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Roland Habersetzer
Bubishi
An der Quelle des Karatedô
Mit den 32 Formen des Kaisers Song Taizu
Aus dem Französischen
von Frank Elstner
Palisander
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Der Autor
Illustrationen
Danksagungen
Vorbemerkung zur 3. deutschsprachigen Auflage
Die 32 Formen des „Boxens des Kaisers Song Taizu“
Die Bibel der Kampfkunst der „leeren Hand“
I Einführung in die Untersuchung einer Reliquie: Vom chinesischen Shaolin quan zum japanischen Karatedô
Das „fehlende Bindeglied“
Ein geheimes Dokument
Die Ursprünge: vom ersten zum zweiten Bubishi
Die Verbreitung: die Verbindung zwischen China und Okinawa
Kumemura: die Eingangspforte
Pilgerfahrten zur chinesischen Quelle
Zum neuen Kara des Karatedô
II Die 32 Formen des Kaisers Song Taizu
Lange vor dem okinawanischen Bubishi
Die 32 Kampfhaltungen des Kaisers Song Taizu
III Die Lehren des Bubishi
Die 48 Nahkampftechniken
Die Vitalpunkte und die „vergiftete Hand“
Die Technik des Dianxue
Die Haupt-Xue
Die Schule des Weißen Kranichs von Fujian
Baihequan (Hakutsuru ken): Der Kampfstil des Weißen Kranichs
Die Hakufa no kata
IV Der verlorene und wiederentdeckte Schatz: Die Happoren no kata
Zur Geschichte
Zur Technik
Was wäre, wenn
V Anhang – Die Einleitung zu den 32 Formen des Kaisers Song Taizu
Die Einleitung des Quan Jing Bian
Das Vorwort
Das Prinzip der acht Methoden und der Hong-Quan-Stil
Der Haupttext der Einleitung des Ji Xiao Xin Shu
Die abschließenden Ausführungen Qi Jiguangs
Anmerkungen
Der Verlag dankt Sven Hensel, Oliver Siegemund, Conrad Kassebaum und Janett Kühnert vom Chemnitzer Karateverein und Franz Scheiner, Mitglied des CRB aus Würzburg, für die fachliche Unterstützung bei der Redaktion. Weiterhin dankt der Verlag Maik Albrecht, Wuhan (China), für die Übersetzung und Kommentierung der Einleitung des 14. Kapitels des Ji Xiao Xin Shu und seine Anmerkungen zu den 32 Formen aus diesem Werk.
3., erweiterte Auflage 2009
Titel der Originalausgabe:
Bubishi – à la source des karaté do
© 1995 by Éditions Amphora s.a., Paris
Deutsch von Frank Elstner
© 2004/2009 by Palisander Verlag, Chemnitz
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Anja Elstner
Redaktion & Layout: Viola Börner und Frank Elstner
Illustrationen: Roland Habersetzer, Archiv Roland Habersetzer
Fotos: Gabrielle Habersetzer, Archiv Roland Habersetzer
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783938305386
www.palisander-verlag.de
Für Ôtsuka Tadahiko Sensei,
ohne den ich nicht von der Quelle hätte trinken können;
ihm gilt mein Dank.
All jenen, die durstig sind;
ihnen gilt meine Ermutigung.
R. H.

Der Autor
Roland Habersetzer, Jahrgang 1942, ist seit 1957 Praktizierender der Kampfkünste. Bereits 1961 erhielt er den 1. Dan und wurde so zu einem der ersten französischen „Schwarzgurte“ im Karate. Zu recht wird er sowohl als Spezialist der japanischen Kampfkünste (Budô) als auch der chinesischen (Wushu) angesehen. Nachdem er verschiedene Graduierungen in Frankreich, Japan und China erhalten hatte, wurde Roland Habersetzer im April 2006 in Japan durch O-Sensei Ogura Tsuneyoshi (Schüler von Yamaguchi Gôgen und von Gima Makoto) der 9. Dan, Hanshi, sowie der Titel eines Sôke (Meister-Gründer) für seinen eigenen Kampfkunststil „Tengu no michi“ (Tengu ryû Karatedô, Kobudô, Hôjutsu) verliehen. Diese Graduierungen und Titel wurden durch Tadahiko Ôtsuka vom Tokioter Gôjûkensha (anerkannter Meister des Gôjû ryû, des Naha te und des Shuri te und direkter Schüler von Higa Yûchoku, von welchem er den Titel des Hanshi erhalten hat) bestätigt. Damit wurden seine außerordentlichen Bemühungen bei der Verbreitung der Kampfkünste und die hohe Effektivität seines Wirkens gewürdigt. Bestätigt wurde hierdurch ebenfalls der Sinn, den Roland Habersetzer stets in den nunmehr über 50 Jahren seiner Kampfkunstpraxis und in seinem Engagement für eine authentische Tradition gesehen hat, einer Tradition, die im Zeichen des größten Respekts vor den Stufen „Shu“, „Ha“ und „Ri“ steht. Schließlich stellt dies auch die Legitimierung seines eigenen Konzepts der Praxis der Kampfkünste dar, des „Weges des Tengu“ („Tengu no michi“).
Im Jahre 1968 erschien sein erstes populärwissenschaftliches Buch über die Kampfkünste. Heute besteht sein Werk aus über 70 Büchern, was ihn zum Autor der weltweit bedeutendsten Buchreihe auf diesem Gebiet werden läßt. Seine Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, gelten in allen frankophonen Ländern als historisches, technisches und pädagogisches Standardwerk. Auch in vielen anderen Ländern besitzen sie hohes Ansehen.
Schon frühzeitig zeigte sich Roland Habersetzer enttäuscht von der Tendenz des Karate, sich von einer Kampfkunst zur Sportart zu entwickeln. Daher gründete er 1974 das Centre de Recherche Budo (CRB), eine internationale, unabhängige Organisation, die zahlreiche Budôka zusammengeführt hat, denen vorrangig der Erhalt der geistigen Werte der japanischen und chinesischen Kampfkünste am Herzen liegt. Durch sein Wirken im Rahmen des CRB, durch zahlreiche Lehrgänge und Seminare auf der ganzen Welt und natürlich auch durch seine technischen Handbücher und historischen Werke leistete er echte Pionierarbeit, damit die traditionellen Werte seiner Kunst nicht verloren gehen. Zwischen 1962 und 2002 unterrichtete er in seinem Dôjô in Straßburg. Stets umfaßte sein Ausbildungskonzept sowohl die Kampftechniken als auch deren kulturellen Hintergrund. Nach wie vor ist er als Budôka sehr aktiv, auch wenn sich seine Lehrtätigkeit inzwischen auf wenige Lehrgänge und Seminare hohen Anspruchs pro Jahr beschränkt.
Der weltweit anerkannte Experte des Karatedô, des Kobudô und des Taijiquan interessiert sich leidenschaftlich für Kampfkünste in all ihren Erscheinungsformen. Nach Effektivität im Kampf zu streben bedeutet für ihn, alle Entwicklungen vorurteilsfrei zu betrachten. Diese Überzeugung führte den modernen „Rônin“, als den er sich sieht, dazu, seiner Praxis auch andere Techniken hinzuzufügen, was selbst den Umgang mit zeitgenössischen Waffen einschließt. So ist er (mit entsprechenden Diplomen aus den USA und der Schweiz) u. a. auch als Ausbilder im Kampfschießen mit Handfeuerwaffen tätig.

Foto 1: Ôtsuka Tadahiko, links, gemeinsam mit dem Autor (Straßburg, Oktober 1993)
Mit seinem Institut Tengu, das er 1995 gründete, begann parallel zu seiner Tätigkeit als Budôka eine neue Etappe seiner Forschungen auf dem Gebiet der Kampfkünste. Das Ziel dieses Instituts besteht darin, auf Grundlage des Studiums und des praktischen Vergleichs zahlreicher Formen des Kampfes mit und ohne Waffe zu einem umfassenden Konzept der Selbstverteidigung zu gelangen, das den Gegebenheiten des heutigen Lebens gerecht wird. Die Absicht von Habersetzer Sensei besteht darin, der Praxis des Karatedô einen Sinn zu verleihen, der in der modernen Gesellschaft Bestand hat, einen Sinn, der nichts zu tun hat mit sportlichen oder spielerischen Varianten. Sein leidenschaftliches Streben gilt einer gültigen Neubestimmung des Konzepts des Kriegertums für unsere Epoche; Techniken, Taktiken und Verhaltensweisen der Praxis des klassischen Karatedô sollen mit den Gegebenheiten unserer Zeit in Einklang gebracht werden.
„Der Weg des Tengu“ (Tengu no michi) ist für ihn das Abbild einer neuen Bewußtwerdung, eines Willens, einer modernisierten Methode des Budô. Geistige Einstellung und technische Mittel entsprechen dabei den Anforderungen der heutigen Welt. Indem er nach langen Jahren auf dem Weg des klassischen Karatedô eine authentische Schule (Ryû) der vereinigten Kampfkünste (Shin Budô), „Tengu no michi“, gegründet hat, tat Habersetzer Sôke nichts anderes, als den lebendigen Geist der Tradition in die Gegenwart einzubringen. Ganz im Sinne eines „Tatsujin“ („aufrechter Mensch“) ist er somit seiner ursprünglichen Wahl treu geblieben, indem er die Tradition mit Nachdruck und Überzeugung ehrt und weitervermittelt.
Illustrationen
Außer den 48 Originalzeichnungen des Bubishi, den 32 Zeichnungen aus dem Ji Xiao Xin Shu, die ihm von Ôtsuka Sensei anvertraut wurden und einigen Illustrationen, deren Quellen angegeben wurden bzw. die lizenzfrei sind, entstammen alle Zeichnungen der Feder des Autors.
Die Fotografien, wenn nicht anders vermerkt, sind von Gabrielle Habersetzer und aus den Archiven des Autors bzw. entstammen lizenzfreien Quellen.
Die Fotos, die Ôtsuka Sensei bei seiner Vorführung der Happoren no kata zeigen, wurden von Jean-Claude Bénis und von Jean-Jacques Graff angefertigt.
Danksagungen
Der Autor dankt nachdrücklich Ôtsuka Tadahiko Sensei, 9. Dan des Gôjûkensha von Tokio, dessen Wissen und dessen Freundschaft dieses Werk ermöglicht haben.
Gleichermaßen geht der Dank des Autors an Jean-Jacques Graff, 2. Dan, der ihm als Partner in zahlreichen Praxisstunden für die Herausarbeitung der Interpretationen der 48 Bildtafeln des Bubishi diente, sowie an Jacques Faieff, 4. Dan, und Bernard Bomati, 3. Dan, Ausbilder am CRB, welche ebenfalls auf einigen Fotos dieses Buches vertreten sind.
Der Autor weiß den ausgezeichneten Kontakt mit Patrick McCarthy zu schätzen, der eine eigene Studie über das Bubishi verfaßt hat und der dem Autor gestattet hat, auf eine Anzahl von Informationen und Überlegungen dieser Studie zurückzugreifen.
Der Autor dankt Claudia von Collani aus Würzburg, Danträger des CRB/Institut Tengu, Theologin, Japanologin und Sinologin, für ihre Recherchen, die die Einführungen zu den „32 Formen des Boxens des Kaisers Song Taizu“ bereichert haben.

