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Rita Juon
Tod am Piz Beverin
Rita Juon
Tod am Piz Beverin
Kriminalroman
orte Verlag
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ISBN: 978-3-85830-236-6
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Prolog
Das Wasserflugzeug hatte ihn zurück nach Dawson City gebracht, wo ihn der Kulturschock lähmte. Vierzehn Tage hatte er in der nordkanadischen Wildnis verbracht, allein, und doch in bunter Gesellschaft. Fauna und Flora, Landschaft und Wetter hatten ihm unbeschreibliche Momente beschert, die er mit seiner Kamera eingefangen hatte. Er brachte einige Tausend Bilder mit, die er in den kommenden Wochen sortieren und klassifizieren, von denen er viele verwerfen und manche für sich behalten würde. Er hatte genug Material, um seine Auftraggeber zufriedenzustellen: die Journalistin, die über die heutigen Goldgräber am Yukon zu berichten hatte; den Veranstalter, der Reisen mit dem Wasserflugzeug in die sogenannte Wildnis verkaufte. Für ihn aber war Wildnis erst da, wo dessen Kunden der Mut verliess. Da, wo ihn das Wasserflugzeug abgesetzt und ihn seinem Schicksal überlassen hatte.
Zu Fuss ging er zehn Minuten durch die Stadt bis zu seiner Pension. Leute, Autos, Lärm und Lichter nahm er wahr, als wäre er umschlossen von einem Luftballon und gehöre nicht dazu. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn er für die Menschen unsichtbar gewesen wäre. Erleichtert verschwand er in seiner ruhigen Unterkunft, wo er zwar Dusche, Frottiertücher und das weiche Bett zu schätzen wusste, aber noch immer auf Radio, Telefon und Internet verzichtete.
Nach drei Stunden Schlaf fühlte er sich dem Unterfangen gewachsen, aus seinem Ballon herauszutreten und in die Stadt zu gehen, insbesondere deshalb, weil sein Magen laut knurrte und vor seinem geistigen Auge Früchte, Gemüse und Kartoffeln vorbeizogen. Er ass für zwei, und erst, als er den letzten Rest Sauce mit einer schlabbrigen Brotscheibe aufgetrocknet hatte, schaltete er endlich sein Handy ein.
Hunderte von Nachrichten, die allermeisten bedeutungslos. Er wechselte in den Posteingang, las flüchtig die Betreffzeilen der Mails, blätterte rasch weiter.
Als er mehrere Schreiben vom Auswärtigen Amt entdeckte, hielt er inne. Was man wohl von ihm wollte? Mit jedem Mail wurde er dringender geben, sich mit dem Absender in Verbindung zu setzen. Er schaute auf die Uhr, rechnete. Noch ein Bier, dann würde das Büro in Deutschland geöffnet sein.
Kurz nach elf trat er aus dem Lokal hinaus in die Dunkelheit, um zu telefonieren. Sofort wurde er weiterverbunden zu einem Mann, der ihm in endloser Folge Fragen zu seiner Identität stellte.
«Aber was ist denn eigentlich los?», wiederholte er ungeduldig.
Eine junge Frau, die das Restaurant verliess, lächelte ihn freundlich an, aber er beachtete sie nicht.
«Dieter?», fragte er verwirrt. «Ja, Dieter Falk ist mein Bruder. Ja, wir wohnen zusammen in Frankfurt.» Wieder lauschte er der Stimme.
«Tot?», rief er entsetzt. Die junge Frau wandte sich erschrocken um. Leichenblass liess er sich an der Hauswand niedersinken. Die Frau beugte sich besorgt über ihn, während er der Stimme aus Deutschland zuhörte.
«Mein Bruder Dieter Falk ist in den Schweizer Alpen ums Leben gekommen», wiederholte er dumpf die Worte, die er soeben gehört hatte. Er lauschte dem Klang seiner Stimme nach, als würde die Information glaubhafter, wenn er sie selber aussprach.
Erster Teil
Wieder dieser Traum. Während einiger Nächte hat er mich in Ruhe gelassen, doch heute früh war er wieder da. Immer der gleiche. Ich sitze dort, an einem schönen See, in der aufgehenden Sonne. Das Motiv würde für eine Postkarte taugen, wären da nicht die schweren, dunklen Wolken direkt über mir, welche die Sonne so unerreichbar fern erscheinen lassen. Ich sitze vor einer Höhle, einem rabenschwarzen Loch. Ich weiss, dass ich mich nicht umdrehen darf, um keinen Preis, ich muss nach vorne schauen. Hinter mir die undurchdringliche Dunkelheit, vor mir, aber weit, weit entfernt, das fahle Licht der Morgensonne.
Ich kann keine Träume deuten, will mich gar nicht darin versuchen. Ich warte bloss sehnlich darauf, dass sich die Wolken verziehen, dass mich die Sonnenstrahlen erreichen, dass die Höhle hinter mir sich verwandelt in ein lichtdurchflutetes Zimmer. Dass mich die Wärme der Sonne erreicht.
Manchmal scheint mir, ich funktioniere einfach. Ich spreche, höre zu, lächle, lache sogar. Ich arbeite, unternehme das eine oder andere in der Freizeit, bin mit anderen Leuten zusammen. Aber immer bin ich ausgefüllt von dieser riesigen Leere, von der unermesslichen Kälte, die aus meinem Innern kommt und mich bis in die Zehenspitzen zu durchdringen scheint.
Werde ich je wieder Wärme fühlen?
1950
Von den nächsten Minuten hing ihre Zukunft ab. Sie konnte es nicht mehr länger hinausschieben. Ganz bewusst atmete sie seinen leicht schweissigen Geruch ein, kostete das Spüren seiner regelmässigen Herzschläge unter ihrer Hand aus, genoss das Kitzeln seiner Brusthaare an ihrer Nase. Sollte es das letzte Mal in ihrem Leben sein, dass sie seine nackte Haut spürte, wollte sie die Erinnerung für alle Zeiten bewahren.
«Ich bin schwanger.»
Jetzt war es draussen. Sie spürte, wie sein Herz einen Satz machte. Bange wartete sie auf seine Reaktion. Würde er aufstehen und heimgehen zu Frau und Kindern?
Langsam liess er den Atem entweichen, den er angehalten hatte. Dann drückte er sie an sich.
Ein erleichtertes Lächeln schlich sich in ihre Züge. Das konnte alles bedeuten: Wir schaffen das. Ich halte zu dir. Ich freue mich trotz der widrigen Umstände. Ganz sicher aber hiess es nicht: Das war’s dann. Schau selber, wie du damit zurechtkommst. Das ist das Ende.
Sie erlaubte sich den Traum, er würde sich von seiner Frau trennen, seine Kinder zurücklassen, mit ihr weggehen, ein neues Leben anfangen an ihrer Seite. Wohl wissend, dass das eine Illusion war.
Am nächsten Morgen stand sie wie gewohnt in der Gaststube, arbeitete flink im Service, scherzte mit den Gästen. Sie brauchte bloss etwas zu plappern in ihrem Tiroler Dialekt, der Schalk in ihren leuchtenden Augen sprühend, und schon hatte sie die Gäste im Sack. Im abgelegenen Dorf im Prättigau nahmen die einheimischen Restaurantbesucher, fast ausschliesslich Männer, das frische Blut aus dem Montafon mit offenen Armen auf.
Im wörtlichen Sinne hatte sie sich in die offenen Arme von Joggel sinken lassen. Seit geraumer Zeit besuchte er sie heimlich in ihrer Kammer über der Gaststube. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis im Dorf Vermutungen aus dem Kraut schossen, es wurde gemunkelt und getratscht.
So war niemand erstaunt, als sich einige Monate später ihr Bauch deutlich rundete. Der ganzen Einwohnerschaft, seiner Frau eingeschlossen, war klar, dass da Joggels Kind heranwuchs. Niemand verlor ein lautes Wort darüber.
Als der kleine Johanngeorg schliesslich im Zivilstandsregister eingetragen wurde, hiess es anstelle eines Männernamens nur: Vater unbekannt.
2014
Freitag
Leise stöhnend streckte er seinen Rücken, rollte die Achseln und atmete tief durch. Seine Schulter rechts tönte, als wäre sie mit Sandpapier gepolstert. Zwischen dem sechsten und dem siebten Rückenwirbel spürte er ein Ziehen, das sich, wenn er nicht Acht gab, zu Rückenschmerzen steigern könnte, die sich nur mit einem heissen Bad würden lindern lassen. Und sollte er sein Kreuz zu wenig schonen, drohte ihm ein Erkältungsschmerz, der ihn aufs Sofa zwingen würde. Dann konnte er seine Pläne fürs Wochenende begraben.
Das musste er allerdings auch dann, wenn er den Korb nicht füllte, der an seinem linken Arm baumelte. Er war noch nicht einmal halb voll, mit so wenig Ausbeute durfte er sich zu Hause nicht blicken lassen. Toni Hunger seufzte und ging ein paar Schritte weiter aufwärts, um seine Arbeit fortzusetzen.
Wie viele ungeschriebene Gesetze bestimmten das Leben nach bald vierzig Ehejahren! All die Vereinbarungen, Abkommen, Kompromisse hatten sich über die Jahrzehnte zu einem Regelwerk angesammelt, welches das Zusammenleben der Eheleute umrahmte. Es gab ihnen die Gewissheit, sich voll und ganz aufeinander verlassen zu können.
Viele Worte waren dazu nicht nötig. Mit seiner stillen Frau waren auch nicht viele möglich. Trotzdem führten sie lebhafte Gespräche, wenn man ihre Körperhaltung und ihre Blicke, ihre Runzeln und ihr Schmunzeln mitberücksichtigte. Ihre nonverbale Ausdrucksweise war vielfältig, und nach all den Jahren konnte er die Tiefe ihrer Stirnfalte, wenn sie etwas kritisch beurteilte, die Verengung ihrer Augen, wenn sie sich ärgerte, die Höhe ihrer Mundwinkel, wenn sie liebevoll, spöttisch oder amüsiert lächelte, genau zuordnen und deuten. Das war ein ungemein gutes Gefühl.
Halbvoll, immerhin. Wären diese Beeren bloss etwas grösser, dann bräuchte er weniger Zeit, um den Korb zu füllen. Die Blaubeeren im Laden waren dick wie Kirschen, während die Heidelbeeren, die er zu pflücken hatte, nur halb so gross waren. Hingegen wiesen sie bei halber Grösse ein Aroma von gleicher Intensität auf, weshalb sie sich zu schmackhaften Desserts verarbeiten liessen. Rein rechnerisch könnte man zur Vanilleglacé hier oben halb so viele heisse Heidelbeeren servieren wie im Tal, um das gleiche Geschmackserlebnis zu erzeugen. Dann könnte er jetzt aufhören.
Er stellte sich kurz seine Frau vor, wenn er mit dem halbvollen Korb und seinen Argumenten nach Hause käme. Augenbraue rechts himmelwärts, Mundwinkel links talwärts, Arme verschränkt. Worte erübrigten sich.
Er streckte seinen Rücken und machte weiter. Wenigstens konnte er am Hang pflücken, in fast aufrechter Haltung. Unten auf der Hochebene des Glaspasses hätte er sich bücken müssen, was ihm nicht gerade leicht fiel. Ob die Heidelbeeren wohl absichtlich Rücksicht nahmen auf Grossväter und deshalb lieber am Hang wuchsen?
Drei Viertel voll. Bald hatte sich Toni Hunger sein Wochenende verdient.
Annamaria Hungers Blick folgte dem Weg vom Glaspass hinauf zum Heidbüel. Nicht weit über der Hochebene entdeckte sie ihren Mann, der fleissig Heidelbeeren sammelte. Gut so, dachte sie, und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Die Zahlungen waren erledigt, Toni und die Beeren noch miteinander beschäftigt, ihr verblieben geschätzte zwanzig Minuten, um im Internet zu surfen.
