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Richard Stiegler
Nach innen lauschen
Richard Stiegler
Nach innen lauschen
Inspirationen für die spirituelle Praxis

Für meine Schülerinnen und Schüler
© 2014 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2015
E-Book 2020
Titelfoto: Bronzeskulptur „Kontemplation“
aufgenommen im „Museum der Moderne“ in Salzburg mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Helga Vockenhuber; www.helga-art.at
Zitat S. 9: Hermann Hesse, Siddhartha, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 3: Roßhalde, Knulp, Demian, Siddhartha, S. 413. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
Lektorat: Lothar Scholl-Röse
Hergestellt von mediengenossen.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-307-5
Einführung
Teil eins Die stille Meditation
1 Was ist Meditation?
Grundaspekte der Meditation
2 Sein
3 Gegenwärtigsein
4 Offensein
5 Lauschen
Inspirationen für die Praxis der stillen Meditation
6 Über die Kraft der Motivation
7 Sitzen wie ein Berg
8 Absichtslos sein
9 Unmittelbar sein
10 Dem Leben vertrauen
11 Die Illusion von Kontrolle
12 Sich an das Gewahrsein erinnern
13 Lauschen als Instrument
14 Eintauchen ins Unermessliche
15 Sich mit Hindernissen anfreunden
16 Und immer wieder das Denken
17 Meditation als Spiegel der Seele
18 Leben in der Gegenwart
19 Das, was ist, ist
20 Sein genügt
21 Wie die Dinge geschehen
22 Sich erinnern hat Macht
23 Gewahrsein und Freiheit
24 Achtsamkeit als Instrument der Liebe
25 Was uns verwandelt
Teil zwei Das innere Erforschen
1 Über die Seele
Grundaspekte des inneren Erforschens
2 In den Seelengarten gehen
3 Dem inneren Ruf folgen
4 In den Fluss springen
5 Grundhaltung, Ablauf und Wirkung
Inspirationen für die Praxis des inneren Erforschens
6 Immer wieder bei null beginnen
7 Der rote Faden der Gegenwart
8 Erklären und Erforschen
9 Sich der inneren Führung überlassen
10 Das Wesen nähren
11 Den Schatten erkunden
12 Nicht fixiert sein
13 Die Seele kennt kein Innen
14 Die Kunst, die Perspektive zu wechseln
15 Die Ausgleichsbewegungen der Seele
16 Bewusstsein und Potentialität
17 Sich Aufmerksamkeit schenken
18 Kreativ sein
19 Sich nicht entscheiden
20 Verdauen
21 Zulassen, zulassen, zulassen
22 Sich fallen lassen
23 Nach der Welle
24 Tore ins Sein
25 Veränderte Bewusstseinszustände
26 Dem Leben begegnen
27 Lebendigsein
28 Die Liebe zum Einfachen
Teil drei Das Zuhören
1 Leben in Beziehung
2 Zuhören als spirituelle Grundhaltung
Grundaspekte des Zuhörens
3 Präsenz
4 Offen sein
5 Berührbar sein
6 Resonanz geben
7 Mensch sein genügt
8 Kennen wir uns wirklich?
9 Innere Reife
10 Interpretation und Wahrheit
11 Die Motivation des Helfens
12 Wenn wir angegriffen werden
13 Der innere Raum
14 Mitgefühl und Durchlässigkeit
15 Was wissen wir schon?
16 Kann man schnell zuhören?
17 Friedensarbeit
18 Das heilende Feld der Annahme
19 Zuhören belebt
20 Ausbalancieren
21 Das Feld der Präsenz
22 Kommunikation und Kommunion
23 Es ist nie zu spät
Anhang
Begriffsklärungen
Vertrau…
Dank
Zum Autor
Mehr aber, als Vasudeva, der Fährmann, ihn lehren konnte, lehrte ihn der Fluss. Von ihm lernte er unaufhörlich.
Vor allem lernte er von ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.
HERMANN HESSE „Siddhartha“
Einführung
Wanderer, nur deine Spuren sind der Weg, sonst nichts; Wanderer, es gibt keinen Weg, er entsteht erst durchs Gehen.
ANTONIO MACHADO, Liedzeile
Gibt es einen Weg ohne die Schritte des Wanderers? Können wir uns innerlich entwickeln und heranreifen ohne konkrete Erfahrungen?
Auch der spirituelle Weg vollzieht sich durch konkrete Schritte – Erfahrungen, die uns reifen lassen und unser Verständnis vertiefen. Die Praxis ist das Gefäß für konkrete Erfahrungen. Sie ist der Weg, auf dem wir unsere inneren Schritte machen. Erst die Auseinandersetzung mit Praxisformen, auf die wir uns einlassen, an denen wir uns reiben und in welchen sich unsere seelische Entwicklung entfalten kann, führt dazu, dass sich spirituelle Einsichten vertiefen und verinnerlichen. Ohne eine Praxis bleibt unser Verständnis oberflächlich.
Etwas zu erkennen, bzw. zu verstehen und etwas zu verinnerlichen sind grundsätzlich zwei verschiedene Dinge. Das Eine braucht notwendig das Andere. Erst im Zusammenspiel von Verstehen und Verinnerlichen wird sich ein Weg für uns wirkungsvoll entfalten können.
Das ist allerdings ein langer Weg und braucht Zeit. Ohne Praxisformen, die uns an diese spirituellen Wahrheiten erinnern und die uns ermöglichen, dass wir bestimmte Grundhaltungen immer und immer wieder einnehmen, ist eine solch tief greifende Umwandlung nicht möglich. Die Praxis hilft uns, dass unser Verstehen ganzheitlich wird, gleichsam vom Kopf in Körper und Seele wandert und sich dort verankert.
Für diese allmähliche Umwandlung unseres Egos ist dabei nicht so sehr die Qualität unserer Praxis entscheidend (zum Beispiel wie tief gerade unsere Meditation ist), sondern die Kontinuität, also unsere Ausdauer. Wie auch beim Erlernen eines Musikinstruments nur die Regelmäßigkeit unseres Übens letztlich zu guten Erfolgen führt, ist auch in der spirituellen Praxis entscheidend, ob wir uns kontinuierlich und über lange Zeit auf die Praxis einlassen. Erst dann können sich die Grundhaltungen, die wir durch unsere spirituelle Praxis verinnerlichen, in unserem Leben tief greifend auswirken.
Die im vorliegenden Buch vorgestellten drei Praxisformen haben sich im Laufe der Jahre in der Bewusstseinsschule SEELEundSEIN herauskristallisiert und verfeinert. In dieser Bewusstseinsschule werden die Grundlagen der transpersonalen Prozessarbeit vermittelt. Die transpersonale Prozessarbeit begreift den inneren Weg als einen sehr umfassenden Bewusstheitsprozess, der alle inneren und äußeren Lebensbereiche miteinschließt. Aus diesem Verständnis heraus haben sich die drei Grundformen der spirituellen Praxis, die ich im Buch beschreibe, herausgebildet.
Die erste Praxisform der stillen Meditation (Kapitel 1) richtet unsere Aufmerksamkeit auf die Dimension des Gewahrseins aus. Wir werden immer wieder an die Grundaspekte des Gewahrseins erinnert und verinnerlichen systematisch die zentralen spirituellen Grundhaltungen, die dem Gewahrsein entsprechen. Dadurch bringen wir uns in Einklang mit dem Gewahrsein und entdecken zunehmend das unbedingte und zeitlose SEIN, das wir zuinnerst sind.
In der zweiten Praxisform des inneren Erforschens (Kapitel 2) wird unsere Aufmerksamkeit auf die schöpferische Lebendigkeit unserer Seele gerichtet. Für viele Meditierende ist diese Praxisform neu. Bisher hat sich meist nur die Psychologie durch verschiedene Methoden der Introspektion auf den seelischen Aspekt bezogen. Aber gerade die neueren Entwicklungen in Psychologie und Spiritualität zeigen, dass die Grenzen zwischen persönlicher und spiritueller Entwicklung fließend sind. Im Kontext unserer Seele zeigen sich innere Selbstgrenzen und die Beschränkungen unseres Egos. Daher ergibt sich beim inneren Erforschen im Besonderen die Möglichkeit, diese Grenzen zu erkennen und kraft unserer Bewusstheit zu erweitern. Mit der Zeit wird unsere Identität dadurch offener und fließender und der schöpferische Seelenstrom kann uns von innen her ungehindert inspirieren und erfüllen und auch als innere Führung leiten. Inneres Erforschen ist nicht (nur) eine neue Form der Psychotherapie, sondern eine sehr direkte und wirkungsvolle Möglichkeit, mit der Seelenrealität in Kontakt zu sein, um im wahrsten Sinne des Wortes „beseelt“ zu leben.
