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Ruth Gogoll
Wechselgeld für einen Kuss
Roman
© 2020
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-317-3
Coverfoto:
iStock.com/SrdjanPav
1
»Was für ein Mist!« Nicola suchte in den Tiefen ihrer Handtasche herum und wurde immer ungeduldiger. Und das hier an der ALDI-Kasse! Gerade eben hatte sie doch noch einen Zehner gehabt. Und mehr brauchte sie auch gar nicht. Nur diesen Zehner. Aber auf einmal war er verschwunden. Sie hatte ihn vorhin doch hier reingesteckt . . .
»Kommt da jetzt noch was, junge Frau?« Die Kassiererin schaute sie grimmig an. »Da warten nämlich noch mehr Leute.«
»Ja. Ja, ich weiß.« Unbehaglich fühlte Nicola Wärme in ihre Wangen steigen. Wie peinlich konnte es eigentlich noch werden?
»Kann ich Ihnen aushelfen?« Ein Arm schob sich an ihr vorbei und legte einen Fünfziger auf das Band, auf dem Nicolas wenige Einkäufe immer noch darauf harrten, bezahlt zu werden.
Bevor Nicola überhaupt etwas sagen konnte, hatte die Kassiererin sich den Schein schon gegrabscht und das Wechselgeld herausgegeben. Nicolas Einkäufe landeten mit fulminantem Schwung auf der anderen Seite des Bandes, in der Grube zum Einpacken.
»He, wie kommen Sie dazu –?« Nun endlich protestierte Nicola, aber als sie die Person, die ihr den Fünfziger geliehen hatte, anpflaumen wollte, blieb ihr die Luft weg. Wie sah die denn aus? Strahlende blaue Augen und darüber dunkle lockige Haare. Wie ein junger weiblicher George Clooney.
›George‹ bemerkte ihre Reaktion, und ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Sie können es mir ja zurückgeben«, sagte sie. »Aber hier bei ALDI fühle ich mich immer, als würde jemand mit einer Peitsche hinter mir stehen, weil man sich so beeilen muss. Ich hasse das.«
»Ja, ähm . . .« Nicola schluckte. »Ich auch.« Sie fühlte ein sanftes Kribbeln in sich. »Furchtbar. So viele Leute.«
»Tja.« ›George‹ grinste. »Wie wäre es denn, wenn wir irgendwo hingehen, wo weniger Leute sind?«
Das Kribbeln in Nicola verstärkte sich. Aber auf einmal kehrte ihre natürliche Mutwilligkeit zurück. »Schon meine Mami hat mir immer gesagt, ich soll nicht mit Fremden mitgehen«, erwiderte sie spitz.
»Dann stelle ich mich wohl besser vor, damit ich Ihnen nicht mehr fremd bin«, entgegnete ›George‹ lachend, während sie nebeneinander den ALDI verließen. »Lian Lorenz.« Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie ihren Namen nannte.
Das beeindruckte Nicola aber in keiner Weise. Wofür hielt diese Lian – ungewöhnlicher Name irgendwie, was sollte der eigentlich bedeuten? – sich? »Und jetzt wollen Sie meinen?«, pflaumte sie sie deshalb erneut an.
»Wäre nett«, sagte Lian. »Aber Sie müssen nicht.«
Oh mein Gott. Diese blauen Augen. Wenn die nur nicht gewesen wären . . . »Nicola«, entgegnete sie. »Das muss reichen.«
Ein amüsiertes Schmunzeln spielte um Lians Lippen. »Reicht«, sagte sie. »Fürs Erste.«
»Was meinen Sie damit: fürs Erste?«, fauchte Nicola fast. Diese Frau brachte sie einfach dazu. Sie war unmöglich. Oder vielleicht ärgerte sie, Nicola, sich auch nur darüber, dass sie ihr laut pochendes Herz einfach nicht zur Ruhe zwingen konnte.
»Nun ja, Sie schulden mir«, Lian schaute auf den Zettel in ihrer Hand, »neun Euro dreiundachtzig. Wollen Sie die etwa nicht zurückzahlen?«
Jetzt hätte Nicola ihr endgültig ins Gesicht springen können. »Ach, deshalb haben Sie mir das Geld geliehen!«, blaffte sie Lian an. »Machen Sie das immer so? An der ALDI-Kasse warten, bis eine Frau kein Geld dabeihat und Sie galant einspringen können?« Das galant betonte sie so abschätzig, dass klar war, dass sie das Gegenteil meinte.
Erneut zuckten Lians Mundwinkel. »Ich bin eigentlich eher selten bei ALDI«, antwortete sie. »Das war mehr ein Zufall heute.«
»Schöner Zufall!« Nicola hievte die Tasche mit ihren Einkäufen in den Korb am Lenker ihres Fahrrads. »Sie können viel behaupten, wenn der Tag lang ist!« Aufgebracht öffnete sie das Schloss, zog es ab und warf es ebenfalls in den Korb.
Als sie schon aufsteigen wollte, fragte Lian mit einem süffisanten Unterton in der Stimme: »Und was ist jetzt mit meinen neun Euro dreiundachtzig?«
Verdammt! Nicola ärgerte sich erneut, dass sie das vor lauter Ärger schon fast vergessen hatte. Und noch mehr ärgerte sie sich, dass sie ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Sonst hätte sie jetzt einfach irgendwo an einem Geldautomaten Geld ziehen können. »Ich kann Ihnen das Geld in einem Umschlag schicken, wenn Sie mir Ihre Adresse geben.« Hochmütig hob sie das Kinn, als wäre das eine Gnade, die sie dieser dahergelaufenen Frau erwies.
»Oh nein. Auf so etwas lasse ich mich nicht ein.« Lian Lorenz lachte. »Sie fahren doch jetzt bestimmt nach Hause. Und da Sie mit dem Fahrrad unterwegs sind, nehme ich einmal an, das ist hier in der Nähe. Also werde ich einfach mitkommen, und dort können Sie mir das Geld dann geben.« Sie lachte erneut und ließ Münzen in ihrer Hand klimpern. »Das Wechselgeld habe ich ja noch. Nur falls Sie es zu Hause nicht klein haben.«
Fast hätte Nicola ihre Kiefer durchgebissen, so presste sie sie aufeinander. »Wofür halten Sie sich eigentlich? Meinen Sie, ich lasse einfach so jede x-beliebige Fremde in meine Wohnung?«
»Sie müssen mich ja nicht reinlassen.« Lian grinste. »Ich warte gern vor der Tür, während Sie das Geld holen.«
Wenn sie jetzt nicht endgültig explodieren wollte, musste Nicola aufsteigen und losfahren. »Dann kommen Sie eben mit«, knurrte sie ungnädig. »Wie, ist mir egal.« Und schon stieß sie dermaßen in die Pedale, dass sie über den Parkplatz davonschoss.
Ob diese Lian irgendein Fahrzeug hatte oder ihr hinterherlaufen musste, das war ihr so was von völlig schnuppe. In der Tat hätte sie sie am liebsten neben oder hinter sich herkeuchen sehen, aber davon war nichts zu hören.
Ein Stück vom Parkplatz entfernt bemerkte sie plötzlich, dass ein Auto sehr nah an sie heranfuhr, neben sie, nicht an ihr vorbei.
»Sie sind schnell.« Lian lachte.
Unwillkürlich warf Nicola einen Blick neben sich. Ein Cabrio! Das war ja wohl kaum zu glauben! Und dann machte sie so einen Aufstand wegen neun Euro dreiundachtzig? Das konnten doch nur Peanuts für sie sein. »Nicht schnell genug«, gab sie mit zusammengepressten Lippen zurück.
»Aber, aber.« Erneut klang Lians Lachen aus den Tiefen der beigen Lederpolster. »Sie wollten doch nicht tatsächlich die Zeche prellen?«
Das Cabrio in british racing green war so niedrig, dass Nicola von oben wie in einen Brunnen hineinschauen konnte. Schickes Teil. Und irgendwie passte diese Lian auch dazu. Oder umgekehrt das Auto zu ihr.
Wieso kaufte die bei ALDI ein? Nicola hätte sie eher in einem Delikatessenladen gesehen.
»Davon war nie die Rede!« Warum habe ich meine Einkäufe nicht einfach dortgelassen? Schon wieder ärgerte Nicola sich. Das hier hätte sie sich gern erspart. Aber wer hatte das ahnen können? So schlimm hatte Lian-George gar nicht ausgesehen.
Sie bog in die nächste Seitenstraße ein, und Lian folgte ihr. Das zweite Haus auf der rechten Seite war das, in dem Nicolas Wohnung lag. Sie sprang vom Fahrrad, lehnte es an die Wand und nahm ihre Einkäufe aus dem Korb.
»Ich brauche mein Rad wohl nicht abzuschließen, bis ich zurückkomme«, warf sie beißend in das Cabrio hinein. »Sie sind ja da, um aufzupassen.«
Erneut lachte Lian, und es klang so amüsiert, dass das allein schon eine Beleidigung war. »Ich werde jeden Dieb mit wilden Dschungelschreien verscheuchen«, versprach sie völlig unernst.
Wahrscheinlich wird sie es ihm noch in die Hand drücken, weil sie das so lustig findet, dachte Nicola, aber sie wollte diese Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen, und deshalb sprang sie fast zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf.
In ihrer Wohnung angekommen stellte sie die Einkäufe auf den Küchentisch – und da lag ja auch ihr Portemonnaie. Wie praktisch. Sie rollte über sich selbst die Augen. Schnell nahm sie einen Zehner heraus und raste wieder zur Tür, die Treppe hinunter und zum Haus hinaus.
»Hier!« Ruckartig streckte sie den Schein mit einem steifen Arm in das Cabrio hinein und versuchte, den Blick in Lians amüsiertes Gesicht zu vermeiden. »Den Rest können Sie behalten!«
»Wie großzügig.« Lian grinste und nahm den Schein entgegen. »Ich will Sie aber auf keinen Fall übervorteilen.« Sie öffnete die Mittelkonsole und nahm das Wechselgeld heraus. »Ich habe es ja schon passend da.«
Unwillig warf Nicola den Kopf in den Nacken. »Benzingeld«, gab sie knapp zurück. »Weil Sie mir ja folgen mussten.« Sie verweigerte die Annahme des Wechselgelds, indem sie sich auf dem Absatz umdrehte und hocherhobenen Hauptes zum Haus zurückmarschierte. »Oh nein!« Entsetzt starrte sie auf die geschlossene Tür.
Und unvermeidlich – wie konnte es anders sein? – stand auch schon Lian neben ihr. »Schlüssel vergessen?«, fragte sie mit einem verdächtig süßen Tonfall in der Stimme.
»Nein, überhaupt nicht!« Gleich bekam Nicola endgültig einen Wutanfall. »Wie kommen Sie darauf?«
»Na ja, Sie stehen hier vor der Tür, Ihr Fahrrad steht noch hier, Sie schließen es nicht ab, schieben es nicht hinein und gehen selbst auch nicht rein«, bemerkte Lian trocken. »Da könnte man doch vermuten –«
»Haben Sie sonst nichts zu tun als zu vermuten, Sie . . . Sie Sherlock Holmes?«, schrie Nicola sie beinah an. Sie konnte sich gerade noch so beherrschen, dass ihre Stimme sich nicht überschlug. »Schwingen Sie sich doch endlich in Ihr schickes Halbauto und verschwinden Sie!«
»Sie finden es schick?« Völlig unbeeindruckt drehte Lian sich kurz zu ihrem Cabrio um, das da ganz unschuldig am Straßenrand stand. »Es gefällt Ihnen?«
»Was . . . hat . . . das . . . für . . . eine . . . Bedeutung?« Nicolas Nägel bohrten sich in ihre Handflächen, und sie bekam die Wörter kaum heraus. In ihrem Hals bildete sich ein furchtbarer Kloß. Wenn der Schrei herauskam, würde man sie gleich in die Psychiatrie einweisen. Der würde die ganze Straße erschüttern.
»Na ja, ich freue mich, wenn es Ihnen gefällt.« Lian grinste wieder. »Wenigstens etwas, das Ihnen an mir gefällt. Alles andere scheinen Sie ja nicht zu mögen.«
»Wundert Sie das?« Nicola atmete tief ein und aus, um sich wieder in den Griff zu bekommen.
Darauf antwortete Lian nicht, sondern ließ ihren Blick über die Fassade schweifen. »Kann Sie denn nicht irgendjemand reinlassen?«, erkundigte sie sich. »Das sind doch mehrere Wohnungen.«
»Hier unten zur Haustür schon.« Nicola versuchte, sich ganz normal zu verhalten, obwohl es ihr schwerfiel und einiges abverlangte. Aber vor dieser . . . Person wollte sie sich keine Blöße geben. Das hätte noch gefehlt! »Nur meine Wohnungstür . . .«
»Keine Nachbarin, die einen Schlüssel hat?«, fragte Lian pragmatisch.
»Leider nein.« Nicola zuckte die Schultern. »Ich wohne hier noch nicht so lange.«
Lian nickte. »Balkon?« Erneut schweifte ihr Blick über die Fassade, als würde sie nach einem solchen suchen, obwohl hier nichts davon zu sehen war. »Hat Ihre Wohnung einen?«
»J-Ja schon . . .« Erstaunt blickte Nicola sie an. »Aber die Wohnung ist im zweiten Stock. Da kann man nicht so einfach hochspringen.«
»Zeigen Sie mir Ihren Balkon?« Lian hob fragend die Augenbrauen und wies mit dem Arm um die Ecke. »Hinter dem Haus?«
»Das hat doch keinen Sinn.« Trotzig verschränkte Nicola die Arme. »Was nützt Ihnen ein Balkon im zweiten Stock? Sie wollen nur genau wissen, wo ich wohne.«
Lian trat einen Schritt vor und schaute auf das Klingelbrett. »Es gibt zwei Namen hier im zweiten Stock«, stellte sie fest. »Einer davon muss Ihrer sein. Also weiß ich doch im Prinzip schon, wo Sie wohnen.«
Dem konnte Nicola schlecht widersprechen. »Na gut, wenn Sie unbedingt wollen.« Sie seufzte. »Ist ja sowieso schon alles egal. Muss ich wieder den Schlüsseldienst holen. Und das wird teuer.«
»Wieder?«, hakte Lian schmunzelnd nach. »Sie haben sich hier schon einmal ausgesperrt?«
»Nicht hier.« Widerspenstig presste Nicola die Lippen zusammen. »Aber Schlüsseldienste sind überall teuer.«
»Dann wäre es vielleicht gut, wenn wir versuchen würden, diese Ausgabe zu vermeiden«, sagte Lian und ging mit nach oben gerichtetem Blick langsam um die Ecke herum, auf die sie zuvor gezeigt hatte.
Nicola sah sie hinterm Haus verschwinden und kam sich wie ein Kind vor, das jemand einfach so stehengelassen hatte. Was bildete sich diese komische Cabriofahrerin eigentlich ein? Sie fühlte sich gereizt und nervös und hätte am liebsten auf etwas eingeschlagen. Vielleicht stellte Lian sich ja zur Verfügung.
Entschlossen stapfte sie ihr hinterher, blieb vor der hinteren Fassade des Hauses stehen und wies mit einem Arm nach oben. »Da. Das ist mein Balkon.« Ihre Augen blitzten Lian an. »Nun haben Sie ihn gesehen und können hoffentlich abdampfen. Oder wollen Sie noch hierbleiben, bis der Schlüsseldienst kommt, weil Sie das so genießen?«
»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Lian, betrachtete die Balkone kurz, nahm Anlauf und sprang an das Geländer des Balkons im Erdgeschoss, hangelte sich hoch, stieg auf das Geländer, sprang noch einmal, hievte sich auf den Balkon im ersten Stock und wiederholte das dann für den zweiten.
Die Balkontür hatte Nicola zwar nicht offengelassen, aber das Küchenfenster, das ebenfalls auf den Balkon hinauszeigte.
»Ich steige durchs Fenster«, rief Lian ihr da auch schon vom Balkon herunter zu. »Gehen Sie zur Haustür!«
»Das hättest du mir nicht sagen müssen, das weiß ich selbst«, grummelte Nicola. »Besserwisserin.«
Aber sie ging nach vorn, und im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und Lian stand vor ihr. »Bitte sehr«, flötete sie mit einem breiten Grinsen fast und hielt Nicola ihre Schlüssel hin. »Und jetzt nicht wieder verlieren.«
Sie lachte, ging an Nicola vorbei, schwang sich ohne die Türen zu öffnen in ihr Cabrio und glitt davon.
2
»Was für eine Kratzbürste!« Lian lachte, während der Fahrtwind durch ihre kurzen Haare fuhr, ihre Locken verwirbelte und ihre Kopfhaut kribbeln ließ.
Sie liebte Herausforderungen, und dazu gehörten auch Frauen, die nicht leicht zu kriegen waren. Was gab es Langweiligeres als eine Frau, die eine vom ersten Moment an anschmachtete? Das hatte sie oft genug erlebt. Das brachte überhaupt nichts. Na ja, für eine Nacht vielleicht.
Aber diese Nicola . . . die hatte schon was. Sie war so zickig, wie eine Frau nur sein konnte, und trotzdem hatte Lian gleich zu Anfang das Interesse in ihren Augen gesehen. Es war nur kurz aufgeblitzt, weil die Wut, die Nicola offensichtlich in sich trug, es gleich wieder zurückgedrängt hatte, aber Lian entging so etwas nicht.
