Читать книгу: «Das Kind vom anderen Stern»
Bisher sind von Ross Welford erschienen:

eISBN 978-3-649-64011-0
© 2021 für die deutschsprachige Ausgabe
Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Originally published by HarperCollins Publishers under the title:
The kid who came from space
© Ross Welford 2020
Translation © Petra Knese 2020 translated under licence from
HarperCollins Publishers Ltd
Ross Welford asserts the moral rights to be identified
as the author of his work.
Aus dem Englischen von Petra Knese
Umschlaggestaltung © HarperCollins Publishers 2020
Umschlagillustration © Tom Clohosy Cole 2020
Lektorat: Jutta Knollmann
Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim
www.coppenrath.de
Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-63778-3.
Ross Welford

Aus dem Englischen von Petra Knese

Inhalt
1. Teil
HELLYAN 1. Kapitel
ETHAN 2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Vier Tage zuvor
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
2. Teil
HELLYANN 15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
3. Teil
ETHAN 29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
HELLYANN 53. Kapitel
ETHAN 54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
4. Teil
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
HELLYANN 60. Kapitel
ETHAN 61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel

Suche nach vermisstem Mädchen geht weiter
Kielder, Northumberland, 27. Dezember
Bei der Suche nach einem zwölfjährigen Mädchen, das am Heiligabend aus Kielder verschwunden ist, bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe.
Tamara »Tammy« Tate wurde zuletzt am 24. Dezember um 18 Uhr gesehen, als sie ihr Elternhaus in der Nähe der Gaststätte Stargazer verließ. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs.
Tamara hat helle Haut, ist etwa 1,60 m groß und von mittlerer Statur. Sie hat blondes Haar und braune Augen. Bei ihrem Verschwinden trug sie eine Jeans und eine rote Daunenjacke von North Face.
Suchtrupps aus Polizei und Freiwilligen haben in den letzten Tagen die umliegenden Wälder und Moore an der Grenze zu Schottland durchkämmt.
Wer Tamara gesehen hat oder Aufschluss über ihren aktuellen Aufenthaltsort geben kann, wird dringend gebeten, sich bei der Polizei zu melden.
Sachdienliche Hinweise werden unter der Nummer 131411 oder anonym unter 1800 333 000 entgegengenommen.
HELLYAN
1. Kapitel

Noch einmal lese ich das leuchtende Schild vor mir:
Gattung: Mensch, weiblich
Herkunft: Erde
Alter: etwa zwölf Jahre
Dieses brandneue Exponat wird in die Ausstellung Erd-zone überführt, sobald eine emotionale Stabilität erreicht wurde.
Beim Anblick des verwahrlosten Wesens möchte ich am liebsten durch die unsichtbare Barriere fassen und seine Hand halten. (Was weder erlaubt noch möglich ist, denn die Barriere würde mir sofort einen schmerzhaften Schock versetzen.)
Sein Haar …
Okay. Ich darf nicht die ganze Zeit »es« und »sein« sagen. Auf dem Schild steht, dass es weiblich ist, also »sie« und »ihr«.
Ihr Haar ist lockig. Wie es wohl gewaschen aussieht? Ihre blasse, haarlose Haut ist mit winzigen dunklen Flecken überzogen (Sommersprossen nennt man das in ihrer Sprache). Ihre Kleidung gleicht der der anderen Bewohner aus der Erdzone: eine Hose aus derbem Stoff, oben herum ein dick wattiertes Kleidungsstück in einem helleren Ton und an den Füßen große Schuhe, die mit verschlungenen Schnüren zugebunden sind.
Ihr Gesicht ist schmutzig und tränenüberströmt, ihre Augen sind feucht und gerötet. Sie hat geweint (das ist normal, das tun Menschen andauernd), obwohl die atomare Auto-Medikamentierung ihre kognitiven Funktionen zum Großteil lahmgelegt hat …
(Moment mal. Klingt das zu kompliziert? Philip meint, ich soll lieber schreiben: »Ihr Gehirn funktioniert nur noch langsam, weil sie Medikamente bekommen hat.« Und das trifft es auch, so gut wie. Entscheidet selbst.)
Dennoch funkeln ihre Augen voller Leben. Vielleicht ist die Dosis nicht richtig berechnet worden oder ihr Körper ist in der Lage, die Wirkung der Medikamente abzuschwächen.
Jedenfalls sieht sie mich an. Und ich bin erstaunt, wie ausdrucksstark so ein menschliches Gesicht sein kann.
Als sie die Hand auf die Brust legt, glaube ich für einen Moment, dass sie die Geste der Herzler macht, aber natürlich tut sie das nicht.
Sie blickt mich eindringlich an und sagt: »Ta-mii.«
Mehr nicht, bloß diese beiden Silben.
Und wieder: »Ta-mii.«
Rasch vergewissere ich mich, dass mich niemand beobachtet, halte meinen PM hoch und filme. Mit den Exponaten zu kommunizieren, ist zwar nicht ausdrücklich verboten, aber man wird auch nicht dazu ermuntert.
Ta-mii. Ist das ihr Name?
Ich wiederhole die Silben, obwohl ich mich mit den Lauten schwertue.
»Ta-mii«, sage ich.
Sie nickt und verzieht das Gesicht, als wollte sie lachen und gleichzeitig weinen. Ich begreife nicht, warum. Menschen sind seltsame Wesen.
Wie sie lege auch ich eine Hand aufs Herz und sage meinen Namen. Das Menschenmädchen versucht, ihn zu wiederholen, aber es klingt kein bisschen nach meinem Namen. Beim nächsten Versuch geht es schon etwas besser. Ich probiere ein wenig hin und her und spreche meinen Namen dann so aus, dass sie ihn vielleicht wiederholen kann.
»Helly-ann«, sage ich und ihr Mund verformt sich ganz langsam zu einem Lächeln.
Sie blinzelt ein paarmal und spricht mir nach. Unwillkürlich muss auch ich lächeln.
Dann blickt sie wieder ernst und sie sagt zwei weitere Silben: »Ii-sen.«
Plötzlich ertönt aus dem Lautsprecher über mir eine Stimme: »Ihre Zeit ist um. Gehen Sie weiter. Hinter Ihnen hat sich eine Schlange gebildet, auch andere wollen das neue Exponat besichtigen. Beanspruchen Sie nicht mehr als die Ihnen zustehende Zeit. Der Nächste.«
Das Menschenmädchen sieht mir nach, dann zieht es sich in die hinterste Ecke seines Geheges zurück und setzt sich auf den Boden. Da rücken auch schon zwei neue Besucher an.
»Ta-mii«, sage ich vor mich hin, während ich an dem HM vorbeigehe, der am Rand des Ausstellungsraums steht.
»Das ist Ihr drittes Mal hier, wenn ich mich recht erinnere«, sagt der HM. »Und dann kommunizieren Sie auch noch mit den Exponaten? Ich behalte Sie im Auge.«
Natürlich sagt er das nicht laut. Das braucht er auch gar nicht, sein scharfer Blick genügt.
So läuft das bei uns. Alle halten sich an die Regeln. Keiner tanzt aus der Reihe.
Auf dem Weg zu meinem Podhaus muss ich mich zusammenreißen, um nicht weinend zusammenzubrechen. Die Leute hier weinen nicht, und lachen tun sie übrigens auch nicht.
Stattdessen wiederhole ich in Gedanken immer wieder ihren Namen: Ta-mii. Ta-mii. Ta-mii.
Zu Hause spiele ich den Teil der Aufnahme ab, die ich von dem Menschenmädchen gemacht habe, als es seinen Namen und diese anderen Laute von sich gegeben hat.
Was ist denn Ii-sen? Das hat sie doch gesagt: Ii-sen.
Vielleicht finde ich es irgendwann heraus.
Denn ich werde Ta-mii zur Erde zurückbringen.
Das wird gefährlich. Wenn ich scheitere, werde ich für den Rest meines Lebens in Tiefschlaf versetzt.
Und wenn es mir gelingt? Dann werde ich es wahrscheinlich fürs nächste Exponat wieder tun müssen.
Das ist der Fluch, wenn man Gefühle hat.
ETHAN
2. Kapitel

Meine Zwillingsschwester Tammy wird jetzt schon seit vier Tagen vermisst. Als es an der Tür klingelt, denke ich also erst mal, es ist die Polizei oder wieder irgendein Journalist.
»Ich geh schon«, sage ich zu Mam und Dad.
Gran ist in ihrem Trainingsanzug im Lehnstuhl neben dem Weihnachtsbaum eingeschlafen, ihr Mund steht offen. Die Lichter am Baum sind schon seit Tagen nicht mehr angeknipst worden.
Als ich die Tür öffne, steht da Ignatius Fox-Templeton – Iggy genannt, weil es kürzer ist und nicht so schräg klingt – in Wintermantel, Schiebermütze und Shorts (obwohl draußen Schnee liegt). In einer Hand hält er eine Angel, unter den anderen Arm hat er Suzy geklemmt, sein zahmes Huhn. Überm Rücken trägt er eine große Tasche und sein verrostetes Rad liegt neben ihm auf dem Boden.
Eine Weile sehen wir uns einfach bloß an. Iggy und ich sind keine besten Freunde oder so was. Und zuletzt hatten wir ein ziemlich unangenehmes Erlebnis. Das war Heiligabend, als Tammy verschwunden ist. (Ich hätte seiner Mutter mit dem Klavierdeckel beinahe alle Finger gebrochen. Sie fand’s aber gar nicht so schlimm.)
»Ich, ähm … ich dachte … ob du vielleicht, na ja, ob du … ähm …« So ist Iggy normalerweise gar nicht, aber er ist ohnehin nicht im normalen Sinn normal, und überhaupt ist im Moment gar nichts normal.
»Wer ist es denn?«, ruft Mam matt.
»Schon gut, Mam. Ist nichts!«, rufe ich zurück.
Mam geht es immer schlechter. Keiner von uns schläft zurzeit gut, aber ich fürchte, dass sie überhaupt nicht schläft. Unter den Augen hat sie blaugraue Ringe, als wäre ihre Wimperntusche verlaufen. Dad hat sich in die Arbeit im Pub gestürzt und Suchtrupps organisiert, aber allmählich gehen auch ihm die Projekte aus. Alle sind so versessen darauf, uns zu helfen, dass für uns am Ende nichts anderes übrig bleibt, als untätig rumzusitzen und vor lauter Sorge ganz verrückt zu werden. Sandra, die bei der Polizei für Familien wie unsere zuständig ist, meint, das wäre »zu erwarten gewesen«.
Ich wende mich wieder Iggy zu.
»Was willst du?« So unfreundlich wollte ich gar nicht klingen.
»Hast du … ähm, hast du Lust, angeln zu gehen?«, fragt er fast flüsternd. Seine Augen blinzeln rasch hinter den dicken Brillengläsern.
Falls ihr keine Ahnung habt, wie schräg ich das gerade finde, müsst ihr wissen, dass meine Welt seit Tagen nur noch aus quälenden Sorgen und vielen, vielen Tränen besteht, aus geschäftigen Polizisten und Journalisten, die uns mit Kamera und Notizblock belagern; aus Leuten vom Dorf, die Essen anschleppen, obwohl wir im Pub doch selbst eine riesige Küche haben (in der sich inzwischen zwei Shepherd’s Pies und eine überdimensionale Baisertorte türmen); aus Sandra, Dad und Mam, die das alles gemeinsam mit Gran zu managen versuchen; und auch noch aus Tante Annikka und Onkel Jan, die gestern aus Finnland eingeflogen sind, um … ja, um was eigentlich? Wahrscheinlich um für uns da zu sein.
All das, weil Tammy seit vier Tagen wie vom Erdboden verschluckt ist. Und nichts mehr so ist, wie es war.
Mein erster Gedanke, als Iggy hier so auftaucht und mit mir angeln gehen will, ist also: Hast du sie noch alle?! Aber dann dämmert es mir.
»War das Sandras Idee?«, frage ich. Die Haustür halte ich so weit wie möglich zu, damit die Kälte nicht reinkommt.
Iggy nickt freimütig. Sandra und er kennen sich schon eine ganze Weile. Bei ihm zu Hause ist immer was zu tun für eine Familienverbindungsbeamtin. Das ist die offizielle Bezeichnung für ihren Job.
»Ja, Sandra meinte, vielleicht willst du mal raus. Um auf andere Gedanken zu kommen. Eine kleine Abwechslung und der ganze Mumpitz.«
Mumpitz. Typisch Iggy. Er hat keinen besonders ausgeprägten Dialekt, wie die anderen hier, wobei er auch nicht sonderlich gehoben spricht. Mir kommt es vor, als könnte er sich nicht entscheiden, wie er klingen will, und benutzt deshalb seltsame Wörter als Lückenbüßer.
»Da bin ich also!« Iggy hält seine Angel hoch. »Besser gesagt, da sind wir also.« Mit dem Kinn deutet er auf Suzy.
Ich weiß nicht so richtig, was ich von Iggy halten soll. Dad kann ihn nicht leiden, denn kurz nachdem wir hergezogen sind, hat er Iggy dabei erwischt, wie er aus unserem Lagerhaus eine Tüte Chips geklaut hat. Daraufhin meinte seine Mutter, das Lagerhaus sollte eben abgeschlossen sein, deshalb ist Dad auch nicht sonderlich gut auf Iggys Mutter zu sprechen. Sie hält Bienen. Und hat sich von Iggys Vater scheiden lassen, glaube ich zumindest.
Trotzdem muss ich zugeben, es ist irgendwie nett von Iggy vorbeizukommen, auch wenn es nicht seine Idee war. Wobei ich nicht sonderlich gern angle …
Suzy reckt mir den Kopf entgegen, damit ich sie kraule. Gehorsam versenke ich die Finger tief in ihrem weichen Gefieder. Ehrlich gesagt, die Sache mit Suzy ist mir ebenfalls suspekt. Wer bitte schön hält sich schon ein Huhn als Haustier?
Während ich Suzy noch am Hals kraule, überlege ich: Was soll schon groß schiefgehen?
Also stecke ich den Kopf ins Wohnzimmer, um mich abzumelden. Dad ist zum Telefonieren in die Küche gegangen und Mam starrt stumpf zum Fernseher, der gar nicht läuft. Gran schnarcht ein bisschen. Im Zimmer ist es viel zu heiß, die Asche im Holzofen glüht weiß und hellrot.
»Ich geh mal ’ne Weile raus, Mam«, sage ich. »Bisschen frische Luft schnappen.«
Sie nickt, aber ich weiß nicht, ob sie mir überhaupt zugehört hat. In Gedanken ist sie die ganze Zeit bei Tammy.
Tammy, meiner Zwillingsschwester, die wie vom Erdboden verschluckt ist.
3. Kapitel