Die dritte Praxisform des Zuhörens (Kapitel 3) schließlich bezieht sich auf unser Bezogensein als Mensch. Wenn man nur auf die Praxis der stillen Meditation schaut, die in den meisten spirituellen Schulen auf die eine oder andere Weise im Zentrum des inneren Weges steht, hat man den Eindruck, dass ein spiritueller Weg immer in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit stattfindet. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich betrifft eine der tiefsten spirituellen Erkenntnisse unsere vollständige Bezogenheit, unser Einssein, als Mensch. Diese Erkenntnis löst unser individuelles und getrenntes Selbstgefühl auf und macht uns unsere Verbundenheit mit allen und allem bewusst. Spätestens hier ergibt sich fast zwingend die Notwendigkeit einer Praxisform, die mitten in unseren Beziehungen stattfindet und sich direkt auf diese Verbundenheit bezieht. Die Praxis des Zuhörens ist der direkte Ausdruck dieser Verbundenheit und hat die Kraft, uns und unsere Beziehungen zu verwandeln.
Im vorliegenden Buch werden drei Praxisformen systematisch und getrennt voneinander dargestellt. Beim Lesen werden Sie bemerken, dass sich viele Aspekte ergänzen und überschneiden. Das liegt daran, dass letztlich alle Praxisformen im Gewahrsein, in unserer innersten Seinsnatur, wurzeln und die Grundaspekte des Gewahrseins diese Formen durchdringen.
In jedem Kapitel gibt es zunächst eine Einleitung in den jeweiligen Bereich, auf den sich die Praxisform bezieht. Dann werden in Kürze die Grundaspekte dieser Praxisform vermittelt. Ich empfehle sehr, diese Grundaspekte immer wieder einmal zu lesen, damit sie sich verinnerlichen können. Im Anschluss folgen weitere Aspekte und Inspirationen für die alltägliche Praxis.
Letztlich sei daran erinnert, dass dieses Buch weniger als eine theoretische Abhandlung dieser Praxisformen gedacht ist, sondern vielmehr als ein Praxisbuch im wahrsten Sinne des Wortes. Die kurzen Kapitel sind eine Mischung aus Aspekten zur inneren Kontemplation und konkreter Anleitung und haben vor allem die Grundidee, Menschen in der Ausübung ihrer täglichen spirituellen Praxis zu inspirieren. So empfehle ich, vor der Ausübung der Praxis eines dieser Unterkapitel zu lesen und zu kontemplieren, um dann diesen Aspekt in der Praxis zu verinnerlichen. Dabei kann es durchaus Sinn machen, sich mit einem Aspekt nicht nur einen Tag, sondern auch eine ganze Woche oder noch länger zu beschäftigen und Erfahrungen damit zu sammeln.
Dieses Buch ist also ein Arbeitsbuch zur Inspiration und zur praktischen Umsetzung und daher vor allem eine Unterstützung für Menschen, die bereits einen spirituellen Weg gehen. Solange wir nur darin lesen, werden wir zwar von dem einen oder anderen Gedanken inspiriert sein, aber erst in der praktischen Umsetzung können die Samen dieses Buches sich in unserem Leben entfalten. Samen brauchen die Erde, sonst können keine Pflanzen daraus entstehen, und Erkenntnis braucht die eigene Erfahrung, die im Nährboden unserer Seele wurzelt. Dazu verhilft das konkrete Umsetzen dieser Praxisformen.
Gerade auch die Übungsanweisungen am Ende der Kapitel können sehr hilfreich sein, den jeweiligen Aspekt „von innen her“ zu spüren. Dabei sei nochmal darauf hingewiesen, dass ein großer Unterschied besteht, ob wir z. B. über die Haltung des Empfangens in einem Buch lesen, ob wir diese Haltung kontemplieren und uns davon innerlich berühren lassen oder ob wir sogar in die Haltung des Empfangens hineinschlüpfen, sie gleichsam von innen her körperlich erfahren. Wir werden überrascht sein, zu merken, dass unsere erste Vorstellung beim Lesen eines Aspektes oft sich ganz anders darstellt als die konkrete Erfahrung beim körperlichen Hineinschlüpfen in diesen Aspekt.
Für Leserinnen und Leser, die mit der Terminologie der Transpersonalen Psychologie unerfahren sind, findet sich im Anhang des Buches noch eine Begriffsklärung der wichtigsten verwendeten Fachbegriffe.
Möge dieses Buch ein Beitrag sein, die eigene spirituelle Praxis lebendig zu halten, damit sie uns zum Wohle von uns selbst und allen Wesen verwandeln kann.
TEIL EINS
Die stille Meditation
1 Was ist Meditation?
Meditation ist ein Begriff, der sowohl bei erfahrenen wie auch bei unerfahrenen Menschen eine Menge Assoziationen auslöst. Wenn wir selbst meditieren und eine bestimmte Richtung der spirituellen Praxis kennengelernt haben, differenziert sich unser Verständnis von Meditation und es bilden sich in uns immer klarere Ideen darüber, was Meditation ist. Doch unabhängig davon, wie diese Ideen genau sind, ist die Praxis der Meditation immer ein wenig mehr, als wir darüber denken oder sagen können. Meditation führt uns über das Denken hinaus.
Daher sind wir dem Wesen der Meditation viel näher, wenn wir alle Konzepte über Meditation loslassen und uns erlauben, nicht so genau zu wissen. Im Zen nennt man diese Haltung den Anfängergeist. Ein Anfänger weiß nicht und kann unvoreingenommen und neugierig in die Welt schauen. Jeder Glaube zu wissen schränkt diese Offenheit schon wieder ein.
Ohne uns dessen bewusst zu sein, tragen wir alle viele Ideen und Bilder über Meditation in uns. Diese Bilder, bewusst oder unbewusst, prägen unsere Haltung in der Meditation und auch unsere Einstellung dazu. Aber das Konzept über eine Sache ist nicht die Sache selbst. Und das, was wir mit Meditation verknüpfen, ist nicht das, was Meditation ist.
„Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ gilt auch für die Meditation. Das bedeutet, der erste Schritt, uns auf die Meditation einzustimmen, ist, uns frei zu machen von allen Gedanken und Bildern, die wir darüber haben. Das geschieht zunächst dadurch, dass wir uns bewusst werden, was wir mit dem Begriff „Meditation“ verbinden.
Woran denken wir beim Wort „Meditation“? Welche Bilder tauchen dabei in uns auf?
• Bedeutet Meditation, still und aufrecht dazusitzen?
• Verbinden wir mit „still sitzen“ vielleicht auch „still halten müssen“ oder „Strenge“?
• Glauben wir, dass Achtsamkeit Kontrolle bedeutet?
• Ist Meditation eine „Übung“? Und was impliziert das Wort „Übung“?
• Geht man bei der Meditation mit der Aufmerksamkeit nach innen?
• Bedeutet Meditation den Atem beobachten?
• Ist Meditation etwa ein heiliger Raum, eine heilige Handlung?
• Werden wir durch Meditation zu einem besseren Menschen? Besser als andere?
• Verbinden wir mit Meditation einen inneren Frieden?
• Ist Meditation der Ort für spirituelle Erkenntnis und für Gipfelerlebnisse? Geht es bei der Meditation ums Erwachen?
Wie auch immer unsere Vorstellungen sind, wir müssen uns bewusst sein, dass alle Vorstellungen bedingt sind und damit auch Grenzen setzen: Das eine ist Meditation und das andere ist es nicht. Auf diese Weise erzeugt jede Vorstellung Ablehnung und Anstrengung. Aber Ablehnung und Anstrengung sind genau das, was das Wesen der Meditation nicht ausmacht.
• Was verbindest du mit dem Begriff „Meditation“?Welche Wirkung hat das in dir?
• Was verbindest du mit „still sitzen“?Was kannst du dadurch nicht in dir zulassen?
• Sprich zu Beginn der Meditation die Worte „Ich weiß gar nichts“ in dich hinein und widme dich vollkommen neu und unvoreingenommen dem, was dann geschieht.
GRUNDASPEKTE DER MEDITATION
2 Sein
Von außen betrachtet, ist Meditation eine bestimmte körperliche Form, die wir einnehmen und für eine bestimmte Zeit einhalten: z. B. ein aufrechtes und stilles Dasitzen oder ein Gehen in Achtsamkeit. Die äußere Form der Meditation unterstützt uns, mit unserer innersten Natur in Einklang zu kommen. Unsere innerste Natur, auch unsere wahre Natur genannt, ist die innerste Identität unseres Menschseins jenseits unserer alltäglichen äußeren Identität, die aus vielen Vorstellungen und Selbstbildern, die wir von uns haben, besteht. Erst wenn wir die innerste Identität entdecken, lernen wir eine Freiheit kennen, die uns solange verschlossen bleibt, solange wir mit unserer äußeren Identität verhaftet sind.
Meditation, so wie es üblicherweise betrachtet wird, ist das Medium, das uns mit dieser inneren Freiheit in Kontakt bringen kann. Das ist sicherlich korrekt, jedoch ein oberflächliches Verständnis, das dazu führt, dass Meditation mehr als eine Art „Übung“ verstanden wird, die uns „nach innen“ zu unserer Seinsnatur führen soll.
Schauen wir jedoch tiefer auf das Wesen der Meditation, dann ist Meditation nicht primär eine äußere Form, die wir einhalten und üben, und auch kein Hilfsmittel, um irgendwohin zu kommen, sondern natürlicher Ausdruck unserer innersten Identität von Freiheit – unserer Seinsnatur. Diese hat mehrere zentrale Aspekte, die sich in der Praxis der Meditation widerspiegeln: das Sein, das Gegenwärtigsein, das Offensein und das Lauschen.