Warum sollte sie es nicht versuchen? Im Moment hatte sie ja Zeit, in den nächsten Wochen hatte sie nichts anderes zu tun, da konnte sie sich auch um diese Nicola kümmern. Das war auf jeden Fall spannender, als nur irgendwo herumzusitzen – und wenn es in der Südsee war – und zu relaxen.
Sie ließ ihren Blick an der Straße entlangschweifen, die sie gemütlich entlangcruiste, und entdeckte nach kurzer Zeit einen Blumenladen. Welche Frau mochte keine Blumen? Selbst so eine wie Nicola Harnoncourt – die Klingelschilder waren wirklich sehr nützlich gewesen, was den Namen betraf – konnte dem Charme eines Blumenstraußes gewiss nicht so einfach widerstehen.
Sie betrat den Laden, und er erschien zuerst einmal leer. Dann kam eine Frau mit einer grünen Schürze von hinten nach vorn. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Können Sie mir einen Strauß zusammenstellen, der ein Frauenherz zum Schmelzen bringt?«, fragte Lian.
Die Floristin blickte sie irritiert an.
Lian lachte. »Keine roten Rosen, bitte. Das wäre zu banal. Sie ist eine . . . ganz besondere Frau.«
Endlich hatte die Floristin ihre erste Überraschung überwunden. »Ihre Frau?«, fragte sie.
»Leider nein«, erwiderte Lian schmunzelnd. »Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«
Nachdenklich betrachtete die Blumenfachfrau die verschiedenen Vasen, die das Angebot ihres Geschäfts enthielten. »Blaue Iris vielleicht«, sagte sie. Sie schaute Lian fragend an. »Mag sie Blau?«
Lian zuckte die Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Habe sie eben erst kennengelernt.«
»Oh.« Das warf die Floristin offensichtlich in ihrer Planung zurück. »Blaue Iris bedeuten Ich stehe mit meinem ganzen Sein zu dir. Dafür ist es dann vielleicht noch etwas früh.«
Amüsiert lachte Lian auf. »Ja, ich glaube, da muss ich noch etwas Geduld haben.« Sie schüttelte zweifelnd den Kopf. »Obwohl das wirklich nicht meine starke Seite ist.«
»Geduld«, nahm die Blumenhändlerin den Faden auf. »Das wären Veilchen.«
»Veilchen?« Ein lautes Lachen verließ Lians Lippen. »Ich soll ihr Veilchen schicken?«
»Sie sollen gar nichts.« Die Floristin hob die Hände. »War nur ein Vorschlag.« Etwas bedauernd lächelte sie. »Die Blumensprache ist ja auch aus der Mode. Die versteht heute niemand mehr.«
Kurz überlegte Lian. Dann fühlte sie, wie ihre Mundwinkel zu zucken begannen. »Doch, sie wird es verstehen«, sagte sie. Sie amüsierte sich köstlich bei dem Gedanken. »Veilchen sind auf jeden Fall keine roten Rosen. Die sie garantiert von jeder anderen bekommen hat und bekommen würde.«
Die Blumenhändlerin fühlte sich für eine Entscheidung in dieser Hinsicht offensichtlich nicht zuständig und wartete einfach ab, was Lian als Nächstes sagen würde.
»Gut«, sagte Lian. »Veilchen. Kann man daraus überhaupt einen Strauß machen?«
Nun zuckten die Mundwinkel der Floristin fast genauso wie Lians zuvor. »Ich kann aus allem einen Strauß machen«, versprach sie selbstbewusst.
Lian nickte. »Dann tun Sie das doch, bitte. Und dann schicken Sie die Veilchen«, sie musste erneut lachen bei der Vorstellung, wie Nicolas Gesicht aussehen würde, wenn sie diesen Strauß bekam, »an diese Adresse hier.«
Sie griff nach einem Werbeprospekt, suchte eine unbedruckte Stelle und schrieb Nicolas Namen und Adresse darauf. Außerdem zog sie eine Grußkarte aus dem Ständer vor der Verkaufstheke und schrieb darauf: Erwarten Sie mich heute Abend. Ich komme über den Balkon. Das Ganze verzierte sie mit zwei ineinander verschlungenen großen Ls.
Es fiel ihr wirklich schwer, ihre zuckenden Mundwinkel zu beherrschen, als sie der hilfreichen Blumenfrau die Karte überreichte. »Und was macht das jetzt alles zusammen?«
Die Floristin nannte ihr den Preis, Lian bezahlte, verabschiedete sich und verließ das Geschäft.
Kaum glitt die Glastür hinter ihr zu, spitzte sie die Lippen und begann gutgelaunt zu pfeifen, während sie erwartungsvoll vor sich hinlächelte.
Das versprach ein interessanter Urlaub zu werden.
3
Nicola kochte innerlich schon seit zwei Stunden, es brodelte förmlich in ihr, und die Blasen schlugen immer höher, seit sie diesen . . . Blumenstrauß – sie gab ein abschätziges Geräusch von sich, als sie das Wort nur dachte – bekommen hatte. Und diese Karte . . .
Am liebsten hätte sie irgendetwas an die Wand geworfen. Aber ehrlich gesagt war sie nicht sehr mit weltlichen Gütern gesegnet, und sie brauchte alles, was sie hatte. Und dann noch für diese . . . Lian. Nein, das war die Frau nicht wert. Wütend biss sie die Zähne zusammen.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Nicola überlegte, ob sie überhaupt öffnen sollte. Lian hatte gesagt, sie wollte über den Balkon kommen – weshalb Nicola sowohl die Tür als auch das Fenster verriegelt hatte –, also konnte sie es nicht sein. Sie hätte dann wohl eher ans Küchenfenster oder die Balkontür geklopft. Zumindest hätte Nicola sie gehört, wenn sie sich heraufschwang. Und sonst kannte sie noch niemanden so richtig in dieser Stadt oder in diesem Haus.
Es klingelte noch einmal, und diesmal wurde das Klingeln von einer Stimme begleitet. »Frau Harnoncourt? Sind Sie da? Könnte ich mir von Ihnen ein bisschen Zucker leihen?«
Das war eine Nachbarin, die sie bereits kennengelernt hatte. Nicola biss sich auf die Unterlippe. Normalerweise hatte sie nicht viele Vorräte, das konnte sie sich gar nicht leisten, aber Zucker konnte man nun einmal nur in relativ großen Packungen kaufen, und sie hatte genügend übrig, um ihrer Nachbarin etwas davon abzugeben.
Allerdings hatte Nicola den Verdacht, dass der Zucker lediglich ein Vorwand war. Auch wenn sie noch nicht lange hier wohnte, aber diese Nachbarin wusste eigentlich alles, was im Haus vor sich ging, das hatte Nicola schon mitbekommen.
Merkwürdigerweise fand Nicola sie trotzdem nicht unsympathisch. Diese begeisterte Ehefrau und Mutter hatte trotz ihrer offensichtlichen Neugier, die sie auch gar nicht versteckte, etwas Erfrischendes. Also öffnete Nicola ihr.
»Guten Abend, Frau Schindler«, begrüßte sie sie zwar immer noch leicht genervt, aber trotzdem durchaus freundlich. Seltsamerweise hatte Frau Schindler so eine beruhigende Ausstrahlung, dass sie selbst Nicola alle aufmüpfigen Gedanken vergessen ließ, die sonst sehr schnell in ihr aufloderten. »Wie viel Zucker brauchen Sie denn?«
»Vierzig Gramm.« Frau Schindler lächelte. »Stellen Sie sich vor, ich will Pudding machen als Nachtisch, mache das Päckchen auf, und dann erst sehe ich, dass ich keinen Zucker mehr habe. Nun steht alles fast fertig da, die Milch hat schon gekocht, alle warten auf den Pudding, und ich . . .«, sie lachte, »bin mal wieder eine schlechte Hausfrau.« Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. »Das ist aber nichts Neues, deshalb stört es mich auch gar nicht. Mein Mann und meine Kinder sind sowieso daran gewöhnt.« Ihre Augen strahlten, als hätte sie gerade eine höchst erfreuliche Erfolgsgeschichte erzählt.
Ganz gegen ihren Willen und ganz sicher entgegen ihrer Stimmung in den letzten Stunden musste auch Nicola lachen. »Ich hole Ihnen schnell den Zucker. Warten Sie kurz.«
Sie lief rasch in die Küche, griff sich eine Tasse, schüttete den Zucker hinein und brachte die Tasse wieder zur Tür.
Dort hätte sie sie allerdings fast fallengelassen.
Frau Schindlers strahlende Augen richteten sich vor der Wohnungstür nämlich gerade auf eine große Frau, die neben ihr stand. »So sportlich möchte ich auch mal sein«, verkündete sie seufzend und warf einen entsagungsvollen Blick auf Nicola, der dann wieder zu Lian zurückschwenkte. »Wie Sie da an den Balkonen hinaufgeklettert sind . . .«
Natürlich hatte sie das mitbekommen, dachte Nicola. Konnte ja auch gar nicht anders sein.
»Gut, dass Sie keine Einbrecherin sind«, fuhr Frau Schindler fort. Plötzlich stutzte sie und zog die Stirn kraus. »Sind Sie doch nicht, oder?«, fragte sie etwas verunsichert nach.
»Nein, bin ich nicht«, erwiderte Lian lächelnd.
Und schon lachte Frau Schindler wieder. »Na, dann bin ich ja beruhigt. Sonst hätte ich jetzt immer darauf achten müssen, alles abzuschließen, und ich bin doch so furchtbar schusselig.« Sie griff nach der Tasse, die Nicola immer noch in der Hand hielt. »Darf ich? Meine Kinder haben sich so auf den Pudding gefreut.« Sie zwinkerte erst Nicola und dann auch Lian zu. »Und besonders mein Mann. Er ist eigentlich das größte Leckermaul von allen.«
Auch wenn man ihr ansah, dass sie gern noch geblieben wäre, um mehr über Nicola zu erfahren und vielleicht als spezielles Leckerchen sogar auch noch über Lian, verabschiedete sie sich nun mit der Tasse in der Hand in den ersten Stock hinunter, wo sie wohnte. Auf der Treppe drehte sie sich allerdings noch einmal sehnsuchtsvoll um, als ob es ihr wirklich schwerfiele. Doch dann überwand sie sich und lief eilig die Stufen hinab.
Diesen kurzen Übergang nutzte Nicola, um sich an den Ärger zu erinnern, der sie stundenlang in Aufregung versetzt hatte, und sie fühlte ihn sofort wieder in sich hochsteigen, bis das brodelnde Gefühl zurückkehrte. »Ich dachte, Sie wollten über den Balkon kommen?«, keifte sie Lian an.
Lian zuckte die Schultern. »Tja, das wollte ich, aber das letzte Mal war ich dafür noch passender gekleidet.« Sie lachte und wies auf den eleganten Abendanzug, den sie trug. »Nun bin ich es leider nicht mehr.« Etwas spöttisch verzog sie einen Mundwinkel. »James Bond würde natürlich trotzdem an der Fassade hochklettern und hätte hinterher kein Stäubchen auf dem Anzug, aber leider bin ich nicht James Bond. Deshalb wollte ich das meinem Anzug nicht antun.« Sie schmunzelte.
»Zweifellos sind Sie nicht James Bond«, schnappte Nicola. »Und selbst wenn Sie es wären . . . Als Bond-Girl bin ich nicht geeignet.« Mit einem abweisenden Gesichtsausdruck verschränkte sie die Arme vor der Brust.
»Das habe ich auch in keiner Weise angenommen«, erwiderte Lian galant. »Dafür sind Sie viel zu intelligent.«
Diese Bemerkung nahm Nicola ein wenig den Wind aus den Segeln. »Ähm . . . ja«, konnte sie fast nur stottern, was sie maßlos ärgerte. »Kommen Sie rein.« Sie trat zurück, ließ die Wohnungstür offen und ging durch die kleine Diele in das große Zimmer voraus, das gleichzeitig Aufenthaltsraum, Schlafzimmer und Küche war. Die Küchenzeile war ein wenig abgeteilt, und ihr Bett stand in einer Art Nische, aber das war auch alles, was es an Unterteilung gab.
Warum tue ich das jetzt? dachte sie. Warum lasse ich sie nicht einfach draußen stehen und schlage ihr die Tür vor der Nase zu? Plötzlich musste sie innerlich schmunzeln. Damit sie dann doch noch über den Balkon kommt?
Kurz stellte sie sich vor, wie die Nachbarn dann die Feuerwehr rufen würden, weil sie alle Einstiegsmöglichkeiten verriegelt hatte und Lian wie ein Klammeraffe an der Fassade hing. Aber das würde sie natürlich nicht. Sie würde vermutlich ganz elegant und James-Bond-mäßig hinunterklettern. Genauso elegant, wie sie gerade in ihrem Anzug vor Nicola stand.
»Ich war nicht ganz sicher, ob Sie mir überhaupt öffnen würden«, sagte sie jetzt und zeigte beim Lächeln ihre ebenmäßigen weißen Zähne.
Ob die überkront sind? dachte Nicola. Solche Zähne konnte doch kein Mensch von Natur aus haben. »Hätte ich auch nicht«, gab sie gereizt zurück. »Aber meine Nachbarin wollte sich Zucker leihen.«
»Da habe ich aber Glück gehabt.« Lians Lächeln hätte wirklich aus der Zahnpastawerbung stammen können.
Vielleicht war sie das auch, ein Model für Werbung, ging es Nicola durch den Sinn. Gut genug dafür sah sie auf jeden Fall aus. »Haben Sie«, bestätigte sie knapp. »Und was wollen Sie jetzt aus diesem Glück machen?«
Mit einem suchenden Blick schaute Lian sich um. »Veilchen mögen Sie wohl nicht?«
Nicola hatte die Veilchen in der Küche stehenlassen, sie wusste nicht, warum. Sie hätte sie natürlich auch in den Mülleimer werfen können, so wütend, wie diese Geste sie gemacht hatte, aber irgendetwas hatte sie davon abgehalten. Vielleicht hatte sie es einfach nur den armen, unschuldigen Blümchen, die ja schließlich nichts für die Unverschämtheit der Frau konnten, von der sie kamen, nicht antun wollen oder können.
»Etwas anderes war Ihnen wohl zu teuer?«, fauchte sie Lian an. »Hat das Benzingeld, das ich Ihnen gegeben hatte, nicht gereicht?«
»Siebzehn Cent?« Lian lachte. »Aber zu Ihrem Temperament passen Veilchen wirklich nicht. Das hätte ich bedenken sollen.«
»Hätten Sie vielleicht«, stimmte Nicola grimmig zu. »Oder Sie hätten gleich darauf verzichten sollen, mir Blumen zu schicken, welcher Art auch immer. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?« Ihre Augen blitzten Lian an. »Sie haben sich doch nicht etwa irgendetwas davon versprochen?«
Lian hob die Augenbrauen. »Sollte ich das?« Amüsiert schüttelte sie den Kopf. »Ein Abendessen vielleicht?«, fragte sie. »In einem Restaurant Ihrer Wahl?«
Das trockene Auflachen, das sich Nicolas Kehle entrang, endete in einem Nicken. »Ja, sicher«, sagte sie. »Ich weiß schon, wie Sie sich das vorstellen. Erst essen, dann zu Ihnen nach Hause. Und dann muss ich das Abendessen abarbeiten, nicht wahr?«
»Ts, ts, ts.« Lian bewegte einen Finger wie tadelnd durch die Luft. »Was haben Sie nur für eine schmutzige Phantasie. Ich esse gern gut, Sie nicht? Und das tut man im Allgemeinen in einem Restaurant.«
»Wenn man nicht zu Hause kocht«, blaffte Nicola zurück. »Weil man sich Restaurants nicht leisten kann.«
»Okay . . .«, erwiderte Lian gedehnt, legte leicht den Kopf schief und betrachtete Nicola kurz. »Dann essen wir eben zu Hause.« Blitzartig griff sie nach Nicolas Taille, zog sie in ihre Arme und küsste sie. »Wenn du es so willst«, fügte sie hinzu, als sie Nicola losließ und wieder einen Schritt zurücktrat.
Nicola war von dem Kuss so überrascht worden, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte, die sie jetzt wieder ausstieß. »Du bist . . . Du bist wirklich . . .« Sie fand keine Worte. »Unverschämt ist gar kein Ausdruck für dich.«
»Vielleicht finden wir zusammen noch einen anderen«, erwiderte Lian lässig und lächelte sie mit einer Harmlosigkeit an, als wäre gar nichts geschehen. »Im Restaurant. Ich habe nämlich wirklich Hunger.«
»Wenn du denkst, dass ich jetzt mit dir in ein Restaurant gehe . . .« Nicola verschränkte die Arme vor der Brust und blies die Backen auf.
