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Rudolf Stratz

Die schwarze Schlange

Saga

Die schwarze SchlangeCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1936, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507421

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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1.

Die schwarze Schlange kroch — ein Menschenalter ist’s her — leise züngelnd, lautlos und langsam unter dem flammendblauen Sommerhimmel des Balkans durch das glühende Karstgeröll dahin. Sie war gut sieben Fuss lang und dick wie der Oberschenkel eines Mannes. Ein k. u. k. österreichischer Leutnant in der lichtblauen Uniform des 5. bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiments musterte auf dem Saumweg aus dem Sattel des zottigen Gäulchens durch sein Fernglas die endlos gewellte, fahl bleigraue Bergwildnis und bekam das Reptil in den Sehwinkel der Linse. Sein hübsches, schnurrbärtiges, schon vorher von allerlei Gedanken überschattetes Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

„Was hast denn schon wieder, Niki?“ Es klang hell und ein wenig besorgt an seiner linken Seite.

„Guck mal den z’widern Wurm dort drüben an, Maruschka!“ Er reichte finster seiner jungen Frau das Glas. Sie hielt zu Pferd neben ihm, im Damensitz, in weisser Bluse und dem langen, grauen Rock der Mode zu Anfang dieses Jahrhunderts. Unter dem blauen Sonnenschleier des Strohhuts wandte sich ihr weiches Wiener Gesicht in der Richtung nach der schwarzen Schlange.

„Jetzt so an Mistviech!“ sagte sie harmlos. Der Habsburger Leutnant hob nervös spähend seine schwippe, schmalschultrige und dünnhüftige, scharf in der Taille eingekerbte Gestalt in den Bügeln. Er murmelte:

„Weisst, wo die schwarze Schlange kriecht, Maruschka? Genau auf der Grenze zwischen Bosnien und der Türkei. Wir sind hier noch in östreichischen Okkupationsgebiet. Dort drüben, hundert Schritte von hier, fängt die Türkei erst richtig an. Dort soll das fade Geschöpf bleiben! Was braucht das zu und herüberzuschlupfen?“

„Geh — seit net so grantig, Niki!“ Die Maruschka sah mit strahlenden Augen, vergnügt wie ein kleiner Spitzbub, zu ihrem Mann empor. „Was ist denn das nur mit dir? Die ganzen vier Wochen, seit wir verheiratet sind, warst du so fidel wie sich’s gehört. Und seit ein paar Stunden, seitdem wir im Stabsquartier Mittag gemacht haben . . . Was haben’s denn um Gottes willen mit dir dort in Grahovo ang’fangen?“

„Ach — ’s is weiter nix, Schatzerl!“

Und während der k. u. k. Leutnant das sprach, ging es ihm durch den Kopf: morgen um die Zeit, Niki, bist du vielleicht schon tot und sie dürfen die Messen für deine arme Seel’ lesen . . . Wann sie’s tun — bei einem Selbstmörder . . .

„Wir haben doch heut’ im Truppenlager nur zu dritt gegessen — wir beide und dein Regimentskommandant!“ sagte die junge Frau, die zart und schlank, elastisch aufgerichtet im Sattel sass. „Und der war doch so arg lieb. Ich hab’ doch dabeigesessen und alles gehört, was der Oberst gesprochen hat. Nur Schmeichelhaftes für dich! Dass sie einen so hoch qualifizierten Offizier wie dich, der bisher schon dem Evidenzbüro des Wiener Generalstabskorps zugeteilt gewesen war, in sein Regiment transferiert hätten — hat er gesagt . . .“

,. . . Morgen um diese Zeit musst du dich vielleicht erschiessen . . .‘ dachte sich stumm ihr Mann, der Niki.

„ . . . das sei eine Auszeichnung ebenso für das Regiment wie für dich, hat der Oberst gesagt. Denn nirgends sei in Friedenszeiten der k. u. k. Dienst so verantwortungsvoll wie gerade hier an der bosnisch-türkischen Militärgrenze.“ Die hübsche, junge Wienerin legte die Hände, die die Zügel hielten, zusammen. „Jesses . . . Er schaut immer noch nach der grossen, schwarzen Schlange!“

„Was hat das Luder gerade auf mich zuzukriechen — gerade aus dem türkischen Sandschak Novibasar heraus!“ Der Oberleutnant sprach es halblaut und unruhig zwischen den Zähnen. „Aus der grauslichsten Gegend auf dem ganzen Balkan! . . . Das ist wie eine Vorbedentung . . .“

„Wofür denn, Jesusmariandjosef!“ Die kleine Leutnantsfrau schaute sich zufrieden in der starren, baum- und strauchlosen Öde um, in der sich, Bergkette hinter Bergkette, das gewaltige Rundbild Montenegros, Makedoniens, Serbiens und Bosniens entrollte. „Ich kenn’ dich heut’ gar net wieder, du Tschaperl! Sei doch froh! Die Welt ist doch so schön . . .“

,Leb wohl, du schöne Welt . . . Leb wohl, du liebe, liebe, liebe Maruschka . . .‘ brütete es da drüben dumpf im Kopf unter dem Tschako.

„Der Himmel ist blau, Niki. Die Sonne heiss. Wir sind auf der Hochzeitsreise!“

„Die ist heut’ zu End’! Heute noch kommen wir in unsere Garnison am End’ der Welt, wo sich Fuchs und Wolf Gutenacht sagen!“

„Ich bin doch bei dir!“ sagte die Maruschka und in ihren sonst so lustigen braunen Augen lag ein warmer, gläubiger Glanz. „Ich hab’ Wien Adjö gesagt und dem Elternhaus und der Ringstrasse und dem Stefansdom und allem — wegen dir — und geh’ mit dir durch Dick und Dünn, wo sie dich auch hinschicken, und fürcht’ mich nicht vor Flöh’ und Wanzen und Räubern und Mücken und nix, sondern bin ’ne tapfere österreichische Offiziersfrau, die dir nie etwas vorheulen wird. Aber da derfst du auch net jetzt wie ein Leichenbitter auf deinem Gaul hocken! Lach doch, Niki — geh lach doch mal!“

Und nun lächelte wirklich das Gesicht des Leutnants Niki, und das war sein altes, sein wahres Gesicht, so wie ihn alle in Wien und sonst in k. u. k. Garnisonen und vom Hörensagen aus unzähligen Geschichten und Gerüchten von abenteuerlichen Händeln kannten — ein rechtes, fesches k. u. k. Leutnantsgesicht, leichtsinnig, liebenswürdig, lebenslustig — das, was die Frauen im alten Österreich liebten, ein Gesicht mit einem weichsamtnen Blick, der die Frauen verstand. Und dahinter verhalten noch ein zweites Etwas, als ob der Niki gegen Männer sehr unangenehm werden könnte, wenn sie ihm in den Weg kamen — die Kaltblütigkeit eines, der sich — aber bitt’ schön, schon sehr gründlich — auf Raufhändel mit Säbel und Pistole verstand. Und wie seine Züge wieder ernst wurden, da kam auf ihnen der dritte Mensch, der dritte Niki heraus — kein Leutnant des alten Kaisers Franz Josef, der sein junges Leben mit süssen Madeln verplemperte oder im Kaffeehaus verträumte. Klug schaute er jetzt aus, sehr klug und sehr energisch im Dienst und voll Ehrgeiz. Und aus Ehrgeiz heraus voll Unruhe, irgend etwas ganz Ungewöhnliches zu leisten. Der schlafende, still verwegene Zug im Gesicht — den konnte er nicht bannen.

Das war das Holz, aus dem sie in der Wiener Hofburg, in der Militärkanzlei Seiner Apostolischen Majestät die Herren schnitzten, deren Namen als Auserwählte im „Schematismus“ des österreichisch-ungarischen Heeres prangten. Dem Niki war in Bälde der Hut mit grünem Federbusch und der dunkelgrüne Rock des Generalstabshauptmanns sicher und später einmal, wenn Gott der Herr ihm wohlwollte, die zwei Distinktionssterne des Feldmarschalleutnants rechts und links am roten Kragen.

Und das alles für die Katz’ — dachte sich in einem Anfall von stummer Verzweiflung der Leutnant Niki — seit ein paar Stunden für die Katz’! Wozu gibt es die Waffenfabrik in Steyr? Wozu gibt es die vorgeschriebene Armeepistole, die man sich an der rechten Stelle — ja nicht zu weit nach vorn! — an die Schläfe setzt? Drück’ nur zu, Niki . . . morgen . . . morgen . . . Dann ist’s vorbei! Wenn nur der hochwürdige Herr Feldsuperior keine Schwierigkeiten mit dem kirchlichen Begräbnis macht . . .

Fünfzig Schritte weiter aufwärts harrte auf der kahlen Höhenkuppe im Gänsemarsch eine Reihe von struppigen und schweissnassen Saumtieren der täglich unter Militärbedeckung verkehrenden Tragtierpost. Die hintersten der schwer belasteten Berggäulchen schleppten in Koffern und Kisten das Umzugsgut des Niki und seiner jungen Ehefrau, und auf jedem Gepäckstück stand vorschriftsmässig sein Name: „Leutnant Nikolaus Schlägl Edler von Bruckwehr“. Ein backofenheisser Wind wehte aus den Tausenden von sonnendurchglühten Steinblöcken über die Öde. In ihm flatterten zwischen den roten Stirnbinden der eingeborenen Treiber die Rosshaarbüsche von den Tschakos der zum Schutz mitreitenden Mannschaft der Traintruppe. Sie trug die Mannlicher Repetierstutzen schussbereit über die kaffeebraunen Waffenröcke gehängt. Der sie befehligende Korporal legte beide Hände an die bärtigen Lippen und schrie durch das Pfeifen des Windes:

„Meld’ ich g’horsamst, Herr Leutnant: Darf sich kein Reisender hinter Militäreskorte zaruckbleiben. Is sich weggen die Räuber . . . bitt’ schön . . . halten zu Gnaden!“

„I komm schon!“ antwortete Niki von Schlägl geistesabwesend. Er und seine Frau ritten im Schritt als die letzten. Plötzlich fühlte er von Sattel zu Sattel ihre kleine, warme Hans in seiner Linken. Es war ein banger Druck. Ihre helle Stimme bat besorgt:

„Niki — was is dir denn um Jesu willen angeflogen, dass du so verändert bist? Geh — so red’ doch!“

„Nix is, Schatzerl! Rein gar nix!“ Der Leutnant von Schlägl fuhr aus seinem Brüten auf und schüttelte entschlossen den Kopf und lachte. Das war wieder die alte Stimmung aus der schönen, wilden Leutnantszeit bei dem Niki: Wien und der Kaiser! Die schöne blaue Donau und der Radetzkymarsch! Weiber und Säbel! Er schaute seine kleine Frau recht lieb und leichtsinnig an und die konnte nicht widerstehen und lachte mit. Er wusste die Maruschka zu nehmen — er wusste die Frauen alle zu nehmen, im schönen Wien. Er war immer nachsichtigverliebt mit ihnen umgegangen wie mit Katzerln und hatte sie selber mit Samtpfoten getätschelt und ihnen lächelnd die Zähne gezeigt. Das waren die Liebeleien gewesen. Mit den Matschakerln hatte es jetzt ein Ende. Jetzt war die grosse echte Liebe da. Der Leutnant Niki liebte seine junge Frau wirklich aus voller Seele und ganzem Gemüt und wollte ihr ein stets treuer und guter Ehemann sein bis zum Tod. Nur dass der Tod gleich womöglich schon morgen . . . Herrgott . . . ja . . .