Meditation als natürlicher Ausdruck des unbedingten Seins ist keine Übung und kein Tun, sondern ein „Ort des Loslassens“ und eine Zeit, uns an das innerste Wesen in all seinen Aspekten zu erinnern.
Betrachten wir den ersten dieser zentralen Aspekte: das Sein.
Das Grundlegendste, was man über Meditation sagen kann, ist, dass sie ein Ort ist, an dem es um das Sein geht. Oder anders ausgedrückt: Wir dürfen sein, wie wir sind!
Unser bloßes Sein genügt.
Welch ein Versprechen! Sehnen wir uns nicht immer genau nach diesem „Sein-Dürfen“? Wann haben wir schon das Gefühl, dass unser Sosein genügt - ohne eine Erwartung und ohne Pflichten? Haben wir nicht ständig das Gefühl, „besser“ oder „anders“ sein zu müssen?
Manchmal, vielleicht bei einem Spaziergang in der Natur, stellt sich für eine kurze Zeitspanne das Gefühl ein, dass unser bloßes Sein genügt. Schon können wir entspannen und innerlich loslassen. Wir dehnen uns in unserem natürlichen Sosein aus. Umgekehrt spannen wir uns sofort an, wenn wir inneren oder äußeren Erwartungen ausgesetzt sind.
Die Grundhaltung in der Meditation ist: Was immer gerade in Erscheinung tritt, darf sein. Was immer gerade da ist, genügt vollkommen. Wie auch immer wir gerade sind, ist in Ordnung. Wir brauchen uns nicht darum zu bemühen, die „Dinge“ anders oder besser zu machen. Dieser Augenblick ist vollkommen und auch wir sind so, wie wir sind, vollkommen und angenommen.
Entspricht diese Haltung nicht unserer Ursehnsucht als Mensch nach einem bedingungslosen Angenommensein? Suchen wir nicht oft genau nach diesem Angenommensein in unseren Beziehungen?
• Wie erfährst du Momente von „Sein-Dürfen“?
• Wie erfährst du Momente von „Angenommensein“?
• Wie erfährst du die Meditation, wenn dieses „Sein-Dürfen“ und das „Angenommensein“ die Grundhaltung dabei ist?
3 Gegenwärtigsein
Das schlichte „Sein dürfen“ führt uns automatisch zu einem weiteren Aspekt von Meditation: dem Gegenwärtigsein. Gegenwärtigsein bedeutet: dieser Augenblick genügt. Wir brauchen den Moment nicht zu verstehen, zu ändern oder zu verbessern. Im Gegenwärtigsein gibt es kein Richtig und Falsch. Bewertungen haben in der unmittelbaren Wahrnehmung keinen Platz. Es genügt, ganz unmittelbar zu sein. Das ist die Grundhaltung.
In manchen buddhistischen Traditionen nennt man die Orientierung am unmittelbaren Augenblick die Makellosigkeit des Meditierenden1. Makellos steht hier nicht für Fehlerlosigkeit oder Perfektion, sondern für eine eindeutige und immerwährende Ausrichtung auf das jetzige Lebendigsein. Wir öffnen uns dem Augenblick, wie auch immer er sich gerade zeigt. Makellosigkeit ist eine Art innere Disziplin, sich immer wieder neu am Jetzt zu orientieren.
Wir richten uns auf die Wirklichkeit aus, so wie sie sich von Moment zu Moment zeigt. Nicht unsere Ideen, Vorstellungen, Wünsche und Pläne stehen dabei im Zentrum der Betrachtung, sondern die tatsächliche Wirklichkeit des Augenblicks.
Diese kompromisslose Haltung, uns am Jetzt zu orientieren und uns für den Augenblick zu öffnen, bedeutet, uns der Führung durch das Leben zu überlassen. Das ist diametral dem entgegengesetzt, was das Ego will. Das Ego sucht Sicherheit, Kontrolle und angenehme Gefühle. Aber Gegenwärtigsein ist eine Haltung der Hingabe. Daher ist diese Haltung in der Meditation Ego transformierend.
Die Orientierung an der unmittelbaren Wirklichkeit beinhaltet eine fundamentale Wahrheit: das Anerkennen der Existenz. Wir messen dem Tatsächlichen mehr Wert bei als unserer Gedankenwelt. Durch diese Grundhaltung entfaltet sich eine große Einfachheit: Wir sind unmittelbar mit dem, was ist – nichts weiter.
In dieser Einfachheit werden wir reduziert. Unsere Pläne, Vorstellungen und Wünsche fallen weg. All unsere Filter von Richtig und Falsch, von Wollen und Abneigung fallen weg. Selbst unsere üblichen Selbstbilder, unsere alltägliche Identität, sind in dieser Einfachheit nicht mehr von Belang.
Wenn wir uns dieser Einfachheit des Gegenwärtigseins überlassen, werden wir darin einen schlichten, stillen Frieden finden. Wir sind im Einklang. Es gibt keine Reibung und keinen Widerstand mehr.
Diese Einfachheit ist gleichzeitig erfüllend und intensiv. Sogar ein schlichtes Geschehen wie das Spüren der Atembewegung oder das Lauschen einer Vogelstimme wird zu einer erfüllenden Erfahrung, wenn wir unmittelbar wahrnehmen und in dieser Erfahrung anwesend sind. In solch einem Moment erschließt sich uns das Sosein der Dinge. Dieser einfache, erfüllende Friede ist ein Aspekt von Stille.
• Wie reduziert dich Unmittelbarkeit? Was fällt dabei alles weg?
• Wie erfährst du „Unmittelbarkeit“ jetzt?
1 Lediglich aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird die männliche Form gewählt, die die weibliche Form mit einschließt.
4 Offensein
Gegenwärtigsein ist die Orientierung am Augenblick, so wie er sich zeigt von Moment zu Moment. Diese Haltung impliziert eine bedingungslose Offenheit für den Augenblick. Meditation wird auf diese Weise zu einer Art Hingabe, einem Dienst am Leben. Wir könnten es auch „Gottesdienst“ nennen.
Die Haltung des Dienens entspricht exakt der Haltung von Offensein. Wenn wir jemandem dienen, geht es nicht um unsere Bedürfnisse, um unsere Vorstellungen, um unser Wollen, sondern um die andere Person. Wir öffnen uns für ihre Bedürfnisse. Auch in der Meditation geht es nicht um unsere Bedürfnisse und Vorstellungen, sondern wir öffnen uns für das augenblickliche Sein. Im Christentum drückt sich diese Haltung in dem Satz aus: „Dein Wille geschehe.“
Eine so bedingungslose Offenheit und Hingabe braucht ein großes Vertrauen. Das Vertrauen in das gegenwärtige Leben und dessen Führung, auch wenn es sich für unser Ego falsch oder unangenehm anfühlen sollte. Vertrauen ist die Grundlage für Offenheit. Und umgekehrt führt bedingungslose Offenheit zu einem bedingungslosen Vertrauen.
Wir überlassen uns dem größeren Willen und öffnen uns dem gegenwärtigen Geschehen. „Dieser Augenblick, ob angenehm oder unangenehm, ob erwünscht oder unerwünscht, ist richtig.“
In der Meditation drückt sich die Haltung der Offenheit konkret darin aus, dass wir ein offenes Gewahrsein praktizieren und keine Konzentrationspraxis (= Objektmeditation). Bei einem offenen Gewahrsein halten wir die Aufmerksamkeit weit und alles darf in unserem Gewahrsein auftauchen, kommen und gehen. Wir grenzen nichts aus und praktizieren keine Konzentration durch Verengung unserer Aufmerksamkeit auf ein einziges Geschehen, wie zum Beispiel den Atem.
Um in dieser Offenheit fortwährend wach und konzentriert gegenwärtig zu bleiben, können wir das „Etikettieren“ als Konzentrationshilfe nutzen. Etikettieren bedeutet, das augenblickliche Erleben innerlich mit einem kurzen, knappen Etikett zu versehen. Auf diese Weise verankern wir uns in der Gegenwart, ohne unsere Aufmerksamkeit auf ein Objekt verengen zu müssen. Unsere Aufmerksamkeit bleibt beweglich und ungebunden.
Es gibt verschiedene Arten des Etikettierens, die jeweils andere Erkenntnisprozesse einladen.
Zum Beispiel: „Bewusstsein des Atmens, Bewusstsein des Denkens, Bewusstsein eines Schulterschmerzes …“ lenkt meine Aufmerksamkeit in jedem Geschehen auf die hintergründige Dimension des Bewusstseins, aus der jede Erfahrung hervortritt.
Oder wir sagen innerlich: „Atmen geschieht, Denken geschieht …“ So erkennen wir mit der Zeit, dass die Dinge aus sich selbst heraus entstehen. Letzteres führt uns in eine umfassende Hingabe.
Solange wir noch unkonzentriert und zerstreut sind, nutzen wir das Etikettieren. Wenn unsere Sammlung sich vertieft und wir unmittelbar im Augenblick sein können, lassen wir das Etikettieren und überlassen uns dem Lauschen …
• Wie erfährst du vollkommene Offenheit?
