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Rita Hajak
Mord am alten Friedhof
Hauptkommissar Steffen Lauenberg ermittelt ...
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Impressum neobooks
Zitat
Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die
Fliege bereits hat,
bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)
Kapitel 1
Donnerstag, 6. April 2018
Es war kurz vor 23 Uhr.
Ein Mann trat aus der Gaststätte und begab sich auf den Heimweg. Die Kapuzengestalt, die sich lautlos von der Hauswand löste und ihm folgte, bemerkte er nicht. Die Luft war feucht und die Straßen wie leer gefegt, was bei diesem Wetter nicht verwunderlich war. Nebelschwaden zogen durch den kalten Aprilabend. Er stellte den Kragen seiner Jacke hoch und zog die Schultern zusammen. Erstaunt schaute er in den Nachthimmel, als winzige Schneeflocken auf ihn herab rieselten. Mit zügigen Schritten und einem Siegerlächeln stakste er die Kastellstraße entlang. Minuten später bog er in die Platterstraße ab. Der Weg nach Hause war nicht weit. In manchen Häusern, auf der anderen Straßenseite, schien hinter den Gardinen gedämpftes Licht, was gemütlich wirkte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil es später geworden war, als er es seiner Frau versprochen hatte. Aber dieser eine Tag in der Woche gehörte ihm.
In Höhe des alten Friedhofs, hörte er gedämpfte Schritte hinter sich, die schnell näherkamen. Bevor er die Zeit fand sich umzudrehen, spürte er einen kräftigen Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte. Jemand zerrte ihn in die Büsche. Benommen hob er die Hand, setzte zum Sprechen an, und versuchte aufzustehen. Eine Faust landete mit voller Wucht in seinem Gesicht. Schmerzerfüllt schrie er auf und kippte um. Warmes lief ihm über die Wangen. Es schmeckte nach Blut. Er hatte Angst; fürchtete um sein Leben. Erneute Schläge hämmerten gegen seinen Kopf und Fußtritte trafen ihn überall. Er konnte nicht sehen, wer da wie besessen auf ihn eindrosch und fand nicht die Kraft aufzustehen. Ihm schwanden die Sinne. Sein letzter Gedanke galt seiner Frau. Den Schuss, der dann fiel, hörte er nicht mehr.
Das blaue Licht des Bordells Die Rote Meile in Biebrich leuchtete. Tobias parkte seinen Wagen und trat lächelnd durch die rote Tür, auf der Eros stand. Die blonde Lola erwartete ihn. Das Mädchen zeigte nach oben und ging voraus. Um ihren Körper schmiegte sich ein durchsichtiges Gewand, unter dem sie einen Tangaslip und halterlose Strümpfe trug. Er schaute ihr wohlwollend hinterher. Wie erwartet, erstrahlte ihr Zimmer in warmem Licht und wirkte, obwohl es dürftig eingerichtet war, einladend und gemütlich.
»Du kommst spät. Dir scheint es mit mir gefallen zu haben«, stellte sie mit einem verführerischen Lächeln fest. »Oder irre ich mich?«
»Stimmt. Ich bin gerne wiedergekommen. Gestern war es aus einem anderen Grund. Da hatte ich Bedürfnisse. Heute mag ich reden«, sagte der junge Mann und schaute in ihre rehbraunen Augen. Er fand, dass sie ein hübsches Mädchen war, mit guten Manieren, viel zu schade für dieses Gewerbe.
Sie tat erstaunt. »Worüber willst du mit mir reden? Die Sprache, die ich spreche, kommt ohne Worte aus.« Sie drückte ihn sanft auf das Bett, mit der roten Decke aus Satin, und kniete sich hinter ihm nieder. Er spürte ihre vollen Brüste, die sie an seinen Rücken drückte, was einen wohltuenden Schauer in ihm auslöste.
»Ich habe heute nicht viel Zeit, ich reise morgen ab. Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Meine geschäftlichen Belange habe ich erledigt. Du hast es mir angetan, Lola. Was machst du, außer auf diese Weise Geld zu verdienen? Du siehst nicht aus, als wäre es dein Beruf.«
Sie lachte. »Wir reden später darüber. Jetzt entspanne dich. Schade, dass du nicht wiederkommst. Ich mag dich. Gehst du weit weg. Er nickte. »Nach Köln. Das sind ein paar Kilometer, die zwischen uns liegen. Aber wer sagt, dass ich nicht wiederkomme? Ich stehe kurz vor dem Umzug nach Taunusstein. Habe dort eine hübsche Wohnung gefunden.« Ihre Hände glitten von hinten über seine Schultern, wanderten den Brustkorb entlang, auf dem sich kein Haar befand, und schlüpften beherzt in seine Hose. Er konnte nicht vermeiden, dass sich seine Männlichkeit regte.
Sie küsste die kleine Narbe an seiner Schläfe. »Das hört sich gut an. Komm, leg dich hin, mache es dir bequem«, forderte sie ihn mit ihrer erotischen Stimme auf. Ihre langen, schlanken Beine schoben sich auf seinen Schoß. Geschwind zerrte sie ihm die Hose herunter. Er ließ es geschehen und übergab sich ihren geschickten Händen.
Später fragte er: »Was machst du, außer hier zu sein?«
Ihre Gesichtszüge änderten sich schlagartig. »Das ist eine lange Geschichte. Ich mache es kurz«, sagte sie abweisend. »Meine Mutter starb, ich stand mitten im Studium und musste für meinen Unterhalt sorgen. Die Wohnung war zu teuer. Eine Freundin hat mich hierzu überredet, und ich habe es als Alternative angenommen. Es ist mir weiß Gott nicht leicht gefallen. Mit dem Studium bin ich in einem halben Jahr fertig. Dann verlasse ich dieses Etablissement. Jetzt habe ich dir genug erklärt.« Sie lachte.
Er nickte. »Eine Frage noch. Was studierst du?«
»Jura!«
»Kompliment. Du bist ein tolles Mädchen. Ich wünsche dir viel Glück. Verrätst du mir deinen richtigen Namen und die Haarfarbe, die du unter der Perücke versteckst?«
Sie streifte mit einer lässigen Bewegung die blonde Mähne vom Kopf und sagte: »Nadine und du?«
»Hellbraun und genauso lang wie das Perückenhaar. Steht dir ehrlich gesagt viel besser«, meinte er und grinste. Ich heiße Tobias.«
»Wäre schön, wenn wir uns wiedersehen«, sagte sie.
»Das lässt sich einrichten.«
»Fein, schau vorbei, wenn du in der Nähe bist. Sofern ich noch hier bin.« Sie zog ihren roten Lackmantel über und begleitete ihn die Treppe hinunter zum Ausgang. Dort steckte sie ihm ein Kärtchen mit ihrer Handynummer zu.
Tobias lächelte erfreut und trat durch das Tor hinaus auf die Straße.
Kapitel 2
Freitag, 7. April 2018
Lauenbergs Handy piepste. Verschlafen griff er danach und schaltete es aus. 6:50 Uhr. Zeit aufzustehen. Er streckte sich, sprang mit einem Satz aus dem Bett, und huschte ins Bad. Die kühle Dusche tankte seinen Körper mit Energie auf. Danach kleidete er sich an und warf einen Blick aus dem Fenster. Grau, triste und einen feinen Schneeteppich auf der Straße, konnte er erkennen. Auch das noch, dachte er. Ohne Frühstück verließ er das Haus. Er wollte vermeiden in einem möglichen Verkehrschaos stecken zu bleiben.
Hauptkommissar Steffen Lauenberg kam gleichzeitig mit seiner Kollegin auf dem Parkplatz des Polizeipräsidiums an.
»Guten Morgen, Frau Schneider«, grüßte er. »Sind Sie problemlos durchgekommen? Sie wohnen doch in Bad Camberg?«
Sie nickte. »Guten Morgen, Kollege, ich bin rechtzeitig losgefahren. Zehn Minuten hat es länger gedauert, als sonst.«
Gemeinsam betraten sie das Gebäude.
