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Robert von Lucius

DREI BALTISCHE WEGE

Litauen, Lettland, Estland –

zerrieben und auferstanden

mitteldeutscher verlag

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Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Fotografien:

© Dirk Bleyer (drei eingefügte Bildtafelteile, Umschlag)

© Robert von Lucius (im Textteil integrierte Bilder)

2., aktualisierte Nachauflage, 2012

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

1. digitale Auflag: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783954621576

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Kern, Schnittstelle, Brücke

Litauen

Großfürsten und Breitband

Vilnius – wie eine mehrmals überschriebene Handschrift

Großfürstenpalast – unten authentisch, oben Symbol

Klaipeda (Memel) – Stadt, Land, Meer

Kaunas – Von Teufeln und Engeln

Litauens Geburtsurkunde

Doppelbödige Schwermut in der Literatur

Litauischer Jazz – zündende Intensität

Lettland

Die fetten Jahre sind vorbei

Riga: Stolz, schön und zerbrechlich

Schloss des Lichts: Die Nationalbibliothek

Kaspar Hauser lebt: Das Goethe-Institut als Türöffner

Ohne Klagelieder: Leben in Riga

Kurland: Idylle im einstigen Sperrgebiet

Letzte Laute des Livischen

Münchhausiaden – der Lügenbaron in Livland

Zwei, drei, vier Oligarchen

Estland

Ein halbnordisches Erfolgsland

Zwei Gesellschaften: Jugendkult und E-Wahlen

Tallinn – Suche nach dem Weg zur See

Tartu/Dorpat – Studentenkorporationen als Keimzelle

Jeder Hundertste ist infiziert

Lennart Meri: Eine Renaissancegestalt als Gründungsvater

Vertrieben, deportiert, ermordet

Meisterwerke der Kunst

Musik als „größter Exportartikel“

Deutsche Wurzeln

Bürgerstolz

Lambsdorffs Heimkehr

Buch und Butter: Flucht in die westfälische Provinz

Mauritiuskopf am Revers: Die Schwarzenhäupter

Jüdische Spuren

Vilnius – Jerusalem des Nordens

Streit um Synagogen

Karäer

Langsame Heimkehr: Mark Rothko

Blutsonntag: Jüdische Massengräber

Künstler im Widerstand gegen Hammer und Sichel

Sängerfeste und die Singende Revolution

Niemals aufgeben – Jaan Kross

Welche Sünde? – Oper als Zeichen

Noch kein Grün – Vizma Belsevica

Ente, antisowjetisch – Rock in Litauen

Lasten der Vergangenheit

Symbole und Geschichtsdeutungen

Lettland – wachsendes Selbstbewusstsein

Litauen – Energie als Waffe

Estland – Grenzen und Cyberterrorismus

Die Nachbarn

Achse der Freiheit: Von Weißrussland bis Georgien

Forum Neuer Demokratien

Der Weg nach Brüssel

Blick nach Washington

Bildteil

Quellenverzeichnis

Ebenfalls erhältlich

Kern, Schnittstelle, Brücke

Die drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen sind historisch und kulturell ein uralter Teil Kerneuropas und waren doch lange abgeschnürt. Wie kaum ein anderes Gebiet Mitteleuropas liegt das Baltikum an der Schnittstelle zwischen West und Ost, diente als Brücke für Handel und Kultur, wurde aber auch zwischen den Großmächten zerrieben. Dennoch bewahrte es ­seine innere Eigenständigkeit, der die äußere Unabhängigkeit in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts spät und kurz folgte. Nach fünf Jahrzehnten der Besetzung – kurz durch das Deutsche Reich, länger durch die Sowjetunion – sind Lettland, Litauen und Estland seit 1991 wieder frei und unabhängig.

Wer heute erstmals nach Tallinn (Reval), Riga oder Vilnius (Wilna) kommt, wird es kaum glauben können: Vor zwei Jahrzehnten standen dort russische Panzer – Estland, Lettland und ­Litauen waren Sowjetrepubliken. Heute steht ein Designer-Laden mit den bekannten westlichen Modemarken neben dem anderen. Im Jahr 2011 war Tallinn Kulturhauptstadt Europas, zwei Jahre zuvor führte Vilnius diesen Titel. Die drei Länder erzielten in den ersten fünf Jahren nach ihrem Beitritt zur Europäischen Union und zur Nato 2004 mit jeweils zwischen neun und zehn Prozent das ­höchste Wirtschaftswachstum innerhalb der EU und beklagten sich über bürokratische Regelungen aus Brüssel, die den freien Markt behindern. Ihre einfachen Steuerregeln fanden Anhänger und Neider in Westeuropa. Alle drei Länder begannen als Agrarstaaten. Sie wurden rasch Dienstleistungsgesellschaften – Estland für die Informationstechnologie, Lettland und Litauen für ­Energie und Transport. In kaum einem anderen Land der EU spielen Computer, Internet und Mobilfunk eine solch herausragende Rolle wie in Estland. Als erstes Land der Welt konnten die Bürger dort vom heimischen Computer aus über das Internet wählen statt in der Wahlkabine. Dann kam die Krise, ebenso wie zuvor der Aufschwung, stärker als anderswo. Die Esten waren die Ersten in der Region, die sie überwanden – beschleunigt durch den Anstoß, den die Euro-Einführung zum Jahresbeginn 2011 ihnen gab.

Wirtschaftlich haben sich die drei Nachbarn der Marktwirtschaft zugewandt, auch wenn es Rückschläge gibt und viele Veränderungen nur schleppend vorankommen. Dies gilt für die Privatisierung, die ausufernde Korruption oder den Versuch, eine überalterte und träge Bürokratie und Justiz auszuwechseln mit neuem Denken, neuen Regeln und neuen Menschen. Überall sind junge Gesichter zu sehen, Menschen, die erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion studierten. Minister, Abteilungsleiter, Generaldirektoren, Marinebefehlshaber: Viele sind um die dreißig Jahre alt, kaum jemand ist über 40. Sie sehen sich als „Generation der Gewinner“. Anpassungsfähigkeit, rasches Handeln und hartes Arbeiten sind gefragt. So ist es kein Wunder, dass Estland zum Modell wurde (und gerne damit kokettiert), das in der Welt des Webs ideenreicher und weiter ist als die meisten „alten“ Länder der EU. Für die Boutiquen haben vorerst nur Besucher aus Russland Zeit. Diese aber geben dann so viel Geld aus, dass sich auch diese, meist leeren Luxusläden lohnen. Zumindest zum Feiern kommen junge Litauer, Letten und Esten selbst während der Woche. Restaurants und Diskos sind auch noch am frühen Morgen voll mit übermütigen „Jungen“.

Dieser Umbruch, den wohl nur wenige Gesellschaften so nachhaltig, gründlich und behände bewältigten, hat seinen Preis – wirtschaftlich, sozial und politisch. Viele fühlen sich ausgegrenzt. Sie wurden in den neuen Staaten des aufgeblähten Wirtschaftswunders leicht vergessen, auch von der neuen Elite, weil sie nicht ständig zu sehen sind. Alte Menschen, Landbewohner, die russischsprachigen Minderheiten werden vor allem in Estland und Lettland politisch und wirtschaftlich benachteiligt. Viele kommen nicht zurecht mit dem Wandel, der mit den Stichworten Marktwirtschaft, Nato und EU sowie Jugendkult nur äußerlich umschrieben wird. Alkoholismus und Rauschgiftsucht stiegen rapide – Litauen meldete die höchste Selbstmordrate Europas, Estland die höchste Aidsrate der EU. Dazu kamen Auswüchse wie Kinderprostitution oder der Beginn mafiaähnlicher Strukturen, die sich auf benachbarte Regionen wie Nordeuropa auswirkten.

Der verstorbene estnische Präsident Lennart Meri, „die große Gestalt des Baltikums“, warnte, dass man sich nach dem Erreichen der großen politischen Ziele jenen zuwenden müsse, die sich vom wirtschaftlichen und politischen Wandel überrollt fühlten – in einer Gesellschaft, in der nicht alle in ihrem Denken und ihren Werten den kurzen Weg von einer Diktatur zu einem freien Staat mitgingen. Es gibt weitere Probleme. Dazu zählt die fehlende parteipolitische Stabilität. Während die drei Staatspräsidenten mehr oder minder anerkannt sind, wechseln die Regierungen häufig. In Lettland und im letzten Jahrzehnt in Litauen siegte bei fast jeder Wahl eine Partei, die erst kurz vorher gegründet worden war. Neunzehn Regierungen in Lettland in den neunzehn Jahren zwischen 1993 und 2012: Selbst das elektronische Lexikon Wikipedia kommt da bisweilen nicht nach und nannte in einem Beitrag gleich drei unterschiedliche Namen als aktuellen Regierungschef. Meist blieb die politische Grundrichtung gleich, bürgerlich-rechts mit liberalen und sozialdemokratischen Sprengseln und bisweilen garniert mit national-rechtskonservativen Tönen. Es gab in Litauen und Estland Ausnahmen bei Präsidenten oder Ministerpräsidenten mit Wurzeln in der Vergangenheit, altersmäßig wie auch ideologisch. Sie spielten eine wichtige Rolle bei der Loslösung von Moskau und der Erneuerung und galten als Garanten, dass ihre Politik sozialverträglicher ist als bisweilen die der „Jungen“. Bei jenen führte die politische Dynamik dazu, dass Regierende mit geringer Erfahrung an die Macht kamen, denen Sachkunde oder Sensibilität fehlten. Das galt und gilt vor allem für Lettland – nicht nur geografisch der mittlere und mittelgroße der drei baltischen Staaten, sondern auch in Kultur, Sprache und Religion Bindeglied zwischen Estland und Litauen und damit „des Baltikums“. Zudem ist Riga, einst eine der großen Städte der Ostsee-Geschichte, die einzige echte Metropole der Region.

Auch wenn es im Politischen immer wieder kriselt: Wirtschaftlich boomten zunächst die drei Nachbarn, die nach Landfläche zusammen halb so groß sind wie Deutschland, mit zusammen 6,9 Millionen Menschen aber noch nicht einmal ein Zehntel von dessen Bevölkerung besitzen. Begünstigt wurde der Aufschwung durch ein hohes Ausbildungsniveau, eine solide Infrastruktur, stabile Währungen, einen hohen Anteil der Privatindustrie, niedrige Kosten. Die nordischen Staaten übernahmen die Rolle des Marktführers bei Investitionen und teils beim Handel: Dänemark in Litauen (Lietuava), Finnland in Estland (Eesti), Schweden in Lettland (Latvija). Bis zum Einbruch des Außenhandels 2009 war für Lettland Deutschland Handelspartner Nummer eins, es wurde mittlerweile aber überholt von Litauen und Russland. Dazu kam eine hohe Arbeitslosigkeit, die immer mehr Jugendliche und Tatkräftige in das Ausland trieb, und eine hohe Verschuldung von Privatpersonen. Die globale Finanzkrise traf die baltischen Länder stärker als andere – der Abschwung wurde ebenso rasant in Zahlen wie in seinen Auswirkungen wie zuvor das Wachstum.