»Ich denke«, sagte Lian langsam und sehr freundlich, »dass du doch auch Hunger haben musst. Ich sehe nämlich nicht, dass du gekocht hast.« Sie blickte kurz auf die Küchenzeile. »Also was spricht dagegen, dass wir zusammen essen gehen?« Mit einer harmlosen Geste zuckte sie die Schultern. »Jeder muss essen. Und offensichtlich sollten wir das beide jetzt tun, weil es unseren Bedürfnissen entspricht.«
»Bedürfnissen!« Nicola lachte abschätzig auf. »Deine Bedürfnisse sehe ich!«
Lian grinste. »Es gibt noch andere Bedürfnisse als essen, das ist wahr. Und wenn ich eine Frau wie dich sehe, kann ich auch nicht verhindern, daran zu denken –«
»Denken!«, unterbrach Nicola sie empört. »War das eben Denken bei dir? Das nenne ich aber ganz anders!«
»Ich musste doch wissen, ob es sich lohnt.« Lians Grinsen war ein Ausdruck äußerster Amüsiertheit.
»Ob es sich . . .«, Nicola schnappte nach Luft, »lohnt? Was soll das denn heißen?«
»Nun ja, ich hatte so einen Verdacht«, sagte Lian, »aber genau wissen konnte ich es natürlich nicht.«
»Verdacht?« Nicola runzelte die Stirn. »Was für einen –« Sie brach ab. »Ach so. Ob ich auf Frauen stehe, meinst du«, fuhr sie dann mit einem genervten Augenrollen fort.
Nickend bestätigte Lian diese Vermutung. »Es spielt zwar keine so große Rolle, weil auch viele Frauen, die mit Männern zusammen sind oder sein wollen, einem Abenteuer mit einer Frau nicht abgeneigt sind, aber ehrlich gesagt«, sie seufzte geradezu entsagungsvoll, »hatte ich darauf im Moment keine Lust.«
»Ach, du Arme.« Gespielt bedauernd blickte Nicola sie an. »Haben sie dir so wehgetan, die bösen Heterofrauen?«
Lian lachte. »So weit lasse ich es nicht kommen. Aber eine Frau, die wirklich weiß, was sie will, ist mir schon lieber.« Fragend hob sie die Augenbrauen. »Tatsächlich gar keinen Hunger?«
Obwohl Nicola das eigentlich keiner Antwort würdigen wollte, knurrte in diesem Augenblick ihr Magen. Verräter! dachte sie.
Doch Lian hätte sich nun fast ausgeschüttet vor Lachen. Dann riss sie sich zusammen und blickte nur noch belustigt. »Es ist gegen deine eigenen Interessen«, sagte sie. »Aber ich will dir da trotzdem nicht reinreden.«
»Wie rücksichtsvoll von dir.« Nicola verzog das Gesicht. »Ich habe noch eine Tiefkühlpizza im Eisfach. Das reicht mir.«
»Nur eine?«, hakte Lian nach.
»Nur eine.« Nicolas Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ich kann mir keine Vorräte leisten für Besuch, den ich gar nicht erwartet habe. Geschweige denn eingeladen.«
Etwas ratlos hob Lian eine Hand. »Sieh mal, ich bin dir doch sowieso noch eine Entschädigung schuldig. Willst du das Essen nicht als Entschuldigung annehmen? Und einen schönen Abend?«
»Na.« Nicola blickte sie schräg von der Seite an. »Das bezweifle ich mit dem schönen Abend. Wir waren ja schon übereingekommen, dass du ganz etwas anderes willst.«
»Und das wäre kein schöner Abend?« Gespielt enttäuscht schaute Lian sie an. »Ich bin am Boden zerstört. Bisher hatte ich eigentlich keine Klagen in der Beziehung.«
Nicolas Mundwinkel zuckten. Kann ich mir vorstellen, dachte sie, aber sie sagte es nicht laut. Denn in ihrem Inneren meldete sich doch das eine oder andere Teufelchen, das sie davon zu überzeugen versuchte, Lians bisher angeblich nicht in Frage gestellte Vorzüge auszuprobieren. Schließlich war sie jetzt wieder Single und hatte das Recht dazu.
»Na gut«, sagte sie. »Lass uns essen gehen. Mehr aber auch nicht.«
»Wie Sie befehlen, Madame.« Lian verbeugte sich spöttisch. »Ich werde meine tiefempfundenen Gefühle für dich in den Keller verbannen.«
»Ha! Tiefempfundene Gefühle!« Höhnisch lachte Nicola auf. »Du weißt doch gar nicht, was das ist. Alles, woran dir liegt, ist dein Vergnügen.«
»Wie gut du mich kennst«, sagte Lian und grinste wieder.
»Dich vielleicht nicht.« Kurz ließ Nicola ihren Blick über sie schweifen. »Aber Frauen wie dich. Und davon habe ich genug.«
»Ach, wirklich?« Interessiert hob Lian die Augenbrauen. »Wie wäre es, wenn du mir beim Essen davon erzählst?« Sie hob ihren Arm angewinkelt an, als wollte sie Nicola einladen, sich dort einzuhaken.
»Bevor ich das kann – falls ich es überhaupt tue –, muss ich mich aber erst noch umziehen«, sagte sie. »Denn so, wie ich jetzt bin, kann ich ja wohl kaum gehen.« Etwas selbstkritisch schaute sie an dem Jogginganzug hinunter, den sie aus Bequemlichkeitsgründen zu Hause trug, und lachte leicht. »Vor allem nicht, wenn du hier im Abendanzug ankommst.« Mit einem Arm wies sie zur Tür. »Und da ich nur ein Zimmer habe, musst du leider draußen warten.«
»Wie schade.« Lians Lippen zuckten. »Ich liebe Vorspeisen. Da kann man sich so richtig auf das Hauptgericht freuen.«
»Raus«, sagte Nicola und streckte ihren Arm noch weiter aus. »Sonst bekommst du weder Vorspeise noch Hauptgericht.«
»Schon gut.« Lian hob die Hände, aber mit einem Gesichtsausdruck, als machte ihr das alles großen Spaß. »Bin schon draußen.« Sie ging zur Wohnungstür und ließ sie tatsächlich hinter sich zuschnappen.
Nicola durchsuchte das Wenige, das ihr Kleiderschrank hergab, und entschied sich dann für ein Kleid, das sie schon lange nicht mehr getragen hatte. Es entsprach nicht der neuesten Mode, aber sie hatte es immer gemocht. Und es passte gut zu ihren blonden Haaren. Außerdem hatte sie die passenden Schuhe dazu. Was man nicht von vielem in ihrem Kleiderschrank sagen konnte.
Sie ging unter die Dusche – Lian konnte ruhig warten, und wenn sie das nicht konnte, war Nicola ihr nicht wichtig genug – und zog sich danach sorgfältig an, bis ihr ihr eigenes Spiegelbild gefiel.
Sie wusste, es würde auch Lian gefallen, aber darum ging es nicht.
Sie würden nur essen gehen, sonst nichts.
4
»Ihr Zucker, Frau Harnoncourt.« Es schien, als hätte Frau Schindler auf der Treppe auf sie gewartet, als Nicola von der Arbeit kam.
Sie lächelte müde. »Das wäre nicht so eilig gewesen.«
»Doch, doch.« Frau Schindler hielt die Tasse in die Höhe, die Nicola ihr gegeben hatte. »So etwas vergisst man leicht, wenn man zu lange wartet.«
Nicola schloss ihre Wohnungstür auf, hatte aber keine Hand mehr frei, die Tasse zu nehmen. Etwas umständlich versuchte sie, die Sachen, die sie trug, neu zu verteilen, da sagte Frau Schindler schon: »Kommen Sie. Ich helfe Ihnen«, nahm ihr eine Tüte ab und marschierte ihr wie selbstverständlich in die Wohnung voraus.
Und wenn ich jetzt nicht aufgeräumt hätte? dachte Nicola noch, aber es war zu spät, um Frau Schindler von irgendetwas abzuhalten, so oder so.
Glücklicherweise hatte Nicola zwar eine chaotische Ader, aber es störte sie, wenn Sachen herumlagen. Vor allem, seit sie nur noch einen einzigen Raum hatte. Das hatte ihren Ordnungssinn sehr beflügelt. Wenn es keine Schlafzimmertür oder Küchentür gab, die man einfach zumachen konnte . . .
Sie war sich sicher, dass Frau Schindler nur ihre Neugier befriedigen wollte. Auf jeden Fall war es klar, warum sie alles, was in diesem Haus vor sich ging, wusste. Sie hatte keinerlei Berührungsängste.
»So«, sagte sie jetzt mit einem so strahlenden Lächeln, als ob sie – im Gegensatz zu Nicola – einen herrlichen Tag gehabt hätte. »Das wär’s.« Sie hatte die Tüte auf dem Boden abgestellt und die Tasse mit dem Zucker nach einiger Überlegung neben die Veilchen, die in der kleinen Vase standen. »Die sind aber hübsch«, sagte sie. »Aus dem Garten?«
Wenn es einen Preis für eine erfolgreiche Überrumpelungstaktik gab, Frau Schindler hätte ihn bekommen. Nicola öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann wieder und erwiderte beim zweiten Versuch: »Ja, von meiner Mutter.« Ihre Mutter hätte sich sehr über diese Aussage gewundert, da sie sich schon seit einiger Zeit nicht gesehen hatten und sie auch gar keinen Garten besaß, aber sie war ja nicht da.
Statt sich wieder zu verabschieden, legte Frau Schindler etwas besorgt den Kopf zur Seite und sah Nicola an. »Sie sehen müde aus. Richtig erschöpft. Haben Sie überhaupt schon gegessen?«
Tatsächlich müde schüttelte Nicola den Kopf. »Nein, aber ich habe noch eine Tiefkühlpizza –«
Weiter kam sie nicht.
»Tiefkühlpizza!« Frau Schindler schlug nicht nur bildlich, sondern gleich richtig die Hände über dem Kopf zusammen. »Das kann man doch nicht essen!«
»Na ja, man kann schon . . .«, setzte Nicola an, aber wieder kam sie nicht weit.
»Nein, nein, nein!« Wild entschlossen schüttelte Frau Schindler den Kopf. Dann warf sie kurz forschend einen Blick auf Nicolas Tüten. »Ist da irgendetwas Gefrorenes drin oder etwas, das in den Kühlschrank muss?«
»Ähm, nein«, antwortete Nicola verwirrt.
»Dann kommen Sie mit zu mir«, beschloss Frau Schindler daraufhin, nahm sie am Arm und schob sie zu ihrer eigenen Wohnungstür hinaus. »Ich habe genug Essen für eine ganze Armee, meine Familie hat mich heute im Stich gelassen, weil mein Mann mit den Kindern zum Sport gegangen ist, und es ist noch so viel vom Abendessen übrig, dass ich Sie schmale Person davon sicherlich satt kriege.« Sie lachte ziemlich zufrieden. Es ging doch nichts über einen gut gefüllten Kühlschrank.
Obwohl Nicola sich darauf gefreut hatte, endlich die Beine hochlegen zu können, hatte sie Frau Schindlers Energie nichts entgegenzusetzen und ließ sich fast willenlos von ihr die Treppe hinunter in die Schindlersche Wohnung schieben.
»Übrigens, ich heiße Marlies«, verkündete sie fröhlich, als sie Nicola am Küchentisch auf einem Stuhl versorgt hatte. »Und wie heißt du?«
Kaum etwas von dem allen hatte Nicola so richtig mitbekommen, und sie war auch viel zu erschöpft, um darüber nachzudenken, dass Frau Schindler sie mit einem eleganten Schwung vom Sie ins Du befördert hatte, also antwortete sie fast mechanisch: »Nicola.«
»Schön, Nicola, dass wir uns mal ein bisschen näher kennenlernen.« Geschäftig holte Marlies Schindler Töpfe aus dem Kühlschrank, stellte sie auf den Herd und schaltete ihn an. Hier in dieser Wohnung, die auf der linken Seite des Treppenhauses lag, gab es mehrere Räume, nicht nur einen. Und selbstverständlich eine separate Küche. Die Einzimmerwohnungen waren alle auf der rechten Seite, wie Nicolas. »Du musst ja einen furchtbar anstrengenden Beruf haben, wenn du so fix und fertig nach Hause kommst.«
»Verkäuferin«, sagte Nicola. »Etwas anderes habe ich so schnell nicht bekommen.«
»Den ganzen Tag auf den Beinen, oh je«, bedauerte Marlies sie sofort. »Willst du die Beine hochlegen?« Sie zog einen zweiten Stuhl zu Nicola heran, wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern griff an ihre Knöchel und platzierte ihre Unterschenkel auf der Sitzfläche des Stuhls. Gleichzeitig schaffte sie es jedoch mühelos, einfach weiterzureden. »Du bist also gar nicht Verkäuferin von Beruf?«
»Doch, schon«, sagte Nicola. »Das habe ich ursprünglich mal gelernt, aber zuletzt habe ich im Büro gearbeitet.« Die Erinnerung daran ließ einen dunklen Schatten über ihr Gesicht huschen.
»Dann trink jetzt erst mal einen Kaffee.« Wie eine fliegende Kellnerin hatte Marlies schon eine Tasse vor Nicola platziert. »Ich trinke immer welchen nach dem Abendessen. Manche Leute können ja nicht schlafen, wenn sie abends noch Kaffee trinken, aber ich schlafe wie ein Murmeltier, selbst wenn ich kurz vor dem Zubettgehen noch Kaffee trinke. Macht mir gar nichts«, verkündete sie strahlend.
Nicola hatte große Probleme, sich überhaupt auf irgendetwas zu konzentrieren. Marlies brachte sie völlig durcheinander. Hatte sie sie jetzt etwas gefragt? Musste sie antworten?
»Milch und Zucker?«, fragte Marlies in diesem Augenblick, als hätte sie Nicolas Gedanken gelesen. »Hab ja wieder welchen.« Sie lachte.
»Milch«, sagte Nicola. »Kein Zucker.«
Und schon stand die Milch neben ihr. »Nimm dir, wie viel du magst«, bot Marlies an, ging wieder zum Herd und kümmerte sich um die Töpfe, in denen sie die Sachen, die sie zuvor im Kühlschrank aufgehoben hatte, nun aufwärmte.
Fast wie ein Roboter goss Nicola Milch in die Tasse, rührte um und nahm einen Schluck. »Puh, stark«, stellte sie fest und setzte die Tasse wieder auf den Unterteller zurück.
»Was nützt es, Kaffee zu trinken, wenn er nicht stark ist?«, lachte Marlies. »Dann ist es doch nur gefärbtes Wasser.«
Nicola nickte müde. »Wahrscheinlich hast du recht.«
»Natürlich habe ich recht.« Daran schien für Marlies kein Zweifel zu bestehen. Ein Teller landete vor Nicolas Nase. »So, musste ja nur aufgewärmt werden.« Endlich setzte Marlies sich Nicola gegenüber. Eine Kaffeetasse hatte bereits auf dem Tisch gestanden. Es sah so aus, als stände sie den ganzen Tag da und würde immer nur nachgefüllt. »Nun iss erst mal. Essen hält Leib und Seele zusammen.« Sie musterte Nicola kritisch. »Und du bist viel zu dünn.«
Gemessen an Marlies Schindlers etwas rundlichen Formen war Nicola das tatsächlich. Aber auch ansonsten. Sie hatte in letzter Zeit sehr abgenommen, obwohl sie noch nie dick gewesen war. Deshalb sah sie jetzt aus wie jemand, der fast schon übertrieben auf seine Figur achtete, auch wenn sie das noch nie getan hatte.
Um zu essen, musste Nicola die Beine zwar wieder von dem Stuhl nehmen, auf dem Marlies sie abgelegt hatte, aber sie merkte, dass selbst diese paar Minuten des Hochlegens ihr gutgetan hatten. Ihre Füße taten nicht mehr so weh. Und obwohl sie das nicht gedacht hätte, hatten die leckeren Düfte, die durch Marlies’ Küche zogen, doch ihren Appetit geweckt. Zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, sie wäre zu müde zum Essen. Wahrscheinlich wäre die Tiefkühlpizza auch heute im Kühlfach geblieben.
Aber nach dem Essen gestern . . . da hatte sie gedacht, sie müsste überhaupt nie wieder essen. Das war sehr üppig gewesen. Viel üppiger, als sie es sonst gewöhnt war. Lian hatte sich nicht lumpen lassen.
Lian . . . Fast hätte Nicola verwirrt den Kopf geschüttelt. Es war gestern Abend wirklich bei dem Essen geblieben. Lian hatte nicht einmal den Versuch gemacht, sie noch einmal zu küssen.
Sie wusste zwar nicht, wie sie darauf reagiert hätte, aber dass Lian sich wie der perfekte Gentleman verabschiedet hatte, ohne auch nur einen Versuch zu starten, noch einmal in Nicolas Wohnung zu kommen, brachte sie völlig aus dem Konzept. Sie hätte sich vorstellen können – und sie hatte sich fast schon darauf vorbereitet gehabt –, Lian einen Vortrag zu halten, dass sie keine Frau war, die mit jeder gleich am ersten Abend ins Bett hüpfte, aber dass das gar nicht nötig gewesen war, hatte sie doch etwas ratlos zurückgelassen.
»Schmeckt’s nicht?«, fragte Marlies auf Hausfrauenart enttäuscht. »Ich weiß, es ist nur Eintopf . . .«
»Nein, nein.« Schnell nahm Nicola den Löffel, den Marlies ihr hingelegt hatte, und begann zu essen. »Sehr lecker«, gab sie gleich darauf das erwartete Urteil ab, aber es stimmte auch. Marlies konnte wirklich gut kochen, sie musste nicht lügen.