Der Niki schluckte etwas hinunter. Er liess sich nichts mehr merken. Er wies mit dem Zeigefinger über die Pferdeohren hinweg nach vorn.

„Schlaust da das kleine Gebäude aus Feldsteinen mit den Schiessscharten? Das ist ein k. u. k. Gendarmerie-Wachhaus. Karaula nennem sie’s auf Türkisch.“

„Woher weisst denn das?“

„Ich war doch schon vor zwei Jahren mal in Bosnien!“ sprach der Leutnant von Schlägl leichthin. „Auf Urlaub in Serajewo!“

„Ach ja — richtig!“ Die Maruschka nickte. „Guck’ mal: oben neben den Gendarmen hält zu Pferd ein Offizier von Herzegowina-Infanterie und winkt uns schon von weitem!“

„Weisst, wer das ist?“ Der Niki befeuerte erfrent seinen Gaul mit Stiefelabsatzstössen in die Flanken. „Der Kienhofer! Mein alter Stubenkamerad vom Theresianum und jetzt wieder mit mir in derselben Kompagnie! Der gute Kerl is uns bei der Viechhitze entgegengeritten, um uns als erster hier zu Land willkommen zu heissen. Da sind wir nicht mehr weit vom Standort! Ja — Servus, Kamillo!“

2.

Der Oberleutnant Kamillo Kienhofer vom 5. Bosnisch-Herzegowinischen Infanterieregiment war von dem hageren, sehnigen, dunkeläugigen Tiroler Schlag mit der braunen Gesichtsfarbe und der Adlernase über dem schwarzen Schnurrbart. Er liess im Galopp den optischen Signalmast hinter sich, über den durch die ganze Reihe von Gendarmerie-Wachposten längs der Okkupationsgrenze hin bei Tag mit farbigen Fanalen, bei Nacht mit Laternenzeichen die dienstlichen Meldungen aufblinkten, und zeigte beim Heranreiten herzlich die weissen Zähne.

„Servus, Niki!“ Er schüttelte dem Kameraden die Rechte. „Hab’ die Ehr’! Küss’ die Hand, Gnädige! Ich hab’ Ihnen da ein Boscherl Blumen mitgebracht. Viel wachst ja hier nicht bei die Rastelbinder!“

„Ach was — Gnädige!“ rief der Niki Schlägl. „Gleich sagt’s ,Du‘ zueinander! Es ist doch mein ältester Freund aus Wien, Maruschkerl!“

„Schon von der Favoriten her. Aus der Theresianischen Akademie. Da haben s’ uns zusammen erzogen oder es beim Niki wenigstens probiert!“ Der Oberleutnant Kienhofer wandte sich vertraulich an die junge Frau. „Weisst — das war schon ein Lausbub, dein Mann! Mit dem seinen Streichen damals — da könnt’ man Bände füllen!“

„Und später auch! Glaubt einer, das wüsst’ ich net?“ Die hübsche Wienerin lachte.

„Und hast doch den Mut aufgebracht . . .?“

„Wie ich ihn gesehen hab’, war ich gleich weg!“ rief die Maruschka Schlägl stürmisch. „Fesch genug waren andere auch! Und dummes Zeug haben andere auch getrieben! Aber in dem Niki steckt mehr! Das versichern s’ alle! Das fühl’ ich ganz genau! Das hol’ ich bei ihm heraus! Das soll ein lieber, ernster Mensch werden — durch mich!“

„Weisst — das Ernsthafte hat sie nämlich von ihrem Vater!“ sagte der Niki. „Der is nicht nur ein Holzindustrieller, dem sein Holz hier aus Bosnien und Ungarn bis nach Spanien und weiter geht, sondern im Privatleben ein g’strenger Heiliger! Dem sind wir Östreicher, wie wir sind, gar net recht!“

„Er sagt oft“, unterbrach die Maruschka, „wir sind nicht ernst genug in Östreich! Wir nehmen alles zu leicht! Da heisst’s gleich: geh — plausch’ net! Oder: geh — sei net fad’! . . . ,wenn man das Leben vernünftig betrachtet‘, sagt der Vater . . .“

„Der alte Herr is halt durch seine Handelsgeschäfte zeitlebens viel zu viel draussen in der Welt herumgekommen!“ entschuldigte der Leutnant Niki Schlägl den Schwiegerpapa. „Dadurch is er manchmal so wunderlich!“

„Ich nehm’, so jung wie ich bin, das Leben ernst!“ beharrte die Maruschka. „Und der Niki soll’s von mir lernen. Wenn er dann mal Excellenzherr is, dann wird er mir’s danken!“

„Da hast das rechte Weiberl erwischt, du Kroat!“ Der Regimentskamerad lachte herzlich. „Das is gerad’, was du brauchst! Dumm bist ja wahrhaftig net! Das hast jetzt wieder durch deine Wahl bewiesen! Bloss an der Stang’ muss dich eines halten! Ja . . . ehe ich’s vergess’: meine Frau, die Ladislaje, lässt natürlich schön grüssen! Sie hat ihre zwei Schreipeter unten. Sonst wär’ sie gern mit hier heraufgekommen auf die Höhe!“

„Ach — wundervoll ist’s hier!“ Die Maruschka Schlägl schaute andächtig über das weite, wildzerrissene, sonnenüberflutete Bergland hin und der Oberleutnant Kienhofer erklärte ihr:

„Rechts drüben in der Ferne die vielen kahlen weissen Steingipfel — das is der Dormitor. Die Himmelgabel heissen s’ ihn, die Montenegriner — ihren höchsten Berg! Gerad’ vor uns liegt das makedonische Bergland. Das gehört den Türken. Weiter links geht’s hinüber zu die Serben! No — und hier, im bosnischen Karst — da stehen wir, die Östreicher. Alles stösst hier in der Balkanecke am Sandschak Novibasar zusammen. Is schon ein Wetterwinkel!“

Er fühlte ein leises Zupfen an seinem hechtgrauen Mantelärmel. Der Niki raunte:

„Reit’ mal ein paar Schritte beiseite! Kannst die Maruschka ruhig lassen. Sie is gang in den Anblick der Gegend vertieft!“ Und als sie ausser Hörweite waren, heftig, hastig, halblaut: „Was hast ihr eben vom Sandschak Novibasar erzählt?“

„Du lieber Gott — nix!“ versetzte der Kamerad Kienhofer unschuldig. „Als dass er halt ein z’wideres Stück Schöpfung is! Das wirst schon noch merken, wann du jetzt das Vergnügen hast, mit und die Grenze zu bewachen! Du kennst doch den Sandschak Novibasar noch nicht?“

„Ja — woher sollt’ ich denn?“

„Bist niemals dort gewesen?“

„Nein!“ rief der Leutnant von Schlägl hart und heftig.

„Na alsdann! Lassen wir’s Also — was gibt’s denn eigentlich, Niki? Was machst denn für ein Gesicht?“

„Kamillo! Du bist mein Freund!“

„Das brauchen wir zwei uns nicht erst zu sagen!“

„Und die Maruschka ist doch noch so jung! Sie is doch noch niemals so recht aus Wien herausgekommen. Halt’ mal am Semmering oder in Ischl oder so. Die is ganz fremd hier in dem wilden Land. Die hat hier niemanden als dich und deine Frau!“

„Ja — doch dich!“

„Ich mein’ — wenn mir was Menschliches zustösst . . .“

„Ach geh! Was soll denn dir passieren! Drüben im Sandschak ist’s mit den Räubern lebensgefährlich. Das geb’ ich zu! Aber hier in Bosnien halten wir doch Ruh’ und Ordnung!“

Der Leutnant Niki Schlägl überzeugte sich durch einen raschen Blick, dass die Maruschka drüben ihnen den Rücken zuwandte und immer noch ergriffen vom Sattel aus das feierliche Bild der Balkan-Einsamkeit betrachtete. Dann holte er tief Atem und sagte mit Anstrengung:

„Du, Kamillo! Es könnte sein, dass ich morgen um diese Zeit nicht mehr am Leben bin!“

„Wa — was?“

„Dann seid’s ihr beide so gut . . . du und deine Ladislaja . . .“

„Ja . . . aber . . .“

„. . . und sorgt für meine arme junge Frau!“

„Du — ich muss mich mal am Ohrwaschl zupfen! Ich glaub’, ich träum’!“

„Is schon so, Kamillo!“

„Dann erklär’ mir aber doch“: was hast denn um Gottes willen schon ausg’fressen?“

„Jetzt ist keine Zeit! Da kommt schon die Maruschka!“

„Schatzerl!“ rief die junge Frau im Heranreiten. „Dem Korporal von der Tragtierpost pressiert’s mit dem Weitermarsch! Er getraut sich bloss nicht, wieder zu drängen! Aber er möcht’ vor Abend unten im Tal in Vrbica sein — wegen die Haiducken — sagt er! . . . Du — was sind denn das: die Haiducken?“

Die beiden Männer tauschten einen stummen Blick: ,Auf nachher!‘ Der Kamillo Kienhofer hatte einen rechten kecken Tiroler Gemsjägerkopf auf den Schultern sitzen — oder mehr noch — einen dunklen Scharfschützenkopf wie aus der grossen Zeit vor hundert Jahren —zu Mantua in Banden — ein Getreuer vom Andreas Hofer. Aber jetzt waren seine braungebrannten Züge ganz still und klösterlich verschlossen. Voll tiefer Sorge um den Niki Schlägl Edlen von Bruckwehr, während er dessen Frau halb geistesabwesend antwortete.

„Weisst: Haiducken heissen’s hier zu Land die Räuber! Die Hammeldiebe. Die Schmuggler . . . Ist eigentlich immer das gleiche G’lump, was da an der Militärgrenze umeinanderläuft — aber die Waffenschmuggler — hier nach Bosnien hinein — die sind für uns Okkupationsorgane schon die grösste Crux! Man kommt ihnen net bei! — den Kerlen! Das is rein, als wären’s mit dem Bösen im Bund!“

Der Oberleutnant Kienhofer warf im Weiterreiten einen feindseligen Blick über die Grenze auf das unermesslich entrollte, wildzerrissene mazedonische Bergland. Die Strahlen der sinkenden Sonne fielen jetzt schräge auf das tote Gestein und färbten an einigen Stellen die schroffen Wände mit einem geisterhaften Abendrot. Wie riesenhafte Wogen eines erstarrten Meeres wellten sich fern bis zum Horizont reihenweise hintereinander, von fahlem Weiss bis zu unheimlichem Bleigrau die Gebirgszüge. Als grosse, fast schwarze Flecken füllten dazwischen die Urwälder die Steilhänge und die tief eingeschnittenen Täler. Dünner, bläulicher Rauch unsichtbarer Dorfherde oder Hirtenfeuer kräuselte sich da und dort in der tiefen Stille, die nur das Trappeln und Schnaufen der Saumtiere, das klagende Singen der Windsbraut unterbrach.