In allem Auf und Ab pflegen und ehren die Balten ihr historisches Erbe und die Bindungen zu Deutschland. Nicht ohne Grund gilt Riga als Jugendstil-Hauptstadt Europas. In Tallinn, die Innenstadt ist wie Vilnius und Riga ein Weltkulturerbe, stößt der Besucher auf mehr hansische spitzgiebelige Backsteinarchitektur als in fast jeder norddeutschen Stadt außer vielleicht in Lübeck. Als erstes Land Mitteleuropas rief Estland Deutschbalten auf, in ihre alte Heimat zurückzukehren, sie seien hochwillkommen. Der frühere litauische Präsident Valdas Adamkus verhinderte 2008 den Vorschlag von Abgeordneten, von Deutschland eine Entschädigung für Kriegszerstörungen zu verlangen – gegenüber Russland aber bleibt ­diese Forderung, weil Moskau sich nicht zu seiner ­Vergangenheit bekenne. Nicht wenige der Deutschbalten, die im Mittelalter nach Livland oder Kurland einwanderten, kamen aus der norddeutschen Tiefebene. Mal gehörte der nördliche Teil des Baltikums zum schwedischen Königreich, dann wurde es ein halbautonomer Teil des russischen Zarenreichs. Über viele Jahrhunderte wechselnder Herrschaft hinweg aber war die weitaus engste Bindung die zu Norddeutschland. Die Umgangssprache der Kaufleute, Handwerker, Juristen war deutsch. Seit 1693 galt in Reval das lübische Stadtrecht – erst 1877 wurde es durch die russische Gemeindeordnung abgelöst.

Besonders in Deutschland spricht man gerne verallgemeinernd vom Baltikum. Deren drei Länder unterscheiden sich aber in Sprache, Konfession und Selbstverständnis grundlegend voneinander. Zur baltischen Sprachgruppe zählen Lettisch und Litauisch. Litauisch ist die ursprünglichste überlebende indogermanische Sprache. Estnisch dagegen ist eine finno-ugrische Sprache und dem Finnischen nahe. Estland und Lettland sind, soweit Religion die sowjetischen Jahrzehnte überlebte, evangelisch-lutherisch und ihre starken russischen Minderheiten russisch-orthodox, die Mehrheit aber Atheisten. Litauer dagegen sind fast durchgehend katholisch. Tallinn und Riga sind architektonisch von den Hansejahren und der Backsteingotik geprägt, Vilnius ist barock und auch kulturell aus Polen beeinflusst. Estland fühlt sich Finnland und dem Norden zugewandt; bisweilen debattieren Esten darüber, ob sie baltisch oder nordisch sind, wem ihre erste Loyalität gelte. Litauen dagegen interessiert sich bisweilen mehr für Polen und seine südlichen Nachbarn als für Lettland und Estland. So ist Vilnius neben Polen Basis und Nährgrund für die friedliche Opposition in Weißrussland und den Kaukasus-Staaten. Allen drei eigen ist trotz Jahrhunderten der Fremdherrschaft ein ungewöhnliches und über Generationen hinweg bewahrtes und weiter getragenes Gefühl der Selbständigkeit, der Selbstbehauptung. Wer auch immer versuchte, es zu zerreiben und zu zerstören – alle drei sind wiederauferstanden. Trotz aller gemeinsamen Wurzeln, der politisch motivierten regionalen Zusammenarbeit und des der Region vorgegebenen Außenbildes kann man leicht provozierend, aber nicht falsch sagen: „Das Baltikum“ gibt es gar nicht.

In ihrer geostrategischen Rolle aber sind sich die drei baltischen Staaten nahe. Das ist ein Grund, weshalb Moskau, Washington, Stockholm und Berlin so viel Aufmerksamkeit drei Ländern mit zusammen noch nicht einmal sieben Millionen Bewohnern zuwenden. Russland ist sicherheitspolitisch besorgt, die Nato so nahe an seiner Grenze zu wissen, nur wenige Dutzend Kilometer entfernt von seiner zweitgrößten Stadt Sankt Petersburg. Dazu kommt eine emotionale Belastung: Dies sind die ersten ehemaligen Sowjetrepubliken, die Teil der Nato wurden. Noch unlängst war Jurmala bei Riga für die sowjetische Elite als Sommerfrische ein bevorzugter Badeort, jetzt kommen wieder Russen der Oberschicht – gar nicht weit entfernt stehen aber Kampfflugzeuge der Nato.

Balten empfinden die Nato, stärker noch als die EU, als Schutzschild, das verhindert, dass ihnen das Gleiche geschieht wie 1939. Damals einigten sich Moskau und Berlin im August in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Ribbentrop-Molotow-Pakt (bekannt als Hitler-Stalin-Pakt) über eine Interessenaufteilung des Baltikums, Polens und Finnlands und gaben damit deren Unabhängigkeit preis. Hitler ließ sich das Memelland und den Westen Polens zusichern, Stalin Ostpolen, Finnland und die baltischen Länder. Das ist weiterhin ein nationales Trauma. In den Jahren des Widerstands und Exils wie auch in den Neunzigern stellte sich Washington kraftvoller hinter das baltische Unabhängigkeitsstreben und den Nato-Beitritt als zögerliche Regierungen in London, Berlin und Paris, die auf Moskau Rücksicht nehmen zu müssen glaubten. Daher fühlen sich die baltischen Länder sicherheitspolitisch bisweilen Washington näher verbunden als ihren westeuropäischen Verbündeten – ähnlich wie andere Staaten Mitteleuropas wie Ungarn, Polen und die Tschechische Republik.

Welche Bedeutung die baltischen Länder für den Westen und auch für die Vereinigten Staaten haben, erläuterte der damalige Präsident George Bush im Mai 2005 zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes in Riga: Er sehe Lettland, Litauen und Estland als „unglaublich wichtige Symbole“ dafür, was Freiheit in Europa bedeute und in der Welt. Sie hätten einen der dramatischsten Umbrüche der neueren Geschichte erlebt – und mitgestaltet – und seien in gut einem Jahrzehnt von gefangenen zu freien Nationen geworden. Dabei gab er sich selbstkritisch im Blick auf die damalige Politik Washingtons und Londons: Im Abkommen mit Stalin in Jalta habe das Streben nach Stabilität die Freiheit verdrängt. Wenn große Mächte verhandelten, litten oft kleine Länder. Die „Gefangennahme“ von Millionen Menschen in Mittel- und Osteuropa bleibe einer der großen Fehler der Geschichte. Symbolträchtig war der Ort dieser Rede von Bush: im Saal der Gilde, der an die wechselvolle Verbindung Rigas mit der Hanse und mit Deutschland erinnerte. An der Wand waren Bilder von Lübeck und Bremen sowie in gotischer Schrift deutsche Weisheiten wie der Spruch „Wer seines Feindes gutes thut / Der zeigt von größter Edelmuth“.

Nicht diese alte Weisheit prägt die Haltung der baltischen Länder zu Moskau, sondern die Erfahrung der vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst kamen die Russen (davor siedelten unter Druck die meisten Deutschbalten nach Westen um); dann 1941 die Deutschen – Jahre, in denen die meisten Juden in Litauen und Lettland vernichtet wurden, dabei gab es Mithilfe der örtlichen Bevölkerung; und 1944 wieder die Russen. Da flohen jeweils um die 70 000, 80 000 Menschen aus Lettland, Estland, Litauen nach Westen. Andere gingen als Partisanen in die Wälder. In den Vierzigern und Fünfzigern wurde ein Großteil der lettischen und estnischen Elite nach Sibirien verschleppt und ermordet. Ihre Aufgaben übernahmen im Rahmen einer erzwungenen Russifizierung russische Soldaten und Beamte, die großteils nach 1991 blieben. Das freie Wort wurde ausgelöscht, Sprachen und Kultur wurden verdrängt. So erfuhren sie das Kriegsende, den 8. und 9. Mai, nicht nur als Tag der Befreiung, sondern auch als Tag einer neuen, diesmal noch längeren Diktatur. Der nicht nur historische Streit darum, ob dies nun Jahre der Besetzung waren – wie die Balten und die Westeuropäer empfinden, die Russen aber bestreiten –, verhindert einen gelassenen Umgang mit ihrem großen östlichen Nachbarn. Daraus wiederum erwuchs Streit auf vielen Ebenen – etwa um die Grenzen Estlands und Lettlands zu Russland, zeitweise die letzten Außengrenzen der EU, die nicht völkerrechtlich festgelegt waren. Moskau behauptet immer wieder, dass einem Teil der in Lettland und Estland lebenden Russen – sie stellen jeweils etwa ein Drittel der Bevölkerung – der Pass, das Wahlrecht, eine muttersprachliche Schulausbildung verwehrt werde. Riga und Tallinn halten dem entgegen, dass sie der Minderheit, die ihnen aufgezwungen wurde, weit entgegenkamen. Die baltische Position wird gestützt durch die EU, den Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Sie bestätigten, dass Lettland und Estland nicht nur alle völkerrechtlichen Verpflichtungen einhalten, sondern darüber hinausgehen.

Da Moskau nicht nur den Beitritt zur EU und Nato nicht verhindern konnte, sondern auch bei Versuchen innen- und kulturpolitischer miesmachender Einflussnahme scheiterte, wich es auf eine andere Vorgehensweise aus, die zugleich Westeuropa trifft: die Energie. Hier geht es um Warnungen der Gazprom, Teile der Gaslieferungen in die Ukraine, nach Weißrussland oder auch nach Westeuropa abzuschnüren, sowie um die Erdgaspipeline durch die Ostsee, die russisches Erdgas nach Deutschland bringen wird. Die baltischen Staaten fühlten sich bei den Vertragsverhandlungen und der Verlegung der Pipeline ausgegrenzt und hintergangen, auch von Deutschland. Erstere zielten vergeblich darauf, dass aus Gründen der Umwelt, der Kosten, der Sicherheitspolitik, die Leitung über ihr Gebiet geführt werde statt unter Wasser; oder zumindest, dass eine Stichleitung in die baltischen Länder auch sie mit Erdgas hätte versorgen können. Das ist nun Geschichte.