Während Toni die neuen Medien als notwendiges Übel hinnahm, nutzte sie Annamaria mit grosser Freude. Er mochte der Zeit nachtrauern, als er mit dem Gelben Büchlein, den Einzahlungsscheinen und dem Notenbündel auf die Post in Obertschappina gegangen war, um die Zahlungen zu erledigen und ein Schwätzchen mit der Pöstlerin zu halten. Sie war dankbar, dass sie auf solch komplizierte Vorgänge verzichten und dasselbe von zu Hause aus erledigen konnte. Die Poststellen am Berg waren inzwischen ohnehin alle aufgehoben worden. Sie trauerte ihnen keine Minute nach, worin sie sich deutlich von der Mehrheit der Bevölkerung ihrer Altersgruppe unterschied.
Das Wohlwollen gegenüber den Informationstechnologien war nicht das einzige, was die Eheleute unterschied. Bereits vor Jahrzehnten hatte jemand am Stammtisch sinniert, man könnte aus Toni und Annamaria ein völlig durchschnittliches Paar bilden, wenn man sie addieren und danach zweiteilen würde.
Einzeln betrachtet bildeten sie jedoch gewisse Extreme, nicht nur in Bezug auf ihre Redseligkeit und ihre Affinität zu modernen Technologien. Auch optisch. Annamaria war kaum mehr als einen Meter sechzig gross und von drahtiger Statur. Toni hingegen war ein stattlicher Mann, er trug seinen Bauch mit Stolz und ergänzte seine imposante Erscheinung mit einem graublonden Vollbart, den er liebevoll pflegte.
Abgesehen davon waren die beiden jedoch gar nicht so unterschiedlich. Beide schätzten das Bauerndasein auf beinahe zweitausend Metern Höhe und das Zusammenleben mit den wenigen andern Familien auf dem Glaspass. Beide fielen ihren Bekannten wegen ihrer Redegewohnheiten bisweilen auf die Nerven, trotzdem waren sie gern gesehene Kameraden. Ihre Ehe hielt nicht nur der Form halber oder aus Bequemlichkeit, oder weil sie es nicht besser wussten. Sie waren tatsächlich ganz zufrieden miteinander.
Stunden später hatten sich beide ihren Feierabend verdient und läuteten, jeder auf seine Weise, das Wochenende ein. Annamaria lag auf dem Sofa, eingekuschelt in eine karierte Wolldecke, mit einem dicken Roman in den Händen und leichter Klassik aus der Musikanlage in den Ohren. Toni sass im Gasthaus auf dem Glaspass, vor sich ein Glas Wein, um ihn herum seine drei Jasskollegen.
«Schneller ist ein Idiot!» Karl Riedi nickte weise und hob sein Kaffeeglas, ohne jedoch zu trinken. Daran hinderte ihn die Pfeife, die in seinem Mundwinkel hing. Er schien nicht zu bemerken, dass Emanuele Santacaterina die Augen verdrehte und Toni resigniert mit den Schultern zuckte. Er stellte das Kaffeeglas wieder ab und nahm die Pfeife aus dem Mund, um zu einem längeren Monolog anzusetzen.
«Schneller ist nicht einmal im Stande, seine Hecke zu pflegen! Jeder Idiot weiss doch, dass man junge Sträucher zurückschneiden muss, damit sie buschig werden und die Hecke dicht wächst, nur Schneller, dieser Idiot, lässt die Büsche wachsen, und jetzt? Ha?» Wütend zeigte er mit der Pfeife auf Walter Buess, den vierten, etwas jüngeren Mann am Tisch.
«Jetzt reg dich doch ab, Karl! Lass doch Schnellers Hecke Hecke sein und gib die Karten aus», sagte dieser in beruhigendem Ton.
«Schnellers Hecke ist gar keine Hecke, das sag ich ja!», ereiferte sich Karl, dessen Gesicht hinter der herumfuchtelnden Hand mit der Pfeife inzwischen zwei rote Flecken zierten. «Schneller ist ein so riesengrosser Idiot, dass er nicht einmal das Unkraut zum Wachsen bringen würde! Seine Hundsrosen sehen aus wie nackte Storchenbeine, der Idiot hat …»
«Komm schon, Karl», tönte Toni amüsiert aus den Tiefen seines hellen Barts, «gib endlich zu, dass du Schnellers Sträucher vergiftet hast, dann kann dich Walter verhaften, und Emanuele und ich können in Ruhe unseren Roten trinken!»
«Hä? Ich habe doch Schneller nicht vergiftet, diesen Idioten!»
«Nicht Schneller, die Heckenrosen hast du vergiftet, porca miseria!», donnerte der glatzköpfige Emanuele.
«Ich vergifte doch nicht schnell die Heckenrosen! Wenn überhaupt würde ich den Idioten selber vergiften, das wäre bereits vor dreissig Jahren das klügste gewesen, damals, als er …»
«So, jetzt reicht es aber!», sagte Walter Buess bestimmt. «Teil endlich die Karten aus! Mit einem vierfachen Match würden wir gewinnen, also mach vorwärts!»
Karl steckte die Pfeife in den Mund und griff brummend nach dem Kartenstapel. Toni wollte aufatmen, aber Emanuele hatte nicht die Absicht, das Thema ruhen zu lassen.
«Du kommst mir vor, als hättest du selber von dem Gift für die Sträucher geschluckt!», fing er an. «Du trinkst Kaffee im Glas – aber ohne Schnaps drin. Du hast die Pfeife im Mund – aber du zündest sie nicht an. Du trägst deinen Hörapparat – aber du schaltest ihn nicht ein. Du hast das Gift selber ausprobiert, und jetzt spinnst du!»
«Ihr Tschinggen habt damit angefangen, dass man in den Beizen nicht mehr rauchen darf, und wir Bündner wissen nichts Besseres, als euch diesen Mist nachzumachen. Du selber hast den Verstand verloren, wenn du sagst, ich habe Schneller vergiftet, diesen …»
«Fertig jetzt, genug geschwatzt, gib endlich die Karten aus!», rief Toni, worauf sich Karl auf die Jasskarten konzentrierte, die er in der Hand hielt.
Am späten Abend verliessen die vier Männer gut gelaunt das Berggasthaus in Glas. Toni Hunger strich sich zufrieden über den Bart und hob den Blick zum sternenklaren Himmel. Einen kurzen Moment lang dachte er mit leisem Bedauern an all die Leute in den Städten, die einen solchen Himmel nie zu Gesicht bekamen, weil die vielen künstlichen Lichter keinen Blick bis ins All erlaubten. Bald kommt der Herbst, dann sehen sie da unten im Mittelland sowieso nur noch Nebel, dachte er, atmete die kühle Nachtluft tief ein und dankte dem Himmel dafür, dass er nicht in der Stadt leben musste. «Das war ein Jass!», sagte er zufrieden und klopfte seinem Spielpartner Emanuele Santacaterina auf die Schulter. «Mit dem Dreifärber am Schluss hätte es auch schief gehen können.»
«Zum Glück war die Eckendame bei dir, sonst hätte es schlecht ausgesehen für uns», lachte Emanuele und schlug den Kragen hoch. «Walter, kann ich mit dir fahren? Ich sollte nicht mehr selber hinters Steuer.»
«Klar, steig ein», antwortete Walter Buess und öffnete die Beifahrertür. Mitfahren ist gut, dachte er, heimchauffieren ins Tal müsste es heissen. Einmal mehr hatte sein Kamerad seinen Vorsatz gebrochen, nur ein Glas Roten zu trinken, weil er das Auto dabei hatte. Immerhin war er vernünftig genug, den Wagen stehen zu lassen. Falsch, korrigierte sich Buess, von Vernunft konnte man eigentlich nicht sprechen. Diese Einsicht war ihm mit einer hohen Busse und ein paar Monaten Ausweisentzug vor Jahren gnadenlos eingebläut worden.
«Bis zum nächsten Freitag!», rief Karl Riedi seinen Kameraden zu, «und dann wird das Glück auf meiner Seite sein. Drei Mal trumpfen mit dem Nell zu dritt, Walter, so schlecht kann es uns gar nicht mehr gehen das nächste Mal!» Er stieg ebenfalls zu Buess ins Auto. Im Gegensatz zu Emanuele Santacaterina hatte er den Fahrausweis freiwillig abgegeben und seinen alten Opel gegen ein Mofa eingetauscht, das ihm gute Dienste leistete. Zur Jassrunde liess er sich jedoch gerne von Walter Buess von Obertschappina nach Glas mitnehmen.
Als das Auto im Wald unterhalb der Siedlung verschwunden war, genoss Toni Hunger die Stille. Kein menschlicher Laut war zu hören mit Ausnahme seiner eigenen Schritte und seiner Atemzüge. Trotzdem war die Luft von Geräuschen erfüllt. Die Glocken der Kühe, die erst vor Kurzem von der Alp zurückgekehrt waren und sich im Schlaf regten. Ein Käuzchen, das unten am Waldrand rief. Der Wind, der die Hänge streichelte und die Blätter, Halme und Stauden flüstern liess. Der Bach, der leise durch die Hochebene des Glaspasses gluckste. Vor der Haustür streifte er ordentlich die Erde von den Sohlen ab und betrat leise das alte Bauerhaus, um Annamaria nicht zu wecken.
1959
Erleichtert stellte Johanngeorg seinen Schulsack in eine Ecke. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Schule nicht erfinden müssen. Was der Lehrer erzählte, interessierte ihn kaum, und mit seinen Klassenkameraden verstand er sich nicht besonders. Von Zeit zu Zeit wurde er gehänselt, weil er sich nicht an ihren Spielen und Streichen beteiligte, sondern lieber für sich blieb. Das war ihm egal. In der Regel dauerte es nicht lange, bis die andern ihren Spass daran verloren. Sie nahmen ihn gar nicht mehr wahr, was ihm recht war.
Auf dem Tisch in der winzigen Stube standen noch die Reste des Mittagessens, das seine Mutter aus dem Restaurant mitgebracht hatte. Lecker. Er verputzte den Rest, bevor er in den Holzschopf hinter dem Restaurant ging. Dort sass er oft, spielte mit den Holzscheiten, baute Dörfer daraus, schnitzte Figuren hinein.
Als es dunkelte, räumte er auf und ging wieder hinauf in ihre Kammern über der Gaststube, wo er seufzend und stöhnend seine Hausaufgaben erledigte. Seine Mutter kam normalerweise zwei-, dreimal vorbei, wenn es der Betrieb im Restaurant erlaubte. So auch heute. Sie herzte ihren Sohn, erzählte ihm von ihrem Tag, liess sich von ihm seine neusten Schnitzereien zeigen. Sie versprach Johanngeorg, ihm die Reste der gebrannten Creme mitzubringen, sofern etwas davon übrigblieb.
Seine Augen leuchteten. Er liebte es, wenn ihn seine Mutter mitten in der Nacht weckte, damit sie gemeinsam von den Überbleibseln der Süssspeisen naschen konnten. Wenn es kalt war, sassen sie aneinander gekuschelt unter der Bettdecke und assen gemeinsam direkt aus dem Topf.
Er ging beizeiten ins Bett in der winzigen Nebenkammer. Dort wartete die Holzfigur auf ihn, die ihm der alte Schorsch, der oft im Restaurant sass, geschenkt hatte. Jeden Abend schliefen sie gemeinsam ein. Stolz hatte er das Männchen seiner Mutter gezeigt und erklärt, es heisse Joggel. Seine Mutter hatte ihn prüfend angeschaut, fast schon erschrocken. Er konnte sich nicht erklären, weshalb. Jedenfalls hatte seine Mutter so lange gedrängt, einen anderen Namen für die Figur zu suchen, dass er zuletzt nachgegeben hatte. Jetzt hiess der Joggel halt Franz, was soll’s.