• Wie verändert dich die Gegenwart, wenn du dich vertrauensvoll überlässt?
5 Lauschen
Lauschen hat im Kontext der Meditation nichts mit dem Vorgang des Hörens zu tun, sondern meint eine Haltung, in der wir eine reine Form der Aufmerksamkeit praktizieren. Wir richten dabei unseren Fokus nicht mehr auf die Erfahrungsobjekte im Geist wie das Atmen, Spüren oder Denken, sondern wir sind ungerichtet aufmerksam – Aufmerksamkeit pur. Die Erfahrungsobjekte treten in den Hintergrund und das Aufmerksamsein selbst rückt in den Vordergrund unseres Erlebens. Die Wirkung ist ein intensives Empfinden von Dasein – ein formloses Feld von SEIN. Hier erfahren wir eine Präsenz, die frei von allen Erfahrungsobjekten ist.
Ein Hilfsmittel, um einen Zugang zum Lauschen zu bekommen, ist das systematische Sich-Konzentrieren auf die Zwischenräume von Erfahrungsobjekten. Wir lenken dabei bewusst den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Leere zwischen den Objekten. Zum Beispiel achten wir auf die Pausen zwischen den Atemzügen oder auf die Lautlosigkeit zwischen den Geräuschen oder die Pausen zwischen Gedanken.
Wenn wir uns ganz auf Zwischenräume und die Leere darin konzentrieren, verweilen wir in einem Zustand von reiner Aufmerksamkeit und die Präsenz verdichtet sich. Je unmittelbarer es uns gelingt, zu lauschen, desto tiefer tauchen wir in ein ungerichtetes, formloses Aufmerksamsein ein und empfinden dabei eine zeitlose, unberührte Stille.
Dieser Vorgang wird auch das „Schauen ins nackte Sein“ oder das „Lauschen in die Stille“ genannt.
Die 4 Grundaspekte der Meditation ergänzen einander und gehen ineinander über:
Sein-Dürfen lässt uns entspannen und im Augenblick da sein. Wir werden mit der Zeit gegenwärtiger. Das Gegenwärtigsein führt uns automatisch zu einer Offenheit und in eine Hingabe an den Augenblick. Und beides: Gegenwärtigsein und Offenheit führen uns zu einer Sammlung im Augenblick, die es uns ermöglicht, das Aufmerksamsein selbst in den Vordergrund zu rücken. Je tiefer wir in das Lauschen eintauchen, desto intensiver erfahren wir eine zeitlose Stille, die der Urgrund aller Erscheinungen ist.
Wenn wir diese 4 Aspekte der Meditation verinnerlicht haben, können wir je nach momentaner Beschaffenheit unseres Geistes den einen oder anderen Aspekt in den Vordergrund stellen und uns auf diese Weise angemessen auf die augenblickliche innere Verfassung beziehen:
Zu Beginn der Meditation macht es Sinn, sich zunächst das „Sein-Dürfen“ bewusst zu machen. Wenn unsere Aufmerksamkeit erlahmt oder wir müde und zerstreut sind, ist es hilfreich, das Gegenwärtigsein zu vertiefen und das Etikettieren zu nutzen. Bei Widerständen tun wir gut daran, uns an das Offensein zu erinnern. Wenn sich unsere Sammlung vertieft und mühelos wird, können wir das Etikettieren lassen und in das reine Lauschen übergehen. Wenn wir zu viel erreichen wollen und sich dadurch Anstrengung oder Frustration einstellt, sollten wir zum „Sein genügt“ zurückkehren.
Lass zu den folgenden Grundhaltungen jeweils spontan aus dem Körper heraus eine Gebärde2 auftauchen und erforsche, wie sich das Erleben anfühlt, wenn du in diese Gebärde hineinschlüpfst:
• Einfach sein, sich sein lassen, angenommen sein
• Da sein, anwesend sein, wach sein
• Offen sein, sich hingeben, dienen
• Lauschen, ganz Lauschen sein
2 Eine Gebärde ist ein spontaner Körperausdruck, der ein bestimmtes Erleben körperlich-seelisch zugänglich macht. Wenn wir zum Beispiel an Demut denken, würden wir uns wahrscheinlich spontan verneigen. Eine Verneigung ist mehr als eine Geste. Wenn wir sie in Achtsamkeit vollziehen, vermittelt sich uns das Gesamtgefühl zu dieser Geste.
INSPIRATIONEN FÜR DIE PRAXIS DER STILLEN MEDITATION
6 Über die Kraft der Motivation
Jeder Reise geht etwas voraus, das uns motiviert, aufzubrechen. Ohne eine Inspiration, eine Vision oder eine Sehnsucht setzen wir uns nicht in Bewegung. Erst wenn die Motivation klar und tief ist, finden wir die Kraft, lange und beschwerliche Wege auf uns zu nehmen.
Auch die spirituelle Praxis ist ein Weg, eine Reise zu unserer innersten Natur. Ohne eine tiefe Motivation werden wir die Meditation gar nicht beginnen oder sie in der nächsten unangenehmen Situation wieder sein lassen. Auch eine innere Reise braucht eine klare Motivation, die uns hilft, in schwierigen Phasen des Weges dabeizubleiben.
Was motiviert uns also, den inneren Weg zu gehen? Welche innere Sehnsucht treibt uns? Das sind Fragen, die wir uns immer wieder vor jeder Meditation stellen können, um unsere Motivation frisch zu halten. Mit diesen Fragen nehmen wir Kontakt zu unserer Sehnsucht auf und aktualisieren den inneren Antrieb, der uns meditieren lässt.
Motivation ist eine Kraft. Sie ermöglicht es uns, unsere Aufmerksamkeit in einer gesammelten Weise zu richten. Wenn wir zu einer Sache stark motiviert sind, ist es sehr leicht, wirklich konzentriert und interessiert bei dieser Sache zu verweilen. Wenn wir jedoch etwas aus Pflichtgefühl oder einer Gewohnheit heraus tun, also ohne lebendige, innere Motivation, wird es sehr mühsam sein, diese Sache unabgelenkt und konzentriert zu verfolgen. Das bedeutet, die Qualität unserer Achtsamkeit für den Augenblick erhöht sich entscheidend, wenn unsere Motivation frisch und lebendig ist.
Die Motivation zur Meditation kann vielfältig sein und sie kann sich im Laufe der Jahre verändern. Es kann sein, dass wir aus einer inneren Not oder Unzufriedenheit heraus die Praxis der Meditation beginnen und uns dabei nach Qualitäten wie innerem Frieden oder innerer Fülle sehnen. Vielleicht haben wir bereits Momente von Frieden, Klarheit und innerer Weite in unserer Meditation erfahren und sehnen uns danach, diese inneren Zustände zu wiederholen und zu vertiefen. Möglicherweise verspüren wir innerlich einen Drang, den menschlichen Geist und das Leben selbst in seiner Natur tiefer und tiefer durchdringen zu wollen. Die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis kann eine kraftvolle Motivation sein, die uns unabhängig von „guten“ oder „schlechten“ Momenten in der Meditation unbeirrt dranbleiben lässt. Schließlich kann es sein, dass wir die allumfassende Verbundenheit auf unserem inneren Weg erfahren haben und sich unsere Motivation nochmals grundlegend ändert. Meditation wird dann zum Dienst am großen Ganzen.
Welche Motivation auch immer uns bewegt, keine ist besser oder schlechter. Sie ist nur ein Ausdruck davon, wo wir uns auf unserem inneren Weg gerade befinden. Wenn wir unsere aktuelle Motivation ernst nehmen und sie in uns lebendig halten, wird sie uns die Kraft geben, die nächsten Schritte zu gehen.
Reflektiere zu Beginn der Meditation:
• Welche grundlegende Motivation bewegt dich? Wonach sehnst du dich im Tiefsten?
• Erforsche diese Motivation als eine innere Kraft.
7 Sitzen wie ein Berg
Nach der Klärung der Motivation beginnt der eigentliche Weg. Wir setzen Schritt für Schritt den Fuß auf den Boden und jeder Schritt bedeutet, sich neu einzulassen. Jeder Schritt, jeder Atemzug, jede gegenwärtige Erfahrung ist eine Begegnung. Das Leben in seiner gegenwärtigen Gestalt tritt uns entgegen.
Das braucht Entschlossenheit und ein Dranbleiben, ein fortwährendes, aber ständig neues Sicheinlassen. In der buddhistischen Tradition wird dies „Rechtes Bemühen“ genannt. Normalerweise verbinden wir mit „Bemühen“ sofort auch „Anstrengung“. Im Kontext der Meditation ist damit aber etwas anderes gemeint: die Sorgfalt und die innere Disziplin, uns auf den gegenwärtigen Moment ganz einzulassen.
„Sich einlassen“ ist ein Akt des Empfangens, nicht des Tuns. Wir öffnen uns und nehmen eine Haltung des Empfänglichseins ein. „Sich anstrengen“ dagegen beinhaltet ein Wollen und eine Handlung. „Empfangen“ ist aber eine Nichthandlung. Trotzdem braucht es auch im Empfangen eine stetige Sorgfalt, die immer neue Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment.
