Читать книгу: «Bekenntnisse eines Häretikers»
Roger Scruton
BEKENNTNISSE EINES HÄRETIKERS
Aus dem Englischen von Julia Bantzer

INHALT
Vorwort
1So tun, als ob
2Tiere lieben
3Vernünftig regieren
4Richtig tanzen
5Bauen, was bleibt
6Unsagbares sagen
7Hinterm Bildschirm verstecken
8Trauern um das, was wir verloren haben Überlegungen zu Richard Strauss’ Metamorphosen
9Etiketten kleben
10Rechtzeitig sterben
11Natur bewahren
12Den Westen verteidigen
Anmerkungen
Vorwort
Diese Essaysammlung ist das Ergebnis von zehn Jahren reger Anteilnahme am öffentlichen Kulturgeschehen in Großbritannien und Amerika. Einige der Texte liegen bereits gedruckt oder online vor, andere erscheinen hier zum ersten Mal. Ich nenne sie Bekenntnisse, insofern sie Aspekte meines Denkens enthüllen, die ich, zumindest nach Meinung der Kritiker, besser für mich behalten hätte. Material mit eher akademischer Ausrichtung habe ich nicht einbezogen, sondern mich bemüht, nur solche Essays aufzunehmen, deren Gegenstände in den wechselvollen Zeiten, in denen wir leben, für alle intelligenten Leute von Belang sind.
Scrutopia, Weihnachten 2015
1.
So tun, als ob
»Bleib dir selbst treu,« sagt Shakespeares Polonius, »und du kannst keinem Menschen gegenüber unaufrichtig sein«. Václav Havel verlangte nach einem »wahrhaftigen Leben«. Und Solschenizyn schrieb: »Wenn Lügen in die Welt gesetzt werden, dann jedenfalls nicht von mir.« Wie viel Gewicht sollten wir solchen Verlautbarungen beimessen, und wie ihnen entsprechen?
Es gibt zwei Arten von Unwahrheit: Lügen und so tun, als ob. Jemand, der lügt, behauptet etwas, was er selbst nicht für wahr hält. Jemand, der so tut, als ob, glaubt, was er sagt, wenn auch nur vorübergehend und nur, um einen jeweiligen Zweck zu verfolgen.
Lügen kann jeder; es genügt, etwas in betrügerischer Absicht zu äußern. Für ein gelungenes Täuschungsmanöver dagegen braucht es Könnerschaft, man muss andere ebenso überzeugen wie sich selbst. Wer lügt, kann vorgeben, schockiert zu sein, wenn seine Lügen auffliegen, aber diese Vorgeblichkeit ist bereits Teil der Lüge. Der entlarvte Täuscher hingegen ist tatsächlich erschüttert, denn er hat ein Netz des Vertrauens geknüpft, in das er selbst eingebunden ist.
Zu allen Zeiten haben die Leute gelogen, um sich den Konsequenzen ihrer Handlungen zu entziehen, und jede moralische Erziehung beginnt damit, die Kinder zu lehren, das Schwindeln sein zu lassen. Die Täuschung bzw. Fälschung aber ist ein kulturelles Phänomen, das nicht zu allen Zeiten gleichermaßen in Erscheinung tritt. In den Gesellschaften etwa, wie sie Homer oder Chaucer beschreiben, spielen Leute, die vortäuschen und fälschen nur eine geringe Rolle. Zu Zeiten Shakespeares wiederum beginnen Dichter und Dramatiker ein entschiedenes Interesse an diesem neuartigen Typus zu entwickeln.
In Shakespeares King Lear leben die bösen Schwestern Goneril und Regan in einer Welt falscher Gefühle, indem sie sich selbst und ihrem Vater weismachen, dass sie innigste Liebe empfinden, wo sie tatsächlich vollkommen herzlos sind. Diese Herzlosigkeit allerdings ist ihnen selbst kaum bewusst, wäre sie es, könnten sie nicht mit derselben Schamlosigkeit handeln. Die Tragödie von King Lear nimmt ihren Lauf, wenn die echten, ehrlichen Leute – Kent, Cordelia, Edgar, Gloucester – von den unaufrichtigen ausmanövriert werden.
Jemand, der so tut, als ob, hat sich selbst als Person neu erfunden in der Absicht, eine andere gesellschaftliche Position einzunehmen als diejenige, die ihm natürlicherweise zukäme. Wie zum Beispiel Molières religiöser Hochstapler Tartuffe, der sich in falscher Frömmigkeit aufbläht und damit eine gesamte häusliche Gemeinschaft unter seine Fuchtel bringt. Sein Name ist sprichwörtlich geworden für das Laster, das sein Schöpfer vielleicht als erster mit solch vollkommener Genauigkeit beschrieben hat. Ebenso wie Shakespeare erkennt Molière, dass das So-tun-als-ob für seinen Urheber eine Herzensangelegenheit darstellt. Tartuffe ist nicht einfach nur ein Heuchler, der Ideale vorschützt, an die er selbst in keiner Weise glaubt. Er ist eine durchkonstruierte Figur und pflegt als diese deren Idealismus, wobei Figur wie Ideale gleichermaßen illusorisch sind.
Tartuffes Täuschungsmanöver war inspiriert von einer frömmlerischen Religiosität. Mit dem Niedergang der Religion im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam eine neue Spielart der Täuschung auf. Die romantischen Dichter und Maler kehrten der Religion den Rücken und suchten das Heil in der Kunst. Sie glaubten an den Genius des Künstlers, an dessen Vermögen, auf schöpferischem Wege die menschliche Bedingtheit zu transzendieren, indem er mit allen Regeln brach, um ganz neue, anders geartete Erfahrungen machen zu können. Die Kunst wurde der Königsweg zur Transzendenz, das Tor zu einem höheren Wissen.
Dementsprechend wurde Originalität zum Prüfstein, an dem sich echte von falscher Kunst scheiden ließ. Es ist schwierig, ganz allgemein zu sagen, was Originalität eigentlich ausmacht, aber Beispiele für sie gibt es genug: Tizian, Beethoven, Goethe, Baudelaire. Diese Beispiele allerdings lehren uns, dass Originalität einem Menschen ganz schön zu schaffen machen kann: sie lässt sich nicht aus der Luft greifen, auch wenn es da diese von der Natur Begünstigten wie Rimbaud und Mozart gibt, die genau das zu tun scheinen. Originalität erfordert stetiges Lernen, harte Arbeit, Meisterschaft in einem Medium, vor allem aber eine verfeinerte Empfindungsfähigkeit und Offenheit, üblicherweise um den Preis von Leiden und Einsamkeit.
Es ist also keineswegs einfach, den Status eines originellen Künstlers zu erringen. Wobei der Lohn für alle Mühen in einer Gesellschaft, die der Kunst als ihrer höchsten kulturellen Errungenschaft huldigt, enorm ist – was einen Anreiz schafft, so zu tun, als ob. Künstler und Kritiker gehen eine Art Bündnis ein, um sich gegenseitig an der Nase herumzuführen: erstere posieren als diejenigen, denen erstaunliche Durchbrüche gelingen, letztere als scharfsinnige Richter, die entscheiden, was wahre Avantgarde sei.
Auf diese Weise wurde Duchamps berühmtes Urinal zu einer Art Paradigma für moderne Künstler. Genau so wird das gemacht, sagten die Kritiker. Man nehme eine Idee, stelle sie öffentlich aus, nenne das Kunst und gehe damit in aller Dreistigkeit hausieren. Der Trick wurde von Andy Warhol mit den Brillo boxes wiederholt, später von Damien Hirst mit dem konservierten Hai und dem Schaf. Jedes Mal haben sich die Kritiker wie gluckende Hennen um das geheimnisvolle, frisch gelegte Ei geschart, worauf das Produkt dem Publikum dargeboten und gleichzeitig der ganze Apparat in Bewegung gesetzt wurde, der nötig ist, damit etwas als ganz große Sache akzeptiert wird. So mächtig ist der Drang zur kollektiven Täuschung, dass es mittlerweile kaum noch jemand unter die Finalisten für den Turner Preis schafft, der kein Werk oder irgendeinen Auftritt vorzuweisen hat, die nur deshalb als Kunst durchgehen, weil niemand sie dafür gehalten hätte, ehe die Kritiker ihr Plazet gaben.
Originelle Gesten von der Art, wie Duchamp sie einführte, können nicht wirklich wiederholt werden – wie einen Witz kann man sie nur einmal machen. Weshalb der Kult um die Originalität sehr schnell zu Wiederholungen führt. Das dauernde Täuschen wird in solchem Maße zur eingefleischten Gewohnheit, bis am Ende nur noch ein verlässliches Urteil übrigbleibt: eben jenes, mit dem die Sache vor unserer Nase zur »einzig wahren« erklärt und ein Täuschungsmanöver ausgeschlossen wird – was wiederum ein verfälschtes Urteil bedeutet. Am Ende stehen wir da mit der Erkenntnis, dass irgendwie alles Kunst ist, weil eigentlich nichts Kunst ist.
Es lohnt die Frage, weshalb der falsche Originalitätskult einen derart mächtigen Einfluss auf unsere kulturellen Institutionen hat, dass es sich tatsächlich kein Museum, keine Galerie und keine mit öffentlichen Geldern subventionierte Konzerthalle leisten kann, ihn nicht ernst zu nehmen. Die frühen Modernen – Strawinsky und Schönberg in der Musik, Eliot und Pound in der Dichtung, Matisse in der Malerei und Loos in der Architektur – teilten die Überzeugung, dass das breite Publikum einen verdorbenen Geschmack habe, dass Sentimentalität, Banalität und Kitsch in die verschiedenen Bereiche der Kunst eingedrungen seien und ihre Botschaften verunklart hätten. Tonale Harmonien wurden in der populären Musik missbraucht, die figurative Malerei von der Fotografie übertrumpft, Reim und Metrik waren nur mehr für Weihnachtskarten zu gebrauchen und alle Geschichten klangen abgedroschen. Was immer zur Welt der törichten, gedankenlosen Leute da draußen gehörte, galt als Kitsch.
Der Modernismus stellte den Versuch dar, das Ernsthafte, Wahrhaftige, mühsam Erreichte von der Seuche falscher Gefühle zu befreien. Niemand kann in Zweifel ziehen, dass die frühen Modernen dabei erfolgreich waren. Sie haben uns mit Kunstwerken beschenkt, die den menschlichen Geist unter den veränderten Bedingungen der Moderne lebendig halten und gleichzeitig einen Zusammenhang mit den überdauernden, großartigen Traditionen unserer Kultur herstellen. Aber ebenso machte der Modernismus den Weg frei für Leute, die gewohnheitsmäßig so tun, als ob: sich der kräftezehrenden Aufgabe zu stellen, die Tradition weiter zu führen, erwies sich als weniger attraktiv, als ihr mit billiger Ablehnung zu begegnen. Anders als Picasso, der ein Leben lang daran arbeitete, das Gesicht der modernen Frau in zeitgemäßer Form darzustellen, kann man es auch einfach machen wie Duchamp und der Mona Lisa einen Schnurrbart verpassen.
Interessant ist allerdings, dass sich das gewohnheitsmäßige Vortäuschen gerade aus der Angst vor dem Verfälschten heraus entwickelt hat. Der Modernismus in der Kunst war eine Reaktion gegen die falschen Gefühle und tröstlichen Klischees der allgemein akzeptierten Kultur. Es ging darum, eine Pseudo-Kunst vom Platz zu fegen, die uns mit sentimentalen Lügen verhätschelt hatte und an deren Stelle Wirklichkeit, das wirkliche moderne Leben zu setzen, wozu nur eine wahrhaftige Kunst im Stande ist. Dementsprechend geht man seit geraumer Zeit davon aus, dass es in der Sphäre großer Kunst keine authentische Schöpfung geben kann, die nicht in irgendeiner Weise eine »Herausforderung« für die Selbstzufriedenheit unserer populären Kultur darstellt. Die Kunst muss angriffslustig sein, von der Zukunft ausgehend all ihre Waffen aufbieten gegen den bürgerlichen Hang zu Konformismus und Bequemlichkeit, die gleichbedeutend sind mit Kitsch und Klischee. In der Folge aber wird dieser Angriff selbst zum Klischee. Wenn das Publikum sich mittlerweile als derart schockresistent erweist, dass ihm nur noch mit einem toten Hai in Formaldehyd ein kurzes Aufzucken der Empörung verursacht werden kann, muss der Künstler eben einen toten Hai in Formaldehyd produzieren – das zumindest ist dann eine authentische Geste.