Im Büro goss sich Lauenberg einen Kaffee ein, den die Sekretärin bereitgestellt hatte. Geduldig wartete er bis Silke Schneider ihren Mantel ausgezogen und an ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte.
»Ekliges Wetter. Ich hoffe, der Frühling setzt sich bald durch«, sagte er und reichte ihr eine Tasse Kaffee, was sie erstaunt aufblicken ließ. Das tat er das erste Mal, seit er vor einer Woche ins K11 gekommen war.
»Was haben Sie gegen das Wetter? Es ist April, der weiß nicht, was er will«, ulkte Silke. »Da gibt es schöne Tage, Regen oder Schnee. Was ist los? Sie schauen mich so komisch an.«
Er atmete tief durch. »Wenn ich daran denke, dass heute ihr letzter Tag ist, macht mich das traurig. Sie sind eine tolle Kollegin.«
»Oh, vielen Dank, ein schönes Kompliment. Aber wie ich Ihnen bereits erzählt habe, mache ich das meiner Tochter zuliebe. Sie steht vor dem Abitur, braucht ein bisschen Unterstützung. Es sind nur sechs Wochen, dann bin ich wieder zurück. Außer unserem Chef, Andreas Hauser und Frau Dr. Eichhorn, sind alle alten Kollegen weg; mich vermisst ohnehin keiner.«
»Ich schon. Wäre schön gewesen, Sie an meiner Seite zu wissen.«
Silke klopfte ihm auf die Schulter. »Das höre ich gerne. Ich hoffe, Sie bleiben länger, als Ihre Vorgänger.«
Gerd Schröder, der neue Kriminalassistent, ein netter Typ und Computerspezialist, platzte herein. »Was machen Sie für Gesichter? Egal, vertagen Sie Ihren Kummer. Es gibt einen Toten«, sagte er und reichte Lauenberg einen Zettel mit knappen Informationen.
»Geht klar, machen wir unsere Arbeit«, sagte er. »Wenn alles passt, bleibe ich bis zu meiner Pension«, versprach Lauenberg lächelnd. »Wann kommt der Ersatz für Sie, Kollegin?«
»So viel ich weiß, am Montag. Da wären Sie am Wochenende mit Gerd alleine.«
»Das ist kein Problem. Ich habe am Sonntag zwar frei, bin jedoch in Bereitschaft.«
»Wo geht es hin, am frühen Morgen?«, fragte Silke.
Lauenberg schaute auf das Blatt Papier in seiner Hand. »Zum alten Friedhof, nördlich der Stadt.« Er verzog das Gesicht.
Silke schlüpfte in ihren Mantel und sagte: »Keine Angst. Das ist inzwischen ein Freizeit- und Erholungspark.«
»Das beruhigt mich.«
Sie nickte. »Also, fahren wir.«
Nebelnässe schlug sich auf dem Asphalt nieder. Der Schnee vom gestrigen Abend, war bis auf wenige Flecken, weggetaut. Das Team der Spurensicherung, sowie die Rechtsmedizinerin, waren vor Ort.
»Wie üblich, seid ihr die Ersten am Tatort, trotz der Wetterlage«, bemerkte Silke.
Lauenberg trat zu dem Toten, der im Gebüsch lag. Er wandte sich um. »Wissen Sie, wer er ist?«, fragte er Andreas Hauser, den Leiter der Spurensicherung.
»Wie der aussieht, erkennt ihn niemand«, meinte Silke erschüttert.
»Lauenberg zog Gummihandschuhe über und beugte sich zu dem Toten herab. »Er ist schlimm zugerichtet«, stellte er fest.
»Jemand hat ihm mit voller Wucht das Gesicht zertrümmert und anschließend mit einem Kopfschuss getötet«, sagte Hauser. Er reichte Lauenberg eine Plastikhülle mit dem Ausweis des Opfers.
»Michael Steiner, 51 Jahre, wohnhaft in der Comeniusstraße«, las er.
»Das ist in der Nähe«, sagte Silke.
Andreas nickte. »Die nächste Straße links. Ich habe noch was für euch.« Er schwenkte eine Plastikhülle, in der sich eine Spielkarte befand. »Hatte er in seiner Jackentasche.«
»Herzbube. Was bedeutet das?« Lauenberg schaute Silke und Andreas Hauser verwundert an.
»Ein Zeichen?«, vermutete Silke ein.
»Er hatte einen Kassenzettel vom Römerkastell in seiner Geldbörse. Die Gaststätte befindet sich ebenfalls in der Nähe. Mehr kann ich euch im Moment nicht sagen.« Andreas wandte sich ab.
»Frau Dr. Eichhorn, seit wann ist das Opfer tot?«, fragte Lauenberg.
Sie schaute ihn lächelnd an. »Vorsichtig ausgedrückt: seit gestern Abend zwischen 23 Uhr und Mitternacht. Er war nach einem kräftigen Schlag, mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf, wehrlos. Möglicherweise ein Stein. Der Täter muss das Opfer hierher geschleift, mit Fußtritten attackiert, und dann erschossen haben. Ich vermute, dass er bereits bewusstlos gewesen war, als der Schuss fiel. Das Projektil ist wieder ausgetreten. Genaueres, wie gehabt, nach der Obduktion.«
»Was halten Sie davon, Frau Schneider?« Lauenberg schaute sie fragend an.
»Schwer zu sagen. Sieht wie eine Hinrichtung aus. Wir brauchen mehr Information. Wir suchen seine Adresse auf. Wenn es Angehörige gibt, müssen wir sie informieren. Diesen Teil unserer Arbeit hasse ich.«
Lauenberg nickte. »Wem sagen Sie das.«
Minuten später standen sie vor einem gepflegten Gebäude mit mehreren Etagen. Auf ihr Klingeln ertönte umgehend der Summer. An der Wohnungstür, im Erdgeschoss, stand eine gut aussehende Frau um die vierzig, salopp gekleidet, mit dunkelblond gewelltem Haar. Zwischen ihren ringgeschmückten Fingern hielt sie eine Zigarette.
»Entschuldigen Sie, ich dachte, es wäre mein Mann. Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie beunruhigt.
Silke schaute Lauenberg an, zog ihren Ausweis und stellte sich und ihren Kollegen vor.
»Geht es um Michael? Haben Sie was herausgefunden? Hat er was angestellt?« Ihre Augen blickten besorgt auf Silke und wanderten zu Lauenberg. »Aber wieso Mordkommission?«
»Dürfen wir hereinkommen?«, fragte Silke.
Die Frau nickte und ging aufrecht voran ins Wohnzimmer, das extravagant eingerichtet war. Der riesige Flachbildschirm, umrahmt von Regalen mit wertvollen Kleinigkeiten und jede Menge Bücher, nahm die halbe Wand ein. An der Seitenwand stand ein moderner Kaminofen, dem eine angenehme Wärme entströmte. »Nehmen Sie Platz, bitte.« Ihre Hände strichen unruhig den Stoff ihrer Hose glatt, nachdem sie die Zigarette im Ascher ausgedrückt hatte.
Silke setzte sich vorsichtig auf die weiße Ledercouch, bevor sie sagte: »Frau Steiner, was sollten wir herausgefunden haben?«
»Kommen Sie nicht wegen der Vermisstenanzeige? Ich hatte sie in der Nacht aufgegeben.« Die Frau blickte unsicher von einem zum anderen.
»Nein, nicht aus diesem Grund. Aber wir haben Ihren Mann gefunden. Er wurde niedergeschlagen. Er ist … «
Die Frau sprang auf. »Ist er schwer verletzt?« Zitternd riss sie die Augen auf.
