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Richard Stiegler
Zwischen Zeit und Ewigkeit
Eine Entdeckungsreise durch die drei Ebenen des menschlichen Bewusstseins

© 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2021
Lektorat: Thomas Böhmer
Titelfoto: ©pixel2013/S. Hermann & F. Richter
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-370-9

Wichtiger Hinweis
Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von der Autorin sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall eine Ärztin, Psychotherapeutin, Psychologin oder Heilpraktikerin Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autorin oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Im Bemühen um einen Beitrag zu achtsamer Gendergerechtigkeit wechseln generisches Maskulinum und generisches Femininum im folgenden Text ab, stets beginnend mit dem Femininum. Ist dies sprachlich nicht möglich oder inhaltlich nicht präzise, werden auch bloßes Femininum, Alternativauszeichnungen oder ein Binnen-I verwendet. Ist nicht inhaltlich explizit auf eine Geschlechtsidentität hingewiesen, stehen beide Formen stets für Personen beliebiger, im jeweiligen Kontext irrelevanter Geschlechtsidentität.
Die Seele ist geschaffen an einem Ort
zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit,
in die beide sie hineinragt.
Mit ihren höchsten Kräften
rührt sie an die Ewigkeit,
aber mit ihren untersten Kräften
berührt sie die Zeitlichkeit.
Meister Eckhart
Inhalt
Einleitung
Fragen über Fragen
Eine Entdeckungsreise
Kapitel 1
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Bewusstseinszustände und ihre Wirkung
Viele Rollen und die Frage nach der Identität
Wie die Dinge lebendig werden
Mit den Augen einer Libelle schauen
Nur eine Welt?
Die Schlüsselrolle des Bewusstseins
Kapitel 2
Die äußere Wirklichkeit – die Alltagsrealität
Eine Welt der Abstraktion
Wie wir eine äußere Wirklichkeit erschaffen
Die Fähigkeit der Zusammenarbeit
Wie die Alltagsrealität uns begrenzt
Ein kurzer Ausflug ins Gehirn
Ich und die Ich-Identität
Wo kommen unsere Ängste her?
Kapitel 3
Im Reich der Seele – die Seelische Realität
Der Fluss in uns
Eine innere Perspektive
Subjektivität und die Falle der Generalisierung
Erfüllung und das Verstehen
Das Wesen des Mangels
Was wir suchen, ist in uns
Die Tiefendimension der Seele
Motivation und Gestaltkraft
Eine fließende Identität
Ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Das Mysterium des Lebens
Kapitel 4
Am Grund aller Dinge – die Absolute Realität
Das Unermessliche
Phasen der Offenbarung
Die Ohnmacht im gegenwärtigen Moment
Wer wir sind
Nach innen fallen
Das Gewahrsein – eine eigene Welt
Losgelöst und frei
Unberührt und zeitlos
Einverstanden und heil
Empfangend und schöpferisch
Verbunden und allesdurchdringend
Demütig und dankbar
Kapitel 5
Vom Entstehen der Bewusstseinswelten
Die Verzahnung von individueller und kollektiver Entwicklung
Leben in der Einheit
Die Vertreibung aus dem Paradies
Wie die Welt entsteht
Sich in der Welt zurechtfinden
Wie wir zwei Welten erschaffen
Vom Funktionalen Ich zur Ich-Identität
Das Ich – ein Chamäleon
Innere Stabilität und Ich-Struktur
Primärerfahrungen der seelischen Entwicklung
Das erste und wichtigste Sinnesorgan
Das Hören als Tor zur Seele
Bewegung und Selbstausdruck
Natur als Seelenraum
Magische Phase und emotionale Kompetenz
Zusammenfassung und wie es weitergeht
Kapitel 6
Das Zusammenspiel der Ebenen
Das individuelle Bewusstsein
Eine dialogische Grundhaltung einnehmen
Wie wir uns auf Realitätsebenen fixieren
Das Anerkennen der Ebenen
Die Realitätsebenen im Tagesablauf
Projekte gestalten
Die Bedeutung des Absoluten für Projekte
Wenn wir krank werden
Der Ort, an dem wir heil sind
Es gibt nur ein Bewusstsein
Wie sich die Realitätsebenen durchwirken
Kapitel 7
Missverständnisse und Verwechslungen
Die Bedeutung von Gesetzmäßigkeiten
Das falsche Werkzeug benutzen
Kann der Glaube Berge versetzen?
Über das Missverständnis der Magie
Vom Wesen des Wunders
Sich in der Innenwelt verlieren
Ängste bei veränderten Bewusstseinszuständen
Gibt es Engel?
Als Jesus übers Wasser ging
Warum Gespräche manchmal so unbefriedigend sind
Zwischen Relativität und Fundamentalismus
Der Verlust der Bodenhaftung
Kapitel 8
Ein neuer Blick aufs Leben
Wachstum und Bildung
Sicherheit und Vertrauen
Wert und Vollkommenheit
Wissen und Weisheit
Freiheit
Verbundenheit und Liebe
Wer sind wir?
Zwischen Zeit und Ewigkeit
Anhang
Zitatquellen
Dank
Begriffsklärungen
Ergänzende und weiterführende Literatur
Zum Autor
Einleitung
Können wir Menschen wie Vögel fliegen? Ganz klar, natürlich nicht. Und doch kann ich mich an Träume erinnern, in denen ich mich auf wundersame Weise vom Boden lösen konnte und durch den Raum schwebte. Eine beglückende Erfahrung. Ist eine innere Erfahrung weniger wirklich als eine äußere?
Konnte Jesus übers Wasser laufen? So steht es doch in der Bibel geschrieben. Ist hier wirklich die physische Realität gemeint, oder ist die Geschichte eine Metapher für eine seelische Dimension? Oder beides?
Wenn in den heiligen Schriften steht, dass der Glaube Berge versetzen kann, heißt das, dass wir nur fest genug glauben müssen, um sogar große Berge verrücken zu können? Oder anders gefragt: Können wir aufgrund von Gedanken und Wünschen unser äußeres Leben oder das von anderen Menschen beeinflussen, ja vielleicht sogar erwünschte Situationen hervorrufen und kontrollieren? Können wir, wie es manche Menschen praktizieren, einen Parkplatz qua Gedankenkraft bestellen oder einen anderen Menschen heilen, wenn wir nur fest genug daran glauben? Mit anderen Worten: Haben wir magische Kräfte?
Sollen wir nicht auf der anderen Seite uns anvertrauen und hingeben? Heißt es nicht im Vaterunser: »Dein Wille geschehe«? Wenn sein Wille geschieht, wie kann es dann sein, dass ich versuche, ihm meinen Willen abzutrotzen? Wie weiß ich denn überhaupt, was sein Wille ist?
Gibt es Engel und geistige Wesen? Manche behaupten, dass sie Kontakt zu diesen Wesen hätten. Dass sie sie sehen und hören könnten. Sind diese Menschen schizophren, oder ist der Normalsterbliche, der nicht mit Engeln verkehrt, geistig blind?
Wenn ein Erwachter wie Sri Nisargadatta Maharaj, angesprochen auf das Leiden in der Welt, antwortet: »Nichts geschieht«, ist er dann erwacht oder herzlos und abgestumpft? Wenn Menschen in der Meditation in Räume eintauchen, in denen sie mit leuchtenden Augen schildern, dass alles zutiefst in Ordnung sei, spalten sie dann etwas ab, oder sind sie verrückt geworden? Gibt es für diese Menschen kein Leiden mehr? Würden sie das auch noch sagen, wenn sie in der Zeitung über die Kriege und Hungersnöte dieser Welt lesen?
Ist eine Person, die über viele Jahre an einem Trauma, also an einer seelischen Verwundung, leidet und dann plötzlich die Erfahrung macht, dass sie zuinnerst heil ist und sie hier niemals verletzt wurde und niemals verletzt werden kann, in Zukunft immun gegen Verletzungen? Und wenn sie doch wieder psychisch oder physisch verletzt wird und Schmerz empfindet, war dann die Erfahrung des Heilseins eine schöne Illusion?
Wie ist das zu bewerten, wenn Menschen in ein Meditationsretreat gehen und dann nach Tagen der Stille eine universale Liebe zu allen Wesen fühlen, lieben sie dann jeden Menschen gleich? Könnten sie jede Person heiraten? Oder können sie dann nicht mehr heiraten, da sie eine Person nicht mehr ausschließlich lieben können und daher eine Bindung zu einer Person nicht mehr möglich ist?
Wie ist das überhaupt mit den Bedürfnissen? Wir alle haben doch individuelle Bedürfnisse und brauchen Nahrung, Wärme, seelische Zuwendung und vieles mehr? Wenn, wie Buddha sagt, wir das Leiden überwinden können und in Räume der absoluten Freiheit und Verbundenheit eintauchen können, in denen es offenbar kein Leiden mehr gibt, oder vielleicht sogar nur noch Glückseligkeit, so wie manche Erwachte es ausdrücken, haben wir dann keine Bedürfnisse mehr oder sind sie dann alle erfüllt? Leben wir dann in einem inneren Schlaraffenland?
Ist nicht laut dem Buddhismus das Höchste, was ein Mensch verwirklichen kann, die nonduale Dimension des Gewahrseins? Wenn diese Art von spiritueller Verwirklichung die eigentliche Krönung des menschlichen Lebens darstellt, was bedeutet das dann für unsere Kinder? Sollen wir ihnen sagen: »Vergesst die Schule und das Lernen, gründet keine Familien, mischt euch nicht in die Politik ein und engagiert euch nicht in der Gesellschaft?«
Sagt nicht Buddha, dass es ein getrenntes, individuelles Selbst nicht gibt? Dass der Ich-Gedanke die Grundillusion des Menschen ist, die allem Leiden zugrunde liegt? Wenn unsere wahre Identität grenzenlose Verbundenheit ist, oder anders gesagt, wenn ich alles bin, was sage ich dann im Alltag, wenn ich nach meiner Identität gefragt werde? Soll ich weiterhin mit meinem individuellen Namen unterschreiben? Bin ich dann überhaupt noch persönlich verantwortlich, wenn es kein individuelles Selbst gibt? Auch dann nicht, wenn mir ein Fehler unterlaufen ist oder ich jemanden verletzt habe? Sagt nicht C.G. Jung andererseits, dass es um die Individuation – die Selbstverwirklichung – des Einzelnen geht? Gibt es also doch eine Individualität?
Fragen über Fragen
Wer sich diesen Fragen ernsthaft stellt und Erfahrungsdimensionen, die widersprüchlich sind, als menschliche Lebenswelten zulässt, wird wahrscheinlich zunächst in Verwirrung geraten. Betrachten wir nur einmal die letzte Frage: Wie kann es sein, dass wir uns einerseits so deutlich im Alltag als Individuum wahrnehmen und dieses sogar uneingeschränkt als das Zentrum unserer Welt behandeln? Ist es nicht sogar so, dass wir es verteidigen, falls es bedroht ist? Und was bedeutet es dann, dass wir andererseits in tiefer Meditation erfahren können, dass es kein Ich gibt? Ist das nicht zutiefst widersprüchlich?
Mein eigener Weg führte mich zunächst als noch junger Erwachsener in Selbsterfahrungsgruppen, in denen es viel um Gefühle und Bedürfnisse ging. Wahrhaftige Begegnung mit anderen schien mir damals ein Lebenselixier zu sein, das auf mich zutiefst sinnstiftend wirkte. Obwohl ich bereits zu diesem Zeitpunkt meditierte, war mir die Dimension des Gewahrseins mit seiner unbedingten Präsenz, seiner Freiheit und Verbundenheit noch nicht zugänglich. Entsprechend suchte ich die Erfüllung in tiefen Gefühlen und intensiven Begegnungen.
Doch dann vertiefte sich mein spiritueller Weg, und die Meditation führte mich in die Stille des Bewusstseins, in dem alle Gefühle und Bedürfnisse verstummten. In manchen Momenten verschwanden das Ich und die äußere Welt vollständig. Es blieb nur noch SEIN. Gefühle, Bedürfnisse und auch Begegnungen, die zuvor für mich so wichtig gewesen waren, waren zwar weiterhin da, verloren aber in der Folge dieser Erfahrungen für eine ganze Zeit an Bedeutung (obwohl ich weiterhin als Psychotherapeut arbeitete). Die Erfüllung suchte ich im Lauschen auf das SEIN.
Doch nach ein paar Jahren musste ich in einer Krise mit meiner damaligen Frau feststellen, dass die Gefühle und seelischen Welten und die Beziehungen sehr wohl eine Bedeutung hatten und mich wieder einholten. Dies war für mich eine andere Art des Erwachens. Das Erwachen aus der Leugnung von seelischen Kräften, denen ich mehrere Jahre keine große Bedeutung mehr gab und entsprechend kaum mehr Beachtung schenkte. Jetzt, in der Beziehungskrise, kamen die Gefühle mit Macht in mein Leben zurück und es war nicht zu leugnen, dass es in mir seelische Kräfte gab, die ich vernachlässigt hatte und die jetzt ihr Recht forderten und mein Leben bestimmten. Es kam zu einer Trennung von meiner damaligen Frau.
Mit der äußeren Krise ging auch ein innerer Umbruch einher. Jahrelang erschien mir das Heilbringendste und Erfüllendste das Lauschen auf das SEIN. Hier eröffnete sich mir eine Dimension, die frei von inneren und äußeren Bedingtheiten war. Hier erfuhr ich mich als zutiefst heil und konnte einen zeitlosen Frieden schmecken. Jetzt stand dies alles infrage. Wie konnte es sein, dass ich mich so getäuscht hatte und unbeachtet meines inneren Friedens starke seelische Schattenanteile in mir schlummerten, die bei nächster Gelegenheit dämonengleich ausbrachen und über mich herfielen? War der innere Friede, den ich jahrelang erfuhr, eine Illusion? War vielleicht sogar mein Meditationsweg ein einziger Irrweg? Eine Flucht vor dem Leben und den Gefühlen?
Aber nein. Das konnte auch nicht stimmen. Denn in der Lebenskrise, in all den aufwühlenden Gefühlen und mitten in der schwierigen äußeren Situation, hatte ich weiterhin einen Zugang zur Stille. Es gab weiterhin Momente von großer Freiheit und tiefem Frieden. Momente, in denen alles zutiefst in Ordnung war, obwohl mein Leben äußerlich wie innerlich offensichtlich in tiefster Unordnung war.
Mit der Zeit erkannte ich zunehmend, dass sich der Widerspruch zwischen meiner aufgewühlten Gefühlswelt und der Dimension des Friedens dadurch ergab, dass es sich um zwei verschiedene Lebenswelten handelte, die nebeneinander in meinem Menschsein existierten. Wenn ich den Gefühlen und der äußeren schwierigen Situation meine Aufmerksamkeit schenkte, hatte ich mit starken Emotionen und offensichtlichen Problemen zu tun. Wenn ich aber den Fokus meiner Aufmerksamkeit auf die Stille lenkte und in den offenen Raum des Gewahrseins eintauchte, war alles friedlich und weiterhin in bester Ordnung.
Wie ein Schwimmer sich entscheiden kann, an der Oberfläche des Ozeans zu bleiben und dabei vielleicht mit starkem Wellengang zu kämpfen hat, oder aber hinabzutauchen, um dort in der Tiefe vollkommene Ruhe zu erfahren, so können wir kraft unserer Aufmerksamkeit die Ebene wechseln. Das bedeutet nicht, dass die andere Ebene nicht existiert, aber sie hat in dem Moment keine Wirkkraft auf uns. Beide Ebenen, die Oberfläche mit ihren Wellen und die Tiefendimension des Meeres, existieren parallel. Über kurz oder lang wird die Ebene aber, der wir gerade keine Aufmerksamkeit schenken und die wir damit ausblenden, uns wieder rufen und unweigerlich unsere Aufmerksamkeit fordern.
Diese Dynamik, die mir mit meiner Gefühlswelt widerfahren war, konnte ich auf eine andere Art bei manchen Meditierenden beobachten, die ausschließlich die Zurückgezogenheit der Meditation suchten und dabei der alltäglichen Welt mit ihren Verantwortlichkeiten immer weniger Bedeutung beimaßen. Am liebsten hätten sie die äußere Welt ganz abgestreift. Doch auch sie wurden über kurz oder lang von dieser wieder eingeholt und mussten sich ums Geldverdienen oder um andere äußere Belange kümmern. So wie ich von meiner Gefühlswelt gerufen wurde, wurden sie von der Alltagswelt mit ihren Notwendigkeiten gerufen und wachgerüttelt.
Was ist nun aber mit den Menschen, die keinen unmittelbaren Zugang zur Dimension der Stille haben? Oder den Menschen, die so stark in den Pflichten und Oberflächlichkeiten der Alltagswelt und im Funktionieren aufgehen, dass sie sogar ihre Gefühle als unvernünftige Störenfriede ansehen und im Grunde nichts damit zu tun haben wollen? Werden diese Menschen auch von den anderen Ebenen unseres Menschseins gerufen?
Wenn man sieht, wie häufig auch äußerlich höchst erfolgreiche Menschen, bei denen oberflächlich alles glatt läuft, in ihrem Leben irgendwann von einer Sinnkrise oder einem Burn-out heimgesucht werden, dann muss man diese Frage mit Ja beantworten. Immer wenn wir einer Realitätsebene (oder sogar mehreren) keine Aufmerksamkeit schenken oder sie übergehen, wird diese über kurz oder lang sich melden und mit Macht unsere Aufmerksamkeit einfordern.
Eine Entdeckungsreise
Diese Erfahrungen führten mich mit der Zeit zu der Erkenntnis, die Existenz von drei parallelen Lebenswelten anzuerkennen, die menschliches Leben ausmachen: die Alltagsrealität mit ihren äußeren Notwendigkeiten, die Seelische Realität der Gefühle und die Absolute Realität des Gewahrseins. Wenn man diese verschiedenen Aspekte des Menschseins erkennt und ihre Bedeutung für unser Leben anerkennt, ergibt sich daraus eine zwingende Aufgabe: Menschsein verlangt, dass wir alle drei Wirklichkeiten in den Blick nehmen und uns diese Welten erschließen.
Sich mit den Realitätsebenen des Menschseins zu befassen, ist dabei mehr als eine Notwendigkeit. Es ist ein großes Abenteuer – eine Entdeckungsreise –, bei der uns zunehmend bewusst wird, was unser menschliches Leben ausmacht, welche Kräfte hier wirken und welch beeindruckende Möglichkeiten unser Geist hat.
Wir werden feststellen, dass jede dieser drei grundlegenden Wirklichkeiten ganz eigene Potenziale beinhaltet, aber auch eigenen Gesetzmäßigkeiten und Begrenzungen unterliegt. Solange wir diese Welten mit ihren Besonderheiten nicht kennen und sie nur unbewusst nutzen, sind wir wie ein Wanderer in einem fremden Land, der die Sprache und Gebräuche nicht versteht. Wir leben zwar darin, können jedoch die Möglichkeiten in diesem Land nicht ausschöpfen und unterliegen zudem ständig Missverständnissen, die uns verwirren und verunsichern.
Wie tiefgreifend das Wissen um die drei Ebenen menschlichen Lebens sich auswirkt, merken wir erst, wenn wir uns längere Zeit mit ihnen befassen. Wir entdecken dann zunehmend, wie diese Welten immer anwesend sind und in jede Lebenssituation hineingreifen. So werden wir mit der Zeit erkennen, wie jede Frage, die uns bewegt, und jede Situation, die eine Antwort von uns fordert, aus den unterschiedlichen Realitätsebenen heraus vollkommen anders beantwortet werden würde. Wenn es aber mehrere Antworten gibt, dann kann es nicht darum gehen, nur eine Antwort zu leben und sie für die »einzig richtige« zu halten.
Genauso erhalten Begriffe, die auf den ersten Moment klar zu sein scheinen, wie »Gegenwart«, »Freiheit« oder »Liebe«, auf jeder Ebene eine neue Bedeutung, die vollkommen anders, ja sogar widersprüchlich sein kann. Missverständnisse lösen sich in Wohlgefallen auf, da wir erkennen, wie sich zum Beispiel in einem Gespräch zwischen zwei Menschen unbewusst die Ebenen kreuzen und es insofern zu keinem Verständnis füreinander kommen kann. Und alte spirituelle Texte, deren Bedeutung sich meist erst erschließt, wenn wir sehen, aus welcher Realitätsebene heraus sie geschrieben wurden, offenbaren sich auf eine neue Weise. Nicht zuletzt wird sichtbar werden, welche Schlüsselrolle das Bewusstsein in unserem Leben einnimmt.
Seit vielen Jahren begleitet mich nun das Interesse an der Relevanz der drei Realitätsebenen für unser Leben und es ergeben sich immer neue Facetten von Einsichten daraus. So hat sich zum Beispiel mein Verständnis eines spirituellen Weges, und daraus ergebend meine spirituelle Praxis, verwandelt. Zur Meditation des offenen Gewahrseins hat sich eine weitere zentrale Praxis etabliert: das Innere Erforschen, das sich mehr auf die Seelenrealität bezieht und heute fester Bestandteil all meiner Schweigekurse ist. Beide Praxisformen habe ich in meinem zweiten Buch »Nach innen lauschen« beschrieben. Die Alltagsrealität hingegen, genauer die Relevanz einer spirituellen Grundhaltung für den Alltag, war das Thema meines dritten Buches »Im Einklang leben«.
