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1. Auflage 2020

Printed in EU

ISBN: 978-3-903229-25-9

© Verlag: delta X, Wien | www.deltax.at


Korrektorat: Bettina Mertz, Dr. Eugen Schulak

Lektorat: Dr. Norbert Regitnig-Tillian

Satz & Umschlaggestaltung: Ing. Angelika Steck

Porträtfoto der Autorin: Bettina Mertz

Coverfotos: © BillionPhotos.com/stock.adobe.com,

© thongsee/stock.adobe.com

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages vervielfältigt oder verbreitet werden. Das gilt insbesondere für die gewerbliche Vervielfältigung per Kopie, Übersetzungen sowie die Vervielfältigung auf elektronischen Datenträgern.

Rosemarie Schulak

Das andere Brot

Die Geschichte einer Selbstwerdung

VORWORT

Es ist die Entwicklungsgeschichte eines nach der Geburt weggelegten, erst sehr spät identifizierten Kindes, das sich ohne elterlichen Schutz und Rat – mit dürftiger Grundschulbildung – alles Nötige für ein gelungenes Leben selbst erarbeitet. Die Frage ist, mit welchen Hilfen und Stützen sich ein von Kindheit an isolierter Mensch freiwillig für das Gute und Schöne entscheidet.

Zu fragen ist aber auch, durch welche Impulse psychische Schäden, die durch Zwang, Grausamkeit, Nichtachtung der Person und Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft entstanden sind, überwunden werden. Wie und unter welchen Bedingungen destruktive Erfahrungen in der Kindheit, die ja kaum je vergessen werden, Anstoß sein können für Neues, Besseres: für die Überwindung des Bösen, ja sogar für die Überwindung der Angst davor.

INHALT

Cover

Titel

Impressum

I. Kindheit

1. Erwachen

2. Hören und sehen

3. Menschenmund

4. Geboren worden

5. Brot

6. Lesende

7. Was, wo und warum

8. Im Sturm

II. Jugend

9. Heimat ist anderswo

10. Wurzelgrund

11. Erblickte das Licht

12. Ein magischer Ort

13. Adams Apfel

14. Zauberhaft

15. Höhen und Tiefen

16. Schritt für Schritt

III. Reifezeit

17. Fatum und Sinfonia

18. Metamorphosen

19. Weg und Ziel

20. Ordnungen

21. O heiliger Anton!

22. Hohe Zeiten

23. Über die Jahre

24. In anderem Licht

I. Kindheit

1 ERWACHEN

In einem Dorf, wo versteckt hinter Föhren und dicht bewachsenem Kalkgestein Fuchs und Hase einander selbst in ihren sanftesten Träumen nicht Gute Nacht wünschen wollten, stand eines kühlen Septembermorgens wie vom nahenden Herbstwetter hergeweht ein zartes Bürschchen unter den Kleinen, die zappelig, aufgeregt und vielleicht auch ein wenig ängstlich ihrem ersten Schultag entgegen sahen. Fremd und scheinbar unbewegt stand dieses eine unter den vielen, die einander kannten als Nachbarn, Freunde, Spielgefährten und zumindest vom Hörensagen erkennbar als zugehörig dem oder dem. Sie alle warteten vor dem Schultor, nur dieses eine blieb starr, wie versteinert, stumm geradeaus blickend.

Rundum hatten Erwachsene sich versammelt, Mütter und Großmütter, die wissen wollten, wer hier die Erwartungsfreude, den Trennungsschmerz mit ihren Lieblingen teilte. Der kleine Fremdling, der keinem der Umstehenden auch nur entfernt bekannt und zuzuordnen gewesen wäre, harrte verschlossenen Gesichts vor dem offenen Einlass, die dunklen Augen groß in ein Ungewisses gerichtet.

Auf Anrufe reagierte der Kleine nicht, auf Annäherungsversuche ließ er sich nicht ein. Versunken in sich selber oder im Nirgendwo wären Antworten aus seinem Mund vielleicht auch kaum aufschlussreich gewesen, denn weder seines Namens hätte er sich entsinnen können noch irgendeiner plausiblen Erklärung. Sein Eintritt in die Welt, so erzählte er Jahrzehnte später in einem jener raren Momente, in dem die vom Schicksal ihm zugewiesene Rolle wie von Geisterhand aufgespannt, so klar und geglättet vor seinem Gedächtnis lag; dieser Eintritt in eine Welt, die sich ihm nach und nach erst eröffnen sollte, habe ihn wie ein Anruf aus einer Geisterwelt aufgeschreckt, überwältigt und gefangen genommen. Es gab kein Vorher. Was vor jenem Tag geschehen war, existierte nicht mehr.

An jenem Septembermorgen schien ihn der Eintritt durch das geöffnete Schultor in besonderer Weise zu fordern, dieses jähe Hineingestelltsein in eine fremde, lärmende Welt; und in eine Kinderschar, der er nicht gewachsen sein würde in seiner Verlorenheit und Isolation.

Warum und woher er an jenem denkwürdigen Tag gekommen war, schien er vergessen zu haben oder wollte es den Neugierigen um ihn herum nicht kundtun. Kann sein, er wusste es tatsächlich nicht. In seinem Gedächtnis war das, was ihm bisher geschehen wie weggeschwemmt, versickert wie Wasser in einem Brunnen, der seinen Inhalt als tiefes Geheimnis verbarg, so dass er sich anfangs nicht einmal zu bewegen getraute in jenem Neuland, weil er nicht aus noch ein wusste bei sich selber. Nichts als Gegenwart war in ihm, und wie noch zu zeigen sein wird, blieb das so für lange Zeit. Was hätte er auf Fragen, die ihn aus einer so weiten Entfernung trafen, denn antworten sollen? Überhaupt sei das damals die erste bewusste Wahrnehmung seiner selbst gewesen, meinte er, ein erschrockenes Erwachen wie aus tiefem Schlaf. Er vermochte auch nicht alle Eindrücke der Ereignisse an jenem Tag zu behalten, noch weniger sie zu beantworten vor Ort, so überrumpelt und gelähmt wie er war vor Angst und Abwehr, vor Schmerz und unerwartetem Glück. Von irgendetwas fühlte er sich befreit, er wusste nur nicht wovon und wie damit umzugehen.

Behörden und Lehrer hätten den Fall vermutlich deuten können. Die Ankunft des Knaben war angekündigt, genauere Einzelheiten jedoch nicht mitgeteilt worden. Nach Hintergründen wurde vielleicht nicht gefragt; nicht nach dem Woher und Warum, so als schiene es ihnen egal. Die Lehrerin wartete Tag für Tag, dass der Knabe mit den großen Augen und diesem beharrlich verschlossenen Mund endlich zu sprechen begann. Sein sechstes Lebensjahr sei, so war von Amts wegen mitgeteilt worden, vielleicht noch gar nicht erreicht, doch ohne Papiere, die Alter und Herkunft hätten feststellen lassen, konnte es keine Gewissheit geben. Er hätte jünger sein können, so klein und so wenig angepasst wie er war; älter wohl kaum, doch wer weiß.

Die ersten Wochen im Klassenzimmer gingen so rasch vorüber, dass keine Zeit blieb, sich um einen Außenseiter zu kümmern, der in verbockter Weise schwieg, oder doch nur gezwungenermaßen, und dessen Stimme, wenn mit Tricks und Listen hervorgelockt, doch nur Angst und Abwehr verriet. Dennoch, das Gesichtchen des Kleinen, erst düster und scheinbar ausdruckslos, hellte sich auf mit der Zeit und zeigte Spannung beim Zuhören. Die Augen blieben, in erwachender Neugier, an Menschen und Gegenständen haften. Deutlich sichtbar gingen Impulse durch seinen Leib und eines Tages redete es ganz von selber aus ihm; erst leise verschämt, dann durchaus vernehmbar. Als ob eine Eisdecke allmählich zu knacken, zu knistern und sich zu bewegen begann, immer heftiger und artikulierter. Seine Rede schwoll an und manches war sogar zu verstehen was Aussage hätte sein sollen. Was ihn dazu bewog und worüber er mit sich redete, wurde aber nicht klar, schien es doch ohne jeden Zusammenhang zu sein, verständlicher erst mit der Zeit, ja unüberhörbar am Ende und beinah resolut. Ein Redestrom quoll schließlich aus diesem kleinen Mund. Geplapper! meinte die Lehrerin. Du sei jetzt still!

Ein Durcheinander war das, ein Tohuwabohu von Wörtern, Gefühlen und Eindrücken unvollständig wahrgenommener Begebenheiten aus einer anderen Welt. Jahrzehnte später nannte er selber es so in einem Gespräch. Und erzählte unter verhaltenem Schmunzeln, die Kameraden rundum hätten ihr Missfallen an seinem Gerede bald unmissverständlich kundgetan. Unzumutbar, alles in allem.

Wollte der Knabe nur auf sich aufmerksam machen oder hatte er tatsächlich plötzlich den dringenden Wunsch, etwas mitzuteilen von sich und andere an Redelust zu übertreffen? Derlei Mitsprache im Unterricht war in jedem Fall lästig, weil selbst eine geübte Lehrerin sich solch jäher kindlicher Wortkaskaden nur schwer zu erwehren weiß, wenn sie anderes zum berechtigten Ziel hat.

Das sprudelnde Selbstgespräch des Kleinen verstummte nicht auf ihr Geheiß und störte noch mehr, weil es deutlich an sie gerichtet war, bis kurzerhand ein kreuzweise über den Mund geklebtes Pflaster ihm diesen verschloss und endlich verstummen ließ. Ähnliches wiederholte sich an mehreren Tagen, bis einmal eines jener haftenden Mundverschlüsse dem erregten Kind nicht mehr erträglich war. Es zappelte, warf sich herum in ungehöriger Weise, so dass ihm sein Aufbegehren gefährlich den Atem nahm. Die strenge Frau stürzte sogleich auf ihn zu und befreite ihn unter vielstimmigem Kindergeschrei. Erschöpft, geschockt und wohl auch vorsichtig geworden, hörte der Kleine von da an zu wimmern auf und blieb lange Zeit still.

Die Sache war gut ausgegangen, die Wirkung erstaunlich, doch nicht lang von Dauer. Das Kind wollte reden. Warum hörte niemand ihm zu? Erst, als es alle Versuche sich bemerkbar zu machen fahren ließ, auch die Hoffnung, dürfte Ruhe eingekehrt sein so wie das erwünscht war.

Nur innerlich ruhig und gleichmäßig atmend bleibt ein Mensch in so einem Fall von totaler Erschöpfung verschont. Dies habe er damals gelernt, sagte Georg später, als er erwachsen war. Ansonsten nicht viel, habe er doch durch nahezu unerträglichen Seelenschmerz auf Grund seines Ausgeschlossenseins die Begebenheiten rundum nie genau genug mitbekommen. Ihm war eine Lehre erteilt worden, die nahm er sich zu Herzen. Doch hatte sich damit ein Riss zwischen ihm und dem Treiben der anderen aufgetan, vertiefte sich mit der Zeit und schloss sich nie ganz. Ein erzwungenes Schweigen.

Inzwischen wurden Buchstaben gelernt und Wörter. Der kleine Fremdling hatte genug zu tun den Boden unter den Füßen zu behalten und nicht zu verlieren, die Gestalt seiner Lehrerin mit tapferem Blick zu umfassen, die Worte aus ihrem Mund zu verstehen und das Gezänke der Kinder. Er beobachtete und nahm beunruhigt wahr, wie andere zum Sprechen ermuntert wurden. Ihn forderte niemand auf, war doch jederzeit zu befürchten, dass wieder ein Sturzbach von Wörtern aus seinem Mund kam um auszuufern und, falls überhaupt, äußerst langsam nur zu verebben. Unbeachtet von allen verlegte sich deshalb das Denken des Kindes meist auf sich selber.

Beim späteren Schreiben führte der Kleine den Griffel wie auch den Stift in steilen widersetzlichen Schwüngen immer höher nach oben als allgemein üblich war und erlaubt. Selbst als Herangewachsener – die Kinderschrift war längst abgelegt – formte er noch genüsslich Ober- und Unterlängen aus, weil er Steiles und Festes auf dem Papier haben wollte, so steil und fest wie er selber, damit ihm die Nichtbeachtung von außerhalb nicht allzu weh tat. Sein Mund, von der Gefahr des Pflasters endlich erlöst, nahm mit der Zeit einen gleichmütigen, manchmal gleichgültigen Ausdruck an. Gern widmete er sich der schönen Gewohnheit ein Fenster zu betrachten, hinter dem ab und zu ein Blatt oder ein Vogel vorbei flog; und vor welchem im Winter bei längerem Hinsehen manchmal ein Sonnenstrahl auf einen Eiszapfen fiel.

Schweren Herzens nahm er zur Kenntnis was um ihn herum vorging. Doch vieles ging an ihm vorbei. Beim Schreiben ließen die Fingerchen sich nicht so leicht zähmen. Die Buchstaben warfen auch sehr viel später noch ihre Schlingen hoch und immer höher hinauf. Er selbst fand ja angemessen was er da einsam vollbrachte und dennoch bei den Kindern rundum bestenfalls ein belustigtes Kichern hervorrief.

Georg war Kostkind der Familie B., nicht mehr und nicht weniger. Warum jedoch – ob für immer, oder vielleicht nur für kurze Zeit – war den Dorfleuten nicht bekannt, und die mehr davon wussten, äußerten sich nicht. Auch nicht, als sie, durch das Gittertor der Familie B. spähend, den Kleinen arbeiten sahen, mit schwerem Gartengerät hantieren oder draußen auf grünenden Feldern mit einem Jutesack über dem Rücken.

2 HÖREN UND SEHEN

Angst und Scheu fielen von ihm ab, als er nach jenem ersten Jahr der Bedrängnis leichteren Herzens durch das Schultor ins Freie kam, gewöhnt an manches, das drinnen ihm kaum erträglich gewesen. Draußen fühlte er sich weniger fremd. Blies ihm der Wind auch heftig um die Ohren, blieb im Winter der Schnee auch in den zu großen Schuhen stecken und seinen klammen Zehen ein Extrabad nicht erspart, ertrug Georg doch derlei nach Kindesart beinahe heiter. Nun kannte er seinen täglichen Weg, auch die meisten anderen Wege im Ort, lief dahin und dorthin und landete nur im Haus seiner Kostgeber, wenn es allzu früh dunkel wurde oder Eiseskälte ihn vor sich hertrieb.