2014
Samstag
Annamaria Hunger sass an der Nähmaschine, umgeben von einem hübschen, bunten Stoff mit Entenmuster. Sie freute sich darauf, aus diesem zwei gleiche Jäckchen für ihre zwei- und dreijährigen Enkeltöchter zu nähen, die auf dem Hof wohnten. Eine Weste für den etwas älteren Enkel plante sie ebenfalls, mit einem aufgenähten Traktor, aber dazu würde die Zeit heute nicht mehr reichen.
Toni betrat die Stube und streckte sich, um nach dem Mittagsschläfchen wieder in Schwung zu kommen. Jetzt noch den Nacken lockern, dann war er bereit. «So, dann schauen wir mal, wer heute alles eintrifft», sagte er voller Vorfreude. «Frank sagte gestern, er erwarte Gäste aus Deutschland, Österreich, Zürich und Graubünden. Bin gespannt, ob ich wieder richtig rate.»
Wieso wieder?, dachte Annamaria, meistens liegst du weit daneben.
«Obwohl … Wieder kann ich eigentlich nicht sagen, meistens liege ich weit daneben», bemerkte Toni. Er schenkte sich aus dem Krug, der auf dem Fenstersims stand, ein Glas Sirup ein.
«Ich stelle den Krug weg, dann hast du von der Nähmaschine aus freien Blick auf die Zufahrt», sagte Toni eifrig. Er war überzeugt, dass seine Frau eine wesentlich höhere Trefferquote hätte als er, wenn sie sich an seinem Gastspiel, wie er es nannte, beteiligen würde. Jeden Samstag bei schönem Wetter beobachtete er die Gäste, die im Berggasthaus eintrafen, um ein paar Tage oder eine Ferienwoche auf dem Glaspass zu verbringen; wandernd, Velo fahrend, Beeren pflückend,
Kristalle suchend, Motorradtouren unternehmend. Sie den spärlichen Angaben von Frank, dem Wirt, zuzuordnen, machte Spass. Toni war auf der Bank vor dem Fenster noch damit beschäftigt, es sich bequem zu machen, als seine Frau ihn blitzartig herumfahren liess.
«Schau», sagte Annamaria.
Er setzte sich kerzengerade auf die Bank und kniff die Augenbrauen zusammen, um die Ankunft des ersten Autos besser sehen zu können.
«Aha, eine Frau. Allein. Jung. Hübsch», kommentierte Toni.
Hübsch? Das siehst du doch gar nicht auf diese Distanz, dachte Annamaria.
«Diese Brille ist nichts mehr wert», wetterte Toni, «ich sehe kaum, ob sie hübsch ist oder nicht. Aber diese Beine! Donnerwetter.» Unwillkürlich streckte er seinen Rücken, als er beobachtete, wie die Frau zum Kofferraum ging, um eine grosse Reisetasche auszuladen. «Was macht denn eine junge Frau allein auf dem Glaspass? Bestimmt trifft sie hier jemanden und reist am Abend wieder ab.»
Annamaria schüttelte den Kopf, als sie den Faden verknüpfte. Kaum, mit so viel Gepäck.
«Nein, das kann nicht sein», überlegte Toni, «mit so viel Gepäck wird sie eine Weile bleiben. Ob sie wohl jemanden besuchen kommt?»
Ohne dass wir davon gehört haben? Annamaria hob zweifelnd die Augenbraue.
«Was jedoch unwahrscheinlich ist, denn dann wüsste seit Tagen das ganze Dorf Bescheid. Also weiter. Ob sie wohl bei Frank im Gasthaus arbeiten wird?»
Kurz vor dem Saisonende?
«Auch nicht besser. Die letzten paar Wochen der Sommersaison wird Frank es auch noch zusammen mit seinen bisherigen Helfern schaffen, wenn das bereits seit Monaten auf diese Weise funktioniert hat. Oh!», unterbrach er sich aufgeregt. «Jetzt schaut sie sich um. Soll ich ihr zuwinken? Wenn ich nur sähe, ob sie in unsere Richtung blickt. Ein herzerfreuender Anblick, solche Beine in so kurzen Hosen, braungebrannt und kerzengerade. Ob ich ihr die Tasche tragen soll?»
Mach dich nicht lächerlich, kommentierte Annamaria im Geiste, bis du oben an der Strasse bist, hat sie längst ausgepackt.
«Ach, das Alter! Bis ich die Strasse erreicht hätte, wäre sie längst im Gasthaus verschwunden. Ah, jetzt schaut sie aber wirklich zu uns!» Toni winkte der jungen Frau freudig zu, die sich rasch umwandte und den kurzen Anstieg zum Gasthaus in Angriff nahm.
«Die ist bestimmt aus einer deutschen Grossstadt», maulte Toni enttäuscht. «Sie hat bis anhin so viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass sie ein freundliches Winken schon für aufdringlich hält. Ich tippe auf Berlin, Hannover oder Rostock. Sie studiert Geologie und hat vermögende Eltern, die ihr einen Studienurlaub in den Alpen finanzieren. Zu Hause hat sie einen Freund, der ihr …»
Der Rest ging im Rattern der Nähmaschine unter. Annamaria beendete die Naht und blickte kurz aus dem Fenster. Falsch, dachte sie. Das Fräulein hat einen schleppenden Gang, das liegt nicht nur am Gewicht der Tasche, da ist etwas, das sie bedrückt.
«Irgendwie fehlt der Tatendrang», sinnierte Toni. «Sie ist vielleicht doch nicht so unbelastet. Hat sie eine Prüfung nicht bestanden? Kranke Eltern? Annamaria, was denkst du?»
«Liebeskummer», antwortete Annamaria.
«Liebeskummer? Ja!», freute sich Toni, «ein ehemaliger Ossi hat sie sitzen gelassen!»
Wenn schon, wäre es ein Sohn von einem ehemaligen Ossi, korrigierte Annamaria für sich. Für eine Nord- oder Ostdeutsche ist sie aber zu zierlich.
«Gibt es überhaupt so kleine deutsche Frauen?», überlegte Toni. «Schöne Beine gibt es tatsächlich auch in Deutschland, aber im Übrigen stimmt die Machart einfach nicht. Graubünden? Macht eine Bündnerin allein Ferien auf dem Glaspass?»
Annamaria schüttelte den Kopf.
«Zürich!», rief Toni mit voller Überzeugung.
Bingo, dachte Annamaria und drückte aufs Pedal ihrer Maschine.
Sandra Studacher, die so eingehend beobachtete junge Frau, hatte ihre Klischeevorstellungen von einem Bergdorf erfüllt gesehen, als sie die Fraktion Ausserglas erreicht hatte. Jahrhunderte alte, dunkelbraun gebrannte Holzhäuser, Kühe, deren Glocken fröhlich bimmelten, Alpenrosen- und Beerenstauden, sogar kleine Wölkchen am blauen Himmel – alles war da. Einzig der Sonderling, der am Dorfeingang vor seinem Haus sass und Selbstgespräche führte, schien das Bild zu stören. Sandra fühlte sich stark an die obdachlosen Alkoholiker erinnert, die in Zürich-Oerlikon, wo sie wohnte, an den Bushaltestellen sassen und unverständliches Zeug brabbelten, zwischen den Knien eine Papiertüte, deren Inhalt leicht zu erraten und häufig auch zu riechen war. Beim Alten hier in Glas, dessen graublonder Bart bei seinem Gemurmel nach allen Richtungen tanzte wie Wäsche an der Leine, hatte sie zwar weder Tasche noch Flasche bemerkt, doch hatte er seinen Vorrat bestimmt hinter dem geöffneten Fenster in seinem Rücken gelagert, so dass er für den nächsten Schluck bloss den Arm auszustrecken brauchte. Allzu genau wollte sie es gar nicht wissen, vielmehr wandte sie sich dem Gasthaus zu, das vor ihr lag. Dort also würde sie die kommenden Tage verbringen.
Eine Woche Ferien auf dem Glaspass. So ein Mist. Sie liebte die Berge, das Wandern, das Biken. Ihren Freund hingegen liebte sie nicht mehr. Oder vielleicht doch? Oder vielleicht war er ihr Exfreund? Verdammter Mist.
Nach drei gemeinsamen Jahren standen sie nun vor der Trennung. Oder nach der Trennung? Vielleicht am ehesten im Trennungsprozess. Drei Jahre! Drei glückliche Jahre. Na ja, drei einigermassen glückliche Jahre, sicher drei nicht schlechte Jahre. Auf jeden Fall drei bequeme Jahre. Er war immer da, stand zur Verfügung für gemeinsame Ausflüge in die Berge, Ausgang in Zürich, Ferien in Alaska und zum Überstehen öder Familientreffen.
Und jetzt warf er ihr drei gemeinsame Jahre vor die Füsse, wie der gallische Häuptling seinen Schild Cäsar hingeschmettert hatte, und meldete sein Bedürfnis nach Abstand an. Ausgerechnet vor den Ferien, die sie eigentlich gemeinsam in den Bündner Bergen hatten verbringen wollen, in die sie nun aber notgedrungen allein aufgebrochen war. Verdammter … Sie wiederholte sich. Sie öffnete die Tür zum Gasthaus und wandte sich praktischeren Dingen zu.
Toni Hunger sass träge in der Sonne, längst nicht mehr kerzengerade. Die Tagesausflügler, die er unterdessen beobachtet hatte, weckten seine Neugier nur schwach. Unschwer teilte er sie seinen nicht vorurteilsfreien Kategorien zu, die sich immer wieder bestätigten und die Annamaria längst auswendig kannte. Er unterschied Wandervögel und Bereifte. In der ersten Gruppe begegnete er ehrgeizigen Angebern mit Verachtung, geniesserischen Naturliebhabern mit Offenheit und jungen Draufgängern sowohl mit Anerkennung als auch mit Sorge. Unter den Touristen, die den Glaspass mit Fahrzeugen heimsuchten, machte er zahlreiche Mountainbike- und Motorradfahrer aus sowie Ausflügler, die ein Reisecar auf den Glaspass gebracht hatte.
«Oh, die Beine!» Toni richtete sich behände auf und schüttelte seinen schläfrigen Dämmerzustand ab. Mit eingezogenem Bauch beobachtete er, wie die mutmassliche Zürcherin ein Mountainbike bestieg und die Zufahrt vom Berggasthaus herunterrollte. Offensichtlich musste sie die Einstellungen erst testen, sie schien sich eines der Räder, die im Gasthaus bereit standen, ausgeliehen zu haben. Toni freute sich an ihrem Anblick, während sie in seine Richtung fuhr, und liess ein triumphierendes «Hahaaa!» vernehmen, als sie direkt oberhalb seines Hauses vom Sattel stieg und dessen Höhe verstellte.
«Schau nur, Annamaria, was für ein erfreulicher Anblick!», röhrte Toni begeistert ins Hausinnere. Er begann zu winken und rief der jungen Dame zu: «Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Werkzeug bringen?»
Die Radlerin zuckte zusammen. Sie stand rasch auf, schüttelte den Kopf in Tonis Richtung, schwang sich aufs Rad und fuhr eilig davon.
Mein lieber Mann, auf einen AHV-Bezüger scheint sie nicht erpicht zu sein, dachte Annamaria.