„Da warst du noch lang net auf der Welt!“ sprach der Oberleutnant kienhofer zu der Maruschka Schlägl, mit der er vorausritt, der Niki stumm und tiefsinnig hinterher.

„Da hat Östreich-Ungarn das Bosnien hier und daneben die Herzegowina in aller Form zur Besetzung zugesprochen gekriegt — ich bitte: genau nach dem Völkerrecht — auf dem Berliner Kongress — vom Bismarck selber und dem Gortschakoff — vor bald dreissig Jahren, nach dem russisch-türkischen Krieg. Die Türkei hat’s zugestanden und unterschrieben und auch immer Frieden mit Östreich gehalten. Aber den Türken hier im Land selber — und heut’ noch is ja jeder dritte hier a Türk’! — denen war’s nicht recht, dass die Schwaben eing’ruckt sind! Lange, blutige Kämpfe hat’s gekostet, bis wir den Aufstand niedergeworfen haben. Vier Armeekorps hat der Franz Josef schliesslich aufbieten müssen! Mein Vater selig hat mir oft erzählt, wieviel Leut’ die Kroaten und die Steiermärker und die Ungarn haben lassen müssen. Der war mit von der Partie. Der hat sich damals bei der Brigade Zach das Militärverdienstkreuz geholt!“

„Dafür ist jetzt das schöne Land österreichisch!“

„Das is eben der allgemeine Irrtum!“ sagte der Kamillo Kienhofer. „Das is er gerade nicht! Wir haben es nur okku—piert — nennt man das, wenn was eigentlich ’nem Andern gehört — nämlich der Türkei — und man besitzt es nur zur Nutzniessung. Ist dir noch nicht aufgefallen, dass die östreichischen und ungarischen Briefmarken hier nicht gelten? Nein. Das Land muss seine eigenen Wapperln haben — den roten Arm mit dem Säbel. Aber hier ist keine Säbelherrschaft, meine Liebe! Was verrichten wir hier für Kulturarbeit! Das ist schon staunend. Und dabei gehört einem das Bosnien nur halb und halb! So ein unklarer Zustand — das is schon was Ekelhaftes!

Und damit es uns am End’ net doch zu gut geht, haben wir neben uns den Sandschak Novibasar!“ Wieder richtete der Oberleutnant Kienhofer vom 5. Bosnisch-Herzegowinischen Infanterieregiment seine scharfen Augen nach der schon violett verdämmernden Bergwildnis zur Rechten. „Du — das is schon ein liebes Land! Mitten in Europa liegt’s und ist ebenso unbekannt, ebenso unbetreten, als läg’ es im Mond. Ich gönn’s den Türken. Die haben dort Truppen stehen. Aber bitte: wir Östreicher auch. Das Hauptnest nahe unserer Grenze heisst Plewlje. Wann man da einreitet, sieht man gleich im Park das österreichisch-ungarische Militärlager und am andern Ende der Stadt, auf einem Hügel, liegt die türkische Kaserne.“

„Wer is nachher da eigentlich Herr im Land?“ fragte die Maruschka.

„Ja — die Räuber, meine Liebe!“ schrie der Kamillo Kienhofer. „Die Herren Haiducken! Aber schon gründlich! — sag’ ich dir! Die haben da ihr Paradies. So ein Fleckerl Erde finden ’s in ganz Europa und auf der Welt nicht wieder! Die kurze Strecke bis Plewlje geht’s noch mit der Sicherheit, von wegen der k. u. k. Gendarmerie-Patrouillen! Aber weiterhin in den eigentlichen Sandschak darf sich ein Kulturmensch ja net getrauen! Vor ein paar Jahren hat’s ein junger böhmischer Aristokrat probiert. Der war ein passionierter Jäger und hat Gemsen schiessen wollen, von denen es dort wimmelt, und hat sich gerad’ noch schwer blessiert mit zwei Kugeln im Leib vor den Räubern über die montenegrinische Grenze retten können! . . . Herrgott . . .“ Der Oberleutnant fuhr im Sattel auf. „Was ist denn das?“

Dicht hinter ihm krachte ein Pistolenschuss. Die Saumgäule wieherten und stiegen mit gespitzten Ohren. Sie keilten aus und brachen aus der Reihe. Die Bosniaken in ihren roten Turbanen sprangen schreiend dazwischen. „Drschi Konji!“ — Haltet die Pferde! brüllte der Korporal. Die Soldaten der Traintruppe rissen die Stutzen von der Schulter und schauten sich suchend um. Ein Wölkchen bitteren Pulverrauchs wehte. Durch seinem Schleier starrte, sich im Sattel nach rückwärts werfend, der Kamillo Kienhofer seinem Freund, dem Leutnant von Schlägl, in das düster-unbewegte Gesicht. Seine Stimme bebte:

„Niki — du hast doch net auf dich geschossen?“

Der Niki Schlägl wies mit der noch dampfenden Armeepistole verächtlich seitwärts in das Gewirr der Steinblöcke am Weg.

„Sauber getroffen hab’ ich!“ sprach er. „Da war schon wieder so a Höllenviech aus dem Sandschak her!“

Eine sieben Fuss lange, pechschwarze Schlange wand sich mit zerschmettertem Kopf am Boden. Ihr Blut färbte das Geröll. Der Oberleutnant von Schlägl nickte zufrieden und barg die Pistole wieder im Lederfutteral. Seine Frau beobachtete bang sein Tun.

„Aber, Niki, ich versteh’ dich net!“ sagte sie. „Wenn du auf jede Schlange schiessen willst . . .“

„Dann hat er bei uns herunten viel zu tun!“ sprach der Kamerad Kienhofer. „Da hat er gerade die seltene schwarze Abart von der Riesennatter erwischt!“

„Das Biest war ja vorhin schon da!“ sagte der Leutnant Schlägl zwischen den Zähnen. „Warum kommt’s wieder? Aufdringlich nenn’ ich so was!“

„Niki — das kann doch unmöglich dieselbe Schlange sein!“

„Für mich is da allemal die gleiche Kreatur!“ Der Niki Schlägl warf noch einen hasserfüllten Blick auf den riesigen schwarzen Wurm, der sich krampfhaft wälzte und den kanariengelben Bauch zeigte. „Mich giftet’s halt, wenn da wieder von dort so was Schwarzes langsam auf einen zukriecht! Ich mag das net!“ Er lachte plötzlich schadenfroh und trieb sein Pferd an. „No — jetzt hat das liebe Schlangerl genug! Reden wir von was anderem!“

„Es sind bei dem Niki die Nerven!“ flüsterte die Maruschka, während sie wieder mit dem Kamillo Kienhofer vorausritt. Sie sprach es nach Wiener Art wie „Nürven“ aus. „Seit heut’ Mittag hat er die Nürven!“

„Weisst denn net warum?“

„Da bin i überfragt! I kann mir nur denken, es kommt über den Niki, weil wir uns jetzt immer mehr unserem Verbannungsort nähern, wo wir Gott weiss wie lange Zeit werden sitzen müssen. Der Niki war doch immer ein verwöhnter Bub! Immer in Wien und den Ring lang und im Stehparterre vom Burgtheater und im Prater. Und jetzt auf einmal unter die Wilden!“

„Ihr werdet schon net alt in Vrbica!“ tröstete der Oberleutnant Kienhofer. „Das is ja nur, dass man die hohen Herren vom Generalstabskorps und solche, die es werden wollen, mal in die Linie transferiert, damit sie net gar zu g’scheit werden!“

„Aber dass das auch noch eine Auszeichnung sein soll, wie der Regimentskommandant heut’ g’sagt hat . . .“

„ . . . weil man sich hier auszeichnen kann!“ versetzte der Kamillo noch ernster als bisher. „Wenn einer ein so fixer Kerl is wie dein Mann! Und ich mein’ und die Kameraden meinen’s auch: gerad’ deswegen is er an die Militärgrenze versetzt!“

„Ja — wie kann sich denn der Niki da hervortun?“ fragte die junge Frau. Ehrgeiz für ihren Mann leuchtete auf ihrem hübschen, von dem blauen Schleier im Bergwind umflatterten Gesicht.

„Wir haben doch vorhin von dem grossen Aufstand beim Einmarsch g’redt!“ Der Oberleutnant Kienhofer zündete sich mit geübter Hans im Sattel eine bosnische Zigarette an. „Ein paar Jahre drauf sind’s von neuem bis nach Dalmatien hinein narrisch geworden. Jetzt, seit langer Zeit, ist ja soweit Ruh’ im Land. Aber irgendwo glimmt’s immer noch unter der Aschen!“

„Seit Jahren“, er schaute sich vorsichtig um, ob niemand ausser der Maruschka es hörte, „finden wir mal da mal dort hier in der Gegend versteckte Waffen in Karstlöchern oder Perückenstrauchbüschen oder unter dem Schafmist im Winterstall — keine vorsintflutlichen Entenflinten mit Steinschloss aus der Türkenzeit — die finden sich hier noch überall im Land. Da haben wir nix dagegen. Die dürfen’s in Gottesnamen behalten — sondern richtige Repetiergewehre neuerer Konstruktion — aus irgendwelchen Waffenfabriken in England oder Belgien ausrangiert . . . Dass das mal zu neuen Grenzschiessereien und womöglich noch mehr dienen soll, das sieht ein Waisenknabe. Nur wie es drüben über die Grenze kommt durch wen es geht und an wen und wer es heimlich weiterverteilt, das ist die Frage. Wer so einen Haderlumpen auf frischer Tat mit Brachialgewalt abfassen könnt’, der hätt’ das Ritterkreuz vom Franz-Josef-Orden schon auf der Montur! Warum sollt’ das net gerad’ so einem abenteuerlichen Schlankel wie dem Niki glücken?“

„Ich hab’ gedacht, das wär’ die Aufgabe von der Gendarmerie?“

„Schon! Aber die find’t nix! Niemand find’t was! Herrgott: die Militärgrenze zwischen Bosnien und dem Sandschak ist doch kaum sechzig Kilometer lang — irgendwo muss doch der Schleichweg laufen . . . Du, Niki!“

Der Kamillo Kienhofer hemmte seinen Gaul und drehte seinen schwarzen Tirolerkopf nach hinten. „Reit’ net so traumhappet deines Wegs, sondern komm jetzt mal daher und sperr’ die Augen auf! Von der Stell’ hier aus siehst du unten im Tal deinen neuen Standort! Die k. u. k. Garnison Vrbica! Halt ein elendes Dorf, mein Lieber!“

„Recht lieb liegt’s da zwischen den grünen Wiesen, mit den vielen niederen steinernen Bauernhäusern“, meinte die Maruschka munter, während ihr Mann schweigend und düster hinabstarrte und der Kamillo Kienhofer erklärte:

„Das grosse Mauerviereck auf halber Höhe mit den Ecktürmen und den Schiessscharten — das kannst dir ja selber sagen — das is die befestigte k. u. k. Defensivkaserne. In der liegt die ganze Garnison — die dreizehnte Kompanie von 5. Bosnisch-Infanterie.“

„Dreizehn! Eine Unglückszahl!“ murmelte der Niki. Seine Frau rang die Hände.