Am liebsten erinnerte er sich an die Ferienzeit. War der Sommer noch nicht zu Ende, lockten die warmen Tage ihn manchmal auch weiter fort. Leicht und frei liefen seine Füße dahin, denn Schuhe gab es nicht, die ihn gestört oder verärgert hätten. Es lebt sich ja leichter auf bloßen Sohlen. Dahintrottend durch die Gassen horchte er auf alle Geräusche, die aus Türen und Fenstern drangen, sah einem Vogelschwarm nach oder spielte mit jungen Kätzchen. Gerüche kamen von überall her und manches lag in der Luft, das er zu deuten noch nicht vermochte. Das weckte die Neugier.

Georgs eindrucksvollstes Erlebnis, das ihm aus jener Zeit in Erinnerung blieb, erzählte er freimütig und gern auch noch nach vielen Jahren. Eine Sensation, die nicht nur das Kind, sondern auch die erwachsenen Bewohner des abgelegenen Dorfes aus ihrem eintönigen Leben riss.

Eines Spätnachmittags war der Bub, allein gelassen in unwirtlicher Wohnstatt durch den Garten hinausgelaufen und um Zäune und Felder gestrichen. Zurück auf der Dorfstraße blieb er stehen. Er meinte, von irgendwoher leise Musik zu vernehmen, deutliche, zeitweise durchaus fröhliche Melodien, gefolgt von kaum hörbaren, plötzlich heftig aufrauschenden Tönen, die von schrillen Stimmen jäh unterbrochen, unerwartet wieder verschwanden. Das faszinierte den Kleinen, weil die Musik ja bald ebenso unerwartet wieder da war, so als seien Unterbrechungen nichts Besonderes. Das berührte ihn seltsam und erhöhte die Spannung. Blieb er stehen um genauer zu horchen, konnte es sein, dass plötzlich alles verstummte und erst nach längerer Zeit, wie von ferne langsam sich nähernd, mit erregender Heftigkeit wieder anhob.

Georg stand da wie verzaubert. Diesen Tönen musste er nachgehen, aber wohin? Er wanderte eine Häuserreihe entlang, lief zurück und in andere Gassen, solang bis er meinte, jetzt sei er auf der richtigen Spur. Die Gebäude standen nicht überall dicht beisammen. Er hatte das Dorf beinah hinter sich, der Himmel war düster geworden. Da erschrak er nicht wenig über den ungewohnten Anblick einer Menschenmenge, die aus einem breiten, weit geöffneten Tor ihm entgegenkam. Georg verbarg sich hinter einer Mauer, wo er im Gebüsch und dessen Schatten beinah verschwand. Das Getrappel kam näher und Georg fühlte sich überwältigt von der Vielzahl der Menschen. War denn das ganze Dorf unterwegs? Die Vorüberziehenden redeten miteinander, manche laut und erregt, andere leise, beinahe flüsternd. Manche gingen allein dahin. Einmal meinte das Kind, aus dem Gemurmel der vielen eine einzelne Stimme herauszuhören. Schön war’s, tönte hell eine Frauenstimme und eine andere fiel ein: Schön, ja, wirklich sehr schön! So zogen sie weiter, eine bemerkenswerte Schar sonntäglich gekleideter Dorfbewohner. Sie beachteten Georg nicht und verschwanden bald, einer nach dem anderen in ihren Häusern. Und stiller und dunkler wurde die anbrechende Nacht, so dass ihm bald unheimlich wurde, er hervor kroch aus seinem Versteck und schnell davonlief.

Dieser unbegreifliche Vorgang wiederholte sich mit einer Regelmäßigkeit, deren Sinn nicht zu erkennen war und beschäftigte ihn umso mehr, weil eine Frage an die Erwachsenen gewiss Ärger zur Folge gehabt hätte, vielleicht sogar Schlimmeres. Er behielt das Geheimnis daher bei sich, lief zu gewissen Tageszeiten hinaus und horchte auf das herrliche An- und Abschwellen der Musik, die sich in seinen Ohren festsetzen wollte. Er lauschte den geheimnisvollen Stimmen dazwischen und allen anderen Geräuschen, die er sich nicht erklären konnte. Wieder und wieder zog es ihn zu dem ihm nun wohlbekannten Versteck.

Eines Abends erkannte Georg in der Schar der heimwärts Wandernden seine Kostgeber, Herrn und Frau B. Erschrocken huschte er durch das nächste Gestrüpp und lief so schnell seine nackten Füße ihn trugen voraus, um vor ihnen im Haus zu sein und etwaigen Unmut über seine unerlaubte Abwesenheit gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Die beiden B.s kamen gemächlich und gut gelaunt daher, sie redeten über etwas, das sie gesehen hatten. Ein Kino ist das, erklärte Frau B., als Georg gespannt und neugierig zu ihr aufsah. Aber du bist noch zu klein für solche Sachen. Kinder haben dort nichts zu suchen. Als sie das ängstliche Bubengesicht ans Licht zog, verblüfft, wie geschwind er ihr auswich und mit abgewandtem Blick in den Garten entschwand, ahnte sie nicht, was in ihm vorging. Georg redete wenig im Haus des Herrn B. und gefragt wurde er selten.

Doch ab nun gab es etwas, das er sich innig wünschte, alle nur möglichen Pläne wälzte und gefährliche Wege beschritt, um sein Ziel zu erreichen: das Kino und diese Musik. Seine ganze Aufmerksamkeit nahm es ein, sein ganzes Sinnen und Trachten. Gab es, so wie das manchmal der Fall war, eine Nachmittagsvorstellung, hielt Georg sich möglichst unbemerkt in der Nähe des Eingangs auf und wartete mit harmlos unverdächtiger Miene bis der Kinobetreiber ihm den Rücken kehrte und sich in dem dämmerigen Vorstellungsraum verlor. Dann warf er alle Bedenken von sich und kroch blitzschnell hinein in das Dunkel; lugte auf allen Vieren kriechend durch die Spalten zwischen den Sitzen und bewegte sich lautlos, um ganz sicher zu sein, dass ihn niemand bemerkte, weder der geschäftige Kinomann, noch die Besucher, die allmählich daherspaziert kamen und plaudernd sich auf ihre Plätze begaben. Kaum je fiel da ein Verdacht auf den blinden Passagier.

Georg, ein Leichtgewicht, wendig und flink, kroch behände zu jenen Stellen, wo kein Auge seiner gewahr werden konnte. Der Kinoraum war nie zur Gänze besetzt, erklärte er später, ja manchmal so spärlich, dass er seitlich neben den Sitzreihen auf Knien oder Hosenboden rutschend in der Finsternis schließlich bequem den Platz wählen konnte, der ihm am besten geeignet schien. Die vorderen Reihen blieben ohnedies immer leer und Georg war klein. Selbst wenn er sich auf einen der hölzernen Sitze begab erblickte ihn niemand. Erst als er größer wurde mit den Jahren, sein eingezogener Hals, die erzwungene Krümmung und auch manches andere ihm unbequem wurde, wechselte er auf den Boden. Die wichtigsten Stunden seiner Kinderzeit habe er dort verbracht, und das über lange Zeit, erinnerte er sich; mit den Filmen, den Bildern, der wundersam sich ihm offenbarenden Welt, der Musik und den redenden, lachenden, manchmal auch weinenden Menschen auf der Leinwand. Aus ihrem Reden, im Ernst wie im Scherz, habe er manches gelernt.

Was hat denn der kleine Kerl davon, begann wer ihn in dem Dunkel erkannt und dennoch geschwiegen hatte, vermutlich zu fragen. Was kann so ein Kind, das noch gar nichts vom Leben weiß, ja nicht einmal das Nötigste über sich selber; was kann eines, das Handlungsabläufe noch nicht versteht; was könnte dieser versteckte, winzige Kinogast unter all den Erwachsenen denn dort gesucht und gefunden haben?

Nicht zu wenig, bedenkt man die mannigfachen Impulse, die Georg ohne Kinobesuche niemals gehabt hätte. Er begann von sich aus, ganz ohne Zwang, gleich mehrere Tugenden auf einmal einzuüben; seine Aufmerksamkeit auf ein Ziel zu richten statt planlos die Zeit zu vergeuden; rasche Erledigung seiner Schulaufgaben und sonstigen Pflichten um immer pünktlich vor Ort zu sein; und Genauigkeit, denn er durfte sich keineswegs nachlässig bei jenen Tätigkeiten zeigen, die ihm nun einmal zugeteilt waren. Georg lernte, seinen Tag einzuteilen, pünktlich auf die Küchenuhr der Frau B. zu schauen, um rechtzeitig fortzuhuschen. Er lernte penible Ordnung, Zeitgefühl und Genauigkeit in seinem Alltag.

Dadurch ging ihm die Arbeit, zu der man ihn mit Strenge anhielt, viel flinker vonstatten. Er gewann Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, wenn er schneller war als die Kostgeber das erwarten konnten und lernte Verschwiegenheit nebenbei, weil die nun einmal nötig war. Von seiner verbotenen Leidenschaft durfte ja niemand wissen. Das erforderte Selbstbeherrschung, bei genauerer Betrachtung sogar Selbsterziehung, die ihm später in anderen Bereichen gut anstand.

Beim Hinhören und Schauen lernte er Aufmerksamkeit und Konzentration. Natürlich reichte das nicht, um Zusammenhänge einer komplexen Handlung zu erfassen, doch bemühte er sich darum sehr, es schärfte sich sein Verstand. Georg gewann eine Menge nur scheinbar nutzloser Kenntnisse, die ihm im späteren Leben dienlich sein konnten und Vorteile ermöglichen würden.

Den Kleinen faszinierte das Neue, das völlig Unbekannte an diesen Bildern. Das waren damals – es ist ja schon lange her – meist sorgfältig gekleidete Menschen, gefällig frisiert und sauber; Menschen, die Schuhe trugen und freundlich lächeln konnten, Männer und Frauen. Interessant waren auch ihre Reden, Bewegungen, ihr ganzes emsiges Tun. Menschen waren das, wie Georg sie nie erlebt hatte, die ihm zu fehlen begannen, wenn er an den alltäglichen Orten ankam, in der Schule, im Haus, im Garten. Die freundlichen Gesichter fehlten ihm, ohne dass er Näheres von ihnen wusste. Im Film redeten alle meist ohne Scheu und sichtbaren Hinterhalt. Sie lächelten, lachten, was Georg gern nachzuahmen versuchte. Durch Nachahmung lernte er schließlich auch das, was man vielleicht sogar Charme hätte nennen können, der sonst wohl keinem aus seiner Umgebung je abzuschauen war.

Die Unbeschwertheit, mit der die Menschen im Film einander begegneten bezauberte ihn. Auch ihre Gewohnheit höflich zu grüßen, zu bitten, zu danken. Wie sie, die Herren, den liebenswürdigen Damen Blumen schenkten, oder den Vortritt ließen! Das alles erschien Georg ganz wunderbar, schön und nachahmenswert. Man saß bei Tisch, speiste mit Messer und Gabel, während Georg meist nur mit dem Löffel die Dinge in sich hineinstopfte. Bald begann er zu ahnen was heiteres Geplauder war und nahm sich vor, das einmal auszuprobieren, auf andere zu schauen und auch zu hören, was sie von ihm wissen wollten. Ihnen würde er antworten wie einer der freundlichen Herren auf der Kinoleinwand. Er betrachtete deren Kleidung und nahm sich vor, eines Tages auch so einen feinen Anzug zu tragen wie sie, aber jetzt schon, zumindest am Abend, seine Hosen vom Staub zu befreien, sie auszuschütteln und nicht achtlos auf den Boden zu werfen. Nie sah er einen dieser Männer barfuß gehen, die Frauen auch nicht. Sie trugen Socken oder Strümpfe. Georg beobachtete da sehr genau. Wenn, was er sich sehnlich wünschte, einmal ein Mädchen ihn ansprach, würde er in Schuhen vor ihr stehen, ihr zuhören und auf ihre Freundlichkeit freundlich antworten. Dass es solche Menschen wie in diesen Filmen überhaupt gab, grenzte beinah an ein Wunder, denn höchst selten reagierten sie mit Geschrei und Geschimpfe, und Ohrfeigen setzte es so gut wie nie.

Nach und nach wurde Georg ein anderer. Nie, das nahm er sich vor, würde er aufhören ins Kino zu gehen. Das Überraschende nämlich, sicherlich auch das Schönste an diesen Filmen war die Liebe. Und am allerschönsten ein Kuss. Daran dachte er wieder und wieder, weil er sich nicht erinnern konnte, jemals geküsst zu haben oder gar geküsst worden zu sein.

Was außerdem auffiel und ihn mächtig beeindruckte? Dass die Menschen im Film sich einer anderen Sprache bedienten. Bald unterschied er genau zwischen den Redegewohnheiten der Leute im Dorf und verglich sie mit denen der Schauspieler. Der Lautklang jener Frauen und Männer gefiel ihm. Ähnlich wie die seiner Lehrerin, dachte Georg, nur noch viel schöner. In der Schule hörte er dennoch bald aufmerksam auf die Stimme der strengen Frau, verlor langsam die Angst vor ihren Fragen und wusste nach und nach manchmal sogar eine passende Antwort darauf.

Was er nicht liebte, waren hässliche Szenen, die es ab und zu vor der Filmvorführung zu sehen gab. Unüberhörbar, besonders gegen Ende der Dreißigerjahre die Zeichen der Zeit. Die raueren Reden der Männer, die Menschenmengen und Furchterregendes jeglicher Art, das Georg bekannt vorkam und das er gern mied.

Es machte ihn glücklich, wenn in der warmen Jahreszeit die Türen des Kinosaals offen standen und sich ihm die Gelegenheit bot, erst gegen Ende einer lärmenden Vorschau, wenn die Kinogäste, vom Flugzeuggedröhn und dem Geschrei eines Einzelnen oder einer Menge überwältigt, unbemerkt in das schützende Dunkel zu tauchen. Dann konnte er nach Ablauf des Lärms wieder völlig gefahrlos auf allen Vieren sich den Wundern der Schönheit und manchmal doch auch der Liebe nähern.

Die geheime Herrlichkeit seines Bubenlebens war leider zu Ende, als Georg zu viele unvorsichtige Nachahmer fand. Den Kindern des Dorfes blieb nichts verborgen. Sie kamen in Scharen und wollten auch dieser Freuden teilhaftig werden. So wurde die Sache bald offenbar und äußerst schwierig für Georg. Als Frau B. davon erfuhr war sein Traum zu Ende, doch da glaubte er ja bereits zu wissen wie die Dinge des Lebens liefen, was davon nachahmenswert war und schön – und was verabscheuenswürdig und unangenehm. Das wollte er meiden.