Centre de Recherche Budo (CRB)
7b Chemin du Looch
F-67530 Saint-Nabor
Internet: www.karate-crb.com
Deutsche CRB-Website:
www.wslang.de/karatecrb

Vorbemerkung zur 3. deutschsprachigen Auflage
Die 32 Formen des „Boxens des Kaisers Song Taizu“

Kaiser Song Taizu (927 - 976), der Begründer der Song-Dynastie. Er gilt als Schöpfer eines eigenen Kampfkunststils, des Taizu Chang Quan („Taizus lange Faust“), auf welchen die 32 Formen aus dem Ji Xiao Xin Shu zurückgehen.
Ôtsuka Tadahiko Hanshi, der Leiter des Gôjûkensha in Tokio, bat mich im Rahmen eines Besuches im Elsaß im Herbst 2007, die „32 Formen“ von Qi Jiguang in Europa zu veröffentlichen (siehe S. 55 ff.). Diese sind auch Bestandteil des ersten Bubishi (Wu Bei Zhi) von Mao Yuan Yi (siehe S. 23 f.). Ich nutze die Gelegenheit der deutschsprachigen Neuauflage meines Buches über das okinawanische Bubishi, um diese bislang im Westen nicht veröffentlichte Arbeit zu publizieren. Dies stellt einen wichtigen Beitrag für die Erforschung der Wurzeln der Kunst der „leeren Hand“ dar – des okinawanischen Tôde und des daraus hervorgegangenen japanischen Karate. Einmal mehr bin ich Ôtsuka Sensei zu großem Dank verpflichtet für das Vertrauen, das er mir entgegenbrachte, als er mir seine Übersetzungen des alten chinesischen Dokuments sowie einige Kommentare dazu anvertraute (mit einer Übertragung ins Französische, die durch seine Schüler Philippe Callens und Kyôko Momose ausgeführt wurde). Die dazugehörigen Abbildungen entstammen dem Werk „Ji Xiao Xin Shu“ von Qi Jiguang, in der Version, wie sie ins Wu Bei Zhi von Mao Yuan Yi aufgenommen wurde.

General Qi Jiguang (1528 - 1588). Er gilt als Autor des Ji Xiao Xin Shu, einem Handbuch für die militärische Ausbildung, das u. a. die 32 Formen des Taizu Chang Quan enthält.
Der Weg, dem wir in den Kampfkünsten folgen, ist eine der Erscheinungsformen des Tao. Ich glaube, daß dies auf menschlicher Ebene einfach nachzuvollziehen ist. Gleich dem Tao hat der Weg weder Anfang noch Ende. Seit es die Menschheit gibt, existiert er, spornt er an, folgt er bestimmten Vorgehensweisen. Und es wird ihn so lange geben, wie es Menschen gibt, die es dazu drängt, sich den Fragen zu stellen, die der Weg aufwirft. Den Weg zu erforschen kann bedeuten, zu versuchen, stromaufwärts zu seinen Quellen vorzustoßen – was eine Art archäologische Neugierde voraussetzt. Man kann aber auch versuchen, seinem Fluß stromabwärts zu folgen, angespornt von einer Zukunftsvision, so, wie ich es selbst mit meinem „Weg des Tengu“ (Tengu no michi) versuche. Beides verlangt unendlich viel Gefühl für das rechte Maß, Respekt und Bescheidenheit. Ich bin sehr glücklich, daß ich dank der Freundschaft von Ôtsuka Tadahiko Sensei hier wieder die Gelegenheit hatte, den Weg in Richtung seiner Quellen erforschen zu können. Er, der genau verstanden hat, welche Ziele ich mit meinem „Weg des Tengu“ verfolge, hat mir – im vollen Bewußtsein der Unterschiede unserer Vorgehensweisen – erneut sein vollkommenes Vertrauen geschenkt.
Roland Habersetzer, Saint-Nabor im Frühjahr 2009
Die Bibel der Kampfkunst der „leeren Hand“
Das moderne japanische Karate mit seinen verschiedenen Stilrichtungen existiert seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts1. Es entwickelte sich aus dem Ryûkyû Kempô Karate Jutsu, auch Okinawa te genannt. Verschiedene Strömungen der chinesischen Kampfkünste spielten zusammen, als sich im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte die Techniken des Kampfes mit bloßer Hand herausbildeten. Diese Strömungen waren das Tô-De („Kontinentaltechnik“)2, auch „Hand der Tang“ genannt, des weiteren jene Kampftechniken, die heute im Westen unter dem Gattungsnamen Kungfu (korrekter ist die Bezeichnung Wushu) bekannt sind, sowie die Prinzipien des Ch’i kung bzw. Qigong (Beherrschung der „Lebensenergie“). Kenntnisse über diese Techniken gelangten aus dem Reich der Mitte nach Japan und verbanden sich mit dort bereits vorhandenem Wissen. Die Insel Okinawa, die etwa 600 Kilometer südlich von Japan liegt, war das Bindeglied zwischen China und Japan, wirkte selbst aber als eine Art Tiegel, in dem unterschiedliche Strömungen der ostasiatischen Kampfkünste miteinander verschmolzen. Auf diese Weise wurde Okinawa zum Ursprungsort mehrerer durchaus eigenständiger Kampfkunststile, wie dem Shuri te, dem Naha te und dem Tomari te.
Die Umstände der alten, bekannten Verbindung China – Okinawa – Japan werden seit langem von den Historikern der Kampfkünste studiert. Die Untersuchungen über die Wurzeln der Kampfkunst mit bloßer Hand3 führten diese Forscher schon bald über die Grenzen Japans und selbst über die Okinawas hinaus. Sie richteten ihr Augenmerk auf das südliche China, genauer gesagt, auf die Provinz Fujian (auf japanisch Fukien). Dort haben, wie es scheint, vor sehr langer Zeit alle Entwicklungen ihren Anfang genommen. Hier vermuteten die Historiker die Quelle, der die oft zueinander gegenläufigen Strömungen entsprangen, die heute den Weg der reinen Kampfkunst überfluten. Den ernsthaft Praktizierenden befallen mitunter grundsätzliche Zweifel, wenn er darüber nachsinnt, was aus seiner inzwischen von Medien und Kommerz vereinnahmten „Kunst“ geworden ist. Um so reizvoller der Gedanke, es existiere eine Quelle, rein, ungetrübt und ursprünglich4.
Tatsächlich traten, um bei diesem Bild zu bleiben, die ersten Rinnsale, die am Ende jenen mächtigen Strom bildeten, der die Kampfkünste revolutionierte5, in der Region von Fujian hervor, wahrscheinlich im Umkreis der Stadt Fuzhou. Hier wurde vor mehreren Jahrhunderten der Kampfstil des Weißen Kranichs (Baihequan, oder auf japanisch Hakutsuru ken) geboren. Der Name resultiert daraus, daß Körperhaltungen und Bewegungen von Vögeln imitiert werden, was zahlreiche Spuren in den Kampfkünsten hinterlassen hat, die sich vereinzelt selbst noch in den Techniken des modernen Karate wiederfinden: in einigen Kata (Gankaku/Chintô) oder in manchen Stellungen (Tsuruashi dachi). Und ebendieser Stil ist es, der das Zentrum des Bubishi bildet, einer Sammlung illustrierter Texte, die gleichfalls in jener Region entstanden ist und die den Gegenstand dieser Arbeit darstellt.
Das Bubishi ist ein kleines Buch, das vor rund 250 bis 300 Jahren entstand und dessen Autor unbekannt ist. Es wurde in einem mitunter schwer zu entschlüsselnden Altchinesisch verfaßt und mit einer Reihe von Zeichnungen in naivem Stil illustriert. Es stellt die Frucht der Erfahrungen mehrerer anonymer Meister der „leeren Hand“ dar. Auch wenn es vielleicht nicht als die Quelle von allem, was die Techniken des waffenlosen Kampfes betrifft, angesehen werden kann, so ist es doch ein wesentlicher Beitrag dafür, daß wir heute manches über diese Quelle wissen. Kein ebenso altes Kampfkunst-Werk solch unschätzbaren Wertes ist uns gegenwärtig bekannt. Sein Text, wenngleich teilweise unverständlich, ist lebendig geblieben, er vermittelt eine Botschaft. Bu Bi Shi (oder Bu Bi She) lautet sein chinesischer Titel, der auch auf Okinawa beibehalten wurde. Ein programmatischer Name, der auf japanisch folgende Begriffe umfaßt: Goshin (Selbstschutz), Sonaeru (Vorbereitung) und Hakitome Teoku (Anmerkungen). Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt die Geschichte des Stils des Weißen Kranichs und ist mit 48 Bildern von Nahkampftechniken, sehr einfach und roh gezeichnet, illustriert. Der zweite Teil enthält Anmerkungen darüber, wie im Kampf die Hände auf richtige Weise eingesetzt werden müssen, um auf die Vitalpunkte des Gegners einwirken zu können. Der dritte Teil handelt von der Pflege und Heilung von Verletzungen. Es scheint, daß dieses Manuskript, das heute alle Kampfkunst-Historiker einmütig für äußerst wertvoll erachten, seinen Weg nach Okinawa zuerst durch Higaonna Kanryô (1853 - 1916) gefunden hat.
Zwei Zweige des Karate verdanken dem Bubishi ihren Ursprung: das Gôjû ryû, das durch Miyagi Chojûn (1888 - 1953) entwickelt wurde, und das Shitô ryû, entwickelt durch Mabuni Kenwa (1889 - 1952). Diese beiden Meister haben unterschiedliche Kopien des chinesischen Bubishi besessen und gaben sie später weiter. Die Kopie Chojûns war Grundlage einer Arbeit von Ôtsuka Tadahiko Sensei6, und das Exemplar Kenwas diente Patrick McCarthy7 als Vorlage.
Ôtsuka Sensei hat mir sein Exemplar des Bubishi anvertraut, damit es auch einer nicht-japanischen Öffentlichkeit zugänglich würde.8 Das vorliegende Werk beruht allerdings gleichermaßen auf den ausführlichen Gesprächen, die ich mit Ôtsuka Sensei während seines Besuches im „Centre de Recherche Budo“ (CRB) in Straßburg im Herbst des Jahres 1993 führte. Bei diesem Besuch lehrte er insbesondere die Happoren no kata, die im Bubishi erwähnt wird.
Ich habe nicht versucht, eine vollständige Übersetzung des Originaltextes zu unternehmen.9 Anstelle dessen habe ich mich dazu entschlossen, mich auf drei Schwerpunkte zu beschränken. Als erstes werden die 48 Zeichnungen aus dem Bubishi vorgestellt und erläutert (auch wenn ich mich dabei möglicherweise der Gefahr allzu persönlicher Interpretationen ausgesetzt habe). Der zweite Schwerpunkt ist der Ablauf der Hakufa no kata des Weißer-Kranich-Stils, und der dritte besteht in der Geschichte und der Beschreibung der Happoren no kata.
Das Bubishi enthält die Schöpfungsgeschichte einer Linie der Kampfkünste. Alles darin ist noch ursprünglich, nichts deformiert. Man kann es mit der Bibel vergleichen, denn wenn in ihm auch nicht alles zu finden ist, was heute existiert, so finden sich doch alle Anfänge, verbunden mit der Frische und Unschuld, wie sie der Morgendämmerung zu eigen ist, der Stunde, bevor das marktschreierische Gehabe der falschen Propheten und alle anderen Verfälschungen sich wie Staub auf die frischen und echten Farben legen und die wahre Gestalt der Dinge verhüllen.
I
Einführung in die Untersuchung einer Reliquie: Vom chinesischen Shaolin quan zum japanischen Karatedô