Im vorliegenden Buch will ich nun endlich die Philosophie beleuchten, die seit vielen Jahren das Fundament meiner Arbeit und meines Lebens ist. Es ist mir ein echtes Anliegen, die drei Realitätsebenen in ihrem Facettenreichtum und in ihrer Relevanz für das menschliche Leben darzustellen, um ein differenziertes Verständnis dieser drei Ebenen zu ermöglichen. Letztlich geht es um nichts Geringeres als darum, in diesem Buch eine Landkarte des Bewusstseins zu erstellen.
Im ersten Kapitel werde ich zunächst die tradierte Sicht einer einheitlichen äußeren Welt, in der wir leben, infrage stellen und auseinandernehmen. Im Anschluss werde ich in Kapitel 2–4 die drei grundlegenden Realitätsebenen mit ihren Potenzialen und Grenzen beschreiben. Im Kapitel 5 will ich einen Geschmack davon vermitteln, wie diese Facetten unseres Menschseins in den ersten Jahren unseres Lebens entstehen und wie sie in dieser Zeit gefördert werden können. Danach in Kapitel 6 will ich darauf eingehen, wie die Ebenen sich wechselseitig beeinflussen und welche Haltung wir einnehmen müssen, damit sie auf eine konstruktive Weise für unser Leben wirkmächtig werden. In Kapitel 7 werde ich typische Missverständnisse und Schwierigkeiten erläutern, die sich ergeben, wenn wir die Ebenen nicht sauber auseinanderhalten. Und schließlich in Kapitel 8 werden noch einmal verschiedene zentrale Bereiche unseres menschlichen Lebens auf dem Hintergrund der drei Realitätsebenen betrachtet. Wir werden sehen, dass sie dabei in einem neuen Licht erscheinen.
Ich würde mir sehr wünschen, dass beim Lesen dieses Buches eine Lust geweckt wird, selbst die Weiten und Tiefen der inneren Welten zu erkunden und diese Dimensionen mit dem äußeren Leben in Einklang zu bringen. Und ich würde mir wünschen, dass das Wissen um die Realitätsebenen eine große Verbreitung findet. Mir scheint, dass dieses Wissen das Potenzial beinhaltet, viele Missverständnisse zu bereinigen und viele scheinbare innere und äußere Widersprüche aufzulösen. So kann dieses Buch eine Grundlage sein für einen integrativen und ganzheitlichen Bewusstheitsweg.
Richard Stiegler
Noch ein Hinweis
Zur besseren Lesbarkeit und um eine Sprache zu benutzen, die beiden Geschlechtern gerecht wird, wechsle ich meist zwischen der weiblichen und der männlichen Form ab. Sprache hat eine enorme Kraft, Bewusstheit zu fördern und uns für die Würde und Gleichwertigkeit aller Geschöpfe zu sensibilisieren.
Kapitel 1
Wie wirklich ist
die Wirklichkeit?
Wie kann es da draußen ein mechanisches Universum geben, wenn sich das Universum jedes Mal verändert, wenn wir unsere Betrachtungsweise ändern?
Fred Alan Wolf, Quantenphysiker
Seit vielen Jahren begleite ich Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Manche von ihnen befinden sich in einer Lebenskrise, in der sie ein Strudel von heftigen Emotionen umtreibt. Oft stellen sie sich selbst und ihr bisheriges Leben infrage. Doch auch in diesen Phasen spüren sie die grundlegende Verunsicherung und die Gefühle, die damit einhergehen, meistens nicht rund um die Uhr. Wenn sie zur Arbeit gehen und in die gewohnten Tätigkeiten des Alltags eintauchen, sind sie plötzlich gelassen und kompetent. Wie weggeblasen sind alle Fragen und Unsicherheiten, die sie noch morgens vor der Arbeit bewegt haben. Doch abends, bei einem Gespräch mit einer guten Freundin, drängen die Fragen und die Gefühle wieder mit Macht an die Oberfläche. Ist das nicht erstaunlich, wie schnell selbst heftige Gefühle verschwinden und wieder auftauchen können?
Wie oft habe ich selbst bereits erfahren, dass sich im Laufe eines ganz gewöhnlichen Tages meine Befindlichkeit ändert? Wenn ich unter der Lupe der Achtsamkeit mein Leben betrachte, bin ich geradezu überrascht, wie oft und wie schnell sich innere Zustände abwechseln. Manchmal wache ich morgens mit einem verstörenden Traum auf, der mich benebelt und etwas ängstlich beim Frühstück sitzen lässt. Innerlich habe ich das Gefühl, noch nicht wirklich wach zu sein. Traumfetzen ziehen wie kurze Filmsequenzen durch mich hindurch und färben meine Stimmung ein. Doch bereits wenige Augenblicke später, wenn ich an den Schreibtisch gehe und mich auf die Arbeit konzentriere, treten diese Gefühle weit zurück und ich fühle mich klar, wach und handlungsbereit. Besonders wenn ich Menschen begleite oder Gruppen leite, erlebe ich immer wieder, dass fast augenblicklich alles verschwindet, was mich innerlich als Person in diesem Augenblick beschäftigt hat. In den Vordergrund rückt eine Präsenz, die eine große Klarheit und ein tiefes Einfühlungsvermögen ermöglicht, und in der ich viele innere Ressourcen ganz leicht abrufen kann. Alles, was mich persönlich ausmacht, hat hier keine Relevanz. Bin ich hier ein anderer Mensch?
Und dann gibt es da noch die Momente der Stille. Wenn ich mich nach innen fallen lasse, entsteht wieder eine ganz andere Art von Wachheit – eine innere Präsenz –, in der alles, was mich an der Oberfläche meines Menschseins bewegt, sich auflösen kann. Alltägliche Gedanken und Gefühle, aber auch alle Strukturen wie Zeit und Raum und selbst das Erleben einer klaren Ich-Identität mit einem Körper verflüchtigen sich, und für einen Augenblick lang gibt es nur ein zeitloses, offenes SEIN – Dasein pur. Vielleicht dauern diese SEINSmomente nur ein paar Augenblicke, vielleicht auch mehrere Minuten. Was spielt das für eine Rolle in einem Raum jenseits der Zeit?
Doch fast unmerklich tauchen wieder Gedanken und Gefühle auf und färben den inneren weiten Horizont ein, als ob sich ein Schleier darüberlegt. Und ehe ich mich versehe, beschäftigt mich eine bevorstehende Aufgabe. Plötzlich finde ich mich in Gedanken wieder, wie ich die Situation regeln kann, und mit diesen Gedanken geht eine gewisse Anspannung einher. Vorbei ist der Zustand einer friedlichen Stille jenseits aller Aufgaben und Verpflichtungen und auch jenseits allen Tuns. Oder doch nicht? Manchmal kann ich ihn trotz der Aktivität auf der Oberfläche noch weiterhin unterschwellig spüren.
Das kann sich aber sehr schnell ändern, wenn im weiteren Tagesverlauf etwas auftaucht, das meine ganze Aufmerksamkeit braucht, wie zum Beispiel ein Konflikt. Vielleicht flattert eine unangenehme E-Mail auf meinen Schreibtisch oder die Kinder verhalten sich ganz anders, als ich mir das vorstelle. Wie schnell kann sich hier ein Ärger oder eine Hilflosigkeit einstellen? Wo ist jetzt dieser friedliche konfliktfreie Raum hingekommen, der mich noch vor Kurzem so erfüllt hat?
Bewusstseinszustände und ihre Wirkung
Im Laufe eines ganz gewöhnlichen Tages durchlaufen wir unzählige Male verschiedene Bewusstseinszustände, ohne uns dessen in der Regel bewusst zu sein. Wir wundern uns vielleicht darüber, dass uns eine Zeit lang ängstliche Gefühle und eine körperliche Anspannung beschäftigen, die dann plötzlich, nachdem wir unsere professionelle Rolle übergestreift haben, wie weggeblasen sind. Jetzt spüren wir eine innere Sicherheit und fragen uns: Wo kamen diese Gefühle der Unsicherheit her? Und wo gingen sie hin?
Oder wir genießen immer wieder Momente von unbedingter Präsenz, in denen alles Tun und alles Wollen verstummt und sich eine innere Freiheit ausbreitet. Vielleicht sehnen wir uns danach, diese Momente auszudehnen und unser ganzes Leben in dieser Freiheit führen zu können. Doch schwups – kaum haben wir diese Freiheit geschmeckt –, schon ist sie wieder im Strudel von Gedanken und Alltagshandlungen untergegangen. Im Kontext von Familie und Beruf haben wir meist nicht das Gefühl, dass wir uns in einem Raum jenseits von Zeit und Tun bewegen, sondern empfinden deutlich Zeit- und Handlungsdruck. Wo ist diese Freiheit hin? Ist sie auch da, wenn wir sie nicht spüren? Was hilft es uns, zu wissen, dass sie da ist, wenn wir dazu keinen Zugang haben?
Manchmal reicht unsere Bewusstheit so weit, dass wir diese Vorgänge beobachten können. Verschiedenste Zustände in unserem Geist wechseln sich ab, und wir haben kaum eine Möglichkeit, diese zu beeinflussen, geschweige denn zu kontrollieren. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sogar zugeben, dass wir diese Vorgänge in unserem Geist nicht mal verstehen. Wieso gibt es morgens ein Gefühl der Ängstlichkeit in mir? Wie kann ich gleichzeitig in meinem Job ein kompetenter Profi sein, der sich seiner selbst sicher ist? Wieso kann ich nicht immer in der absoluten Freiheit des SEINS verweilen?
Vielleicht schleichen sich mit diesen Fragen auch Selbstzweifel ein: Ist meine Meditationspraxis tief genug? Ist mein Gefühl der Sicherheit im Job nur aufgesetzt? Sind die Gefühle der Ängstlichkeit nicht meine wahrhaftigen Gefühle und soll ich ihnen mehr Raum geben? Oder sind sie nur ein altes Gefühlsmuster, dem ich besser keine Aufmerksamkeit mehr schenke? Ist nicht das Freiheitsgefühl in der Meditation mein wahrhaftiges Sein? Oder verdränge ich hier nur meine Gefühle?
Selbstzweifel helfen uns beim Vorgang der Selbsterkenntnis meist nicht weiter, sondern verunsichern uns nur. Daher ist es hilfreicher, den Fragen und unserer Unwissenheit standzuhalten und unsere Bewusstheit dazu zu nutzen, tiefer und tiefer die Vorgänge in unserem Geist an einem ganz normalen Tag zu studieren. Dabei werden wir feststellen, wie häufig und fast unmerklich sich die Zustände ändern und regelrecht ineinandergreifen.
Jedes Mal, wenn ein bestimmter Zustand im Vordergrund unseres Erlebens unsere Aufmerksamkeit fesselt, verschwindet das, was uns kurz zuvor noch beschäftigt hat, aus dem Bewusstsein. Dabei ist dies kein rein gedanklicher Vorgang, auch wenn daran oft Gedanken beteiligt sind. Nein, der jeweilige Bewusstseinszustand, in den wir eintauchen, ist ein körperlich-seelisches Gesamterleben, das wie eine Wolkenstimmung am Himmel die gesamte Atmosphäre einer Szenerie einfärbt. Genauso verändert der aktuelle Zustand unser augenblickliches Dasein in einer Weise, dass er unser Lebensgefühl bestimmt.
An dieser Stelle ist es höchste Zeit, auf den Begriff »Bewusstseinszustand« näher einzugehen. Bewusstseinszustände sind der Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge in unserem Geist. Nur wenn wir begreifen, was Bewusstseinszustände sind und welche Wirkung sie entfalten, werden sich manche paradoxe Verhaltensweisen von Menschen und manche Fragen, die sich daraus ergeben, von selbst beantworten.
Um uns dem Begriff »Bewusstseinszustand« anzunähern, ist es hilfreich, sich zunächst ungewöhnliche Geisteszustände vor Augen zu führen und diese mit »normalem Alltagserleben« zu vergleichen. Betrachten wir zum Beispiel einen Menschen, der sich durch einen Autounfall im Schock befindet, dann sehen wir, dass sich diese Person höchst ungewöhnlich fühlt und verhält.
Obwohl sie starke Verletzungen hat, spürt sie keine Schmerzen. Doch nicht nur Schmerzen fühlt sie nicht, sie hat überhaupt keine Empfindungen im Körper und keine Gefühle. Der ganze körperlich-seelische Bereich befindet sich in einer außergewöhnlichen Taubheit. Entsprechend verhält sich eine solche Person trotz starker Verletzungen so, als wäre sie unversehrt. Nicht selten kommt es vor, dass sie zu den Sanitätern sagt: »Mir geht es gut. Ich gehe jetzt nach Hause«, obwohl sie blutüberströmt daliegt und vollkommen desorientiert ist.
Offensichtlich fühlt und verhält sich eine Person im Schock vollkommen anders als normalerweise. Wichtige Parameter, um eine Situation korrekt einzuschätzen, wie Körperempfindungen, Gefühle, Erinnerungen und geistige Zuordnungen, fehlen ihr in diesem Zustand. Das natürliche geistige Potenzial von Spüren, Denken, Erinnern, Vergleichen und Abschätzen, das ihr selbstverständlich im Alltag zur Verfügung steht, ist hier nicht oder nur stark eingeschränkt zugänglich. Gleichzeitig gibt ihr dieses geistige »Notprogramm« die Möglichkeit, trotz starker Verletzungen nicht von den Schmerzen und der Situation überwältigt zu werden und entsprechend eine gewisse Zeit empfindungslos agieren zu können. Es ist ein Überlebensmechanismus, der bei starken Verletzungen hilft, diese Extremsituation zu überstehen. Doch unabhängig vom biologischen Sinn eines Schockzustandes für das Überleben eines Menschen können wir feststellen, dass sich eine Person im Schock komplett verändert und sich verhält, als wäre sie ein vollkommen anderer Mensch. Sie befindet sich urplötzlich in einer anderen inneren Welt, in der es keine Empfindungen gibt.
Besonders tragisch wird dieses Phänomen, wenn eine Person aufgrund eines körperlichen oder seelischen Traumas in einen Schockzustand von emotionaler Taubheit fällt und dieser Bewusstseinszustand chronisch wird. Die Gefühllosigkeit wird zum Dauerzustand und die Unerreichbarkeit – ein Gefühl von »weit weg sein« oder von »abgeschnitten sein« – führt dazu, dass die Person keine Nähe mehr zu nahen Menschen, zu sich selbst oder zum Leben überhaupt empfinden kann.
Diese innere Unerreichbarkeit ist für Angehörige oft unverständlich und kann bei ihnen eine große Irritation hervorrufen. Manchmal spüren sie sogar einen Verlust, als ob sie den geliebten Menschen verloren hätten. Sie fühlen deutlich, dass die Person nicht mehr die »gleiche« ist und versuchen meist verzweifelt, dem »alten«, vertrauten Menschen wieder nahezukommen. Doch solange sich die traumatisierte Person im Bewusstseinszustand einer seelischen Taubheit befindet, haben die Angehörigen keine Chance. Erst wenn sie, vielleicht durch eine Psychotherapie unterstützt, wieder einen natürlichen Zugang zu ihren Gefühlen bekommt, kann sie wieder in einen Bewusstseinszustand zurückfinden, der ihr die seelische Nähe mit ihren Angehörigen ermöglicht.
Bewusstseinszustände bestimmen und verändern uns völlig. Das geht so weit, dass wir uns in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen verhalten, als wären wir eine andere Person. In gewissem Sinne agieren wir nicht nur wie eine andere Person, wir sind es. Die Art, wie wir wahrnehmen, was wir denken, ob und welchen Zugang wir zu unseren Gefühlen haben, kann sich radikal verändern, wenn wir den Bewusstseinszustand wechseln.
Ein alltägliches Beispiel dafür ist der Alkoholkonsum. Wie stark verändern wir uns, wenn wir Alkohol zu uns genommen haben? Die anfängliche Gelöstheit und Entspannung weichen bei zunehmendem Alkoholspiegel einer Enthemmung, bei der wir impulsiv und ungefiltert unseren Gefühlen und Meinungen freien Lauf lassen. Mit der Kontrolle schwinden jedoch auch unsere geistige Klarheit und die Sensibilität für unsere Umwelt. Wir werden regelrecht zu Egomanen. Unsere Stimme wird lauter, vielleicht schreien und grölen wir sogar herum. Dabei haben wir selbst das Gefühl, dass es ein Ausdruck von Lebensfreude ist. Wir sind uns dabei aber nicht bewusst, dass wir Nachbarn damit stören könnten, und im Grunde ist uns das in diesem Zustand auch egal. Auf unser Umfeld wirkt unser enthemmtes Verhalten keinesfalls freudvoll, sondern erzeugt eine bedrohliche Wirkung. Und das zu Recht. Schließlich kann die Enthemmung jederzeit dazu führen, dass das Gefühl der Lebensfreude in Aggression umkippt.
Am Beispiel Alkohol sehen wir, dass aus einem Menschen, der normalerweise vielleicht ein großes Verantwortungsbewusstsein für sein Verhalten und sein Umfeld an den Tag legt, plötzlich ein Egomane werden kann. Er wird offensichtlich im Rausch zu einem anderen Menschen. Aus der Suchtforschung wissen wir, dass eine Person, die regelmäßig Alkohol zu sich nimmt, nicht nur im akuten Zustand des Rausches ihre Persönlichkeit verändert, sondern mit der Zeit eine sogenannte »Suchtpersönlichkeit« entwickelt. Das bedeutet, dass sich die innere Veränderung, die mit dem Alkoholkonsum einhergeht, nicht nur im betrunkenen Zustand zeigt, sondern zu einem dauerhaften Charakterzug wird.
Viele Rollen und die Frage nach der Identität
Was wir bei ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen wie dem Schock oder dem Rauschzustand beobachten können, nämlich dass die Person sich vollkommen verändert und mal kürzer, mal länger zu einer anderen Person mutiert, lässt sich genauso in weniger »extremen« Lebensumständen beobachten. Da verhält sich eine selbstsicher auftretende Geschäftsfrau in ihrer Partnerschaft unsicher und abhängig. Da wird öffentlich bekannt, dass ein angesehener Stadtrat, der sich jahrelang für die Belange von anderen Menschen in der Gemeinde eingesetzt hat, gleichzeitig, gierig nur auf den eigenen Vorteil bedacht, den Staat um große Summen Steuern betrogen hat. Wenn diese Menschen äußerlich nicht in den verschiedenen Situationen den gleichen Körper hätten, würde niemand auf die Idee kommen, dass es sich um die gleiche Person handeln könnte.
Kennen wir nicht alle Beispiele von Menschen, die plötzlich eine Verhaltensweise an den Tag legen, die wir ihnen nie zugetraut hätten? Und wie oft hat uns bereits schockiert, wenn menschliche Abgründe bei scheinbar »normalen« und gut integrierten Menschen nach außen hin sichtbar wurden? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass es diese Widersprüche auch in unserem eigenen Leben gibt. Verhalten wir uns nicht immer wieder in verschiedenen Umgebungen sehr unterschiedlich? Und müssen wir nicht manchmal verschämt zugeben, dass wir nicht wissen, was uns gerade »geritten« hat?
Meistens nehmen wir diese Widersprüche zwar wahr und sind davon irritiert oder empören uns sogar darüber, wenn es andere Menschen betrifft, aber wir betrachten sie nicht genauer. Dann würden wir nämlich sehen, dass es nicht die Ausnahme ist, dass Menschen sich wie unterschiedliche Personen verhalten, sondern die Regel. Natürlich sind die Widersprüche oft nicht so krass wie bei extremen Bewusstseinszuständen durch Schock oder Alkohol. Aber im Kleinen sind sie im Alltag deutlich wahrnehmbar.
Die Wirkung auf uns ist in jedem Fall die gleiche: Der jeweilige Bewusstseinszustand – ob extrem oder nicht – färbt unsere Sinne, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Verhalten ein. Bewusstseinszustände wirken damit wie hypnotische Trancen, die unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte innere Erlebenswelt fixieren und gleichzeitig Potenziale, die uns in anderen Zuständen zugänglich sind, ausklammern.
Das Irritierende dabei ist, dass wir vordergründig nicht die Bewusstseinszustände sehen, in denen sich eine Person befindet, sondern weiterhin ihre äußere gewohnte Erscheinung. Nach außen scheint es immer die gleiche Person zu sein, die sich so unterschiedlich verhält. Doch das, was sie von innen her ausmacht – der jeweilige Bewusstseinszustand –, wirkt unsichtbar im Hintergrund. Könnten wir den Bewusstseinszustand sehen, der eine Person gerade bestimmt, und könnten wir sehen, wie Menschen Bewusstseinszustände wechseln, dann würde es uns nicht überraschen, dass sie sich nach außen plötzlich anders verhalten.