Neben dieser Erdgas-Pipeline-Strategie gibt es weitere Einflussversuche Moskaus, die sich auf die Lage in Riga und Vilnius ungut auswirken. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der baltischen Länder zählt seit jeher die Energie. In Litauen stand nicht nur das größte Kernkraftwerk Europas, das wegen Sicherheitsbedenken unter EU-Druck abgeschaltet wurde, sondern auch die größte Erdölraffinerie der Region. Sie hing ab von Öl und Erdgas aus Russland. Die Häfen in Lettland, Estland und Litauen spielten für den russischen Erdgas- und Erdölexport in den Westen eine zentrale Rolle und brachten Deviseneinkünfte. Der einzigen Raffinerie aber schnürte Russland die Versorgung ab. Die Häfen wurden geschwächt, indem Russland die Verladung seines Erdgases auf russische Häfen am Ende der Ostsee verlagerte, obwohl das kostenträchtiger und umweltpolitisch weit gefährlicher ist angesichts der Vereisung der Ostsee in langen Wintern und des kreuzenden Fährverkehrs zwischen Tallinn und Helsinki. Das lettische Ventspils, früher Windau, und das litauische Klaipeda, früher Memel, wurden abgeschnürt.

Moskau beließ es nicht bei dieser erpresserischen Erdgas- und Hafendiplomatie. Es nutzte und nutzt auch seinen Einfluss über seine Energielobby in Litauen und Lettland, ihr gefällige Politiker und Parteien zu beeinflussen und möglicherweise zu „kaufen“. So geraten Lettland und Litauen in den Geruch der Bestechlichkeit, was ihr Ansehen als verlässliche Partner schmälert. Es gibt kaum einen gewichtigen Fall von Korruption, in den nicht Gelder und Interessen aus dem östlichen Nachbarland einbezogen sind. Zum anderen wird die innenpolitische Lage in den baltischen Ländern durch diese Unterwanderungsversuche unstabiler. Bisher änderte das wenig an der Ausrichtung: Alle drei Länder sind Musterbeispiele der Marktwirtschaft und der Westorientierung und haben überwiegend bürgerlich-liberal-konservative Koalitionsregierungen. Das aber kann sich ändern. Litauen war zeitweise von populistischen Parteien geprägt; Lettland erlebt unziemlichen Einfluss sogenannter Oligarchen auf mehrere Parteien und damit auf die Regierung; Estland hat seit vielen Jahren eine beständigere Politik mit stabilen Regierungen. Die Jahre, in denen die baltischen Staaten Vorbild für viele waren und sich ungebrochen auf Europa stützten, liefen aus, vor allem dank des russischen Einflusses. Dieser kann über Lettland oder Litauen auch nach Brüssel Eingang finden.

Zwei Jahrzehnte lang sind Lettland und Estland nun freie Nationen und Litauen schon etwas länger. Unmittelbar nach dem später gescheiterten Putschversuch gegen den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow hatten Estland und Lettland ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Die Erklärung des estnischen Parlaments kam am Abend des 20. August 1991, die Lettlands am 21. August. Unter den Ersten, die die Unabhängigkeit diplomatisch anerkannten, war – nach Island – Deutschland, das wenige Tage später Botschafter in die drei baltischen Staaten sandte. Nachdem der russische Präsident Boris Jelzin Estland und Lettland am 24. August als unabhängige Staaten anerkannt hatte, folgte die Sowjetunion Anfang September.

Litauen war Vorreiter als das erste Land, das seine Unabhängigkeit wiederherstellte. Im Jonglieren zwischen Anpassung und ­Widerstand ging die wohlhabendste der früheren Sowjetrepu­bliken in den Jahren der Unterdrückung einen ehrenhaften Weg. In seiner Führung agierten auch vor 1990 eher als anderswo im sowjetischen Einflussbereich national eingestellte Politiker und weniger Anpasser und Karrieristen. Daher war die Loslösung von Moskau nach 1990 anfangs blutiger, dann aber klarer als in den anderen baltischen Staaten. So hat Russland zu Litauen nun ein spannungsfreieres Verhältnis als zu Lettland und Estland, zumal dort der Anteil Russischsprachiger in der Bevölkerung weit niedriger ist als in Lettland und Estland. Das Grundmisstrauen in den baltischen Staaten gegenüber Moskau aber blieb in Vilnius ebenso wie in Riga und Tallinn.

In den folgenden Beiträgen werden diese historischen, geostrategischen, kulturellen Momente angesprochen, die die baltischen Länder prägen. Teils sind das (aktualisierte oder ergänzte) Analysen oder Reportagen, die im letzten Jahrzehnt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen – der Autor war von 2001 an von Stockholm aus als Auslandskorrespondent häufig dort, auch nach seinem Wechsel nach Hannover. Dazu kommen zahlreiche verbindende und ergänzende Beiträge. Soweit es an einigen Stellen kurze Doppelungen gibt, soll das der Lesbarkeit und dem inneren Zusammen­hang dienen. Drei Bildteile des Berliner Fotografen Dirk Bleyer sollen die Anschaulichkeit stärken; die eingestreuten Fotos im Text stammen dagegen vom Autor.

Dabei geht es weniger um Tagespolitik oder wirtschaftliche Analysen denn um die Wandlungen von Kultur und Gesellschaft, um Selbstverständnis und Aufbruchstimmung. Bewusst wurde die Darstellungsweise eines Mosaiks beibehalten: Schilderungen einer Fahrt durch das alte Kurland und dessen Spuren aus der Sowjetzeit oder über Schriftsteller und Musiker, die in den Jahren der Besetzung Widerstand leisteten, geben Einblicke in eine Gesellschaft, die uns nahe ist und doch besonders. Wer diese bereist (oder sich „erliest“), wird sich, wie der Autor, dem Faszinosum wohl nur schwer entziehen können.

Litauen
Großfürsten und Breitband

Deutschbalten von Schrot und Korn sagen schon mal, Litauen sei ja eigentlich nicht ein baltisches Land. Wer in Vilnius Regale der Buchhandlungen durchstöbert oder Namen von Verlagen oder Firmen anschaut, hat aber das Gefühl, der Oberbegriff Baltisch werde in Litauen weit häufiger benutzt als in Lettland oder Estland. Richtig ist zumindest, dass Litauen, in dem ebenso viele Menschen leben wie in Lettland und Estland zusammen, sich von den beiden Nachbarn im Norden nach Geschichte, Konfession, Denkweise abhebt und in der politischen Ausrichtung: Estland nach Norden, Litauen nach Süden. Lettland, das sprachlich Litauen näher ist als Estland, liegt irgendwo dazwischen. Am weitesten voneinander entfernt nicht nur geografisch sind Estland und Litauen: Estland lebt mit seinem Jugendkult und der Ausrichtung auf neue Technologien von der Zukunft, Litauen zehrt mehr als es ihm gut tut von seiner glorreichen Vergangenheit, als in Vilnius im vierzehnten Jahrhundert mit den Großfürsten zeitweise die Herrscher des größten Staates Europas residierten. Die Unterscheidung gilt aber nur teils, sichtbar an den neuen Technologien. Kein anderer Staat Europas ist in der Dichte seiner Breitbandanbindung auf dem Lande weiter, nicht Estland und erst recht nicht Deutschland.

Litauen konnte die Wirtschaftskrise besser überstehen als Lettland und Estland. Es hatte als Einziger schon aus der Sowjetzeit eine breite industrielle Basis – der Anteil in der Industrie Beschäftigter lag bei dessen EU-Beitritt in Litauen höher als in Deutschland. Dennoch ist im Land mit den meisten Regentagen im Jahr in ­Europa das Gefühl der Schwermut und der Traurigkeit ausgeprägter als anderswo. Nirgends anders in der Welt ist die Selbstmordrate so hoch. Die durchschnittliche Lebenserwartung – bei Männern 61, bei Frauen 68 Jahre – ist niedriger als anderswo in Europa, und sie sinkt noch. Ein Psychiater berichtet, die Trunksucht sei stark, und sie breite sich vor allem in der Jugend aus. Dabei unterscheidet sich die Jugend in manchem von den Älteren. Sie richtet sich stärker auf westliches und eigenständiges Denken und an dessen Werten aus; ist toleranter gegenüber jenen, die anders denken oder leben; und wendet sich innerlich ab von der katholischen Kirche. Weinrestaurants ergänzen Bierkneipen, und traditionell rücksichtslose Autofahrer achten nun auf Fußgänger – sanfte Anpassungen sind überall spürbar. In der älteren Generation nahm die Unduldsamkeit, die Hetze gegen Minderheiten nach dem EU-Beitritt dagegen eher zu. Sichtbar nach außen werden aufstachelnde laute Redner, so einige populistische Abgeordnete. Andere melden sich wenig zu Wort, eher aus Resignation denn aus Feigheit3

Das geht einher mit einer Missachtung von Parteien, Politikern, dem Parlament, den Gerichten – eine Ausnahme ist nur die weit geachtete Präsidentin. Zum anderen kam, nach Jahren kreditfinanzierten Ausgabenrausches, ein Rückzug ins Private, in eine Datschen-Mentalität. Nur wenige beteiligen sich am öffentlichen Gespräch, die große Linie geht verloren. Stattdessen zieht man sich zurück ins Sommerhäuschen in den Kreis der Familie und Freunde. Die Zeit des Aufbruchs ist vorbei, als Jazz oder alternative Rockgruppen wie „Antis“ in den Jahren um die Wende 1990 herum Tausende anzogen und zum Symbol der Eigenständigkeit wurden. Basketball übernahm die Rolle des Einigenden. Wer während einer Basketballübertragung selbst auf Provinzliga in eine Kneipe kommt, wird vergeblich nach einem Gesicht suchen, das nicht den Fernsehschirm anstarrt. Eine vielleicht heilsame Erkenntnis aus der Krise ist jene, dass man als Litauer nicht (mehr) im Zentrum steht, wie so manche – beruhend auf vergangener Größe – zu glauben schienen.

Neben dem Rückzug in das Eigene und Enge gibt es eine zweite Tendenz, die Litauen seit mehr als einem Jahrhundert zu schaffen macht, die nun aber einen neuen und gefährlichen Schwung erlebt: die Auswanderung. Der Statistische Dienst der EU weist darauf hin, dass die Bevölkerung in keinem anderen Land der Union prozentual rascher sinke. Schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Litauen ein Auswandererland, meist gehen die Besten. Unter den großen Namen in Hollywood reichte das von Walter Matthau bis Charles Bronson, unter den Musikern vom Komponisten Aaron Copland über die Sänger Al Jolson, dem „ersten Superstar“, und Barbra Streisand bis zum Violinisten Jasha Heifetz. In klassischen Einwandererländern wie Südafrika tauchen immer wieder Nachkommen litauischer Einwanderer auf. Früher waren es häufig die Litvaks, jüdische Litauer, die bis 1940 eine starke Rolle spielten in Vilnius als „Jerusalem des Nordens“ und dem Zentrum jiddischer Geisteskultur. Heute sind es vor allem Akademiker – ein Fünftel der Bevölkerung soll seit 1990 ausgewandert sein, gesichert sind diese Zahlen nicht. Ärzte und Pflegepersonal werden umworben in Westeuropa. Die Zahl derjenigen, die Deutsch oder Englisch so lernen, dass es für eine Arbeit in Westeuropa reicht, steigt weiter. Neben dem niedrigen Lohnniveau – das Durchschnittseinkommen liegt unter dem Lettlands, die Kaufkraft indes ist höher – vertreibt sie das Gefühl, in Politik und Gesellschaft ändere sich allzu wenig, alles sei träge und schleppend. Entsprechend blutet ein relativ armes Land wie Litauen doppelt – es bezahlt die Universitätsausbildung (der Anteil akademisch Ausgebildeter in der Gesamtbevölkerung ist der zweithöchste in der EU), kann aber nicht mehr eine angemessene Gesundheitsversorgung bieten im staatlichen Sektor, in Polikliniken, obwohl da jüngst vieles in der Ausstattung verbessert und modernisiert wurde.