So konnte um die Modernisten herum eine Klasse von Kritikern und Agenten gedeihen, die sich anheischig machten, uns zu erklären, weshalb es keineswegs vertane Zeit sei, aufgestapelte Ziegelsteine anzustarren, artig zehn Minuten Beschallung mit unerträglichem Lärm auszusitzen oder sich in die Betrachtung eines mit Urin übergossenen Kruzifixes zu versenken. Die Experten begannen, das Unverständliche und Widerwärtige als etwas völlig Normales hinzustellen, damit das Publikum nur ja nicht auf die Idee kommen mochte, ihre Dienste für unentbehrlich zu halten. Um sich der eigenen Progressivität und Stellung an vorderster Front der Geschichte zu vergewissern, haben sich die neuen Agenten seither immer weiter mit Leuten ihres Schlages umgeben und sie in alle für ihren Status relevanten Gremien gehievt, wovon sie sich wiederum Vorteile für sich selbst erwarten konnten. So entstand das modernistische Establishment – der geschlossene Kreis von Kritikern, die das Rückgrat unserer offiziellen und halb-offiziellen kulturellen Institutionen bilden und gut im Geschäft sind mit »Originalität«, »Grenzüberschreitung« und »neu gebahnten Wegen«. Begriffe wie diese werden immer dann von den Arts Council-Bürokraten und dem Museums-Establishment bemüht, wenn sie vorhaben, öffentliche Gelder für etwas auszugeben, was sie sich im Traum nicht ins eigene Wohnzimmer holen würden. Aber solche Begriffe sind bereits selbst Klischees wie all das, was mit ihnen angepriesen wird. So führt die Flucht vor dem Klischee ihrerseits ins Klischee, und der Versuch aufrichtig zu sein, endet in Lug und Trug.
Bei den Attacken gegen Althergebrachtes machte insbesondere ein Begriff Karriere: der Kitsch. Einmal eingeführt, hielt er sich hartnäckig. Du kannst tun und lassen, was du willst, so lange du nur keinen Kitsch produzierst: das wurde zum ersten Grundsatz des modernistischen Künstlers, in gleich welchem Medium. In einem berühmten Essay aus dem Jahr 1939 tat der amerikanische Kritiker Clement Greenberg seinen Lesern kund, dass ein Künstler nur mehr zwischen zwei Möglichkeiten wählen könne: Entweder er gehört zur Avantgarde und fordert die überkommene figurative Malerei heraus, oder er produziert Kitsch. Diese Angst vor dem Kitsch gibt einen Grund dafür ab, dass mit so vielen heutzutage geschaffenen Kunstwerken pflichtschuldigst versucht wird, Anstoß zu erregen. Es ist schon in Ordnung, wenn dein Werk obszön, schockierend oder verstörend ist – Hauptsache es ist kein Kitsch.
Niemand weiß so genau, wo das Wort »Kitsch« eigentlich herkommt, auf jeden Fall war es zu Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich ein geläufiger Ausdruck. Ebenso wenig gibt es eine Definition dieses Begriffs, obgleich wir alle Kitsch als solchen erkennen, wenn er uns begegnet: die Barbie-Puppe, Walt Disneys Bambi, der Weihnachtsmann im Supermarkt, Bing Crosbys Interpretation von White Christmas, Bilder von Pudeln mit Schleifen im Fell. Zur Weihnachtszeit sind wir eingedeckt mit Kitsch und umgeben von lauter abgedroschenen Klischees, die alle ihre Unschuld verloren haben, ohne dass sie dabei mehr Weltklugheit erlangt hätten. Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben, tun das noch mit echter Gefühlsbeteiligung. Wir aber, die wir diese Art Glauben nicht mehr aufbringen, können nur mehr mit falschen Gefühlen aufwarten. Wobei es durchaus angenehm sein kann, so zu tun, als ob, und wenn alle mitmachen, mag es für Augenblicke sogar scheinen, als wäre das Ganze echt.
Der tschechische Romancier Milan Kundera hat eine berühmte Bemerkung gemacht: »Kitsch«, so schrieb er, »lässt in rascher Folge zwei Tränen fließen. Die erste Träne besagt: ‚So entzückend, wie die Kinder durchs Gras tollen!‘ Die zweite Träne ergänzt: ‚So wunderbar, in Einklang mit der gesamten Menschheit diese Rührung zu empfinden, wenn die Kinder durchs Gras tollen!‘« Beim Kitsch geht es, anders gesagt, nicht um den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung, sondern um den Betrachter. Im Umgang mit Kitsch stellt sich Rührung nicht angesichts des Püppchens ein, das wir so liebevoll einkleiden, sondern angesichts unserer selbst, die wir das Püppchen so liebevoll ausstaffieren. Auf diese Weise funktioniert jegliche Sentimentalität: sie lenkt die Gefühle vom Objekt zurück auf das Subjekt, wobei die Illusion eines echten Gefühls geschaffen wird, ohne dass irgendjemand sich die Mühe machen müsste, das Gefühl tatsächlich zu empfinden. Das Kitsch-Objekt ermutigt einen, sich in seinem Gefühlsschwang für einen besonders reizenden und liebenswerten Menschen zu halten. Eben das hat Oscar Wilde angesichts einer von Dickens‘ schwülstigsten Sterbeszenen zu der Bemerkung veranlasst: »Ein Mensch muss ein Herz aus Stein haben, um bei Little Nells Tod nicht in Gelächter auszubrechen.«
Das ist, kurz gesagt, der Grund, weshalb die Modernisten einen derartigen Horror vor Kitsch hatten. Sie glaubten, dass die Kunst im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Fähigkeit eingebüßt habe, ein klares, echtes Gefühl von seinem vagen, die Selbstzufriedenheit nährenden Surrogat zu unterscheiden. In der figurativen Malerei, der tonalen Musik, in Klischee-durchtränkten Gedichten von heroischer Liebe und mythischer Glorie entdecken wir das gleiche Übel – der Künstler bemüht sich nicht mehr um die Erforschung des menschlichen Herzens, er legt Windeier und trägt sie zu Markte.
Natürlich kann jeder die alten Stile und Techniken nutzen, aber nicht wirklich ernst gemeint. Wer es dennoch tut, bringt unweigerlich Kitsch hervor, das sattsam Bekannte zu Sonderangebots-Preisen, mühelos produziert, gedankenlos konsumiert. Das lässt die figurative Malerei zum Weihnachtskarten-Sujet verkommen, Musik allzu eingängig und sentimental klingen und die Literatur ins Klischee abkippen. Kitsch ist vorgetäuschte Kunst, die falsche Gefühle ausdrückt, was deren Konsumenten glauben machen soll, dass sie tief und wahrhaftig empfinden, während sich tatsächlich nicht das geringste Gefühl regt.
Kitsch zu vermeiden, ist allerdings gar nicht so leicht, wie es scheinen mag. Zwar könnte man versuchen, sich als ganz und gar wild gewordener Avantgardist zu gebärden, etwas tun, was nie zuvor ausgeheckt oder gar als Kunst bezeichnet wurde, indem man beispielsweise auf wertgehaltenen Idealen oder religiösen Gefühlen herumtrampelt. Aber auch damit landet man beim So-tun-als-ob, nämlich bei vorgetäuschter Originalität und Bedeutsamkeit und einem neuen Klischee, wie in der jungen britischen Kunst geschehen. Sich als Modernist zu gerieren wird nicht zwangsläufig zu Leistungen führen, die denen eines Eliot, Schönberg oder Matisse vergleichbar wären, denen es ihrerseits gelungen ist, in die verborgensten Regionen des modernen Fühlens und Denkens vorzudringen. Der Modernismus ist eine anspruchsvolle Angelegenheit, er erfordert gleichermaßen Kompetenz in einer künstlerischen Tradition, wie die Fähigkeit des Künstlers, sich von ihr zu lösen, um etwas Neues auszudrücken.
Hierin liegt einer der Gründe für das Aufkommen eines völlig neuen künstlerischen Vorgehens, das ich als Präventiv-Kitsch bezeichnen möchte. Die Strenge der Modernisten ist schwierig zu verdauen und also unpopulär, weshalb einige Künstler irgendwann aufgehört haben, einen großen Bogen um den Kitsch zu machen, um sich seiner vielmehr zu bedienen, wie zum Beispiel Andy Warhol, Allen Jones und Jeff Koons. Wenn das schlimmste Vergehen darin besteht, sich unwissentlich der Produktion von Kitsch schuldig zu machen, sieht es bei weitem besser aus, ihn mit voller Absicht zu schaffen, denn in diesem Fall wird das Produkt kein Kitsch mehr sein können, sondern womöglich eine geistreiche Parodie. Der Präventiv-Kitsch setzt den tatsächlichen Kitsch in Anführungszeichen und hofft, damit seine künstlerische Reputation zu wahren. Man nehme eine Porzellan-Figur von Michael Jackson, wie er seinen Schimpansen Bubbles liebkost, gebe dem Ganzen geschmacklose Farben und ein Hochglanzfinish, lasse die Figuren die Haltung einer Madonna mit Kind einnehmen, verleihe ihnen einen schmachtenden Ausdruck, auf dass der Betrachter mit Brechreiz zu kämpfen habe, und herauskommen wird ein solcher Ausbund an Kitsch, dass er damit fast schon transzendiert sein dürfte. Wir argwöhnen, dass Jeff Koons etwas anderes gemeint haben muss, irgendetwas Tiefes und Ernsthaftes, das wir nicht ganz mitbekommen haben. Vielleicht stellt dieses Werk tatsächlich einen kritischen Kommentar zum Kitsch dar, indem es sich in all seiner ausdrücklichen Kitschigkeit sozusagen zum Meta-Kitsch aufschwingt.
Ein anderes Beispiel ist Allen Jones, in dessen Werken-Frauenähnliche Figuren zu Möbelstücken verrenkt werden, Puppen, deren Reizwäsche ihre Geschlechtsmerkmale in aller Deutlichkeit ausstellt, vulgäre, kindisch fiese Visionen von Frauen, mit dem durch und durch gezierten Ausdruck irgendwelcher Models. Wieder scheint der übertriebene Kitsch kein wirklicher Kitsch zu sein. Der Künstler wird uns etwas über uns selbst sagen – über unsere Begierden und Gelüste – und uns damit konfrontieren, dass wir an diesem dick aufgetragenen Kitsch, den er mit Hohn übergießt, durchaus Gefallen finden. Statt gold-gerahmter Ideale serviert er veritablen Mist in Anführungszeichen.
Präventiv-Kitsch ist das erste Glied einer Kette. Der Künstler gibt sich ernsthaft überzeugt von sich und seinem Werk, die Kritiker gerieren sich als seine Richter und das modernistische Establishment als seine Gönner. Schließlich wird das Getue irgendjemanden, der den Unterschied zwischen wirklicher und vorgetäuschter Kunst nicht wahrnehmen kann, dazu bringen, ein solches Werk zu kaufen. Erst hier ist Schluss mit der ganzen Vorgeblichkeit und es wird der tatsächliche Wert dieser Art Kunst deutlich: ihr Geldwert. Aber nach wie vor ist es wichtig, so zu tun, als ob. Der Käufer muss weiterhin überzeugt sein, dass er ein Stück echte Kunst von hohem Wert gekauft und damit ein Geschäft gemacht hat, das jeden Preis rechtfertigt. Ansonsten würde der Kaufpreis den offensichtlichen Umstand enthüllen, dass jeder, auch der Käufer, den Wert eines solchen Produkts hätte vortäuschen können. Das Wesentliche bei allem Gefälschten und Vorgetäuschten ist, dass sie nicht die Sache selbst sind, sondern Surrogate. Wie Dinge, die in gegenüberliegenden Spiegeln ad infinitum widergespiegelt werden, wiederholen sie sich und mit jeder Wiederholung steigt ihr Preis, bis ein Ballon-Hund von Jeff Koons, wie ihn sich jedes Kind vorstellen kann und viele Leute ihn produzieren könnten, den höchsten Verkaufspreis erreicht, der jemals für das Werk eines lebenden Künstlers gezahlt wurde – einmal abgesehen davon, dass dieser Künstler keiner ist.
Allenthalben sind wir umgeben von vorgetäuschter Originalität, falschen Gefühlen und verfälschenden Kritiker-Expertisen und das derart flächendeckend, dass wir kaum mehr wissen, wo wir nach etwas Echtem Ausschau halten sollen. Oder gibt es so etwas vielleicht gar nicht? Ist diese ganze Welt der Kunst einfach nur leeres Getue, bei dem wir alle mitmachen, weil alles so billig zu haben ist, außer vielleicht für Leute wie Charles Saatchi, der genug Geld hat, um Fantasiepreise für irgendwelchen Unfug zu zahlen? Vielleicht ist etwas Kunst, sobald sich jemand findet, der es zur Kunst erklärt. Vielleicht gibt es keine qualifizierten Kritiker. »Alles ist nur eine Frage des Geschmacks«, wird behauptet und weiter nicht gedacht. Gibt es darauf tatsächlich nichts zu erwidern? Ist es tatsächlich unmöglich, echte von vorgetäuschter Kunst zu unterscheiden oder zu begründen, wie und warum Kunst wichtig ist? Dazu möchte ich ein paar positive Vorschläge machen.