An dieser Stelle kann man sich natürlich fragen, was nun eine Person definiert: Ist es die äußere Erscheinung des Körpers, durch den das Lebendige einer Person wirkt? Oder ist es das lebendige Wirken eines Menschen, das durch den jeweiligen Bewusstseinszustand geprägt wird? Aus der gängigen Perspektive unserer Gesellschaft definieren wir den Menschen durch seine äußere Form und sind dann verwundert, wenn er sich plötzlich stark verändert oder sich widersprüchlich verhält. Wir könnten jedoch auch einen anderen Blickwinkel einnehmen und auf das Lebendige schauen, das durch einen Menschen zum Ausdruck kommt. Nicht der Körper definiert dann die Person, sondern das lebendige Geschehen und damit die jeweilige innere Welt – der Bewusstseinszustand, der durch die Person wirkt.
Diese zweite Betrachtungsweise findet sich auch in der Ursprungsbedeutung des Begriffes »Person« wieder. »Person« stammt vom griechischen Wort »prosopon« bzw. dem lateinischen »persona« ab, was sich auf die Maske einer Schauspielerin im antiken Theater bezieht, durch welche sie »hindurchtönt«. Es bezeichnet also die jeweilige Rolle, die die Schauspielerin gerade spielt. Diese Rolle wird durch die äußere Maske – also das Gesicht im Sinne von sicht-bar – durch das, was hindurchtönt, definiert.
Wie wir wissen, kann eine gute Schauspielerin sogar in einem einzigen Theaterstück verschiedene Rollen einnehmen und selbst beide Geschlechter glaubhaft verkörpern. Da wir als Zuschauende uns von der jeweiligen Rolle verzaubern lassen und nicht darauf achten, dass es immer der gleiche Körper ist, der die verschiedenen Rollen spielt, entsteht auch kein Widerspruch und keine Irritation. Für uns Zuschauende ist der lebendige Prozess, der durch die Schauspielerin in der jeweiligen Rolle zum Ausdruck kommt, das Wesentliche, welcher sie definiert, und nicht ihr Körper.
Spielen nicht alle Menschen unterschiedliche Rollen in dem einen Theaterstück ihres Lebens? Natürlich sind die alltäglichen Rollen, die wir einnehmen, meist nicht so markant und dramatisch wie im antiken Theater, sondern viel gewöhnlicher. Aber die Dynamik bleibt die gleiche. Wie eine gute Schauspielerin schlüpfen wir in verschiedene Bewusstseinszustände, die dann unser Erleben und unser Verhalten bestimmen, allerdings meist ohne uns dessen bewusst zu sein.
Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zum Schauspielberuf. Eine Schauspielerin stellt sich bewusst in den Dienst einer Rolle. Will sie überzeugend spielen, muss sie sich dabei vollkommen in die Rolle hineinversetzen und sich mit dieser Welt zeitweise identifizieren. Sprich, sie muss in der Rolle des Bösewichts zu einem Bösewicht oder in der Rolle des Opfers zu einem Opfer werden. Anders ausgedrückt, muss sie in den jeweiligen Bewusstseinszustand hineinwechseln, bis sie in eine Art Trance fällt, in der sie das authentische Erleben einer bestimmten Rolle selbst erfährt und lebendig zum Ausdruck bringt.
Schauspielerinnen nutzen damit bewusst die hintergründige Dynamik von Bewusstseinszuständen, die menschliches Leben ausmacht, und spielen damit. Das macht der gewöhnliche Mensch im Alltag meistens nicht. Auch wir nehmen verschiedene Bewusstseinszustände ein und wechseln sie, aber wir müssen uns nicht bewusst extra in den jeweiligen Zustand hineinversetzen. Im Gegenteil. Die verschiedenen Rollen greifen meist mit Macht nach uns, sodass wir keine Wahl haben und sie uns vollkommen gefangen nehmen. Wir sind mit ihnen so stark identifiziert, dass wir uns meist nicht einmal bewusst sind, dass wir eine bestimmte Rolle spielen, und auch nicht, welche Potenziale wir dabei ausblenden. Die machtvolle Dynamik der Bewusstseinszustände und ihre Bedeutung für uns läuft hinter dem nach außen hin sichtbaren Geschehen an der Oberfläche unseres Lebens permanent im Verborgenen und damit meist unbewusst ab.
Wenn wir betrachten, wie Menschen immer wieder Bewusstseinszustände wechseln und dabei unterschiedliche, wenn nicht sogar widersprüchliche »Rollen« spielen, kommt früher oder später die Frage nach unserer Identität auf: Wer sind wir, wenn wir uns in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen vollkommen anders verhalten? Wer sind wir, wenn wir als Mensch in so unterschiedliche Erlebniswelten eintauchen können? Das reicht von Zuständen, in denen wir hocheffektiv funktionieren, aber vollkommen abgetrennt von unseren Gefühlsbereichen sind, bis hin zu Zuständen, in denen uns schöne oder schmerzhafte Gefühle so stark ausfüllen, dass sie vollkommen unser Denken und Handeln bestimmen.
Offensichtlich sind wir nicht eine kohärente Einheit, so wie es die äußere Erscheinung unseres Körpers vielleicht vermuten lässt. Nach außen treten wir als eine Person in Erscheinung, aber die inneren Welten, in die wir eintauchen und aus denen wir leben und handeln, sind höchst unterschiedlich. Wenn wir uns auf das tatsächliche lebendige Geschehen beziehen, das sich durch unseren Körper ausdrückt, dann verschwindet das Bild einer einheitlichen Identität und wir können nur noch fragen: »Wer bin ich jetzt – in diesem Augenblick?« Oder anders ausgedrückt: »Welcher Bewusstseinszustand drückt sich jetzt durch mich aus?« Mit dieser Frage verschiebt sich die Sicht auf uns selbst, da wir uns immer weniger als eine feststehende einheitliche Person mit klar definierbaren Eigenschaften sehen.
Wie die Dinge lebendig werden
Doch nicht nur unser Identitätsbegriff, sondern auch unsere grundlegende Sicht auf die Welt verschiebt sich: Sogenannte Dinge wie ein Baum oder ein Stuhl fangen plötzlich an, lebendig zu werden und ihre Eigenschaften zu verändern. Hört sich das nicht verrückt oder esoterisch an? Kann ein Ding wie ein Stuhl wirklich lebendig werden? Ein Baum ist zumindest noch eine Pflanze, also ein lebendiges Wesen, obwohl wir ihn meist genauso als ein Ding behandeln. Aber ein Stuhl? Dieser ist doch wirklich ein feststehendes totes Objekt, oder?
Natürlich hat ein Stuhl kein Eigenleben wie eine Pflanze oder ein Mensch, aber aus der Perspektive unserer lebendigen Erfahrung gibt es keinen unabhängigen Stuhl. Daher kann sich unser Erleben des Stuhles, je nachdem in welchem Bewusstseinszustand wir uns gerade befinden, sehr unterschiedlich gestalten. Er kann für uns ein Gebrauchsgegenstand sein, den wir zwar nutzen, aber kaum wahrnehmen. Er kann sich für uns jedoch auch in einem Moment der Muße zu einer tiefen sinnlichen Erfahrung des Niederlassens und Getragen-Werdens verwandeln.
Machen wir nicht alle die Erfahrung, dass der »gleiche« Blick aus dem Küchenfenster unserer Wohnung, je nachdem in welchem Zustand wir uns befinden, eine sehr unterschiedliche Landschaft offenbaren kann? Manchmal rührt sie uns an und wir empfinden Vertrautheit, Schönheit und Dankbarkeit. Vielleicht sehen wir sogar eine vollkommen neue Landschaft. Manchmal sehen wir sie jedoch wie durch den Schleier der Gewohnheit und können nichts dabei empfinden.
Wenn wir die lebendige Erfahrung ernst nehmen und die Wirklichkeit nicht nur durch die äußere Erscheinungsform von Menschen oder Dingen definiert wird, dann bekommt der Wirklichkeitsbegriff eine völlig neue Dimension. Er wird vielschichtig und regelrecht lebendig. Plötzlich ist ein Ding nicht mehr nur ein Ding, sondern eine lebendige, sich verändernde Erfahrung. Da ist ein Nachbar kein von uns unabhängiges Objekt, sondern wir erfahren hier ein lebendiges Beziehungsgeschehen, welches immer die Chance bietet, neue und überraschende Facetten hervorzubringen.
Wenn wir also denken, dass die Wirklichkeit feststehend ist – oder anders ausgedrückt: dass ein Nachbar immer gleich ist und gleich bleibt –, liegt dies nur daran, dass wir uns gedanklich auf eine bestimmte Wirklichkeitsperspektive festgelegt haben und unserer lebendigen Erfahrung keinen Wert beimessen. Der Begriff »Wirklichkeit« wird hier auf eine materielle, objekthafte Beschreibung der Welt verengt. In dieser Beschreibung der Welt spiegeln sich wiederum grundlegende gesellschaftliche Übereinkünfte. In der westlichen Kultur ist die Sichtweise, Menschen und Dinge als voneinander unabhängige Objekte zu betrachten, tief verwurzelt. Die lebendige Erfahrung des Einzelnen wird grundsätzlich der objekthaften Beschreibung der Welt untergeordnet, wenn nicht sogar negiert.
Das hat weitreichende Auswirkungen auf die innere Erfahrung des Menschen. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die uns ständig suggeriert, dass unsere lebendige Erfahrung unbedeutend ist oder keine Wirklichkeit besitzt, sondern nur die äußeren, materiellen Erscheinungen zählen, dann nehmen wir automatisch unsere inneren Erfahrungen nicht mehr so ernst. Sie verschwinden mehr und mehr aus dem Vordergrund unseres Bewusstseins, und das Denken, dessen Domäne die Beschreibung und Benennung von Objekten ist, gewinnt mehr und mehr an Bedeutung.
Leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der Gefühle als unbedeutend und subjektiv betrachtet und vernachlässigt werden? In der die Seele der Effektivität und Produktivität untergeordnet wird und entsprechend nicht selten als Störenfried erscheint? Wir geben Unsummen für die psychotherapeutische Behandlung von »seelischen Störungen« aus, aber fördern in unseren Schulen hauptsächlich kognitive Fähigkeiten. Ist es da ein Wunder, dass Menschen emotional verarmen, zu Suchtmechanismen neigen und irgendwann in der Psychotherapie als gesellschaftlich anerkanntem Zufluchtsort der Seele landen?
Ein typisches Beispiel dafür, welche Auswirkungen verschiedene Realitätsbegriffe haben können, findet sich in der Medizin. Das vorherrschende Modell der modernen westlichen Medizin hat sich aus der Sichtweise einer materiellen Welt von unabhängigen Objekten heraus entwickelt. Hier werden menschliche Organe meist unabhängig vom übrigen Körper und auch relativ unabhängig vom energetischen System, den seelischen Einflüssen und den Lebensumständen betrachtet und behandelt. Der Medizin des Ostens, wie zum Beispiel der Akupunktur, liegt eine ganz andere Weltsicht zugrunde: Hier wird Körper und Seele als ein ganzheitliches, lebendiges Geschehen gesehen. So haben sich die Methoden der östlichen Medizin nicht aus dem Sezieren und dem Studium von Organen entwickelt, die toten Menschen entnommen wurden, sondern aus der Beobachtung des lebendigen Menschen.
Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, eine Bewertung verschiedener medizinischer Sichtweisen und Methoden vorzunehmen. Wie wir wissen, können beide medizinische Systeme wertvolle Beiträge zur Gesundheit des Menschen beisteuern. Es geht mir im Moment lediglich darum, aufzuzeigen, wie stark sich ein bestimmter Wirklichkeitsbegriff als kollektive Hypnose auf eine Gesellschaft stülpt und welch drastische Auswirkungen dies auf die Entwicklung der Gesellschaft und auf die Erfahrung des einzelnen Menschen hat.
Bei diesen Betrachtungen wird deutlich, dass der Wirklichkeitsbegriff sich nicht auf eine feststehende und allgemeingültige Entität bezieht, da es diese in ihrer Absolutheit und Allgemeingültigkeit gar nicht gibt. Sowohl subjektive Bewusstseinszustände als auch kollektive Beschreibungen der Wirklichkeit können völlig unterschiedliche Welten hervorbringen. Insofern muss man den Wirklichkeitsbegriff auf seine ursprüngliche Wortbedeutung zurückführen: Wirklichkeit ist das, was wirkt und damit unsere Welt bestimmt. Dieser Wortsinn weist auf eine Vielschichtigkeit von Realität hin und lässt zu, dass sich Wirklichkeiten ändern können.
Mit den Augen einer Libelle schauen
Bei aller Vielschichtigkeit von Bewusstseinszuständen, die unser Erleben einfärben, gibt es nicht doch eine feststehende, materielle Welt um uns herum? Ist ein Tisch nicht ein Tisch und ein Baum nicht ein Baum, unabhängig davon, aus welchem Bewusstseinszustand wir ihn gerade betrachten? Sieht nicht jeder Mensch den gleichen blauen Himmel über sich und die gleiche bunte Blumenwiese, auf der er steht?
Ja, es gibt eine gewisse kollektive Verlässlichkeit unserer Erfahrung, wenn wir als Menschen unsere sinnliche Wahrnehmung vergleichen. Wahrscheinlich sieht eine Gruppe von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen den Himmel tatsächlich in der Farbe Blau und die Blumenwiese dagegen bunt. Natürlich gibt es hier bereits Abweichungen, da manche Menschen nur schwer Braun- und Grüntöne differenzieren können. Aber diese Abweichungen werden kollektiv als Fehlentwicklung ihrer Wahrnehmungsorgane abgetan, sodass sie die kollektive Sichtweise einer feststehenden materiellen Welt nicht infrage stellen.
Wenn wir uns aber jetzt vergegenwärtigen, dass das menschliche Auge nur einen sehr kleinen Bereich der elektromagnetischen Wellen – wir nennen ihn »Licht« – aufnehmen und ans Gehirn weiterleiten kann, das wiederum aus den Sinnesreizen eine farbige Welt konstruiert, dann wird deutlich, dass die Art, wie wir die Welt sehend erfahren, eine menschliche Konstruktion von Auge und Gehirn ist. Infrarotstrahlungen, UV-Strahlen, Röntgenstrahlen und viele andere niedere oder hohe Wellenbereiche des Lichts werden nicht dargestellt. Wie würde die Welt wohl aussehen, wenn wir diese Strahlungsbereiche auch sehen könnten?
Wie sieht beispielsweise eine Libelle mit ihren Facettenaugen die Welt? Ein Facettenauge einer Libelle besteht aus bis zu 30.000 Einzelaugen. Sie sieht also gar nicht eine einzige Welt, sondern unzählig viele. Wir können eine Ahnung davon bekommen, wie die Libelle die Welt sieht, wenn wir einen Blick in ein Kaleidoskop werfen. Hier fächert sich das Sehfeld durch eine Anordnung von mehreren Spiegeln auf und es entsteht eine vielschichtige, aufgelöste und faszinierende »Spektralwelt«. Allerdings besteht diese nur aus wenigen Spiegelfeldern und nicht aus 30.000.
Oder betrachten wir die Sinnesorgane einer Fledermaus. Hört sie nicht den Ultraschallbereich, der unseren Ohren verschlossen bleibt? Auf der anderen Seite können ihre Augen nur Schwarz-Weiß sehen, aber wiederum die UV-Strahlen erkennen. Sie verfügt sogar über einen Magnetsinn, der ihr hilft, ähnlich wie bei Zugvögeln die Orientierung zu behalten.
Man kann sich kaum vorstellen, wie eine Libelle oder eine Fledermaus die Welt konstruiert und damit erfährt, aber wir können sicher sein, dass Menschen und Tiere die Welt, in der sie leben, so unterschiedlich beschreiben würden, dass wir nicht auf die Idee kämen, dass sie den gleichen Planeten bewohnen. Das bedeutet nicht weniger, als dass es keine äußere feststehende Welt gibt, sondern nur innere Konstrukte der Welt, abhängig vom jeweiligen Lebewesen und seinen Wahrnehmungsorganen und seiner Art, die Wahrnehmungsreize zu verarbeiten.
Doch die Unterschiedlichkeit der Welten, in denen Lebewesen leben, endet nicht mit der Wahrnehmung, also der inneren Konstruktion einer äußeren Welt. Sie geht weit über die Wahrnehmung hinaus, da das Lebewesen mit seiner Art zu leben diese Welt, in der es lebt, mitgestaltet. So ist ein lebendiges Geschöpf nicht nur »Empfänger« einer äußeren Welt, sondern erschafft diese auf zweifache Weise: zum einen durch seine individuelle Art der sinnlichen Konstruktion, zum anderen aber durch sein Handeln, also seine Art, sich aktiv auf die von ihm konstruierte Welt zu beziehen.
Nehmen wir zum Beispiel einen Frosch, der als Amphibie perfekt an das Leben im Teich angepasst ist. Seine Sinne helfen ihm, das Leben im Teich zu meistern, Feinde durch kleinste Erschütterungen wahrzunehmen und Beute, wie zum Beispiel Fliegen, im Flug zu erkennen. Der Frosch ist aber nicht nur Wahrnehmender, sondern gleichzeitig auch »Gestalter«. Er prägt durch sein Leben das Milieu im Froschteich mit und wird so auch der Mitschöpfer der Welt, in der er lebt.
Beim Menschen können wir besonders deutlich erkennen, wie stark er seine Welt, in der er lebt, miterschafft. Nehmen wir zum Beispiel seine Fähigkeit, ein bestimmtes Spektrum an Schallwellen zu hören. Innerhalb dieses Spektrums kann er Töne in seinem Erleben konstruieren und damit auf seine spezifisch menschliche Weise erfahren, sprich hören. Dabei bleibt es aber nicht. Er hört diese Töne nicht nur als empfangendes Wesen, er erschafft sie auch. Durch seine Fähigkeit, zu hören, konnte er die sprachliche Kommunikation entwickeln und perfektionieren. Und, was vielleicht noch erstaunlicher ist, er hat Musikinstrumente erschaffen, mit denen er in diesem Hörspektrum Töne und sogar komplexe Symphonien erzeugen kann, die es vorher auf dieser Erde nicht gab. So erschafft der Mensch durch seine Art der Wahrnehmung und seine Art zu leben eine ganz eigene Welt, von der ein Tier, das nicht hören kann, ausgeschlossen ist.
Wie stark der Mensch seine Welt selbst erschafft, können wir daran ermessen, dass Geologen inzwischen davon ausgehen, dass wir erdgeschichtlich in ein neues Zeitalter eingetreten sind, in dem der Mensch das Antlitz der Erde, also die natürliche Beschaffenheit der Oberfläche der Erde, unwiederbringlich verändert hat. Diese Tatsache ist natürlich erschreckend, da sich der Mensch mit seiner ungeheuer mächtigen Gestaltkraft von allen anderen Lebewesen auf der Erde unterscheidet und wir nicht wissen, ob sich der Mensch nicht dadurch langfristig seiner eigenen Lebensgrundlage beraubt. Nichtsdestotrotz ist die grundsätzliche Dynamik, dass jedes Lebewesen die Welt, die es mit seinen Sinnen erfährt, schöpferisch mitgestaltet, dagegen ein natürlicher Prozess.
Nur eine Welt?
Jedes Lebewesen ist also Empfänger und Schöpfer in einem. Wobei man sich auch das Empfangen nicht als passives Abbilden einer äußeren Realität vorstellen darf, sondern als eine aktive Konstruktion, die Sinnesreize zu einer individuellen Erfahrung verdichtet. Dieser Vorgang findet vollkommen automatisch und unbewusst statt, sodass wir die Welt, die wir konstruieren, nicht mehr hinterfragen und wir selbstverständlich davon ausgehen, dass es nur diese eine Welt gibt, die wir erfahren. Oder anders gesagt: dass alle Lebewesen in einer Welt leben – nämlich der unseren – und sie genauso erfahren wie wir selbst. Welch ungeheure Fehleinschätzung!
Diese Grundannahme stimmt nicht einmal, wenn wir im menschlichen Bereich bleiben. Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen aufeinandertreffen, wird es manchmal geradezu offensichtlich, dass sie aus verschiedenen »Welten« stammen. Die Folge sind eklatante Missverständnisse, die zu Irritation, Befremdung und Ablehnung führen können.
Wenn zum Beispiel ein deutscher Mann in Ägypten höflich die Frau des Gastgebers grüßt und sie dabei anschaut, ist dies im deutschen Verständnis ein Ausdruck von Höflichkeit und eine Selbstverständlichkeit. In der ägyptischen Kultur jedoch ist diese Handlung eine außerordentliche Respektlosigkeit. Umgekehrt, wenn eine ägyptische Frau einen deutschen guten Bekannten auf der Straße keines Blickes würdigt, ist dies im Sittenkodex der arabischen Welt ein Ausdruck von Respekt, für den Bekannten aus einem europäischen Kulturkreis kommend allerdings das Gegenteil.