Was Georg sonst noch aus jener Zeit im Gedächtnis blieb? Neben der Freude an Musik war es die nicht zu leugnende Tatsache, dass es völlig verschiedene Menschen gab, einer mit anderen keineswegs vergleichbar. Das zeigte nicht nur die Art und Weise wie sie sich gaben, wie sie miteinander sprachen, sich kleideten und bewegten. Hören konnte man das bereits an dem Tonfall der Stimmen, in den Gesichtern konnte man unterschiedliche Regungen sehen, so wie sie Georg ja auch manchmal packten und überwältigten. Wie schrecklich und Furcht erregend die einen, wie reizend und nett manch andere Menschen! Und wie sie sich zueinander verhielten, besonders, wenn einer verliebt war! So etwas hätte auch er gern erlebt, dass jemand so nett zu ihm gesprochen hätte. Mit sanfter Stimme, beruhigend, einfach lieb. Hier im Dorf gab es das nicht. Für vieles nicht einmal Wörter.

Doch käme Georg, einmal erwachsen, hinaus in die Welt der Großen – er stellte sich das ganz wunderbar vor – würde er manches, was er hier in den Filmen bewunderte, wiederfinden: die guten, die unguten und die schrecklichen Menschen. Die Freundlichsten, Liebenswürdigsten von allen würde er sich aussuchen. Er selber aber wollte wie sie, mit Schuhen, Hut und sauberem Anzug, gern einer von ihnen sein.

3 MENSCHENMUND

Vom Anfang an war es Neugier die ihn in jener Gegend umgab. Damals, als das Kuckuckskind Georg vor dem Schultor aufgetaucht war, wusste keiner woher, warum und wer ihn dahergebracht. Umso mehr wurde geredet unter vorgehaltener Hand. Einfache Leute waren die B.s, Zieheltern wider Willen, denen angeblich nach schwierigem Hin und Her und trotz vehement vorgebrachter Proteste ein Kostkind aufgehalst worden war, an dessen Entstehung sie jede Beteiligung leugneten. Nach anfänglichem Unmut und einiger Ratlosigkeit sollen die B.s Resignation gezeigt haben, am Ende dann Gleichgültigkeit. Vor allem bezüglich diverser Erziehungsmethoden im Schulhaus.

Es wurde geredet. Wieso denn die Leute so plötzlich ein Kind bekommen hätten, die Bedauernswerten, ein jeder hätte sich doch dagegen gewehrt. Einige wussten es anders und hatten Mitleid mit dem Kleinen. Schließlich kam Frau B. ins Gerede. Hatte die denn nicht ohnehin einst ein Kind mit in die Ehe gebracht? Jetzt waren es also zwei, von denen Herr B. nicht der Vater war? Die Kinder erzählten daheim was sie mit dem Kostkind der B.s in der Klasse erlebten. Was im Schulzimmer vor sich ging war also bald allen klar. Doch niemand im Dorf schien zu wissen wie auf andere Weise der manchmal überbordenden Redelust des kleinen Bankerts beizukommen gewesen wäre. Also stimmten auch sie in der Sache Mundverklebung der Lehrerin zu. Herr B. und Frau B. erklärten, bei ihnen sei Georg vom Anfang an selten zum Sprechen bereit gewesen. Auch jetzt sei er immer noch ziemlich stur und verbockt. Da sei es bisher noch nicht nötig gewesen ihm den Mund zu verkleben.

Ja, zwei vom Schicksal Überrumpelte waren die B.s, die sowohl das Kostkind als auch einander voll Missmut betrachteten, unfroh des kleinen Hausgenossen, den sie nicht nur zu nähren sondern auch noch zu kleiden hatten. Da sei es praktisch, ihm die zu klein gewordenen alten Sachen des größeren Buben zu geben, des Sohns der Frau B. Die Schuhe, die Wäsche, die Jacke auch.

Die einzige Erleichterung ihres Loses war sein Schweigen. Nun auch noch das Gegenteil fürchten zu müssen, das fehlte gerade noch! Außerdem sei ihnen wichtig, dass alles was dieses Kind zu lernen habe ohne Ärgernis und zur Gänze im Schulhaus erledigt werden müsse. Das sei wohl das Selbstverständlichste der Welt, auch wegen ihres anderen, nur um wenige Jahre älteren Buben, der als leiblicher Spross der Frau B. natürlich ein Anrecht auf Beachtung der Hausaufgaben, auf Frage und Antwort hätte; ein zwangshalber in die Familie Gekommener verständlicher Weise weit weniger. Im gegebenen Fall sei es völlig richtig dem ungezogenen Vielredner – so Georg denn tatsächlich einer sei – kreuzweise den Mund zu verschließen. So verwahrten sich die B.s vor neugierigen Fragern. Sie hatten Kost zu geben, einen Schlafplatz, sonst nichts. Auch er, der Herr B., sei nämlich keineswegs der Vater.

Georg war von Natur aus ein sanftes, ein stilles Kind. Dennoch, wie in der Schule so war auch im Haus der Kostleute sein Schweigen nicht von sehr langer Dauer. Hatte er die Freude am Reden doch vermutlich überhaupt erst in diesem Dorf entdeckt und lustige Einfälle der Kinder mit Staunen auch als Möglichkeit für sich selber verstanden. Deshalb kam Herrn B. der nahe liegende Gedanke, für sich und die Seinen die häusliche Ruhe zugleich mit einem nützlichem Vorteil zu sichern; das fremde Kind, so gut es ging, durch Aufgaben außerhalb der familiären Begebenheiten zu beschäftigen. Das sei gut für alle, aber besonders für Georg, denn nur durch Arbeit würde er lernen sich später im Leben allein zu behaupten. Das hieß allemal, sein Brot sich mit der Zeit selbst zu verdienen. Außerdem: War einer weniger brauchbar in der Schule, musste er zeitgerecht lernen, anderen zu Diensten zu sein und möglichst früh sich daran zu gewöhnen.

In diesem Sinne versorgte Georg bald schon die sonntäglichen Fleischlieferanten des Hauses B., die Kaninchen. Er lernte, im Garten und draußen zwischen Feldern so wie am Wegrand nach deren Lieblingsspeisen zu suchen und ihre Ställe zu säubern. Nach kurzer Zeit bereits hoppelten sie ihm in ihren engen Behältnissen entgegen und wurden seine Gefährten. Der Kleine war traurig, wenn wieder einer von ihnen in der Bratpfanne brutzeln musste und sonntags dann ausgerechnet auf seinem Teller der Kopf des lieben Tierchens lag. Der ist dir sicher am liebsten meinte Frau B. Hast ihn ja immer gestreichelt. Georg saß dann davor und nahm nur wenig davon, weil die hübschen Ohren ja nicht mehr dran waren, auch nicht die Augen; und außerdem, weil zu viele Gedanken in seinem eigenen Kopf sich drängten, mit Not zurückgehalten, um nur ja nicht durch den geschwätzigen Mund nach draußen zu rutschen, denn das durften sie nicht. Georg sagte also nichts und war froh, vom Tisch weg und gleich wieder hinaus zu kommen, um allein zu sein.

An anderen Tagen klaubte er Fallobst in Körbe, schied faule von guten Äpfeln und Birnen und brachte die schönsten Frau B. ins Haus. Als er acht Jahre alt war führte er geschickt die Sichel durchs Gras ohne sich zu verletzen und wurde beim Jäten, beim Gießen und Ernten ein verlässlicher Helfer. Auch mit der Säge wurde er bald vertraut, sammelte Heizholz für den Winter und trug es, gebündelt über den Rücken geschwungen vom nahe gelegenen Wald auf den häuslichen Holzstoß. Die Belohnung war Schmalzbrot, falls genug davon da war, was aber nicht immer erwartet werden durfte in den kargen Zwischenkriegszeiten des vergangenen Jahrhunderts, einer Zeit der Arbeitslosen.

Georg erledigte seine Pflichten flink und genau. Die Kaninchen gediehen unter seinen Händen, sie waren seine Freunde geworden und tappten lustig ans Gitter wenn er, den Futtersack über der Schulter bei ihnen ankam. Er goss Wasser in ihre Schälchen und reinigte zeitgerecht ihre Ställe. Er sichelte und rechte das Gras im Garten. Frau B. kochte aus dem von Georg geernteten Obst Marmelade und hütete im Herbst streng die Nüsse vor ihm. Vorrat für den Winter, rief sie ihm nach, bevor er hinausging, um sie in Körbe zu sammeln und in die Vorratskammer zu tragen. Was für ein hübsches, bewegliches Bürschchen, sagten die Leute. Spindeldürr, gelenkig und voller Kraft in den Armen und Beinen; turnt, wenn einmal keiner ihn für eine Arbeit braucht, auf den Bäumen herum, ganz oben.

Nur sehr wenige seiner Schulkameraden kletterten ihm dorthin nach, was Georg sichtlich Freude bereitete. Den Mitgekommenen aber führte er seine Künste vor, und nicht selten endete so ein Spiel mit einem Wettlauf von Ast zu Ast und von Baum zu Baum, meist in der Allee, wo sie einander nahe standen. Georg blieb immer Sieger dabei.

Die erwachsenen Zuschauer neideten ihm das nicht. Armer Kerl, sagten sie, das wenigstens hat er den anderen voraus. Ähnliche Worte fanden auch zwei alte Leute, die dem Haus des Herrn B. gegenüber wohnten und Georg durch ihre Fensterscheiben beobachteten. Das waren die Eltern des Herrn B., aber Herr B. hörte nicht auf ihr Gejammer. Wenn du ihm nicht genug zu essen gibst, dann lass ihn zu uns herüber, meinten sie beide. Da hätte er es besser und hätte auch Zeit etwas Ordentliches zu lernen. Gib ihn uns, bat die Mutter des Herrn B. ganz ernsthaft, und der alte Herr stimmte ihr zu. Wir adoptieren das Kind. Wird uns ein besserer Sohn sein als du.

Das hörte Herr B. nicht gern. Als kundiger Mann beim Hausbau, Polier und rechte Hand seines Baumeisters, hatte er wohl das Seine geleistet und war beleidigt, eigentlich bitterböse. Es waren schlechte Zeiten, und arbeitslos zu sein kein Honiglecken. Die Alten bewohnten ein sauberes Häuschen, das ihm, nur ihm allein von Rechts wegen zustand. Sollte der kleine Nichtsnutz es ihm denn wegnehmen?

Herr B. redete kein Wort mehr mit seinen Alten und erzählte alles am selben Abend noch seiner Frau als sie von einem Gasthausbesuch nach Hause kamen und in der Speisekammer nach ihrem Nachtmahl suchten. Dabei stellte es sich heraus, dass die gehütete Rein mit den Nudelresten völlig leer und von dem Aufbewahrten kein Bröselchen mehr vorhanden war, in der Nachtmahlrein sich also keine einzige Grießnudel mehr befand; und dass – weder der ältere Sohn noch sonst ein Mensch war an jenem Tag im Haus – einzig Georg als Täter in Frage kam. Infam, weil widerrechtlich hatte er alles was an Grießnudeln von dem Mittagsmahl übrig geblieben war, in sich hineingestopft, so dass es den Anschein hatte, Herr B. hätte im eigenen Haus nicht nur seinen künftigen Erbschleicher zu ernähren. Georg sei jetzt schon, das sei ja nun zur Genüge bewiesen ein ausgefeimter Dieb, der kaltblütig seine Wohltäter um ihr bescheidenes Nachtmahl betrog. Brauchte das noch einen anderen Beweis? Auch hatte die Bäckersfrau Georg unlängst erst vor dem Semmelkorb beobachtet. Allzu lang sei er davor gestanden, und wer weiß, ob er dabei nicht – diebisch wie im gegenwärtigen Fall – eine verschlungen hat?

Sie suchten nach Georg und fanden ihn schluchzend im Keller bei den Kaninchen, wo er meistens zu finden war und sie hätten ihn windelweich geschlagen, wäre Georg nicht flink wie ein Pfeil unter der wütend erhobenen Hand des Herrn B. hinausgeschlüpft ins Freie und seiner wohlverdienten Strafe entronnen. Die beiden zeterten in schrillen Tönen, was weithin zu hören war, aber der Bub war längst über das froststarre Gras und durchs Gartentor in den Nebel getaucht, der sich wie ein schützender Vorhang über die Schreckensszene gebreitet hatte. Nach Hasenart lief er, Haken schlagend, in die kalte Novembernacht hinaus. Im Wald dachte Georg, wäre er sicher. Aber er hatte keinen Mantel dabei, keine Mütze, rein gar nichts.

Die Tür, vor der Georg nach blitzschneller Kehrtwendung angerannt kam, stand bereits offen. Die Mutter des Herrn B. nahm ihn in ihre Arme, bevor sie wieder drinnen im Haus den Riegel vorschob. Der Kleine war damals kaum mehr als acht Jahre alt. Als seine Tränen endlich versiegten, alles erzählt und das Schmalzbrot verzehrt war, das sie ihm vorgesetzt, sah er sich in dem schönen Raum um. Da hingen Geweihe an den Wänden, dort glänzten Gläser in einem Regal, und über den Tisch war ein sauberes Tuch gebreitet. So etwas hatte das Kind nie gesehen. Der alte Herr fasste ihn an der Hand und führte ihn vor eine verschlossene Kredenz. Sagst halt Großvater zu mir, meinte er begütigend und öffnete die gläserne, mit Blumenmustern verzierte Tür. Da gab es drei Reihen voll Bücher, große und kleine, mit dicken und dünnen, hellen und dunklen, grünen und braunledernen Rücken. Manche hatten goldene Buchstaben darauf und Georg durfte mit der Hand berühren was der alte Herr für ihn aus der Kredenz hob. Zwar kann man Bücher nicht essen, meinte der Vater des Herrn B. mit einem Lächeln, doch eigentlich schmecken sie besser als Grießnudeln, glaube mir. Manchmal sogar noch besser als Brot, und einmal wirst du es wissen. Natürlich nur wenn du lernst, sie richtig zu lesen. Das und Ähnliches murmelte er in seinen schlohweißen Bart hinein. Dann, so meinte er zu Georg gewendet, gehören sie dir.