Zunächst müssen wir alles ignorieren, was unser Urteil in die Irre führt. Gemälde und Skulpturen kann man besitzen, kaufen und verkaufen. Also stellen sie einen großen Markt dar, und es spielt keine Rolle, ob sie einen Wert haben oder nicht, einen Preis haben sie allemal. Oscar Wilde definierte den Zyniker als jemanden, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt. Und der Kunstmarkt wird unvermeidlich von Zynikern bestimmt. In unseren Museen häuft sich aller möglicher Ramsch, dessen einzige Qualität oft genug darin besteht, dass er eine Stange Geld gekostet hat. Eine Symphonie oder einen Roman kann man nicht in derselben Weise besitzen wie einen Damien Hirst. Entsprechend wird bei Symphonien und Romanen sehr viel seltener hochgestapelt als in den visuellen Künsten.
Die Dinge werden weiterhin entstellt durch gezielte Manipulation seitens offizieller Fördereinrichtungen. Das Arts Council ist mit der Aufgabe betraut, bildende Künstler, Schriftsteller und Musiker zu subventionieren, deren Werk von Bedeutung ist. Aber wie urteilen Bürokraten über die Bedeutsamkeit eines Werkes? Der Kulturbetrieb sagt ihnen, dass ein Werk etwas taugt, wenn es originell ist, und das wiederum erweist sich daran, dass es dem Publikum nicht gefällt. Warum müsste es im Übrigen auch subventioniert werden, wenn es dem Publikum gefiele? Also werden von offiziellen Schirmherren unvermeidlicherweise die eher obskuren, abstoßenden oder sinnlosen Werke denjenigen vorgezogen, von denen eine wirkliche und dauerhafte Anziehungskraft ausgeht.
Was aber macht eine solche Anziehungskraft aus und wie können wir beurteilen, ob ein Kunstwerk über sie verfügt? Meine Antwort kann ich in drei Worten zusammenfassen: »Schönheit«, »Form« und »Erfüllung«.
Für viele Künstler und Kritiker ist die Idee der Schönheit in Verruf geraten. Sie ist gleichbedeutend mit süßlich-beschaulichen Szenen im grünen Walde und schnulzigen Melodien, wie sie der Großmutter gefielen. Der modernistische Leitsatz, dass die Kunst das Leben so darzustellen habe, wie es ist, veranlasst viele Leute zu glauben, dass unweigerlich beim Kitsch landet, wer sich um Schönheit bemüht. Was allerdings ein Irrtum ist. Der Kitsch macht uns weiß, was für nette Menschen wir doch seien: es geht um simple Gefühle, die billig zu haben sind. Schönheit bedeutet einem dagegen, mit der Nabelschau aufzuhören und vielmehr wache Aufmerksamkeit für die Welt um uns herum zu entwickeln. Sie sagt: schau dir das an, hör zu, betrachte es, hier ist etwas, das wichtiger ist als du. Kitsch ist ein billiges Mittel zum Zweck, Schönheit genügt sich selbst. Wir kommen der Schönheit näher, sobald wir von unseren eigenen Interessen absehen und zulassen, dass in uns die Welt aufdämmert. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu versuchen, wobei die Kunst für uns unleugbar die bedeutendste darstellt. Sie vermittelt uns ein Bild des menschlichen Lebens – unseres eigenen Lebens sowie ein Gefühl für alles, was für uns daran von Wert ist – und sie fordert uns auf, es ganz direkt zu betrachten, nicht daraufhin, was es uns schenken, sondern daraufhin, was wir ihm geben können. Vermittels des Schönen reinigt die Kunst die Welt von unserer zwanghaften Selbstbezogenheit.
Es ist unmöglich, unser menschliches Bedürfnis nach Schönheit abzustellen und unsere Menschlichkeit dennoch zur Entfaltung zu bringen. Das Bedürfnis nach Schönheit entspringt unserer Moralität. Wir können auf der Erde umherwandern, befangen in Entfremdung, in unguten Gefühlen, voller Argwohn und Misstrauen. Oder wir können sie zu unserem Zuhause machen, mit uns selbst ins Reine kommen und mit anderen zu einem harmonischen Zusammenleben finden. Die Erfahrung der Schönheit leitet uns auf diesen zweiten Weg. Sie bedeutet uns, dass wir in dieser Welt tatsächlich zu Hause sind, dass sie sich in unserer Wahrnehmung bereits als einen Ort zu erkennen gibt, der für Lebewesen unserer Art der geeignete ist. Eben das sehen wir in Corots Landschaften, in Cézannes Äpfeln oder Van Goghs aufgeschnürten Schuhen.
Ein wahres Kunstwerk ist nicht auf dieselbe Weise schön wie ein Tier, eine Blume oder eine Landschaft. Es ist ein bewusst gestaltetes Ding, mit dem das menschliche Bedürfnis nach Form über die Beliebigkeit der Sachen triumphiert. Unser Leben ist bruchstückhaft und wirr, in unseren Gefühlen kommt vieles auf, was nicht zur Erfüllung findet. Sehr wenig enthüllt sich uns mit solcher Klarheit, dass wir seine Bedeutsamkeit ganz erfassen können. In der Kunst schaffen wir ein Reich der Vorstellungskraft, in dem jeder Anfang zu einem Schluss führt und jede Einzelheit Teil eines bedeutsamen Ganzen ist. Das Thema einer Bach’schen Fuge scheint sich aus ihrem Akkord heraus zu entwickeln, es entfaltet und füllt einen musikalischen Raum und bewegt sich logisch auf einen Schluss zu. Das aber macht aus ihr keine mathematische Fingerübung. Jedes Thema bei Bach ist aufgeladen mit Gefühl und geht zusammen mit dem Rhythmus der inneren Welt ihres Hörers. Bach führt uns in einen imaginierten Raum und beschenkt uns in diesem Raum mit dem Bild unserer eigenen Erfüllung. In gleicher Weise zeigt Rembrandt vermittels der Hauttönungen eines alternden Gesichts, wie in jeder einzelnen etwas eingefangen ist vom Leben, das darin steckt, sodass in der formalen Harmonie der Farben die Person als ganze und vollständige erscheint. Wir erleben bei Rembrandt den organischen Zusammenhalt eines Charakters in einem verfallenden Körper. Und sind zutiefst bewegt davon.
Formale Vollendung ist nicht zu erreichen ohne fundiertes Wissen, Disziplin und Aufmerksamkeit bis ins Detail. Langsam aber sicher fangen die Leute an, das zu begreifen. Die Illusion, dass Kunst einfach aus uns herausströmt und der einzige Sinn und Zweck einer Kunsthochschule darin besteht, die Schleusentore zu öffnen, lässt sich nicht länger halten. Die Zeiten, in denen man Furore damit machen konnte, wie Christo ein Gebäude in Polystyrol zu hüllen, oder vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden still vor einem Flügel zu sitzen wie John Cage, sind vorbei. Um wirklich modern zu sein, müssen wir Kunstwerke schaffen, die das moderne Leben in all seiner Zerrissenheit aufnehmen und es zu etwas Vollständigem und Entschiedenem werden lassen, was etwa Philip Larkin in seiner großen Dichtung The Whitsun Weddings getan hat. Es ist schön und gut, dass ein Komponist seine Stücke mit dissonanten Klängen und Clustern spickt wie Harrison Birtwistle; aber ohne die geringste Ahnung von Harmonielehre und Kontrapunkt wird das Ergebnis keine Musik sein, sondern schlichter Lärm. Man mag mit Farben herumklecksen wie Jackson Pollock, aber ein wirkliches Wissen um Farbe wird durch das Studium der natürlichen Welt erworben, durch die Entdeckung, wie sich unsere Gefühle in geheimnisvollen Farbschattierungen widerspiegeln, was Cézanne Frieden und Trost im Anblick eines Apfelkorbes finden ließ.
Wenn wir auf die wahren Apostel des Schönen in der Gegenwart blicken – ich denke an Komponisten wie Henri Dutilleux und James MacMillan, an Maler wie David Inshaw und John Wonnacott, an Dichter wie Ruth Padel und Charles Tomlinson, an Prosaisten wie Italo Calvino und Georges Perec – macht es uns unmittelbar betroffen, in welchem Ausmaß sich die Ausübung ihres Handwerks von harter Arbeit, einsamem Forschen und Aufmerksamkeit bis in kleinste Einzelheiten bestimmt findet. In der Kunst muss Schönheit errungen werden – ein umso schwierigeres Unterfangen, je mehr sich eine allgemeine Beschränktheit breitmacht. Angesichts von Leid, Unzulänglichkeit und der Flüchtigkeit unserer Gefühle und Freuden, fragen wir nach einem »Warum«. Wir brauchen Zuspruch. Und wenden uns an die Kunst um des Beweises willen, dass das Leben in dieser Welt eine Bedeutung hat und Leiden nicht so sinnlos ist, wie es oft genug scheint, sondern notwendiger Teil eines größeren und Erlösung verheißenden Ganzen. Die Tragödie zeigt uns den Triumph der Würde über die Zerstörung, des Mitgefühls über die Hoffnungslosigkeit. Es wird immer rätselhaft bleiben, wie es ihr gelingt, die Moralität wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem sie dem Leiden eine geschlossene Form verleiht. Der tragische Held gelangt durch sein Schicksal zu Vollendung; sein Tod ist ein Opfer und durch dieses Opfer kann die Welt von Neuem erstehen.
Die Tragödie erinnert uns daran, dass die Gegenwart des Schönen in unserem Leben etwas Erlösendes, Rettendes darstellt: das Angesicht der Liebe inmitten von Trostlosigkeit. Es sollte uns nicht überraschen, dass viele der schönsten Werke der modernen Kunst als Reaktion gegen Hass und Grausamkeit entstanden sind. Die Gedichte der Achmatowa, die Romane von Pasternak, die Musik von Schostakowitsch – Werke wie diese haben Licht in eine totalitäre Finsternis geworfen und Liebe bezeugt inmitten der Zerstörung. Vergleichbares ließe sich zu Eliots Four Quartets sagen, zu Brittens War Requiem, zu Matisses Kapelle in Vence.
Der Modernismus entstand, weil Künstler, Schriftsteller und Musiker ihrer Vision von Schönheit treu blieben, als einer Erfüllung und Erlösung spendenden Gegenwart in unserem Leben. Und dadurch unterscheidet sich ein wirkliches Kunstwerk von einem vorgetäuschten. Wirkliche Kunst ist ein Werk der Liebe, vorgetäuschte Kunst ist Betrug.
2
Tiere lieben
Ich lebe auf einem Bauernhof, umgeben von Weideland, in einer Region in England, wo eine dünne Ackerkrume eine darunter liegende Lehmschicht bedeckt. Auf der Krume wächst Gras, aber man kann sie nicht umpflügen, ohne zugleich den Lehm, auf dem nichts gedeiht, mit nach oben zu holen. Die einzige Möglichkeit, derartiges Land zu verwerten, besteht für seine menschlichen Nutzer darin, das Gras und dessen Nebenprodukte denjenigen Wesen zugutekommen zu lassen, deren Lebensgrundlage es darstellt. In der Landwirtschaft sind das Kühe, Schafe, Schweine und Hühner, an Jagdwild Wildgeflügel, außerdem werden Reitpferde gehalten. Letzteres ist aus Sicht unserer lokalen Farmer am profitabelsten, denn die Pferde locken Großverdiener aufs Land, denen vor Ort die Idee kommt, ihr Geld in Weideland anzulegen. Um einiges schwieriger wird es dann schon, umgekehrt aus Gras wieder Geld zu machen. Dennoch sehe ich in unserem ländlichen Winkel alles in allem ein gelungenes Beispiel für landwirtschaftliche Nutztierhaltung. Unsere Tiere leben in einer ihnen gemäßen Umgebung, genießen ein gewisses Maß an Freiheit und unser Eingreifen bewahrt sie vor langem Leiden durch Alter und Krankheit oder einem qualvollen Tod infolge von Verletzungen. Gleiches gilt mehr oder weniger auch für die Wildtiere. Das Wildgeflügel wird entweder geschossen oder von Füchsen gefressen, Bussarde und Habichte erbeuten Nagetiere wie Ratten, Feld- und Wühlmäuse und umherziehende Reiher schnappen sich die Fische. Alter, Krankheit oder Verletzungen sind selten Todesursache bei unseren wilden Tieren, und wir helfen ihnen so gut wie möglich über den Winter, mit Resten aus der Küche für die Fleischfresser und Körnern und Nüssen für Vögel.