Manchmal genügt bereits eine bestimmte Art des Humors, um die Kluft zwischen den kulturellen Welten sichtbar werden zu lassen. Was für den einen ein Witz ist, kann für einen anderen Menschen aus einer anderen Gesellschaft eine Peinlichkeit oder sogar eine Beleidigung darstellen. Natürlich sind kulturelle Schranken nicht unüberwindbar, aber um ein echtes Verständnis füreinander zu bekommen, müssen wir zunächst die Unterschiedlichkeit der Welten, aus denen wir kommen, anerkennen. Das bedeutet, dass wir uns bewusst machen, dass uns der Kulturkreis, in dem wir leben, tiefer prägt, als wir uns das normalerweise eingestehen.
Besonders in unserer westlichen Gesellschaft sehen wir uns selbst als aufgeklärt, modern und weltoffen. Damit einher geht das Gefühl, anderen Kulturkreisen überlegen zu sein. Gleichzeitig übersehen wir völlig, dass wir ein Kind dieser Kultur sind und damit unsere Sicht- und Lebensweise stark von der westlichen Gesellschaft geprägt wird. Wir sind daher in unseren Meinungen und Verhaltensweisen genauso wenig unabhängig und frei wie Menschen in anderen Kulturen. Unsere sogenannte Weltoffenheit kommt sehr schnell an ihre Grenzen, wenn wir mit für uns unverständlichen Lebensformen anderer Kulturen konfrontiert werden und diese als gleichwertig akzeptieren sollen.
Doch auch innerhalb einer Kultur leben Menschen in unterschiedlichen Welten. Lebt ein Mensch, der in sich tiefe Ängste hat, und dessen Grundgefühl das der Bedrohung ist, in der gleichen Welt wie ein Mensch mit einem großen Vertrauen ins Leben? Mit Sicherheit nicht. Eine Person mit Grundängsten wird auf allen Ebenen mehr mit Absicherung beschäftigt sein als mit Lebenslust. Das wird ihre Sichtweisen genauso prägen wie ihre Gefühle und Verhaltensweisen. Vielleicht verhält sie sich in Kontakten vorsichtig, geht bei Entscheidungen keine Risiken ein, bleibt im vertrauten Rahmen der Tradition, fährt immer wieder an den gleichen Urlaubsort und ist allem Neuem oder Fremdem gegenüber skeptisch. Ein lebensverändernder Schritt kann für eine ängstliche Person eine ungeheure Herausforderung darstellen, die sie mit tiefen Ängsten konfrontiert und an den Rand der Erschöpfung bringt.
Ganz anders verhält sich da ein Mensch mit Grundvertrauen. Neues wird als belebend erfahren und entsprechend gesucht. Das bekannte und vertraute Terrain kann hinterfragt und erweitert oder zurückgelassen werden. Ein Mensch mit Grundvertrauen hat eine Freiheit und eine Abenteuerlust, von der eine Person mit Ängsten nur träumen kann.
Man könnte jetzt denken, dass eine ängstliche Person auf die Freiheit eines Menschen mit großem Vertrauen neidisch ist. Doch das ist ein Irrtum. Im Gegenteil kann sie ein risikobereites Handeln unverständlich oder sogar erschreckend finden. Eine ängstliche Person sucht nämlich zuinnerst Sicherheit und nicht Freiheit. Man kann sich vorstellen, dass Menschen, die in derart unterschiedlichen Welten leben und so widersprüchliche Sehnsüchte haben wie den Wunsch nach Sicherheit, bzw. Freiheit und Abenteuer, sich manchmal begegnen wie Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen – mit großem Unverständnis füreinander. »Wie kann man nur immer an den gleichen Urlaubsort fahren?«, fragt sich da die eine Person und die andere schüttelt den Kopf bei dem Gedanken, »wie man sich nur so damit ›stressen‹ kann, ständig neue Dinge auszuprobieren«.
Wie unterschiedlich diese beiden Welten tatsächlich sind, kann man nur ermessen, wenn man begreift, dass auch die Wahrnehmung der Menschen unmittelbar betroffen ist. Unsere Wahrnehmungsorgane sind eben keine neutralen »Empfangsgeräte«, sondern verarbeiten die äußeren Sinnesreize in Abhängigkeit zu unserer inneren Verfassung. Wenn eine Person chronisch in einer Welt der Angst und der Bedrohung lebt, »schärfen« sich ihre Sinne und bilden daher eine ganz andere Welt ab als bei einem Menschen mit Grundvertrauen. Die innere Haltung, »immer auf der Hut zu sein«, führt zu einer generellen Anspannung und einer Überbetonung der äußeren Wahrnehmungsorgane.
In der Anspannung arbeiten unsere Sinnesorgane anders als in der Entspannung. Wir kennen dieses Phänomen partiell alle: Bei Gefahr fahren wir unsere »Antennen« aus und werden hochsensibel für äußere Reize, die uns schaden könnten. In diesem »angespannten Schauen und Hören« können uns kleinste Reize in Alarm versetzen, die wir in einem entspannten Grundzustand kaum wahrnehmen würden. Gleichzeitig ist hier die Wahrnehmung nach innen – also das Spüren des Körpers und das Fühlen – deutlich eingeschränkt. Ein angespannter Zustand ist also anstrengend und führt zusätzlich zu einer Überaktivität unserer äußeren Sinne, sodass wir überempfindlich auf äußere Reize reagieren und entsprechend eine reizarme – also vertraute – Umgebung suchen.
Gleichzeitig nimmt im akuten, aber genauso im chronischen Zustand der Bedrohung die Fähigkeit zum Genießen ab. Genießen können wir nur in der Entspannung und durch innere Muße. Hier beginnen wir die Dinge von innen her zu spüren und unsere Sinne öffnen sich für eine Feinheit und Unmittelbarkeit, die uns im Zustand einer Überschärfe durch Gefahr nicht zugänglich ist. Da aber ein Mensch mit Grundängsten nur in einer vertrauten Umgebung einigermaßen entspannen kann, ist es nicht verwunderlich, dass jede neue Situation als anstrengend empfunden und vermieden wird.
Der ängstliche Mensch erfährt also tatsächlich eine andere Welt als ein Mensch mit Grundvertrauen. Beide Menschen konstruieren ihre Sinneserfahrung entsprechend ihrer Grundhaltung und erschaffen durch ihr Verhalten aktiv das Milieu ihrer Umwelt mit. Man kann daher durchaus davon sprechen, dass sie in unterschiedlichen Welten leben, genauso wie zwei Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen oder wie eine Fledermaus und ein Mensch. Die weitverbreitete Vorstellung, dass alle Wesen in einer Welt leben, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Trugbild.
Die Schlüsselrolle des Bewusstseins
Wenn wir uns jetzt noch vor Augen führen, dass auch der einzelne Mensch in verschiedenen Bewusstseinszuständen und damit inneren Welten zu Hause ist, dann zerfällt die gängige Idee einer einzigen Welt, die unsere Wirklichkeit ausmacht, vollständig. So kann ich mir gut vorstellen, dass manche Leserin oder mancher Leser bei der Lektüre dieses Kapitels das Gefühl hat, schwindelig und zunehmend unsichererer und verwirrter zu werden. Diese Reaktion wäre durchaus berechtigt und sehr natürlich. Schließlich ist es in diesem Kapitel meine Absicht, den Schleier der gewohnten und allgemeingültigen Wirklichkeit, die uns eine kohärente, äußere Welt vorgaukelt, zu lüften. Ja, sogar die gängige Vorstellung, dass wir selbst eine einheitliche Person sind, wird hinterfragt. Damit rüttle ich an dem Grundgerüst, auf dem das persönliche und gesellschaftliche Leben aufgebaut ist.
Wenn uns daher diese Betrachtungen verwirren oder verunsichern, können wir sicher sein, dass wir über den Schleier einer gewohnten einheitlichen Wirklichkeit hinausgetreten sind und dort einer neuen, vielschichtigen und vor allem lebendigen Wirklichkeit begegnen. Hier sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, nämlich als in sich bestehende, unabhängige Entitäten. Vielmehr wird uns zunehmend bewusst, dass die äußere Welt nicht unabhängig von der betrachtenden Person existiert und es damit keine allgemeingültige Erfahrung einer äußeren Welt gibt, sondern nur unendlich viele Betrachtungsperspektiven.
Wenn wir uns jetzt im nächsten Schritt bewusst machen, dass auch der sogenannte Betrachter keine unabhängige Gegebenheit ist, sondern wiederum von der Betrachtungsperspektive, also dem jeweiligen Bewusstseinszustand, abhängt, verlassen wir endgültig die Vorstellung einer verlässlichen äußeren und inneren Welt. Was bleibt, ist eine vielschichtige Realität der totalen Bezogenheit und vor allem eine Wirklichkeit, die sich in jedem Augenblick verändern kann. Oder anders gesagt, die nicht feststeht. Es genügt, dass die betrachtende Person einen anderen Bewusstseinszustand einnimmt und damit eine andere Perspektive, schon gerät die Welt in Bewegung und zeigt neue Facetten. Wie beim Blick durch ein Kaleidoskop, bei dem die geringste Bewegung des Betrachters neue Farbspiele erzeugt, so kann uns eine neue Betrachtungsweise die Welt, einschließlich unserer selbst, in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.
Ist das nicht gespenstisch und ein wenig verrückt? Ja, im eigentlichen Wortsinn ist es »ver-rückt«, denn unsere übliche Sicht einer äußeren statischen Welt, in der eine klare Ordnung herrscht, wird hier erschüttert. Das bedeutet aber nicht, dass wir im psychiatrischen Sinne verrückt werden und damit nicht mehr alltagstauglich leben können, sondern dass wir die Möglichkeit bekommen, durch den Schleier der gewohnten Wirklichkeitsperspektive hindurchzuschauen und uns damit befassen können, wie Wirklichkeit – oder besser Wirklichkeitsperspektiven – entstehen.
Unser Blick geht dabei vom äußeren Schein der Dinge weg und wendet sich immer mehr nach innen. Wir fragen uns, was in unserem Geist geschieht, dass bestimmte äußere Erfahrungen zutage treten. Was ist der Grund dafür, dass sich innere Perspektiven und damit einhergehend die äußere Weltsicht verändern? Welche Bedeutung haben dabei Bewusstseinszustände und können wir diese für unser Leben nutzbar machen?
All diese Fragen führen uns von der Oberfläche des Lebens zum Hintergrund des Bewusstseins, aus dem heraus sich unsere Erfahrungen bilden. Denn zuinnerst und zuerst steht hinter allen äußeren und inneren Erfahrungen das Bewusstsein als der Erfahrungsraum, in dem sich unterschiedlichste Erfahrungsdimensionen abbilden. Das Bewusstsein ist das Subjekt, in dem sich alle Phänomene spiegeln. Sogar die Erfahrung der eigenen Person, die in einem Körper erscheint, ist nichts weiter als ein Objekt im Spiegel des Bewusstseins.
Kein Objekt, keine Erfahrung, kann unabhängig vom Subjekt in Erscheinung treten, da es ein Objekt ohne Subjekt nicht gibt. Daher ist für das jeweilige Zustandekommen einer Erfahrung entscheidend, welche Perspektive das Subjekt einnimmt und welche Beschaffenheit es hat. Oder anders gesagt: Auf was richtet sich unser Bewusstsein und wie ist es gerade beschaffen? Diese Frage steht am Anfang aller Erfahrungen und entscheidet letztlich darüber, wie wir das Leben konstruieren.
Um die Bedeutung dieser Frage anschaulich zu machen, kann es helfen, sich mit Fotografie zu befassen. Fotografieren ist die Technik, Objekte in der äußeren Welt abzulichten. Jede Fotografin weiß aber, dass das jeweilige Bild in Abhängigkeit zum Subjekt der Fotografin und zur Beschaffenheit der Linse ihres Fotoapparats entsteht. Was bewegt die Fotografin gerade? Was sieht sie? Welchen Fokus auf das Objekt nimmt sie dadurch ein? Welchen Bildausschnitt wählt sie? Wie stellt sie die Brennweite und die Schärfe der Linse ein? Wenn wir den Fotoapparat als Verlängerung des Bewusstseins und der Wahrnehmungsorgane einer Fotografin betrachten, dann ist das jeweilige Bild eben nicht nur ein Produkt des Blickwinkels, den die Fotografin einnimmt, sondern auch der Beschaffenheit ihres Bewusstseins.
Jedes Foto weist uns damit auf das im Hintergrund stehende Bewusstsein der Fotografin hin, aus dessen Beschaffenheit heraus das Bild entstanden ist. Sichtbar ist aber zunächst nur das Foto, nicht das Subjekt, das es geschaffen hat. Genauso wenig, wie wir unser eigenes Bewusstsein wahrnehmen, wenn wir ein Foto anschauen. Und doch gibt es die Erfahrung des Fotos ohne unser Bewusstsein und ohne das Bewusstsein der Fotografin nicht.
Wenn wir diese Welt und unser menschliches Leben tiefer begreifen wollen, dann ist es unumgänglich, dass wir in den Blick nehmen, was hinter allen Dingen steht: das Bewusstsein und seine Beschaffenheit. Es ist der Kristallisationspunkt, aus dem heraus verschiedene Welten nebeneinander und ineinander in Erscheinung treten. Nur wenn wir diese grundlegende Dynamik und ihre Gesetzmäßigkeiten tiefer begreifen, werden wir das Wunder der Schöpfung nochmals neu erfassen und lernen, kreativ als Mensch darin zu leben.
In den nun folgenden Kapiteln werde ich die drei grundlegenden Bewusstseinszustände und ihre Gesetzmäßigkeiten darstellen – die äußere Welt der Alltagsrealität, die innere Welt der Seelischen Realität und unser Innerstes, die Absolute Realität.
Kapitel 2
Die äußere Wirklichkeit – die Alltagsrealität
Die Wirklichkeit, oder die Welt, wie wir sie alle kennen, ist nur eine Beschreibung. Sie ist ein endloser Strom von Interpretationen von Sinneswahrnehmungen, die wir, die Einzelnen, die eine besondere Gruppenzugehörigkeit teilen, übereinstimmend zu deuten gelernt haben.
Carlos Castaneda
Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn ein Mensch, der im Urwald aufgewachsen und nie der Zivilisation begegnet ist, plötzlich in eine moderne Großstadt kommen würde. Die meisten Vorgänge, die das Leben eines modernen Menschen ausmachen, wären ihm wahrscheinlich fremd und unverständlich.
Ein Urwaldbewohner kennt keine Gehsteige und keine Fahrbahn. Er weiß nichts vom Sinn der Ampeln und wird Autos für gefährliche, unberechenbare Ungetüme halten. Da er die Regeln nicht kennt, nach denen sich das Leben auf der Straße organisiert, wird für ihn eine Stadt mit ihrem Verkehr gefährlicher sein als ein undurchdringlicher Dschungel mit wilden Tieren.
Doch er wird nicht nur mit seiner Sicherheit beschäftigt sein, sondern er wird sich auch fragen, welchen Sinn diese ganze Geschäftigkeit hat? Menschen eilen in alle Richtungen, verschwinden in Eingängen, die sich öffnen und schließen lassen, oder in einem dieser fahrbaren Ungetüme. Manche Menschen sprechen in ein kleines Kästchen, das sie sich ans Ohr halten. Andere sitzen auf bequemen Bänken und halten weiße große seltsame Blätter in den Händen, in die sie vertieft sind. Was tun all diese Leute?
Die nächste Frage, die unseren Urwaldmenschen beschäftigt, ist wahrscheinlich die, wie man hier Essen findet. Nirgends scheint es hier Früchte zu geben oder Tiere, die man jagen könnte. Und doch sind alle Menschen gut genährt. Vielleicht entdeckt er mit der Zeit, dass Einzelne aus einem dieser Eingänge kommen und dabei etwas in der Hand halten, das sie essen. Neugierig tritt er näher und schaut durch eine große, glatte, durchsichtige Wasserscheibe. Drinnen liegen sauber geordnet verschieden geformte kleine hellbraune Zapfen, welche anscheinend essbar sind. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen von Menschen, die diese Zapfen abholen und im Gegenzug kleine flache Steine und eine Art farbige Blätter dalassen. Ein Tauschhandel?
Um herauszufinden, was all diese geschäftigen Menschen machen, wagt er es irgendwann, in einen der Eingänge zu gehen und landet in einem Großraumbüro. Ein Büro mit seinen Computern, Akten und Telefonen ist wahrscheinlich für einen Urwaldmenschen der Gipfel der Abstraktion und der Unverständlichkeit. Hier gibt es keine direkte, unmittelbare Tätigkeit, die sich einem unbedarften Beobachter als natürliche Arbeit erschließen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Urwaldmensch es schaffen könnte, von alleine den Sinn hinter all dieser Geschäftigkeit herauszufinden.
Eine Welt der Abstraktion
Die vielleicht gewöhnlichste und uns am vertrautesten erscheinende Bewusstseinsebene ist die sogenannte Alltagsrealität. Sie prägt und bestimmt unser normales alltägliches Leben, in dem wir als klar definierte Person in einem sozialen Gefüge agieren. Dabei beziehen wir uns unbewusst auf unzählige Abstraktionen, Konzepte, Regeln, Vereinbarungen, Handlungsabläufe und Hilfsmuster, die uns genauso selbstverständlich erscheinen wie Atmen, Trinken und Schlafen.
Doch auch wenn es zu unserer zweiten Natur geworden ist, in abstrakten Dimensionen zu denken und zu handeln, ist diese Welt rein menschengemacht und damit sekundär. Sekundär bedeutet in diesem Zusammenhang, dass auf dieser Ebene kaum mehr unmittelbare Erfahrungen eine Rolle spielen. Im Gegenteil, unmittelbare Erfahrungen werden hier abstrahiert und organisiert.
Wenn wir zum Beispiel einen Geldschein dazu benutzen, um eine Ware einzukaufen, dann beinhaltet dieser Vorgang implizit ein Bündel an Abstraktionen. Ein Geldschein hat keinen unmittelbaren Wert. Er ist ein bedrucktes Stück Papier, nichts weiter. Erst durch die Überzeugung, dass er einen bestimmten Wert besitzt, erhält der Geldschein seinen Wert. Man könnte also sagen, dass wir selbst den Geldschein durch unsere Gedanken »aufladen«. Aber natürlich genügt unsere Überzeugung alleine nicht. Erst wenn ganz viele Menschen den Geldschein mit der gleichen Überzeugung von Wert »aufladen«, lässt sich mit diesem Stück Papier etwas einkaufen.
Dabei gibt es noch viele andere Abstraktionen und Überzeugungen, die den Geldschein erst möglich machen. Zum Beispiel müssen wir die Existenz eines Staates anerkennen, der den Geldschein druckt und an alle Bürgerinnen ausgibt. Ein Staat ist jedoch genauso eine gedankliche Konstruktion wie ein Geldschein. Erst wenn wir an bestimmte Grenzen glauben, entsteht ein Staatsgebiet. Erst durch bestimmte Definitionen entstehen Staatsbürgerinnen. Und schließlich hat eine Organisationseinheit wie eine Regierung oder ein Parlament erst dann die Macht, Regeln aufzustellen und das Leben zum Beispiel mithilfe von Geldscheinen zu organisieren, wenn Bürgerinnen diese Vorgänge anerkennen.
Je genauer wir das alltägliche Leben betrachten, werden wir entdecken, dass es durchsetzt ist von Abstraktionen und Gedankenkonstrukten, die uns helfen, das soziale Leben zu organisieren und zu meistern. Betrachten wir nur allein die Sprache, die es uns ermöglicht, äußerst differenziert den Kontakt zwischen Einzelwesen und Gemeinschaften zu regeln und Verständigung zu bewirken. Dabei beinhaltet die heutige Sprache des Menschen eine ungeheure Abstraktionsleistung. Ursprünglich war die Sprache für den Menschen, wie für viele Tiere, eine unmittelbare Gestaltform. Da wurden Stimmungen in Lauten ausgedrückt: Freude, Wut, Zärtlichkeit oder Angst lassen typische Laute entstehen. Noch heute finden sich in vielen Worten rudimentäre Hinweise auf die ursprüngliche Erfahrungsdimension, aus denen Worte entstanden sind.
Doch im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich Worte immer mehr verselbstständigt, abstrahiert und differenziert. Je mehr sich Sprache verselbstständigt und von der ursprünglichen Erfahrung entfernt, wird sie zu einer eigenen Wirklichkeit, die das Leben der Menschen nicht nur symbolisch beschreibt, sondern mindestens genauso auch prägt. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn ich sage, dass der moderne Mensch oft mehr in der Welt von Gedanken und der dazugehörigen Sprache lebt als in unmittelbaren Empfindungen.
Dabei ist eine Sprache weit mehr als eine symbolhafte Beschreibung von erfahrbarer Wirklichkeit, denn je mehr sich eine Sprache differenziert, desto mehr kreiert sie eine eigene, vorgestellte Welt mit abstrakten Begriffen. Gibt es wirklich den Euro, gibt es Deutschland oder die EU? Gibt es das Amt einer Bundeskanzlerin und was sind Steuern? An diesen Beispielen sieht man sehr deutlich, dass Gedanken und Sprache mehr sind als nur symbolhafte Beschreibungen von Wirklichkeit. Sie erschaffen Wirklichkeit. Je mehr wir Gedankenwirklichkeiten erzeugen und daran glauben, entstehen dadurch neue Realitäten, die auf die Entwicklung der ganzen Gesellschaft und des einzelnen Menschen zurückwirken.
