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Robert de Taube
Das offene Versteck
Bericht eines jüdischen Landwirts aus Ostfriesland, der in Berlin im Versteck der Menge den Deportationen nach Auschwitz entkam
Herausgegeben und eingeleitet
von Hartmut Peters
FUEGO

- Über dieses Buch -
Im Jahre 2018 kamen in Kentucky, USA, drei Audio-Kassetten ans Licht. Auf ihnen schildert der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982) aus Ostfriesland seine Überlebensgeschichte. Während die Deportationszüge von Berlin nach Auschwitz rollten, fand er Versteck in den Straßen der Reichshauptstadt und den Waggons der Stadtbahn. Er fuhr kreuz und quer durchs Liniennetz bis hin in die Vororte Beelitz und Bernau, handelte mit Gemüse, Obst und Kleidung, arbeitete als Gärtner und wechselte ständig seinen nächtlichen Unterschlupf. Im Villenviertel von Grunewald fand er seine beste Bastion. Eine NS-Funktionärin verliebte sich in ihn. Ohne mutige Helfer hätte er nicht überlebt.
Nach der Befreiung 1945 wollte Robert de Taube sofort zurück auf seinen Gutshof bei Wilhelmshaven, der Kampf um die Wiedererlangung des vom NS-Staat geraubten Eigentums lag vor ihm. Sein Bericht zeugt von Klugheit und Glück in den Zeiten des Holocausts – und vom Preis, die permanente Wachsamkeit vor der SS und das Bleiben im Land der Täter forderten. Robert de Taube hat uns einen einzigartigen Beitrag zum Verstehen von „Heimat“ vermacht.
Hartmut Peters hat das Interview ediert und mit einer Einleitung versehen.
Vorwort
Robert de Taube starb im Alter von 85 Jahren im August 1982. Zu diesem Zeitpunkt war er für alle, die ihn kannten oder nur einmal von ihm gehört hatten, eine lebende Legende. Den ausgefeilten Plänen der nationalsozialistischen Judenmörder entkommen zu sein, im Chaos des Kriegsendes die geraubten Besitztümer zurückgefordert zu haben und inmitten der Täter und Mitläufer den größten Bauernhof weit und breit erneut zu bewirtschaften, machte nur einen Teil seiner Bekanntheit aus. Sein charmantes Charisma stand in einem seltenen Kontrast zu seiner bäuerischen Bodenständigkeit. Aber zum Gespräch machte diesen fast einzigen Holocaust-Überlebenden weit und breit, was er zu Lebzeiten über die Nazi-Zeit erzählte - oder eher nicht erzählte.
Robert de Taube glich in den langen Jahrzehnten des absichtsvollen Verdrängens des Völkermords an den Juden jener sprichwörtlichen Leiche, die fast jeder auch seiner Nachbarn aus der Nazi-Zeit im Keller hatte, die aber ständig die Kellertreppe hochkam. Nur den übelsten Nazis vor Ort trug er etwas nach, obwohl sich unter den Ermordeten sein Bruder Ernst und viele weitere Familienangehörige befanden. Über die kleinen Peiniger der Nachbarschaft schwieg er sich aus und erzählte lieber davon, wie er in Berlin den Deportationen nach Auschwitz unter der Identität „August Schneider, Landschaftsgärtner aus Hamburg“ entkommen war.
Das Gerücht, er habe einen langen Bericht mit den Namen der Täter verfasst, diesen bei einem Rechtsanwalt deponiert und verfügt, dass er erst veröffentlicht werden dürfe, wenn alle Genannten gestorben wären, hielt sich lange.1 Wahr ist, dass Robert de Taube 1971 einem Neffen ein ausführliches Interview gab, der dann das Transkript der Audiokassetten vervielfältigte. Und dass unter den Papieren des Verstorbenen ein später entstandener, fast gleichlautender Bericht aufgefunden wurde, von dem bestimmte Einwohner Neustadtgödens immer Kopien besaßen, die sie aber zurückhielten. Das Gerücht machte den nachwachsenden Generationen zu einem Rätsel, was die Täter und ihre Familien ohnehin wussten und was einmal öffentlich gewesen war: Die Namen aller 24 wegen des Pogroms von 1938 auf dem Horster Grashaus und in Neustadtgödens Angeklagten standen 1949 in der Zeitung und die Durchschläge des Urteils mit allen Namen befanden sich in vielen Haushalten der Nachbarschaft.
Die nun gedruckt vorliegenden, abenteuerlichen Schilderungen Robert de Taubes der Jahre von 1933 bis 1973 nennen auch Namen, sie geben aber vor allem ein beredtes Zeugnis seiner Klugheit und situativen Spontanität, seiner Menschenkenntnis, seines Witzes und seines Glücks beim Kampf um das Überleben. Auf ihren letzten Seiten sprechen sie auch vom Preis, den dieser Mann zahlen musste für seine lebensnotwendige, permanente Wachsamkeit vor den SS-Schergen und Denunzianten und nach 1945 für seine Entscheidung, nicht aus Deutschland zu weichen. Sie berichten von Schlaflosigkeit, Herzproblemen und dem auf Gewissheit begründeten Misstrauen, dass ein Jude für viele auch nach dem Ende der NS-Diktatur ein „Fremder“ war und bleiben sollte. Daran konnten seine Volkstümlichkeit und Großzügigkeit nichts ändern.
Robert de Taube legt mit seinem unbeirrten Verhalten ein Beispiel dafür ab, was „Heimat“ eigentlich ist: Sie liegt im Auge des Betrachters und entspringt der freien Wahl des Individuums. Obwohl dieser deutsche, von den Nazis zum Juden gemachte Landwirt von den meisten „Deutschen“ seiner Zeit und auch von vielen danach nicht gewollt wurde, hat er der Region, die er liebte, seinen Stempel aufgedrückt. „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.“ (Herbert Achternbusch) Mit seinen Erinnerungen hat sich Robert de Taube in seine Heimat hineingeschrieben - in das so friedlich scheinende Horster Grashaus und die umgebende fruchtbare Marsch.