„Es is heut’ schon a Graus mit dem Mann!“

„Sei net so blöd, Niki!“ sprach obenhin, sich beherrschend, Kamillo Kienhofer. „Vor dem freien Platz — das Gebäude — das ist das landesärarische Hotel. In dem wohnen, nachdem im Ort selbst keine menschenwürdigen Ubikationen vorhanden sind, alle Offizere mit ihren Familien. Da sind für euch auch schon zwei Zimmer gerichtet und die Ladislaja hat dafür gesorgt, dass es drinnen a bissel gemütlich herschaut! Die kleine Kapelle am Dorfeingang gehört für uns Römisch-Katholiken — die Lateiner, wie sie hier sagen. Da hält jeden Sonntag ein Franziskanerpater Gottesdienst. Der steigt aus der kleinen Klostersiedlung oben im Karst zu uns runter! Die Zwiebelkuppel drüben ist das orthodoxe Kirchlein. In das kommt immer ein Priestermönch aus dem befestigten Felsenkloster, das du ganz dahinten an der Bergwand pappen siehst, früher auch ein Bollwerk wider die Türken. No — und der dünne Holzturm — das is natürlich für die Mohammedaner. Das is das Minarett von der Dorfmoschee. In dem Haus daneben, hinter dem vergitterten Erker, der wie ein Vogelbauer ausschaut, hat der Imam, der Dorfgeistliche, seine drei Frauen!“

„Drei? Ach geh!“ sprach schaudernd die Maruschka.

„Ganz nett und jung sollen sie sein! Meine Frau besucht sie manchmal, zu einem Schwarzen und einem Schälchen Konfitüren! Die offene Bretterhütte unter dem grossen Pappelnaum, in der die Maultiertreiber hocken, ist unser Stolz! Das Kaffeehaus von Vrbica! Ja — und sonst . . .“ Er blickte umher. „Da vor dem Dorf, wo der Rauch aufsteigt und die Hunde bellen . . .“

„Ach — die vielen braunen, kleinen Kinder!“ rief die Marushka. „Die sind mal goldig!“

„ . . . und nur mit Schmutz bekleidet und sonst nix! Das is das Zigeunerlager. Da haben sich die Pülcher als Schmiede niedergelassen, wann’s net gerad’ stehlen! Man braucht sie halt im Land für die Kessel zum Pflaumenmuskochen! So — das wäre, was wir in der Weltstadt Vrbica zu bieten haben!“ schloss der Kienhofer, „und da unten auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel — da tröpfelt’s schon so himmelblau daher! Da versammeln sich jetz allmählich euch zu Ehren die paar Kameraden und Honoratioren und das bisschen Damenflor, das wir hier aufbieten können. Bisher nur zwei! Meine bessere Hälfte und, ehe von jetzt ab die gnädige Frau uns die Welt verschönt, der grosse Stern der kleinen Garnison — die Sina — die Frau von unserem ledernen Hauptmann, dem Kabusch!“

„Ja — von der Sine Kabusch hat uns der Oberst heut’ im Militärlager bei Tisch erzählt, dass sie vor einem Jahr in das Regiment hineingeheiratet hat!“ rief die junge Hochzeitsreisende.

„Also direkt eine dunkle Schönheit, wie sie im Buch steht!“ sprach der Oberleutnant Kienhofer. „Man könnt’ sagen: unheimlich schön! So was Wildes! Aber durchaus eine Dame. Bei die Englischen Fräulein in Östreich erzogen. Spielt Klavier. Spricht Deutsch wie wir. Der merkt keiner an, dass sie aus dem Sandschak Novibasar stammt!“

„Aus Plewlje — hat der Regimentskommandant gesagt!“ nickte eifrig die Maruschka. „Erinnerst du dich net, Niki?“

„Ach — lasst ’s mich aus mit euren ewigen Plewlje und Sandschak!“ sagte gleichgültig der Leutnant von Schlägl und unterdrückte ein nervöses Gähnen. „Das is ja schon fad!“

„Mach’ du lieber kein Gesicht, als wenn du beim Zahnarzt wärst, Niki!“ Der Freund schüttelte den Kopf. „Die unten gucken ja mit Fernstechern nach uns! Die warten! Also reiten wir los!“

3.

Unten in Vrbica warf das nadeldünne weisse Minarett der Dorfmoschee schon einen doppelt so langen schwarzen Abendschatten über Staub und Ziegengemecker und Hammelgeblöke der Gasse, und hoch vom Turm sang, weiss wie ein Vogel vor dem blassblauen Himmel, der Hodscha, der mohammedanische Dorf geistliche, sein Nachtgebet. Auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel stand lang und hager, mit langem grauen Schnurrbart, den Tschako auf der Glatze, in seiner himmelblauen Montur, der Herr Major und plauschte mit einer ein wenig kurz geratenen freundlichen Dame, die trotz ihrer Rundlichkeit noch die Wiener Taille zeigte, und oben am Berghang erläuterte der Keinhofer seinem Freund:

„Das is der Geza Farkas. Ein Ungar. Ein Junggeselle. Der hat’s mit die Hunde und fängt Forellen. Der tut dir nix! Und die Mollete daneben — das is die Ladislaja, meine Frau! Die geht der maruschka im Anfang gern zur Hand. Die beiden werden sich schon verstehn! Die Ladislaja ist ein lieber Schneck! Und a Mehlspeisköchin — sag’ ich Euch . . .“

Auf dem Platz schritt ein schwarzbärtiger Riese sporenklirrend auf den Major Farkas zu. Schwarze Büsche von Brauen überdunkelten das Gelb seines Gesichts. Er trug einen dunkelgrünen Waffenrock und hechtgraue Reithosen. Ein schwarzer Federbusch wehte ihm vom Hut. Er salutierte und fragte in tiefem Bass:

„Siehst du sie schon, Herr Major?“ und dessen Fingerzeig folgend: „Ah freilich! Die sind schon auf dem halben Berg!“

„Der Grüne, der wie ein Räuber aus den Abruzzen ausschaut“, sagte im vorsichtigen Abwärtsreiten Kamillo Kienhofer, „das ist unser Gendarmeriezugskommandant, der Rittmeister von Rizzi. Auch ein Hagestolz und dicker Freund von dem Farkas. Jetzt da schau hin, Niki: der, wo eben aus dem ärarischen Hotel kommt, das is der Unserige — der Kompaniekommandant.“

„Der Kabusch?“

„Der Thaddäus Kabusch! Recht a langweiliger Mensch — kann ich dir nur sagen! Nix wie der Dienst und im Dienst nix wie der Gamaschenknopf . . .“

„Wo hat er denn seine Frau?“ rief die Maruschka.

„Die Sina ist noch net da! Die Sonne wird erst noch aufgehn!“

Der Hauptmann Kabusch war mager und mittelgross. Sein längliches, nüchternes Gesicht war glattrasiert. Seine Bewegungen hatten nichts von der österreichischen Leichtigkeit. Da war eher etwas Hölzernes, wie er vor dem Major die Rechte an die Tschakorandung legte, und der lachte:

„Die passt, scheint’s, dein neuer Kompaniezuwachs nicht, Kabusch, weil du gar so grantig hershaust. Aber ich denk’ mir, der Oberst hat so einen feschen jungen Herrn wie den Schlägl gerade deswegen zu dir in die Kompanie gesteckt, dass er von dir einen rechten dienstlichen Ernst und Eifer lernt.“

„Ach — ’s is mir nicht um das Wiener Früchtl zu tun!“ sagte zurücktretend der Hauptmann Kabusch zu dem Gendarmerierittmeister und schaute ärgerlich an der Front des ärarischen Hotels empor. „Mich sekiert was anderes! Wer ist denn der ekelhafte Kerl da oben, der schon wieder seinen Kopf aus dem Fenster steckt. Das muss die Gendarmerie doch wissen!“

„Die Gendarmerie weiss alles!“ sprach der schwarzbärtige Rizzi. „Das ist ein gewisser Nute Pistinner irgendwo aus Galizien, Reisender in ungarischem Bitterwasser bis in die entlegensten Bergdörfer. Insofern macht sich der rothaarige Mensch ganz nützlich! Denn wie sehr die Leut’ bei der Hitz’ und dem Wassermangel a Bitterwasser brauchen — das kennst ja!“

Nute Pistinner war ein noch junger schmächtiger Mann zu Anfang Zwanzig in einem zweifelhaft weissen, sommerlichen Leinenanzug, mit zwei schmalen Backenbartstreifen nach englischer Art und einem ebensolchen Zahnbürstchenschnurrbart unter der scharf wie ein Krummsäbel vorspringenden Nase. Er beugte den sommersprossigen Kopf noch weiter über das Fensterbrett vor und spähte, als ob er etwas erwartete.

„Mir gefällt das Stück galizischer Ghetto nicht!“ sagte der Hauptmann Kabusch.

„Ja — glaubst denn, mir?“ meinte der Rittmeister von Rizzi. „Im Vertrauen: den und sein Bitterwasser hab’ ich schon lang auf dem Strich. Ich mein’ immer, der hat ganz was anderes hier an der Grenze vor. Ich lass’ ihn schon die ganze Zeit heimlich beobachten. Aber was der Schlemihl dich angeht . . .“

„Kerl hat die Dreistigkeit“, der Kompaniekommandant Kabusch sprach das langsame, nachdrückliche, Silbe für Silbe betonende Armeedeutsch, durch das sich zwischen Salzburg und dem Eisernen Tor die k. u. k. Offiziere im Dienst ihren ungarischen, böhmischen, galizischen, kroatischen, slawonischen, mährischen, krainerischen, dalmatinischen, bukowinischen, küstenländischen Mannschaften verständlich machten. Aus Thaddäus Kabuschs Mund klang dies vorshriftsmässige Deutsch noch pedantischer. „Kerl hat die Dreistigkeit“, wiederholte er, „meine Frau auf dem Flur anzureden, ein gesticktes Jackerl überm Arm, und zu fragen, ob er da ein echtes altes albanesisches Stück gekauft habe, indem die Frau Hauptmann doch aus der Gegend dort herum zu stammen beliebten!“

„Und deine Gnädige?“

„Die Sine hat gelacht und geantwortet: Ja — das sei gute, alte Arbeit aus dem Stamm der Dukatschi, und hat nachher noch weiter mit dem Schächer gered’t. Aber ich verbitt’ mir das! Dös is kein Umgang für meine Frau!“

Der Hauptmann schaute zornig nach dem Bitterwasserreisenden Nute Pistinner, der unverfroen auf ihn herablächelte, und dann nach dem Berghang. Die Reitergruppe war schon nahe dem Talboden. Die junge Frau von Schlägl machte grosse Augen.

„Da kommt ja einer von euch von dem Minarett her und trägt statt dem Tschako einen roten Fez auf dem Kopf. Ja — jetzt is doch net Fasching!“

„Der hat in der Moschee seine Abendandacht verrichtet!“ erklärte der Tiroler Kienhofer. „Das is einer von unseren mohammedanischen Leutnants in der Reserve der bosnischen Regimenter — und sonst, wenn er keine Offiziersübung macht, Advokat in Serajewo für die Verhandlungen mit den Kadis, den Scheriatsrichtern für Koranangelegenheiten im Land! So: mit dem Lautnant Haidukowitsch Ibrahim Beg ist jetzt die k. u. k. Garnison vollzählig zu eurem Empfang versammelt!“

„Aber die Sina Kabusch fehlt!“ drängte die maruschka. „Auf die bin ich doch gerad’ so g’spannt. Die interessiert mich!“

„Siehst net die plötzliche Bewegung vor dem Hotel?“ Der Oberleutnant Kienhofer lachte. „Jetzt kommt a Leben in die k. u. k. Streitmacht! Die schöne Sine geruht, aus dem ärarischen Hotel zu treten. Da siehst du sie — gross und schlank — sie hat so was Schreitendes in den Bewegungen wie ein Hirsch — und immer den Kopf im Nacken . . .“

„Ganz weiss ist sie angezogen!“ Die Blicke der Maruschka von Schlägl ruhten neugierig auf der fernen fremden Frau.