Selbst wenn eine Person dann beschließen sollte, nicht mehr an die Realität von Euros oder bestimmten Gesetzen zu glauben, wird sie sich nicht so leicht entziehen können, da die kollektive Überzeugung gesellschaftlich genauso real auf uns einwirkt wie unmittelbare Erfahrungen von zum Beispiel Hitze oder Kälte. Tatsächlich werden wir sogar sanktioniert oder zumindest nicht mehr unterstützt, wenn wir kollektiven Gedankenrealitäten nicht entsprechen. Wenn wir zum Beispiel Euros und den Staat als Gedankenkonstrukt entlarven, um dann zu beschließen, keine Steuern mehr zu zahlen, würden wir sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten bekommen.
Noch eines sollten wir uns vergegenwärtigen: Viele Gedanken und Konzepte sind keineswegs neutral oder objektiv, genauso wenig wie die Sprache als symbolhafte Beschreibung der Wirklichkeit. Bereits am Beispiel einer Landkarte, die bei einer Wanderung sehr hilfreich sein kann, sehen wir, dass ihre bildhafte Ausformung eine Bewertung beinhaltet, ja sogar beinhalten muss. Je nachdem, ob es eine Landkarte für Wanderer, Radfahrerinnen oder Autofahrer ist, werden bestimmte Wege und Merkmale herausgestellt und andere bewusst vernachlässigt oder im Hintergrund dargestellt.
Es gibt keine neutrale Landkarte, sonst müssten wir auf jede Form der Abstraktion verzichten und die Landschaft eins zu eins abfotografieren. Doch selbst eine solche Landkarte wäre das Produkt einer festgelegten Vogelperspektive und damit keineswegs objektiv. Genauso gibt es keine neutrale Beschreibung der Wirklichkeit. Jedes Wort, jede Abstraktion beinhaltet immer auch Meinungen und Bewertungen, die implizit auf uns einwirken.
Wenn wir zum Beispiel Worte benutzen wie »Frau« oder »Mann«, um einen Menschen zu charakterisieren, dann scheint das eine objektive Beschreibung zu sein. In Wirklichkeit beinhalten diese Begriffe bereits ein Bündel an kollektiven Zuschreibungen und Wertungen, die selbstwirksam sind und auf jede Frau und jeden Mann einwirken. Wenn man sich zum Beispiel als »Frau« in Deutschland auf eine Stelle bewirbt, hat man in Summe weniger Chancen und wird schlechter bezahlt. Auch an diesem Beispiel kann man sehen, wie stark Gedankenrealitäten unser konkretes alltägliches Leben steuern und prägen.
Wie wir eine äußere Wirklichkeit erschaffen
Ist uns das bewusst? Meistens nicht. Wir beziehen uns im Alltag auf Beschreibungen wie »Mann« oder »Frau« und glauben, uns damit ganz nah an der »Wirklichkeit« zu bewegen, ohne dass wir uns darüber im Klaren sind, wie wir mit diesen Begriffen »Wirklichkeit« kreieren. Meistens sind wir davon überzeugt, dass wir die Dinge korrekt und neutral – also objektiv – sehen und merken nicht, dass wir uns in der Regel nur auf bestimmte Zuschreibungen beziehen. Die unmittelbare Erfahrung von Objekten wird dabei typischerweise ausgeblendet oder tritt in den Hintergrund.
Wenn wir zum Beispiel im Alltagsbewusstsein auf eine Vase schauen, erfahren wir sie normalerweise aus dem Blickwinkel ihrer Funktion oder ihrer Gefälligkeit. Beide Kategorien – die Funktionalität und die ästhetische Bewertung – sind gedankliche Zuschreibungen, die uns die unmittelbare Sicht verstellen. Daher sehen wir im Alltagsbewusstsein nicht die Dinge, so wie sie in unserer unmittelbaren Erfahrung auftauchen, sondern wir sehen die Dinge aus der Perspektive der Funktionalität und überlagern sie mit Zuschreibungen und Bedeutungen, die wir ihnen unbewusst geben.
Das macht für das alltägliche Leben einen großen Sinn, da die Dinge für uns dann handhabbar werden. Wir wissen um die Funktion einer Vase und können sie benützen. Wir erkennen in einem Menschen eine »Kollegin« und können uns entsprechend im Kontakt angemessen verhalten. So begegnen wir nicht den Dingen selbst, sondern betrachten jeden Gegenstand, jede Erfahrung und jedes lebendige Wesen in ihrem Kontext, ihrer Funktionalität und der Bedeutung, die sich daraus ergibt. Aus diesem Grund wird die Alltagsrealität auch als »äußere Wirklichkeit« bezeichnet. Sie ist eine Perspektive, bei der wir von außen auf die Dinge schauen und diese Abstraktion eine gewisse Objektivierung erlaubt. Aus diesem Abstand heraus lassen sich die Dinge und Situationen handhaben und entsprechend ihrer Funktion sinnvoll gestalten.
Doch ist es wirklich objektiv, wenn wir eine Vase als Gefäß für Blumen erkennen? Ist es »real«, wenn wir einen Menschen als »von uns unabhängiges Wesen« behandeln? Oder sind dies nur geistige Reflexionen bestimmter Sichtweisen, die tief in uns verankert sind und uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden?
Dabei sind diese Zuschreibungen, die wir den Situationen und Objekten überstülpen, weit mehr als persönliche Wertungen und Vorstellungen. Tatsächlich sind viele davon kollektive Deutungsmuster, durch die wir die Welt wie durch eine generalisierte Brille sehen. Eine Vase wird in dieser Kultur von allen Menschen als Gefäß für Blumen erkannt und benützt, und die kollektive Vorstellung eines Menschen beruht immer auf der Idee eines unabhängigen Wesens. Auf diese Weise werden die Deutungsmuster der Alltagsrealität zu einer kollektiven Hypnose. In der Transpersonalen Psychologie spricht man daher von der Alltagsrealität als »Konsensustrance«.
Dadurch, dass die meisten Zuschreibungen der Alltagsrealität kollektive Deutungsmuster sind, werden sie durch jede normale Handlung und jede alltägliche Konversation bestätigt. Die Vielschichtigkeit der inneren unmittelbaren Erfahrungen weicht dem Diktat einer oberflächlichen allgemeingültigen Zuschreibung, die uns eine Wirklichkeit vermittelt, die für alle gleich erscheint, da sie von den meisten Menschen auf die gleiche Weise gedeutet wird. So entsteht das Gefühl einer verlässlichen, objektiven Welt, in der wir alle leben und welche wir kollektiv auf die gleiche Weise wahrnehmen.
Doch erfahren wir wirklich eine Vase oder einen Menschen auf die gleiche Weise wie andere Personen, die diese Vase anfassen oder diesem Menschen begegnen? Oder schauen wir in der Regel nur gemeinsam durch die kollektive Brille bestimmter Interpretationsmuster, die uns die Illusion einer beständigen, äußeren Welt mit eindeutig definierten Objekten vorgaukelt? Je genauer wir die Erfahrung von einzelnen Menschen betrachten, desto vielschichtiger und individueller wird sie. Doch solange wir uns auf der Oberfläche einer kollektiven Alltagsdeutung bewegen, scheinen wir alle in der gleichen Welt zu leben.
Die Fähigkeit der Zusammenarbeit
In der gleichen Welt zu leben – oder anders gesagt: eine gemeinsame Welt zu konstruieren –, hat immense Vorteile für das soziale Zusammenleben. Wir können »Vase« sagen und wissen, was mit Vase gemeint ist. Unabhängig von der tatsächlichen individuellen Empfindung, die beim Einzelnen im Kontakt mit der Vase auftaucht, entsteht durch die kollektive Zuschreibung ein gemeinsames und verlässliches Objekt, das keiner Diskussion oder individuellen Abstimmung bedarf. Wir müssen das Objekt nicht jedes Mal neu definieren und kennen seine Funktion. So kann ich einem anderen zurufen: »Bitte bring mir mal die Vase.« Ohne weitere Erklärung und Diskussion weiß die andere Person, was gemeint ist und wird der Aufforderung nachkommen. Es entsteht eine gemeinsame Welt, die Interaktionen relativ reibungslos ermöglicht.
Die erkenntnistheoretische Frage: »Was ist eine Vase?« oder der präzise Blick durch die Lupe der Achtsamkeit mit der Frage: »Wie erfahre ich gerade diese Vase?« wird dabei ausgeblendet. Und das mit gutem Grund. Denn diese Fragen würden eine oberflächliche Interaktion zwischen Menschen sofort ins Stocken bringen. Das zeigt, worauf die Alltagsrealität ausgerichtet ist, nämlich nicht auf Erkenntnis, genaue Wahrnehmung oder etwa die Frage nach dem Glück, sondern einzig und allein auf Funktionalität.
Die zentrale Motivation, die sich im Erschaffen einer gemeinsamen Alltagswelt verbirgt, ist die Frage, wie wir uns als Menschheit im Leben zurechtfinden und überleben können. Nur dazu erschaffen wir in unserem Geist eine kollektive oberflächliche Wirklichkeit mit abgegrenzten, handhabbaren Objekten und verlässlichen funktionalen Zuschreibungen. Dabei ist Funktionalität keinesfalls eine oberflächliche Motivation, sondern entspringt dem Basisbedürfnis nach Sicherheit und Überleben. Zuallererst müssen und wollen wir als menschliche Rasse überleben, dann erst, wenn das gesichert ist, können wir uns um Erkenntnis, um individuelle Erfüllung und Glück oder die Frage nach dem Sinn kümmern. So ist es nur natürlich, dass der menschliche Geist schon von frühester Kindheit an darauf geeicht ist, kollektive Zuschreibungen sich anzueignen und sich in einer einheitlichen »Deutungswelt« zurechtzufinden.
Es ist eine ungeheure Denkleistung, die sich hier vollzieht und deren Ergebnis uns Menschen ermöglicht, sehr differenziert Objekte zu handhaben und dabei verschiedenste Produkte gemeinsam zu erschaffen und effektiv zusammenzuarbeiten. Dies reicht von der simplen Fertigkeit, gemeinsam einen Tisch zu decken, über die komplexe Zusammenarbeit in einer Firma bis hin zu der Fähigkeit eines Orchesters, gemeinsam eine Symphonie erklingen zu lassen. Ohne die Fähigkeit zu einer gemeinsamen Beschreibung der Welt, die sich in Sprache und der Definition von Objekten ausdrückt, wäre ein solch differenziertes und kunstvolles Zusammenwirken nicht möglich.
Für den Vorgang einer sozialen Zusammenarbeit hat daher das Erschaffen einer äußeren Welt voller unabhängiger, verlässlicher Objekte einen besonderen Stellenwert. Haben wir jemals infrage gestellt, dass die Realität aus konkreten Elementen besteht, die getrennt von uns existieren? Wahrscheinlich nicht. Und doch ist diese Perspektive keineswegs selbstverständlich. Nach allem, was wir wissen, erfährt sich ein Baby noch nicht als getrennt vom Umfeld und kann noch keine Dinge »erkennen«. Erst durch eine komplexe gedankliche Differenzierungsleistung, die sich über viele Monate der kindlichen Entwicklung hinzieht, entsteht die Fähigkeit, etwas als ein unabhängiges Objekt wahrzunehmen, um es dann im wahrsten Sinne des Wortes auch »be-handeln« zu können (siehe Kapitel 5: Wie die Welt entsteht).
Und schon wieder klingen diese Sätze nach einer vermeintlichen Objektivität, bei der es Dinge als verlässliche und solide »Bausteine der äußeren Welt« gibt. Tatsächlich ist dies aber eine geistige Konstruktion, also eine bestimmte Sicht auf die sogenannte »äußere Wirklichkeit«. Wir erschaffen eine äußere Welt, die sich aus vielen klar unterscheidbaren Objekten zusammensetzt und können uns dadurch innerhalb dieser soliden Welt bewegen und uns auf die einzelnen Elemente darin beziehen. So entsteht ein hohes Maß an Kontrolle, die es uns erlaubt, eine enorme Effektivität zu entwickeln.
Solide Objekte können wir bearbeiten und wir können uns darin organisieren. Je verlässlicher etwas wird, desto kontrollierbarer wird es. Es entstehen wiedererkennbare Muster und klare Strukturen, und unsere Fähigkeit, damit umzugehen, wird immer ausgefeilter und schließlich automatisiert. Nicht umsonst hat der Mensch mit seiner geistigen Fähigkeit zur »Objekt-ivierung« Kulturgüter wie Autos oder Symphonien geschaffen, die es vorher auf dieser Welt nicht gab.
Das macht deutlich, dass Produktivität und Effektivität letztlich keine individuellen Fähigkeiten sind, sondern ihre eigentliche Kraft erst im Zusammenwirken mit anderen Menschen entfalten, die sich auf die gleichen Objekte beziehen. So ist die Alltagsrealität nicht nur eine Welt der Funktionalität und der Effektivität, sie ist auch eine Welt der Verständigung. Ist es nicht wunderbar, wie Menschen ihre Erfahrungen teilen können? Ob in einem komplexen Produktionsprozess beim Herstellen eines Autos, beim Lesen eines Buches oder in einer lockeren Alltagsunterhaltung, überall wo Menschen zusammenwirken, geht dies nur durch die verbindende Kraft der Kommunikation.
Die Sprache des Menschen nimmt hier sicherlich eine Schlüsselstellung ein. Doch es wäre viel zu kurz gegriffen, nur auf die sprachliche Kompetenz des Menschen zu schauen. Es gibt viele andere Ebenen der Verständigung, die mit der Sprache zusammen erst eine kohärente objekthafte Beschreibung der Wirklichkeit möglich machen, auf die wir uns dann gemeinsam beziehen können. Denken wir an die Mathematik, an Körpersignale, an das Regelwerk im Straßenverkehr oder an ein Notenblatt. Der menschliche Geist hat eine ungeheure Fähigkeit, allgemeingültige vielschichtige Signale zu entwickeln und dadurch Verstehen und soziales Zusammenleben zu bewirken.
Dadurch, dass die menschliche Verständigung viel differenzierter und komplexer ist als bei Tieren oder Pflanzen, lässt dies eine enorme schöpferische Kreativität zu. Wenn sich zwei Wesen nur in immer gleichen Ritualen verständigen können, wie beim berühmten »Tanz der Bienen«, kann zwar Zusammenarbeit geschehen, aber kaum Entwicklung stattfinden. Erst in einer vielschichtigen, nicht festgelegten Kommunikation herrscht eine Freiheit, in der das soziale Miteinander weiterentwickelt werden kann und ganz neue, komplexere Arten des Zusammenwirkens entstehen können. In Hinblick auf die Fähigkeit der Kommunikation nimmt der Mensch sicherlich eine Ausnahmestellung in der Natur auf diesem Planeten ein.
Wie die Alltagsrealität uns begrenzt
So natürlich, notwendig und segensreich das Erschaffen einer gemeinsamen Alltagsrealität für das Überleben, für die Funktionalität, für die Verständigung und das Zusammenwirken ist, so bringt es gleichzeitig mehrere Schwierigkeiten mit sich, denn eine kollektive Deutung der Wirklichkeit birgt nicht nur Chancen, sondern beinhaltet auch Begrenzungen. Diese sind keineswegs individueller Natur, sondern betreffen jeden Menschen, da alle (gesunden) Menschen sich im Laufe ihres Lebens zunächst mit der Konsensustrance einer Alltagsrealität identifizieren.
Leider werden uns die Begrenzungen der Alltagsrealität und die damit einhergehenden Schwierigkeiten nicht vermittelt, sodass wir typischerweise zunächst denken, dass sie unser persönliches Problem sind, wenn wir darunter leiden. Hier könnte das Wissen um die verschiedenen Bewusstseinsebenen, so wie sie in diesem Buch dargestellt werden, sehr hilfreich sein. Wenn wir nämlich erkennen, dass eine Schwierigkeit nicht persönlicher Natur ist, sondern aus einer kollektiven Begrenzung entsteht, werden wir sie nicht mehr fälschlicherweise als persönliche Schwäche oder eigenes Versagen bewerten. So brauchen wir uns nicht mehr in Selbstzweifeln ergehen, sondern haben die Freiheit, uns auf eine kreative Weise mit der eigentlichen Begrenzung auseinanderzusetzen.
Selbstentfremdung
Was sind nun die wichtigsten Begrenzungen, die sich naturgemäß aus der Alltagsrealität ergeben? Erinnern wir uns noch mal an die Grundeigenschaften dieser gemeinsamen Wirklichkeit. Sie ist in erster Linie eine Welt der Abstraktion und der Beschreibung – also eine Gedankenwelt. Dadurch entstehen auf der einen Seite solide, »handhabbare«, von uns getrennte Objekte, aber gleichzeitig auch eine Welt der Trennung. Durch die Abstraktion, also das Heraustreten aus der unmittelbaren Erfahrung, erzeugen wir einen künstlichen Abstand zwischen uns als Subjekt und dem, was wir erfahren. Die Wirkung ist ganz automatisch ein Kontaktverlust. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung geht verloren und die gedankliche Zuschreibung bestimmt unser Erleben.
Nur selten ist es uns als erwachsene Person vergönnt, dass das Wunder und die Schönheit eines Vogelgesangs oder die Kostbarkeit einer menschlichen Begegnung durch den Filter unserer Gedankenwelt dringt und uns zuinnerst ergreift. Dabei ist das Wunder und die Schönheit des Lebens in jedem Augenblick anwesend, aber das Gefangensein in der abstrakten Welt unserer Gedanken schottet uns davon ab. Ist es da ein Wunder, dass uns das Leben irgendwann flach und langweilig erscheint? Dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens mit Selbstentfremdung und Sinnlosigkeit zu kämpfen haben?
All diese Gefühle sind ein folgerichtiger Ausdruck eines inneren Kontaktverlustes, der sich automatisch ergibt, wenn uns die Alltagsrealität bestimmt. Dabei können wir durchaus auf der Oberfläche unseres Lebens nach gängigen Maßstäben erfolgreich und »glücklich« sein. Trotzdem kann sich innerlich eine gähnende Leere breitmachen und sich zunehmend eine große Unzufriedenheit einstellen. Wenn uns eine solche Sinnkrise erfasst und längere Zeit in uns wirkt, wird dadurch viel Lebensenergie abgezogen und wir fühlen uns immer mehr beengt und erschöpft. Vielleicht versuchen wir zunächst, der Erschöpfung mit einem Urlaub oder mit einer Reise zu begegnen, oder wir suchen die Leere mit einem neuen Hobby zu füllen. Wenn das nichts hilft, kommt irgendwann der Moment, in dem wir unser ganzes Leben infrage stellen und nicht selten dabei bestehende Strukturen umwerfen und äußerlich völlig neue Weichen stellen.
Doch meist hilft auch diese Radikalkur nur kurzzeitig. Natürlich bewirkt eine Lebensveränderung wie eine neue Beziehung oder eine Berufsumstellung zunächst ein Aufbrechen der inneren Routine und damit wieder mehr Frische und unmittelbaren Kontakt. Aber die Wurzel der Problematik, aus der die Selbstentfremdung und die Sinnkrise entstanden sind, ist damit weder erkannt noch gelöst, sondern nur aufgeschoben.
Die eigentliche Ursache für unsere Sinnkrise liegt in einem zunehmenden Kontaktverlust, der sich aus unserem Verhaftetsein mit dem Reich der Gedanken ergibt. Solange wir nicht lernen, Gefühle wie Leere, Langeweile, Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit als Symptome einer zu starken Dominanz der Alltagsrealität zu deuten und gleichzeitig das Wissen und die Fähigkeit haben, bewusst andere Realitätsebenen aufzusuchen, sind wir dieser Dynamik weiter ausgeliefert.
Gleichgültigkeit
Doch nicht nur eine schleichende Sinnkrise ist die Folge des inneren Kontaktverlustes und der damit einhergehenden Selbstentfremdung. Auch unsere natürliche Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl werden eingeschränkt. Je stärker wir in eine funktionale Welt eintauchen, desto weniger sind wir in Kontakt mit unseren Gefühlen und unserem Herzen. Wir spüren uns selbst nicht mehr richtig und genauso stumpfen wir auch gegen die Belange von anderen ab.
Die Folge ist eine innere Neutralität, in der wir bestens funktionieren und Ziele verfolgen können, bei der aber gleichzeitig unser Lebensgefühl abflacht und uns Situationen und Menschen nicht mehr tief berühren. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich diese scheinbare Neutralität als eine innere Gleichgültigkeit, die uns nach außen hin abschottet. Alles, was nicht unseren unmittelbaren Interessen dient, wird dabei aussortiert und geht uns folglich nichts mehr an.