In der Wirtschaft beherrscht und verdrängt ein Thema alles andere, die Energie. Das gilt auch in politischen Gesprächen mit der Bundesregierung, die derzeit die „kleinen“ EU-Länder und vor allem die baltischen ernster nimmt und einbezieht als frühere deutsche Regierungen von Kohl bis Schröder. Bis zur von der EU aus Sicherheitsgründen geforderten Abschaltung der beiden Reaktoren des Kernkraftwerkes Ignalina lag der Anteil von Atomenergie am Gesamtverbrauch höher als in allen anderen EU-Ländern. Nun aber ist Litauen abhängig von Gasimporten aus Russland, und das behagt nicht. Gesprochen wird über den Bau eines neuen Kernkraftwerkes am gleichen Standort, über eine bessere Vernetzung der Strombrücke nach Westeuropa, über eine Gasverflüssigungsanlage an der Küste in Klaipeda, um andere Gaslieferanten einzubinden. Wichtig ist eine sichere und nicht überteuerte Energieversorgung nicht nur, um von Pressionen unabhängig zu werden, sondern auch für die einzelnen Haushalte. Da Wärmedämmung vernachlässigt wurde, liegt der Energieverbrauch von Litauern pro Person zwei bis dreimal so hoch wie im EU-Durchschnitt. Das gilt vor allem bei unrenovierten Plattenbauten und alten Häusern auf dem Lande. Bewohner berichten, für Heizung und Strom monatlich 500 bis 600 Euro zahlen zu müssen bei Monatseinkommen von vielleicht 800 Euro. So gibt es nur drei Möglichkeiten des wirtschaftlichen Überlebens – Schwarzmarkt, Nebenjobs und finanzielle Hilfen ausgewanderter Verwandter.


Nicht immer so besinnlich – Domplatz in Vilnius

Immer wieder sagt die Regierung zu, ihre Wirtschafts- und Energiepolitik zu ändern. Es geschieht aber wenig. Geschäftsleute beklagen „heiße Luft“. In einer Umfrage der Deutsch-Baltischen Handelskammer unter Unternehmen hält nur ein Fünftel das Regierungshandeln für zielführend und ausreichend; ein klarer und berechenbarer wirtschaftspolitischer Kurs fehle, die öffentliche Verwaltung sei ineffizient, Kriminalität und Korruption würden nur mangelhaft bekämpft.

Selten hat eine Regierung – 12 Kabinette gab es in 22 Jahren – lange genug Zeit, Grundlegendes zu ändern, Strukturreformen wie die Überschuldung der Sozialversicherung oder den Arbeitsmarkt anzugehen und umzusetzen. Anders als im bürgerlich-liberal geprägten Estland wechseln sich „linke“ und „rechte“, sozialdemokratische oder konservativ geführte Regierungen regelmäßig ab. In dem instabilen Parteiensystem gilt nur jeder Vierte als ein seiner Partei loyaler Stammwähler – in „alten Demokratien“ des Westens sind es drei Viertel. Dazwischen gab und gibt es häufiger als in den anderen beiden baltischen Ländern Populisten in der politischen Führung. Bei der Parlamentswahl Ende 2008 erhielt eine Partei von Unterhaltungskünstlern, Fernsehstars und anderen politisch Unerfahrenen auf Anhieb die meisten Stimmen und Abgeordnete in der Seimas, dem Parlament. Auch bei den beiden Parlamentswahlen davor erreichten Parteien eine hohe Stimmenzahl, die jeweils erst wenige Monate zuvor gegründet worden waren. Einmal brachte es ein Populist sogar zum Präsidenten – Rolandas Paksas wurde dann in einem Misstrauensvotum vom Parlament abgewählt, ein Novum in der Verfassungsgeschichte der EU-Länder. Verzweifelter Spaß in der Politik zu eigentlich ernster Zeit hat Tradition in Litauen. In den nachnapoleonischen Jahren, die Vilnius den nationalen, auch sprachlichen Aufbruch brachten, polnische Romantik und liberales Gedankengut (und das bislang letzte gemeinsame Vorgehen der drei verbundenen Völker der Litauer, Polen und Weißrussen), wurde die interessanteste Zeitung herausgegeben von der „Vereinigung der Tunichtgute“: Sie wollten „mit Lachen die verdorbenen Sitten bessern“.

Nicht nur der Populismus dient Daheimgebliebenen als Ventil für eine Flucht aus der Realität. Die vergangene Größe und das kulturelle Gedächtnis sind vielen Trost und Ansporn. Die Debatten um den Wiederaufbau des Palastes des Großfürsten erinnern an das Großfürstentum Litauen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und an das Goldene Zeitalter bis 1430. Das gilt auch für zahllose Veranstaltungen zur Schlacht von Tannenberg, als Litauer und Polen vor genau 600 Jahren den Deutschen Orden zurückschlugen und so die staatliche Unabhängigkeit sicherten. Gleich drei Nationaltage hat Litauen – je einen für das Mittelalter, für die Litauische Republik der Zwischenkriegsjahre 1918 bis 1940, und für die Zeit nach 1991. Litauen kann sich historisch auf eine starke Identität stützen. Es will nach den von Moskau geprägten Jahren des Sozialistischen Internationalismus und der Unterdrückung eigener Kultur und Sprache diese pflegen.

Außenpolitisch ist Litauen eigenständiger und selbstbewusster als andere „kleine Länder“. Das zeigt sich im Bestreben innerhalb und außerhalb der EU, freiheitssuchende Länder weiter südlich bis hin nach Armenien und Georgien zu stützen, vor allem den großen Nachbarn Weißrussland. Angeregt wird das geostrategische Denken nicht zuletzt durch das benachbarte Kaliningrad (Königsberg). Russland kann seine Exklave mit Wirtschaftsgütern, Energie und Militär beliefern über litauisches Gebiet – Absprachen beider Länder werden ohne Drohgebärden eingehalten. Ihre Vereinbarung fiel leichter, weil Litauens Beziehungen zu Russland dank einer geringeren russischen Minderheit und einem entspannteren Umgang mit Russen und Weißrussen auf seinem Gebiet besser waren und sind als jene der baltischen Nachbarn zum Kreml. Dabei fiel der Verlust der früheren Provinz Litauen dem Sowjetreich weit schwerer als jener Estlands und Lettlands: Mit Litauen schwand der kürzeste Zugang zum eisfreien Meer.

Ein stabilisierendes Element waren fast immer die Präsidenten – der Sozialdemokrat Algirdas Brazauskas, der konservative Valdas Adamkus und nun die frühere EU-Kommissarin Dalia Grybauskaitė. Gegen sie sprach bei der Wahl eigentlich alles, was sonst in der litauischen Politik gilt – sie ist eine Frau, unverheiratet, nicht kirchennah, eigenwillig und willensstark. Dennoch gilt sie als einigendes Band – vor allem, weil sie „aufräumt“. Sie drängt Minister oder Beamte, die sie als korrupt oder unfähig empfindet, durch öffentliche Kritik aus dem Amt. Alleine in ihrem ersten Amtsjahr verloren 16 Behördenleiter nach ihrem „Hinweis“ ihr Amt. Litauer lieben die eiserne Frau mit dem schwarzen Gürtel im Karate auch dafür. So überraschte nicht, dass der amerikanische Senator und frühere Präsidentschaftskandidat John McCain nach einem Treffen mit ihr in Vilnius sagte, sie habe das Format, sich um das Amt des amerikanischen Präsidenten zu bewerben. Gesetze, die unter Aufgeklärteren im Land und innerhalb der EU als zweifelhaft oder diskriminierend empfunden werden, unterzeichnet sie nicht. Ihre Worte sind klar – Vergangenheit sei Vergangenheit; oder: Jetzt gehe es ums Überleben. Dabei geht Grybauskaitė beim Bemühen, mit postsowjetischen Strukturen und Denken aufzuräumen, an die Grenze des ansonsten Präsidenten zustehenden Spielraums oder auch darüber hinaus.

Vilnius – wie eine mehrmals überschriebene Handschrift

Prag oder New York sei Vilnius nicht, „aber doch ganz interessant“. Der Leiter einer Staatsbehörde, die Investitionen nach Litauen ziehen soll, hätte in anderen Ländern vielleicht seine Heimat schnittiger und forscher angepriesen. Überzeugt hätte er damit aber vermutlich weniger als der Gesprächspartner, der nicht aufschneiden will. Das ist auch nicht die Art der Litauer. Aufgeregt und patriotisch werden sie nur, wenn der dreifache Europameister im Basketball gegen die Amerikaner siegt, selten genug, oder er 2011 erstmals seit 1939 die Europameisterschaft selber wieder ausrichtete. Dann sind die sonst beschaulichen Straßen bis spät nachts von gelb-grün-rot fahnenschwingenden Jugendlichen gesäumt im vermutlich einzigen Land, das dem Nationalspiel ein sechs Meter hohes Denkmal widmet, eingeweiht 2007 vom damaligen Präsidenten. Anders als andere Nationen des östlichen Mitteleuropa brauchen Litauer nicht zu protzen, weil sie wissen, wer sie sind, und vor allem, wer sie waren: im Mittelalter das Zentrum eines litauisch-polnischen Doppelreichs, das weite Teile Mitteleuropas beherrschte. Mehr als 200 Kirchen belegten den Beinamen „Rom des Nordens“. Und bis zum Zweiten Weltkrieg auch das geistige Zentrum des liberalen osteuropäischen Judentums, das „Jerusalem des Nordens“. Aus dieser Zeit ist viel übriggeblieben, nicht nur die barocke Bausubstanz der zum Weltkulturerbe ernannten Altstadt, die einst das jüdische Ghetto umfasste, sondern auch eine Geisteshaltung. Vielleicht auch, weil man insgeheim weiß, dass man anders als Reval oder Riga nicht einst von Kolonialherren aus dem Westen gegründet und ausgebaut wurde, sondern „authentisch“ von Litauern.

