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Rita Renate Schönig
Mulaule
Regionaler Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Mulaule
17. Oktober 2017 / Dienstag 23:55 Uhr
18. Oktober 2017 / Mittwoch 08:05 Uhr
Mittwoch / 08:20 Uhr
Mittwoch / 10:15 Uhr
Mittwoch / 10:20 Uhr
Mittwoch / 10:35 Uhr
Mittwoch / 11:05 Uhr
Mittwoch / 12:45 Uhr
Mittwoch / 15:00 Uhr
Mittwoch / 15:10 Uhr
Mittwoch / 16:05 Uhr
Mittwoch / 16:20 Uhr
Mittwoch / 16:40 Uhr
Mittwoch / 17:05 Uhr
Mittwoch / 17:00 Uhr
Mittwoch / 17:05 Uhr
Mittwoch / 17:50 Uhr
Mittwoch / 18:10 Uhr
Mittwoch / 18:50 Uhr
Mittwoch / 19:00 Uhr
Mittwoch / 19:55 Uhr
Mittwoch / 20:20 Uhr
19. Okt. 2017 / Donnerstag 08:20 Uhr
Donnerstag / 08:50 Uhr
Donnerstag / 09:30 Uhr
Donnerstag / 09:50 Uhr
Donnerstag / 10:10 Uhr
Donnerstag / 10:15 Uhr
Donnerstag / 10:25 Uhr
Donnerstag / 10:55 Uhr
Donnerstag / 11:00 Uhr
Donnerstag / 11:15 Uhr
Donnerstag / 11:30 Uhr
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Donnerstag / 12:20 Uhr
Donnerstag / 12:50 Uhr
Donnerstag / 13:50 Uhr
Donnerstag / 14:10 Uhr
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Donnerstag / 17:05 Uhr
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Donnerstag / 17:25 Uhr
Donnerstag / 18:15 Uhr
Donnerstag / 18:30 Uhr
Donnerstag / 18:35 Uhr
Donnerstag / 19:05 Uhr
Donnerstag / 19:20 Uhr
Donnerstag / 20:45 Uhr
Donnerstag / 22:45 Uhr
Donnerstag / 23:15 Uhr
20. Oktober 2017 / Freitag 06:50 Uhr
Freitag / 08:55 Uhr
Freitag / 09:10 Uhr
Freitag / 09:20 Uhr
Freitag / 09:30 Uhr
Freitag / 10:25 Uhr
Freitag / 10:40 Uhr
Freitag / 10:45 Uhr
Freitag / 10:55 Uhr
Freitag / 11:15 Uhr
Freitag / 11:45 Uhr
Freitag / 12:20 Uhr
Freitag / 13:10 Uhr
Freitag / 13:55 Uhr
Freitag / 14:50 Uhr
Freitag / 17:10 Uhr
Freitag / 17:50 Uhr
Freitag / 20:25 Uhr
21. Oktober 2017 / Samstag 08:05 Uhr
Samstag / 08:50 Uhr
Samstag / 09:30 Uhr
Samstag / 10:30 Uhr
Samstag / 11:30 Uhr
Samstag / 12:30 Uhr
Samstag / 15:15 Uhr
Samstag / 16:05 Uhr
Samstag / 16:30 Uhr
Rezepte von Helene:
Die Autorin:
Impressum neobooks
Mulaule
4. Fall der Reihe
Seligenstädter Krimi
Rita Renate Schönig
Wer sich tiefweiß, bemüht sich um Klarheit;
wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit
Friedrich Nietzsche
Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder
verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt:
Beim morgendlichen Gassi Gehen mit seiner Hündin, Miss Lizzy, entdeckt Ferdinand Roth an der Mulaule die Leiche einer, in die historische Seligenstädter Tracht gekleideten, Frau.
Bei näherem Hinsehen, erkennt er – es ist ein Mann – Staatsanwalt a.D. Heinz Hagemann, auch der „Hartgesottene“ genannt. Ihm sollte in einigen Tagen, der Bundesverdienstorden überreicht werden.
Die nahe liegende Frage: Wollte jemand diese Auszeichnung verhindern und – wenn ja, weshalb? – stellen sich nicht nur Helene und Herbert, die wieder einmal ihren kriminalistischen Neigungen folgen.
Auch Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener und ihr Team gehen zunächst diesem einzigen Anhaltspunkt nach.
Hinweise ergeben, dass Heinz Hagemann keineswegs der moralisch korrekte Staatsdiener und ehrbare Mitbürger gewesen war, der er vorgab zu sein. Weitere Nachforschungen enthüllen dunkle Geheimnisse der Familie.
Impressum
Texte © Copyright by
Rita Schönig
Bildmaterialien © Copyright by
Rita Schönig
Mailadresse
buch@rita-schoenig.de
www.rita-schoenig.de
veröffentlicht: 2019
überarbeitet: 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert, in einem Abrufsystem gespeichert, in irgendeiner Form elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.
Ermittlerteam der Mordkommission – Offenbach
Nicole Wegener, leitende Kriminalhauptkommissarin (KHK)
Harald Weinert, Kriminalhauptkommissar (KHK)
Lars Hansen, Kriminaloberkommissar (KOK)
Dr. Ludwig Lechner, Erster Kriminalhauptkommissar (EKHK) Leiter des Kommissariats K11
Staatsanwaltschaft:
Falk von Lindenstein,
Felix Heller
Rechtsmedizin:
Dr. Martin Lindner, genannt Doc
Viktor Laskovic, KTU,
Seligenstädter Polizeistation
Josef Maier, Polizeihauptkommissar und
Dienststellenleiter
Hans Lehmann, Polizeioberkommissar
Berthold Bachmann, Polizeikommissar
Privates Ermittlerteam:
Helene Wagner, ehemalige Vermieterin und
mütterliche Freundin von Nicole Wegener
Herbert Walter, Lebensgefährte von Helene
Josef (Sepp) Richter, Nachbar
Georg (Schorsch) Lenz, Nachbar
Gundel (Gundel) Krämer, Nachbarin
Ferdinand und Bettina Roth, gute Freunde
Seligenstädter Ausdrücke zur Weiterbildung:
Dreggwiwwel - kleiner Dreckfink
Fuchtel - unter strenger Zucht stehen
Griffel - Finger
keifern - unentwegt plappern
Lumpeseckel - hinterhältige Person
Owermaschores - Obermacher, Ansager
schinant - schamhaft, verschämt
Rotzleffel - Gassenjunge mit laufender Nase
Schellekloppe - an der Haustür klingeln (Spaß)
Schluri - Schuft
Trumm - mächtig großer Gegenstand
Zergus - Ärger
Erklärungen - kurz und knapp:
Der Unterschied zwischen DNA und DNS:
DNA – Deoxyribonucleic acid ist der
Englische Begriff für Erbinformationen
DNS – Desoxyribonukleinsäure ist der
deutsche Begriff.
DNS hört man nur äußerst selten – meist in deutschen Krimis,
die professionell produziert wurden.
17. Oktober 2017 / Dienstag 23:55 Uhr
Langsam und fast lautlos steuerte er den hellen Citroën durch die menschenleere Hospitalstraße bis zum Anwohnerparkplatz, unweit der Mulaule.
Der etwa 1463 erbaute Wehrturm gehörte einst zur Stadtbefestigung und wurde im Mittelalter als Pulverturm, eine Zeit lang aber auch als Gefängnis für Gauner und Betrüger genutzt. Genau deswegen sollte der feine, nach außen hin untadelige Herr Heinz Hagemann dort aufgefunden werden; angeprangert und gut sichtbar. Besonders für diejenigen, die diesen Gutmenschen gewissermaßen auf ein Podest gestellt und ihn nun sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatten.
Heinz Hagemann, der Inbegriff der Gerechtigkeit und Moral. Ein Vorbild an christlicher Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, eine wahre Stütze der Gesellschaft.
So lautete die Vorablaudatio seiner Vereinsfreunde und Gönner in dem Ersuchen an die Landesregierung. Entsprechend verfassten die heimische Presse, als auch die Zeitungen des Kreises Offenbachs, ihre Reportagen – eine einzige Beweihräucherung Hagemanns zur Schau getragenen Selbstlosigkeit.
Was wirklich hinter der Fassade des ehemaligen Staatsanwalts steckte, ahnten nur wenige und die schwiegen – schon um ihres eigenen Ansehens wegen und eventuell entstehender Konsequenzen.
Niemals hatte der Hartgesottene, wie er unter vorgehaltener Hand genannt wurde, auch nur einen Funken Verständnis gezeigt. Im Gegenteil: Er nutzte seine Macht gnadenlos aus. Dabei war es ihm egal, ob er dadurch Leben und Familien zerstörte. Recht und Gesetz, Zucht und Ordnung und vor allem die Moral waren sein Credo. Einfühlungsvermögen war für Heinz Hagemann ein Fremdwort.
Das alles interessierte den Fahrer des Citroëns nur sekundär. Er wollte in erster Linie Rache! Genauso, wie sein ehemaliger Zellennachbar, für den er diesen Job erledigte. Nur, dass die Art von Vergeltung, die sein Knastbruder mit seinem Auftraggeber verhandelt hatte, für ihn keine richtige Strafe war, weshalb er ein wenig nachgeholfen hatte.
Was sollte das, diesen Staatsanwalt in Frauenkleidung neben den Turm zu setzen, nur, dass er für eine kurze Zeit die Lachnummer der Stadt wird? Nein! Wenn Rache, dann richtig.
Ein Blick in die Umgebung verriet ihm, dass in keinem der umliegenden Häuser noch Licht brannte. Auch sonst war keine Menschenseele zu sehen. Trotzdem zog er die Kapuze des Sweaters tiefer, bevor er aus dem Wagen stieg und den Kofferraum öffnete.
Verächtlich blickte er auf den, in der Seligenstädter Tracht der Frauen gekleideten Mann. Was diese Maskerade sollte, war ihm unklar. Dennoch hatte er den leblosen Körper in die Tracht gezwängt, was gar nicht so einfach gewesen war und auch das Gesicht, wie angeordnet, geschminkt. Als gelungen konnte man es nicht bezeichnen. Aber, was solls, bin ja keine Tussi, dachte der Mann.
Er hob die Leiche aus dem Kofferraum und schwang sie über seine Schulter. Dabei fielen ihm die Perücke mit den blonden langen Zöpfen und der schwarze Hut ins Auge. Damit sollte er den Toten ebenfalls noch ausstaffieren.
Erneut wunderte er sich, stapfte mit seiner Last die am Turm verlaufende Treppe hinunter und auf der anderen Seite die erdige Anhöhe wieder hinauf. Dort platzierte er die Leiche in der Ecke, dekorierte sie mit Perücke und Hut und nahm noch letzte Handgriffe an Kleidung und Position vor.
Zuletzt steckte er den Zettel in eine Falte des Trachtenrocks. Auch so ein Blödsinn, den er nicht nachvollziehen konnte.
Wieder auf dem asphaltierten Uferweg besah er sich sein Werk einige Sekunden lang und machte ein Foto mit dem Handy – eine Anordnung seines Kumpels und des ihm unbekannten Auftraggebers.
Total abgefahren. Da soll mal einer sagen, ich wäre pervers, dachte er bei sich, ging gleichmütig die Stufen am Turm wieder hoch und stieg in seinen Wagen. Ursprünglich war es das Fahrzeug des Toten, der es jetzt ja nicht mehr benutzen konnte und laut seinem Kumpel, dürfe er damit machen was er wolle.
Persönlich stand er nicht auf Oldtimer und die Kiste gab PS-mäßig auch nicht besonders viel her. Aber er hatte zumindest einen fahrbaren Untersatz, bis sich etwas Besseres ergab.
Auf dem Beifahrersitz lagen die Habseligkeiten des ehemaligen Staatsanwalts. Der Geldbörse entnahm er die Scheine – es waren gerade mal 45 Euro – und warf Portemonnaie, Schlüsselbund und iPhone ins Handschuhfach.
Morgen kommt der kleine Arsch mit mehr Knete und dann ... mal sehen.
18. Oktober 2017 / Mittwoch 08:05 Uhr
Nebelschwaden, die ersten Anzeichen auf den beginnenden Herbst, standen über den Mainauen. Ebenso deutete die morgendliche Temperatur von zwischen 7 bis 8 Grad darauf hin, dass der Sommer bald vorbei sein würde. Und dennoch, glaubte man dem Wetterbericht, sollte am Nachmittag, das Thermometer erneut auf 18 bis 20 Grad klettern.
Miss Lizzy, ein Cavalier King Charles Spaniel mit langen weißen Haaren und kastanienroten Markierungen, interessierte das wenig, wenn überhaupt. Sie tobte, sobald Ferdinand Roth ihr das Halsband abgenommen hatte, voller Lebensfreude über das feuchte Gras der Mainwiesen. Hier und dort erschnupperte sie an Sträuchern geheime Nachrichten, die ihre Artgenossen ganz sicher nur für sie hinterlassen hatten. Anschließend fegte sie weiter zum Ufer, wo sie einige Enten aus dem Schlaf aufscheuchte. Mit ihren 9 Monaten war die kleine Hundedame noch sehr verspielt, hörte aber mittlerweile – also meistens – aufs Wort.
In den ersten Nächten schlich Lizzy oftmals heimlich ins Schlafzimmer und schnappte nach einem Zipfel der herunterhängenden Bettdecke. Sie zerrte so lange, bis sie sich endlich daran hochziehen konnte. Woraufhin Ferdinand den Welpen ins Körbchen zurückbrachte, das keine 3 Meter entfernt im Badezimmer stand.
Seine Ermahnung – Bett für die Menschen – Körbchen für das Hundi, bezog sich sowohl auf Lizzy, als auch auf Bettina, seine Ehefrau, die bei jeder Umbettung lächelte. Hingegen die Hundedame ihn aus ihren großen dunklen Augen herzzerreißend anschaute und ihr schwarzes Näschen rümpfte.
Das Prozedere wiederholte sich mehrmals und einige Nächte hindurch, bis Ferdinand sich durchgesetzt hatte. Mit dem kleinen Kompromiss, dass das Körbchen jetzt direkt vor dem unteren Ende ihres Ehebettes stand und Bettina ihr Kopfkissen geopfert hatte.
„Lizzy! Komm jetzt, wir müssen noch Brötchen kaufen“, rief er die Hündin.
Die kam sofort angerannt. Wobei ihre langen Ohren, wie riesige Schmetterlingsflügel im Wind flatterten.
Vorbei an den teils restaurierten Überresten des Palatium, einer ehemaligen Residenz aus dem Jahre 1188, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa, gingen die beiden nun in trauter Zweisamkeit nebeneinander den Uferweg entlang. Alle zwei Schritte sah Lizzy zu ihrem Herrchen auf, so als wollte sie sagen: Schau, ich kann schon bei Fuß.
Plötzlich hielt die Hündin ihre Nase in den Wind und trippelte aufgeregt vor und zurück.
„Lizzy, was ist los?“ Ferdinand bückte sich und strich über den Kopf der Hundedame. Die drehte sich einmal um die eigene Achse und schoss dann die asphaltierte Uferpromenade entlang.
„Lizzy! Bei Fuß!“
Doch Lizzy dachte gar nicht dran. Vor dem Turm – der Mulaule – bremste sie abrupt und bellte sich die Seele aus dem Leib. Immer wieder versuchte sie die niedrige, für die sie dennoch zu hohe Steinmauer zu erklimmen.
Als Ferdinand endlich schnaufend bei seiner Hündin ankam, tänzelte diese um seine Beine, um sofort wieder bellend und jaulend die Mauer bezwingen zu wollen. Er folgte ihrem Blick.
„Ach du liebe Zeit. Wer ist denn das?“
In circa 3 Meter Höhe, in die Mauerecke des Turms gelehnt, saß eine Frau. Den Kopf, mit langen blonden Zöpfen, unter einer schwarzen Haube gesenkt, die Arme seitlich am Körper anliegend und mit ausgesteckten Beinen sah es aus, als ob sie tief schliefe. Andererseits konnte Ferdinand sich dem Eindruck nicht verschließen, dass es sich ebenso um eine lebensgroße Puppe handeln könnte.
Stutzig machte ihn auch die Bekleidung. Die Frau trug die charakteristische Seligenstädter Tracht. Der schwarz bestickte Rocksaum mit Sträußen-, Ranken- und Schleifendekoration, in der Form von Klatschmohn, Kornblumen, Margeriten und Ähren.
Diese Tracht wurde normalerweise nur getragen, wenn historische Festivitäten anstanden, was seines Wissens zurzeit nicht der Fall war.
„Hallo! Geht es Ihnen gut? Kann ich Ihnen helfen?“
Verunsichert sah Ferdinand sich um. Aber, außer ihm und Lizzy war momentan niemand unterwegs. Lediglich aus einem Haus, oberhalb der Uferpromenade, lehnte sich eine Person aus dem Fenster, rief etwas wie Gekläffe und schloss dasselbe unsanft.
„Lizzy, komm her.“
Ferdinand klinkte die Hundeleine in Lizzys Halsband und befestigte die Hündin an der Bank, die rechtsseitig des Turms stand. Die Spaniel-Dame war damit überhaupt nicht einverstanden und bellte umso lauter und zerrte an der Leine.
„Ich bin gleich wieder bei dir“, versuchte er die Hündin zu beruhigen, mit wenig Erfolg. Sie sprang hin und her und brachte ihren Unmut lautstark zum Ausdruck.
„Miss Lizzy!“ Sein Ton wurde schärfer. „Gut jetzt, Sitz und Platz!“
Mit leisem Gejaule folgte die Hündin den Anweisungen und legte sich vor die Bank. Aber nur so lange, wie sie ihr Herrchen im Auge hatte.
Vorsichtig erklomm Ferdinand den etwa 60 cm hohen Mauersims und Schritt für Schritt die Steigung. Als er bei der Person ankam – jetzt erkannte er, dass es sich keinesfalls um eine Puppe handelte – fragte er noch einmal: „Kann ich Ihnen helfen?“, erhielt aber keine Antwort.
Mit einem unguten Gefühl wagte er, seine Hand an den Hals der Frau zu legen, um sie schnell wieder wegzuziehen. Erschrocken hielt er sich am nebenanstehenden Trafokasten fest. Gänsehaut erfasste seinen Körper, gleichzeitig traten Schweißperlen auf seine Stirn. Dennoch konnte er nicht umhin, die Person näher in Augenschein zu nehmen; Macht der Gewohnheit aus seiner Zeit als Sanitäter.
Mit zwei Fingern seiner Hand hob Ferdinand das Kinn der Frau an. Sie dürfte wohl so um die 70 Jahre alt sein, stellte er fest, war aber für ihr Alter ungewöhnlich stark geschminkt und … kratzig? Er schaute genauer hin.
„Herr im Himmel. Das ist ein Mann“, murmelte er.
So schnell es ihm möglich war, hastete er den kurzen Abhang hinab. An der Bank angekommen, nahm Ferdinand seine Hündin hoch, presste sie an sich und setzte sich erst einmal. Nachdem er wieder einigermaßen klar denken konnte, sagte er: „Lizzy, ich glaube, wir müssen die Polizei verständigen. Da stimmt etwas nicht.“
Er tastete in seiner Hosentasche nach seinem Handy. Natürlich lag das zu Hause.
Mittwoch / 08:20 Uhr
Der diensthabende Polizeibeamte schaute skeptisch durch die Glasscheibe, als Ferdinand Roth explizit nach Polizeihauptkommissar Josef Maier, dem Leiter der Polizeidienststelle, fragte.
„Ich muss unbedingt mit Ihrem Vorgesetzten sprechen“, äußerte er nochmals eindringlich.
Der Polizist zeigte auf die Stühle, die in dem kleinen Flur vor der Anmeldung, an der gegenüberliegenden Wand standen, und griff zum Telefonhörer. Dabei ließ er Ferdinand nicht aus den Augen. Erst jetzt entdeckte er die Hündin, die brav neben ihrem Herrn Platz machte.
Sofort wurden die Gesichtszüge des Polizeibeamten weicher, was vermutlich daran lag, dass Lizzy den Mann hinter der Glasscheibe mit schräg gelegtem Kopf, aus ihren schwarzen Knopfaugen anschaute. Damit hatte die Hundedame immer Erfolg.
Gedämpftes Gemurmel drang in den Wartebereich. Wenige Minuten später öffnete Polizeihauptkommissar Josef Maier die seitliche Glastür, durch die es zu den innen liegenden Amtsräumen ging.
Ferdinand erhob sich und Lizzy ebenfalls.
„Ich nehme an, Sie sind Herr Roth?“, stellte Josef Maier in ernstem Ton fest, um sich dann lächelnd zu der Hundedame herunterzubeugen. „Und wen haben wir hier?“ Er hielt ihr seine Hand zum Schnuppern unter die Nase. Die wedelte mit dem Schwanz und schleckte kurz über dessen Finger.
„Das ist Miss Lizzy“, antwortete Ferdinand nervös. „Ich muss eine Tote eh ... einen Toten melden.“
Maier ließ von der Hündin ab und sah den Mann vor ihm bestürzt an. „Ja was denn nun? Und wo? Kommen Sie.“
Die beiden wurden in ein Büro geführt. Der Polizeihauptkommissar machte eine Geste auf die vor seinem Schreibtisch stehenden Stühle. Er selbst ließ sich dahinter im Sessel nieder. Gleichzeitig griff er nach Block und Stift.