Selbstverständlich könnte noch vieles besser gemacht werden, und es gibt ein paar Dinge an unserem Schalten und Walten, die mir nicht gefallen. Ganz besonders stört mich, dass bestimmte Tiere, zu denen wir eine unwillkürliche Zuneigung empfinden, bevorzugte Behandlung genießen. Wir überschlagen uns geradezu, die Raubtiere gut durch die harten Wintertage zu bringen, rühren aber kaum einen Finger für unsere Haus- und Feldmäuse und unternehmen wiederum alles Erdenkliche, um die Ratten loszuwerden. Natürlich setzten wir kein Gift ein, da das auch Eulen, Bussarde und Füchse gefährden würde, die die Kadaver der Ratten fressen. Trotzdem sind wir gezwungen, in die natürliche Ordnung einzugreifen, wenn wir auf einem Bauernhof zurechtkommen wollen. Feldhasen sind gern gesehen, Kaninchen schon weniger, Hermeline und Wiesel genießen unseren Schutz, während Krähen und Elstern sich hüten, uns zu nahe zu kommen. Jeder, der wie wir dauerhaft auf dem Land lebt, muss sich mit solchen Entscheidungen auseinandersetzen. Und jedes Mal, wenn ich etwas über »Zufluchtsorte für wilde Tiere« lese, frage ich mich, was die dortigen Wildhüter tatsächlich zu unternehmen bereit sind, um die Ausbreitung von Arten wie Grauhörnchen, Kanadagänsen oder Kormoranen unter Kontrolle zu halten, die jedes funktionierende Habitat in eine Wüstenei verwandeln, wenn man sie gewähren lässt.
Obwohl ich unser Eingreifen in die uns umgebende Ordnung nicht immer unproblematisch finde, tröstet mich die Tatsache, dass sich hier mittlerweile Arten wieder ansiedeln, die man seinerzeit nicht zu sehen bekam, als wir die Farm vor zwanzig Jahren gekauft haben: Dompfaffe, Bachstelzen, Turmfalken, ein weiterer habichtartiger Raubvogel, Damwild, Hermeline und Grasschlangen. Es gibt viele verschiedene Bienenarten und die Teiche quellen über von Fröschen, Kröten und Libellen. Im Übrigen sind da noch die Nachbarn, und von ihnen geht die bei weitem größte Bedrohung für alle Tiere aus, die auf unserem Land leben. Damit sind nun allerdings nicht unsere in der Landwirtschaft tätigen Nachbarn gemeint, denen es ähnlich wie uns um die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts geht. Ich denke vielmehr an jene Zugezogenen, die auf dem Land eine Ruhe genießen möchten, wie sie quasi als Nebenprodukt der landwirtschaftlichen Arbeit anderer abfällt. Die Neuankömmlinge bringen ihre eigene Menagerie mit, vielgeliebte Haustiere, denen bislang alle Vorzüge des Stadtlebens zuteilgeworden sind. Tatsächlich tragen die Hunde und Katzen dieser Leute am meisten zur Störung der empfindlichen Ordnung bei, die wir anderen nach Kräften versuchen, aufrechtzuerhalten. Was ich zum Anlass nehme, mir ein paar Gedanken bezüglich angebrachter und verfehlter Tierliebe zu machen.
Eine Nachbarin führt ihren Hund auf dem öffentlichen Reitweg spazieren. Dort lässt sie ihn von der Leine und der Hund läuft auf die Felder und in die Hecken, wo er tut, was Hunde eben tun: er versucht, Witterung von Beutetieren aufzunehmen und jagt los, sobald er eine Fährte entdeckt hat. Im Winter suchen Vögel im Laub Schutz, um so gut wie möglich mit ihrer Energie hauszuhalten. Es verbessert nicht eben ihre Überlebenschancen, wenn sie auf diese Weise jeden Tag aus ihrem Unterschlupf aufgescheucht werden. Das Gleiche gilt für Hasen, Kaninchen und Feldmäuse. Selbstverständlich versichert uns die Nachbarin in aller Entschiedenheit, ihr Hund käme im Traum nicht auf die Idee zu töten, was er jagt – er folge einfach nur seiner Natur. Das Gleiche tun sicherlich auch die Fasane, Hermeline und Kaninchen, die er jagt. Im Unterschied zu ihnen kehrt der Hund zurück in ein warmes Haus und zu einem Fressnapf, dessen Inhalt größtenteils aus anderen, zu Dosenfutter zusammengemetzelten Tieren besteht, während die Ziele seines Jagdinstinkts nichts weiter zu verdauen haben als den erlittenen Schock, was sie schwächt, auch hinsichtlich weiterer Zusammentreffen.
Andere Nachbarn halten zwei Katzen – schöne Tiere, die es verstehen, ihre menschlichen Besitzer mit scheinbarer Zuneigung zu umgarnen, um sie tatsächlich mit der ganzen Unverschämtheit einer überlegenen Spezies im Griff zu haben. Sowohl Hunde wie Katzen sind Raubtiere; Hunden aber kann man beibringen, nicht zu töten, man kann sie darauf abrichten, ihrem Jagdinstinkt nur bei bestimmten Beutetieren zu folgen, oder Rassen züchten, die eben diesen Instinkt in den Dienst anderer menschlicher Belange stellen, etwa als Hüte- oder Apportierhunde. Bei Katzen ist das nicht möglich. Alles in ihrer Natur richtet sich nur auf das eine Ziel, zu töten; und obwohl man sie so verhätscheln kann, dass sie von der Verfolgung dieses Zieles ablassen, entfremdet man sie damit zugleich ihrer wahren Natur. Eine richtige Katze will hinaus und sobald sie draußen ist, will sie töten. Der Unterschied zwischen fairem und unfairem Kampf, zwischen Schädlingen und geschützten Arten, zwischen Freund und Feind – all das spielt für eine Katze keine Rolle, wenn sie sich aufmacht, um Vögel, Feld- und Spitzmäuse und andere harmlose und nützliche Geschöpfe aufzuspüren, ohne irgendetwas anderes im Sinn zu haben, als deren Blut ins Maul zu bekommen. Einer Schätzung zufolge werden in England jedes Jahr etwa hundertachtzig Millionen wilde Vögel und Säugetiere von Katzen erbeutet.1 Von all den fremden Arten, die irgendwann auf unsere Insel kamen, richten Hauskatzen unbestritten den größten Schaden an, und das Schlimmste daran ist, dass es dank der Sentimentalität britischer Tierfreunde als Verbrechen gilt, sie abzuschießen.
Liebe hat viele Formen und es gibt keinen Grund, meiner Liebe zu Weide- und Wildtieren einen höheren Wert beizumessen als der Liebe unserer Nachbarn zu ihren Hunden und Katzen. Zwei Fragen sollte man jedoch in Bezug auf jede Art von Liebe stellen: kommt sie dem Objekt der Liebe zugute oder dem Subjekt? Ob wir mit Wildes extremer Erklärung: »Der Mensch tötet, was er liebt« einverstanden sind oder nicht, es gibt sicherlich eine Art Liebe, die ihr Objekt zerstört, aus Gründen, wie Blake [in dem Gedicht The Clod and the Pebble] sie anführt:
Love seeketh only self to please
To bind another to its delight,
Joys in another’s loss of ease
And builds a Hell in Heav’n’s despite.
[In der Liebe geht es dem Liebenden nur um sich selbst,
es beglückt ihn, den anderen gebunden zu wissen,
er weidet sich daran, wie dessen Leben seine Unbeschwertheit verliert,
Und erschafft eine Hölle anstelle des Himmels.]
Es gibt eine Liebe, die den anderen versklavt, erstickt, ausbeutet und missbraucht. Und oft genug korrumpiert sich ein Liebender, indem er sich ein verfälschtes, zu schmeichelhaftes Bild seiner selbst macht als eines zugänglichen, liebenswerten Menschen. Liebe ist kein Wert an sich, sie taugt etwas, wenn sie sich einer sittlichen Verantwortung verpflichtet weiß, sie ist wertlos, wenn sie diese Verantwortung missachtet. In diesem Sinn sollten wir mit Aristoteles sagen, dass Liebe, um einen Wert zu bekommen, ein angemessenes Objekt braucht, auf das sie sich aus angebrachtem Anlass und in angebrachtem Maß richtet.2 Zum Erwachsenwerden gehört auch, dass man lernt, wen und wie man lieben kann, und die Fähigkeit entwickelt, seine Liebe zu disziplinieren, um sie nicht zu Sentimentalität oder Herrschsucht gegenüber dem Partner verkommen zu lassen.
Eine Menge Literatur befasst sich mit der Liebe zwischen Menschen und Tieren, und jeder von uns hat Beispiele vor Augen, anhand derer wir zu verstehen suchen, was eine Liebe über die Artengrenzen hinweg erfreulich oder fragwürdig macht. Für die Zuneigung von Haustieren bin ich genauso empfänglich wie andere Leute auch, und ich erinnere mich, dass ich meinem Hund aus Kindertagen, einem hässlichen Geschöpf, das jegliche Tugenden eines Hundes vermissen ließ, tiefe Gefühle von großer Bedürftigkeit entgegengebrachte. Auch mein Pferd Barney habe ich geliebt; als es mitten auf einer Jagd tot unter mir zusammenbrach, hat mich das eine Zeit lang sehr mitgenommen – bis ich seinem Nachfolger begegnet bin. Katzen fühlen sich zu mir hingezogen, sie schnurren und bedenken mich mit ihrem Milchtritt, ohne zu ahnen, welche Verachtung ich für ihre Spezies hege. Trotz allem möchte ich weiterhin die Frage stellen, inwiefern und in welchem Maß die Liebe zu einem Tier gerechtfertigt ist.
Zunächst einmal bezieht sich Tierliebe nur in Ausnahmefällen auf ein Tier als Individuum. Ich liebe die Tiere auf unserer Farm, aber nur einigen wenigen bringe ich eine dem Individuum geltende Zuneigung entgegen: ich freue mich an den Dompfaffen, die wir hier haben, und setze mich nach Kräften für ihr Bleiben ein, aber es gibt keinen bestimmten Dompfaff, der mir besonders am Herzen läge. Natürlich habe ich den Impuls, einem in Not geratenen Vogel oder Säugetier zu helfen, ich gehe hin und sehe, was ich tun kann: aber das ist keine Liebe, sondern ganz normale, freundliche Anteilnahme. Zu Pferden habe ich dagegen eine anders geartete Beziehung. Ich kenne ihren jeweiligen Charakter und ihre Eigenheiten, und reite sie in mitunter abenteuerlichen Situationen, in denen wir auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Dabei kann eine besondere Bindung entstehen, wie sie zum Beispiel Alexander den Großen dazu brachte, um den tapferen Bukephalos zu trauern und ihm zu Ehren eine Stadt errichten zu lassen. Dennoch bleibt es fraglich, ob Pferde ihrerseits ihre Reiter als Individuen wahrnehmen oder uns und Artgenossen gegenüber Gefühle entwickeln, die den unsrigen vergleichbar wären. Sie unterscheiden einen guten Aufenthaltsort von einem schlechten, erkennen ihre Stallgenossen und stehen in einer Beziehung zu ihnen; und sie wissen, welche Art von Behandlung sie von den verschiedenen Zweibeinern zu erwarten haben, die sich um sie kümmern. Aber ihre Zuneigung ist labil, nicht klar ausgerichtet und wird schnell auf jemand anderen übertragen. Barney hatte für mich gewisse Qualitäten mit Bukephalos gemein: draufgängerisch, wollte er immer der erste im Feld sein, blieb dabei aber auch in gefährlichen Situationen zuverlässig. Eben das begründete meine Zuneigung zu ihm, und nicht etwa, dass er mir ein ausgesprochenes Wohlwollen entgegengebracht oder mir in seinem Leben einen besonderen Platz eingeräumt hätte, wie ich es meinerseits für ihn getan habe.