Robert de Taube zum Zeitpunkt des Interviews durch Walter John Pohl im Mai 1971
(© Sammlung Pohl, Lexington, Kentucky)
Einleitung
I. Die Familie de Taube in Neustadtgödens und Wilhelmshaven
Wer den Scheitelpunkt der jüdischen Emanzipationsgeschichte in Wilhelmshaven und Umgebung sucht, wird ihn im Aufstieg der Familie de Taube finden. 1918 schienen die de Taubes zu den etablierten Familien einer Marinestadt zu gehören, die existentielle Bedeutung für das Wohl und Wehe des gesamten Kaiserreichs besaß. Zu derselben Zeit, im Inneren der antisemitischen Offizierskaste, arbeitete der Marine-Ingenieur Gottlieb Magnus (1883 – 1942) im Vorstand des Konstruktionsbüros für Torpedos und U-Boote der Kaiserlichen Werft. Magnus wohnte wie die de Taubes im Offiziersviertel der Stadt. Solche Emanzipationserfolge waren jedoch illusionäre Momentaufnahmen. Die Nationalsozialisten entfernten den Juden Magnus 1936 aus dem Dienst, 1942 deportierten sie ihn und seine Familie nach Auschwitz. Die de Taubes wurden beraubt, ermordet oder in alle Welt vertrieben, nur Robert de Taube kehrte in seine Heimat zurück.

Rosa und Samuel de Taube an ihrem 50. Hochzeitstag im Jahre 1936
(© Sammlung Pohl, Lexington, Kentucky)
Robert de Taube wurde am 16. November 1896 im damals ostfriesisch-preußischen Neustadtgödens in eine zu diesem Zeitpunkt bereits wohlsituierte jüdische Familie geboren. Er war das vierte von insgesamt acht Kindern des Ehepaars Samuel (1855 – 1949) und Rosa de Taube, geb. Weinberg (1861 – 1948), das 1886 geheiratet hatte. Die de Taubes waren seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hier ansässig und über die Generationen überwiegend als Schlachter und Viehhändler tätig, während die Mutter Rosa aus Leer stammte. Bereits der 1820 geborene Großvater Calmer de Taube war im Viehhandel erfolgreich gewesen und hinterließ, als er 1905 starb, seinen Kindern 20 Hektar Land und vier Häuser.2 Die Berufe des Viehhändlers und Landwirts lagen naturgemäß nahe beieinander, denn zum Viehhandel gehörte der Besitz von Ländereien und Stallungen. Sogar die Viehzucht befand sich im Bereich der beruflichen Möglichkeiten, wenn genug Land, Gebäude und – am wichtigsten - Kenntnisse zur Verfügung standen.

Postkarte von Neustadtgödens ca. 1935. Das Geburtshaus von Robert de Taube ist unten links, ganz rechts, abgebildet. Unten rechts: Schloss Gödens
(© Sammlung Peters, Wilhelmshaven)
Neustadtgödens war ein Dorf mit kleinstädtisch anmutenden Straßen - und ist es auch heute noch, wo es offiziell Sande-Neustadtgödens heißt und zum Landkreis Friesland gehört. Es liegt vier Kilometer hinter dem Deich der Nordseebucht Jadebusen inmitten von fruchtbarer Marsch mit leichten Einsprengseln von Geest und Moor. Zwölf Kilometer entfernt befindet sich die 1869 auf der grünen Wiese am Fahrwasser der Jade gegründete Marinestadt Wilhelmshaven, die bereits 1900 zusammen mit den im Schlepptau der rasanten militärischen Entwicklung des Hafens wie Pilze hochschießenden Nachbarorten wie z.B. Heppens rund 50.000 Einwohner aufwies.
Neustadtgödens blickte damals auf eine für die jüdische Minorität günstige Sonderentwicklung zurück. 1544 als Nordsee-Sielhafen der kleinen Herrschaft Gödens gegründet, stieg der Ort bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem florierenden Handelsplatz auf. Die Lage an der ostfriesisch-oldenburgischen Grenze und das strukturpolitische Kalkül der Grafen, ungestörte Religionsausübung anzubieten, führten zur Ansiedlung von Mennoniten, Reformierten, Katholiken und Lutheranern und seit 1639 auch von Israeliten. Die Siedlung verlor zwar nach 1615 mit dem Bau eines Dammes durch die Oldenburger Grafen ihren direkten Zugang zum Jadebusen, dennoch kam es zu einer Blütezeit: Das Reichsgericht beschied, dass die Sielanlagen steuerfrei zu nutzen seien, und auch die Ansiedlung von mennonitischen Leinenwebern während des Dreißigjährigen Krieges erwies sich als wirtschaftlicher Glücksgriff. Die Chance zum grenzüberschreitenden Verkehr nutzten auch die Juden. Der Handel mit Vieh, Pferden und Fleisch und der Klein- und Landhandel mit Altkleidern und anderen Produkten standen im Mittelpunkt, da auch hier die Juden den üblichen beruflichen Einschränkungen unterlagen.
Obwohl sie im Gegensatz zu den Nachbarorten ihre Religion frei ausüben durften, benötigten sie für ihre Niederlassung auch in der Herrlichkeit Gödens wie sonst überall einen Schutzbrief. Gegen eine Einmalzahlung erteilt, war er jährlich durch eine Abgabe zu bestätigen. Trotz der Religionsfreiheit waren die inneren Verhältnisse nicht immer von Toleranz gekennzeichnet. Das zeigte der Gödenser Pogrom vom 5. Mai 1782, in dessen Verlauf eine Rotte von Einwohnern in vielen jüdischen Häusern die Fenster einwarf und bei dessen Niederschlagung durch die Obrigkeit zwei Bauernsöhne erschossen wurden. Eine Versammlungsstätte mit Betraum und Schule bestand seit den Anfängen. 1832 erwarb die Gemeinde wegen des Anwachsens ihrer Mitgliederzahl ein Grundstück, auf dem ein neues Schulgebäude mit Lehrerwohnung entstand. Ein deutliches Zeichen des gewonnenen Selbstbewusstseins war 1853 der Bau einer freistehenden Synagoge vom Typus der kleinen Stadtsynagoge im damals gerade aufgekommenen Rundbogenstil.3
1848 waren von den 789 Einwohnern des Ortes 197 jüdischen Glaubens, also rund ein Viertel. Damit lebten hier - im Verhältnis - mehr Juden als in allen anderen Orten Norddeutschlands. In absoluten Zahlen kam Neustadtgödens recht dicht hinter den wesentlich einwohnerstärkeren Städten Emden, Leer und Aurich und noch vor den ebenfalls deutlich größeren Nachbarn Jever, Wittmund und Varel. Aus dieser Zeit stammt auch der Beiname „Klein-Jerusalem“ für den Ort.