»Wenn du das nicht magst, hätte ich auch noch Grießpudding.« Lachend wies Marlies auf den zweiten Topf. »Ich habe viel zu viel gemacht. Irgendwie habe ich es nicht so mit Mengen, obwohl ich das nach all den Jahren ja eigentlich wissen sollte. Ich habe immer Angst, ich kriege meine Rasselbande nicht satt.«
Mittlerweile hatte Nicola die Hälfte ihres Tellers geleert, und es schmeckte ihr immer besser. »Es ist schön, wenn man nach Hause kommt und nicht erst noch kochen muss«, sagte sie lächelnd. »Vor allem nach so einem anstrengenden Tag.«
»Das glaube ich dir.« Marlies schaute sie mitfühlend an. »Die Kunden sind manchmal schlimm, oder?« Sie lachte wieder. »Ich weiß, dass ich manchmal schlimm bin. Es gibt einfach viel zu viele Sachen zur Auswahl. Ich kann mich nie entscheiden. Und alles kaufen kann man ja nicht.«
Marlies brachte Nicola zum Lachen, und dafür war sie ihr genauso dankbar wie für das Essen.
»Na ja, manche können das«, sagte sie immer noch ein wenig lächelnd. »Ich arbeite in einer sehr exklusiven Boutique. Meistens kaufen die Leute da nicht mehr als ein Teil auf einmal. Allerdings gibt es auch welche«, sie seufzte, »die sich da austoben, als wären die Sachen im Sonderangebot auf einem Wühltisch.«
»So viel Geld möchte ich mal haben!« Marlies lachte.
»Ich auch.« Nicolas Gesichtsausdruck wurde etwas starr. »Aber man kann eben nicht alles haben.«
»Stimmt auch wieder.« Marlies sah so aus, als würde sie ernsthaft über dieses Rätsel nachdenken. Aber ein anderes beschäftigte sie anscheinend noch mehr. »War diese große Frau, die gestern die Fassade hochgeklettert ist, eine Kollegin von dir?«
Wenn Nicola nicht so müde gewesen wäre, hätte sie sich schon längst gewundert, wann diese Frage – oder eine andere in der Art – kommen würde. Vielleicht hatte Marlies sie auch hauptsächlich deshalb eingeladen. »Nein«, sagte sie. »Keine Kollegin. Nur eine . . . Bekannte.«
Sie musste wirklich darüber nachdenken. Was war Lian eigentlich? Sie hatten gestern einen richtig schönen Abend miteinander verbracht, wie Lian es versprochen hatte. Aber warum? Was bezweckte Lian damit?
»Na, du hast ja vielleicht Bekannte!«, lachte Marlies. »Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einfach so eine Fassade raufklettern kann.«
»Ich auch nicht«, sagte Nicola. »Lian ist –« Sie brach ab.
»Lian?« Marlies runzelte die Stirn. »Ist das ihr Name? Habe ich noch nie gehört.«
Nicola zuckte die Schultern. »Es gibt ja immer so Moden . . . Vielleicht gab es da mal eine Phase. Wie Kevin bei den Jungs.«
»Nein, kann mich nicht erinnern«, sagte Marlies. »Wir haben ja öfter mal nach Kindernamen gesucht. Immerhin habe ich drei.« Sie lachte. »Was ist sie denn von Beruf?«, schoss sie gleich die nächste Frage ab und hob neugierig die Augenbrauen. »Hat das vielleicht irgendwas mit Bergklettern zu tun oder so?«
»So gut kenne ich sie nicht.« Wenn das so weiterging, konnte sie bei jeder Frage nur die Schultern zucken, dachte Nicola.
»Schlecht verdienen kann sie jedenfalls nicht«, meinte Marlies mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, als ob sie jetzt in Gedanken alle gutbezahlten Berufe durchginge, um einen zu finden, der zu Lian passte. »Der Wagen, den sie fährt, ist nicht ganz billig.«
»Woher weißt du –?« Nicola unterbrach sich selbst. »Ach ja, natürlich.«
»Sie hat dich doch gestern Abend abgeholt«, gab Marlies da auch schon die Antwort. »Zuerst hatte ich ja nicht vorn rausgeguckt, hab sie erst gesehen, als sie hier hochgeklettert ist, aber als sie dann abends wiederkam . . . so schick angezogen . . .«
»Ja, wir sind essen gegangen.« So müde, wie sie war, war Nicola ein leichtes Opfer für so eine Befragung. »Aber ich habe sie erst gestern kennengelernt, und weil ich meinen Schlüssel in der Wohnung liegengelassen hatte, hat sie mir geholfen.« Sie verschwieg, dass das schon das zweite Mal gewesen war gestern, denn sie wollte sich bei Marlies nicht gleich als der Schussel vom Dienst einführen. »Deshalb kenne ich sie nicht besonders gut.«
»Du kannst einen Schlüssel bei mir lassen«, bot Marlies sofort an. »Falls das noch mal passiert. Ist doch immer wieder mal möglich.«
Nicola nickte erschöpft und legte ihren Löffel beiseite, weil ihr Teller nun leer war.
»Noch mehr Suppe?«, fragte Marlies. »Oder Grießpudding?«
»Nein, danke.« Auf einmal hatte Nicola das Gefühl, sie würde gleich vom Stuhl fallen. »Ich glaube, ich muss ins Bett.«
»Jetzt schon?«, fragte Marlies. »Ist es gestern Abend so spät geworden?«
»Gar nicht.« Selbst erstaunt schüttelte Nicola den Kopf. »Ich glaube, ich werde krank. Muss mir irgendwas eingefangen haben.«
Sie versuchte aufzustehen, plumpste aber gleich wieder auf den Stuhl zurück. Dann versuchte sie es ein zweites Mal, indem sie sich auf dem Tisch abstützte, und schaffte es gerade so, mit wackligen Knien stehenzubleiben.
»Das sieht nicht gut aus«, stellte Marlies mit fachkundig mütterlichem Blick fest. »Ich werde dir gleich einen Tee kochen. Aber zuerst mal bringe ich dich zurück.«
Nicola hatte dazu offensichtlich nichts mehr zu sagen, ließ sich willenlos von Marlies in ihre eigene Wohnung bringen und wie ein kleines Kind ins Bett packen.
»Tee kommt gleich!«, verkündete Marlies beim Hinausgehen. Sie hatte sich Nicolas Schlüssel schon geschnappt. »Und ein Wadenwickel könnte auch nicht schaden. Ich glaube, du hast Fieber.«
Das fehlt mir gerade noch, ging es Nicola in einem letzten nebelverhangenen Gedanken durch den Kopf, dann konnte sie gar nichts mehr denken, denn es wurde schwarz um sie.
5
»Wer bist du, Lian?« Nicola sprach in den Nebel hinein, der ihre Gedanken immer noch umfing.
Wie immer lachte Lian nur amüsiert, als würde sie das alles nicht ernstnehmen, Nicola nicht und die ganze Welt nicht. »Warum willst du das wissen?«, fragte sie zurück.
Das war eine Frage, die sich auch Nicola stellte. Hatte sie sich nicht vorgenommen, sich nicht so schnell wieder auf etwas einzulassen? Und dann kam Lian . . .
Nicola wusste, dass das genau ihr Fehler war, dass sie Frauen wie Lian attraktiv fand. Nun ja, das war sie, äußerlich, aber über ihre inneren Werte sagte das nichts aus. Hatte sie das nicht schon einmal schmerzvoll erfahren müssen?
Schmerzvoll. Schmerz. Schmerz.
Sie stöhnte auf. Ihr Kopf tat furchtbar weh, als ob ihn jemand mit einem Holzhammer traktiert hätte. War sie irgendwo gewesen, wo das hätte passieren können? Sie konnte sich nicht erinnern. An vieles konnte sie sich so gut erinnern. Warum jetzt ausgerechnet daran nicht? Die anderen Dinge, an die sie sich so gut erinnerte, hätte sie gern vergessen. Warum spielte einem das Gedächtnis immer solche Streiche?
Etwas Kaltes legte sich auf ihre Stirn. Gemurmelte Worte, die Nicola nicht verstehen konnte. »Wer ist da?«, fragte sie, aber sie wusste nicht, ob die Wörter überhaupt aus ihrem Mund herauskamen. Vielleicht hatte sie sie auch nur in ihrem Kopf ausgesprochen. In diesem hämmernden, hämmernden, quälenden Kopf. »Lian . . .«, hauchte sie. »Lian . . .«
»Was ist denn, Nicola? Was hast du gesagt?«
Zuerst erkannte Nicola die Stimme nicht, aber dann kam ein leichtes Wiedererkennen in ihren schmerzenden Gehörgängen an. »Marlies.« Ob das zu verstehen war, wusste sie nicht. Noch nicht einmal, ob sie das wollte. Es war alles so verschwommen.
Marlies setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm ihre Hand. »Du bist in deinem eigenen Bett«, sagte sie. »Wolltest du das wissen? Wo du bist?«
Der Versuch, nickend den Kopf zu bewegen, scheiterte. Sofort zeigten Schmerzen in all ihren Fasern wieder an, dass sie das nicht tun sollte.
»Du bist bald wieder gesund«, sagte Marlies. »Das Fieber geht jetzt runter.« Sie tauchte das Tuch, das auf Nicolas Stirn gelegen hatte, in eine Schüssel mit Wasser ein, die neben dem Bett stand, und legte es ihr kühl lindernd wieder auf die Stirn zurück, drückte es leicht an ihre Schläfen.
Sie lächelte, und langsam konnte Nicola das auch erkennen. Es schälte sich wie aus diesem Nebel, der ihren Kopf umgab, heraus.
Aber nicht genug. Sie hatte kaum erkannt, wo sie war und wer bei ihr war, als ein rasender Kopfschmerz sie überfiel und sie aufstöhnte. Sie fühlte sich furchtbar schwach, und wieder versank alles um sie herum im Nebel.
Die Zeit verging, weil sie merkte, wie es dunkel und wieder hell wurde, aber sie wusste nicht, welcher Tag es war. Die meiste Zeit bekam sie aber so gut wie gar nichts mit. Sie lag nur da und hatte das Gefühl, sie würde nie wieder aufstehen können.
Zwischendurch kam irgendwann eine Ärztin vorbei, die Marlies gerufen hatte. Sie gab Nicola eine Spritze, und danach begann es ihr tatsächlich besser zu gehen. Zudem flößte Marlies ihr mehrmals am Tag etwas ein, das gruselig schmeckte, Marlies aber für notwendig erklärte.
Endlich konnte Nicola sich wieder aufsetzen und ohne die Hilfe von Marlies auf die Toilette gehen. »Welcher Tag ist heute?«, fragte sie, als Marlies ihr eine Hühnersuppe brachte.
»Freitag«, sagte Marlies.
»Freitag?« Erschrocken riss Nicola die Augen auf. »Aber es war Dienstagabend, als ich –«
»Richtig.« Marlies nickte. »Du hast zwei Tage und drei Nächte fast durchgeschlafen.« Leicht tätschelte sie Nicolas Arm und setzte sich neben dem Bett auf einen Stuhl. »Aber das ist auch gut so. Schlaf ist die beste Medizin. Deine Chefin hat angerufen«, fuhr sie beiläufig fort. »Der habe ich gesagt, dass du krank bist, und die Ärztin hat ein Attest für dich ausgestellt.«
Nicola stöhnte auf. »Das wird sie nicht gern haben, meine Chefin. Ich habe ja erst vor kurzem bei ihr angefangen.«
»Ja, sie war nicht begeistert, als ich es ihr vorbeibrachte«, sagte Marlies. »Aber wenn du krank bist, bist du krank. Da kann man nichts machen.«
Nicola verzog das Gesicht. »Ich bin nicht sicher, ob sie das auch so sieht.«
»Deine Mutter hat auch angerufen«, sagte Marlies. Sie runzelte die Stirn. »Habt ihr euch irgendwie gekracht?«
Als Antwort versuchte Nicola, das Gesicht zu verziehen, aber das ging nicht so gut, deshalb ließ sie es wieder. »Was hat sie gesagt?«, fragte sie schicksalsergeben.
»Na ja, sie schien zu denken, dass ich«, Marlies lachte belustigt auf, »deine Freundin bin. Und zwar eine sehr enge Freundin. Als ob wir zusammenleben würden.« Amüsiert schüttelte sie den Kopf. »Als ich ihr dann sagte, dass ich einen Mann und drei Kinder habe, war sie ziemlich entsetzt, hatte ich den Eindruck.«
Jetzt hätte Nicola so gern gelacht. Aber sie musste sich zurückhalten, um die Buschtrommeln zwischen ihren Schläfen nicht wieder zum Dröhnen zu bringen. »Das kann ich mir vorstellen«, sagte sie. »Sie hätte allerdings nichts dagegen, wenn ich bereits drei Kinder hätte. Es war immer schon ihr Wunsch, möglichst viele Enkelkinder zu haben.«
»Oh, sie kann gern mal zum Kinderhüten vorbeikommen«, schmunzelte Marlies. »Falls sie nicht ausgelastet ist.«
»Tja . . .« Nicola holte tief Luft und seufzte. »Dazu ist sie jetzt leider zu weit entfernt. Das wäre dann doch eine Bahnfahrt von mehreren Stunden.«
»Also habt ihr euch gekracht«, schloss Marlies daraus und erhob die Aussage von einer Frage zu einer Feststellung.
»Nicht wirklich«, sagte Nicola. »Es ist nur nicht so leicht, mit meiner Mutter auszukommen. Sie hat ihre ganz speziellen Vorstellungen.«
»Die haben alle Mütter.« Marlies grinste fast. »Und da nehme ich mich nicht aus.«
»Ich sehe das ja auch ein.« Nicola ließ ihren Blick kurz an die Decke wandern. »Vermutlich wollen alle Mütter nur das Beste für ihre Kinder. Aber es ist so schwer herauszufinden, was das Beste ist.«
»Da waren deine Mutter und du verschiedener Meinung?«, fragte Marlies.
Nicola nickte. »Es hat sie wohl immer geärgert, dass ich eher mit meinem Vater einer Meinung war als mit ihr. Wir hatten immer hochfliegende Pläne, mein Vater und ich, und meine Mutter fand, wir wären Träumer. Wir sollten uns mehr auf die Realität konzentrieren.«
Sinnend wiegte Marlies den Kopf hin und her. »Es ist immer gut, sich auf Ziele zu konzentrieren, die man auch erreichen kann, das stimmt schon. Erspart einem viele Enttäuschungen.« Sie lachte. »Aber was wäre das Leben ohne Träume? Ohne das Greifen nach den Sternen?« Lässig zuckte sie die Schultern und gab auch gleich die Antwort auf ihre Frage. »Sterbenslangweilig.«
»Ich wollte Abitur machen, studieren«, sagte Nicola. »Aber meine Mutter fand, ich sollte lieber eine Lehre machen. Also habe ich eine Lehre gemacht.« Erneut blickte sie an die Decke. »Mit viel Einsatz habe ich mich trotzdem hochgearbeitet. Ich stand kurz vor einer Beförderung. Aber dann –« Sie brach ab. Daran wollte sie sich wirklich nicht erinnern.
»War das denn dein Traumberuf?« Marlies stand auf und ging zum Fenster, um hinauszuschauen.
»Mein Traumberuf?« Nicola lächelte wehmütig. »Nein, mein Traumberuf war das nicht.«
»Dann ist es ja vielleicht gut, dass du einen Schlussstrich gezogen hast. Dass du in eine andere Stadt gezogen bist und hier neu startest.«
»Ja, vielleicht ist es das«, murmelte Nicola. »Ein neuer Start.«
»Ah, da kommen die beiden Kleinen«, verkündete Marlies von ihrem Ausguck am Fenster her. »Da muss ich jetzt runter und mich ums Mittagessen kümmern.« Sie lachte wieder. »Die fressen mir immer die Haare vom Kopf, wenn sie aus der Schule kommen.« Mütterlich lächelnd kam sie zu Nicola ans Bett zurück. »Ich schaue später noch mal nach dir.«
»Danke, Marlies.« Nicola lächelte ebenfalls leicht. »Das musst du aber nicht. Mir geht es schon besser.«
»Aber nicht gut genug«, beschloss Marlies. »Ich bringe dir nachher etwas vom Mittagessen herauf.«
Nicola wies auf ihren Teller. »Aber ich habe doch gerade erst gegessen.«
»Mal sehen«, sagte Marlies, nahm den Teller und ging zur Diele hinüber. An der Ecke drehte sie sich noch einmal um und lächelte Nicola zuversichtlich an. »Alles wird gut«, sagte sie. »Wenn du wieder ganz gesund bist, sieht die Welt schon anders aus.«
Dann verschwand sie, und gleich darauf hörte Nicola die Wohnungstür ins Schloss fallen.
Eine ganze Weile lag Nicola nur so da, bis sie endlich den Versuch machte aufzustehen. Langsam tastete sie sich an der Wand entlang zur Toilette. Ohne Unterstützung war das immer noch schwierig.
Doch nicht nur deshalb stöhnte sie frustriert auf. Das konnte ja heiter werden, wenn sie den Job, den sie sich gerade erst mühsam erkämpft hatte, gleich wieder verlor. Sie war noch in der Probezeit, also konnte sie von einem Tag auf den anderen gekündigt werden. Es war schwierig genug gewesen, diesen Job zu ergattern, aber sie hatte gehofft, jetzt würde sich langsam mal wieder einiges beruhigen.