Mittlerweile glaube ich, dass man ein Pferd auf eine Art lieben kann, die für Tier und Mensch gleichermaßen schädlich ist. Dabei wird im Pferd ein Spielzeug gesehen, ein Erfüllungsgehilfe zur Befriedigung der Launen des Reiters, es wird zum Objekt von Liebkosungen und Zärtlichkeiten, die es weder erwidern noch begreifen kann – wobei man es in seiner Eigenart völlig ignoriert. Diese Liebe ist in ganz eigener Weise verdorben. Wer ein Pferd mit solcher Zuneigung überschüttet, macht sich entweder selbst etwas vor oder findet Gefallen an einer Gefühlsphantasie. Das Pferd ist Mittel zum Zweck, in den eigenen Gefühlen zu schwelgen, die das eigentliche Zentrum des Interesses darstellen. Es wird Objekt einer selbstbezogenen Liebe, der im Grunde nichts an dem Objekt liegt, das diese Liebe zunächst hervorgerufen hat. Vom Pferd wird nicht eigentlich Notiz genommen, und wenn es irgendwann unweigerlich seine oberflächliche Attraktivität eingebüßt hat, geht diese Art Liebe in eine mehr oder weniger skrupellose Vernachlässigung des Tieres über. Man hat ihm eine Zeit lang Zuneigung angedeihen lassen, um es dann oft genug, wie Kinder ihre Puppen, einfach auszurangieren. In einer Philosophie der Liebe illustriert das Beispiel mit der Puppe auf schmerzlichste Weise, was geschieht, wenn Liebe fehlgeht. Kinder erproben mit Hilfe ihrer Puppen noch den Umgang mit Gefühlen: sie versuchen, Ausdrucksmöglichkeiten, Verhaltensweisen und Gesten für sich zu entwickeln, mit denen sie ihre menschliche Umgebung dazu bringen können, ihnen Schutz und Liebe zu geben. Dennoch erwarten wir von Kindern, dass sie die Liebe zu ihren Puppen irgendwann hinter sich lassen und fähig werden, eine reifere Form der Liebe zu entwickeln, eine Liebe, die denjenigen, der sie empfindet, etwas kostet, mit der das Selbst in die Hände eines anderen Menschen gelegt wird und ein Band verantwortungsvoller gegenseitiger Sorge entsteht.
Jede Spezies ist anders geartet. Im Fall von Hunden kann man sicherlich davon ausgehen, dass sie die Zuneigung ihrer Herren nicht nur erwidern, sondern mit ihnen auch eine individuelle Bindung eingehen. Der Herr ist für den Hund derart unersetzlich, dass uns in der Trauer des Tieres bei dessen Verlust eine Verzweiflung begegnet, die wir, die auch im größten Schmerz noch Zugang zu Tröstungen finden, nicht wirklich nachvollziehen können. Nicht alle Hunde sind zu einer so entschieden auf eine Person gerichteten Hingabe fähig, aber wo wir sie erleben, gehört sie zu den ergreifendsten Geschenken, die ein Tier uns machen kann, umso mehr, als es sich dabei weniger um ein Geschenk, als um eine große Bedürftigkeit handelt.3 Einer Kreatur, die uns mit einem solchen Maß an Liebe begegnet, sind wir in besonderer Weise verpflichtet; und aus dieser Beziehung kann sich eine gegenseitige Liebe ganz eigener Art entwickeln, die wir ernst nehmen müssen. Wer von seinem Hund derart geliebt wird, muss ihm seinerseits sehr viel mehr sorgsame Zuwendung geben, als sie etwa einem Pferd gegenüber angemessen wäre. Diesen Hund zu vernachlässigen oder zu verlassen, bedeutet, eben jenes Vertrauen zu verraten, aus dem sich eine objektive Verpflichtung ableiten lässt, wie sie einem Individuum gegenüber besteht. So gesehen hat meine Nachbarin durchaus recht, wenn sie die Verpflichtung ihrem Hund gegenüber für vorrangig hält gegenüber der meinen, Wildtiere zu schützen, deren Wohlergehen durch ihren Hund beeinträchtigt wird. Sie hat einen Pol einer Vertrauensbeziehung inne, und es wäre eine moralische Fehlleistung ihrerseits, sich das Recht auf den Genuss der unerschütterlichen Zuneigung des Hundes zuzugestehen, wenn sie ihm gleichzeitig vorenthielte, was sie ihm ganz einfach dadurch geben kann, dass sie sein Tun gutheißt. Ich verurteile sie also nicht wegen ihres lästigen Hundes und ihrer ebenso lästigen Liebe zu ihm, der Fehler liegt bei mir. Wenn ich mich über den Egoismus einer Familie ärgere, die für sich die besten Plätze in einem Zug in Beschlag nimmt, mache ich den gleichen Fehler. Jeder von uns ist umgeben von einer Sphäre der Liebe, und wir sind denjenigen verpflichtet, die mit uns in dieser Sphäre leben.
Dies gesagt, sollten wir jedoch weiterhin zwischen angemessener und unangemessener Liebe zu einem Hund unterscheiden. Hunde sind Individuen, in derselben Weise, wie alle Tiere Individuen sind. Man kann wohl auch behaupten, dass Hunde über einen höheren Grad an Individualität verfügen als Vögel oder Insekten. Damit meine ich, dass ihr Wohlbefinden in engerem Zusammenhang mit ihrem arteigenen Wesen und ihren jeweiligen Lebensumständen, ihren Gefühlsbindungen und ihrem Charakter steht, als das bei Angehörigen anderer Arten der Fall ist. Ein Vogel bezieht sich auf seine Umgebung als Angehöriger seiner Spezies, nicht aber als ein Wesen, das um sich herum ein individuelles Netz aus Erwartungen und Ängsten geknüpft hat. Der Hund ist mit seiner Liebe abhängig von einem ganz bestimmten Personenkreis und er weiß um die Stärke dieser Abhängigkeit. In seinen Reaktionen auf seine Umgebung unterscheidet er Individuen und begreift, wenn etwas ausdrücklich von ihm verlangt wird und dass er diesem Verlangen Folge zu leisten hat. Auch wenn seine Gefühle simpler Natur sind, handelt es sich dennoch um erlernte Reaktionen, geprägt von einer gemeinsamen Geschichte aufeinander bezogener Handlungen des Hundes und seiner Umgebung.
So kann man in sein Verhalten Reaktionsweisen hineinlesen, wie wir sie aus menschlichen Gefühlsbeziehungen kennen. Der Hund ist keine Person, aber er kann einer Person ähnlich werden, wenn er die Erfahrungen mit Dingen und Wesen seiner Umgebung zu verinnerlichen beginnt. In seiner Beziehung zu einem ganz bestimmten Personenkreis innerhalb dieser Umgebung wird er seinerseits zu einem ganz bestimmten Hund. Wenn ich dennoch bestreite, dass der Hund eine Person sei, begründe ich das einfach damit, dass die Individualität von Personen auf einer völlig anderen metaphysischen Ebene liegt als die von Tieren, selbst von Tieren, die Personen als Individuen lieben. Eine Person identifiziert sich mit sich selbst in der ersten Person, sie kennt sich als »ich« und trifft freie Entscheidungen auf der Basis dieses Identifikationsaktes. Bei ihr liegen die Hoheitsrechte über ihre Welt, und ihr ganzes Denken und Handeln ist durchsetzt von der Unterscheidung zwischen sich und dem Anderen, dem Eigenen und Nicht-Eigenen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem.
Der Hund, der seinem Herrn in die Augen blickt, urteilt nicht, er mahnt ihn nicht an dessen Pflichten und tritt nicht als anderes Individuum mit eigenen Rechten und Freiheiten auf. Er versucht einfach, einen Kontakt herzustellen wie zu einem Artgenossen oder Rudelmitglied in der Hoffnung, dass auf seine Bedürfnisse eingegangen wird. In all dem findet sich nichts von einem Kontakt von »Ich« zu »Ich«, durch den sich Personen von allen anderen Lebewesen in der Natur unterscheiden, was Kant als Zeichen dafür nahm, dass die Person tatsächlich nicht mehr Teil der Natur sei. Obwohl ich mich meinem Hund wie einem Individuum zuwende, tue ich das von einer Ebene der Individualität aus, die für ihn unerreichbar bleibt. Die Vorstellung von Verantwortung, Pflicht, Recht und Freiheit, die all meine Absichten und Vorhaben beherrscht, hat in seinem Denken keinen Platz. Für ihn bin ich ein anderes Tier – ein sehr spezielles zwar, aber dennoch eines, das mit ihm auf derselben Ebene existiert und von Beweggründen umgetrieben wird, die er niemals begreifen, sondern lediglich hinnehmen kann, enthalten in so etwas wie der Einheit des Seienden, als der Summe dessen, worauf sich seine Zuneigung bezieht.
Mir scheint nun, dass man einen Hund auf vernünftige Art liebt, wenn man ihn nicht als Person wahrnimmt, sondern als eine Kreatur, die bis an die Grenze zum Persönlichen gelangt ist. Von dort aus lugt er hinüber in ein für ihn nicht einsehbares Gebiet, aus dem Signale kommen, die er in anderer Weise versteht als wir, die wir die Signale geben. Gründen wir die Liebe zu unserem Hund auf die Annahme, dass er in einer uns ebenbürtigen Weise eine Person sei, schaden wir damit ihm und uns selbst. Das Tier wird in einer Weise gefordert und unserer Welt eingegliedert, die ihm weder zugutekommt, noch begreiflich ist. In der Folge sehen wir uns dann auch veranlasst, sein Leben zu erhalten, ganz so, wie wir es untereinander um unserer persönlichen Beziehungen willen tun, die, weil sie persönlich sind, für uns Ewigkeitsstatus haben. Für mich ist es ein Zeichen verfehlter Tierliebe, wenn jemand seinen Hund nicht einschläfern lässt im Falle unheilbarer Erkrankung oder Hinfälligkeit. Aber hier geht es nicht in erster Linie um den Schaden für das Tier, sondern um den für die Person. In einem wichtigen Sinn kostet uns die Liebe eines Hundes nichts. Auch der übelste Kriminelle kann in ihren Genuss kommen. Kein Hund verlangt von seinem Herren Anstand oder Ehrenhaftigkeit, und er wird ihn jederzeit verteidigen, auch gegen die Festnahme durch Vertreter von Recht und Gesetz. Ein Hund urteilt nicht, seine Liebe ist bedingungslos, einfach deshalb, weil er keinen Begriff von Bedingungen hat. Wir genießen seine rückhaltlose Bestätigung, um die wir uns nicht erst mit moralischem Handeln bemühen müssen. Und genau das können wir ringsum beobachten: zwischenmenschliche Beziehungen, die immer mehr im Schwinden begriffen sind, da verbunden mit Bedingungen und der Verpflichtung zu verantwortlichem Handeln, werden ersetzt durch die Liebe zu Haustieren, was keinen wirklichen Einsatz fordert.
Diese Art Liebe versucht, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: zum einen will sie die Unschuld des tierischen Liebesobjektes vor dem Sündenfall bewahrt wissen, während sie dem Tier zugleich moralische Urteilsfähigkeit zubilligt. Die Sprachlosigkeit des Hundes wird gleichgesetzt mit Unfähigkeit zu böswilligem Handeln, weshalb er in seinen Urteilen nicht fehlgehen kann und seine Zuneigung nur an Objekte wendet, die sie tatsächlich verdienen. Die Liebe des Hundes rechtfertigt seinen Herren. Das ist der Ursprung jener rührseligen Verklärung von Tieren, die einen Film wie Bambi so schädlich macht – er verleitet dazu, Tiere zu verniedlichen und sie gleichzeitig als Inbegriff des Richtigen und Guten zu sehen, von vornherein und in besonderem Maß begabt mit Moralität. Aber so einfach ist es nicht: entweder befinden sich Tiere außerhalb der Sphäre moralischer Urteile oder nicht. Befinden sie sich außerhalb, kann ihr Verhalten nicht als Beweis für ihre »Unschuld« hergenommen werden. Befinden sie sich innerhalb, können auch sie sich schuldig machen und dafür zur Verantwortung gezogen werden.
Menschliche Liebe zeigt sich auf unterschiedlichste Weise. In ihrer höchsten Form ist sie ein Geschenk, das einem anderen Menschen freiwillig gewährt wird, verbunden mit der Bereitschaft, Unterstützung und Halt zu geben. Aber eine solche Liebe ist nicht umsonst zu haben. Sie hat ihren Preis, für Subjekt wie Objekt gleichermaßen. Das Objekt kann diese Liebe verraten, indem es sich als ihrer nicht würdig erweist und als unfähig, sie zu erwidern. Diese Erfahrung gehört zum Schlimmsten, was Menschen zu durchleiden haben. Die Liebe fordert ihr Objekt, es muss sich nach Kräften bemühen, das ihm geschenkte Vertrauen zu rechtfertigen. Dieser moralischen Herausforderung durch die Liebe sind wir nicht immer gewachsen, aber zumindest können wir versuchen, bessere Menschen zu werden und unser Leben auf anständigere Art zu führen. Aus diesem Grund sind uns Leute nicht geheuer, die ohne Liebe auskommen – die sie nicht zu geben verstehen und sie daher normalerweise auch von niemandem empfangen. Denn nicht nur bleiben sie ausgeschlossen von der Geborgenheit zwischenmenschlicher Zuneigung, vor allem aber kann der wichtigste Ansporn, menschliche Qualität zu entwickeln, nicht wirksam werden, im Bestreben nämlich, sich den Ansprüchen eines Menschen gewachsen zu zeigen, der einem mehr bedeutet als man sich selbst.