Sandra Studacher fluchte. Schon wieder dieser alte Spinner, und schon wieder war sie fast zu Tode erschrocken! Irgendetwas von Werkzeug hatte er gerufen. Als ob sie Werkzeug brauchen würde, um die Sattelhöhe einzustellen. Vermutlich hatte er in seinem Keller noch ein Militärvelo aus dem Aktivdienst stehen, eine Tonne schwer und mit nur einem Gang. Was wusste der von einem Mountainbike, er konnte doch nicht einmal das Wort aussprechen. Nie im Leben hätte sie sich eingestanden, dass sie sich weit mehr über sich selbst und ihre Ängstlichkeit ärgerte als über den Alten. Sie warf den Gedanken an ihn im Geiste über die Schulter. Das spöttische Grinsen ihres Beziehungspartners im Trennungsprozess, das sich vor ihr inneres Auge drängte, schmiss sie energisch hinterher. Entschlossen reckte sie die Nase in die Höhe und legte noch etwas Tempo zu auf der Hochebene, bevor sie sich genussvoll der Talfahrt über die enge Bergstrasse nach Obertschappina hinunter hingab.
«Dieses Hilfsangebot scheint bei der Radfahrerin nicht gut angekommen zu sein!» Vor Toni stand ein nicht mehr ganz junges Pärchen, dessen Herkunft Toni bei den ersten Worten der lächelnden Frau unschwer erraten konnte.
«Tatsächlich, ein Rat zum Rad war nicht willkommen.» Toni lachte die Österreicherin an und bedeutete den beiden, neben ihm auf der Bank Platz zu nehmen.
«Der Rat mit dem Gerat fürs Rad war wohl etwas unbeholfen …»
«Auch nicht schlimmer als dieses Wortspiel. Ä-Punkte weglassen gilt nicht! Gerat, also bitte. Mögt ihr einen Sirup?»
«Ja, gerne!»
Toni holte zwei Gläser und reichte sie den beiden Wanderern, die sich als Georg und Petra Steingruber vorstellten.
«Ja, Österreicher», bestätigte Petra Tonis Vermutung.
Treffer, dachte Toni, und schaute seine Frau triumphierend an.
Gemogelt, du hast sie sprechen gehört, antwortete Annamaria mit einem Blick.
Sandra Studacher war nach ihrer rasanten Abfahrt verschiedenen Alpwegen gefolgt, so dass sie in einem weiten Bogen über den Heinzenberg bis zur Obergmeind aufgestiegen war. Die kleine Siedlung bestand hauptsächlich aus Ferienhäusern, meist ehemaligen Bauernhäusern, und Touristenlagern und lag direkt an der Mittelstation der Skilifte, die ihre Zugseile über zurzeit noch grünbraune Hänge spannten. Eines der Restaurants hatte geöffnet. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts den Schweiss von der Stirn, als sie die Treppe zur Terrasse hinaufstieg.
«Herrlich ist es hier», sagte sie aus tiefster Seele zu der Frau und den beiden Kindern, die auf der Laube sassen. Die Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, schauten sie mit grossen Augen an.
Die Frau lächelte. «Ja, das ist es, nicht wahr?», antwortete sie.
Sandra setzte sich an den Tisch neben der kleinen Gruppe und begann zu plaudern.
Die Mädchen löffelten beide einen grossen Coupe mit viel Schlagrahm und schienen sich etwas über die Redseligkeit der Fremden zu wundern, wandten sich aber bald wieder ihrem Gespräch und Gekicher zu. Die Frau hingegen freute sich über die Gelegenheit zu einem Schwatz.
«Wo wohnen Sie in Glas?», fragte sie Sandra, nachdem diese ihren Ferienort genannt hatte.
«Im Berggasthaus Beverin. Kennen Sie es?»
«Aber ja. Wir wohnen auch dort.»
«Sie machen dort Ferien? Ich hätte gedacht, Sie seien einheimisch hier. Die Kinder sprechen doch Bündner Dialekt, oder nicht?»
«Wir wohnen in Chur. Die Kinder haben am Montag schulfrei, so habe ich sie eingeladen, drei Tage mit mir in Glas zu verbringen.»
«Ist eines der Mädels ihre Tochter?»
«Nein, ich habe keine Kinder. Jana ist die Tochter einer guten Freundin, Julia ist ihre Kameradin. Sie gehen zusammen zur Schule.» Die Mädchen nahmen keine Notiz davon, dass von ihnen die Rede war, sondern unterhielten sich angeregt über irgendwelche Grössen der Musikszene.
Bald duzten sich die beiden Frauen. Angela Oberhofer, erfuhr Sandra, arbeitete als Pflegerin im Kantonsspital in Chur, war Mitte vierzig und alleinstehend. Ansonsten sprach sie nicht gerne von sich, lieber von den Kindern, oder hörte Sandra zu. Bereitwillig erklärte sie ihr das Panorama und zeigte ihr einige bekannte Bergspitzen, die von der Obergmeind aus zu sehen waren.
«Die Fernsicht ist grandios», staunte Sandra.
«Ja, bei diesem Wetter ist die Sicht atemberaubend. Das liegt am Föhn. Wenn Südwind bläst, ist die Luft besonders klar und die Berge erscheinen einem viel näher als sonst.»
«Wenn das so ist, hoffe ich, dass der Föhn die ganze Woche aktiv ist, denn so lange bleibe ich hier.»
«Das wird kaum der Fall sein», dämpfte Angela ihre Hoffnungen. «Er bricht bald zusammen, danach wird es regnen.»
Genau dieselbe Auskunft hatte Toni Hunger seinen neuen österreichischen Bekannten gegeben, und genau wie Sandra Studacher waren diese in keiner Weise geneigt, sich mit dem Gedanken an schlechtes Wetter zu beschäftigen.
Petra Steingruber streckte die Beine, stöhnte wohlig und liess den Blick über die Hochebene schweifen. «Das Bächlein hier oben ist beneidenswert. Jung, fröhlich sprudelnd, unbelastet von Schmutz oder schlechten Erfahrungen. Es kommt mir vor wie ein junger Hund, voller Tatendrang und gespannt, was die Zukunft alles zu bieten hat. Der Fluss bei uns zu Hause hingegen ist alt, träge, eingeengt durch Dämme, mit wenig Hoffnung, dass die Zukunft noch Gutes bringen kann.»
Ihr Mann Georg widersprach. «Aus dir spricht eine, die das Landleben liebt. Der Fluss bei uns ist ein Städter! Er braucht kein sauberes Wasser, viel lieber ist ihm seines, das angereichert ist mit Erfahrungen, Erlebnissen, Eindrücken, die er alle auf Hunderten von Kilometern gesammelt hat. Er möchte nie wieder klein, einsam und unwissend hoch oben in den Bergen sein, gewürzt höchstens mit Kuhfladen und Hühnerpisse.»
Toni lachte. «Es sind aber genau die ersten Erfahrungen mit Kuhfladen und Hühnerpisse, die das Bächlein prägen. Der Fluss bei euch daheim hat auch so angefangen und führt die Erinnerung daran immer noch mit sich, angereichert mit allem anderen, was danach gefolgt ist. Wer weiss schon, ob er sich mit Wehmut oder mit Abscheu an die ersten Fäkalien erinnert.»
«Jedenfalls muss das Bächlein sich keine Gedanken über den Sinn seines Daseins machen», sinnierte Petra. «Von der Quelle an ist das Ziel bekannt, der Endpunkt der Reise ist das Meer.»
«Na, das ist ja nun auch keine bestimmtere Aussage, als dass der Endpunkt des Lebens der Tod ist», widersprach ihr Mann. «Meine liebe Petra, diese Aussage ist zu wenig differenziert. Entscheidend ist doch, womit man die Reise ausfüllt, die zwischen Quelle und Meer liegt.»
«Stimmt», lenkte Petra ein. «Genau betrachtet ist das Leben eines Flusslaufs unglaublich hart, denn von den Wassertropfen, die hier oben starten, erreicht wohl kein einziger das Meer. Sie werden lange vorher auf Felder verteilt, in Häuser geleitet, in Fabriken verarbeitet, werden verkocht, getrunken …»
«… finden sich wieder in Kuhfladen und Hühnerpisse …», warf Toni schmunzelnd ein.
«Genau! Die machen tausend Umwege, bevor sie ins Meer gelangen, wenn sie es überhaupt schaffen, die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend klein. Die Wassertropfen hier oben müssten völlig hoffnungslos und deprimiert sein. Warum scheint dieses Bächlein nur so fröhlich?»
Das Schweigen, mit dem sich alle dieser Frage widmeten, wurde schliesslich von Annamaria gebrochen.
«Weil das Ziel der Himmel ist, nicht das Meer», sagte sie.
Georg und Petra musterten sie verblüfft.
«Das Ziel des Flusses mag das Meer sein», fuhr Annamaria fort. «Aber das Ziel jedes einzelnen Wassertropfens ist es, zu verdunsten und zum Himmel aufzusteigen.»
«Klug», bemerkte Georg.
«Überzeugend!», ergänzte Petra. «Der einzelne Tropfen braucht das Ziel des Flusses nicht zu erreichen, seine Bestimmung ist es, ein Stück des Weges mitzugehen und eine Zeitlang ein Teil des Ganzen zu sein.» Anerkennend betrachtete sie Annamaria, die ihr mit einem Lächeln in den Augen zunickte.
Die nachdenkliche Stille wurde unterbrochen durch einen spindeldürren Mann im Übergewand, der sich mit einem Besen in der Hand dem Haus näherte.
«Ciao, Pulit!», begrüsste ihn Toni. «Magst du auch einen Sirup?»
Der Mann strahlte. «Ja, Toni, gerne, Toni!» Er nickte eifrig. «Aber zuerst putze ich den Platz vor eurem Stall.»
«Danke, Pulit», sagte Annamaria, «und die Steinplatten vor der Haustür, die hätten es auch nötig!»
«Ja, Annamaria, gerne, Annamaria», antwortete der Dünne und ging eifrig hinüber zum Stall.
Erst am späteren Nachmittag entschloss sich Toni widerwillig, seinen Platz auf der Bank zu räumen. Es wurde kühl, die meisten Touristen machten sich auf den Heimweg oder hatten den Glaspass bereits verlassen.
Pulit hatte sich nach seiner Putzrunde zunächst zu ihm auf die Bank gesetzt, nicht ohne sie vorher sorgfältig abzuwischen, und ein wenig mit ihm geplaudert. Toni hatte sich erkundigt, ob er etwas brauche, er fahre Anfang der Woche nach Thusis, aber Pulit war ausgerüstet. Er lebte von den Eiern, die seine Hühner für ihn legten, und von Teigwaren. Angereichert wurde sein Speiseplan mit den Leckereien, die ihm die Dorfbewohner zusteckten, wenn er Hauseingänge, Vorplätze und Treppen putzte. Auf diese Weise verfügte er manchmal über Brot und Käse, hie und da bekam er Salsiz, Kuchen, Früchte oder auch eine Suppe zum Aufwärmen. Jetzt trank er in der Küche den Sirup, den ihm Annamaria reichte, und nahm dankbar ein grosses Stück Hefekranz entgegen.
Toni wollte sich gerade erheben und ebenfalls hineingehen, als ein Auto auf den Parkplatz fuhr. Interessiert beobachtete er die drei jungen Männer, die ausstiegen und offensichtlich heftig stritten. Aber so sehr sich Toni anstrengte, er konnte nicht verstehen, was sie sagten.
«Das müssen wohl die Deutschen sein, die Frank angekündigt hat», überlegte Toni. «Das sind vielleicht Streithähne! Ob sie enttäuscht sind von ihrem Feriendomizil? Haben sie ein Wellnesshotel mit Erlebnispark erwartet?» Er schaute amüsiert zu.
Schwungvoll landete eine Sporttasche im Schotter, von einem wütenden jungen Mann hingeschmissen. Die Autotür, die ein anderer heftig zuwarf, überstand den ruppigen Umgang ohne Schaden. Der Dritte stapfte so gereizt den Weg hinauf, dass Toni glaubte, seinen Kopf rauchen zu sehen.