Stellen wir uns vor, wir erhalten ein Geschenk. Braucht es eine Anstrengung dafür, ein Geschenk in Empfang zu nehmen? Natürlich nicht. Aber es bedeutet einen großen Unterschied in der Wirkung, ob wir es wirklich mit Sorgfalt und Liebe auspacken und uns davon berühren lassen oder ob wir es achtlos weglegen. Erst durch die Sorgfalt einer wachen Aufmerksamkeit offenbart sich uns das Geschenk des augenblicklichen Lebens.
Die Entschlossenheit, uns ganz auf den gegenwärtigen Moment einzulassen und dabei gleichzeitig die äußere Form des Sitzens oder Gehens zu wahren, gibt unserer Meditation eine enorme Stabilität. Wir halten die äußere Form ein, ganz gleich, was geschieht, und wir öffnen uns bedingungslos dem gegenwärtigen Moment, egal, ob er sich angenehm oder unangenehm, erwünscht oder unerwünscht anfühlt. Äußerlich wie innerlich ist dabei unsere Haltung bedingungslos und damit unerschütterlich wie ein Fels.
„Sitzen wie ein Berg“ wird das im Zen genannt. Wobei uns hier die Assoziation eines Berges oder Felsens auch in die falsche Richtung führen kann. Ein Berg oder ein Felsen scheint etwas Starres oder Schweres zu sein, etwas Unbewegliches. In der Meditation ist unsere innere Haltung jedoch alles andere als starr. Im Gegenteil, sie ist geprägt von totaler Offenheit, von Empfänglichkeit, von einem völligen Sicheinlassen auf den Moment. Ganz anders als ein Berg verkörpern wir in der Meditation vollkommene Durchlässigkeit. Wir sitzen also eher wie Wasser oder wie der weite, offene Himmel. Wasser ist vollkommene Hingabe und der Himmel ist empfangend und bedingungslos offen, weil er alles aufnehmen und beherbergen kann.
• Sprich zu Beginn der Meditation die Worte in dich hinein: „den Augenblick empfangen“ und beobachte, wie diese Haltung deine Meditation verändert.
• Stell dir den weiten offenen Himmel vor, nimm eine Gebärde dazu ein und erforsche dein Erleben dazu.
• Wie wäre es, in der Grundhaltung des „Himmels“ zu meditieren?
• Wie erfährst du „Bedingungslosigkeit“?
8 Absichtslos sein
Achtsames Gewahrsein ist eine sensitive, bewusste Form der Aufmerksamkeit. Wir sind uns des augenblicklichen Geschehens bewusst und gehen in einen unmittelbaren Kontakt. Das ist nur möglich, wenn wir absichtslos sind.
Alltägliche Wahrnehmung ist in der Regel zielgerichtet, absichtsvoll und automatisiert. Hier entsteht kaum eine sinnliche Erfahrung mit den Dingen. Im Alltag benutzen wir die Dinge. Daher genügt es, wenn unser Geist die Dinge anhand oberflächlicher Merkmale erkennt, um sie entsprechend zweckgebunden gebrauchen zu können.
Wenn wir eine Tasse Tee anfassen, um daraus zu trinken, widmen wir uns nicht bewusst den Empfindungen, die die Tasse in unserer Hand auslöst. Unser Körper greift wie nebenbei zur Tasse und führt sie zum Mund, ohne bewussten Kontakt zu der sinnlichen Erfahrung bei diesem Vorgang.
Ganz anders verhält es sich, wenn wir absichtslos eine Tasse Tee ergreifen und sie mit unseren Fingern erkunden. Erst jetzt spüren wir beim Ergreifen der Tasse ihre Form, die Beschaffenheit der Oberfläche und die angenehme Wärme, die in unsere Finger hinein ausstrahlt. Finger und Tasse werden zu einer lebendigen Erfahrung des intensiven Spürens.
Je mehr es uns gelingt, nicht nur unserer Absicht und dem Gelingen einer Handlung Aufmerksamkeit zu widmen, sondern alle Facetten des Tuns mit unseren Sinnen zu erfahren, desto leichter wird es, uns von den Dingen berühren zu lassen. Unsere Aufmerksamkeit verschiebt sich dabei immer mehr von einer funktionalen Wahrnehmung zu einer sensitiven, lauschenden Achtsamkeit. Erst jetzt offenbaren sich uns die Dinge tiefer. Uns erschließt sich die wertfreie Natürlichkeit allen Seins. Begegnen wir den Dingen offen und sensitiv, tauchen wir in eine Unmittelbarkeit ein, die sinnlich und erfüllend zugleich ist.
Die Haltung der Absichtslosigkeit ist ein zentraler Schlüssel zu unmittelbarem Gegenwärtigsein. Sie ist gleichzeitig im Einklang mit unserer Grundrealität von Gewahrsein. Das Gewahrsein ist ungerichtet, vollkommen absichtslos. Alles darf im Gewahrsein in der ureigenen Weise erscheinen und wieder vergehen. Wollen wir das Gewahrsein immer mehr verwirklichen und daraus leben, ist die Haltung der Absichtslosigkeit eine Grundvoraussetzung.
Auch die äußere Form der Praxis verkörpert aus diesem Grund die Absichtslosigkeit. Wir gehen meditativ, um zu gehen, und nicht, um irgendwo anzukommen. Wir sitzen, um zu sitzen, und nicht, um am Schreibtisch etwas zu erledigen. Gehen, um zu gehen, sitzen, um zu sitzen, atmen, um zu atmen, spüren, um zu spüren … Können wir den Geschmack von Freiheit darin erkennen, der in dieser unbedingten Natürlichkeit liegt?
In der Absichtslosigkeit kann alles sein. Es darf alles geschehen, so wie es natürlicherweise geschehen will. Unsere Wahrnehmung ist frei, die Dinge zu sehen, wie sie tatsächlich sind – ohne Verzerrung durch unsere Vorstellungen, Ziele und Vorlieben. Erst so können wir eintauchen in ein unbedingtes, freies Gewahrsein.
• Wie sind dein Erleben und deine Aufmerksamkeit, wenn du gehst, um irgendwo hinzukommen, oder wenn du gehst, um zu gehen?
• Wie erfährst du ein Glas, wenn du trinkst, und wie, wenn du es absichtslos mit sensitiver, lauschender Wahrnehmung erkundest?
• Erinnere dich zu Beginn der Meditation an die unbedingte Absichtslosigkeit des Gewahrseins.
9 Unmittelbar sein
Gegenwärtigsein bedeutet, unmittelbar mit den Dingen in Kontakt zu sein. Unmittelbar atmen, unmittelbar die Empfindungen im Körper spüren und unmittelbar die Geräusche im Raum hören. Was verstehen wir konkret unter Unmittelbarkeit? Das Wesen der Unmittelbarkeit besteht darin, dass es zwischen Subjekt und Objekt keinen Abstand, keine Filter und letztlich auch keine Trennung gibt. Es ist nichts dazwischen.
In der Alltagswahrnehmung dagegen gibt es eine Menge Filter und Assoziationsketten in unserem Geist, die verhindern, dass eine direkte Berührung mit dem augenblicklichen Geschehen zustande kommt. Wenn wir zum Beispiel eine Vogelstimme hören, taucht in unserem Geist sofort eine Assoziation von einem Vogel auf. Oder wenn wir in ein vertrautes Gesicht sehen, werden bei der Betrachtung des Gesichtes sogleich bekannte Gefühle und Gedanken hinzugefügt. Je vertrauter uns ein Gegenstand oder eine Person ist, desto mehr automatische Verknüpfungen gibt es in unserem Geist und desto schwieriger ist es, wieder ganz neu und unverstellt wahrzunehmen.
Unmittelbarkeit ist aber ein unverstellter, unvoreingenommener Blick auf die Dinge. Es bedeutet, die vertrauten Bilder und Erinnerungen in unserem Kopf für einen Augenblick ganz beiseite zustellen und uns ganz frisch, mit neuen Augen, einzulassen und in Kontakt zu gehen. Kontakt wiederum bedeutet ein bewusstes „in Verbindung sein“.
Oft wird Achtsamkeit in der Meditation als ein Vorgang verstanden, bei dem es darum geht, die Dinge mit Abstand zu betrachten. Doch dieses Vorgehen verstärkt die Trennung von Subjekt und Objekt in unserem Geist, die das Ego unbewusst erzeugt. Da gibt es innen und außen, ich und die anderen. Alles bleibt für sich.
Einssein ist unmittelbarer Kontakt. Gegenwärtigsein in der Meditation ist die Praxis, immer unmittelbarer mit der gegenwärtigen Erfahrung in Fühlung zu kommen. Wie fühlt sich dieser eine Atemzug konkret an? Wie klingt es, wenn wir dem Gesang eines Vogels lauschen, als hätten wir noch nie zuvor einen Vogel singen hören? Wie erfahren wir eine Verspannung in der Schulter, wenn wir in diese ohne Abwehr und ohne Vorstellung von Zeit eintauchen?