Ihre Mutter würde das natürlich als Beweis ansehen, dass Nicola sich jetzt endlich mal dem Kinderkriegen zuwenden sollte, da sie beruflich ja anscheinend höchstens ein Bein auf die Erde kriegte, aber niemals zwei, die ihr Standfestigkeit hätten verleihen können.
Das hätte ja alles sein können. Sie presste die Lippen zusammen. Wenn Chantalle nicht gekommen wäre. Nicola war so kurz davor gewesen, den Job als Einkäuferin zu bekommen, die nächste Stufe auf der Karriereleiter. So klein diese Karriere auch gewesen sein mochte, aber sie hatte hart dafür gearbeitet.
Chantalle. Tally. Klang so nett, die Verkleinerungsform. Aber das war irreführend. Tally war nicht nett. Oder nur so lange, bis sie bekommen hatte, was sie wollte. Und wehe, daran änderte sich etwas.
Das war das letzte Mal, hatte Nicola sich damals gesagt. Das letzte Mal, dass sie auf so eine Frau hereingefallen war. Nie wieder!
Und was ist mit Lian? fragte da etwas Vorwitziges in ihrem Kopf.
Was soll mit Lian sein? Ich kenne sie kaum.
Aber sie gefällt dir.
Darüber wollte Nicola lieber nicht nachdenken. Lian hatte genau diese überwältigende Art, dieses Selbstbewusstsein, dieses amüsierte Lächeln, an das sie sich von Tally noch so gut erinnerte. Wahrscheinlich war es genau diese Überlegenheit, die Nicola anzog. Sie hätte sich gern einmal fallengelassen, nicht immer nur gekämpft, sich in starke Arme gekuschelt und alle Verantwortung abgegeben. Aber wenn man das zuließ, endete es immer nur in einer Katastrophe.
Also ließ sie es nicht mehr zu. Sie hatte sich von Lian zum Abendessen einladen lassen, weil sie . . . nun ja . . . einsam war. Weil die Aufmerksamkeit und angenehme Unterhaltung, die Lian ihr geschenkt hatte, ihr gutgetan hatten. Weil sie das von ihren Sorgen abgelenkt hatte.
Zwar hatte sie sich darauf eingestellt gehabt, Lian zum Schluss noch abwehren zu müssen, aber als das nicht geschehen war, hatte sie sich doch gewundert. Das war definitiv nicht wie Tally.
Lian war deshalb ein Rätsel für sie, und sie hätte wirklich gern gewusst, wer sie war. Darüber hatten sie beim Abendessen nicht gesprochen. Es war, als hätte Lian das Thema mit Absicht vermieden. Sie hatte immer wieder nach Nicolas Lebensumständen gefragt und ihr zugehört, wenn sie davon erzählte, aber ihre eigenen waren im Dunkeln geblieben.
Was beschäftige ich mich überhaupt damit? Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es wehtun würde, hätte Nicola jetzt heftig den Kopf geschüttelt. Ich bin krank, ich verliere vielleicht meinen Job, kann meinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen und muss erst einmal sehen, dass ich das alles auf die Reihe kriege. Lian ist wirklich mein geringstes Problem.
Und verlieben wollte sie sich ja sowieso nie mehr. Das führte zu nichts als Unglück.
Nein, dieses Kapitel war für sie abgeschlossen.
6
»Und wie willst du das durchziehen?« Lians Kollegin und auch langjährige Freundin Margarethe Leonora Amalie – nie hatte sie ihrer Mutter verziehen, dass sie sich so eine pompöse Namenskombination ausgedacht hatte –, genannt Maggie, blickte Lian zweifelnd an. »Ich meine, jetzt hast du ja Urlaub, aber wie willst du das machen, wenn du wieder arbeiten musst?«
Etwas schuldbewusst verzog Lian das Gesicht. »Das habe ich verdrängt. Zuerst dachte ich, nur für den Urlaub. So ein kleines Techtelmechtel zwischendurch. Zur Entspannung. Aber jetzt –« Sie schüttelte den Kopf, am meisten über sich selbst. »Ich weiß nicht. Ich finde sie so . . . aufregend. Interessant irgendwie. Das hatte ich schon lange nicht mehr.«
Maggie lachte leicht. »Also für mich klingt sie eher nach einer Zicke. Ganz schönes Explosionspotenzial. Mit nichts zufrieden.«
»Ich glaube, sie hat irgendetwas Schweres durchgemacht, eine tiefe Enttäuschung oder so.« Nachdenklich schürzte Lian die Lippen.
»Ach Gottchen!« Maggie schlug gespielt dramatisch die Hände vor sich zusammen. »Ist es nicht furchtbar? Das arme kleine Frauchen ist tief enttäuscht worden? Wie schrecklich. Und so außergewöhnlich. Ist uns anderen ja noch nie passiert.« Sie beugte sich vor. »Auf so etwas fällst du rein?«
»Ja, ich weiß.« Wieder verzog Lian das Gesicht. »Ich war immer die Erste, die sich über solche Dinge lustiggemacht hat. Und ist ja auch richtig. Wir schlagen uns hier mit wirklich lebensbedrohlichen Dramen herum, und dann kommt so etwas wie so ein kleiner häuslicher Streit, der dagegen bedeutungslos erscheint. Aber das Leben besteht nun einmal daraus. Und für viele Leute hat das eine große Bedeutung.«
»Für viele Leute vielleicht«, hielt Maggie dagegen. »Aber für dich?« Sie schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, was mir passiert ist. Bei unserer Arbeit sind wir einfach zu wenig zu Hause. Und wenn man dann mal nach Hause kommt . . .«
»Aber so muss es doch nicht sein.« Lian fühlte sich unwohl bei dieser Diskussion. Denn sie hatte sie schon mit sich selbst geführt. Und eigentlich war sie Maggies Meinung. »Sie ist wie eine Wildkatze, die sich mit ausgefahrenen Krallen gegen eine Beziehung wehrt. Deshalb will sie wahrscheinlich gar nicht so etwas Enges. Vielleicht ist es ihr ganz recht, wenn ich nicht so viel zu Hause bin.«
»Ha!« Eingebettet in einen abfälligen Luftstrom stieß Maggie das hervor. »Das glaubst du doch nicht wirklich. Im Moment tut sie vielleicht so. Aber was ist, wenn ihr euch näherkommt? Wenn es in Richtung Zweisamkeit geht? Zusammenleben, vielleicht sogar Hochzeit und der ganze Schmarrn? Was meinst du, was sie dann von dir erwartet?«
Lian grinste etwas verlegen. »Wahrscheinlich werde ich alt. Vielleicht sollte ich mir einen anderen Beruf suchen.«
»Das willst du nicht«, sagte Maggie. »Und das kannst du auch gar nicht.«
Ein tiefer Seufzer entrang sich Lians Brust. »Du hast recht. Ich will es nicht. Wenn ich es wollte, hätte ich es wahrscheinlich schon längst getan.«
»Du bist einfach nicht für einen Job hinter einem Schreibtisch geschaffen.« Maggie tippte ihr spielerisch auf den Arm. »Wozu würdest du das dann alles brauchen?«
»Meine Muskeln?« Lian hob den Arm und blickte darauf, als wollte sie ihren Bizeps spielen lassen, was sie aber nicht tat. Stattdessen ließ sie den Arm wieder sinken. »Die kann man sich auch erhalten, wenn man hinter einem Schreibtisch sitzt. Man muss nur regelmäßig trainieren.«
»Und trotzdem ist es nicht dein Ding. Mach dir doch nichts vor.« Maggie trank einen Schluck von ihrem Bier. »Du brauchst das Abenteuer. Die Aufregung. Hinter einem Schreibtisch würdest du in kürzester Zeit eingehen wie ein Baum ohne Wasser.«
»Musst du denn immer recht haben?« Lian blitzte sie an und trank ihr eigenes Bierglas nun in einem Zug aus.
»Tja.« Maggie zuckte die Schultern. »Das liegt nun mal in meiner Natur.« Sie grinste.
»Irgendetwas stimmt nicht«, sagte Lian. Ihre Finger hatten sich um das leere Bierglas gelegt und spielten nun daran herum. »Ich habe versucht, sie anzurufen. Aber sie nimmt nicht ab.«
»Na bitte.« Geradezu erleichtert blickte Maggie sie an. »Sie will gar nichts mehr von dir wissen. Das ist doch eindeutig.« Blinzelnd legte sie ein wenig den Kopf schief. »Musst du vielleicht mal wieder an deinen Fähigkeiten im Bett arbeiten?« Ihr Grinsen wurde sehr amüsiert.
Strafend blickte Lian sie an. »Ich habe nicht mit ihr geschlafen. Habe ich doch gesagt.«
»Ja, gesagt . . .« Maggie dehnte das sehr in die Länge. »Aber das ist doch ziemlich untypisch für dich. Sonst bist du ja schon eher der Typ So viele Frauen, so wenig Zeit.«
»Sonst ist nicht jetzt«, erwiderte Lian ärgerlich.
Ein paar Sekunden lang betrachtete Maggie sie nur. »Dir liegt wirklich etwas an ihr, hm?« Besorgt schüttelte sie den Kopf. »Das ist nicht gut.«
»Weiß ich ja.« Lian hob den Arm und winkte der Kellnerin, dass sie ihr noch ein Glas bringen sollte. »Aber sie ist wirklich etwas . . . Besonderes.«
»Wer sagt das?«, fragte Maggie süffisant. »Dein Kopf oder dein Unterleib?«
»Ich habe nicht mit ihr –«, setzte Lian erneut an.
»Aber du wolltest. Gib’s zu. Ich kenne dich doch.« Wieder beugte Maggie sich vor. »Und es beunruhigt mich, dass du es trotzdem nicht getan hast. Wirst du weich?«
»Was hat das damit zu tun?« Maggie war wie eine lästige Fliege, die einen umschwirrte und die man einfach nicht vertreiben konnte, dachte Lian. Für einen kurzen Augenblick wünschte sie sich eine Fliegenklatsche.
»Du hast solche Gefühle nie an dich herangelassen. Sie waren dir nicht wichtig«, sagte Maggie. »Und auf einmal sind sie es. Also was ist da passiert?«
Nicola ist passiert, dachte Lian. Wie eine Atombombe ist sie in mein Leben geknallt. Und jetzt bewundere ich den schön geschwungenen Pilz, ohne mir über die Gefahren Gedanken zu machen. »Es war so ein Zufall«, sagte sie. »Ich gehe normalerweise nie zu ALDI. Plötzlich fuhr ich da vorbei und hatte Durst, dachte, ich springe schnell rein und hole mir was. Und dann stand sie da an der Kasse, hatte kein Geld . . .«
»Mannomann!« Genervt aufstöhnend lehnte Maggie sich zurück. »Der weiße Ritter in der strahlenden Rüstung. Oder was bist du?«
»Du weißt, dass ich das nicht so sehe«, entgegnete Lian pikiert.
»Trotzdem bist du immer gern mit der Masche gefahren.« Maggie grinste wieder. »Und hattest Erfolg damit. Also hast du doch nur deine übliche Routine abgespult.«
Langsam schüttelte Lian den Kopf. »Es war keine Routine«, sagte sie dann. »Gar nicht.« Sie zuckte die Schultern. »Na ja, vielleicht noch bis zu der Fassadenkletterei. Aber dann abends . . .«
»Dann abends bist du ihren schönen Augen zum Opfer gefallen, oder was?« Tadelnd zog Maggie die Luft ein und stieß sie wieder aus. »Oder hat sie noch andere Talente?« Sie machte eine Geste, als wollte sie große Brüste vor ihrem Oberkörper beschreiben.
»Hörst du wohl auf!« Lian schlug leicht lachend nach ihr, musste sich dann aber zusammennehmen, weil die Kellnerin mit ihrem Bierglas kam. »Danke«, sagte sie und lächelte sie an, als sie es vor sie hinstellte.
»Siehst du?«, sagte Maggie. »Das sind Argumente.« Wieder machte sie die Geste vor ihrer Brust und schaute der Kellnerin nach. »Und jetzt bestreite nicht, dass du ihr genüsslich in den Ausschnitt geguckt hast.«
»Das war nur . . . Gewohnheit«, verteidigte Lian sich. »Nichts Ernstes.«
»Aber mit Nicola ist es ernst.« Maggie seufzte auf. »Das solltest du dir wirklich gut überlegen. Ich meine«, wieder warf sie einen Blick auf die Kellnerin, die jetzt am Nebentisch bediente und sich dabei vorbeugte, sodass man ihre ›Talente‹ gut betrachten konnte, »das ist doch etwas Handfestes. Etwas, womit man etwas anfangen kann. Dafür braucht man keine weiteren Gefühle.«
»Ob sie das wohl genauso sieht?«, sagte Lian und starrte in ihr Glas. Dann nahm sie einen großen Schluck, als wollte sie alle störenden Gedanken damit herunterspülen. »Aber du hast natürlich recht. Ich sollte mich nicht weiter darum kümmern. Einen netten Urlaubsflirt habe ich gesucht, sonst nichts.«
»Brav«, sagte Maggie. »So gefällst du mir wieder.«
Aber ein bisschen misstrauisch betrachtete sie Lian trotzdem.
7
»Ja, mache ich sofort.« Nicola nickte.
Dorothea Wrede zur Mühlen, Nicolas Chefin, warf einen argwöhnischen Blick auf sie. »Und dann den hinteren Teil«, fügte sie ihrer vorherigen Anweisung noch hinzu.
Als ob ich silberne Löffel stehlen würde, dachte Nicola genervt. Und dabei gibt es hier gar keine.
Dorothea Wrede zur Mühlen war eine jener Frauen, die gar nicht arbeiten mussten, es aber unbedingt wollten, jedoch auf Teufel komm raus nicht konnten. Deshalb hatte Frau Wrede zur Mühlen Nicola eingestellt, die durchaus wusste, was arbeiten war und wie man es machte.
Da die hochwohlgeborene Dorothea davon aber keine Ahnung hatte, meinte sie immer noch, dass Nicola sich vor der Arbeit drückte und mehr hätte arbeiten können, wenn sie nur gewollt hätte. Insbesondere seit Nicola sich hatte krankmelden müssen. Vermutlich hatte die schöne Dorothea – sie war nicht schön, aber dafür hielt sie sich – den Verdacht, dass Nicola gar nicht krank gewesen war, sondern sich stattdessen einen kleinen Urlaub auf den Malediven auf Kosten ihrer Arbeitgeberin gegönnt hatte.
Wie gern ich das getan hätte, seufzte Nicola innerlich. Urlaub könnte ich wirklich gebrauchen. Sie hatte sich kaum von dem Virus erholt gehabt, da war sie schon wieder zur Arbeit gegangen, sie wusste selbst nicht genau, warum. Vermutlich war sie einfach arbeitssüchtig. Oder masochistisch. Das musste man sein bei einer Chefin wie Dorothea Wrede zur Mühlen.
Obwohl sie eigentlich als Verkäuferin eingestellt worden war und deshalb vorn im Laden sein sollte, schickte Dorothea sie oft nach hinten, ließ sie putzen und sortieren, Regale einräumen und ausräumen und wieder einräumen, als ob sie nichts als eine Handlangerin wäre. Ihre Kundinnen – oft Freundinnen von ihr aus den gleichen Kreisen, in denen sie privat verkehrte – bediente Dorothea am liebsten selbst, obwohl sie nichts davon verstand.
Schon öfter hatte sie zudem durchblicken lassen, dass Nicola die Kleider aus dem Laden tragen sollte, quasi als Vorführmannequin, um den Damen den richtigen Eindruck zu vermitteln, und das hätte Nicola ja auch gern getan, aber leider ging Frau Wrede zur Mühlen davon aus, dass Nicola sie dafür zuerst kaufen müsste. Was Nicola sich nicht leisten konnte, denn die Preise begannen oberhalb ihres Gehaltsniveaus.
»Frau Harnoncourt! Wo sind Sie denn schon wieder?« Dorotheas schrille Stimme fing sich hinten im Lager.
»Du hast mich doch gerade erst hier hingeschickt.« Aufseufzend ließ Nicola den Pullover, den man auch als Abendkleid hätte tragen können – zumindest wenn man vom Preis ausging –, im Karton, und begab sich wieder nach vorn.
Sie hatte schon manchmal den Verdacht gehabt, dass Dorothea sie nur wegen ihres wohlklingenden Namens eingestellt hatte, den sie dann durch den Laden rufen und damit Eindruck schinden konnte. Hätte Nicola einfach nur Müller oder Schmidt geheißen, hätte sie das vielleicht nicht so oft getan. Oder sie gar nicht erst eingestellt.
»Kundschaft«, empfing Frau Wrede zur Mühlen sie mit einem strafenden Blick. Und von ihrem Tonfall ausgehend schloss Nicola daraus, dass diese Kundin nicht zum engeren Freundeskreis der schönen Dorothea gehörte, da sie sie sonst selbst bedient hätte.
»Ja, selbstverständlich«, sagte Nicola. »Ich kümmere mich darum.« Wie um alles hier, dachte sie.