Silke trat vor sie hin. »Er ist tot, erschossen.«
Die Frau schwankte. Silke hatte es kommen sehen und stützte sie. Lauenberg war ebenfalls aufgestanden.
»Tot?«, flüsterte die Frau, als begreife sie nicht, was das bedeutete.
Sekunden später fing sie an zu weinen.
»Können wir jemand verständigen?« Lauenberg schaute sie besorgt an.
Sie schüttelte fassungslos den Kopf und beruhigte sich allmählich. »Ich rufe meine Schwester an. Sie wohnt in der Nähe.« Sie nahm ihr Handy und drückte die Kurzwahltaste. In kurzen abgehakten Worten bat sie ihre Schwester um ihr sofortiges Kommen.
»Wie ist das passiert und wann?«, fragte sie Silke verzweifelt.
»Wir wissen nichts Genaues. Ein Mann mit Hund hat ihn heute Morgen beim Spaziergang in der Nähe des alten Friedhofs gefunden. Vermutlich ist es gestern Abend gegen 23 Uhr geschehen. Die Spurensicherung muss erst alle Ergebnisse auswerten«, gab Silke Auskunft.
»Dann ist es auf dem Heimweg passiert«, schluchzte Frau Steiner.
»Gibt es noch andere Verwandten oder haben Sie Kinder?«, fragte Silke.
»Nein.«
»Wo war ihr Mann beschäftigt, Frau Steiner?«
»Bei Alfa Elektro«, stotterte sie.
»Hatte Ihr Mann Feinde?«
Sie tupfte sich die Tränen von den Wangen und schüttelte den Kopf. »Nicht das ich wüsste. Er war zu jedem freundlich und hilfsbereit. Wer sollte etwas gegen ihn gehabt haben?«
Es klingelte an der Haustür. Silke und Lauenberg erhoben sich. Frau Steiner öffnete und fiel ihrer Schwester um den Hals. Die Kommissare verabschiedeten sich, nachdem Silke der Schwester die Sachlage geschildert hatte.
»Fahren wir zuerst zu dieser Firma. Wir müssen die Firmenleitung über Steiners Tod informieren«, meinte Silke, als sie in den Wagen stiegen. »Finden Sie nicht, dass die Frau keine echte Trauer zeigt? Wirkt wie einstudiert.«
Lauenberg zuckte mit den Schultern. »Jeder Mensch reagiert anders. Fahren wir in die Firma des Toten.«
Unterwegs meinte Silke: »Sie werden mit der neuen Kollegin gut auskommen. Ich kenne sie von einem Einsatz. Sie ist umgänglich, aber wenn sie von einer Sache überzeugt ist, gibt es kein Pardon«, lachte sie.
»Wir werden sehen«, antwortete Lauenberg. Er schaute Silke kurz an und richtete seinen Blick auf die Straße, indem er dachte: Sie sieht gut aus. Halblange mittelblonde Haare, gute Figur, ebenmäßiges Gesicht. Tolle Frau!
»Haben Sie Familie oder ist Ihnen das zu persönlich?«, wollte die Kollegin wissen.
»Da gibt es nicht viel zu sagen. Ich lebe seit einem Jahr von meiner Frau getrennt.«
Silke nickte. »Macht Ihnen das zu schaffen?«
»Ich liebe sie noch immer.«
»Verstehe.«
»Und Sie?«, fragte er.
Silke hatte das Gefühl, es interessiere ihn nicht wirklich, dennoch antwortete sie: »Ich bin seit vielen Jahren geschieden und lebe seit knapp drei Jahren mit einem Kollegen vom LKA zusammen. Udo Berger. Vielleicht laufen Sie sich mal über den Weg.«
»Ich werde mir den Namen merken«, versprach Lauenberg. Als sie ins Büro zurückkamen, wartete Polizeirat Dr. Manderbach auf sie. In knappen Worten unterrichtete Lauenberg ihn über den neusten Fall.
»Haben Sie was in der Firma des Toten ermittelt?«,
fragte Dr. Manderbach.
»Nichts, was uns weiterbrächte«, antwortete der Kommissar.
»Der Chef, ein Herr Brinkmann, war noch nicht anwesend. Einige Mitarbeiter haben das Opfer als einen zuverlässigen, kompetenten Kollegen bezeichnet. Ich werde dort nochmals vorsprechen.«
Dr. Manderbach nickte. »Tun Sie das.«
Silke und Lauenberg standen auf und verabschiedeten sich.
»Ich gehe noch in die Cafeteria, mir ein Streuselstückchen holen. Mögen Sie auch eins.«
»Da sage ich nicht nein«, grinste Lauenberg. »Ach, wissen Sie was? Ich komme mit und wir trinken einen Kaffee zusammen.«
»Ich bin begeistert. Unser letzter gemeinsamer Tag«, antwortete
Silke erfreut.
Kapitel 3
Samstag, 8. April 2018
Am nächsten Morgen schaute Lauenberg ungeduldig zu Andreas Hauser und trat ans Fenster. »Was haben Sie herausgefunden?«
Hauser hob beschwichtigend die Hand. »Geduld, wir warten, bis der Chef da ist.«
Wie auf Kommando ging die Tür auf und Dr. Manderbach trat ein. »Guten Morgen. Ich habe die Unterlagen von Frau Dr. Eichhorn mitgebracht, die ich zuerst vorlese. Also: Der Tote ist mit einem Stein niedergeschlagen worden. Das erklärt die große Wunde am Kopf. Danach wurde er in die Büsche geschleift, was die Spuren an seiner Hüfte bestätigen. Auf Oberkörper, Magen und Unterleib befinden sich mehrere Hämatome, die von Schlägen und Tritten herrühren. Die Todesursache jedoch war der aufgesetzte Nahschuss. Zu diesem Zeitpunkt war das Opfer bereits bewusstlos. Der Einschuss erfolgte in der Mitte des Hinterkopfs und trat am unteren Rand des rechten Auges aus«, beendete Dr. Manderbach den Bericht. »Jetzt sind Sie dran, Hauser.«
Der Leiter der KTU räusperte sich. »Wir haben Abdrücke von Turnschuhen oder anderen Schuhen mit grobem Profil, der Größe 44, rund um den Tatort gefunden. Die Blutanalyse hat ergeben, dass es das Blut des Toten ist. Auf der Spielkarte waren keine Fingerabdrücke zu finden. Schmauchspuren am Opfer konnten wir feststellen. Es muss noch ausgewertet werden, um was für eine Schusswaffe es sich handelt. Das Projektil haben wir erst heute Morgen, tief im Erdboden, in der Nähe der Mauer, gefunden. Mehr haben wir im Moment nicht. Weitere Spuren konnten wir wegen der leichten Schneedecke nicht lokalisieren.«
»Danke, Herr Hauser, viel ist das nicht und ich hoffe, wir kommen schnellstens mit unseren Ermittlungen voran«, sagte Dr. Manderbach.
»Wie hieß die Kneipe auf dem Kassenbeleg, Herr Hauser?«, wollte Lauenberg wissen.
»Zum Römerkastell, in der Adlerstraße. Ist wenige Minuten vom Tatort entfernt!«, kam die Antwort.
»Schauen Sie bitte im PC nach, ob die geöffnet haben«, sagte Lauenberg zu Gerd, der an seiner Bürotür stand.
»Mach ich, Chef.«
Lauenberg schüttelte unmerklich den Kopf. Er mochte diese Anrede nicht.
Gerd nickte durch die Glasscheibe und hob den Daumen.
»Wollen Sie mitfahren, wir schauen uns den Laden mal an.« Lauenberg griff nach seiner Jacke.
Gerd war sofort bereit.
Schweigend fuhren sie durch die Straßen, bis Gerd sagte: »Da ist es.«
Die Tür zur Gaststätte stand offen und sie traten ein. Eine Frau, mittleren Alters und rundlicher Figur, stand hinter dem Tresen und spülte Gläser. Gäste waren keine anwesend. Lauenberg zeigte seinen Dienstausweis, nannte seinen und Gerds Namen.