„Nun erzählten Sie mal der Reihe nach, Herr Roth.“ Maier stutzte. „Sagen Sie, kennen wir uns nicht? Ach, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie wohnen in einem der Häuser im Klosterhof, stimmt’s?“
„Ja“, bestätigte Ferdinand knapp.
Maier nickte betreten. Sofort ereilte ihn die Erinnerung an den Toten im Graben der Klostermühle vor einem Jahr und die vorläufige Inhaftnahme der Roths. Eine unschöne Sache damals.
„Sie haben also einen Leichenfund zu melden? Ich hoffe nur, es liegt nicht schon wieder ein Toter im Klosterhof.“
Ferdinand schüttelte den Kopf. „Aber unten am Main, an der Mulaule.“
„Woher wollen Sie wissen, dass die Person tot ist? Haben Sie sie etwa an…?“
„Ich wollte sehen, ob ich helfen kann“, fiel er dem Polizeihauptkommissar ins Wort und fügte erklärend hinzu: „Ich war früher Sanitäter. Auf den ersten Blick sah es aus, als würde sie schlafen. Dann dachte ich, es könnte auch eine Puppe sein, in der Seligenstädter Tracht – also der Tracht der Frauen“, schilderte Ferdinand seinen Eindruck. Es wunderte ihn selbst, dass er nun auf einmal so ruhig und gelassen seine Angaben vorbrachte.
„Die Seligenstädter Tracht?“, wiederholte Maier ungläubig und schaute Roth mit in Falten gelegter Stirn an. „Sprachen Sie nicht soeben von einem männlichen Toten?“
„Das ist ja gerade das Merkwürdige. Es ist ein Mann in der Kleidung einer Frau.“
Josef Maier brauchte ein paar Millisekunden. Dann fragte er: „Das erklären Sie mir bitte.“
„Als ich meine Hand auf die Schlagader am Hals legte, fühlte es sich stachelig an. Da habe ich kurz das Kinn angehoben und ... ja, da waren einwandfrei Bartstoppeln.“
Der Polizeihauptkommissar beugte sich ein wenig über seinen Schreibtisch. „Getrunken haben Sie aber nicht?“
„Um diese Zeit?“, ereiferte sich Ferdinand etwas zu laut. „Ich bitte Sie.“
„Ja, ist ja gut.“ Maier winkte ab. „Was glauben Sie, was ich hier schon alles erlebt habe.“ Er schnaufte hörbar. „Wann haben Sie die Leiche gefunden?“
„Das muss so etwa 10 bis 15 Minuten her sein. Und gefunden hat sie eigentlich Lizzy, meine Hündin.“
„Haben Sie schon den Notarzt oder die Feuerwehr gerufen?“
„Nein. Mein Handy liegt zu Hause. Ich wollte ... also wir wollten nur kurz Gassi gehen und Brötchen holen. Ach du liebe Zeit, Bettina!“ Ferdinand sprang auf. „Meine Frau wird sich bestimmt schon sorgen, wo ich so lange bleibe.“
„Wie geht es Ihrer Frau? Ich hoffe“, Maier räusperte sich, „sie konnte die eh ... unleidige Angelegenheit von damals einigermaßen gut verarbeiten? Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen für die Unannehmlichkeiten. Aber mir blieb keine Wahl.“
„Machen Sie sich keine Vorwürfe. Das war alles nur ein großes Missverständnis. Sie haben nur Ihre Arbeit getan. Und danke, meiner Frau geht es gut, was auch an Miss Lizzy liegt.“
Die Hündin lag vorbildlich neben Ferdinands Stuhl, hob aber jetzt ihren Kopf, als sie ihren Namen hörte.
„Das beruhigt mich. Danke, dass Sie mir das nicht nachtragen.“ Josef Maier, hievte sich aus seinem Bürosessel und warf der Hündin einen zärtlichen Blick zu. „Sie ist aber auch eine ganz Süße.“
Es schien, als ob Lizzy den Polizeihauptkommissar angrinste.
„Rufen Sie Ihre Frau an, während ich eine Streife zur Mulaule schicke.“ Josef Maier schob das Telefon über den Schreibtisch.
Natürlich hatte Bettina sich bereits Sorgen gemacht und erwogen, nach ihrem Ehemann zu suchen. Der Grund seiner langen Abwesenheit erregte sie allerdings noch mehr. „Weißt du wer es ist?“
Ferdinand verneinte, obwohl er das Gefühl hatte, dass ihm das Gesicht bekannt vorkam.
„Nun kümmert sich die Polizei darum. Ich mache mich jetzt auch gleich auf den Weg. Trotz alldem knurrt mir der Magen.“
Der Dienststellenleiter kam in den Raum zurück, als Ferdinand gerade den Hörer auflegte.
„Danke für das Telefonat“, sagte er. „Brauchen Sie mich noch, oder kann ich jetzt gehen?“
„Ja, natürlich. Sie können gehen, Herr Roth. Eine Streife ist bereits unterwegs. Sollte die Kriminalpolizei noch Fragen haben, wissen wir ja, wo wir Sie finden.“
Sofort bemerkte Maier seinen Fauxpas und schoss hinterher: „Entschuldigung. So hatte ich das nicht gemeint.“
Nachdem Ferdinand seine Hündin die Treppe runtergetragen hatte, setzte er sie vor der Polizeistation ab. Lizzy hatte nichts Eiligeres zu tun, als direkt an der Ecke der letzten Treppenstufe ihre Duftmarke zu hinterlassen.
„Das hat dich wohl auch sehr mitgenommen“, quittierte Ferdinand. „Jetzt aber nix wie weg von hier, sonst bekommen wir zwei noch Ärger. Außerdem wartet Frauchen schon zu lange.“
Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Bäckerei. „Weißt du was? Wir kaufen gleich dort unsere Brötchen.“
Die beiden überquerten die Straße und liefen direkt in die Arme von Gundula Krämer, die gerade aus der Tür kam.
„Ja, Ferdi. Was machst du denn so früh bei der Polizei?“ Mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis, stellte sich die gerade mal 1 Meter 45 kleine Frau dem 1 Meter 90 Hünen in den Weg.
„Ist schon wieder was passiert?“
„Wieso? Woher weißt du ...?“
Sogleich gab Ferdinand sich selber die Antwort.
Was Gundel an Körpergröße fehlte, machte sie durch ihre allgegenwärtigen Augen und Ohren wett. Zurückhaltung und Diskretion waren nicht gerade ihre Stärken. Sie sah und wusste einfach alles, was in der Stadt vor sich ging und kannte auch beinahe jeden; zumindest die alteingesessenen Einwohner.
Jetzt hatte sie ihn und Lizzy gesehen, als sie die Polizeidienststelle verließen. Es hatte also keinen Sinn etwas abzustreiten oder zu verheimlichen. Zudem würde es morgen sowieso in der Zeitung stehen, die Gundel regelmäßig und intensiv las.
Dennoch informierte Ferdinand die Schwägerin seiner Ehefrau nur über den Fund der Leiche neben der Mulaule; nicht aber darüber, dass es sich um einen Mann in der Seligenstädter Tracht der Frauen handelte.
„Und warum hast du nicht schon von dort den Notarzt und die Polizei gerufen?“, fragte Gundel mit einem unüberhörbaren Vorwurf in der Stimme.
„Ein Notarzt hätte da nichts mehr ausrichten können; das kannst du mir glauben. Außerdem liegt mein Handy zu Hause“, antwortete Ferdinand wahrheitsgemäß.
„Hm, hm, hm“, brummte Gundel und schüttelte ihren Kopf mit den dauergewellten, hellblonden Haaren.
„Typisch Mann. Jetzt gibt es schon die Möglichkeit, mit einem Handy von überall hin und her zu telefonieren und dann vergisst du es mitzunehmen.“
Dem hatte Ferdinand nichts entgegenzusetzen und hob nur entschuldigend die Schultern.
„Ich muss jetzt aber wirklich ... Bettina wartet.“
Er drängte sich an Gundel vorbei und öffnete die Tür zur Bäckerei.
„Du musst aber unbedingt Helene und Herbert informieren“, rief diese ihm hinterher. „Ihr seid doch in letzter Zeit sowieso so eng.“
Zum besseren Verstehen ihrer Andeutung kreuzte sie ihre kurzen, fleischigen Zeigefinger übereinander.
„Ich sage schon mal Sepp und Schorsch Bescheid. Die ersten Stunden sind entscheidend für die Ermittlungen“, hörte Ferdinand dumpf ihre helle Stimme durch die bereits geschlossene Tür.
Er holte tief Luft. Warum muss die Frau ständig irgendwem irgendwas erzählen? Und welche Ermittlungen, dachte er noch. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Er tätig schnell seinen Einkauf und eilte, die Brötchentüte in der einen Hand, Lizzy an der anderen führend, die Bahnhofstraße entlang. In Höhe des Kinos hielt er kurz an und schaute nach links.
Soll ich doch erst einen Abstecher zu Helene und Herbert machen, rauschte der Gedanke durch seinen Kopf. Hingegen zeigte seine Armbanduhr: 9 Uhr 20. Er entschied sich für das Frühstück mit Bettina.
Mittwoch / 10:15 Uhr
Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener schaute aus dem Fenster ihres Büros und schlürfte bereits ihren dritten Kaffee an diesem Morgen.
Seit einigen Tagen war es ungewöhnlich ruhig im Dezernat K11 des Offenbacher Kriminalkommissariats. Weder ein Brand- oder Waffendelikt und schon gar kein aktueller Mord, den es aufzuklären galt, landeten auf ihrem Schreibtisch. Auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter Dr. Ludwig Lechner stürzte nicht, zwecks Infos, wie eine Tsunamiwelle über die Türschwelle. Es gab ja nichts, wonach er sich hätte erkundigen sollen.
Stattdessen hatten sie und ihr Team die Akten einiger alter und ungeklärter Fälle vor sich liegen. Angesichts der ruhigen Lage waren ihnen diese von höherer Stelle aufs Auge gedrückt worden.
Während Andreas Dillinger, ihr Lebensgefährte, sich im Archiv des Präsidiums seit Jahren mit Leidenschaft diesen sogenannten „Cold Cases“, widmete, blätterte Lars Hansen – Mitte des Jahres ebenfalls im Rang des Kriminalhauptkommissars – gelangweilt darin herum.
Hingegen war sein Kollege, Harald Weinert, recht froh über die nicht allzu anstrengende, wenn auch monotone Betätigung. Im Februar war er Vater geworden und hatte in den ersten Monaten kaum eine Nacht durchgeschlafen. Das normalisierte sich zwar – seine kleine Tochter schlief jetzt ganze sechs Stunden am Stück. Dennoch machte sich der monatelange ungewohnte Schlafrhythmus in Form diversen auffälligen Gähnens noch immer bemerkbar.
Nicole und Lars hatten dafür nur ein müdes Lächeln übrig und den weisen Spruch: So hattest du dir das nicht vorgestellt, oder?
„Wenn nach so langer Zeit ein Mord noch aufgeklärt wird, kann man schon von einem glücklichen Zufall sprechen“, murmelte Lars halblaut vor sich hin.
„Sag‘ das nicht“, widersprach Harald. „Du weißt doch selbst, dass es heute möglich ist, durch eine DNS-Analyse den oder die Täter, auch nach Jahrzehnten noch zu überführen.“
„Vorausgesetzt sie leben noch“, warf Lars ein.
„Selbst, wenn sie nicht mehr am Leben sind, ist es für die Angehörigen der Opfer immer ein Trost, wenn der Mörder ihrer Liebsten doch noch ermittelt wird, auch wenn er nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.“
„Wenn du das sagst“, antwortete Lars unaufmerksam und blätterte in den Seiten der vor ihm liegenden dünnen Mappe.
„Was hat ein Vermisstenfall unter den ungeklärten Mordfällen zu suchen? Da ist dem Andy doch tatsächlich mal ein Fehler unterlaufen.“
„Kann ja mal passieren“, erwiderte Harald. „Gib her. Ich bring ihm die Akte zurück.“
In der Hoffnung, für kurze Zeit dem reizlosen Zeitvertreib zu entkommen, streckte er den Arm aus um die Unterlagen entgegenzunehmen. Doch Lars machte keine Anstalten diese seinem Kollegen auszuhändigen.
Stattdessen nuschelte er vor sich hin: „Das ist allerdings interessant. Es handelt sich um einen 17-jährigen Jungen, Daniel Hagemann aus Seligenstadt. Er ist fast genau heute vor 16 Jahren verschwunden und gilt bis dato als vermisst.“
„Aus Seligenstadt?“ Harald kam um den Tisch herum und beugte sich über die Schulter seines Kollegen.
***
Was ist nur mit den bösen Jungs los, sinnierte Nicole. Einen Moment ereilte sie die Illusion, die Welt hätte sich zum Guten gewandt und sie – sprich die Kriminalpolizei – würde nicht mehr gebraucht. Der törichte Gedanke entfloh ihrem Bewusstsein so schnell, wie er gekommen war.
Das wird nie passieren. Das menschliche Wesen ist nicht dafür geschaffen, auf immer und ewig friedlich miteinander umzugehen.
Ein Spruch, der Andy öfter mal rausrutschte; kein Wunder bei all den verstaubten Akten, von denen er umgeben war.
Als ihr Handy jetzt klingelte, zuckte sie zusammen und hätte fast ihren Kaffee verschüttet.
„Wegener“, meldete sie sich lässig. „Ja, ich wohne in Seligenstadt, wieso? ... Eine Tote? Sie machen Scherze?“
Der Kollege vom Kriminaldauerdienst versicherte mit müder, aber essigsaurer Stimme, dass er in Bezug auf Verstorbene nie Späße machen würde und auch sonst keinen Anlass dazu hätte.
Nicole wackelte mit dem Kopf und rollte mit den Augen. Nach dem dreiminütigen Gespräch, währenddessen sie sich Notizen machte, rief sie ins Nebenzimmer: „Jungs, wir haben einen Mord.“
„Au, fein“, kam die Antwort wie aus einem Mund von ihren Mitarbeitern und gleich danach von Harald: „Sorry, so war das nicht gemeint.“
Nicoles Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „In Seligenstadt wurde eine Tote gefunden.“ Im gleichen Moment erwartete sie die bekannte Retoure, die auch sofort kam.
„Was? Schon wieder? Das ist nicht dein Ernst?“ Lars stand am Türrahmen und drohte mit dem Zeigefinger. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, in diesen Ort zu ziehen. Leichen auf verlassenen Grundstücken. Leute, die vergiftet, erwürgt und anschließend gerädert werden.“
„Vergiss nicht die Spukgeschichten, die noch immer in dem Ort die Runde machen“, nahm Harald grinsend den Faden auf. Plötzlich war er hellwach. „Ich sage nur – der schwarze Mönch.“
„Ja, das Böse ist immer und überall“, konterte Nicole. „Obertshausen ist aber auch nicht gerade der Garten Eden, oder?“ Sie zwinkerte ihrem Kollegen kokett zu.
„Das nicht. Aber, lass mich überlegen. Wann gab es dort den letzten Mord? 2008 und davor 2003?“ Lars fuhr mit der Hand über seinen Dreitagebart und anschließend durch seine schulterlangen, braunen Haare.
„Wenn ich mich nicht irre, liegen immerhin 5 Jahre dazwischen. Ein kleiner Unterschied zu deinem auserwählten kuscheligen Domizil – jedes Jahr ein Mord.“
„Bevor dein Hirn qualmt, schnapp dir einen Dienstwagen. Harald und ich fahren mit dem Insignia, alles andere steht – soweit vorhanden – zu deiner freien Verfügung.“
In diesem Jahr hatte die Polizeibehörde ihren Fuhrpark um zehn Fahrzeuge erweitert und Nicole hatte sofort einen entsprechenden Antrag auf ein neues Auto gestellt. Zum Erstaunen ihrer Mitarbeiter wurde ihr und ihrem Team ein fabrikneuer Insignia zugeteilt.
„Übrigens, die Tote trägt die Seligenstädter Tracht“, rückte Nicole mit den ersten Infos heraus. „Soweit mir bekannt ist, findet aber zurzeit keine passende Festivität statt. Sprich du mal mit Josef Maier“, wandte sie sich an Harald. „Vielleicht kann er dir nähere Auskünfte geben.“
Nicole wusste, dass er sich, seit dem Leichenfund vor zwei Jahren in der NOTH GOTTES-Kapelle, sehr für die Historie Seligenstadts interessierte und deshalb engeren Kontakt mit dem Dienststellenleiter der Seligenstädter Polizei aufgebaut hatte.
„Wieso rücken wir nicht alle zusammen in einem Wagen an?“, erkundigte sich Lars.
„Harald und ich fahren anschließend direkt zur Rechtsmedizin nach Sachsenhausen. Dort liegt nämlich schon unsere Leiche. Der griesgrämige Kollege vom KDD informierte mich, dass er bereits die Staatsanwaltschaft benachrichtigt hat und die Obduktion für Punkt 15 Uhr angesetzt ist. Ich denke, da willst du nicht mit?“
Lars hob die Hände. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“
„Dachte ich mir“, erwiderte Nicole lachend.
Ihr Kollege hatte eine, für einen Kriminalkommissar nicht unbedingt förderliche Abneigung Leichenöffnungen beizuwohnen, und sie nahm, soweit dies möglich war, darauf Rücksicht. Einmal wies sie sogar den Staatsanwalt, der verbal sein Unverständnis darüber zum Ausdruck brachte, mit der Bemerkung zurecht: Haben wir nicht alle unsere kleinen Macken?
„In der Kennedyallee haben sie wohl auch nicht viel zu tun“, kommentierte Harald die ungewöhnlich zügige Autopsie.
„Wenn wir nicht liefern, sind auch der Doc und sein Team arbeitslos“, konterte Nicole, mit einem Grinsen und nahm ihre Tasche und Jacke von der Rückenlehne ihres Bürosessels.
„Während ihr mit den Kalten ein Rendezvous habt, werde ich meine Beziehung zur elektronischen Datenverarbeitung intensivieren, sobald ihr mir Infos vorlegt“, bot Lars seine Dienste an.
„Clever“, raunte Harald seinem Kollegen zu.
„Dafür darfst du den Wagen holen, Harry“, rief der ihm hinterher, mitsamt einem Stift, der aber am Türrahmen abprallte und vor den Füßen von Dr. Ludwig Lechner landete.
Der Erste Kriminalhauptkommissar der Abteilung des K11 zog erschreckt den Kopf ein.
„Entschuldigung! Mein Kollege übt noch“, sagte Harald und bückte sich nach dem Schreibmaterial.
„Was?” Der Chef des K11 schaute seine Mitarbeiter befremdet an. „Also das ... eh, das wäre ja noch schöner. Eh ... also, weshalb ich hier bin. Wo wollen Sie eigentlich hin? Sie haben einen neuen Fall.“
Nicole schlängelte sich an ihrem Vorgesetzten vorbei. „Wir sind schon unterwegs.“
„Ja, aber Sie wissen doch noch gar nicht wohin?“ Dr. Lechner drehte sich halb um die eigene Achse.
„Nach Seligenstadt. Dort wurde eine Tote aufgefunden.“
„Es sei denn, Sie haben eine weitere Leiche für uns?“, ergänzte Nicole die Aussage von Harald.
„Eh, ja ... ich meine, natürlich nein. Eine Leiche pro Tag genügt ja wohl. Oder?“
Dr. Lechner wischte mit einem blütenweißen Batist-Taschentuch seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn ab. Schuld dafür war nicht die stickige Luft in den Fluren des alten Polizeipräsidiums, das nie über eine Klimaanlage verfügt hatte und auch keine mehr erhalten würde, weil ein Neubau bereits in Planung war, sondern sein stetig steigender Blutdruck.
„Wir wurden gerade von den Kollegen des KDD unterrichtet“, beendete Nicole die sichtbar mentale Überbeanspruchung ihres Chefs. „Sobald wir mehr wissen, geben wir Ihnen sofort Bescheid, wie immer.“
„Ja, ja, tun Sie das. Ich weiß ja, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Frau Wegener. Viel Erfolg.“
Mit diesen lobenden und aufbauenden Worten schritt Dr. Ludwig Lechner, mit leicht hängenden Schultern, den Gang entlang.
„Viel Erfolg?“, wiederholte Lars, als sie alle drei im Fahrstuhl nach unten fuhren. „Was ist denn mit dem los?“
„Er überlebte gerade einen Anschlag durch einen Stabilo point“, antwortete Harald. „Wie würdest du darauf reagieren?“
„Hoffentlich behält er kein Trauma zurück“, lachte Lars.
„Jungs, bitte“, erwiderte Nicole. „Etwas mehr Respekt. Auch wenn Dr. Lechner manchmal etwas ... sonderlich ist, so ist er noch immer unser Chef.“
„Wie lange, glaubst du, wird er uns noch erhalten bleiben?“, fragte Harald. „Immerhin ist er auch schon 64 und längst pensionsberechtigt und, so ganz gesund sah er gerade auch nicht aus.“
Nicole zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich hoffe aber noch ganze Weile. Bei ihm wissen wir zumindest woran wir sind. Was danach kommt, steht in den Sternen. Also, seid lieb zu ihm. Klar?“
„Klar, Chefin“, antwortete Harald.