Besser als Brot? Georg konnte das Wunder nicht fassen. Ein anderes Brot, ergänzte freundlich der alte Mann und Georg sah zu ihm auf und wusste nicht, wie ihm geschah. Aber er konnte ja lesen! Warum wusste das niemand, warum hörte ihm nie einer zu? Selbst die Lehrerin nicht, vor der er sich fürchtete, weil er jeden Tag und immer noch an dieses kreuzweise Pflaster über dem Mund denken musste. Durch Tränenschleier betrachtete er den alten Herrn, der sein Großvater nicht war, wie Herr B. ihm eingeschärft hatte. Und trotzdem durfte er Großvater zu ihm sagen? Wie war denn das möglich? Herrn B. durfte er nie anders als mit „Herr B.“ ansprechen, zu Frau B. nichts anderes sagen als eben „Frau B“. Und natürlich galt jederzeit nur die Anrede „Sie“. Georg war an anderes nicht gewöhnt, doch wusste er sehr genau, dass der Bertl, der Sohn der Familie, „Vater“ und „Mutter“ sagen durfte und natürlich auch „du“. Den Bertl lobten sie wegen seiner Tüchtigkeit, während sie Georg zu den Hasen schickten, wenn sie dem eigenen Kind bei den Aufgaben halfen. Wie sehr hätte Georg sich gewünscht, dass ihm wenigstens einmal einer beim Lesen zugehört oder beim Schreiben zugeschaut hätte. Wenigstens einmal! Aber Herr B. wollte das nicht. Du musst lernen, alles selber zu machen, sagte er gern, im Leben hilft dir auch keiner weiter. Und ich bin nicht dein Vater! Noch schmerzvoller fand Georg das Verbot, zum Bertl „Bruder“ zu sagen. Als ihn die anderen Buben verspottet hatten, ihm wieder einmal einer ein Bein stellen wollte, rief Georg in seiner Empörung: Ich sag’s meinem großen Bruder! Der Bertl aber hatte darauf nur gelacht und Georg nicht einmal angeschaut. Der ist nicht mein Bruder, hatte Bertl gemeint. Der? Der ist doch nicht mein Bruder!

Nein, Georg würde das Wort „Großvater“ nicht über die Lippen bringen. Wie er ganz sicher wusste, war das verboten. Jetzt getraute er sich kaum zu atmen vor Verlegenheit und Glück. Später erinnerte er sich oft an den alten Mann und seine Worte, an diese einzigartige Szene vor der Kredenz mit den drei Bücherreihen darin; dass eine unbeschreibliche Faszination davon ausgegangen war und dass er das alles nie hätte vergessen wollen. Wie gern hätte er einen Großvater gehabt! Die wenigen Tage, die er in dessen Haus verbringen durfte, versprachen ein neues, nie empfundenes Lebensgefühl. Von den Speisen, die Georg auf seinen Teller bekam, stieg ein Duft auf wie er ihn noch nie genossen hatte. Er durfte essen so viel er wollte. Menschen kamen in dieses Haus, die nie zu Herrn B. gekommen wären. Am Sonntag erschien der Herr Oberförster mit Frau zu einer Jause. Georg durfte ein Stück Gugelhupf nehmen und bekam sogar noch ein zweites. Dann sah er beim Kartenspiel zu. Dabei waren alle fröhlich und niemand wies ihm, Georg, die Tür.

Das alles zeigte sich jedoch bald als ein Traum. Es kam zum Wettstreit zwischen Vater und Sohn. Dem betagten Ehepaar wurde das Adoptionsrecht nicht zuerkannt. Zu alt, war das Urteil; auch liege eine Notwendigkeit für ihr Ansinnen nicht vor. Herr B. aber hatte wenig Verständnis für seine Eltern, noch weniger allerdings für jenes gefräßige Kücken, das ihm – wer das gewesen, brauchte ja niemand zu wissen – ins warme Nest gelegt worden war. Er sei nicht der Vater, ein für allemal! sagte er laut. Und wer freiwillig für die Ernährung dieses unersättlichen Bengels zahlen wolle, könne das jederzeit tun.

Der Entscheid sprach für Herrn B. und Georg musste wieder zurück in dessen Haus. Verboten war ihm von da an jeder Kontakt mit den alten Leuten. Würde er zuwiderhandeln, dürfe er in seinem warmen Nest nicht mehr bleiben. Georg weinte nach den beiden Alten, wusste er doch außer dem ihren kein anderes Nest. Und bei Herrn und Frau B. war es ja nie besonders warm gewesen.

Die Eltern des Herrn B. starben bereits nach wenigen Jahren, erst der Mann und bald danach seine Frau. Herr B. aber war ab dem Zeitpunkt oft außer Haus und kam manchmal tagelang nicht heim. Frau B. sagte nichts. Sie besorgte sich wöchentlich Liebesromane aus der Sammlung des Trafikanten, und Georg hatte sie, wenn alles gelesen war, pünktlich zurückzubringen um neue zu holen.

4 GEBOREN WORDEN

Zwar ist es ganz sicher, dass, zuweilen jedoch höchst unsicher, wo, wie und wann ein Mensch in diese Welt kam. So mancher fragt sich ja auch, warum überhaupt. Wenn Georg derlei Fragen zu hören vermeinte, um sie danach im Stillen sich selbst zu stellen, wusste er darauf keine Antwort. Reden von einem Storch, der ein Kind einfach fallen ließ, irgendwohin, hatten ihm immer schon Abscheu und tiefstes Grauen bereitet. Er misstraute den riesigen Schnäbeln der Vögel, ihrem fremden, spannweiten Gefieder, vor allem aber der Art, wie Störche zu gewissen Zeiten im Tiefflug über Dächer und Felder zogen. Im Herbst pfeilten sie quer durch die Gegend über den Berg, im Frühjahr aber zu einem nicht weit entfernt liegenden See, weil es dort Frösche, Schilf und auf Bäumen und Dächern allerlei Nistplätze gab. Georg fürchtete jene Stellen, an welchen sie landeten, scheute das braune Wasser wie auch den breiten, träg dahin rinnenden Bach mit Büschen rundum und Wäldern, so wie alle feuchtdunklen Landschaften und die Au, wohin ihn manchmal, wie auch an den See, einer mitnahm.

Ein Findelkind bist du gewesen, sagten die Leute. Was ist das? hatte er prompt gefragt, doch das fragte er später nicht mehr. Gefunden war er worden, doch nicht von Storchenvögeln und von solchen auch keineswegs fallen gelassen. Von wem also fallen gelassen? Wieso und wo war er schließlich gelandet? Wäre er an einem Bachrand gefunden worden, an einem von Sonne beschienenem hellklaren Wasser, in ein reinliches Körbchen gesteckt, das sich leicht einhaken konnte zwischen Wurzeln und moosigem Stein, mit Butterblumen an seiner Seite, die sich hin- und herbewegten im Wind, er hätte es gerne herum erzählen wollen. Dann wäre auch er gewesen was jeder andere war, nämlich einer, der eine Herkunft hatte; zwar seltsam und geheimnisvoll, doch immerhin; er hätte benennen können was war, so wie das alle anderen taten, die morgens munter aus dem Tor ihrer Elternhäuser schlüpften und abends dahin zurückkehrten mit einigem Recht, weil das ihr Zuhause war.

Wie schön wäre es gewesen, hätte es auch von ihm irgendwelche Geschichten gegeben, die man hören und hätte erzählen dürfen; eine wie die, welche einmal im Bäckergeschäft von Leuten erzählt worden war; dort hätte er auch die seine zum besten geben können. Wären die baff gewesen, diese Neugierigen, die ihre Fragen immer nur aus dem Hinterhalt stellten, damit sie sich lustig machen konnten über einen, der sich schämte, das Wort „Vater“ oder „Mutter“ nie ausgesprochen zu haben, weil mutterseelenallein auf der Welt. Oder weil er kein Recht hatte, einfach zu sagen was Wirklichkeit war. Frau B. nämlich, die manche seine „Ziehmutter“ nannten, obwohl sie das sicher nicht war, die hätte solche Anrede gleich abgewehrt, hätte sie diese gehört. Für Scherze hatte Frau B. weder Zeit noch ein Ohr. Nein, Ziehmutter war sie wirklich nicht, das hätte Georg ganz sicher bemerkt. Auch war ihr bereits dieses Wort zuwider, und von Georg sprach sie, wenn überhaupt, höchstens als von einem „Kostkind“ ihres Mannes, wenn einer dumme Fragen stellte.

In seinem Kostquartier redete der Bub daher wenig, er war meist nur da, wenn zur Mahlzeit gerufen. Aß was ihm vorgesetzt wurde und lief wieder weg, wenn alles verzehrt und nichts mehr zu verteilen war. Am Abend schlich er zu seinem Eisenbett in die Kammer, die eigentlich Vorratskammer war und recht eng. Seinem Eisenbett gegenüber stand noch ein schmales Sofa, auf dem früher die alte Tante des Herrn B. logiert hatte, die hatte auch nicht sehr viel geredet. Eines Morgens war sie nicht aufgewacht und Leute kamen daher, die hoben sie auf eine Bahre und trugen sie fort. Danach erschien sie nie wieder und das Kostkind war mit dem Speckgeruch, der dem Raum die Atmosphäre einer Selchkammer gab samt Regalen mit Marmeladen- und Gurkengläsern, Winteräpfeln und Nüssen allein.

Einmal fischte er aus dem seitlichen Loch eines Jutesacks eine Nuss heraus, die so herrlich roch, dass er sie mit Zunge und Zähnen zu befühlen und, weil die mit der Zeit recht kräftig geworden waren, zu knacken begann; so wie man Nüsse eben knackt, wenn die zweiten, also die Erwachsenenzähne groß genug und so brauchbar geworden waren wie die seinen. Wenn einmal draußen am Straßenrand ein voller Nussbaum etwas von seiner Fracht abwarf, so dass jeder, der wollte, aufklauben durfte was auf dem Weg lag, freute sich Georg und hütete seinen Schatz in einem geheimen Winkel des Gartens, den Eichkätzchen gleich, um genauso wie Frau B. etwas vorrätig zu haben für spätere Zeiten.

In der Kammer freilich, in der Georg schlief, durfte keiner sich an derlei Köstlichkeiten laben. Er wusste das längst und hielt sich daran, aber die eine Nuss wäre vielleicht auch von selber durch das Loch aus dem Jutesack gefallen und was auf dem Boden lag, durfte man nehmen. Oder? Das Krachen und Splittern zwischen seinen Zähnen drang bald verräterisch durch die Tür und Herr B. und seine Frau stürzten gleichzeitig in ihren Nachthemden und mit großem Geschrei herein. Nein, nie mehr wieder dürfe er so etwas wagen. Fiel eine Nuss durch ein Loch, sei sie sofort in den schleißigen Sack zurückzubefördern.

Durch die Schlafzimmertür hörte Georg sie schimpfen. Und Bertl, der rechtmäßige Sohn der Frau B. durfte mit einstimmen, war er doch wohlgelitten und sicher bei Vater und Mutter. Durch die Tür horchte Georg was sie ihm vorzuwerfen hatten, verstand aber nicht alles.

Nach jenem Streit um die Nuss gab Herr B. eine neue Schlafordnung bekannt. Bertl wanderte aus dem Zimmer seiner Eltern hinaus in die Vorratskammer, bekam Georg gegenüber das Sofa der alten Frau, die angeblich nicht mehr wiederkam und gab gewissenhaft acht, dass in Anwesenheit Georgs, des Nüsseknackers, ganz bestimmt keine Nuss mehr aus jenem Loch des Jutesacks fiel und Georg auch sonst keinerlei Appetit in sich nährte zwischen Speckseiten, braun gerunzelten Birnen und duftenden Winteräpfeln.

Nun wusste Georg genau und war nach dem Vorfall überzeugt wie nie zuvor, dass das Haus der Familie B. nicht der richtige Platz für ihn war. Doch wo sollte er hin? Stimmte was alle sagten, nämlich dass jedes Kind von einer Mutter geboren worden sei, wo war dann die seine? Georg wünschte sehr dieses Rätsel zu lösen und dorthin zu gehen, wo seine Mutter war.

5 BROT

Aus gutem Grund zogen Georgs Gedanken immer engere Kreise. Jeden Morgen vor Schulbeginn umkreisten sie mit Beharrlichkeit das Schaufenster der Bäckerei. Aus angemessener Entfernung, vor dem Fensterglas, betrachtete er das frisch gebackene Brot, die schönen runden Laibe und länglichen Wecken, solche mit mehlbestaubten, aufgesprungenen Krusten und solche mit glatten Oberflächen, die zum Darüberstreichen verführten. Dahinter waren auch Semmeln zu sehen, doch ihren Geschmack hatte Georg nur undeutlich in Erinnerung, weil er selten Weißgebäck hatte kosten dürfen. Auf seine Frage hin hatte die Bäckersfrau das Kleingeld aus seinem Hosensack nur kurz betrachtet und sofort zurückgewiesen. Zu wenig war es, noch immer zu wenig.

Im Sommer stand die Ladentüre weit offen, da nahm Georg auch die Gerüche wahr, die aus der Backstube drangen und die ihm die besten schienen, die es überhaupt gab; die er noch in sich trug, wenn es längst Herbst war und die Türen geschlossen.

Solang das Wetter es zuließ, suchte Georg gern den hintersten Winkel des Gartens von Herrn und Frau B. auf; und frönte damit einer anderen Art von Sehnsucht, nämlich der nach Einsamkeit. Wegen der Weitläufigkeit des Gartens und der Entfernung vom Haus waren Geräusche von dorther kaum wahrzunehmen. Nicht einmal die Stimme der Frau B., wenn sie nach Georg rief und die er, falls er sie dennoch vernahm, gleich wieder vergaß. Hinter dem Geräteschuppen, knapp an der Gartenmauer lag nämlich sein Versteck, für Neugierige uneinsehbar wegen der hohen Brennnesseln, einer Menge wilden Gestrüpps und ungeschnittenen, von hohem Unkraut durchwucherten Stauden. Behände schlüpfte er durch diese Hindernisse zu seinem aus losen Brettern zusammengefügten Sitz, der mit einer löchrigen Pferdedecke aus dem windschiefen Schuppen bedeckt beinah einem Sofa glich. An diesem Ort suchte ihn freilich keiner auf, nichts und niemand würde hier stören, so dass Georg die Augen sogar schließen konnte; sicher, weil abgetrennt von der Welt.