Sie ging an einem Ständer mit teuren, dafür aber umso stoffärmeren Blusen vorbei, und erstarrte fast, als sie die ›Kundschaft‹ erkannte.
»Hallo«, sagte Lian.
Ein paar Sekunden lang konnte Nicola nicht reagieren. »Woher weißt du, wo ich arbeite?«, fragte sie dann in scharfem Ton, aber so unterdrückt, dass es fast wie ein Zischen klang. Das fehlte ihr noch, dass Frau Wrede zur Mühlen mitbekam, dass Lian und sie sich kannten.
»Woher weißt du, dass ich nicht gekommen bin, um etwas zu kaufen?«, fragte Lian zurück.
Nicola schürzte die Lippen. »Ich würde sagen, das, was hier verkauft wird«, sie ließ ihren Blick über die Ständer mit exaltierten Kleidern, Blusen und Schuhen gleiten, die sich in krassem Gegensatz zu dem befanden, was Lian trug, »ist nicht so ganz dein Stil.«
»Und wenn es nicht für mich ist?«, fragte Lian. »Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk.«
»Ach so.« Warum versetzte ihr das jetzt so einen Stich? Sie kannte Lian doch überhaupt nicht. Sie hatten einmal miteinander zu Abend gegessen, sonst gar nichts. Lians Nummer hatte sie auf ihrem Handy blockiert, weil sie beschlossen hatte, dass es dabei auch bleiben sollte. Warum sie sie nicht gleich gelöscht hatte, darüber machte sie sich lieber keine Gedanken. »Welche Größe hat die Dame?« Nicola lächelte leicht spöttisch. »Wobei ich vielleicht dazusagen sollte, dass alles über Size Zero hier in dem Laden schon als Übergröße gilt.«
»Kann ich mir vorstellen«, sagte Lian. Sie lächelte im Gegensatz zu Nicola freundlich, fast wie um ihr zu zeigen, dass es keinen Grund gab, es nicht zu sein. »Aber die . . . Dame ist ziemlich dünn. Könnte also passen.« Lässig schlenderte sie auf einen Ständer zu und ließ ihre Finger über den Stoff eines Kleides gleiten. »Schön«, sagte sie. »Seide?«
Nicola nickte. »Mit einem Hauch von Bambus. Sehr angenehm im Sommer.«
»Führst du die Kleider auch vor?« Kurz ließ Lian einen Blick über ihre Figur schweifen. »Dir passt es doch auch, oder?«
Schon wollte Nicola diese Zumutung zurückweisen, da erschien plötzlich Dorothea wie aus dem Nichts neben ihnen. »Ist das Ihr Wagen da draußen?«, fragte sie und betrachtete Lian neugierig.
»Stehe ich im Halteverbot?« Nicht wirklich besorgt warf Lian einen Blick zum Schaufenster hinaus.
»Oh nein, nein.« Dorothea war plötzlich die Verbindlichkeit selbst. »Das ist völlig in Ordnung. Ein Bekannter von mir fährt dasselbe Modell. Speziell importiert.«
»Ich weiß«, sagte Lian. Sie lächelte auf eine Art, die anzeigte, dass sie das nicht als etwas Besonderes empfand.
»Sie können wieder nach hinten gehen, Frau Harnoncourt«, warf Dorothea Nicola hin wie einem Hund einen Knochen. »Ich übernehme hier.«
Ist mir mehr als recht, dachte Nicola, drehte sich um, kam aber kaum einen Schritt weit, bevor sie Lian sagen hörte:
»Ich hatte Frau . . . Harnoncourt gerade gefragt, ob sie die Kleider auch vorführt.«
»Sie hat aber nicht dieselbe Größe wie Sie«, protestierte Dorothea ein wenig abwehrend.
»Das Kleid ist ja auch nicht für mich«, erklärte Lian. »Die Dame, für die es gedacht ist, hat so ziemlich dieselbe Größe wie Frau Harnoncourt.«
»Frau Harnoncourt«, hielt Dorothea Nicola widerwillig zurück. »Könnten Sie bitte bleiben?«
Das klang ein wenig gepresst aus dem schmallippigen Mund, aber eine Kundin, die ein Kleid kaufen wollte, das sie sich – wenn man ihren Wagen betrachtete – auch leisten konnte, hatte natürlich gewisse Rechte. Zumal der Verkauf dieses Kleides Dorothea auf einen Schlag so viel Geld einbrachte, dass sie sich dasselbe Auto wie das, was draußen vor der Tür stand, fast gleich selbst davon hätte kaufen können.
»Um welches Kleid handelt es sich?«, fragte sie Lian zuvorkommend, obwohl eindeutig zu spüren war, dass dies nicht zu ihren angeborenen Charaktereigenschaften gehörte.
»Oh, ich habe mich noch nicht entschieden.« Lian wirkte ausgesprochen entspannt, so als ob sie jeden Tag Boutiquen leerkaufen würde. »Kann sie mir nicht mehrere vorführen? Dann kann ich mich entscheiden.«
In Nicola kochte die Wut hoch. Eigentlich hatte sie die Energie, die sie gehabt hatte, bevor sie krank geworden war, noch nicht so ganz wiedergefunden, aber um Lian eine zu scheuern, würde es wohl reichen. Was erlaubte sie sich eigentlich? Wahrscheinlich wollte sie gar nichts kaufen, nur Nicola ärgern. Und wenn sie nichts kaufte, nachdem sie stundenlang hier im Laden gewesen war und Dorotheas Zeit in Anspruch genommen hatte, musste Nicola es nachher ausbaden.
»Sie wissen nicht vielleicht schon, welches Kleid Sie unter Umständen kaufen würden?« Auch Dorothea war nicht so ganz glücklich mit Lians Vorschlag. »Das sind alles Einzelstücke hier. Modelle. Sehr teuer, wie Sie sehen. Und wenn da beim An- oder Ausziehen etwas passiert . . .«
»Aber sicher. Ich verstehe.«
Da Nicola sich jetzt wieder umgedreht hatte, konnte sie das Zucken in Lians Mundwinkeln sehen.
»Ich werde eine Art Kaution hinterlegen. Ist Ihnen das recht? Und wenn etwas bei einem Kleid passiert, das ich nicht kaufe, können Sie jegliche Reparatur davon bezahlen. Oder ein neues Kleid.« Nonchalant zückte Lian eine Kreditkarte und hielt sie Dorothea hin.
Die Boutiquebesitzerin schnappte nach Luft.
Platin, dachte Nicola. Warum bin ich jetzt nicht überrascht?
Es war eine dieser Karten, die im Prinzip keinerlei Limit hatten. Oder nur eins, das man höchstens mit dem Kauf einer Jacht ausschöpfen konnte.
»Dann . . . Dann ist es natürlich in Ordnung.« Wie eine Krake grabschte Dorothea nach der Karte, als wollte sie sie sich gleich ganz einverleiben. Was sie wahrscheinlich am liebsten auch getan hätte. Ihr Mann war zwar wohlhabend, aber eine Platinkarte hatte er ihr noch nie überlassen. Wohlwissend, dass selbst er sich das bei den Einkaufsgewohnheiten seiner Frau mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht hätte leisten können.
»Bitte, Frau Harnoncourt«, sagte Dorothea, während sie mit der Karte zur Kasse hinüberging. »Würden Sie das Kleid, das eben bereits im Gespräch war, schon einmal anziehen? Damit können wir ja anfangen.« Offensichtlich erwartete sie, dass Lian nicht nur ein Kleid kaufen würde.
Am liebsten hätte Nicola geantwortet: Ich werde nichts dergleichen tun, aber das konnte sie sich nicht leisten, also nahm sie das Kleid mit nach hinten und zog sich um. Ihre Kiefer mahlten, während sie sich im Spiegel betrachtete. Ja, das Kleid war schön. Es fühlte sich wunderbar an auf ihrer Haut, weich, kühl und seidig, fast wie ein Streicheln. Aber sie war doch keine Kleiderpuppe, die Lian einfach so herumscheuchen konnte!
Als sie wieder nach vorn kam, warteten Lian und Dorothea schon auf sie.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen ließ Lian ihren Blick erneut über Nicola schweifen. »Machen Sie auch Änderungen?«, fragte sie Dorothea beiläufig. »Die Dame, für die das Kleid gedacht ist, hat etwas mehr«, sie lachte leicht und blinzelte ihr zu, »Oberweite.«
Ich bringe dich um, dachte Nicola. Am liebsten hätte sie mit den Zähnen geknirscht, aber sie hielt sich im letzten Moment zurück.
»Drehen Sie sich doch mal, Frau Harnoncourt«, fauchte Dorothea Wrede zur Mühlen Nicola an. Oder sie hätte sie angefaucht, wenn Lian nicht dabei gewesen wäre. So ließ sie ein kleines Lachen folgen, als ob sie diesen Tonfall nicht ernstgemeint hätte. Was sie natürlich hatte. »Damit Frau . . .« Sie schaute Lian fragend an.
»Lorenz«, sagte Lian.
»Ach ja, entschuldigen Sie, bitte. Ich habe Ihren Namen ja auf der Kreditkarte gelesen.« Dorothea bat mit einem theatralisch überzogenen mädchenhaften Lachen um Verzeihung. Als sie sich dann allerdings wieder Nicola zuwandte, war jede Mädchenhaftigkeit verschwunden. »Damit Frau Lorenz einmal sehen kann, wie das Kleid fällt«, fuhr sie in scharfem Ton fort.
Oh ja, dachte Nicola sarkastisch. Warum lege ich nicht gleich einen Bauchtanz hin, damit sie sehen kann, was in dem Kleid DRIN ist? Etwas widerwillig drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse. »Reicht das?«, flüsterte sie so, dass nur Lian es hören konnte, als sie sich während des Drehens leicht zu ihr beugte und von Dorothea abgewandt war. »Oder soll ich mich auch noch auf den Kopf stellen?«
Lians Mundwinkel zuckten heftig, was Nicola jedoch nur aus dem Augenwinkel wahrnahm, weil sie sich schon wieder weitergedreht hatte.
»Sehr schön«, sagte Lian. »Ich nehme das Kleid.«
Dorothea fiel fast in Ohnmacht. »Sie wollten doch noch . . . Änderungen«, hauchte sie schwach.
»Zuerst einmal nehme ich das Kleid mit«, verkündete Lian entschlossen. »Damit die junge Dame entscheiden kann, ob es ihr überhaupt gefällt. Dann kann man immer noch über Änderungen reden.« Sie hob die Augenbrauen und blickte Nicola an. »Was sagen Sie denn dazu, Frau Harnoncourt?«, fragte sie ganz unschuldig. »Gefällt Ihnen das Kleid? Würden Sie es kaufen?«
Das war zu viel. Jetzt konnte Nicola sich nicht mehr bezähmen. »Das kann ich mir leider nicht leisten«, gab sie kühl zurück. »Aber ich werde es jetzt so schnell wie möglich ausziehen, damit Sie es mitnehmen können.« Und fast im Laufschritt verschwand sie nach hinten.
In der Umkleidekabine lehnte sie sich erst einmal schweratmend gegen die Wand. Was wollte Lian hier? Was hatte sie hier zu suchen? Und woher wusste sie überhaupt, wo Nicola arbeitete? Die Frage hatte sie nicht beantwortet.
Ist sie etwa eine Stalkerin? Sie musste schmunzeln, denn so richtig fühlte sie sich von dem Gedanken nicht bedroht. Na ja, zuzutrauen wäre es ihr. Ehrlich gesagt traute Nicola Lian so ziemlich alles zu. Für sie schien es keine Grenzen zu geben wie für andere Menschen.
Kopfschüttelnd stieß sie sich mit dem Rücken von der Wand ab und stellte sich noch einmal vor den Spiegel. Wirklich ein schönes Kleid. Und es passte ihr perfekt. Aber so etwas würde sie sich nur leisten können, wenn sie sich darauf einstellte, es in Raten abzuzahlen, die hundert Jahre in Anspruch nehmen würden.
Seufzend stieg sie aus dem Kleid heraus und zog ihr eigenes Kleid wieder an. Wem Lian das Kleid wohl schenken wollte? Sie hatte sicher eine ganze Armee von Freundinnen, so draufgängerisch, wie sie war.
Oder war es nur eine? Eine ganz spezielle Freundin? Hatte sie deshalb keinen Versuch gemacht, den Abend nach ihrem gemeinsamen Restaurantbesuch im Bett ausklingen zu lassen? Weil sie treu war?
Ha! Treu! Diese Frau doch nicht! Nicola hätte fast laut gelacht. Nie im Leben. Warum hatte sie Nicola dann so offensiv angemacht? Wenn man treu war, fuhr man fremden Frauen nicht im offenen Cabrio hinterher. Und man kletterte auch nicht an ihren Fassaden hoch.
Sie schüttelte noch einmal den Kopf, um diese Gedanken endgültig abzuschütteln, legte sich das Kleid über den Arm und brachte es nach vorn zur Kasse, wo Dorothea schon ungeduldig auf sie wartete.
»Was haben Sie dahinten denn so lange gemacht?«, fragte sie unfreundlich, ließ aber gleich wieder dieses künstliche Lachen folgen, weil ihr – wenn auch zu spät – anscheinend plötzlich eingefallen war, dass Lian ja noch im Laden stand.
»Ich nehme an, Frau Harnoncourt ist sehr vorsichtig mit dem Kleid umgegangen, damit sie es nicht beschädigt«, vermutete Lian verbindlich lächelnd. »Das war sehr aufmerksam von Ihnen, Frau Harnoncourt. Ich bedanke mich für Ihre rücksichtsvolle Vorgehensweise.« Sie neigte leicht den Kopf zu Nicola.
Dorothea hätte wohl am liebsten nach Luft geschnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen, aber sie fing sich, bevor sie sich ganz und gar lächerlich machen konnte. »Dazu halte ich meine Angestellten immer an«, bemerkte sie mit einem giftigen Blick auf Nicola. »Das ist ein Grundsatz unseres Hauses.«
»Dann werde ich hier vielleicht noch öfter einkaufen«, entgegnete Lian so charmant, dass wahrscheinlich selbst Dorothea die Knie weich wurden.
»Geschenkpapier?«, fragte Nicola, die das Kleid mittlerweile sorgfältig in einen schützenden Karton verpackt hatte. »Irgendeinen speziellen Wunsch? Eine Schleife vielleicht? Oder eine Grußkarte? Sollen wir das Kleid liefern?«
»Nein, ich denke«, Lians weiße Zähne blitzten raubtierhaft, »ich werde es selbst überreichen. Wenn Sie es mir bitte als Geschenk einpacken würden, das wäre ganz reizend von Ihnen.«
Ein bisschen hatte Nicola den Eindruck, Lian wollte sie auf den Arm nehmen, aber sie war sich nicht ganz sicher. »Aber selbstverständlich, gern«, erwiderte sie deshalb betont geschäftsmäßig, griff nach einer Rolle mit exquisit bedrucktem bunten Papier, die in dem Regal unter der Kasse lag, zog sie heraus und verpackte den Karton schnell und geschickt darin. Dann versah sie ihn noch mit einer passenden kleinen Schmuckapplikation. »Ist es so recht?«, fragte sie Lian mit möglichst neutraler Stimme.
»Wundervoll«, sagte Lian. Ihr Blick suchte Nicolas Augen. »Jetzt ist die Verpackung ja fast schöner als das Kleid.«
Mit diesen Worten und einem tiefen Blick in Nicolas Augen nahm sie den Karton entgegen, klemmte ihn lässig unter den Arm und verließ leicht damit herumschlenkernd das Geschäft.
Nicola hätte sich gern noch etwas von Lians Blick erholt, der ihr durch und durch gegangen war, und von dem Vibrieren in ihrer Stimme, als sie ihre Augen zum Schluss hatte in Nicolas versinken lassen, aber sie sah Dorotheas Lippen sich verdächtig bewegen, und bevor ihre unartige Chefin etwas sagen konnte, begab sie sich schnell wieder nach hinten. »Ich habe noch mit Auspacken zu tun«, erklärte sie schon halb im Gang. »Darin bin ich vorhin ja unterbrochen worden.«
Obwohl sie sich gleich wieder dem Pullover widmen wollte, den sie zuvor hatte liegenlassen müssen, konnte sie es nicht.
Lian hatte bei ihr auf jeden Fall weiche Knie hinterlassen, und sie musste sich erst einmal setzen.
Diese blauen Augen! Verdammt, diese blauen Augen! Und überhaupt . . . Ihr ganzes Verhalten. Wie sie Dorothea Wrede zur Mühlen in die Schranken gewiesen hatte. Und die hatte nichts dagegen tun können.
Ein Kichern wollte sich durch ihren Brustkorb nach oben schieben. Und auch wenn sie es zu unterdrücken versuchte, es gelang ihr nicht. Wie gern hätte sie ihre Chefin einmal so behandelt. Und nun hatte es Lian getan. Für sie.
Nein, natürlich nicht für sie. Für sich selbst. Lian war eben so.
Aber trotzdem musste sie sich für mindestens zwei Minuten auf der Toilette einschließen, bis der Lachanfall vorbei war.
Dafür hatte es sich gelohnt, früher zur Arbeit zurückzukehren, obwohl sie noch nicht ganz gesund gewesen war. Das hätte sie auf keinen Fall verpassen mögen, diesen Auftritt von Lian.