Nur so lässt es sich erklären, wie es möglich ist, dass die Menschheit wider besseres Wissen weiterhin in unverantwortlicher Weise die Natur ausbeutet und damit viele Arten und sogar langfristig sich selbst bedroht. Oder wie lässt es sich sonst verstehen, dass unsere Gesellschaft oft so herzlos und gleichgültig mit der Not von Flüchtenden umgeht? Wie wenig sind wir doch bereit, unseren Reichtum zu teilen? Mit einem offenen Herzen, das interessiert am Schicksal anderer ist und empathisch mitschwingt, ist es nicht möglich, kühl und scheinbar sachlich kurzfristige Ziele und Eigeninteressen zu verfolgen, ohne dabei nach links und nach rechts zu schauen.
Wieder müssen wir uns vergegenwärtigen, dass diese Dynamik kein persönliches Problem Einzelner, sondern ein kollektives Geschehen ist. Der Kontaktverlust und die Funktionalität, die mit der Alltagsrealität einhergehen, entfremden uns grundsätzlich von einer fühlenden Aufmerksamkeit. Je stärker und je länger wir vom Funktionieren vereinnahmt sind, desto deutlicher machen sich Gefühle von Abflachung, Neutralität, Gleichgültigkeit, Desinteresse und innerer Verhärtung breit.
Natürlich hat der einzelne Mensch die Möglichkeit, aus dieser Dynamik auszusteigen und das Herz wieder über das Denken und Funktionieren zu stellen. Dies benötigt aber meist eine große Bewusstheit. Im Gegensatz dazu schleicht sich die kollektive Dynamik einer zunehmenden Identifizierung mit der Alltagsrealität und der damit einhergehenden Gleichgültigkeit von selbst immer wieder ein und legt fast unmerklich einen unsichtbaren Schleier der Fühllosigkeit und der Neutralität über unser Leben.
Kontrolle und Selbstüberschätzung
Eine weitere Schwierigkeit, die sich automatisch aus der Alltagsrealität ergibt, ist eine Ausrichtung auf Kontrolle. Wie bereits benannt, ist die Grundmotivation der Konsensusrealität auf Funktionalität ausgerichtet. Aus diesem Grund erschafft sie eine objekthafte Wirklichkeit, die wir oberflächlich immer besser handhaben können. Das erzeugt aber gleichzeitig das Gefühl, dass wir die Dinge im Griff haben. Wir verfallen immer mehr der Illusion von Kontrolle und erheben dabei unsere Ideen und Vorstellungen über das tatsächliche lebendige Geschehen.
So wird irgendwann das Hilfskonstrukt einer Gedankenrealität, mit der wir ursprünglich die Gegebenheiten abbilden wollten, damit wir uns darin organisieren und zurechtfinden können, zu einem Diktat, dem der Lebensverlauf folgen soll. Das entspricht einer völligen Umkehrung der Verhältnisse. Das Denken und unsere Vorstellungen dienen uns dabei nicht mehr als Werkzeuge, um uns dem Leben anzunähern, sondern erheben sich zu einer herrischen Gottheit, die das Leben unterwerfen will. Das kann nicht gut gehen.
Bei dieser Haltung einer chronischen Selbstüberschätzung muss es nicht verwundern, dass sich daraus viele Schwierigkeiten ergeben und uns die Lebensumstände oft als feindlich erscheinen. Wir erfahren Enttäuschungen und Schicksalsschläge, und viele Pläne im Kleinen wie im Großen werden im Laufe unseres Lebens durchkreuzt. Aber anstatt unser gewohntes Festhalten an Kontrolle aufzugeben oder die Überzeugung, dass wir wüssten, wo es langgehen muss, zu überdenken, klammern wir uns an unsere Vorstellungen und fühlen uns als Opfer.
Bei genauer Betrachtung machen uns nicht die Umstände oder andere Menschen zum Opfer, sondern unsere Überzeugung, dass unsere Pläne und Vorstellungen richtig sind. Solange wir unserer Ideenwelt mehr Glauben schenken als dem tatsächlichen Leben, erzeugen wir unbewusst einen Leidenskreislauf, da wir uns über die Schöpfung erheben und dabei scheitern müssen. Selbst wenn wir unsere Konzepte und unsere Funktionalität immer mehr optimieren, werden wir über kurz oder lang an die Grenzen der Machbarkeit stoßen, denn das Leben ist ein schöpferisches und damit nicht lineares, also komplexes Geschehen, das sich nicht berechnen oder kontrollieren lässt.
Erst wenn wir das anerkennen und uns damit wieder in die Schöpfung einordnen und demütig werden, wenn das Denken vom Olymp der Götter herabsteigt und zum einfachen Werkzeug wird, das uns dient, werden wir uns wieder auf eine natürliche Weise einfügen und sind nicht mehr in ständiger Kampfbereitschaft. Dadurch können wir dem Lebensfluss wieder folgen und es entsteht eine Grundhaltung, die von Vertrauen geprägt ist.
Wir werden überrascht sein, wie viele unserer gefühlten Schwierigkeiten durch eine Veränderung unserer Lebenshaltung von Kampf in Richtung Vertrauen von selbst verschwinden, denn den meisten sogenannten Problemen liegen Vorstellungen und Überzeugungen zugrunde, an denen wir krampfhaft festhalten. Wir verhalten uns dabei wie jemand, der sich in einem reißenden Fluss an einem Ast, der ins Wasser ragt, anklammert. Die ganze Kraft der Strömung zieht und zerrt an uns und erscheint uns als feindlich und höchst bedrohlich. Doch kaum lassen wir los, fügen wir uns wieder in den Strom des Lebens ein und fühlen uns dadurch getragen. Das Einzige, was wir dabei opfern, sind ein paar lieb gewonnene Vorstellungen.
Ein kurzer Ausflug ins Gehirn
Bei all den Schwierigkeiten, die sich aus einer Identifizierung mit der Alltagsrealität ergeben, dürfen wir nicht vergessen, welch ungeheure Leistung das Erschaffen einer gemeinsamen Wirklichkeit ist und welches Wunderwerk dem zugrunde liegt. Das menschliche Gehirn, das den Verstand und damit die Bewusstseinsebene der Alltagsrealität erst möglich macht, ist so ungeheuer komplex und gleichzeitig kreativ, dass es alle Maßstäbe sprengt und wir nur staunen können, über welches Potenzial ein einziges menschliches Gehirn verfügt. Dabei sind zwei Dinge besonders erwähnenswert: seine Fähigkeit der Verknüpfung und der Neustrukturierung.
Die Komplexität, zu der ein Gehirn fähig ist, ergibt sich aus seinem Potenzial, mit dem sich die Gehirnzellen untereinander verbinden können und damit komplexe Verschaltungen möglich machen. Nach neuesten Schätzungen hat das Gehirn etwa eine Billion Gehirnzellen (= Neurone), die sich mit ihren Nervenästen jeweils mit einer anderen oder mit mehreren Gehirnzellen vernetzen und über elektromagnetische Impulse Informationen in Sekundenbruchteilen austauschen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass ein Brettspiel wie Schach mit 64 Feldern auskommt und dabei trotz eingeschränkter Spielregeln die Zahl der möglichen Stellungen auf 2,28 mal 10 hoch 46 geschätzt wird, dann ist die Vernetzungsmöglichkeit des Gehirns, bei dem eine Billion Gehirnzellen miteinander agieren, so ungeheuer groß, dass sie jede Vorstellungskraft sprengt.
Die zweite Besonderheit des Gehirns besteht darin, dass seine Verknüpfungen niemals endgültig festgelegt sind. Oder anders formuliert: Wir sind zeitlebens fähig, neue Verbindungen auszubilden und damit durch neue Erfahrungen zu lernen. Wissenschaftlerinnen, die das Gehirn erforschen, nennen diese grundlegende Eigenschaft des Gehirns die »Neuroplastizität«. Es bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, nicht nur unterschiedliche Netzwerke zu befeuern und diese damit zu stärken oder zu schwächen, sondern die grundsätzliche Möglichkeit, die Struktur des Gehirns mit ihren zahlreichen Nervenzellen und Verknüpfungen umzubauen. Die Nervenzellenäste können wachsen und neue Verbindungsstellen (Synapsen) entstehen lassen.
Um deutlich zu machen, wie einzigartig dieser Vorgang ist, können wir noch mal einen Blick auf das Schachspiel werfen. Auch Schach ermöglicht eine ungeheure Kreativität von Spielzügen, aber das Regelwerk, die Figuren und die Felder bleiben determiniert, also immer gleich. Das Gehirn dagegen ist ein Spiel, das in jedem Augenblick seine Regeln und Figuren wieder ändern kann. Es hat die grundsätzliche Fähigkeit, sich immer wieder kreativ umzustrukturieren und damit quasi ein völlig neues Spiel entstehen zu lassen. Können wir uns vorstellen, was es bedeutet, ein Spiel zu spielen, das sich während des Spielens fortwährend verändert?
Genau das aber beschreibt die menschliche Situation. Das Leben ist ein Spiel, das lebendig und kreativ sich jederzeit umstrukturieren und verändern kann – nicht nur im äußeren Ablauf, sondern auch in unserem Gehirn. Wir können nicht darauf hoffen, dass die Spielregeln gleich bleiben, und auch die Spielfiguren, also zum Beispiel für uns wichtige Menschen, können jederzeit eine neue Gestalt annehmen. Das menschliche Gehirn mit seiner Fähigkeit zu lebenslanger struktureller Veränderung kann auf diese Herausforderung optimal eingehen.
Wenn wir bis jetzt jedoch nur auf die Komplexität des Gehirns schauen und seine Flexibilität und Kreativität bewundern, ist das nur die eine Seite der Medaille. Flexibilität alleine genügt nämlich nicht. Das Gehirn braucht als Gegenpol die Fähigkeit, Muster und feste Strukturen auszubilden. Nur dadurch entsteht eine gewisse Ordnung im Dschungel des Lebens. Mit jeder Verknüpfung – oder besser mit jedem Netzwerk, das im Gehirn entsteht – bildet sich ein Muster aus, das innere körperliche Abläufe, aber auch Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen strukturiert. Ohne diese Muster könnten wir weder wahrnehmen noch denken oder absichtsvoll handeln.
Sogar unsere sinnliche Wahrnehmung entsteht erst durch komplexe Verschaltungen in unserem Gehirn, die zum Beispiel einen visuellen Eindruck entstehen lassen. Ohne dass unser Gehirn die sensorischen Reize aus dem Auge auf eine bestimmte Weise verarbeitet und zu einem Bild zusammenfügt, würden wir trotz Lichteinfall und den Rezeptoren im Augenhintergrund nichts sehen. Das, was wir also sehen, ist eine Bildkonstruktion des Gehirns und nicht eine unabhängige äußere Welt.
So wie wir Bilder konstruieren und uns damit in der Welt »sehend« zurechtfinden können, erzeugt das Gehirn auf allen Ebenen durch seine vielfältigen Muster das Erscheinen einer geordneten Welt. In jedem Augenblick unseres Lebens setzen wir die verschiedenen Wahrnehmungen zusammen, ergänzen sie mit gedanklichen Zuschreibungen aus alten Erfahrungen und kreieren damit eine einheitliche Welt, die geordnet und damit handhabbar ist. Genau diese Fähigkeit unseres Gehirns, Muster auszubilden und damit eine solide, objekthafte und zusammenhängende Welt zu konstruieren und sich darin zu bewegen, ist die Grundlage für die Bewusstseinsebene der Alltagsrealität.
Geistige Muster zu erschaffen ist daher ein wunderbarer Mechanismus des Lebens, der es uns als Menschen überhaupt erst ermöglicht, zu existieren und unser Leben zu gestalten. Diese Muster können jedoch gleichzeitig immer mehr einrasten und zu Gehirnautobahnen werden, die uns zunehmend auf eine bestimmte Weltsicht einengen. Auch dazu ist unser Gehirn fähig. Wir können beobachten, dass manche dieser automatisierten Muster und gedanklichen Zuschreibungen uns so stark besetzen können, dass sie neue Erfahrungen oder aktuelle Wahrnehmungen teilweise oder sogar komplett überlagern.
Das hört sich dramatisch an, ist aber ein vollkommen gewöhnlicher Vorgang. In aller Regel nehmen wir zum Beispiel unsere Wohnung nicht mit neuen, unvoreingenommenen Augen wahr. Das Gehirn vergleicht jedes Objekt mit alten ähnlichen Erfahrungen und lässt nur das bekannte Bild bzw. das alte, automatisierte Muster unserer Wohnung im Bewusstsein auftauchen. Die gegenwärtigen, neuen und vielfältigen Erfahrungen werden dabei weggefiltert. Für einen gewöhnlichen Alltagskontakt, bei dem eine oberflächliche Bezugnahme genügt, ist dies vollkommen ausreichend. Mehr noch: Für eine schnelle Bezugnahme oder Handlung sind zu viele Informationen kontraproduktiv.
Wenn wir zum Beispiel beim Autofahren die Details einer Landschaft und die Wolkenstimmung bewundern und zusätzlich dabei noch das Atmen und die subtilen körperlichen Empfindungen genießen würden – so, als würden wir sie zum ersten Mal spüren –, wäre unser Gehirn überlastet und die Funktionalität beim Fahren stark eingeschränkt. Erst wenn das Gehirn alle unwesentlichen Eindrücke für eine Aufgabe herausfiltert und unser Geist sich auf die bekannten und für das Autofahren relevanten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bezieht, sind wir effektiv.
Die Problematik dabei ist jedoch, dass diese Filterfunktion des Gehirns kaum mehr neue Erfahrungen zulässt. So kann es schleichend geschehen, dass die bekannten Muster und Bilder immer mehr unser Erleben bestimmen und wir uns dadurch nur noch scheinbar auf eine Außenwelt beziehen. In Wirklichkeit sind wir in einer Innenwelt von bekannten Bildern, Zuschreibungen und Mustern – in einer Gedankenwelt – gefangen. Diese hausgemachte Isolation beschreibt Martin Buber anschaulich als eine »Ich-Es-Beziehung«, in der keine unmittelbare, echte Begegnung mehr stattfindet. Wir treffen hier nur noch auf eine geistige Reflexion, die wir auf das Gegenüber projizieren. Dadurch fühlt sich der Kontakt zwar vertraut und sicher an, gleichzeitig wird er aber auch ein wenig schal, wie abgestandenes Wasser.
Erst wenn ein Ereignis stark genug ist und uns emotional berührt, sodass es uns aus unserer Gedankenwelt wieder aufweckt oder vielleicht sogar aufrüttelt, wird das Ereignis im Gehirn als neu behandelt und die unmittelbaren Eindrücke dazu dringen wieder zu uns durch. Für einen Augenblick treten die geistigen Filter zurück und die Pforten der Wahrnehmung öffnen sich. Dabei können neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen und das kreative Potenzial – seine Fähigkeit zur Umstrukturierung – tritt in Aktion. Erst hier können wir von einer echten Begegnung sprechen, oder wie Martin Buber es nennt: einer »Ich-Du-Begegnung«. Erst dann erreicht uns nämlich wieder die Einzigartigkeit des Augenblicks und wir erfahren den Kontakt als frisch und neu.
Müssen wir nun darauf warten, dass ein emotional aufwühlendes, dramatisches Ereignis uns aufweckt und die Filter im Gehirn zur Seite schiebt? Oder sollten wir die Dramatik lieber selbst erzeugen? Vielleicht durch eine abenteuerliche Fernreise in ein exotisches Land, einen bewegenden Film auf Großleinwand oder durch extreme Verausgabung im Sport? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, aus der Hypnose einer Alltagsrealität mit all ihren bekannten Mustern und gedanklichen Zuschreibungen auszusteigen?
Wenn wir uns der hypnotischen Dynamik der Alltagsrealität bewusst sind und ihre Symptome kennen, können wir mithilfe unserer Aufmerksamkeit die Bewusstseinsebene wechseln und in die kreative Innenwelt der Seelischen Realität oder in die Stille der Absoluten Realität eintauchen. Die Pforte der Gegenwart steht uns in jedem Augenblick zur Verfügung, und jedes Mal, wenn wir sie durchschreiten, um in die Tiefendimension unserer Seele oder in die Weite und Offenheit des absoluten Bewusstseins einzutauchen, lassen wir die Alltagsrealität mit all ihren schalen Zuschreibungen und funktionalen Mustern zurück. Wenn wir uns dann wieder dem alltäglichen Leben mit seinen Pflichten und Anforderungen zuwenden, fühlen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes »beseelt« und innerlich erfüllt. In der Folge entsteht auch im gewohnten äußeren Umfeld wieder eine neue Wachheit.
Ich und die Ich-Identität
In der Alltagsrealität leben wir in einer äußeren einheitlichen Welt mit vielen konkreten, handhabbaren Objekten, in der wir uns orientieren und bewegen können. Diese Fähigkeit unseres Gehirns, eine strukturierte, geordnete Realität zu konstruieren, richtet sich aber nicht nur nach außen, sondern auch auf uns selbst. So wie wir eine handhabbare äußere Wirklichkeit erschaffen, konstruieren wir parallel dazu eine Ich-Identität, die unsere Innenwelt strukturiert. Sie ist genauso ein Teil der Bewusstseinsebene der Alltagsrealität und wird ebenso wenig hinterfragt wie die Muster und Zuschreibungen, die unsere Sinneswahrnehmungen überlagern und eine kohärente äußere Welt erzeugen.
In beiden Fällen ist die grundlegende Motivation die gleiche: Wir müssen den komplexen und chaotischen Dschungel aus Sinneswahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken, dem wir ausgesetzt sind, bändigen und strukturieren. Erst dadurch kann eine Ordnung entstehen, die uns Halt und Sicherheit vermittelt und eine gewisse Orientierung und Kontrolle ermöglicht. Zu keinem anderen Zweck bilden wir in den ersten Jahren unseres Lebens ein Ich aus, das dann zeitlebens im Mittelpunkt unserer persönlichen Welt steht.
Wie bedeutsam die Ich-Identität ist, können wir nur ermessen, wenn wir uns bewusst machen, dass sie das Zentrum unserer Innenwelt darstellt. Solange wir uns auf der Bewusstseinsebene der Alltagsrealität bewegen, wird jede Erfahrung mit dem Ich in Beziehung gesetzt. Die Erfahrung zum Beispiel des Gehens oder des Hörens wird automatisch dem Ich zugeschrieben. Folglich denken wir »ich gehe« und »ich höre«. Obwohl normalerweise die Funktion des Gehens vollkommen automatisiert abläuft und das Hören ohnehin eine Fähigkeit des Körpers ist, die wir weder herstellen noch abschalten können, werden beide Erfahrungen mit dem Ich verknüpft. Mehr noch: Sie werden regelrecht von der Ich-Identität okkupiert.
Umgekehrt werden viele Sinneseindrücke, die im Grunde genauso Teil unserer Innenwelt sind wie die Erfahrung des Gehens, nach außen projiziert und bestärken auf diese Weise im negativen Sinne das Ich. Wir sehen einen Vogel und denken: »Dieser Vogel ist ein äußeres Objekt. Das bin ich nicht.« Jedes Element, das ich nicht bin, bestätigt indirekt den Bereich, der ich bin. Es entsteht eine Innenwelt, mit der ich mich identifiziere, und eine Außenwelt, die von mir getrennt ist. Dabei sind die Worte »Innenwelt« und »Außenwelt« keinesfalls so klar definiert, wie sie im ersten Moment erscheinen, denn, wie wir noch sehen werden, gibt es durchaus viele Dinge im Außen, wie zum Beispiel unser Besitz, mit dem wir genauso identifiziert sind wie mit unserem Körper.
Woraus besteht nun die Ich-Identität? Zunächst einmal bezieht sich das Wort »Ich« auf uns als erfahrendes Subjekt. Es weist damit auf die grundlegende Fähigkeit hin, sich jeder inneren und äußeren Erfahrung bewusst werden zu können. Doch meinen wir das Zeugen-Bewusstsein, wenn wir von »Ich« sprechen? In der Regel nicht. Meistens ist für uns das »Ich« vielmehr ein klar umrissenes Objekt mit einer menschlichen Gestalt, bestimmten Eigenschaften und jeder Menge Zuordnungen. Wir müssen also streng genommen unterscheiden zwischen dem Ich als reines Zeugen-Bewusstsein und der Ich-Identität, die ein Konglomerat an gedanklichen Zuschreibungen ist, die das Subjekt »Ich« als ein festumrissenes Objekt erscheinen lassen. Im Alltag unterscheidet kein Mensch zwischen Ich als Zeugen-Bewusstsein und der Ich-Identität. Wir sagen hier »Ich« und meinen damit die Konzepte, die unserem Ich eine konkrete Gestalt geben – also die Ich-Identität.
Wir werden damit genauso zu einem handhabbaren Objekt mit klaren Konturen wie die Objekte der äußeren Welt. Das aber ist die Voraussetzung für Funktionalität und für Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Betrachten wir nur alleine einmal unseren Namen. Wie hilfreich ist er im sozialen Miteinander? Ohne einen Namen könnten wir nicht angesprochen und in unserer Individualität bestätigt werden. Verwechslungen wären gang und gäbe. Doch so praktisch ein Name für das Zusammenleben ist, ist er doch viel mehr für uns als ein Hilfskonstrukt. Tatsächlich identifizieren wir uns vollständig mit unserem Namen. Er wird zu einer wichtigen Facette unserer Ich-Identität.