»Wie kann ich Ihnen helfen?« Die Wirtin schaute sie freundlich an.
»Kalt hier«, stellte Lauenberg fest.
»Morgens muss gelüftet werden«, sagte die Frau. »Aber ich schließe die Tür.«
Lauenberg bedankte sich. »Ich gehe davon aus, dass sie die Chefin sind?«
»So ist es. Sabine Steger.«
»Frau Steger, vorgestern Abend trafen sich bei Ihnen Männer zum Kartenspiel.«
Die Wirtin nickte. »Wie an jedem Donnerstag.«
»Kennen Sie die Männer?«, fragte er.
»Das wäre zu viel gesagt. Ich kenne ihre Vornamen und ihre Gesichter. Die meisten kommen jeden Abend auf ein Bierchen, plaudern und sind eine Stunde später wieder weg. Es sei denn sie spielen Skat. Den Michael und seine Frau kenne ich länger. Hin und wieder kommen sie zum Essen, wenn ich einen Schnitzeltag habe.«
»Sie meinen Michael Steiner?« Lauenberg schaute sie fragend an.
Die Wirtin lachte. »Den ewigen Gewinner der Skatrunde. Ein sympathischer Mann.«
»Gab es am Donnerstag oder an anderen Tagen Streit untereinander?«, wollte Gerd wissen.
»Die sticheln ein wenig, wenn der Michael gewinnt. Für die Männer ist er ein heldenhafter Falschspieler. Sie meinen es nicht ernst, wollen mit Freibier getröstet werden. Das funktioniert«, erklärte die Wirtin.
»Spielt er falsch?«, fragte Lauenberg und schaute sich um. Die Kneipe war gemütlich eingerichtet und machte einen sauberen Eindruck.
»Gott bewahre, Michael ist ein hervorragender Spieler. Für ihn lege ich meine Hand ins Feuer. Ich glaube, er hatte früher erfolgreich an Turnieren teilgenommen. Er hat es nicht nötig falsch zu spielen«, sagte die Wirtin. »Sie haben mir nicht gesagt, worum es geht.«
Lauenberg räusperte sich. »Herr Steiner ist tot. Ermordet.«
»Nein!«, rief die Frau entsetzt und schlug die Hände vors Gesicht. »Das kann nicht sein. Er ist vorgestern Abend munter und vergnügt nach Hause gegangen.«
»Wann war das?«
»Kurz vor 23 Uhr.«
»Das wissen Sie so genau?«
Frau Steger nickte, mit Tränen in den Augen. »Nachdem er gegangen war, hörte ich mir die Nachrichten im Radio an.«
»Ist Ihnen irgendwas Außergewöhnliches aufgefallen?«
Die Frau schüttelte den Kopf. »Ein Mann betrat kurz zuvor das Lokal, trank eine Cola und ging wieder.«
»Kannten Sie ihn.«
»Noch nie hier gesehen.«
»Wie sah er aus?«
Die Wirtin rollte mit den Augen. »Sie können Fragen stellen. Er war jung, Mitte zwanzig, groß, schlank, hatte kurzes dunkelblondes Haar. Er hätte noch etwas vor, hörte ich ihn sagen.«
»Würden Sie ihn wieder erkennen?«
»Ich denke schon, Herr Hauptkommissar.«
»Wann hat er die Gaststätte verlassen?«, fragte Gerd.
»Das weiß ich nicht genau. Auf jeden Fall vor Michael.«
»Wann können wir mit den Männern sprechen?«
»Jeden Tag, ab 18 Uhr. Sie sind pünktlich wie die Maurer.«
»Betreiben Sie die Gaststätte alleine?«
»Als mein Mann vor zwei Jahren starb, blieb mir nichts anderes übrig. Abends habe ich für drei Stunden eine Bedienung und einen Koch in der Küche gibt es auch«, sagte sie.
»Sind die beiden ebenfalls heute Abend zu sprechen?«, fragte Lauenberg.
»Jawohl«, bestätigte die Wirtin.
»Vielen Dank, wir schauen noch mal vorbei.« Lauenberg nickte ihr freundlich zu.
»Was denken Sie?«, fragte Gerd, als sie draußen waren.
»Es ist nicht auszuschließen, dass der Fremde etwas damit zu tun hat, obwohl nicht jeder fremde Gast ein Schlitzohr sein muss. Ich hoffe, einer der Männer kann ihn näher beschreiben«, seufzte Lauenberg. Sein Handy klingelte. Es war Frau Hofer, die Sekretärin. »Was gibt’s?«
»Frau Dr. Eichhorn hat angerufen. Sie hat was entdeckt. Fahren Sie bitte auf dem Rückweg in der Rechtsmedizin vorbei.«
»Danke, Frau Hofer, machen wir. Wäre wünschenswert, wenn sie etwas gefunden hätte, was uns weiter helfen könnte«, sagte Lauenberg.
Gerd nickte.
Die Ärztin winkte ihnen zu, als sie ankamen. »Schön, dass Sie es so schnell einrichten konnten.«
»Was haben Sie entdeckt, Frau Doktor?« Lauenberg war ungeduldig. Ihm ging es nie schnell genug.
»Gemach, gemach«, sagte sie. »Kommen Sie mit.« Die Ärztin machte es spannend.
Sie betraten den Untersuchungsraum und sahen auf dem Tisch den Leichnam des Opfers liegen.
Lauenberg konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Nun raus mit der Sprache«, Frau Dr. Eichhorn.«
»Ich weiß, Geduld ist nicht Ihre Stärke, das habe ich in der kurzen Zeit schon mitbekommen«. Sie trat an den Tisch und nahm die rechte Hand des Toten. »Schauen Sie hier. In der Innenfläche ist ein kleiner Schatten zu sehen, dem ich anfangs keine Bedeutung beigemessen hatte. Doch bei genauerer Untersuchung stellte ich fest, dass es ein winziger Blutstropfen war.«
»Und?« Lauenberg schaute sie erwartungsvoll an.
»Es ist nicht sein Blut, stimmt’s?«, mischte sich Gerd ein.
»Treffer. Es könnte somit das Blut des Täters sein.« Die Ärztin lächelte.
»Ein wertvoller Hinweis den Täter zu überführen. Wir müssen ihn nur finden. Wir lassen es mal durch die Datenbank laufen.«
»Hatte ich bereits veranlasst. Leider kein Ergebnis«, sagte sie.
»Danke, Frau Doktor.« Lauenberg reichte ihr die Hand.
Im Flur, auf dem Weg in ihr Büro, kam ihnen Dr. Manderbach entgegen.
»Frau Dr. Eichhorn hat noch was entdeckt. Fremdes Blut in der Handinnenfläche des Toten«, begann Lauenberg das Gespräch. »Anhand dieser DNA können wir den Täter entlarven. Bedauerlicherweise ist in der Datenbank nichts gelistet.«
»Das ist schade«, gab Dr. Manderbach zu. »Gibt es Verdächtige?«
Lauenberg nickte. »Ein junger Mann, der sich in der Gaststätte kurzzeitig aufgehalten hat. Keiner kannte ihn. Ich werde heute Abend die Männer befragen, ob jemand den Mann beschreiben kann, in der Hoffnung, es lässt sich ein Phantombild erstellen. Außerdem entnehme ich den Männern eine Speichelprobe.«
»Gute Idee, damit wären wir einen Schritt weiter.« Dr. Manderbach verabschiedete sich.
»Mittagspause. Ich gehe in die Kantine«, sagte Lauenberg.
»Wer kommt mit?«
»Ich gerne.« Gerd war bereit.