Das Absperrband ist noch da: POLIZEIABSPERRUNG. BETRETEN VERBOTEN. Es ist quer über den Weg gespannt, wo Tammys Fahrrad lag, aber die Polizei hat den Waldweg und den schmalen Uferstreifen schon ein Dutzend Mal abgesucht. Jetzt ist keiner mehr da. Ich bin seit Heiligabend nicht mehr hier gewesen, und als wir uns der Stelle nähern, schnürt sich mir die Kehle zusammen.
»Kommst du klar?«, fragt Iggy. »Tut mir leid, daran hab ich gar nicht gedacht … der See und so …«
»Schon okay.« Man könnte auch noch anders ans Wasser kommen, aber das wäre von hier ein Umweg.
Wir lassen unsere Räder oben im Wald und steigen die steile Uferböschung hinab. Dabei denke ich unentwegt: Da ist Tammy vielleicht auch gelaufen …
Schließlich gelangen wir an den schmalen Uferstreifen. Iggy redet pausenlos von einem riesigen Hecht, der sich in der Nähe des Wehrs herumtreiben soll, wo sich das überschüssige Wasser aus dem Stausee sammelt.
»Wenn es draußen richtig kalt ist, zieht es die Hechte in flachere Gewässer … Mit einem Laserköder lässt der sich hundertpro anlocken … die Angelschnur hat eine Tragkraft von 40 Kilo …«
Genauso gut könnte Iggy in einer Fremdsprache mit mir reden, aber ich mache mit, weil ich einfach nur froh bin, mal an was anderes als an Tammy zu denken.
Obwohl es mitten am Nachmittag ist, wird es schon dunkel. Weit und still liegt Kielder Water vor uns – in der Dämmerung hat der See eine tieflila Farbe angenommen. Mir verschlägt es den Atem. »Wow«, raune ich leise.
Iggy stellt sich neben mich und blickt übers Wasser.
»Glaubst du, dass sie noch am Leben ist, Tait?«
Puh! Wie kann er bloß so direkt sein? Im ersten Moment ärgere ich mich, aber dann wird mir klar, dass er im Grunde das fragt, was alle gern fragen würden. Nur schleichen die anderen wie die Katze um den heißen Brei herum oder schweigen aus Angst, das Falsche zu sagen.
Ich seufze. Diese Frage hat mir bisher noch keiner gestellt, deshalb bin ich überrascht, wie überzeugt ich bin. »Ja. Das spür ich genau. Hier.« Ich greife mir an die Brust. »Wir sind doch Zwillinge.«
Iggy schiebt die Unterlippe vor und nickt bedächtig, als würde er es verstehen, aber das kann bloß ein Zwilling.
»Psst«, mache ich. »Sei mal still.«
Ich hoffe darauf, dass ich wieder dieses Heulen höre, so wie an dem Abend, als Tammy verschwand. Doch die einzigen Geräusche kommen von den winzigen Wellen, die alle paar Sekunden ans Ufer schwappen, und von dem leuchtend orangen Kanu, das rhythmisch gegen den weit in den See hineinragenden Holzsteg rumst.
Als wir auf den Steg treten, ächzen die alten Planken unter unserem Gewicht. Iggy packt seine Anglertasche aus.
Ich glaube, das letzte Mal war ich mit Tammy auf dem Steg. Zum Steinweitwurf. Im Grunde geht es dabei nur darum, wer den Stein am weitesten in den See werfen kann. Aber wir haben natürlich Regeln: nur gleich große Steine, fünf Runden zum Sieg und so weiter. Dummerweise gewinnt Tammy fast immer. Im Werfen ist sie richtig gut.
Iggy brabbelt unbeirrt vor sich hin …
»So. Da haben wir also zwei achtfach geflochtene Angelschnüre, je 100 Meter lang mit Stahldrahtverstärkung … vier Drillingshaken, zehn Zentimeter lang … eine kurze Rute und meine gute alte Hechtrolle, dazu einen Johnson-Laserköder.«
Iggy, dessen Schulnoten man als schwankend bezeichnen könnte, hätte in Anglerlatein sicher eine Eins plus! Dann zieht er noch ein kleines Päckchen aus der Tasche. Er öffnet die Plastikfolie und hält mir den Inhalt unter die Nase. Bei dem Gestank wird mir kotzübel.
»Was ist …?«
»Hühnchen. Habe ich im Mülleimer hinterm Pub gefunden.« Und schnell schiebt er noch nach: »Ist ja nicht geklaut, wenn’s im Müll lag!«
Während er auf dem Steg kniet und seine vierteilige Steckrute montiert, geht er noch mal alles mit mir durch, obwohl er es mir schon unterwegs erklärt hat.
»Die Hähnchenbrust ist der Köder. Wir fahren etwa dreißig Meter raus und werfen ihn mit der Boje ins Wasser.« Iggy zeigt auf eine rote fußballgroße Boje im Kanu. »Der Köder darf nicht zu tief sinken. Deshalb hängt er an der Bojenleine und der Angel. Wir paddeln ans Ufer zurück und warten. Der Hecht kommt, wittert das köstliche Fleisch …« Iggy macht es vor, kneift die Augen zusammen und zieht die Nase kraus. »Und kann einfach nicht widerstehen! Bäm! Er schnappt zu und hängt am Haken. Wir sehen die Boje auf und ab hüpfen, ziehen ihn an Land, wo du schon das Handy bereithältst, um Fotos zu machen. Dann lassen wir ihn wieder frei und radeln zurück zu Ruhm und Reichtum, ein Foto im Hexam Courant springt allemal dabei raus!«
Wird schon schiefgehen, rede ich mir ein, als wir das Kanu beladen. Beim Einsteigen schwappt mir das eiskalte Wasser in die Turnschuhe, das sich im Boot angesammelt hat. Suzy folgt uns, ich könnte wetten, dass sie mir einen seltsamen Blick zuwirft. Nachdem sie einmal kurz am vergammelten Hähnchen gerochen hat, nimmt sie Abstand und lässt sich am anderen Ende des Kanus nieder.
Zu Mam habe ich nicht gesagt, dass wir aufs Wasser wollen, denn bis eben wusste ich es ja selbst nicht. Ich habe also ein reines Gewissen. Aber trotzdem …
»Iggy? Haben wir … ähm, zufällig Rettungswesten dabei?« Ich komme mir blöd vor, erst recht, als Iggy mich voller Verachtung anschaut. »Vergiss es«, schiebe ich schnell nach. »Ich kann ja schwimmen.«
Wir machen das Kanu los und paddeln schweigend auf den See hinaus.
Irgendwie ist mir übel, vielleicht von der Schaukelei. Oder von dem toten Huhn. Der Gestank klebt mir an den Händen, seit ich es gerade mitsamt der Boje über Bord geworfen habe.
Als ich mich vorbeuge, um mir die Hände im eiskalten Wasser zu waschen, schrecke ich mit einem Aufschrei zurück. Das Kanu schwankt.
»Hey! Pass doch auf!«, ruft Iggy empört.
Habe ich mir das nur eingebildet? Ja, bestimmt.
Ich beuge mich noch mal vor. Es ist bloß ein Baumstamm. Einer der Äste sieht aus wie ein Arm. Und in meiner Fantasie wurde daraus ein Körper, der im Wasser treibt, natürlich dachte ich sofort an Tammy. Aber sie ist es nicht. Nur ein Baumstamm unter Wasser.
»Wollen wir umkehren?« Ich gebe mir Mühe, ganz locker zu klingen.
Wir paddeln zurück, die schwere Leine hängt im Wasser.
Dann warten wir auf dem Steg. Und warten. Ich schaue nach oben, der Himmel ist schon ganz dunkel, ich sollte nach Hause gehen.
Ein Blick aufs Handy sagt mir, dass wir bereits über eine Stunde hier sind. Mir ist echt langweilig, außerdem friere ich und mir sitzt noch der Schreck in den Knochen von dem Etwas, das sich am Ende bloß als Baumstamm entpuppte.
Und dann bewegt sich die Boje plötzlich.
»Hast du das gesehen …«
»Ja.«
Wir springen auf und schauen hinüber zur Boje, die wieder ruhig im Wasser liegt, aber winzige Wellen breiten sich in alle Richtungen aus.
»Was meinst du?«, frage ich. Iggy zieht sich bloß die Mütze vom Kopf und fährt sich nachdenklich durchs rote Zottelhaar.
Ein paar Minuten lang rühren wir uns nicht, dann sagt er: »Wir gucken mal nach«, und macht sich daran, die Leine einzuholen. »Vielleicht hat sich was anderes den Köder geschnappt oder er ist abgefallen. Mist!« Die Leine hängt fest. »Könnte sich im Schilf verfangen haben oder an einem Stamm.«
Je stärker Iggy zieht, desto weniger tut sich. »Komm«, stöhnt er und steigt ins Kanu, »wir müssen die Leine freikriegen.«
»Wir?«, murmele ich, steige aber trotzdem ein.
Iggy pfeift Suzy wie einen Hund zu sich. Gehorsam hüpft sie zu uns ins Kanu. Dann setzt sich Iggy die Mütze auf, schiebt sich die Brille hoch und wir paddeln zur tanzenden Boje zurück.
Bevor wir da ankommen, gibt es auf einmal diese riesige Fontäne. So gigantisch, als hätte jemand von der anderen Seite des Stausees aus großer Höhe ein Auto ins Wasser geschleudert.
Natürlich ist es kein Auto. Und genauso wenig glaube ich in dem Moment, dass es ein unsichtbares Ufo ist. Ich bin ja nicht verrückt geworden.
Aber es wird sich herausstellen, dass es genau das ist.
4. Kapitel