„Genau wie zu dir“, setzte Lars nach. „Wir beide lieben dich sehr. Stimmt’s Harry?“
Nicole grinste. „Nicht nötig. Die Aufgabe hat Andy bereits übernommen.“
Mittwoch / 10:20 Uhr
Das große Haus hatte es möglich gemacht, dass sie zwischen zwei Räumen wählen konnte. Sie entschied sich für das Zimmer, von dem aus sie den Blick in den Garten hatte.
Nun schaute sie aus dem Fenster auf den von der Hitze des Sommers gezeichneten, nicht mehr ganz grünen Rasen und auf das schon herbstlich gefärbte Laub der Bäume.
Auf den Tag genau, vor einem Jahr, war die 63-Jährige aus dem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen, was bei ihrem Ehemann auf Unverständnis stieß und letztlich in einem groben Wortgefecht, vonseiten ihres Gatten, endete.
Sie hätte wohl nicht mehr alle Sinne beisammen, schnaubte er wutentbrannt und drohte, sie aus dem Haus zu werfen, und zwar mittellos, sollte sie nicht zur Vernunft kommen.
Maria Hagemann verstand nicht wieso er, sogar in den eigenen vier Wänden, darauf bestand diese Farce aufrechtzuerhalten. Ebenso wenig konnte sie ergründen, woher sie plötzlich den Mut genommen hatte, ihm ins Gesicht zu schleudern, wenn er sie rauswerfen würde, sie allen erzählen würde, weshalb Daniel wirklich von zu Hause weggelaufen war.
Im ersten Moment war der Staatsanwalt a.D. sichtlich erschrocken. Noch niemals zuvor hatte es irgendwer gewagt, ihm zu drohen. Am wenigsten hätte er dies von seiner, bis dato gehorsamen, Ehefrau erwartet.
Mit einem hässlichen, aber unsicherem Lachen verließ er danach das Haus. Natürlich in dem unerschütterlichen Glauben, dass Maria bei seiner Rückkehr zur Besinnung gekommen sein würde.
Nur blieb sie diesmal stur, wie ihr Ehemann erkennen sollte. Genauso wie er sich, seit diesem Tag, mit der Tatsache abfinden musste, dass seine Ehefrau sich weigerte, weiterhin an Veranstaltungen teilzunehmen, an deren Organisation er maßgeblich beteiligt war, oder dessen Vorsitz er ehrenamtlich innehatte. Wodurch sich Heinz Hagemann gezwungen sah, die Abwesenheit seiner Frau immer wieder durch neue Ausreden entschuldigen zu müssen.
Nach 40 Jahren Ehe, in denen Maria sich stets seinen Wünschen untergeordnet hatte, ohne zu widersprechen, brach für ihn eine Welt zusammen.
Eine Ehefrau hatte ihrem Ehemann Folge zu leisten! So war es schon bei seinen Eltern, bei ihren ebenso und den Generationen davor. Die zwangsläufig enge Verbindung zur Kirche, mit ihren christlichen Dogmen, denen sie beide ebenfalls von Haus aus anhingen, tat das Restliche dazu.
Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass Maria Hagemann, nachdem ihr einziger Sohn, von zu Hause weggelaufen war, ihr Heil und ihre Kraft in Gebeten und dem fast täglichen Kirchgang suchte.
Anfangs hatte sie die Hoffnung, wenn sie nur intensiv genug zu Gott dem Herrn betete, würde ihr Sohn bestimmt wieder heimkehren. Aber ihre Gebete wurden nicht erhört und ihr Ehemann tat sein Möglichstes, Salz in ihre Wunden zu streuen.
Du hast ihn verweichlicht, zu einer Memme verzogen, sonst hätte er das niemals getan, so seine, sich beinahe täglich wiederholende Anklage, die nur darauf zielte, seine eigene Fehlerhaftigkeit zu verbergen. Dabei wusste Maria seit Jahrzehnten von seinem Geheimnis. Sie sprach nur nie darüber – verdrängte es und ertrug ihr Schicksal. Was blieb ihr anderes übrig.
Nach wie vor kochte sie, hielt das große Haus sauber, in dem sie sich nie richtig wohl gefühlt hatte und versorgte den Garten – ihre einzige Freude.
Maria Hagemanns Umdenken und somit auch ihr Widerstand gegen ihren Ehemann begann an dem Morgen, an dem sie, nach mehr als 19 Jahren, einen Brief von ihrem Sohn in den Händen hielt. Sie konnte es kaum glauben und dennoch hatte sie es in ihrem Inneren immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde.
Entgegen allen Äußerungen aus ihrem Umfeld – ihr Sohn wäre vermutlich nicht mehr am Leben, womöglich sogar Opfer eines Triebtäters geworden – hatte sie nie wirklich daran gezweifelt, dass Daniel sich eines Tages wieder bei ihr melden würde.
In krakeligen Buchstaben entschuldigte er sich dafür, sich in all den Jahren nicht gemeldet zu haben. Oft hätte er Anlauf genommen, aber in letzter Minute der Mut verlassen. Jetzt hätte eine Entscheidung getroffen, die sein kommendes Leben beeinflussen würde. Eine nähere Erklärung würde er ihr gerne persönlich mitteilen, wozu er noch etwas Zeit benötigte.
Nachfolgend schilderte Daniel sein Lebensweg, seit dem Zeitpunkt, als er mit 17 Jahren von zu Hause weggegangen war.
Gelegenheitsjobs, um über die Runden zu kommen – ein kleines Zimmer, bei einem netten Ehepaar in Frankfurt. Später – eine Lehre als Schreiner, dann Prüfung zum Meister – Umzug nach Mainz, wo er seit mehr als 10 Jahren in einer glücklichen Beziehung sei und in einem Architektenbüro arbeite.
Maria fühlte Erleichterung und Stolz, dass Daniel es trotz der widrigen Umstände geschafft hatte, sich ein neues Leben aufzubauen. Gleichzeitig beschlich sie Furcht. Was war in den letzten Monaten passiert? Welche Entscheidung meinte ihr Sohn und weshalb suchte er gerade jetzt den Kontakt zu ihr? Sollte er vielleicht schwer krank sein, möglicherweise Krebs haben, eine Knochenmarkspende benötigen oder brauchte er eine Organspende?
Sie malte sich die schlimmsten Dinge aus. Ihr Herz schien zerspringen zu wollen und ihre Augen brannten. Aber, da kamen keine Tränen, die ihre jahrelangen Qualen hätten mildern können. Dagegen verspürte sie eine niemals gekannte und nicht für möglich gehaltene Wut auf ihren Ehemann, der nie würde erfahren dürfen, dass Daniel Kontakt zu ihr aufgenommen hatte und ab jetzt, wie er ihr mitteilte, regelmäßig schreiben wollte.
Noch in der gleichen Stunde eröffnete Maria Hagemann ein Postschließfach auf ihren Namen und teilte Daniel die Daten mit. Seit jenem Tag fuhr sie jeden Dienstagmorgen mit ihrem Fahrrad zum Postamt, und nie wurde sie enttäuscht.
In freudiger Erwartung auf Neuigkeiten öffnete sie auch an diesem Morgen die Nachricht von ihrem Sohn. Dabei fiel ein weiterer Brief heraus, adressiert an ihren Ehemann. Verwundert legte Maria diesen zuerst einmal auf den Beistelltisch und widmete sich, denen für sie bestimmte Zeilen.
Sie erschrak.
Daniel schrieb, dass ihm der Bericht über die bevorstehende Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an seinen Vater in die Hände gespielt worden war; von wem wüsste er nicht.
Wie kann so etwas möglich sein??
Die doppelten Fragezeichen und der zusätzlich unterstrichene Satz führten Maria klar vor Augen, wie entsetzt ihr Sohn war.
Sollte sein Vater nicht selbst die Initiative ergreifen und dieser schändlichen Farce ein Ende bereiten, so teilte Daniel mit, würde er nicht mehr länger schweigen. Alle Welt würde erfahren, welch ein Mensch Heinz Hagemann wirklich ist.
Maria ließ die Blätter in ihren Schoß sinken.
Hatte sie schon wieder einen Fehler gemacht, indem sie Daniel verschwieg, dass diese Verleihung bevorstand? Sie wollte ihn doch nur schützen. Im gleichen Moment fragte sie sich, wer ihrem Sohn diesen Zeitungsartikel zugespielt haben könnte.
Alle seine Schulfreunde – insbesondere Oliver Krug – sein damals bester Freund, hatten den Kontakt schnell abgebrochen, ebenso dessen Eltern, nachdem Daniel verschwunden war,
Maria bemerkte diese misstrauische Distanz jeden Samstag, wenn sie zum Markt unterwegs war und die Krugs sowie auch andere Eltern ehemaliger Klassenkameraden ihr über den Weg liefen, oder eher aus dem Weg gingen.
Anfangs schmerzte es sehr, dass sie nicht ein tröstliches Wort von den Leuten, gerade von den Krugs, zu hören bekam. Andererseits konnte sie es ihnen nicht verübeln. Olivers Eltern machten Heinz Hagemann für den Absturz ihres Sohnes in die Kriminalität verantwortlich; was vielleicht auch teilweise stimmte.
Im Alter von 16 Jahren wurde Oliver in einem Musikgeschäft ertappt, als er einige Tonbandkassetten stehlen wollte. Richter Friedhelm Hanke, ein ehemaliger Unteroffizier, folgte wie fast immer, dem Antrag seines Staatsanwalts, Heinz Hagemann und verurteilte den Jungen zu einer 3-monatigen Jugendstrafe, aus der er traumatisiert zurückkam.
Über das, was damals in diesem Jugendgefängnis passiert war, schwieg Oliver eisern, wurde aber immer wieder straffällig und wegen Einbruch und Diebstahl festgenommen. Vor einigen Jahren sogar aufgrund der Vergewaltigung an einer jungen Frau.
Wohl wissend, dass es Ärger bedeutete, öffnete Maria nun auch den Brief, der an ihren Mann adressiert war.
Schon die Anrede: – An Herr Hagemann – nicht Heinz Hagemann oder gar Vater, verriet Daniels ungeheuren Groll.
Wenn du dachtest, ich wäre gänzlich aus deinem Leben verschwunden an jenem Tag vor genau 20 Jahren, muss ich dich enttäuschen, erneut! Ich lebe und es geht mir gut. Allerdings vermute ich, es interessiert dich nicht und es ist auch nicht der Grund weshalb ich dir, nach all der Zeit, schreibe.
Aber, stopp! Bevor du jetzt das Blatt aus lauter Wut zerreißt, solltest du doch lesen, was ich dir zu sagen habe, denn dein weiteres, so „hochanständiges“ Leben könnte davon abhängen.
Ich wurde davon unterrichtet, dass dir das Bundesverdienstkreuz verliehen werden soll, für besondere aufopferungsvolle ehrenamtliche Tätigkeit zum Wohle deiner Mitmenschen.
Ich dachte, es verschlägt mir die Sprache!
Wer kommt denn auf eine solche Idee, fragte ich mich. Doch dann erinnerte ich mich wieder daran, wie sehr du schon immer Leute beeinflussen konntest. Wie man sieht, hast du nichts verlernt, aber auch nichts dazugelernt.
Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm diese Auszeichnung nicht an, oder du wirst es bereuen!
Es ist leichter, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr maßzuhalten.
PS. Du hast Nietzsche oft zitiert, dich aber nie an seinen Weisheiten orientiert.
Daniel.
Es ist leichter, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr maßzuhalten.
Nachdem Maria Hagemann die Zeilen erneut gelesen hatte, ging sie nach unten in die Küche und legte den Brief auf den Tisch, neben den Frühstücksteller ihres Ehemanns.
Kurzfristig wunderte sie sich, dass er noch immer nicht aufgestanden war, verschwendete aber keinen weiteren Gedanken darüber und öffnete die Terrassentür zum Garten.
Das Laub auf dem Rasen musste weg.
Mittwoch / 10:35 Uhr
Zu Mittag sollte es Schnüsch geben, nach dem Rezept von Helenes Großmutter. Ein Stück geräucherter Speck köchelte bereits in verlässlicher Harmonie mit Lauch und Möhren, in einem Gemisch von Milch und Wasser, in einem Topf. Jetzt schälte sie die Kartoffeln.
Eigentlich galt Schnüsch in Norddeutschland als ein sommerlicher Gemüseeintopf. Aber bei ihr kam das Gericht auch schon mal im Herbst oder sogar im Winter auf den Tisch, dann natürlich mit Gemüse aus dem Tiefkühlfach.
Nicole und Andy waren ebenfalls nie abgeneigt, einen ordentlichen Rest des Eintopfs abends auf der Terrasse vorzufinden; wussten sie doch, dass das Gemüse, jedenfalls im Sommer, aus Herberts Garten kam und deshalb aus rein biologischem Anbau.
Seit er letztes Jahr den beiden, für eine geringe Miete, sein Haus überlassen hatte, kümmerte sich Andy auch um den Gemüsegarten. Somit war für Herbert, gerade in den warmen Monaten, nicht gezwungen täglich mit der Gießkanne bewaffnet nach dem Rechten zu sehen.
Nicole hatte eher weniger mit der Gartenarbeit am Hut. Sie genoss lieber bei einem Glas Rotwein die Sonne auf der Terrasse oder lag im angrenzenden Zengarten.
Sie nannte es: Mit Genuss die innere Mitte finden und war damit ganz bei Herbert, der den Garten vor einigen Jahren, nachdem er von seiner Weltreise zurückgekehrt war, angelegt hatte. Die kleine Oase der Ruhe diente außerdem zu Übungsstunden in Thai Chi oder Yoga, unter seiner fachkundigen Leitung.
Auch Elfi, die Tochter von Josef Richter, nahm oft daran teil. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Kraft tanken musste und eine Auszeit brauchte von ihrem betagten, zwar noch rüstigen, aber manchmal anstrengendem Vater, den alle nur Sepp nannten.
Während Helene die Kartoffeln in den Topf legte, gingen ihre Gedanken auf Reisen.
Vor zwei Jahren hätte sie nicht geahnt, dass ihr Leben noch einmal derart ereignisreich und glücklich werden könnte.
Nach dem Tod ihres Ehemanns, eines Polizeibeamten, vor jetzt mehr als 10 Jahren, fühlte sie sich in ihrem Haus ein wenig einsam und beschloss, die oberen Räume zu vermieten. Allerdings wollte sie eine Mieterin, mit der sie sich auch privat verstehen würde, und dachte dabei eher an eine Dame in ihrer Altersgruppe. Doch kaum, dass sie eine Anzeige in die Zeitung gesetzt hatte, meldete sich eine junge Frau, etwa um die 30 Jahre, die ihr sofort sympathisch gewesen war. Als sich dann noch herausstellte, dass es sich um eine Kriminalbeamtin handelte, gab es für Helene keine Zweifel mehr. Sie erfasste es als einen Wink des Schicksals oder sogar wie ein Zeichen von Friedel selbst, der, davon war sie felsenfest überzeugt, wo immer er auch war, auf sie aufpasste.
In den folgenden Jahren entwickelte sich zwischen den beiden Frauen eine innige Verbundenheit – ähnlich einer Mutter-Tochter-Beziehung. Hinzu kam, dass Helene leidenschaftlich gerne Krimis las, und schaute und für sich selbst versuchte, den Täter zu ermitteln.
Freilich sollte Nicole Wegener, von Amts wegen, nicht über ihre Arbeit in einem Mordfall reden. Dennoch fiel die eine oder andere Bemerkung, bei einem köstlichen Abendessen, mit dem Helene fast immer auf sie wartete, oder bei einem Glas Rotwein oder auch einem Whisky. In den meisten Fällen erwies sich ein solcher Gedankenaustausch als fruchtbar und förderte bei Nicole die entsprechende Intuition zur Lösung ihrer aktuellen Ermittlungen.
Und dann trat Herbert Walter in Helenes Leben. Zwar kannten sie sich seit Jahrzehnten, doch wäre keiner von ihnen auf den Gedanken gekommen, dass sie in ihrer zweiten Lebensphase ein Paar würden. Es stellte sich heraus, dass er die gleiche Neugier an den Tag legte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und ebenso gehörte Nervenkitzel zu seinem zweiten Vornamen. Zudem besaß er enorme Kenntnisse im Computer-Bereich und war immer auf dem neuesten Stand, wenn es um Technik und Elektronik ging.
Als die seit Jahrzehnten vergrabenen Leichen auf dem Grundstück gegenüber seinem Haus der Polizei Rätsel aufgaben, konnten sie beide mithelfen, die Tötungsumstände zu klären.
Das Klingeln des Telefons riss Helene aus ihren Träumereien.
Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten, bahnte sich der Gedanke seinen Weg durch ihren Kopf, wie stets, wenn Herbert mit dem Auto alleine unterwegs war. Ihrer Meinung nach fuhr er zu schnell; nach seinem Empfinden – die anderen zu langsam. Noch mehr Sorgen machte sie sich, wenn Sepp auf dem Beifahrersitz saß.
Der mittlerweile 92-jährige Josef Richter – von jedem nur Sepp genannt – hatte sich bei einem Sturz auf der Terrasse eine starke Verstauchung im Ellenbogen zugezogen und ein Haarriss im unteren Rückenbereich. Nun musste er regelmäßig zur Bewegungstherapie. Bedeutete: Wassergymnastik im Krankenhaus. Natürlich passte ihm das überhaupt nicht in den Kram. Schon deshalb nicht, weil seine Tochter Elfi unnötigerweise eine neue Badehose gekauft hatte, obwohl es die alte, die in der hintersten Ecke im Schrank vergraben lag, auch noch getan hätte. Er hatte sie doch nur einen Sommer lang getragen, als das Freischwimmbad 1965 eröffnet worden war. Danach hatte er die Badeanstalt nie wieder betreten. Es war ihm dort zu laut, die Sonne zu heiß und das Wasser zu nass.
Während der 10-minütigen Fahrt zu seinem ersten Termin war er deshalb ständig nur am Meckern und Elfi am Ende ihre Kräfte. Also sprang Herbert ein und kutschierte seinen nervtötenden Nachbarn zur Therapie.
Helene trocknete ihre Hände an einem Stück Küchenpapier ab und eilte in den Flur zum Telefon. Entgegen der Annahme, es wäre ihr Herbert, zeigte das Display die Festnetznummer von Bettina und Ferdinand Roth.
Seit dem Mord an der Klostermühle im letzten Jahr und den damit zusammenhängenden unschönen Verwicklungen, waren sich die beiden Paare nähergekommen. Sie gingen öfter zusammen essen oder unternahmen Tagestouren in die nähere Umgebung. Auch hatten sie im Herbst zu viert einen angenehmen Kurzurlaub an der Mosel verbracht.
Bei dem Aufenthalt in einem 4-Sterne-Hotel handelte es sich eigentlich um ein Geburtstagsgeschenk von Herbert an Helene. Schon lange lag sie ihm damit in den Ohren, stieß aber stets auf Taubheit derselben.
Mit fremden, schwitzenden Menschen Backe an Backe auf engstem Raum zu sitzen, ist einfach nur widerlich, betonte er seine Abscheu zum Thema Wellnesshotel.
Umso erstaunter war sie, als am Morgen ihres 73-zigsten Geburtstags ein Gutschein für einen 3-tägigen Aufenthalt in einem Wellness-Hotel auf dem liebevoll gedeckten Frühstückstisch lag und freute sich sehr. Noch mehr, als Bettina und Ferdinand sich spontan anschlossen. Erst später erfuhr sie, dass Herbert zuvor mit den beiden ein Abkommen getroffen hatte.
Die Damen sollten saunieren, während die Herren es sich bei einem Bierchen im angrenzenden Bistrobereich gut gehen ließen. Damit hatte er elegant die Kurve gekriegt, was die Saunagänge betraf.
„Hallo, Bettina?“, rief Helene fröhlich in den Hörer.
„Helene! Hier ist der Ferdi. Kann ich mal mit Herbert sprechen?“
„Herbert ist nicht da. Er fährt den Sepp zur Krankengymnastik.“ Sofort alarmiert, aufgrund von Ferdinands Tonlage, fragte sie: „Ist irgendetwas mit Bettina?“
„Nein, nein. Bettina geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“ Einen Augenblick später: „Ich habe eine Leiche gefunden.“
„Eine Leiche?“ Helene setzte sich auf die Garderobenbank. Nach einem tiefen Atemzug fragte sie: „Wo?“
„Unten an der Mulaule.“
In diesem Moment hörte sie den Schlüssel in der Haustür. „Ich glaube, er kommt gerade zurück.
Ferdi ist dran“, wandte sie sich Herbert zu. „Er hat eine Leiche gefunden, unter an der Mulaule.“
„Was? Net dein Ernst?“
Sie reichte den Hörer weiter.
„Ferdi, was ist los?“
In den nächsten Minuten hörte Helene ein: Aha! ... Wirklich? ... Bist du dir sicher? Ach, die Polizei weiß auch schon Bescheid? ... Na klar, wir komme nach em Mittagesse.“
Nachdenklich legte Herbert das Telefon zurück auf die Station und sagte: „Der Ferdi hat an der Mulaule e Leiche gefunde. Wir solle nach em Mittagesse mal zu dene komme.“
In diesem Moment klingelte es erneut.
Mit Blick auf das Display stöhnte er. „Die kann ich jetzt net auch noch ertrage.“
Er drückte Helene den Hörer in die Hand.