Auch wenn das natürlich alles höchst unverschämt gewesen war. Ihr, Nicola, gegenüber und auch Dorothea gegenüber.
Aber trotzdem konnte sie ein Grinsen kaum von ihrem Gesicht verbannen, als sie das Einräumen in die Regale wieder aufnahm.
8
»Da ich nicht genau wusste, ob dein Fahrrad in mein winziges Halbauto passt«, Lian grinste und lehnte sich gegen ihr Cabrio, neben dem sie lässig wie James Bond stand, »dachte ich, ich erwarte dich gleich bei dir zu Hause.«
Nicola wäre zwar tatsächlich fast vom Rad gefallen, als sie um die Ecke bog und Lians Auto vor der Tür stehen sah, aber sie beherrschte sich und tat so, als wäre ihr das völlig egal. In gewisser Weise hatte sie Lians Auftauchen auch fast schon erwartet. Nach der Vorstellung im Laden heute Vormittag.
»Ach ja?« Sie schwang sich erst auf den letzten Metern vom Sattel auf die Pedale und sprang dann geschmeidig ab. Eigentlich hatte sie etwas weniger spektakulär absteigen wollen, weil sie sich noch nicht so gut fühlte, aber wenn sie schon kein Cabrio hatte, musste sie doch wenigstens auf diese Art in puncto Lässigkeit mit Lian mithalten. »Und was versprichst du dir davon?«
»Einen Kaffee vielleicht?« Lian hob die Augenbrauen und kam auf sie zu. »Zu dem ich dich gern einladen würde.«
»Deine Einladungen nehmen überhand in letzter Zeit«, entgegnete Nicola spitz. »Das kann ich doch gar nicht annehmen.«
»Warum nicht?« Wie fast zu erwarten hatte Lian auch einen Plan B. »Falls du dich nicht von mir in ein Café einladen lassen willst«, sie zog ein Päckchen hinter dem Rücken hervor, »habe ich hier alles mitgebracht, damit wir bei dir Kaffeetrinken können. Kaffee, Milch, Zucker, Kuchen. Und Sahne. Für den Kuchen oder für den Kaffee. Was dir lieber ist.«
Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Es war ganz klar, dass sie sich nicht abwimmeln lassen wollte, egal was Nicola vorschlug. Wer wusste, was sie noch alles in ihrem Cabrio versteckt hatte, wenn Nicola auch diesen Vorschlag ablehnte?
»Ich bin eigentlich ziemlich müde . . .«, setzte sie an.
»Da gibt es doch nichts Besseres als Kaffee, um die Müdigkeit zu vertreiben.« Lian stand schon neben ihr an der Tür.
»Und Zucker nehme ich auch nicht in den Kaffee.« Es klang selbst in Nicolas eigenen Ohren schwach, wie sie nach Ausreden suchte.
»Dann ersetzt das den Zucker, den du deiner Nachbarin geliehen hast«, sagte Lian.
»Den hat sie schon zurückgebracht.« Seufzend zog Nicola ihren Schlüssel aus der Tasche. »Aber ich sage dir eins: Ich bin keine gute Gesprächspartnerin heute. Und außerdem bin ich sowieso immer noch sauer auf dich wegen dem, was du heute Vormittag im Laden abgezogen hast.« Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn herum, um aufzuschließen.
Laut und höchst vergnügt lachte Lian auf. »Was ich im Laden abgezogen habe?« Sie wurde kurz ernst. »Hat deine überspannte Chefin das an dir ausgelassen? Das täte mir leid.« Echt bekümmert wie es schien verzog sie das Gesicht.
»Nein, nein.« Nicola winkte ab und drückte die Tür auf, wobei sie gleichzeitig versuchte, ihr Fahrrad hineinzuschieben.
»Warte, ich halte sie auf.« Sofort sprang Lian ihr zur Seite.
So konnte Nicola ihr Zweirad ganz bequem in den breiten Gang neben dem Treppenhaus befördern, wo schon andere Räder standen. Sie stellte ihres an einen leeren Platz an der Wand. »Danke«, sagte sie.
»Keine Ursache.« Lian grinste wieder und ließ die Haustür ins Schloss fallen. »Ehrlich gesagt hätte ich wirklich große Lust auf einen Kaffee. Ich will nur die Zeit verkürzen, bis ich ihn bekomme.«
»Bis du einen Kaffee bekommst?« Nicola schüttelte den Kopf und ging die Treppe hinauf. »Ich glaube, das ist nur eine verkappte Bezeichnung für etwas anderes.«
»Für Sex, meinst du?« Lian lachte.
»Psst!« Ruckartig drehte Nicola sich um und hielt einen Finger über ihre Lippen. »Hier im Treppenhaus kann man jedes Wort verstehen.«
»Denkst du wirklich, deine Nachbarn wüssten nicht, was diese . . .«, Lian machte eine genüssliche Pause, »Lieblingsbeschäftigung der meisten erwachsenen Menschen ist?«
»Schon«, sagte Nicola. »Aber man spricht nicht darüber. Zumindest nicht im Treppenhaus.«
»Ah. Eine Regel, die ich noch nicht kannte.« Lian tat, als würde sie diese Information ernsthaft abspeichern. »Werde ich mir merken.«
»Du machst dich nur über mich lustig«, sagte Nicola, blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah auf Lian hinunter, die noch zwei Stufen unter ihr stand. Auf diese Art war Nicola wenigstens ein einziges Mal größer. Das hob ihr Selbstbewusstsein. »Und dabei vergisst du wohl, dass du noch nicht in meiner Wohnung bist. Ich könnte dir immer noch die Tür vor der Nase zuschlagen, dich gar nicht erst reinlassen.«
»Das würdest du machen?« In gespielter Verzweiflung legte Lian eine Hand auf ihr Herz. »Könntest du mir das wirklich antun? Wo ich mich so nach einem Kaffee verzehre?« Sie lachte wieder. »Und der Kuchen ist auch nicht zu verachten. Ich kaufe den eigentlich nur in dieser einen Bäckerei. Die haben eine tolle Konditorin. So etwas Gutes gibt es kein zweites Mal in der Stadt.«
»Ach, du hast die Konditorin schon . . . probiert?«, bemerkte Nicola süffisant, während sie die letzten Stufen bis zu ihrer Wohnung hochstieg. »Was auch sonst?«
»Nicht die Konditorin. Ihren Kuchen«, korrigierte Lian ganz ernsthaft. »Sie wirklich nicht. Kannst du mir glauben.«
»Na, was man dir glauben kann . . .« Nicola schloss auf und stieß die Wohnungstür nach innen. Dann drehte sie sich um und sah Lian an. »Ich könnte dich immer noch hier stehenlassen«, sagte sie.
»Dann nimm wenigstens den Kuchen«, erwiderte Lian und streckte ihr das Päckchen hin. »Der verträgt die Hitze draußen nicht so gut. Wenn du ihn jetzt nicht essen willst, kannst du ihn ja in den Kühlschrank tun.«
Kurz überlegte Nicola noch, dann nahm sie das Päckchen und ging hinein. »Na ja, wenn du schon mal da bist . . .«, gab sie gnädig nach. »Kaffee hätte ich mir jetzt sowieso gekocht.« Sie stellte das Päckchen auf den Küchentisch und ihre Tasche daneben. »Aber ich lege gleich die Beine hoch, das sage ich dir. Ich habe praktisch den ganzen Tag gestanden, und Frau Wrede zur Mühlen war heute auch mal wieder ein ganz besonderer Genuss.« Sie rollte die Augen.
»Wrede zur Mühlen?« Verwundert hob Lian die Augenbrauen. »So heißt deine Chefin?«
»Ja, so heißt sie.« Nicola seufzte und ging zur Kaffeemaschine hinüber. »Dorothea Wrede zur Mühlen. Möglicherweise hieß sie vor ihrer Hochzeit Doris Schulze, aber dann hat sie Herrn Wrede zur Mühlen geheiratet und wurde aufgewertet.«
»Aber nur äußerlich, oder?«, bemerkte Lian ironisch. »Innerlich kommt sie mir mehr wie ein Bauerntrampel vor.«
»Meine Güte, was bist du fies.« Strafend blickte Nicola sie an, doch dann musste sie schmunzeln. »Aber leider hast du recht.«
»Sie war doch nicht meinetwegen so ungenießbar, oder?«, fragte Lian, anscheinend tatsächlich besorgt. »Das wollte ich nicht. Ich hatte nur das Gefühl, man darf ihr nicht zu viel Spielraum lassen.«
»Ihr und mir?«, fragte Nicola spitz. »Denn hauptsächlich hast du ja mich mit deinen . . . Wünschen traktiert.«
»Dafür entschuldige ich mich«, sagte Lian und verbeugte sich leicht. »Aber du warst so . . . abweisend. Als ob ich nichts dort zu suchen hätte. Und das macht mich immer ein bisschen . . .«, sie grinste, »rebellisch.«
»Du hattest nichts dort zu suchen«, betonte Nicola, während sie das Durchlaufen des Kaffees startete. »Du hättest das Kleid für deine . . . Bekannte auch in jedem anderen Laden kaufen können. Warum ausgerechnet bei uns?«
»Weil ich dich vom Schaufenster aus gesehen habe«, sagte Lian. »Und die Boutique sah genau so aus, wie ich mir ein Geschäft vorgestellt hatte, in dem ich genau das richtige Kleid für . . . meine Bekannte finde.«
»Na, dann freut es mich, dass du es gefunden hast«, entgegnete Nicola trocken. »Hat es ihr gefallen?« Ganz beiläufig fügte sie das hinzu, aber sie spitzte kräftig die Ohren.
Lian zuckte die Schultern. »Weiß ich noch nicht. Ich habe es ihr noch nicht gegeben.«
»Ach? Nicht?« Vorsorglich nahm Nicola zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie neben die Kaffeemaschine. »Ich dachte, du wärst sofort zu ihr geeilt, um es ihr zu überreichen. Ganz sicher hätte sie sich doch auch gern sofort dafür . . . bedankt.« Sie ließ das letzte Wort anzüglich in der Luft hängen.
»Das kann man nie wissen«, sagte Lian. »Frauen sind da manchmal komisch.«
»Wie? Solche Frauen kennst du? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.« Mit zuckenden Mundwinkeln stellte Nicola die Tassen auf den Tisch. »Du hast den Kuchen noch gar nicht ausgepackt? Ich dachte, du wolltest dich sofort darauf stürzen.«
»Auf den Kaffee«, berichtigte Lian. »Kuchen ist weniger mein Ding. Aber ich dachte, vielleicht deins.« Sie lachte. »Und wenn nicht, schmeckt er bestimmt deiner Nachbarin. Sie sieht nicht so aus, als ob sie dem süßen Leben abgeneigt wäre.«
»Marlies? Garantiert nicht«, bestätigte Nicola. »Wenn ich nicht aufpasse, versorgt sie mich jeden Tag mit Grießpudding. Oder irgendetwas anderem in der Art.«
Vorsichtig entfernte sie das Papier von dem Päckchen, in dem ein kleiner Karton mit Kuchen, eine Handvoll Zuckertütchen und abgepackte Milchportionen, wie man sie im Café zum Kaffee bekam, und eine Sprühflasche mit Sahne enthalten waren.
»Sprühsahne?« Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
»Nicht gut?« Lian sprang zur Tür. »Soll ich schnell zum Supermarkt fahren und richtige Sahne holen?«
Das brachte Nicola ohne dass sie es wollte zum Lachen. »Nein, nein.« Sie winkte ab und musste gegen ein Kichern ankämpfen. »Sprühsahne ist in Ordnung. Ich kaufe sie nur nie, weil sie so viel teurer ist als normale Sahne. Na ja«, sie zuckte die Schultern, »auch die habe ich schon lange nicht mehr gekauft.«
Wie ein gut erzogener Ehemann ist sie losgesprintet, dachte sie innerlich glucksend. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Und das, wo sie Lian doch so gut wie alles zutraute. Aber eben nicht unbedingt in dieser Beziehung.
»Warum nicht?«, fragte Lian. »Magst du keine Sahne?« Sie lächelte und ließ ihren Blick über Nicolas Figur schweifen. »Auf Kalorien brauchst du ja wohl nicht zu achten.«
Nicolas Gesicht verschloss sich. »Ich kann mir keine Sahne leisten.« Noch mehr pressten ihre Lippen sich zusammen. »Ich habe sehr wenig Geld.«
Zu wenig Geld für ein bisschen Sahne? Das stand fast in Lians Gesicht geschrieben, aber sie sagte es nicht. »Dann ist es ja gut, dass ich welche mitgebracht habe«, verkündete sie stattdessen lieber fröhlich, als ob sie Nicola damit aus ihrer schlechten Stimmung reißen wollte. »Wollen wir jetzt den Kuchen essen?«
»Ich dachte, du magst keinen Kuchen?« Nicola hob die Augenbrauen.
»In deiner Gegenwart . . .«, Lians charmantes Lächeln warf Nicola fast um, »schmeckt mir alles.«
Nicola spürte, dass sie trotz allem, was sie sich verstandesmäßig vorgenommen hatte, die Gefühle, die Lians Charme in ihr auslöste, nicht so ganz wegdrücken konnte. Lian flirtete heftigst mit ihr, zeigte eindeutig Interesse, und wenn das vielleicht auch alles nur auf ein einziges Ziel gerichtet war, es tat Nicola gut. Ja, Lian hatte sie heute Morgen im Geschäft ziemlich vorgeführt, aber auf der anderen Seite hatte sie sich auch dafür entschuldigt. Und das hatte sogar ehrlich geklungen.
Allerdings konnte man da nie so sicher sein. Tally hatte auch – Sie brach ihre eigenen Gedanken ab, weil sie sich nicht mehr damit beschäftigen wollte. »Ich liebe Kuchen«, sagte sie, und merkwürdigerweise fiel es ihr gar nicht schwer zu lächeln. »Also wenn du dein Stück nicht willst, esse ich das auch noch.«
Sie setzte sich zu Lian an den Tisch, verteilte den Kuchen auf zwei Teller und öffnete dann die Sprühsahne. Als sie versuchte, die Sahne auf den Kuchenstücken zu verteilen, wollte die jedoch nicht so richtig, und sie musste sehr fest zudrücken, um die Versiegelung zu überwinden. Und es kam, wie es kommen musste: Die Sahne verteilte sich auf allem Möglichen, inklusive Lian und Nicola.
Lian lachte auf, und Nicola ließ sich davon anstecken, lachte einiges der Anspannung weg, die sie sonst jeden Tag am Boden hielt, bei der Arbeit wie zu Hause.
»Du hast Sahne auf der Nase«, bemerkte Lian neckisch, hob die Hand, wischte die Sahne von Nicolas Nase ab und hielt einen Finger wie eine Siegestrophäe in die Luft. »Das Krönchen der schaumgeborenen Aphrodite«, verkündete sie. »Und jetzt ist es weg.« Sie steckte sich die Fingerspitze in den Mund und schleckte sie ab. »Hm, lecker.« Ihre Augen blitzten vor Freude und Vergnügen, und wie zu erwarten blitzte auch noch etwas anderes darin.
Davon wollte Nicola jedoch im Moment nichts wissen. Sie konzentrierte sich auf die Kuchenstücke und versah sie nun mit einem wirklich gezielten Krönchen Sahne. Dann gab sie statt Milch auch noch eine Portion Sahne in ihre Kaffeetasse und schaute Lian an. »Du auch?«
»Nein, danke.« Lian schüttelte den Kopf. »Ich trinke meinen Kaffee immer schwarz.«
»Na, so richtig bist du aber nicht für das süße Leben«, bemerkte Nicola, während sie ihre Gabel aufnahm und ein Stück von dem Kuchen abstach. »Das hätte ich nicht gedacht.«
»Es gibt süßes Leben und . . . süßes Leben.« Lian grinste fast, während sie Nicola eindeutig in den Ausschnitt schaute. »Einen Teil davon mag ich schon sehr gern.«
»Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, das zu bezweifeln.« Nicola schmunzelte, obwohl sie eigentlich hatte ernst bleiben wollen, aber Lians Gegenwart hatte einfach etwas so Aufheiterndes, was sie sehr genoss. »Aber ich würde vorschlagen, wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf den Kuchen. Bevor er warm wird. Und die Sahne auch.«
»Na, so warm ist es hier drin ja nicht.« Lian lachte auf. »Dass gleich die Sahne zerfließen würde.«
Aber ich vielleicht, dachte Nicola, sah Lian nicht mehr an, sondern versuchte, ihren Blick ganz nah an der Linie zwischen Kaffeetasse und Kuchenteller zu halten.
Was war das nur mit Lian? Sie kannte sie überhaupt nicht. Und Lian hatte sich heute Morgen Nicola gegenüber wirklich nicht sehr nett verhalten, Entschuldigung hin oder her. Trotzdem stellte sie sich jetzt schon vor, wie es sein würde, mit Lian zu schlafen. Wenn sie sie küsste, wenn sie sie streichelte, wenn Nicola sich endlich einmal wieder fallenlassen konnte, ohne viel über die Konsequenzen nachdenken zu müssen.