„Immer. Alle Albanesen. Ihre verstorbene Mutter war doch eine Albancsin — eine katholische Mirditin aus Durazzo! Die sind alle so gross und schlank!“

„Und der Vater is auch einer aus dem Balkan?“

„Der alte Volo stammt eigentlich aus Malta. Das is dort schon ganz eine verdrehte italienisch-arabische Blutmischung. Davon hat die Sina das strenge klassische Profil und die blauschwarzen Haare! . . . Und a Geld!“ setzte der Kamillo Kienhofer hinzu. „Der Genario Volo is durch seine Heirat aus Albanien in den Sandschak Novibasar hinübergekommen und hat’s in Plewlje schon ordentlich zu was gebracht. Er war schon einmal hier und hat seine Tochter besucht. Mit Kleinigkeiten gibt sich der kleine, vierschrötige, pechschwarze Kerl nicht erst ab! Das ist ein Gewaltmensch. Der betreibt seinen Grosshandel mit europäischen Waren . . .“

„Ja — kaufen denn die Leut’ drüben so was?“ unterbrach die Maruschka.

„Ja — was halt die Halbwilden so brauchen — Petroleumlampen, Zucker, bunte Stoffe, Reibhölzeln, Spiegel, Schmucksachen — also das schafft er mit seinen Maultierkarawanen im Sandschak bis in die entlegensten Bergdörfer. Den Volo kennen die Spitzbuben dort alle. Dem tut keiner was, weil sie ihn zu nötig haben. Den zählen s’ schon halb zu den Ihrigen!“

„No — ich freu’ mich recht auf die Ladislaja, dein Frauerl, Leutnant Kienhofer!“ sprach oben am Berg aus dem Sattel die Maruschka.

„Gleich sagst: Kamillo!“

„Alsdann: ich freu’ mich recht auf die Deinige, Kamillo. Und auch auf die Sine Kabusch. Die wird einem was erzählen können. Eine Frau, die alle Geheimnisse von dem wilden Bergland hier kennt!“

„Die spricht so gut serbisch und albanesisch und italienisch wie deutsch!“

„ . . . und dabei doch eine militärfromme, östreichische Leutnantsfrau! Das is schon ganz merkwürdig.“ Die junge Frau von Schlägl drehte den hübschen Blondkopf nach rückwärts. „Niki — warum hältst denn da hinten mit deinem Gaul? So mach’ doch voran!“

Ihr Mann hörte es kaum. Er starrte über den Pferdekopf hinunter in das schon nahe Dorf. Auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel schimmerte ein schlanker, weisser Strich. Um ihn herum war blaues und grünes Uniformgeglitzer.

„Wie die Fliegen um den Honig!“ lachte der Kienhofer.

„Niki — so komm doch!“

Der Leutnant Niki von Schlägl strich sich mit der Hand über die Stirn.

„Ich weiss net!“ sagte er mühsam. „Mir is net so recht extra! Ich möcht’ am liebsten absteigen und a bissel rasten!“

„Mariandjosef — doch kein Sonnenstich?“ schrie die Maruschka.

„Ach —Sonnenstich — Kapricen hat er!“

„In einer stund’ können wir ja weiterreiten, wenn’s kühler und dunkler is!“ meinte matt der Niki. Und seine Frau:

„Unterdessen gehen s’ da unten wieder heim!“

„Dann gehn s’ halt heim!“ rief der Niki Schläglplötzlich verbissen, in einem dumpfen Zorn. Der Regimentskamerad fasste das Pferd des andern am Halfter und zog es im Anreiten mit sich.

„Die unvernünftige Kreatur is g’scheiter als wie du!“ sagte er. „Die weiss, dass man seine Vorgesetzten nicht warten lässt! Vorwärts! So is recht! Kopf hoch, Niki! wenn ich auch net weiss, was dir fehlt!“

„Jetzt is da unten noch ein Türk’ dazugekommen — a richtiger Türk’!“ verkündete begeistert die Maruschka. „A ganz nobler Türk’, scheint’s!“

„Das is der Hadschi Fehim Beg, der Grossgrundherr der hiesigen Gegend. Dem sind alle die bosnischen Bauern ringsherum zinspflichtig“, erläuterte Kamillo Kienhofer. „’s is a Crux mit den Begs. Tun tun’s nix, und durch ihren Landbesitz sind’s doch von grösstem Einfluss auf das Volk!“

Der Hadschi Fehim Beg war breitschulterig und wohlbeleibt. Tränensäcke des Trinkers hingen ihm über den Graubart auf die schlaffen Wangen. Auf dem Haupt trug er den goldgesticken weissen Turban des Mekkapilgers. Unter dem langen, offenen, safrangelben Überrock schimmerte purpurn die Jacke, blau die gepluderten Kniehosen, weiss die Wollstrümpfe bis zu den ledernen Halbschuhen. In dem mit Halbedelsteinen besetzten breiten Hüftgürtel aus Rindshaut staken zwei Pistolen. Er stand auf einen Stock gestützt und radebrechte, dröhnend lachend, deutsch mit dem Major und dem Rittmeister.

Der rothaarige Nute Pistinner hatte seinen Beobachtungsposten oben am Fenster verlassen und war auch vor das Hotel getreten. Die Hände in den Hosentaschen, schlenkernden Gangs, bummelte er heran und gesellte sich neugierig, mit offenem Mund, zu den Offizieren und ihren Damen und horchte zu, was sie redeten, und grinste, weil der Beg als Mohammedaner des Gesprächs mit Damen ungewohnt war und gegenüber der ihn sehr kühl aus ihren grossen schwarzen Augen musternden Sine Kabusch nur ein paar verlegene serbische Worte hervorbrachte. Deren Mann trat vor den Bitterwasserreisenden hin.

„Was drängeln’s Ihnen denn hier heran?“ fragte Thaddäus Kabusch streng. „Gehören S’ zur bewaffneten Macht? Sein S’ a Beg? Sein S’ den Damen vorgestellt? Nein! Also schauen S’, dass S’ weiterkommen!“

Nute Pistinner lächelte versöhnlich, zuckte die Hängeschultern und schlurfte gegen das Hotel hin zurück. Frau Sina Kabusch hatte den Zwischenfall nicht beachtet. Sie hielt den Arm um die Taille der viel kleineren, molligen Frau Leutnant Kienhofer geschlungen und plauderte mit den Offizieren, von denen nur der riesige Rittmeister von Rizzi ihren ihren hohen Wuchs überragte. Sie sprach das gemütliche Österreischisch-Deutsch wie die anderen alle. Aber ihre Stimme war so tief und voll, dass es ganz anders und fremdartig klang. Auch wenn sie wie jetzt lachte, wich nicht der Ausdruck einer düsteren Schönheit von ihrem Gesicht. Es war nur, wie wenn einSonnenstrahl die Berge Albaniens, ihrer mütterlichen Heimat, erhellte, ohne deren Wildheit zu mildern. Aber wie sie mit den Herren plauschte, sich bewegte, mit dem Taschentuch der fern sich nähernden Reitergruppe zuwinkte, war sie eine Dame so gut wie die kleine Ladislaje neben ihr oder sonst irgendeine Gnädige hier im Land.

„Niki — du armes Hascherl — jetzt nimm dich mal zusammen!“ mahnte am Berghanh im Reiten die Maruschka Schlägl. „Gleich sind wir im Dorf! Was sollen s’ denn von dir denken? Da wedelt uns schon die Sina Kabusch mit ihrem Schnupftüchl zu!“

Der Leutnant Niki liess das Fernglas sinken, mit dem er die Gruppe drüben gemustert hatte. Denn es war noch zu weit, um mit blossem Auge die Gesichter zu erkennen.

„Ich find’ die Frau gar net so schön!“ sagte er. „Ganz jung is sie auch net mehr!“

„Höchstens Mitte der Zwanzig!“ erwiderte Kamillo Kienhofer. „Und eine Frau, die wie drei Gewitter ausschaut, is freilich nicht nach jedermanns Gusto! Mir is so ein lieber Schneck wie meine Ladislaja auch lieber! Aber schön wie a Bild ohne Gnad’ is die Sine Kabusch doch . . . Ah — da schaut’s her: da kommen’s ja hintereinander — drüben vor dem ärarischen Hotel!“

Der Hauptmann Thaddäus Kabusch war dort mit langen, sporenklirrenden Schritten auf den Nute Pistinner zugegangen. Sein längliches, bartloses Gesicht war so erregt, als die Nüchternheit seines Wesens es zuliess.

„I mach’ Ihnen schon Beine, mein Lieber!“ sprach er.

„Nü?“ Eine fragende Schulterbewegung.

„Was haben S’ denn ewig meine Frau anzuglotzen und ihr vertraulich zuzugrinsen? Mit die Keckheiten hat’s jetzt ein End’! Marsch ab! Wird’s?“

„Werden Sie mir schon zu befehlen haben . . .“ versetzte verstockt und verächtlich der junge rothaarige Pistinner.

„Dann wird’s der Herr von rizzi tun! Der hat hier die Polizeigewalt!“

„Ich fordere Sie amtlich auf, sich zu entfernen, nachdem Sie sich hier ungebührlich benehmen!“ sprach der schwarze Riese im grünen Waffenrock, und als Nute Pistinner sich kopfschüttelnd getrollt hatte: „Du, Hauptmann — tu’ mir die einzige Liebe und mach’ mir den Sohn Abrahams net kopfschen! Der interessiert mich brennend! Ich sag’ dir nachher, warum! Jetzt ist keine Zeit! Eben kommen’s angeritten!“

„Was hast denn, Sine?“ fragte im selben Augenblick die Frau Leutnant Kienhofer die grosse schlanke Frau neben ihr, die immer noch den Arm um ihre Taille geschlungen hatte. „Warum bist denn eben so zusammengefahren? Ich hab’s doch deutlich gespürt! Und ganz blass wirst!?“

„Ach — ich ärger’ mich über meinen Mann, dass er wegen mir mit dem Schubiak da oben Händel anfängt! So a galizischer Musterreiter is doch kein Entrüstungsgegenstand für Kavaliere net!“ sagte die Sine Kabusch und schaute dabei auf den Leuutnant Niki von Schlälgl Edlen von Bruckwehr, der eben mit seiner Frau auf den Platz einbog, hinter ihm der Kamillo Kienhofer.

„Fesch schaut er aus!“ rief die Ladislaja. Sina Kabusch hatte ihre Ruhe wiedergefunden.

„Der Ruf geht ihm ja auch voraus!“ sagte sie.

„Und sie is auch recht lieb! Da hebt er sie vom Pferd und der Major begrüsst sie!“

Der Major Geza Farkas hatte sich über die Hand der Maruschka gebeugt. Der alte Ungar lächelte ritterlich.