In Vilnius konzentriert sich kultureller Reichtum vom Jazz bis zur Bildhauerkunst. Letztere treibt bizarre Blüten – viele Litauer haben Sinn für das Absurde und Hintergründige – mit dem ersten Denkmal der Welt für den Rockmusiker Frank Zappa oder einem verschrotteten Stalin-Büsten gewidmeten Park. Da scheint der alte Stein noch fast unscheinbar, der einige Kilometer außerhalb von Vilnius steht an dem Ort, den das Französische Nationale Geographische Zentrum als den Mittelpunkt Europas berechnete. Vor einigen Jahren noch war er schwer zu finden, jetzt aber haben Litauer dem Fremdenverkehr ihren Tribut gezollt mit einer Säule, einer Imbissbude und mehrsprachigen Erläuterungsschildern. Darauf fehlt allerdings der Hinweis, dass auch andere Städte – etwa in der Slowakei und der Ukraine – diesen Anspruch erheben. Beispiele für dies Verspielte ist zum einen der Künstlerstadtteil Užupis, der sich zur unabhängigen Republik ernannte mit eigener Flagge und eigenem Präsidenten. Deren Verfassung legt in ihren 41 Punkten fest, jeder habe das Recht, faul zu sein oder eine Katze zu lieben. Zum anderen eben die Zappa-Statue auf einem vier Meter hohen Sockel. Zappa war der aufsässigen Halbjugend im ehemaligen Ostblock ein Vorbild, weil er sich gegen das „Establishment“ auflehnte. Dabei war der Rockmusiker nie in Vilnius, und seine angebliche Absicht, kurz vor seinem Tod hinzufahren, ist nicht belegt. Und der Bildhauer hatte sich vor seiner Zappa-Statue auf Büsten Lenins und andere Helden der Revolution konzentriert.

Die Feiern im Jahr 2009 zur ersten Nennung des Landesnamens tausend Jahre zuvor und zeitgleich als Kulturhauptstadt Europas litten ebenso unter Geldnot wie Gedankenspiele, ein „Vilnius Guggenheim Hermitage Museum“ zu errichten und dort Sammlungen zeitgenössischer Kunst zu zeigen, auch aus der Eremitage in Sankt Petersburg und dem New Yorker Guggenheim. Vilnius ist eine Stadt der Statuen und der Kirchen. Dazu zählt der vor 200 Jahren zerstörte, 2009 zur „Jahrtausendfeier“ Litauens symbolisch wiedereröffnete „Königliche Palast“ neben dem Dom. Die Grundlage zur Unabhängigkeit legte die Schlacht bei Tannenberg und Grunwald (Zalgiris auf Litauisch) 1410 zwischen Polen, Litauen und dem Deutschen Orden – in Deutschland eine historische Fußnote, in Vilnius Anlass einer Großausstellung.

Nicht ein Prachtbau, aber prachtvoll ist die St.-Anna-Kirche. Wie klein sie im Inneren ist – nicht einmal zwanzig Meter lang und neun Meter breit –, vermag nicht zu glauben, wer vor ihr steht: St. Anna wirkt gerade durch ihre Verspieltheit und Formenvielfalt. Weithin gilt sie als Meisterwerk spätgotischer Backsteingotik und als eine der schönsten Kirchenbauten Nordosteuropas. Als Napoleon in Vilnius war, soll er gesagt haben, er würde diese Kirche gerne auf seiner Handfläche nach Paris tragen. Ansonsten waren die Erinnerungen Napoleons an Vilnius weniger gut als die der Hauptstadtbewohner an ihn. Nach seinem Durchmarsch durch die Stadt auf dem Wege nach Moskau kam eine Phase liberaler Reformen – in der Sozialpolitik wie in der Kultur. Auf dem Rückmarsch der geschlagenen napoleonischen Armee dagegen litten Soldaten und sie begleitende Handwerker an Entbehrung, Hunger, Kälte. Erst vor wenigen Jahren wurde in einem Vorort von Vilnius entdeckt, dass dort um die 80 000 Menschen begraben wurden, eines der größten Massengräber der Napoleonzeit und wohl auch insgesamt. Mehrfach gingen von dieser Kirche historische Impulse aus, etwa die Reformation in Litauen oder 1987 die ersten Bewegungen zur neuerlichen Unabhängigkeit Litauens. Erstmals schriftlich erwähnt wurde St. Anna 1501 in einer Bulle Papst Alexanders VI. 33 eigens gebrannte Backsteinformen wählte der Baumeister, der später in Warschau, Danzig und Königsberg tätig war, vor fünf Jahrhunderten. Geschwungene hochstrebende Ziertürme, Erker und die hohen Fenster geben St. Anna eine seltene Leichtigkeit, einer der Höhepunkte im Stadtkern, den nicht nur die Touristenwerbung als „größte zusammenhängende und besterhaltene Altstadt Europas“ rühmt.

Vilnius ist multinational und multikulturell – 57 Prozent der gut eine halbe Million Bewohner sind Litauer, jeder Fünfte ist Pole. Russen stellen 14, Weißrussen vier Prozent – Deutsche gibt es wenige. Vorbehalte gegen Deutsche gibt es nicht, trotz der Jahre nationalsozialistischer Besetzung, als innerhalb von zwei Jahren viele Zehntausend Menschen, 90 Prozent der jüdischen Bewohner, und ein Teil des geistigen Erbes ausgelöscht wurden. Viele sprechen noch Deutsch, vor allem nahe der Ostsee und an den Grenzen zum alten Ostpreußen. In Vilnius gibt es eine deutschsprachige Online-Zeitung, einen deutschsprachigen evangelischen Gottesdienst und gleich mehrere deutschsprachige Stammtische, zudem die Deutsch-Baltische Handelskammer und das Goethe-Institut. In der Buchhandlung im Innenhof der traditionsreichen Universität stehen viele Dutzend ins Litauische übersetzte Werke deutscher Literatur, angefangen mit „Thomas Mannas“, der nahebei auf der Kurischen Nehrung seine Sommer schreibend verbrachte. Litauisch zu lernen ist nicht einfach für Besucher, die nur kurz bleiben wollen, trotz sprachlicher Nähe: Es ist die ursprünglichste überlebende indogermanische Sprache, nahe nicht nur dem Sanskrit, sondern auch dem Altpruzzischen (Altpreußischen).

Unter den baltischen Staaten ist Litauen der größte (und der einzige, in dem sich nicht fast alles auf die Hauptstadt konzen­triert). Er zieht die meisten Investitionen aus Deutschland an sich: Zahlen schwanken je nach Zählweise zwischen 900 und 1 200 Unternehmen mit deutscher Beteiligung, auch wenn einige Banken und Konzerne sich zurückzogen und ihre Anteile nordischen Gruppen verkauften. Neben den großen Investoren – in Gasvertrieb, Banken, Versicherung und Elektronik – stellen mittelständische Unternehmen Fahrräder her oder Autoteile, auch Holzhändler und Holzverarbeiter gibt es mehrere. Einige Deutsche sind Berater in Fabriken, Rechtsanwälte, Geschäftsführer von Diskotheken, Deutschlehrer oder Dozenten an den Hochschulen, oft junge und unternehmensfreudige Leute.

Nicht alles ist für Übergesiedelte einfach: Die Geltung der Krankenversicherung ist lückenhaft und das staatliche Krankenhauswesen noch von den Sowjetjahren geprägt, auch wenn sich vieles verbessert hat. Wer eine Operation oder eine schwierige Behandlung vor sich hat, tut gut daran, nach Deutschland zu fliegen oder dem Arzt als „Geschenk“ einen Umschlag mit einigen Scheinen zu geben, um Termine zu erhalten – viele Ärzte empfangen nur noch Privatpatienten. Eine vergleichende europäische Untersuchung befand, Litauen habe das am wenigsten „benutzerfreundliche“ Gesundheitssystem aller EU-Länder. In öffentlichen Krankenhäusern sind die ohnehin niedrigen Gehälter seit der Wirtschaftskrise mindestens zweimal gesenkt worden, Schwestern und Ärzte verlassen das Land. Zumindest die Mieten können sich viele Litauer ersparen: Meist gehören Häuser und Wohnungen den Bewohnern. Sie sind ebenso leicht zu kaufen wie zu mieten, zumal die Stadt mit 560 000 Menschen ständig Einwohner verliert. Für Unternehmer mit viel Handfertigung im Produktionsablauf ist Litauen dank niedriger Lohnkosten und Steuern ein günstiger Standort. In kaum einem anderen Land der EU dürften die Lebenshaltungskosten so niedrig sein. So kann man bei einem für westliche Verhältnisse niedrigen Gehalt gut leben, zumal das Angebot von Restaurants und Cafés ebenso breit wie gut ist. Mühsam und zeitraubend ist, nicht nur für Zugewanderte, die Bürokratie. Unerträglich wird es, wenn man mit dem Migrationsamt zu tun hat – manches scheint willkürlich.

Ganz die Lebendigkeit Rigas hat Vilnius nicht, die katholische Prägung und historische Nähe zum Nachbarn Polen hebt es ab von Lettland und Estland. Vilnius galt im Mittelalter als Hort der Toleranz, auch wenn davon in den letzten Jahrzehnten einiges eingebüßt wurde. Nach einer größeren Offenheit nach dem EU-Beitritt sinkt nun wieder die Toleranzschwelle gegenüber Minderheiten unter dem Einfluss populistischer Politiker. Medien greifen das bereitwillig auf. Manche genießen die Überschaubarkeit: Fast alles kann man im Stadtzentrum zu Fuß erlaufen. Zudem ist man innerhalb einer Stunde an einem See zum Angeln. Viele empfinden die Menschen als warmherzig, freundlich – sie nehmen einen Fremden rascher und herzlicher als anderswo auf. Der Familienzusammenhalt ist groß, sichtbar nicht zuletzt im Herbst, wenn junge Menschen aus der Stadt auf die Höfe heimkehren, um ihrer Familie bei der Ernte zu helfen. Hier findet man offenbar leichter als anderswo den Weg zur Natur und inneren Ruhe.

An der Prachtstraße Gedimino, die wie vieles andere aufwendig ausgebaut wurde, reihen sich Boutiquen mit großen italienischen oder französischen Luxusnamen auf. Viele sind leer, ihre Besitzer verdienen aber genug, wenn am Tag nur ein russischer Großkunde zu Besuch kommt. Stärker noch als Riga und Tallinn wächst Vilnius städtebaulich unaufhörlich. Auf der der Altstadt abgewandten Flussseite der Neris wird ein Hochhaus neben dem anderen gebaut, wo vor wenigen Jahren noch keines stand. Nicht nur das Bauwesen, die gesamte Wirtschaft wuchs in einem Tempo wie in wenigen anderen Ländern der EU – unter der Wirtschaftskrise litt dann aber wiederum die Bauwirtschaft am stärksten.

So gleitend und schwer zu fassen wie das Stadtbild ist das Selbstverständnis von Vilnius: Es ist weder ganz Osten noch ganz Westen, ein wenig Skandinavien, ein wenig mehr Polen, etwas russisch und eine Prise deutsch.