Unmittelbarkeit lässt uns die Welt neu erfahren. Wenn wir die Filter in unserem Geist ablegen und unvoreingenommen in die gegenwärtige Erfahrung eintauchen, entdecken wir, dass es keine Erfahrung gibt, die nicht sinnlich und erfüllend ist. Sogar Schmerz verändert in der Unmittelbarkeit seinen Charakter und verliert seine Bedrohlichkeit. Wir entdecken, dass alles erfüllend sein kann und dass wir zutiefst mit allem verbunden sind.
• Betrachte einen bekannten Gegenstand (z. B. einen Stuhl) und beobachte, welche bekannten Verknüpfungen dabei auftauchen.
• Lege bewusst alle Vorstellungen und Erinnerungen beiseite. Erkunde diesen Gegenstand nochmals ganz unvoreingenommen. Wie ist die Erfahrung jetzt?
• Experimentiere in der Meditation: Wie ist es, Objekte mit innerem Abstand zu beobachten? Wenn du dagegen innerlich in einen unmittelbaren, unverstellten Kontakt mit der gegenwärtigen Erfahrung gehst, wie erfährst du dann Gegenwärtigsein?
10 Dem Leben vertrauen
Meditation heißt, dem Pfad der Gegenwart zu folgen. Wir lassen uns dabei nicht von einer spirituellen Lehre leiten oder einem/r Meditationslehrer/in, auch nicht von unseren Vorstellungen und Ansprüchen, sondern vom konkreten Leben, das sich uns von Moment zu Moment offenbart. Wir folgen Schritt für Schritt der Gegenwart. Der Weg entsteht im gegenwärtigen Augenblick vor unseren Augen.
Der innere Pfad, der uns leitet, bildet sich erst im Gehen. Er steht noch nicht fest und niemand kann den Weg vorhersagen. Nicht einmal wir selbst. Woher auch könnten wir wissen, welche Empfindung, welches Geräusch oder welcher Gedanke als Nächstes in uns auftauchen will?
Wenn wir im Nebel gehen und keine zwei Schritte weit sehen können, wie bewegen wir uns fort? Wir können immer nur den nächsten Schritt wagen, uns auf diesen einen nächsten Schritt einlassen, dem einen nächsten Schritt vertrauen. Wenn wir nicht wissen, welche Erfahrung in der Meditation als Nächstes in uns auftaucht und alle Vorstellungen beiseite lassen, können wir auch hier nur der nächsten Erfahrung, die in der Gegenwart auftaucht, vertrauen. Immer dem einen nächsten Schritt vertrauen, ihn zulassen, ihm folgen und uns führen lassen von der tatsächlichen Erfahrung, die jetzt entsteht und jetzt und jetzt …
Wir vertrauen darauf, dass durch das Zulassen des nächsten Schrittes … und wieder des nächsten … ein Weg entsteht, der uns leitet und uns immer weiter führt. So vertrauen wir uns einer inneren Führung an, die aus der Gegenwart entsteht und einen tiefen Kontakt mit uns selbst entstehen lässt. Schritt für Schritt kommen wir zu uns selbst und darüber hinaus zu unserer innersten spirituellen Wahrheit. Es ist, als ob wir dem Leben die Hand reichen und sagen: „Ich bin blind und kenne den Weg nicht. Bitte führe mich!“
Die innere Führung kann sich nur entfalten, wenn wir uns anvertrauen. Wie kann uns jemand führen, wenn wir glauben, dass wir es besser wissen, wohin der Weg geht? Das wird bestenfalls ein Kampf, aber bestimmt kein anmutiger Tanz. Tanzen ist die Kunst, sich hinzugeben und sich führen zu lassen. Wenn wir uns innerlich nicht anvertrauen und uns führen lassen, wird unsere Meditation zu einem inneren Machtkampf: „Jetzt soll es in mir ruhig werden. Jetzt sollen die Gedanken aufhören. Jetzt soll die Verspannung in der Schulter sich auflösen …“
Sich-führen-Lassen ist jedoch vollkommen anders. Es ist eine Haltung von Offenheit und Hingabe. Eine Hingabe an das Jetzt. Unser Tanzpartner in der Meditation ist das Leben selbst. Dabei meint der Begriff „Leben“ hier nichts Abstraktes, sondern etwas sehr Konkretes: Es geht nämlich um das jetzige Leben, um diesen Augenblick. Das Leben steht wie ein richtiger Tanzpartner ganz konkret vor uns und reicht uns die Hand.
Können wir diesem Atemzug, diesem Hören und diesem Gefühl, wie immer wir es gerade empfinden, die Hand reichen und uns führen lassen?
• Stell dir vor, du tanzt mit dem Leben und lässt dich vertrauensvoll führen. Schlüpf körperlich in diese Haltung hinein und erforsche das Erleben dabei.
• Wie erfährst du es, aus dieser Haltung heraus zu meditieren?
• Was hindert dich innerlich daran, dem gegenwärtigen Moment zu vertrauen?
| 11 | Die Illusion von Kontrolle |
Nicht selten findet sich die Vorstellung, dass man mit Achtsamkeit das Leben in den Griff bekommen könne: „Wenn ich nur genügend achtsam wäre, dann würden nicht so viele Gedanken in mir auftauchen. Wäre ich nur achtsamer gewesen, dann wäre mir dieser Fehler nicht passiert.“ Achtsamkeit wird hier mit Aufpassen und Kontrolle assoziiert. Das impliziert, dass Achtsamkeit es uns ermöglichen würde, das Leben fest im Griff zu haben und keine Fehler mehr zu machen.
Diese Idee von Achtsamkeit ist aus dem Ego geboren, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben berechenbar zu machen und zu kontrollieren. In einem begrenzten, alltagsbezogenen Sinne hat dies auch seine Berechtigung. Wir müssen lernen, uns im Leben zurechtzufinden und planvoll zu handeln. Unsere Fähigkeit der Achtsamkeit dazu zu nutzen, macht Sinn.
Diese Form der Achtsamkeit aber auf die Meditation zu übertragen, führt in die falsche Richtung. Achtsamkeit im Sinne von Gegenwärtigsein ist kein Instrument der Kontrolle und der Perfektionierung, sondern ganz im Gegenteil ein wirkungsvolles Instrument, um die Illusion der Kontrolle zu durchschauen. Je achtsamer wir die Dinge in der Unmittelbarkeit betrachten, desto deutlicher sehen wir, dass wir nichts im Griff haben.
Die Dinge geschehen aus einer ungeheuren Komplexität heraus. Bei genauerer Betrachtung ist es nicht möglich, zu sagen, woher ein Gedanke, ein Gefühl oder eine Empfindung auftaucht. Wie können wir etwas kontrollieren, das aus einer so großen Komplexität heraus entsteht, dass wir immer nur einen Bruchteil davon kennen?
Es gleicht dem Versuch, das Fallen der Blätter im Herbst zu kontrollieren. So wie wir nicht vorhersagen können, woher und wie stark der Wind weht und welche Blätter schon locker genug sind, um abzufallen, genauso vielfältig und unbekannt sind die Faktoren in unserem Geist, die dazu führen, dass innere Vorgänge wie Gedanken oder Empfindungen ausgelöst werden.
Achtsamkeit kann hier bestenfalls bedeuten, sich dieser inneren Vorgänge bewusst zu sein, aber nicht, sie zu kontrollieren. Und selbst diese Form der Bewusstheit muss angesichts der Komplexität der Geschehnisse in unserem Geist immer Stückwerk bleiben. Eine umfassende Achtsamkeit, die sich der Komplexität der Dinge zur Gänze bewusst ist, bleibt genauso ein Wunschgedanke wie die Idee der Kontrolle.
Das ist jedoch kein Problem und keine Katastrophe, wie unser Ego uns vielleicht suggeriert. Die Illusion von Kontrolle aufzudecken ist vielmehr ein Ziel der unmittelbaren Betrachtung der Dinge und führt uns mit der Zeit in eine tiefe Demut hinein. Wir erkennen, dass wir letztlich nichts im Griff haben und nicht wir die Dinge hervorbringen, sondern das schöpferische Leben selbst.
• Welche Kontrollvorstellungen schleichen sich immer wieder in deine Meditationspraxis ein?
• Wie kannst du bemerken, wenn der Versuch von Kontrolle deine Praxis unterschwellig bestimmt?
• Erinnere dich zu Beginn der Meditation, dass Gewahrsein nur „die Dinge bemerken“ bedeutet und keine Vorliebe hat, was geschehen soll.
• Beobachte unmittelbar in der Meditation, wie alles (Atmen, Spüren, Denken …) von selbst geschieht.
| 12 | Sich an das Gewahrsein erinnern |
In der Meditation geht es immer wieder darum, sich an das Gewahrsein zu erinnern. Gewahrsein ist die grundlegende Fähigkeit des Geistes, sich bewusst zu sein. Ohne das Gewahrsein gibt es keine Wahrnehmung, keinen bewussten Gedanken, keine Gefühle und Empfindungen. Erst mit der Fähigkeit des Gewahrseins tritt die Welt in Erscheinung.
Auch die Meditation und das Gegenwärtigsein sind ohne die Fähigkeit des Gewahrseins undenkbar. Wie könnten wir das Atmen oder das Hören beobachten ohne Gewahrsein? Wie könnten wir uns der Gedanken bewusst werden ohne Gewahrsein? Jede innere oder äußere Erscheinung kann nur im Spiegel des Gewahrseins erfahren werden.