„Sagen Gnädige nur immer gleich, dass Ehefrau sind!“ sprach er in seinem harten Deutsch. „Sonst hält Sie jeder für a Madel!“

Die Maruschka hatte wirklich noch etwas Mächenhaftes im Antlitz und Wesen. Sie lachte frisch mit.

„Ich muss mir manchmal selber sagen, dass ich net mehr die Maria Kemenater in Wien, sondern a Leutnantsfrau bei die Bosnier bin!“ rief sie und lief vor allem auf die beiden Damen zu und gab der kleinen Frau Kienhofer einen tüchtigen Schmatz.

„Du bist die Ladislaja! Das weiss ich schon!“ sprach sie und drehte sich zu der anderen. „Ja — grüss’ dich Gott, Sina! Gelt —wir sagen gleich zueinanden ,du‘? Wir sind ja hier aufeinander angewiesen. Jetzt sind wir wenigstens a Kleeblatt!“ Sie sah, dass die Sine Kabusch ihren schönen Kopf mit den schwarzen Augen und dem blauschwarzen Haar ihr zuneigte und kam ihr auf halbem Weg entgegen, und die Lippen der beiden jungen Frauen berührten sich.

„Werde jetzt Gnäigen die Herren vorstellen!“ versetzte der Major. Er nannte die Namen. Zuletzt wies er auf einen kleinen kraushaarigen und vollbärtigen Mann im Bürgergewand, der im letzten Augenblick gekommen war. „Herr Moise Sabbatai, Besitzer einer Wollknüpferei hier in der Nähe! . . . Es is schon a Spaniol“, erläuterte er dem jungen Ehepaar, während der Teppicherzeuger bescheiden zurücktrat. „Einer von den spanischen Juden, die im Mittelalter aus Spanien vertrieben und hier ins Land gekommen sind — aber sonst ganz ein netter Mensch! Ja —und da läst sich’s der Dorfälteste nicht nehmen und will auch sein Sprüchel beten. Gehen S’, Frau Sina. Übersetzen S’ doch dem Muchtar seine Anrede! So. Danke. Mein Kompliment!“

„Da habt S’ ja einen Husaren in a Mönchskutten gesteckt! Ja — schämt S’ euch denn net?“ Die Maruschka verschlang ungläubig die Hände, und der Major Farkas lachte.

„Bitt’ schön: is schon a richtiger Religioser von die Franziskaner, der Pater Simeon, der da vorbeikommt — aus naher Ordensniederlassung!“

„Wir tragen die Schnurrbärte noch von der Türkenzeit her, wo wir als Türken verkleidet gehen mussten, um nicht vom Volk erschlagen zu werden!“ sprach schmunzelnd der braune Mönch, und die maruschka erwiderte verwirrt:

„Ach so! K’ss d’ Hand, Hochwürden!“

Ihr Gatte hatte sich inzwischen bei dem Major und dem Hauptmann, strammstehend mit der Rechten am Tschako, als in das 5. Bosnische Infanterieregiment, 13. Kompanie 4ten Bataillons, transferiert gemeldet und dann ihnen und allen k. u. k. Kameraden und dem Tükenbeg und dem Franziskanerpater und dem Spaniolen die Hand geschüttelt. Nun wandte er sich zu den Damen. Mit der Ladislaja, der Frau seines Freundes Kamillo Kienhofer, nannte er sich gleich „du“. Dann küsste er der Sine Kabusch die Rechte. Sie erwiderte es mit einem liebenswüdigen Hädedruck des Willkommens. Auch er lähelte unter dem feschen Schnurrbart.

„Sie kommen aus Wien, Herr von . . . Mein Gott . . . jetzt hab’ ich wieder Ihren Namen vergessen . . .“

„Schlägl, Gnäigste!“

„Richtig! Der Herr von Schlägl! Haben Sie eine gute Reise gehabt?“

„Danke der Nachfrage! Es war schon mordsschön!“

„Das hör’ ich gern!“

„Die Herrschaften werden sich jetzt auf ihre Zimmer zurückziehen!“ Der Major Farkas trat hinzu. „Und nach dem heissen Ritt a bissel restaurieren. Auf Wiedersehen nachher! Da nachtmahlen wir alle z’sammen draussen im Garten!“

4.

Das Volk von Vrbica stand auf dem Platz vor dem ärarischen Hotel. Eine bunte Musterkarte des Morgenlands. Alte bosnische Hirten in ärmellosen Jacken und roten Leibbinden und junge Bauernmächen mit gestickten Schürzen und Türkinnen in schwarzen Stoffglocken und weissen Gesichtsschleiern und braune Zigeunerinnen in grellen Lumpen und kleine Türkenmädchen in blauen Höschen und mit Rattenschwänzchen von Zöpfen. Das Volk von Vrbica sah zu, wie die herrschenden Gewalten des Landes, Schwab, Möch, Moslim und Spaniole, voneinander Abschied nahmen. Der schnurrbäige Franziskanermöch, der Pater Simeon, schritt in seiner braunen Kutte auf seinen Holzsandalen dem fernen kleinen Ordenshaus in den Bergen zu, der mohammedanische Leutnant Haidukowitsch wandte sich nach dem Haus des Imam, des Dorfgeistlichen, neben der Moschee, bei dem er als Moslim wohnte und mit dem er —elbstverständlich ohne die Gesellschaft der drei Frauen des Hodscha — nach den Vorschriften des Korans speiste. Der kleine stille Spaniole. Moise Sabbatai, der in Gegenwart der vornehmen Herren k. u. k. Offiziere und ihrer Damen immer etwas Gedrücktes hatte, zog sich unauffällig, den Hut in der Hand, zurück. Der Hadschi Fehim Beg war der einzige, der den Gruss des Teppichfabrikanten nicht erwiderte. Er, der Grossgrundbesitzer des Landes, der Nachkomme der tükischen Eroberer, verachtete tief solch einen Spaniolen wie den Moise Sabbatai. Er humpelte, auf seinen Stock gestützt, zu seinem Reittier, um rasch nach seiner mittelalterlichen Burgruine Mogorelo in der Nachbarschaft zu gelangen. Dort war eben, mit der heutigen Tragtierpost, eine Sendung französischen Champagners für ihn eingetroffen. Ob er den denn trinken dürfe? Der Beg drehte sich entrüstet um, schon den Pantoffel im Steigbüel, und die Sina Kabusch übersetzte lachend seine Antwort: Champagner, diese brausende süse Limonade, habe es zur Zeit des Propheten — Lob ihm! — noch nicht gegeben, und was Sidi Mohammed den Gläubigen nicht verboten habe, das sei erlaubt!

Nachdem die Sina Kabusch das übersetzt, schritt, ohne auf ihren Mann zu warten, die schö, grosse, dunkle Faru in Weiss in ihrem fremdartig weitausgreifenden, federnden Gang hastig dem äraischen Hotel zu. Die Maruschka Schlägl rief hinter ihr her:

„Sina! Lauf uns doch net fort! Wart’ doch a bissel! Wir kommen ja mit! Warum hast’s denn so arg eilig?“ Sie wandte sich lachend zu ihrem Mann, dem Leutnant Niki: „Sie hört;s nicht — die Kabusch! Weg is sie! No — wir sehen sie ja nachher!“

„Wir sehen sie nachher!“ sagte geistesabwesend der Leutnant Edler von Schlägl und trat mit seiner jungen Frau in die beiden einfachen, ärarischen, als Wohu- und Schlafzimmer angewiesenen Gemächer. Dort wartete schon der eingeborene bosnische Offiziersdiener. Das Ehepaar musste mit ihm hauptsächlich durch Zeichenverkehren. Die Maruschka hatte sich schon in Wien auf einem Zettelchen ein paar der wichtigsten Worte aufgeschrieben: „Voda — Wasser — Sapun —Seife — Peskir —Handtuch —Brzo — Mach schnell!“ und unterbrach sich und horchte und sagte zu dem düsteren und schwegisamen Niki:

„Du — das is mal nett! Gerad’ Tür an Tür mit uns wohnen die Kienhofers! Ich hör’ der Ladislaja ihre Stimme durch die Wand!“

„Red’ doch schon leiser!“ sagte gleichzeitig der Oberleutnant Kienhofer nebenan zu seiner Gattin, der kleinen molligen Ladislaja. „Was du da raustrompeten willst, das scheint doch nur für mich bestimmt!“

„Ja freilich!“ Seine Frau dämpfte ihre aufgeregte Stimme. „Du — hör mal . . .“

„Also raus damit . . . Druck’ net so!“

„Was is denn das um Gottes willen mit der Sina und dem Niki Schlägl?“

„Was soll denn sein? Die beiden kennen sich ja gar net!“

„Meinst?“

„Die Maruschka hat mir selber erzält, sie und ihr Mann hätten erst heute mittag im Truppenlager durch den Regimentskommandanten gehört, dass die Sina überhaupt auf der Welt und die Frau von seinem Hauptmann ist!“

„Aha! Und du bist halt so ein guter Kerl, Kamillo, und glaubst, was man dir vorred’t!“

„Geh’, Tschaperl!“ sprach der Oberleutnant Kienhofer mitleidig. „Weisst du’s denn besser?“

„Ich net. Mich geht’s nix an! Aber die Sina!“ flüsterte die Ladislaja Kienhofer. „Die Sina hat doch den Arm um mich gelegt gehabt, wie wir vor dem Hotel gestanden sind und gewartet haben, und wie sie plötzlich um die Ecke von dem Platz den Niki Schlägl hat daherreiten sehen, da is sie doch zusammengefahren . . .“

„Leise . . .“

„ . . . zusammengefahren — sag’ ich dir — dass es mir einen Schreck gegeben hat! Sie hat ja immer so einen weissen Teint zu ihrem schwarzen Haar. Aber jetzt war ihr das letzte Blutströpferl aus dem Gesicht gewichen!“

„Ich hab’ nix gemerkt!“ sprach der Kamillo Kienhofer in Gedanken. Er war sehr ernst geworden.

„Sie hat sich auch gleich wieder derfangen, und er, dein Freund Niki, hat sich überhaupts nix anschauen lassen — no ja — er hat’s ja schon gemusst, dass er sie treffen würde —und die beiden haben sich ganz manierlich begrüsst, wie andere Christenmenschen auch! Aber irgend was is da los, Kamillo! Die zwei — die haben schon mal was miteinander gehabt!“

„Das gibt zu denken!“ Der Kamillo schüttelte seinen braungebrannten, dunkeläugigen Tiroler Kopf. „Das gibt schon zu denken . . .“

„Ja — was soll man denn denken? . . . A eing’frorene Liebschaft von früher — natürlich . . . Wie ihr halt alle seid! Da gibt keiner dem andern was nach! Und dem Schlägl — dem geht ja schon so ein Ruf voraus!“

„Wann’s net mehr is als so ein alltägliches G’frett!“ Der Oberleutnant Kienhofer sprach in Gedanken halb zu sich. „Ich fürcht’, da zieht sich gerad’ hier, in dem Nest, dem Vrbica, a Gewitter zusammen. Ich kann mir nicht helfen! Mir ist unheimlich zumut!“

Aus dem einen Nebengemach klang Kindergeschrei. Die Ladislaja sprang auf.