»Und Sie, Frau Hofer?«
»Danke, nett von Ihnen, aber ich treffe mich mit meiner Freundin.«
Gerd und Lauenberg verließen grinsend das Büro. Auf dem Weg zur Kantine sagte Gerd: »Das sah nicht nach zufälligem Mord aus. Der war geplant. Was könnte der Grund sein?«
»Möglich, dass der Tote doch falsch spielte und einer darüber sehr wütend geworden war. Ich fahre heute Abend auf dem Heimweg noch mal in der Kneipe vorbei, um die Männer zu befragen. Wenn die was wissen, finde ich das heraus. Für ein Freibier tun die fast alles«, meinte Lauenberg.
»Einen Versuch ist es wert«, pflichtete Gerd bei.
Gegen 18 Uhr traf Lauenberg in der Gaststätte ein. Er hatte Glück. Die Männer vom Donnerstagabend waren anwesend. Der alte Hans saß mit wachen Augen am Tresen. Zu den Spielern gehörte er nicht. Lauenberg stellte sich vor. Hans wirkte betroffen und wurde gesprächig. Mit erstaunlicher Präzession konnte er den Fremden beschreiben. Paul, ein Mitspieler, versicherte, sich ebenfalls an das Gesicht des Mannes zu erinnern. Lauenberg bat sie, am Montag aufs Präsidium zu kommen, um ein Phantombild zu erstellen. Er hoffte, dass sie den entscheidenden Hinweis geben konnten. Die anderen zwei Männer waren inzwischen eingetroffen. Er spendierte jedem ein Bier und alle waren sofort mit der Speichelprobe einverstanden, die Lauenberg gleich vor Ort entnahm. »Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen, was uns weiterhelfen könnte?«, fragte er die Anwesenden. »Wie lief denn der Abend ab? Gab es Streit?«
»Streit gab es nie. Es war wie immer. Michael Steiner gewann jedes Spiel«, berichtete Paul. »Das ist leider jetzt vorbei. Wir haben die Hoffnung nie aufgegeben, das erhöhte die Spannung.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Er wird uns fehlen«, sagte er und berichtete weiter: »Ein Fremder kam herein und trank eine Cola. Bevor er das Lokal verließ, versprach er, bei nächster Gelegenheit, auf ein Spiel, vorbeizukommen. Michael Steiner hatte ihm die Hand gereicht und ihm versichert, dass er sich freue. Minuten später, nachdem der Mann gegangen war, verabschiedete sich auch Steiner. Da kommen einem doch keine Gedanken, dass der Fremde ein Mörder sein könnte«, sagte er.
»Schon gut. Wir wissen nicht, ob er der Täter ist. Aber wir müssen ihn überprüfen. Wenn Ihnen noch was einfällt, geben Sie bitte Bescheid.«
Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat herein.
»Das ist Frau Vogt, meine Bedienung«, sagte die Wirtin zu Lauenberg.
Sie konnte mit ihren Auskünften nicht weiterhelfen, da sie an jenem Abend, bereits um 21 Uhr nach Hause gegangen war. Auch der Koch hatte von nichts eine Ahnung. »Ich bin in der Küche und bekomme vom Gastraum nicht viel mit«, sagte er.
Lauenberg bedankte sich, legte seine Visitenkarte auf den Tresen, und begab sich auf den Weg nach Hause.
Dass er den Abend alleine verbringen musste, störte ihn weniger. Mit der Psychotherapeutin, Lena von Feldern, war er seit drei Monaten befreundet. Es war eine lockere Beziehung. Er wollte abwarten und nichts übereilen. Mit ihr konnte er über seine Arbeit reden; sie war verschwiegen wie ein Grab. Einzelne Details gab er nicht preis und sie akzeptierte das, sowie er ihre Arbeit. Sie wollten sich heute treffen, doch Lena hatte wegen eines Termins abgesagt. Er dachte an seine Frau; er vermisste sie. Sie hatte ihn verlassen, wegen seiner Arbeit. Zu gefährlich, nie pünktlich zu Hause und wenn, war er müde. Das hielt sie nicht aus. Er konnte sie verstehen.
Der Stadtverkehr war zähflüssig. Er war froh, als er endlich in die Garage fuhr. Seufzend murmelte er: »Wie schön, dass morgen Sonntag ist, und ich meinen ersten freien Tag habe.« Gerd konnte ihn jederzeit verständigen. Später rief er Lena an und plauderte eine Weile mit ihr.
Kapitel 4
Montag 10. April 2018
Am Montagmorgen brachte Lauenberg die Speichelproben eigenhändig ins Labor. Kurz darauf trafen Paul und der alte Hans ein. Auch die Wirtin war mitgekommen, da die beiden Männer nicht motorisiert waren. Anfangs konnten sie sich nicht über das Aussehen des Fremden einigen. Paul meinte, er hätte dunkle Haare, Hans versicherte, sie seien dunkelblond gewesen. Die Wirtin plädierte ebenfalls für dunkelblond. So ging das eine Weile, bis Lauenberg ärgerlich wurde. »Ich bitte Sie, meine Herrschaften, entweder Sie haben den Mann gesehen und können ihn beschreiben oder nicht.«
Endlich war eine Zeichnung erstellt; die Zeugen nickten zufrieden.
»Vielen Dank, Sie können gehen.« Lauenberg fand das Phantombild gelungen und bat Gerd, es an die Presse weiterzuleiten mit einem kleinen Text, den der Chef verfasst hatte.
Es klopfte. Dr. Manderbach trat mit einer jungen hübschen Frau ein. »Darf ich Ihnen Kommissarin, Ellen Kraft vorstellen?«
Lauenberg trat neugierig näher. »Freut mich, guten Einstieg. Kollegin Schneider hat Sie bereits angekündigt. Ich bin selbst erst seit gut einer Woche hier tätig.«
»Sie sind Hauptkommissar Lauenberg, nehme ich an?«
»So ist es und das ist ihr Schreibtisch. Frau Schneider, hat ihn für sie bestens aufgeräumt.«
Sie nickte und blickte auf die Phantomzeichnung. »Alle Achtung, die ist aber gelungen.«
»Das finde ich auch«, entgegnete Lauenberg. »Das ist Gerd Schröder, Kriminalassistent und Computer-Experte«, stellte er ihn vor, »er kann der Witwe einen Besuch abstatten und ihr die Zeichnung zeigen. Vielleicht kennt sie den Mann. Ich werde Sie derweil über den Fall und die bisherigen Ergebnisse instruieren.«
»Gute Idee«, stimmte Ellen Kraft zu. »Darf ich den Grund erfahren, warum die Kollegin Schneider Sonderurlaub macht?«
Lauenberg schaute sie nachdenklich an. Er wusste nicht, was er sagen sollte und entschied sich für die Wahrheit. »Ihre Tochter büffelt für die Abi-Prüfung und Frau Schneider, die alleinerziehend ist, steht ihr bei. Sie kommt bald zurück.«
»Aha«, war alles, was Ellen Kraft dazu erwiderte.
Lauenberg gefiel die Antwort nicht.
Das Telefon klingelte. Es war Andreas Hauser. »Die entnommenen Speichelproben sind in der Datei nicht gelistet und keine von ihnen sind mit diesem Bluttropfen identisch. Auch auf der Kleidung des Toten wurde nichts dergleichen gefunden. Das wollte ich nur sagen.«
»Danke, Herr Hauser, das habe ich auch nicht anders erwartet. Umso mehr Leute wir ausschließen können umso besser.«
»Was können wir tun?« Ellen Kraft schaute fragend.
»Wir warten auf Gerd. Mal sehen, was die Witwe zu dem Phantombild gesagt hat. Trinken wir derweil einen Kaffee.«
Als Gerd nach einer Stunde zurückkam, schauten sie ihm neugierig entgegen.
Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, sie kennt den Mann nicht. Wenn Sie mich fragen, sie sagt bei allem, was man fragt: Weiß ich nicht, kenne ich nicht. Irgendwie merkwürdig.«
»Danke, das ist mir auch aufgefallen«, stimmte ihm Lauenberg zu. »Kann sich alles noch ändern.«
»Wie gehen wir vor?«, fragte Gerd.