Was wir am Beispiel des Namens sehen können (dass wir uns mit einem hilfreichen geistigen Konstrukt, das uns zunächst Orientierung gibt, identifizieren), gilt auch für alle anderen Zuschreibungen, mit denen wir das Ich aufladen. Mit der Zeit mutieren immer mehr Hilfsmuster zu scheinbaren Wahrheiten, die dann unser Ich-Erleben bestimmen. Genau diesen Vorgang der Identifizierung mit Hilfskonzepten nennt man das Ego. Geistige Muster, die uns zunächst helfen, die Welt zu strukturieren, rasten ein und wir fixieren uns auf eine Ich-Identität mit festgelegten Eigenschaften.
Um es noch mal ganz deutlich auszudrücken: Wir brauchen Muster der verschiedensten Art, um in der Welt zu überleben und zu funktionieren. Ebenso brauchen wir die Fähigkeit, uns als Objekt – also mit einer Ich-Identität – zu erschaffen, um als soziales Wesen agieren zu können. Diese Fähigkeit, durch geistige Muster eine Alltagsrealität mit einer Ich-Identität zu bilden, nennt man das »Funktionale Ich«. Diese Ich-Funktion ist natürlich und Voraussetzung für einen gesunden Geist.
Die Identifikation mit diesen Mustern brauchen wir jedoch nicht. Im Gegenteil führen geistige Muster, die wir immer mehr mit der Wirklichkeit verwechseln, zu verschiedenen Formen des Leidens. Wir müssen somit zwischen dem »Funktionalen Ich« und dem »Ego« – also dem Prozess der Identifizierung – unterscheiden. Das eine ist notwendig und natürlich, das andere nicht. Das wird sehr deutlich, wenn wir im Folgenden die wesentlichen Bereiche betrachten, aus denen sich die Ich-Identität zusammensetzt.
Der Körper
Da ist zunächst unser Körper, der dem Ich eine erfahrbare Gestalt gibt. Wenn wir auf das Ich mit dem Finger zeigen würden, würden wir auf unseren Körper zeigen. Tatsächlich ist die Identifizierung mit dem Körper so tief, dass wir sie niemals infrage stellen. Doch sind wir wirklich unser Körper? Wie stark verändert sich doch unser Körper im Laufe unseres Lebens? Manchmal verlieren wir sogar Teile des Körpers, wie die Haare, oder das Augenlicht, oder wir tauschen Organe aus, wie die Nieren oder das Herz. Trotzdem wird die Identifikation mit dem Körper beibehalten. Das lässt sich deutlich daran erkennen, dass wir darunter leiden, wenn wir unser jugendliches Aussehen oder unsere körperliche Vitalität verlieren.
Die Selbstbilder
So wie uns der Körper eine äußere Gestalt verleiht, geben uns Selbstbilder eine innere Gestalt. Es gibt viele grundlegende Eigenschaften und Selbstkonzepte, die wir mit uns verbinden. »Ich bin unscheinbar« oder das Gegenteil »Ich falle immer auf«, »Ich bin schön« oder »Ich bin unattraktiv,« »Ich bin wild« oder »Ich bin sanftmütig«. »Ich bin stark und durchsetzungsfähig« oder »Ich bin schwach und kann nicht ›Nein‹ sagen«. Jede Person bildet im Laufe ihres Lebens individuelle Selbstkonzepte aus, die eine innere Matrix darstellen, nach denen sie sich dann unbewusst verhält.
Doch wie entstehen diese Selbstbilder? Mit jeder Erfahrung, die wir im Laufe unseres Lebens machen, lernen wir etwas darüber, wie wir uns verhalten und welche grundlegenden Eigenschaften wir als Person haben. Dabei ist letztlich nicht die Erfahrung selbst das entscheidende Kriterium, sondern wie wir die Erfahrung verarbeiten und interpretieren. Das Selbstkonzept bildet sich immer aus der Interpretation zu einer bestimmten Erfahrung, niemals aus der Erfahrung selbst. Daher kann es sein, dass eine Person aus traumatischen Erfahrungen zutiefst verstört hervorgeht und das Selbstbild eines Opfers entwickelt, und eine andere Person eine ähnliche Erfahrung völlig anders interpretiert und in großer Dankbarkeit ihr Leben fortsetzen kann.
Die Geschichte
Da sich Selbstbilder aus der Verarbeitung unserer Erfahrungen zusammensetzen, stehen sie in engem Zusammenhang mit unserer Geschichte. Auch unsere Geschichte ist ein zentraler Bestandteil der Ich-Identität. So wie der Körper dem Ich eine konkrete Gestalt gibt, so verleiht die Geschichte unserem Ich das Gefühl von Kontinuität. Die Geschichte ist eine Art innere Erzählung, die wir uns und anderen immer wieder »vorbeten« und mit deren Hilfe wir unsere Selbstbilder erklären.
Doch stimmt diese Erzählung wirklich? Welche Aspekte früherer Erfahrungen greifen wir heraus und betonen sie immer und immer wieder, und wie viele Erfahrungen haben wir vergessen? Sind die Erfahrungen wirklich so geschehen, wie wir sie erzählen, oder ist unsere Erzählung nur ein Spiegel unserer persönlichen Verarbeitung und damit eine Interpretation? Gibt es nicht auch Aspekte unserer Geschichte, die gar nicht auf eigener Erfahrung beruhen, sondern uns von unseren Eltern erzählt wurden und daher lediglich ihre persönliche Perspektive auf frühere Ereignisse darstellen? Wenn wir uns mit diesen Fragen befassen, erscheint die Geschichte als ein sehr fragwürdiges Gedankenkonstrukt. Nichtsdestotrotz halten wir unsere Geschichte und die damit in Zusammenhang stehenden Selbstbilder für ebenso wirklich wie unseren Körper.
Die Rollen
Ein weiterer wesentlicher Bereich, der unsere Ich-Identität prägt, sind Rollen, die wir im Laufe des Lebens bekleiden. Da gibt es unsere Rolle im Beruf, in der Familie oder Partnerschaft, in der Gesellschaft oder im Verein. Obwohl wir jede Rolle immer nur phasenweise in der entsprechenden Umgebung einnehmen und sie dann wieder, manchmal mehrmals am Tag, wechseln und uns wieder ganz anders verhalten, vermitteln sie uns das Gefühl von Bedeutung. Durch die Rolle als Mutter oder Vater oder als Architektin oder Sozialpädagoge erhalten wir einen Platz im sozialen Gefüge und bekommen dadurch einen Stellenwert. Das Ich zieht daher einen erheblichen Teil seines Wertes aus den Funktionen und Aufgaben, die wir bekleiden und mit denen wir uns identifizieren.
Obwohl sich alle Rollen in unserem Leben verändern und keine von Dauer sein kann, verschmelzen wir oft so stark mit einzelnen Rollen, dass wir es als schmerzlich empfinden, wenn es an der Zeit ist, sie wie eine Schlangenhaut wieder abzustreifen. Da das Ich seine Bedeutung aus den Rollen zieht, ist es nicht verwunderlich, dass es häufig zu starken Schwankungen im Selbstwertgefühl und im Erleben von Sinnhaftigkeit kommt, wenn wir eine Rolle, die uns scheinbar ausmacht, aufgeben müssen.
Der Besitz
Die Ich-Identität definiert uns als konkrete Person, macht dabei aber keineswegs bei unserem Körper und unserer Innenwelt halt. Sie greift genauso nach außen und schließt viele äußere Objekte mit ein. Unser ganzer Besitz wird so zu einem »verlängerten Ich« und verleiht dem Ich-Gefühl Größe und Macht. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich für viele Menschen so attraktiv, den Besitz immer weiter auszudehnen, obwohl das bei Licht betrachtet viel Mühe kostet, die für ein glückliches Leben eher hinderlich ist.
Ein Besitz ist zunächst eine gedankliche Zuordnung, bei der wir zum Beispiel ein Kleidungsstück oder eine Wohnung, ein Kind oder ein Land uns selbst zuschreiben. Das ist im Zusammenleben äußerst hilfreich, da es Zuständigkeiten regelt. Problematisch wird es immer dort, wo sich das Ich mit einem Besitz identifiziert und entsprechend einen Anspruch entwickelt. Wenn wir dann eine Wohnung oder einen nahen Menschen loslassen müssen, reißt es regelrecht ein Loch in unsere Ich-Identität und wir spüren einen Verlustschmerz, als ob uns ein Körperteil entrissen würde.
Die Beziehungen
All die bisher genannten Aspekte sind wichtig für die Erschaffung einer Ich-Gestalt, aber unsere Ich-Identität könnte niemals eine solche Stabilität entwickeln, wenn sie nicht durch all unsere Beziehungen kontinuierlich bestätigt werden würde. Jede Begegnung – jede gute Unterhaltung und auch jeder Streit – stärkt unser Ich-Gefühl, da sie uns unabhängig vom Inhalt der Begegnung vermittelt, dass es uns als unabhängiges Individuum gibt.
Wie wesentlich Beziehungen für die Entwicklung einer gesunden Ich-Identität sind, wissen wir aus der Frühkind-Forschung. Ohne ein »Gesehen-Werden«, ohne eine körperliche und seelische Bezogenheit von Bezugspersonen, kann sich ein Baby weder körperlich noch seelisch gesund entwickeln. Und auch in Erwachsenen bleibt das Grundbedürfnis nach Bestätigt-Werden durch Beziehung erhalten. Doch wie abhängig und verletzlich werden wir, wenn wir dieses Grundbedürfnis mit einer bestimmten Person verbinden und das Bedürfnis mit der Zeit zu einem Anspruch wird, mit dem wir identifiziert sind?
Wo kommen unsere Ängste her?
Jeder dieser Bereiche, ob Körper, Selbstbilder, Geschichte, Rollen, Besitz oder Beziehungen, hat einen wesentlichen Anteil daran, dass sich das Ich als festes Objekt mit klaren Zuschreibungen kreiert. Das Erschaffen einer Ich-Identität ist ein natürlicher und gesunder Vorgang, der es uns ermöglicht, in der Alltagsrealität als individuelle »Person« in Erscheinung zu treten und zu interagieren. Sobald wir uns jedoch mit einer dieser Zuschreibungen zum Ich identifizieren, beginnen die Schwierigkeiten. Mit jeder Identifikation findet eine Verklebung statt, die uns mit dem jeweiligen Aspekt verschmelzen lässt.
Wir haben dann nicht mehr das Gefühl, den Körper zu bewohnen oder eine Rolle wie eine Schauspielerin zeitweise zu bespielen, sondern wir »sind« der Körper oder diese Rolle. Mit der Identifikation taucht unmittelbar ein Anspruch auf und entsprechend das Gefühl, ein Recht darauf zu haben. Wir haben keine Offenheit mehr dafür, mitzufließen und uns wieder zu verändern. Im Gegenteil macht uns jede Veränderung Angst. Je stärker wir uns mit Ich-Aspekten identifizieren, desto bedrohlicher erscheint uns der natürliche Wandel des Lebens.
Das Ego mit seinem Festhalten an der Ich-Identität ist damit die zentrale Ursache für viele unserer Ängste. Paradoxerweise gibt uns eine klar umrissene Ich-Gestalt zunächst Orientierung und Halt und vermittelt uns damit Sicherheit. Doch sobald wir uns damit tiefer verbinden und immer mehr identifizieren, nimmt das Gefühl von Sicherheit irgendwann nicht mehr zu, sondern ab. Ängste beginnen uns zu besetzen.
Nehmen wir zum Beispiel die Identifikation mit unserem Körper. Zunächst ist der Körper ein wunderbares Gefäß, das uns geschenkt wird und durch dessen Sinnestore wir die Welt auf eine bestimmte, nämlich menschliche Weise, erfahren können. Das schließt die Fähigkeit ein, erfüllende sinnliche Wahrnehmungen zu erzeugen wie Blütendüfte, sinnliche Berührungen und nährende Geschmackserlebnisse. Der Körper verleiht uns eine sichtbare Gestalt und vermittelt uns trotz seiner Flexibilität und Verletzlichkeit das Grundgefühl einer klaren Kontur und Festigkeit. Ist der Körper nicht ein wunderbares Werkzeug?
Obwohl wir die Lebendigkeit im Körper und auch sein natürliches Wachstum nicht »machen« können, sondern sie sich von selbst entfalten, obwohl wir selbst die Handlungen nicht im Griff haben, sondern der Fähigkeit des Körpers, sich koordiniert zu bewegen, vertrauen müssen, okkupiert im Laufe des Lebens das Ich den Körper immer mehr. Dabei verlassen wir innerlich eine spielerische, dankbare Haltung dem Körper gegenüber und nehmen ihn wie ein besetztes Gebiet ein. Wir schwingen uns zum Herrscher über den Körper auf und er wird zu unserem Staatsgebiet. Obwohl wir immer noch keine (oder nur eine sehr begrenzte) Kontrolle über den Körper und seine Prozesse haben, gebärden wir uns wie ein absolutistischer Herrscher. Wir bilden uns ein, dass er unserem Befehl folgen solle und vor allem, dass wir einen Anspruch auf das Staatsgebiet hätten. Tatsächlich schleicht sich immer mehr das Gefühl ein, dass ich, der Herrscher, das Staatsgebiet bin. Denn gibt es einen Herrscher ohne ein Staatsgebiet? Wohl kaum. Spätestens an diesem Punkt hängen wir unser Wohl und Wehe an die Gestalt des Körpers und jede Veränderung bedroht uns unmittelbar. Jetzt müssen wir das Staatsgebiet ängstlich beäugen, gegen Feinde verteidigen und immer mehr Kontrollmechanismen wie zum Beispiel Diäten oder körperliche Ertüchtigungen einführen.
Ganz dramatisch wird es, wenn uns zu Bewusstsein kommt, dass das Staatsgebiet irgendwann auf immer verloren gehen wird, nämlich dann, wenn wir sterben. Für die Herrscheridentität stellt der physische Tod nicht nur einen Generalverlust dar, sondern bedeutet die eigene Vernichtung. Kein Wunder also, dass der physische Tod für den Menschen oft die größte Herausforderung darstellt und dadurch tiefe Existenzängste auftauchen können. Allerdings löst der Tod nicht bei jedem Menschen Ängste aus. Personen zum Beispiel, die tief im Glauben verankert sind, also ihr Ich nicht so sehr mit dem Körper verknüpfen, sondern mit einer Dimension jenseits der physischen Gestalt, können sich oft erstaunlich vertrauensvoll dem Prozess des Sterbens anvertrauen.
Entscheidend ist also nicht, dass wir einen physischen Körper haben und dieser Teil unserer Ich-Identität ist, sondern wie tief wir mit diesem Aspekt unserer Ich-Gestalt identifiziert sind. Mit anderen Worten: Sind wir als Mensch in der Lage, eine normale Ich-Identität zu erschaffen und damit »in der Welt« als objekthafte Gestalt unseren Platz einzunehmen, und gleichzeitig innerlich mit dieser Gestalt nicht verklebt zu sein? Das gibt uns die Freiheit, uns einerseits in einer spielerischen und dankbaren Haltung in der äußeren Welt der Alltagsrealität zu bewegen und andererseits innerlich mit der Seelenrealität und der absoluten Wirklichkeit des Gewahrseins verbunden zu sein. Ein Mensch, der erkennt, dass das Ich zuinnerst dem offenen Raum des Gewahrseins entspringt und an keine Ich-Objekte gebunden ist, verliert jegliche Angst.
Zusammenfassung Alltagsrealität
Synonyme
Konsensustrance; Ich-Es-Begegnung; Funktionales Ich; äußere, objekthafte Wirklichkeit
Motto
»Das Leben abstrahieren, strukturieren, differenzieren, verstehen, benennen und handhabbar machen.«
Definition
Alltagsrealität ist die im Alltag dominierende Bewusstseinsebene, bestehend aus Zuordnungen, Vorstellungen, Übereinkünften, Mustern, Erinnerungen, Geschichten, Bildern und Selbstbildern, die die unmittelbare Erfahrung überlagern. So werden eine einheitliche, objekthafte und solide Wirklichkeit und eine Ich-Identität geistig konstruiert.
Zentrale Motivation
Überleben, Halt, Struktur und Sicherheit
Funktionalität und soziales Zusammenwirken
Entwicklungsdynamik
Lineares und schnelles Wachstum mit klaren Zielvorgaben. Oft wird dabei die Einbindung in den Kontext außer Acht gelassen.
Funktion
Sinneseindrücke werden geordnet und zu einer einheitlichen, äußeren Welt zusammengefügt. Es entstehen Vertrautheit, Sicherheit, Stabilität und klare Strukturen.
Dadurch können wir uns in der Welt zurechtfinden und die entstandenen Objekte »handhaben«, also ein gewisses Maß an Planung und Kontrolle entwickeln.
Durch kollektive Kommunikationsmuster werden Verständigung und kreative Zusammenarbeit ermöglicht.
Zugänge zur Alltagsrealität
Zuordnen, Abstrahieren, rationales Verstehen, Vernunft und Kontrolle
Geistige und körperliche Muster nutzen und Rituale einhalten
Sich auf die Form der Objekte, auf Wissen, Lernen, geistige Inhalte konzentrieren
Sich aufs Handeln konzentrieren und Projekte vorantreiben
Verantwortung als soziales Wesen übernehmen (z. B. durch familiäre, soziale oder berufliche Aufgaben)
Begrenzungen der Alltagsrealität
Geistige Muster und Zuschreibungen rasten ein und bestimmen uns. Durch Identifikation mit Mustern entsteht das »Ego«.
Die Objekte erscheinen als verlässlich, unabhängig voneinander und damit getrennt.
Wir erfahren uns selbst in einer begrenzten Identität und fühlen uns einsam.
Ängste vor Wandel, Verlust und Vergänglichkeit
Symptome einer Fixierung
Das Leben wird schal, flach, funktional, bedeutungslos, sinnentleert. Das Gefühl von Starre, Stagnation, Gleichgültigkeit, Unberührtsein, Desinteresse und Unzufriedenheit. Einsamkeit. Die Unfähigkeit, zu vertrauen, sich hinzugeben und mitzufließen.
Kapitel 3
Im Reich der Seele –
die Seelische Realität
Wenn der Tod kommt und mir zuflüstert: »Deine Zeit ist zu Ende«, dann will ich zu ihm sagen können: »Ich habe in der Liebe gelebt, und nicht nur in der Zeit.«
Wenn er fragt: »Werden deine Lieder Bestand haben?«, werde ich antworten: »Das vermag ich nicht zu sagen, aber ich weiß, dass ich oft meine Ewigkeit fand, wenn ich gesungen habe.«
Rabindranath Tagore
Der Anblick eines Flusses, wie er gemächlich durch die Landschaft mäandert und dabei als Lebensader eine ganze Region nährt und prägt, ist ein starkes Bild für die Vitalkraft des Lebens. Über Jahrhunderte hinweg, fast zeitlos, gestaltet ein Fluss die Natur der Umgebung, aber auch Orte und Städte. Fast jede bedeutende Stadt hat ihren Fluss, der ihr einen eigenen Charakter, der ihr Vitalität und Schönheit verleiht. Was wären London, Paris oder Köln ohne ihre Flüsse?
Stetig, ohne Eile und doch unaufhaltsam entfaltet sich hier eine Kraft, die der Mensch nutzen und kanalisieren, aber niemals stoppen kann. Selbst ein Staudamm kann einen Fluss nur scheinbar aufhalten, denn das Fließen geht weiter und nach einer gewissen Zeit läuft auch das größte Staubecken über.
Die Vitalität eines Flusses entfaltet sich aus seiner immerwährenden Bewegung. Er ist lebendig und damit immer stärker als alle statischen Versuche der Eindämmung. Über kurz oder lang wird er die (vorgegebene) Form aufbrechen und neue, kreative Wege beschreiten. Denn das Wesen des Flusses wird nicht durch das Flussbett definiert und begrenzt, sondern durch das immerwährende Fließen, welches unbegrenzt ist.
Überhaupt beginnt ein Fluss nicht an seiner Quelle und endet nicht am Meer. Kommen die Wassermassen eines Flusses alle aus seiner Quelle? Fließen sie alle in das Meer? Je mehr wir auf das Fließen des Wassers schauen und nicht auf die Form des Flussbettes, desto deutlicher sehen wir, wie er sich mit der ganzen Landschaft vernetzt. Unzählige Zuflüsse speisen die Wasser und aus der Vogelperspektive erscheint ein Fluss nicht als eine einzige Gestalt, sondern als komplexes Adernetz. Gibt es also nur eine Quelle?
Und wie steht es mit der Mündung? Das Wasser des Flusses nährt jeden Strauch und jeden Baum am Ufer. Es fließt ins Wachstum aller Pflanzen und Tiere und zeigt sich auf vielfältige Weise in der ganzen Landschaft wieder. Mündet das Wasser also immer ins Meer? Wo beginnt ein Fluss und wo endet er?
Das Wesen des Flusses – die Bewegung des Wassers – ist unbegrenzt und zeigt sich in unzähligen, kreativen Erscheinungsformen des Lebens – in Pflanzen, Tieren, Landschaften, Steinen und natürlich auch im Menschen. Gerade weil Wasser formlos, unbegrenzt und immerwährende Bewegung ist, hat es eine ungeheure schöpferische Gestaltkraft, die sich in immer neuen Lebensformen zeigt.