War er hier hungrig, brauchte er nur an Brot zu denken. Dann genoss er, allein in der Vorstellung, jenen feinen frischen Geruch, auch den der Semmeln im Korb des Bäckerladens, der seitlich des großen Verkaufspultes stand; Kaisersemmeln, wie eine Kundin einmal erklärt hatte, herrlich rund und knusprig und seinem Betrachter jederzeit zugeneigt. Für Georg sah das so aus, als wollten sie aus ihrem Gedrängtsein zwischen den anderen sich in wundersamer Weise befreien und, ohne Rücksicht auf neidische Blicke, einfach herausspringen aus ihrem Körbchen und rollen, rollen, direkt auf Georg zu.

Er musste lachen bei diesem Gedanken, doch in das Geschäft wollte er nicht mehr hineingehen. Hatten sie ihn nicht erst kürzlich gefragt, was er denn wolle für so ein bisschen Kleingeld, das seinen Hosensack nicht sehr beschwerte und das nie genug war, um eine einzige Semmel zu kaufen? Eine der Frauen hatte ihn dort mit kaum zurückgehaltener Stimme verdächtigt. Weiß einer vielleicht, wo dieser Lausbub da herkommt? Ob der nicht hinter dem Rücken der Leute mit seinen Schmuddelfingern tief in den Korb hineinfasst? Das war sehr kränkend für Georg gewesen. Er würde also fortan nur mehr vom Gehsteig aus zu den Semmeln schauen.

Am besten war es jedoch derlei überhaupt zu vergessen. Auch die Geschichte von dem geheimnisvollen, angeblich vom Pfarrer so streng verwahrten Brot, von dem ihm damals die Kathi erzählt hat. Zwei Jahre waren es her, doch immer wieder fiel ihm der Vorfall mit einer Bitterkeit ein, die ihn traurig machte. Ging es wirklich immer nur um Verbote? Verbote zu haben was andere Kinder hatten; Verbote, dasselbe zu wollen wie sie, dasselbe zu tun. Das Verbot, in der Klasse zu sitzen, wenn alle anderen fröhlich dort beisammen saßen an all den Tagen, an denen der Mann in dem schwarzen Gewand kam.

Und überhaupt die Schule! Diese Quelle der Qual! Nie würde sich Georg der jeweils passenden Zeit sicher sein; wann es erlaubt war zu reden und wann zu schweigen, das wusste er nicht. Fiel ihm einmal auf eine gestellte Frage die richtige Antwort ein, musste er still sein. Doch kaum hatte er anderen Tags zufällig einmal nicht hingehört, war seine Rede gefragt. Ärgerte er sich darüber und protestierte, drohte wieder einmal das Pflaster über dem Mund, das er gerne vermied. So blieb er weiterhin still in seiner Bank sitzen, was keinen zu stören schien außer ihn selber.

An manchen Tagen allerdings durfte er nicht einmal das. Nämlich wenn er zu ganz bestimmter Stunde, immer dann, wenn der Pfarrer des Ortes die Klasse betrat um Geschichten zu erzählen, das Schulhaus verlassen musste. Das machte ihn traurig, aber sich draußen auf den Randstein der Straße setzen zu müssen, so lang, bis die verbotene Stunde vorbei war, verbitterte ihn. Warum das so sein musste, hatte ihm niemand erklärt. Auch Herr B. wusste es nicht zu erklären. Auf die Frage, warum Georg nicht alles, was in der Schule zu lernen war, lernen durfte, meinte Herr B. ziemlich unwirsch, was dieser schwarze Mann dort erzähle, sei Unsinn, das brauche er nicht zu hören. Und es solle doch endlich Schluss sein mit Georgs sinnlosem Wünschen.

Georg war es jedoch nie egal gewesen, dass alle Kinder der Klasse, außer ihm, ein Fest feiern durften, ein großes Fest, und das ausgerechnet mit diesem Pfarrer. Georg war natürlich auch damals nicht mit dabei gewesen. Verboten. Doch auf diesen Tag hatten sich alle Kinder gefreut, die Mädchen waren in weißen Kleidern, die Buben im neuen Anzug mit langen Hosen zu sehen gewesen. Und so, festlich gekleidet, hatten angeblich alle ein Brot bekommen, das sie „Brot des Lebens“ nannten. Georg natürlich nicht, hatte wieder einmal nicht bekommen was allen anderen selbstverständlich zuteil war, hatte also auch auf das Brot des Lebens verzichten müssen, ja nicht einmal davon gekostet. Das Brot in der Küche hatte Frau B. erst unlängst vor seinen Augen weggeräumt, weil sein Appetit zu groß war. Und das gute Schmalzbrot der zwei alten Leute gegenüber? Er durfte es nicht annehmen. In der Bäckerei war ihm das Betrachten der Brote zwar nicht verboten, aber verleidet worden samt diesem herrlichen Semmelgeruch, der aus der Backstube kam. Und dann dieses Lebensbrot, das er sich zwar nicht vorstellen konnte, dafür jedoch umso heftiger wünschte, weil die Geschichte, die damit verbunden war, so geheimnisvoll und anscheinend nur ihm alleine verwehrt war. Und das alles, dachte Georg, weil der Herr B. eben nur der Herr B. und nicht sein Vater war, den er darum hätte bitten dürfen. Er hatte die Kathi vom Nachbarhaus gefragt was das Lebensbrot koste. Er habe ja leider zu wenig Geld. Vielleicht gebe doch die Frau B. ihm etwas dazu, hatte er damals gemeint, wenn wieder einmal im Wald genug Holz herumlag nach einem Sturm oder nach einem Gewitter. Gar nichts kostet es, hatte Kathi gesagt. Gar nichts. Du musst es nur wollen.

Ach, sein Wollen hatte ihm wenig genützt. Tränen nützten ja auch nie, deshalb hatte Georg damals einen Entschluss gefasst. Das Lebensbrot, das vielleicht doch etwas Besonderes war – warum denn sonst dieser Name! – das würde er sich beschaffen. Als er eines Tages mit seinem Anliegen vor den Pfarrer trat, wunderte der sich über die finstere Entschlossenheit des Knaben. Das Lebensbrot lasse er sich nicht vom Herrn B. verbieten sagte er zu dem geistlichen Herrn. Auf das Brot der alten Leute habe er verzichten müssen, manchmal auch auf das von Frau B. und auf die Semmeln vom Bäcker sowieso. Das Lebensbrot aber, das wolle er haben und gleich mitnehmen, falls das möglich sei. Jetzt gleich, sagte er zum Pfarrer, wenn es wirklich nichts koste. Er habe nämlich sehr wenig Geld.

Da hatte der Pfarrer, nach ratlosem Schweigen, endlich zu reden begonnen, berichtete Georg später, als er, schon längst erwachsen, nach vielen Jahrzehnten eines Abends an jenen Mann dachte. Der habe ihm eine Geschichte erzählt und noch eine andere, die er sich hätte merken sollen. Trotzdem habe er, Georg, die Sache mit diesem Brot nicht ganz verstanden. Am Ende habe der freundliche Mann ihn auf später vertröstet. Die Zeit sei zu kurz, das Fest bereits für den nächsten Tag angesagt. Georg müsse sich noch ein wenig gedulden, vielleicht später wiederkommen. Ich werde warten, hatte Georg erwidert.

Und jetzt? Im letzten Winkel des Gartens zwischen Geräteschuppen und Mauer dachte Georg über gar manches nach. Beschützt von Brennnesselstauden und dichtem Gestrüpp, war er von allen Seiten her gut verdeckt. Hier konnte er alles was ihm ein Rätsel und ein Geheimnis war noch einmal bedenken. Auch jene seltsame Rede des alten Herrn, der einmal beinah sein Großvater geworden wäre. Von einem ganz anderen Brot hatte dieser Mann nämlich gesprochen. Und nicht das Brot der Frau B. hatte er damit gemeint, auch nicht das der alten Frau und nicht das jenes Pfarrers. Georg war da ganz sicher. Aber wie konnten denn Bücher besser als Brot sein? Bücher kann man nicht essen, hatte der alte Herr gesagt. Damals hätte Georg gleich fragen sollen, sich aber doch nicht getraut.

Er lag, den Arm seitlich aufgestützt, bequem auf der Decke. Auf dem Brettersofa machte Georg es sich bequem, streckte sich rücklings aus und sah in der Enge seines Verstecks, zwischen Schuppen und Mauer, den vorüber ziehenden Wolken nach. Sie verschwanden jenseits der Ziegelwand und andere kamen nach. Große Wolken und kleine, an den Rändern zart und ausgefranst, manche so durchsichtig wie ein Schleier. Er hätte sie gerne festgehalten. Sie kamen und zogen gleich wieder weg. Viel zu schnell, dachte Georg. Viel zu schnell.

Das war ein guter Platz, sicher einer der schönsten und das beste Sofa, das einer sich wünschen konnte. Als sich Hunger zu melden begann, lief er nicht gleich ins Haus sondern wartete noch eine Weile bis der Gedanke an Brot sich zu steigern begann. In seinem Hosensack hatte er seit Mittag ein kleines Stück Brotrinde; nicht gleich verspeist, so wie er es sonst tat, sondern vorausschauend aufgespart. Das zog er nun genüsslich heraus. Hinter der Schuppentür, wohl verwahrt unter dem vielen Holz, abgedeckt von allen Seiten, so dass kein Regenwasser dazu kam, bewahrte er seinen Schatz auf, ein sorgsam gehütetes Geheimnis. Ein altes Holzkörbchen war es, nicht groß und schon halb zerbrochen, innen mit Zeitungspapier sauber ausgelegt, damit sein Schatz nicht durch alle Ritzen fiel. Hier bewahrte er seine eigenen Nüsse auf, die er – es war ja Ende September – da und dort schon gefunden hatte: am Waldrand auf Feldwegen und neben der Straße. Frau B. hatte ihm nie erlaubt, von den Vorräten der Familie zu essen, und er hielt sich daran, nachdem sie in der Vorratskammer, wo Georg schlief, ihren Nüssesack streng kontrollierte. Nur einmal war Georg mit Recht verdächtigt worden, doch würde das nicht mehr passieren. Mit eigenem Vorrat konnte er Frau B.s Nüsse gleichmütig und ohne die leisesten Nebengedanken betrachten. Jede Nacht konnte er sie riechen und dennoch widerstehen, was ihn irgendwie beinahe erwachsen machte, überlegen und glücklich.

Jetzt zählte er seine eigenen Nüsse, während er an der Brotrinde kaute. Es waren bereits vierzehn Stück und es würden noch mehr werden bis die Nusszeit vorüber war. Georg bedeckte seinen Schatz mit altem Zeitungspapier und schob das Körbchen unter die Bretter der Hütte, deren doppelter Boden und metallisch klingender Unterbau Schutz genug vor gefräßigen Nagern bot. Dann verdeckte er diesen Platz mit Gartengerät, verwischte die Spuren im Staub und verschloss den Hintereingang der Hütte bevor er zurück ins Haus ging.

So oft es ihm möglich war, suchte Georg seinen Geheimplatz auf. Von Zeit zu Zeit zählte er seine Schätze. Er tat immer etwas dazu, rechnete, sparte und wusste genau, wie viele Nüsse er wöchentlich verzehren durfte, um den Winter mit Nüssen zu überstehen. Haushalten musste er mit diesem wertvollen Gut, nur keine Verschwendung, dachte Georg. Alles muss seine Ordnung haben. Er gestattete sich keinen Heißhunger mehr, vielleicht auch deswegen nicht, weil Nüsse nur mit den eigenen kräftigen Zähnen zu knacken waren; das gelingt nicht oft hintereinander. Nüsse mit Steinen aufzuschlagen verbot sich von selber, des Lärmes wegen und der Gefahr, wegen unvermeidlicher Spuren entdeckt zu werden. Das Wichtigste an der Sache war, ein Geheimnis zu haben, von dem niemand wusste und kein Mensch auch nur ahnte auf dieser ganzen weiten Welt.

6 LESENDE

Seit Herr B. mit dem Motorrad unterwegs war schlief er selten daheim. Zwecks Erlernung eines Berufes war auch der Sohn der Frau B. aus dem Haus, deshalb beleuchtete die sparsame Frau abends nur einen der vorhandenen Räume. Georg durfte die Vorratskammer, wo für ihn das alte Eisenbett aufgestellt worden war verlassen und Frau B. richtete das Sofa gegenüber ihrer eigenen Schlafstatt für ihn her, so dass die beiden Alleingelassenen abends je eine Ecke des großen Wohnraums für sich haben konnten, einander kaum sichtbar durch den massiven Tisch in der Mitte, auf dessen Fläche sich Wäschekörbe und anderer Hausrat türmten. Das Schlafzimmer der Eheleute blieb bei Nacht und Tag unbetreten. Kalt, leer und manchmal sogar verschlossen.

Georg erinnerte sich dieser Zeit als seiner besten an jenem Ort. Frau B. widmete sich abends den Liebesromanen mit solchem Eifer, dass sie alles um sich herum vergaß, für ein Gespräch keine Zeit war, auch nicht für Unbequemes wie Rügen, Zurechtweisungen oder gar Schulgeschichten, die er ohnedies am liebsten verschwieg. Vorsorglich hatte Frau B., so wie für sich selber auch für Georg eine Lampe neben sein Bett gestellt, deren warmes Licht ein neues, angenehmes Gefühl in ihm wachrief, das er nicht zu benennen wusste. Allein mit sich selber und doch nicht einsam.

Die kühlen Wände rückten zwar näher, doch verströmten die beiden Lampen im Raum, eine neben ihm, die andere von der gegenüber liegenden Zimmerecke her ein warmes, stetiges Licht, das die umstehenden Gegenstände wie alt vertraute Freunde mit sanften Schatten umwob. Zum ersten Mal fühlte Georg deutlich die Nähe der sonst so strengen Frau. Seltsamerweise flößte sie ihm hier keine Furcht ein. Lesend und stumm schien sie mit ihm, so wie mit sich selber zufrieden und löschte jeweils zu einer vorhersehbaren Zeit leise ihr Licht. Das tat Georg ihr nach und beschäftigte sich im Übrigen gelassen mit eigenen Gedanken. Deren gab es genug.

Deutlich in Erinnerung blieben die Winter. In der Familie des Herrn B. wurde das Weihnachtsfest kaum beachtet, Weihnachtsbaum und Geschenke tat Herr B. als puren Unsinn ab, er hielt nichts vom Verwöhnen der Bankerte. Kerzen anzünden, Turmblasereien und anderes Brauchtum, das die Augen und Ohren, wohl auch die Herzen der Menschen erfreuen konnte, interessierten ihn nicht. Doch einmal, oder – gar zweimal? – hatten Bertls Bitten doch eine Ausnahme erwirkt. Weil der kleine Georg meist ohnehin beim Holzschlägern mithelfen musste, sollte er draußen die Waldarbeiter um ein Bäumchen bitten und erhielt es auch zu seiner und Bertls Freude. Das gelang ihm noch ein zweites Mal, erinnerte er sich später, doch dann konnte davon keine Rede mehr sein.