Lauenberg grinste. »Strategisch.«
Kapitel 5
Dienstag, 11. April 2018
Nadine, die sich abends in die blonde Lola verwandelte, saß in der Mensa und nahm eine kleine Mahlzeit zu sich. Das Phantombild auf der Titelseite einer Zeitung, die auf dem Nebentisch lag, erregte ihr Interesse. Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Sie las die Überschrift: Wer kennt diesen Mann? Nadine brauchte nicht lange zu überlegen. Es handelte sich um einen ihrer Kunden. Ein liebenswerter Typ, der sich Tobias nannte. Hastig griff sie nach dem Tagesblatt und studierte den Bericht. »Das glaube ich nicht«, murmelte sie vor sich hin. Für Minuten saß sie still und rief sich die Begegnung mit ihm ins Gedächtnis. Dieser Mann wird zu einer Befragung gesucht, die zur Klärung eines Verbrechens dient. Nadine zögerte eine Weile, besann sich dann ihrer Pflicht. Sie nahm das Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Polizei, die unter dem Artikel stand.
Gerd war am Apparat. Als sie behauptete den Gesuchten zu kennen, bat er sie im Präsidium vorzusprechen.
»Ich mach mich gleich auf den Weg, es sind nur ein paar Minuten«, versprach Nadine.
Es regnete in Strömen und ein kalter Wind fegte über die Straßen, als sie die Uni verließ und zu ihrem Mini Cooper eilte, der auf dem Parkplatz stand. Sie schüttelte den Kopf, war betroffen und hoffte, dass Tobias nichts damit zu tun hatte. Nadine gestand sich ein, dass sie in ihn verliebt war. Sein Feingefühl und das private Interesse an ihr empfand sie als angenehm. Der Gedanke, den Beamten zu gestehen, dass sie nebenberuflich als Prostituierte arbeitete, gefiel ihr nicht.
Sie bog in den Konrad-Adenauer-Ring ein und stand kurz darauf vor dem Präsidium. Sie fuhr auf das Gelände und fand in der Nähe des Eingangs einen freien Parkplatz. Mit ihrem Schirm bewaffnet, rannte sie in das Gebäude. 2. Stock, dritte Tür links, neben dem Aufzug, hatte der Mann am Telefon gesagt. Nadine hatte feuchte Hände, als sie klopfte. Eine weibliche Stimme rief »herein«, das beruhigte sie.
Ellen Kraft stand auf, als die Frau das Büro betrat, nannte ihren Namen und reichte ihr die Hand.
»Guten Tag, Nadine Schäfermann. Ich hatte angerufen, wegen des Phantombildes in der Zeitung.«
»Mein Kollege hat mich informiert. Schön, dass Sie gekommen sind. Nehmen Sie Platz.« Ellen deutete auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. »Erzählen Sie mir, was Sie wissen«, forderte sie die junge Frau auf.
»Ich tue das, wegen Tobias, dem ich kein Verbrechen zutraue.«
»Sie meinen, aus der Zeichnung erkennen Sie einen Bekannten von Ihnen?«
Nadine nickte. »Ich meine es nicht, ich weiß es. Sein Nachname ist mir nicht bekannt.«
»Woher kennen Sie den Mann?« Ellen schaute sie abwartend an.
»Es ist mir peinlich, darüber zu sprechen. Ich bin froh, dass ich das nicht vor einem Beamten beichten muss.«
»Sie können offen sprechen. Es hört uns niemand zu«, sagte Ellen beruhigend.
Die Frau holte tief Luft. »Ich arbeite neben meinem Studium in einem Bordell.« Nadine blickte Ellen an, die jedoch keinerlei Reaktion zeigte.
»Erzählen Sie der Reihe nach.«
»Sie dürfen sich darüber wundern, Frau Kommissarin«, sagte Nadine und erzählte, wie sie zu diesem Gewerbe gekommen war.
»Das ist nicht relevant und ganz alleine Ihre Sache«, meinte Ellen. »Sie handelten aus einer Not heraus. Sie sagten, dieser Tobias war zweimal bei Ihnen. Um wie viel Uhr war er am Donnerstag zu Ihnen gekommen?«
»Auf die Uhr habe ich nicht geschaut. Es muss gegen 23 Uhr gewesen sein. Ich gehe um diese Zeit nach Hause.«
»Warum haben Sie ihn nicht weggeschickt?«
Nadine schüttelte den Kopf. »Nicht ihn. Er war liebenswürdig und aufmerksam, wie kein anderer.«
»Es hilft uns nicht viel weiter, wenn Sie seinen Nachnamen nicht kennen«, sagte Ellen. »Gab es irgendetwas Auffälliges an ihm?«
»Nicht, dass ich wüsste. Er hatte geschäftlich in Wiesbaden zu tun und wollte danach zurück nach Köln fahren. Ich habe ihm meine Handynummer gegeben, in der Hoffnung, dass er sich mal meldet.«
»Er wohnt in Köln?«
Nadine nickte. »Er hat jedoch vor, nach Taunusstein umzuziehen.«
Ellen machte sich Notizen. »Danke, für Ihre Auskunft. Vielleicht hilft uns sein Vorname weiter. Falls nötig, kommen wir auf Sie zurück. Sollte er sich bei Ihnen melden, rufen Sie uns bitte an.«
»Wird er verdächtigt?«, fragte Nadine.
»Das können wir vor der Befragung nicht sagen.«
Nadine nickte, stand auf und verabschiedete sich. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Da fällt mir etwas ein. Vor dem Eingang des Etablissements gibt es eine Kamera. Wenn sie in Betrieb war, müsste er darauf zu erkennen sein.«
»Das ist ein Hinweis, dem wir nachgehen werden. Vielen Dank«, sagte die Kommissarin.
Lauenberg betrat das Büro, als Nadine herauskam. »War das die Zeugin, die sich gemeldet hatte?«
Ellen grinste. »Nadine Schäfermann, Prostituierte. Ich hoffe, die ist glaubwürdig.«
Lauenberg schaute ärgerlich. »Warum sollte sie es nicht sein? Im Bordell arbeiten Frauen und keine schlechten Menschen«, konterte er.
»Ich gebe mich geschlagen. Also: »Sie studiert Jura. Um sich nach dem Tod ihrer Mutter über Wasser zu halten, hat sie die Tätigkeit im Bordell angenommen, als Teilzeitjob.«
»Das hört sich doch nicht schlecht an«, sagte Lauenberg.
Ellen lachte. »Sie hat den Mann, der am Donnertagabend bei ihr war, als den, auf dem Phantombild erkannt. Am Hauseingang sei eine Kamera installiert. Die sollten wir uns ansehen.«
»Packen wir’s an. Gerd«, rief er durch die Glastür, »Frau Kraft und ich fahren in ›Die rote Meile‹ nach Biebrich.«
»In den Puff? Was wollen Sie da?« Gerd kam zu ihnen herüber.
»Wir überprüfen eine Zeugenaussage«, antwortete Ellen.
Lauenberg schüttelte den Kopf. »Sagen Sie nicht Puff, das hört sich anmaßend an.«
Gerd zuckte mit den Schultern und setzte sich zurück an seinen Schreibtisch. Lauenberg schaute Ellen an und beide grinsten.
»Er sagt, wie es ihm in den Sinn kommt. Eine ehrliche Haut«, sagte Ellen.
»Ganz Ihrer Meinung, Kollegin.«
Sie fuhren in die Mainzer Straße nach Biebrich und parkten vor dem Tor. Das Etablissement war umzäunt. Alles schien ruhig.
»Da ist die Kamera«, sagte Ellen und deutete zur Wand über der Eingangstür.
»Schauen wir, ob der Boss anwesend ist.« Lauenberg hielt der Kollegin galant die Tür auf. »Darf ich bitten.«
Ellen verzog das Gesicht.