Ein paar Sekunden später schießt eine zweite, etwas kleinere Fontäne in die Höhe, aber sie ist immer noch gewaltig. Im Licht des aufgehenden Mondes glitzern unzählige herabfallende Wassertropfen. Kurz darauf folgt eine dritte, dann eine vierte Fontäne, jedes Mal ein Stückchen näher, als würde ein riesiger unsichtbarer Stein auf der Wasseroberfläche zu uns herüberspringen. Die fünft e Fontäne schießt nur noch wenige Meter vor uns hoch und bringt das Kanu heftig ins Schwanken.
»Was ist da los?«, rufe ich mit schriller Stimme.
Dann trifft uns das Spritzwasser und wir ducken uns schutzsuchend ins wild schaukelnde Boot. Auch wenn ich nichts sehe, spüre ich, dass etwas knapp über unsere Köpfe hinwegfegt. Suzy kreischt alarmiert auf.
»Was ist das?«, brülle ich.
Iggy reagiert nicht.
Als ich den Kopf hebe, schießt die sechste Fontäne jenseits des Kanus hoch. Die siebte ist schon viel kleiner. Was auch immer das ist, es verliert an Kraft. Mit der achten Fontäne schwappt eine Wasserwelle über den Steg und dann … ist da nichts mehr. Nur noch der dunkle Himmel, der lila See und der schwarz-grüne Wald ringsherum …
… und Stille, die lediglich von den kleinen kräuseligen Wellen durchbrochen wird, die gegen das Kanu klatschen.
Schließlich richtet Iggy sich auf. »Mein Gott! Hast du das gesehen?« Aber weil ich nicht weiß, was überhaupt, bewege ich bloß wortlos die Lippen.
Jetzt ist nichts mehr auszumachen. Was immer diese Fontänen verursacht hat, muss etwa zehn Meter vorm Ufer gesunken sein, da wo das Wasser flacher und klarer ist.
Gemeinsam paddeln Iggy und ich zu der Stelle. Ob wir in der Dunkelheit was erkennen werden? Vielleicht wenn wir mit einer Lampe ins Wasser leuchten?
Als wir uns nähern, habe ich so ein Surren im Ohr. Wir ziehen die Paddel ein und lassen uns treiben. Ich lausche.
»Hör mal«, zische ich. »Das ist es! Das Geräusch habe ich auch gehört, als Tammy verschwunden ist.«
Da ist es wieder. Ein tiefes, kaum vernehmbares Surren, wie bei einer Biene hinter einer Fensterscheibe.
Mir kommt die Wasseroberfläche vorm Steg irgendwie anders vor, so seltsam glatt, als läge eine große Glasscheibe darüber. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein, im Licht des Halbmonds ist das nicht gut zu erkennen.
Langsam treibt das Kanu auf die Stelle zu. Auf einmal stoßen wir mit der Spitze irgendwo gegen. Im ersten Moment denke ich, es ist wieder ein Baumstamm, doch ich sehe keinen. Nicht mal einen Felsen. Ich schnappe mir das Paddel und ziehe es durchs Wasser, aber es gibt nur wieder einen Rums und wir kommen nicht weiter. Etwas ist uns im Weg. Dem Geräusch nach zu urteilen, ragt das Ding vor uns aus dem See, aber das ist eigentlich unmöglich, denn es ist nichts zu sehen, bloß Luft.
»Was ist das? Warum kommen wir nicht weiter, Tait? Wo stoßen wir gegen?«
Als das Kanu zum dritten Mal gegen das Nichts prallt, ändere ich die Richtung und paddle außen um dieses Dreieck aus glattem Wasser herum. Kurz vorm Ufer bremse ich ab.
»Gib mir mal den Laserköder«, sagt Iggy.
Vorsichtig, um nicht in die scharfen Haken zu greifen, nimmt er mir das spitze Ding ab und drückt den winzigen Knopf, mit dem man das Blinklicht einschaltet, das die Fische anlocken soll. Dann richtet er den Strahl vor uns auf das unsichtbare Ding.
»Ich glaub’s nicht. Sieh dir das an!«
Das grüne Licht strahlt auf den See hinaus, wird aber nach links abgelenkt und beschreibt eine Kurve, bevor es weiter geradeaus leuchtet. Das bleibt auch so, als Iggy den Laserköder hin und her schwenkt, das Licht wird von etwas gebrochen, das wir nicht sehen können.
Im Kanu liegt ein Stein, den werfe ich auf das Ding. Es macht pling. Der Stein springt zurück und landet im Wasser, als hätte ich eine Glasscheibe getroffen. Nur ist da keine Scheibe.
Ich werfe einen weiteren Stein. Wieder dieses Pling. Nun krame ich aus Iggys Anglertasche ein Bleigewicht hervor und schmeiße das, diesmal härter. Gleiches Ergebnis.
Iggy und ich sind schon kurz vorm Durchdrehen. Da wird aus dem Surren auf einmal ein Brummen, das Wasser wird aufgewirbelt und das unsichtbare Etwas bewegt sich auf unser Kanu zu.
»Schnell weg!«, brüllt Iggy.
Als wir beide nach demselben Paddel greifen, kentert das Kanu. In einer einzigen Bewegung werden Iggy und ich ins dunkle Wasser gekippt. Nicht mal mehr schreien können wir.
Die Kälte spüre ich nicht sofort, doch als ich untergehe, schlucke ich Wasser. Prustend tauche ich wieder auf, die schweren Klamotten ziehen mich hinab. Nur mit Mühe und Not kann ich den Kopf über Wasser halten. Da erst trifft mich die Kälte, sie raubt mir fast den Atem.
Immer wieder schnappe ich nach Luft und rufe: »Ig-Iggy!«
Wir tragen keine Rettungswesten, denke ich voller Angst.
Neben mir taucht erst ein roter Haarschopf und dann Iggys erschrockenes Gesicht auf.
»Ah … ah … Hier bin ich.« Er hält sich an mir fest. »Los … los, weg hier. Das Dingsbums ko-ko-kommt näher.« Vor Kälte kann er kaum sprechen. Er macht ein paar Züge aufs Ufer zu, hält inne. »W-wo ist Suzy?«
Da rumst es unter dem gekenterten Kanu.
»Suzy!«, schreit Iggy verzweifelt. Und bevor ich einen Ton rausbringe, ist er schon untergetaucht.
Die Sekunden verstreichen, meine Klamotten werden immer schwerer. Ich habe panische Angst.
»Iggy!«, brülle ich und schwimme im Kreis. »Iiiiiggyyyy!«
Da taucht Iggy endlich neben dem Kanu auf, mit ihm die verstörte Suzy. Ihr braunrotes Federkleid ist triefnass.
Ich bin näher am Steg als Iggy und mir fällt das Schwimmen auch leichter, denn ich habe ja nicht noch ein Huhn im Schlepptau. Schwerfällig hieve ich mich die glitschige Eisenleiter hoch. Als ich zurückschaue, sehe ich, dass das seltsame durchsichtige Etwas Iggy fast erreicht hat.
Iggy ist bloß noch fünfzehn Meter vom Steg entfernt. Ihm steht das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als er merkt, was vor sich geht.
»Schwimm, Iggy. Schwimm! Dreh dich nicht um. Schwimm einfach!«, brülle ich aus Leibeskräften.
Er dreht sich trotzdem um und erstarrt für einen Moment vor Schreck. Dann beginnt er mit seinem freien Arm, wild um sich zu schlagen, die Beine strampeln hilflos, Suzys Kopf hält er weiterhin über Wasser.
»Los, Iggy! Das schaffst du!«
Noch zehn Meter. Fünf. Wieder höre ich das Surren. Das Ding bewegt sich übers Wasser und kommt mit jedem Zug, den Iggy macht, näher. Ich lege mich flach auf den Stegboden und strecke ihm die Hand hin.
»Du schaffst es! Komm!«
Dann schreit Iggy auf, lässt Suzy los und verschwindet unter der schwarzen Wasseroberfläche.
5. Kapitel

Kurz darauf taucht Iggy wieder auf und kreischt: »Es … es … hat … hat …« Anscheinend kämpft er mit irgendetwas im Wasser, als würde er mit den Beinen festhängen.
Wie durch ein Wunder hat er noch immer seine Brille auf dem Kopf. Er schnappt sich Suzy und rudert einarmig zum Steg. Ich ziehe ihn rauf.
»Mein … mein Bein«, stöhnt er. »Mich hat’s … erwischt.«
Iggys Fahrradlicht liegt noch auf dem Steg. Ich hole es, und als der Strahl sein Bein trifft, weiche ich entsetzt zurück.
»Ist … ist es sehr schlimm?«, fragt er.
Ich nicke. Der Drillingshaken steckt tief in seiner Wade und hat durch das Strampeln schon ein großes Stück Fleisch rausgerissen. Iggy muss sich beim Schwimmen in seiner Angelschnur verfangen haben, die ihn jetzt wie einen Fisch am Haken hat. Ein rotes Rinnsal aus Blut und Wasser strömt zurück in den See. Als Iggy sich ans Bein fasst, stöhnt er erneut auf.
»Ruf meine Mutter an«, krächzt er.
»Klar, mach ich. Halte durch. Alles wird gut.«
Ich zerre mein Handy aus der klitschnassen Jeans.
So schlimm ist es auch wieder nicht, sage ich mir. Iggy wird schon nicht gleich hier auf dem Steg verbluten.
Ich versuche, das Handy einzuschalten. Nichts.
Handys und Wasser sind keine gute Kombi. Ich probiere es wieder und wieder.
»Wo ist denn deins?«, frage ich Iggy.
Sein Atem geht schnell und stoßweise. »Meine Mumeine Mutter hat es einkassiert.«
Das glaube ich jetzt nicht.
In meiner Verzweiflung springe ich auf und brülle: »Hilfe! Hilfe!« Iggy liegt flach auf dem Steg, er keucht und ächzt.
»Hört … hört dich ja doch keiner«, presst er hervor und stöhnt vor Schmerz auf.
»Ich renn hoch zum Weg. Wenn ein Wagen vorbeikommt, halte ich den an. Du wartest hier.«
Was denke ich mir bloß dabei? Da fährt doch nie einer lang, höchstens alle Jubeljahre mal ein Waldarbeiter. Kann ich in meiner Panik nicht mehr klar denken? Als ich halb die Böschung hoch bin, wird mir klar, dass ich einen Verletzten, triefnass und unterkühlt, ganz allein in der Dunkelheit zurückgelassen habe. Total daneben.
Nur kurz hüpfe ich unschlüssig von einem Bein aufs andere, dann kehre ich um und renne zurück zum Ufer. Ich sehe Iggy da unten am Steg liegen, genau wie ich ihn verlassen habe. Doch plötzlich … Ich bleibe stehen und schnappe nach Luft.
Aus dem Nichts ist noch jemand aufgetaucht.
Ich weiß, wie verrückt das klingt, wie nach einem Zaubertrick oder einem Spezialeffekt. Zuerst liegt da bloß Iggy. Und im nächsten Moment … steht da eine Gestalt vor ihm. Woher soll die denn gekommen sein? Es gibt doch nur diesen einen Weg zum Steg.
Als ich unten angelangt bin, höre ich diesen Jemand sprechen. Er oder sie steht mit dem Rücken zu mir und hat mich noch nicht bemerkt, auch Iggy scheint mich noch nicht gesehen zu haben. Na ja, er friert und blutet sich ja halb zu Tode, da hat er andere Sorgen. Immer noch flach atmend liegt er da, den Kopf Richtung See gewandt. Die Person gibt erst eigenartige quiekende Laute von sich. Dann kann ich auf einmal Worte ausmachen.
»Ich habe dich gehört. Ich helfe dir.«
Iggy fährt herum und weicht sofort erschrocken zurück, dabei glitscht er in seinem eigenen Blut aus.
Ich eile ihm zu Hilfe, vorbei an dieser Person, die einen zotteligen Pelzmantel zu tragen scheint. Mehr nehme ich im ersten Moment nicht wahr, denn ich habe nur Augen für Iggy.
»Alles okay?«, frage ich. »Tut mir leid, dass ich dich allein gelassen habe. Aber nun ist ja jemand da, der uns helfen kann, gut, was?« Iggy schielt durch die verschmierten Brillengläser an mir vorbei zu der Gestalt hinter mir. Keine Ahnung, warum er so panisch aussieht.
»Tai-Tait. Was … was …?« Iggy bekommt kaum einen Ton raus.
Seine Augen sind noch immer auf die fremde Person geheftet, also drehe ich mich um. Was ich da sehe, ist so schrecklich, dass ich nach hinten stolpere und der Länge nach hinfalle. Panisch krabble ich rückwärts bis ans Ende des Stegs. Ich kann den Blick nicht abwenden und will doch nur so schnell wie möglich weg.
Iggy verrenkt sich fast den Hals nach mir, kann aber nicht so rasch weg wie ich und liegt da, keuchend vor Angst.
Das Wesen hat eine schimmernde silberne Mähne und ein Gesicht. Ein menschliches Gesicht. Oder zumindest menschenähnlich. Es ist geformt wie ein Gesicht, nur ist es behaart, mit weit auseinanderstehenden blassen Augen und einer riesigen Nase, die wie bei einem Hamster zuckt.
Wäre ich noch ein bisschen jünger, hätte ich mir jetzt glatt in die Hose gemacht, solche Angst habe ich. Aber das tue ich zum Glück nicht.
Irgendwie ähnelt das Wesen einem Menschen. Es hat zum Beispiel zwei Arme und zwei Beine. Abgesehen von der langen Mähne auf dem Kopf ist der übrige Körper mit einem hellen gräulichen Flaum überzogen, wie aufgeplustert. Hinten hat es einen langen Schwanz, der sich geschmeidig wie der einer Katze bewegt. Also beides: Es ist irgendwie menschlich und irgendwie ganz und gar nicht menschlich.
Es sieht mich eine Weile mit seinen großen Augen an, bevor es sich zum Wald umdreht, die Nase in die Höhe reckt und schnuppert. Dann wendet es sich wieder um und macht einen Schritt auf uns zu. Als Iggy und ich uns wegducken, bleibt es stehen und schnüffelt erneut. Schließlich schüttelt es sich so heftig, dass sein Fell in Bewegung gerät. Es zieht die Oberlippe zurück und ein paar lange gelbe Zähne kommen zum Vorschein.
Jemand wimmert. Im ersten Moment merke ich nicht mal, dass ich das bin.
6. Kapitel