«So, jetzt reicht’s aber!», murmelte Toni. «Ihr habt Ferien, Männer! Verschiebt doch euren Streit auf die Heimreise, dann habt ihr etwas von eurem Aufenthalt hier.»
«Die sind nicht sauber», sagte Pulit traurig, der unbemerkt neben Toni getreten war. «Sie sind schmutzig, haben böse Gedanken.»
«Ach, Pulit, wenn es so einfach wäre», bemerkte Toni. «Nicht wenige, die blitzsauber aussehen, haben Dreck am Stecken.»
«Sauber auszusehen reicht nicht. Sie müssen sauber sein. So wie du, Toni. Du bist sauber.»
«Ich, Pulit? Du machst dir keine Vorstellung, wie viele böswillige, hinterhältige Gedanken meinen Geist bevölkern! Nein, ich bin nicht sauber. Im Gegensatz zu Annamaria, sie ist sauber, so, wie du es verstehst. Aber ich selber habe Schmutzflecken, die sich nicht entfernen lassen.»
«Nein, Toni, du hast keine Schmutzflecken, du bist sauber. Aber die da oben, die sind nicht sauber, Toni, die nicht.» Er wischte die Bank ab, von der sich Toni erhoben hatte, und machte sich auf den Heimweg.
Auf der Terrasse des Gasthauses war es ruhig geworden. Einige der Hotelgäste sassen bei einem Aperitif, lauschten dem auffrischenden Wind und atmeten die Luft ein, die bereits einen Hauch von Herbst mitzuführen schien. An einem Tisch sass das Ehepaar Müller, das in Ausserglas ein Ferienhaus besass, sich aber häufig das Kochen ersparte und die gute Küche von Frank im Berggasthaus genoss. Zu Sandra Studacher hatten sich zwei junge Burschen, offenbar Italiener, gesellt, die es auf der Suche nach Arbeit für die Wintersaison nach Glas verschlagen hatte. Frank, der Wirt, konnte ihnen zwar keine Stelle anbieten, doch ein währschaftes Abendessen wollten sie sich nicht entgehen lassen. Mit sicherem Blick hatten sie zwei Plätze neben Sandra ausgewählt, der einzigen, darüber war sie sich rasch im Klaren, weiblichen Person unter vierzig weit und breit.
Tatsächlich war Tizianos Taxierung in diesem Sinn ausgefallen, wenn auch weit weniger diskret: Tolle Beine, hübsche Augen, zu grosse Nase, zu schmale Lippen, zu dünn, zu flachbrüstig, viel zu klein, besser als gar nichts. Rasch waren die drei ins Gespräch gekommen, das hauptsächlich von Tiziano bestritten wurde.
«Ich kenne die Berge gut, capisci», sagte Tiziano gerade. «Bei uns zu Hause gehen wir klettern, im Winter im Eis der Wasserfälle, oh, das ist meraviglioso, wunderschön.»
«Warst du tatsächlich einmal Eisklettern?», fragte Lorenzo, der ruhigere der beiden, ungläubig.
«Klar, weisst du nicht mehr, in Cortina d’Ampezzo!»
Lorenzo stimmte rasch zu, obwohl er genau wusste, dass Tiziano Cortina nur von den Skirennen im Fernseher kannte. Er hütete sich, weitere Fragen zu stellen, wusste er doch, dass Tiziano hemmungslos flunkerte, wenn es ihm in den Kram passte.
«Geht ihr morgen auf den Piz Beverin?», fragte Sandra. «Das müsste dann ja ein Leichtes sein für euch.»
«Wir gehen heute noch runter nach Thusis, wir schlafen dort bei einem Kollegen. Mit ihm gehen wir auf die Gasse heute Abend, kommst du mit? Es gibt einige Bars in Thusis, Chur ist auch nicht weit, oder Flims, Davos …»
«Nein, danke!», wehrte Sandra indigniert ab, was Tiziano weder erstaunte noch enttäuschte. Wenn er schon vorhatte, sich auszutoben diese Nacht, brauchte er sich nicht mit einer ausgemergelten Sportverrückten zu belasten, die womöglich um zwei Uhr bereits nach Hause wollte.
Ihr Geplänkel wurde unterbrochen von der Ankunft der letzten Übernachtungsgäste, der drei jungen Männer aus Deutschland, die Frank angekündigt hatte. Zwar befanden sie sich auf der Zufahrt ausser Sichtweite der Gruppe auf der Terrasse, nicht aber ausser Hörweite. Allem Anschein nach lieferten sie sich eine wütende Auseinandersetzung. Als sie schliesslich die Treppe heraufkamen, schwiegen sie, doch die gespannte Atmosphäre war beinahe mit Händen zu greifen. Die Gespräche waren verstummt, die Gäste musterten die Neuankömmlinge verstohlen. Frank hingegen begrüsste sie unbefangen und führte sie hinauf in ihr Zimmer.
Auf dem Polizeiposten in Thusis beschäftigte sich Walter Buess mit den Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Er ordnete die Stapel neu, richtete einige Stifte parallel zum Rand der Schreibtischunterlage aus und liess sich sogar dazu hinreissen, mit einem Tuch über den Bildschirm zu wischen.
Endlich Freitag!, dachte er und summte vor sich hin. Eine ruhige Arbeitswoche neigte sich dem Ende zu, er freute sich auf ein ebenso ruhiges Wochenende. In der Einkaufstasche, die neben der Tür am Kleiderhaken hing, befanden sich eine grosse Schachtel mit Schokoriegeln (Aktion, plus zwanzig Prozent gratis), zwei neue CDs (Schottisch und Polka sowie Best of Tirol, letztere dreissig Prozent herabgesetzt), sowie ein Stapel neue Notenblätter: Schlager der 70er für Akkordeon (teuer, zum vollen Preis erstanden). Er wollte bis zum Feierabend in einer halben Stunde keine Stricke mehr verreissen, sondern sich mental auf die beiden freien Tage einstellen. Das gelang ihm für genau sechs Minuten. Dann wurde die Tür aufgerissen und seine Bürokollegin stürmte herein.
«Walterli, du fauler Kerl, bist du geistig schon im Wochenende?», fragte Meta Schäfer gut gelaunt.
«Schäferin, schone meine Nerven. Du bist der einzige Mensch hier, der bereits im Büro steht, bevor die Tür offen ist. Die Reihenfolge ist umgekehrt, begreifst du das nicht?»
«Du leidest unter verzögerter Wahrnehmung. Tritt häufig auf, wenn man gerade geschlafen hat.»
«Was du hier machst, nennt man versuchte Körperverletzung. Eines Tages werde ich einen Herzinfarkt erleiden, weil du mich so erschreckst.»
Meta liess sich in ihren Bürostuhl plumpsen, der den Angriff mit bemerkenswerter Lautlosigkeit ertrug.
Buess stöhnte. «Herrgott, schone wenigstens das Mobiliar, wenn es dir schon bei meinen Nerven nicht gelingt!», fluchte er.
Sie angelte einen Halbliter Cola unter dem Tisch hervor, öffnete den Schraubverschluss und trank direkt aus der Flasche. Dann räkelte sie sich wohlig. «Ah, thank God it’s Friday», sagte sie. «Das wird ein ruhiges Wochenende: Kein grosser Anlass in der Region, kein Feiertag, keine Hochsaison, wenig Verkehr auf den Strassen. Ich werde dreissig Stunden schlafen und dazwischen liegen. Und du? Ist Sidonia immer noch im Osten?»
«Ja, sie bleibt noch einige Wochen in Moldawien. Neben der Arbeit im Kinderheim hat sie ein Projekt angerissen, um Ausbildungsmöglichkeiten für junge Frauen zu schaffen. Das läuft harzig an. Sie wird wohl dort bleiben, bis der Winter anbricht.»
«Armer Walter», sagte Meta mit echtem Mitgefühl in der Stimme. «Was tust du denn das ganze Wochenende, ausser Süssigkeiten essen und Heimatfilme schauen?»
«Den Hometrainer strapazieren, um die Kalorien zu verbrennen, die ich in mich hineinfuttere!»
Toni konnte es nicht lassen. Er hatte seinem Sohn im Stall geholfen, mit Annamaria zu Abend gegessen, den Wetterbericht im Fernseher geschaut. Danach war er gleich sitzen geblieben, weil eine neue Folge einer Krimiserie kam. Er liebte diese Serie. Die Kommissarin war eine bodenständige, praktische junge Frau, keine aufgemöbelte Zicke, die in Stöckelschuhen auf Verbrecherjagd ging. Und der Kommissar hatte einen Bauch, wie es sich in seinem Alter gehörte. Nachdem die Täter gefasst waren, konnte Toni jedoch nicht mehr sitzen bleiben. Die Neugier trieb ihn ins Gasthaus. Er wollte die neuen Gäste aus der Nähe sehen.
Nach der abendlichen Kühle draussen war es in der Gaststube angenehm warm. Der Raum hatte grosse Ähnlichkeit mit dem Wohnzimmer in seinem Haus. Die Wände waren getäfelt, das unbehandelte Holz stark nachgedunkelt. Der caramelfarbige Kachelofen nahm einen beträchtlichen Platz ein im ohnehin nicht grossen Raum. Das schummrige Licht passte zur warmen Atmosphäre und stammte von hübschen Hängelampen, wie sie früher auch Tonis Mutter besessen hatte. Karierte Vorhänge, Ansichtskarten von Gästen und allerlei Schnickschnack auf Simsen und Regalen wirkten ebenfalls freundlich und boten den Gästen eine familiäre Atmosphäre, die überdies zahlreiche Klischees vom Leben in den Bergen bediente.
Fast alle Tische waren besetzt. Toni erblickte Müllers hinten an der Wand, die ihm zuwinkten und ihm bedeuteten, sich zu ihnen zu setzen.
«Dasselbe, bitte», beantwortete Toni Franks Frage nach seiner Bestellung und deutete auf die Getränke von Gusti und Greti Müller, die beide einen Espresso und ein Gläschen Grappa vor sich hatten.
«Wir brauchten ein Verdauungsschnäpschen», erklärte Greti lächelnd. «Frank hat so gut gekocht und so reichlich geschöpft, dass wir kaum mehr aufstehen mögen!»
«Mmh, ja», bestätigte Gusti. «Die Schnitzel waren ganz zart, die Sauce ein Gedicht, sag ich dir, und solchen Risotto bekommt man sonst nirgends! Er spart nicht mit dem Käse, der Frank, und mit dem Wein auch nicht, der versteht was vom Kochen.»
Toni lehnte sich zurück und beobachtete die Gäste. Die Frau mit den beiden Mädchen war am Vortag bereits hier gewesen, Wochenendausflügler. Eine nette Idee, mit den Kindern auf den Glaspass zu kommen, in einem der einfachen Zimmer zu übernachten, ein wenig zu wandern und draussen zu spielen. Sympathisch, wenn auch etwas langweilig.
Die hübschen Beine verbargen sich leider unter dem Tisch und lenkten so seinen Blick nicht vom Gesicht der jungen Frau ab, die sich über ihr Telefon beugte und mit dem Schreiben einer Nachricht beschäftigt war. Als sie kurz aufschaute, um einen Schluck ihres Mineralwassers zu trinken, kreuzten sich ihre Blicke. Hübsche Augen, freundliche Ausstrahlung, könnte sich als ganz nett herausstellen. Ihr gegenüber sass ein junger Italiener, der sich ebenfalls mit seinem Telefon beschäftigte. Für Toni würde es immer ein Rätsel bleiben, wieso die jungen Leute ihren elektronischen Kontakten eine höhere Priorität einräumten als den realen. Zwei junge Leute an einem Tisch sollten sich miteinander unterhalten, nicht jeder für sich mit seinem Telefon! Jetzt näherte sich energischen Schrittes ein zweiter Südländer, der offenbar auf der Toilette gewesen war.