„Habt ihr schon gehört“, zwitscherte Gundel durch die Leitung. „Der Ferdinand hat eine Leiche bei der Mulaule gefunden. Ich habe ihm gleich geraten, euch davon zu unterrichten.“
„Ich kann mir vorstellen, dass die Polizei bestimmt mehr daran interessiert ist“, entgegnete Helene.
„Dort war er doch schon. Ich kam gerade aus der Bäckerei gegenüber, weil ich heute Morgen mal Appetit auf frische Brötchen hatte. Ansonsten esse ich morgens ja nur Vollkornbrot; ist ja viel gesünder.“
Nur einen Sekundenbruchteil wartete Gundel auf Zustimmung, dann plapperte sie weiter: „Auf jeden Fall habe ihn aus der Polizeistation kommen gesehen, mit seiner Lizzy auf dem Arm. Die hat er sogar die Treppe runtergetragen. Die Ärmste hat es bestimmt im Kreuz.“
Als auch hierzu keine Reaktion von Helene erfolgte, fuhr sie fort: „Der Ferdinand kam dann auch zur Bäckerei rüber. Ich habe ihn natürlich gleich gefragt, was er so früh bei der Polizei zu suchen hatte.“
„Natürlich“, unterbrach Helene Gundels Redefluss und brachte sie damit kurzfristig aus dem Konzept.
„Eh, ja. Hätte ja sein können, dass bei denen wieder mal eingebrochen wurde oder die Bettina überfallen worden ist.“
„Kommt bei dene auch ständig vor“, murmelte Herbert. Trotzdem er nicht mit Gundel reden wollte, war er doch neugierig und hing dicht am Hörer.
„Was?“
„Nichts“, erwiderte Helene.
„Eh, ja. Was ich eigentlich fragen wollte. Was unternehmen wir jetzt? Ich meine, der Ferdinand wurde doch schon einmal von der Polizei verdächtigt …“
Helene und Herbert hörten Gundel heftig atmen.
„Es ist aber auch schon merkwürdig, dass der ständig Tote findet, meint ihr nicht auch?“
„Von ständig kann ja wohl net die Rede sein“, sprach jetzt Herbert direkt in den Hörer. „Außerdem, wenn einer eine Leiche findet heißt des noch lang net, dass es um ein Verbrechen geht. Kann ja auch en ganz simple Herzinfarkt sein.“
Gundel nickte. „Ja, möglich. Auf jeden Fall werde ich Sepp und Schorsch berichten.“
„Beeil dich aber“, erwiderte Herbert, „bevor die es aus der Zeitung erfahrn.“
„Der Ferdi sagte nicht, dass schon ein Reporter dort gewesen ist“, antwortete Gundel nachdenklich. „Aber ja, du hast recht. Ich muss mich beeilen.“
Gundula Krämer legte auf.
„Wette, dass des heut nix wird, mit de Frühstücksbrötchen bei der Gundel?“ Herbert grinste.
Mittwoch / 11:05 Uhr
Mit Bedacht lenkte Harald den fabrikneuen Dienstwagen über das heikle Pflaster aus teils großen, groben Steinen und vorbei an der Lüschebank, die in die Reste der Stadtmauer eingelassen war.
Wie die Bank zu dem kuriosen Namen kam, erfuhren er und seine Lebenspartnerin Marion Haus von Polizeihauptkommissar Josef Maier, während einer persönlichen Stadtführung.
Nach der Überlieferung warteten in früheren Zeiten, die älteren Fischersleute auf der Bank auf die Rückkehr ihrer Söhne und deren Ausbeute. Dabei erzählten sie ihre ganz eigenen Fang-Geschichten und schmückten diese natürlich aus; bedeutete – es wurde kräftig Fischerlatein gesponnen – also enorm geflunkert.
Selbstverständlich, so versicherte Josef Maier damals zwinkernd, darf dort auch heute immer noch ungestraft gelogen werden. Der Spruch über der Bank lädt ja gerade dazu ein.
Hier kannst du lügen, bis sich die Balken biegen
Ein klein wenig abgeändert würde sich der Satz gut in unseren Verhörräumen machen, überlegte Harald ironisch und fuhr weiter auf dem asphaltierten Mainuferweg zum Fundort der Leiche.
„Unsere Kollegen sind schon fleißig bei der Arbeit“, stellte Nicole fest, als sie sich näherten.
Die beiden Fahrzeuge der Kriminaltechniker parkten auf dem befestigten Weg, direkt neben die Streifenwagen der Seligenstädter Polizei.
„Stell dich hinter die Polizeifahrzeuge“, schlug sie vor. „Man kann nie wissen, wie feucht der Untergrund der Wiese tatsächlich ist. Es wäre ein gefundenes Fressen für unsere Kollegen, wenn wir da nicht mehr rauskämen.“
Gleichzeitig machte Nicole Lars, der direkt hinter ihnen fuhr, ein Zeichen, damit er ebenfalls auf dem Asphalt bleiben sollte – aber zu spät. Er hatte einen neuen Ford Focus ergattert und rollte gerade auf die Mainauen.
Das Gebiet rund um den Turm war durch ein Plastikband abgesperrt. Ebenso die seitlich entlangführende Treppe und der größte Teil der oberen linksseitig angrenzenden Altstadtmauer.
Am Fundort nahmen die Kollegen der Spurensicherung, zusätzlich zu den Aufnahmen mit ihren Spezialkameras, nach althergebrachter Methode, die Abdrücke der Schuhspuren, mithilfe von flüssigem Kunststoff.
Auf dem restlichen Teilstück, oberhalb der Mauer, drängten sich zahlreiche Schaulustige, die die Polizeiaktion mit ihren Handys filmten. Ein Vertreter der Presse witterte ebenfalls eine Sensationsstory und hielt seine Profikamera direkt auf die Beamten.
„Frau Wegener. Hallo, Harald.“ Josef Maier, der Leiter der Seligenstädter Polizeidienststelle, kam auf die Kriminalkommissare zu. „Man glaubt es nicht, schon wieder ein Mord in unserem schönen Städtchen.“
Nicole und Harald nickten grüßend und Lars, der jetzt hinzukam, reichte Maier die Hand. „Josef.“
„Wo genau wurde die Tote gefunden?“, fragte die Kriminalbeamtin.
„Dort oben, direkt an der Ecke des Turms.“ Der Polizeihauptkommissar deutete auf die Stelle zwischen einem mit Graffiti-Tags beschmierten Trafohäuschen und dem Turm. „Er wurde vor etwa 20 Minuten ins Rechtsmedizinische Institut gebracht.“
„Ja, die Kollegen vom Dauerdienst haben mich unterrichtet“, bestätigte Nicole. „Weiß man schon etwas über die Todesursache?“
„Äußere Anzeichen eines gewaltsamen Todes konnte der Notarzt, nach der ersten Beschauung, nicht feststellen. Heißt … keine Strangulations- oder Würgemerkmale und auch keine Einstichwunden. Allerdings zeigten sich erste Todesflecken an den Armen. Demnach könnte das Opfer hierher transportiert worden sein. Dort hinten befindet sich ein Anwohnerparkplatz. Wie ihr seht, haben wir das Gelände ebenfalls weiträumig abgesperrt.“
Maier schaute in die Runde. Letztlich blieb sein Blick an Nicole hängen.
„Meiner bescheidenen Meinung nach denke ich, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Selbst bei uns würde es auffallen, wenn ein Mann, in der Tracht einer Frau durch die Straßen spaziert.“
„Habe ich was an den Ohren, oder hast du gerade von einem Mann gesprochen?“, fragte Harald.
Der Dienststellenleiter nickte. „Ja, ein Mann in der Seligenstädter Tracht der Frauen, sagte ich. Wurde euch das nicht mitgeteilt?“
„Nein. Das wussten wir noch nicht.“ Nicoles Stimme war anzumerken, dass sie über die mangelhafte Information seitens des Kollegen vom Kriminaldauerdienst ganz und gar nicht erfreut war.
„Das ist allerdings eine Überraschung“, murmelte Harald und dachte gleichzeitig: Das gibt Ärger.
„Ich höre mal, was die Kollegen der Spurensicherung für uns haben“, verkündete Lars und enteilte mit langen Schritten der zunehmend eisigen Atmosphäre.
„Oh. Da ist wohl etwas schiefgegangen“, äußerte Maier „Tut mir leid, hätte ich Ihnen gleich ...“
„Ist nicht Ihre Schuld“, presste Nicole über ihre Lippen. Das wird ein Nachspiel haben, liebe Kollegen, setzte sie gedanklich nach.
„Es handelt sich um einen etwa 70-jährigen Mann. Bedauerlicherweise hatte er keinen Ausweis oder sonstige Papiere bei sich, anhand dessen wir ihn hätten identifizieren können; auch kein Handy oder sonstige persönliche Dinge.“
Der Leiter der Polizeistation Seligenstadt schaute einen Augenblick, in Gedanken versunken, über die Mainauen und sagte: „Ich denke, der Mann wurde hier bewusst hingelegt, sozusagen zur Schau gestellt. Ich meine ... die Seligenstädter Tracht, sogar die passende Perücke hatte er auf und dann noch die besonders auffällige Schminke. Sehr merkwürdig, das Ganze.“
„Wo bekommt man denn eine solche Tracht her?“, wollte Nicole wissen. „Hat die jedes Mitglied des Trachtenvereins zu Hause im Schrank?“
„Einen Trachtenverein gibt es hier nicht, wohl aber einem Heimatverein, dessen Mitglieder bei Veranstaltungen ihre Tracht zur Schau tragen“, antwortete Maier. „Aber, das wissen Sie ja bereits. Und ja, manch einer wird wohl schon seine eigene Tracht im Schrank hängen haben. Die meisten Kostüme werden im Fundus des Heimatvereins aufbewahrt – schon wegen der fachgerechten Lagerung. Damit, wenn sie alle paar Jahre benötigt werden, in gutem Zustand sind.“
„Wer betreut diesen Fundus?“
„Kann ich Ihnen auf Anhieb nicht sagen. Ich lasse Ihnen Namen und Adresse raussuchen.“
„Gut. Wer hat die Leiche gefunden?“
„Ferdinand Roth. Sie erinnern sich ... letztes Jahr? Das Ehepaar aus dem Klosterhof? Ferdinand Roth und seine Frau Bettina? Sie waren kurzzeitig des Einbruchs in die Klosterapotheke verdächtig und des Mordes an Sebastian König, der in den Mühlrädern zu Tode gekommen war.“
Nicole brauchte keine zwei Sekunden, um sich den Fall erneut vor Augen zu führen.
In wenigen Sätzen gab Josef Maier die Aussage Ferdinand Roths wieder.
„Demnach hat er den Fundort verunreinigt?“, stellte die Kriminalbeamtin verärgert fest.
„Er versicherte mir, dass er wirklich sehr vorsichtig zugange gewesen sei. Außer natürlich, dass seine Schuhabdrücke bei der Leiche zu finden sind.“
„Weshalb rief er nicht gleich die Polizei?“
„Er hatte sein Handy zu Hause gelassen.“
Nicole sah zu den Häusern hoch. „Was ist mit den Bewohnern? Hat irgendwer etwas gesehen oder gehört?“
„Meine Mitarbeiter befragen gerade die Nachbarschaft. Nach Aussage des Notarztes ist der Mann seit ungefähr ...“ Josef Maier schaute auf eine Armbanduhr, „18 Stunden tot, plus minus eine oder zwei Stunden.“
„Also schon gestern am späten Nachmittag, zwischen 17 und 18 Uhr“, rechnete Nicole flugs nach. „Demnach könnten Sie mit Ihrer Annahme recht haben und der Tote wurde irgendwann in der Nacht hierher transportiert. Stellt sich die nächste Frage … wo war er in der Zwischenzeit?“
Lars kam die Treppe am Turm herab. „Die KTU fand Schuhabdrücke im feuchten Erdreich, rund um den Platz wo die Leiche lag und das hier lag zwischen den Rockfalten der Tracht.“
Er hielt eine Plastiktüte hoch, in der sich ein Blatt Papier befand. Nicole nahm die Tüte und drehte sie so, dass sie den Text auf dem Zettel lesen konnte.
Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen
„Was soll das denn?“
„Das ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche“, klärte Maier sie auf. „Es wird immer deutlicher, dass die Fundstelle explizit gewählt wurde und wir es hier mit keinem normalen Mord zu tun haben – eher mit einer ganz persönlichen Abrechnung.“
„Sieht ganz so aus“, stimmte Harald zu. „Warum bist du eigentlich nicht bei der Kriminalpolizei?“
„Mir reichen die Krimis im Fernsehen“, erwiderte der Polizeihauptkommissar ernst.
Polizeikommissar Berthold Bachmann und eine jüngere Polizistin mit langen, zu einem Zopf geflochtenen, braunen Haaren bewegten sich auf die Gruppe zu.
Der Unterschied zwischen den beiden hätte nicht größer sein können. Während der 56-Jährige in behäbigem Gang antrabte, näherte sich seine durchtrainierte Kollegin mit federnden Schritten.
„Polizeikommissarin Sarah Senger“, stellte Maier die etwa Mitte 20-Jährige vor.
Berthold Bachmann hob grüßend die Hand. „Hallo“.
Der Anblick der jungen Polizistin zauberte Lars sofort ein begeistertes Lächeln ins Gesicht.
„Hansen, Kripo Offenbach. Meine Chefin, Frau Wegener und Kollege Weinert.“
Seine Hand schnellte nach vorne.
„Angenehm.“ Sarah Senger lächelte kokett zurück. „Also, ich meine, unter diesen Umständen. Aber ist ja euer täglich‘ Brot, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Naja, eh ... nicht nur“, beeilte sich Lars, stolpernd zu antworten. „Zum Glück gehört Mord nicht ausschließlich zu unserer täglichen Arbeit. Wir kümmern uns auch um Waffen- und Branddelikte im K11.“
„Sarah, also Frau Senger, möchte später zur Kripo. Vielleicht ist ja bei euch demnächst was frei?“
Bachmann grinste schelmisch. Er hatte sofort bemerkt, dass Lars Hansen mal wieder hin und weg war.
Mit einem Räuspern unterbrach Josef Maier das Geplauder. „Dann legen Sie mal los, Frau Senger. Haben Sie irgendwelche relevanten Zeugen ausfindig machen können?“
„Leider nein. Aus der Seniorenresidenz, dort vorne“, sie zeigte zum Gebäudekomplex für „Betreutes Wohnen“, „kann der Mann nicht sein. Dort ist, nach Angaben der Verwaltung, niemand abgängig.“
„Woher wissen die das so genau?“, grätschte Maier dazwischen. „Werden die Senioren mit der Stechkarte kontrolliert?“
„Das nicht“, lachte Polizeikommissarin Senger und schüttelte den Kopf. „Ich sprach mit einem Pfleger, der täglich ins Haus kommt. Der sagte mir, dass die meisten der Einwohner, nur mit Gehhilfe unterwegs seien, wenn überhaupt. Und mitten in der Nacht, sowieso nicht.“
Josef Maier nickte. „Verstehe.“
„Von den Anwohnern auf dieser Seite“, Sarah Senger machte eine Armbewegung zur linken Seite des Turms, „hat weder irgendwer etwas gehört noch gesehen. Allerdings trafen wir nicht alle Bewohner an, weil manche schon zur Arbeit sind. Sollen wir uns jetzt die rechte Seite vornehmen? Oder wollen Sie selbst ...?“
Die Frage richtete die junge Kommissarin an Nicole.
„Machen Sie ruhig weiter. So voller Eifer die Klinken zu putzen, habe ich bei meinen Mitarbeitern schon lange nicht mehr gesehen.“
„Bin ja auch schon eine Zeitlang bei dem Verein“, gab Harald zu seiner Verteidigung zurück.
„Ich habe schon so viele Türgriffe und Klingel angefasst, dass meine Finger schon keine Papillarlinien mehr aufweisen“, äußerte Lars, grinsend.
„Dann brauchen Sie ja nichts zu befürchten, sollten Sie mal lange Finger machen“, konterte Sarah Senger kess.
„Trotzdem könnte ich euch helfen“, bot Lars sich an.
„Wolltest du dich nicht um die Recherchen kümmern?“, bremste Harald den Einsatzeifer seinen Kollegen.
Josef Maiers Mundwinkel zuckten. „Gut, dann ab mit euch“, forderte er seine Mitarbeiter auf.
„Hier sind die Fotos von dem Toten“, lenkte Harald erneut die Aufmerksamkeit auf sich. „Haben mir die Kollegen gerade aufs iPad geschickt.“
„Sieht echt bizarr aus. Kommt Ihnen der Mann bekannt vor?“, richtete Nicole sich an Josef Maier.
Der schürzte die Lippen und runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht recht, ... mit all der Schminke ...?“
„Ok. Vielleicht fällt es Ihnen ja noch ein. Ich schaue mich oben auf dem Parkplatz um.“
Alles andere hätte Harald und Lars auch gewundert. Nicole machte sich immer gern ihr eigenes Bild, egal was sie an Material von der Spurensicherung erhielt.
Oben angekommen wurde sie von Kriminaloberkommissar Kai Schmitt von der Kriminaltechnik begrüßt.
„Hallo. Schön Sie zu sehen. Seltsam mit dem Zettel, meinen Sie nicht auch? Vielleicht haben Sie es diesmal mit einem poetischen Mörder zu tun.“
„Der fehlt noch in meiner Sammlung.“ Nicole lachte. „Darf ich mich hier etwas umsehen?“
„Na klar“, sagte Kai Schmitt, ging zu seinem Kombi und holte einen weißen Overall hervor. „Aber, nur in dieser scharfen Bekleidung.“
So schnell wie möglich schlüpfte Nicole in den Schutzanzug und spazierte über den Parkplatz. Zwischen den abgestellten Fahrzeugen hatten die Kollegen der Spurensicherung wohl schon alle Gegenstände eingesammelt; jedenfalls sah es sauber aus.
Ob sie auch darunter nachgesehen haben?
Nicole kniete sich auf das harte Pflaster. Sofort fielen ihr eine zusammengequetschte Getränkedose und eine zerknüllte, vermutlich leere Zigarettenschachtel ins Auge und ... ein kleines rotes längliches Objekt. Sie legte sich flach auf den Boden. Nach zwei Versuchen hielt sie einen Lippenstift in der Hand und rappelte sich wieder auf.
Ich muss mehr Sport treiben, stellte sie fest.
„Könnte die Farbe zu unserem Opfer passen?“, sprach sie Kai Schmitt an, drehte den Stift aus dem Gehäuse und reichte ihm das eventuelle Beweisstück.
„Möglich wär’s. Wo haben Sie das gefunden?“
„Unter einem der Fahrzeuge.“
***
So sehr der Mann sich auch bemühte, konnte er nicht verstehen, was dort unten gesprochen wurde. Als der in Zivil gekleidete Beamte seinem Kollegen eine Plastiktüte zeigte, in der sich ein DIN-A4-Blatt befand – das konnte er deutlich erkennen – war er zufrieden. Er hatte genug gesehen und beschloss, sich zurückzuziehen. Die schlanke Polizistin mit den braunen, zu einem Zopf geflochtenen Haaren, kam nun bedrohlich nahe, ihr wollte er keinesfalls über den Weg laufen.
Ausgerechnet sie hier?
So unauffällig wie nur möglich, löste er sich aus dem Pulk der Neugierigen und schlenderte durch die Mohrmühlgasse in Richtung Marktplatz, überquerte diesen und lief durch die enge Sackgasse zur Parkfläche hinter dem Bürgerhaus >zum Riesensaal<. Dort stieg er in einen anthrazitfarbenen Golf und tippte in sein Mobiltelefon.
ALLES KLAR. BIS HEUTE ABEND. VERGISS DAS GELD NICHT.
Von den 5000 Euro, die er erhalten würde, musste er zwar die Hälfte seinem Kumpel abgeben, aber das störte ihn nicht sonderlich.
Die 10 Mille, die er bereits von Hagemann abkassiert hatte, lagen längst sicher in einem Bankschließfach.
Er lächelte und dachte an das Treffen in dem Hanauer Café, als er ihm die Zeitung mit der fetten Schlagzeile auf den Tisch knallte.
Heinz Hagemann – ehemaliger Staatsanwalt – erhält das Bundesverdienstkreuz.
Dann das Gesicht des ehrenwerten Herrn Anklagevertreters, während er ihm sagte, wohin er sich die verdammte Auszeichnung stecken könne, wenn die Öffentlichkeit erfahren würde, was für ein Schwein er in Wirklichkeit war. Wie leicht es doch war, den Mann, der früher mit strengen Worten rücksichtslos Existenzen und Familien zerstörte, mundtot zu machen.
Fast insgesamt 10 Jahre seines Lebens hatte ihm der Hartgesottene geraubt; 1000 Euro pro Jahr, waren da nur gerecht! Im Nachhinein gesehen – eigentlich zu wenig. Dass Hagemann keinen Schimmer hatte, von wem ursprünglich Drohung kam, machte die Sache umso lustiger.
Zuerst wurde er eine Nuance blasser. Dann erklärte er zornig, dass die Öffentlichkeit einem ehemaligen Staatsanwalt wohl mehr Glauben schenken würde, als einem Schwerverbrecher, der sein halbes Leben hinter Gittern verbracht hätte.
Seine Meinung änderte sich schnell, nachdem er das Foto betrachtet hatte, auf dem er – in nicht so vorteilhafter Bekleidung – abgelichtet war. Nun hatte der Alte die Hosen wirklich gestrichen voll. Keine Spur mehr von Überheblichkeit. Die pure Panik starrte aus den dunklen, stechenden kleinen Augen und der stets arrogante Gesichtsausdruck formte sich zu einer vor Angst gelähmten, hässlichen Maske.