Mit vierzehn war Bertl bereits aus dem Haus. Wo, das wurde dem drei Jahre jüngeren Georg nicht mitgeteilt. Vielleicht bei seinem Lehrherrn? Bei seinem leiblichen Vater oder sonst irgendwo, das wusste Georg nicht. Er erinnerte sich aber oft an seine Erlebnisse im Wald mit den abgeschnittenen Fichten.

Ein Christbaum wäre halt schön, ließ sich Georgs Stimme von seiner Zimmerecke her vernehmen, weil es schon Abend war und Frau B. bereits mit dem Lesen eines spannenden Liebesromans beschäftigt. Georg sagte das gar nicht laut, doch hörbar genug. Es war ja auch tatsächlich Weihnachtszeit und am nächsten Tag Heiliger Abend. Frau B. fühlte sich zwar gestört, fand aber doch eine Antwort. Was denn net no alles! meinte sie unwirsch. So was macht nur a Arbeit und steht dann herum. Als Georg antworten wollte, fiel sie ihm ungeduldig ins Wort: Wennst an willst, holst dir halt an vom Wald, weil kaufen tua ma kan.

*

Ja die Liebesromane! Hätte denn einer gedacht, dass auch in Georgs Sinnen damals kaum anderes zu existieren schien als die Liebe? Sie rumorte in seinem Kopf wie ein verborgener, im Hinterhalt aufmüpfig drängender, doch nie in Erscheinung tretender Geist. Georg war verliebt und wusste nicht, was er darüber denken sollte. Die Kathi vom Nachbarhaus, die mit den lichten Locken und den himmelblauen Maschen hinter den Ohren war es, die von der Vorderbank des weitläufigen Klassenraums her ihn oft freundlich ansah, sich nur allzu gern umdrehte und zu allem lachte, was immer auch Georg sagte und tat. Gern hätte er ihre Zöpfe angefasst und mit ihr geredet. Doch wie sollte er das beginnen?

Einmal war auf dem Weg in die Trafik in einem der Romanhefte der Frau B. ein praktischer Hinweis über die Liebe zu lesen. Blumen! Ein Mann bringt seiner Geliebten Blumen und die Angehimmelte freut sich darüber. Georg erinnerte sich auch eines Kinofilms, in dem so ein Blumenstrauß eine wichtige Rolle gespielt hatte. Nichts leichter als das, hatte Georg damals im Frühling gedacht. Blumen wachsen ja überall. Bald hatte er eine Faust voll Löwenzahnblüten gepflückt und mit einer Schnur zusammengebündelt, sie wie das Holz aus dem Wald fest eingeschnürt, damit nichts verloren ging. Das Ergebnis dieser süßen Mühe warf er abends über die Mauer, damit die lieben Nachbarn sie fänden beim Gießen: die Kathi und ihre Mutter. Was soll denn sonst ein Mann tun, dachte Georg bangen Herzens, damit ein Mädchen mit ihm zu reden beginnt?

Heimlich hatte also auch Georg diese nützlichen schönen, nur ganz wenig zerfledderten Romanhefte des Trafikanten im Auge. Wie ist das denn mit der Liebe, sinnierte er noch im nachtdunklen Zimmer. Zwei Leute verlieben sich und wünschen sich einen Kuss. Wenn das vorbei ist, hören sie aber nicht auf zu wünschen, was ziemlich spannend werden kann, weil es immer irgendeine Aufregung gibt, Verwicklungen und Ärger. So stand es auch in dem Heftchen, in dem er, Georg, einmal heimlich gelesen. Am Schluss gibt es immer die Versöhnung. Was für ein Glück, dass er mit seinen elf Jahren nun wirklich schon sehr verliebt war, also Erfahrungen hatte. Zu einem Kuss war es allerdings nie gekommen.

Durchaus verständlich war für Georg, dass auch Frau B. die Romanhefte so spannend fand, dass sie gar nicht aufhören konnte damit. Ein besonders gutes Brot muss das sein, dachte er, weil sie nie hungrig wird während des Lesens. Er schon. Waren das vielleicht Liebesgeschichten, die er nicht lesen durfte? Er verkniff sich die Frage, um die neue Friedlichkeit der Frau B. nicht auf die Probe zu stellen. Neuerdings hatte sie ihm sogar geraten, doch die Bücher ihres Sohnes zu lesen, die in der Kammer herumlagen. Georg selbst hätte nie darum bitten wollen, hatte auch selber derlei niemals geschenkt bekommen. Also betrachtete er die Schätze des Ziehbruders, der ja nicht sein Bruder war und überhaupt nie sein hätte wollen mit kühler Distanz, nahm sie eines Abends aber trotzdem mit in sein Bett. Seinen Hunger vergaß er gleich nach den ersten Seiten der Abenteurergeschichten und erfreute sich an ihnen ohne Bitterkeit.

So ließ es sich leben. Immer wieder erinnerte sich Georg an den alten Herrn, der seine Bücher im Glasschrank ein anderes Brot genannt hatte. Für Frau B. schien das tatsächlich zuzutreffen, Georg irrte sich nicht. Sie hatte keinen anderen Appetit als den nach neuen Heften. Die Abenteuerbücher des Bertl auf Georgs Nachttisch waren bald ausgelesen und entsprechend hungrig lag er da. Einmal, er konnte nicht anders, schlich er barfuß wie er war, um den Tisch herum und erblickte Frau B. in ihrem Bett, unter der Tuchent, den Kopf seitwärts in die abgewinkelte Hand gestützt. Sie sah nicht auf, als er, mit Herzklopfen zwar, aber doch mutig, um eins ihrer Hefte bat. Nimm was d’ willst, brummte sie, weil es ihr wirklich egal war, und blätterte geschwind eine Seite um.

Der Vorteil dieser Lesezeiten lag klar auf der Hand. Friede war eingekehrt, seit die Liebesgeschichten sich auf Tischen und Sesseln stapelten. Stille und beinah Behaglichkeit. Auf seinem regelmäßigen Weg zum Romanheftverleiher nahm Georg daher nach und nach noch weitere Leseproben aus dem Dunstkreis der Frau B., was ihn veranlasste, abends immer wieder in die gegenüber liegende Zimmerecke zu schleichen und um die nächste Geschichte zu bitten. Er las so lang, bis er meinte, nun alles zu wissen über die Liebe und sie am Ende recht eintönig fand.

Du hast Recht, es ist immer das Gleiche, sagte der Trafikant. Nimmst halt was anderes. Und fingerte aus seinem Regal einen stattlichen, nur wenig beschädigten Band hervor. Das war ein richtiges Buch. Joseph Conrad, Engländer zur Zeit Charles Dickens. „Der Verdammte der Inseln“. Damit begann was bald nicht mehr enden sollte, die Lust auf Bücher samt allen Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Georg gelang ein erster Blick über die armselige, den wachen Geist beengende Dörflichkeit hinaus in ein buntes Dasein. Leichtfüßig wie er war gelang ihm der Übertritt wie im Spiel.

Was der Wahl-Engländer Joseph Conrad damals für Georg bedeutete ist aus seinem späteren Leben nicht mehr wegzudenken. Dieser große reisende Mann ganz anderer Herkunft führte ihn – durch Vermittlung eines Trafikanten – aus seiner Einsamkeit heraus. Nahm ihn ganz einfach an die Hand und öffnete dem verschlossenen Kostkind der Familie B. mit seinen großen Romanen die erste Tür in die Welt erlesener Literatur. Joseph Conrad lenkte das Interesse des Knaben von öden Liebesgeschichten in eine Richtung, die auch später dem Heranwachsenden das Leben spannend und immer wieder erträglich machte, war Initiator seltener Erfahrungswelten und stillen Leseglücks. Ließ ihn teilhaben an den Abenteuern des Dschungels, fuhr mit ihm auf schwarzer, stürmischer See, drängte Georgs kurze, aber umso schmerzvoller erlittene eigene Lebenserfahrung in den Hintergrund, vielleicht in ähnlichem Ausmaß wie der Autor selbst seine bösen Erfahrungen durch Hingabe an das Schreiben gemeistert hatte. Abenteuerliche Geschichten waren es, die Georg da las. Wilder und gefährlicher als alles, was sich in Georgs Kopf bisher als wild und gefährlich gezeigt hatte.

7 WAS, WO UND WARUM

Von Zeiten bewussten Lesens darf also fortan die Rede sein. Denn wessen Zeit und Geschichte vordem im minder Bewussten geblieben, weil sie misslich, verwerflich oder einfach nicht zu verstehen war, dem wird das Ereignis erster wacher Leseerlebnisse umso näher sein, Momente der Bewusstwerdung seiner selbst umso deutlicher im Gedächtnis bleiben um später viele dunkle Stunden und schweigende Nächte zu füllen. Und um wieder erzählt zu werden.

Erzählen war allerdings Georgs Sache damals nicht. Neugierige Frager konnten froh sein, wenn sie überhaupt eine Antwort erhielten, knapp, ungeduldig oder gelangweilt. Das kam erst viel später. Doch kaum berichtete Georg von seiner Schulzeit, noch weniger von vermisster Zuwendung und fehlendem Trost jener Jahre und gar nichts vom Schmerz. Umso wichtiger wurde, was alles im Laufe der Zeit an Büchern ihm unter die Augen kam. Nach mehreren Bänden Joseph Conrad fand sich im Regal des Trafikanten einmal durch Zufall nichts anderes als ein Band Karl May. Dem konnte Georg nicht allzu viel abgewinnen. Ihm gefielen zwar einsame Ritte durch die Prärie, Indianerkämpfe jedoch weit weniger. Sie erinnerten ihn an Kinderspiele, an die Buben seiner Klasse, die derlei unter sich auf den Wiesen hinter dem Dorf ausfochten oder oben am Waldrand. Ihnen war er gern ausgewichen, aus Abscheu vor blutigen Knien und Nasen, vor dummem Geheul und Geschrei.

Gefällt dir das nicht? wunderte sich der Trafikant. Sind doch richtige Bubengeschichten! So kam es, dass Georg mit der Zeit nur mehr Erwachsenenliteratur zu lesen bekam und sehr zufrieden damit war.

Mit dem letzten Tag in der dörflichen Volksschule war die Zeit der Kindheit endlich vorbei. Ein Zeugnis darüber hätte es nicht gebraucht, meinte Georg, wenn ihm jene acht unangenehmen Jahre wieder einmal das Gemüt überschatteten. Doch auch ein solches Zeugnis muss eine Zeit lang aufbewahrt werden, als Dokument und Beweis, dass er überhaupt in dieser Gegend gewesen, hier lesen und schreiben gelernt hat und einiges vielleicht doch dazu. Das alles sogar bestätigt mit Stempel und Unterschrift. Dass er in jenen Jahren Generationen von Kaninchen ernährt und allein versorgt, jeden Grashalm im Garten geschnitten und für seine Kostleute, Herrn und Frau B. als billiger Hausknecht für viele Extrawünsche zuhanden war stand nicht darauf. Zerreißen durfte man dieses Papier dennoch nicht, das wurde dem Halbwüchsigen dringlich ans Herz gelegt.

Andere hatten die Hauptschule besuchen dürfen, die war mehrere Kilometer entfernt. Doch Herr und Frau B. hatten damals gemeint, das sei für Georg nicht nötig, das koste nur Geld, nämlich weil die meisten der Buben dorthin mit einem Wagen gefahren wurden. Und wenn er zu Fuß geht verbraucht er die kostbare Zeit! Dies war das Argument von Frau B. Und womöglich behauptet er später, das sei ihm beschwerlich gewesen. Nein, nein, und was denn nicht noch alles, meinte Frau B. Der Kerl soll lieber im Ort was lernen. Das wird doch genügen. Oder?

Dabei war es geblieben. Der Bertl, ein Hauptschüler, hatte damals mitfahren dürfen, er war älter und in einer höheren Klasse. Georg durfte das nicht. Ist ohnehin noch so klein und so dürr, die Volksschule passt genau zu ihm! Wer tät denn das Hasenfutter daherbringen, das Gras schneiden und alles andere machen? Da lernt er ja auch was dabei, sagte Frau B.

Umständlich faltete Georg also sein Zeugnis zusammen, stopfte es in den Beutel, der seine Habseligkeiten barg und beschloss, es so lange bedeckt zu halten, bis niemand mehr danach fragte. Alles Mögliche ging ihm durch den Kopf, damals wie später. Bitterkeiten. Doch wich er gern aus, wenn Frau B. oder irgendein anderer nach seinen Absichten fragte. Frau B. interessierte sich, wie er meinte, ohnedies nicht für seine Ideen. Er wusste, sie hatte andere Sorgen. Sie sorgte sich um den Verbleib ihres Bertl, der sich unlängst erst als Freiwilliger zum Militär gemeldet hatte und sofort genommen worden war. Und jetzt, da er fort war, bangte sie um ihn mehr als um den Verbleib des Herrn B. und war meist auch schweigsam gegenüber dem Kostkind, das ja hoffentlich auch irgendwann erwachsen sein würde und außer Haus. Für Georg fühlte sie sich nicht verantwortlich. Er muss selber schauen, wie er zurechtkommt, meinte sie. Und richtig besehen war er ja wirklich nicht ihr Kind.

Nach einigem Hin und Her kam sie mit manchen vertrauten Leuten aber doch auf Georgs Zukunft und eine mögliche Lehrzeit zu sprechen. In diesem Fall könne er aber bei ihr nicht bleiben, meist seien die Wege zu weit. Der Bub müsse doch selber wissen, was das Beste für ihn sei. Gehst halt in die Fabrik so wie die anderen. Was willst denn sonst machen, meinte sie. Da bleiben kannst net, Geld hast dir a no net verdient. Wenn aner ka Bauer is und kan eigenen Grund hat, ja was denn dann!