Iggy findet als Erster die Fassung wieder. »Wer … wer bist du?
Was willst du? Bitte, tu mir nicht weh.«
Wortlos schreitet das Wesen zu uns und wir weichen weiter von ihm ab, bis wir am Ende des Stegs angelangt sind. Von da geht es jetzt bloß noch in den See. Sogar Suzy hat den Rückzug angetreten, nachdem sie sich das Wasser aus dem Gefieder geschüttelt hat.
Das Wesen beugt sich vor, sodass es mit dem Kopf nicht mehr als eine Armlänge entfernt ist. Erst schnüffelt es und dann grunzt und quiekt es wieder, bevor es sagt: »Du hassst dirrr ja schon selbssst wehgetan.«
Seine Stimme klingt eigenartig, schrill und kehlig zugleich. Das Etwas spricht scharf und überdeutlich wie die alte Sheila aus dem Dorf. Vielleicht hat es die Sprache erst neu erlernt. Mit seinem dünnen, haarigen Finger zeigt es auf Iggys Wunde.
Iggy bringt vor lauter Angst keinen Ton heraus.
»Sssoll ich helfen?«, fragt es nach kurzem Schnüffeln und Quieken.
Sein Atem ist wie bei einem Hund, sauer und ein bisschen fischig. Von Zeit zu Zeit leckt es sich die Lippen mit einer langen grauen Zunge.
Es will uns helfen? Das bezweifle ich. Ich überlege, ob ich aufspringen, es ins Wasser stoßen und dann hoch zu den Rädern stürmen sollte … Nur ist Iggy nicht in der Verfassung wegzurennen. Ich müsste ihn dann diesem … Geschöpf überlassen. Das würde er mir niemals antun, ganz sicher nicht.
Iggy blickt das Wesen fest an und nickt.
Wir zucken zusammen, als das Geschöpf beide Hände hebt, um eine Tasche vom Rücken zu nehmen, einen kleinen Rucksack.
Das ist also mit Tammy passiert, schießt es mir durch den Kopf. Jetzt sitzen wir in der Falle. Das ist kein Monster, sondern ein Mensch. Ein Verrückter in einer schrägen Verkleidung, gleich zieht er ein Messer oder eine Knarre …
Ich sehe ganz genau hin. Wenn das ein Kostüm ist, wo sind dann die Nähte? Gibt es da irgendwo einen Reißverschluss? Die Nase ist doch nie im Leben echt! Im Fernsehen habe ich schon mal gesehen, wie Visagisten solche künstlichen Teile aus Latex ankleben. Bloß führt jemand, der hier im Dunkeln so rumläuft, doch nichts Gutes im Schilde. Zu Halloween wär’s okay, aber das ist ja schon zwei Monate her.
Langsam zieht das Wesen einen Stock oder etwas Stockähnliches aus dem Rucksack, eine Art Besenstiel, glatt und dunkel, ungefähr dreißig Zentimeter lang. Es hält ihn in der Faust und betrachtet ihn, während Iggy und ich vor Kälte und blanker Angst schlottern. Iggy nimmt meine Hand, ich drücke seine. Wenn ich schon sterben muss, dann nicht allein.
»Vielleicht funktioniert es, vielleicht nicht«, sagt der Kostümierte (inzwischen bin ich überzeugt, dass sich da jemand verkleidet hat). »Unsere Zellstrrruktur ist fast identisch. Strrreck dein Bein ausss.«
Iggy weicht zurück, zieht das Bein zu sich heran.
»Dasss tut nicht weh.« Das Wesen wartet. »Losss jetzt!«
Langsam wie eine Schildkröte, die unter ihrem Panzer hervorkommt, streckt Iggy das blutige Bein aus. Er wimmert ängstlich.
Ein heiseres Schnüffeln ist zu hören, dann: »Licht!«
Das Etwas sieht mich an.
Ich greife nach der Fahrradlampe. In Iggys Wade klafft nicht nur eine lange Wunde, der Haken steckt auch noch tief im Fleisch. Blut rinnt auf den Steg.
Das Wesen kommt näher und schwenkt den Stock über Iggys Bein. Vor unseren Augen kommt die Blutung zum Stillstand und die Wunde schließt sich. Der Drillingshaken mit der Angelschnur wird von dem heilenden Fleisch herausgeschoben und landet mit einem Plumps auf den Planken. Die Kruste wird erst braun, dann schwarz, alles innerhalb von etwa dreißig Sekunden. Zum Schluss verstaut das Wesen den Stock wieder im Rucksack und schnippt mit seinem langen Finger die Kruste weg. Darunter kommt frische rosa Haut zum Vorschein.
Als es sich aufrichtet, schaue ich mir seine bloßen Füße an. Sie sind haarig, garantiert keine künstlichen Überzieher. Er – oder sie? – ist zierlich, nicht winzig, aber auch nicht so groß wie ich. Das Wesen läuft nicht gekrümmt und ist auch sonst nicht so gruselig wie Gollum aus Der Herr der Ringe, gar nicht. Und obwohl es splitternackt ist, scheint es sich nicht zu schämen.
Ohne den Blick von dem Geschöpf zu nehmen, sagt Iggy zu mir: »Das ist ein Mädchen.«
»Woher weißt du das?«
»Tss, komm schon, Tait. Keine, ähm … Jungsteile.«
War mir gar nicht aufgefallen, aber er hat recht. Jetzt ist es mir richtig peinlich, es oder besser sie so anzustarren. Ich werde rot.
In der kühlen, windstillen Luft nehme ich ihren Geruch wahr. Verstopftes Abflussrohr? Saure Milch? Ohrenschmalz? All diese Gerüche zusammen ergeben einen satten fauligen Gestank. Und es ist nicht bloß ihr Atem.
»Puh, Iggy. Die stinkt vielleicht!«, flüstere ich.
Iggy hat sich die Mütze abgenommen und hält sie vor die Nase.
»Ich hatte schon dich im Verdacht«, sagt er mit erstickter Stimme.
Langsam rappeln Iggy und ich uns auf, dann stehen wir drei schweigend im Kreis und sind einfach nur baff. Iggy bewegt das frisch verheilte Bein.
Dann setzt er sich mit einem Ruck die Mütze wieder auf und klopft sich zweimal auf die Brust. »Ich, Iggy.«
Die Kreatur blinzelt ein paarmal.
Wetten, dass sie denkt: Was redet der wie ein Schwachkopf?
Trotzdem eifere ich Iggy nach und zeige auf mich: »Ich, Ethan.«
Obwohl sie nicht nach Luft schnappt oder verwundert die Augen aufreißt, spüre ich ihre Überraschung. »Ii-sen?«
»Ja.«
Sie hebt das Kinn und senkt es wieder. Es ist wie ein Nicken, bloß rückwärts. Dann sagt sie so etwas wie »Helly-ann« und schlägt sich auf die Brust.
Iggy wirft mir einen triumphierenden Blick zu. »Siehst du? So heißt sie. Hellyann!«
Doch dann hören wir auf einmal laute Rufe und Hundegebell; zwischen den Bäumen blitzen die Lichtkegel von Taschenlampen auf.
Im haarigen Gesicht der Kreatur steht blanke Angst.
»Sagt nichtsss«, quiekt sie mit ihrer Schnuffelstimme.
»Was?«, fragt Iggy.
»Sagt nichtsss. Sagt nichtsss von mir. Lügt. Darin seid ihr doch so gut.«
»Moment mal«, erwidere ich. »Wer bist du? Und warum sollten wir lügen?«
Das Hundegebell ist schon ganz nah, ein riesiger Schäferhund schießt die Böschung herunter und rast über das steinige Ufer auf uns zu.
»Was hast du denn, Sheba? Hast du was gefunden?«, ruft jemand.
Das Wesen mit dem Namen Hellyann sieht mich mit seinen bleichen Augen durchdringend an.
»Denn sonssst siehst du deine Schwessster nie wieder … Iisen.«
Meine Schwester. Tammy.
Iggy hatte recht. Der Angelausflug hat großartig funktioniert. Ich habe bestimmt eine Stunde lang kaum an Tammy gedacht.
Doch nun stehe ich auf diesem Steg, durchnässt bis auf die Knochen und bibbernd, und der Kummer kehrt mit aller Wucht zurück. Jetzt weiß ich wieder, warum ich hier bin.
7. Kapitel

Ich hasse dich!
Das ist das Letzte, was ich zu Tammy gesagt habe. Es will mir nicht mehr aus dem Kopf, natürlich ist das Gegenteil wahr.
Meine Zwillingsschwester. Meine »andere Hälfte«, sagt Mam immer, und da hat sie recht.
Tamara »Tammy« Tait. Cooler Name, vor allem wegen derselben Anfangsbuchstaben. Tammy Tait. Und seit sie verschwunden ist, ist kaum eine Stunde vergangen, in der ich nicht an sie gedacht habe.
Kaum eine Stunde? Eher keine fünf Minuten. Oder keine fünf Sekunden. Echt zermürbend.
Und wenn ich mal ein paar Minuten nicht an sie gedacht habe, ist es eigentlich noch schlimmer, dann zwinge ich mich, sie mir in Erinnerung zu rufen. Wie sie »Oh, Iii-than!« sagt, wenn sie von mir genervt ist (was oft vorkommt). Oder wie sie, als wir klein waren, mal in der Badewanne gepupst hat und so darüber lachen musste, dass sie sich den Kopf am Wasserhahn angeschlagen hat, woraufhin sie noch heftiger lachen musste, obwohl es blutete.
Irgendwann lande ich dann immer bei den letzten Monaten, der Zeit nach unserem Umzug nach Kielder und dem Wechsel auf die weiterführende Schule. Auf einmal waren wir in unterschiedlichen Klassen. Manche ihrer Freunde kenne ich nicht mal (und zumindest eine Freundin kann mich nicht leiden. Kein Ding, Nadia Kowalski, das beruht auf Gegenseitigkeit).
Bei diesen Gedanken werde ich sofort wieder traurig, wodurch es mir seltsamerweise besser geht, dann habe ich nämlich das Gefühl, es wieder wettgemacht zu haben, dass ich nicht unentwegt an sie denke.
Und wenn ich traurig bin, kommen mir meine letzten Worte wieder in den Sinn: Ich hasse dich.
Mam habe ich nichts davon erzählt. Das würde sie nur fertigmachen, und Mam und Dad sind schon fertig genug. Mal ehrlich, Tammy und ich haben uns viel öfter gesagt, dass wir uns hassen, als dass wir uns lieb haben.
Ist ja auch keine Kunst – dass wir uns lieb haben, haben wir uns eigentlich nie gesagt. Warum auch? Das wäre fast so, als würde man es zu sich selbst sagen.
Trotzdem quält es mich, dass das meine letzten Worte zu ihr waren.
Vier Tage zuvor

8. Kapitel

Heiligabend war oben im Moor Schnee gefallen. Alle haben wohl gehofft, dass sich eine dicke Schneedecke über das Dorf legen würde wie im Bilderbuch, aber Fehlanzeige. So ein Postkartendorf ist Kielder auch gar nicht.
Es ist lang gezogen, mit einer Mischung aus alten und neuen Häusern. Eine nette kleine Dorfstraße mit Bäcker, Metzgerei und einem süßen Tante-Emma-Lädchen sucht man vergebens. Wald, See und Sternwarte sorgen im Sommer zwar für haufenweise Gäste, aber im Winter macht das meiste davon dicht, die Teestuben, der Irrgarten und Mad Mick’s Mental Rentals, der Fahrradverleih. Tammy hat Kielder nur noch Schnarchkaff genannt. Sie meinte mal: »Ich passe nicht hierher. Ich bin ein Stadtmensch.« Dabei war Tynemouth, wo wir vorher gewohnt haben, auch nicht gerade New York.
Immerhin gibt es einen Pub hier, den Mam und Dad jetzt betreiben. Der Stargazer liegt ein wenig zurückgesetzt an der Hauptstraße. Am Ende der kurzen Auffahrt hängt ein Kneipenschild, daneben steht ein riesiger Weihnachtsbaum. Die Fenster schmücken bunte Lichterketten, dazu stehen jede Menge Kerzen herum, schließlich ist Mam halb Dänin und die Dänen sind ganz versessen auf Kerzen.
Ich erinnere mich an den Abend bis ins kleinste Detail, obwohl ich ihn lieber vergessen würde. X-mal bin ich alles durchgegangen, mit den Polizisten, mit Mam, Dad, Gran, mit den Journalisten und vor allem in meinem Kopf – immer wieder und wieder.
Hier kommt der Abend »noch einmal von Anfang an«, wie Miss Swann, unsere Musiklehrerin, gern sagt.
Es war fünf nach sechs. Mam war gerade zum Weihnachtssingen in den Pub hinübergegangen. Dad war auch schon drüben, musste sich aber noch verkleiden. Tammy und ich sollten später dazukommen, nachdem wir den alten Leuten im Dorf Weihnachtsgeschenke von Mam und Dad vorbeigebracht hatten. Sheila, Tommy Natrass, die Bell-Schwestern und ein paar andere sollten eine Flasche Wodka mit einem Kärtchen bekommen: Frohe Weihnachten wünschen Mel und Adam vom Stargazer.
Meine Aufgabe war es gewesen, die Flaschen einzupacken.
Tammy kam mit der Tragetasche nach unten, in die ich die in rotes Geschenkpapier eingeschlagenen und mit einer Schleife verzierten Schachteln gelegt hatte. Da kriegten wir uns in die Haare. Es fing damit an, dass Tammy eine der Schachteln in die Hand nahm und sarkastisch sagte: »Super eingepackt!«
»Ich habe mein Bestes gegeben«, antwortete ich.
Das Geschenkpapier war verknittert, überall klebte Tesafilm und die Schleife war schludrig gebunden. Und nun fiel auch noch das Schildchen ab. Geschenke einzupacken ist auch wirklich nicht leicht.
»Ich habe mein Bestes gegeben, Tammy«, äffte sie mich mit Babystimme nach. »Das sagst du immer! Aber du gibst doch nie dein Bestes, oder? Du tust nur so. Du gibst dir gerade so viel Mühe, dass die Leute dir den Spruch abkaufen. Ach, der arme Ethan. Er hat sich so bemüht. Aber ich weiß, was rauskäme, wenn du dein Bestes geben würdest, Ethan. Ich bin deine Zwillingsschwester, schon vergessen? Deine andere Hälfte. Du machst mir nichts vor. Und du hast dir mal wieder null Mühe gegeben, also laber nicht rum.« Wie zum Beweis schwenkte sie ein weiteres schlampig eingepacktes Geschenk, bis auch da das Schildchen abfiel.
»Wo ist dein Kostüm?«, fragte ich, um abzulenken. Wir hatten abgemacht, dass wir uns diesmal als Weihnachtselfen verkleiden würden. Die Kostüme hatten wir noch von unserer Schulaufführung im letzten Jahr.
Tammy verdrehte die Augen. »Oh Mann, du bist so kindisch, Ethan.«
Wenn sie so mit mir redet, könnte ich ausflippen. Bloß weil sie zehn Minuten älter ist als ich, braucht sie sich nicht so aufzuspielen. Ich sah an mir hinunter: gestreifte Strumpfhose, grüne Jacke mit Schnalle und dazu noch ein spitzer Hut, den ich in der Hand hielt.
»Aber wir waren uns doch einig!« Ich wollte nicht weinerlich klingen, was mir leider nicht gelang.
Tammy trug wie immer Jeans, Turnschuhe und einen dicken Fleece-Pulli. Mode ist einfach nicht ihr Ding. Jetzt zog sie sich noch die wattierte rote Jacke über, ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk von Gran.
»Man kann seine Meinung auch ändern. Ups, gerade passiert! Ich hab keinen Bock, mich zu verkleiden und wie eine Sechsjährige durchs Schnarchkaff zu pilgern. Du kannst das ja gern machen, keiner hindert dich. Siehst toll aus!«
»Ich lauf bestimmt nicht als Einziger verkleidet durch die Gegend. Dann zieh ich mich jetzt um«, fauchte ich und stampfte die Treppe hoch.
»Okay, wir sehen uns bei der alten Sheila. Ich fahr los.«
»Wartest du nicht auf mich?«
»Nein, wir sind eh schon zu spät dran. Tschau.« Tammy öffnete die Haustür und trat in die Kälte. Und da habe ich es ihr nachgerufen:
»Ich hasse dich!«
(Insgeheim hoffe ich, dass sie mich nicht gehört hat, aber das hat sie bestimmt, denn ich habe ziemlich laut gebrüllt und die Tür war noch offen.)
Fünf Minuten später war meine Wut schon wieder verraucht, das alberne Elfenkostüm hatte ich auszogen. Vielleicht hat sie recht, dachte ich. Als Kompromiss zog ich den Weihnachtspulli mit der leuchtend roten Rentiernase an. (Ganz klein beigeben wollte ich nun auch wieder nicht.) Ich schloss die Haustür hinter mir und schwang mich aufs Rad, um Tammy einzuholen.
Kurz darauf fand ich am Waldweg ihr Rad im Gebüsch, Vorder- und Rücklicht erleuchteten den mit Frost überzogenen Boden. Von Tammy keine Spur.
Seither habe ich sie nicht mehr gesehen.
9. Kapitel