Trotzdem kam er, beim Überreichen des Umschlags, mit der lächerlichen Drohung daher: Das war ist eine einmalige Sache. Anschließend trank er seinen Kräutertee.
Der erste Teil des Plans war simpel. Der zweite entwickelte sich dann doch zu einem Problem.
An der Dosis konnte es nicht liegen. Er hatte sich strikt an die Anweisung gehalten. Ein Milligramm Succinylcholin pro Kilogramm Körpergewicht. Der Schätzung nach wog Hagemann 80 Kilo – entsprach also 80 Tropfen; genau passend.
Zwar lief der Alte noch zum Parkdeck, wo er seinen Citroën abgestellt hatte, sackte dort jedoch, bevor er einsteigen konnte, zusammen.
Sicher hätte er ihn einfach liegenlassen können. Aber, dann hätte er die 5000 Euro, die er für den Spezialauftrag erhalten sollte, in den Wind schreiben können.
Hagemann musste zu seinem Date gebracht werden. Das war der eigentliche Auftrag! Den konnte er aber, wie der Versuch den ehemaligen Staatsanwalt in seinen Wagen zu hieven, zeigte, nicht alleine umsetzen.
Mittwoch / 12:45 Uhr
Den Topf mit einer ordentlichen Restportion Schnüsch stellte Herbert auf die Terrasse. Nicole und Andy würden den leckeren Eintopf schon finden. Wenn es um fertig gekochtes Essen ging, hatten die beiden die Nase eines Spürhundes. Danach machten er und Helene sich auf den Weg zu den Roths.
Kaum, dass sie den Klosterhof überquert hatten, in dem Bettina und Ferdinand in einem der Häuser der ehemaligen Benediktinerabtei wohnten, wurde auch schon die Haustür aufgerissen.
„Gut, dass ihr kommt.“ Bettina schob die beiden quasi ins Wohnzimmer. „Wollt ihr einen Kaffee, oder lieber etwas Stärkeres?“
„En Kaffee deit sichtlich got. No Middach trinken wi ok immer en Kaffee“, erwiderte Helene sichtlich angespannt und deshalb in charmantestem Plattdeutsch. Seit Ferdinands Anruf und der Information, dass er eine Leiche gefunden hatte, kribbelte es mächtig in ihrem Bauch. Sie konnte es kaum abwarten, nähere Einzelheiten zu erfahren.
„Und der derf ruhig stark sein“, ergänzte Herbert schmunzelnd und noch während Helene und er sich auf der Couch niederließen, fragte er aufgeregt: „Jetzt erzähl halt. Wir sind schon gespannt, wie ein Flitzeboge.“
„Wie schon gesagt, habe ich, also eigentlich hat unsere Lizzy den Toten gefunden.“
Wie aufs Stichwort stürmte die kleine Spaniel-Dame die Treppe vom ersten Stock ins Wohnzimmer herunter. Offensichtlich hatte sie gerade ihrem Mittagsschlaf gehalten.
In ihrer Freude wusste sie nicht, wen sie zuerst begrüßen sollte, Helene oder Herbert. Letztlich sprang sie aufs Sofa und drängte sich zwischen beide.
„Miss Lizzy! Runter“, forderte Ferdinand in scharfem Ton.
Ein vorsichtiger Hundeblick von Helene zu Herbert und die Sache war klar; Lizzy blieb.
Mit in Falten gelegter Stirn tadelte der Hausherr: „Ihr macht meine Erziehungsmaßnahmen zunichte. Also, wie ich schon am Telefon erzählte, gingen Lizzy und ich am Main entlang. Plötzlich sauste sie los und blieb erst wieder am Wehrturm stehen und bellte wie verrückt. Als ich ankam, sah ich weshalb.
Zuerst dachte ich, es handele sich um eine Frau, die Hilfe brauchte – schon wegen der Seligenstädter Tracht. Also rief ich, bekam aber keine Antwort. Einen Augenblick lang war ich auch geneigt zu glauben, es könnte sich auch um eine Puppe handeln. Also stieg ich die paar Meter hoch. Oben angekommen stellte ich dann aber fest, es war tatsächlich ein Mensch, der da in der Ecke am Turm saß. Ich sprach die Person noch einmal an. Doch auch jetzt reagierte sie nicht. Daraufhin legte ich meine Finger an die Halsschlagader und bemerkte, dass die Person tot war.
Noch mehr aber irritierte mich, dass ich Bartstoppeln fühlte. Also hob ich das Gesicht der Person kurz an. Da erkannte ich mit Gewissheit … es war ein Mann.“
„Weshalb zieht sich jemand Frauekleidung an und setzt sich zum Sterbe ausgerechnet an den Turm? Warum überhaupt sich die Müh mache, dort hochzuklettern, wo gleich unte e Bank steht? Des gibt für mich alles kein Sinn. Es sei denn ...?“ Herbert schnellte vom Sofa hoch. „Der is net selber dort hochgekraxelt.“
„Was bedeutet, dass der Mann getötet wurde“, führte Bettina seine Gedankengänge weiter.
Die vier sahen sich bestürzt an.
„Also haben wir es mit einem Mord zu tun!“, brachte Helene es auf den Punkt. „Aber was soll die Verkleidung? Wollte der Täter damit etwas ganz Bestimmtes zum Ausdruck bringen?“
„Interessanter Ansatz. Ist dir der Mann vielleicht bekannt vorgekomme?“, bedrängte Herbert Ferdinand.
Der wiegte nachdenklich mit dem Kopf. „Ja und nein. Ich bin mir nicht sicher. Der war so stark geschminkt, dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte.“
„Geschminkt? Wie meinst de des jetzt?“
„Make-up meine ich, wie eine Frau, aber etwas zu viel davon. Und das auch nicht so kunstvoll, als dass man ihn für einen Transvestiten hätte halten können. Versteht ihr, was ich meine?“
„Transvestiten?“, wiederholte Helene mit Augen, so groß wie 1-Euro-Stücke während sich in Herberts Kopf Saltos vollzogen.
„Naja … sieht man doch ab und zu im Fernsehen,“ setzte Ferdinand nach.
Unter Bettinas undefinierbarem Blick hatten seine Wangen einen rosa Ton angenommen.
„Ich glaube der Kaffee ist durch“, sagte sie nun und eilte in die Küche. Helene folgte ihr.
„Trotzdem ergibt des für mich keinen Sinn. Ist dir denn gar nix an dem Mann bekannt vorgekomme?“, bohrte Herbert nach.
Ferdinand stützte die Ellenbogen auf die Knie und blickte seinen Freund ernst an. „Ehrlich. Ich hatte wirklich den Eindruck ihn zu kennen. Aber, ich war mir halt nicht sicher und deshalb habe ich auch gegenüber der Polizei nichts gesagt.“
„Und? An wen denkst du?“
Ferdinand zog tief die Luft ein und stieß sie hörbar wieder aus.
„Der Mann erinnerte mich an den Hagemann. Du weißt schon, der ehemalige Staatsanwalt, den alle nur den Hartgesottenen nennen, weil er immer die Höchststrafen forderte. Soweit mir bekannt ist, besitzt er ein Haus, hier in Seligenstadt; irgendwo in der Nähe des Krankenhauses. Ob er dort noch immer wohnt, weiß ich natürlich nicht.“
„Des rauszufinde, dürfte des geringste Problem sein“, warf Herbert ein. „Dafür gibt’s das Internet.“
„Es wurde auch schon mal gemunkelt, dass Hagemann sich bestechen ließ, was die Höhe der Strafe anging“, fuhr Ferdinand fort. „Aber, beweisen konnte man es ihm nie. Irgendwann ist er dann zum Darmstädter Landgericht gewechselt, bis er vor einigen Jahren in Pension ging. Seitdem hörte man nur noch von ihm, wenn er mal wieder in den höchsten Tönen gelobt wurde, für seine gemeinnützige Arbeit.“
„Ja. Jetzt, wo du es sagst, kann ich mich auch erinnern“, sinnierte Herbert. „Wenn des wirklich der Hagemann is, dann könnt es doch sein, dass sich jemand rächen wollte?“
„Jetzt? Nach all den Jahren?“ Ferdinand schüttelte den Kopf.
„Sprecht ihr von Heinz Hagemann, dem ehemaligen Staatsanwalt? Wir haben gerade mit halbem Ohr mitgehört. Ist er vielleicht der Tote? Wenn ja, dann könnte das ein Grund für seinen Tod sein.“
Bettina reichte ihrem Mann die Zeitung, die er heute Morgen mitgebracht, aber noch nicht hingesehen hatte.
Heinz Hagemann – Staatsanwalt a. D. erhält das Bundesverdienstkreuz
Die Schlagzeile prangte unübersehbar auf der zweiten Seite und das Foto zeigte einen Mann mit weißen, leicht welligen kurzen Haaren und einem markanten Gesicht. Die ausgeprägten Wangenknochen und die kleinen stechenden Augen deuteten auf einen starken Charakter hin. Insgesamt machte der Mann den Eindruck, dass er keinen Widerspruch duldet.
„Das könnte er sein“, sagte Ferdinand. „Wenn ich mir die Schminke wegdenke ...? Ja, das ist er!“
„Ich weiß, dass der ehemalige Staatsanwalt nicht jedem gleichermaßen angenehm gewesen sein soll“, bestätigte jetzt auch Helene seine Äußerungen. Ebenfalls belegte sie, dass er der Hartgesottene genannt wurde. „Mein Friedel sprach einmal davon.“
Erneut ertappte sie sich, dass sie ihren verstorbenen Mann noch immer ab und zu mit Mein Friedel betitelte und warf Herbert einen unsicheren Blick zu. Der aber schmunzelte nur verständnisvoll.
„Wenn ihr mich fragt“, ihre Stimme klang nun wieder fest, „war irgendwer damit überhaupt nicht einverstanden.“ Sie tippte mit ihrem Zeigefinger auf den Artikel und holte anschließend ihr Handy aus ihrer Tasche.
„Wen willst de jetzt anrufe?“, fragte Herbert. „Doch net etwa die Frau Hagemann und frage, ob ihr Ehemann noch lebt?“
„Sag mal, bist du jetzt dun im Kopp? Ich rufe niemanden an, schon gar nicht eine Frau, die womöglich gerade ihren Mann verloren hat“, erwiderte Helene kopfschüttelnd und rollte mit den Augen. „Ich will nur unsere ersten Eindrücke festhalten, damit wir nichts vergessen. Wir sind ja nu man nich mehr die Jüngsten.“
Sie betätigte den Button Sprachaufnahme.
„Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ihr schon wieder so eine Kriminalnummer abzieht?“ Ferdinand schwenkte mit seinem Zeigefinger zwischen Helene und Herbert hin und her.
Der lächelte. „Wir wisse wer des Opfer is, und was hält uns davon ab, uns e bissje zu erkundige. Wenn ihr wollt, könnt ihr uns helfe.“
„Wir? Auf gar keinen Fall!“ Energisch schüttelte Ferdinand den Kopf. „Wir haben vom letzten Mal noch genug und wollen nichts mit der Polizei zu tun haben. Mir hat es schon gereicht, dass Josef Maier mich, heute Morgen, so seltsam ...“
„Aber sicher machen wir mit“, hörte er die begeisterte Stimme seiner besseren Hälfte neben sich und starrte sie mit offenem Mund an. Nicht nur, dass sie jetzt, ähnlich wie Helene, eine flotte Kurzhaarfrisur trug und ihre Kleidung der aktuellen Mode angepasst hatte. Bettina hatte sich auch sonst total verändert. Sie lachte oft und viel und wirkte rundum glücklich und zufrieden. All das gefiel ihm natürlich. Aber sich in eine Mordermittlung der Polizei einzumischen, ging dann doch etwas zu weit.
Deshalb sagte er: „Ich meine, darüber müssen wir nochmal in Ruhe reden.“
„Was gibt es da zu reden“, entgegnete Bettina. „Du hast den Toten gefunden und weißt um wen es sich handelt. Also, warum können wir nicht ein bisschen rumfragen?“
„Sieht ganz so aus, als wärst du überstimmt“, wandte Herbert sich Ferdinand zu. „Na dann, auf gute Zusammenarbeit.“ Er hob seine Kaffeetasse.
Einige Minuten später, er und Helene wollten sich gerade verabschieden, klingelte das Telefon der Roths und lautstark drangen verschiedene Stimmen durch die Leitung.
„Hallo!“, rief Ferdinand, um sich Gehör zu verschaffen. „Wer ist dran?“
„Ja siehst de des dann net? Isch hoab gedacht‘, dass des uf dene neumodische Telefone zu sehe is, wer do jetzt orifft.“
„Sepp, bist du es?“
„Aja, klar. Jetzt loss doch emol doi Griffel do weg.“
„Was?“
„Noa, net du, Ferdi. Isch moan die zwaa annern, den Schorsch und die Gundel. Dauernd misse die uf dene Taste von dem Ding rumdricke, wo mer des Telefon drufflescht. Deshalb muss isch unbedingt emol mit dem Herbert redde. Der is doch bei euch, odder?“
„Ja, Helene und Herbert sind gerade bei uns.“
„Siehst de, isch hab’s doch gesacht, dass die beim Ferdi und der Bettina sin“, quiekte Schorsch im Hintergrund.
„Sepp, was gibt’s“, fragte Herbert. Er hatte Ferdinand, der irritiert auf den Hörer starrte, diesen aus der Hand genommen. „Warum brüllst du so, dass einem die Ohrn abfalle?“
„Das liegt an dem neuen Telefon, das der Sepp bekommen hat. Er kann‘s aber nicht bedienen“, dröhnte Gundels Stimme.
„Nadirlich kann isch des bediene“, brüllte Sepp zurück. „Isch bin ja net bleed. Ihr habt nur alles verstellt und jetzt kann jeder heern, was isch redd, so laut is des. Kannst de net emol schnell vorbeikomme? Du kennst disch doch aus, in dem neumodische Zeusch.“
Aufgrund des hohlen Echos war Herbert schon klar, um welches Problem es sich handeln könnte.
„Ich komm‘ gleich. Aber tut mir ein Gefalle … bringt euch bis dahin net gegeseitig um, gell.“
„Soweit ich des verstande hab, hat der Sepp ein neues Festnetztelefon bekomme“, erklärte er den anderen „und des auf Lautsprechen gestellt und jetzt kriegt er des net mehr rückgängig gemacht.“
Herbert schüttelte seinen Kopf. „Mit dem erlebt mer jeden Tag was Neues. Heut Vormittag hab ich ihn doch zu seiner Wassergymnastik gefahrn und ...“
„Ach ja“, unterbrach Helene. „Du wolltest mir etwas erzählen, als du nach Hause kamst. Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“
Herbert schnaufte und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. „Ihr wisst doch, dass der Sepp ständig auf seinem neue Seniorenhandy rumdaddelt?“
Helene, Bettina und Ferdinand nickten.
„Kaum, dass er im Auto gesesse is, fummelte er schon in seiner Hosetasch nach dem Handy. Des konnt er natürlich net greife, weil er ja schon angeschnallt war. Also, hab ich den Gurt nochmal aufgemacht und als er des Ding endlich in de Finger hatte, wieder angeschnallt. Dann hat er mich während der ganz‘ Fahrt gelöchert, dass er jetzt unbedingt seinen Enkel, den Leon, anrufe müsste. Ich hab ihm klargemacht, dass der Leon jetzt ganz bestimmt net ans Telefon gehe kann, weil er um die Zeit in der Schul is. Des hat er dann wohl eingesehe. Jedenfalls war erst mal Ruh‘. Aber, in der Umkleidekabine im Krankehaus hat er wieder damit angefange.“
„Warst du mit drin, in der Kabine?“, fragte Helene beunruhigt.
„Um Gottes Wille, nein. Ich hab nur des Gepiepse gehört und wie er rumgebrummelt hat. Ich bin dann raus, in den Garte. Aber auf einmal war in der Schwimmhalle plötzlich de Teufel los.
Der Sepp hat rumgebrüllt – moi Handy, moi Handy und irgendwas mit verklage hab‘ ich verstande. Erst als die junge Frau, die die Wassergymnastik leitet, aufgeregt auf mich zu gerannt kam und mir erzählte, dass des Handy von Herrn Richter in den Pool gefallen sei, hab ich die ganz Aufregung verstande.“
„Und, bist du nach Sepps Telefon getaucht?“, neckte Ferdinand, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Ja, bist de noch ganz gescheit? Da muss der Sepp schön warte, bis die des Wasser wieder ablasse. Aber kaputt is des allemal. Is er aber selber dran schuld. Was muss der Depp des Telefon auch mit zur Wassergymnastik nehme.“
Herbert schnaufte laut. „Je älter der werd, desto schlimmer werd‘s mit dem. Ich kann die Elfi immer besser verstehe.“
Mittwoch / 15:00 Uhr
„Hallo Martin“, grüßte Nicole den Leiter der Rechtsmedizin. Seinen Kollegen, darunter auch Victor Laskovic, nickte sie zu.
Harald hob die Hand zum Gruß.
„Die Staatsanwaltschaft lässt mal wieder auf sich warten“, sagte Dr. Lindner mit einem Stirnrunzeln in Richtung der großen Uhr an der Wand über dem Eingang. „Ich würde vorschlagen, wir fangen schon mal an. Ich habe mittlerweile noch zwei weitere Kunden, die meine Aufmerksamkeit wollen.“
Er zeigte zum Nebenraum mit den Kälteboxen. Dann schaltete er das Aufnahmegerät ein und schlug die Plane zur Hälfte über dem Toten zurück, der vor ihnen auf dem kalten Stahltisch lag.
„Es handelt sich um einen etwa 70 Jahre alten Mann, mit einer Körpergröße von 1 Meter 70 bei einem Gewicht von 82 Kg. Der Leichnam ist in einem, für sein Alter, guten Allgemeinzustand. Der Tod trat zwischen 17 und 20 Uhr am Dienstagabend ein. Wegen fehlender Personalien wurde eine Identifizierung anhand des Zahnapparates angeordnet.
Der Mann war, bis auf die Schuhe, mit einer Frauentracht bekleidet, inklusiv Perücke. Bei der Schminke handelt es sich um Theaterschminke. Die Farbe auf den Lippen des Toten passt farblich zu dem von Frau Wegener aufgefunden Lippenstift.“ Dr. Lindner lächelte Nicole kurz zu. „Eine DNS-Analyse ist veranlasst.“
Durch ein Kopfnicken gab er seinem Kollegen, Viktor Laskovic zu verstehen, mit der Leichenöffnung zu beginnen und Nicole und Harald atmeten gleichzeitig noch einmal tief durch. Es half ja nichts. Mindestens ein ermittelnder Beamter musste der Obduktion beiwohnen; so lautete die Vorschrift.
Viktor Laskovic hatte den sogenannten Ypsilon-Schnitt noch nicht ganz ausgeführt, da stürmte ein circa 30-jähriger Mann, in einem feinen Zwirn, wie Harald sofort mit Kennerblick feststellte, durch die Tür.
„Guten Tag. Entschuldigung die Verspätung. Ich bin der Neue, eh ... ich meine der neue Staatsanwalt. Felix Heller, mein Name. Ich komme in Vertretung von Staatsanwalt Falk von Lindenstein. Er ist leider verhindert.“
Und ein Abbild von Lindensteins, ging es Harald durch den Kopf. Nur jünger.
„Warum tragen Sie keinen Schutzanzug?“, wurde er vom Doc angeblafft. „Sofort raus mit Ihnen.“
Erschrocken schaute der Mann in die Runde.
„Harald Weinert“, stellte Harald sich vor. „Meine Kollegin Nicole Wegener vom K11 in Offenbach. Kommen Sie mit.“
Der Kriminalhauptkommissar führte Felix Heller auf den Flur, wo er auf ein Regal zeigte, in dem weiße Schutzanzüge lagerten. „In der Beziehung versteht der Doc keinen Spaß.“
Wieder zurück im Sektionsraum, wurde der junge Staatsanwalt einem Ganzkörperscan seitens des Rechtsmediziners unterzogen und, als dieser zu dessen Zufriedenheit ausfiel, an den Sektionstisch gewunken.
„Das sind Dr. Martin Lindner, Leiter der Gerichtsmedizin und sein Kollege, Dr. Viktor Laskovic“, setzte Harald die Vorstellung der Anwesenden fort. „Unser Vorgesetzter, Dr. Ludwig Lechner, lässt sich ebenfalls, wegen dringender Termine, entschuldigen.“
„Ich habe schon gehört, dass Herr von Lindenstein Unterstützung erhalten soll“, äußerte Nicole lächelnd. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass er Sie gleich ins kalte Wasser werfen würde.“
„Na dann wollen wir mal keine Zeit mehr verlieren“, beendete Viktor Laskovic die Plauderei und setzte erneut das Skalpell an.
Nach und nach entnahm er dem Toten die Organe, legte sie auf eine Waage und dokumentierte seine Arbeit mit den entsprechenden Informationen. Währenddessen richtete der Doc seine Aufmerksamkeit dem Schädel des Verstorbenen zu.
Besonders glücklich sah Felix Heller nicht gerade aus, auch wenn die Bedeutung seines Vornamens etwas anderes aussagte. Die Kriminalbeamten ahnten, was gleich passieren würde … und sollten recht behalten.