So haben wir andererseits durchaus Grund, der Liebe aus dem Weg zu gehen. Es bringt uns zwar nicht wirklich etwas ein, und die Tragödie von King Lear4 zeigt uns, dass wir einen Fehler machen, wenn wir versuchen, uns zu drücken. Dennoch gestaltet sich ein Leben ohne zwischenmenschliche Liebe einfacher, weil es auf einem niedrigeren Niveau gelebt werden kann, wo es sich moralischer Beurteilung entzieht. Hierin liegt der ungute Grund für die übertriebene Zuwendung zu Tieren. Wir benutzen sie und ihre Hingabe, um zwischenmenschlichen Gefühlsbindungen zu entkommen, sie werden überflüssig. Natürlich können Menschen von ihrem Leben so geschlagen sein, so bar aller menschlicher Liebe, dass es kein Versagen ihrerseits darstellt, wenn sie sich der Sorge für ein Tier widmen, auf dass wenigstens ein letztes Licht der Liebe mit kleiner Flamme brenne. Die Titelheldin aus Flauberts Un cœur simple tut genau das, weshalb ihre Liebe zu ihrem Papagei auf keinen Fall eine moralische Verfehlung ist. Als letzte Bastion eines echten Gefühls für Moralität bezeigt diese Hingabe vielmehr einen Wert in demjenigen Menschen, der sie an den Tag legt. Damit hat sie sehr wenig gemein mit der ringsum gedeihenden Bambi-Mentalität, in deren Geist man sich gerade anschickt, unsere Beziehungen zu Tieren mittels Recht und Gesetz noch einmal neu festzuschreiben.
An anderer Stelle habe ich mich bereits gegen die Idee von verbrieften Rechten für Tiere ausgesprochen.5 Meine Argumentation in dieser Sache beruht nicht auf Missachtung gegenüber Tieren, sondern auf Respekt vor moralischer Vernunft und Begriffen wie Recht, Verantwortung, Pflichtgefühl und Anstand, die hier ins Spiel kommen und in jedem Moment von einem Unterscheidungsvermögen abhängen, das sich aus der Bewusstheit seiner selbst ableitet. Den womöglich größten Schaden fügt die Idee von Rechten für Tiere den Tieren selbst zu. Sie werden auf die Ebene moralischer Bewusstheit gehoben, ohne in der Lage zu sein, dem aus der Moralität abgeleiteten Anspruch auf Unterscheidungsvermögen zu genügen. Denn Tiere unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse; sie erkennen nicht, wann eine Pflicht ruft oder ob sie durch Verpflichtungen gebunden sind, die sich aus der Moralität ableiten. So beurteilen wir Tiere einfach nur nach ihrem Vermögen, unser häusliches Leben mit uns zu teilen, aus unserer Zuneigung Nutzen zu ziehen und sie gelegentlich in ihrer stummen und abhängigen Art zu erwidern. Damit manipulieren wir die Dinge gehörig zu unseren Gunsten, indem es etwa als kriminelle Handlung gilt, eine Katze abzuschießen, ganz gleich, welchen Schaden sie anrichtet, während belobigt wird, wer eine Maus vergiftet und damit eine Nahrungskette schädigt, in die viele andere Tiere eingebunden sind.
Es geht nicht darum, unseren Lieblingstieren unsere Zuneigung zu entziehen. In dem Maß, wie sie diese Zuneigung tatsächlich brauchen, sollten wir sie ihnen geben. Wenn wir sie jedoch als Individuen lieben, müssen wir uns über die Bedrohung im Klaren sein, die damit für Tiere verbunden ist, die einer derartigen Zuneigung nicht zugänglich sind. Mit der Liebe zu unseren Hunden und Katzen belasten wir die natürliche Ordnung, und am empfindlichsten alle Lebewesen, »die da unter freiem Himmel, in Feld, Wald und Wiese kreuchen und fleuchen«. Diese Tiere mögen keinerlei Rechte genießen, dennoch haben wir ihnen gegenüber Verpflichtungen – und das umso mehr, je weiter Menschen jeden Tag in ihre Lebensräume vordringen, um sie sich skrupellos anzueignen und gedankenlos zu genießen. Unsere sentimentale Liebe zu unseren Haustieren verstärkt einen Mangel an Verantwortungsgefühl, und allzu gerne feiern wir uns selbst in einer leichtgängigen Tierliebe, die uns nicht wirklich etwas abverlangt. Damit aber unterminieren wir den menschlichen Anstand, von dem der Rest der Welt in so entscheidender Weise abhängig ist.
3
Vernünftig regieren
In seiner ersten Rede zu Amtsantritt verkündete Präsident Reagan: »Die Regierung ist nicht die Lösung für unsere Probleme, die Regierung ist das Problem.« Diese Bemerkung brachte eine Saite in den Herzen seiner konservativen Anhänger zum Klingen. Aufgefordert, klar Stellung zu beziehen, befanden auch die amerikanischen Konservativen, dass »zu viel regiert wird«. Eine ausufernde Reglementierungswut, der scheinbar niemand Einhalt gebietet, wachsende Kontrolle am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum und selbst noch in der Familie, unablässiges Ertüfteln neuer Straftatbestände und Verfehlungen, um überwachen zu können, wie und mit wem wir Beziehungen und Kontakte unterhalten, und die Versuche, Rechte aus dem ersten und zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung einzuschränken – diese Entwicklungen empfinden viele Konservative als alarmierend. Amerika scheint auf einen neuen Kurs gebracht zu werden, weg vom freien Zusammenschluss selbstbestimmter Individuen, wie er den Gründervätern vorschwebte, hin zu einer Gesellschaft folgsamer Abhängiger, die ihre Freiheit und Verantwortlichkeit eintauschen gegen einen dauerhaften Anspruch auf Gelder der öffentlichen Hand. Und um zu sehen, wohin das führt, genügt ein Blick auf Europa.
Die europäischen Länder werden von einer Politikerklasse regiert, die sich hinter die verschlossenen Türen europäischer Institutionen flüchten kann, um sich ihrer Rechenschaftsschuld zu entziehen. Diese Institutionen produzieren ununterbrochen Gesetze und Regelungen, die in alle Lebensbereiche eingreifen, angefangen bei Arbeitszeiten bis hin zu den Rechten sexueller Minderheiten. Die herrschende Political Correctness macht es überall in der Europäischen Union schwer, Grundsätze aufrechtzuerhalten oder ihnen gemäß zu leben, die mit den staatlich auferlegten Orthodoxien nicht in Einklang stehen. Anti-Diskriminierungs-Gesetzte zwingen viele religiöse Menschen, ihren Glaubensregeln zuwiderzuhandeln – in Bezug auf Homosexualität, öffentliches Predigen und die Zurschaustellung religiöser Symbole. Aktivisten im Europäischen Parlament wollen für alle Mitgliedsländer der Union, ohne Ansehung ihrer Kultur, Religion und Souveränität ein uneingeschränktes Recht auf Abtreibung durchsetzen. Das ergänzt sich mit einer »Sexualerziehung«, die eher darauf abzielt, junge Menschen für das Geschäft mit der Sexualität zuzurichten, als sie zu verantwortungsbewussten Erwachsenen werden zu lassen, die ein Bedürfnis nach engagierter Teilhabe und Liebe entwickeln.1
In den Kreisen europäischer Meinungsmacher wütet eine Art hysterischer Abwehr. Einen nach dem anderen nehmen sie sich die überkommenen Werte einer zweitausend Jahre währenden Zivilisation vor, um sie auszuhebeln oder zu einer kaum noch erkennbaren Karikatur ihrer selbst zu verzerren. Und all das geht zusammen mit einer schrittweisen Überführung von privatwirtschaftlicher Ökonomie in staatlichen Zentralismus. In Frankreich und Italien etwa erhalten über die Hälfte der Bürger mehr an staatlichen Zuwendungen, als sie Steuern abführen. Gleichzeitig müssen sich kleinere Unternehmen mit strikten Reglementierungen herumschlagen, die eigens dazu geschaffen scheinen, sie an der Kandare zu halten.
Viele dieser Entwicklungen wiederholen sich in Amerika. Der Wohlfahrtsstaat hat sich über die seinerzeit im New Deal vorgesehenen Grenzen hinaus ausgeweitet und der Oberste Gerichtshof geht in zunehmendem Maße dazu über, dem amerikanischen Volk, ob es damit einverstanden ist oder nicht, die Moral einer liberalen Elite aufzuoktroyieren. Diese Entwicklungen tragen zur Auffassung der Konservativen bei, dass der Staat im Begriff ist, die Macht an sich zu reißen. Amerika, so befürchten sie, begibt sich allzu schnell der Rechte und Freiheiten seiner Bürger im Tausch gegen die falsche Sicherheit in einem alles kontrollierenden Staat. Maßnahmen, die nur der Staat durchführen kann – Landesverteidigung, Aufrechterhaltung von Recht und Gesetz, Verbesserung der Infrastruktur und die Koordination von Nothilfe-Programmen – werden mit Geldern finanziert, um die zwangsläufig auch freie Bürger für ihre Projekte konkurrieren müssen. Organisiert in Zusammenschlüssen freiwilliger Helfer könnten sie in Eigenregie eine ganze Reihe anfallender Aufgaben wahrscheinlich viel wirkungsvoller und kostensparender angehen, bei Bedarf noch zusätzlich abgesichert durch private Versicherungen. Waren es nicht gerade solche Zusammenschlüsse von Freiwilligen, die für Alexis de Tocqueville das amerikanische Experiment Wirklichkeit gewinnen ließen? Zeigten sie doch, dass Demokratie nicht einen Mangel an Ordnung, sondern vielmehr eine andere Art von Ordnung darstellt, in der die Freiheit des Individuums mit dem Gehorsam gegenüber einem übergreifenden Gesetz vereinbart werden kann.
So dient die ihrer vitalen Kräfte beraubte Gesellschaft Europas den Konservativen als warnendes Beispiel. Es bestärkt sie in ihrem Glauben, Amerika müsse die Ausrichtung der modernen Politik umkehren, mit der eine immer weiter fortschreitende staatliche Vereinnahmung von Gewalten und Befugnissen einhergeht, die eigentlich Angelegenheit des bürgerlichen Gemeinwesens sind. Das hatte sich die Tea Party Bewegung auf die Fahnen geschrieben, wie es ebenso die republikanische Interessengruppe im Kongress dazu brachte, ihren Kampf gegen den Obamacare so weit zu treiben, dass man begann, den Interessen des amerikanischen Volkes zuwider zu handeln, indem die finanzpolitische Integrität der Nation aufs Spiel gesetzt wurde. Es ist also durchaus sinnvoll, sich nicht nur die problematischen Seiten der Regierung vor Augen zu führen – für jeden Amerikaner sind sie leicht auszumachen –, sondern auch ihre positiven Aspekte. Denn die amerikanischen Konservativen laufen Gefahr, für Leute gehalten zu werden, die der Idee einer Regierung nicht das Geringste abgewinnen können und einzig damit beschäftigt sind, sich gegen jedwedes bundesweite Programm zu stemmen, gleichgültig, wie entscheidend es für Zukunft und Sicherheit der Nation sein mag. Vor allem aber scheinen sie aus den Augen zu verlieren, dass die Bildung einer Regierung nicht nur einen für Menschen natürlichen Akt darstellt, sondern Ausdruck einer durch alle Zeiten hindurch wirksamen Loyalität ist, die von Generation zu Generation ein Band gemeinschaftlicher Verantwortung knüpft.