Die Synagoge von Neustadtgödens auf einer Postkarte von ca. 1910
(© Sammlung Peters, Wilhelmshaven)
Doch schon wenige Jahrzehnte später begann der schleichende wirtschaftliche Niedergang von Neustadtgödens, der aus soziostrukturellen Gründen den jüdischen Bevölkerungsteil besonders dezimierte. Der preußische Marinestützpunkt Wilhelmshaven wurde nach der Reichsgründung von 1871 und vor allem durch die Wilhelminische Flottenpolitik der Jahrhundertwende zu einem Investitions- und Bevölkerungsmagneten und entwickelte sich zur Doppelstadt Wilhelmshaven-Rüstringen. Durch die Abspaltung der Wilhelmshavener Juden im Jahre 1899, die bis dahin zu Neustadtgödens zählten, verlor die Synagogengemeinde potente Förderer. 1909 lebten unter den 600 Einwohnern noch 83 Juden, 1925 bei 574 noch 25 und 1933 bei 505 Einwohnern nur noch 12. Die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik beschleunigten das strukturelle Defizit des Ortes.
Gleichzeitig verloren mit der Industrialisierung und den sich verändernden Handels- und Wirtschaftsstrukturen die traditionellen jüdischen Erwerbszweige auf dem flachen Lande an Attraktivität gegenüber den zahlreichen neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in den Städten. Der Vieh- und Pferdehandel sowie die Fleischproduktion auf der Marsch hingegen blühten auf durch das Entstehen der industriellen Ballungsräume, die Bevölkerungsexplosion und das um 1870 komplettierte Eisenbahnnetz. Eine solche Marktsituation bot gute Aufstiegschancen für Vieh- und Pferdehändler gerade auch in der unmittelbaren Umgebung von Wilhelmshaven.
Vom Vater Samuel de Taube ist überliefert, dass er in der jüdischen Schule von Neustadtgödens ein Überflieger war, dem der Lehrer bald nichts mehr beibringen konnte. Bereits in jungen Jahren hat er das Viehgeschäft seines Vaters Calmer de Taube (1820 – 1905) persönlich bis Berlin und Köln und einmal sogar bis Brüssel vorangetrieben. Zu diesem Zeitpunkt besaß die Familie in Neustadtgödens in der heutigen Kirchstraße 3 ein Wohn- und Wirtschaftshaus sowie eine Hofstelle im benachbarten Sanderahm, wo zusätzlich noch Land des Grafen Wedel in Pacht stand. Als Samuel um 1885 den Betrieb übernahm, reinvestierte er die Handelsgewinne zunehmend in den Kauf von weiteren Ländereien und Hofstellen, die er selbst bewirtschaftete oder auch an andere Landwirte verpachtete. Er erzeugte so immer größere Mengen von Handelsgut, das er gleichzeitig für die unterschiedlichen Märkte diversifizierte, und entwickelte eine persönliche Leidenschaft für die Rinder- und Pferdezucht.
1906 übersiedelte Samuel de Taube mit seiner Familie nach Heppens in die Brommystraße, um den Kindern den Besuch von weiterführenden Schulen ohne den zeitaufwändigen Schulweg mit dem Pferdewagen nach Sande und dann mit dem Zug nach Wilhelmshaven zu ermöglichen. Auch steuerliche Gründe können für den Umzug eine Rolle gespielt haben. Samuels Ehefrau Rosa hatte in der Erziehung der Kinder freie Hand und setzte zum Beispiel für ihre Töchter das Lyceum durch. Widerstand kam von einem orthodoxen Teil der Familie, die Schulbesuch am Samstag (Sabbat) ablehnte.
Die de Taubes gingen in der Hochphase der gegen England gerichteten Flottenrüstungspolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs in eine Stadt, die bald aus allen Nähten platzte. Um weitere Kasernen für die anschwellende Zahl der Marinesoldaten zu bauen, kaufte der Militärfiskus in diesen Jahren Samuel de Taube und den Erben seines Bruders Rudolph (1852 – 1896) gegen angeblich eine Million Mark ein großes landwirtschaftliches Grundstück in Heppens ab. 1909 erwarb Samuel de Taube ein stattliches Wohngebäude im neo-klassizistischen Stil in der repräsentativen Adalbertstraße, die nach dem Vorbild des Berliner Boulevards „Unter den Linden“ angelegt war. Das Haus Adalbertstraße 34 lag direkt gegenüber vom Stationsgebäude, dem schlossähnlichen Sitz der Admiralität, und dem Coligny-Denkmal.

Das schlossähnliche Stationsgebäude mit der „Häuserecke“ der Familie de Taube Adalbertstraße 34 und Viktoriastraße 10 / Luftaufnahme, um 1936
(© Sammlung Peters, Wilhelmshaven)
Während des Ersten Weltkriegs, in dem auch seine Söhne kämpften, ersteigerte Samuel de Taube nach einem öffentlichen Bieterverfahren von den Erben des Bremer Consuls Wilhelm Fehrmann für 720.000 Mark das landwirtschaftliche Kronjuwel der gesamten Region - das Horster Grashaus, drei Kilometer westlich von Neustadtgödens gelegen. Das Landgut besaß ein im Jahr 1880 erbautes, stattliches Herrenhaus und mit 75 Metern die längste Scheune Ostfrieslands. Es verfügte über eine Wirtschaftsfläche von 160 Hektar und weitere Zupachtungen. Samuel de Taube trat am 1. Mai 1918, dem Datum der Nutzungsübernahme, hiermit in die Fußstapfen des weit über die Grenzen Ostfrieslands und Oldenburgs als Pferdezüchter und Lieferant für Militärpferde bekannten Landwirts Eduard Daun (1853 – 1914), der vorher als Pächter das Grashaus bewirtschaftet hatte. Die Domäne blickte auf eine Geschichte zurück, die bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann – und gehörte jetzt einem Juden. Zum Zeitpunkt des Erwerbs betrieb Samuel de Taube nach wie vor einen weitreichenden Viehhandel. Der große landwirtschaftliche Besitz war insbesondere für die Aufmästung des in der Vegetationsperiode auf Weide gehaltenen Viehs ideal und ermöglichte gleichzeitig auch die Zucht von Vieh und Pferd. Der Landwirt und Händler war zum erfolgreichen Agrarunternehmer geworden und zu diesem Zeitpunkt bereits 63 Jahre alt. Samuel de Taube tätigte diese gewaltige Investition nicht allein deshalb, um seiner Leidenschaft der Optimierung landwirtschaftlicher Abläufe und der Zucht auf einem idealen Gelände zu frönen, sondern weil er dachte, dass der Familienbetrieb bei seinen Söhnen Ernst und Robert in guten Händen liegen würde.