„Jesses — die Fratzen!“ rief sie und rannte zu ihren Buben. Ihr Mann stand eine Weile in Gedanken. Dann stieg er die Treppe hinab und trat, nach etwas suchend, vor das Hotel.

Dort klirrten Sporen. Der Gendarmeriezugskommandant Ritter von Rizzi und der Hauptmann Thaddäus Kabusch schritten da auf und nieder.

„Ich werd’ dir jetzt erklären, Kabusch“, sprach der Rittmeister in tiefem Bass, „warum du mir den Platzhirsch aus Galizien, den Nute Pistinner, nicht vergrämen darfst, auch wenn er deine Frau Gemahlin einmal keck anguckt!“

„Wozu brauchst denn das rothaarige G’stell?“

„Weisst, Hauptmann!“ sprach der Rittmeister von Rizzi. „Das geht mit dem Waffenschmuggel so nicht weiter. Mein Renommee steht auf dem Spiel. Und ich hab’ so einen Spurius: der Pistinner — der ist mir nicht hasenrein!“

„Ah — da legst di nieder!“

„Warum treibt sich denn der Bitterwasserreiter gerad’ immer im einsamsten Karst, in den entlegensten Gebirgsdörfern umeinand? Jetzt eben war er dreigeschlagene Tage da oben, wo die Cepelica entspringt und es kaum ein paar Hirtenhütten gibt! Ich lass’ gerade eben durch meine Organe in dem Steingeröll a bissel visitieren!“

Der Kamillo Kienhofer stand vor dem Hoteleingang. Er hatte den, den er suchte, entdeckt: da lehnte an der Wand der säbelbeinige bosnische Kellner, an dem Haare, Augen, Kleidung. Kragen alles schwärzlich war, und gähnte, die altersmüde Serviette über dem Arm, den Abend an. Der Oberleutnant winkte dem Gjorgje.

„Springen S’ mal nauf zu dem Herrn Leutnant von Schlägl, ob er net recht bald mal zu mir runterkommen könnt’!“

„Ise gutt!“

„Bitterwasser verschachert er den Einheimischen schon!“ sprach seitlings gedämpft der Rizzi zum Kabusch. „Das steht fest. Aber ob in den Kisten, mit denen er ins Tal zurückreitet, wirklich nur leere Flaschen drin sind oder englische Schiessprügel von der Grenze herüer — was wir bisher mal an geschmuggelten Waffen entdeckt haben, das hat fast ausnahmslos einen englischen Fabrikstempel getragen . . .“

„Da tät’ ich doch die Kisten mal aufmachen!“

„Und wenn ich nachher nix find’? Dann is die hohe Obrigkeit blamiert! Da heisst’s vorsichtig sein. Da heisst’s noch mehr Verdachtsmomente haben!“

„Wird sich Leutnant gleich kommen!“ meldete der Kellner Gjorgje drüben dem Kienhofer, der einsam für sich, wartend, auf und ab schritt. Der Rittmeister von Rizzi wandte sich zu dem Hauptmann.

„Der Pistinner verbrennt im Ofen alles, was er an Briefen kriegt. Aber neulich hat er aus Versehen einen Umschlag auf dem Tisch liegen lassen. Den hat mir das Stubenmadel gebracht. Die is, ebenso wie der Kellner, von mir abgerichtet, den Pistinner zu überwachen. Auf dem Umschlag is a englische Marke und der Poststempel London. Jetzt frag’ ich mich, Kabusch: seit wann steht so a Mensch, der hier mit seinem Wiener Tränkl den Eingeborenen die Därme ausputzt, mit den Engländern auf du und du? Das ist höchst belastend, mein Lieber!“

„Der Kerl macht doch so einen blöden Eindruck!“

„Das is ja gerad’ die Verstellung: der gibt sich so dummdreist und tappig, damit eine hohe Behörde nicht merkt, was hinter dem Aff’ in Wirklichkeit steckt —nämlich der Waffenschmuggel aus dem Sandschak herüer!“

„Schauen wir halt, wie’s weiter wird!“ Der Hauptmann Kabusch beugte sein bartloses, nüchternes, längliches Gesicht über seine Taschenuhr. „Ich muss jetzt zu meine Leut’!“

„Wann du bloss in deine Defensivkaserne laufen kannst!“ sagte der Gendarmeriekommandant. „Ich hab’ doch auch meine Wachhäusel, eins nach dem andern, längs der Grenze. Aber ich steck’ doch nicht den ganzen Tag in den Karaulas drin! Man is doch auch Mensch!“

„Und Dienst is Dienst!“ sprach der Thaddäus Kabusch trocken und ging. Der Ritter von Rizzi entzüdete sich eine lange, dünne Virginia und schaute, den flackernden Strohhalm in der Hand, der Hauptmann kopfschüttelnd nach.

„Wenn ich so eine schöne Frau daheim hätt’ wie der Kabusch“, sprach er zu dem Oberleutnant Kienhofer, der nachdenklich herantrat, „da tät’ ich mich mehr der widmen statt den ärarischen Hosen und Nagelschuhen, die er sich jetzt wieder beim Appell unter die Nase halten lässt. Du . . . ich möcht’ die mal was anvertrauen! Aber du hörst ja gar nicht her?“

„Doch! Doch! Mich hat gerad’ was beschäftigt. Alsdann: was befiehlst, Herr Rittmeister?“

„Weisst: der Kabusch sollt’ seine Frau net immer so allein herumsitzen lassen!“

„Das is doch dem Kabusch seine Sach’!“

„Freilich! Aber ich frag’ mich: tut die Frau das jetzt aus Langeweile oder . . .?“

„Was tut die Sina?“

„Sie hat als irgendwas mit dem Pistinner! Ich sag’s dem Kabusch bloss noch net! Ich bitte: was braucht eine Dame mit der galizischen Vogelscheuch’ die Köpf’ zusammenstecken und zu plauschen? Er weist ihr ja jedesmal a g’stickte Jacken oder an alten Gürtel oder was er so im Land gekaust hat! Aber das is doch nur a Vorwand! Das sieht doch a Fatschelkind!“

„Verguckt hat sich halt das Krapeindel in die Sina, obwohl ihm der Mann schon a paar Tachteln angeboten hat!“

„Glaubst net, dass mehr dahinter steckt?“

„Da fragst mich zuviel!“ sprach der Oberleutnant Kienhofer. „Ich möcht’ mich da net einmischen! Ich steh’ mit meinem Herrn Kompaniekommandanten net so, dass ich . . . Mit dem wird keiner warm . . . Entschuldig’ mich, Herr Rittmeister! Da kommt eben der Schlägl!“

„Mit seinem Weiberl! Sauber is sie schon!“

„Warum hast denn gleich die Maruschka mitgebracht?“ fragte der Oberleutnant Kienhofer leise den Niki, während dessen Frau den Rittmeister Rizzi begrüsste.

„Ich hab’ ihr die ganze Zeit beim Auspacken und Einrichten geholfen! Sie ist doch ganz fremd im Land. Ich kann sie doch net sitzen lassen!“

„Aber du weisst doch ganz genau, dass ich dich unter vier Augen sprechen muss!“

„Warum?“ sagte der Niki Schlägl geistesabwesend. Sein hübsches, leichtsinniges Gesicht war sehr bleich.

„ . . . weil du mir vor ein paar Stunden erzählt hast, du wüsstest nicht, ob du morgen um diese Zeit noch am Leben sein würdest!“

„Das weiss ich auch net — auf Ehr’ und Gewissen!“

„ . . . und ich sollt’ mich um deine Frau annehmen!“

„Das tät’ ich von dir hoffen, Kamillo!“

„Wenn man so was seinem besten Freund sagt, ist man ihm auch eine Erklärung schuldig. Um die kommst bei mir net herum! Ich lass dich net aus!“

„Aber jetzt net!“ sprach der Leutnant von Schlägl. „Jetzt hat’s hier zu viel Leut’ um einen. Nach dem Nachtmahl, Kamillo — da machen wir beide zusammen im Mondschein einen Spaziergang durch das Dorf. Da erzähl’ ich dir alles, wie’s war!“

5.

Die Sonne war noch kaum als blutrotes Feuerange hinter den bleigrauen Bergketten der Herzegowina verschwunden, da blies schon der erste kalte Nordwind hoch oben über den Karst. Unter dem Sterngefunkel greinte der Steinkauz. Über die Militärgrenze herüber, aus dem Sandschak Novibasar, bellte in heiserem Bass ein Wolf. Die Strafuna, die Streifpatrouille der k. u. k. bosnischen Gendarmerie, hatte ihre hechtgrauen Mäntel über die grüne Montur angezogen. Die Hufen ihrer zottigen Gebirgsgäulchen klapperten auf dem Steingeröll. Behutsam ritten die grauen Schatten den Zickzack des Ziegenpfades hinab zu den Lichtern im Tal. Der Wachtmeister an der Spitze hielt einen länglichen Gegenstand aufrecht vor sich in dem Sattel und bewahrte ihn in der Linken, als er vor dem ärarischen Hotel in Vrbica steifbeinig vom Pferd kletterte.

„Ist der Herr Rittmeister einheimisch, Gjorgje?“

„Nix Rittmeister jetzt stören!“ Der bosnische Kellner stellte sich säbelbeinig in den Weg. „Rittmeister nachtmahlen im Garten mit Offizieren und die drei Gnäddige!“

„Schau, dass d’ weiterkommst, mein Lieber. Ich hab’ was Wichtigeres als deine Backhähndel!“ Der Wachtmeister schob den schwärzlichen Bosniaken zur Seite und stiefelte sporenklirrend an den Tisch voll buntem Tuch und hellen Damenkleidern. Dort verstummte Geplausch und Gelächter vor seiner dienstlich-ernsten, schnauzbärtigen Miene. Er stand mit „Habt acht!“ vor dem Gendarmeriezugskommandanten Ritter von Rizzi und salutierte mit der Rechten, in der Linken das geheimnisvolle Etwas.

„Melde gehorsamst: das Packerl haben wir unter Steinen versteckt oben im Gebirge, hundert Schritte von der Okkupationsgrenze entfernt gefunden, da, wo die Cepelicaquelle entspringt und sich wieder weiter unten in die Karstlöcher verschlupft!“

„Zeigen S’ her!“ Sein Vorgesetzter schüttete den Rest des eisgekühlten Dalmatinerrotweins hinter den schwarzen Abruzzenbart und erhob seine grüne Riesengestalt vom Stuhl, die anderen Offiziere sprangen mit ihm auf und umdrängten ihn, während er den schmalen, langen, in Sackleinwand genähten Packen in der Hand wog.

„Wenn da drinnen nicht wieder so ein verflixtes, geschmuggeltes Gewehr steckt . . .“ murmelte er, „ . . . das sich einer von die Spitzbuben heut’ nacht hätte abholen sollen! Gebt’s a Messer her, dass wir die Naht aufschneiden!“ und leiser zu dem Hauptmann Kabusch neben ihm: „Die Cepelicaquelle — das is just der Ort, wo sich der Pistinner die letzten Tage umgetrieben hat!“

„Weiss Gott: wieder so a heimliche Mordwaffen!“ Er hielt stirnrunzelnd den blanken Lauf in der Hand. Der Major Farkas setzte seinen Zwicker auf und beugte den schnurrbärtigen Graukopf über den Fabrikstempel.