«Ah, Lorenzo, erst halb zehn! Wird es denn nie mehr Abend heute? Gehen wir?»
«Nein, das hat keinen Wert, Gianni arbeitet noch. Vor elf Uhr müssen wir nicht unten sein, um diese Zeit ist auch noch nichts los in Thusis. Komm, Tiziano, trinken wir noch was.» Er winkte Frank.
Tiziano trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch, war aber einverstanden. Er musterte Sandra Studacher, der schon wieder ein Ton den Erhalt einer neuen Mitteilung ankündigte.
«Wem schreibst du denn die ganze Zeit? Ist das so wichtig?»
Seine Stimme war laut genug, dass Toni jedes Wort verstehen konnte und unter seinem Bart verstohlen schmunzelte. Ein Seelenverwandter.
«Moment … warte …», murmelte Sandra.
«Hallo, Sandra, du hast Gesellschaft!» Tiziano wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht.
«Lass sie doch», beschwichtigte Lorenzo, «es scheint wichtig zu sein.»
«Quatsch, wichtig! Los, Sandra, erzähl mal, was schreibst du da?»
«Senden!», murmelte sie, berührte das Gerät am richtigen Ort und blickte auf. «Was ich schreibe?», wiederholte sie. «Eine Kollegin hatte heute eine wichtige Prüfung, da wollte ich nachfragen, wie es ihr gegangen ist. Eine andere hat sich erkundigt, ob ich gut angekommen sei. Meine Mutter war mit dem Hund beim Tierarzt und teilte mir mit, dass ihn dieser behandeln konnte. Ein Bekannter …»
«Eben, ich wusste es doch! Alles unwichtig, hast du gehört, Lorenzo?»
«Na, hör mal! Meine Freunde und die Familie sind wichtig für mich!», empörte sich Sandra.
«Aber in den Ferien sind doch die neuen Bekanntschaften wichtig, sonst müsstest du ja gar nicht wegfahren, capisci? Du könntest genauso gut zu Hause auf dem Sofa sitzen, allein, die ganze Woche, und Nachrichten schreiben.»
Sandra holte tief Luft, um zu einer Antwort anzusetzen. In diesem Moment ertönte ein penetranter Glockenklang, der Tiziano aufspringen liess. Er riss sein Smartphone aus der Hosentasche, meldete sich mit «ciao, ciao, dimmi …» und verliess eilig das Restaurant.
Lorenzo hob resigniert die Schultern und lachte Sandra an. Sie lächelte zaghaft zurück.
«Grosse Worte und nichts dahinter, was?», sagte sie.
«Ja, er ist ein unverbesserlicher Schwätzer, aber mit ihm läuft immer etwas, da ist es nie langweilig!»
Auch Toni Hunger, der die Szene beobachtet hatte, lachte. Einen Tisch weiter vorne sassen Petra und Georg Steingruber, die Gäste aus Österreich, die nichts mitbekommen hatten. Sie beugten sich tief über eine Wanderkarte, ihre Köpfe berührten sich fast, und unterhielten sich leise. Am Tisch, der der Tür am nächsten stand, sassen die drei jungen Deutschen. Sie hatten noch kaum miteinander gesprochen, seit Toni hier war. Einer kratzte sorgfältig die letzten Reste seines Desserts aus dem Teller, einer spielte mit dem Zuckerpäckchen, das er zu seinem Kaffee erhalten hatte, und der dritte stocherte mit einem Hölzchen in seinen Zähnen.
Frank versicherte sich mit einem Blick, dass alle seine Gäste bedient waren, bevor er sich an einen der Tische setzte. Er hatte eine Karte und einige Prospekte dabei und gab bereitwillig Auskunft über die Sport- und Ausflugsmöglichkeiten, die sich den Gästen boten.
«Der Piz Beverin ist nicht zu unterschätzen. Der Aufstieg von hier aus ist keine einfache Wanderung, sondern eine Bergtour.»
«Muss man denselben Weg wieder runter, oder gibt es noch andere Routen?», fragte einer der drei Deutschen.
Frank schilderte ausführlich die anderen, weniger problematischen Möglichkeiten und ging dann über zu den leichteren Wanderungen: längere und kürzere, steilere und flachere, einsamere und solche mit Gasthäusern am Weg.
«Der Weg vom Glaspass hinunter ins Safiental hätte mich heute ungemein gereizt, als ich mit dem Velo unterwegs war», sagte Sandra. «Wie komme ich von dort wieder zurück hierher?»
«‹Velo› sagt sie», bemerkte einer der Deutschen halblaut. Und in verletzend abschätzigem Tonfall fügte er hinzu: «Wie soll jemand Fahrrad fahren können, wenn er’s nicht mal aussprechen kann?»
Einen Moment herrschte Totenstille, dann beeilte sich sein Gefährte zu bemerken: «Ach, Dieter, nun fang bloss nicht schon wieder an, dich so aufzuführen, ja?» Als der Dritte ansetzte, ebenfalls etwas zu sagen, brachte er ihn mit einem Blick zum Schweigen.
Dieter grinste spöttisch und blickte Sandra herablassend an. Bevor sie etwas sagen konnte, ergriff Frank das Wort und erklärte ihr freundlich: «Mit dem Velo – oder Fahrrad – », fügte er mit einem Blick auf Dieter hinzu, «über den Glaspass ist sehr zu empfehlen für geübte Fahrer mit guter Kondition.» Er beschrieb den schmalen Pfad den Heinzenberg hinunter nach Safien-Platz, dann den Weg durch das Safiental hinaus und diesseits des Heinzenbergs zurück. «Zum Schluss musst du dann noch den ganzen Weg bergauf nach Glas, das ist ein Krampf. Wenn du zu müde bist, kannst du das Postauto bis Tschappina benützen, dann brauchst du nur noch das letzte Stück zu trampeln.»
«Toll, das reizt mich. Kann ich dasselbe Bike morgen nochmals mieten?», fragte Sandra.
«Schau, schau, jetzt sagt sie ‹Bike›. Sogar Fremdsprachen beherrscht sie.» Dieters Stimme triefte vor Hohn und brachte den dritten deutschen Kollegen zum Explodieren.
«Nun halt endlich deine verdammte Fresse, du Arschloch! Im Restaurant unterwegs hast du den Kellner fertig gemacht, der Verkäuferin im Sportgeschäft ging’s nicht besser, und jetzt das. Du bist doch nicht normal!»
«Klaus, bitte, lass dich nicht provozieren.» Sein Kamerad versuchte wieder zu schlichten. «Dieter, heute bist du wirklich übel gelaunt. Lass doch die Leute in Frieden.»
Dieter setzte ein abschätziges Lächeln auf, schwieg aber. Erleichtertes Aufatmen bei den übrigen Gästen.
Angela Oberhofer erkundigte sich bei Frank nach ein, zwei Kesseln, die sie sich ausleihen könnte, weil sie am Montag Heidelbeeren sammeln wollte mit den Kindern.
«Klar, ich gebe euch die grossen Jogurt-Behälter mit, die braucht ihr nicht zurückzugeben. Am meisten Beeren findet ihr am Heidbüel, das ist die Kuppe am Fuss des Piz Beverin. Er ist über und über voll von Heidelbeerstauden und Alpenrosen. Zuoberst befindet sich ein kleiner See, fast eingewachsen, in einer Stunde seid ihr dort. Dahinter beginnen die Felsen, doch bis zum Teich ist der Weg völlig ungefährlich und gut markiert.»
Angela bedankte sich für die Auskünfte und machte den Mädchen den Ausflug schmackhaft.
«Frank, bitt’ schön, kannst du uns etwas sagen zu dem Weg, der am Fuss des Piz Beverin entlang nach Thusis hinunterführt?»
«Oh, Austria ist auch vertreten», liess sich Dieter vernehmen. «Sind österreichischen Snobs die Berge im eigenen Land nicht gut genug?»
Sandra stöhnte auf, Tiziano schimpfte: «Mann, was ist los! Trink noch ein Bier, das beruhigt die Nerven, capisci.»
«Darf ich dreimal raten? Ach nein, einmal wird genügen: Du bist italienischer Kellner in Deutschland, richtig?»
«Ja, das stimmt genau. Und wenn ich Gäste hätte, wie du einer bist, würde ich sie rausschmeissen, capisci, da kannst du sicher sein. Zum Glück sind die meisten nicht solche Arsch…»
Diesmal fuhr Sandra dazwischen und schlichtete den Zank.
Tiziano schwieg schliesslich und liess seinen Zorn an einem leeren Zigarettenpäckchen aus, das er wütend zerknüllte.
Dieter erhob mit süffisantem Lächeln sein Schnapsglas und nahm einen Schluck.
Frank holte tief Luft und beschrieb Georg und Petra den Weg, der über Alpweiden, durch Tobel und später durch den Wald jenseits des wilden Bergbachs Nolla nach Thusis führte.
Nachdenklich beobachtete Toni Hunger die Gäste, deren Gespräche er mit Interesse verfolgt hatte. An der Gruppe war nichts Ungewöhnliches, und trotzdem konnte er das Knistern spüren, das zwischen den Gästen herrschte. Im Gegensatz zu Toni liess das Geschehen seine beiden Tischkameraden völlig unberührt. Gusti und Greti Müller berieten, was sie noch alles erledigen mussten, um ihr Ferienhaus für den Winter bereitzumachen, und schienen nichts mitzubekommen von den Spannungen an den Nebentischen.
Schliesslich löste sich die Runde auf. Die beiden Italiener verabschiedeten sich. Angela, Jana und Julia räumten ihr Brettspiel zusammen und gingen zur Treppe, die Mädchen kichernd und flüsternd. Die Müllers trauten sich nach dem Verdauungsschnaps zu, sich zu erheben und den Heimweg zu ihrem Häuschen anzutreten. Es klappte tatsächlich, und Toni folgte ihnen hinaus. Nachdem er sich unten auf der Strasse von ihnen verabschiedet hatte, machte er sich gut gelaunt auf den Weg zu seinem Haus. Die Gästeschar schien ihm vielversprechend zu sein, wer weiss, vielleicht würde er in der kommenden Woche die eine oder andere spannende Szene miterleben.
Sie lag niedergeschlagen im Bett und fühlte sich, als würde die Bettdecke mit dem Gewicht eines Kartoffelsacks auf ihrer Brust liegen. Sie vermisste ihn so sehr. Jetzt würden sie nebeneinander liegen und sich über die Gäste unterhalten. Sie wären sich einig, dass die Tante mit den beiden Kindern zwar nett, aber langweilig sei, der Deutsche ein mieser Kerl, den man besser mied, und der alte Bauer ein sonderbarer Typ. Sie würde sich in seine Armbeuge schmiegen, er mit ihren Haaren spielen. Der schmerzhafte Stich, den sie in ihrem Herzen spürte, liess sie aufstöhnen.
Die Ferienreise hatte sie nicht abgesagt, weil das so kurzfristig nicht möglich gewesen wäre ohne finanzielle Einbusse. Das hätte wiederum bedeutet, dass sie nirgends hätte hinfahren können, und eine Woche ohne Tapetenwechsel war ihr noch schlimmer vorgekommen als eine Woche allein auf dem Glaspass. Nun war sie hier, doch ihre Hoffnung, an andere Gäste Anschluss zu finden, hatte sich zerschlagen.
Den halben Abend hatte sie mit ihrem Smartphone verbracht, um ihre Kolleginnen von der Trennung zu unterrichten. Deren Mitgefühl und tröstende Worte hatten ihr gutgetan. Nun war das Handy verstummt. Ob er wohl anrief?, fragte sie sich. Sie wartete sehnsüchtig darauf, seine Stimme zu hören, und fürchtete gleichzeitig, einem Gespräch nicht gewachsen zu sein. Sie würde schimpfen oder weinen, das Telefonat würde in einem Desaster enden, und sie würde sich wünschen, er hätte nie angerufen. Doch Sandra vermisste ihn so unsäglich, dass sie die Tränen nicht länger zurückhalten konnte.