Das „fehlende Bindeglied“
Es ist bekannt, daß alles, was Historiker über die Entwicklung der Kunst der „leeren Hand“10 in der Zeit vor Beginn des 20. Jahrhunderts aussagen, mit Vorsicht interpretiert werden muß und mit dem bereits bestehenden Wissen sorgfältig verglichen werden sollte. Jede voreilige „Erkenntnis“, die dem Enthusiasmus entspringt, der gerade auf diesem Forschungsgebiet jede neue Entdeckung zu begleiten pflegt, kann zu falschen Schlußfolgerungen und den Forscher in die verkehrte Richtung führen. Da einige dieser Irrwege äußerst verlockend erscheinen, fällt die Rückkehr dann oftmals nicht leicht. Größte Vorsicht ist also geboten, wenn man sich mit der Geschichte des Okinawa te oder des Ryûkyû-Kempô11 im 19. Jahrhundert befaßt.
Unter diesen Voraussetzungen betrachtet, können nur wenige Fakten als historisch gesichert angesehen werden, denn es gab zu jener Zeit keine zuverlässigen Aufzeichnungen; alles beruhte auf der Geheimhaltung der einzelnen Stile, auf Rivalität, und Wissen wurde grundsätzlich mündlich weitergegeben. Aus dem Geflecht überlieferter Geschichten und Legenden konnten lediglich wahrscheinliche Aussagen über die tatsächlichen Geschehnisse extrahiert werden.
Und an diesem Punkt kam es plötzlich zur Wiederentdeckung des Bubishi. Mit seinem Text und seinen Illustrationen schien es das Dokument schlechthin zu sein über die traditionellen chinesischen Kampfkünste. Zugleich war es Inspiration für die ältesten Schulen des Okinawa te, deren Vertreter während der letzten Jahre das Bubishi in zunehmendem Maße offen als wertvolle Quelle ihres gegenwärtigen Wissens bezeichneten. Das fragliche Dokument war 100 bis 300 Jahre alt, und es war authentisch. Endlich zeichneten sich die Konturen der Brücke zwischen China und Okinawa deutlicher ab, über welche die Kampfkunst mit bloßer Hand, deren Wurzeln sich bis ins berühmte Shaolinkloster verfolgen lassen, auf die Ryûkyû-Inseln12 gelangt war. Man hatte das „fehlende Bindeglied“ der Übertragungskette gefunden. Auch wenn im Bubishi nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden werden kann, so stellt es doch einen gewichtigen Beitrag zur Kenntnis der Herkunft und der Urbestandteile des Karatedô dar. Es vermittelt uns auch eine Ahnung des Wunderbaren, das das Leben dieser alten Meister aus Okinawa durchdrang, die uns ein Erbe an Kampftechniken und Kultur hinterließen, dessen Fülle wir selbst heute noch nicht vollkommen erschlossen haben.
Für den Karateka, der wissen will, woraus das Karate, das er praktiziert, im Grunde besteht, ist dieses wieder und wieder mit größter Sorgfalt kopierte Manuskript das historische Dokument schlechthin. Es sollte ihm jedoch klar sein, daß selbst diese Quelle, so unverzichtbar und unersetzlich sie auch sein möge, seinen Wissensdurst nicht völlig stillen wird. Dennoch, auch wenn das Bubishi nicht als Handbuch der Techniken, der Geschichte und der Philosophie des Karate begriffen werden kann, erhellen seine theoretischen und praktischen Ausführungen auf eine Weise die Wurzeln der Kampfkünste, daß dieses kleine Buch in seinem Rang mit dem berühmten Werk „Die Kunst des Krieges“ von Sun-Tsu oder auch mit Miyamoto Musashis „Buch der fünf Ringe“ vergleichbar ist.
Ich halte es für wichtig und für nur allzu gerecht, hervorzuheben, daß es zum großen Teil Ôtsuka Tadahiko Sensei zu verdanken ist, wenn heute das lange Zeit unbekannte (oder zumindest in seinem Wert verkannte) Bubishi von Seiten der Spezialisten mit wachsendem Interesse bedacht wird.13 Ôtsuka Sensei, Gründer und Leiter des Gôjûkensha in Tokio, ist einer der zeitgenössischen japanischen Meister, die all ihr Streben darauf richten, nach den Wurzeln des Karatedô zu suchen und es in seiner ursprünglichen Form zu rekonstruieren. Dank der Unterstützung durch Yang Ming-shi Shifu14 und die okinawanischen Meister Iken Tokashiki Sensei und Mie Shimizu Sensei gelang Meister Ôtsuka die erste Übertragung des Bubishi ins moderne Japanisch. Bereits Mitte der 70er Jahre erzählte er mir von diesem Dokument, dessen Wert ich damals noch nicht in vollem Umfang zu erkennen vermochte, und er hielt mich in der Folge über seine Forschungen und Veröffentlichungen zu diesem Thema auf dem Laufenden. In meinen Augen stellt er die unangefochtene Autorität für das Bubishi in Japan dar. Gewiß existieren weitere Kopien des Originalmanuskripts in den von den alten Meistern Okinawas, Chinas und Japans hinterlassenen Archiven, aber es war niemand anders als Meister Ôtsuka, der seine Arbeiten zum Bubishi der Öffentlichkeit zugänglich machte. Wir verdanken ihm außerdem eine bemerkenswerte Studie über die Übertragung der chinesischen Dao15 auf die Koshiki kata aus Okinawa. Die Studie beruht auf der Wiederentdeckung einer sehr alten chinesischen Kata aus der Provinz Fujian (Fukien), die im Bubishi erwähnt wird und die den gemeinsamen Stamm der stark auf Atemtechniken orientierten modernen Kata des Gôjû ryû darzustellen scheint: der Happoren no kata. Mit seiner Erlaubnis und auf seine Anregung hin habe ich damit begonnen, diese Entdeckungen durch meine eigenen Bücher zu verbreiten. Dem Meister und auch Freund, der er mir geworden ist, sei hiermit für seine außerordentlichen Beiträge zum Wissen über die Tradition gedankt.
Ein geheimes Dokument
Das Bubishi stellt aus heutiger Sicht die gemeinsame Wurzel zumindest der wichtigsten Stile des Ryûkyû Kempô Karate Jutsu dar. Dieses historische Dokument, dessen Authentizität unangefochten ist, wurde lange Zeit von den alten Meistern Okinawas, in deren Hände es anscheinend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte, geheimgehalten. Es ist bekannt, daß sowohl Higashionna Kanryô (1853 - 1915) als auch Itosu Ankô (1832 - 1916) ein Exemplar besaßen. Es scheint, daß Miyagi Chojûn (1888 - 1953) durch ein Kapitel des Bubishi inspiriert wurde, als er im Jahre 1929 seinen eigenen Kampfkunststil Gôjû ryû nannte. Darauf deutet die Verwendung der Begriffe Gô (Härte; das Ausatmen) und Jû (Weichheit; das Einatmen; aber auch: die Geschicklichkeit, sich aus einer mißlichen Lage zu befreien) hin. Andere, wie sich noch zeigen wird, wußten um die Existenz des Buches, ohne jedoch in jedem Fall die Möglichkeit zu einem intensiveren Studium der Schrift gehabt zu haben. Der erste, der das Dokument teilweise der Öffentlichkeit zugänglich machte, war Mabuni Kenwa (1889 - 1952), der Begründer des Shitô ryû. In seinem Buch „Studie der Seipa“, das 1934 in Tokio erschien, gab er einige Auszüge aus dem Bubishi wieder.16
Worum geht es nun im einzelnen auf diesen seit vielen Generationen von den Meistern an ihre Schüler weitergegebenen und immer wieder sorgfältig kopierten Seiten? In 32 Abschnitten werden die Techniken des Shaolin-Stils Quan-fa (Chuan-fa), die Techniken des Kranichs (auch Weißer Reiher) aus der chinesischen Provinz Fujian, die Übungen des Qigong (Beherrschung der inneren Energie), die geheimen Prinzipien des Tuidi (Dianxue, auf japanisch Atemi) und alle Formen des Angriffs auf die Vitalpunkte des menschlichen Körpers abgehandelt. Des weiteren werden das Bunkai (Anwendungsmöglichkeiten) der Kata Happoren, das Wissen über Heilkräuter und die Art ihrer Verwendung bei Kampfverletzungen beschrieben, und es werden moralische Richtlinien dargelegt, die durch jene, die in all diese Geheimnisse eingeweiht sind, zu befolgen sind.
Einerseits stellt das Bubishi einen äußerst bemerkenswerten Versuch dar, das Wissen über die Künste der „leeren Hand“, wie es in der Zeit der Entstehung des Buches bestand, als ein Ganzes zu begreifen. Andererseits sind die Informationen, die im Bubishi gegeben werden, nicht immer zusammenhängend dargestellt, und es ist auch nicht immer möglich, ihren praktischen Aspekt klar zu erkennen. Eine weitere Schwierigkeit der Textinterpretation ergibt sich daraus, daß es ursprünglich in dem chinesischen Dialekt, wie er in Fujian gesprochen wurde, verfaßt wurde und die heute existierenden Kopien auf Abschriften und auf Übersetzungen in andere Dialekte oder gar Sprachen beruhen. Dadurch haben sich zwangsläufig Irrtümer grammatikalischer und lexikalischer Natur eingeschlichen. Auf diese Weise bleibt das Bubishi gewissermaßen ein Text voller Geheimnisse, geschützt durch eine Art „Code“. Ähnlich wie bei einer alten Kata, die auch nicht durch bloße Übung all ihre Bunkai-Möglichkeiten enthüllt, werden, je nachdem, welchen Grad der Vollkommenheit (vielleicht auch der „Reinheit“) der Suchende erreicht hat, verschiedene Aspekte auf unterschiedliche Weise begriffen.