„Ist ein englisches Lee-Metford-Gewehr!“ entschied er in seinem harten Ungarisch-Deutsch. „Ist nicht die neueste Marke. Vielleicht fünfzehn Jahre alt. Aber höchst brauchbar für Gebirgskrieg! Magazin hat Platz für zehn Patronen!“

„ . . . und die Munition paschen s’ wieder woanders herein!“ brummte der Ritter von Rizzi.

„Wo kriegen denn nur die Lumpazi alleweil wieder die Schiessprügel her?“ Der Oberleutnant Kienhofer warf wütend seine ausgerauchte Zigarette wie ein Glühwürmchen hinter sich in die bosnische Nacht.

„Ist kein Kunststück, nachdem die englische Regierung ihr neues Lee-Gewehr in Staatsfabrik in Enfield herstellt!“ belehret in seinem pedantischen Armeedeutsch der sachkundige Major Farkas. „Lee-Enfield kommt nicht in Handel. Um so leichter kann man ausrangiertes Metford-Modell in Birmingham kaufen und in Liverpool verfrachten!“

„Aber das müsste doch verboten sein!“

„Bitte: steht jedem frei!“

„Darf also jeder hier stänkern, wenn er nur a Geld hat!“ sprach der Kienhofer erbittert.

„Aber wer hier im Land das Geld für so was hergibt!“ Der Rittmeister von Rizzi furchte grüblerisch die buschigen Brauen, „Sapperdibix — ja!“

„Kann Geld auch von auswärts kommen!“

Die Offiziere sahen sich sorgenvoll an. Auch die Damen waren aufgestanden. Alles betrachtete die Waffe, die still auf dem Tisch neben den Resten eines Rahmstrudels lag.

„No — Schlägl! . . . Dich interessiert das Ding schient’s gar net?“ fragte Thaddäus Kabusch.

„Ja — was hilft’s denn, Herr Hauptmann, wann ich die Bescherung auch anguck’!“ Der Leutnant Niki fuhr aus seinem Brüten auf. Die Ladislaja Kienhofer neben ihm schüttelte den Kopf.

„Weisst: so wie dich stell’ ich mir ’nen Nachtwandler vor.“

„Ja — wenn das Gewehr reden könnte, wo’s herkommt und wo’s hingehört!“ Ihr Mann verstummte. Auch die anderen schwiegen. In die tiefe Stille zeterte in den Garten hinaus durch die offenen Fenster des Speisezimmers eine helle, zänkische Fistelstimme. Es klatschte jemand ungeduldig in die Hände.

„Nü! Sluga! Diener! Kellner! . . . Sind Sie nur für den Herren Offiziere da, Gjorgje? Hab’ ich die Preisermässigung wie die Herren Offiziere? Zahl’ ich nicht fünfzehn Prozent mehr? Sind meine Kronen und Heller stinkig? Werd’ ich mich einmal durch ein Brieflich beschweren beim fünfzehnten Armeekorps in Serajewo! Was ich haben will? Nü: werden Se mir bringen ä kleines Püls und ä halbes Gulasch!“

Der Kellner machte mit einem Kopfnicken durch das Fenster in den Garten den Gendarmeriekommandanten darauf aufmerksam, dass da drinnen der Bitterwasserreisende Nute Pistinner sass. Der Ritter von Rizzi trat beiseite und winkte seinen Wachtmeister unter den Nachtschatten einer breitästigen Weissbuche. Er schürzte sich mit der Linken seinen mächtigen Vollbart in die Höhe und fuhr sich darunter mit der flachen Rechten über den Adamsapfel.

„Ich hab’s dicke bis dahin, Wachtmeister!“ sprach er. „Es muss etwas dagegen geschehen, dass man mir hier auf der Nase ’rumtanzt! Riskieren wir’s halt in Gottesnamen! Der Pistinner hat doch drüben im Hof seine Kisten mit leeren Flaschen stehen.“

„Wie ich heut’ im Morgengreuen weggeritten bin, sind’s noch dagewesen, Herr Rittmeister!“

„Ist recht! Holen S’ mal gleich einen Hammer und ein Brecheisen und ein paar Leut’ und machen S’ die Kisten auf! Wollen doch mal sehen, ob da wirklich nur leere Flaschen darin sind!“

„Jetzt bin ich doch recht sehr gespannt!“ wandte sich, als das Säbelrasseln des Wachtmeisters verhallt war, der Gendarmeriekommandant zu den Offizieren vom 5. bosnischen Infanterieregiment und ihren Damen. Er unterdrückte mühsam sein Aufregung. „Wann wir nix finden täten, das wär’ fad! Aber ich hör’ schon im Geist das Waihgeschrieen von meinem Freunderl Pistinner!“

„Der bleibt seelenruhig da drinnen vor seinem Gulasch sitzen!“

„Ja — und da sind S’ schon wieder?“ Der Rittmeister von Rizzi wandte sich zu dem Wachtmeister. „Ja — was is denn?“

„Melde gehorsamst: die Kisten sind nicht mehr da!“

„Uijegerl!“ Der Kienhofer pfiff durch die Zähne.

„Heute morgen haben die Zigenner die Kisten auf Weisung des Pistinner auf Tragtiere geladen und weggeschafft. Zu dem Mandelbaum — dem Gastwirt drüben in Grahovo — der das Beissl zwischen dem Militärlager und der Türkenstadt hat!“

„Schreib’ nur gleich an unseren Oberleutnant-Anditor dort im Regimentsstab, Herr Rittmeister, dass er die Kisten beschlagnahmt!“

„Und da drinnen lacht unterdess der Pistinner auch noch über sein ganzes Gefriess!“

Nute Pistinner hatte seine dürftige Gestalt vom Stuhl erhoben und schlurfte unbefangen an den Tisch der Offiziere heran.

„Darf m’r die Waar’ auch mal betrachten?“ fragteer neugierig und nahm ohne weiteres die Waffe in die Hand. „Ä feines Gewehr! Ä neues Gewehr!“

„Gleich legen S’ das Ding wieder hin!“

„Werd’ unter hundert Gülden nix zu haben sein — das Gewehr!“

„Der ia mal z’wider!“ sprach die Maruschka.

„Unter der Hand noch teurer! Nü is der Schmuggler im Schlamassel!“ Pistinner zog kränklich-bedauernd die Schultern hoch. „Freut mich für die Herrn Offiziere! Freut mich für den Herrn Wachtmeister, dass er dem schlechten Menschen das Geschäft verdorben hat!“

„Sagen S’ mal: von welchem Greisler beziehen S’ eigentlich Ihre Keckheit?“ fragte der Oberleutnant Kienhofer. Der Reisende in Bitterwasser bettete mit einer Grimasse des Abscheus das Gewehr wieder auf den Tisch.

„Es könnt’ geladen sein!“ sprach er. „Ich bin ein ängstlicher Mensch. Schiessgewehre sind nicht meine Branche! Nü — verzeihen Sie, wenn ich jetzt wieder geh’! Mein Kompliment den Herrn Offizieren! Meine Verehrung den Damen!“

Und im Abmarsch mitleidig und halblaut zu dem Kellner Gjorgje:

„Ich hab’ mich nix länger mehr von den Offizieren dabehalten lassen! Der Verkehr passt mir nicht! Was heisst so ä Überheblichkeit! Wer zahlt denn Jennen die Gage? Zahlen Sie! Zahle ich! Zahlen wir alle!“

Die drei jungen Offiziersfrauen hatten die ungelenkvertrauliche Verbeugung des Pistinner mit einem frostigen Blick zum Mondscheinhimel hinauf übersehen. Die Maruschka Schlägl verstand nichts von Waffen. Aber sie hielt es für passend, Anteilnahme an den k. u. k. Sorgen zu zeigen. Sie nahm das stumme Stahlrohr aus Birmingham in die Rechte. Sie hantierte ungeschickt damit. Sie hörte neben sich ein leises, tiefes Lachen. Die Sina Kabusch nahm ihr mit ihren starken, schön geformten Händen das Gewehr ab. Ihre weissen Finger holten sachkundig das leere Stahlblechmagazin heraus und schoben es wieder in das Verschlussgehäuse und betätigten, obwohl keine Patronen losgehen konnten, mechanisch den Sicherungshebel. Dabei hielt die Sina Kabusch eine Zigarette schief im Mundwinkel ihres schönen Gesichts. Das gab den düsteren, klassischen Zügen etwas Jagdfrohes, Verwegnes, etwas Kriegerisches, so wie drüben im Balkan die Montenegrinerfranen ihren Männern die Munition bis in die Kampflinie trugen. Der Major Geza Farkas lachte und meinte:

„Frau von Kabusch belieben mit Gewehr so umzugehen wie andere Damen mit Kochlöffel! Hab’ ich gar nicht gewusst, dass Gnädige in Waffen so erfahren ist! Meine Hochachtung!“

Der Anblick des Birminghamer Feuerrohrs hatte den alten Krieger belebt. Er fing an, zu erzählen. Vom heissen Okkupationsjahr 1878. Den Einmarsch der k. u. k. Truppen in Bosnien hatte er noch als Kadett-Stellvertreter mitgemacht. Von den Wolkenbrüchen und der Hitze sprach er, von den fünf abgeschnittenen Husarenköpfen. Die wilden Strassenkämpfe in Serajewo lebten wieder auf und die Erstürmung der gelben und weissen Bastion hoch über der Stadt, das Handgemenge um die Zitadelle, die bluige Affäre von Zavalje, wo die Aufständischen sich nicht gescheut hatten, die grüne Fahne mit dem Halbmond bis in die österreichischen Erblande hineinzutragen. Und die schlimmste Überraschung mit dem Muktija Effendi! Was brauchte denn auch noch der Albanese mit ungezählten Tausenden von Arnauten aus dem Sandschak Novibasar zu kommen, um sich in die Händel zu mischen? Aber halt ewig der Sandschak! Der war schon damals so und war’s jetzt noch: das Sorgenkind auf dem Balkan . . .

Während der Major an seiner Virginia sog und aus dem Rauch seine Kriegsbilder stiegen, fühlte sich der Oberleutnant Kienhofer leicht an der Schulter berührt. Das war seine Frau, die Ladislaja. Sie flüsterte ihm zu:

„Jetzt schau’ bloss mal da drüben den Niki und die Sina Kabusch an!“

„Na — die stehen halt beieinander und schwatzen!“ meinte der Tiroler.

„Aber die Gesichter . . . Was die für Gesichter machen . . . Ganz leise reden s’ miteinander!“

„Ich kann nix B’sonderes merken!“ sprach der Oberleutnant Kamillo Kienhofer. „Eben trennt sich die Kabusch ja auch schon von ihm und geht ins Haus!“ Er erhob sich und trat auf den Fussspitzen, um nicht den Redefluss des alten Ungarn zu stören, auf den Niki zu, der in Gedanken veloren dastand. Er legte dem Freund die Hand auf die Schulter.

„Niki!“ sagte er. „Du hast mir nach dem Nachtmahl einen Giro durch das Dorf versprochen. Jetzt ist gerade Zeit zu der Mondscheinpromenade! Komm!“

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05 мая 2025
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9788711507421
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