Von vielen Seiten hatte Georg davon gehört und mit eigenen Augen gesehen, was gar nicht zu übersehen war: die Menschenschlangen, die alten wie auch die jungen Dorfbewohner und solche wie er, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Wie sie bereits in der Morgenfrühe die Straße entlang zogen, alle dieselbe Straße und jeweils immer mehrere zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung. In die Fabrik! Am späten Nachmittag erst kehrten ihre Bewegungen sich um. Sie wanderten ins Dorf zurück. Einzeln oder in kleinen Gruppen. Seltsam müde sahen die aus, Georg wollte sie gar nicht zählen; konnte es natürlich auch nicht, weil ihr Tempo wechselte, einer vielleicht einmal schneller war als ein anderer, dann wieder langsamer. Immer jedoch kamen sie auf derselben Straße daher, Fuß vor Fuß. Erst wenn sie in die Wegkreuzung einbogen, die das Dorf in einzelne Teile zerschnitt, lösten die Grüppchen sich auf, verloren die Dorfbewohner sich in den Querstraßen rechts oder links, und jeder wandte sich seiner Heimstatt zu.

Manchmal war Georg sogar extra die steilen Wege hinaufgestiegen, um von oben, vom Waldrand her die ferne Fabrik zu betrachten und diesen Ameisenzug der aus Menschen bestand. Im Sommer die Staubwolke über dem Dorf und der Straße, im Winter die dunkle Spur, die beweglichen Pünktchen. Und das alles auch an diesigen Spätherbsttagen, bis zum Dezember der Schneewind um die knackenden Sträucher pfiff. Immer war Rauch zu sehen gewesen über den Schloten und immer schon hatte Georg gewusst, dass er dort nicht dabei sein wollte, dass er den Weg, der ihm lebenslang schwarz gezeichnet vor Augen stand, nie gehen würde. Ja was denn dann! entrüstete sich Frau B. Glaubst vielleicht, du bist was Besseres? Nein, verteidigte sich Georg, nur halt was anderes. Was anderes? Ja, Bäcker zum Beispiel. Das wär’ was, in einer Backstube arbeiten. Das schon! Da riecht einer das Brot von weitem, da macht man die Semmeln und überhaupt hat das was Feines, da freuen sich alle, wenn sie etwas zu essen kriegen, nachdem sie Staub geschluckt haben auf dem langen Weg von der Fabrik. Dann kaufen sie Brot, am Samstag vielleicht sogar Semmeln.

Was sonst noch in Georgs Gedanken vor sich ging verschwieg er lieber. Man würde ihn doch nicht verstehen, ihn nie für einen der ihren halten, aber das taten sie sowieso nicht. Einer, der Außenseiter ist, einer, der nicht hierher gehört darf nicht allzu viel hoffen. Wofür hielten sie ihn? Für einen Verrückten? Ja, verrückt, so hätte Frau B. ihn genannt, hätte er ihr erzählt, wohin seine Wünsche ihn zogen. Daher beschloss er seine Pläne vorerst noch ruhen zu lassen, doch möglichst bald wegzugehen von dem Ort, hin zu anderen Menschen und anderen Gesprächen, zu anderen Arbeitsmöglichkeiten und anderer Lebensart.

Der scheinbar einfache Weg zum Lehrlingsdasein in einer Bäckerei zeigte sich aber doch schwieriger als gedacht. Zu ihrem Leidwesen musste Frau B. Georgs Suche selbst miterleben, obwohl er gar nicht ihr Sohn war. Und am Ende trug sie zu seinem Erfolg sogar bei als sie da und dort, was sonst nicht ihre Gewohnheit war, für das Kostkind zu reden begann. Sie begleitete Georg zum Arbeitsamt in die nicht weit entfernte Kleinstadt. War er derzeit doch der Einzige, der noch bei ihr lebte. Wenn auch kein Ersatz für den Sohn, ließ sie Georg doch weiterhin im Haus bei sich wohnen. Der Bertl im Krieg, so klagte Frau B. ihren Nachbarn. Und der da, der Georg, kommt in eine Lehr samt Kost und Quartier, dann bin ich sie alle los. Herr B. sei ja auch meist unterwegs, also werde sie ganz allein sein. Sie hoffe jedoch auf ein baldiges Ende des Kriegs, und dass der Bertl gesund nach Hause käme von der östlichen Front.

Vielleicht war ihr nicht ganz wohl bei so manchen Gedanken und insgeheim auch etwas mulmig zumute. Frau B. wollte sich von den Leuten nichts vorwerfen lassen. Sie war keine schlechte Person, das musste sie ihnen beweisen, hörte sich sogar deren Ratschläge an und nahm sich vor, Georg auf seiner Lehrstellensuche wenn nötig sogar zu begleiten, falls tatsächlich einer ihn nehmen wollte, der ihm Kost und Quartier bot. Diese Hoffnung wurde am Ende Wirklichkeit, das Arbeitsamt meldete den Erfolg. Endlich hatte Georg eine Bäckerlehre in Aussicht, zwar nicht in der Umgebung, sondern in einem der ferneren Randbezirke der Großstadt, in die man sich erst einmal umständlich zu begeben hatte.

Für Georg wurde diese Eisenbahnfahrt ein einziges Staunen. Nicht nur die Reise an sich, die Weite der Landschaft hinter den Fenstern, das Eintauchen in ein Unbekanntes, ein Neues. Mehr noch war es das nie gekannte Gefühl einen Menschen neben sich zu haben, der Beistand und Hilfe bot. Die Frau, die als Helferin und Unterstützung jetzt ganz konkret neben ihm saß und da sitzen blieb während der ganzen Fahrt. Die sogar mit ihm redete! Auch das eine ungewohnte, Atem beraubende Situation. Er hätte sich denken können, dass nicht alle Frauen so junge Burschen sich selbst überließen. Frau B., so hatte Georg gemeint, sei früher härter und kälter gewesen. Immer schon hatte sie den Eindruck kühler Distanz in ihm geweckt und stets auch gefestigt. Jetzt aber hatte sie gerade das, was er so sehr für sich gewünscht mit ihm gemeinsam erwirkt, nämlich einen Lehrherrn zu finden für ihn, das Kostkind.

Er betrachtete von der Seite her ihr Profil und konnte es kaum fassen. Sogar die gewohnte Schroffheit schien Frau B. abgelegt zu haben, alles an ihr wirkte milder. Sie redete mit Georg wie mit jedem anderen Menschen, schrie nicht dabei und wies seine Antworten nicht zurecht. Das blieb auch am nächsten Tag so nach einer unbequemen Nacht bei ihrer redefreudigen Schwester. Dort machten die beiden Frauen für Georg ein Nachtlager auf einer Küchenbank zurecht und am nächsten Tag begleitete Frau B. das Kostkind sogar bis in den weit entfernten Außenbezirk der Stadt, wo Georgs künftiger Lehrherr die Ankömmlinge freundlich begrüßte und Georg die Backstube zeigte samt Haus, Hof und Hühnern. Das war kein Großstadtbetrieb. Die Umgebung ähnelte einem Dorf, das so aussah wie andere Dörfer auch, ein Randbezirk abseits der eleganten Welt von Wien.

Fast wia daham, manst net a? sagte Frau B., als sie nach Durchquerung des endlosen Straßengewirrs sich wieder im Zug befanden. Sie versuchte aus Georg, der für eine Weile „mundtot“ neben ihr saß, ein paar Sätze herauszulocken.

Daheim? Meinte sie wirklich … daheim? Irritiert hielt Georg den Atem an. Das war ihm neu, das hätte er nie für möglich gehalten, das hat ihm bisher noch keiner gesagt. Daheim! Herr B. hätte sofort betont, er sei nicht der Vater, Georgs Verbleib im Haus sei nichts als eine Ausnahme der gebotenen Regeln, weil er doch keineswegs zur Familie gehöre. Der Bertl hätte das ebenso betont, wäre er da gewesen. Doch beide waren nun einmal nicht da, deshalb redete die Frau B. ja so anders. Gemäßigt und ohne Geschimpfe, dafür mit Sorgenfalten auf der Stirn und traurigen Augen. Wirst halt bei mir arbeiten bis die Wartezeit um ist, überlegte sie laut, als sie abends im Haus das Nachtmahlbrot auch für Georg zurechtschnitt. Hast ja derweil den Garten, das Gießen, die Hasen, das Holzschneiden draußen im Wald. Und vergiss net die Senkgruben ausheb’n! Wenn sonst ka Mann da ist, wirst halt du diese Arbeit machen müssen.

Warum hab ich keine Mutter? fragte Georg unerwartet und heftig dazwischen. Selber nicht wenig erschrocken über den Mut, der ihm von irgendwo her kam, er wusste nicht wie. Die ungewohnte Lautstärke der eigenen Rede irritierte ihn mächtig.

Frau B. wurde jählings der Nacken steif, als sie langsam ihr Kinn hob. Sie legte das Messer aus der Hand, die eben noch Speck geschnitten hatte und wischte die fettigen Finger an ihrer Schürze ab. So richtete sie ihren Blick gegen Georg. Sunst hast kane Sorgen? stieß sie nach einer Weile hervor, überfragt, wie sie war. Doch mäßigte sie sich gleich wieder, als sie in Georgs blasses Gesicht sah, die schillernde Dunkelheit seines Blicks beharrlich auf sie gerichtet. War eh unlängst erst da gab sie, jäh abgewandt und wiederum mit dem Speck beschäftigt, beinah wie nebenbei zu. So als ginge die Frage sie eigentlich gar nichts an. Da is’ sie g’standen, wo du jetzt stehst, schaust ihr eh ähnlich.

Was? schrie Georg auf. Und warum hab ich sie da net sehen dürfen? Blitzschnell kam diese zweite Frage, ebbte jedoch gleich wieder ab. Leise, beinahe tonlos, folgte die dritte. Wo war denn da i... zu der Zeit?

Gespannt wartete er auf Antwort. Frau B. musste den Speck erst fertig schneiden, sie verteilte ihn auf die beiden Brote, wischte sich wieder die Finger am Schürzenzipf ab und stellte den Tee auf. Du warst grad im Garten und hast Gras g’schnitten. Durchs Verandafenster hat sie dich g’sehn. Hat eine Weile g’schaut und nix g’sagt. Dann is s’ glei wieder weg …

Georg wurde bei dieser Rede ein wenig schlecht. Schnell drehte er sich fort von der Frau, ging in den Garten und in den Keller. Kam erst wieder herauf von den Hasen, als alles schon dunkel war im Haus.

Ab diesem Tag spürte er deutlich weniger Lust freitags in der Trafik nach neuer Lektüre zu fragen. Der Trafikant steckte dem schweigsamen jungen Mann dennoch einiges in die Tasche, das ihn erfreuen musste. Liebesromane, das wusste der umsichtige Mensch, passten vielleicht für Frau B., aber jetzt nicht für Georg. Der kam ihm langsam doch zu erwachsen vor.

Georg arbeitete im und außer dem Haus wie von ihm erwartet. Ohne zu murren und ohne zu fragen, wie und wohin denn der Herr B. verschwunden sei und ob er überhaupt jemals wieder erscheinen würde. Im Krieg war er nicht. Das wusste er ganz genau. Darüber verlor seine Frau auch kein Wort. Das Motorrad, hatte sie anfangs gemeint, sei die Ursache allen Übels. Und dass es da Weiber gebe, die gern bei ihm aufsitzen wollten. Danach sprach sie nie mehr davon. Vom Bertl aber redete sie jeden Tag, und hätte sie jemals einen Brief von ihm bekommen, sie hätte ihn Georg gezeigt. Da war er ganz sicher.

8 IM STURM

Der Krieg hat so manchen Ortsbewohnern das Leben gekostet und den Bertl der Frau B. in seinen kalten Nebeln verschluckt. Vermisst nennt man das, Frau B. erhält Kenntnis davon in einem Schreiben. Dich hat der Krieg verschont und mir den Bertl genommen, klagt sie bitter, und schaut das Kostkind von der Seite her wie ein noch fremderes an. Die Nachbarin meint beschwichtigend, oft kämen die tot Geglaubten ganz unerwartet und fröhlich wieder, warum denn nicht auch der Bertl. Aber Frau B. hat kein Ohr für das was geredet wird, ihr eigenes Gespür sagt ihr alles. Sie kramt ein Foto von Bertl aus ihrem Nachttisch und nadelt es an die Wand, genau über dem Küchentisch.

Der Krieg geht seinem Ende entgegen, sagen die Leute. Die Front rückt näher. Bombengeschwader verunsichern das Land, noch mehr die Stadt. Sogar in abgelegenen Gegenden haben die Menschen Angst. Weiter weg sind Bomben gefallen, doch scheint zumindest keiner aus dem Dorf dadurch zu Tode gekommen zu sein. Oder doch? Der Ort, in dem das Haus der Familie B. steht, wirkt jetzt verlassen, still, windig und leer. Ist jemand hier unterwegs, kann einer in seinen Augen Angst und Trauer erblicken. Der Krieg gibt seine Verwundeten ab in die Lazarette, Vermisste per Brief an die Mütter.

Georg hat seine Bäckerlehre angetreten, mehr als ein halbes Jahr hat er bereits hinter sich, da wird er eines Tages per Post in die Heimatgemeinde beordert. Das Vaterland braucht seine Hilfe. Volkssturm! Der Krieg ist in eine Phase getreten, in der jeder Mann gebraucht wird, auch ein junger, ein alter. Die Lehre ist demnach unterbrochen, die Klassenkameraden im Dorf sind bereits auf der Liste, nur bei Georg dauert es länger weil seine Papiere fehlen. Keine Geburtsurkunde, rein nichts. Also Wartezeit. Jetzt hat Frau B. den Burschen wieder an ihrem Küchentisch sitzen. Der weiß nicht was er tun soll um den Schmerz der Frau B. zu lindern. Fühlt sich unerwünscht in ihrer Nähe und will gleich wieder fort. Wünscht, so wie der Bertl, unauffindbar für sie zu sein um nicht als verschmähter Rest ihrer zerstörten Welt ihr Leid noch zu vergrößern. Doch wäre es wirklich ein Vorteil, würde Georg so wie damals der Bertl, gleich die Einberufung bekommen? Wäre es leichter für die arme Frau, wenn beide Buben vermisst wären oder gar mausetot?

Die Sechzehnjährigen sind jetzt als letztes Aufgebot zur Verteidigung des Landes berufen. Volkssturm nennt man das? fragt sich Frau B. Die Siebzehnjährigen sind längst fort und doch hat keiner gehört, dass die Gefahr für die daheim Gebliebenen durch deren Einsatz verringert worden wäre.