Foto 2: Die ersten Anfänge entwickelten sich höchstwahrscheinlich im alten Indien. Die riesigen Steinwächter am Eingang zur großen Höhle der Longmen-Grotten in der Nähe von Lo-Yang (China) nehmen verschiedene Haltungen aus der Vajramukti-Kampfkunst ein, die einst durch die Kriegerkaste des alten Indiens praktiziert wurde. Diese Positionenfinden sich gleichermaßen in japanischen Götterstatuen (Devas) und in Figuren der Tempelwächter im mittelalterlichen Japan (Kongo-Rikishi) wieder. Auch in der alten Kampkunst der Mönche des berühmten Shaolin-Tempels lassen sich diese Körperhaltungenwiederfinden. Dieser Tempel liegt an einer von Indien nach China führenden Pilgerstraße, über die im übrigen auch der Chan-Buddhismus nach China gelangt ist.

Das alte chinesische Symbol des Tai Ji repräsentiert das Universum im vollendeten Gleichgewicht gemäß den Prinzipien des Yin und des Yang, von denen jedes ein Teil des anderen enthält. Die Außenlinien der Begrenzungen fügen sich harmonisch in den Kreis, der das Dao symbolisiert. Alle aus China stammenden Kampfkünste, sowohl in ursprünglicher Gestalt als auch solche, die eine Synthese verschiedener Stilrichtungen darstellen, sind zutiefst von dieser taoistischen Sichtweise durchdrungen, die den philosophischen und religiösen Hintergrund für die Techniken bildet. Natürlich findet dies auch im Bubishi seinen Widerhall.

Foto 3: Um das Jahr 520 n. Chr. kam ein aus der Gegend von Madras stammender Mönch von Indien in die chinesische Provinz Henan und brachte das Chan (Zen) zum „Kloster des kleinen Waldes“ (Shaolin). Es ist denkbar, daß er das Vajramukti kannte. Fest steht, daß er dort eine bestimmte Kampftechnik lehrte und sich schließlich neun Jahre lang in eine Höhle zurückzog, um dort zu meditieren (das Foto zeigt den Eingang zu dieser Höhle). Auf diese Weise begann die Legende der unbesiegbaren Shaolin-Mönche.

Foto 4: Bodhidharma (auf chinesisch Da-mo, auf japanisch Daruma) überquert den Jangtse-Fluß auf einen Schilfrohr. Eine von zahlreichen modernen Darstellungen dieser Episode, wie man sie in den Tempeln Südchinas finden kann.

Foto 5: Klassische Darstellung derselben Begebenheit. Die Zeichnung (Tinte auf Papier, Museum von Stockholm) aus dem Jahre 1655 stammt von Shih Tsu (bekannter unter seinem Kaiser-Namen Shun Chih, 1638 - 1661).
Der Name Bu Bi Shi (Wu Bei Chi oder Wu Bei Zhi auf Mandarin) bezieht sich auf die Kenntnis der Kriegskunst. Bu steht für Krieger, Bi für Wissen und Versorgen und Shi für Geist und Ehrgeiz. Die genaue Entstehungszeit und der Entstehungsort des Werkes werden wohl für immer im Dunkeln bleiben. Wenig ist über seine Autoren bekannt. Es könnte sich um die Arbeit mehrerer Meister handeln, die ein und dieselbe chinesische Quelle studiert haben und der Nachwelt eine Art Vermächtnis hinterlassen wollten. In den folgenden Abschnitten sollen einige Hypothesen über die Herkunft des Buches und seinen Weg auf die Insel Okinawa erörtert werden.
Die Ursprünge: Vom ersten zum zweiten Bubishi
Tatsächlich existieren zwei Werke, die den Titel Bubishi tragen. Beide stammen aus Fujian, aber hinsichtlich ihrer Entstehungszeit und ihres Umfangs unterscheiden sie sich beträchtlich voneinander. Uns interessiert hier vor allem das später entstandene, kleinere Buch, das jedoch viel von seinem Inhalt dem älteren Bubishi verdankt.
Das erste Bubishi ist ein monumentales Werk, das im Jahre 1621 durch Mao Yuan Yi (ca. 1594 - 1844) veröffentlicht wurde.17 Der Autor hatte 15 Jahre seines Lebens damit verbracht, alles, was zu seiner Zeit über die Kunst des Krieges bekannt war, zusammenzufassen: Strategie und Taktik, Landkarten sowie Techniken des Einzelkampfes mit und ohne Waffen. Das Buch, von dem heute noch einige Kopien existieren, umfaßt 240 Kapitel. Die darin behandelten Nahkampftechniken mit und ohne Waffe wurden anhand von 32 Kampfpositionen – 16 Abbildungen mit jeweils zwei Personen – illustriert. Diese Kampfhaltungen ähneln stark den bereits 1561 durch den chinesischen General Qi Jiguang (1528 - 1588) in seinem Buch „Ji Xiao Xin Shu“ (auf japanisch „Kiko Shin Shô“) beschriebenen und auch denen des zweiten Bubishi. Allerdings werden in letzterem bedeutend mehr Positionen beschrieben. Mao Yuan Yis Bubishi wird in China bis zum heutigen Tag unter Verschluß gehalten, und lediglich hochrangige Militärs und Regierungsmitglieder haben ein Recht auf Einsichtnahme. Während der Qing-Dynastie (1644 - 1911) stand es sogar auf dem Index, weil es den Gegnern der Herrschenden als Anregung zum Widerstand hätte dienen können.
Der Kern des zweiten, bedeutend weniger umfangreichen Bubishi besteht aus dem Kampfstil, der „Weißer Kranich“ (Baihequan oder auch Hork Yang; auf japanisch Hakutsuru ken) genannt wird. Dieser Kampfstil stammt aus dem in der Provinz Fujian gelegenen Dorf Yongchun. Das Buch wirkt wie ein „regionales Produkt“, dessen Gehalt durch Kenntnisse, die aus unterschiedlichen, weiter entfernt liegenden Quellen stammten, erweitert und vertieft wurde. Die zum Teil ungenau und grob ausgeführten Zeichnungen wie auch verschiedene zweifelhafte Übertragungen alter chinesischer Schriftzeichen setzen beim Leser umfangreiche Kenntnisse der Techniken, auf die im Text angespielt wird, voraus. Beispielsweise wird in dem Abschnitt, der den Heilkräutern und ihrer praktischen Anwendung bei Verletzungen gewidmet ist, offenkundig davon ausgegangen, daß derjenige, der den Text liest, bereits mit einer Vielzahl von Kräuterarten und Kräuterabsuden vertraut ist. Es ist klar, wie gefährlich es unter diesen Umständen sein kann, das entsprechende Kapitel falsch oder unzureichend zu erläutern. Das gleiche gilt natürlich für die Erklärungen zu Angriffen auf die Vitalpunkte. Die Ausführungen im Bubishi, die sich auf den „tödlichen Stoß“ oder auf die „vergiftete Hand“ (Dianxue oder Tien hsueh auf Mandarin, Dim mak im kantonesischen Dialekt) beziehen, sind relativ undeutlich. Auch in diesem Fall läßt sich mit den Elementen, die durch das Bubishi gegeben werden, nicht viel beginnen, wenn die Techniken nicht korrekt und zusammenhängend durch einen Experten entschlüsselt werden. Dem „Uneingeweihten“ bleibt die praktische Anwendung somit verwehrt. All dies legt den Schluß nahe, das Bubishi sei eine Art „Notizbuch“, denn nichts darin wird tatsächlich ausdrücklich benannt, und nur jene, die „bereit“ für dieses Wissen sind, können die Botschaft empfangen. Ihnen erlaubt es, das zu überprüfen, was sie bereits vermuteten, es weist ihnen die Richtung für weitere Forschungen und hilft ihnen, neue Fragen zu stellen. Die anderen, die nicht „bereit“ sind, können hingegen mit dem zusammenhanglos wirkenden Informationsgeflecht keinen Mißbrauch treiben. Ihnen wird das Buch letztendlich überhaupt nichts „sagen“. So gesehen, hat das Bubishi aus Fujian etwas Hermetisches an sich. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde der Versuch unternommen, gefährliches „Kriegerwissen“ schriftlich weiterzugeben, und dies wurde verständlicherweise von entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen begleitet.
Die Verbreitung: Die Verbindung zwischen China und Okinawa
Wie oben dargelegt, ist der Eckstein des jüngeren Bubishi der „Weiße Kranich“, ein Wushu-Stil. In dem 1983 von Liu Yinshan Shifu veröffentlichten Werk über diesen Kampfstil18 stellt der Autor die These auf, daß unter den Mönchen, welche die Zerstörung des Shaolinklosters im Jahre 1674 überlebt hatten,19 ein Mann namens Fang Houshu war. Dieser gelangte schließlich in die Provinz Fujian, wo er sich in dem Dorf Fuzhou niederließ. Verschiedene Quellen behaupten, daß Fang Houshu der Vater Fang Jin Jangs war, die in dem Nachbardorf Yongchun aufwuchs und den Stil des Weißen Kranichs begründete. Dies würde bedeuten, daß der Stil im 18. Jahrhundert entstand. Weiterhin behauptet Liu Yinshan, daß diese Technik im Jahre 1922 durch Lin Deshun, einen Schüler der fünften Generation der von Fang Jin Jang begründeten Schule nach Taiwan gebracht wurde. Er soll ebenfalls eine Kopie des Bubishi mit sich geführt haben. Nach Okinawa gelangte das Bubishi hingegen bedeutend früher, doch solch präzise Angaben wie über seinen Weg nach Taiwan können nicht gemacht werden.
In seinem 1934 erschienenen Werk über das Karatedô behauptet Miyagi Chojûn, daß 1828 ein Stil des chinesischen Boxens von Fuzhou nach Okinawa gelangte, der zur Grundlage für das von ihm entwickelte Gôjû ryû Kempô Karate wurde. Über die Umstände, wie dieser Stil nach Okinawa gelangte, trifft er jedoch keine Aussage. Wurden die Grundlagen dieser Technik, wie allgemein angenommen wird, durch chinesische Meister (Shifu) eingeführt,20 oder wurden sie von Okinawanern, die aus verschiedenen Gründen nach China gereist sein mochten, von dort in ihre Heimat mitgebracht? Falls letzteres der Fall war, stellt sich auch die Frage, ob diesen „Pilgern“ Einblick in das Bubishi gewährt wurde und ob sie die Möglichkeit hatten, sich Kopien für den persönlichen Gebrauch anzufertigen. Es gibt guten Grund, zu vermuten, daß tatsächlich Okinawaner, die China bereisten, um ihren Kampfkunsthorizont zu erweitern, das Buch nach Okinawa brachten. Möglicherweise versahen sie den Text an verschiedenen Stellen sogar mit Ergänzungen, denn diese Meister, die ins Reich der Mitte reisten, waren bereits zuvor Experten der Kampfkünste. Letzte Aufklärung über all diese Fragen wird es wohl nie geben.
Ich habe in meinem Buch „Koshiki Kata – die klassischen Kata des Karatedô“ ausführlich die Geschichte der Kunst der „leeren Hand“ erörtert, ausgehend vom antiken China bis hin zum modernen Japan. Ich habe gezeigt, wie wesentlich für diese Entwicklung Okinawa als Schmelztiegel war. Ich werde daher an dieser Stelle zu dieser Thematik nur das erwähnen, was unbedingt notwendig ist, um das Phänomen Bubishi begreifen zu können. Jene, die mit dieser historischen Entwicklung vertraut sind, werden allerdings bemerken, daß ich einige neue und wichtige Präzisierungen, neue Teilchen des Puzzles, aus dem heute immer klarer und glaubwürdiger ein Bild entsteht, hinzugefügt habe.