Georg Steingruber konnte ebenfalls nicht einschlafen. Der Platz neben ihm im Bett war leer. Das war er gewohnt, denn während er um zehn Uhr abends jeweils rasch schläfrig wurde, dachte Petra um diese Uhrzeit noch in keiner Weise an Nachtruhe. Trotzdem hätte es ihn gefreut, wenn sie sich heute, an ihrem ersten Ferientag, zu ihm ins Bett gelegt hätte. Sie hätten sich über ihre neuen Bekanntschaften unterhalten können, über ihre Pläne für die nächsten Tage, über diese abgeschottete Welt auf über achtzehnhundert Metern Höhe, die für eine Woche ihr Zuhause war. Doch Petra war noch nicht von der Gaststube ins Zimmer heraufgekommen. Georg seufzte. Er zündete die Nachttischlampe an und nahm sein Buch zur Hand, um noch ein paar Seiten zu lesen, bis seine Frau endlich das Zimmer betreten würde.
Die leisen, regelmässigen Atemzüge waren der einzige Laut, der in den frühen Morgenstunden in einem der Zimmer zu hören war. Das Mondlicht zeichnete in der Dunkelheit ganz schwach die Konturen der Möbel nach. Die Kraft des Mondes reichte gerade aus, um einige Grautöne aus der Schwärze der Nacht herauszuarbeiten, aber weder für Farben noch für Wärme. Es war ein kaltes Licht. So kalt wie das Innere der Gestalt, die im Bett lag, kalt und grau.
1964
Wie immer hatte er nach der Schule die Hausaufgaben erledigt und war dann zu Schorsch in den Stall gegangen. Er half dem Alten jeweils, die Kühe zu versorgen, und oft erledigte er allerhand weitere Arbeiten. Der Alte war froh über seine Gesellschaft und seine Arbeitskraft und verdankte ihm seine Unterstützung häufig mit einem Abendessen.
So auch an diesem Tag. Johanngeorg schaute daheim kurz in der Gaststube vorbei, um seiner Mutter gute Nacht zu sagen, doch sie war nicht da. Sie sei mit dem Chef ins Tal gefahren, um Besorgungen zu machen, und noch nicht zurück, sagte die Chefin. Das war nicht aussergewöhnlich, und Johanngeorg ging hinauf in sein Zimmer.
Als er am nächsten Tag aufstand, war das Bett seiner Mutter leer. Er wusste sofort, dass eine Katastrophe über ihn hereingebrochen war. Die Welt schien stillzustehen, alle Geräusche verstummt.
Die Wirtin überbrachte ihm die schreckliche Nachricht. Seine Mutter sei gestern unten im Ort von einem besoffenen Autolenker angefahren worden. Der Wirt sei mit ihr ins Spital nach Schiers gefahren und habe einige bange Stunden in den Gängen der Klinik verbracht. Er habe inniger gebetet als je in seinem ganzen Leben, doch Gott erhörte ihn nicht. In der Nacht hätten ihn die Ärzte von ihrem Tod unterrichtet.
Johanngeorg starb ebenfalls. Er stürmte aus dem Haus und rannte den Berg hinauf, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Er krümmte sich vor Schmerz, weinte, übergab sich, schrie. Irgendwann schlief er ein vor Erschöpfung.
Im Morgengrauen ging er zu den Kühen in Schorschs Stall. Dieser fand ihn, als er mit dem Melken beginnen wollte. Er versuchte, den Jungen zu trösten, redete mit ihm, doch Johanngeorg war erstarrt. Er sprach nicht, weinte nicht, reagierte nicht. Sein Körper funktionierte, doch er war unerreichbar.
In den kommenden Wochen beriet man im Dorf, was mit ihm geschehen sollte. Die Wirtsleute waren nicht erpicht darauf, einen Esser mehr am Tisch zu haben, sie sorgten bereits für zwei ledige Onkel, die bei ihnen lebten. In der Familie von Joggel, seinem leiblichen Vater, gab es ebenfalls keinen Platz für ihn. Vorübergehend lebte er bei Schorsch, doch auf die Länge ging das nicht, Schorsch war zu alt, um sich um ihn kümmern zu können.
Schliesslich bahnte sich eine Lösung mit einem kinderlosen Paar in einem der Nachbardörfer an. Die Eheleute nahmen Johanngeorg auf und bemühten sich, ihm ein neues Daheim zu geben. Ein unmögliches Unterfangen. Wie konnten diese beiden schweigsamen Leute, die ihn niemals an sich drückten und nur selten mit ihm lachten, seine fröhliche, herzliche, lebensprühende Mutter ersetzen?
Als Johanngeorg nach drei Monaten immer noch kein Wort gesprochen hatte, begannen die Eheleute zu resignieren. Sie liessen ihn weiterhin bei sich wohnen und begegneten ihm mit Wohlwollen, doch die Hoffnung, dass er den Platz eines eigenen Kindes einnehmen könnte, gaben sie auf.
2014
Sonntag
Als er erwachte, konnte er weder den CDs noch den Musiknoten, nicht einmal den Süssigkeiten etwas Positives abgewinnen. Der unberührte Teil des Doppelbetts trieb ihn aus dem Bett. Wenn er liegen bliebe, würde er womöglich einmal mehr ausrechnen, wie viele Nächte seine Frau nun schon weg war. Viel lieber würde er zählen, wie viele Male er noch schlafen musste, bis sie zurückkam. So wie früher, als seine Mutter mit ihm die Nächte gezählt hatte, wenn er kaum mehr warten konnte, bis der Samiklaus kam, bis er aufs Maiensäss mitgehen durfte oder bis der Zirkus im Dorf Halt machte. Sidonia hatte jedoch ihre Rückkehr immer wieder hinausgeschoben, ihren Aufenthalt in Moldawien zunächst um eine Woche, dann um eine weitere Woche verlängert. Jetzt machte sie keine Zeitangaben mehr, sie sprach nur noch unbestimmt von «bald» oder «demnächst» oder «nicht mehr lange». Es dauerte jedoch schon viel zu lange, fand Walter Buess.
Er zog sich rasch an und ging hinaus zum Hühnerstall. Anstatt seiner Frau erzählte er den Hühnern, wie sehr ihn die Einsamkeit in seinem Haus bedrückte. Die eine oder andere Henne schaute ihn aufmerksam an, doch keine liess sich lange davon ablenken, in der Erde zu scharren und Körner aufzupicken.
Zusammen mit der Katze setzte er sich vors Haus und stellte Vermutungen an, was Sidonia wohl gerade machte. Die Katze schnurrte zufrieden auf seinen Knien, beteiligte sich jedoch nicht am Gespräch.
Als er zum Zaun ging, kamen die Rinder, die auf der angrenzenden Weide herumtollten, um ihn zu begrüssen. Sie hörten geduldig zu, als er ihnen schilderte, er brauche seine Frau, die Kinder in Moldawien seien nicht die einzigen, die sie nötig hätten. Er kam sich vor wie ein quengelnder Junge, als er seinen eigenen Worten zuhörte.
Während er Grünzeug für seine Kaninchen sammelte, ärgerte er sich über sich selbst, weil es an einem so sonnigen Tag doch keinen Grund zu jammern gab und ihn trotzdem der Trübsinn quälte. Schweigend reichte er ihnen die saftigen Blätter, die im Nu in den hungrigen Mäulern verschwanden.
Als er bei Sidonias Enten Stroh nachlegte und ein frisches Ei fand, freute ihn nicht einmal das. Vielmehr wurde sein leiser Ärger zum Groll, der sich gegen seine Frau richtete. Sie sollte heim kommen, hier zum Rechten schauen und für ihn da sein, so wie er für sie da wäre, Herrgottsternensiechnochmal! Jetzt, genau jetzt, müsste er mit jemandem reden können, aber hier in Oberurmein wohnte ja kaum wer. Wieso hatte er bloss dieser Idee zugestimmt, den dauernden Wohnsitz in ein Feriendorf zu verlegen, das war doch ein himmelschreiender Unsinn! Geschlossene Fensterläden, aufgestapelte Gartenmöbel, verlassene Spielgeräte anstelle von Leuten, Leben, Lachen.
Er packte seine Jacke und ging los, bergauf, ohne Ziel, aber so zügig, dass sich seine miese Laune in Schweiss auflösen würde. Das hoffte er zumindest.
Nach einer Stunde hatte er Kälber, Rinder, Kühe, Schweine, einen Hasen, zwei Schneehühner, einige Schmetterlinge und einen Frosch gesehen, aber keinen Menschen. Er hatte zahlreiche Vögel und einige Murmeltiere gehört, aber keine Männer, Frauen, Kinder. Was ja auch kein Wunder war, musste er sich eingestehen. Wer auf achtzehnhundert Metern Höhe abseits des Weges Alpweiden durchquerte, konnte wohl kaum damit rechnen, eine Menschenmenge anzutreffen wie in Chur auf dem Postplatz.
Buess richtete seinen Blick auf die steile Wand des Piz Beverin. Dunkel und mächtig ragte der Koloss aus anthrazitfarbenem Bündnerschiefer vor ihm auf. Der Anblick der beinahe senkrechten Felsen und der mit zartem Grün überhauchten Schutthalden liess ihn innehalten. Wie so oft nahm ihm der Berg für einen Augenblick den Atem. Er setzte sein eigenes Leben in Beziehung zu den Jahrmillionen, die der Beverin schon hinter sich hatte, und fühlte sich so unbedeutend wie ein Windhauch über einer Blumenwiese. Seine melancholischen Gedanken erschienen ihm kleinkariert und bedeutungslos angesichts des überwältigenden Felsgebildes vor ihm. Der Anblick wirkte auf Buess befreiend, der Druck auf seiner Brust wurde im Angesicht des Berges etwas leichter. Seine Sehnsucht und seine Wut machten einer trüben Melancholie Platz.
Er setzte sich ins Gras und zupfte bedächtig die Blätter von einem Alpenrosenzweig. Er versuchte, sich den Postplatz in Chur vorzustellen. Eine Menschenmenge, die sich wie Schlamm über die Strasse wälzte, sobald das Lichtsignal auf grün schaltete. Er selber mittendrin, eingeklemmt zwischen gackernden Teenagern, dicken Frauen, stinkenden Männern, Hunden, Kinderwagen und Rollatoren. Gott behüte.
Er ignorierte geflissentlich, dass er selbst nach Schweiss stank, und marschierte zielstrebig weiter. Er wollte zum Morgenkaffee auf den Glaspass. Und zu einem Nussgipfel.
Emanuele Santacaterina drückte energisch seine Zigarette im Aschenbecher aus, der auf der Terrasse des Gasthauses in Glas stand, und betrat das Restaurant. Nur das Paar aus Österreich sass an einem Tisch, die anderen Gäste schienen bereits unterwegs zu sein an diesem sonnigen Tag. Er setzte sich ans Fenster und trommelte nervös mit den Fingern auf die hölzerne Tischplatte. Da er keine bequeme Sitzposition fand, rutschte er auf der Bank hin und her. Dabei verschob sich das Kissen, das er ungeduldig wieder zurechtzupfte. Dann liess er sein rechtes Bein erzittern, sein Knie hüpfte auf und ab, bis er sich daran erinnerte, dass das seine verstorbene Frau jeweils in den Wahnsinn getrieben hatte. Daraufhin schlug er die Beine übereinander und zeichnete mit dem Fuss Muster in der Luft. Porca miseria, er könnte bereits wieder eine Zigarette vertragen.
«Hast du Ärger?», begrüsste ihn Frank, der Wirt.
Emanuele brummte etwas von «verdammten Weibern» und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel.