Der Fluss in uns
Auch in unserem menschlichen Leben fließt ein immerwährender Fluss. Es ist der Fluss der Seele, welcher uns als innere Lebensader Vitalität und schöpferische Freiheit schenkt. Die Seele ist das Lebendige in uns, das, was niemals stillsteht. Wie das Wasser des Flusses die ganze Landschaft nährt und gestaltet, so durchwirkt auch die Seele unser ganzes Menschsein von innen her.
Doch wie beim Fluss achten wir meist mehr auf die äußere Erscheinungsform – das Flussbett – als auf die Vitalität des Fließens. So schauen wir auch bei uns und bei anderen Menschen meist auf die äußere Gestalt des Körpers und auf die begrenzte Identität, und übersehen dabei die zugrunde liegende Vitalkraft, ohne die kein Leben und keine Form möglich wäre. Gibt es einen Körper ohne die Kraft, die unser Herz schlagen und uns atmen lässt? Gibt es einen Gedanken oder eine Handlung ohne die zugrunde liegende Lebendigkeit?
Dabei fließt die Vitalkraft der Seele genauso verlässlich und unaufhaltsam wie das Wasser eines Flusses. Sie verlässt uns in keinem Augenblick unseres Lebens und auch wenn sich im Sterben unsere individuelle Form auflöst, fließt sie im Netz des Lebens weiter. Denn der Fluss der Seele ist genauso wenig begrenzt wie ein äußerer Fluss. Das lebendige Wasser ist zutiefst mit seiner Umgebung verbunden und fließt in allem.
So ist die Seele keineswegs so abgegrenzt, wie unser Menschsein in der Alltagsrealität erscheint. Wie könnte sich auch ein lebendiges Fließen an eine begrenzte Form halten? Immerwährendes Fließen kann nicht begrenzt werden. Es kann vorübergehend kanalisiert und strukturiert werden, kann in individuellen Erscheinungsformen Gestalt annehmen, wird sich aber im Letzten an keine Form halten. Die Lebendigkeit selbst wirkt über die Form hinaus. So wie unsere Lebendigkeit über unsere Form des Körpers und unser individuelles Leben hinaus in das Leben unserer Mitmenschen hineinwirkt und so wie gleichzeitig diese Menschen auf unser persönliches Leben Einfluss haben, so verwebt sich die Seele fortwährend in einem komplexen Austausch ohne Anfang und ohne Ende.
Wenn es aber keinen Anfang und kein Ende gibt, sondern nur immerwährendes verwobenes Fließen, dann überschreiten wir auch die Grenzen der Zeit. Es gibt kein Vorher und kein Nachher mehr, kein Gestern und kein Morgen, dafür aber eine lebendige, sich entfaltende Bewegung in der Gegenwart. Gegenwart meint hier keinen Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern die schöpferische Vitalität des Augenblicks. Nur sie existiert. Sie ist die Schöpfungskraft, die alle Erscheinungsformen erschafft.
Wenn wir auf die Seele als immerwährende Schöpfungskraft schauen, verschiebt sich unsere gewohnte Vorstellung von Schöpfung. Normalerweise betrachten wir Entwicklung als einen Vorgang in der Zeit. Da gibt es den Urknall, an dem die Schöpfung begonnen hat. Da ist die Quelle der Ort, an dem ein Fluss entspringt und die Geburt der Beginn des menschlichen Lebens. Doch aus der Perspektive einer zeitlosen Bewegung, die wir Leben nennen, gibt es keinen Anfang, sondern nur eine schöpferische Bewegung, die sich fortwährend entfaltet. Die Schöpfung entfaltet sich so gesehen nicht aus dem Urknall heraus, sondern im zeitlosen Kontinuum des Jetzt. Aus dieser Perspektive wurden wir nicht bei unserer Geburt geboren, sondern wir werden in jedem Augenblick neu erschaffen.
Die Seele ist eine Gegenwartsperspektive und damit immer neu, einzigartig, unwiederbringlich. So wie wir nicht zweimal den gleichen Atemzug atmen können, können wir keinen Moment unseres Lebens zweimal auf die gleiche Weise erfahren. Der Inhalt und die Form einer Erfahrung können sich ähnlich anfühlen wie ein Atemzug, der sich genauso anfühlt wie viele Atemzüge, die wir zuvor geatmet haben. Trotzdem ist jeder Atemzug einzigartig. Das Lebendige jedes Augenblicks entfaltet sich immer weiter. Es wiederholt sich nie. Wie verändert sich unser Erleben, wenn wir uns auf eine Gegenwartsperspektive einstimmen? Wenn wir uns also bewusst machen, dass alles, was wir gerade erleben, einzigartig und unwiederbringlich ist?
Und was empfinden wir, wenn wir nicht mehr auf die scheinbar statische Form der Dinge schauen, also ihre äußere Erscheinungsform, sondern auf die lebendige, fließende Vitalkraft in allen Dingen? Eine Kraft, die sich fortwährend entfaltet und verändert und alles in Beziehung setzt. Gerät da nicht alles in Bewegung? Die scheinbar so feststehende Welt und ihre statischen Objekte beginnen zu flirren, zu atmen, und ein Baum oder ein Stein sind plötzlich genauso lebendige Wesen mit einer Seele wie ein Mensch. Die Existenz all dieser Geschöpfe wirkt in unser Leben hinein, und umgekehrt verwebt sich unsere Existenz mit deren Lebendigkeit.
Seele ist lebendiges Fließen, eine immerwährende, gegenwärtige Bewegung der Entfaltung, die in allen Geschöpfen wirkt, die alle Grenzen überschreitet und alles verbindet.
Eine innere Perspektive
Erfahren wir im Alltag das Leben als immerwährende schöpferische Bewegung? Wohl kaum. Der Tisch, an dem wir essen, erscheint uns als ein statisches, immer gleiches Objekt und selbst die Menschen in unserer Umgebung sind so vertraut, dass wir meistens nicht das Gefühl haben, dass sie jetzt in einer neuen, einzigartigen und unwiederbringlichen Weise in Erscheinung treten. Die Alltagsrealität mit ihren verlässlichen und statisch erscheinenden Objekten und ihrer Projektion von Zeit mit Vergangenheit und Zukunft kann die lebendige Dimension des Augenblicks vollkommen verschleiern.
Das ist nur möglich, da wir meist auf die Oberfläche, also auf die Erscheinungsformen der Dinge schauen, aber in der Regel uns nicht die Zeit nehmen, die gegenwärtige lebendige Erfahrung wahrzunehmen und damit tiefer in Kontakt zu treten. Um das zu tun, genügt ein kleiner, aber entscheidender Perspektivenwechsel: Wir dürfen uns nicht fragen, »was wir sehen«, sondern müssen uns fragen, »wie wir die Gegenwart erfahren«.
Wenn wir uns fragen, was wir gerade wahrnehmen, dann schauen wir automatisch auf die äußeren Erscheinungsformen der Objekte in unserer Umgebung. Wir sehen dann einen »Stuhl« oder ein »Buch« in unserer »Hand«. Bei dieser Frage entstehen in unserem Geist klare, abgegrenzte Objekte mit feststehenden Namen: der »Stuhl«, das »Buch«, die »Hand«. Auf der Ebene der Erscheinungsformen mit klaren Begriffen können wir uns leicht auf eine gemeinsame und verlässliche Wirklichkeit mit anderen verständigen. Allerdings sind hier die Objekte statisch und unlebendig und eigentlich wissen wir auf dieser Ebene noch nichts über die tatsächliche Erfahrung, die ein Mensch innerlich bei der Bezeichnung »Stuhl«, »Buch« oder »Hand« erlebt.
Erst wenn wir uns fragen, wie wir das Sitzen oder Lesen erfahren oder wie sich das Buch in unserer Hand gerade anfühlt, verlassen wir die scheinbare Eindeutigkeit einer äußeren Welt von Objekten und betreten eine innere Welt, die lebendig und vielschichtig zugleich ist und uns tief in die Gegenwartsperspektive hineinführt. Wenn wir uns nämlich fragen, wie wir das Sitzen erfahren, gibt es keinen »Stuhl« und keinen davon abgegrenzten »Körper« mehr, sondern nur noch komplexe und fortwährend sich verändernde Empfindungen, die beide Objekte – Stuhl und Körper – umfassen. Vielleicht erfahren wir das Sitzen in einem Moment als eine tragende Festigkeit, der wir uns entspannt überlassen können, nur um sich im nächsten Moment in eine Erfahrung von unangenehmer Härte zu verwandeln, die den Impuls entstehen lässt, uns zu bewegen.
Erst hier, im Wie, öffnet sich uns die Seelenperspektive und wir erfahren das Leben als fließende Gegenwart, die immer in Bewegung ist. Empfindungen erscheinen, verändern sich und lösen sich wieder auf, visuelle Eindrücke und Geräusche bilden eine wabernde, sich ständig verändernde Hintergrundkulisse, in die wir eingebettet sind, und Gedanken und Gefühle durchziehen unsere Innenwelt und geben ihr fortwährend neue Farbschattierungen. Je unmittelbarer wir unseren Erfahrungen lauschen, desto lebendiger und vielschichtiger treten sie zutage.
Daher ist die Welt der Seele ein immerwährendes Abenteuer, die wir niemals in ihrer Vielfältigkeit vollständig erfassen oder begreifen können. Wir können uns nur einlassen darauf und uns bewusst als ein Teil dieser lebendigen Wirklichkeit erfahren. Genauso wie wir die Bewegung eines Flusses nicht mit unserer Hand festhalten und mit unserem Verstand »be-greifen« können, sondern ihr dadurch am nächsten kommen, dass wir uns auf das Fließen einlassen und zum Beispiel im Fluss schwimmen, so können wir auch die lebendige seelische Erfahrung nicht festhalten, konservieren oder gedanklich »dingfest« machen. Aber wir können eintauchen und mitfließen und dabei die Einzigartigkeit, die Vitalität und die schöpferische Qualität des gegenwärtigen Lebens erfahren.
Das Einzige und Entscheidende, was dazu notwendig ist, besteht darin, dass wir von einer äußeren zu einer inneren Perspektive hin wechseln. Mit dem Fokus auf die tatsächlich gefühlte, gegenwärtige Erfahrung, also wie wir die Dinge erleben, öffnet sich uns eine innere Welt – das Reich der Seele. Diese innere Welt ist genauso real im Sinne von wirklich und wirksam wie die äußere Alltagsrealität der Objekte und Begriffe. Können wir die Wirklichkeit unserer momentanen Empfindungen und Gefühle leugnen? Sind innere Bilder nicht genauso oft präsent und damit wirklich und wirkkräftig wie äußere?
Natürlich können wir unsere Seelische Realität ausblenden oder als subjektive, flüchtige Erfahrung kleinreden. Das ändert aber nichts daran, dass sie in jedem Augenblick, bewusst oder unbewusst, vorhanden ist und sogar die Grundlage für die Konstruktion einer äußeren, objekthaften Gedanken-Welt bildet. Denn wie kommen wir zu der Aussage: Das ist ein »Stuhl«, das ist ein »Buch« und das ist eine »Hand«? Wir nehmen aus dem Fluss der gegenwärtigen Wahrnehmungen bestimmte Oberflächenmerkmale der Erscheinungsformen heraus, isolieren sie geistig zu einem abgegrenzten, handhabbaren Objekt und schreiben ihnen dann einen allgemeingültigen Begriff zu wie »Stuhl« oder »Hand« und haben sie damit endgültig zu einem festen Objekt isoliert und festgeschrieben.
Dieser Vorgang geschieht natürlich nicht bewusst, sondern ist ein angelerntes, automatisiertes geistiges Muster. Die lebendige Erfahrung wird in diesem Prozess der geistigen Festschreibung zugunsten einer allgemeingültigen äußeren Welt zurückgedrängt und ausgeblendet, aber sie ist weiterhin in jedem Erfahrungsobjekt vorhanden und gibt sogar die entscheidenden Zutaten, nämlich Sinneswahrnehmungen, aus denen die Alltagsrealität geistig geformt wird.
Die innere Welt der Seelischen Realität ist daher in jeder Alltagserfahrung vorhanden und kann in jedem Augenblick abgerufen werden. Allerdings müssen wir dazu bereit sein, den Komfort und die Sicherheit einer oberflächlichen, allgemeingültigen Wirklichkeit zu verlassen und uns auf die Ungewissheit einer lebendigen, gegenwärtigen Erfahrungsdimension einzulassen. Abenteuer sind eben Abenteuer und beziehen ihre Vitalität und Intensität aus dem Ungewissen. Darin liegt ihr Reiz und gleichzeitig ihr Wagnis.
Das ist sicher ein wesentlicher Grund, warum viele Menschen ein sehr ambivalentes Verhältnis zu der inneren Welt der Seele haben: Sie reizt uns und wir suchen ihre Intensität und Kreativität, aber sie macht uns mit ihrer Unberechenbarkeit auch Angst. Manche Menschen ziehen es daher vor, in der Komfortzone einer Alltagsrealität zu bleiben und sich nur im Notfall, wenn es gar nicht mehr anders geht und die Seele um Zuwendung schreit, sich ihrer Innenwelt zuzuwenden.
Subjektivität und die Falle der Generalisierung
Ein wesentlicher Grund dafür, dass die seelische Realität oft so wenig ernst genommen wird, ist ihre Subjektivität. Wenn wir unseren Blick von der Oberfläche der Objekte abwenden und nach innen gehen mit der Frage, wie wir etwas erleben, tauchen gegenwärtige und sehr individuelle Erfahrungen auf. Diese sind in keiner Weise allgemeingültig und übertragbar.
Wenn zwei Menschen zum Beispiel in einem Park spazieren gehen und die Umgebung betrachten, können sie sich jederzeit über die äußere Wirklichkeit verständigen: »Das ist ein Landschaftspark mit weiten Rasenflächen. Dort steht eine alte, große Blutbuche und wir gehen darauf zu.« Wenn sie sich aber jetzt nach innen wenden und ihre unmittelbare seelische Erfahrung austauschen, hören die Gemeinsamkeiten schnell auf. Denn die eine Person empfindet die Buche vielleicht als riesig und fast bedrohlich und genießt mehr den Blick auf die Rasenfläche mit ihren kleinen farbigen Blümchen, während die andere Person von der Größe und der Kraft der Buche fasziniert ist und sich davon fast magisch angezogen fühlt.
Je genauer wir das innere Erleben betrachten und uns darauf einlassen, desto subjektiver und vielschichtiger werden die eigenen Erfahrungen zutage treten und umso mehr Unterschiede werden sich im Kontakt mit anderen Individuen zeigen. Auf der Ebene der seelischen Realität ist keine Verständigung im Sinne einer allgemeingültigen, objektiven Wahrheit mehr möglich. Wir können hier zwar unsere Erfahrungen miteinander teilen und sie dadurch wechselseitig mitempfinden, aber wir können uns nicht auf ein einziges Erleben einigen, das richtig ist und welches man empfinden muss, wenn man zum Beispiel einer alten mächtigen Blutbuche gegenübersteht.
Wir können daher nicht erwarten, dass wir von anderen eine Bestätigung für unser individuelles seelisches Erleben bekommen. Wenn wir ein reifes Gegenüber haben, dann wird sie unsere augenblickliche Erfahrung ernst nehmen, auch wenn die Person selbst anders empfindet. Häufig wird es aber geschehen, dass unser Gegenüber kein Verständnis für andere Erlebnisweisen hat. Vielleicht schüttelt sie den Kopf und sagt zu uns: »Wie kann man sich nur von so einem wunderbaren mächtigen Baum bedroht fühlen?« Natürlich ist dies keine echte Frage, sondern eine unterschwellige Botschaft, mit der uns vermittelt werden soll, dass unsere Erlebnisweise falsch ist.
Doch das innere Erleben ist niemals falsch, es ist nur individuell und entsprechend unterschiedlich. Nur wenn uns das bewusst ist, können wir den Mut aufbringen, zu unserer authentischen inneren Erfahrung, wie immer sie gerade ist, zu stehen und sie nach außen in aller Vielschichtigkeit zu zeigen. Wenn wir die Legitimität einer subjektiven Erlebnisweise jedoch noch nicht verinnerlicht haben, sind wir wie ein kleines Kind davon abhängig, dass unsere inneren Erfahrungen ernst genommen und verstanden werden.
Solange wir die Bestätigung für unser inneres Erleben brauchen, sehnen wir uns danach, dass nahestehende Menschen das »Gleiche« fühlen wie wir. Wir suchen unbewusst nach der symbiotischen Liebe, deren Ziel die Verschmelzung und nicht die reife Verbundenheit in aller Unterschiedlichkeit ist. Das Gegenüber soll das Gleiche fühlen, das Gleiche lieben und das Gleiche ablehnen. Nur in dieser Absolutheit glauben wir uns ganz verstanden und in unserer seelischen Wahrheit bestätigt. Entsprechend reagieren wir äußerst empfindlich darauf, wenn unsere Nächsten anders fühlen wie wir selbst, oder schlimmer noch, unser inneres Erleben nicht gelten lassen. Dann kippt die Suche nach Bestätigung und nach Verschmelzung schnell in ein Gefühl von Verletztsein und Wut auf die andere Person.
Die Folge ist ein tiefes Gefühl von Selbstunsicherheit, das dazu führt, dass wir es kaum noch wagen, vor anderen ungeschminkt und vertrauensvoll zu zeigen, was uns wirklich bewegt. Doch was vielleicht noch schlimmer ist, ist die Tatsache, dass wir selbst unseren Gefühlen immer weniger vertrauen und sie entsprechend immer weniger zulassen. Das bedeutet, dass der Kontakt zu unserer Seelischen Realität schwächer wird und entsprechend die innere Verbindung abnimmt oder sogar zeitweise verloren geht.
Eine spezielle Variante, die Verunsicherung in uns abzuwehren, ist, unser seelisches Empfinden zu verabsolutieren. Wir treten dann nach außen selbstbewusst auf und erheben für das, was uns innerlich bewegt, einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch. Wir tappen dabei in die Falle des Fundamentalismus, bei dem subjektive Perspektiven und Sichtweisen für allgemeingültig erklärt werden. Diese Haltung wirkt nach außen hin stark und ist somit gerade auch für verunsicherte Menschen manchmal anziehend. So ist es erklärbar, dass charismatische Persönlichkeiten in der Politik, in der Religion oder der Gesellschaft, welche persönliche Wahrheiten als absolut und allgemeingültig hinstellen, immer wieder großen Zulauf bekommen.
Ob wir uns aber selbstverunsichert ins eigene Schneckenhaus zurückziehen oder scheinbar selbstbewusst unser inneres Erleben verabsolutieren, beides hat die gleiche Ursache: Wir stemmen uns gegen eine Gesetzmäßigkeit menschlichen Lebens: nämlich, dass die innere Welt der lebendigen Erfahrung vielschichtig und subjektiv ist. In der äußeren Welt der Alltagsrealität mit klaren scheinbar feststehenden Objekten können wir allgemeingültige Positionen aufstellen und uns darauf verständigen, aber in der inneren Welt der Seele, in der es nur lebendige, fließende Erfahrungen gibt, herrscht eine andere Gesetzmäßigkeit: die der Vielfalt und des Wandels.
Wie sollen wir auch eine Gegenwartserfahrung, die sich bei genauerer Betrachtung wie ein Fluss, der immer in Bewegung ist und sich ständig wandelt, in eine allgemeingültige Form oder Formel bringen? Nicht mal für uns selbst gibt es irgendeine Erfahrung, die dauerhaft gilt. Wie tief ein Erleben auch ist und wie stark es uns auch immer berührt, es fließt weiter und nach kurzer Zeit ist es lediglich eine Erinnerung – ein Gedanke. Wie kann sie daher als dauerhafte Wahrheit und darüber hinaus sogar als dauerhafte allgemeingültige Wahrheit fungieren?
Wenn wir uns der Gesetzmäßigkeit der Seele von Wandel und Subjektivität bewusst sind und sie anerkennen, ja, sie verinnerlicht haben, entsteht eine vollkommen neue Freiheit: Wir dürfen das fühlen, was wir fühlen, unabhängig davon, ob andere Menschen andere Erfahrungen machen und uns verstehen können oder nicht. Und auch die anderen dürfen fühlen, was sie fühlen. Diese Erlaubnis – zu fühlen, was wir fühlen – eröffnet uns die Möglichkeit, unsere seelische Wahrheit ernst zu nehmen und eine unmittelbare Verbindung nach innen zu pflegen. Gleichzeitig können wir uns dann empathisch für andere Menschen und deren Innenwelt öffnen.
Mit der Zeit spüren wir immer mehr, dass es in der Welt der Seele kein »richtiges« oder »falsches« Erleben gibt, sondern nur die gegenwärtige, lebendige Bewegung, der wir vertrauen können. So führt uns die neu gewonnene Freiheit, »das zu fühlen, was wir fühlen«, letztlich in ein tiefes Vertrauen in die innere Welt der Seele.
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