Foto 6: Bodhidharma lehrt im Shaolinkloster die „18 Hände des Lo Han“, Techniken, die als Grundlage aller chinesischen Kampfkünste angesehen werden. Auf den Mauern der Baiyi-Halle des heutigen Klosters kann man noch immer ein eindrucksvolles Fresko bewundern, das Mönche beim Training zeigt (siehe auch S. 48 ff.)

Foto 7: Shurei-no-Mon, das aus dem 15. Jahrhundert stammende Portal zum alten Palast von Naha auf Okinawa. Durch die in der Nachbarschaft von Naha gelegene chinesische Kolonie Kumemura erhielten Mitglieder der okinawanischen Kriegerelite Kenntnis von verschiedenen Shaolin-Kampfkunsttechniken.

Foto 8: Statuen in Menschengröße, die die einst im Shaolinkloster praktizierten Kampfkünste repräsentieren. Von ihnen existieren einige Dutzend in einem der Höfe des heutigen Klosters. Bereits ein oberflächlicher Vergleich genügt, um die enge Verbindung zwischen den im Bubishi beschriebenen und den Shaolin-Techniken zu erkennen.
Kumemura: Die Eingangspforte
Die Bewohner Okinawas (die Uchinanku) entwickelten bis zum 19. Jahrhundert selbständig die Techniken des Okinawa te (der „Hand Okinawas“) aus lokalen, chinesischen und japanischen Kampfkunststilen. Der japanische Einfluß wird für gewöhnlich selten berücksichtigt. Es ist jedoch so gut wie sicher, daß die Inselbewohner bereits seit der Heian-Epoche (794 - 1192) Einblicke in die japanischen Militärwissenschaften gewinnen konnten. Aus den „Geschichten des Hogen-Krieges“ (Hogen Monogatari) erfahren wir, daß nach der Niederlage, die Minamoto Tameyoshi im Kampf gegen Taira Kiyomori 1156 erlitten hatte, zahlreiche Anführer und Samurai des Minamoto-Klans ins Exil auf die bergige Halbinsel Izu und auf die Insel Oshima gingen. Zu ihnen zählte auch Minamoto Tametomo (1139 - 1170), der Sohn des Besiegten. Er, wie andere seiner Gefährten im Unglück, war ein Kundiger auf dem Gebiet der Kriegskünste, vor allem auf den Gebieten des Bogenschießens, des Schwertkampfes und des Kampfes mit bloßer Hand. Nachdem er sich die südlichste Insel Japans, Kyûshû, unterworfen hatte, begab er sich nach Okinawa, wo er den einheimischen Stammesführer, Ozato, in seiner Burg Urazoe besuchte. Er heiratete dessen Tochter, von der er einen Sohn bekam, Shunten. Dieser wurde im Jahre 1186 der erste König der Insel, und er begründete die Shunten-Dynastie (1186 - 1253). Shunten war zweifelsohne Erbe verschiedener Kampftechniken und kriegerischer Traditionen, die die Kämpfer (Bushi) seines Vaters auf die Insel gebracht hatten.
Zwei Jahrhunderte später gelang es nach etlichen Kriegen zwischen rivalisierenden Klanen einem mächtigen Anführer, Shô Hashi (1422 - 1439), die drei unabhängigen Königreiche auf der Insel unter seiner Herrschaft zu vereinigen und im Jahre 1429 eine Zentralregierung zu installieren. Er (oder einer seiner Nachfolger, Shô Shin) verbot den Besitz von Waffen aller Art. Es ist bekannt, daß dieses Verbot zu einem wiedererweckten Interesse an Methoden der Selbstverteidigung mit bloßer Hand führte und daß das königliche Edikt unbeabsichtigterweise zur Entwicklung des Okinawa te geführt hat. Zweihundert Jahre später erhielt diese Entwicklung einen weiteren Auftrieb, als im Jahre 1609 Scharen von Samurai aus dem Satsuma-Klan auf die Insel kamen. Diesen Kämpfern war der Weg zum Shôgunat21 in Edo (dem heutigen Tokio) durch den überlegenen Tokugawa-Klan versperrt worden. Somit richtete sich die Angriffslust der Satsuma-Krieger gegen Okinawa. Sie eroberten die Insel und beherrschten sie bis 1879, als König Shô Tai abdanken mußte und Okinawa dem japanischen Kaiserreich einverleibt wurde. Von großer Bedeutung ist die Tatsache, daß Iehiza Shimazu, der Herrscher des Satsuma-Klans zur Zeit der Invasion, das Verbot für die einheimische Bevölkerung, Waffen zu tragen, erneuerte. Man konfiszierte selbst kleinste Eisenwerkzeuge und zerstörte die Schmieden. Shimazu belebte auf diese Weise ungewollt den Widerstandsgeist der Einheimischen. Eine neue Blütezeit der Nahkampftechniken, unbewaffnet oder mit landwirtschaftlichen Geräten22, war die Folge des Hasses auf die japanischen Okkupanten. Das Okinawa te wurde somit weiter vervollkommnet. Techniken, die offensichtlich von den Besatzern kopiert wurden, flossen ein, und damit wieder einmal japanische Kampfkünste (Jûjutsu, Jigen-ryû-Kenjutsu).
Zumindest teilweise wurden diese Techniken offiziell durch Abgesandte des ehemaligen Königreichs von Okinawa (die Uchinan no Peichin) auf der Insel eingeführt, die in den Süden von Kyûshû und vor allem direkt in die Stadt Satsuma (das heutige Kagoshima) kamen. Es heißt beispielsweise, daß die Kobudô-Techniken des Rokushaku-Bôjutsu (Stock mit einer Länge von 6 Fuß) erst nach dem Aufenthalt des berühmten Chikudon Peichin23 „Tôde“ Sakugawa24 und des Chikudon Peichin Tsuken Koura in der Zeit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert aufkamen.
Eine weitere berühmte Persönlichkeit, die als einer der Gründerväter des Karate auf Okinawa angesehen wird, war der Chikudon Peichin Matsumura Sôkon (1792 - 1896), besser bekannt als „Bushi“ Matsumura. Er begab sich gleichfalls nach Satsuma, wo er als Leiter der königlichen Leibwache diente. Später erhielt Matsumura das Recht, die Techniken des Jigen ryû Kenjutsu in Satsuma zu lehren. – Soweit zum unleugbaren japanischen Einfluß auf das lange Reifen dessen, was heute unter dem Gattungsbegriff Okinawa te bekannt ist, der Urform des Karate.
Von größerer Bedeutung für die Kampftechniken, die zu jener Zeit auf Okinawa existierten, sind jedoch die Techniken des Tô-De (Tôde, auch Tô-Di, „chinesische Hand“). Diese heute gut bekannte Entwicklungsgeschichte, an die hier nur in groben Zügen erinnert werden soll, begann im 14. Jahrhundert und liegt somit zwischen den beiden Perioden des japanischen Einflusses.
Im Jahre 1372 sandte der chinesische Kaiser Ming Zhu Yuanzhang erstmals Emissäre nach Chuzan, einem der drei miteinander rivalisierenden Königreiche auf Okinawa. Er verlangte Tribute. Der in Chuzan herrschende König Sattô (1350 - 1395) hatte keine andere Wahl, als sich dem Verlangen des mächtigen Nachbarn zu beugen. 20 Jahre später begann schließlich die berühmte Geschichte der „36 Familien“. Diese 36 Familien stellten die ersten offiziellen chinesischen Abgesandten dar, und sie ließen sich auf Okinawa in dem unweit der Stadt Naha gelegenen Kumemura („das Dorf Kume“ oder „das Dorf Kuninda“) nieder. Diese wichtige chinesische Abordnung setzte sich aus Diplomaten, Händlern und Experten aller Art zusammen, deren Auftrag darin bestand, die chinesische Kultur mit all ihren Facetten auf Okinawa einzuführen. Kumemura wurde somit zur Eingangspforte für die Sprache, die Kunst und die Sitten Chinas. In der Folge gelangten auf gleichem Wege auch militärische Kenntnisse aus dem Reich der Mitte nach Okinawa, darunter die Techniken des chinesischen Boxens (Quanfa). Im 19. Jahrhundert spielte Kumemura schließlich die Rolle einer Schaltstelle, von der aus diese Techniken sich weiterverbreiteten. Verschiedene Okinawaner erlangten hier Zugang zur chinesischen Quelle dieser Techniken oder konnten von hier aus gar ins Innere Chinas reisen.
Unter den ersten Kampfkunstlehrern, die von China nach Kumemura gekommen waren, gibt es einige Persönlichkeiten, deren Namen im Zusammenhang mit den Ursprüngen der modernen Karatestile immer wieder genannt werden, auch wenn zumeist über die genaueren Lebensumstände dieser Männer kaum etwas bekannt ist:
Ason unterrichtete seine Schüler Sakiyama, Nagahama, Gushi und Tomoyori aus Naha in den Techniken des Shaolin Kempô (Shaolin ryû, auch Shôrinji Kempô oder Shôrei ryû, auf chinesisch Zhao Ling Liu), aber diese erste Linie des Naha te endete mit Tomigusuku.
Ko Sho Kun (auch Ku Shan Ku, auf chinesisch Kwang Shang-Fu) kam im Jahre 1756 als Mitglied einer Delegation chinesischer Abgesandter nach Okinawa. Die Kata Kûshankû, aus der im Shôtôkan die Kata Kankû wurde, verdankt ihm seinen Namen. Über ihn ist lediglich bekannt, daß er fähig war, sich gegen einen Angreifer, der größer und schwerer war als er, zu verteidigen, indem er ihn mit Hilfe einer Technik, die heute als „Beinschere“ bekannt ist, zu Boden warf. Man findet diese Technik gleichermaßen im Jûjutsu wie auch im später entstandenen Jûdô.
Ryû Ruko (Ru Ruku, Do Ryûko oder Ryû Ryûko, auf chinesisch Liu Lugong oder Liu Lu Kung oder Liu Lianguo genannt) soll von 1852 bis 1930 gelebt haben. Im Jahre 1874 nahm er Higaonna Kanryô als Schüler an, der aus Okinawa nach China gereist war, um sich in der Technik des Tôde zu vervollkommnen (er hatte diese Kampfkunst zuvor bei Aragaki Seisho, der von 1840 bis 1920 lebte, gelernt). Ryû Ruko wurde auf diese Weise zum Begründer eines Karate-Stils, den Miyagi Chojûn, der Nachfolger von Higaonna Sensei, Gôjû ryû taufte. Welche Techniken lehrte dieser Mann? Tokashi Iken, Leiter des „Okinawanischen Gôjû Tomari te Karatedô Kyokai“, schrieb in seinem 1993 erschienenen Werk „Gohaku“, Frucht ausführlicher Forschungen über den aus der Provinz Fujian stammenden Quanfa-Stil, daß Ryû Ruko (den er Xie Ruru nannte) am Anfang „eines der Stile“ des Weißen Kranichs stand. Ryû Ruko besuchte Okinawa im Jahre 1914. Es besteht die Möglichkeit, daß er das Bubishi mitbrachte. Ebenso möglich ist es jedoch, daß er seinem Schüler Higaonna (1853 - 1916), der mehr als zehn Jahre bei ihm in China verbrachte, eine Kopie des Buches anvertraute.25
Wai Xinxian (Waishinzan oder Woo Lu-chin) ist eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit. Es ist nicht einmal bekannt, ob Waishinzan und Woo Lu-chin tatsächlich ein und dieselbe Person gewesen sind. War er ein älterer Schüler Ryû Rukos oder gar Ryû Ruko selbst? Die Quellen widersprechen einander. Sicher ist allein, daß die Namen Ryû Ruko und Waishinzan am Anfang jenes Stils stehen, den Higaonna nach Okinawa brachte.
Wu Xianhui (auf japanisch Go Ken Ki) lebte von 1886 bis 1940. Dieser chinesische Shifu kam 1912 aus Fuzhou nach Okinawa, um dort als Teehändler zu leben. Er lehrte in Naha den Weißen Kranich, und unter seinen Schülern befanden sich einige der zukünftigen Meister der okinawanischen Linie des Karate. Zu ihnen zählten Miyagi Chojûn, dem er gemeinsam mit anderen Shifu chinesisches Boxen beibrachte, Mabuni Kenwa, Matayoshi Shinpô (1921 - 1997) und Kiyôda Juhatsu (1887 - 1968). Letzteren lehrte er die Kata Nepai, die aus dem von Fang Jin Jang entwickelten Weißer-Kranich-Stil abgeleitet worden war. Kiyôda Juhatsu gründete einen eigenen Stil, das Toon ryû. Go Ken Ki immigrierte schließlich nach Japan, wo er den Namen Yoshikawa annahm. Seine okinawanischen Schüler nannten ihn jedoch Busama-gunku, was Samurai bedeutet.