Tatsächlich lässt sich irgendeine Form von Staatsund Regierungsbildung in all den Versuchen erkennen, die wir unternehmen, um mit unseren Artgenossen in Frieden zusammen zu leben. Wir haben Rechte, die uns auch vor denjenigen schützen, die berufen wurden, uns zu regieren. Viele dieser Rechte gehen auf sehr alte Rechtsgepflogenheiten zurück, wie etwa das im Habeas Corpus niedergelegte. Aber diese Rechte werden nur deshalb zu einem tatsächlichen persönlichen Besitz, weil eine Regierungsgewalt ihre Gewährleistung durchsetzt – wenn es sein muss, auch gegenüber sich selbst. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem System von Macht und Herrschaft, wie viele Konservative glauben, und übrigens auch die Anhänger der Linken – letztere zumindest so lange, wie die Regierungsgewalt in anderen als ihren Händen liegt. Der Staat stellt den Versuch dar, Ordnung zu schaffen und er gesteht sich Macht in dem Maß zu, wie es zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig ist. Er zeigt sich gegenwärtig im Bereich der Familie, in einer dörflichen oder freien nachbarschaftlichen Gemeinschaft und in jenen »kleinen Verbänden«, wie Edmund Burke sie in seinen Reflections on the Revolution in France [dt. Über die Französische Revolution, Berlin 1793] würdigte und Alexis de Tocqueville in De la démocratie en Amérique [dt. Über die Demokratie in Amerika, Frankfurt a. M. 1956]. Aus einem anfänglichen Gefühl der Geneigtheit und des guten Willens heraus entwickelt sich der Zusammenhalt eines Gemeinwesens. Denn er stellt ganz einfach die andere Seite der Freiheit dar, das, was da sein muss, damit Freiheit überhaupt möglich wird.
Rousseau erklärte, wir seien »frei geboren« und behauptete, wir hätten uns lediglich der Ketten zu entledigen, in die uns die gesellschaftliche Ordnung gelegt habe, um in den Genuss all unserer natürlich gegebenen Möglichkeiten zu gelangen. Obwohl die amerikanischen Konservativen dieser Idee mit Skepsis begegnet sind und in den radikalen 1960er Jahren gegen ihren zerstörerischen Einfluss Front gemacht haben, fühlen sie sich insgeheim doch von ihr angezogen. Sie sind die Erben der Pionier-Kultur. Ihr Ideal ist der auf sich selbst gestellte Unternehmer, der sich die ganze Last seiner geschäftlichen Vorhaben auf die eigenen Schultern lädt, während er uns verzagte andere in seinem Kielwasser mitschwimmen lässt. Ayn Rand hat diese Figur in seinem Romanwerk zu mythischer Größe überhöht, wobei ihr, auf weniger übertriebenes Maß gebracht, durchaus ein eigener Platz in der Geschichte Amerikas zukommt. Diese Geschichte allerdings verleitet einige Leute zu der irrigen Annahme, dass das freie Individuum im Zustand der Natur existiert und wir alle frei werden, sobald wir die Fesseln von Staat und Regierung abwerfen. Das Gegenteil ist der Fall.
Tatsächlich sind wir im Zustand der Natur gerade nicht frei; noch weniger sind wir mit Rechten und Pflichten begabte Individuen, die in der Lage wären, Verantwortung für ihr jeweiliges Leben zu übernehmen. Freiheit liegt in unserer Natur, weil Freiheit etwas ist, was wir im Verlauf unserer Entwicklung erwerben. Und diese Entwicklung hängt wiederum in jedem Augenblick von den Kontakten und Beziehungen ab, die uns mit einem ausgedehnteren Bereich der sozialen Mitwelt verbinden. Aber nur eine bestimmte Art sozialer Kontakte ermuntert Menschen dazu, sich selbst als Individuen wahrzunehmen, die durch ihre Rechte geschützt und durch gegenseitige Verpflichtungen aneinander gebunden sind. Und ebenfalls nur unter bestimmten Bedingungen sind die Mitglieder einer Gesellschaft nicht lediglich durch Grundbedürfnisse des Lebens aufeinander angewiesen, sondern vereint in freiem Einverständnis. Das menschliche Individuum ist, einfacher ausgedrückt, das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konstrukts. Und das Auftauchen des Individuums im Verlauf unserer Geschichte gehört zu den Dingen, die unsere Zivilisation von so vielen anderen unterscheidet, an denen die Menschheit sich versucht hat.2
So haben wir als Individuen mit einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber dem Regierungswesen doch ein noch tiefer verankertes Bedürfnis nach ihm, denn es ist ganz und gar eingebettet in unsere Gemeinschaftlichkeit. Wir entwickeln uns zu Individuen, weil unser soziales Miteinander darauf ausgerichtet ist, uns Gelegenheit zu einer solchen Entwicklung zu geben. Sobald sich aus einem ersten Impuls der Zuneigung heraus eine Person einer anderen in Freundschaft verbindet, entsteht zwischen ihnen unmittelbar eine Beziehung gegenseitiger Verantwortung. Sie machen einander Versprechungen und ihre Bindung entfaltet sich in einem Netz gemeinsam eingegangener Verpflichtungen. Wenn einer den anderen verletzt, wird seine Verantwortlichkeit »angemahnt«, und die Beziehung liegt so lange im Argen, bis eine Entschuldigung angeboten wird. Beide planen gemeinsam, teilen Ansichten und Hoffnungen, Erfolge und Niederlagen. Aus allem, was sie unternehmen, erwächst ihnen Verantwortlichkeit. Wo aber eine solche Beziehung gegenseitiger Verantwortung nicht verwirklicht wird, entwickelt sich anstelle des freundschaftliche Miteinanders eine Form der Ausbeutung.
Überall auf der Welt finden sich Beispiele für politische Systeme, in denen sich eine grundsätzliche gegenseitige Verantwortlichkeit entweder nicht entwickelt hat, oder sie im einseitigen Interesse bestimmter Familien, Parteien, Ideologien oder Volksgruppen umgedeutet wurde. Nach dem sogenannten Arabischen Frühling sollten wir auf jeden Fall begriffen haben, dass die seinerzeit entmachteten Regierungen keinerlei Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Menschen gezeigt haben, denen sie doch eigentlich als Quelle ihrer Macht verpflichtet waren. Die Tyrannenregime des Mittleren Ostens haben eine Leere hinterlassen, denn es gab keine öffentlichen Ämter, kein Rechtswesen, keine sonstigen Gepflogenheiten und Traditionen, die das entscheidende Verantwortungsverhältnis hätten bewahren können, auf das sich echte Regierungskunst gründet – eine Regierungskunst, wie sie unserem Verständnis als Individuen entspricht. In den arabischen Tyrannenregimen existierte einzig eine von Familien und Stämmen und vermittels der Religion exekutierte Macht, in deren Vollzug den Belangen des bürgerlichen Individuums oder der Nation als ganzer keine Bedeutung zukam. Unter solchen Umständen öffnet die Entmachtung des einen Tyrannen sofort die Tür für den nächsten, die Gesellschaft insgesamt versinkt im Chaos, während ein paar Wildgewordene und Fanatiker ihre Stunde gekommen sehen.
Auch im alltäglichen Zusammenleben gehen Leute Beziehungen miteinander ein, ohne sich ihrer Verantwortung zu stellen. Damit sind sie gefangen in einem Spiel des Machtmissbrauchs. Sie bauen keine freiheitliche Beziehung miteinander auf, die jedem Beteiligten gleichermaßen Rechte und Pflichten gewährt, wodurch die Beziehung ein höheres Niveau erreichen und aus reiner Machtausübung ein wirkliches gemeinsames Interesse entstehen kann. Genau darum geht es Kant in seiner zweiten Formulierung des kategorischen Imperativs. Hier wird gefordert, jedem vernunftbegabten Wesen einen Selbstzweck zuzugestehen und es nicht bloß als Mittel zu einem Zweck zu behandeln – mit anderen Worten, all unsere Beziehungen sollen auf einem Netz von Rechten und Pflichten aufbauen. Freiheitliche Beziehungen sind nicht einfach Formen von Zuneigung: sie bezeigen einen Gehorsam, dem gemäß die jeweils andere Person Anspruch darauf hat, dass ihr Wille zur Kenntnis genommen wird. Ich verstehe Kant in dem Sinn, dass selbstbestimmte Individuen zugleich auch Gehorsam leistende Subjekte sind, die einander von »Ich« zu »Ich« gegenübertreten.
Es gibt andere Möglichkeiten, die grundsätzlichen Bedingungen unseres Menschseins zu beschreiben. Aber wir erkennen sie in allen menschlichen Lebensbereichen: in der Familie, in Arbeits- oder Interessengruppen, im Gemeinwesen, in der Schule und am Arbeitsplatz. Menschen werden zu freien Individuen, indem sie lernen, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Und das wiederum tun sie, indem sie zu anderen Menschen Beziehungen von Subjekt zu Subjekt unterhalten. Die freien Individuen, auf die sich die Gründerväter bezogen, waren frei nur deshalb, weil sie im Rahmen gesellschaftlicher Bedingtheit die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen konnten. Sie gestanden einander Rechte und Privilegien zu, was eine Art moralischer Gleichrangigkeit zwischen ihnen etablierte.
Mit anderen Worten: Regierungswesen und Freiheit haben unserer Tradition gemäß denselben Ursprung in unserer inneren Bereitschaft, einander für unsere Handlungen zur Verantwortung zu ziehen. Es kann sich keine freie Gesellschaft entwickeln, wenn nicht dieser inneren Bereitschaft folgend gehandelt wird. Jene Freiheitlichkeit, die Amerikaner zu Recht als kostbares Erbe hoch-halten, ist ganz einfach das Gegenstück zu der Selbstverständlichkeit, mit der sie gewohnt sind, sich ihrer grundsätzlichen Verantwortung gegenüber anderen zu stellen. Werden Amerikaner vor Ort mit einer Notsituation konfrontiert, tun sie sich mit ihren Nachbarn zusammen, um Abhilfe zu schaffen, während Europäer hilflos abwarten, bis endlich die Diener des Staates auf der Bildfläche erscheinen. Solche Dinge haben wir vor Augen, wenn wir von Amerika als dem »Land der Freien« sprechen. Das bedeutet nicht, dass eine Regierung überflüssig geworden wäre, sondern, dass es hier diese bestimmte Art von Regierung gibt, wie sie sich ganz unmittelbar unter verantwortungsbewussten Individuen entwickelt.
Eine solche Regierung wird nicht von außen aufgezwungen: sie entsteht vielmehr aus dem Innern eines Gemeinwesens heraus, als Ausdruck der Gefühlsbindungen und Interessen, von denen es zusammengehalten wird. Dabei muss nicht unbedingt alles und jedes zu gemeinsamer Abstimmung gebracht werden, aber die teilhabenden Individuen genießen Respekt, wie zugleich anerkannt wird, dass die Autorität des Staatsoberhauptes vom Einverständnis der Leute abhängig ist, sich von ihm regieren zu lassen. Aus eben diesem Grund haben sich die Gemeinwesen der amerikanischen Pioniers-Zeit sehr schnell Regeln und Gesetze gegeben, haben Klubs, Schulen, Einsatzkommandos und Ausschüsse ins Leben gerufen, um so gemeinsam zu bewältigen, was im Alleingang nicht zu schaffen war. Dieser Gemeinschaftssinn, von dem Tocqueville sich so beeindruckt zeigte, war weniger Ausdruck von Freiheitlichkeit als von der instinktiven Hinwendung zu einem Regierungswesen, das eine von allen akzeptierte Ordnung vorgibt, in der sich die Verantwortlichkeit seiner Bürger eingeschrieben und bestärkt findet.
Wenn Konservative über die Regierung schimpfen, erscheint sie ihnen als etwas von außen, gleichsam wie von einer Eroberungsmacht Aufgezwungenes. Regierungen dieser Art konnten in Europa unter dem Kommunismus gedeihen und Vergleichbares wiederholt sich heutzutage in der Europäischen Union. Angesichts dessen kann es naheliegend erscheinen, in Amerika die Entwicklung ähnlich schädlicher Auswüchse zu befürchten, als Resultat einer liberalen Politik, die das amerikanische Volk nach Maßgabe moralischer Vorstellungen gängelt, die ihm in gewisser Weise wesensfremd sind. Das zu glauben wäre allerdings ein großer Fehler – ein Fehler, der von sehr vielen Konservativen begangen wird – weshalb es an der Zeit ist, vor ihm zu warnen.