Wenn die Leute mitkriegen, dass Tammy und ich Zwillinge sind, heißt es manchmal: »Könnt ihr gegenseitig eure Gedanken lesen?« Weil die Frage so bescheuert ist, spielen wir immer ein bisschen Theater. Ich sage: »Klar. Tammy, an welche Zahl denke ich gerade?« Und ganz egal, welche Zahl Tammy nennt, rufe ich: »Stimmt haargenau!«
Auf jeden Fall fanden wir’s witzig. Manche sind auch tatsächlich drauf reingefallen, so wie Tammys neue Freundin Nadia, aber die glaubt sowieso alles.
Also, nein, wir stehen nicht in telepathischer Verbindung. Doch als ich an dem Abend Tammys Rad am Wegrand sah, wusste ich gleich, dass etwas passiert war. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Sofort hielt ich an. Mir lief es eiskalt den Rücken runter, als hätte mir jemand Eiswürfel in den Halsausschnitt geschüttet.
»Tammy?« Anfangs rief ich noch nicht so laut, weil ich zwar irgendwie wusste, dass was passiert war, aber nicht ganz sicher sein konnte. »Tam?«
Der Mond wurde von einer dicken Wolke verdeckt, und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dunkel es dann in Kielder ist. Das einzige Licht stammte von den Fahrradlampen.
»TAMMY!«, brüllte ich und legte den Kopf schief, um zu horchen. Es ging nur ein leichter Wind, der lautlos zwischen den Bäumen hindurchstrich.
Tammys Rad lag an der Stelle, an der ein überwucherter Pfad die Böschung hinunter zum See und dem kleinen Holzsteg führt. Ich schnappte mir mein Vorderlicht und folgte dem Pfad.
Das macht doch keinen Sinn!, schoss es mir durch den Kopf. Warum sollte sie da runtergehen?
»Tammy! Tam!«, rief ich immerzu.
An dieser Stelle geht es steil bergab und ich stolperte durch die Dunkelheit, bis ich an den kleinen Kiesstrand gelangte. Schwarz wie Tinte lag Kielder Water vor mir. In dem Moment hörte ich dieses Geräusch, dieses Surren – erst tiefer und dann immer höher.
OOOOOOMMMMMMMM ooooooooommmmmmmm. Es erinnerte an ein Flugzeug, war aber garantiert kein Flugzeug. Oder an ein Motorboot, war aber garantiert auch kein Motorboot.
Hier unten am Wasser war der Himmel etwas heller, der wolkenverhangene Mond gab ein wenig graues Licht ab. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich auf den See hinaus, über dem eine seltsame Nebelsäule erschienen war, die bis in den Himmel hinaufragte. Sie stand ein paar Augenblicke in der Luft, bevor der Wind sie davonwehte.
Dazu hing so ein Geruch in der Luft. Ein Gestank nach Schweiß und verstopftem Abfluss, der sich aber auch bald verflüchtigt hatte.
Ob Tammy vielleicht zum Steg gegangen war, um Steine ins Wasser zu werfen? Vielleicht schlug sie mich deshalb immer, weil sie heimlich übte? Natürlich war das eine total bekloppte Idee, aber das kam wahrscheinlich schon von der Panik.
Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich die Böschung wieder hochkletterte. Tammys Rad lag noch an Ort und Stelle.
Wieder rief ich nach ihr und hoffte, dass sie aus dem Wald gestapft kam und irgend so was sagte wie: »Iii-than, was brüllst du denn so? Ich war doch nur kurz pinkeln!«
Aber sie kam nicht und mir wurde klar, dass ich Hilfe holen musste. Ich zog das Handy raus. Kein Empfang. Typisch! Rund um den See ist Niemandsland.
Ich schwang mich aufs Fahrrad und strampelte, so schnell ich konnte, zur alten Sheila. Dabei schrie ich die ganze Zeit nach Tammy, bis ich fast heiser war.
10. Kapitel

So glasklar mir auch alles vor Augen steht, was bis zum Fund des Fahrrads geschah, danach verschwimmen die Erinnerungen.
Unterwegs spielte ich die verschiedenen Gründe durch, warum Tammys Rad verlassen im Wald gelegen haben könnte.
Sie hatte es dort liegen lassen, weil sie lieber zu Fuß weitergegangen war. Nicht sehr wahrscheinlich. So unwahrscheinlich, dass es sofort ausschied.
Sie hatte sich von jemandem im Auto mitnehmen lassen. Auch wieder nicht sehr wahrscheinlich. Warum sollte sie das tun? Und wer sollte sie mitgenommen haben? Da fährt ja kaum jemand lang. Und warum sollte die Person ihr dann anbieten, sie mitzunehmen, aber das Rad dalassen? Und … ach, das war alles totaler Schwachsinn.
Als ich die Brücke über den Bach nahm, war ich überzeugt, dass Tammy etwas Schreckliches zugestoßen sein musste.
Der südliche Teil des Dorfs besteht hauptsächlich aus einer einzigen Straße mit alten Cottages. Vor Sheilas Haus sprang ich vom Rad, ließ es einfach zu Boden fallen und hämmerte an die Tür.
»Schon gut, schon gut!«, kam eine Stimme von drinnen.
Noch bevor die Tür geöffnet wurde, plapperte ich los.
»Ist Tammy da? Haben Sie sie gesehen?«
»Hallo, junger Mann«, sagte Sheila lächelnd, als hätte sie kein Wort von dem verstanden, was ich gesagt hatte.
»Ja oder nein?«, blaffte ich sie an.
Sheila guckte verdattert. »Ja oder nein, was …«
»Haben Sie Tammy gesehen?«, brüllte ich. In meiner Panik hatte ich alle guten Manieren über Bord geworfen.
»Nein, heute noch nicht. Ich dachte …«
»Tschüs!«, rief ich, packte mein Rad und raste ans andere Ende des Dorfs, wo unser Pub lag.
Der Stargazer war hell erleuchtet. Draußen am großen Weihnachtsbaum brannten die Lichterketten, die Tammy und ich letzte Woche mit aufgehängt hatten. Als ich die Auffahrt hochradelte, hörte ich schon den Gesang. Die hatten aber früh mit den Weihnachtsliedern angefangen. Durchs Fenster sah ich Iggys Mutter, Cora Fox-Templeton, die die anderen auf dem alten, verstimmten Klavier begleitete. Iggy stand neben ihr und Suzy saß oben auf dem Klavier, als wollte sie gleich ein Ei legen.
» Hört, die Engelschöre singen: Heil dem neugebor’nen Kind!«
Ich sprang vom Rad und stürzte durch den Vorraum direkt in die Gaststube, wo mir Lärm und Hitze entgegenschlugen.
»Gnad und Friede allen Menschen, die erlöst sind von der Sünd …«
An der Bar brach Jubel aus. Dad rief: »Genau! Wer ist bereit für einen Feuerkelch?«
Das ist einer seiner Barkeeper-Tricks: Auf einem Tablett steht eine Reihe mit Cocktails, und sobald er ein Feuerzeug dranhält, fangen sie zu brennen an. Normalerweise schaue ich dabei gern zu.
Mam hatte das Tablett in die Hand genommen. Ich drängte mich durch die Menge bis zu ihr durch.
»Mam! Mam!«
Verärgert drehte sie sich zu mir um, schüttelte den Kopf und sang weiter.
»Mam! Hör doch mal!«
»Vorsicht! Verbrenn dich nicht!«, raunte sie mir zu. »Okay, wer möchte denn ein Glas? Nicht jetzt, Ethan!«
»Doch, genau jetzt!«, brüllte ich.
Ein paar Leute kriegten es mit, stießen sich an und hörten auf zu singen. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich trat ans Klavier und schlug den Deckel mit Karacho zu. Iggys Mutter schrie auf, konnte aber im allerletzten Moment die Hände wegziehen. Es gab einen lauten Knall, Coras Armreifen klirrten, Suzy sträubte empört das Gefieder. Kurz darauf brach der Gesang ab.
»Ethan? Hast du den Verstand …«, begann Mam und schob sich durch die Leute zu mir. Doch ich nahm keine Notiz von ihr.
Stattdessen wandte ich mich den Leuten im Pub zu. »Tammy ist verschwunden! Ihr Fahrrad liegt im Wald, aber ich kann sie nirgends finden.«
Ein Raunen ging durch den Raum. Jemand, der weiter hinten saß und mich nicht verstanden hatte, fragte: »He! Wo bleibt denn die Musik?« Daraufhin ein anderer: »Schhh!«
Dad, der als Spielzeugsoldat verkleidet war, kam hinter der Theke hervor und hob beschwichtigend die Hände. »Alles gut, alles gut«, sagte er ruhig. »Was ist los, Ethan?«
Also erzählte ich ihm erneut, was passiert war, dass ich nach Tammy gerufen hatte und dass die Lichter an ihrem Rad noch brannten und dass auch die alte Sheila sie nicht gesehen hatte. Alles sprudelte nur so aus mir heraus und Dad musste mich zweimal unterbrechen: »Nicht so schnell, Ethan. Sprich langsamer.«
Dann suchte ich Mams Blick. Ihr war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen, ihre Wangen waren gespenstisch grau.
Zwei Minuten später leerte sich die Bar und die Leute stürmten zu ihren Autos.
»Nimm du den Waldweg, Jack!«
»Ich fahr die North Road entlang. Komm doch mit, Jen.«
»Hatte sie ein Handy dabei?«
»Ist die Polizei schon benachrichtigt?«
»In ’ner halben Stunde treffen wir uns alle wieder hier, einverstanden?«
»Habt ihr meine Nummer? Ruft mich an, wenn ihr sie gefunden habt!«
… und so weiter. Mir kam es vor, als würde das gesamte Dorf in Aktion treten, die Wagen brausten in alle Himmelsrichtungen davon.
Dad koordinierte die Suche oder versuchte es zumindest, denn es ging trotzdem ziemlich chaotisch zu. Ich steckte mittendrin, ohne was zu tun zu haben. Gran zog sich die Laufschuhe an und setzte sich eine Stirnlampe auf. Sie wollte ihre übliche Strecke durch den Wald ablaufen, wo keine Autos durchkamen. In all dem Durcheinander sah ich zu Iggy hinüber, der mit gerunzelter Stirn auf dem Klavierhocker saß und seine Mütze in den Händen knetete. Cora stand neben ihm und wirkte mit ihrer rot-weißen Weihnachtsmannmütze irgendwie verloren.
»Mel«, sagte Dad zu Mam, »warum wartest du nicht einfach zu Hause.«
»Auf keinen Fall!«, rief Mam empört. »Ich komme mit und suche nach meiner Tochter!«
Als Nächstes sah Dad mich an. »Macht es dir was aus hierzubleiben? Falls sie zurückkommt?« Dann tauschte er einen Blick mit Cora Fox-Templeton, der wohl bedeuten sollte, dass sie nun die verantwortliche Erwachsene hier war.
Als sie nickte, bimmelte das Glöckchen an ihrer Mütze.
»Haltet eure Handys bereit. Verlasst den Pub nicht«, sagte Dad und zog sich eine Jacke über die Soldatenuniform. »Wir geben euch Bescheid, wenn wir sie gefunden haben.«
Wenn. Das klang gut.
Und so wartete ich mit Iggy, seiner Mutter und seinem eigenartigen Huhn in der Sofaecke im Pub, während die Suchtrupps ausschwärmten.
Betreten schwiegen wir. Ich kannte die beiden ja kaum.
Schließlich sagte Iggy: »Meinen Vater haben sie auch gefunden.«
Fragend sah ich ihn an.
»Als ich klein war, ist er auch mal verschwunden. Die Polizei hat ihn zwei Wochen später in London gefunden, da hat er auf der Straße gelebt. Also …«
»Geht’s … geht’s ihm gut?«, fragte ich.
Seine Mutter sah abwesend aus dem Fenster.
Iggy nickte. »Ja. Er hat jetzt eine neue Familie. Aber nach Weihnachten kommt er mich besuchen, stimmt’s, Cora?«
Jetzt sah Cora ihn an. »Er will es versuchen, Iggy. New York ist nicht eben um die Ecke und du kennst ihn ja.«
Iggy sackte regelrecht in sich zusammen. Verlegen zog ich mein Handy raus und rief Tammy zum x-ten Mal an.
»Hallo, hier ist Tammy. Ich bin nicht da, hinterlasst mir eine Nachricht!«
Mir gingen die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Tammy ist entführt worden. Ermordet …
Aber wer sollte es gewesen sein? Und wie?
Deshalb erzählte ich Iggy und seiner Mutter die ganze Geschichte noch mal. In aller Ausführlichkeit berichtete ich von dem See, dem Summen und der Nebelsäule …
Sie hörten zu und nickten nachdenklich. Dann klingelte mein Handy. Es war Mam. Ich versuchte, mir keine großen Hoffnungen zu machen. Doch genau wie vorhin, als ich mir vorstellte, dass Tammy aus dem Wald auf mich zukommen würde, wünschte ich mir sehnlichst, Mam sagen zu hören: »Wir haben sie gefunden.«
Aber stattdessen sagte sie: »Nichts. Wir machen uns auf den Rückweg. Die Polizei kommt vorbei, bestimmt will sie mit dir sprechen, Ethan.«
Iggy kriegte auch ohne Lautsprecher alles mit und zuckte bei dem Stichwort »Polizei« merklich zusammen. Ich hatte schon vorher gewusst, dass es ernst war, doch jetzt hatte ich Gewissheit.
11. Kapitel