Großfürstenpalast – unten authentisch, oben Symbol

Unten im Keller werde alles authentisch sein, oben in den Museumsetagen aber symbolisch. Der Archäologe, der den Vornamen des Großfürsten Gediminas trägt, ist wie viele in Litauen Feuer und Flamme für den Wiederaufbau des Palastes der Großfürsten, der auch Königsschloss genannt wurde. Ein litauischer König hatte dort residiert und dann fast drei Jahrhunderte lang Großfürsten, die oft gleichzeitig Könige von Polen waren. Der Wiederaufbau – Gediminas bevorzugt als genauer Mensch den Begriff Atkūrimas, Wiederschöpfung – bewegt die Gemüter seit fünfzehn Jahren, stärker noch als etwa der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Die einen sehen hier den früheren und künftigen Mittelpunkt ihres Gemeinwesens, die anderen weisen auf die Wirtschafts­krise – bei knappen Mitteln sollten Steuergelder eher für sozialen Ausgleich eingesetzt werden. Für Besucher geöffnet werden soll das schon weitgehend fertiggestellte Schloss spätestens 2013, also deutlich vor dem Berliner Stadtschloss, obwohl die zeitlichen „Vorgaben“ – der Fall der Berliner Mauer und die Wiedererlangung der nationalen Souveränität Litauens – übereinstimmen und Litauen weit ärmer ist.


Fast wie neu – der Palast des Großfürsten

Gewiss ist nach dem Gang durch die Räume des Schlosses, dass es dann nicht nur der größte touristische Anziehungspunkt der Hauptstadt sein wird, sondern auch ein Ort der Besinnung für jene mit Sinn für Geschichte und einer Sehnsucht nach einstiger Größe. Von hier aus regierten die Schlossherren über das halbe Mitteleuropa. Litauen-Polen war damals das flächenmäßig größte Land Europas. Sie vermählten sich mit Prinzessinnen oder Prinzen aus Schweden, Österreich und auf Vermittlung des Papstes den italienischen Sforza (Herzog von Mailand), was dem Ausbau italienischen Glanz brachte. Sie sammelten hier kostbare Gobelins, Möbel, Bücher. Selbst jene Politiker, die in alljährlichem Ritual bei der Haushaltsdebatte im Parlament ein Auslaufen der Baumittel fordern, meinen das eigentlich nicht ernst – dies ist ein nationales Anliegen. Der Staat beginnt hier, sagt Gediminas. Der verstorbene frühere sozialdemokratische Präsident und Ministerpräsident Algirdas Brazauskas, Vorsitzender des Wiederaufbauausschusses, war ein glühender Verfechter des Baus. Er bedauerte, dass es Streit gebe – und weiterhin gibt – um den Palast. Er werde das Wissen um die Kultur des Landes bereichern und patriotische Gefühle wecken. Just vor diesen, einem romantisierenden Nationalismus, warnen wiederum Kritiker.

Wer den Schlossbau betrachtet, bekommt das Gefühl, diese kleine Nation gehe durchdachter und vor allem realistischer heran als Deutsche, die sich um den Aufbau ihrer Schlösser in Berlin oder Braunschweig streiten. Dreizehn Jahre lang von 1987 an suchten zunächst Archäologen im Boden. Sie fanden neben Mauerresten vom dreizehnten Jahrhundert an um die 300 000 Artefakte. Dann beschloss das Parlament 2000 den Aufbau, der zwei Jahre später begann. Auch Parteien und Politiker, die anfangs skeptisch waren, fühlten sich an diesen Beschluss gebunden. Ein Jahrzehnt später scheint das meiste bereit. Selbst leere Vitrinen stehen schon und sechs prachtvolle Kachelöfen mit Familienwappen oder Skulpturen. Wie beim übrigen Vorgehen nutzte man die Kacheln, die man bei den Grabungen fand, nur als Vorlage für eine originalgetreue Nachbildung durch Fachleute. Die Originale werden in den Vitrinen ausgestellt werden. Der Fliesenboden, die Holzdecken, die Leuchter wurden jeweils nachempfunden der Periode, die die Räume haben. Wer durch den Palast geht, durchschreitet Stilperioden, in denen er Wandlungen erfuhr, von der Spätgotik über die Renaissance – der Höhepunkt der Macht- und Prachtentfaltung – bis zum Frühbarock und dem nordeuropäischen Manierismus.


Für Besucher bereit – Kachelofen und Kandelaber im Palast

Die originalen Mauerreste im Keller bleiben, wie sie waren. Sie können umwandert oder nachts erleuchtet durch Glasfenster von oben betrachtet werden, etwa bei Konzerten im Innenhof mit seiner bemerkenswerten Akustik. Der Palast wird nicht nur ein Museum sein. Er bietet auch ein museumspädagogisches Zentrum, eine Halle für Konzerte oder Seminare, eine Bibliothek oder, schon jetzt, eine Szene für Kulturprojekte oder für mittelalterliche Musik. Musik hat Tradition im Schloss: 1636 fand hier die erste Opernaufführung im Lande statt. Zudem hoffen die Träger – anfangs ein privater Verein, der Spenden sammelte und die Politiker antrieb –, dass dort Präsidenten wichtige Staatsdokumente zeichnen oder Gäste empfangen. Die Präsidentin Dalia Grybauskaitė dringt auf einen raschen Bauabschluss – der Palast sei unerlässlich für die Zeit der litauischen EU-Präsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2013. Schon zur offiziellen und eher symbolischen Eröffnung 2009, als Vilnius Europäische Kulturhauptstadt war und ganz Litauen sein Millenniumsjubiläum feierte, kamen Staatschefs aus dem Norden und dem Osten Europas – wohl nicht oft dürften 15 Monarchen, Präsidenten und Regierungschefs zur Eröffnung eines unvollendeten Gebäudes kommen. Sie wurde auf den 6. Juli gelegt – den Jahrestag der Krönung von König Mindagaus im Jahr 1253, der als Gründer des ersten litauischen Staates gilt.

Die Großfürsten von Litauen, das Gediminiden-Jagiellonen-Geschlecht, regierten zeitweise gleichzeitig Polen. Die Erforscher der Wieder-Schöpfung suchten – da es wenige Abbildungen gibt vom Inneren des ursprünglichen Palasts – Bauvorbilder in anderen Schlössern und Burgen der Jagiellonen, vor allem in der polnischen Königsburg Wawel in Krakau. Polen und Litauen sind nicht nur durch die gemeinsame Dynastie und Geschichte verbunden, sondern auch durch den katholischen Glauben, den barocken Baustil, und durch ähnliche Traditionen. Beim Aufbau nutzten die Handwerker und Architekten polnische Hilfen und Erfahrungen auch beim den Bau erschwerenden Grundwasser, der Burgbereich war von zwei Flüssen umgeben. Absenken kann man es nicht, da der Palast teils auf Eichenpfählen steht, die das Grundwasser brauchen. Die Mauern mussten dem Vorbild angenähert dick ausschauen. So fügte man in das hohle Innere der Außenmauern Klimaanlagen ein und Leitungen.

Die Planer des Palastes orientierten sich an anderen Schlossrekonstruktionen. In wissenschaftlichen Konferenzen und mit wechselseitigen Besuchen beobachteten sie Vorhaben in Warschau und Königsberg, Dresden und München, in Italien und Ungarn. Die Planer des Berliner Stadtschlosses kamen nach Vilnius und interessierten sich für die Einbeziehung authentischer Elemente und die Verwendung von Originalstücken: Berlin wollte von Vilnius lernen. Die Zahl der Bücher zum Palast, zuletzt um die zehn jährlich, ist erstaunlich.

Der vierstöckige Palast ist Mittelpunkt eines ausgedehnten Komplexes, der den Dom, die Oberburg auf dem Hügel, das Nationalmuseum und andere Paläste einbezieht. Die Burg war vom vierzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert die wichtigste Residenz der Großfürsten, deren Namen viele Litauer als Vornamen tragen – Gediminas, Algirdas, Kazimieras (Kasimir), Žygimantas, Vytautas (Vytold). Mehrfach brannte der Palast ab oder wurde geplündert. Nach der Verwüstung durch russische Truppen 1661 wurde er nicht mehr renoviert, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts dann abgebrochen. Nun steht er „fast“ wieder. Vom Innenhof führt eine glasüberdachte Treppe ins unterirdische Foyer, von dem aus man in vier Richtungen gehen kann – zu den historischen Mauern, zu den „historischen“ Sälen, zu Ausstellungsräumen, in denen künftig Wechselausstellungen aus dem Ausland stattfinden sollen, und zur Konzerthalle, nachempfunden dem Theatersaal aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert. Auch hier wollen die Bauherren stets sichtbar machen, was authentisch ist und was Vision.

Klaipeda (Memel) – Stadt, Land, Meer

Als Napoleon 1807 Berlin besetzte, flohen Regierung und Königshof nach Memel und erklärten es zur provisorischen Hauptstadt des preußischen Königreiches. Dort hob Friedrich Wilhelm III. mit einem Edikt die Leibeigenschaft in Preußen auf und empfing zweimal den Zaren. Als Klaipeda als älteste Stadt Litauens seine Gründung vor 750 Jahren feierte, kamen neben vielen Zehntausend Litauern vier Präsidenten aus Ostsee-Anrainern – nicht aber die Staatschefs von Deutschland und Russland, jenen beiden Ländern, die im Memelland herrschten, bevor und nachdem Litauen die Hafenstadt und das Memelland 1923 übernahm. Schon zwei Jahre nach der Gründung der Burg und der Stadt im August 1252 durch einen Vertrag zwischen dem Bischof von Kurland und dem livländischen Orden übernahm Memel von Lübeck das Stadtrecht.

Litauer gehen unbefangener mit der sechs Jahrhunderte währenden deutschen Vergangenheit Memels um als Deutsche. Das schließt den ebenso berühmten wie missbrauchten Gedichtvers Hoffmann von Fallerslebens im „Lied der Deutschen“, der Nationalhymne, ein: „Von der Maas bis an die Memel“. In einer Einführung in seine Geschichte und Literatur weist eine offizielle Broschüre darauf, dass die Grenzregion um das ostpreußische Tilsit und Memel vor dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland zählte. Diese waren zugleich aber Orte, in denen die litauische Nation und Kultur vor 140 Jahren wiedergeboren wurden.

Wechselvoller kann die Geschichte einer Stadt wie Memel, das auch vom Deutschen Orden, von Schweden (1629 bis 1635) und von Franzosen (1920 bis 1924) regiert wurde und Völkerbundsmandat war, kaum sein. Ordensburg – auch hier gibt es Pläne eines Wiederaufbaus – und Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Die historische und kulturelle Bedeutung blieb, alte Fachwerkbauten wurden restauriert. Das Wechselhafte gilt auch für die bernsteinreiche Region „Kleinlitauen“, die sich jetzt auf drei Staaten verteilt – das Memelland kam zu Litauen, Teile Ostpreußens zu Polen und Königsberg als Exklave Kaliningrad zu Russland. Staatsgrenzen waren im vorigen Jahrhundert mehrfach – 1919, 1923, 1939 und 1945 – verschoben worden.