Die Entwicklung, die zur Bildung einer Regierung führt, beginnt in kleineren Gemeinwesen als Lösungsversuch angesichts zunehmender Koordinationsprobleme. Zunächst entstehen Regeln, die nicht notwendigerweise von einer zentralen Autorität vorgegeben werden. Vielmehr verständigt man sich spontan auf sie – wie zum Beispiel auf die Konventionen des guten Benehmens. Niemand widerspricht dem örtlichen Richter oder Gesetzgeber, der den Leuten gegenüber als einer der ihren in der Verantwortung steht; oder einem örtlichen Planungsausschuss, der jedermann gleichermaßen einlädt, die eigene Meinung zu seinen Entscheidungen kund zu tun. Hayek und andere haben diese Formen »spontaner Ordnung« untersucht, wofür das common law [Fallrecht] – dieses großartige Gut, an dem wir Angelsachsen teilhaben – das vielleicht prägnanteste Beispiel darstellt. Ihre Ausführungen legen nahe, dass in dem Maße, wie eine Gesellschaft weiterwächst, sich über immer ausgedehntere Territorien ausbreitet und verschiedenste Lebens- und Arbeitsformen integriert, zunehmend Probleme mit der Koordinierung auftreten. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ein gegenseitiges Übereinkommen nicht mehr von unten, durch die natürliche Bereitwilligkeit von Bürgern erreicht werden kann, den Wünschen und Vorhaben ihrer Nachbarn Rechnung zu tragen. Es entsteht ein Koordinationsbedarf, der eine übergeordnete Regierung erforderlich macht. Sie erlässt Bestimmungen und Reglementierungen für das gesamte Gemeinwesen, und setzt sie durch mit Hilfe des von Weber so genannten »Gewaltmonopols« – anders gesagt durch ein System, das dem Recht Geltung verschafft und keinen Rivalen duldet.
So lassen sich die Bedingungen unseres Miteinanders zusammenfassen. Was nicht gleichbedeutend damit ist, alle Klagen über eine moderne Regierung für null und nichtig zu erklären, die sich zu sehr einmischt, die zu entschieden versucht, bestimmte, von zahlreichen Bürgern keineswegs begrüßte Verhaltensweisen, Meinungen und Werte durchzusetzen und die freien Unternehmen und Verbänden allzu eifrig Hindernisse in den Weg stellt. Aber all diese Dinge sind nicht einfach das Resultat ausgeübter Regierungsgewalt. Vielmehr sind sie Folgen der liberalen Geisteshaltung einer ernstzunehmenden und mächtigen Elite innerhalb der Nation. Aufgabe der Konservativen ist es, Kritik an denjenigen zu üben, die den Regierungsauftrag verfehlen und versuchen, ihn über die Grenzen hinaus auszuweiten, auf die alle anderen sich spontan zu einigen bereit sind. Konservatismus sollte als Verteidigung der Regierung verstanden werden, Verteidigung gegen ihren Missbrauch durch Liberale.
Dieses Anliegen hat Schaden genommen, weil viele Konservative nicht verstanden haben, worin die tatsächliche Bedeutung eines Wohlfahrtsstaates liegt. Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts wurde deutlich, dass gesellschaftlicher Handlungsbedarf in Bezug auf vieles entstanden war, worum die Politik sich bis dato nicht gekümmert hatte. Politiker begannen zu realisieren, dass sie etwas tun mussten, um sich weiterhin der Zustimmung derjenigen Mitglieder der Gesellschaft zu versichern, für die sich aus dieser Mitgliedschaft keine weiteren Vorteile ergaben. Sie verlangten nach einem Quid pro quo. Das wurde offensichtlich in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs, als man auf die Bereitschaft von Angehörigen aller gesellschaftlichen Klassen angewiesen war zu kämpfen und, wenn nötig, zu sterben. Weshalb aber sollten die Leute dazu bereit sein, wenn sie aus ihrer Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, in deren Dienst sie ihr Leben riskierten, keinen wirklichen Nutzen ziehen konnten? So fand der Grundsatz breite Akzeptanz, dass der Staat eine Verantwortung gegenüber seinen bedürftigeren Bürgern hat. Dieser Grundsatz entspricht im großen Maßstab der Überzeugung kleinerer Gemeinwesen, dass eine Gemeinschaft die Fürsorge für diejenigen ihrer Mitglieder übernehmen sollte, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen.
Die Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat war folglich das mehr oder weniger unvermeidliche Resultat in demokratischen Volksgemeinschaften unter Einfluss des totalen Krieges. Wenn der Wohlfahrtsstaat in jüngster Zeit Kontroversen hervorruft, dann nicht, weil er sich von einer natürlichen Auffassung von Regierungsverantwortung entfernt hätte. Es hat eher damit zu tun, dass er sich zu etwas ausgewachsen hat, das seine eigene Legitimität untergräbt. Wir kennen Beispiele aus Amerika und Europa, wie Wohlfahrtspolitik zur Entstehung einer sozial nicht funktionsfähigen Unterschicht beitragen kann. Von Generation zu Generation ausgehalten, ohne Arbeit und Verantwortung, geht den Leuten die Bereitschaft verloren, anderen gegenüber Rücksicht und Verantwortung zu üben, sie kehren der Freiheitlichkeit den Rücken und bleiben gefangen in pathologischem Sozialverhalten, wodurch der Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet wird.
Zu diesem Ergebnis, dem genauen Gegenteil des erwünschten, konnte es unter anderem auch aufgrund der links-liberalen Überzeugung kommen, dass nur die Bessergestellten Verantwortung tragen, weil nur sie wirkliche Freiheit genießen. Die Armen, Bedürftigen und Schutzlosen machen sich dieser Auffassung nach von Natur aus in keiner Weise schuldig, und nichts Schlechtes, das aus ihren Handlungen entsteht, kann ihnen wirklich zur Last gelegt werden. Sie sind nicht verantwortlich für ihre Leben, weil niemand sie dazu »ermächtigt« hat, Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortung für ihr Wohl und Wehe liegt beim Staat. Dabei fragt sich allerdings, was weiter der Staat noch unternehmen sollte, um Schäden zu beheben, die zum Teil auf zu viel staatliche Gutmütigkeit zurückzuführen sind.
Aber in dieser Sicht der Dinge zeigt sich eine falsche Auffassung von Staat und Regierung. Die Verpflichtungen, denen der Staat nachkommt, wurzeln in der Verantwortlichkeit der Bürger. Wenn Regierungen eine Klasse schaffen, die sich dieser Verantwortlichkeit nicht stellt, überschreiten sie die Grenzen ihres Regierungsauftrags, indem sie eine Beziehung untergraben, von der ihre Legitimität abhängt.
Die links-liberale Geisteshaltung hat derart zu einem Verständnis von Staat und Regierung geführt, das Konservative mit tiefem Misstrauen betrachten. Nach linksliberaler Weltsicht – die in der Philosophie von John Rawls gebieterischen Ausdruck findet – existiert der Staat, um zu verteilen, was in der Gesellschaft produziert wird. Die Reichen sind nicht wirklich reich, weil ihnen all die guten Sachen nicht wirklich gehören. Güter sind, nach links-liberaler Auffassung, solange kein Eigentum, wie sie nicht verteilt worden sind. Und der Staat verteilt nach dem Prinzip von »Recht und Anstand«, wobei in keiner Weise unser moralisches Erbe der freien Übereinkünfte berücksichtigt wird, noch welcher moralische Einfluss von einer Unterschicht ausgeht, die von Staats wegen ins Abseits befördert wird.
Die Kunst des Regierens besteht für Links-Liberale darin, die Güter, auf die alle Bürger Anspruch haben, zunächst in Beschlag zu nehmen, um sie anschließend umzuverteilen. Unter diesen Umständen ist eine Regierung nicht mehr Ausdruck jener Vorform sozialer Ordnung, die geprägt wurde durch gegenseitige, freie Übereinkünfte und unsere natürliche Veranlagung, uns als Nachbarn gegenseitig zur Verantwortung zu ziehen. Die Regierung schafft und verwaltet vielmehr eine soziale Ordnung, die auf die herrschende Doktrin von »Recht und Anstand« zugeschnitten ist und von den Regierenden oben den Leuten unten in einer Reihe von Verfügungen aufgedrückt wurde. Wo immer sich ein solcher Stil durchsetzt, weitet der Staat seine Macht aus, während er im Innern an Autorität verliert. Er entwickelt sich zum »market state« [Markt-Staat], wie Philip Bobbitt ihn genannt hat, der seinen Bürgern als Gegenleistung für ihre Steuern ein Geschäft anbietet, und dafür nicht mehr an Regierungstreue oder Gehorsam einfordert, als mit Abschluss des Geschäfts vereinbart wurde.3
Ein solcher Staat kann jedoch nicht weiterhin das Ethos einer Nation verkörpern, und er gebietet nur mehr über eine Loyalität, die in etwa der entspricht, wie sie ein durchschnittlicher Filialbetrieb gegenüber der Zentrale übt. So sind in den Sozialdemokratien Europas öffentliche Demonstrationen von Patriotismus, gemeinschaftlicher Staatstreue und Stolz auf das Land und seine Geschichte zu gelegentlichen, halbherzigen Aufwallungen verkümmert, und ihren Politikern wird zunehmend mit Sarkasmus und Geringschätzung begegnet. Staat und Regierung gehören nicht mehr zu uns, sondern zu denen – zu jener anonymen Bürokratie, auf die wir dennoch alle zur Sicherung unseres leiblichen Wohls angewiesen sind.
Dieser Wandel in der Phänomenologie des Staats- und Regierungswesens ist bemerkenswert. In Amerika hat er sich allerdings noch nicht zur Gänze vollzogen. Normalen Amerikanern gelingt es weiterhin, ihre Regierung als Ausdruck einer nationalen Einheit zu sehen. Sie sind stolz auf ihre Flagge, ihr Militär, ihre nationalen Feierlichkeiten und Symbole. Sie suchen nach Möglichkeiten, in die gemeinsame amerikanische Sache »einzusteigen«, indem sie Zeit, Geld und Energie in ihre örtlichen Klubs und Vereine investieren. Sie fordern Eigentümerschaft an ihrem Land und wollen es mit ihren Nachbarn teilen. Sie lassen von Auseinandersetzungen ab, um sich stattdessen von Neuem eines gemeinsamen sozialen und politischen Erbes zu versichern, und sie begegnen den Institutionen des Staates weiterhin mit Respekt. Sie glauben, dass der Präsident in entscheidenden Angelegenheiten nicht Repräsentant einer Partei oder Ideologie ist, sondern Repräsentant der Nation – das heißt, von uns allen, die wir teilhaben an der spontanen Ordnung, die uns in diesem Land zusammengeschlossen hat.
Durchschnittliche Amerikaner haben, anders gesagt, eine Vorstellung von Staat und Regierung, die nicht nur natürlich ist, sondern in Gegensatz steht zur links-liberalen Auffassung vom Staat als einer Umverteilungsmaschine. Wenn sie gegen letzteres angehen, sollten die Konservativen klar machen, dass sie damit gleichzeitig für die Rückbesinnung auf eine tatsächlich und natürlich gegebene Alternative eintreten. Sie verteidigen die Regierung als symbolischen und autoritativen Ausdruck unserer tief empfundenen gegenseitigen Verantwortlichkeit.
Das heißt keineswegs, dass die Konservativen Parteigänger der libertären Idee des Minimal-Staates sind. Das Wachstum der modernen Gesellschaften hat soziale Bedürfnisse geschaffen, denen mit der vormaligen Organisationsform freier Zusammenschlüsse nicht mehr entsprochen werden kann. Aber eine sinnvolle Reaktion darauf untersagt dem Staat nicht von vornherein jeden Eingriff in Sachen Wohlfahrt, Gesundheitsschutz, Ausbildung und sonstiger Bereiche, vielmehr lässt sie seine Mitwirkung bis zu dem Punkt zu, von dem aus die Bürger in eigenen Initiativen wieder die Führung übernehmen können. Konservative wollen eine Gesellschaft, in der die Öffentlichkeit einen gemeinsamen Elan teilt. Allerdings wird sich ein solcher, von allen geteilter Elan nur unter Menschen entwickeln, die die Freiheit haben, ihm gemäß zu handeln und sich an den Früchten ihres Handelns zu freuen. In diesem Elan zeigt sich ein persönlicher Unternehmungsgeist, dem der Garaus gemacht wird, sobald der Staat das Heft in die Hand nimmt. Das ist der Grund, weshalb es in Europa so gut wie keine privaten Wohltätigkeitsinitiativen mehr gibt. Sie gedeihen nur noch im angelsächsischen Kulturraum, wo das common law die Bürger daran erinnert, dass sie für die Freiheit, die sie genießen, anderen gegenüber in der Verantwortung stehen.
Die Konservativen haben also die Aufgabe, den wahren Zuständigkeitsbereich von Staat und Regierung abzustecken und die Grenzen zu bezeichnen, über die hinaus jede Aktivität des Staates zu einem Übergriff auf die Freiheit der Bürger wird. Mir scheint allerdings, dass es ihnen nicht gelungen ist, der Wählerschaft diesbezüglich einen überzeugenden Entwurf anzubieten. Vermutlich weil sie selbst nicht begriffen haben, dass es nicht darum geht, sich von einem Regierungswesen zu befreien, sondern um eine andere und bessere Art des Regierens, in der all das aufgehoben ist, was wir unseren Nachbarn opfern, wenn wir uns mit ihnen zu einer Nation zusammenschließen.
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