Junge Frauen, spärlich bekleidet, saßen an der Bar und unterhielten sich. Erstaunt blickten sie auf.
Lauenberg zeigte seinen Ausweis. »Wir möchten mit dem Chef oder der Chefin sprechen.«
Hinter einem Vorhang schlüpfte eine Frau älteren Jahrgangs heraus und säuselte: »Was kann ich für Sie tun?«
»Es geht um die Videoüberwachung vor dem Haus. Wir benötigen die Aufnahmen vom Donnerstag, zwischen 22 und 23.30 Uhr«, sagte Lauenberg.
»Der Chef ist nicht da. Keine Ahnung, wo sich die Aufzeichnungen befinden. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen,
bin für die Mädels zuständig und nicht für die Technik«, entgegnete sie aufgebracht.
»Wenn Ihnen eine Hausdurchsuchung lieber ist, kann ich das gerne veranlassen.« Lauenberg zeigte seine Beamtenseite. Er wusste, das funktionierte.
»In Ordnung, ich schaue im Büro nach. Scheiß Bulle«, murmelte sie vor sich hin.
Lauenberg tat, als hätte er es nicht gehört. Die Frauen kicherten.
»Ich brauche frische Luft«, flüsterte Ellen ihm zu.
»Die bekommen Sie gleich«, sagte er leise.
Die Frau kam und reichte ihm das Band. »Bringen Sie es mir zurück. Ich kann keinen Ärger gebrauchen.«
»Danke, wir ziehen eine Kopie, dann bekommen Sie es wieder«, sagte Lauenberg.
Draußen atmete Ellen tief durch und sagte: »Hoffentlich werden wir fündig. Wir brauchen dringend einen Hinweis, um die Ermittlungen voranzutreiben.« Sie zog eine Zigarette aus der Packung und zündete sie rasch an.
Die Kollegin ereifert sich ganz schön, an ihrem ersten Arbeitstag, dachte Lauenberg, und rauchen tut sie auch noch. Langsam gingen sie zum Wagen. Nach einigen Zügen trat Ellen die Zigarette aus und stieg ein. Sie nahm ihren Lippenstift und schminkte sich ihre Lippen. Auf dem Präsidium brachten sie das Band in die KTU.
»Bitte, Herr Hauser, es ist dringend«, sagte Lauenberg.
»Schauen Sie, was Sie vom Donnerstag ab 22.30 Uhr bis Mitternacht und danach finden.«
»Ich bemühe mich und melde mich dann.«
»Wir sollten die Ehefrau des Toten noch einmal befragen«, schlug Lauenberg vor. Viel hat sie uns über ihren Mann nicht erzählt. Sein Tod muss mit seiner Spielerei zusammenhängen. Was meinen Sie, Frau Kraft?«
»Das weiß ich nicht. Fahren wir zu seiner Witwe und finden es heraus«, sagte sie. »Aber zuvor trinken wir noch einen Kaffee.«
»Sie haben vielleicht ein Tempo drauf«, murmelte Lauenberg.
»Ich habe es gehört«, meinte sie spitzfindig.
»Das hatte ich gehofft.« Lauenberg grinste.
Sie befanden sich im Aufbruch, als Andreas Hauser hereinkam. »Ich muss euch enttäuschen. Für ein Alibi reicht das nicht. Schaut euch das mal an. Ich habe es auf euren PC gezogen.«
»Gibt es nichts zu sehen?«, fragte Ellen.
»Nichts, was ihr sehen wolltet. Hier bitte«, sagte Andreas.
»Um 22 Uhr schaltet die Kamera aus. Minuten später wieder an und wieder aus. Scheint einen Defekt zu haben. Um fünf Minuten vor Mitternacht schaltet sie wieder ein und ein Mann kommt heraus. Das ist der vom Phantombild. Um 00.10 Uhr schaltet die Kamera endgültig ab. Wir sehen zwar, wann der Mann herauskommt, aber nicht, wann er hineingeht. Das ist kein Alibi.«
»Mist.« Lauenberg war unzufrieden. »Mal sehen, was wir von Frau Steiner erfahren.«
»Nehmen wir sie mal genauer unter die Lupe«, meinte Ellen. »Wir wissen nicht viel von ihr.«
Lauenberg zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie das sagen.«
Frau Steiner bekam große Augen, als sie die Tür öffnete. »Ach, Sie sind das. Haben Sie den Täter gefunden?«
»Wenn das so schnell ginge, wären wir wahre Helden«, entgegnete Lauenberg. »Dürfen wir einen Moment hereinkommen? Das ist meine Kollegin, Frau Kraft.«
»Bitte!« Die Frau machte eine einladende Handbewegung und trat zur Seite.
Ellen schaute befremdlich und sagte, nachdem sie im Wohnzimmer Platz genommen hatten: »Frau Steiner, wir müssten etwas mehr über ihren Mann erfahren. Hatten Sie gemeinsame Freunde, die zu Besuch kamen? Freunde, die Sie seit vielen Jahren kannten? Arbeitskollegen oder was auch immer? Diese Informationen sind wichtig, um uns ein Bild der Situation machen zu können.«
Frau Steiner überlegte. »Wir haben hier kaum Freundschaften geknüpft. Manchmal, so alle zwei Monate, kamen Herr Gilde, ein Kollege aus der Vertriebsleitung, und seine Frau zum Essen. Er spielt auch gerne Skat und seine Frau betreibt ein Nagelstudio. Nette unauffällige Leute.«
»Und früher, als Sie Ihren Mann kennengelernt hatten. Gab es da keine Freundschaften?« Lauenberg seufzte. »Lassen Sie sich doch nicht jeden Satz aus der Nase ziehen, Frau Steiner.«
Die Frau schaute ihn betreten an. »Ich weiß nicht viel von früher. Mein Mann hatte mehrere Freunde. An deren Namen ich mich nicht erinnern kann; es ist über zwanzig Jahre her. Einer von ihnen verstarb kurz nach unserer Heirat. Soll Selbstmord begangen haben, sagte mein Mann. Angeblich wegen eines Krebsleiden. Er erwähnte allerdings auch, dass der Mann Spielschulden hatte. Sie haben oft zusammen Karten gespielt und haben gemeinsam an Turnieren teilgenommen. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, bei unserer Hochzeit. Er war ein Hektiker. Das gefiel mir nicht. Kurz danach sind wir hierhergezogen.«
»Wissen Sie mehr über die Familie des Freundes?«, fragte Lauenberg.
Frau Steiner schüttelte den Kopf. »Er war verheiratet. Seine Frau kannte ich nicht.«
»Hatte er Kinder?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»War die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Mann immer so rar?« Lauenberg konnte sich nicht zurückhalten. Diese Frage brannte ihm auf der Zunge.
Frau Steiner stand ruckartig auf. »Nun reicht es, Herr Hauptkommissar. Ich habe alles gesagt, was ich weiß.«
»Das ist in Ordnung«, ergriff Ellen das Wort. »Wenn wir näheres wissen, bekommen Sie Bescheid.« Sie schaute Lauenberg warnend an und hoffte, dass er keinen Kommentar dazu ablieferte.
Sie verabschiedeten sich.
»Warum setzen Sie die Frau unter Druck, da sagt sie kein Wort mehr«, schimpfte Ellen, als sie im Wagen saßen. Sie klappte den Spiegel herunter und schminkte sich die Lippen.
Lauenberg grinste. »Die Frau ist nervig und viel Unterhaltung mit Ihrem Mann scheint es nicht gegeben zu haben. Oder sie hält bewusst etwas zurück.«
»Möglich«, antwortete Ellen. »Wir fahren noch mal in die Firma des Toten. Wir sollten mit dem Chef sprechen und mit diesem Herrn Gilde.«
Lauenberg war einverstanden. »Bei Ihrem Eifer finden wir sicher etwas«, brachte er lächelnd hervor.