Foto 9: Zahlreiche Kampfkunstexperten aus Okinawa reisten nach China, um dort ihr Wissen über den Kampf mit bloßer Hand zu vervollkommnen. Für gewöhnlich gelangten sie zuerst in die Okinawa gegenüberliegende Provinz Fujian (Fukien). Einer der Reisenden, Matayoshi Shinkô (1888 - 1947), brachte von seiner ersten Fahrt nach Fuzhou nicht nur eine Kopie des Bubishi, sondern ebenfalls diese Grafik mit, die eine Kriegergottheit aus dem alten Zheng Li (der Name von Fujian im Altertum) darstellt. Es ist vorstellbar, daß es sich hierbei um eine andere „Version“ der Darstellung einer Wächter- und Schutzgottheit aus der Provinz Zheng Li (Jiu Tian Feng Huo Yuan San Tian Dou) handelt, die später von Fang Jin Jang, der Schöpferin des Kampfstils des Weißen Kranichs (Hequan) zur Schutzgottheit ihrer Schule erwählt wurde. Diese Göttergestalt erscheint ebenfalls in dem Bubishi-Exemplar, das sich im Besitz Mabuni Kenwas, des Gründers des Shitô ryû, befand. Ebenfalls auffällig auf dem Bild von Matayoshi Sensei ist die Anwesenheit eines Drachen – zweifelsohne eine Anspielung auf den „Neun-Drachen-Tempel“. Dessen Existenz konnte zwar nie bewiesen werden, doch die Legende behauptet, er sei der Shaolin-Tempel des Südens gewesen, der im Chiu-Lung-Gebirge gestanden haben soll, unweit der Stadt Fuzhou in der Fukien-Provinz. Manche Quellen besagen, daß es die dortigen Lehren gewesen seien, die im Bubishi verschlüsselt wiedergegeben wurden. (Quelle: Ogura Tsuneyoshi)
Im Jahre 1915 ebenfalls als Teehändler nach Naha gekommen war Tang Daji (To Daiki), der von 1887 - 1937 lebte. Er wurde für seinen Unterricht im „Tiger-Boxen“ berühmt. Er war mit Miyagi Chojûn befreundet, und sein Stil übte einen beträchtlichen Einfluß auf die unterschiedlichen Richtungen des Karate aus, die sich in jener Zeit, der Taishô-Epoche (1912 - 1925), voll zu entfalten begannen.
Von anderen chinesischen Lehrmeistern des 19. und 20. Jahrhunderts sind uns, obwohl sie deutliche Spuren hinterlassen haben, die Namen nicht bekannt. Über weitere, wie beispielsweise Iwa, Wong-Chung-Yoh oder Shion-Ka, sind die überlieferten Angaben zu ungenau, als daß etwas Sinnvolles über sie gesagt werden könnte. Von Shion-Ka weiß man immerhin, daß er zahlreiche Schüler in dem Ort Tomari auf Okinawa unterrichtete, unter anderem Gusukuma (Shiroma), Matsumora Kôsaku, Kaneshiro, Yamasato und Nakasato.
Es wurden auch Sonderabgesandte durch den chinesischen Kaiserhof nach Okinawa geschickt – man nannte sie Sapposhi oder Sappushi und auch Sakuhoshi –, die gegebenenfalls im Rahmen ihres Auftrags den Inselbewohnern Demonstrationen ihrer Fertigkeit im chinesischen Boxen boten oder ihnen Unterricht darin erteilten.
So viele Möglichkeiten, wie das Bubishi nach Okinawa gelangt sein könnte! Und damit sind noch längst nicht alle erschöpft. Zahlreiche Okinawaner reisten vor allem im 19. Jahrhundert nach China. Es gab gewiß manche Gelegenheit, auf diesen Reisen mehr oder weniger zufällig auf dieses Dokument zu stoßen, in dem die Stile, die sich aus dem Shaolin-Boxen entwickelt hatten, beschrieben wurden, und es mit sich nach Hause zu nehmen.
Pilgerfahrten zur chinesischen Quelle
Einige Okinawaner wurden ermutigt, sich nach China zu begeben, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen und ihre Kenntnis der chinesischen Kultur zu vertiefen, mit der sie bereits in Kumemura in Berührung gekommen waren. Man nannte sie Uchinanku Ryûgakusei, „ausländische Studenten aus Okinawa“, und man konnte sie in allen großen chinesischen Städten bis hin nach Peking finden, und natürlich auch in Fuzhou und in der gesamten Provinz Fujian. Andere Okinawaner gingen auf eigene Faust nach China, das Ziel vor Augen, den unmittelbaren Kontakt mit den chinesischen Kampfkünsten zu suchen. Manche von ihnen waren noch Neulinge auf diesem Gebiet, viele aber besaßen bereits ein bedeutendes, doch mehr oder weniger zusammengestückeltes Wissen über Techniken, die in ihren Herkunftsorten verbreitet waren. Sie alle kehrten – oftmals erst nach Jahren – um vieles reicher an Kenntnissen wieder in ihre Heimat zurück. Sie brachten ausgeklügeltere, vollständigere, verbesserte Systeme der Kampftechniken mit. Einige begannen nun ihrerseits, das erworbene Wissen an Schüler weiterzugeben. So entstand das Fundament, auf dem sich das heutige Karatedô gründet. Einige unter ihnen kamen zweifelsohne in China mit dem Bubishi in Berührung, manche brachten es sicherlich mit nach Okinawa, verbargen es dort jedoch wie einen eifersüchtig gehüteten Schatz in den Geheimarchiven ihrer Schulen, bevor sie es – manchmal – an den einen oder anderen ihrer treuesten Schüler (Uchi deshi) weitergaben.

Alte chinesische Grafik, die zwei Jiaoli-Kämpfer darstellt. Diese Kampfkunst läßt sich bis in die Zeit der Streitenden Reiche (475 - 221 v. Chr.) zurückverfolgen.