Das Ensemble Horster Grashaus in einer Luftaufnahme von 1992
(© Sammlung Hinrichs, Friedeburg)
II. Robert de Taube und das Horster Grashaus
Robert de Taube besuchte bis 1906 die jüdische Volksschule in Neustadtgödens, die zu diesem Zeitpunkt knapp 20 Schüler aufwies. Wie er selbst erzählte, schwänzte er, bis die Sache schließlich aufflog, mit Unterstützung eines Knechts des Vaters häufig den Unterricht in der Volkschule, um lieber den Vormittag auf den Weiden zu verbringen. Anschließend trat er in die Sexta des Wilhelmshavener Kaiser-Wilhelms-Gymnasiums ein. Dort machte ihm der Lateinunterricht aber so große Schwierigkeiten, dass ihn der Vater auf die Oberrealschule schickte. Nach einem Konflikt mit einem Lehrer musste er 1912 diese Schule verlassen und machte seinen Abschluss 1914 auf der Oberrealschule in Oldenburg, wo er im Haus des Landesrabbiners David Mannheimer Kost und Logis hatte. Durch ständige Mithilfe und Beobachtung lernte er auch in den Jahren danach von der Pike auf alle Facetten des Berufs des Landwirts kennen und besuchte zusätzlich die Berufsschule in Wilhelmshaven. Seine Militärzeit während des Ersten Weltkriegs absolvierte er von Herbst 1916 bis Ende 1918, unter anderem bei einem Garderegiment in Berlin.
Anfang der 1920er Jahre verpachtete Samuel de Taube das Horster Grashaus an Robert und dessen sieben Jahre älteren Bruder Ernst, der ebenfalls eine Ausbildung zum Landwirt durchlaufen hatte. Ernst hielt sich meist in Wilhelmshaven auf, regelte im Wesentlichen die geschäftlichen Abläufe und führte zusammen mit dem Bruder Kurt, einem Kaufmann, ein gemeinsames Kontor mit einer Sekretärin im Souterrain der Adalbertstraße 34. Kurt besaß direkt daneben, in der angrenzenden Viktoriastraße 10, ein Haus, in dem er auch wohnte. Als Hauptlandwirt zog Robert zusammen mit seinem Vater nach Horsten, während die Mutter wegen des höheren Wohnkomforts das Wilhelmshavener Haus dem rustikalen Gutshaus vorzog. Dieses besaß nämlich nur eine stinkende Außentoilette neben der Scheune, ein zweisitziges Plumpsklo mit beweglichem Kindersitz. Das Frischwasser musste mit der Handpumpe gefördert werden.4
Bereits 1923 erhielten die „Gebr. de Taube“ bei der „Friesenwoche Leer“ ein Diplom „für hervorragende Leistungen“ verliehen. Es folgten Zertifikate der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (1927) sowie eine ganze Reihe von Auszeichnungen durch das Ostfriesische Stutbuch e.V. Norden für die Zucht des ostfriesischen Warmblutpferdes. Das Horster Grashaus galt selbst in der NS-Zeit noch als Musterbetrieb und wurde bei der landwirtschaftlichen Ausbildung vorgeführt. Samuel de Taube kaufte um das Jahr 1930 herum außerdem das Gut Cospa von 120 Hektar bei Eilenburg in Sachsen und ließ es ebenfalls unter Mithilfe seiner Söhne bewirtschaften. Im Juli 1932 brannte durch plötzliche Selbstentzündung der Heumassen die Scheune des Grashauses völlig ab, einige Kälber kamen um. Das Wohnhaus konnte durch Einsatz der Feuerwehren gerettet werden.5 Umgehend erfolgte der Neuaufbau.
Ein Grund für den großen Erfolg des Grashauses war neben dem agronomischen Wissen, dem Gespür für die Bedürfnisse der Märkte und der soliden betriebswirtschaftlichen Führung sicherlich auch, dass die de Taubes es vermochten, besonders qualifizierte Mitarbeiter an sich zu binden, die häufig Jahrzehnte lang bei ihnen arbeiteten. Sie schreckten auch selbst vor keiner körperlich harten Arbeit zurück, schnackten meistens Plattdeutsch und blieben trotz des Wohlstands volkstümlich in Auftreten und Kleidung. Am frühen Morgen nahmen alle, also auch Samuel und Robert de Taube, in der „Stube“ des Gutshauses ein kräftiges Frühstück ein, bei dem auch das jeweils folgende Tagewerk besprochen wurde. In den Vorkriegsjahren arbeiteten auf dem Grashaus neben den beiden Wirtschafterinnen drei Mägde, die für das zweimal täglich anfallende Melken und die allgemeine Sauberkeit zuständig waren, sowie fünf Knechte beziehungsweise Landarbeiter. Vorabeiter war Harm Eilers, der insgesamt über 50 Jahre im Dienste der de Taubes stand. Mägde und Landarbeiter wohnten teilweise in Verschlägen in der Scheune.