Obwohl das Gewahrsein absolut grundlegend für unser Sein und unsere Meditation ist, bleibt das Gewahrsein selbst häufig unbewusst. Der Fokus unserer Aufmerksamkeit ist zu sehr auf die vielfältigen Erscheinungen in unserem Geist gerichtet, als dass wir das allgegenwärtige Gewahrsein bewusst erkennen würden. Wir schauen auf die wechselnden Dinge, die sich auf dem Spiegel des Gewahrseins abspielen und vergessen dabei den unbedingten Raum des Spiegels selbst.
Meditation heißt, sich immer wieder an den offenen und unbedingten Spiegel des Gewahrseins zu erinnern. Jede konkrete Erfahrung, ob angenehm oder unangenehm, ist zu jeder Zeit Teil des Gewahrseins. Daher können wir uns in jeder konkreten Erfahrung an das Gewahrsein erinnern. Im Buddhismus heißt es: „Jede Erfahrung ist gut genug, um vollständig aufzuwachen.“ Aufwachen bedeutet hier, sich der Realität des Gewahrseins bewusst zu werden und nicht sich im ewigen Auf und Ab der normalen Erfahrungen zu verlieren.
Was ändert sich, wenn wir uns des Gewahrseins bewusst sind? Ändern sich unsere Gedanken, unsere Empfindungen oder Wahrnehmungen? Ändern sich unsere äußeren Verantwortlichkeiten und Schwierigkeiten im Leben? Nichts von alledem geschieht. Alle inneren und äußeren Vorgänge geschehen weiterhin, aber wir werden innerlich gelassener dabei. Wir erkennen in aller Bewegtheit des Geistes die grundlegende Offenheit und unbedingte Freiheit, die wir im Innersten sind.
Ein Spiegel gibt allen Spiegelungen bedingungslos Raum … er greift nicht ein. In seiner Offenheit und Unbedingtheit verkörpert er eine absolute Stille. Genauso können wir in eine offene Weite und in unbedingte Stille eintauchen, wenn wir uns an das offene Gewahrsein erinnern. Nichts muss anders sein, als es ist. Alle inneren und äußeren Vorgänge können weiter in ihrer natürlichen Bewegung ablaufen. Und doch ist es jederzeit möglich, einen Raum der Freiheit und der Stille zu betreten. Er wartet immer auf uns. Wir brauchen uns nur an ihn zu erinnern.
• Stell dir einen stillen See vor, in dem sich die ganze Welt und der ganze Himmel spiegeln. Dann wechsle die Perspektive und erfahre dich selbst als spiegelnder See. Wie erfährst du dich dabei?
• Nimm die gegenwärtige Erfahrung wahr (z. B. Atmen, Hören …) und erinnere dich dann bewusst an das Gewahrsein, das diese Erfahrung widerspiegelt.
• Wechsle bewusst immer wieder den Fokus der Aufmerksamkeit: Schau einmal auf den Vordergrund der gegenwärtigen Erfahrung und dann wieder auf den Hintergrund des Gewahrseins.
13 Lauschen als Instrument
Um uns auf das Gewahrsein einzustimmen, steht uns noch ein anderes Instrument zur Verfügung: das Lauschen. Lauschen ist ein unmittelbares und ungerichtetes Aufmerksamsein, das die Kraft hat, uns mit dem Gewahrsein in Einklang zu bringen.
Wenn wir zum Beispiel einer Musik lauschen, die wir lieben, haben wir eine besonders sensitive, wache Aufmerksamkeit. Wir sind dann ganz präsent im Zuhören. Gegenwärtigsein, Konzentration, Interesse und wirkliches In-Verbindung-Sein mit der Musik, also alle Qualitäten, die wir in der Praxis der Meditation nähren wollen, entfalten sich hier auf eine sehr natürliche, mühelose Weise.
Die Kraft des Lauschens erfahren wir im unvoreingenommenen Zuhören. Dieses Zuhören ist ein Vorgang, bei dem wir uns für das öffnen, was der andere uns mitteilen will. Ohne Offenheit können wir nicht zuhören. Wir hören dann nur unsere eigenen Gedanken und Meinungen. Dabei ist Lauschen noch mehr als Zuhören. Lauschen ist ein Zuhören mit einer hohen Sensitivität und mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Wenn wir einer Musik oder einer Erzählung lauschen, dann bekommen wir auch die feinsten Nuancen mit.
Den Unterschied zwischen Hören und Lauschen kennen wir alle: Wie erleben wir es, wenn wir den Regentropfen zuhören und wie, wenn wir ihnen lauschen? Wie erfahren wir es, wenn wir jemandem zuhören, und wie, wenn wir seinen oder ihren Worten lauschen?
Beim Lauschen entsteht eine Intensität im augenblicklichen Erleben, ein waches Lebendigsein. Unsere Selbstgespräche schweigen und wir sind unabgelenkt und ganz offen. Wir werden zu einem Gefäß, zu einem offenen Raum, in dem alles sein kann. Beim Lauschen entstehen die gleichen grundlegenden Qualitäten, die auch das Gewahrsein hat: Offenheit, Annahme, Präsenz, Verbundenheit. Daher ist das Lauschen ein wesentliches Instrument, uns an das Gewahrsein zu erinnern und uns mit ihm in Einklang zu bringen.
Wenn wir im Kontext von Meditation vom Lauschen sprechen, ist nicht nur das Hören wie im normalen Sprachgebrauch gemeint. Es bezieht sich auch nicht auf unsere anderen Sinne, sondern auf das Aufmerksamsein selbst. Normalerweise konzentrieren wir uns beim Lauschen immer auf ein sinnliches Objekt, zum Beispiel eine Musik. Hier aber meint Lauschen, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf nichts Bestimmtes richten, sondern sie ungerichtet und weit lassen. Reines Aufmerksamsein mit einer gesteigerten Sensitivität – offen, empfänglich und ungerichtet.
Durch die Offenheit und Bedingungslosigkeit dieses ungerichteten Lauschens bringen wir unseren Geist in die gleiche Verfassung wie beim Gewahrsein. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass zwischen dem Lauschen und dem Gewahrsein ein subtiler Unterschied besteht. Lauschen beinhaltet noch eine gewisse Aktivität, das Gewahrsein selbst nicht. Gewahrsein ist spontan und frei von jeder Aktivität. Lauschen geschieht nur manchmal, Gewahrsein jedoch immer. Ist es doch die Grundlage jeglicher Erfahrung. Trotzdem ist das Lauschen ein wirkungsvolles Instrument, uns auf das Gewahrsein einzustimmen und dieses mehr und mehr auf eine natürliche, anstrengungslose Weise ins Bewusstsein zu bringen.
• Wie ist deine Erfahrung, wenn du einer Musik lauschst? Welche Qualitäten stellen sich in deinem Geist ein?
• Wie ist deine Erfahrung, wenn du auf die Stille im Raum lauschst? Welche Qualitäten stellen sich dann in deinem Geist ein?
• Lass die Worte „empfänglich sein“ in dir klingen. Nimm eine Körperhaltung dazu ein und erforsche dein Erleben dabei.
| 14 | Eintauchen ins Unermessliche |
Gewahrsein ist offen und unbedingt. In der Praxis der Meditation erinnern wir uns immer wieder an diese grundlegende Offenheit und verkörpern diese mit unserem Dasein.
Die Qualität von Offensein beinhaltet Weite, Unbedingtheit, Freiheit und Durchlässigkeit. Offensein ist eine Ausdehnung ohne Grenzen, ein unbegrenzter Raum. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn ein Raum ist meistens begrenzt. Ein unbegrenzter Raum dagegen ist unermesslich und für unseren Verstand nicht zu fassen. Unser Verstand braucht das Begrenzte, um etwas begreifen zu können.
Es gibt jedoch Momente, in denen wir das Unermessliche erahnen. Vielleicht schauen wir in den weiten Sternenhimmel oder blicken in einer besonderen Stimmung auf das Meer hinaus. Auch hier können wir das Unermessliche nicht sehen oder begreifen, aber wir werden trotzdem von der Qualität des Unermesslichen ergriffen und staunen. Staunen ist vielleicht die beste Möglichkeit, das Unermessliche zu berühren. In diesen Momenten ahnen wir etwas von dem Großen und Unbegreiflichen, was „Leben“ oder was „Gott“ ist.
Vielleicht aber berühren in diesen Momenten nicht wir das Unermessliche, sondern es ergreift uns. Eine tiefe, überraschende Begegnung mit der Unermesslichkeit des Lebens. Eine Erfahrung, die in unsere Welt einbricht, ohne dass wir sie mit unserem Verstand fassen können. In so einem Moment sind wir Offensein und Lauschen, und wir sind ergriffen von dem Unermesslichen, was Leben ist.
Das Offensein der Meditation ist die Verkörperung des Unermesslichen. Dabei ist diese Art von Offensein ganz anders als die, die wir normalerweise kennen. Wenn wir normalerweise von Offenheit sprechen, meinen wir meist das Gegenteil von Enge oder Verschlossenheit. Das Offensein des Gewahrseins ist dagegen unbedingt und unbegrenzt. Es ist sowohl offen für die Weite als auch für die Enge, sowohl für das Angenehme als auch für das Unangenehme, für das ganze jetzige Leben in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten.