Nach dem Einsetzen der elektrischen Säge nahm das Gesicht des Staatsanwalts eine ungesunde Blässe an, dann wurde er leichenblass, im wahrsten Sinne des Wortes.
„Raus!“, dröhnte die Stimme des Doc durch den Raum. „Ich will hier keine Verunreinigung meines Arbeitsplatzes.“
Felix Heller drehte sich auf dem Absatz um, eine Hand auf seinen Mund gepresst und eilte noch schneller hinaus, als er vor einigen Minuten hereingestürmt war.
„Mann, Mann, Mann, was ist mit der heutigen Jugend los?“, brummte der Doc verärgert.
Eine knappe Stunde später verließen die Kriminalkommissare die Sektionsräume. Auf dem Weg zu ihrem Fahrzeug atmeten sie erst einmal durch.
Die Luft an der dicht befahrenen Straße in der Kennedyallee war zwar auch nicht die beste, aber belebender, als die formaldehydgeschwängerte im Keller der Rechtsmedizin.
Felix Heller, noch immer einen Grünstich im Gesicht, lehnte an seinem schwarzen Audi A4 Sportline.
Wie kann sich ein so junger Staatsdiener einen solchen Wagen leisten, fragte sich Nicole stirnrunzelnd.
Als hätte Felix Heller ihre Gedanken gelesen, sagte er: „War ein Geschenk von meinem Vater; sozusagen zum Karrierestart. Den habe ich jetzt aber mächtig vermasselt.“ Er lachte gequält.
„Es tut mir leid, dass ich mich derart blöd benommen habe. Das war ganz und gar unprofessionell. Ich hoffe, es bleibt bei diesem einen Ausrutscher. Ansonsten werde ich den Beruf wechseln müssen.“
„Sie haben es erfasst“, erwiderte Harald auch sogleich. Setzte aber sofort nach. „War nur Spaß. Ist jedem von uns am Anfang so gegangen.“
„Dennoch war es fies von Herrn von Lindenstein“, sagte Nicole. „Ich werde mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen.“
„Oh, bitte nicht.“ Felix Heller hob abwehrend beide Arme. „Womöglich informiert Herr von Lindenstein geradewegs meinen Vater und das möchte ich ganz und gar nicht.“
Sein beinahe flehender Blick richtete sich auf die Kriminalbeamten.
„Dann mache ich Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können“, erwiderte Nicole.
Die unausgesprochene Frage – was kommt jetzt? – stand Felix Heller im Gesicht geschrieben, während Harald innerlich grinste.
„Ich könnte einen starken Kaffee vertragen und Sie laden uns dazu ein, Herr Heller. Ich kenne ein nettes Café, ganz in der Nähe. Dabei informieren wir Sie darüber was die Obduktion ergeben hat. So erfährt niemand von Ihrem ... Ausrutscher.“
Felix Heller sah auf seine Armbanduhr, eine Rolex der oberen Preisklasse. „15 Uhr 55“, murmelte er und nickte. „Das lässt sich machen. Aber nur unter der Bedingung, dass ein Cappuccino nicht als Bestechung ausgelegt wird?“
Die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt und er lächelte unbeholfen.
„Jetzt hat er kapiert, wie der Hase hier läuft“, sagte Harald lächelnd. „Ich rufe nur noch schnell Lars an.“ Er entfernte sich einige Schritte.
Wenig später unterbrach er, die allem Anschein nach, angeregte Unterhaltung zwischen Nicole und Heller.
„Es gibt Neuigkeiten. Wir haben eine Zeugin, Berta Zöller, 84 Jahre. Sie sah gestern Nacht ein Auto auf dem Parkplatz, oberhalb des Fundortes unserer Leiche. Fahrzeugtyp und Nummernschild konnte die Frau zwar nicht erkennen, nur dass der Wagen beigefarben war. Sie meinte, es handelte sich um ein älteres Modell. Ihrer Beschreibung nach könnte es ein Citroën gewesen sein; ist aber nur eine Vermutung von mir. Zudem sagte die Dame aus, dass ein dunkel gekleideter Mann etwas „Langes“, genauso drückte sie sich aus, aus dem Kofferraum herausgehoben hätte und damit die Treppe neben dem Turm runtergegangen sei. Was das war, konnte sie aber auch nicht sehen. Der geöffnete Kofferraumdeckel versperrte ihr die Sicht.“
„Um welche Uhrzeit?“, fragte Nicole knapp.
„Soll um etwa 23 Uhr 30 gewesen sein.“
„Könnte zeitlich hinkommen. Setze dich doch bitte gleich mit Josef Maier in Verbindung. Er möchte heute Abend nochmals die Anwohner befragen lassen, die heute Morgen nicht anzutreffen waren.“
„Ok.“ Harald betätigte eine Kurzwahltaste seines Handys.
Mittwoch / 15:10 Uhr
Als Herbert an diesem Tag erneut am Haus von Sepp ankam, hörte er schon auf dem Weg zur Haustür eine lautstarke Auseinandersetzung. Hauptsächlich vernahm er Elfis Stimme, die zwischen Wut und den Tränen nahe hin und her schwang. Sie schien mit ihren Nerven am Ende.
Durch das immer offene Gartentor eilte Herbert zur Terrasse und betrat die Küche durch die Terrassentür.
„Tach“, sagte er kurz. „Mein Gott, was is en hier los? Mer hört euch ja bis zum Marktplatz.“
Sepp saß am Küchentisch und schaute mit hochrotem Kopf auf. Auf seinem Gesicht zeigten sich Scham aber auch Trotz. Elfi stand zitternd, ebenfalls mit rot glühenden Wangen, vor ihm.
„Gut, dass du kommst. Ich weiß nicht mehr weiter.“
Zur Unterstreichung ihrer Hilflosigkeit schwang sie die Arme in die Luft.
„Was is en los? Ich wollt eigentlich nur ...“
„Heute Morgen verliert er sein Handy“, fiel Elfi Herbert ins Wort, „und dann das.“
Er folgte ihrer Kopfbewegung zu der zerstörten Telefonstation, die Sepp krampfartig in seinen Händen hielt, als wolle er sie nie mehr wieder loslassen.
„Es wird jeden Tag schlimmer. Keine Minute kann man ihn alleine lassen, ohne dass er Unsinn macht.“
„Is mir halt runnergefalle“, brummelte Sepp Richter vor sich hin und senkte wieder seinen Kopf. „Kann doch mal passiern. Isch wollt des ja aach widder zusammeklewe.“
Elfi schnaufte. „Aber doch nicht mit Sekundenkleber! Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
„Was?“, rief Herbert, gleichermaßen fassungslos. „Du hast des Telefon mit Sekundekleber zusammeklebe wolle?“
„Hot ja aach geklappt. Nur moi Finger babbe do jetzt aach dro“, antwortete Sepp kleinlaut.
„Ich habe den Notarzt verständigt“, seufzte seine Tochter. „Die müssten jeden Moment eintreffen. Ich wollte nicht so mit dem Vadder vor die Tür, wegen der Nachbarschaft.“
Herbert wusste genau, wer mit Nachbarschaft gemeint war, vermutete aber, dass ein Krankenwagen, direkt vor dem Haus, die Gleiche die Aufmerksamkeit erregen würde.
In diesem Augenblick klingelte es und Elfi eilte an die Haustür. Nach einem kurzen Stimmengemurmel betraten zwei stämmige Sanitäter die Küche.
„Guten Tag Herr Richter. Na, dann wollen wir mal“, äußerte der Kleinere.
„Auch wenn Sie sehr an Ihrem Telefon hängen“, sagte der andere. „Jetzt müssen Sie loslassen. Wir gehen auch ganz behutsam vor. Tut kaum weh.“
Erschrocken sah Sepp zu den beiden auf. Den Blick würde Herbert so schnell nicht wieder vergessen und Sepp, so hoffte er, nicht die Angst, die ihm im Gesicht abzulesen war.
Nach einer Viertelstunde und etlichen Schweißperlen auf Sepps Stirn war die Prozedur überstanden.
„So, Herr Richter. Jetzt haben Sie es geschafft. Hat doch gar nicht wehgetan, oder?“, äußerte der Größere.
Ohne eine Antwort von Sepp abzuwarten fuhr er fort: „Die Verbände sollten Sie aber in spätestens zwei Tagen erneuern lassen. Am besten Sie kommen zu uns ins Krankenhaus. Dann haben wir vielleicht auch ihr Handy aus dem Pool gefischt. Allerdings mit der Wassergymnastik wird das die nächsten Tage nichts.“
„Des muss aach net soi“, brummelte Sepp und seine Tochter begleitete die Sanitäter hinaus.
„Du hast ihr net erzählt, dass des mit dem Telefon die andere zwei warn?“, fragte Herbert.
„So wie die druff is, tät die dene bestimmt Hausverbot erteile. Und du sechst aach nix. Dass mer uns do verstehe!“
„Schön, dass ihr euch wenigstens versteht“, sagte Elfi, zurück in der Küche. Zum gefühlten zehnten Mal seufzte sie. „Ich verstehe nichts mehr, und will auch nichts mehr verstehe. Zum Glück kommt der Leon so in einer Stunde. Der Bub ist mit seinen 12 Jahren wesentlich vernünftiger, als du mit deinen 92.“
„Was, der kommt heut schon?“, fragte Sepp.
„Ja. Wieso passt dir das nicht?“
„Was soll des jetzt widder heiße? Nadirlich passt mir des. Isch bin immer froh, wenn der Bub kimmt. Warum host de mir des net gesacht?“
„Wollte ich vorhin. Aber, deine Bastelei kam dazwischen.“ Elfi blitzte ihren Vater gereizt an.
„In seiner Schule ist ein Darmvirus im Umlauf“, wandte sie sich Herbert zu. „Und weil sowieso bald die Herbstferien beginnen, hat die Schulleitung alle Kinder, die noch nicht betroffen sind, freigestellt. Nur, Leons Eltern müssen diese Woche noch arbeiten. Deshalb bleibt er die nächsten Tage bei uns.“
„Isch hab Schmerze. Isch brauch a Tablette“, murmelte Sepp und schielte zu seiner Tochter.
„Ich auch. Ich habe Kopfschmerzen“, entgegnete sie und stapfte ins obere Stockwerk.
„Du machst aber auch Sache“, sagte Herbert.
„Du jetzt net aach noch. Isch hab’s ja kapiert. Des war bleed.“
„Des war net nur blöd; des war saublöd.Wo sind eigentlich die Gundel und der Schorsch?“
„Die hawe sich gleich aus em Staub gemacht, nachdem isch do festgebabbt war. Dene werd isch ebbes verzählte, wenn die sisch widder blicke losse; des kannst de mer glawe.“
Mittwoch / 16:05 Uhr
Lars hatte soeben begonnen einige der Aufnahmen vom Fundort der Leiche an die Glaswand, die ihre Büros voneinander trennte, anzubringen, als sein Handy vibrierte.
Er hastete zu seinem Schreibtisch und konnte gerade noch verhindern, dass das Telefon, das er mal wieder achtlos zu nahe an den Rand der Tischkante gelegt hatte, die Schwerkraft ausprobieren konnte.
„Hi, Harry. Na gut amüsiert, bei den Leichenfledderern?“
„Ja, doch, war recht unterhaltsam“, ging Harald auf die flapsige Bemerkung seines Kollegen ein, konnte sich aber im letzten Moment zurückhalten, den misslungenen Auftritt des jungen Staatsanwalts preiszugeben. Stattdessen informierte er Lars über die noch nicht allzu spektakulären Erkenntnisse der Obduktion.
„Nicht gerade viel“, kommentierte der dann ebenso prompt. „Aber, auch bei mir ist nichts Neues zu vermelden.“
„Ich setze mich noch mit der Polizeidienststelle in Seligenstadt in Verbindung“, sagte Harald. „Vielleicht gibt es dort neue Erkenntnisse. Wir kommen so in etwa einer oder eineinhalb Stunden zurück.“
„Aha. Und, was treibt ihr solange, während ich hier schufte?“
„Wir gehen jetzt einen Kaffee trinken. Also bis später.“
Bevor sein Kollege noch irgendeine Bemerkung loslassen konnte, hatte Harald das Gespräch beendet.
„Kaffeetrinken? Dann werde ich mir auch einen Wachmacher holen“, murmelte Lars vor sich hin, verließ das Büro und rannte, immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend in die Kantine.
Dort angekommen, schnappte er sich am Eingang eine Tageszeitung, zwinkerte der charmanten Bedienung hinter dem Tresen zu und bestellte einen doppelten Espresso. Beim Anblick der leckeren Schinkenbrötchen, mit einem Klecks Fleischsalat versehen, knurrte sein Magen und erinnerte ihn an das verpasste Mittagessen. Also orderte er auch noch zwei Brötchen und setzte sich an einen Fensterplatz.
Lars hatte die Angewohnheit, eine Zeitung zuerst von hinten nach vorne durchzublättern. Deswegen fiel ihm der Bericht über die bevorstehende Verleihung des Bundesverdienstordens an einen Staatsanwalt a. D., mit Namen Heinz Hagemann erst ins Auge, als er die Tageszeitung zum zweiten Mal und diesmal intensiver von vorne nach hinten studierte.
Nicht der Bekanntgabe als solche weckte sein Interesse, mehr das Foto des Anwärters auf die Auszeichnung.
Den kenne ich doch, nur woher?
Sekundenlang starrte Lars auf das Foto und zermarterte sich den Kopf. Dann traf es ihn wie ein Blitz.
Das gibts doch nicht.
Hastig schlürfte er seinen noch heißen Espresso und verbrannte sich prompt den Gaumen. Mit unter dem Arm geklemmter Zeitung und dem zweiten Schinkenbrötchen in der Hand spurtete er aus dem Speisetempel.
Im Büro legte er die Wurstsemmel achtlos auf seinen Schreibtisch und begann sogleich die Tastatur seines PCs zu malträtieren.
Nach nur wenigen Klicks landete er auf der Seite des Landgericht Darmstadt. Einige Sekunden später blickte er in das markante Gesicht von Staatsanwalt a.D. Heinz Hagemann.
Der geht auch zum Lachen in den Keller, schoss Lars der Gedanke durch den Kopf.
Der Mann mit den ausgeprägten Wangenknochen und den dunklen stechenden kleinen Augen war ihm auf Anhieb unsympathisch.
Mittwoch / 16:20 Uhr
Der wird von Tag zu Tag anstrengender. Herbert stöhnte. Oh, Äppelkuche?
Der Duft aus der Küche besserte schlagartig seine Laune.
„Helene!“
„Ich bin hier oben.“ Ihre glockenhelle Stimme kam aus dem oberen Stockwerk. „Setz bitte schon mal Kaffee auf. Ich habe einen Apfelkuchen gebacken.“
In der Küche war der Tisch bereits gedeckt und mittig stand ein ofenfrischer Kuchen. Herbert schaute zur Küchentür, brach am Rand ein kleines Stück ab und steckte es sich in den Mund.
„Mm.“
Nachdem er Wasser und Kaffeepulver in die Maschine gefüllt hatte, ging er die Treppe hinauf und fand Helene vor dem Computer.
„Ich habe schon mal angefangen zu recherchieren“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
Herbert beugte sich über ihre Schulter und versenkte dabei sein Gesicht in ihrem Nacken. „Was hast du gefunde?“, brummte er.
„Noch nicht sehr viel. Bis jetzt nur ein paar Informationen über den Staatsanwalt Heinz Hagemann aus dem Landgericht Darmstadt.“
Helene drehte sich mitsamt ihrem Bürosessel Herbert zu. „So lange warst du ja auch nicht weg.“
„Mir is es wie e Ewigkeit vorgekomme. Ich sag dir, der wird von Tag zu Tag anstrengender“, wiederholte er seine vorherigen Gedanken.
„Konntest du Sepps Telefon wieder in Ordnung bringen?“
„Dazu bin ich gar net erst gekomme.“
„Warum, was ist passiert?“
Herbert nahm auf dem zweiten Bürostuhl Platz.
„Wie ich vermutet hatte, war der Sepp nur auf den Lautsprecherknopf gekomme und hat net mehr gewusst, wie des rückgängig gemacht werde kann. Nach dem Radau, den wir im Hintergrund gehört habe, müsse sich die Gundel, der Schorsch und der Sepp um die Station gestritte habe und die is dabei wohl runtergefalle und war kaputt. Des Schlimmste is, dass der Sepp versucht hat, des Gehäuse wieder zu klebe – mit Sekundenkleber und …“
„Was … mit Sekundenkleber?“
Herbert nickte. „Seine Finger hat er halt gleich mit angeklebt.“
„Grundgütiger!“, rief Helene.
„Halb so schlimm“, winkte er ab. „Die Sanitäter warn schon da und habe seine Fingerchen wieder vom Rest getrennt; hat aber a Viertelstund gedauert. Jetzt hat er acht von zehn Finger verbunde und sitzt rum und jammert.“
„Die arme Elfi.“ Helene seufzte. „Wenigstens habe ich einige gute Neuigkeiten.“ Sie zeigte auf den Bildschirm.
„Schau mal hier. Das ist Friedhelm Hanke, Richter am Darmstädter Landgericht, bis zu seiner Pensionierung 1998. Ist aber leider schon verstorben.
Heinz Hagemann arbeitete, wie wir schon wissen, dort als Staatsanwalt und eng mit ihm zusammen.“
„Wie bist du denn auf den gestoße?“
„Genauso wie du immer vorgehst habe ich zuerst den Namen des Opfers – Heinz Hagemann – eingegeben und mich dann durchgearbeitet. Dabei stieß ich auf diesen Richter.“
„Mein großes Mädche.“ Herbert küsste Helene in den Nacken. „Aber bitte, lass uns nachher zusamme weitermache. Jetzt muss ich mich erst mal erhole und des geht am beste mit einem Stück frische Äppelkuche.“
Sie gingen beide nach unten in die Küche und Helene schenkte den mittlerweile durchgelaufenen und dampfenden Kaffee in die bereitstehenden Tassen.
„Ich glaube, wir haben Mäuse“, sagte sie mit einem schelmischen Blick auf den Kuchen.
„Dann habe die en gute Geschmack“ Herbert schnitt sich ein großes Stück ab.
„Jetzt steht der Sepp aber ohne Telefon da“, nahm Helene wieder das Thema auf. „Was ist, wenn ihm etwas passiert und er Hilfe braucht?“
„Momentan kann er sowieso net telefoniern. Wie soll en des gehe, mit dene bandagierte Finger? Aber, mach dir da mal keine Gedanke. Die Elfi hat gesagt, dass nachher der Leon kommt und für a paar Tage hierbleibt. Der passt schon auf seinen Opi auf.“
Helene nickte. „Sag mal, du hast doch noch alte Handys. Könntest du nicht eines davon ... ich meine ... vielleicht wenn du eine Karte besorgst ...?“
Herbert seufzte. „Ja, is ja gut. Wenn du mich so anguckst, mit deine große blaue Auge … kann ich ja net anders.“
Mittwoch / 16:40 Uhr
Harald hielt seinem Kollegen eine Tüte unter die Nase, aus der es nach Schinkenbrötchen duftete.
„Danke, aber du kommst zu spät.“
Lars deutete auf seinen Schreibtisch. Dort vollzog sich zeitgleich die Scheidung zwischen Wurstsalat und Schinken und die Mayonnaise überlegte gerade eine Dreierbeziehung mit der darunterliegenden Serviette und der Tischplatte einzugehen.
Angewidert verzog Nicole ihr Gesicht.
Dessen ungeachtet fuhr Lars fort. „Ich habe unser Opfer identifiziert. Heinz Hagemann, Staatsanwalt a.D. wohnhaft in Seligenstadt.“ Er nahm die Zeitung zur Hand und referierte den Artikel.
„Bundesverdienstorden für Staatsanwalt a.D. Heinz Hagemann. Der 1947 geborene Baden-Württemberger startete seine Kariere in Seligenstadt am Ortsgericht, bevor er zum Landgericht Darmstadt wechselte. Von seinen Kollegen geachtet, von Straftätern gefürchtet (Hagemann forderte immer die Höchststrafe), stand für ihn Gesetz und Ordnung stets an oberster Stelle. Auch nach seiner Pensionierung stellte Heinz Hagemann seine Arbeitskraft und seine Erfahrungen seinen Mitmenschen zur Verfügung. Wenn einer diese Auszeichnung verdient, dann dieser ehrenwerte Mann.
Der Sermon geht so weiter.“ Lars legte die Zeitung beiseite. „Mutter Teresa scheint ein ganz kleines Licht, gegen diesen Supertypen. Aber, worauf ich eigentlich hinaus will ist: Vielleicht war nicht jeder von Heinz Hagemanns humaner und sozialer Seite überzeugt und der Meinung, dass der Mann diese Auszeichnung nicht verdient hätte. Zumindest lese ich zwischen den Zeilen, dass er als Staatsanwalt seine Machtbefugnisse bis aufs Äußerste ausreizte und bestimmt nicht mit jedem Gut Freund war.“
„Zumindest nicht bei den Verbrechern, die er hinter Gitter geschickt hat, könnte ich mir vorstellen“, stimmte Harald zu.
„Auch wenn er die krassesten Strafen forderte“, entgegnete Nicole, „liegt es doch letztlich am Urteil des Richters.“
„Richtig, Boss.“
Lars klickte in die untere Leiste seines Computers und holte die Dateien, die er dort zwischengelagert hatte, zum Vorschein.