Die Scheune des Horster Grashauses mit dem Pferdestall im Mai 1971
(© Sammlung Pohl, Lexington, Kentucky)
III. Die Nationalsozialisten bekommen die Macht
Die politischen Veränderungen im direkten geografischen Umfeld konnten den de Taubes nicht verborgen bleiben. Bei den Reichstagswahlen vom Mai 1924 erzielte der „Völkisch-Sozialer Block“ (VSB), ein aggressiv antisemitisches Bündnis der sich formierenden Nationalsozialisten mit den Deutschvölkischen zur Zeit der Festungshaft Hitlers, im Kreis Wittmund den republikweiten Spitzenwert von 46,4 Prozent der Stimmen. Die ebenfalls antisemitische DNVP kam auf 14,6 Prozent. In Horsten, zu dem das Horster Grashaus gehörte, stimmten 75, im angrenzenden Gödens 80,2 und in Friedeburg sogar 94,5 Prozent für den VSB.
Die Antisemiten fassten in Neustadtgödens, an das das Grashaus sozial stärker angebunden war als an Horsten, nicht so früh und breit Fuß wie in den westlichen Nachbardörfern, in denen das Landvolk dominierte. In Neustadtgödens lebten noch Reste des angestammten Kleinbürgertums, aber auch viele nach Wilhelmshaven orientierte Arbeiter; „nur“ 38 Prozent stimmten 1924 für den VSB. In diesem Jahr trat in Neustadtgödens der spätere „NSDAP-Reichsredner“ Johann „Jann“ Blankemeyer (1898 – 1982) aus Hude auf. Auf Plattdeutsch erreichte er die Zuhörer mit seinen antisemitischen Tiraden.6 Der „Anzeiger für Harlingerland“ des Verlegers Enno Mettcker, der im Landkreis Wittmund eine Art Pressemonopol besaß, unterstützte redaktionell die extreme Rechte seit dem Anfang der Weimarer Republik. Die Zeitung verfolgte hier dieselbe publizistische Tendenz wie das ebenfalls Mettcker gehörende „Jeversche Wochenblatt“, das das Amt Jever agitierte. Die politische Situation in Neustadtgödens kann bis zum Beginn der Wirtschaftskrise 1929 dennoch als demokratisch bezeichnet werden. Bei der Landtagswahl von Mai 1928 bekamen die Parteien dieses Spektrums eine deutliche Mehrheit, aber in Horsten, wenige Kilometer weiter, lag 1928 die NSDAP bereits bei 56,2 Prozent.
Bei den Reichstagswahlen von März 1933 erzielte die NSDAP im Kreis Wittmund mit 71,0 Prozent (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent) eines ihrer Spitzenergebnisse. In Neustadtgödens kam die NSDAP auf 59,8 Prozent (162 von den insgesamt 271 abgegeben Stimmen), in Gödens auf 75,5 Prozent (336 von 445), in Horsten auf 82,6 Prozent (405 von 490) und in Friedeburg auf 85,3 Prozent (370 von 438).
Für die landständige Bevölkerung war von besonderer Bedeutung, dass der größte Grundbesitzer der Gegend, Haro Burchard Graf von Wedel (1891 – 1966) auf Schloss Gödens, bereits am 10. Februar 1932 in die NSDAP eintrat und als sozial stärkste Person am Ort bis 1937 die Ortsgruppe der NSDAP Gödens-Neustadtgödens leitete. Von ihm waren weite Kreise als Pächter landwirtschaftlicher Grundstücke oder als Landarbeiter mehr oder minder abhängig. Ein anderer Teil der arbeitenden Bevölkerung war auf der Kriegsmarinewerft in Wilhelmshaven beschäftigt. Bei diesem reichseigenen Rüstungsbetrieb wurde größter Wert darauf gelegt, nur solche Arbeitskräfte zu haben, die sich positiv zum Nationalsozialismus stellten. Diese Umstände erklären vielleicht, dass nach 1933 fast die gesamte männliche Bevölkerung des Landstrichs, darunter selbst Männer im vorgerückten Alter, der SA beitrat.7
Dem seit Beginn der 1920er Jahre ansteigenden gesellschaftlichen Druck auf die Juden folgten nach der Machtübertragung an die NSDAP 1933 sofort antisemitische Maßnahmen der Partei, der SA und des Staatsapparats. Robert de Taube erwähnt für die Anfänge der NS-Zeit in seinen Erinnerungen den Boykott vom 1. April 1933, das Umstürzen von Milchkannen an der Straße von Horsten nach Blauhand, Schwierigkeiten beim An- und Verkauf von Weidevieh und bei der Aufnahme von Pferden in das Ostfriesische Stutbuch. Am Eingang zu der zum Grashaus führenden Allee brachte die SA das Plakat „Juden unerwünscht!“ an. In Neustadtgödens und Horsten hing die SA das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer in sogenannten Stürmer-Kästen aus. Bei den Kundgebungen und Umzügen der NS-Verbände wurden die üblichen „Kampflieder“ und Parolen gebrüllt. Schleichend schränkten die Behörden den Radius der jüdischen Viehhändler durch Maßnahmen wie Entzug des Führerscheins oder Nichtverlängerung der Wandergewerbeerlaubnis ein, bis sie 1938 das generelle Berufsverbot aussprachen. Nichtjüdische Bauern, die ihre alten Geschäftsbeziehungen aufrecht erhielten, wurden als „Judenknechte“ denunziert und bedroht. Solche Verfolgungen strangulierten in ihrer Wirkung mehr und mehr die Wirtschaftlichkeit des Grashauses und legten den Wegzug in weniger enge Verhältnisse innerhalb Deutschlands oder die Emigration nahe. Auch Samuel de Taube spielte spätestens 1936/37 nicht nur in Gedanken mit dem Verkauf der Ländereien, sondern beauftragte damit sogar schon einen Auktionator. Der Verkauf realisierte sich allerdings nicht und musste dann nach dem Pogrom von November 1938 unter behördlichem Zwang und in einem engen Zeitrahmen vorgenommen werden.