Auszug aus dem „Ji Xiao Xin Shu“, das im Jahre 1561 von Qi Jiguang veröffentlicht wurde, und in dem zum ersten Mal 32 Kampfstellungen dargestellt wurden. Sie wurden bereits in das erste Bubishi (siehe S. 23) aufgenommen und später im zweiten weiterentwickelt. – Sie auch S. 55 ff. und 295 ff.

Das Bubishi war die Bibel der alten okinawanischen Meister, die stets nach Vertiefung des Tôde strebten. Seine Seiten wurden viele Male mehr oder weniger geschickt kopiert. Diese Zeichnungen sind Auszüge aus einem jener mit der Hand kopierten Exemplare, die einst auf die Insel Okinawa gebracht wurden.
Yara war der erste Okinawaner, von dem bekannt ist, daß er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in das Reimyo-Tôde (die „wunderbare chinesische Kunst“), auch Shimpi-Tôde („geheimnisvolle chinesische Kunst“) genannt, eingeweiht wurde. Er blieb etwa 20 Jahre in China, wo er mehrere Stile des Kampfes mit und ohne Waffen lernte. Nach seiner Rückkehr gelang es ihm jedoch nicht, eine dauerhafte Schule zu errichten.
„Tôde“ Sakugawa (1733 - 1815) wurde als Teruya Kanga in Shuri geboren. Er nahm den Namen Sakugawa an, als er in den Rang eines „Chikudon Peichin“26 (Diener des Königs) erhoben wurde. Sakugawa hatte bereits in Kumemura das Kwang Shang-Fu studiert, und er vervollkommnete seine Kenntnisse in Fuzhou, aber auch in der japanischen Stadt Satsuma. Er wurde zum Wegbereiter des Okinawa te, und er gab sein Wissen vor allem an Matsumura Sôkon weiter.
Matsumura Sôkon, auch „Bushi“ Matsumura Sôkon genannt, lebte von 1792 bis 1896.27 Er trug gleichfalls den Titel eines „Chikudon Peichin“. Seinen Unterricht erhielt er aus drei Quellen. Von „Tôde“ Sakugawa lernte er die traditionelle okinawanische Kampfkunst, in Fuzhou lernte er die Technik des Weißen Kranichs, weitere Kenntnisse eignete er sich in Satsuma an. Es ist verständlich, daß er sich um eine persönliche Synthese des Gelernten bemühte. Diese Synthese wurde zum Grundstein eines ersten echten „Systems“ von Kampfkünsten, das Matsumura in der Umgebung der Stadt Shuri entwickelte und das den Namen Shuri te erhielt. Zahlreiche seiner Schüler in dieser Epoche wurden später selbst zu Begründern eigener Schulen. Unter ihnen finden sich Azato Ankô (1827 - 1906), Itosu Ankô (1832 - 1915), Bushi Ishimine (1835 - 1889), Matsumura Nabe (1860 - 1930), Tawada Pechin (1851 - 1907), Yabu Kentsu (1866 - 1937), Funakoshi Gichin (1868 - 1957), Hanashiro Chômo (1869 - 1945), Kyan Chôtoku (1870 - 1945), Kiyuna Pechin und Sakihara Pechin.28

Fotos 10 und 11: Die „Metallmänner“ von Jinci in der Provinz Shan Xi (China). Diese insgesamt sechs Gußstatuen in Menschgröße, von denen zwei aus dem 11. Jahrhundert stammen, stellen (ursprünglich bewaffnete) Krieger dar. Sie sind jüngere Versionen der „Terrakottakrieger“, die in der Grabstätte des Kaisers Huang-Ti gefunden wurden.
Derartige Figuren, die dem Betrachter das Gefühl vermitteln, daß sie Energie und Zerstörungskraft ausstrahlen, haben zu allen Zeiten an den Eingängen der Tempel des Ostens, von Indien bis nach Japan, gestanden. Ihre Stellungen, die oft naiv in der Ausführung sind und einen abschreckenden bzw. beschützerischen Eindruck erwecken, erinnern durchaus an die Zeichnungen des Bubishi. Wenige Schritte von dieser Figurengruppe entfernt gibt es, wie in anderen chinesischen Tempeln auch, einen „Pavillon des Weißen Kranichs“ (Bai He Ting), was allerdings nicht zwangsläufig einen Bezug zum Kampfstil des gleichen Namens bedeuten muß.
Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert trieb die Entwicklung rasch voran. Die aus China stammende und durch die okinawanischen Pioniere der Kampfkünste adaptierte Kampfkunst der „leeren Hand“ trat aus dem Schatten. Vor allem das Ende der Militärregierung (Bakufu) der Tokugawa und die Restauration des Kaisers Meiji brachte Fortschritte mit sich. Immer mehr Okinawaner konnten sich die Freiheit nehmen zu reisen. Unter den neuen Reisenden, bei denen es glaubhaft erscheint, daß sie das berühmte Dokument von Fujian auf die Insel brachten, waren folgende Meister der Kampfkünste:
Higaonna (oder Higashionna) Kanryô (1853 - 1916) hielt sich mehrere Jahre lang als Schüler bei Ryû Ruko in Fuzhou auf. Die Anhänger des Gôjû ryû sind überzeugt, daß er bei seiner Heimkehr im Frühjahr 1881 das Bubishi mit sich führte. In den Jahren nach seiner chinesischen Lehrzeit erarbeite er die Grundlagen des Naha-te-Stils, und zu seinen wichtigsten Schülern zählten Kiyôda Juhatsu (1886 - 1967), Miyagi Chojûn (1888 - 1953), Mabuni Kenwa (1889 - 1952) und Gusukuma Shinpan (1890 - 1954). Mabuni besaß auch ein Exemplar des Bubishi, aber er hat erklärt, daß es sich bei diesem nicht um eine Kopie von Higaonnas Exemplar, sondern um die Abschrift eines Originals aus dem Besitz von Itosu Ankô (1832 - 1916) handele, dem Gründer des Shuri te. Daraus könnte folgen, daß Itosu sein Bubishi vielleicht von seinem eigenen Lehrer „Bushi“ Matsumura erhalten hat.
Uechi Kanbun (1877 - 1948), der Begründer des Stils Uechi ryû, begab sich im Jahre 1897 nach Fuzhou, um dort bei Zhou Zhihe Shifu (auf japanisch Shu Shi Wah, 1874 - 1926) das Tiger-Boxen (das in den Archiven seiner Schule als Pangai Noon bezeichnet wird) zu lernen. Es ist jedoch auch bekannt, daß Uechi zunächst bei Kojô Kaho (1849 - 1925) trainiert hatte. Die Familie Kojô (auf chinesisch auch Kogusuku oder Tsai genannt) war berühmt für ihre bedeutenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Kampfkünste und vor allem auf dem Gebiet des Stils des Weißen Kranichs. Hierin ist wahrscheinlich die Ursache für die Mischung aus Tiger- und Kranichstil zu finden, die sich in manchen Kata des Uechi ryû erkennen läßt. Tomoyose Ryûyû (1897 - 1970), ein Schüler Uechis, hat ein Schriftstück – „Die Geheimnisse des Kempô Karate Jutsu“ – verfaßt, in dem zahlreiche Bezüge zum Bubishi enthalten sind, vor allem auf das Kapitel über die Vitalpunkte.
Nakaima Norisato29 wurde auf Empfehlung eines chinesischen Militärattachés in Kumemura 1870, im Alter von 19 Jahren, nach Fuzhou geschickt, wo er Schüler Ryû Ruhos wurde. Bei diesem studierte er mehrere Jahre lang den „Weg der Feder und des Schwertes“ (Bun Bu Ryû Dô), das heißt, des nüchternen Weges des Philosophen und Kriegers. 1876 kehrte er nach Okinawa zurück, und in seinem Gepäck befanden sich Kopien aus den Büchern, die ihm sein Lehrer geliehen hatte. Einige Historiker gehen so weit, die Hypothese aufzustellen, daß das Bubishi von Okinawa in Wahrheit eine persönliche Zusammenstellung Nakaimas sei, die er auf Grundlage des Wissens, das er bei Ryû Ruho erlangt hatte, verfaßt habe. Zumindest hatte Nakaima alle Möglichkeiten, seine Kenntnisse zu vervollständigen, da er später weitere Reisen nach China unternahm, die ihn bis nach Peking führten.
Matayoshi Shinkô (1888 - 1947) gehörte jener Gruppe an, die im Jahre 1917 gemeinsam mit Funakoshi Gichin zum ersten Mal im Butokuden eine öffentliche Karate-Vorführung gab. 1921 erfolgte eine weitere Vorführung auf Schloß Shuri in Gegenwart des jungen kaiserlichen Prinzen, dem späteren Kaiser Hirohito. Matayoshi unternahm mehrere Reisen nach China, wo er verschiedene Kampfstile studierte. Er war im übrigen der erste, der China vom äußersten Norden Japans, über Hokkaidô und die Insel Sachalin kommend, bereiste. Er war zu jener Zeit 23 Jahre alt. Sein Wissen über Kampfkünste erweiterte sich während seiner großen Rundreise, die ihn von der Mandschurei bis nach Shanghai führte. In Shanghai schloß er sich der berühmten Jing-Wu-Vereinigung (auf japanisch Seibukan) an, die ihren Ruf dem „Tiger mit dem gelben Gesicht“, Huo Yuan Jia (1862 - 1909) verdankte, der sein Leben verlor, als ein japanischer Kämpfer, den er besiegt hatte, ihn vergiftete. Auf dem Rückweg nach Okinawa gelangte Matayoshi auch nach Fuzhou. Man erinnert sich seiner auf Okinawa wegen seiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Akupunktur, der Heilkräuter und der Beherrschung zahlreicher chinesischer Waffen, nicht zuletzt aber auch dafür, daß er den Stil des Weißen Kranichs praktizierte.

Abbildungen: Zwei naive Darstellungen aus einem Bubishi (links), die von einem japanischen Grafiker nach Hinweisen von Ôtsuka Tadahiko Sensei (siehe auch S. 164, 167 und 217) „auf alte Weise“ nachgestaltet wurden (rechts).
Die Gestalt links unten ist eine weibliche Person, die eine Technik des Weißen Kranichs ausführt. Diese Zeichnung aus dem 28. Kapitel des Bubishi stellt zweifelsohne Fang Jin Jang dar, die Begründerin des Stils. Bei der anderen Gestalt handelt es sich möglicherweise um Cheung Siu Shu, einen Kempô-Meister, in einer Position des Schwarzen Tigers.