Iggy Fox-Templeton wird in dieser Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Ich hätte selbst nie damit gerechnet, dass wir mal so gute Freunde werden würden. Oder dass es überhaupt eine gute Idee sein könnte, sich mit ihm anzufreunden.
Iggy ist nämlich der Junge, der die Schule in Brand gesteckt hat. Obwohl das gar nicht stimmt, denn ich war zufällig dabei. Bloß der Junge, der den Mülleimer in Brand gesteckt hat klingt einfach nicht so toll.
Mam und Dad finden, dass Iggy kein guter Umgang ist, weil er besagte Tüte Chips aus dem Lagerhaus geklaut hat.
»Und dann nennt er seine Mutter auch noch Cora«, sagte Dad abfällig. »Durchgeknallte Hippietante trifft es wohl eher!« Das ging Mam aber zu weit und sie bat ihn, nicht so gemein zu sein.
Ich bin zwar erst seit September hier auf der Schule, aber Iggy war fast nie da, entweder schwänzte er oder er war vom Unterricht suspendiert, weil er mal wieder was ausgefressen hatte.
Und neulich hat er dann den Mülleimer auf einem der Schulspielplätze abgefackelt.
So schlimm war es eigentlich gar nicht. Niemand ist verletzt worden, wobei das natürlich hätte passieren können. Und Iggy wäre sogar ungeschoren davongekommen, wenn Nadia Kowalski ihn nicht verpetzt hätte. Mit der hatte er es sich kurz zuvor gründlich verscherzt und sie war auf Rache aus.
Es fing alles im Physikunterricht an. Unser Lehrer Mr Springham sprach über Lichtbrechung. Oder Spiegelung. Vielleicht auch beides, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Allerdings weiß ich noch, dass Iggy nach vorn gerückt war und fasziniert beobachtete, wie Mr Springham einen Lichtstrahl mithilfe einer Wasserflasche auf einen einzelnen Punkt ablenkte. Iggy schrieb sogar mit, was ich sonst bei ihm noch nie erlebt hatte.
Am nächsten Tag saß er hinter mir im Schulbus.
Vor mir war Tammy mit Nadia Kowalski. Außer uns fuhren noch sechs weitere Schüler regelmäßig mit, alle aus verschiedenen Jahrgangsstufen, aber die kannte ich kaum. Manche unterhielten sich, andere hörten Musik oder spielten auf ihren Handys herum.
»Grüß dich, Tait.« Iggy beugte sich von hinten über die Lehne. Das war im Oktober, ein paar Monate nach unserem Umzug nach Kielder, da kannte ich ihn erst flüchtig. Außer Tammy war er im Dorf der Einzige in meinem Alter. Er ist sogar ein Jahr älter als Tammy und ich, aber weil er in der Schule so häufig gefehlt hat, geht er noch in die siebte Klasse.
»Willst du mal meinen Todesstrahl sehen?«, flüsterte er mit Seitenblick auf Tammy und Nadia.
Ohne meine Antwort abzuwarten (ich hätte ohnehin Ja gesagt, wer würde nicht gern einen Todesstrahl sehen, was immer sich dahinter verbarg?), drängte er sich an mir vorbei an den Fensterplatz.
»Versprichst du mir, dass du dichthältst?«, fragte er.
Ich zuckte die Achseln. »Klar.«
Dann nahm Iggy die Brille ab. »Warte, bis wir anhalten.«
An dem Tag war es echt warm, es fühlte sich mehr wie August als Oktober an. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Kurz darauf hielt der Bus an einem Feldweg, da würden wir jetzt eine Weile stehen, denn das Mädchen, das da wohnte, kam immer zu spät. Die Fahrerin stellte den Motor ab und alles wurde still. Iggy wühlte in seiner Tasche herum und förderte eine kleine, runde Glasflasche zutage, die genauso aussah wie die, mit der Mr Springham die Lichtbrechung demonstriert hatte.
»Hey, ist das …«, setzte ich an.
»Schhhh. Habe ich mir nur ausgeliehen. Jetzt pass auf.«
Er hielt die Flasche ans Fenster, nahm die Brille von der Nase und bewegte sie vor der Flasche auf und ab.
Die Sonne schien durch die Flasche und die dicken Brillengläser auf den Sitz vor uns und bildete da ein Lichtdreieck, an dessen Spitze ein heller Kreis thronte. Iggy drehte die Brille ein wenig, sodass sich der Kreis zu einem scharfen Lichtpunkt zusammenzog, den Iggy sogar bewegen konnte. Ganz langsam ließ er den Punkt die Lehne hinaufwandern, bis er auf Nadia Kowalskis Nacken ruhte.
»Das ist elementare Physik«, flüsterte Iggy, als wäre das sein Spezialgebiet. »Die Linse meiner Brille bündelt die Sonnenstrahlen zu einem Brennpunkt. Pass auf!«
Es dauerte nicht lange. Sekunden später schon schrie Nadia »Au!« und ihre Hand schoss in den Nacken. Nachdem sie zu Tammy gesehen hatte, drehte sie sich zu uns herum.
Iggy hatte sich die Brille wieder aufgesetzt und trank einen Schluck Wasser aus der Flasche.
»Habt ihr … habt ihr gerade …?«
Mit großen, unschuldigen Augen sahen Iggy und ich erst uns und dann Nadia an.
»Was?«, fragten wir im Chor. Nadia wendete sich wieder ab.
An ihrem Nacken konnte ich einen winzigen Brandfleck von Iggys »Todesstrahl« ausmachen. Und ich konnte erkennen, dass sie knallrot geworden war, denn alle im Bus hatten sich bei ihrem Aufschrei zu ihr umgedreht, auch ein Junge namens Damien aus der Neunten. Wir wussten alle, wie sehr sie für ihn schwärmte.
Mit einem fiesen Grinsen machte sich Iggy aufs Neue ans Werk, nahm die Brille ab und brachte sie in Position, doch in dem Moment wurde der Motor wieder angelassen. Bei der Vibration war es ihm unmöglich, den Todesstrahl ruhig zu halten.
So leicht wollte Iggy allerdings nicht aufgeben. Zwanzig Minuten später hielten wir vorm Schultor. Der Motor wurde ausgeschaltet und alle erhoben sich von den Plätzen.
»Nicht so eilig!«, brüllte Maureen, die Busfahrerin, die die Türen immer erst öffnete, wenn sie ihren Bogen auf dem Klemmbrett ausgefüllt hatte.
Iggy nutzte die Gunst der Stunde, riss sich die Brille von der Nase und lenkte den Todesstrahl auf Nadias Kniekehle.
Nadia stand ganz still, der Lichtpunkt war spitz und grell. Sie unterhielt sich gerade mit Damien Sonstwie und warf das Haar zurück, als sie plötzlich laut aufkreischte.
»Auuuuuuu!« Die Bücher, die sie im Arm hielt, fielen zu Boden. Alle starrten sie an, als sie sich runterbeugte und die schmerzende Kniekehle rieb.
Dabei rammte sie Damien ihren Kopf in die Brust, sodass er in die anderen hinter sich stolperte, woraufhin Maureen losbrüllte: »Jetzt reißt euch doch mal zusammen, Leute!«
Mir gelang es, keine Miene zu verziehen, doch Iggy schüttete sich aus vor Lachen.
Als wir dann irgendwann den Bus verlassen durften, hörte ich, wie Damien zu seinen Kumpels sagte: »Die hat ja echt ’nen Hau!« Und zwar so laut, dass Nadia es hören musste.
Tammy lief neben mir. »Das war ganz schön gemein von euch«, sagte sie, aber auch sie konnte sich das Grinsen kaum verkneifen.
»Ich habe damit nichts zu tun. Das war Iggys Todesstrahl.«
Tammy schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Die rächt sich. Wart’s ab.«
Da musste Iggy nicht lange warten.
12. Kapitel