«Ach ja, die Frauen, mit denen ist es so eine Sache», meinte Frank mitfühlend und setzte sich an den Tisch. «Welche ist es denn?»
«Meine Schwiegertochter, natürlich. Diese … diese …»
Zicke? Kuh? Henne? Frank hätte ihm gerne bei der Suche nach einem passenden Substantiv geholfen, aber der augenfällig hohe Blutdruck des Gastes mahnte ihn zur Vorsicht.
«… sollte man einmal richtig versohlen! Das hat schon ihr Vater verpasst vor dreissig Jahren, jetzt ist es zu spät, aber schaden würde es ihr nicht. So eine … eine …»
Schnepfe? Zwetschge? Gritte?
«… macht die ganze Familie kaputt. Wenn die Kinder gut herauskommen, dann trotz dieser Mutter, nicht wegen dieser Mutter. Eher werden die einmal einen Knacks haben, einen Tick, so» – er zwinkerte ein paar Mal mit dem linken Auge und verzog dabei das Gesicht – «oder so» – jetzt streckte er die Zunge aus dem rechten Mundwinkel, legte den Kopf schief und liess den rechten Arm unkontrolliert zucken. «Mussen sie ja so kommen, können sie gar nickt normale bleibe die nächste zehn Jahr, iste nicht möglick. Und meine Sohn, dieses Weichei, wehrt er sich nicht, schaut zu, sagt nicks, mackt nur so» – er hob mit weit aufgerissenen Augen ratlos die Schultern – «oder so» – es folgte eine wegwerfende Geste.
Frank stellte fest, dass sich die Gesichtsfarbe seines Gastes allmählich ins Ungesunde wandelte und der italienische Akzent immer ausgeprägter wurde. Es wurde Zeit zu intervenieren. «Vielleicht kann sie ja gut kochen», wandte er ein.
«Kochen? Die? Salat aus dem Plastiksack, weil sie zu faul ist, um im Garten …»
«Oder vielleicht haben sie es lustig, wenn sie zusammen sind», wagte er einen neuen Versuch.
«Lustig? Die? Sie schimpft über die Nachbarn, schimpft über die anderen Kinder, schimpft über die Lehrer, schimpft über …»
«Oder sie ist hübsch!»
«übsch, übsch! Davon hat er nicht gegessen. War sie schon übsch, ja, früher, aber jetzt iste sie nickt mehr, at sie Runzeln, iste sie fett, kommte daher wie …»
«Dann ist sie bestimmt eine Wucht im Bett!»
Dazu wusste Emanuele tatsächlich nichts zu sagen.
«Jetzt hole ich dir einen Kaffee», sagte Frank lachend, klopfte ihm auf die Schulter und erhob sich.
Wenig später setzte sich Walter Buess an seinen Platz.
Emanuele Santacaterina verzog angewidert das Gesicht. «Puh, du stinkst vielleicht nach Schweiss», rief er. «Bist du heraufgerannt, oder was?»
«Ich setze mich da drüben hin, wenn es dir nicht passt», erwiderte Buess missmutig und machte Anstalten, sich zu erheben.
«Jetzt sei doch nicht so empfindlich! Man wird ja wohl noch etwas sagen dürfen.»
«Ja, guten Morgen zum Beispiel, bevor man herumstänkert!»
«Porca puttana, was ist denn mit dir passiert? Krach mit deiner Frau? Ach nein, geht ja nicht, die ist ja im Ausland. Krach mit den Nachbarn? Ach nein, geht ja nicht, hast du ja keine. Also, was ist los?»
«Lass mich in Ruhe, ich sitze an einen anderen Tisch.» Buess griff nach seiner Jacke und stand auf.
«Jetzt hör bloss auf und bleib sitzen!» Emanuele packte ihn am Arm und zog ihn zurück auf die Bank. «Da, schau, es hat noch Nussgipfel», sagte er versöhnlich und reichte Buess den Korb. Dieser gab sich geschlagen und griff hinein.
Santacaterina atmete erleichtert auf – was ihn wieder zum Ausgangspunkt des Zanks brachte. «Du riechst aber wirklich nach Schweiss.»
Diesmal liess ihm Buess die Bemerkung mit einem Brummen durchgehen.
Georg Steingruber bekam nichts von alldem mit. Er sass zwei Tische weiter in der Gaststube und hatte nur Augen für seine Frau. Wie jeden Morgen war sie kaum ansprechbar. In der ersten Stunde funktionierte zwar ihr Körper, sie konnte sogar denken, aber auf keinen Fall sprechen.
Ihm gefiel ihr regungsloses Gesicht in den Morgenstunden. Bestimmt hatte sie noch nicht wahrgenommen, dass die Sonne schien, und die leckeren Speisen auf dem Frühstückstisch schätzte sie auch nicht. Sie griff mechanisch nach einer Scheibe Brot, die sie einen halben Zentimeter dick mit Butter bestrich. Dazu trank sie Unmengen stark gesüssten, schwarzen Kaffee.
Eine leichte Röte überzog seine Wangen, als er an den gestrigen Abend dachte. Mein Gott, was war er nur für ein Depp, so führte sich doch kein erwachsener Mann auf. Peinlich, es gab kein passenderes Wort dafür. Peinlich. Pein hatte er tatsächlich verspürt, bevor es zu der schrecklichen Szene kam, vor allem aber danach. Erst Stunden später, als er sich in der Stille der Nacht den Tatsachen stellte und die Vorfälle mit etwas mehr Verstand betrachtete, konnte er sie richtig einordnen. Sein Schmerz wandelte sich in Wut, die sich gegen Dieter Falk richtete. Und gegen sich selbst, weil er sich hatte provozieren lassen wie ein Teenager.
Dann hatte er geschlafen wie ein Murmeltier und war mit einem Gefühl der Erleichterung erwacht. Als hätte sich ein Steinblock aus seiner Brust gelöst. Einzig das Gewicht der Peinlichkeit lastete noch auf ihm. Es würde nach einer weiteren Nacht weichen, das wusste er. Für den angebrochenen Tag musste er es bewusst in den Hintergrund drängen. Er hatte keineswegs die Absicht, sich von einem verabscheuungswürdigen Gast, den er kaum kannte, den Tag verderben zu lassen.
Er betrachtete nachdenklich das Dreiminuten-Ei, das in einem bunten Eierbecher vor ihm stand. Ein Schmunzeln schlich sich in seine Mundwinkel, als er zum Löffel griff. Er stellte sich vor, das Ei sei der Kopf von Dieter Falk, der sich ihm aus dem farbenfrohen Untersatz in mattem Hellbraun entgegenwölbte.
Er enthauptete es mit schnellem, gezieltem Schlag.
Pulit begann den Sonntag mit dem Ritual, das sich jeden Sonntag wiederholte. Er putzte nicht Häuser, Treppen oder Vorplätze, er reinigte sich selbst.
Wie jeden Morgen erwachte er bei Tagesanbruch. Seine Hühner und die Vögel draussen weckten ihn verlässlich. Bald würden sich die Geräusche der Tiere dazu gesellen, die nicht mehr so tief schliefen wie in den dunkelsten Stunden der Nacht. Die Kühe würden sich regen, was einzelne Glocken zum Klingen bringen würde. Der eine oder andere Hund würde leise winseln im Schlaf, und manchmal war das Rascheln einer Maus zu hören.
Nach dem Erwachen blieb er regungslos liegen, mit geschlossenen Augen. Er musste zuerst die Geräusche einordnen. Erst wenn er sicher war, dass sich über Nacht nichts verändert hatte, war er bereit, sich dem neuen Tag zu stellen. Heute fand er sich schnell zurecht. Die Geräusche waren ihm vertraut, er hörte alles, was zu hören sein musste, und nichts weiter.
Er stieg aus dem alten Militärschlafsack, den er auf dem noch viel älteren Sofa ausgebreitet hatte, und öffnete das Fenster und die Fensterläden. Obwohl er nach einer Wolke Ausschau hielt, sah er keine. Der Himmel war sauber wie eine hellblaue Porzellanschüssel. Er breitete den Schlafsack zum Auslüften auf dem Fenstersims aus.
In seinem winzigen Wohn- und Schlafraum fanden ausser dem Schlafsofa ein Tisch, eine Eckbank, ein Schrank und einige Wandregale Platz. Der Rest des Raums wurde von einem Holzofen eingenommen, den er seit einiger Zeit schon wieder benutzen musste. Die Tage wurden kürzer, die Nächte bereits empfindlich kalt. Die Decke war zu niedrig für eine Hängelampe, stattdessen erhellte er den Raum mit einigen Tischlampen, die verteilt in der Stube standen.
Kein einziges Bild hing an den Wänden. Die Wände in seinem Haus waren für ihn Bilder genug. Monatelang hatte er gearbeitet, um aus der verfallenen Hütte ein bewohnbares Häuschen zu machen. Bewohnbar für ihn, dessen Ansprüche sich in einem Dach, dichten Wänden und einem funktionierenden Ofen erschöpften. Während der ersten Jahre hatte er das Wasser am Brunnen vor dem Haus geholt und das Plumpsklo in einem separaten Holzverschlag benutzt. Unermüdlich hatte er an seiner Unterkunft gearbeitet, ohne Eile, aber auch ohne Unterbruch. Nie sah er einen Baumarkt von innen. Er verwendete das Material, das vorhanden war oder auf das er auf seinen langen Wanderungen am Heinzenberg oder im Safiental stiess. Die Wände isolierte er mit Zeitungen, Stoff, trockenem Mist, Stroh und Wolle. Um den ganzen Raum zu täfeln, fand er nicht genug Holz. Deshalb befestigte er die Latten mit Abständen, die er auf unterschiedliche Weise ausfüllte. An einer Wand spannten sich auseinander geschnittene Papiertaschen über die Zwischenräume. Die bunten Sujets von Coop und Migros zeigten ihm täglich den ganzen Jahresablauf im Zeitraffer: Weihnachten, Ostern, Gemüseernte, Obsternte. Zwei Wände hatte er mit Wachstischdecken verkleidet. Er hatte sie in Bahnen geschnitten und mit Täferbrettern befestigt. Diese beiden Wände waren längsgestreift, die einzelnen Streifen waren geblümt, kariert, getüpfelt oder unifarben. Für die vierte Wand hatte er genügend Täfer. Sie war als einzige fachgerecht verkleidet, und obwohl er durchaus Stolz empfand auf seine Arbeit, gefiel sie ihm am wenigsten. Er wusste, dass die Tage seiner bunten Wandbezüge gezählt waren. Sollte je einer vom Brandschutz über seine Schwelle treten, würde er sie umgehend ersetzen müssen. Pulit wusste um die Gefahr, die seine leicht brennbaren Tapeten darstellten, und liess im Umgang mit Feuer grosse Vorsicht walten.
Den nackten Steinboden hatte er mit einigen Schichten Holz, Teppichresten und Linoleum belegt, um gegen die Kälte zu isolieren. Dadurch war der Raum deutlich weniger als zwei Meter hoch. Da Pulit selber kaum einssiebzig gross war, bereitete ihm das keine Sorgen.
Pulit betrat den winzigen Nebenraum. Ein kleiner Holzherd und eine elektrische Heizplatte bildeten mit zwei Hängeschränkchen und einigen Wandregalen seine Kücheneinrichtung. Daneben ein grosser Waschtrog, auf dem Boden ein Blechzuber, darüber ein kleiner Boiler. Eine niedrige Tür, die ihn zum Einziehen des Kopfes zwang, führte in einen Raum in der Grösse eines Wandschranks, der von der Küche abgetrennt war. Dort befand sich seit vielen Jahren ein richtiges Wasserklosett. Darauf hatte die Gemeindebehörde von Tschappina bestanden, als der Weiler Glas ans Abwassersystem angeschlossen wurde.
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