Klaipeda ist von der Ostsee abgetrennt durch die Kurische Nehrung, auf der Thomas Mann seinen Zyklus „Joseph und seine Brüder“ in seinem Sommerhaus im nahen Nida (Nidden) schrieb. Die Kurische Nehrung trennt das Kurische Haff von der Ostsee: ein knapp hundert Kilometer langer, allenfalls vier Kilometer breiter Streifen mit Wanderdünen, der zur Hälfte Litauen, zur Hälfte Russland (Kaliningrad/Königsberg) gehört. Zu weiteren großen Söhnen der drittgrößten Stadt Litauens zählen der Barockdichter Simon Dach, Dichter des „Ännchen von Tharau“, der Astronom Friedrich Wilhelm Argelander und der wohl bedeutendste lebende litauische Dichter Tomas Venclova. Fast genau ein Jahrhundert steht vor dem Theater die Figur des Ännchen als Brunnen und zeigt die Wechsel der Geschichte. 1939 wich sie einer Hitler-Büste, dann einem sowjetischen Panzer, bis sie 1989 als Nachguss heimkehrte.

Kaunas – Von Teufeln und Engeln

Teufel gibt es in den drei Stockwerken in allen Farben und Formen: aus Ton, Holz, Bronze oder Plastik, aus China, Kuba oder der Ukraine, als Pfeife, Aschenbecher oder Karnevalsmaske. Das Teufelsmuseum in Kaunas glaubt, die einzige Sammlung dieser Art in Europa zu sein. Gegründet wurde es 1966 – also zu Sowjetzeiten. Die Sowjets sahen die Sammlung als Mittel, die katholische Kirche lächerlich zu machen. Sie gründet auf der Privatsammlung eines Malers und Kunstprofessors. Mittlerweile umfasst sie mehr als 2 000 Teufel dank der Geschenke aus vielen Ländern; in Deutschland scheint es, am Bestand gemessen, wenig Teufel zu geben, vielleicht auch nur wenige Schenkungswillige. Vor allem ein Doppelteufel zieht die Aufmerksamkeit auf sich: eine Karte Litauens, auf der Hitler steht, verzerrt und grob, und hinter ihm eine glatte Stalin-Gestalt, die ihn peitscht. Beide Diktatoren tragen die obligaten Teufelshörner; sie haben das Leben zweier litauischer Generationen zerstört.


Teufelshörner haben beide – Hitler und Stalin

Ist es Zufall, dass das Museum in Litauen steht, dem letzten Staat Europas, der christianisiert wurde – wobei die politisch motivierte Bekehrung des Großfürsten und seiner Untertanen 1387 nicht nur den Schritt zum katholischen Glauben brachte, sondern auch fort vom orthodoxen Glauben seiner Mutter und damit der Einbindung in die osteuropäische Welt. Viele sagen voller Ernst Nein, auch besonnene Gesprächspartner. Sie weisen auf die starke Rolle, die das Übersinnliche im litauischen Volksglauben noch spiele und die späte „Bekehrung“. Dass ein früherer Staatspräsident sich eine Wahrsagerin mit schwammigem Hintergrund als Beraterin und Vertraute hielt, verspotten viele, andere fühlen ihm das nach. Die Christianisierung kam um 1300, der letzte heidnische Priester in Litauen starb im siebzehnten Jahrhundert. Noch immer tragen viele Turmkreuze über den Kirchen auch heidnische Symbole – Ringelnattern etwa oder Sonnen. Feiertage und Vornamen haben oft heidnische Bezüge. Am Tag vor Aschermittwoch, vor Frühlingsbeginn und der Rückkehr der Sonne, wird Morė, die vorchristliche Todesgöttin, durch die Straßen gezogen und verbrannt. Fabelwesen, Hexen, Teufel – meist aus Holz – stehen auffallend häufig in litauischen Vorgärten oder Parks. Auch die christliche Geschichte verlief wechselhaft. Katholiken wechselten mit Orthodoxen, Protestanten und Atheisten, je nach den Herrschern, die mal aus Polen kamen, dann aus Skandinavien, Deutschland oder Russland.

Ein Beispiel bietet die St.-Kasimir-Kirche in Vilnius, die abwechselnd protestantisch, orthodox oder katholisch war, in den Jahren sowjetischer Besetzung aber ein Museum des Atheismus. St. Kasimir, Sohn eines polnischen Königs und litauischen Großfürsten, kleidete sich in Pferdehaare statt in ein prinzliches Gewand, betete ständig und starb jung. Also wurde er heiliggesprochen. Sein Gedenktag prägt alljährlich im März die Straßen von Kaunas und Vilnius mit Buden, an denen Blumengebinde verkauft werden, meist aber kommerzieller Kitsch; früher, klagen Altvordere, sei alles individueller und schöner gewesen. Nur wenige Tage davor waren die Gassen ebenfalls voll mit Masken, Tänzern, Feuern: Die böse „Frau Winter“ wurde verbrannt. Hier wie oft in Litauen vermengen sich christliche und heidnische Elemente.

Nicht alles ist von bösen Winterfrauen oder Teufeln geprägt. Auch das Gute im Menschen wird gefeiert, in den Tagen vor Weihnachten etwa in den vielen Galerien der Altstadt von Wilna. Eine Galerie am Engelsplatz, den selbst der Dalai Lama mit guten Wünschen besuchte, stellt nur Kunstwerke mit Engeln aus. Und in der Stadt Anyksciai, gut hundert Kilometer nördlich von Vilnius, gibt es ein Engelmuseum. Es wurde 2010 gegründet von einer aus dem amerikanischen Exil heimgekehrten Schauspielerin, die es als Gegenstück sieht zum von ihr verachteten Teufelsmuseum.

Die wenig zerstörte Natur spielt eine Rolle bei dem Glauben an das Übersinnliche. Was für viele weiter im Westen befremdlich sein mag, vom Volksglauben über die Johannisnacht und dem „Hexenberg“ auf der Kurischen Nehrung bis zu den Wahrsagern, ist nicht wenigen Litauern, die umfassend erst vor 130 Jahren alphabetisiert wurden, selbstverständlich. Sagen sind Teil des litauischen Selbstbewusstseins. Die Holzschnittkunst kommt dem entgegen. Selbst große Gestalten des litauischen Geisteslebens wie der Maler und Komponist Mikalojus Konstantinas Ciurlionis – dessen hundertsten Todestag Litauen 2011 aufwendig feierte – beschäftigten sich in ihren Werken mit Kosmologie, Allegorien und Symbolen, mit dem Spirituellen.

Litauens Geburtsurkunde

Quedlinburger Stiftsdamen ist zu verdanken, dass Litauen im Jahr 2009 nicht nur die Hauptstadt Vilnius als europäische Kulturhauptstadt feiern konnte, sondern, wichtiger noch für das Selbstbewusstsein, auch sein tausendjähriges Bestehen. Sie berichten in einem Eintrag zum Tod des Missionars Bruno von Querfurt, der Litauer zum Christentum bekehren wollte: „Der Heilige Erzbischof und Mönch Bruno, zubenannt Bonifacius, wurde an den Grenzen von Ruscien und Lituen von den Heiden mit achtzehn Gefährten enthauptet und kam am 9. März im elften Jahr seiner Bekehrung in den Himmel.“ Die erste verbürgte Eintragung des Landesnamens in den Quedlinburger Annalen bot Anlass zu Feiern und Ausstellungen nicht nur in Litauen, sondern auch im Quedlinburger Schloss und im Roten Rathaus in Berlin.

Sie wiesen auf den Behauptungswillen der Litauer, die sich immer wieder gegen Fremdherrschaft wehren mussten. Nach dem Großfürstentum und den Phasen der Besetzungen kamen die beiden neuerlichen Erklärungen der Unabhängigkeit 1918 und wieder 1991. Wie stark dieser Wille war, zeigte sich nicht zuletzt Anfang der Fünfziger, als etwa 100 000 Partisanen sich vergeblich gegen die sowjetische Besatzungsmacht wehrten.

Nicht nur mit Quedlinburg, der „Wiege Deutschlands“, gibt es enge Bande zwischen Litauen und Orten im weiteren Umfeld des Harzes. Vilnius und Kaunas hatten wie andere Städte Mitteleuropas das „Magdeburger Recht“ übernommen. Auch die Sammlung der Bibliotheca Augusta, der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, hat Bestände, die für die litauische Forschung und für deutsche Baltisten (die sich traditionell stärker dem Litauischen und dem Altprussischen zuwenden als dem Lettischen) von einiger Bedeutung ist. Sichtbar wird das nicht zuletzt in der Zeitschrift „Archivum Lithuanicum“, in der umfangreiche Beiträge zu der litauischen „Wolfenbütteler Postille“ von 1573 erscheinen – diese wurde ediert und gedruckt in zwei Bänden, zusammen 1 700 Seiten lang. Da die dort gesammelten lutherischen Predigttexte umfangreich und früh sind, zählen sie zu den wichtigsten Texten für Sprachwissenschaftler, Theologen und Kulturwissenschaftler zugleich. Zu den digital zugänglichen Wolfenbütteler Beständen zählt das „Religionsgespräch in Vilnius“ von 1585.

Der Wolfenbütteler Bibliotheksbegründer August der Jüngere hatte viele der Bücher noch selber erfasst und in seinen Bücherradkatalog eingetragen – als einen der letzten persönlich eingeschriebenen Texte eben die litauische Postille. Dass die herzoglichen Sammler sich Litauen besonders zuwandten und nach Werken suchten, war wohl eine Folge von Briefen, die mit dem Geschenk der litauischen Grammatik von Daniel Klein von 1653/1654 die litauische Sprache erläuterten.

Doppelbödige Schwermut in der Literatur

Ohne Ankündigung, nur wenigen Vertrauten bekannt, kam ein Dichter 1989 aus Los Angeles nach Vilnius. Binnen Kurzem aber, noch unter sowjetischer Besetzung, hörten viele Zehntausend seinen Lesungen zu, zunächst in Parks, dann im Sportpalast oder im Opernhaus von Vilnius. Viele Ältere kamen mit versteckten und verknitterten Gedichtbänden aus der Zeit vor fünfundvierzig Jahren, bevor Bernardas Brazdzionis, den seine Landsleute jetzt wie einen Propheten begrüßten, fliehen musste. Die Fülle von Ausstellungen, Jazzkonzerten, Lesungen damals wie jetzt belegt einen kulturellen Hunger, eine Dichte, die nicht oft zu finden ist bei einer solch kleinen Bevölkerung von 3,3 Millionen – weniger als Rheinland-Pfalz oder El Salvador.