In den Pausen hängt Iggy immer mit ein paar älteren Jungs rum, aber besonders zu mögen scheinen sie ihn nicht, denn einmal, als Iggy nicht dabei war, haben sie sich über seine Art zu reden lustig gemacht. Als ich nach dem Mittagessen über den Schulspielplatz geschlendert bin, hatte sich in der hintersten Ecke eine Gruppe aus Schülern versammelt, zumeist Jungs. Darunter auch einer oder zwei von Iggys sogenannten Freunden.
Iggy rief: »Verehrte Damen und Herren, darf ich vorstellen? Der Todesstrahl!«
Es folgte eine lange Pause.
Dann sagte jemand: »Nun mach schon!«
Und kurz darauf ein anderer: »Hey, guckt mal!«
Beifallsrufe erklangen, eine Rauchsäule stieg empor und alle stoben davon. Ich sah, wie Iggy sich die Brille wieder aufsetzte, und da wusste ich, was passiert war. Der Inhalt des Drahtmülleimers brannte lichterloh. Keine Ahnung, warum die Flammen gleich so in die Höhe schossen, aber durch die Hitze war wohl alles trocken wie Zunder.
Schon bald züngelten die Flammen so hoch, dass das Anschlagbrett aus Holz, von dem bereits die Farbe abblätterte, Feuer fing.
Nix wie weg hier, dachte ich und hatte mich schon erfolgreich unter die anderen Schüler auf dem Schulhof gemischt, als Mr Springham mit einem Feuerlöscher in der Hand im Mordstempo zum Mülleimer rannte.
»WER WAR DAS? WER AUCH IMMER DAS GETAN HAT, WIRD DAFÜR BÜSSEN!«
Nadia hat dann ihre Rachegelüste gestillt, indem sie überall rumerzählt hat, wie Iggy mit seinem Todesstrahl den Mülleimer in Brand gesteckt hat. Bald kam es dann auch den Lehrern zu Ohren. Daraufhin wurde Iggy mal wieder vom Unterricht suspendiert und die anderen, die zugesehen und ihn angefeuert hatten, mussten nachsitzen und bekamen Briefe nach Hause. Natürlich waren alle stinksauer, wodurch Iggy nicht unbedingt an Beliebtheit gewann.
Und Iggy selbst? Den habe ich danach kaum noch gesehen, obwohl wir im selben Dorf wohnen. Beste Freunde waren wir ja noch nie und nach der Sache haben Mam und Dad den Kontakt zu ihm verständlicherweise auch nicht gefördert.
Kurz vor Weihnachten trafen Tammy und ich ihn dann unten am See. Da hatte er ein Huhn dabei. Ein lebendiges!
Tammy hatte beschlossen, dass es das Steinweitwurf-Finale dieses Jahres werden würde. (Fünf Runden, der Verlierer muss dem Gewinner einen Muffin am Schulkiosk kaufen.) Nun stand es 2:2 und alles hing von meinem letzten Wurf ab. Ich holte weit aus, diesmal wollte ich sie unbedingt schlagen, doch mitten im Wurf rief jemand: »Suzy!« Das brachte mich total raus. Noch ehe der Stein im Wasser landete, wusste ich, dass ich verloren hatte. Wütend fuhr ich herum, um zu sehen, wer gerufen hatte. Tammy bog sich schon vor Lachen.
»Wer war …«, setzte ich an. Da tauchte Iggy am Ufer auf, im Arm ein rotbraunes Huhn. Er setzte es ab und entfernte sich ein paar Schritte, während das Huhn geduldig wie ein Hund wartete. Dann rief Iggy: »Suzy, komm!« Und daraufhin trippelte es doch tatsächlich zu ihm!
Tammy machte: »Ohhhhh!«, als wäre es ein süßes Kätzchen. Iggy bemerkte uns und kam rüber. Ich war noch immer sauer, dass ich seinetwegen das Spiel verloren hatte, und schnalzte leise mit der Zunge.
»Hühner sind schlauer, als man denkt«, sagte Iggy. »Wusstet ihr das schon? Suzy, sitz!«
Das Huhn blieb stehen und ließ sich nieder. Tammy schnappte erstaunt nach Luft und klatschte einmal in die Hände.
»Wo hast du das denn her?«, fragte ich argwöhnisch.
»Die, es ist eine Sie«, verbesserte mich Iggy. »Mein Vater meint, ich sollte mich um was kümmern. Damit ich lerne, ›Verantwortung zu übernehmen‹. Während seiner Entziehungskur hat er sich um Hühner gekümmert.« Dabei malte Iggy Anführungsstriche in die Luft. Für seinen Vater schämte er sich nicht die Bohne. »Als ob! Jedenfalls habe ich sie vor Tommy Natrass gerettet, der sie nicht wollte, weil sie nur winzig kleine Eier legt. Stimmt’s, Suzy?«
Als ihr Name fiel, schaute Suzy auf, als wäre sie ein Hund. Tammy und ich lachten beide. Tammy drückte meinen Arm und quiekte: »Wie niiiedlich!« Und auf dem Nachhauseweg summte sie ihr Lieblingslied Chicken Hop, diesen Oldie von einer Sängerin namens Felina, die schon lange tot ist. Nachmittags hatte Mam Hühnerpastete zum Tee gemacht. Tammy meinte, sie sei nicht hungrig.
So, das wär’s zu Iggy und Suzy. Bei unserer nächsten Begegnung habe ich ja dann Iggys Mutter fast die Finger mit dem Klavierdeckel gebrochen.
13. Kapitel

Es waren zwei Stunden vergangen, seitdem ich mit der Nachricht von Tammys Verschwinden hereingeplatzt war, und inzwischen wimmelte es im Pub von Leuten, die aufgeregt miteinander redeten oder telefonierten. Nach und nach trudelten auch die Suchtrupps ein, die alle Straßen nach Norden oder Süden und überall sonst in der Umgebung abgefahren waren, stets mit einem traurigen Kopfschütteln. Mam drückte mich fest an sich und dann musste ich ihr die ganze Geschichte noch mal von vorn erzählen.
Kurz darauf hielt ein Streifenwagen vorm Pub und zwei Beamte stiegen aus. Ich hatte schon gehört, dass die kleine Polizeiwache in Bellingham, dreißig Kilometer entfernt, über Weihnachten geschlossen war.
Dad nahm die Polizisten in Empfang.
»Ja, Sir, wir sind aus Hexam gekommen.«
»Sind Sie nur zu zweit?«, fragte Dad. Er trug noch immer die Spielzeugsoldatenuniform, aber keiner sagte was.
»Es ist Heiligabend, Sir. Da sind wir dünn besetzt. Aber wir haben die Autobahnpolizei um Hilfe gebeten, die werden gleich hier sein. Als Erstes müssen wir klären, womit wir es überhaupt zu tun haben.«
Und so begannen die Befragungen, die sich mit Unterbrechungen über die nächsten Tage hinziehen sollten. Leute kamen und gingen. Dad versuchte, alles im Griff zu haben. Ständig klingelte das Telefon: »Gibt es schon was Neues?« Und überall summten und bimmelten Handys.
Iggy und seine Mutter hatten uns viel Glück gewünscht und waren gegangen, nachdem Cora noch eine Weile mit geschlossenen Augen dagesessen und für gute Energie meditiert hatte. Nett eigentlich, wenn auch ein bisschen befremdlich.
Ich saß mit Gran in der Sofaecke, im Kamin brannte ein Feuer und Gran trank zitternd ihren Tee. Während ich den Polizisten, einer Frau, die offenbar das Sagen hatte, und ihrem jüngeren Kollegen, alles erzählte, machten sie sich Notizen.
Dann kam ich zu der Stelle mit dem Surren am See …
»Stopp mal, Ethan«, sagte die Polizistin, die ich ganz nett fand. »Was wolltest du denn überhaupt am Wasser?«
Ich zuckte die Achseln. »Ich bin einfach dem Weg gefolgt. Ich habe mich … gewundert. War besorgt, hatte Angst um Tammy. Und dann war da dieses Geräusch.«
Ich versuchte, das Geräusch nachzuahmen, aber es gelang mir nicht so recht. Die beiden Beamten sahen sich stirnrunzelnd an und machten sich Notizen.
»Schnellboot?«, fragte der Polizist seine Kollegin.
Sie überlegte eine Weile, bis ich sagte: »Ein Schnellboot war es auf keinen Fall.«
»Dann vielleicht eine Drohne?«
Eine Drohne könne es schon gewesen sein, meinte ich daraufhin. Aber wer würde schon im Dunkeln eine Drohne fliegen lassen?
»Gut, vielen Dank, Ethan«, sagte die Polizistin und stand auf. Sie wandte sich an ihren Kollegen: »Kareem, wir nehmen das Auto und sperren den Weg und das Ufer ab. Das ist ein möglicher Tatort.« Sie sprach in ihr Funkgerät. »Mike zwo Lima Bravo hier, gibt es ein Lebenszeichen von der Autobahnstreife, die wir für die vermisste Person in Kielder angefordert haben?«
»Sind in zehn Minuten bei Ihnen, Sergeant«, kam die prompte Antwort.
Dad fuhr mit einem Mann los, um den Irrgarten abzusuchen. Im Winter ist er eigentlich geschlossen, aber wenn man wollte, konnte man da problemlos reingelangen. Nur warum sollte Tammy das wollen?
Mam, die neben mir auf dem verschlissenen Sofa saß, drückte meine Hand so fest, dass es wehtat, aber ich gab keinen Mucks von mir.
Die Polizistin sagte: »Mrs Tait, ich würde mit Ethan gern noch mal zu der Stelle fahren, wo er das Fahrrad Ihrer Tochter gefunden hat. Haben Sie jemanden, der Ihnen so lange Gesellschaft leisten kann?«
»Ich bleib bei ihr«, sagte Gran. »Noch ein wenig Tee, Mel?«, fragte sie. »Oder hättest du lieber was Stärkeres?«
Mam nickte.
Draußen kletterte ich in den Streifenwagen. Kurz darauf holperten wir über den Waldweg, den ich vorhin genommen hatte. Eine kleine Menschenansammlung hatte sich an der Stelle eingefunden, wo Tammys Rad lag. Die Polizistin stieg als Erste aus und sprach die Leute an.
»Bitte machen Sie Platz. Wir müssen hier alles absperren. Fassen Sie nichts an.«
»Schon geschehen.« Ihr Kollege zeigte auf einen Mann im grünen Tarnanorak mit kurzem weißem Bart, der Tammys Rad aufgehoben hatte.
»Bitte legen Sie das wieder hin, Sir. Das ist ein Beweisstück, da müssen wir Fingerabdrücke nehmen.«
Scheppernd ließ er es zu Boden fallen.
Nur zu gern hätte ich gerufen: »He, passen Sie doch auf!«, aber die Leute bombardierten die Polizistin schon mit Fragen.
»Gibt es was Neues, Officer?«
»Kommt noch mehr Polizei?«
»Wird die Gegend abgesucht?«
Sie überhörte die Fragen geflissentlich und begleitete mich mit ihrem Kollegen die dunkle Böschung hinunter zum See, beide hatten Taschenlampen dabei. Doch bevor wir den kleinen Kiesstrand erreichten, brachte uns ein lautes, wütendes Knurren zum Stehen. Es raschelte im Gebüsch, etwas kam auf uns zugeschossen, bellte.
»Sheba! Sheba!«, rief jemand verärgert. Doch da war es schon zu spät, der Hund versperrte uns knurrend den Weg. Ich suchte hinter dem Polizisten Schutz, der ebenfalls zurückwich.
Nur der Sergeant hielt die Stellung und brüllte: »Rufen Sie Ihren Hund zurück! Hier spricht die Polizei!«
Da tauchte in der Dunkelheit ein Mann auf. Es war derselbe, der auch Tammys Rad in der Hand gehabt hatte. »Sheba! Komm her! Sheba! Sheba! She-baaa! Komm her!«
Irgendwann gehorchte der Hund und lief zu seinem Herrchen. Wir alle schienen im selben Moment aufzuatmen.
»Tut mir leid«, sagte der Mann. »Sie ist ein wenig …«
Die Polizistin schnitt ihm das Wort ab. »Bitte nehmen Sie Ihren Hund an die Leine, Sir«, sagte sie scharf. Und als der Mann zögerte: »Auf der Stelle!«
Es war eine große Schäferhündin mit einer Narbe über der Schnauze und einem zerrupften Schwanz. Sie machte Platz, während der Mann sie mit einem Strick anleinte. Ich kannte den Mann, also zumindest vom Sehen. Geoff Soundso. Er ist Wachmann in der Sternwarte oben im Moor. Manchmal kommt er mit seinem erwachsenen Sohn in den Pub.
»Gibt’s schon was von dem Mädchen?«, fragte Geoff. »Wir suchen hier unten nach ihr.«
Wir hatten den kleinen Strand erreicht, wo Geoffs Sohn stand und eine Zigarette rauchte. Argwöhnisch behielt ich die Hündin im Blick, die an dem Strick zog.
»Nein, Sir«, sagte der Polizist. »Und das ist jetzt ein Tatort. Bitte verlassen Sie das Gelände und fassen Sie auch nichts mehr an.« Er zückte sein Notizbuch. »Sagen Sie mir bitte noch, wie Sie heißen?«
Geoffs Sohn warf den Zigarettenstummel ins Wasser, wo er zischend erlosch. Dann blies er eine große Rauchwolke aus und fragte: »Wozu wollen Sie das wissen?«
Die Polizistin sah ihn verwundert an. »Das ist doch reine Routine. Haben Sie ein Problem damit?«
Geoff warf seinem Sohn einen scharfen Blick zu. »Überhaupt nicht, Officer. Wir helfen gern. Ich heiße Geoffrey Mackay. G-E-O-F-F-R-E-Y. Aus, Sheba! Und das ist Geoffrey Mackay junior …«
Während Geoffrey seine Angaben machte, lief ich ein Stück am Ufer entlang bis zum alten Holzsteg. Da sah ich es mit der Unterseite nach oben im schwarzen Kies liegen, halb vom Wasser überspült.
Das Schildchen von der Wodkaflasche, die ich eingepackt hatte: Miss Sheila Osborne.
14. Kapitel