„Auch hier habe ich etwas Feines vorzuweisen. Seht euch das an. Jedes Mal, wenn Staatsanwalt Hagemann die zulässigen Höchststrafen durchsetzen konnte, hatte ein Richter namens Friedhelm Hanke den Vorsitz … ein ehemaliger Unteroffizier. Auch er war für seine strengen Urteile bekannt, wie aus den Unterlagen hervorgeht. Ich würde meinen … ein eingespieltes Team.“
„Na gut. Man könnte sagen, Hagemann war ein harter Hund“, replizierte Nicole. „Aber, warum sollte ihn jemand deswegen und erst jetzt, nachdem er schon lange im Ruhestand ist, töten? Ich nehme mal an, darauf willst du hinaus?“
„Genau“, antwortete Lars. „Ich dachte mir, mit dieser Auszeichnung, die Hagemann erhalten sollte, ist das Fass übergelaufen, wie man so sagt. Irgendwer zog die Reißleine. Vielleicht jemand der jetzt erst seine Strafe abgesessen hat.“
„Gar nicht so verkehrt.“ Harald nickte nachdenklich.
„Dann fangen wir mit den schweren Jungs an, die Hagemann für längere Zeit hinter Gitter brachte und die nun wieder auf freiem Fuß sind. Einen anderen Ansatz haben wir zurzeit sowieso nicht“, schlug Nicole vor und setzte sogleich nach.
„Trotzdem, vergesst nicht, erfahrungsgemäß ist der Mörder im unmittelbaren Umfeld des Opfers zu suchen. Nachdem jetzt die Identität zu 95% feststeht, kümmert euch um die Familienverhältnisse, Freunde, Bekannte und so weiter. Die Vereine nicht zu vergessen, in denen er tätig war. Ach ja, ganz wichtig, der Richter. Wie war noch sein Name?“
„Friedhelm Hanke“, antwortete Lars, wie aus der Pistole geschossen. „Aber den können wir von der Liste der Verdächtigen streichen. Der hat sich bereits 1998 von dieser schönen Erde verabschiedet.“
Nicole nickte. „Dann rufe ich den Doc an. Vielleicht liegen die Ergebnisse des Zahnabgleichs schon vor und wir haben die absolute Bestätigung, dass unser Opfer Heinz Hagemann ist. Nicht, dass ich an deinen Recherchen zweifeln würde, Lars“, fügte sie hinzu.
Gleichzeitig deutete sie auf seinen Schreibtisch. „Beseitige die Schweinerei, bevor dort ein Biotop entsteht.“
Lars rollte mit den Augen, holte aber sofort eine Rolle Küchenpapier aus seiner Schublade.
„Verdammt!“, fluchte er, keine drei Sekunden später.
„Was ist los?“, fragte Harald. „Hat sich die Mayonnaise schon in die Tischplatte geätzt? Oder hast du dir den Daumen eingezwängt?“
„Dass ich nicht sofort daran gedacht habe“, murmelte Lars und wühlte hektisch in den Mappen der unerledigten Fälle, die noch immer hinter ihm auf dem Schrank lagen.
„Hier ist es. Der Akte des vermissten Jungen aus Seligenstadt. Das ... kann ... kein ... Zufall sein!“
„Was meinst du?“
Mit wenigen Schritten stand Harald neben seinem Kollegen. Das Erste, was er sah, war das Foto, rechts oben. Es zeigte einen Jungen mit einem auffällig zarten Gesicht mit graublauen Augen.
Jeder für sich, überflogen die Kommissare, den Text.
Der 17-Jährige hieß Daniel Hagemann, Sohn von Heinz und Maria Hagemann, wurde am 18. Oktober 2001 als vermisst gemeldet, und zwar von seiner Mutter. Tagelang suchte die Polizei fieberhaft die Umgebung ab. Schließlich wurde die Kriminalpolizei eingeschaltet, weil man ein Sexualverbrechen, einen Mord oder beides nicht ausschließen konnte. Aber alle Anstrengungen – auch der Einsatz von Spürhunden – blieben erfolglos.
„Wieso hat nur die Mutter den Jungen als vermisst gemeldet? Wieso stehen da nicht die Namen beider Elternteile?“, stellte Harald mehr sich selbst die Frage.
„Ja, ist allerdings merkwürdig“, stimmte Lars ihm bei.
„Was ist merkwürdig?“ Nicole hatte sich hinter ihren Mitarbeitern postiert. „Habt ihr etwas gefunden?“
„Allerdings. Hier, die Vermisstenanzeige eines Jungen aus Seligenstadt, Oktober 2001“, setzte Harald seine Chefin in Kenntnis.
„Welche Vermisstenanzeige?“
„Ein ungelöster Vermisstenfall; ist scheinbar zwischen die unaufgeklärten Mordfälle gerutscht. Ich wollte Andy die Akte schon zurückbringen, aber dann kam uns der aktuelle Mord dazwischen.“
„Und warum stöbert ihr zwei jetzt darin herum? Was hat das mit unserer Leiche zu tun?“
„Unserem Genie ist die Namensgleichung aufgefallen“, schmunzelte Harald.
„Der Vermisste, damals 17-jährige heißt Daniel Hagemann und unser Opfer – Heinz Hagemann. Klingelt’s?“
Lars sah Nicole herausfordernd an. Als diese nichts sagte, fuhr er fort: „Er ist … oder war Hagemanns Sohn. Er wurde, fast auf den Tag genau, vor 21 Jahren als vermisst gemeldet. Allem Anschein nach aber nur von seiner Mutter. Die Unterschrift des Vaters, Heinz Hagemann, fehlt auf der Anzeige. Das macht uns stutzig.“
„Dafür könnte es verschiedene Gründe geben“, warf Nicole ein. „Möglicherweise ein Versehen. Vielleicht war er an dem Tag, als sein Sohn verschwand, gar nicht zu Hause. Und die Unterschrift wurde dann vergessen. Oder er wollte seine Stellung als Staatsanwalt nicht ausnutzen. Ist das denn so wichtig?“
Harald zuckte mit den Schultern. „Wenn meine Tochter verschwinden würde, egal in welchem Alter, würde ich alle Hebel in Bewegung setzten, um sie zu finden. Und, wenn meine Position als Kriminalbeamter mir dabei hilfreich wäre, würde ich die ohne zu zögern einsetzen.“
„Da gebe ich Harry recht. Auch, wenn ich keine Kinder habe – jedenfalls nicht wissentlich“, Lars grinste, „finde ich das Verhalten des Staatsanwalts schon sehr merkwürdig. Ich glaube eher, dass in dieser Familie etwas ganz und gar nicht stimmte. Oder sogar etwas verheimlicht werden sollte.“
Nicole wiegte nachdenklich den Kopf. „Könnte natürlich auch sein. Wir fragen seine Witwe danach. Wir müssen ihr sowieso mitteilen, dass ihr Ehemann Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Der Zahnabgleich hat es bestätigt. Es handelt sich definitiv um Heinz Hagemann.“
„Ok. Wer überbringt die Botschaft?“, fragte Harald.
„Lars und ich übernehmen das. Ich bleibe dann auch gleich in Seligenstadt. In der Zwischenzeit kannst du dich tiefer in die familiäre Situation der Familie graben. Ich sehe doch, wie es hinter deiner Denkerstirn brodelt. Ach, und wenn du und Andy schon dabei seid den Staub der letzten Jahre aufzuwühlen, schaut, ob in dem Zeitraum eine unbekannte männliche Leiche aufgefunden wurde; sagen wir mal vorerst im Radius von 200 Kilometern.“
„Woher weißt du, dass ich ...?“ Harald schüttelte seinen Kopf. „Wieso frage ich eigentlich noch.“
Mittwoch / 17:05 Uhr
Mit federnden Schritten rannte Kriminalkommissar Harald Weinert die Treppen hinunter in die Katakomben, wie die Asservatenkammer des Offenbacher Polizeipräsidiums scherzhaft genannt wurde, aber so rein gar nichts mit einer Gruft, im herkömmlichen Sinn, zu tun hatte.
Im Büro von Andreas Dillinger spendeten zwei große, bodentiefe Fenster reichlich Tageslicht und gaben den Blick auf einen gepflegten Rasen und Begrünung auf Büsche und Sträucher frei. In den hinteren Räumlichkeiten, die nur durch Neonlampen beleuchtet wurden und keine Fensterscheiben hatten, war es zweifellos weniger heimelig.
„Hallo Andy. Ich brauche deine Hilfe“, rief Harald Weinert, kaum, dass der Summer ertönte und er die Tür geöffnet hatte.
Der saß an seinem Schreibtisch, blickte auf und zwang sich ein Lächeln ab. „Womit kann ich den Bekämpfern der Kriminalität dienen?“
„Es geht um diesen Vermisstenfall.“ Harald legte ihm die Akte von Daniel Hagemann vor. „Woher wusstest du, dass der Vermisste der Sohn von unserem neuesten Opfer ist? Und warum so geheimnisvoll?“
„Wie ... eh, wie kommst du an die Akte?“
Harald runzelte die Stirn. „Na, die hast du uns doch untergejubelt.“
Andreas Dillinger schüttelte den Kopf.
„Nicht? Verstehe ich nicht.“
„Ich verstehe es noch weniger“, entgegnete Andy. „Ich habe nur festgestellt, dass die Akte verschwunden ist. Das war vor etwas mehr als einer Stunde. Seitdem durchsuche ich sämtliche Regale.“
„Verschwunden?“, wiederholte Harald. „Wie kann so etwas passieren und weshalb gerade diese Akte?“
„Das könnte tatsächlich mit eurem aktuellen Mordfall zu tun haben. Als ich vorhin kurz in der Cafeteria war, habe ich den Artikel über die bevorstehende Auszeichnung von Staatsanwalt Heinz Hagemann gelesen. Ich dachte noch so – guck an, auch nach seiner Pensionierung macht er Schlagzeilen. Dann ... ich weiß nicht wieso, kam mir blitzartig der Vermisstenfall Daniel Hagemann in Erinnerung. Du weißt, ich habe eine Art Elefantengedächtnis.“
Das konnte Harald nur bestätigen. Wann immer alte Unterlagen für einen aktuellen Fall benötigt wurden, brauchte Andy nur ein paar Anhaltspunkte, um die entsprechenden Beweisstücke in den Unmengen im Archiv zu finden.
„Wegen der Namensgleichung und aus lauter Neugier wollte ich einfach mal in die Akten sehen“, fuhr Andy fort. „Aber, als ich sie aus dem Regal holen wollte, wo sie ordnungsgemäß hätte sein sollen, war sie verschwunden; einfach weg.
Zuerst konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Dann erinnerte ich mich an einen seltsamen Vorfall, letzte Woche und hatte so eine Vermutung, der ich auf den Grund gehen wollte. Schließlich kann es mich den Job kosten, wenn Beweisstücke aus meinem Archiv abhandenkommen.“
„Du sprichst in Rätseln, mein Freund“, erwiderte Harald.
„Ich glaube, es war letzten Dienstag, da kam eine uniformierte Kollegin – ich hatte sie zuvor noch nie gesehen – mit einem Beschluss der Staatsanwaltschaft zur Akteneinsicht in einem Vergewaltigungsfall. Ich konnte aber die Akte nicht finden und dachte an einen Zahlendreher bei der Angabe des Aktenzeichens; kann ja mal vorkommen. Allerdings hatte ich eine ganze Weile in den hinteren Regalreihen gesucht und die Kollegin war in dieser Zeit alleine hier vorne. Verstehst du jetzt?“
Harald schüttelte den Kopf. „Nicht so richtig.“
„Harald! Es kann nur die Polizistin gewesen sein. Sie hat die Akte entwendet.“
„Wieso sollte sie das tun? Kann es nicht doch sein, dass du vielleicht, versehentlich, die ...?“
„Ich sagte dir doch, dass ich alles sehr gründlich abgesucht habe. Und, wenn ich gründlich sage, meine ich auch gründlich. Aber nichts.“ Andy streifte mit der Hand durch seine dichten dunkelbraunen Haare.
„Du führst doch aber Buch darüber, an wen du Unterlagen herausgibst. Dann müsste doch eine Unterschrift ...“
„Nur, wenn ich tatsächlich Akten aushändige. So aber ... habe ich keine Akte herausgegeben. Ich kann mich nur daran erinnern, dass die junge Frau sehr attraktiv war, etwa 25 Jahre, 1 Meter 70 groß und sie hatte lange braune Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden.“
„Zumindest hast du sie dir genau angesehen, wie mir scheint“, neckte Harald und entlockte Andy damit ein kleines Lächeln.
„Lara, nein Laura. Ja, Laura Simon. Ich bin mir sicher, das ist ihr Name; zumindest gab sie den mir gegenüber an.“
„Dann lass uns doch gleich mal in den Personalakten nachschauen.“
Andy schüttelte den Kopf. „Habe ich bereits versucht … keine Befugnis.“
„Ich aber“, entgegnete Harald und klopfte auf die Tastatur von Andys Computer ein.
„Eine Laura Simon ist in den Personalakten nicht geführt“, lautete Sekunden später seine ernüchternde Auskunft.
„Das gibt es doch nicht. Ich bin mir ganz sicher, dass Laura Simon auf dem Schreiben stand“, beharrte Andy.
„Dann ist der Name vermutlich ebenso falsch, wie das Formular zur Aushändigung der Akte“, stellte Harald sachlich fest.
„Wie konnte mir das nur passieren? Ich werde den Vorfall sofort melden.“
„Warum? Die Akte ist doch wieder da und keiner, außer uns beiden, weiß etwas davon. Oder hast du mit noch jemandem darüber gesprochen?“
Andy verneinte.
„Dann schlage ich vor, wir behalten das erst einmal für uns. Nur Nicole sollten wir, bei Gelegenheit, einweihen. Schon deshalb, weil sich jemand ja wohl auch unbefugt in unseren Büros rumgetrieben hat. Aber das hat noch Zeit.
Momentan ist sie mit Lars unterwegs zur Ehefrau unseres Opfers. Ach ja, das sollte ich dir mitteilen: Sie bleibt dann auch gleich in Seligenstadt und erwartet dich zum Abendessen.“
Harald Weinert schaute auf die große Bahnhofsuhr an der seitlichen Wand. „Bis dahin haben wir noch genügend Zeit zum eigentlichen Grund meines Hierseins zu kommen. Ich muss mich durch Hagemanns Arbeitsleben, als auch durch sein Privatleben wühlen und könnte dabei deine Hilfe gebrauchen, falls du etwas Zeit hast.“
„Ja, schon. Aber ist das Nicole recht?“
„Unser Boss hat sogar vorgeschlagen, dich einzubeziehen.“ Haralds Grinsen war das eines kleinen Jungen, der einem Erwachsenen etwas abgeluchst hatte, das er eigentlich nicht bekommen sollte.
„Aber lass uns dazu nach oben gehen. In unserem Büro stehen uns mehr als ein Computer zur Verfügung; ist effektiver und das Büro sieht nicht so verwaist aus und …“
„Ist ja gut“, beendete Andy Haralds schon beinahe verzweifelten Versuch, der Unterwelt zu entkommen.
„In erster Linie interessiert uns, welche schweren Jungs Hagemann während seiner Karriere hinter Gitter gebracht hat und die nun wieder auf freiem Fuße wandeln und sich womöglich rächen wollen. Sein privates Umfeld sollten wir auch nicht außer Acht lassen. Ebenso die früheren Kollegen; sei es in seiner Zeit in Seligenstadt, als auch am Landgericht Darmstadt.“
Harald wies Andy den Arbeitsplatz von Lars zu.
„Unser Kleiner konnte schon Einiges über Hagemann recherchieren. Die Ausdrücke liegen hier.“
Andy überflog den Text, während Harald sich erneut der Vermisstenakte von Daniel Hagemann widmete.
„Karate! Kaum zu glauben, wenn man das zarte Gesicht sieht. Er hat so etwas feminines an sich.“
Harald hielt Andy die Seite mit dem Foto des damals 17-Jährigen entgegen. „Kann es nicht doch eine Entführung mit anschließendem Mord gewesen sein?“
„Auch wenn der Junge nicht so aussieht. Karate ist ein Kampfsport, den er, schau, hier steht es“, Andys Zeigefinger ging zu der Zeile in dem Protokoll, „schon mehr als drei Jahre ausführte. Glaube mir, der hätte sich bestimmt gewehrt.
Mich macht aber etwas ganz anderes stutzig. Laut Daniels Lehrern und auch nach Aussage seiner Mutter, Maria Hagemann, waren Daniel und sein Freund, ein gewisser Oliver Krug, die besten Freunde. Würdest du“, wandte Andy sich an Harald, „nicht deinem besten Freund erzählen, wenn du von zuhause weglaufen willst und vor allem warum?“
„Glaube schon“, stimmte er ihm zu.
„Seine Mutter sagte aus, dass keinerlei Kleidungsstücke in Daniels Schrank fehlten. Auch hätte er, in der Schule, nie Geld bei sich gehabt und an sein Sparbuch wäre er nicht herangekommen. Das, so stellte die Polizei damals auch fest, gut verwahrt im Tresor seines Vaters lag. Ich meine … die Jungs waren in einem Alter, in dem man doch schon darüber nachdenkt, wie man ohne Geld auskommen soll.“
„Sollte man annehmen“, pflichtete Harald ebenfalls bei. „Wenn ich dich richtig verstehe, willst du damit andeuten, dass die beiden diesen Schritt zusammen geplant haben?“
Statt einer Antwort senkte Andy erneut seinen Kopf in die Unterlagen. „Laut seinen Lehrern ist Daniel pünktlich in der Schule angekommen und verließ diese auch wieder mit seinem Freund, Oliver Krug. Anschließend, so Oliver Aussage, wollte Daniel zur Karatestunde.“
„Er hätte also mehr als eine oder eineinhalb Stunden Zeit gehabt zu verschwinden ohne, dass jemand etwas bemerkt hätte“, spann Harald den Faden weiter.
„Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, dass Heinz Hagemann nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um seinen Sohn zu finden. Ich meine …“
„Mit dieser Eingebung bist du nicht alleine“, unterbrach ihn Harald. „Lars warf den Gedanken auch schon in den Raum.“
„Ich meine“, fuhr Andy fort, „wenn ich mir vorstelle, dass mein Sohn, wenn ich einen hätte ...“
„Was nicht ist, kann ja noch werden“, wurde er von Harald erneut unterbrochen.
„Glaube ich kaum. Also, wenn mein Kind von einem auf den anderen Tag verschwinden würde, dann würde ich doch alle mir zur Verfügung stehenden Mitteln nutzen um die Suche voranzutreiben. Als Staatsanwalt hatte Hagemann doch mehr Möglichkeiten als ein Normalbürger. Aber die Suche wurde, nach nur wenigen Wochen eingestellt und wie es aussieht, ohne Widerspruch von Seiten der Hagemanns. Ich sage dir, in dieser Familie lief etwas absolut nicht rund.“
Der schiefe Blick von Andy, erinnerte ihn stark an Nicoles Miene, wenn sie so ein Bauchgefühl hatte.
„Wenn du so guckst, erinnerst du mich an Nicole“, sagte Harald dann auch prompt. „Ihr werdet euch immer ähnlicher.“
„Schön“, erwiderte Andy. „Dann stimmt es was der Volksmund sagt; dass bei einer guten Partnerschaft manche Eigenheiten auf den jeweils anderen abfärben.“
„So, sagt das der Volksmund?“ Haralds Mundwinkel zuckten. „Aber, ich denke du hast recht. Es könnte sein, dass Oliver seinem Freund geholfen hat und vielleicht Kleidung, Geld, et cetera irgendwo deponiert hatte.“
Mittwoch / 17:00 Uhr
„Guck mal“, Herbert griff in seine Jackentasche. „Ich hab dir e Handy mitgebracht. Is eins von meine alte und net es neueste Model. Damit kommst de aber erst mal über die Runde, bis die Elfi dir e neues kauft.“
Neugierig kam Leon näher und betrachtete das Handy. „Cool. So eins habe ich neulich bei uns auf dem Trödelmarkt gesehen.“
„Ich hab doch gesagt, es ist nicht das neueste Modell“, entgegnete Herbert mit leicht säuerlicher Miene.
„Entschuldigung Herr Walter.“ Leon senkte den Kopf. „Ich wollte ihr Handy nicht schlecht reden. Haben Sie noch mehrere davon?“
„So drei oder vier. Wieso?“ Augenblicklich erinnerte er sich an eine ähnliche Reaktion eines Jugendlichen vor einigen Jahren und lächelte. „Scheint wohl wieder hip zu sein?“
„Was? Ach so ja. Sie meinen die Teile sind wieder gesucht“, erwiderte Leon.
„Ich hab dir auch gleich a Telefonkarte eingesetzt und mit 20 Euro aufgelade“, wandte er sich Sepp zu. „Den Vertrag musste ich halt auf mich abschließe, sonst wär des net gegange, wege der Unterschrift.“
Mit skeptischem Blick betrachtete Sepp das Mobiltelefon und dachte: Eischentlich schee vom Herbert, dass der sich so kimmert. Awer, des is aach so en Techniknarr. Vielleicht hot der do e Wanze oigebaut und kann heern, mit wem ich telefonier.