Am 15. März 1936 gab die jüdische Gemeinde Neustadtgödens ihre Synagoge mit einem feierlichen Gottesdienst durch den Landesrabbiner Dr. Samuel Blum aus Emden (1883 – 1951) auf. 1936 hatte die Gemeinde nur noch wenige Mitglieder und deshalb kaum noch Einkünfte zur Gebäudeunterhaltung. Der Psalm 43,5, über den der Landesrabbiner sprach, lautete: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“
Die de Taubes waren in dieser Generation im engeren Sinne nicht mehr religiös, aber wir dürfen annehmen, dass zumindest Samuel, sein in Neustadtgödens wohnender Bruder Salomon und Robert de Taube bei diesem traurigen Abschied anwesend waren. Der vier Jahre jüngere Bruder Kurt de Taube, der als Kaufmann in der Wilhelmshavener Viktoriastraße 10 im Eck direkt an der Adalbertstraße 34 wohnte, war im Vorstand der dortigen Synagogengemeinde engagiert, die 1915 eine stattliche Synagoge hatte errichten lassen.
IV. Der Pogrom gegen die Juden im November 1938
Zum vorläufigen Höhepunkt der antisemitischen Maßnahmen und der Einkreisung der Juden durch die Nationalsozialisten geriet der reichsweit initiierte Pogrom gegen die Juden vom 9. auf den 10. November 1938. Er traf auch einen so abgelegenen Landstrich wie Neustadtgödens und das angrenzende Grashaus mit voller Gewalt. Zu diesem Zeitpunkt vermittelte Robert de Taube auf dem Gut jungen Juden eine landwirtschaftliche Ausbildung (Hachscherah). Ein entsprechendes Zertifikat war notwendig für die angestrebte Auswanderung nach Palästina, denn ansonsten ließ Großbritannien, die Mandatsmacht für Palästina, diese nicht zu. Es gab außer Horsten nur noch wenige Orte im Reich, an denen eine solche Ausbildung überhaupt möglich war, denn jüdische Landwirte waren ohnehin schon immer selten gewesen und zu diesem Zeitpunkt fast nicht mehr vorhanden.

Das Gutshaus des Horster Grashauses im Mai 1971
(© Sammlung Pohl, Lexington, Kentucky)
Gegen ca. 3 Uhr früh am 10. November 1938 erreichte der Aktionsbefehl der übergeordneten SA-Standarte 1 in Emden den zuständigen SA-Sturm 38/1 von Gödens per Telefon. Die Anweisung lautete:
1. Die im Sturmbereich wohnenden Juden sind
sofort festzunehmen.
2. Gelder und Wertsachen, die sie im Besitz haben,
sind sicherzustellen.
3. Falls sich im Sturmbereich eine Synagoge
befindet, ist diese niederzubrennen.8
Die Synagoge von Neustadtgödens wurde nicht zerstört, da sie inzwischen an einen nichtjüdischen Unternehmer verkauft worden war, der plante, hier Wohnungen einzurichten. Ziel der unverzüglich nach dem Zusammentreffen der SA-Leute auf dem Alarmplatz Schulhof beginnenden Ausschreitungen waren die sieben in Neustadtgödens zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Juden und die elf Juden auf dem Horster Grashaus. Mit der Ausnahme der schwerkranken Johanna de Taube, der Ehefrau von Salomon de Taube, wurden sie am frühen Morgen aus dem Schlaf heraus festgenommen und zu einem Sammelpunkt verschleppt.
Auf dem Platz neben der Gastwirtschaft „Stadt Hannover“ mussten sie unter Bewachung zunächst einige Stunden im Freien öffentlich ausharren. Im schräg gegenüberliegenden „Sturmbüro“ der SA, das sich in der „Alten Pastorei“ befand, konfiszierte derweil die SA die Geld- und Wertsachen. Die Opfer wurden einzeln hineingebracht und mussten Bargeld und Wertsachen wie Uhren und Schmuck auf den Tisch legen. Später erfolgten noch Leibesvisitationen. Der Schriftführer des SA-Sturms fertigte in dreifacher Ausfertigung eine Liste an, in der er die Namen der Festgenommenen und die abgezwungenen Werte eintrug. Der Ford-Kraftwagen Robert de Taubes wurde mit 1.115,– RM beziffert.
Zur Pflege ihrer Mutter wurde Käthe de Taube nach Hause entlassen. Die SA führte gegen neun Uhr sechzehn Personen zum „Hotel zur Deutschen Eiche“, das der Synagoge schräg gegenüberlag, und sperrte sie dort in einen Saal. Die anderen jüdischen Frauen - Bertha Cohen und Rosa Stein aus Neustadtgödens sowie Anneliese Meyersohn, Edith Pinkus und Rita Pinkus vom Hoster Grashaus - kamen auf Order der SA-Standarte Emden einige Stunden später frei. Sie durften anschließend nicht ihre von SA-Posten bewachten Häuser verlassen. Das galt auch für die nichtjüdische Ehefrau von Alfred Weinberg, der Erschießung angedroht wurde, als sie aus ihrem Haus trat.
Im Laufe des frühen Nachmittags inspizierten drei höhere NS-Funktionäre die Männer in dem provisorischen Gefängnis, darunter der NSDAP-Kreisleiter und der SA-Sturmbannführer. Sie sollen zur Verschärfung der Situation beigetragen haben. Man bezichtigte Robert de Taube fälschlich des Besitzes von Munition und bedrohte ihn. Über die kommende Nacht wurden die Männer im Saal festgehalten, Decken und Kissen hatten die jüdischen Frauen zu bringen. Verpflegung besorgte der kurzfristig zur Klärung laufender Viehverkäufe unter Bewachung zum Grashaus gebrachte Robert de Taube aus eigenem Besitz.
Donnerstag, 10. November 1938, war ein Werktag. Zivilisten, Schulkinder und Personen, die auf die Omnibusse warteten, hatten direkten Zugang zum unübersehbaren Geschehen. An den Aktionen in Neustadtgödens und auf dem Horster Grashaus waren insgesamt ungefähr 80 SA-Leute beteiligt. Etwa 40 SA-Leute beherrschten zeitweilig die engen Straßen des Orts und kommunizierten auf Zuruf. Im Horster Grashaus, das die SA vollständig okkupiert hatte, wurde geplündert.