Was jetzt kommt, ist super traurig. Ich will euch nur schon mal vorwarnen, denn es ist nicht besonders schön, von den Qualen anderer Leute zu lesen.
Dad, Mam, Gran und ich waren außer uns vor Angst um Tammy. Inzwischen war der Heiligabend schon in den ersten Weihnachtstag übergegangen, aber ans Feiern dachte keiner mehr. Geschlafen haben wir auch kaum. Und um zwei Uhr morgens trafen weitere Beamte aus Hexam ein.
Als es hell wurde, so gegen acht, hatte sich auf dem Parkplatz vom Stargazer ein riesiger Suchtrupp eingefunden. Angeführt wurde er von einem uniformierten Polizeiinspektor und einem Mann von der Northumberland Nationalpark-Bergwacht, der mit zwölf Freiwilligen aufgekreuzt war. Alle waren am Weihnachtsmorgen gekommen, um zu helfen.
Die Bergretter hatten einen Landrover mit Ausrüstung dabei. Und diese beiden Geoffreys waren auch mit von der Partie, dabei knurrte Sheba die drei gut erzogenen und in Rettungswesten verpackten Collies von der Bergwacht pausenlos an.
Irgendwann erstarb auch das Stimmengewirr in der Bar und es herrschte totale Stille, die lediglich vom Läuten der einsamen Kirchenglocke durchbrochen wurde, die die Leute in die kleine Kirche zum Weihnachtsgottesdienst rief. Ich stellte mir vor, wie der Pfarrer vor den leeren Bänken stand und sich wunderte, wo die Leute blieben. (Später habe ich ihn noch gesehen. Er hatte den Talar abgelegt und auch die Gottesdienste in den anderen drei Gemeinden abgesagt, um bei der Suche mitzumachen.)
Die erste Hälfte des Tages verging in einem wirren Durcheinander aus gegenseitigem Mutmachen und konkreten Aktivitäten. Am späten Vormittag verteilten wir uns oben im Moor und stapften mit Trillerpfeifen und Taschenlampen durch den Schnee. Iggy kam dazu, Gran in ihrem Winterlaufdress und Cora; ich glaube, so ungefähr das ganze Dorf war dabei. Alle waren sehr nett, ließen Mam in Ruhe, wenn sie weinte, und sagten zu mir: »Keine Bange, Junge, wir finden sie schon.« Der Fernseher in der Bar blieb ausgeschaltet, denn auf praktisch allen Kanälen liefen lustige Weihnachtsshows und danach war keinem zumute.
Das Wetter im Moor war über Nacht schlechter geworden. Es hatte wieder angefangen zu schneien, alle wussten, dass das keine guten Nachrichten waren. Wenn Tammy sich da irgendwo verlaufen hatte, wäre sie für eine eiskalte Nacht in den Northumbrischen Bergen nicht gut gerüstet, nicht mal mit ihrer neuen Winterjacke.
Dabei war das noch nicht mal unsere größte Angst, da gab es noch schlimmere Möglichkeiten, die aber niemand laut auszusprechen wagte, aus Furcht, sie könnten sich dadurch bewahrheiten.
Am Nachmittag, an dem wir sonst lustige Filme geschaut und Süßigkeiten gefuttert hätten, saß ich mit Mam in der Bar. Die Weihnachtsdeko und die ausgeschalteten Lichterketten am Baum kamen mir mit einem Mal komplett absurd und sinnlos vor. Als wir aus dem Fenster schauten, das Tammy und ich vor ein paar Wochen mit Kunstschnee besprüht hatten, fuhren gerade die Betreiber der kleinen Segelschule am anderen Ende des Sees mit ihrem Anhänger vor. Darauf befand sich ein kleines Boot mit Außenbordmotor.
Uns war klar, was das bedeutete. Es bedeutete, dass Tammy möglicherweise ins Wasser gegangen und nicht wieder herausgekommen war. Ertrunken. Sagen musste keiner was, doch als Mam in Tränen ausbrach, konnte ich mich auch nicht länger zusammenreißen. Gran saß neben uns, starrte vor sich hin und schüttelte traurig den Kopf.
»Da oben im Moor gibt es noch die Hütten der Schafhirten«, sagte Gran schließlich. »Die liegen ein wenig abseits, so weit sind wir heute gar nicht gekommen. Vielleicht ist Tammy …«
»Die Jungs von Natrass waren schon mit ihren Quads da oben«, antwortete Mam ausdruckslos.
Das Naheliegendste – wobei ich die Vorstellung kaum ertragen konnte – war für mich, dass Tammy entführt worden war. Aber warum, konnte ich mir absolut nicht erklären. Und Mam wohl auch nicht.
Die Stunden verstrichen …
Die Bergrettung kam zurück …
Die Polizei machte weiter mit ihren Befragungen, Polizeifahrzeuge rollten an, darunter auch ein Geländewagen …
Ein Krankenwagen kam, falls man Tammy fand und sie verletzt war …
Der Abend des ersten Weihnachtstages zog sich endlos hin. Dad kam mit ein paar Männern von der Bergrettung zurück und schenkte ihnen zum Aufwärmen Whiskey in der Bar aus. Er selbst genehmigte sich auch einen, dann noch einen und noch einen. Später verkrümelten sich manche nach Hause, zu ihren Angehörigen, dem kalt gewordenen Weihnachtsbraten und ihren kleinen Kindern, die nicht wissen durften, was los war, um ihnen das Fest nicht zu verderben.
Und dieser Tag ging quasi nahtlos in den nächsten über. Ich hatte das Gefühl, in einer Tragödie mitzuspielen, wie ich sie schon x-mal im Fernsehen gesehen hatte, nur diesmal war es echt.
Der Pub wurde zum Hauptquartier umfunktioniert. Komm nach Hause, Tammy–Poster wurden gedruckt und überall von Carlisle bis Newcastle aufgehängt. Ted von der Pension, dessen Bruder in Hexam eine Druckerei betrieb, ließ in Windeseile T-Shirts mit Tammys Gesicht anfertigen, die die Leute über ihren dicken Fleece-Klamotten trugen, als wir vor der Kirche Mahnwache hielten.
Am Boden stand Tammys Name aus Teelichtern, die Leute brachten Blumen und Kuscheltiere. Die älteren Kids aus dem Schulbus sangen Tammys Lieblingsweihnachtslied. Eigentlich ist es ein lustiges Lied:
»Do-do-do-do-do the Chicken Hop!
Da-da-da-da-dance like you can’t stop!
Do-do-do the Chicken Hop this Christmas!«
Der Pfarrer stimmte mit ein, aber es klang total schräg, auch ohne die alberne Choreografie dazu. Für ein fröhliches Lied war ich viel zu traurig, deshalb sang ich nicht mit, sondern stand bloß da und sah zu. Ich spürte, wie mich alle anstarrten, aber so, dass ich es nicht merken sollte.
Bald (bald? Mir kam es vor wie zehn Jahre) waren vier Tage vergangen und Tammy war immer noch verschwunden.
Und dennoch hatte ich tief in mir, so tief, dass ich selbst nicht wusste, ob ich es mir einbildete, das Gefühl, dass Tammy noch am Leben war. Irgendwo.
Nach vier Tagen der Hölle tauchte dann auf einmal Iggy Fox-Templeton mit seiner Angel bei uns auf, als wäre alles ganz normal, woraufhin alles noch unnormaler wurde, falls das überhaupt möglich war. Denn da sind wir dann dem seltsamen stinkigen Wesen, dieser Hellyann, begegnet, die behauptete, sie wüsste, wo Tammy ist, wir dürften es aber keinem sagen.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Aber wer hätte das in dem Moment schon?

HELLYANN
15. Kapitel

Wie ich auf die Erde gekommen bin, wollt ihr wissen? Die lange oder die kurze Fassung?
Ich mach’s mal kurz. Die lange Fassung müsst ihr euch im Lauf der Geschichte dann selbst zusammenreimen. Ob wir allerdings so weit kommen, kann ich nicht garantieren.
Hier also die kurze Fassung.
Ich, Hellyan, bin elf Jahre alt und stamme von einem anderen Planeten. (Keine Sorge, das wird sich später noch klären. Denkt daran, kurze Fassung!)
In meiner Welt werden Menschen wie ihr (ich bin nämlich kein Mensch) in Zoos ausgestellt. Das finde ich falsch, deshalb versuche ich, etwas dagegen zu unternehmen.
Und so hat sich mein Universum mit dem von zwei Jungs und einem Huhn gekreuzt.
Zur Übersetzung
Ich habe meine Geschichte in meiner Muttersprache geschrieben und Philip hat sie dann in eure Sprache übersetzt.
Mittlerweile weiß ich, dass Anthallanisch ganz anders klingt als eure menschlichen Sprachen. Für eure Ohren klingt es wie Grunzen, Quieken und Schnüffeln. Mein Erdfreund Ignatius Fox-Templeton (Iggy) meint, ich höre mich an wie ein »strangulierter Mops« und er und Ethan Tait haben daraufhin volle zweiundvierzig Sekunden lang gelacht.
Wenn es keine genaue Entsprechung in eurer Sprache gab, hat Philip, ein Roboter, etwas einigermaßen Passendes gewählt, damit der Erzählfluss nicht gestört wird.
(Übrigens ist Philip kein Roboter aus Stahl, der mit einem Gesicht und blinkenden Lichtern durch die Gegend rollt. Er ist viel mehr… Aber das werdet ihr alles noch erfahren.)
16. Kapitel

In vielerlei Hinsicht gleichen wir euch sehr. Angefangen damit, dass wir aussehen wie ihr. Nicht genau gleich, aber ziemlich ähnlich.
Ich habe einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine und laufe aufrecht. Einen Schwanz habe ich zwar auch, aber das ist nicht so wichtig.
Trotzdem stechen einem natürlich erst mal die Unterschiede ins Auge.
Der Hauptunterschied ist wohl, dass wir viel, viel klüger sind als ihr. Wenn das unhöflich klingt, tut es mir leid, aber das ist eine Tatsache und Tatsachen sind wichtig. Für uns seid ihr so intelligent wie Iggys zahmes Huhn für euch. Deshalb finden die meisten von uns auch nichts dabei, euch im Zoo zu halten.
Mein Zuhause – mein Planet – liegt so weit entfernt, dass es in Kilometern ausgedrückt den Rest der Seite füllen würde. Die Zahl beginnt mit 950, dann folgen lauter Nullen:
950 000 000 000 000 000 000 …
… und so weiter bis zum Seitenende und vielleicht noch weiter. Bei so einer Zahl denkt man natürlich, uns würde bloß die räumliche Entfernung trennen, aber das sehen wir anders. Wir berechnen auch die Zeit mit ein (Raum und Zeit hängen nämlich zusammen, wie euer Albert Einstein schon vor über hundert Jahren herausgefunden hat). Außerdem ermöglicht uns die quantenmechanische Intra-Universalverschiebung »schneller als das Licht« zu reisen, was so aber in Wirklichkeit gar nicht zutrifft. Hat eher was mit Dimensionen zu tun, allerdings ist das für euch vorerst noch zu kompliziert. Ehrlich gesagt, verstehe ich es selbst nicht mal ganz, auch wenn ich das sonst nie zugebe.
Das ist ungefähr so, als würde ich euch bitten, mir euren Fernseher zu erklären. Könntet ihr auch nicht, oder? So geht es mir mit der Intra-Universalverschiebung. Ich benutze sie und verlasse mich darauf, ohne alle Einzelheiten zu kennen.
Unsere Welt ist sauber. Wir verfügen über unbegrenzte Energiequellen, die nichts verschmutzen.
Bei uns gibt es keine Konflikte. Und wir führen auch keine Kriege, denn wir haben alles, was wir brauchen, und der Mentor trifft für uns die Entscheidungen.
Bei uns gibt es keine Krankheiten, so war es auch schon vor dem Großen Brand, bei dem ein planetenweites Feuer Jahrzehnte gewütet und fast alles zerstört hat.
Wir sind die einzigen Lebewesen auf Anthalla, fast alle Tiere wurden schon vor Jahrhunderten erfolgreich ausgerottet, die restlichen kamen beim Großen Brand um. Die Funktionen, die einige niedere Wesen ausgeübt haben (wie das Zersetzen von Abfall und die Wachstumsförderung von Getreide), werden seither effektiv, sicher und hygienisch von synthetischen Robotern ausgeführt.
Im Vergleich zu euch haben wir ein kurzes Leben. Dreißig Jahre, gemessen an den Umdrehungen eurer Erde um eure Sonne, ist für uns alt, älter werden wir nicht.
Mit elf Jahren liegt schon ein Drittel meines Lebens hinter mir. Die Schule habe ich mit sieben beendet und lebe seither auf mich allein gestellt.
Heißt, mit elf Jahren bin ich quasi erwachsen, wie ihr sagen würdet.
Ich habe also als erwachsene Elfjährige euren Planeten besucht. Und zwar eine kleine Siedlung auf einer Insel namens Großbritannien.
Ein gefährliches Unterfangen. Und zwar nicht wegen der Intra-Universalverschiebung (»Raumfahrt« heißt es wohl bei euch). Das ist nichts Besonderes, auch wenn es der Mentor strengstens verboten hat. Nein, das Gefährliche daran war der Grund, aus dem ich zu euch gekommen bin.
Ich hatte nämlich eine Mission.
Die hochgradig gefährliche Mission, ein Mädchen aus einem Menschenzoo auf unserem Planeten, der zig Zillionen Kilometer entfernt liegt (die Zahl kommt von Iggy), zu retten und nach Hause zu bringen.
Wenn es mir nicht gelang – wenn ich also erwischt wurde –, würde ich wohl für den Rest meines Lebens in Schlaf versetzt werden. Das Menschenmädchen würde in seinem winzigen Gehege qualvoll sterben und seine Eltern und sein Bruder würden den Rest ihres Lebens in Elend verbringen. Das war etwas, das ich nicht zulassen konnte.
Und zwar, weil ich ein Herz habe, ein Herz und somit Gefühle.
Umso schlimmer, dass es mir nicht gelang, das Mädchen zu retten, und ich schließlich allein zur Erde gereist bin.
Ihr seht also, es ging schon mal nicht gut los mit meiner Mission …
Бесплатный фрагмент закончился.