Georg weiß immer noch nicht, ob er auch wie die anderen sechzehn ist oder nicht. Wie es scheint wissen die Behörden es auch nicht. Es werde alles genauestens eruiert, man bitte noch um etwas Geduld, erklärt man ihm und Frau B., die das Kostkind vielleicht schon recht gern aus dem Haus gehabt hätte, oder auch nicht. Das Gewünschte wird in wenigen Tagen vorhanden sein. Georg schämt sich für so viel Aufwand seinetwegen. Er, der nicht einmal wissen darf, an welchem Ort nach welchen Papieren gesucht wird, fragt sich freilich auch, wer die Bestätigung seines Daseins so lange hütet. Gibt es überhaupt einen Nachweis für seine Existenz? Muss die Behörde nur wegen des Volkssturms jetzt alles ausfindig machen oder muss sie vielleicht Papiere neu herstellen lassen, weil irgendetwas nicht stimmt an der Sache, weil nirgends etwas rein gar nicht zu finden ist? Warum weiß denn niemand wann Georg geboren ist? Seine Mutter müsste es doch wissen! Warum fragt sie denn keiner?

Der Bub muss längst das Alter zur Einberufung haben, meinen die Leute. Sei doch ganz gut gewachsen, sehnig und kräftig wie der geworden ist mit den Jahren! Frau B. bleibt Antworten auf solche Reden schuldig, auch sie weiß nicht, wann und wo Georg in diese Welt kam. Aber weiß sie denn wirklich nichts? argwöhnen andere. War nicht vor einiger Zeit ein wildfremdes Auto an ihrem Gartentor stehen geblieben? Ein Auto! Wo doch keiner der Dorfbewohner hier jemals ein Auto gehabt hat? Und ist da nicht eine schlanke schwarzhaarige Frau aus dem schwarz glänzenden Fahrzeug gestiegen, die scheu, wenn nicht verschreckt, um sich geblickt hat? Hat die nicht mit Frau B. dort am Gartentor heimlich getuschelt? Und ist diese Person nicht viel später erst, im Laufschritt der Gartentür der Frau B. entschlüpft …

Georg schaut fröstelnd in den beinah schon entlaubten Garten hinaus. Hat denn da wirklich einer nach seinem Geburtstag gesucht? Nie hat er jemals Geburtstag gehabt. Andere haben so etwas jedes Jahr. Für ihn ist ein Geburtstag nie denkbar gewesen, nur der Bertl hat den seinen jährlich gefeiert und noch dazu ein Geschenk bekommen. Gibt man einem Kostkind seine Dokumente vielleicht deshalb nicht in die Hand, damit man sich zusätzliche Gaben an ihn erspart? Oder weil dabei Fürchterliches zu Tage käme? Doch egal, was geschrieben steht in solchen Papieren, von Georg werden sie dringlicher erwartet mit jedem Tag, in jedem Fall sind sie wünschenswert.

Mit zwiespältigen Gefühlen zählt Georg Tage und Wochen, die er im Haus der Frau B. verbringt. Sie meint, für das Kämpfen sei er sowieso viel zu jung. Zu jung, um schon ein Mann zu sein. Der Bertl ja! Der sei einer gewesen. Wieso, verteidigt sich Georg, wieso bin ich kein Mann? Er ist in dem letzten Jahr wieder ein Stück gewachsen, sieht sauber gewaschen aus. Frau B. blickt ihm nach, wenn er aus und ein geht bei ihr und wischt sich immer wieder die Augen. Wegen Bertl muss sie weinen, nicht wegen Georg. Das wissen die Nachbarin und alle anderen Dorfbewohner auch. Sie betrachten Georg scheu und nie ohne Nachdenklichkeit. Jetzt geht er bald fort. Wird ja vermutlich auch bereits sechzehn sein.

In Wahrheit ist das ein längst verlorener Krieg, klagen die Nachbarn. Dass dieser auch mit Georg und seinen Altersgenossen keineswegs zu gewinnen sein kann, haben alle begriffen. Die Burschen sind herausgeholt worden aus ihren Nestern und so, wie sie da standen, begutachtet, registriert. Der Volkssturm hat alle Sechzehnjährigen mit sich gezogen und zögert so lang nur bei Georg. Bis endlich einer der wichtigen Männer der Dorfgemeinde in der Amtsstube ihm alles Nötige überreicht. Mit der trockenen Erklärung, die vorliegenden Papiere seien ab nun die seinen.

Georg schämt sich für seine Aufregung, seine Hilflosigkeit. Sein Herz klopft wie wild. Da, deine Geburtsurkunde! sagt der Mann. Du bist zwar erst fünfzehn, aber bald wirst du sechzehn sein. Du freust dich doch, dass du jetzt Dokumente hast wie alle anderen? Weißt ab nun, wer du bist und woher du kommst, wann geboren und wo, und auch, wo du jetzt hingehörst. Kannst also ruhig zum Volkssturm gehen. Das sagt er launig und drückt Georg die kostbaren Papiere in die schweißnasse Hand. Hat einige Zeit gedauert und eine Menge Arbeit gemacht, fügt er hinzu. War nicht einfach, das zu bekommen. Deine Heimat ist nämlich nicht dieser Ort, sondern ein anderer.

Was? Laut aufschreien darf Georg hier nicht, nur erschrocken ist er. Nimmt seine Stimme gleich wieder zurück. Und wo …? Er greift nach einer Stuhllehne, die in Reichweite steht, um sich festzuhalten, fühlt sich elend und ziemlich getroffen. Wo … gehöre ich hin?

Das steht’s eh g’schrieben, lacht der Mann, schaut in eine aufgeschlagene Mappe und wird fast ein wenig verlegen dabei. Wirst es gleich selber lesen. Darauf weiß Georg nichts zu sagen. Was denn auch. Wenn anderswo sein Wohnort ist, wieso steht er dann hier? Die Papiere zittern in seiner Hand, er fürchtet sich sie vor die Augen zu heben. Und was, wenn hier behauptet wird, er ist gar nicht der, für den er sich hält? Immerhin, zumindest der Name stimmt. Georg. Der andere Name auch. Und da steht …, wahrhaftig! Da steht auch der Name einer Frau, vermutlich derjenigen, die ihn geboren hat. Röte steigt auf in Georgs Gesicht, in die Augen. Schwach werden ihm Hand und Knie. Stehend liest er den Namen der Frau, die ihn nicht so wie der Märchenstorch mit dem Schnabel gebracht, sondern mit Menschenhänden irgendwo hingelegt und dort einfach liegen gelassen hat. Sie selber ist fortgegangen. Irgendwohin. Sein Geburtsort ist die Stadt, dieselbe, aus der er eben gekommen ist, wo er als Lehrling gewerkt und gewohnt hat. Gehört er … dorthin …?

Nein, dorthin auch nicht. Georg kann nicht lachen, obwohl der Mann an dem Schreibtisch ihm schelmisch zuzwinkert. Hierher gehört er nicht, dorthin auch nicht. Doch er hat eine Mutter, hier steht sogar der Name der Frau, die er nicht kennt. Nie gesehen, sagt er dem Mann vor ihm. Nein wirklich nie! Ein Vater freilich, ist auf dem Papier nicht dokumentiert, auch nicht zu finden gewesen, denn in dieser leeren Zeile – er starrt sie immer noch an – da steht überhaupt nichts …, nichts als ein Strich. Das würde er sich von jetzt ab merken müssen und nie vergessen. Ein Strich für den Vater …

Das Papier entgleitet der erstarrten Hand, die es halten sollte. Georg bückt sich, es aufzuheben. Dabei wird ihm schwindlig und schlecht zum Erbrechen. Der Amtsträger ist auf einen so seltsamen Fall nicht vorbereitet, ihm ist bei der Sache ja auch nicht besonders wohl. Und weil seine Scherze nicht ankommen bei Georg und ihm jetzt auch nichts mehr einfällt, weist er der Einfachheit halber den Burschen auf die Straße hinaus. Und aufpassen solle er auf die Papiere, nur ja nichts verlieren!

Georg stolpert ins Freie. Er taumelt ein wenig, dann atmet er die schlechte Luft aus seinem Inneren aus und setzt sich in Bewegung. Bisher war auf die Fragen der Leute, wie alt er denn sei, immer nur ein verschämtes Achselzucken möglich gewesen. Manche hatten die hinterhältige Frage sogar wiederholt, wenn er rot wurde, zögerte und schnell kehrt machte, um davonzulaufen. Ab nun würde das anders sein. Kaum zu glauben, dass da ein Geburtsdatum steht und überall sein Name vermerkt ist. Da! Eines der Blätter trägt die Überschrift „Taufschein“. Georg nimmt sich vor zu fragen, was eigentlich damit bescheinigt ist. Was eine Taufe denn sei und wozu sie gut ist. Dieses Wort und was daran wichtig ist hat ihm der Mensch in der Amtsstube nicht erklärt. Georg will es wissen und weiß nicht, wen er fragen kann ohne Gelächter, Hohn oder andere Ärgernisse zu ernten.

Das Papierbündel hält er jetzt, freier atmend, ganz fest in der Hand. Die zittert zwar noch, doch was seine Finger festhalten wollen, das halten sie fest. Daran rüttelt vergeblich der Wind, die Finger bleiben gehorsam. Da steht ja sehr genau sein Geburtstag, sein tatsächliches Alter lässt sich also nachrechnen. Nichts, denkt Georg, rein gar nichts von diesen Papieren darf jetzt davonfliegen.

*

Nur ungern erzählt er später diese Geschichte, und auch nur dann, wenn es dem Frager ein glaubhaftes Anliegen ist. Die Sätze kommen sehr kurz aus seinem Mund, nervös und kaum je ohne Zigarette.

Was habt ihr beim Volkssturm denn gemacht? In einer vorgerückten Stunde wird Georg gefragt. War der Krieg nicht schon aus, als ihr, das letzte Aufgebot, knapp vor dem Ende des Ganzen, als halbe Kinder hinauszogt, vermutlich ohne Waffe in euren bibbernden Händen?

Ach Waffen! meint Georg abschätzig. Die hätten wir sowieso nicht gebrauchen können, wie denn auch und wozu. Für Waffenausbildung war keine Zeit. Und Waffen waren ja gar nicht mehr da zum Schluss, weil alles weg oder einfach an einen anderen Ort gebracht worden war. Abtransportiert. Wie hätten denn wir … und wo …

Nach und nach erst entsteht nach Georgs Erzählung ein halbwegs fassbares Bild. In die Gegend von Linz habe man am Schluss diese Burschen verschoben. Dort gab es noch deutsches Militär, dort wurde ab und zu noch geschossen. Nein, er war noch nicht sechzehn als er hat weggehen müssen, er war damals erst fünfzehn. Doch behielten sie ihn und andere Fünfzehnjährige auch, eine lose Gruppe von unausgebildeten Buben. Bis sie sechzehn waren und danach noch die Monate bis zum Ende. Aber doch Monate, die ihr bis Kriegsende beim Volkssturm verbracht habt! Wo denn, um Himmels Willen, seid ihr vorher gewesen und was habt ihr gemacht? Georg weiß es nicht mehr. Aber er muss doch Erinnerungen haben?

Nein, keine Erinnerungen! Ob und wann der Krieg aus war oder nicht, auch das teilte man den Burschen in jenem Frühjahr nicht mit. Doch kann der Krieg nicht zu Ende gewesen sein, versucht Georg zu rekonstruieren, sonst hätten ja die Leute von der Wehrmacht bei Linz nicht geschossen. Die wenigen noch vorhandenen Waffen haben ältere Volkssturmmänner bekommen. Nicht wir, sondern Leute, die damit umgehen konnten, sagt Georg. Für seinesgleichen sei tatsächlich nichts übrig gewesen. Am Ende nicht einmal mehr Verpflegung.

Aber Handgranaten für die feindlichen Panzer, die müssten doch dagewesen sein? Ja, die seien da gewesen, für eine Ausbildung der Volkssturmleute war aber keine Zeit, keine Möglichkeit. Waren doch nicht einmal mehr die Ausbildner da und die nötige Motivation der Burschen erst recht nicht. Angst ja, die habe jeder gehabt. Und Hunger. Sonst nicht viel, kaum ein gekochtes Essen. Am Ende seien die meisten deshalb davongelaufen. Die Lebensmittel waren weggeschafft worden, durften dem Feind nicht in die Hände fallen. Ja, das haben die uns gesagt. Aufgeladen auf Lastwagen und einfach fort. Deswegen auch die vielen Streitereien, ganz fürchterlich hätten die Vorgesetzten einander beschimpft.

Wie? Es wurde dort nicht gekämpft? O doch! Doch! erinnert sich Georg. Das Ärgste war ja der Lärm, nur wer geschossen hat, war nie ganz klar. Irgendwann hat dann einer gesagt, wer noch vor Ort sei von den Jungen, der müsse jetzt nach Mauthausen, das müsse man noch … und so. Man bräuchte vielleicht dort Helfer. Warum dort Hilfe so nötig war, wer oder was uns Grünschnäbel dort erwartet hätte, wurde nicht mitgeteilt. Marschieren sollten wir. Los!

Also sind wir gegangen, erzählt Georg. Bleiben konnten wir nicht. Wir waren ja nicht mehr viele. Unterwegs haben manche gewarnt. Nur nicht hinein nach Mauthausen, wer weiß, was dort los ist! Manche haben etwas gewusst, aber nicht gesagt, worum es sich handelte, wir anderen ahnten damals ja nichts. Die meisten sind fortgerannt aus Angst, gefangen genommen zu werden. Aus Not, aus Hunger und Ungewissheit sind sie einfach fort. Am Ende waren wir nur mehr fünf oder sechs und auch keine Aufsicht mehr da. Nur der Hunger. Da sind wir auch weg und schnellstens davon …

Ja was denn! Wohin seid ihr denn da gelaufen? Georg nestelt an seiner Zigarette. Das hätten wir natürlich nicht dürfen, aber da war eine Küche dort in der Nähe, man hat es ja weithin gerochen und wir waren so hungrig! Und wenn das die Amerikaner sind? hat einer gefragt. Das war uns egal. War ja auch wirklich egal! Was? Amerikaner? Ja freilich. Aber was macht das schon, wenn der Magen so fürchterlich leer ist. Entgegen gerannt sind wir denen, so schnell wir konnten. Den Amerikanern? Ja, den Amerikanern! Rauch ist dort aufgestiegen und Essensgeruch. Wir sind von der Straße ab und gleich über den Graben gesprungen, ohne zu überlegen. Über die Wiesen hinauf gerannt bis zu den Bäumen, es musste ja alles sehr schnell sein. Wäre ein Vorgesetzter dabei gewesen, er hätte uns alle erschießen müssen und vielleicht auch tatsächlich erschossen.

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447,40 ₽
Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
301 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783903229259
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