gewalt

•Sexueller Gewalt

•Gewalt gegen Sachen

•Selbstaggression und Suizidgefährdung

•Häuslicher Gewalt

•Gewaltdrohungen

Diese Auflistung zeigt, wie unterschiedlich sich Gewalt manifestiert oder versteckt. Umso wichtiger ist es, dass eine Schule sich gemeinsam (einschliesslich des Personals aus Administration, technischem Dienst, IT, Mensa und Schulleitung) mit dem Thema «Gewalt» beschäftigt und sich auf Regeln und Vorgehensweisen einigt, die dann von allen eingehalten werden.

Jugendkriminalität und delinquentes Verhalten treten in der Jugendzeit gehäuft auf. Jugendliche erproben Grenzen und haben das Bedürfnis dazuzugehören. Es geht dabei nicht nur um die üblichen Konflikte mit dem Verkehrsgesetz oder Sachbeschädigungen und Diebstähle; auch neuere Formen von Delinquenz wie Verbreitung von Pornografie und Gewaltdarstellungen über Handy und Internet oder Schutzgelderpressung gegenüber Gleichaltrigen und Gewaltexzesse gehören dazu.

Bei delinquentem Verhalten darf keinesfalls weggeschaut werden, um nicht stillschweigende Zustimmung zur Tat zu signalisieren. Wann immer möglich, sollen die Täter angezeigt werden. Die Zusammenarbeit mit der ganzen Schule, den Berufsbildnerinnen und den familiären Bezugspersonen ist wichtig, allfällige Opfer sollen fachkompetente Betreuung erhalten.

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9783035516531
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