Ist die Weite des Himmels durch eine schwarze Gewitterwolke begrenzt? Ist das Meer durch den Horizont begrenzt? Ist unser Dasein durch seelische oder körperliche Beeinträchtigungen begrenzt? Oder durch Gedanken, Vorstellungen und Vorlieben? Für das bedingungslose Offensein muss nichts davon weg oder anders werden. Es umfasst alles.
Nur in dieser Unbedingtheit ist das Offensein des Gewahrseins frei, alles zu umfassen und selbst dem Unermesslichen Raum zu geben. So wird das Offensein für uns zu einem Tor, um in das Unermessliche einzutauchen und zu erkennen, dass auch wir ein Teil des Unermesslichen sind.
• Vergegenwärtige dir das Unermessliche des Himmels und nimm eine Körperhaltung für diese Erfahrung ein. Wie ist dein Erleben dabei?
• Erinnere dich daran, dass Offensein alles einschließt, das Angenehme wie das Unangenehme, das Erwünschte wie das Unerwünschte. Nichts muss weg und nichts muss anders sein, als es jetzt ist. Wie ist deine Meditation, wenn sie alles umfasst, was ist?
| 15 | Sich mit Hindernissen anfreunden |
Sich von Moment zu Moment der Gegenwart zuwenden, das ist die Praxis der Meditation. Was könnte natürlicher sein, als sich dem zu öffnen, was gerade da ist? Trotz dieses einfachen Geschehens tauchen immer wieder Hindernisse auf. Zu den klassischen Hindernissen in der Meditation zählen Schläfrigkeit, Ruhelosigkeit, Langeweile, Zweifel und auch Stolz.
Schläfrigkeit führt dazu, dass unsere Aufmerksamkeit für das gegenwärtige Erleben erlahmt und wir in Tagträume abrutschen. Ruhelosigkeit kann sehr quälend sein und hindert uns an der nötigen Sammlung und Stabilität unserer Achtsamkeit. Langeweile lässt unser Interesse und damit auch unsere Aufmerksamkeit stumpf werden. Zweifel führt dazu, dass wir bei unangenehmen Zuständen unserem inneren Widerstand folgen und unsere Meditation frühzeitig abbrechen. Der Stolz wiederum taucht typischerweise immer dann auf, wenn wir gerade eine „gute“ Phase ohne Widerstände in der Meditation erleben, und führt dazu, dass wir innerlich abheben und die schlichte Gegenwart aus dem Blick verlieren. Natürlich gibt es neben den klassischen Hindernissen auch noch andere Faktoren, die wir als schwierig oder hemmend erfahren können: äußere Unruhe oder Lärm, körperliche Schmerzen, starke Widerstände und anderes.
Doch auch wenn diese oder andere Faktoren unsere Meditation erschweren, bedeutet dies nicht, dass sie bekämpft werden müssten. Das eigentliche Hindernis für unser Offensein und unser Gegenwärtigsein besteht nicht in der Schläfrigkeit oder was wir auch sonst immer als Problem empfinden, sondern darin, dass wir uns gegen die Schläfrigkeit wehren.
Letztlich lässt sich alles, was wir als Hindernis für unsere Meditation erfahren, auf einen Widerstand und damit auf eingrenzende Vorstellungen in uns zurückführen. Jede Art von Vorstellung darüber, wie Meditation sein soll und welches Erleben dabei entstehen soll, wirkt als innere Grenze und bewirkt einen Widerstand gegen den Facettenreichtum der Seele.
Diese oft subtilen Vorstellungen und Widerstände zu erkennen und ihre leidhafte Wirkung auf uns zu untersuchen, ist ein wesentlicher Teil der Praxis. Nur so können wir mit der Zeit innere Grenzen und Widerstände klarer erkennen und gleichzeitig das Gewahrsein entdecken, das bedingungslos ist.
Aus diesem Grund ist die beste Haltung gegenüber scheinbaren Hindernissen in der Meditation, nicht zu versuchen, sie möglichst schnell auszuräumen, sondern sich gerade mit den schwierigen Momenten anzufreunden, ihnen wertfrei zu begegnen und dort mit größerer Aufmerksamkeit zu verweilen. Es sind genau diese Momente, in denen wir Selbstgrenzen entdecken können und in denen ein großes Potential für innere Freiheit steckt.
• Was empfindest du als typische Hindernisse in deiner Praxis? Wie kämpfst du dagegen an? Welche Art von Vorstellung führt dazu, dass du dies als störend empfindest? Wie wäre deine Meditation ohne diese Vorstellung?
• Oft sind auch die sogenannten Hindernisse (z. B. Schmerz) bereits ein Ergebnis von inneren Widerständen. Untersuche, wenn „schwierige“ Dinge in der Meditation auftauchen, ob es Widerstände gibt, die zu dem störenden Erleben führen.
• Wenn unangenehme oder störende Zustände in der Meditation auftauchen, erinnere dich an die unbedingte Annahme des Gewahrseins und sag dir innerlich: „Das darf sein.“
| 16 | Und immer wieder das Denken |
Fragen wir Meditierende, was sie am meisten davon abhält, in der Gegenwart zu sein, dann würden sie wohl sagen: das Denken. Denken scheint das Haupthindernis zu sein für ein Leben in der Gegenwart. Tatsächlich drehen sich viele Meditationsanleitungen darum, wie wir aus dem Denken aussteigen können. Dabei entsteht schnell der Eindruck, dass Denken ein Problem sei und wir uns vom Denken befreien müssten.
Aber unsere Gedanken sind nicht das Problem. Wenn wir nicht denken könnten, dann hätten wir tatsächlich ein Problem. Gedanken sind genauso natürliche Bewegungen unseres Geistes wie Atmen, Spüren oder Hören. Achtsamkeit bedeutet nicht, die natürlichen Bewegungen in unserem Geist zu unterdrücken. Auch innere Stille ist kein Zustand, in dem jede Regung in uns schweigt. Der Versuch, nicht zu denken, ist genauso unnatürlich, wie zu versuchen, nicht zu spüren oder nicht zu hören.
Die Gedankenbewegung wird oft mit den Wellen auf dem Meer verglichen. Niemand würde auf die Idee kommen, die Wellen des Meeres glatt streichen zu wollen. Das Auf und Ab der Wellen ist natürlich und nimmt der Weite und Tiefe des Meeres nichts. Auch würde niemand versuchen, die Wolken am Himmel zu vertreiben. Wolken sind natürliche Phänomene am Himmel, sie können nicht die grenzenlose Ausdehnung des Himmels einengen.
Auch das Denken nimmt dem Gewahrsein nichts. Lediglich das Verlorensein in Gedanken verstellt uns den Blick auf die Weite und Offenheit des Gewahrseins. Wenn es also überhaupt ein Problem für die Achtsamkeit gibt, dann sind es nicht die Gedanken, sondern das Verlorensein in unseren Gedanken. Wir sind uns dabei nicht mehr des Denkens bewusst, sondern wir lassen uns durch Gedanken in innere Geschichten hineinführen, die dann unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
Meditation ist kein Zustand des Nicht-Denkens und die Praxis der Gegenwart ist kein Versuch, aus den Gedanken auszusteigen, sondern sich des Denkens bewusst zu sein. Diese Haltung ist vollkommen annehmend, gewaltlos und bedingungslos. Nur so bringen wir uns wieder in Einklang mit dem Gewahrsein, das alle Gedanken einschließt, aber gleichzeitig davon unberührt bleibt.
Auch wenn es uns in der Praxis der Meditation immer wieder gelingt, uns des Denkens bewusst zu sein, werden wir uns weiterhin in Gedanken verlieren. Auch dies ist ein natürlicher Vorgang in unserem Geist und wir tun gut daran, uns damit anzufreunden. Die Praxis des Gegenwärtigseins ist kein Kampf gegen unsere Tendenz, uns von Gedanken vereinnahmen zu lassen. Es ist vielmehr ein Hin- und Herpendeln zwischen dem Pol des Denkens und dem Pol der Bewusstheit. Einmal sind wir mehr in Gedanken zu Hause und ein andermal mehr im Gewahrsein.
Wenn wir in der Meditation bemerken, dass wir gerade in einem Tagtraum verloren waren, sind wir uns in diesem Augenblick dessen bereits bewusst und brauchen nichts zu kontrollieren oder zu korrigieren. Wir sind bereits erwacht. Es gibt dann keinen Grund mehr, uns über den Tagtraum zu ärgern. Der Moment des Bemerkens ist auch der Moment des Aufwachens.
• Wie ist deine innere Haltung zum Denken? Was ist wertvoll am Denken?
• Wie ist dein Erleben, wenn du ganz in Gedanken bist, und wie, wenn du dir deines Denkens bewusst bist? Wie erfährst du den Raum in dir, der sich des Denkens bewusst sein kann?
• Wenn du in einer Phase sehr stark von Gedanken vereinnahmt bist, erforsche, welche Gefühle sich unter dem Denken verbergen und lasse sie zu.
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