Die Geschichte der ersten Heimkehr von Brazdzionis zeigt mancherlei: In Vilnius verdichtet sich Kultur seit vielen Jahrhunderten. In den Jahren der Okkupation halfen Sprache und Literatur, nationalen Widerstand aufrechtzuerhalten. Und schließlich: Die Literatur Litauens ist zersplittert. Etwa die Hälfte aller bedeutenden Romane und Dichtungen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstand im Exil, und ziemlich genau die Hälfte aller Schriftsteller floh 1944 vor den Russen nach Deutschland oder Amerika. Schon zuvor hatte Litauen Aderlasse des Geisteslebens durch Fluchtbewegungen – die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer etwa entstammt einer Familie aus der Grenzregion von Lettland und Litauen – und durch die Vernichtung der litauischen Juden durch Nationalsozialisten und ihre litauischen Gehilfen erdulden müssen. Wie reich die litauische Literatur aber war und ist, zeigen Adam Mickiewicz und Czesław Miłosz (dem sich die Internationale Buchmesse in Vilnius 2011 zuwandte in Gedenken an seine Geburt vor hundert Jahren): Die überragenden polnischsprachigen Dichter des neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen sich beide als Litauer, und beide haben an der Universität Vilnius studiert.

Dennoch ist die litauische Literatur im Ausland wenig bekannt. Das wurde nur unwesentlich anders, nachdem Litauen 2002 als erstes „kleines“ Land Partner der Frankfurter Buchmesse war. Dabei kann die litauische Sprache auf eine lange Tradition verweisen. Die Universität Vilnius wurde 1579 gegründet. Schon sechzig Jahre zuvor, achtzig Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks in Europa, entstand in der Stadt eine Druckerei. Manches wird eher in der Ferne bewahrt: Eine gut vierhundert Jahre alte litauische Bibel wurde erstmals 2002 im Ursprungsland ausgestellt – das Original liegt im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin.

In den ersten Jahrhunderten wurden die meisten in Litauen erschienenen Bücher in einer slawischen Sprache oder auf Latein publiziert. Reich war das Litauische, obwohl es nie ein Nationalepos besaß, anfangs vor allem an Volksliedern und Märchen. Erst zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einhergehend mit der Wiedergeburt des litauischen Nationalismus, entstand eine breitere weltliche Dichtung. Fast zur gleichen Zeit befürchteten Sprachwissenschaftler einen Untergang des Litauischen wie des Altpreußischen. Einen Aufschwung erlebte die Literatur in den Jahren der Unabhängigkeit Litauens seit 1918, in denen in Vilnius zahlreiche literarische Magazine entstanden. Unterbrochen wurde das durch die sowjetische Besetzung 1940. Die bekanntesten Autoren lebten fortan in den Vereinigten Staaten und in vielen Ländern Europas, Tomas Venclova etwa, der in Yale russische Literatur lehrt, oder der Poet und Filmemacher Jonas Mekas. Manche kehrten nach 1991 zurück. Einer der bekanntesten Exildichter ist Antanas Skema. Zu den bedeutendsten jüngeren Autoren wird die 2007 verstorbene Novellistin Jurga Ivanauskaite gezählt – sie gehört zu den wenigen, deren Kurzgeschichten und Novellen in anderen europäischen Sprachen zugänglich sind. Die Helden Ivanauskaites sind junge Künstler, die nach einem Sinn im Leben suchen und die Gesellschaft umgestalten wollen. Einer der beliebtesten Autoren ist Ricardas Gavelis, der die sowjetische Mentalität und später die „neue Elite“ – auch wundersam zu „Freiheitskämpfern“ gewandelte Altkommunisten – verspottet.

Zu den Eigentümlichkeiten jener, die in Litauen blieben, zählen Schwermut in der Poesie und der Versuch, mit doppeldeutigen Formulierungen und Andeutungen die Zensur zu überlisten. Über die Geschichte des Widerstands gibt es in den Jahren der Freiheit in Litauen noch kein bedeutendes literarisches Werk, auch große historische Themen fehlen in der zeitgenössischen Romanliteratur. Die beste Einsicht in die polnisch-litauische Geistesgeschichte und Mentalität ist beim in Litauen geborenen polnischen Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz zu finden, nicht bei litauischen Poeten. Viele wichen auf Kinderliteratur aus. In den letzten beiden Jahrzehnten erlebte die Literatur einen neuen Aufschwung, begünstigt durch die wiedererlangte Freiheit, das Wegfallen der Zensur, das Entstehen eines privaten Verlagswesens, den unbehinderten Austausch mit den Ideen des Westens und schließlich durch die Rückkehr vieler Exildichter.

Sichtbar wurde dieser Austausch in einer rasanten Zunahme an Übersetzungen ausländischer Literatur ins Litauische, vor allem aus dem Deutschen. Der alte Buchladen im Innenhof der Universität in Vilnius lässt staunen: nicht nur wegen seiner historischen Ausstattung und Bemalung, sondern auch wegen der Bücher auf den Verkaufsregalen. Meter über Meter vertraute deutsche Autoren, übersetzt ins Litauische. Kaum ein Werk der Klassik oder der klassischen Moderne scheint zu fehlen, aber auch Karl Mays „Sohn des Bärenjägers“, Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ und Erich Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“ stehen dort. Kästner war wie Erich Maria Remarque oder Hermann Hesse schon vorher Bestseller. Nun kamen jüngere Autoren dazu. Vor einiger Zeit erschienen Übersetzungen von Robert Walser und Patrick Süskind, Bernhard Schlink und Michael Krüger. In der Nationalbibliothek gibt es einen Herder-Lesesaal mit deutschen Übersetzungen. Das Goethe-Institut in Vilnius und die Klassik Stiftung Weimar halfen bei einer Neuübersetzung und Aufführung des „Faust“. Selbst Eckermanns Gespräche mit Goethe sind auf Litauisch erschienen.

Dies starke Interesse in Litauen an deutscher Literatur, vielfach größer als in Estland, das kulturell und historisch Deutschland näher ist, beruht vielleicht auf der Grenznähe zum alten Ostpreußen, oder auch darauf, dass Litauen anders als Lettland schon früh einen Lehrstuhl für Übersetzer einrichtete. Die deutschsprachige Baltistik hat eine lange Tradition, und sie hat sich auf das Litauische konzentriert, weit stärker als auf das Lettische oder das ausgestorbene Altpreußische. Ihr Schwerpunkt liegt aber auf der Linguistik statt auf der Literaturwissenschaft. Es scheint in Litauen mehr Jahrbücher, wissenschaftliche Zeitschriften und Studienreihen zur Linguistik zu geben denn zur Politik oder Wirtschaft, und fast jede enthält einen deutschsprachigen Text oder zumindest eine übersetzte Kurzfassung. Verwunderlich ist daher das Fehlen eines großen aktuellen deutsch-litauischen Wörterbuchs. Dabei gab es schon vor mehr als 300 Jahren dazu Vorarbeiten: Ende der Neunziger erschien in Vilnius eine vierbändige Faksimileausgabe eines wohl 1680 entstandenen, 1945 in Ostpreußen entdeckten handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuches, etwa 2 500 Seiten stark.

Umso ernüchternder ist, trotz leichter Zunahme, das geringe Interesse an litauischer Literatur in Deutschland. Der wohl bedeutendste literarische Verlag Litauens, Baltos Lankos, publizierte zweisprachige Gedichtbände von Aldona Gustas, die seit 1945 in Berlin lebt – „mit Taschen voller Wortkram / In litauischen und deutschen Lauten / denke ich was später / auf der Zunge schmilzt / im Ohr stirbt“ –, und von Sigitas Geda, einem der wichtigsten Vertreter moderner litauischer Lyrik. Bei Baltos Lankos erscheinen auch Venclova und Mekas. Viele schöne Briefe habe es nach der Frankfurter Buchmesse an den Sondergast gegeben – aber mehr auch nicht, so die Koordinatorin des Litauischen Buchverbandes. Ein Grund: Es gibt nicht nur wenige Übersetzungen, die litauische Literatur ist auch schmal. Der Vorsitzende des Litauischen Verlegerverbandes bemerkt selbstkritisch, ein Grund für das geringe Interesse sei schlicht, dass vieles in der litauischen Literatur nicht gut sei: Wie viele warte auch er auf gute Bücher.

Einen bemerkenswerten Austausch eines verborgenen Schatzes brachte die berührende deutsche Veröffentlichung des „Tagebuchs für Lyda“ des deutschen Komponisten Edwin Geist, das jahrzehntelang in Litauen versteckt aufbewahrt wurde. Als der wegen seiner Abstammung von den Nationalsozialisten mit Aufführungsverbot belegte Komponist 1938 nach Litauen emigrierte, verliebte er sich in die jüdische Pianistin Lyda. Weil er um seine Frau kämpfte, wurde er Ende 1942 von der Gestapo erschossen, Lyda beging Selbstmord. In Deutschland blieb Geist bis 2002 unbekannt – da inszenierte Vladimir Tarasov, Vater des litauischen Jazz, Geists Oper „Heimkehr des Dionysos“. Die Uraufführung in Vilnius kam sechzig Jahre nach seiner Ermordung.

Jene, die auf einen neuen Aufschwung der Buchkultur wie in den Dreißigerjahren oder auch wie beim rasanten Scheinaufschwung direkt nach der Befreiung von der Sowjetunion gehofft hatten, wurden enttäuscht. Noch immer sind Touristen, die in Vilnius Reiseführer und Bildbände erwerben, für litauische Verlage ein wichtigerer Markt als die geringen Bücherexporte. Die je nach Definition sechzig bis sechshundert Verlage konzentrieren sich auf den Heimatmarkt. Die schwankenden Angaben sind Beleg für die Umschwünge, die das litauische Verlagswesen erlebt hat. Sechshundert Verlage haben eine Verlagslizenz – jeder sechstausendste Litauer besitzt also einen eigenen Verlag. Aber nur gut vierhundert geben wenigstens ein Buch im Jahr heraus, und zwanzig Verlage vereinen vier Fünftel aller Buchtitel auf sich. Erfolgreiche Bücher erreichten vor 1990 eine Auflage bis zu hunderttausend Exemplaren; jetzt gilt ein Buch schon als Bestseller, wenn es in kurzer Zeit sechstausendmal verkauft wird. Buchverkäufe sanken im Vergleich zum Vorjahr 2008 um gut zehn Prozent, 2009 gar um 25 Prozent. Verlage kämpfen um ihr Überleben, zumal eine klare staatliche Verlagspolitik fehlt und Staatsgelder für Bibliotheksetats gekappt wurden – zwischen 2008 und 2010 sanken diese auf ein Zehntel. 1991 erschien noch eine Gesamtauflage von 25 Millionen Büchern bei 3,5 Millionen Litauern, zehn Jahre später waren es noch zehn Millionen. Immerhin liegt die Zahl neuer Titel gemessen an der Bevölkerung noch immer deutlich über jener anderer Reformländer des Ostens wie Ungarn, Polen und der Tschechischen Republik.

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25 мая 2021
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278 стр. 65 иллюстраций
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9783954621576
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