Friedrich Cohen, Richard Stein, Salomon de Taube und Alfred Weinberg aus Neustadtgödens sowie Kurt Herz, Helmut Josephs, Jan Lazarus, Rudolf Lion, Kurt Stern, Robert de Taube, Samuel de Taube und Arthur van der Wall vom Horster Grashaus wurden am Morgen des 11. November von der Polizei auf einem Lastwagen, der sonst für Viehtransporte genutzt wurde, zur Reichsbahnstation Sande gebracht. Vor der Schule, an der der LKW vorbeifuhr, sangen unter Anleitung des Lehrers Schulkinder eines der übelsten NS-Lieder: „Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s nochmal so gut. Schmeißt sie raus, die ganze Judenbande, schmeißt sie raus aus unserem Vaterlande. Schickt sie nach Jerusalem und schlaget ihnen die Beine ab, sonst kommen sie wieder heim.“ 9
Die Männer mussten auf dem Bahnhof von Sande in einen Zug mit den in Wilhelmshaven festgenommenen Juden, darunter auch Ernst und Kurt de Taube, sowie den Juden aus Wittmund einsteigen. Anschließend transportierte die Polizei alle per Bahn nach Oldenburg. Außer den nicht in die Altersvorgabe passenden Salomon und Samuel de Taube (81 bzw. 83 Jahre) sowie Jan Lazarus und Kurt Herz (14 bzw. 16 Jahre), die in Oldenburg frei kamen, wurden sie von hier zusammen mit den Juden aus Oldenburg Stadt und Land in Eisenbahnwaggons in das Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin verschleppt.
V. Der Zwangsverkauf des Horster Grashauses
Samuel de Taube fuhr mit geliehenem Geld unverzüglich zusammen mit seinem Bruder Salomon von Oldenburg zum Grashaus zurück. Er schrieb 1942: „Dort hausten noch die SA-Leute, und die Wirtschafterin10 erzählte uns weinend, sie täten, als ob alles ihnen gehörte. Sie hatten alle Schränke aufgerissen und mitgenommen, was ihnen passte. Während ich mit meinem Bruder eine Tasse Tee trank, kam ein Wagen mit vier Herren vorgefahren, von denen einer der Kreisbauernführer war. Ich fragte, was die Herren wünschten, worauf ich angefahren wurde: ‚Was machen Sie denn hier noch? Sie haben hier nichts mehr zu suchen, und wenn Sie nicht gleich machen, dass Sie wegkommen, dann werden wir es Ihnen zeigen!’ Ich sagte: ‚Es ist doch wohl noch mein Gut,’ worauf mir erwidert wurde: ‚Ihnen gehört gar nichts, das ist jetzt alles anders. Wo sind die Bücher?’ - ‚Die sind nicht hier, das Gut habe ich an meine Söhne verpachtet, und die Bücher werden in Wilhelmshaven geführt.’ ‚Morgen früh um 10 Uhr sind die Bücher hier, sonst sollen Sie sehen, was Ihnen passiert!’ Ich fuhr dann mit meinem Bruder nach Wilhelmshaven. Am nächsten Morgen kamen dort ein Gestapobeamter, der Landrat aus Wittmund11 und zwei SA-Leute von der Kreisleitung und verlangten die Bücher. Sie durchsuchten alles, nahmen die Bücher mit und was sie sonst noch wollten – alles immer unter Schimpfereien auf die Juden.“12 Die Plünderungen wiederholten sich in den nächsten Tagen noch zweimal. Am 19. November brachten zwei SS-Leute Samuel de Taube zum Sitz der Wilhelmshavener NSDAP-Kreisleitung. Der Kreisleiter13 und die Gestapo zwangen ihn, das Haus in der Adalbertstraße unter Marktwert an die Kreisleitung zu verkaufen, ansonsten würden seine Söhne nicht aus dem KZ Sachsenhausen herausgelassen.14
Robert de Taube wurde am 9. Dezember 1938 fast zeitgleich mit seinen Brüdern entlassen, er schildert die Qualen dieser vier Wochen eindringlich in seinen Erinnerungen. Aus diesem Lager der SS kamen die Häftlinge nur unter der Auflage heraus, sofort die Auswanderung zu betreiben und über die Haft absolutes Stillschweigen zu bewahren. Er durfte ebenfalls nicht auf das inzwischen offiziell beschlagnahmte Grashaus zurück, alle de Taubes mussten sich in Wilhelmshaven aufhalten. Erneut in ein KZ verschleppt zu werden, stand bei allen folgenden administrativen Vorgängen unausgesprochen und auch häufig direkt ausgesprochen als Drohung im Raum.
Bereits zum 10. November 1938 hatten die Behörden den Landwirt und damaligen stellvertretenden Ortsbauernführer Eilert Behrends aus Horsten zum Verwalter für die einstweilige Fortführung des Wirtschaftsbetriebs und für die Verwaltung und Veräußerung des Ernst und Robert de Taube gehörenden Pachtvermögens eingesetzt. Das lebende Inventar umfasste im November 1938 nach Auflistung von Behrends 16 Pferde, 236 Stück Rindvieh, 28 Schafe, 22 Schweine und ein paar Dutzend Hühner, aber offenbar war schon einiges weggekommen.
In den Wochen nach dem Pogrom erließ die Reichsführung eine Fülle von Verordnungen, die zügig von den nachgeordneten Behörden und den Banken umgesetzt wurden. Sie beendeten das Geschäftsleben der jüdischen Einwohner, zwangen sie unter Genehmigungspflicht in kurzer Zeit zum Verkauf ihrer Häuser, Grundstücke und Wertsachen, sperrten die Konten mit den vorhandenen und durch den Zwangsverkauf erzielten Vermögenswerten, erhoben Sondersteuern, erlaubten nur Ausgaben zum Lebensunterhalt und konfiszierten über die sogenannte Reichsfluchtsteuer, was zum Zeitpunkt der Auswanderung übrig geblieben war. Zurück blieb ein kleiner Rest. Der einstige Millionär Samuel de Taube hatte bei seiner Einreise nach England 10,- Reichsmark in der Tasche.