Aber das schlug sie sich besser ganz schnell aus dem Sinn. Frauen wie Lian waren vielleicht lustig und unterhaltsam, aber mehr auch nicht. Da musste sie sich gar nichts einbilden. Solche Frauen waren nicht dafür gemacht, Sicherheit zu bieten, dauerhafte Sicherheit, oder auch nur Gefühle, auf die man sich verlassen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass solche Frauen niemals eine Ein-Frau-Veranstaltung waren. Die hatten an jedem Finger zehn. Und mit so etwas wollte Nicola sich nicht herumschlagen.
»Wirklich sehr lecker, der Kuchen.« Sie versuchte Lians Blicke weiterhin zu ignorieren. »Kannst du deiner Konditorin sagen. Wenn du sie das nächste Mal siehst.«
Lian lachte. »Du denkst immer noch, ich hätte etwas mit ihr, nicht wahr? So ist es aber nicht. Habe ich doch gesagt.«
»Was du sagst und was du meinst oder was wirklich die Wahrheit ist, das sind wohl verschiedene Dinge«, entgegnete Nicola mit hochgezogenen Augenbrauen und nahm einen Schluck Kaffee, wobei sie die Sahne genüsslich von ihren Lippen schleckte. »Aber macht nichts. Der Kuchen ist so gut, dass er das fast wieder wettmacht.«
Seit Nicola sich die Lippen abgeleckt hatte, schien Lian ihren Blick nicht mehr davon abwenden zu können. Sie war wie hypnotisiert von Nicolas Mund, in dem nun das nächste Stückchen Kuchen verschwand. »Du bist eine faszinierende Frau«, sagte sie leise. »Du faszinierst mich ungeheuer.«
Kurz stutzte Nicola, dann lachte sie trocken auf. »Du meinst, du willst mit mir schlafen.«
Lian nickte. »Ja, das will ich. Das streite ich gar nicht ab.« Sie griff nach Nicolas linker Hand, hielt sie leicht fest und streichelte mit dem Daumen den Handrücken. »Ich kann kaum mehr klar denken, weil ich das will. Aber dazu gehören immer zwei.«
Am liebsten hätte Nicola die Augen geschlossen, weil das Streicheln, das Lians Daumen so sanft auf ihrem Handrücken vollführte, ganz andere Regionen in ihr zum Kribbeln brachte. Aber darauf würde sie nicht mehr hereinfallen. Sex war zwar etwas Schönes, aber diesmal würde sie durch dieses Bedürfnis nicht ihren Verstand ausschalten lassen und es für Liebe halten.
Sie versuchte, sich trotz des Kribbelns und Sehnens, das ihren ganzen Körper durchströmte, auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zuerst einmal entzog sie Lian ihre Hand wieder, damit sie besser denken konnte. »Schau, Lian«, sagte sie dann so sachlich wie möglich, »ich würde auch gern mit dir schlafen. Dazu habe ich wirklich Lust.« Sie atmete tief durch. »Aber danach . . .«, sie räusperte sich, »hätte ich gern, dass du gehst. Also mach dir bitte keine weiteren Hoffnungen. Ich bin nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung. Das kommt nicht in Frage.«
»Nur Sex, sonst nichts?«, fragte Lian.
»Genau.« Nicola nickte. »Nur Sex, sonst nichts. Wenn dir das nicht genug ist –«
»Oh, das ist mir genug.« Lian grinste. »Mehr will ich auch nicht. Schön, dass wir uns da so einig sind.«
»Dann ist ja alles geklärt.« Nicolas Augen ruhten auf Lian, und sie hoffte, dass sie eine kühle Ausstrahlung hatten, nicht dass sie die Unsicherheit zeigten, die sie spürte. Sie hatte das sagen müssen. Sie hatte das unbedingt sagen müssen. Und doch wusste sie, dass es gelogen war. Sie hätte so gern mehr von Lian gewollt. Aber diesmal würde sie nicht annehmen, dass es umgekehrt genauso war. Sie musste sich schützen.
Langsam stand Lian auf und beugte sich zu ihr. Ihre Lippen trafen die von Nicola wie sanft fallende Schneeflocken, die leise zu Boden segelten, um dort zu schmelzen.
So viel Zurückhaltung hätte Nicola gar nicht von ihr erwartet. Irgendwie hatte sie so die Vorstellung gehabt, gleich würden hier Teller und Tassen klirrend auf den Fliesen zerschellen, und Lian würde sie im nächsten Moment auf dem Tisch nehmen. Oder vielleicht war das auch einfach nur die Leidenschaft, die sie sich wünschte.
Lians Hand wanderte zu ihrer Brust, blieb dort wie eine schützende Schale liegen, tat sonst aber nichts.
Nicola spürte, wie ihre Brustwarze sich erhob und sich steif von innen gegen die Handfläche stemmte. Sie seufzte leise auf. Das konnte sie gar nicht unterdrücken. Unwillkürlich schloss sie die Augen und lehnte sich leicht auf dem Stuhl zurück. Sie wollte nicht mehr sehen, wo sie war, und sie wollte auch nicht mehr kontrollieren, was passierte. Sie wollte nur noch fühlen, nicht denken.
Wie in Zeitlupe schob Lians Hand sich zur Seite, und ihr Daumen fuhr so sanft über die Brustwarze, die sich durch BH und Bluse presste, wie er vorher über Nicolas Handrücken gefahren war.
Nicola schnappte nach Luft, weil sofort heiße Blitze nicht nur durch ihre Brust und durch ihren Bauch, sondern auch zwischen ihre Beine schossen. Unwillkürlich öffnete sie ihre Schenkel etwas und seufzte leise auf.
Lian schob mit ihrer anderen Hand den Tisch zur Seite und ging vor dem Stuhl, auf dem Nicola saß, auf ein Knie, holte ihre zweite Hand zurück und legte sie an den Saum von Nicolas Kleid, das jetzt noch so unschuldig auf ihrem Schenkel lag. Dann schob sie den Saum langsam hoch, bis ihre Hand an Nicolas Slip stoppte.
Nicola konnte gar nicht anders. Sie spürte, wie ihre Brüste fast explodierten, wie ihre Schenkel zitterten, und hob sich leicht an, um ihren Po ganz nach vorn an die Kante des Stuhls zu schieben. »Lian . . .«, hauchte sie, während ihre Hände herabfielen und sich in die Seiten des Stuhls krallten. »Bitte . . .«
Es schien aber, als ob Lian alle Zeit der Welt hätte, während Nicola sich wünschte, sie würde endlich das tun, weshalb sie gekommen war. Nur ganz vorsichtig schob Lian einen Finger oberhalb von Nicolas Schritt in ihren Slip hinein, streichelte die weichen Härchen.
Erneut musste Nicola aufseufzen, diesmal lauter. Das Seufzen verwandelte sich in ein Stöhnen. Sie fühlte, wie ihre Schamlippen von Blut gefüllt wurden, anschwollen, sich öffneten, von allen Textilien befreit und Lian in sich aufnehmen wollten, wie ihr Innerstes mehr und mehr Nässe produzierte, damit das ganz leicht vonstattengehen konnte.
Doch Lian ließ sie warten. Sie hob sich leicht an und küsste Nicola erneut, diesmal reizte sie jedoch ihre Brustwarze unter dem Stoff noch mehr und erstickte Nicolas Stöhnen fast, indem sie ihre Zunge weit in ihren Mund schob, alles dort erforschte, als wollte sie sicher sein, dass sie auf dem richtigen Weg war.
Nicola konnte nur noch durch die Nase atmen und riss die Augen auf, weil sie für einen Moment das Gefühl hatte, sie bekäme so nicht mehr genug Luft. Da beendete Lian den Kuss jedoch auch schon, ließ sich zurück auf ihr Knie sinken, reizte jetzt Nicolas andere Brustwarze, als ob sie sie nicht vernachlässigen wollte, und gleichzeitig schob sich ein zweiter Finger in Nicolas Slip, um sich einen Weg hinunter in ihr nasses Paradies zu bahnen.
Warum zieht sie mich nicht aus? dachte Nicola. So geht es doch nicht. Sie wünschte sich so sehr, dass Lian in sie eindrang, sie richtig nahm, nicht nur angezogen, als wäre es ein kleiner Quickie auf einer Toilette, nach dem man wieder ins Restaurant zurückging.
Ungeduldig schob sie ihren Po noch weiter vor, bis er fast keinen Halt mehr auf der Stuhlkante fand. So musste Lian ihr den Slip doch ausziehen können.
Tat sie aber nicht. Sie änderte weiterhin nichts an Nicolas angezogenem Zustand, doch ihre langen Finger hatten kein Problem, Nicolas Schamlippen jetzt zu öffnen und sich ein wenig dazwischenzuschieben.
Erneut stöhnte sie auf. Die Muskeln an ihrem Eingang zogen sich ganz automatisch zusammen und öffneten sich wieder, wollten Lian ganz umschließen. »Bitte . . . Lian . . .«, flüsterte sie drängend. »Das ist nicht gerade die bequemste Position.«
»Okay.« Lian lachte. »Dann machen wir es uns doch bequemer.« Schwuppdiwupp war sie aufgestanden und hatte Nicola hochgehoben, trug sie die paar Schritte zum Sofa hinüber, das nachts auch ihr Bett war. »Besser?«, fragte sie, als sie sie darauf niedersinken ließ und sich über sie beugte. »Ich möchte wirklich nicht, dass du dir wehtust.«
Das klang wenig anteilnehmend, mehr wie ein Witz oder eine ironische Neckerei, und ihre Augen blitzten auch entsprechend.
Augenblicklich wurde Nicola wütend. »Du kannst sofort gehen, wenn du so weitermachst!« Sie hob die Arme und stemmte sie gegen Lians Brust.
»Aber nicht doch . . .« Von einer Sekunde auf die andere wurde Lians Stimme ganz sanft. »Wir waren doch noch gar nicht fertig.« Als hätte sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, schob sie Nicolas Kleid bis auf ihre Taille hoch und zog ihr fast in derselben Bewegung den Slip aus.
Ein Lufthauch strich auf einmal ungehindert zwischen Nicolas Schenkeln hindurch und ließ sie erzittern. Aber nicht, weil ihr kalt war. Es war warm genug hier im Raum. Schließlich war Hochsommer, und die letzten Tage hatten mit Temperaturen über dreißig Grad nicht gespart.
Ohne weitere Verzögerung drang Lian in sie ein, mit so vielen Fingern, wie Nicola aufnehmen konnte, genau zählen konnte sie sie nicht, denn Lians Stöße ließen ihr keine Zeit dazu.
Nicola warf den Kopf auf dem Sofa in den Nacken, soweit das möglich war, spannte sich an, hob ihre Hüften Lian entgegen und stieß zurück, merkte, wie Lian denselben Rhythmus suchte und fand, wie sie immer tiefer in sie eindrang und plötzlich neben der Couch kniete, um Nicolas Perle gleichzeitig mit ihrer Zunge zu stimulieren, wie ein kleiner Derwisch um den steifen, angeschwollenen Knopf herumzufahren und darüberzuwischen, als wäre der Tanz immer noch nicht wild genug.
Nicola stöhnte nur noch, warf ihren Kopf hin und her, fühlte, wie sich Lians Bemühungen auf ihren ganzen Körper auswirkten, alles in ihr erblühen und erzittern ließen. In ihrem zuckenden Unterleib zog es, krampfte sich zusammen, kitzelte, kribbelte, quälte sie mit einem süßen Verlangen, das nicht enden wollte.
Die Gefühle wurden immer stärker, überschwemmten sie, als läge sie an einem Sandstrand, wo die Wellen des Ozeans sie zuerst nur streichelten, die Flut dann jedoch immer höher stieg und sie ganz einhüllte, sie völlig in sich versinken ließ. »Das ist so schön . . .«, hauchte sie fast in andere Sphären entrückt. »So schön . . .«
Wie schön es wirklich war, hätte sie niemals in Worte fassen können. Es war, als ob Lian jeden geheimsten Winkel ihres Körpers kannte und ihn auch erforschte, überall nach neuen Quellen der Lust für Nicola suchte und sich freute, wenn sie sie gefunden hatte, sie bis zum letzten Tropfen ausschöpfen konnte.
So etwas hatte sie schon lange nicht mehr erlebt, vielleicht noch nie. Denn es schien, als ob es Lian nur um Nicola ging, nicht um sich selbst. Sie genoss Nicolas Erregung und ihre Höhepunkte, als wären es ihre eigenen.
Endlich konnte Nicola das Versinken in der Flut in eine hohe Welle verwandeln, die sich immer weiter aufbaute, sie weit über den Strand erhob und dann wieder herunterfiel, sie sanft und erschöpft landen ließ.
Lian nutzte die Zeit, die Nicola zur Erholung brauchte, um die Schlafcouch schnell auszuziehen, obwohl Nicola darauf lag, und das Ganze in ein Bett zu verwandeln, in das sie dann neben Nicola schlüpfte.
Sie war nackt, das bekam Nicola noch mit, so wie sie auch mitbekam, dass sie gleich darauf selbst nackt war, aber dann hörte ihre Erinnerung auf, zuverlässig zu sein. Sie konnte das, was in den nächsten Stunden geschah, kaum noch abspeichern.
Nur eins brannte sich fast in ihr Gehirn hinein: schön. Wie schön das alles war, wie zärtlich, wie sanft und doch so wahnsinnig leidenschaftlich, so erfüllend.
Lian war das alles, und Nicola versuchte, ihr genau das zurückzugeben, bis sie beide das Bett in eine zerwühlte Landschaft verwandelt hatten und sie sich in Lians Arm kuscheln konnte, um einzuschlafen.
»Lian . . .«, flüsterte sie weich. »Lian . . .« Als ob allein der Name schon genug wäre. Weil es nichts anderes brauchte als diesen Tonfall, um auszudrücken, was sie für Lian empfand.
»Meine Süße«, flüsterte Lian zurück und streichelte lächelnd ihr Haar. »Schlaf ruhig. Du hast es verdient.«
»Du aber auch«, nuschelte Nicola noch, aber da war sie wirklich schon halb eingeschlafen.
Sie musste eine ganze Weile geschlafen haben, denn es war dunkel, als sie erwachte.
Immer noch lag sie auf ihrer Bettcouch, Lian hatte das Laken über sie gezogen, damit sie nicht fror, aber als Nicola sich umsah, war Lian nicht mehr da. Sie lauschte, hörte aber nichts.
Nun ja, sie hatte Lian gesagt, dass sie danach gehen sollte. Und das hatte sie offensichtlich auch getan. Sie hatte sich genau an Nicolas Wunsch, an ihre Anweisung gehalten.
Sie atmete tief durch und seufzte. Und das war richtig gewesen. Absolut richtig. Obwohl sie sich wünschte, sich jetzt immer noch in Lians Armbeuge kuscheln zu können. Das war so schön gewesen, so beruhigend. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so geborgen gefühlt.
Als sie aufstehen wollte, um ins Bad zu gehen, stieß ihr Fuß an etwas Hartes. Lehnte da ein Stuhl an der Couch? Sie runzelte die Stirn. Warum? Normalerweise stand da nichts.
Doch jetzt stand da etwas. Sie zog ihre Beine an und schwang sie daran vorbei über die Sofakante, aber sah nur einen Schatten. Also stand sie auf und schaltete das Licht an.
Der Karton. Der Karton mit dem Kleid. Den sie selbst verpackt hatte. In dem exquisiten Geschenkpapier und mit der Schmuckapplikation.
Eine Karte war daran festgesteckt.
Das Kleid ist für dich, stand da. Es steht dir so gut wie keiner anderen Frau. Du solltest es unbedingt tragen. Und wieder die beiden großen verschlungenen Ls, die Lians Markenzeichen waren.
Sie starrte die Karte an, dann wieder den Karton, das bunte Papier, die ganze an die Couch gelehnte Frechheit.
Ungläubig stemmte sie die Hände in die Hüften. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Da schenkte Lian ihr ein Kleid, das eigentlich für eine andere Frau gedacht gewesen war, und erwartete wahrscheinlich noch, dass sie sich darüber freute? Oder sollte es vielleicht so etwas wie eine Bezahlung sein für die vergangenen Stunden?
Sie stieß wütend die Luft aus. So eine Unverschämtheit! Dafür gab es ja schon gar kein Wort mehr. Aber das war Lian von Anfang an gewesen: unverschämt. Das war ihre Art. Nicola hatte es gewusst und sich trotzdem darauf eingelassen. Aber was sollte sie jetzt mit dem Kleid tun? Sie betrachtete es noch einmal nachdenklich.
Wenn sie gewollt hätte, hätte sie das Kleid verkaufen und davon wahrscheinlich ein Jahr leben können oder sogar noch länger, so teuer war es. Vielleicht sollte sie das tun. Dann wäre sie Dorothea Wrede zur Mühlen los.
Aber so gern sie das auch gehabt hätte, alles in ihr sperrte sich dagegen. Nein, das würde sie nicht tun! Aufgebracht warf sie die Karte auf die Couch. Sie würde das Kleid nicht auspacken. Sie würde es Lian, so wie es war, zurückgeben. Damit sie es der Frau gab, für die es ursprünglich gedacht gewesen war.
Sie warf noch einen letzten Blick auf den Karton, der so unschuldig und vielversprechend und doch wie eine einzige Ohrfeige für Nicola dastand.
Dann drehte sie sich um und marschierte wütend ins Bad.
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