»Ich möchte meine Sache gutmachen.«
»Wie kommen Sie von der Vermisstenstelle zur Mordkommission, Frau Kraft?«
»Ich brauchte eine neue Herausforderung und es ist auch nur vorübergehend, bis Frau Schneider zurückkommt. Und Sie?«
»Ich war auch zuvor bei der Mordkommission, in Frankfurt/Main. Ich wohne hier in Wiesbaden und hatte das Glück, die freie Stelle zu bekommen. Der Weg war mir auf Dauer zu weit.«
»Aha«, sagte sie.
Das sagt sie ziemlich oft und gerne, dachte Lauenberg. Scheint eines ihrer Lieblingswörter zu sein.
Sie bogen in Biebrich ins Industriegebiet ab und parkten den Wagen auf dem Parkstreifen vor dem Bürogebäude der Firma Alfa Elektro. Sie gingen durch die Glastür und wandten sich an die Dame, die links in einer Büronische saß.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie.
Lauenberg zeigte seinen Ausweis. »Wir möchten mit dem Geschäftsführer sprechen. Es geht um einen ehemaligen Mitarbeiter.«
Sie nickte. »Erster Stock, dritte Tür links. Ich melde Sie an.«
Lauenberg und seine Kollegin gingen über die Treppe hinauf und blickten in einen längeren Gang. Eine der Türen öffnete sich. Ein Mann trat heraus. In sekundenschnelle scannte ihn Lauenberg ab. Gepflegtes Erscheinungsbild, etwa 50 Jahre alt, sicheres Auftreten.
»Kommen Sie bitte hier herein. Mein Name ist Brinkmann, Boris Brinkmann. Ich bin der Geschäftsführer. Nehmen Sie Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Wasser, Kaffee, Tee?«
»Kaffee wäre nicht schlecht«, sagte Lauenberg.
Ellen lächelte und sagte: »Gerne.«
Brinkmann drückte auf den Knopf der Sprechanlage und bat seine Sekretärin um drei Kaffee. »Was kann ich für Sie tun? Ich weiß, es geht um Herrn Steiner. Eine schreckliche Sache. Wir leben in einer gefährlichen Welt. Er war ein wertvoller Mitarbeiter«, bekundete er.
»Was hatte Herr Steiner für eine Position inne?«, fragte Ellen.
»Bereichsleiter Vertrieb. Ein guter Mann, der seine Arbeit ernst nahm und fachmännisch qualitativ erledigte«, betonte Brinkmann.
»Es gab also keine Vorkommnisse oder Schwierigkeiten mit Herrn Steiner?«, fragte Lauenberg während die Sekretärin den Kaffee brachte. Er bemerkte, dass sie kurz aufschaute, als der Name Steiner fiel.
»Danke, Frau Albrecht«, sagte Brinkmann und wendete sich Lauenberg zu. »Mir ist nie etwas zu Ohren gekommen. Sollte es unter den Mitarbeitern Unstimmigkeiten gegeben haben, so wurde das geschickt untereinander geregelt. Herr Steiner hatte mein vollstes Vertrauen.«
»Er soll mit einem Herrn Gilde befreundet gewesen sein. Können wir den Mann sprechen?«
»Ich weiß davon zwar nichts, aber wenn Sie das sagen. Er ist ebenfalls für den Vertrieb zuständig, wie auch Herr Steiner es war. Haben Sie noch Fragen an mich?« Er schien in Eile.
»Vielen Dank, vorerst nicht«, entgegnete Lauenberg.
»Ich gebe Herrn Gilde Bescheid.« Brinkmann hob den Hörer. »Den Gang vor, gleich die erste Tür.«
»Danke«, sagte Lauenberg und verließ mit Ellen das Chefzimmer.
Ellen klopfte an.
»Kommen Sie herein!«, rief er von drinnen. Er erhob sich, als sie eintraten. »Guten Tag. Sie sind von der Mordkommission und wollten mich sprechen? Nehmen Sie Platz.«
Ellen ergriff das Wort. »Nur ein paar Fragen, Herr Gilde. Frau Steiner erwähnte, dass zwischen Ihnen und ihrem Mann eine Freundschaft bestand. Wie gut kannten Sie Herrn Steiner tatsächlich?«
»Was heißt ›tatsächlich‹? Wir kannten uns, verstanden uns gut. Redeten über Gott und die Welt. Es war eher eine kollegiale Freundschaft. Wir spielten hin und wieder Skat oder trafen uns mit unseren Frauen bei ihm oder bei uns. Meistens jedoch auswärts.«
»Über persönliche Dinge wurde nicht gesprochen?«
»Nein.«
Ellen spürte sofort, dass Stefan Gilde, nicht näher darauf eingehen wollte. »Wie standen die Frauen zueinander?«
Gilde zögerte. »Nun, Frau Steiner ging gelegentlich zu meiner Frau ins Studio und ließ sich die Nägel modellieren. Privat trafen sie sich eher selten. Worüber die Damen redeten, ist mir nicht bekannt.«
»Sie hegten nicht den geringsten Verdacht, wer nicht gut auf Herrn Steiner zu sprechen gewesen sein könnte?«
»Bedaure, er kam mit jedem gut zurecht.«
»Vielen Dank, Herr Gilde«, sagte Lauenberg. »Sollten wir noch Fragen haben, melden wir uns.«
Ellen und Lauenberg standen auf und reichten dem Mann verabschiedend die Hand.
»Haben Sie bemerkt, wie feucht seine Hand war?«
Lauenberg nickte. »Entweder er war aufgeregt, weil wir Polizisten sind oder er hat was zu verbergen.«
»Wenn Letzteres zutrifft, werden wir es herausfinden«, meinte Ellen.
Im Büro angekommen, ging Ellen zu Gerd. »Forschen Sie mal in Ihrem PC. Wir brauchen nähere Angaben über Stefan Gilde. Ich habe in seiner Nähe ein komisches Gefühl.« Sie legte ihm einen Zettel mit Gildes persönlichen Daten auf den Schreibtisch.
»Wird erledigt«, sagte Gerd.
»Ich brauche einen Kaffee«, seufzte sie und setzte die Maschine in Gang. »Wer möchte noch?«
Lauenberg und Gerd hoben gleichzeitig die Hand.
»Jawohl, meine Herren, kommt sofort. Ehrlich gesagt, bin ich zum Scherzen gar nicht aufgelegt.« Nachdem der Kaffee durchgelaufen war, goss Ellen drei Kaffeebecher voll, brachte eine Tasse zu Gerd und die andere zu Lauenberg an den Schreibtisch. »Ausnahmsweise!«
Die Männer bedanken sich.
»Ich habe was über Gilde gefunden. Ob das interessant ist, weiß ich nicht«, betonte Gerd.
Ellen lehnte sich ans Fenster und sagte: »Lassen Sie hören.«
»Stefan Gilde war von 1985 bis 1990 bei der Bundeswehr. 2006 hat er im Schützenverein die Meisterschaft im Pistolenschießen errungen.«
»Aha«, sagte Ellen.
Lauenberg stand auf. »Für ihn war es also kein Problem an Waffen zu kommen oder eine zu besitzen. Was war das für eine Waffe, mit der unser Opfer erschossen wurde? Wissen wir das inzwischen.«
»Moment, ich habe die Akte hier liegen.« Ellen blätterte und fand schnell, was sie suchte. »Eine G 17 – Kaliber 9 mm Luger. Gilde muss deshalb nicht automatisch der Mörder sein, aber das sollten wir überprüfen«, sagte sie und schaute erst Lauenberg, dann Gerd an. »Ich werde noch einmal mit Frau Steiner sprechen, die ist mir zu glatt. Was meinen Sie?«
Lauenberg nickte. »In Ordnung, aber heute nicht mehr.«
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