Samuel de Taube wurde mit Schreiben vom 2. Februar 1939 angewiesen, sein Grundeigentum binnen vier Wochen zu veräußern und es zu diesem Zweck zu einem bestimmten Preis der Hannoverschen Siedlungsgesellschaft (HSG) zum Kauf anzubieten. Nach einem vergeblichen Protest wegen des unangemessen niedrigen Preises und einer Reihe von Einschüchterungen erreichten die Nationalsozialisten schließlich am 21. April 1939 die Übertragung der rund 153 Hektar an die HSG. Die Eintragung im Grundbuch erfolgte am 23. Juni 1939. Das tote und lebende Inventar gehörte den Pächtern Ernst und Robert de Taube jeweils zur Hälfte und wurde bei demselben Termin im Regierungspräsidium Aurich ebenfalls an die HSG und ebenfalls weit unter Marktwert zwangsverkauft. Die ausgefertigten Verträge lagen zur Unterschrift bereit und durften nicht mehr verändert werden. „In Aurich wurden wir wie Verbrecher behandelt“, berichtete Samuel de Taube. Seinen Sohn Ernst habe er folgendermaßen bei einer Beratungspause auf dem Korridor zur Unterschrift bewegt: „Es bleibt uns ja doch nichts anderes übrig, wir haben ja doch keine Rechte mehr, lass uns unterzeichnen. Wir können froh sein, wenn wir lebendig herauskommen.“15
Siedlungsgesellschaften waren zur Zeit des Nationalsozialismus mit dafür zuständig, die rassistische agrarpolitische Ideologie von „Blut und Boden“ umzusetzen. Im Reichserbhofgesetz vom 29. September 1933 heißt es: „Die Reichsregierung will […] das Bauerntum als Blutquelle des deutschen Volkes erhalten. […] Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, deutschen oder stammesgleichen Blutes und ehrbar ist.“ Die HSG bildete aus den Grundstücken des Juden Samuel de Taube einen Resthof von rund 72 Hektar, das meint das Gelände direkt um das Grashaus, und bot diesen dem Kreisbauernführer Erich Reents aus der Nähe von Wittmund zum Kauf an. Die Familie Reents ließ zunächst den Hof im Auftrag bewirtschaften und zog im Oktober 1939 selbst ein. Die sonstigen Grundstücke zur Gesamtgröße von rund 81 Hektar verkaufte die HSG an 25 Landwirte aus dem Raum Horsten zur Aufstockung ihrer Betriebe, die vorwiegend bisher nicht über Klei- bzw. Ackerland verfügten und zum Teil auch die Höherstufung ihres Hofes als „Reichserbhof“ erlangen wollten.
VI. Emigrationsbemühungen
Die aus dem KZ Sachsenhausen entlassenen Brüder Ernst, Robert und Kurt de Taube mussten in regelmäßigen Abständen ihre Ausreisebemühungen persönlich bei der Gestapo nachweisen. Bereits im Dezember 1938 unternahmen sie den Versuch, in die USA auszuwandern, da hierzu in einem gewissen Maße landwirtschaftliche Vorerfahrung nützlich sein konnte. Zertifikate zum Nachweis landwirtschaftlicher Tätigkeit zur Vorlage beim Konsulat in Bremen stellten u.a. der Oldenburger Landesrabbiner Leo Trepp und ausgerechnet der genannte Kreisbauernführer Erich Reents aus.16 Das Ziel USA zerschlug sich für die Brüder de Taube vermutlich deshalb, weil dort keine Fürsprecher die nötigen Bürgschaften leisten konnten.

Rosa und Samuel de Taube (vorne) mit Recha und Robert Pohl 1940 in Birmingham
(© Sammlung Pohl, Lexington, Kentucky)
Ganz anders sahen die Chancen in England aus. Dr. Robert Pohl, den die ältere Schwester Recha nach dem Tod ihres ersten Ehemanns Max Heymann in zweiter Ehe geheiratet hatte, war von 1906 bis 1919 bei English Phoenix Dynamo in Bradford, Yorkshire, beschäftigt gewesen. Er besaß zur britischen Insel zahlreiche alte Kontakte sowie neue, die er - bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten - durch das Prestige eines Chefingenieurs der AEG Turbinenwerke in Berlin bekam. Den 1912 geborenen Stiefsohn Horst Heymann hatte er 1927/28 eine Quaker-Schule in England besuchen lassen. Horst brach 1933 sein wegen der nationalsozialistischen Berufsverbote zwecklos gewordenes Studium an der Technischen Hochschule Darmstadt ab, ging zusammen mit seiner späteren Ehefrau Edith Marcuse nach Birmingham und schloss dort mit Hilfe der Freunde von Robert Pohl die Ausbildung zum Elektroingenieur ab.17 Robert und Recha Pohl folgten nach einer sorgfältigen Planung im Juni 1938. Ihr gemeinsamer Sohn Walter besuchte bereits seit April 1937 ein Quaker-Internat in Somerset.
Auf der Basis dieses familiären Netzes fanden Samuel und Rosa de Taube am 25. August 1939 in Birmingham bei den Pohls Aufnahme. Das war eine Woche vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, des Luftkriegs mit England und dem Ende der Emigration dorthin. Die Pohls mussten für das jetzt mittellose alte Ehepaar aufkommen und, da die eigene Wohnung begrenzt war, sie in einem Boarding House in der Nähe unterbringen. Samuel de Taube berichtete 1946, wie am späten Abend des Tages vor der Abreise der protestantische Pastor und seine Ehefrau in das Gutshaus kamen, um ihr Entsetzen und Mitgefühl über das Geschehen auszudrücken. Seine Gemeinde sei so „verseucht“, dass sie es nur nachts wagen könnten, Abschied zu nehmen. „Unser und Ihr Gott lebt und wird Euch segnen. Er wird Gerechtigkeit und Anstand zurückkehren lassen.“18
Mit Kriegsbeginn fiel England als mögliches Emigrationsland aus. Kurt schaffte im Februar 1940 die Ausreise in das zu diesem Zeitpunkt letzte Gebiet, das überhaupt noch Flüchtlinge aufnahm – Shanghai. Robert de Taube bemühte sich 1940, jetzt schon von Berlin aus, nach Australien und Bolivien zu kommen und lernte Spanisch und Englisch – vergebens. Ab April 1940 war die Tür aus Deutschland zu und der Völkermord an den europäischen Juden begann im Jahre darauf. Ernst de Taube und seine Ehefrau Frieda wurden 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert - ein Schicksal, das Robert de Taube für sich abwenden konnte.
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