Eine Darstellung der im Bubishi erwähnten Gottheit Busaganashi, rechts oben in naiver Darstellung und links in moderner Ausführung (vgl. Foto 9, S. 33).
Zum neuen Kara des Karatedô
Die Meiji-Restauration (1868 - 1912) bedeutete für Japan einen eindrucksvollen Sprung ins moderne Zeitalter. Diese Entwicklung war jedoch begleitet von dem unbeugsamen Willen, nichts vom japanischen Wesen aufzugeben. Die traditionellen Werte, vor allem der Geist des Bushidô, des traditionellen Moralkodex der Samurai, sollten bewahrt bleiben. Vor dem Hintergrund dieses Nationalismus und später des offenen Militarismus, der seit den 20er Jahren herrschte, ertüchtigten sich die Anhänger des Budô, vor allem in den Kampfstilen des Jûdô, des Kendô und später auch des Aikidô. Dies geschah im Rahmens eines Ausbildungssystems, welches die Absicht verfolgte, die zukünftigen Führungskräfte des Landes heranzuziehen. Männer wie Itosu und Higaonna begriffen, daß es sich um eine unausweichliche Entwicklung handelte, und sie erblickten darin eine Möglichkeit, die Kunst der „leeren Hand“ zu bewahren, die für eine hochtechnisierte Armee nicht mehr von Interesse war. Es ist vor allem das Verdienst Itosus, daß das Ryûkyû Kempô Karatedô Eingang ins Ausbildungssystem seiner Zeit fand. Damit hatte eine Kunst, die traditionell geheim gehalten worden war, ein modernes Gewand gefunden. Das war natürlich mit Zugeständnissen an den Zeitgeist verbunden, und es gab eine Reihe von Abänderungen, sowohl in Bezug auf den Geist der Kampfkunst als auch hinsichtlich der Praxis.
Von nun an stand der körperliche, sportliche Aspekt im Vordergrund, während das Kriegerische und der Gesichtspunkt der Verteidigung in den Schatten traten. Das wahre Bunkai (Anwendungsmöglichkeiten) der Kata wurde vernachlässigt, und der tiefere Sinn der Techniken, der einst im Vordergrund gestanden hatte, ging nach und nach verloren. Und damit sich alles noch mehr dem westlichen Boxen anglich, welches im damaligen Japan zunehmend Fuß faßte, weil es modern war, schloß man schließlich die Hände zu Fäusten. Ein neues Karate war entstanden, ähnlich, wie eine neue Stadt auf den verschütteten Ruinen einer alten entsteht. Die Wurzeln waren natürlich geblieben und würden es künftigen, wieder daran interessierten Generationen gestatten, Kenntnis von den Fundamenten, auf denen ihre Kampfkunst gegründet ist, zu erlangen. Itosu hatte nichts anderes getan, als auf äußerst opportunistische Weise das Wesen seiner Kunst zu verhüllen. Ohne sein Wirken würde man heute wahrscheinlich bedeutend weniger vom Wesentlichen der Kampfkünste wiederentdecken können.
All dies war jedoch noch immer zu wenig in den Augen der fremdenfeindlich und vor allem antichinesisch eingestellten Japaner. Um das aus Okinawa30 stammende Karatejutsu damit adeln zu können, daß man es als gleichwertig zu den Budô-Kampfkünsten achtete, mußte nachgewiesen werden, daß es auf alten einheimischen Traditionen beruhte. Dieser Aufgabe nahmen sich jene Pioniere der okinawanischen Kampfkünste an, die als erste nach Japan gingen, um die alte geheime Kunst des Ryûkyû dorthin zu bringen – Funakoshi Gichin (1869 - 1957), der Vater des Shôtôkan, Miyagi Chojûn (1888 - 1953), Begründer des Gôjû ryû und Mabuni Kenwa (1889 - 1952), der Schöpfer des Shitô ryû. Japaner wie Yasuhiro Konishi und der Jûjutsu-Experte und Begründer des Wadô ryû Ôtsuka Hironori (1892 - 1982) wirkten in dieselbe Richtung. Auch sie wollten, daß die Japaner das Karate als wesentliche und achtenswerte Kampfkunst akzeptierten. Dies gelang, indem im Jahre 1936 dem Begriff Kara im Karate ein neuer Sinn verliehen wurde.
Ursprünglich bezog sich das chinesische Ideogramm für Kara, das auch als To oder Tou gelesen werden konnte, auf die Dynastie Tang (618 - 907). Später galt es einfach als Synonym für „China“. Das zweite Ideogramm, aus dem der Begriff Karate gebildet wird, wird als Te (oder Di) gelesen und bedeutet „Hand“. Bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs interpretierten die okinawanischen Meister den Begriff Karate folglich als „chinesische Hand“. Es besteht eine gewisse Uneinigkeit über die Geschichte des folgenschweren Bedeutungswechsels des Begriffes Kara. War dafür Funakoshi Gichin verantwortlich, der 1929 die Entscheidung fällte, die Kunst, die er lehrte, Dai Nippon Kempô Karatedô zu nennen und dabei Karate die Bedeutung „leere Hand“ zu verleihen?31 Oder war es bereits Hanashiro Chômo (1889 - 1945), der in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1905 der Silbe kara den Sinn „leer“ in seiner materiellen Bedeutung verlieh, jedoch auch die metaphysische Lesart ku oder sora, was „leer“ bzw. „Himmel“ bedeutet, zuließ? In jedem Fall war es in den 30er Jahren an der Zeit, der „plebejischen“ Technik des Karatejutsu einen höheren Sinn zu geben, es als einen Weg zu betrachten, der zugleich nach innen und nach außen führt, zum Ziel des Wa (Harmonie). In einer hochoffiziellen Zusammenkunft, die im Oktober 1936 in Naha stattfand, kamen schließlich Kyan Chôtoku, Hanashiro Chômo, Motobu Chôki, Kentsu Yabu und Miyagi Chojûn überein, von nun an offiziell das kara im Karatedô in seinem neuen Sinn als „leer“ zu interpretieren.
Und gerade zu dieser Zeit begannen dieselben Meister in aller Öffentlichkeit von jenem Archiv ihrer Kampfkünste zu sprechen, dem Bubishi. Bei ihren japanischen Schülern fand dies zunächst keinen Wiederhall. Zu beschäftigt waren sie mit ihrem nationalistischen Gedankengut oder – im günstigsten Falle – mit ihren sportlichen Aktivitäten. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis schließlich einige „Archäologen“ der Kampfkunst der „leeren Hand“, in Japan wie in Europa, damit begannen, diese drei Silben behutsam auszusprechen, die noch heute – selbst in den größten Dôjô – so undurchdringlich erscheinen:


Foto 12: Zu den Erben der alten Techniken aus dem Bubishi zählt wahrscheinlich die gesamte Generation der Kampfkunstexperten des Okinawa te. Ihnen ist zu verdanken, daß die Kunst der „leeren Hand“ von China nach Japan gelangte. Sie alle schöpften aus derselben Quelle und waren einander oft viel näher, als die gegenwärtige Zersplitterung des Karatedô in unterschiedliche Stilrichtungen vermuten läßt. Sitzend in der Mitte Mabuni Kenwa, der Gründer des Shitô ryû. Stehend von links nach rechts: Funakoshi Gichin (1869 - 1957), der Gründer des Shôtôkan ryû, Nakasone Genwa (1895 - 1978), unbekannt, Konishi Yasuhiro (1893 - 1983), der Gründer des Shindô Jigen (Shizen) ryû, Mabuni Kenei (geb. 1918), der älteste Sohn Mabuni Kenwas und gegenwärtige Vorstand des Shitô ryû. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 1930.

Foto 13: Funakoshi Gichin, sitzend in der Mitte des Bildes, als Vorsitzender bei einer Vorführung der „Japan Karate Association“ (JKA). Das sportorientierte Karate des Shôtôkan-Stils, wie es sich gegen Ende seines Lebens herausbildete, hatte sich bereits beträchtlich vom Wesenskern des Bubishi entfernt. Die heutigen Vertreter des Karate scheinen dieses alte Dokument nun wiederzuentdecken.
Fotos 14 - 23: Die folgenden Seiten geben zehn der charakteristischsten Wandmalereien wieder, die auf dem Fresko in der Baiyi-Halle des „Ersten Klosters unter dem Himmel“ (Shaolin) zu sehen sind, dem Heiligtum der chinesischen Kampfkünste. Sie gehen auf die Zeit der Ming-Kaiser zurück (das Fresko wurde im Jahre 1828 restauriert) und haben teilweise die schrecklichen Heimsuchungen, die das Kloster erleben mußte, überstanden (zum letzten Mal wurde das Kloster zu Beginn des 20. Jahrhunderts während der chinesischen Bürgerkriege zerstört). Heute werden die Wandmalereien erneut restauriert, wobei man sich streng an die Originale hält. Sie stellen nicht nur einen künstlerischen Schatz dar, sondern auch eine einzigartige und außergewöhnliche Quelle für alle, die heute Kampfkünste praktizieren, unabhängig davon, welche Stilrichtung sie betreiben. Es ist offensichtlich, daß der Künstler, der diese kämpfenden Arhats (buddhistische Heilige) gemalt hat, vollendete Kenntnisse über die Kampftechniken des alten Wushu besaß. Wir finden hier präzise Darstellungen von Blocks, Bereitschaftsstellungen, Fußtritten, Befreiungen und anderen Haltungen. Man beachte vor allem zwei simultan ausgeführte angetäuschte Fußtritte (Finten) und einen Fußtritt nach hinten (Foto 21) oder einen Block mit gleichzeitigem Ergreifen des Handgelenks (Foto 16). Darüber, was der uns unbekannte Künstler zum Ausdruck bringen wollte, indem er manche der Gegner mit dunklerer Haut darstellte, können wir lediglich spekulieren. Es ist denkbar, daß damit auf einen Fremdling hingewiesen werden sollte oder auf einen Kämpfer, der einen anderen Stil praktizierte. Die dunkle Hautfarbe könnte jedoch auch die rohe Gewalt im Gegensatz zur Technik des „Guten“ oder ein böses Ch’i (Qi) symbolisieren.

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Figuren eines Dao Lu (Quan) des chinesischen Boxens. Sie wurden einer zeitgenössischen Kopie des zweiten Bubishi entnommen.

Figuren aus dem Bubishi in einer korrigierten Darstellung, wie sie Ôtsuka Tadahiko Sensei in einer Veröffentlichung seiner Gôjûkensha-Schule in Tokio verwendete. Die acht Kampfdarstellungen sind Teil der 48 Techniken, die im zweiten Teil dieses Buches vorgestellt werden.
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