Die Vorstellung, seine Gespräche könnten belauscht werden, verunsicherten ihn. Auf der anderen Seite wusste er nicht, wann Elfi wieder in der Stimmung wäre, ihm ein neues Telefon zu kaufen. Außerdem, wenn Leon das Handy schon cool befand, was sollte er dagegen haben?
„Und, was sagst du?“, fragte Herbert nach.
„Macht des aach Bilder? Des brauch isch unbedingt. Mir zwaa“, Sepp wedelte mit seinen bandagierten Fingern zwischen sich und seinem Enkel hin und her, „schicke uns dauernd Bilder und so was. Stimmt’s Leon?“
Der nickte.
„Klar, kannst de damit auch fotografieren“, bestätigte Herbert.
Jetzt grinste Sepp zufrieden. „Du musst mir awer noch zeische, wie des funktioniert. Des soll ja bei jedem von dene Dinger annerster soi, gell Leon?“
„Und ich hab schon gedacht, du traust mir net.“
Listig schaute Herbert seinen Nachbarn an und Sepp zuckte, wie bei einem Dummen-Jungen-Streich erwischt, zusammen.
„Nadirlich trau isch dir. Was glaabst de dann von mir?“
Sepp nahm das Mobiltelefon entgegen, als sei es eine sakrale Reliquie, was vornehmlich aber seinen verbundenen Fingern geschuldet war.
Mittwoch / 17:05 Uhr
Im zweiten Kreisverkehr nach der Autobahnabfahrt bog Nicole rechts in die Straße, in der das Haus der Hagemanns stand und fand auch einen geeigneten Parkplatz. Heute wäre sie gerne noch einmal um den Block gefahren, um das Unvermeidliche für einige Minuten hinauszuschieben.
Trotz all der Jahre, in denen sie schon öfter mit dieser unerfreulichen Aufgabe konfrontiert worden war, machte sich noch immer ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend breit.
Wie würde die Witwe, die noch nicht wusste, dass sie ab sofort eine war, auf den plötzlichen Tod ihres Ehemanns reagieren?
Ein stummer Zusammenbruch wäre das Schlimmste, was passieren konnte. Dann bestünde für Nicole und Lars erst einmal keine Chance, auf ihre dringlichen Fragen eine Antwort zu erhalten. Sie hätten lediglich eine unheilvolle Nachricht überbracht und müssten unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Oder aber ein kurzer heftiger Nervenzusammenbruch? Für ihre Ermittlungen wäre es jedenfalls hilfreicher. Nicole hatte festgestellt, dass insbesondere Frauen sich nach dem ersten Schock schnell wieder im Griff hatten; sich sogar für ihre außer Kontrolle geratene Emotion entschuldigten. Die anschließende Befragung war dann meistens erfolgreich.
„Da ist wohl niemand zuhause.“ Lars zeigte auf die offenstehende Garage, in der kein Auto stand.
„Vielleicht haben die Hagemanns überhaupt keinen Wagen und nutzen den Platz anderweitig; soll vorkommen“, widersprach Nicole. „Zumindest stehen dort zwei Fahrräder. Gehen wir’s an.“
Das Haus, vermutlich in den Siebzigern erbaut, machte einen gepflegten Eindruck. Das Gras im Vorgarten war nach Wimbledon-Art kurz geschnitten und die Edeltanne stand exakt, kerzengerade zwischen den beiden Fenstern der Vorderfront.
Ein kleines, bronzefarbenes Namensschild auf dem mit braungelben Klinkern versehenen Pfosten gab Auskunft darüber, dass hier Heinz und Maria Hagemann wohnten.
Nicole setzte ihren Zeigefinger auf den Klingelknopf. Schrill bohrte sich das blecherne Geräusch in jeden Winkel im Haus. Dennoch summte weder ein Türöffner, noch ließ sich eine Menschenseele blicken. Ein erneuter Versuch blieb ebenfalls erfolglos.
„Niemand zu Hause. Sagte ich doch.“ Lars machte Anstalten wieder zum Auto zurückzugehen.
Dann aber hörten die Beamten ein Schaben und Kratzen. Nicole beugte sich über das niedrige Türchen der Einfriedigung aus silberfarbenem Metall und drückte den inneren Türgriff.
„Ist das nicht widerrechtliches Betreten?“, fragte Lars mit in Falten gezogener Stirn.
Kommentarlos ging Nicole weiter zu dem schmiedeeisernen Tor, das genau in die, im Halbrund gemauerte Umrahmung passte und den vorderen vom hinteren Teil des Grundstücks trennte.
Wie sie feststellte, war dieses abgeschlossen, weshalb sie durch das Gitter blickte.
Eine Frau mit kurzen grauen Haaren, häufte mit einem Rechen Blätter zusammen.
„Hallo! Frau Hagemann?“, rief Nicole. „Bitte, nicht erschrecken. Wir sind von der Polizei. Können wir Sie einen Moment sprechen?“
Die Frau hob den Kopf, drehte sich um und kam zügig auf die Beamten zu. „Polizei? Was wollen Sie hier und wie kommen Sie hier herein?“
„Wir haben geklingelt, aber niemand hat geöffnet“, antwortete Lars.
„Aha. Und dann kommen Sie einfach so, mir nichts dir nichts, auf unser Grundstück? Das ist Hausfriedensbruch; auch wenn Sie von der Polizei sind. Verschwinden Sie sofort oder ich rufe meinen Mann.“
„Frau Hagemann. Darüber ... also über Ihren Mann, wollten wir mit Ihnen reden“, erwiderte Nicole und hielt ihren Polizeiausweis hoch.
Fast wäre Lars herausgerutscht: kein Grund zur Aufregung. Was natürlich völliger Humbug gewesen wäre. Stattdessen sagte er: „Können wir uns vielleicht, ohne diese Tür zwischen uns, unterhalten?“
Frau Hagemann taxierte die Kriminalbeamten noch einmal mit einem skeptischen Blick, öffnete aber dann die Gartentür mit einem Schlüssel, den sie aus ihrer Schürze holte.
„Kommen Sie.“ Sie ging voraus zur Terrasse. „Ich will sehen, wo mein Mann ist. Bitte.“
Ihre Geste deutete an, die Ermittler möchten auf den Gartenmöbeln Platz nehmen.
„Frau Hagemann ...“
Nicole fasste Lars am Ärmel und schüttelte den Kopf.
„Heinz!“ Maria Hagemann verschwand im Inneren des Hauses. Ihr Rufen wie auch ihre Schritte verrieten, dass sie in den oberen Stock ging. Nach kurzer Zeit kam sie zurück und sah die Beamten ungläubig an.
„Er ist nicht hier. Mein Mann ist nicht hier. Ich dachte, er liegt noch im Bett, was an und für sich schon ungewöhnlich wäre, denn er ist ein Frühaufsteher. Aber sein Bett ist unberührt.“
Frau Hagemann eilte in die Küche. „Genauso wie sein Frühstück. Ich verstehe das nicht.“
Nicole und Lars folgten ihr und registrierten, wie sie hastig etwas vom Tisch nahm und in der Tasche ihrer Schürze verschwinden ließ.
„Wie kommt es, dass Sie die Abwesenheit Ihres Mannes nicht bemerkt haben?“, erkundigte sich Lars.
„Ach wissen Sie, mein Mann ist fast jeden Abend bei irgendeiner Versammlung, in einem seiner vielen Vereine, in denen er tätig ist und kommt entsprechend spät heim. Wir haben deshalb getrennte Zimmer“, fügte Maria Hagemann hastig hinzu.
„Dann haben Sie Ihren Ehemann also gestern Abend zum letzten Mal gesehen?“, fragte Nicole.
„Eh was? Nein. Eigentlich gestern beim Mittagessen. Danach ist er weggefahren. Ich weiß nicht wann er zurückgekommen ist. Ich war in meinem Zimmer. Das geht zum Garten hinaus. Außer der Klingel höre ich da nichts.“
„Beim Abendessen haben Sie Ihren Mann nicht vermisst?“, forschte Nicole weiter.
„Abends isst Heinz immer auswärts, mit irgendwelchen Leuten aus seinen Vereinen.“
„Bei welchem Verein oder Versammlung war Ihr Mann gestern?“
„Ach, was weiß ich denn? Ich frage schon lange nicht mehr nach. Vielleicht liegt sein Terminkalender oben auf dem Schreibtisch, falls er ihn nicht mitgenommen hat.“
Die Gleichgültigkeit in der Stimme der Frau war für die Beamten nicht zu überhören.
Doch plötzlich fragte sie: „Ist etwas passiert? Ja, sicher ist etwas passiert, sonst wären Sie nicht hier.“
Nicole holte tief Luft. „Frau Hagemann. Ihr Mann wurde heute Morgen tot aufgefunden. Wir können ein Gewaltverbrechen nicht ganz ausschließen.“
Weder brach die Frau in Tränen aus, noch schrie sie auf. Sie sank lediglich auf einen Küchenstuhl, griff dann nach der Tasse, die offenkundig für ihren Mann dort stand und schenkte sich, aus der bereitstehenden Thermoskanne, Kaffee ein.
„Möchten Sie auch?“, richtete sie mechanisch die Frage an die Kriminalbeamten.
„Nein, danke“, sagte Nicole und setzte sich ebenfalls an den Tisch.
„Ihr Mann wurde am ehemaligen Wehrturm am Mainufer gefunden, in Höhe der Hospitalstraße.“
Die merkwürdige Bekleidung erwähnte sie erst einmal nicht. „Wissen Sie, was er dort wollte?“
„An der Mulaule? Warum dort?“ Zuerst schüttelte Maria Hagemann den Kopf, dann traf die Beamten ein leerer Blick. Anschließend trat Stille ein.
„Frau Hagemann. Sie erwähnten gerade einen Terminkalender.“
„Ja, natürlich.“ Es kam wieder Leben in die Frau. „Kommen Sie.“
Nicole und Lars folgten ihr die Treppe in den ersten Stock hinauf, in das Büro ihres Mannes.
Hatten die Kommissare eine verstaubte, aus den Siebzigern stammende Möblierung wie im Untergeschoss erwartet, so wurden sie enttäuscht. Der gesamte Raum bestand zum Großteil aus Regalen und Schränken aus einem bekannten schwedischen Möbelhaus. Nur eine Vitrine im Biedermeierstil, in der, dem Anschein nach, wertvolle Bücher aufbewahrt wurden, zierte eine Seitenwand.
Frau Hagemann ging schnurstracks auf den Schreibtisch zu, auf dem ein großer PC-Bildschirm fast den gesamten Platz einnahm. Auf der restlichen Fläche lagen streng nebeneinander Block, Stifte, ein Locher und eine Heftmaschine und besagter Terminkalender.
Ohne selbst einen Blick hineinzuwerfen, reichte sie ihn an Nicole weiter.
Am Dienstag, dem 17. Oktober 2017, waren insgesamt drei Termine, in sorgsamer, gut lesbarer Handschrift eingetragen.
10:30 Uhr – Bank
16:00 Uhr – O. K.
19:00 Uhr – Golf Klub
„Hier steht, Ihr Mann hatte gestern Morgen einen Termin bei der Bank. Wissen Sie, um was es da ging?“
Maria Hagemann schüttelte den Kopf. „Um die Bankgeschäfte kümmerte sich Heinz immer selber.“
„Was bedeutet O. K.?“, richtete Nicole erneut die Frage an die jetzige Witwe und deutete auf den Eintrag.
Die zuckte mit den Schultern und machte auch sonst nicht den Eindruck, als würde es sie interessieren, womit ihr Ehemann sich die Zeit vertrieb.
Wenn Hagemann zwischen 17 und 20 Uhr nicht mehr am Leben war, konnte er den letzten Termin, 19 Uhr im Golf Klub, nicht wahrgenommen haben. Wohl aber den um 16 Uhr mit O. K., überlegte Nicole.
„Hatte Ihr Ehemann Feinde?“, fragte sie geradeheraus.
Frau Hagemann gab einen undefinierbaren Ton – es hörte sich beinahe wie ein Lachen an, aber auch wieder nicht – von sich.
„In der Zeitung steht, Ihr Mann sollte den Bundesverdienstorden erhalten. Könnte es sein, dass ihm jemand diese Auszeichnung neidet? Ich meine, ist vielleicht irgendwer dagegen?“
Zum ersten Mal zeigte Maria Hagemann eine emotionale wenn auch nur kurze, Regung. Sie umklammerte die Schreibtischkante so stark, dass ihre Handknöchel weiß wurden, und starrte sekundenlang stumm aus dem Fenster, das zur Straßenseite hinausging.
Dann drehte sie sich zu den Beamten um und sagte mit fester Stimme: „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Mein Ehemann und ich hatten nicht mehr viele Gemeinsamkeiten, im letzten ... in letzter Zeit. Deshalb weiß ich auch nicht, ob er Neider hatte oder, wie Sie es ausdrücken wollen ... ihm irgendjemand die Auszeichnung missgönnte. Am besten fragen Sie die Leute, mit denen er ständig beisammen war. Die Adressen dürften auch in dem Buch stehen. Nehmen Sie es gerne mit.“
Das ließ sich Nicole nicht zweimal sagen und steckte den Terminkalender in ihre Handtasche.
„Den Computer brauchen Sie doch bestimmt auch?“
„Eh ... ja, danke, Frau Hagemann“, erwiderte Lars. „Die Festplatte des Rechners würde uns schon genügen.“
„Obwohl Heinz nie wirklich über seine Arbeit geredet hat, kenn ich mich ein bisschen in der Polizeiarbeit aus“, erklärte Maria Hagemann, als sie Lars‘ überraschten Gesichtsausdruck sah. „Und ja, gewiss waren ihm damals nicht alle wohl gesonnen. Hauptsächlich die, die er für lange Zeit ins Gefängnis brachte; was nicht verwunderlich ist, oder?“
Die Frau lachte freundlos auf. „Aber, das ist schon so lange her. Wieso sollte jetzt ...?“ Dann machte sie eine einladende Handbewegung. „Schauen Sie sich ruhig hier um. Falls Sie doch noch einen Kaffee möchten … ich bin unten.“ Sie ging aus dem Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu.
„Ich hätte ja alles erwartet“, sagte Nicole, „aber nicht das.“
„Vielleicht steht die Frau ja nur unter Schock.“
Das Stirnrunzeln seiner Chefin verriet Lars, dass sie nicht wirklich daran glaubte und er eigentlich auch nicht.
„Allerdings denke ich, dass sie etwas vor uns verbergen will. Hast du gesehen, dass sie ganz fix, als wir in die Küche kamen, etwas in ihre Schürze steckte?“
Lars nickte. „Was es war, konnte ich aber nicht sehen. Du glaubst aber doch nicht, dass sie ihren Mann ermordet hat?“
„Für irgendwelche Annahmen ist es noch zu früh“, entgegnete Nicole. „Aber wenn … dann hatte sie einen Helfer. Einen über 1 Meter 70 großen und zirka 80 Kg schweren Mann aus einem Kofferraum zu heben und die Treppe am Turm hinunterzutragen, dazu braucht es schon einige Kraft. Frau Hagemann ist meines Erachtens etwas über 1 Meter 60 groß und dürfte zwischen 60 und 65 kg wiegen.“
Nicole durchsuchte die – sie hatte es fast erwartet – nicht abgeschlossenen Schubladen des unter dem Schreibtisch stehenden Metallcontainers. Fand darin aber nur Kopierpapier und Farbpatronen für den Drucker, sowie Klarsichtfolien und allerlei andere Dinge für Büroarbeiten; alles sorgfältig sortiert und gestapelt.
Sie drehte sich den Fotos an der Wand über der Biedermeierkommode zu. Ausnahmslos Aufnahmen von Vereinsveranstaltungen, vermutlich zu irgendwelchen feierlichen Anlässen. Nicht ein einziges Foto, auf dem Hagemann mit seiner Frau zu sehen war, geschweige denn eines von Daniel, seinem Sohn. Auch unten, im Wohnzimmer hatte Nicole keine Familienfotos gesehen.
Inzwischen hatte Lars sich die, nach dem Alphabet im Regal einsortierten, Ordner vorgenommen. Wie schon auf den Ordnerrücken ersichtlich, handelte es sich um Unterlagen von Vereinen und Gesellschaften. Er blätterte gelangweilt darin herum und sagte: „Der Mann war äußerst penibel, was seine Ablage betrifft. Hätte genauso gut Finanzbeamter sein können.“
„Die Spurensicherung fand vor Ort kein Handy und hier sehe ich auch keins. Bei all seinen Tätigkeiten musste er doch erreichbar sein.“
„Fragen wir die Ehefrau“, schlug Lars vor, schnappte sich die inzwischen ausgebaute Festplatte und ging vor Nicole die Treppe hinab.
„Ja, Heinz besaß ein iPhone“, bestätigte Maria Hagemann. „Das hatte es immer bei sich. Ebenso wie die Hausschlüssel und seine Brieftasche. Da war er sehr eigen. Wenn Sie es nicht gefunden haben, wird der Täter wohl alles an sich genommen haben. Oje, dann muss ich wohl sofort das Schloss austauschen lassen.“
„Das wird das Beste sein, Frau Hagemann“, bestätigte Lars und wunderte sich erneut, wie die Frau in einer solchen Situation so logisch denken konnte.
„Können Sie uns bitte die Nummer des Handys Ihres Mannes geben? Vielleicht haben wir Glück und wir können es orten.“
„Auswendig weiß ich die nicht. Da müsste ich in meinem Notizbuch nachschauen. Einen Moment.“
Erneut ging Maria Hagemann in den ersten Stock und kam nach kaum zwei Minuten wieder zurück.
Die Sache mit Hagemanns Bekleidung schwirrte Nicole noch immer im Kopf herum. Jetzt wollte sie es wissen.
„Hatte Ihr Mann, außer den Vereinsaufgaben noch andere Hobbys? War er vielleicht in einer Theatergruppe, oder hatte er etwas mit dem Heimatverein zu tun?“
„Heinz?! Keinesfalls. Wieso fragen Sie?“
„Nun, weil ..., weil Ihr Ehemann in der historischen Seligenstädter Tracht der Frauen gefunden wurde.“ Nicole zeigte das Foto auf ihrem Handy. „Können Sie sich das erklären?“
Maria Hagemann schüttelte den Kopf, lachte dann hysterisch auf und bekam einen Hustenanfall. „Bitte, entschuldigen Sie. Aber, das ist ..., das ist absolut absurd.“
„Besitzen Sie eine solche Tracht?“
„Ja, sie hängt in einem Schrank auf dem Dachboden. Ich war schon seit Jahren nicht mehr dort oben. Sie glauben doch nicht, dass ...? Bitte, ich zeige sie Ihnen.“
Auf dem Speicher angekommen, öffnete Maria Hagemann einen alten Kleiderschrank.
„Das gibt es doch nicht. Sie ist nicht mehr da.“
Sie blätterte durch die, auf Bügel hängende Kleidung. Danach bückte sie sich und durchwühlte auf dem Boden stehende Kartons.
„Hier fehlen auch aussortierte Hosen und Pullover von Daniel, die ich zur Kleidersammlung bringen wollte, dann aber vergessen hatte, als er ... nachdem er fortgelaufen war.“
Noch immer kniend drehte sie sich zu dem Kriminalbeamten um. „Was bedeutet das?“
„Vermutlich handelt es sich um Ihre Tracht, in der ihr Ehemann gefunden wurde“, sagte Lars halblaut.
„Um genau festzustellen, ob es sich tatsächlich um das gleiche Kleidungsstück handelt, benötigen wir von Ihnen eine DNS-Probe. Wenn Sie damit einverstanden sind, schicken wir einen Mitarbeiter der Kriminaltechnik vorbei.“
Maria Hagemann nickte träge. Scheinbar in Gedanken stieg sie vor den Beamten die Treppen hinab.
„Geben Sie mir bitte Bescheid, falls Ihnen neue Erkenntnisse vorliegen?“, sagte sie an der Haustür.
Neue Erkenntnisse? Schon wieder diese Ausdrucksweise, wunderte sich Lars erneut.
„Ja, sicher. Und, falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte an.“
Nicole reichte Maria Hagemann ihre Visitenkarte. „Ach, hätte ich fast vergessen. Welchen Wagen fährt Ihr Mann?“
„Einen alten Citroën. Wieso? Der steht in der Garage.“
Lars schüttelte den Kopf. „Die Garage ist offen, aber kein Auto weit und breit.“
Maria Hagemann stürzte an den Beamten vorbei und aus dem Haus. „Das verstehe ich jetzt nicht. Heinz fuhr immer mit dem Fahrrad zu seinen Vereinsabenden. Aber sein Fahrrad steht hier, neben meinem.“
„Wir veranlassen die Fahndung nach dem Wagen“, versprach Nicole. „Wenn Sie uns Modell und Kennzeichen geben?“
Sobald die Beamten auf der Straße und aus Maria Hagemanns Blickfeld verschwunden waren, holte sie ihr Handy aus der Schürze.
„Die Polizei war gerade hier“, tippte sie auf die Mailbox. „Sie sagten dein Vater ... Heinz wurde ermordet und er hätte meine Seligenstädter Tracht angehabt. Ich kann mir das nicht erklären. Sein Wagen und sein Handy sind auch weg. Die Polizei sucht jetzt danach. Ich verstehe das alles nicht. Du hast doch nichts damit zu tun, oder? Ruf mich bitte an oder schicke mir eine Nachricht, damit ich weiß, dass es dir gut geht.“
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